Freitag, 14. Januar 2022
Konräteslust Teil 5


33

Lydias Gatte Gerhard, der Zahnarzt, hatte nicht nur die Kinder gehütet, sondern auch einen Nachtimbiß vorbereitet. Daß außer Achim und Birgit noch ein anderes Pärchen mitkam, erstaunte ihn keineswegs. Er holte mehr Geschirr und eine weitere Flasche Wein. Sie saßen an dem Tisch, den Achim schon kannte. Gerhard war eine Bohnenstange mit einem Schnauzbart, der seinen weichen Gesichtszügen etwas Grimm verlieh. Wahrscheinlich konnte er kein Wässerchen trüben. Er schien seinen kauenden Gästen noch nicht einmal zwanghaft aufs Gebiß zu starren. Er ließ sich von Birgit über das Konzert und von seiner Frau über die Entdeckung Achims, im Saal sitze seine Tochter, informieren und freute sich darüber.

Wie sich versteht, hatten sich Achim und Iris bereits auf dem Anmarsch über ihre jüngste Vergangenheit ausgetauscht. Sie hatten sich auch gegenseitiges gesundes Aussehen bescheinigt. Bei Iris, die deutlich gelassener wirkte als noch in Berlin, mochte ihr Begleiter Roger in der Ledermontur an ihrem Aufblühen nicht schuldlos sein. Achim und Birgit hatten sich für einen Sekundenbruchteil entsetzt angeblickt, als ihnen die beiden eröffneten, sie seien mit dem Motorrad gekommen. Tatsächlich hatten sie dann auch ihre Helme unter den Ziegeleistühlen hervorgeholt. Das Motorrad stand auf dem Parkplatz vor der Stadt. Zu allem Unglück waren sie auch noch aus Waltershausen angereist, hatten also sehr wahrscheinlich eine gewisse S-Kurve bei Teutleben durchrast. Die beiden hatten vor einigen Wochen zufällig am selbem »Schnupperwochenende« in der Waltershäuser Puppenfabrikkommune teilgenommen und sich dabei ineinander verliebt. Sie waren zunächst einmal dort geblieben, da es genug Gelegenheit gab, sich nützlich zu machen. Die Kommune war chronisch unterbesetzt.

»Und woher wußtest du, daß dein Vater in Konräteslust auftritt?« wollte Gerhard von Iris wissen.

»Internet. Es steht auf eurer Webseite. Wir wollten uns eigentlich ein Rockkonzert ausgucken, weil im Spatz nur so ein müder Kabarettist gastiert. Dabei haben wir auch nachgesehen, was Konräteslust zu bieten hätte. Naja, ihr wißt es ja – einen Klassiker und einen Ragtimer …«

Sie sprach die Worte aus, als buchstabiere sie vor ABC-Schützen. Lydia lachte laut. Das schien Iris ins Schuldbewußtsein zu treffen, denn sie beugte sich jäh zu Achim, der neben ihr saß, schmatzte ihm einen Kuß auf die Wange und versicherte ihm, sie hätten das gut gemacht. Sie meinte das Konzert.

Es war ihre erste Anwandlung von Tochterliebe an diesem Abend. Selbst Roger hob verblüfft die Brauen. Mit seinem scharfgeschnittenem »Langschädel«, wie Welskopf-Henrich dazu gesagt hätte, erinnerte er entfernt an einen Prärieindianer. Er wirkte auch hager; kaum einer hätte den frischgebackenen Zimmermann in ihm vermutet, mit dem Iris ein wenig geprahlt hatte. Er war gerade noch um ein Haar in der DDR geboren worden, wie er jetzt auf eine entsprechende Frage von Achim erzählte. Die große Jenaer Zimmerei, in der er angefangen hatte, sei von einem Westler »plattgemacht« worden, der eine Firstfette nicht von einem Zahnstocher habe unterscheiden können; feierabends hätte er vermutlich seine Seerosen gegossen … Das habe ihn – Roger – »radikalisiert«. Er konnte seine Lehre dann in einem kleinem Erfurter Alternativbetrieb beenden. Von dort aus habe er nach Kommunen geschaut. In Konräteslust sei er zum ersten Mal. Das Projekt könne ihn verdammt noch mal interessieren!

Achim war wie die anderen älteren Semester am Tisch belustigt. Der Junge gefiel ihm. Seerosen gießen! Aber Motorrad fahren. Er sagte:

»Solltest du hier Fuß fassen, Roger, müßtest du dich aber sehr wahrscheinlich von deinem Motorrad trennen!«

»Macht nichts! Wir haben schon Baustellen nur mit Flaschenzügen bestritten.«

Birgit lachte. Führerschein weg = Flaschenzug! Sehr komisch.

»Da fällt mir ein«, sprach Roger aufgeräumt weiter, »wir haben da gestern im Spatz so eine schräge Diskussion mit einem von der Ex-PDS gehabt – der hat echt Scheiße gelabert, aber mir fehlten ein bißchen die Argumente. Was sagt man denn da?«

Birgit kicherte immer noch. »Um was ging es denn, wenn ich fragen darf?«

»Ach so! Um die Idyllen. Statt Solidarität nach außen zu üben und dort Not zu lindern, suhlten sich die Anarcho-Kommunen in ihrem Insel-Privileg. Statt für die Rechte der ausgeplünderten Massen einzutreten und mit ihnen gemeinsam Verbesserungen zu erkämpfen, schotteten sie sich auf ihren gemütlich eingerichteten Inseln ab und kassierten dafür auch noch Hartz IV und diverse Fördergelder. So gesehen, könne man bei Kommunen oder der sogenannten Republik Konräteslust von kleinen Schmarotzertümern sprechen.«

Birgit und Lydia sahen sich an. »Tja …«, sagte Lydia bedächtig. »Der Streit ist so lang wie Bakunins Bart. Für mein Empfinden schaffen wir Kommunarden eher kleine Horte der Verweigerung. Haben wir Glück, strahlen sie zunehmend aus, vermehren sich und stellen irgendwann die Große Verweigerung dar, die auch Köpfe wie Herbert Marcuse und Robert Kurz im Sinn haben. Einen anderen Weg der Befreiung gibt es nicht.«

»Warum nicht?« wollte Iris wissen.

Birgit lächelte und sprang Lydia bei. »Leider ist die Angelegenheit auch so verwickelt wie Bakunins Bart. Mit Logik läßt sich da nur schwer argumentieren. Man muß die Geschichte ins Feld führen – und die wiederum ist lang … Nach den historischen Erfahrungen wirkt alles reformistische und caritative Mühen vor allem lindernd und lebensverlängernd für die haarsträubenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Entsprechend großzügig werden Kirchen, Parteien, Anthroposophen, Gewerkschaften, Genossenschaften vom Kapital und seinem Staat subventioniert. Diese Scharen von linken Helfern der Prekären haben sichere Arbeitsplätze, die ihnen mindestens das vierfache, nicht selten das vierzigfache Hartz IV einbringen. Sie doktern an einem kriminellem System herum. Wo es brennt, tauchen sie unter Sirenengeheul auf, um dem Kapital die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Weil es sie gibt, gibt es das System noch. Als das herrschende, vertraute, eingespielte übt das System einen Anpassungsdruck, der sogar Widerborstige wie Daniel Cohn-Bendit und Anmutige wie Sahra Wagenknecht schluckt. Durch Verweigerung und Revolte wäre es längst beseitigt – wir hatten allein in Deutschland mehrere große Chancen dazu. Die letzte bot sich 1989 an.«

Iris und Roger dachten über das Gehörte nach. Sie nickten leise, obwohl sie zum Beispiel keine Ahnung davon hatten, ob Cohn-Bendit arabischer Freischärler oder Taxifahrer in Frankfurt/Main gewesen war. Jetzt war er Hohes Tier in der EU. Das Pech von Iris und Roger bestand darin, einen Schulunterricht genossen zu haben, der die Geschichte nicht verständlich zu machen, sondern sie zu rechtfertigen hat. Danach ist stets richtig, was sich durchsetzt beziehungsweise halten kann.

Gerhard hatte ebenfalls nachgedacht. Jetzt lachte er leise auf. »Warum soll man hier nicht mit der Logik argumentieren können?« sagte er und strich sich spitzbübisch seine Rotzbremse. »Bekanntlich hat der Kapitalismus ein Raubtiergesicht. Reißt er seinen Rachen auf, rufen die reformistischen Doktoren besorgt: Eine böse Entzündung! Sie ist ansteckend, man muß die arbeitende Bevölkerung vor ihr schützen. Am besten bohren, plombieren und Goldkrone drauf! Schon legen sie mit ihren Wattebäuschchen und filigranen Werkzeugen los. Im Ergebnis ist wieder einmal ein Zahn gerettet – und das Raubtiergebiß auch.«

Die Tischrunde war erheitert. Gerhard goß gleich Wein nach. Roger nahm ein paar Schlucke und sagte:

»Aber die Solidarität ist ja trotzdem wichtig. Die internationale, meine ich. Wie übt denn die Kommune ihre Solidarität?«

Birgit und Lydia sahen sich erneut an. Diesmal übernahm Lydia das Antworten. Sie behauptete, die anarchistische Form der Solidarität liege vor allem darin, ein Beispiel zu geben. Man müsse unten anfangen – bei sich selber. Man müsse zeigen, daß es geht. Gelänge es, strahlten erfolgreiche Veränderungen eine enorme Wirkung aus. Das gälte für die kleinste Kommune hinter dem Thüringer Wald wie für Konräteslust. Sie ermutigen. Sie feuern zum Nachahmen und Experimentieren an. Sie stellten also vor allem ihre Erfahrungen, zuweilen auch ihre Aktivisten und finanzielle Unterstützung aus Überschüssen zur Verfügung. Hilfe zur Selbsthilfe, sei hier der Wahlspruch. Nehme man beispielsweise 200 verfolgte, mittellose, aufstiegsbegierige afrikanische Emigranten in der Republik auf, sei weder ihnen noch dieser gedient. Man hole genau, wie Birgit gesagt habe, 200 Kohlen aus dem Feuer – und am nächsten Tag kämen 2.000 nach. Nein, man könne einigen von ihnen vielleicht einen Fingerzeig auf eine vergleichsweise billige Ex-DDR-Immobilie in Ilmenau oder Greiz geben und sie ermuntern, dort die nächste thüringische Kommune aufzumachen. Wie sich verstehe, stünden die Kommunen in Thüringen miteinander in Verbindung und Austausch.

»Wie man sieht!« sagte Roger und zeigte mit dem Daumen auf Iris und sich selbst.

Dadurch kamen sie auf die Kommunesuche von Roger, dann auch Iris zurück. Die beiden erzählten davon. Iris hatte zunächst in Berlin auf einem Wagenplatz gelebt; dann hatte sie sich nach Stichtaöhr im Kreis Arnstadt durchgeschlagen. Die Melankolonie Stichtaöhr bestand ebenfalls aus Wagen, die sich allerdings um den ehemaligen Bahnhof von Stichtaöhr gruppierten. In der kommuneeigenen Bahnhofskneipe hatte sie gegen Lohn gearbeitet. Dann verlangte es Iris aber nach einer konsequenten Gemeinsamen Ökonomie, weshalb sie ihre Fühler nach Waltershausen ausstreckte.

»Da saß dann er wie ein Ölgötze mitten auf dem Hof der Puppenfabrik, weil ihm eine Kommunardin gerade die Haare schnitt«, boxte sie ihren Geliebten in die Seite.

Lydia und Gerhard hatten den beiden jungen Leuten bereits ihr Gästezimmer zum Übernachten angeboten. Jetzt sah Birgit zur Uhr und schlug Achim den Aufbruch Richtung Rathaus vor, wo ihre Räder standen. Achim nickte: es war nach 11. Sie dankten Lydia und Gerhard und verabredeten sich mit den beiden anderen zum Frühstück in der Bornmühle. Birgit wollte ihnen dann die Altstadt und das Schloß zeigen, wo sie zum Mittagessen schon wieder eine andere Verabredung arrangiert hatte. Das kam Iris und Roger entgegen, denn sie hatten mittags ein »Arbeitsessen« in der Puppenfabrik.

»Und – gefällt sie dir?« wollte Achim wissen, während sie durch die stillen Straßen untergehakt zum Rathaus gingen. Er meinte natürlich seine Tochter.

Birgit winkte mit der Hand ihres eingehakten Armes Bedenken. »Verliebte unter 30 sind immer problematisch.«

»So, so … Na, ich bin ja schon 44.«



34

Nach dem Frühstück in der Bornmühle verabschiedete sich Achim bereits von Iris und Roger. Dabei warf er einen 100-Euro-Schein »Benzingeld« in Rogers Motorradhelm, was der Glücksritter mit weit aufgerissenen Augen zur Kenntnis nahm. Iris gab ihrem spendablem Vater wieder einen Kuß. Die beiden gingen mit Birgit in die Stadt. Achim wollte wenigstens drei Stunden Flöte spielen, denn ab mittags war der Tag restlos verplant. Birgit hatte geschworen, von ihren Zimmernachbarn schliefe keiner mehr, sodaß er ohne schlechtes Gewissen blasen könne. Sein Gewissen war auch völlig in Ordnung, aber die Konzentration ließ zu wünschen übrig. Er hatte Iris versichert, ab Dienstag könne sie ihn wieder in Berlin erreichen. Es gab ja in der Tat noch einige pragmatische Dinge zu besprechen, beispielsweise die Frage der Krankenversicherung. Nur stand die Sache so, er fand diese Aussicht eher schrecklich: ab Dienstag wieder in Berlin zu sein. Birgit hatte sich zu diesem Punkt in undurchsichtiges Schweigen gehüllt – im Beisein der jungen Leute vielleicht verständlich. Aber genau das fürchtete er fast noch mehr: das berüchtigte Beziehungs-klärungsgespräch, das schon so viele Kabarettisten ernährt hatte. Immerhin ließ dieser Gedanke den Dreigroschen-oper-Song von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens in ihm aufsteigen, den er auch sofort mit Begeisterung auf der Flöte blies. »Ja mach nur einen Plan. Sei nur ein großes Licht. Und mach noch einen zweiten Plan: gehn tun sie beide nicht.«

Durch den Schmiß des winzigen Marsches kam er wieder auf den Geschmack an der Musik. Er verschob das Pläneschmieden. Als er gegen eins in die Stadt aufbrach, griff er mit beschwingten Schritten aus. Der Widerstand der Welt wog nicht schwerer als Luft. Er freute sich auf Birgit. Auf einem vom Nessewasser umspülten Stein wog sich die mühleneigene Wasseramsel und überschlug, wieviel Kalorien ihr ein Kopfsprung in die kalten Fluten einbringen würde. Auf das Mittagessen freute er sich ebenfalls. Im übrigen war er neugierig auf jenen »Bommel«, mit dem Birgit ihn bekannt machen wollte. Er lebte im Altenheim und hatte irgendeine Band gegründet. »Draußen« war er zuletzt Hündchen gewesen, deshalb kannte ihn Birgit recht gut. Seinen Spitznamen wurde er selbst als Träger des rotschwarz schräggestreiften Stirnbandes nicht los. Zur Schloßbesetzung im Frühjahr 1990 war er mit einer Bommelmütze erschienen, die ihm auch gleich als Schlafmütze diente, da ein scharfer Aprilwind ums ungeheizte Gemäuer pfiff. Ihn zu wecken, war leicht gemacht: man brauchte nur an der Bommel zupfen. Die Vorstellung, wie ihm die Bommel dann in die heiße Fleischbrühe hing, ließ Achim in ein albernes Gelächter ausbrechen, das eher seiner Tochter angestanden hätte. Er hatte bereits die ersten Häuser und das Depot Ost erreicht. Vor dem Laden fegte ein älterer Republikaner mit Hingabe, nach dem Bürgersteig, die Straße. Jetzt unterbrach er sich aber, weil er Achims Gelächter vernommen hatte und ihn prompt im beschwingtem Ausschreiten zu bestärken trachtete, indem er seinen Besen wie den Stab eines Tambourmajors bewegte. Er konnte kaum wissen, daß er einen Musiker vor sich hatte, denn der Flötenkasten klemmte halb verdeckt unter Achims Arm. Oder sollte er das Konzert in der Ziegelei besucht haben? So oder so: Achim dankte ihm mit einer Handbewegung.

Birgit hatte ihm schon bei ihrem Spaziergang im Schloßgarten vom Libertären Altenheim Erwin Chargaff erzählt. Es bildete neben dem Hotel Hexensabbat und der im Schloßgarten gelegenen kleinen Orangerie die GO Schloß. Das Altenheim beherbergte ungefähr 60 Personen. In der Orangerie wohnten noch einmal 20 Leute, die überwiegend im Altenheim oder im Hotel beschäftigt waren. Sie bildeten eine Kommune für sich. Von dem jüngsten Modetrend des »generationsübergreifenden« Zusammenwohnens hielt man in Konräteslust nicht viel, soweit es jedenfalls die Alten betraf. Die Jüngeren und die Alten hatten doch recht unterschiedliche Bedürfnisse und Alltagsgestaltungen, die man nicht unter einen Hut oder in eine Bommelmütze zwingen wollte. Bei vielen Chargaff-Alten ging das bis zum ausdrücklichem Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden. Mehr noch, sie hätten ein Anrecht darauf, einsam, verschroben oder aufsässig zu sein. In der Tat stand es so im Statut des Altenheims. Hilfe bei der Alltagsbewältigung wurde ihnen nur gewährt, wenn es unabdingbar war. Viele machten beispielsweise ihr Zimmer oder die gemeinsame Flurküche eigenhändig sauber. Sie gingen ins Depot, solange sie gehen konnten. Sie beteiligten sich auch rege an den üblichen Organen und Wegen der Selbstverwaltung ihrer GO. Ließ das ihr Gesundheitszustand nicht mehr zu, wurden sie dabei von sogenannten Paten vertreten. Der Pate vertrat dann auch ihre Rechte und Anliegen. Er fungierte als der »Vormund« oder »Betreuer«, den das restliche Deutschland kannte. Über die Patenschaft entschied ein dreiköpfiges Team, das von den beiden Stadträten für Gesundheit und Verkehrsformen gemeinsam eingesetzt wurde. In krassen Fällen zogen Team oder Pate die Hündchen bei. Birgit hatte einmal mit einem tobsüchtigem Alten zu tun gehabt, der sein Radio in den Schloßgraben gefeuert und dann verkündet hatte, mit jedem, der sein Zimmer zu betreten wage, werde er nicht anders verfahren.

Achim betrat das Schloß von der Gartenseite her. Er stand in dem wuchtigem Treppenhaus, das er bereits kannte. Eine Tür zur Rechten führte in den Speisesaal des Altenheims. Er sah Birgit gleich mit Bommel – wie zu vermuten war – an einem kleinen Tisch in Fensternähe sitzen. Durch eine große geöffnete Falttür konnte man in den Speisesaal des Hotels blicken, der gleichfalls gut besetzt war. Die Falttür stellte allerdings keine unüberschreitbare Tabugrenze dar. Die Leute aus der Orangerie oder Gäste aus anderen GOs nahmen Platz, wo es ihnen beliebte oder wo gerade Tische frei waren. Dagegen hielten sich die Alten meistens an den Gartensaal. Achim sah einige Rollstühle. Jemand bekam von einem jungem Mann das Fleisch geschnitten. Eine weißhaarige Frau mit einem Palästinenser-Schultertuch las beim Essen in einem dickem Buch, das sie auf die Salz-&-Pfeffer-Streuer gebockt hatte. Achim linste im Vorübergehen unter den überstehenden Buchrücken, indem er tat, als müsse er einen peinlichen Flecken von seinem Hosenbein wischen.

Diese Aktion war Birgit nicht entgangen. Nachdem ihr Achim durchs schwarze Haar gefahren war, erkundigte sie sich mit einem Nicken: »Was liest denn Rosa?«

»Die Erinnerungen eines Revolutionärs von Victor Serge.«

»Bravo! Und er heißt Achim, lieber Bommel.«

Bommel tippte sich grüßend an die Schläfe, über der allerdings keine Mütze saß. Er hatte noch ziemlich dichtes graues Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel. Sie holten sich am Küchenschalter ihr Essen. Dabei zeigte sich, daß Bommel ein Lulatsch war, der Achim lässig überragte. Er hielt sich allerdings leicht gekrümmt, wie so viele lange Menschen. Mit seinem Alter – 73 – hatte das kaum zu tun. Er bewegte sich geruhsam, aber sicher. Als sie wieder am Tisch saßen, fiel Achim sein eckiges Gesicht auf, in dem die hellblauen Augen wie Tischfußbälle hin und her sprangen. Das zerstreute die Befürchtung des Beobachters, Bommel könne im nächsten Moment einschlafen.

Für die Nichtvegetarier gab es krustigen Braten mit Nudeln und einem Broccoligemüse, das nicht bis zur Unkenntlichkeit zerkocht worden war. Achim aß mit Genuß. Auch den anderen schien es zu schmecken. Jetzt verzog Bommel allerdings sein Gesicht und deutete mit der Gabel auf Birgit:

»Sie hat mir schon von Phil erzählt. Du wohnst ja bei ihm. So ein Schweinepech! Aber das muß ich sagen, er neigte schon immer zum Aufbrausen. Habe ich recht, Birgit? Na also. Jetzt liegt er da in seinem Klinikbett und muß darauf horchen, wie sein Blut durch die Zwergtunnel braust, die sie ihm verpaßt haben. Wie hast du gesagt? Stands heißen die Dinger? Aha, stents mit e und t. Das macht die Zwergtunnel auch nicht gemütlicher.«

Er meinte die beiden winzigen Röhrchen, die sie Phil durch die Arterie in die Herzkranzgefäße eingeführt und an den Stellen plaziert hatten, wo zuvor die Verschlüsse gedroht hatten. Phil hatte ihnen den Tunneleingang gezeigt: in der Leistengegend. Dort hatten sie ihm den Katheder gesetzt, mit dem sie ihre Röhrchen vor Ort brachten. Es war ohne Vollnarkose geschehen, doch Phil meinte, schmerzlos.

Achim erkundigte sich nach den »alten Zeiten« der Schloßbesetzung und der Republikgründung. Bommels hurtige Augen blinkten; er kramte die Anekdoten hervor. Da gab es auch für Birgit einiges zu lachen. Nachdem sich Achim einen Nachschlag geholt hatte, kam Bommel auf die Musik zu sprechen. Birgit trank noch einen Kaffee und ließ die beiden dann allein. Sie wollte sich in der Bornmühle auf das Republikplenum vorbereiten.

Bommel hatte schon immer »Klampfe« gespielt, wie er sich ausdrückte. 2007 lernte er bei einer Session im Haus der Nessedepesche den neuen Republikaner Michael Stein kennen. Er brachte Bommel das »richtige« Gitarrenspiel bei. Stein selber spielte lieber Kontrabaß oder Saxophon; er war ein »Multitalent«, wie Bommel meinte. Er sei wie Achim aus Berlin gekommen, wo er anfänglich, im Westteil der Stadt, bei Pille Palle und die Ötterpötter, dann bei Trotz & Träume spielte. Vielleicht habe Achim schon einmal von ihm gehört? Also nicht. Später habe Michael auf Berlins Lesebühnen für Wirbel gesorgt. Er schreibe die meisten Songtexte der neuen Band. Den Rest liefere Heinz Jäckel, ein Schriftsteller, der auch regelmäßig für die Nessedepesche schreibe. Michael sei von Hause aus Drucker und in Konräteslust wieder auf diesen Beruf zurückgekommen. Doch er habe nicht Farbe, vielmehr Musik im Blut. Achim werde es ja sehen.

Das »Studio« der neuen Band lag im Dachgeschoß des Schlosses. Bommel nahm die Treppen ohne sichtliche Mühe. Als sie sich dem Turmsaal näherten, waren bereits Instrumente zu hören. Dann betraten sie einen hohen Speicherraum, in dem Licht brannte, weil die kleinen verglasten Dachluken nicht viel Helligkeit spendeten. Raumbeherrschend war ein Kontrabaß.

»Olala!« rieb sich Bommel die Hände. »Schon alles an Bord?!«

Bevor er Achim vorstellen konnte, faßte dieser das dürre Mädchen an den Handtrommeln ins Auge und sagte verdutzt: »Du hier?«

»Schicke schicke Schweine!« krähte sie übermütig und setzte ihre Hände auf den Bongos in den Achim noch vertrauten langsamen Marsch. Es war Peggy aus der BG Prokofiev. Der mittelgroße Mann am Kontrabaß fiel augenblicklich ein.

»Das ist Michael«, erklärte Bommel überflüssigerweise, während er nach seiner akustischen Gitarre griff.

Der Bassist trug sein braunes, krauses Haar zurückge-kämmt. Er nickte Achim verhalten zu, wobei ein leises, etwas spöttisches Lächeln um seine schön geschwungenen Lippen spielte. Der wuchtige Kontrabaß schien eher ihn zu halten. Achim schätzte Stein auf Mitte 50. Dessen Baßläufe fuhren ihm in die Beine. Während Achim seinen Flötenkasten öffnete, kam die fünfte Person im Raum auf ihn zu und reichte ihm ihre Hand. Es war eine Frau um 30 mit rötlich schimmerndem Schopf. Sie hatte an einem Keyboard gesessen.

»Ich bin Lola«, sagte sie lächelnd.

»Achim Dömmersbach.« Er setzte seine Flöte zusammen. »Du spielst Keyboard?«

»Schön wärs! Ich spiele es sozusagen unter aller Sau. Wir suchen noch jemanden für die Tasten. Ich bin die Sängerin.«

Sie nahm ein Mikrofon vom Ständer, regelte es am Verstärker und legte auch schon los. Sie sang tatsächlich Glukozas russischen Text – aber wieviel besser! Sie hatte eine wunderbar volle, dunkle, etwas rauhe Stimme.

»Sie hat etwas Roma-Blut in den Adern«, flüsterte ihm Bommel ins Ohr, während er seine Gitarrensaiten ohne Plektrum anschlug. »Das hört man, nicht wahr?«

Achim nickte und wartete auf einen Instrumentalteil. Michaels Baß trug die Musik, als pflüge Schloß Konradslust durch den Atlantik. Aber auch Peggys virtuose Perkussion hätte er niemals von einer 17jährigen erwartet. Außer dem stummen Keybord war kein Instrument an den Verstärker angeschlossen. Der Pegel des Gesangsmikro-fons war gerade hoch genug, um Lolas Stimme nicht untergehen zu lassen. Jetzt ließ sie ihr Mikrofon sinken und nickte ihm auffordernd zu. Er setzte seine Flöte an die Lippen.



35

Sie spielten durch bis 18 Uhr. Achim wurde mit etlichen eigenen Stücken der Band bekannt gemacht, die ihm überwiegend zusagten. Die Änderungen, die er vorschlug, wurden begrüßt. Hin und wieder setzte er sich ans Keyboard. Er versuchte sich auch an einem Bläserduett mit Michael, der zu diesem Zwecke nach seinem Saxophon griff. Bei Jäckels Song über die Anfänge der Republik mußte Michael natürlich wieder an den Baß, denn sie hatten einen Rock 'n' Roll daraus gemacht. Reitmeiers gleichnamiges Zwerglied die erstuermung von schloss konradslust (mp3, 931 KB) gibt lediglich die erste Strophe und den Refrain wieder.

Sie hatten sich während der Session darauf geeinigt, in der Küche von Bommels Flur gemeinsam zu Abend zu essen und dann auch geschlossen zum Plenum in der Stadtkirche zu gehen. Die »Flurküche« war in Wahrheit ein kleiner nischenförmiger Saal, dem die innere Längswand fehlte. Ein paar Tische waren besetzt. Die Fenster gingen auf den erleuchteten Innenhof des Schlosses. Man sah zur Linken den Mittelrisaliten mit Treppenhaus und Glockenturm; gegenüber den Südflügel mit den Hotelzimmern. Während Bommel und Michael auftrugen, erfuhr Achim von Lola, das Hotel habe sowohl Einzelzimmer als auch Schlafsäle, im ganzen über 100 Betten. Die frühere Kapelle, die ja über zwei Stockwerke ging, sei in ein kleines »intimes« Theater verwandelt worden. Dort habe sie schon einmal mit Lydia einen Liederabend gegeben, ein kühnes Gemisch aus Gabriel Faurè, Hanns Eisler und Georg Kreisler.

»Kommt Lydia nicht für euch in Frage? Sie spielt viel besser als ich Klavier.«

»Leider nein – sie will nicht. Überlastet!«

»Sie hat ja auch noch den Chor«, warf Peggy ein.

Michael brachte dampfenden Tee, nahm als letzter Platz und forderte auf zuzugreifen. Das Hotel vor Augen, mußte Achim an seinen Ankunftstag denken. Im Hotel hatte er ja »absteigen« wollen – die blonde Maria, Chefin vom Dienst und Stadträtin für Gesundheit, hatte es ihm verwehrt, dafür aber Phil zu seinem Einlader gemacht. Da hatte er schon die flüchtige Begegnung mit Birgit in der Stadtkirche hinter sich. Morgen 10 Uhr war sie zuende: da ging sein Zug nach Bufleben/Berlin. Genauso gut hätte wahrscheinlich die rötliche Lola in die Stadtkirche tauchen können, um einmal zu gucken, welcher Pan da die Flöte spielte. Hätte er sich auch in Lola verliebt?

Es wäre keine schlechte Wahl gewesen. Sie war ein bißchen fülliger als Birgit, aber auch warmherziger, wie er mutmaßte. Sehr hübsches Katzengesicht! Im Grunde war die menschliche Neigung zur festen Paarbildung ein armseliger Schwachsinn. Sie war auch unsozial. Einen geliebten Menschen aus tausend potentiellen Geliebten herauszuheben, ihn in den siebten Himmel zu heben – was war daran gerecht? War er etwa wichtiger oder besser als die anderen 999? Nein, er war liebenswerter oder liebenswürdiger als sie, pflegten sie darauf abwiegelnd zu erwidern. Unfug! Fand er Birgit liebenswert, fand ein anderer Lola liebenswert. Wer gerade wen, lag an tausend Zufällen. Es verhielt sich nicht anders wie bei den Schicksalsschlägen der verheerenden Art; Jonny hatte das damals Birgit auseinandergesetzt. Sie konnten jeden treffen – und sie schmerzten jeden gleich. Aber in der Liebe wurden die Pfeile verherrlicht, die Amor angeblich gezielt abschoß. In Liebe entbrennen zu dürfen, feierten sie als Gnadenerweis, der ihnen ganz persönlich gewährt wurde. Traf Amor den einen oder anderen nicht, hatte der Betreffende Pech gehabt. Niemand regte sich darüber auf. Was war daran gerecht? Entweder alle oder keiner, so müßte es eigentlich laufen. Dann würden mehr Leute begreifen, wie hart die Idee der Gerechtigkeit war. Sie war so hart wie der Tod.

Michael und Bommel unterhielten sich inzwischen über Aufnahmetechnik. Genauer beklagten sie sich über einen betrüblichen Mangel an den erforderlichen Geräten. Sie hätten gern eine CD von der Band gebrannt, verfügten aber noch nicht einmal über ein Mischpult. Sie überlegten, wo es zu leihen wäre, sprachen auch über Neupreise. Achim sagte sich, es würde ihn bestimmt nicht ruinieren, wenn er, nach Berlin zurückgekehrt, der Republikbank zwei- oder dreitausend Euro überwiese: zweckgebunden für die »Rentnerband«. Das war der behelfsmäßige Name der Band. Bommel hatte ihm gesagt, sie hätten bislang noch keinen zündenden Namen gefunden. Achim wandte sich an die beiden Frauen, die alles andere als Rentnerinnen waren:

»Wenn ihr Geld für Aufnahmetechnik braucht – warum beantragt ihr es nicht einfach? Birgit versicherte mir, die Republik sei keineswegs pleite.«

Peggy wand sich verlegen und lächelte auch so: »Wir trauen uns nicht. Wir sind noch zu schlecht.«

»Wo müßtet ihr das eigentlich tun? Das Geld beantragen? Welche GO wäre da zuständig? Ihr lebt ja nicht alle in der GO Schloß

»Naja«, sagte Lola, »es gibt ja auch andere übergreifende Projekte. Die Bildungsgruppen etwa. In solchen Fällen wird der Wunsch an den zuständigen Stadtrat gereicht. Der hängt ihn unter seinen Mitarbeitern aus. Das kann alles per Email laufen. Zweck der Übung ist ja in jedem Falle lediglich, daß dein Wunsch nicht nur dir selber bekannt ist. Erhebt binnen zweier Wochen niemand Einspruch, kannst du dir das Geld auf der Bank holen.«

»Tatsächlich? Ohne Berechtigungsschein?«

»Tatsächlich. Ohne Schein. Aber du kannst das Geld auch an die Firma überweisen lassen, bei der du deine Querflöte oder dein Mischpult bestellt hast.«

»3.000 Euro?«

»Zum Beispiel.«

»30.000 auch?«

Die Frauen amüsierten sich über Achims Verbohrtheit. Peggy sagte: »Da werden die auf der Bank schon mal fragen, wofür das ist und mit wem das abgesprochen worden ist. Aber wer braucht hier 30.000 Euro? Eine Baustelle zum Beispiel wird doch gleich von der Bank selber abgewickelt, da brauchst du nicht die Bank zu knacken wie im Krimi.«

Achim verstülpte anerkennend die Lippen. Als er 17 war, hätte er durchaus gewußt, wozu 30.000 Euro zu gebrauchen wären. Wahrscheinlich hätte er sie für eine Reise in die USA aus dem Fenster geworfen, wo damals seine Gluzokas lebten. Heute war das überflüssig, selbst für Afghanen. Denn die Yankees kamen ja überall zu einem.

Bommel deutete auf die Wanduhr: »Was meint ihr – sollen wir schon mal aufbrechen? Sonst kriegen wir nur noch schlechte Plätze.«

Der Vorschlag wurde befolgt.



36

Achim hatte sich vormittags immerhin die Tagesordnung des Oktoberplenums im Intranet angesehen. Sie wurde stets 48 Stunden vorher geschlossen. Jeder konnte etwas auf sie setzen. Aber selbstverständlich pflegten die RepublikanerInnen gut zu erwägen, ob ihr Punkt angemessen und wichtig genug für das Monatsplenum war. Schließlich genossen die GOs eine weitgehende Entscheidungsfreiheit; fast alles konnte dort geklärt werden. Wieder anderes, das alle betraf, konnte vielleicht schon im Vorfeld des Republikplenums geklärt werden. Sodann war stets zu fragen, ob ein Thema ausreichend genug vorbereitet war. Der Löwenanteil der anliegenden Entscheidungen war vorher durch Arbeitsgruppen gegangen. Spontane Initiativen auf den Plena waren nicht unbedingt verpönt, aber niemand hatte ein Interesse daran, die Plena zu Meinungstauschbörsen herabzu-würdigen, die frühstens um Mitternacht schlossen. Das galt für alle Ebenen. Sie sollten bündeln. Die jeweilige Plenumsleitung behielt sich deshalb vor, bestimmte Tagesordnungspunkte, die sie für unausgegoren oder unerheblich erachtete, zurückzuweisen. Einmal hatte sie sich dadurch Unmut zugezogen. Eine ganze Gruppe von rund 30 Leuten hatte auf dem Plenum darauf bestanden, den Punkt wieder auf die Liste zu setzen. Es wäre fast zu einer Palastrevolte gekommen. Aber damals galt schon die 80-Prozent-Regelung – und 80 Prozent Zustimmung hatte die Gruppe nicht bekommen.

Die Plenumsleitung konnte überdies jederzeit abgewählt werden – mit mindestens 80 Prozent. Sie bestand stets aus zwei Vertretern des Stadtrats und einem Vertreter der GOs. Ihre Besetzung durfte sich beim folgenden Plenum nicht wiederholen. Der GO-Vertreter wurde ohnehin auf dem Plenum der GO bestimmt, die laut Alphabet an der Reihe war, ihn zu stellen. Er hatte stets die Federführung. Oft war er übrigens eine Frau.

Unsere MusikerInnen ergatterten Plätze im Seitenrang der hufeisenförmigen Tribünen in Höhe der nahen Kanzel. Stein gesellte sich allerdings bald zu einem Kumpel aus der Druckerei. Die elektronische Anzeigetafel über der Kanzel war nicht in Betrieb. Die Scanner zum Einlesen bei Abstimmungen standen zumeist an den Durchgängen der Arena. Die Kanzel klebte zur Rechten neben der berühmten und gewaltigen Orgel eines barocken Baumeisters namens Trost an der Wand. Trosts Orgel schien selbst den unter ihr gelegenen Sandsteinaltar zu bedrohen. Dieser war von Hündchen Bart vorübergehend ins Podium der dreiköpfigen Plenumsleitung verwandelt worden. Das Achim schon bekannte schwarzrot schräggestreifte Altartuch hing deshalb an der Brüstung des Podiums. Gottes Altar trug statt einer Dornenkrone das Stirnband der Freien Republik. Blumenschmuck zeigte er nicht, aber merkwürdigerweise war in dem leerem Raum zwischen Podium und den ersten Rängen ein weißgetünchter Sockel zu sehen, auf dem eine Geranie stand. Sie hatte nur eine rote Blüte. Mikrofone waren nirgends zu entdecken. Als er Bommel darauf ansprach, meinte dieser mit etwas gequälter Miene, es helfe ja alles nichts, Mikrofone und Verstärkertürme seien Waffen, zu denen nur »gewaltbereite« Menschen griffen. Ob der Sportconfroncier auf dem Gothaer Hauptmarkt bei der Thüringen Rundfahrt der RadsportlerInnen ins Mikrofon brülle oder Glukoza vor 10.000 verzückten Jugendlichen in dasselbe lispele, mache keinen Unterschied. Peggy warf ihm einen wütenden Blick zu.

»Dann waren John Lennon oder Rio Reiser ebenfalls Gewalttäter?«

»Waren sie«, nickte Bommel zerknirscht.

Lola grinste. »Machthaber trifft es noch besser. Die Macht kommt aus Gewehrläufen, Verstärkerkabeln und Pißtürmen.«

Jetzt war es an Peggy, sich zu bekringeln. Achim schmunzelte nur.

Es war gleich acht. Die Ränge waren fast lückenlos gefüllt. Lola bestätigte, die Arena fasse ungefähr 1.800 Leute. Die Kinder der Republik, einige BetreuerInnen, Alte, Kranke, Verreiste nebst einigen »Schwänzern« seien natürlich ferngeblieben. Wer die mehr oder weniger entvölkerten Häuser unterdessen vor möglichen Übergriffen oder Katastrophen schütze, fragte Achim nicht. Er kam nicht auf diese Frage, weil er in Berlin unwillkürlich auf rund 20.000 Polizisten zu vertrauen pflegte.

Die Anwesenden unterhielten sich, blätterten in Papieren, gestatteten sich auch Zurufe. Einer davon galt Achim selber: es war Hämmerchen. Achim grüßte mit der Hand erfreut zurück. Dann sah er sich endlich nach Birgit um. Er erblickte sie in der Krümmung des Hufeisens, wo sie unmittelbar an einer der Fensterspalte saß, die als Ein- und Ausgänge dienten. Als sich ihre Blicke trafen, stand sie tatsächlich auf und warf ihm eine Kußhand zu! Dabei nahm er allerdings mit Befremden wahr, daß sie ihre Dienstpistole am Gürtel trug. Hoffentlich ballert sie bei lautstarken Mißfallensbekundungen nicht auf die Orgelpfeifen, dachte er, es wäre schade um sie.

Prompt regte sich etwas an der Orgel. Lydia erschien! Es war vier Minuten vor acht. Sie schob sich auf die Orgelbank und legte sofort los. Achim traute seinen Ohren nicht. Sie hatte den Fröhlichen Marsch des Franzosen Chabrier für Orgel bearbeitet! Das spätromantische, kurze Stück für Orchester war ohnehin selten witzig und spritzig, aber durch Lydias Bearbeitung wirkte es geradezu umwerfend schräg. Es kam hinzu, daß sie zwangsläufig auch die Tasten für Finger und Füße und die zahlreichen Register »bearbeiten« mußte – sie fuhrwerkte an der Orgel herum, als heiße sie Rumpelstilzchen und tanze auf glühenden Kohlen. Peggy lag bereits auf Lolas Knien und bebte vor unterdrücktem Lachen. Den meisten anderen im Plenarsaal schien es ähnlich zu ergehen. Jeder zweite Kopf hatte das Schütteln. Punkt acht verstummte die Orgel so jäh, wie sie eingesetzt hatte. Jetzt hörte man auch das Lachen. Erstaunlicherweise brandeten aber weder Beifall noch Hurrarufe auf. Stattdessen lief das Achim nun schon bekannte Fingerschnalzen durch die Ränge – allerdings in ungleich höherem Tempo als etwa in der Ziegelei. Es erinnerte Achim jetzt an Gänseschnattern. Nach etwa einer Minute erstarb es.

Lydia hatte sich unterdessen reglos auf die Einfassung ihrer Tastatur gestützt. Jetzt wandte sie sich um, dankte lächelnd mit einer Handbewegung und nahm seitlich der Orgel Platz, wo ihr Mann Gerhard beiseite rückte. Demnach mußten sie jemand zum Kinderhüten haben.

Inzwischen hatte auch die Plenumsleitung ihre Fassung wiedergefunden. Eine Frau um 40, deren dunkler Pony allerdings noch zitterte, fuhr einmal mit der Hand durch die Arena und sagte:

»Ich denke, wir sind beschlußfähig.«

Sie wartete einen Augenblick. Ihr Satz war gut zu verstehen gewesen; die Akustik mußte hervorragend sein, wie sich Achim schon vor 10 Tagen gesagt hatte. In den Rängen erhoben sich keine Zweifel an der Beschlußfähigkeit.

»Das Oktoberplenum ist eröffnet.«

Sie deutete mit dem Daumen hinter sich, wo sich die Orgel erhob: »Ihr wißt, es geht nicht überall auf der Welt so lustig zu. Das Oktoberplenum ist den Opfern des von einem deutschen Oberst befehligten Massakers in Kundus gewidmet, das von unserem neuen Kriegsminister Guttenberg unerschütterlich als angemessen bezeichnet wird. Nach verschiedenen Schätzungen sind dabei wahrscheinlich über 100 afghanische Zivilisten größtenteils umgekommen, sonst durch Verbrennungen schwer verletzt worden, darunter etliche Kinder. An sie alle denken wir.«

Langsames Fingerschnalzen. Achim war berührt. Lola erklärte ihm flüsternd, die Widmung des Plenums sei eine feste Einrichtung.

Die Ponyfrau deutete nacheinander auf ihre beiden MitstreiterInnen auf dem Podium: »Moritz, Stadtrat für Auswärtiges, führt das Protokoll – Maria, Stadträtin für Gesundheit, wird uns gleich den Rundschlag des Monats verabreichen. Ich selber bin Ruth aus der GO Waisenhausplatz. Die Tagesordnung ist wie immer bekannt. Wir haben 2:1 gewettet, daß wir nicht mehr als 70 Minuten brauchen – wir werden es erleben.«

Während die blonde, ihm nicht unbekannte Maria auf die Kanzel stieg, musterte Achim den etwa 60jährigen Stadtrat für Auswärtiges, dessen üppiger Vollbart noch kräftig braun war. Dafür trug er auf dem Schädel Glatze. Er fragte Lola flüsternd, ob Vollbärte in diplomatischer Hinsicht förderlich wirkten.

»Ach so – bei Moritz? Na, bei ihm weniger, er vertritt ja kein imperialistisches Land. Sonst hätte ich vermutet, sie verstecken ihre Reißzähne in ihren Bärten.«

Das ausgerechnet von ihr! Katzengesicht.

Maria hatte ihr Blatt Papier auf den Kanzeltisch gelegt. Sie sah auf und begann ohne Einleitung.

»Kaum haben die Banker dieses Planeten Herrn Obamas und Frau Merkels milliardenschwere Carepakete verspeist, furzen sie aus allen Därmen, damit es ihm – dem Planeten – auch 2010 nicht an Finanzblasen fehle. Unsere OberfürsorgerInnen flankieren das, indem sie eifrig die ungefähr 200 Kriegsherde der Welt schüren, die ja auch wieder viel Geld in die Luft blasen; die Toten, Verkrüppelten und Verwaisten sind Kollateralschäden. Mit diesem ganzen Geld, liebe rund 30 Gäste dieses Plenums, könntet ihr in die Welt hinausgehen, um 300 Freie Republiken zu gründen, die vielleicht ein wenig von unseren Erfahrungen in Konräteslust zehren. Aber was empfiehlt uns Genosse Egon Krenz, der letzte sogenannte Ministerpräsident der DDR, auf deren ehemaligem Territorium wir hier siedeln? Anläßlich des bevorstehenden 20. Jahrestages der sogenannten Friedlichen Revolution hat er sich gerade in einer Rede gegen den ekelhaften Schlamm der Verunglimpfung der DDR verwahrt, der sich schon jetzt aus allen Medien über Gesamtdeutschland ergieße. Recht hat er! Aber zur Erklärung des Scheiterns der DDR führt er vordringlich Lenins alte Leier an, wer den Kapitalismus besiegen wolle, müsse das Niveau der Arbeitsproduktivität steigern. Sie sei im ganzen Ostblock zu mager gewesen. Damit habe es auch an der ökonomischen Potenz gefehlt, das von den USA aufgezwungene Wettrüsten zu verkraften. Daß anders gearbeitet, gewirtschaftet und gelebt werden müßte, kommt Erfolgsanbeter Krenz – das Wort münzte Lan-dauer auf alle Marxisten – nicht in den vielfotografierten Kopf. Und so erläßt er sich denn auch die Kritik an der ostdeutschen Partei- und Staatsverliebtheit, ja an dem ganzem autoritärem Zug des Regimes. Die DDR ist an dem Tatbestand gescheitert, leider niemals eine verlockende Alternative gewesen zu sein. Diese lautet: Direkte Demokratie, Dezentralisierung, niemand hat ein Gewaltmonopol, Abschaffung der Lohnarbeit und der Warenform überhaupt, statt Tausch Verteilung, Ächtung aller Buchstabengläubigkeit. Die Alternative heißt nicht Kuba, sondern Konräteslust. Ich habe gesprochen.«

Fingerschnalzen. Viele Mienen zeigten sich erheitert. Maria zwinkerte Achim zu, der ihr bereits das überraschende Auftauchen seiner Tochter gemeldet hatte, und verließ die Kanzel, um wieder auf dem Podium Platz zu nehmen. Lola erklärte ihm, der Rundschlag werde stets von der Plenumsleitung verfaßt. Er müsse über den Tellerrand der Republik blicken, dürfe aber nie länger als 2.000 Zeichen sein. Er stehe dann traditionell auf Seite 2 der Nessedepesche.

Ruth ging zum nächsten Punkt über. »Wir können euch erfreulicherweise versichern, daß wir im Gegensatz zu beispielsweise Island, Griechenland und selbst den USA nicht vor dem Staatsbankrott stehen. Im Gegenteil, durch die unverhoffte satte Erbschaft eines Republikaners sind wir Mitte September schlagartig um rund 120.000 Euro reicher geworden.«

Die Arena gestattete sich ein Raunen.

»Damit sind wir beim Amphitheater«, fuhr Ruth fort. »Wie ihr wißt, wurde dessen Bau im Schloßgarten vor rund einem Jahr grundsätzlich beschlossen – unter dem Vorbehalt, unsere Finanzlage bessere sich. Diese Besserung sieht der Stadtrat nun als gegeben an. Er hält es auch für überflüssig, die Angelegenheit noch einmal von einer Arbeitsgruppe erörtern zu lassen. Die Baupläne und Kostenvoranschläge sind bekannt; sie stehen im Intranet. Unser Vorschlag also: Der Finanztitel für das Bauvorhaben wird eröffnet, und im Frühjahr krempeln wir die Ärmel auf. Wie sich versteht, wird die Baustadträtin die Arbeiten vorbereiten. Gibt es Bedenken?«

Birgit hatte ihm bereits bei ihrem Spaziergang durch den Schloßgarten von dem Bauvorhaben erzählt. Die neue Arena sollte rund 3.500 Leute fassen. Sie bekam sogar ausrollbare Dachplanen für Regenfälle. Im Sommer hielten sich oft Hunderte von BesucherInnen gleichzeitig in Konräteslust auf; dann war die Stadtkirche für Plena oder Aufführungen viel zu eng.

Eine ältere Frau, die mit ihrem Haarknoten wie eine Bäuerin wirkte, hatte sich gemeldet.

»Ja, bitte, Magda.«

Offenbar war sie republikweit bekannt. Einige Leute sahen sich vielsagend an. Magda stand auf und erkundigte sich:

»Geht's dann auch den Bäumen an den Kragen?«

»Tja«, erwiderte Ruth geduldig, »das ist unvermeidlich. Es wurde beschlossen. Es werden ja neue gepflanzt.«

Magdas Entgegnung klang vorwurfsvoll. »Aber die alten sind doch schon wieder ein Jahr gewachsen! Da gilt doch der Beschluß gar nicht mehr!«

Erheiterung. Jemand platzte sogar mit Gelächter heraus – es war Jonny, der gar nicht weit von Magda inmitten des Volkes saß. Er hielt sich schuldbewußt die Hand vor den Mund, während er sich mit der anderen Hand meldete. Ruth nickte.

»Ich bitte um Entschuldigung, Magda. Ich mußte nicht über deine Sorge um die Bäume, vielmehr über deine umwerfende Logik lachen. Eine begnadete Gärtnerin bist du bereits; vielleicht solltest du jetzt auf Rechtsanwältin umsatteln … Zur Buße verspreche ich hiermit öffentlich, dir beim Pflanzen der neuen Bäume zur Hand zu gehen. Abgemacht?«

Magda hatte verhärmte Züge, doch jetzt erglänzten sie fast wie das Gesicht eines Mädchens, dem man Schmeichel-haftes gesagt hatte. Sie nickte und nahm wieder Platz. Viele Leute schmunzelten.

»Es ist eine Einheimische«, flüsterte Lola in Achims Ohr. »Sie war in der Saatgutzuchtstation beschäftigt – aber nie Parteimitglied. Sie heißt zufällig wie die Hauptfigur eines Romans von dem vorzüglichem DDR-Autor Armin Müller: Der Magdalenenbaum. Dem könnte sie glatt entsprungen sein. Müller lebte in Weimar. Ist schon tot.«

Ruth setzte wieder eine ernste Miene auf. »Wenn ich richtig sehe, ist der Vorschlag zum Amphitheater angenommen?«

Fingerschnalzen.

»Prima. Dann können wir zu den Drei Einblicken kommen. Anschließend stehen noch weitere vier Entscheidungen sowie die Reklamation in Sachen Hunde an. Für die Einblicke haben wir die Eisenbahn, die BG Ite-ska-wih und unsere Polsterei Wolkenbank ausgewählt. Bitte Annemarie auf die Kanzel!«

Lola erklärte ihm rasch die Einblicke. Sie wurden auf jedem Monatsplenum gegeben. Es handelte sich um kurze Berichte aus Projekten oberhalb der GO-Ebene. Die GOs wurden nie vorgestellt, weil sie ohnehin jährliche Rechenschaftsberichte abzugeben hatten, die dann ins Intranet gestellt und auch gedruckt wurden. Die Betriebe oder Bildungsgruppen etwa übergriffen ja die GOs. Im September war unter anderem die Kläranlage vorgestellt worden, erinnerte sich Lola noch. Die Einblicke sollten das Auge für Einrichtungen der Republik schärfen, die viele RepublikanerInnen oft nur von außen oder vom Hörensagen kannten. Auf der anderen Seite hatten sie aber auch Kontrollfunktion; man wollte ja sichergehen, daß überall sinnvoll gewirkt wurde. Deshalb riefen sie fast immer Fragen oder Hinweise aus der Arena hervor. Allerdings waren diese Erörterungen auf 5 Minuten begrenzt.

Inzwischen stand Annemarie auf der Kanzel. Es war die Zugschaffnerin mit dem braunen Schopf, die vor 10 Tagen Achims Fahrkarte kontrolliert hatte. Auf der Kanzel trug sie allerdings das Stirnband nicht. Aus ihrem Bericht über die Lage »auf Strecke« ging hervor, daß die Eisenbahner-Innen derzeit zu neunt waren, MechanikerInnen eingeschlossen. Phils Bahnhofscafe gehörte nicht zu dem Verkehrsbetrieb. Weiter sprach die Delegierte von Ärger mit der Deutschen Bundesbahn. Da sich Achim auch fesselndere Berichte hätte vorstellen können, wagte er Lola zu stören.

»Was machen denn die neun zur Zeit des Plenums?« flüsterte er. »Ich meine: einige von ihnen können ja nicht teilnehmen, weil sie fahren müssen?«

»Doch. Sie können geschlossen teilnehmen, weil der Zugverkehr an jedem ersten Sonntag im Monat für drei Abendstunden eingestellt ist. Das ist allgemein bekannt, sogar in Mühlhausen oder Gotha.«

»Ach so.«

Statt der drallen Schaffnerin an den etwas drögen Lippen zu hängen, ließ Achim seine Blicke schweifen und dachte über die RepublikanerInnen im allgemeinen nach. Seine Beobachtung aus der Ziegelei und dann der Bornmühle bestätigte sich auch hier: man hatte nie den Eindruck, jemand suche seinerseits zu beeindrucken. Das galt sowohl für die LeiterInnen oder »Autoritäten«, etwa Jonny, wie für das Fußvolk. Es ging um Sachen, nicht um Personen. Birgit hatte einmal geschimpft, gerade die bürgerlichen PolitikerInnen, die sich einen Dreck um die Anliegen der Menschen scherten, die sie angeblich vertraten, kümmerten sich ausschließlich um Menschen. Sie wollten gefallen. Einem Gartentor oder einem Amphitheater kann man nicht gefallen; sie sind gleichermaßen unempfindlich gegen Drohungen und Schmeicheleien. Sie wollen verstanden und richtig behandelt werden. Dagegen wollten die Pensionsberechtigten an den Hebeln der Parteien, Gewerkschaften und des Staates bewundert oder gefürchtet werden, am besten beides. Welche Sache ihnen dabei als werbewirksamer Aufhänger diente, war ihnen scheißegal. Aber natürlich heuchelten sie stets ihr Interesse an der Sache. In der Stadtkirche hätte Achim nicht einem Menschen ins Gesicht sagen können: Heuchler! PolitikerInnen wie Müntefering, Guttenberg, Merkel dagegen konnten sich heute über die Finanzen, morgen über den Frieden und übermorgen über Freilandversuche verbreiten, ohne rot zu werden und sich Schutzhaft in einer Sonderschule einzuhandeln. Und was wurde erst im Plenarsaal des Reichstags gesäuselt und gewettert und ein Riesentheater um Nichts gemacht! Alles war längst hinter den Kulissen ausgeheckt worden. Da konnten die Abgeordneten genauso gut Zeitung lesen oder irgendwo anders gewinnbringende »Beratergespräche« führen. Vor zwei Jahren war Achim aus spontanem Entschluß …

Er horchte auf wie fast alle anderen auch: in der Arena klingelte ein Handy! Die Schaffnerin unterbrach sich augenblicklich. Ruths Handy auf dem Podiumstisch konnte nicht der Schuldige sein, denn es war stumm. Vielmehr blickten beide Frauen nach vorn in die Krümmung der Arena. Achim überzeugte sich davon: Birgit hatte ihr Diensttelefon am Ohr. Während sie zum zweitenmal »Ja« sagte, erhob sie sich bereits. Fast gleichzeitig erhoben sich zwei andere Personen, die an verschiedenen Stellen in der Arena saßen. Birgit sagte »Gut!« und rief, während sie das Handy eilig in die Jackentasche steckte:

»Christoph Stoll – ist er hier?!«

»Ja!« rief ein massiger Mann mit Segelohren, während er auch schon aufsprang.

»Christoph – es brennt! Kim und Jochen kommen mit.«

Das mußten die beiden Hündchen sein, die sich bereits erhoben und ihre Stirnbänder übergestreift hatten, eine Frau und ein Mann. Die Vier eilten hinaus. Birgit drehte sich noch einmal zum Podium um:

»Erst mal Ruhe! Macht weiter! Wir geben Bescheid.«



37

Wie sich Achim bald nach dem Einschnitt von Lola erklären ließ, gingen während des Monatsplenums immer vier Hündchen in der Stadt Streife; die andere Hälfte der Belegschaft konnte somit am Plenum teilnehmen. Bestand diese Hälfte heute nur aus drei Leuten, so lag es daran, daß ein Hündchen mit einer Angina im Bett lag, wie ihm später Birgit sagte. Christoph Stoll dagegen war der Brandmeister der Republik. Er hatte noch einen Kollegen, der dem Plenum offenbar aus uns nicht bekannten Gründen ferngeblieben war. Wäre Stoll nicht in der Kirche gewesen, hätte ihn Birgit sofort telefonisch erreicht, denn er besaß ebenfalls ein Handy.

Lola versuchte sich wieder den Einblicken zu widmen – inzwischen stand ein junger Mann für die BG Ite-ska-wih auf der Kanzel – doch Achim spürte, die Konzentration fiel ihr schwer. Wenn er so um sich blickte, war sie nicht die einzige. Die Leute fragten sich verständlicherweise, wo es brannte – und hielten es verständlicherweise für gut möglich, vielleicht bei ihnen. Achim war in dieser Hinsicht aus dem Schneider, wie er sich mit schlechtem Gewissen sagen mußte. Sein Querflötenkasten steckte zwischen seiner und Lolas gefährlichen Hüfte, und seinen hellen Anzug, der Birgit so gut gefiel, hatte er an. Und seine Wohnung wurde ja von 20.000 Berliner Polizisten bewacht.

Jetzt ging ihm das besondere »Sicherheitsproblem« auf, das alle basisdemokratisch strukturierten Gemeinwesen hatten. Verließen ihre Mitglieder ihre Häuser, um sich zur Vollversammlung einzufinden, waren ihre Häuser nebst den Straßen naturgemäß ziemlich verwaist. Dieses Problem hatten Gemeinden wie das Nachbardorf Haina oder die Kleinstadt Waltershausen nicht. Zur Strafe hatten sie unter ihren korrupten und eitlen Lokalfürsten zu leiden. Auch die Schweiz lief nicht Gefahr, während der Vollversammlung auf der Rütli-Alm von Mordbrennern und Bankräubern heimgesucht zu werden – die hatten ja alle schon ihre geheimen Konten dort.

Hunde wären wohl auch kein durchgreifender Schutz gewesen. Achim fiel ein, daß sie noch auf der Tagesordnung standen. Unterdessen schwankte seine Aufmerksamkeit zwischen seiner prickelnden Nachbarin Lola, der Kanzel in rund acht Metern Entfernung und dem Hündchen Birgit, das irgendwo heldenhaft gegen Flammen ankämpfte, hin und her. Bei der BG Ite-ska-wih schien es sich um eine Gruppe von 10- bis 12jährigen zu handeln, deren Lernen um die nordamerikanischen Prärieindianer-Innen, die DDR-Autorin Welskopf-Henrich und die DDR selber kreiste. Der junge Referent war der Gruppenleiter. Achim hörte die Stichworte Junge Pioniere und FDJ. Da Kanzlerin Merkel einmal Agitprop-Funktionärin der Freien Deutschen Jugend gewesen war, brauchte man sich um die Zukunft des erwerbslosen und amoklaufenden neoliberalen Nachwuchses keine Sorgen mehr zu machen.

In den Bericht einer Delegierten der Polsterei Wolkenbank platzte der zweite Klingelton des Abends. Versammlungs-leiterin Ruth griff nach ihrem Handy, sagte nach einigen Sekunden »Danke, Birgit« und bat die Delegierte mit einem Blick, fortzufahren. Nach dem Ende des Berichts tuschelte Ruth für kurze Zeit mit ihren MitstreiterInnen Moritz und Maria. Die drei auf dem Podium schienen sich zu einer etwas heiklen Offenbarung durchzuringen. Ruth wandte sich wieder zur Arena und stellte nüchtern fest:

»Es ist kein Mensch zu Schaden gekommen. Das ist ja wohl die Hauptsache. Allerdings brannte ein Häuschen aus, in dem viel Liebesmühe steckte.«

Sie faßte einen Versammlungsteilnehmer ins Auge, der zu ihre Rechten auf den obersten Rängen saß. Er wurde schlagartig blaß. Es war der Schriftsteller Heinz Jäckel, dem Achim bereits zu Beginn der Veranstaltung zugewinkt hatte.

»Ja, Heinz, so leid wie es uns tut – Birgit bittet dich, zum Bahnhof zu kommen.«



38

War es nicht erst vorgestern gewesen, als er sich in Jäckels Villa pudelwohl gefühlt und ihn sogar um diese hübsche Einsiedlerklause beneidet hatte? Jetzt war sie angeblich ausgebrannt. Bis Achim diese Hiobsbotschaft verdaut hatte, waren jene vier noch offenen Entscheidungen gefallen, die Ruth angekündigt hatte. Die wichtigste betraf eine Umstrukturierung dreier benachbarter GOs, die etliche Baumaßnahmen, vor allem aber vorübergehende Umzüge von Republikanern erforderlich machte. Weiter wurde eine Arbeitsgruppe zur Vorbereitung des Thüringer Kommunetreffens 2010 ausgelobt, das wieder einmal in Konräteslust stattfinden würde. Zum Organisator der Gruppe wurde naheliegenderweise der vollbärtige Glatzkopf Moritz bestimmt, seines Zeichens Stadtrat für Auswärtiges. Ihn betraf auch der dritte Punkt. Ausgerechnet der gebeutelte Schriftsteller Jäckel hatte bei seiner USA-Reise Gespräche in der Kommune Twin Oaks (Virginia) gehabt, die inzwischen zu dem Wunsch geführt hatten, eine Art SchülerInnenaustausch zwischen Twin Oaks und Konräteslust einzurichten. Moritz wurde beauftragt, mit interessierten BG-Leitern ein Konzept auszuarbeiten und mit Twin Oaks abzustimmen. Schließlich gab es Grünes Licht für neuerliche Blaue Briefe. Die Aktion war schon früher durchgeführt worden. Damals hatte sich einiges Unbehagen über vergleichweise exzessives Konsumverhalten mancher RepublikanerInnen angestaut. So war die Bank beauftragt worden, die jährlichen Auszahlungen an die RepublikanerInnen – die sie ja registrierte – personenbezogen zusammen zu zählen und diese Aufstellung den einzelnen Republikanern in geschlossenem Briefumschlag über die GO-Büros zu präsentieren. Wichtigster Bestandteil war dabei die Mitteilung des republikbezogenen Jahresschnitts pro Person. Auf diese Weise konnte jeder sehen, inwieweit er mit seiner persönlichen Summe unter oder über dem Schnitt lag. So sollte es auch jetzt erfolgen. Auf eine Offenlegung der Summen wurde erneut verzichtet. Erfahrungsgemäß genügte es, dem einen oder anderen Republikaner ein paar Gewissensbisse zu bereiten.

»Wo lag denn der zuletzt ermittelte Schnitt?« wollte Achim von Lola wissen.

Sie überlegte. »Ich glaube, keine 500 Euro. Die Statistik steht im Intranet. Es war schon mal mehr gewesen.«

Das galt also pro bankberechtigter Person und pro Jahr – eine lächerliche Summe, dachte Achim zunächst. Aber mal 2.000 genommen, waren es bereits eine Million Euro, die mußte so ein Ländchen erst einmal verdienen. Dazu kamen schätzungsweise mindestens 300.000 jährlich für Maschinen, Baustoffe, Kaffeeimporte und ähnlichen Bedarf. Das Tüpfelchen auf dem i lag gleichwohl in den persönlichen Unterschieden. Eine alte Frau wie die Gärtnerin Magda hob vielleicht im ganzen Jahr nur 70 Euro ab, um den Enkel mit Schlittschuhen für die zugefrorenen Mühlteiche zu beglücken, während einer wie Jäckel möglicherweise 2.000 oder 3.000 Euro verbriet. Die Flugreise in die Staaten in- oder exklusive? Dienstreise. Eine wie Magda wollte ja wahrscheinlich gar nicht nach Amerika, wo sie nach den Indianerstämmen auch die letzten Regenwälder fällten. Phil und Birgit hatten ihm das schon früher auseinandergesetzt. Die Bedürfnisse der Menschen seien so verschieden wie ihre Kräfte oder Begabungen. Gerechtigkeit liege nicht in Einheitsrege-lungen wie der »Mehrwertsteuer« oder der jüngst erwogenen »Kopfpauschale« zur Finanzierung des sogenannten Gesundheitswesens. Operation gelungen, Patient ohne Kopf … Nein, Gerechtigkeit bedeute, jedem die gleichen Chancen einzuräumen, ob für Flugreisen, Stent-Implantationen oder die Butter aufs Brot. Die Möglichkeit der Nutzung sei das Entscheidende – das Anrecht darauf.

Da konnte sich Achim gut vorstellen, daß es immer mal wieder Unmut der einen über die Nutzungsgepflogen-heiten der anderen gab. War jedoch ein soziales Gebilde vorstellbar, wo dies vermeidbar wäre? Hier half nur Transparenz – in gewissen, feinfühlig gezogenen Grenzen. Die Idee mit den Blauen Briefen fand er gar nicht schlecht. Sie stammte übrigens, was Achim nicht wissen konnte, aus der bei Kassel gelegenen Kommune Niederkaufungen, aus der sich im Laufe der Jahre schon mehrere Leute der Republik angeschlossen hatten. Denen war der dortige Lebensstandard zu hoch gewesen.

Ruth bat um Konzentration, man sei gleich durch. Die Uhr zeigte sieben nach neun. »Wir kommen zur Reklamation in Sachen Hunde. Jasmin, bitte auf die Kanzel.«

In der Arena erhob sich hier und dort Murren – aber Jasmins Gang zur Kanzel wurde auch von ein paar Fingerschnalzern begleitet.

»Verdammt – was ist denn eine Reklamation

Lola erklärte es ihm. Jemand will einen Beschluß rückgängig gemacht haben, d.h. er wünscht einen bereits des langen und breiten erörterten Status quo zu ändern. Das war natürlich nicht unbedingt zu verurteilen. Die Weltlage konnte sich geändert haben; Marsmenschen konnten neue, ganz ungeahnte Argumente in der Hundefrage gesendet haben. Es sei aber nicht so einfach, einen Status quo zu ändern, wenn man dafür den Konsens der GO oder 80 Prozent der Republik brauche. Hier zeige sich der konservative Zug der nicht-demokratischen Entscheidungsverfahren. In der Demokratie kaufe oder lüge man sich die erforderlichen 51 Prozent kurzerhand zusammen, während in der Republik möglicherweise nur noch Sabotageakte mit anschließender Palastrevolte hülfen.

»Welchen Zug haben denn die demokratischen Entscheidungsverfahren?«

»Na, einen gewalttätigen eben. Wer stärker ist, setzt sich durch. Er hat mehr Geld, mehr Überredungskünstler-Innen, mehr AnhängerInnen – so kriegt er die Mehrheit

Bommel warf flüsternd ein: »Oder er hat mehr Hunde, von denen er uns versichert, sie seien ganz lieb und täten niemandem etwas zuleide, während sie zähnefletschend um die Wahlurnen schnüren!«

Lola hielt sich die Hand vor den Mund. Bommel wollte sicherlich auch zu mehr Aufmerksamkeit für Jasmin auffordern.

»Hat es in der Hundefrage schon Sabotageakte gegeben?« flüsterte Achim zu Bommel zurück.

»Ja. Einem altem Mann haben sie einmal so ein struppiges Köterchen unter dem Sofa hervorgezogen, das ihm Verwandte im Gothaer Tierheim besorgt hatten. Das konnte die betreffende GO aber intern regeln.«

»Brach ihm nicht das Herz?«

»Er bekam eine Katze.«

Wie zu erwarten war, konnte Jasmin, eine ähnlich forsche Frau wie die Zugschaffnerin, keine wirklich zubeißenden Argumente für die Notwendigkeit beibringen, das Hundeverbot zu zerschlagen. Sie versuchte es mit Hundekuchen. Eine neue wissenschaftliche Untersuchung aus Dänemark habe den hohen pädagogischen Stellenwert der Hundehaltung erwiesen. Kinder, die mit Hunden aufwüchsen, zeigten nach dieser Erhebung ein deutlich ausgeprägteres solidarisches Verhalten untereinander als solche ohne Hunde. Zudem seien sie ausgeglichener. Ob auch die Kinder, die ihre Nähe zu Hunden nicht überlebt hatten, beobachtet und erforscht worden seien, ließ sie offen. Zum Glück mahnte Versammlungsleiterin Ruth sie gestisch zur Kürze, woran sie sich auch hielt.

Kaum hatte Jasmin ihren Mund geschlossen, streckte eine schlanke jüngere Frau ihren Zeigefinger in die Luft, als wolle sie die ausgemalte Kuppel der Stadtkirche sprengen.

Ruth bedeutete ihr zu sprechen.

»Ich kann es nicht mehr hören, Jasmin! Warum läßt die verdammte Hundelobby, zu der du federführend gehörst, nicht locker? Seid ihr noch verbissener als eure vierbeinigen Freunde? Habt ihr einen Werbevertrag mit Schappi? Es ist doch klar, daß ihr die Republik nicht umstimmen werdet!«

»Die Republik?!« grollte Jasmin zurück, während sie an der Kanzelbrüstung rüttelte. »Bist du etwa die Republik, meine liebe Zlata?«

Zlata kochte bereits. »Und du? Was erzählst du uns hier von eurer Fürsorge um Kinder? Während wir unsere Zeit mit einer aussichtslosen Reklamation vertun, verrecken in Übersee schon wieder ein paar hundert Kinder, weil sie nichts zu fressen haben. Aber die Hunde! Die armen gemästeten Hunde ..!«

Plötzlich begann Zlata zu schluchzen. Sie machte eine wegwerfende Handbewegung, setzte sich und vergrub ihr verheultes Gesicht in ihren Händen. Ihre Nachbarinnen versuchten sie zu besänftigen.

Unterdessen stampfte Jasmin die Kanzeltreppe hinunter. Ruth verfolgte das mit einem besorgten Blick – als erwarte sie, gleich werde eine der Holzstufen durchbrechen. Halb zur ihren Mitstreitern, halb zur Arena gewandt, sagte sie:

»Vielleicht sind wir am besten beraten, wenn wir die Diskussion an diesem gefahrvollen Punkt beenden.«

Maria und Moritz nickten. Jasmin machte im Vorüberrauschen »Pah!«.

Ruth sah in die Runde. »Könnt ihr auf weitere Wortmeldungen verzichten?«

Keine Meldungen.

»Dann bitte ein Stimmungsbild. Wer ist dafür, das Hundeverbot zu kippen?«

Ungefähr 30 Finger gingen hoch, wie Achim schätzte.

»Die Reklamation ist abgelehnt«, stellte Ruth fest und sah den Protokollanten Moritz an. Er nickte und schrieb.

Ruth fuhr fort: »Wenn ich richtig sehe, sind wir damit …«

Weiter kam sie nicht. Sie blickte stirnrunzelnd zu einem der Durchgänge des rechten Seitenrangs.

»Na endlich!«

Der erleichterte Ausruf kam von einem Mann, der soeben seinen unförmigen Koffer durch den Tribünenspalt gezwängt hatte. Er wischte sich mit der freien Hand über die Stirn und wiederholte: »Na endlich!«

Daraufhin setzte er den Koffer ab und sah sich erfreut in der Arena um. Er trug Kleider, die nicht einen Deut von der klassischen Clownsmontur abwichen: Riesenschuhe, schlotternde Hosen, großkarierte Jacke, rote Knollennase, geschminkte Mundpartie, winziger Hut.

Maria griff ein. »Was ist denn endlich

»Na endlich Leute! Und so viele! Draußen herrscht ja tote Hose! Die Straßen leergefegt, und wie ich zum Schloßhotel komme – es ist immer mein erster Schritt: Schloßhotel; darunter tue ich es nicht – stehe ich also auf der Brücke und was sehen meine entzündeten Augen? Nichts! Kaum Licht in dem ganzem Schloß. Durch irgendeinen Flur schlurft endlich so ein Alter, den frage ich: Sind Sie der Portier? Sagt er doch glatt, ich hätte eine Meise! Er sei ein verdienter Revolutionär der Freien Republik Konrätes-
lust
..!«

Er sprach es genüßlich genug aus, um einiges Gelächter zu ernten. Achim hatte inzwischen die Stimme des Mannes erkannt: es war Jonny. Er mußte sich irgendwann von seinem Platz in der Arena gestohlen haben. Nun nutzte er das Gelächter, um sich mit seinem Koffer durch die Ränge nach unten zu zwängen. Dann stand er vorm Podium und strahlte Maria an.

»Gut«, sagte Maria. »Der Mann konnte Ihnen also nicht weiterhelfen. Wahrscheinlich war es der alte Jonny, der Trottel … Können wir vielleicht helfen?«

Der Clown wog seinen Kopf, plinkerte mit den Augen, drückte die Arme schamhaft an seinen Körper und sagte schmelzend: »Vielleicht ..?!«

»Gut. Was wünschen Sie also?«

»Die Fürstensuite«, erwiderte er wie aus der Pistole geschossen. Die Leute lachten.

»Sind Sie sicher, das wäre das Angemessene für Sie?«

»Na hören Sie mal!« sagte er gekränkt und strafend. »Ich bin ein großer Künstler!«

»Tatsächlich?«

»Tatsächlich. Und ein sehr nützlicher dazu!«

Er musterte die Ränge, rieb sich die Hände und sagte: »Wenn ich mir das Volk hier so angucke, bin ich genau an der richtigen Adresse. Vielleicht …«

Er unterbrach sich, weil sein Blick auf den Sockel mit der Geranie fiel, der Achim zu Beginn des Plenums etwas merkwürdig plaziert erschienen war. Nach der ersten Überraschung schüttelte der Besucher ungläubig den Kopf und stammelte mit gequälter Miene:

»Aber das ist ja grauenhaft! Da stimmt ja nichts mehr! So kann sie sich doch nicht auf der Straße blicken lassen!«

Er straffte sich und schritt zur Tat. Aus der Brusttasche seiner Jacke zog er Kamm und Schere; aus der Seitentasche ein kleines weißes Tuch mit Schnüren. Dies band er der eingetopften Geranie auf dem Sockel um. Dann begann er routiniert mit dem Frisieren, wobei auch seine Rede einsetzte, wie es sich für einen gelernten Friseur gehört.

Nach der ersten Verblüffung kicherten oder schmunzelten die Leute natürlich. Achim bildete keine Ausnahme. Peggy bog sich sogar schon wieder vor Lachen. Es war zu komisch. Die prahlerischen Worte des Clowns prasselten, und die Schnipsel von den Blättern und Zweigen der Geranie fielen wie das Obstschrot aus der Mühle der Mosterei. Der kostbare Marmorfußboden war bald von ihnen übersät. Hin und wieder trat der unentwegt quasselnde Clown zur kritischen Musterung zurück, schüttelte seinen Kopf und schnippelte, kämmte und drückte wie zuvor. Am Sockelfuß häuften sich die Abfälle bereits. Die Geranie schnurrte buchstäblich ein. Doch schließlich kam es, wie es kommen mußte: »versehentlich« gekappt, liegt auch die rote Blüte auf dem Marmor.

Achim hält den Atem an. Der Clown hebt entsetzt seine Brauen. Panische Versuche, die Blüte mit Spucke und Blumenerde wieder anzukleben. Es nützt nichts. Der Clown ist ratlos. Dann gibt er mit bitterer und schuldbewußter Miene auf. Er knotet das Tuch vom Topf, um damit den kläglichen Geranienstrunk zu bedecken.

Während dieser Maßnahme geht auf der Orgelempore ein Punktscheinwerfer an, der den Clown umzingelt. Gleichzeitig verlöschen die zahlreichen Wandlampen. Der Clown steht im Scheinwerferkegel. Plötzlich glimmen Orgeltöne auf. Sie formieren sich zu einem schwermütigem Lied, das Achim nicht kennt. Der Harmonik nach könnte es Zigeunermusik sein. Ja, jetzt zieht das Tempo an. Dadurch kommt auch Bewegung in den zu Tode betrübten Clown. Darf man noch fröhlich sein? Noch tanzen? Er versucht ein paar Schritte. Ja, es geht. Musik und Clown gewinnen an Feuer, steigern sich – brechen jäh ab.

Genauso unvermittelt erlischt der Scheinwerfer. Dafür gehen die Wandlampen wieder an. Die Leute schütteln sich, blicken sich erstaunt an, lächeln befreit. Das erste Fingerschnalzen setzt ein. Die Leitung klaubt ihre Papiere zusammen und räumt den Altar. Das Plenum ist gerettet.



39

»Ja – mit einem Koffer und einer Geranie!« sagte Achim. »Da hast du etwas verpaßt.«

Sie saßen in der Weinstube Zur Roten Reblaus, in der er schon einmal mit Phil gewesen war, an der Theke. An den Tischen hatte sich kein Platz mehr gefunden. Aber es war nicht laut in dem niedrigem und ziemlich dämmrigem Raum. Auf den Tischen und Wandborden brannten Kerzen.

»Nicht so tragisch«, erwiderte Birgit lächelnd, »ich kenne die Nummer bereits.«

»Tatsächlich?«

Er hatte unwillkürlich Maria aus der Kirche nachgeäfft. Birgit nickte:

»Ja. Sie stammt von dem schweizer Clown Marco Morelli. Jonny hat sie natürlich auf die Situation in der Stadtkirche zugeschnitten.«

»Die Plenumsleitung hat mit der schlechten Stimmung gerechnet?«

»Das nehme ich stark an. Die Hundefrage ist ein Dauerbrenner-Ärgernis. Da haben sie den Punkt an den Schluß gesetzt – und dann mit der Geraniennummer unterlaufen.«

Achim nickte anerkennend. Ein solches unorthodoxes Vorgehen gefiel ihm. Undenkbar auf einem Parteitag mit Egon Krenz oder Hugo Chavez! Aber Birgit gefiel ihm auch. Sie hob ihr Glas und trank ihm zwinkernd zu. Sie stellte ungefähr das Gegenteil der empfindsamen, bewegbaren und überdies recht flachbrüstigen Zlata dar, die wegen der Hunde beziehungsweise Kinder in Tränen ausgebrochen war. Eben erst hatte ihm Birgit von dem Löscheinsatz und dem qualmendem Überrest der Villa Jäckels erzählt – und schon zwinkerte sie wieder. Er prostete zurück.

»Und ihr geht von einer Brandstiftung aus? Beweise?«

»Nicht direkt. Ein hinteres Fenster war eingeschlagen. Als Bart vom Fahrrad aus die leuchtende Rauchwolke sah, waren die BrandstifterInnen vermutlich schon über alle Berge. Die paar AnwohnerInnen, die nicht auf dem Plenum waren, haben nichts bemerkt. Jäckel wußte von keinem unmittelbarem Anlaß für den Übergriff – aber … Aber er ist eben schwul und lebt in einer anarchistischen Republik. Das genügt als Anlaß für einen Übergriff. Es ist ja nicht der erste. Die Neonazis kennen uns. Wann wir unser Monatsplenum abhalten und wie verwaist dann die Bahnhofsgegend ist, wissen sie selbstverständlich auch.«

Achim sah sie besorgt an. »Wo soll das enden?«

Sie hob die Schultern, ohne zu antworten.

»Schaltet ihr die Gothaer Kripo ein?«

Sie verstülpte ihre Lippen und schüttelte ihren Kopf. »Ich glaube nicht. Das bringt nichts. Selbst wenn sie Spuren fänden, hätten sie doch kein Interesse an einer Strafverfolgung.«

»Also mehr Hündchen? Mehr Streifen? Bürgerwehren? Volksbewaffnung? Aufrüstung gegen Rechts ..? Oder wenigstens ein kleiner Triumph für die Genossin Jasmin, weil plötzlich ein paar hundert echte Hunde angeschafft werden, drei oder vier Wachhunde pro GO ..?«

Sie sah ihm zweifelnd ins Gesicht und erwiderte etwas vorwurfsvoll, die Situation sei für Spott ungeeignet. Die Situation sei heikel. Man werde sie diskutieren müssen. Vielleicht würden die Hündchen eine Arbeitsgruppe vorschlagen.

Achim wollte sie um Entschuldigung bitten, doch sie wurden von einem Mann mit Pferdegebiß unterbrochen, der ihm bereits in der Kirche aufgefallen war.

»Hallo, Birgit! Was ist denn mit dem Häuschen von Heinz? Kann es wieder hergestellt werden?«

»Keine Chance, Lothar. Das können wir vergessen … Aber wenn es dir ein Trost ist: die Bahnhofskastanie haben wir gerettet!«

Lothar grinste, was seinen Unterkiefer noch verbreiterte, und sagte: »Das ist nett von euch! Und Heinz selber? Wo bleibt er denn jetzt?«

Sie blickte etwas unsicher zu Achim, bevor sie erklärte: »Ich wußte, auf Hämmerchens Hof ist das Schmiede-häuschen frei. Das sagte ich ihm. Gut möglich, daß er in diesem Moment bereits mit Hämmerchen darüber spricht. Er kann heute auch bei Hämmerchen übernachten. Ich nehme einmal an, die Ziegelei-Leute werden nichts dagegen haben, wenn Heinz die GO wechselt. Seine Werke und Entwürfe sind ebenfalls gerettet; er hatte sie auf Speicherkarte in der Hosentasche.«

»Na, das klingt ja einigermaßen beruhigend! Dann will ich nicht länger stören.«

Er nahm sein nachgefülltes Weinglas von der Theke, nickte Achim zu und ging zu seinem Tisch zurück.

Achim dämmerte ein Zusammenhang. Der Zusammen-hang schimmerte auch in Birgits Augen auf, die ihn an einen traurigen Clown erinnerten.

»Du hast dieses Schmiedehäuschen mit einem lachenden und einem weinenden Auge an Heinz Jäckel vermittelt?«

Sie nickte.

»Weil du dir dachtest, womöglich kommt es früher oder später einem Zugereisten gelegen, der sich hier niederzulassen gedenkt?«

Sie nickte. Sie versuchte auch zu lächeln, aber das Schimmern in ihren Augen war stärker geworden und strafte diesen Versuch Lügen.

Verdammt, dachte er. Ich glaube, sie weint! So kenne ich sie gar nicht!

Er schob sich von seinem Barhocker, um das Hündchen Birgit ganz fest in seine Arme zu nehmen.


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