Donnerstag, 13. Januar 2022
Konräteslust Teil 2


9

Gottseidank wurde auf dem Acker schon nach zwei Stun-den Feierabend gemacht. Achim war ziemlich zerschlagen. Im Walnußhaus streckte er sich erst einmal auf seinem Gästebett aus. Als er nach einer halben Stunde wieder auf die Beine kommen wollte, stöhnte er auf, weil ihn der von Birgit vorhergesagte Muskelkater in die Oberschenkel biß. Er humpelte hinunter in die Wohnküche, wo eine Wärme-kanne mit Kaffee stand. Während des Kaffeetrinkens ging er am Computer der Kommune ins Intranet, um nachzusehen, wie es seiner Suchanzeige ergangen war – Fehlanzeige. Niemand hatte sich gemeldet. Er war versucht, weiter in den Webseiten der Republik zu blättern, verbot es sich aber, weil er Flöte spielen wollte, ohne damit in die Nachtruhe zu geraten. Nur den Suchbe-griff »Snooker« gab er noch schnell ein – Volltreffer! Das Städtchen verfügte über einen Snookersalon mit sage und schreibe 18 Tischen! Merkwürdigerweise hieß er Gesundheitsball. Jedenfalls lief Achim auch keine Gefahr, in seiner zweitgrößten Leidenschaft einzurosten. Der Toberaum im Keller des Walnußhauses war wieder frei. Er unterbrach sein Flötenspiel für das Abendbrot. Die Kommunarden luden ihn herzlich ein, an ihrem Wochenplenum teilzunehmen, das im Anschluß daran in der Wohnküche stattfinden würde, doch mit Verweis auf seinen Trainingsrückstand lehnte er dankend ab und verschwand wieder im Keller. Allerdings vereinbarte er mit Phil, am späteren Abend noch eine Weinstube in der Stadt aufzusuchen. Das Plenum dauere höchstens anderthalb Stunden.

Wie Achim später von verschiedener Seite versichert wurde, war die Terminplanung in einer basisdemokratisch strukturierten Republik von 3.000 Mitgliedern nicht so einfach, wie ein Berliner Orchestermusiker annehmen mochte. Zwar konnten sich die zumeist wöchentlichen Plena der vielen Kommunen oder die Plena der rund 50 Grundorganisationen, die stets alle zwei Wochen stattfanden, untereinander ohne nennenswerte Beeinträchtigungen überschneiden. Aber der feste Tag des GO-Plenums beschränkte den Spielraum bei der Vereinbarung der Wochenplena – und sie alle hatten sich dem Diktat des monatlichen Republikplenums zu unterwerfen, das stets am ersten Sonntag des Monats stattfand. Damit stehen wir allerdings erst am Beginn der drohenden Verhedderung. Denn außer den Plena fanden zahlreiche Arbeitsgruppentreffen statt – wiederum auf allen Ebenen. Fanden sie tagsüber statt, berührte es nicht die Plena, dafür jedoch zahlreiche Arbeitskollektive, Bildungsgruppen und die Arbeitsgruppen selber. In den Anfängen hatte die Erörterung, wann man sich das nächste Mal treffe, länger gedauert als die des Themas. Später wurde eher in Kauf genommen, daß der eine oder andere Interessierte herausfiel. Gleichwohl wurde das Engagement in mindestens einer Arbeitsgruppe von jedem Republikaner, ob Frau oder Mann, erwartet – auch dies wieder auf allen Ebenen. Sicher kamen Ausnahmen vor. Weder Hämmerchens Schwiegermutter noch die Familie Stötzer aus dem Forellenhäuschen am Zufluß des herzöglichen Wassergrabens wurden bekniet, sich häufiger oder überhaupt einmal auf Arbeitsgruppentreffen blicken zu lassen. Wer wußte, die einzige Satellitenschüssel der Republik war am Südgiebel des Forellenhäuschens zu finden, konnte sich die Gründe für die Enthaltsamkeit der Stötzers in sozialen Dingen denken.

Wie sich versteht, befaßten sich die Arbeitsgruppen auf Republikebene nur mit Fragen, die alle betrafen, beispielsweise Umgang mit dem Fernsehen, Hundeverbot, Einrichtung eines Museums, Petition an den Landtag in Erfurt, Umstellung von Schweine- auf Pferdezucht, Dienstvorschriften der Hündchen … An diesen Arbeits-gruppen waren stets die zuständigen Stadträte beteiligt, die das Arbeitsergebnis schließlich auf dem Plenum in der Stadtkirche einzubringen und anschließend in die Tat umzusetzen hatten. Ansonsten stand jedem Republikaner grundsätzlich frei, wo er sich engagierte. Drohte einer AG Überfüllung, wurde der Zugang gesperrt; drohte ihr Verwaisung, wurden TeilnehmerInnen zugelost. Selbstverständlich wurde niemand mit Hündchen-Gewalt in eine Gruppe gezwungen. Die Republik war frei – während ein erzwungenes Engagement in der Regel fruchtlos bleibt oder sogar Schaden anrichtet. Die erwähnte Umstellung auf der Domäne wurde nicht von der Lobby der PferdefleischliebhaberInnen erzwungen; es ging darum, die Schweinemast abzuschaffen und die betref-fende Halle für die Zucht von Zugpferden umzubauen. In den Grundorganisationen wurden durchaus noch etliche Schweine gehalten, aber nie in nennenswerter Anzahl. Dort dienten sie hauptsächlich der Abfallverwertung.

Kurz nach 22 Uhr brachen Achim und Phil Richtung Stadtkern auf. Die Gassen waren durch Laternen mäßig beleuchtet. Phil berichtete, das Plenum der Walnuß-kommune habe den Einbau einer Zentralheizung verworfen. Er selber habe sie sowieso nie vermißt. Für den großen Aufwand einer solchen Umstellung sei der Ertrag an Bequemlichkeit fragwürdig. Mit den Zimmeröfen könne sparsam je nach Bedarf geheizt werden und das Heizen bleibe in den eigenen Händen. Niemand von ihnen sitze frühmorgens die Stechuhr einer Fabrik im Nacken. Fiele der Heizkessel oder die eingeteilte Heizerin aus, frören gleich alle im Haus. In der Regel seien die einfachsten Lösungen immer die besten. Dazu hatte Achim gut Nicken, denn noch war ihm nicht so kalt gewesen, daß er dem gußeisernen Ofen in seinem Gastzimmer nennenswerte Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Wie so ein Ofen innen aussah, wußte er ohnehin nicht.

Was Achim erneut erstaunte, war die Ruhe im Städtchen. Kein Hund schlug an, kein Gebläse jaulte, kein Fernseh-gerät flackerte und ließ die Fensterscheiben erzittern, weil schon der Sprößling der Familie halb ertaubt war. Sie hörten ihre eigenen Schritte. Hin und wieder trafen sie andere FußgängerInnen oder RadfahrerInnen, mit denen Phil einen Gruß oder ein paar Worte wechselte, das war alles. In der Hauptstraße wurde es fast ein wenig unheim-lich, weil zudem Motorenlärm und Leuchtreklamen fehlten. Sie kamen am Schloß vorbei. Selbst in etlichen erleuchteten Fenstern des Hotels und des Altenheims, die in ihm untergebracht waren, konnte Achim keinen Widerschein eines Fernsehgerätes entdecken.

»Die Abwesenheit von Hundehaufen hat mir bereits bei meiner Ankunft imponiert«, sagte Achim. »Aber was spricht eigentlich sonst noch gegen den Hund?«

»Er ist die Inkarnation des Sklaven. Bekanntlich pflegen Anarchisten die Sklaverei abzulehnen. Sie halten keine Hunde.«

»Aber Pferde schon?«

»Ja«, grinste Phil. »Das Pferd ist ein angenehmer und zudem nützlicher Freund des Menschen. Es würde niemals schwanzwedelnd um Küsse oder Fußtritte betteln wie der Hund. Dein sklavischer Freund frißt dir die Haare vom Kopf, nur arbeiten will er nicht, der Hund … Das Pferd sucht sich Gras und liefert dir obendrein seine Äpfel noch als wertvollen Dung frei Haus. Es hat vielleicht ein ähnliches Fell wie der Hund, aber ein ganz anderes Naturell: sanftmütig, gesellig, gleichwohl stolz. Halte die hündischen Kreaturen dagegen, und du bekommst Zahnschmerzen. Ja, beißen tun die Köter bekanntlich auch.«

Achim deutete auf die Häuser. »Habt ihr nach den Hunden auch die Glotzen verboten? Ich sehe es nirgends flackern.«

Phil hob im Gehen die Schultern. »Warum sollten wir? So gut wie niemand verzehrt sich hier nach dem verlogenen Senf, der aus ihnen quillt. Es gab einmal eine Bestands-aufnahme, danach hatten wir 2007 kein Dutzend Fernsehgeräte in der Republik. Kabel liegen hier sowieso nicht, da hatten wir Glück mit der DDR. Die einzige Satellitenschüssel hängt bei den Stötzers am Forellen-häuschen. Wir sind vorhin an dem schmalem Fachwerk-haus vorbeigekommen. Aber ich hätte dir die Satelliten-schüssel nicht zeigen können, weil sie nach hinten auf den Zufluß des Wassergrabens geht – gottseidank!«

»Ist das Internet ebenfalls verpönt?«

»Nein. Jede GO hat ihren Anschluß. Die Vorteile werden genutzt. Gleichwohl stellt das Internet ein pädagogisches Problem dar, weil sich so manche unserer Kinder nur zu gern an den Nachteilen des Internets laben. Sie suchen Zerstreuung, nicht Konzentration. Sie können naturgemäß nicht erkennen, wie sehr ihnen das Trommelfeuer des Internet-Angebotes die Gehirnrinde und die Nervenstränge durchlöchert.«

Achim nickte; er kannte das Problem von Iris her. Er ließ seinen Blick über die Jugendstilfassaden der Hauptstraße, die Bäume, die Laternenpfähle gleiten. »Mir ist schon gestern auf dem Weg vom Bahnhof zum Markt aufgefallen, daß euer Stadtbild von diversen Reklamen, Aufrufen, Hinweisen nahezu ungetrübt ist. Selbst in der DDR war ja alles mit Durchhalteparolen gepflastert gewesen. Verfolgt ihr diese Abstinenz mit Absicht?«

»Unbedingt! Allerdings ging ihr vor Jahren ein Kampf zweier Linien voraus, der streckenweise Wogen bis zur Turmuhr der Stadtkirche hinauf schlug. Die Partei der Bepflasterer wünschte 'den öffentlichen Raum' für Nachrichten und Botschaften zu nutzen. Doch die Argumentation der Gegenpartei – ich zählte zu ihr – setzte sich durch. Wir traten für das Recht, ja die Würde der Dinge ein. Man darf ein Haus oder einen Baum nicht zu TrägerInnen von Texten oder Bildern herabstutzen. Sie sind etwas für sich, das eine bestimmte Ausstrahlung hat und aufgrund dessen erkannt und anerkannt sein möchte. Für Nachrichten oder Botschaften haben wir eigens dafür geschaffene Einrichtungen, etwa unser Intranet oder unser Monatsblatt. Eine Zeitung fungiert von vornherein als Mittel für Mitteilungen – eine Hauswand oder ein T-Shirt nicht. Sie besitzen verschiedene Eigenschaften, die uns zum Beispiel schützen können. Die bepflasterten Wände und Kleider greifen uns an.«

Achim schnalzte mit den Lippen und sah seinen Gastgeber ein wenig spöttisch an. »Kühne Argumentation! Das muß ich euch lassen. Darf man hinter den Wänden und Kleidern noch Musik machen ..?«

Phil ließ die Frage mit einem Schmunzeln in der Luft hängen, denn sie hatten die etwas versteckte Weinstube in der Gerbergasse erreicht. Er hielt Achim die Tür auf. Über dieser war immerhin der Name des Lokals zu entziffern: Zur Roten Reblaus.

Der langgestreckte Raum war gut besucht, aber keineswegs überfüllt. Achim wunderte sich, hätte er doch eher erwartet, die RepublikanerInnen träten sich hier auf die Füße, bis die vorhandenen Fässer oder Flaschen, die sie schließlich nichts kosteten, leergetrunken seien. Damit unterlag er dem typischem Irrtum westlichen Effiziensdenkens, das lediglich den kurzfristigen Eigennutz im Auge hatte. In Konräteslust lebten nur Menschen, die sehr wohl wußten, daß der gemeinsame Topf der Republik nicht unerschöpflich war, denn sie sahen – teils leibhaftig, teils über ihr Intranet – täglich in diesen hinein. Und sie wußten, was sie auf der einen Seite in ihre Kehlen gossen, mußten sie auf der anderen wieder aus dem Kartoffelacker schürfen. Sie waren zu sehr aufeinander angewiesen um versucht zu sein, auf Kosten der anderen zu leben. Schmarotzer hatten keine Chance. Gewiß gab es Reibereien – unterschiedliche Ansichten über das, was gerade angemessen war. Aber die trug man aus. Dagegen übte die Konkurrenzgesellschaft in solchen Fällen gern das Verfahren, Mißgunst und Groll so lange zu bebrüten, bis sich an anderer, unverhoffter Stelle ein Knüppel fand, den man dem Widersacher zwischen die Beine werfen konnte.

Sie ließen sich von der jungen Thekenfrau eine angebrochene Flasche Rotwein und Gläser geben und setzten sich an einen kleinen Tisch. Aschenbecher waren nicht vorhanden. Phil erklärte, um die Ecke gebe es eine andere Weinstube, die eine Hochburg der RaucherInnen sei. Ein republikweites Rauchverbot werde bislang nicht erwogen. Es sei ein heikles Thema. Er prostete Achim zu.

»Ja«, erwiderte Achim. »Apropos Verbote! Wenn einer in der Hauptstraße ein Riesentransparent aus dem Fenster hängt, einerlei, ob für oder wider das Rauchen – kommen dann die Hündchen und schneiden es ab?«

Phil lachte und tippte sich auf die Hemdenbrust. »Da komme erst mal ich! Ich sehe das, gehe hinauf und frage den Menschen, warum er unsere Vereinbarung bricht. Er wird ja seine Gründe haben.«

»Und wenn sie dir nicht einleuchten? Und der Mensch sich weigert, die Fahne einzuziehen?«

»Kommt auf mein Gefühl an. Vielleicht lasse ich die Sache auf sich beruhen, weil sicherlich noch andere kommen werden, denen sie aufstößt. Vielleicht marschiere ich aber auch ins Büro seiner GO und rege eine Untersuchung des Vorfalls an. Können die das nicht im Rahmen der Wohn- oder Hausgemeinschaft des Menschen klären, kommt die Sache schlimmstenfalls auf die Tagesordnung des nächsten GO-Plenums, zu dem ich womöglich eingeladen werde. Der Übeltäter dürfte dann früher oder später um Entschuldigung bitten. Ich möchte den Republikaner sehen, der sich hartnäckig gegen den Wunsch des Kollektivs stellt. Das wird dem Mann oder der Frau doch unerträglich.«

»Schon möglich … Nimm aber an, es sei so etwas wie Gefahr im Verzuge im Spiel. Auf dem Transparent steht Genossin Soundso ist eine Sau, die mit jedem Stadtrat schläft. Seine ganze Kommune kann ihn nicht überreden, es schleunigst abzuhängen. Kommen dann die Hündchen?«

Phil schüttelte belustigt seinen Kopf und fuhr sich mit der Hand über sein sorgsam zurückgekämmtes graues Haar. »Was für Konstruktionen! Aber bezeichnend dafür, wie der freie Westen denkt. Sowas macht hier keiner! Es sei denn, ein Durchgedrehter oder ein Gast.«

»Na gut. Und den muß man notfalls mit Polizeigewalt in die Schranken verweisen?«

»Wenn es nicht anders geht, ja. Aber es werden sich ja wohl ein paar durchtrainierte MitbewohnerInnen finden. So einen Fall hatten wir mal in der GO Waisenhausplatz. Eine Bewerberin, deren Ersuchen auf Probezeit wiederholt abgewiesen worden war, wollte bei ihrem jüngstem Besuch trotzdem bleiben. Sie beschimpfte die Waisenhäusler-Innen, sperrte sich in ihrem Gästezimmer ein und gab vor, über ihr Handy mit tausend mächtigen Freunden zu telefonieren. Ein paar Leute drangen durchs Fenster ein und beförderten sie mit einer Pferdekutsche gewaltsam zum Bahnhof. Sie tobte noch im Zug. Also wurde sie gefesselt und ein paar Leute begleiteten sie wohl oder übel bis Bufleben. Das alles ließ sich noch ohne Hündchen bewerkstelligen. In Bufleben wurde sie dann allerdings von der Gothaer Polizei erwartet. Was sollten wir anderes machen? Sie hätte gleich wieder den übernächsten Zug nach Konräteslust geentert und ihn womöglich kurz und klein geschlagen.«

Achim schenkte Phil nach und weidete sich dabei an der Vorstellung dieses Wütens in dem rotschwarzen Kurzzug, den er ja kannte. Sicherlich würde sie zuerst alle Polster aufschlitzen …

»Und wenn sie ein Messer hat? Oder im Koffer eine Maschinenpistole?«

»Eben dann müssen wir unsere Hündchen bemühen.«

Achim wog sein Haupt. »Und wenn die Hündchen aufgrund geschickter Bestechung im politischem Machtkampf der Republik bemüht werden?«

»Sehr unwahrscheinlich. Zum einen werden nur bewährte Personen als Hündchen vorgeschlagen – und sie werden wie die Stadträte unmittelbar vom Republikplenum gewählt. Zum anderen wäre solch ein Putsch schwachsinnig, denn wie wollten sich die Putschisten unter den gegebenen Umständen halten? Da müßten sie schon eine ganze Privatarmee von Blackwater anheuern.«

»Wahrscheinlich hast du recht«, gab Achim zu. »Trotzdem ist mir eine Polizei unbehaglich. Mein Vater, ein Altlinker aus dem Westen, hat immer gegen das Gewaltmonopol des bürgerlichen Staates gewettert – aber hier liegt ja ebenfalls ein Gewaltmonopol vor, nämlich in Form der Befugnisse und Waffen eurer Hündchen.«

Phil nickte. »Selbstverständlich ist die Sache heikel. Sie wurde 1995 weißgott heftiger erörtert als die Plakatierung im öffentlichen Raum. Viele fürchteten, wir kämen vom Regen in die Traufe. Bis dahin war regelmäßig die Gothaer Polizei bei uns aufgetaucht, um nach dem Rechten zu sehen, wie es so schön heißt, oder auch zwischendurch, um etwa einen Diebstahl durch Fremde aufzuklären. Von diesem Ordnungsrecht war die thüringische Landesre-gierung bei den Sezessionsverhandlungen nicht abgegangen. Nun wollten viele RepublikanerInnen diese Polizeipräsenz nicht mehr, und da sagte die Landesregie-rung: na gut, dann müßt ihr aber eine eigene Polizei schaffen, die zumindest formal der Gothaer Polizeidirektion untersteht. Wir einigten uns dann auf das inzwischen bewährte Modell. Unsere gewählten Hündchen haben sich vor Amtsantritt einer komprimierten Ausbildung von vier Wochen bei der Gothaer Polizei zu unterziehen. Leichte Schußwaffen und Handfesseln werden ihnen von dort gestellt. Auf Uniformen dürfen sie verzichten, solange sie anderweitig gekennzeichnet sind. Sollte es zu Verhaftungen kommen, sind die Betreffenden nach Gotha zu überstellen. Sollte es zu Beschwerden über das Wirken der Hündchen kommen, einerlei von welcher Seite, hat die Gothaer Polizei das Recht, ihnen nachzugehen und gegebenfalls juristische Schritte einzuleiten. Das war so das Wesentliche. Nach den bisherigen Erfahrungen sind wir mit diesem Kompromiß sehr gut bedient. Und was wäre die Alternative?«

»Vielleicht die berüchtigte allgemeine Volksbewaffnung?«

Phil grinste. »Da hätte uns die Landesregierung schön was gehustet! Schlagzeile der Thüringer Allgemeinen: 2.000 RepublikanerInnen sturmbereit … Aber ich versichere dir, die RepublikanerInnen selber hätten nicht die geringste Lust, sich bewaffnen zu lassen. Sie hassen Waffen. Sie möchten nicht versucht sein, ihre Potenz mit Hilfe der feuernden Rohre zu beweisen. Lieber als das Schießen zu üben wollen sie Modelle gewaltfreier Konfliktlösung trainieren. Nicht wenige von ihnen finden es schon schlimm genug, ihre Kinder erziehen zu müssen. Denn welche Kindererziehung käme ohne Gewalt aus? Dazu bedarf es noch nicht einmal eines Fußtritts oder einer Woche Stubenarrest. Zu drohen, dem Sprößling 'böse zu sein', genügt.«

In diesem Punkt mußte Achim Phil rechtgeben. Er erzählte von seinem Vater, der seinem »antiautoritären« Anspruch gemäß gar nicht erziehen wollte, es aber auf subtilem Wege umso übler tat. Er verbot Achim nichts und schrieb ihm nichts vor, gab ihm freilich seine Zu- und Abneigungen unmißverständlich zu verstehen. War Achim dann in seinem Freiheitsdrange wieder in die Falle getappt, murmelte der Vater prompt: »Ich wußte es ja.« Auf diese hinterhältige Weise blieb der Vater stets im Recht, während sich in Achim Unsicherheit und Schuldgefühl auftürmten. Als er merkte, wie sich diese Muster in Beziehungen zu Freunden oder Kollegen wiederholten, unterzog er sich einer Gruppentherapie bei einem Psychologen, der ihm empfohlen worden war. Er kannte die anderen TeilnehmerInnen nicht, doch ihre Probleme kamen ihm umso bekannter vor. Nebenbei wurde er auf seine seltsamen Vorurteile gegen alles »Linke« aufmerksam – ihre Quelle fand sich in seinem »linken« Vater. Möglicherweise habe er auch seine »unpolitische« Berufswahl – zum Musiker – vor allem aus Trotz gegen den Vater getroffen. Achim versicherte, diese Aufarbeitung, so peinlich sie zuweilen gewesen sei, habe ihn von mancher Verkrampfung befreit, und Phil nahm ihm das gerne ab.

Von Achims Erzählung her stellte sich nun auch das Phänomen polizeilicher Gewalt etwas differenzierter dar. Wie sie von denen, die sich ihrer aufgrund ihrer wirtschaftlichen, politischen oder auch nur körperlichen Stärke mit Vergnügen bedienen, gern verharmlost wird, messen ihr die kleinen Leute oft zu viel Bedeutung bei. Sie übersehen die Gewalt, die in den Strukturen und Verkehrsformen eines sozialen Gebildes steckt. Auch der Staat übt seine Macht nicht in erster Linie durch Maschinengewehre aus. Ein Behördenformular, ja schon der Blick eines Bürokraten kann Selbstvertrauen zerstören, einen Asthmaanfall hervorrufen, ganze Existenzen vernichten. Man wird selten mit einer Axt, umso öfter mit der Aussicht bedroht, in Ungnade zu fallen – ob bei Vater Staat oder dem eigenen Erzeuger.

»Wahrscheinlich ist das der wichtigste Anzeiger für den in Gesellschaften oder Gruppen herrschenden Freiheits-grad«, sagte Phil: »Der Pegelstand von Drohungen aller Art. Je mehr dieser sinkt, umso größer die Freiheit.«

Da sich der Rotweinspiegel auch schon fast auf den Boden ihrer Flasche gesenkt hatte, brachen sie bald auf. Jetzt spürte Achim seinen Muskelkater in den Oberschenkeln wieder. Er ging gleich zu Bett.



10

Der Brotkorb West lag nur zwei Straßen vom Walnußhaus entfernt. Achim wollte vor allem frische Frühstücksbröt-chen holen. Es war über Nacht kühler geworden. Er hatte für diesen Tag den Küchendienst übernommen, doch zu seiner Erleichterung hatte sich Torsten bereit erklärt, den Ofen in der Wohnküche zu besorgen. Im Brotkorb – auch schon früher Bäckerei – war es eher zu warm, weil das Kollektiv der BetreiberInnen die Wand zwischen Laden und Backstube herausgerissen hatte. Nur eine Kühltheke trennte die beiden Räume. Die Plätze in ihr und den Regalen waren beschildert, was die Selbstbedienung erleichterte. Während Achim die gemäß seinem Zettel ausgewählten Backwaren in seinen Beutel tat, kam aus dem Hintergrund der Backstube ein junger Mann im Unterhemd geschlendert, der seine grau-weiß karierte Bäckerhose mindestens viermal um den Gürtel gewickelt hatte. Er kratzte sich unter seiner weißen Schiffchenmütze und grüßte freundlich. Ob Achim ein Besucher der Republik sei? Achim bestätigte es, fischte jedoch Torstens Hundemarke aus der Innentasche seiner Jacke und erklärte, er kaufe fürs Walnußhaus ein. Der junge Bäcker nickte verständig, berichtigte aber, in diesem Falle hole Achim ein, das sei der interne Sprachgebrauch. Er zwinkerte mit einem Lächeln und zog sich wieder zurück. Achim nickte, denn der Unterschied leuchtete ihm ein. Bald darauf verließ er den Laden.

Da die Republik nicht wirklich autonom, vielmehr mit etlichen Fäden ans »feindliche« Umland gebunden war, kam sie nicht umhin, allerlei Zugeständnisse zu machen. So auch in der Verteilungsfrage. Zu den vielen Vorteilen einer Wirtschaft ohne Tausch zählt der Wegfall des kostspieligen und für allerlei Seuchen guten Geldes, des parasitären Handels, der Volksverdummung namens Werbung sowie des Verkaufs-, sprich: Überwachungs-personals. Nun hatte Konräteslust aber starken Besuch; ihn freizuhalten war unmöglich. Es war auf Bezahlung angewiesen und mußte sich auch vor Diebstählen schützen. In gewissem Sinne war man deshalb zu genau der Doppelmoral gezwungen, die jeder Konrätesluster haßte. Es ging nicht anders. Man behalf sich mit Gelassenheit und möglichst einfachen Lösungen je nach den Umständen. Die BrotkörblerInnen beispielsweise warfen die geringen täglichen Einnahmen kurzerhand in einen Schuhkarton. Sie benötigten keine computerge-steuerte Registrierkasse. Einmal pro Woche schütteten sie diesen Karton in der Republikbank – die im altem Postamt in der Hauptstraße residierte – auf den Tresen. Eine Mitarbeiterin der Bank erfaßte diese Einnahme im zentralem Rechner der Republik, doch Belege waren überflüssig. Dafür unterzogen sich die Konrätesluster BrotkörblerInnen, wie Achim später mit Erstaunen hörte, der kleinen Mühsal, sich nach jedem Griff in ihren Schuhkarton oder was sie sonst als Kasse benutzten die Hände zu waschen, bevor sie diese wieder in ihren Brotteig hieben. Angeblich wollten sie sich damit weniger der Sündhaftigkeit als des Seuchenpotentials des Geldes erwehren, das ja in der Tat durch zahlreiche mehr oder weniger schmutzige Hände wandert. Eine entsprechende Beschlußvorlage für die Vollversammlung der Republik wurde allerdings schon in einer Arbeitsgruppe mit dem etwas spöttischem Argument abgeschmettert, wenn sich die BrotkörblerInnen nach jeder Berührung einer republikanischen Türklinke gleichfalls die Hände waschen wollten, kämen sie nicht mehr dazu, auch nur ein Hörnchen zu backen. Gärtnerin Magda empfahl, lieber mehr Ingwerknollen zu importieren. Die stärkten die Abwehrkräfte.

Leiter der Bank waren der Stadtrat oder die Stadträtin für Finanzen, also ein vom Plenum für ein Jahr gewählter, besonders vertrauenswürdiger Mensch. Diese »Bank« stellte nichts anderes als den gemeinsamen Finanztopf der Republik dar. Aus ihm und in ihn wurde gewirtschaftet. Der Topf gehörte allen – so wie auch die Stadtkirche, die Weinstube oder Hämmerchens Kartoffelacker allen gehörte. Privatkonten gab es nicht. Sämtliche Einkünfte eines Republikaners wanderten in den Topf, ob es der Geldschein von Mama oder eine väterliche Erbschaft war. Bekam der Schriftsteller und Journalist Heinz Jäckel hin und wieder ein Honorar von der in Berlin erscheinenden Jungen Welt, ließ er es auf das dafür vorgesehene Konto der Republikbank überweisen. Da der Topf allen gehörte, hatte allerdings auch jeder Zugriff auf ihn. Wollte sich Jäckel in Gotha zur Feier eines Literaturpreises (der bereits im Topf lag) eine Flasche Orangenlikör kaufen, brauchte er ausnahmsweise Geld – er holte es sich auf der Bank, gegen Vorlage seines Personalausweises. Die Regel war, daß jeder Beträge bis 150 Euro nach Gutdünken abheben konnte. Dagegen brauchte er für größere Anschaffungen – etwa einen Laptop oder gar ein neues Klavier – Grünes Licht von seiner GO. Das geschah zumeist ohne Debatte. Die Vorhaben wurden am Schwarzen Brett der GO angekündigt und galten als genehmigt, wenn binnen einer Woche niemand Einspruch erhob. Wenn doch, hatte der betreffende Pech: er mußte bis zum nächsten GO-Plenum warten und sich dort unter Umständen rügen lassen.

Auch LeserInnen ohne Abitur werden sich allerdings sagen: hebt Jäckel oder sonstwer an einem Tag oder auch in einer Woche 20 mal 150 Euro ab, hat er seinen Laptop, ja schon fast ein Klavier ohne Genehmigung im Sack. Darauf würde Phil erneut erwidern, so etwas mache hier keiner. Wenn aber doch, falle es selbstverständlich auf. Stellte nicht schon die Mitarbeiterin in der Bank den Jäckel zur Rede, würden sich spätestens auf dem nächsten Plenum seiner GO einige Dutzend Stirnen runzeln. Hatte Jäckel bereits 600 Euro aus dem Fenster geworfen, hatte die Republik Pech. Solche Veruntreuungen waren in der 20jährigen Republikgeschichte so gut wie nicht vorgekommen. Übrigens stand die gesamte Buchhaltung der Bank im Intranet – das im Falle dieser Zwergrepublik öffentlich war. Jeder konnte es ohne Paßwort einsehen. Das galt auch für den bundesdeutschen Verfassungsschutz, denn Konräteslust hatte nichts zu verbergen.

Wie sich versteht, waren Jäckels Kleider, seine Lieblings-bücher und selbst sein vergoldeter Füllfederhalter, falls er einen besaß, kein Gemeineigentum. Persönliche Habe wurde geachtet. Für den Fall eines Ausstiegs aus dem Projekt Konräteslust legte ein kurzer Ausstiegsvertrag, den jeder schon bei seinem »Einstieg« mit seiner GO abschloß, ungefähr fest, was der Betreffende mitnehmen würde. Zudem wurde ihm ein bestimmtes »Ausstiegsgeld« verbrieft. Es richtete sich keineswegs danach ob er viel, wenig oder gar Schulden eingebracht hatte; es sollte ihm nur einen Neustart außerhalb der Republik gewährleisten. Für einen Erwachsenen ohne Kinder lag dieser Betrag gegenwärtig bei maximal 3.000 Euro. Hatte er einen sehr gefragten Beruf oder gar die Aussicht, Vaters Klavierfabrik zu erben, erhielt er weniger. Das Beispiel deutet eine Faustregel an, die Anarchisten in allen gesellschaftlichen Bereichen berücksichtigt sehen möchten: die Menschen sind nicht gleich. Sie haben alle Anspruch auf Würde und Freiheit, doch ihre Bedürfnisse und Kräfte sind so verschieden wie ihre Lebenssituationen und Naturelle. Neoliberale »Kopfpauschalen« bei der Finanzierung des Gesundheitswesens beziehungsweise der Medizinmafia sind so ungerecht wie die »Praxisgebühr« und die »Mehrwertsteuer«.

Achim kochte Tee und Kaffee und unterhielt sich ein wenig mit Lisa, die bereits ihr Müsli umschaufelte. Sonst war niemand im Raum. Von besonderen Anlässen abgesehen, wurden die Mahlzeiten im Walnußhaus ziemlich regellos eingenommen, je nach den Verpflichtungen oder Wünschen der einzelnen Leute. Mahmud zum Beispiel war bereits zu seiner Grundschule aufgebrochen, während Phil vermutlich lange schlafen würde, denn er mußte heute weder ins Bahnhofscafe noch zu irgendeiner Sitzung. Da das Mittagessen ohnehin außerhalb stattfand, war »Küchendienst« keine Fron. Man hatte vor allem einzuholen und sauberzumachen: Geschirr, Küche und die beiden Badezimmer der Kommune. Achim konnte sich also fast wie zu Hause fühlen, denn seine Berliner Haushaltsführung sah kaum anders aus. Er aß stets in diversen Theaterkantinen. Das Saubermachen war ihm keineswegs lästig, stellte es doch eine willkommene Abwechslung zum Klavier- und Flötespielen und seiner Lehrtätigkeit dar. Als er in der Frühe Torsten beim Holzspalten im Schuppen erblickte, hatte er sich sogar gedacht, das wäre auch etwas für ihn. Aber nein, als »Sport« hatte er sich nicht etwa Handball oder Boxen, vielmehr Snooker auserkoren. Man bewältigte dieses Spiel eher mit dem Kopf als mit dem Billardstock. Ehrlich gesagt, hatte er seit jener Gruppentherapiezeit stets die Liebe als angenehmstes Mittel körperlicher Ertüchtigung empfunden, doch in diesem Jahr saß er in dieser Hinsicht leider auf dem Trockenen. Seine letzte Geliebte war Lehrerin an der Kreuzberger Waldorfschule gewesen. Über ihre Fertigkeiten in der Gymnastik konnte er nicht klagen, doch auf die Dauer ging ihm ihre Verehrung für Rudolf Steiner gegen den Strich. Es kam zum Zerwürfnis.

Von Lisa erfuhr er zu seiner Verblüffung, es gebe nur zwei Grundschulen in Konräteslust – keine anderen Schulen. Sie selber würde gleich zur BG Montaigne gehen, die im Waisenhaus tage. BGs waren Bildungsgruppen. Die sehr praktisch ausgerichteten Grundschulen wurden gern besucht, obwohl es keine allgemeine Schulpflicht gab. War ein Kind 10 oder 11, überlegte es gemeinsam mit seinen Eltern und Betreuern, wie es weitergehen könnte. Den Wunsch, ein Gymnasium in Gotha oder die traditions-reiche Salzmannschule in Waltershausen zu besuchen, äußerte es selten. In der Regel ersuchte es gemäß seiner Neigung um Aufnahme in einer der ganz unterschiedlich orientierten BGs der Republik. Allgemeine Lehrpläne oder Vorschriften über die Strukturierung und den Umfang des Unterrichts existierten nicht. Die Gruppen waren von ihrem Leiter oder ihrer Leiterin geprägt, die ihren eigenen Konzepten folgten. Zum Teil zogen sich die LeiterInnen »Gastdozenten« heran wie etwa bei Montaigne den erwähnten Schriftsteller Jäckel. Oder sie besuchten mit ihrer Gruppe einen Betrieb der Republik zwecks Erforschung und Mitarbeit. Sie erprobten und veränderten ihre Konzepte im Lauf der Gruppenpraxis. Das heißt, die »SchülerInnen« trugen zu diesen Konzepten nicht unerheblich bei. In der BG Montaigne lag das Schwergewicht auf den Bereichen Kritisches Denken / Europa in der Renaissance / Französische Sprache. Aber selbst dort wurde keineswegs nur geistig gearbeitet. So betreute die Gruppe einen kleinen Weinberg, den sie selber oberhalb des Hutewäldchens angelegt hatte. Die dortigen Anhöhen gehen gen Süden. Wie sich versteht, hieß der Weinberg Montaigne. Im übrigen wurden die BGs von jedem Jugendlichen, der für diese Art des Unterrichts Feuer gefangen hatte, mehr oder weniger oft gewechselt. Im ganzen sprang dabei eine hübsche Allgemeinbildung heraus – sofern man Jäckels ausnahmsweise auf englisch abgehaltener Predigt anhing, less sei more.

Lisa mußte aufbrechen. Etwas später kamen Ingeborg und Jens zum Frühstück, ein Liebespaar, wie Achim schon bemerkt hatte. Er schmierte sich jetzt auch selber ein Brötchen. Ob er die beiden mit dem Thema Schule belästigen dürfe? Er durfte. Er erwähnte Lisas Bemerkungen zu den BGs und fragte, ob es den Begriff Allgemeinbildung nicht ad absurdum führe, wenn im Ergebnis jeder Absolvent dieser BGs eine andere habe?

Jens schmunzelte und sah seine Geliebte herausfordernd an. Sie gehörte dem dreiköpfigem Team an, das die Stadtbücherei betreute.

Ingeborg schöpfte Atem, während sie mit den Handrücken ihre rotgefärbte Mähne über die Schultern warf. »Ja und nein, würde ich sagen. Die Behauptung bürgerlicher Staaten oder von deren Kultusministerkonferenzen, sie wüßten, was man wissen müsse, ist eine Anmaßung. Die Menschen sind doch verschieden. Der eine hat Goethe schon mit der Muttermilch aufgesogen, während der andere den Herrn Geheimrat aus Weimar noch als Greis nicht vermißt. Jens ist gelernter Raumausstatter. Da ist es schon gut zu wissen, wie sich eine bestimmte Seitenlänge eines Behälters, an die man nicht mit dem Zollstock herankommt, mit Hilfe des Satzes von Pythagoras ausrechnen läßt. Aber zum Systematisieren und Verwalten von Büchern brauche ich a² + b² = c² nicht. Auf der anderen Seite gibt es ohne Zweifel ein wünschenswertes Grundlagenwissen, über das jeder Mensch verfügen sollte, zumal in libertären Projekten wie Konräteslust. Es betrifft zum Beispiel die Geschichte, die Kritikfähigkeit, das Ausdrucksvermögen, die Moral, die sozialen Beziehungen, auch Psychologie. Aber die diesbezüglichen Lehren stecken so gut wie in jedem Ausschnitt der vergangenen oder gegenwärtigen Wirklichkeit, wenn ich ihn mir nur gründlich genug vornehme. Hier kommt es nicht darauf an, welchen Ausschnitt ich wähle, sondern wie tief ich in ihn hinabsteige. Auf das lebenswichtige Grundwasser stoße ich überall. Ich nehme einmal an, das hatte Jäckel im Auge, als er Mies van der Rohes less is more ins Feld führte.«

Achim prostete Ingeborg mit der Kaffeetasse zu und ließ ihre Worte auf sich wirken. Er weidete sich dabei auch an dem bewunderndem Blick, den Jens der rothaarigen Referentin schenkte. Wahrscheinlich war Jens noch recht frisch in sie verliebt.



11

Nach dem Putzen ging Achim zur Ziegelei. Er hatte auf dem Podium im Speisesaal ein Klavier, unter den Fenstern dagegen Zentralheizungskörper gesehen. So fragte er in Büro und Küche, ob er bis zum Mittagessen Klavier und Flöte üben dürfe. Man bat ihn ganz im Gegenteil darum.

Der Saal war dem Tobezimmer des Walnußhauses sowohl in der Wärme wie in der Akustik überlegen. Achim war in Form. Kaum hatte er auf dem Piano einen Ragtime von Scott Joplin angespielt, schwang ein Koch mit bunter Schürze die Glastür auf und hakte sie an der Saalwand ein. Achim schnupperte – ein klarer Fall von Zwiebeln. Es waren freilich nicht nur die Essensdünste, die Achim trotz seiner Spielfreude die Konzentration erschwerten. Eine bestimmte Tischecke im Saal kam hinzu. Sie zog immer wieder seinen Blick auf sich, weil er dort mit der betörendsten Kartoffelleserin gespeist hatte, die ihm bislang begegnet war. Vielleicht hatte ihn Jens angesteckt, denn vor Birgit hatte er noch keine Kartoffelleserinnen getroffen. Wahrscheinlich hätten sie auch keine roten Latzhosen angehabt. Er hatte sich bereits auf dem Herweg gefragt, ob es mit seiner Manneswürde zu vereinbaren sei, einer Polizistin hinterher zu laufen. Und wenn ja, blieb immer noch die Frage, ob es sachdienlicher sei, am Telefon einen Vorwand zu präsentieren oder lieber gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Im zweiten Fall hätte er lediglich festzustellen: du gefällst mir, wann sehen wir uns? Im ersten Fall mußte er den Vorwand leider zunächst einmal finden, bevor er ihn äußern konnte. Als er auf der Flöte mit Mühe eine Etüde von Franz Doppler gemeistert hatte, fiel ihm der Vorwand »Iris« ein; schließlich war Birgit Polizistin. Von der Küche her erklang Händeklatschen: es war der ihm bereits bekannte Koch, wie Achim sah. Sein Beifall galt der Etüde. Im Saal roch es jetzt nach Bohnen und Fisch, wenn sich Achim nicht täuschte. Im Walnußhaus hatte er erneut ins Intranet geschaut und keine Antwort auf seine Suchanzeige erblickt. Zwei Frauen, die sich ihm entzogen, das kratzte schon an der Ehre.

Gegen 13 Uhr schraubte Achim seine Flöte auseinander und wischte sie aus. Seine heimliche Hoffnung, Birgit werde zum Mittagessen auftauchen, erfüllte sich nicht. Immerhin kam Hämmerchen. Der vierschrötige Bauer schob sich neben ihn und bewunderte die feingliedrige Schlosser- oder Schmiedearbeit, die in Gestalt der drei Rohrteile im Samtbett des Querflötenkastens lag. Er wagte es, mit seinen schruntigen Fingern auf ein paar Klappen zu tippen. Seine Finger waren doppelt so breit wie die Klappen. Er fürchte, für ihn sei das nichts, meinte Hämmerchen grinsend, um dann Achim lieber auf die Schulter zu hauen.

Sie aßen und gingen noch gemeinsam bis zu der kleinen gemauerten Boberbachbrücke, die zu Hämmerchens Hof führte. Dabei fing es an zu nieseln. Wie Achim von Phil wußte, war Hämmerchens Frau schon vor Jahren gestorben. Es wäre natürlich pietätlos gewesen Hämmerchen zu fragen, ob er und seine Frau gemeinsam unter einen Regenschirm gepaßt hatten. Bei aller Gutmütigkeit – sie hatte doch ihre Grenzen. Hämmerchen lüftete seine Schiebermütze und bog ab.

Im Walnußhaus setzte sich Achim mit einer Tasse Kaffee in die Sofaecke der Wohnküche. Er hoffte, der Regen würde demnächst wieder aufhören, denn er wollte noch zum Einholen ins Depot West. Dann konnte er sich unterwegs auch wieder überlegen, mit welcher Taktik Birgit zu ködern sei. Jetzt interessierte ihn die Nessedepesche, die er neben anderen Zeitungen auf der langgestreckten Anrichte erspäht hatte, auf der auch das »untere« Telefon der Kommune stand. Das »obere« stand im Flur des 1. Stocks. Die jüngste Ausgabe der Nessedepesche stammte vom laufenden Monat September. Wie ihm der bärtige Klaus erklärt hatte, erschien das Blatt stets in der ersten Monatswoche und damit kurz nach dem Plenum der Republik. In der Tat machte die September-ausgabe mit dem Plenumsbeschluß auf, die Anhöhen über dem Hutewäldchen mit zwei hohen Windradmasten zu spicken. Offenbar war diese Entscheidung heftig umkämpft worden. Sie bekam am Ende knapp 82 Prozent. Durch diesen Artikel erfuhr Achim nebenbei, daß das Plenum nur beschlußfähig war, wenn sich mindestens 50 Prozent der Stimmberechtigten in der Stadtkirche eingefunden hatten.

Der schmale Leitartikel am Rand der Titelseite war von dem geachteten Stadtrat für Verkehrsformen John Easten verfaßt worden – was Wunder, es ging um Streitkultur. Achim hatte Geschmack an dem Blatt gefunden und blätterte es zunächst einmal durch, um seinen Eindruck zu vervollständigen. Es wirkte gediegen und ausgesprochen sorgfältig gemacht. Die Bebilderung war gering, dafür stachen einige Karikaturen und Lageskizzen ins Auge. Es handelte nicht nur vom eigenen Teller. Schon die Titelseite brachte einen Artikel zu den kriegerischen Ambitionen der EU, wobei ein Massaker an Zivilisten als Aufhänger diente, das soeben von einem deutschen Obersten im afghanischen Kundus veranlaßt worden war. Davon hatte Achim bereits anderweitig gelesen. Die Seite drei der Nessedepesche war sogar ausschließlich »außenpoli-tischen« Fragen gewidmet. Im Feuilleton mischten sich Beiträge über das interne kulturelle Geschehen mit einem Artikel über gesellschaftskritische Musik aus Asien, einer philosophischen Betrachtung über den Reitsport mit dem Titel Die Bürden der Pferde sowie etlichen Buchbespre-chungen. Zudem schien Heinz Jäckel eine feste Kolumne im Feuilleton der Nessedepesche zu haben. Aktuell ließ er sich über Rebirthing aus. Die ersten Worte des Schrift-stellers fesselten Achim mehr als das Thema des Musik-artikels. Er las die Kolumne mit einigem Schmunzeln. Wir geben sie im Anschluß an dieses Kapitel wieder.

Die dreiköpfige Redaktion der Nessedepesche residierte im Haus der ehemaligen Nessepost, einer traditionsreichen Tageszeitung, die zuletzt den Kampf für die Freie Republik unterstützt hatte. Dort lag auch die Druckerei. Die Zeitung war zunächst eingestellt worden. Doch nun hatte ihre Nachfolgerin, das Monatsblatt, seine Auflage in nur knapp 10 Jahren von 600 auf 4.000 Exemplare gesteigert. Der Löwenanteil davon ging an bundesdeutsche und ausländische Abonnenten. Wie sich versteht, war es trotzdem ein Zuschußgeschäft. In den ersten Jahren hatte es manches Murren gegeben. Die Republikzeitung könne »von unten« geschrieben und hergestellt werden, das sei authentischer und erheblich billiger. Wozu den Luxus eines professionell gemachten Blattes? Jonny und andere erklärten es:

Die Republik benötige ein publizistisches Flaggschiff, das sowohl die Einheimischen hinter sich herziehe wie nach außen bahnbrechend wirke. Beides gelinge dem Blatt ersichtlich nur dann, wenn es ein höheres Niveau als die Republik besitze. Die gesammelten Erfahrungen zu bündeln, Schwächen aufzudecken, anzuspornen, neue Wege zu weisen – solche Aufgaben erforderten ein paar Leute, die sich nicht nur auf die Sachfragen, sondern auch auf Ausdrucks- und Darstellungsfragen verstanden. Weiter sei ihnen der zeitliche und finanzielle Spielraum zu gewähren, der für eine sorgfältige Redaktionsarbeit unabdingbar ist. Um Machtmißbrauch zu verhindern, schlage er allerdings vor, die Redaktion wie die Stadträte und die Hündchen vom Republikplenum wählen oder gegebenenfalls abwählen zu lassen. So wurde dann auch verfahren. Den vielen, die argumentierten, man habe doch als Aushängeschild die Webseite im Internet und als Plattform für Dokumente und internes Diskussionsforum das Intranet, hielt Jonny einen gewagten Vergleich entgegen. Damals war gerade die Gerbergasse neu gepflastert worden. Jeder von den vielen tausend Steinen, die sie von Pferdefuhrwerken aus ins sandige Gassenbett gekippt hätten, sei ohne Zweifel ein unverzichtbarer Beitrag gewesen – »aber dieses Bauwerk Gerbergassen-pflaster bringen wir durch das Abkippen allein noch nicht zustande«.



12

Frühstück in einer nordamerikanischen Kommune. Unter den Gästen eine schwarzgelockte Korbflechterin, die mir gefällt – solange sie nicht den Mund aufmacht. Doch Sylvia schwärmt von einem Rebirthing, dem sie sich neulich im Rahmen irgendeines esoterischen Seminars unterzogen habe. Es handelt sich um eine bestimmte Atemtechnik, die es dem Probanten angeblich gestattet, sich in frühere Bewußtseinszustände zurückzuversetzen. In diesem Fall ging es also um das »Wiedererleben« der eigenen Geburt. Aus dem Zustand der Entrückung wieder auf den Boden der Tatsachen geholt, habe Sylvia spontan geäußert: »Hier bin ich aber völlig falsch gelandet!« Das war natürlich wenig positiv. Doch bei der späteren Auswertung habe der durchführende Therapeut erläutert: »Hättest du nicht leben wollen, wärst du auch nicht zur Welt gekommen. Oder du wärst nicht am Leben geblieben – vielmehr schon als Säugling krepiert. Du wolltest also durchaus.« Nun wirft sie ihre Locken und versichert mit ausgebreiteten Armen: »Das hat mir schlagartig eingeleuchtet! Seitdem sehe ich die Welt nicht mehr mit schwarzen Augen.«

Sie erntet ausschließlich Zustimmung. Dadurch daran erinnert, mich in den USA, also der Hochburg des Positiven Denkens zu befinden, verzichte ich kleinmütig auf eine Widerrede, zumal ich nur mangelhaft Englisch spreche. Doch hier ist sie. »Ich nehme an, du hast dich dem Seminar unterzogen, um dich von jener Depression zu befreien, die du angedeutet hast ..? Gut. Du hattest dich also ins Tal der Depression verirrt und suchtest das Tor. Nichts leichter als das! Den Willen zur Läuterung vorausgesetzt, brauchst du nur die Warte zu wechseln, dann fällt dein Blick darauf. Diese Faustregel funktioniert immer, weil die Menschen widersprüchlich und die Dinge ambivalent sind. Sie lassen sich so oder so auslegen, ganz wie wir sie brauchen. Möchte ich also beweisen, daß ich das Leben schon immer geliebt habe, werde ich die Beweise dafür finden. Du fandst sie in deinem Rebirthing – nachdem der Therapeut ein wenig nachgeholfen hatte. Plötzlich verfügt Säugling Sylvia über einen Willen und wählt die Welt! Es war nicht etwa der brennende Wunsch ihrer Mutter oder der von Obama gesponserten Versicherungskonzerne, sie ins Dasein und an die Kasse zu zerren. Auch dem Zufall, daß am Brutkasten Nummer 27 nicht der Strom ausfiel, verdankt sie ihr Leben nicht. Sie verdankt es vielmehr einem heilig gesprochenem Überlebenswillen. Als ob der Hang zum Überleben erstaunlich sei! Jede Fliege, der Kinder fünf Beine ausgerissen haben, und jeder von Darmgrimmen geschüttelte Hundewelpe kennt ihn. Für mich scheint hier ein 'biodynamischer' Lebensbegriff auf, der vom Armstummel des Contergankindes bis zum dementen Klappergreis alles gutheißt, was 'die Natur' in ihrer Güte geschaffen hat. Ich halte 'das Leben' eher für ein groteskes grausames Roulettspiel. In dem Roman
Wie eine Träne im Ozean bemerkt Sperbers Partisanendichter Djura einmal, Sterben sei eine halbe, weil verspätete Maßnahme. 'Nicht geboren zu werden, das hätte einem gelingen müssen.'«

So weit meine nicht gehaltene Ansprache. Zu den Kommunarden zählt ein breitschultriger, blonder junger Kerl, der mich durch sein jungenhaftes Lächeln anzieht. Aber Svens Gesicht ist von einem doppeltem Makel geschlagen. Nicht nur, daß seine Nase ein übermächtiger Zinken ist; ihre Spitze wird auch noch von einem pelzigem Muttermal von Haselnußgröße geziert. Noch im Flugzeug nach Europa male ich mir erschrocken die täglichen Leiden dieses Verunstalteten aus. Und ich versichere der guten Sylvia im Geiste, Sven habe es vor rund 30 Jahren kaum erwarten können, seine prächtige Nase aus seiner Mutter zu strecken.




13

Achim hatte Glück, es regnete nicht mehr. Da der Einholzettel auch von Bier sprach, lud er zwei leere Bierkästen auf einen kleinen Handwagen, den ihm Ingeborg gezeigt hatte. Sie paßten nicht nebeneinander. So stapelte er sie und spannte einen »Expander« darüber. Der aus Metall gebaute alte Wagen wäre sogar regensicher gewesen, denn sein Bodenblech war gelocht wie ein Sieb. Er hatte diese Lochblechwagen mit einer gekrümmten Stange zum Schieben oder Ziehen schon öfter in Konräteslust gesehen. Offenbar zählten sie zu der eher geringen positiven Erbmasse der DDR. Sogar in Ostberlin waren sie noch immer beliebt.

Das Depot West lag ein paar Straßen weiter in einem ehemaligem Wirtshaus. Als er seinen blauen Lochblechwagen durch die Eingangstür des angebauten Saales schob, hatte er sich, Birgit betreffend, für die Variante Vorwand entschieden. Er wollte sie gleich anrufen, wenn er vom Einholen zurückgekehrt war. Der frühere Wirtshaussaal hielt neben den Kästen mit Bier oder einigen anderen Getränken die unterschiedlichsten Haushaltsgegenstände bereit, von Warmhaltekannen über Staubsauger bis zum Kühlschrank. Mineralwasser und Mikrowellen gab es nicht. Ein kahlköpfiger Mann um 50 in blauer Latzhose zeigte Achim die Ladengasse zum Leergutstapel. Er war am Sortieren oder Prüfen. Auf dem Tresen am Eingang stand sogar ein gutbestückter Werkzeugkoffer. Bei näherem Hinsehen erkannte man, daß keineswegs alle ausgestellten Güter neu waren. Die Republik setzte in hohem Maße auf Gebrauchtgüter, die sie im Umland streckenweise nachgeworfen bekam. Das galt auch für Baustoffe, etwa Gehwegplatten oder Türen und Fenster. Achim hatte sich erklären lassen, das wunderbare alte Parkett im Ziegeleisaal habe dereinst in einem Friedrichrodaer Kurhotel unter die Fräcke oder Röcke der Gäste gelinst. Das Städtchen liegt hinter Waltershausen im Thüringer Wald. Es findet sich sogar in Ringelnatz' Kuddel Daddeldu erwähnt. Auch elektrisch betriebene Brotschneidemaschinen befanden sich nicht im Angebot. Achim sollte nach einem Wetzstein oder Wetzstab für Küchenmesser schauen, aber ausgerechnet so etwas war nach Auskunft des Kahlkopfs derzeit nicht zu haben. Während der Kahlkopf zum Tresen ging, um das Vermißte im Computer einzutragen, wandte sich Achim zu der Zwischentür, die ins Wirtshaus führte. Dort wurden Bekleidung, Drogerieartikel und Lebensmittel angeboten.

Auch die angebotenen Kleider stammten zu einem Gutteil aus zweiter Hand. Unterwäsche wurde bei dem einen oder anderen Großhändler eingekauft. Für die Verteilung der selbstproduzierten oder besorgten und die Beschaffung der einzuführenden Güter war allein der Stadtrat für Ökonomie zuständig. Selbstverständlich hatte er MitarbeiterInnen, einen gut programmierten Rechner und einige Erfahrungswerte über den voraussichtlichen Bedarf und die voraussichtliche Eigenproduktion. Einen Bedarf konnte jeder Republikaner melden, indem er die dafür vorgesehene Intranet-Seite anklickte. Wie der Stadtrat darauf reagierte, stand auf einem anderen Blatt. Er konnte sich sofort drei Wetzsteine von einer Fabrik in Sachsen schicken lassen; er konnte das Zugpersonal bitten, sie auf Rechnung beim Buflebener Landhandel zu kaufen und mitzubringen; er konnte warten, bis noch ein anderes Depot Wetzsteine reklamierte; er konnte sich von einer Mitarbeiterin sagen lassen, Messer ließen sich nicht übel an den Unterseiten von gewöhnlichen Porzellantellern schleifen, Sensen allerdings weniger; er konnte dem Depot West per Email schreiben, er wette darauf, ein überzähliger alter Wetzstein fände sich nahebei auf Hämmerchens Hof, und so weiter. Entschied er sich wiederholt falsch – was daraus hervorging, daß er sich Unmut zuzog – mußte er unter Umständen mit Rügen in einer Arbeitsgruppe, Plenumsdebatte, Abwahl rechnen. Die Geduld der RepublikanerInnen war aber im allgemeinen groß, da sie alle schon einen mehr oder weniger langen Entwöhnungsprozeß hinter sich hatten. Spätestens in der Probezeit legten sie das westliche Schlaraffenlandgebaren ab. Von 100 Waren und Dienstleistungen, die der bundesdeutsche Bürger für unverzichtbar hielt, brauchten sie 90 überhaupt nicht und fünf andere nicht unbedingt gleich morgen früh.

Mehr noch, führten Engpässe im Güterangebot erstaunlich oft dazu, verblüffende Lösungen zu finden, auf die man ohne den Mangel nie gekommen wäre. Den Satz, Not mache erfinderisch, hatten schon viele BewohnerInnen der DDR begriffen, obwohl er kein marxistisch-leninistischer Lehrsatz war. Wurde ein bestimmter Mangel – etwa an Mountainbikes oder Handys – nicht sowieso als Tugend begriffen, sodaß es noch nicht einmal eines Ersatzes bedurfte, erwies sich der »Ersatz« häufig als besser als das Original. Einige Monate lang war es unmöglich gewesen oder jedenfalls mißlungen, einer Kommune, die offenbar aus empfindlichen Leuten bestand, zwei völlig geräuschlose analoge Wanduhren zu beschaffen. Eine gelernte Glaserin bekam das mit und erfand einen schlichten Kasten für Wanduhren, durch den das Ticken vollständig gedämpft wurde. Die Kommune war begeistert. Die Sache sprach sich herum – und plötzlich wollten Dutzende von Leuten auch so eine Schalldämpfung für ihre Wanduhr haben. Die Glaserin tat sich mit einem Tischler zusammen; sie legten los. Heute boten sie bereits ein Dutzend unterschiedlich gestalteter Uhrendämpfkästen an. Ihre Exportquote lag bei über 80 Prozent.

Ein weniger ausgefallenes Beispiel liefert das Brennholz. Erst die Auslichtung des Mischwaldes im Süden der Republik und einiger Pappelhaine brachte einen Mitarbeiter des Stadtrates auf den Gedanken, eigentlich seien diese Buchen und Pappeln fürs Verheizen viel zu schade. Und die Holzpreise stiegen ja ständig. Also begannen sie das ganze Umland der Republik nach Abbruchholz abzugrasen. Statt auf der Deponie, wo sogar deftige Gebühren fällig wurden, landete es nun auf dem Platz hinter der Ziegelei, denn der nicht ausgebaute Teil der Ziegelei wurde als zentrales Brennholzdepot genutzt. Brachten es die Grundstückseigentümer oder Abbruchfirmen nicht gleich selber per Lkw, wurde es mit Pferdefuhrwerken abgeholt. Manche RepublikanerInnen gingen regelmäßig auf solche Transporte mit, weil sie ihren Spaß dabei hatten. Gewiß war der Heizwert des überalterten Abbruchholzes geringer als der von den eigenen Buchen und Pappeln – aber dafür waren seine Kosten noch ungleich geringer. Die SägerInnen, die es in der Ziegelei zerkleinerten, hatten lediglich wie die Luchse auf Nägel und anderes Eisen zu achten. Ein zweites zentrales Konrätesluster Depot bot Möbel an. Es lag unweit des Bahnhofs in der ehemaligen Saatgutzucht-station. Selbstverständlich waren es überwiegend Möbel aus zweiter oder fünfter Hand.

Achim brachte die Bierkästen in den Keller des Walnußhauses und nahm die pralle Einkaufstasche mit nach oben in die Wohnküche. Während er ihren Inhalt verstaute, steckte Jens seinen Kopf in die Küchentür.

»Vor ein paar Minuten wurdest du am Telefon verlangt, Achim.«

Vielleicht Iris! dachte Achim. »Von wem denn?«

»Birgit aus der Bornmühle. Das Hündchen. Du hast doch nichts ausgefressen? Du mögest sie bitte zurückrufen. Die Nummer steht im Buch.«

Jens' Kopf verschwand und Achim beeilte sich mit dem Wegräumen.

»Das Buch« lag auf der Anrichte neben dem Telefon. Es war ein großes Heft, in das Nachrichten, zuweilen auch Gefühlsausbrüche eingetragen wurden. Es glänzte auch durch meisterhafte Kritzeleien. Wer nach Hause kam, warf seinen ersten Blick zumeist in dieses Heft.

»Hallo, Achim hier. Du hast mich freundlicherweise um einen Rückruf gebeten. Ich mußte zwei Bierkästen durch die Gegend kutschieren. Fast wäre ich von Indianern überfallen worden.«

Birgit lachte. »Ich hörte davon! … Mich überfiel der Gedanke, dir eine Partie Snooker vorzuschlagen. Vielleicht spielst du ja schlechter als ich, dann könnte ich dich nach dem Sieg skalpieren.«

»Woher willst du denn wissen, daß ich überhaupt Snooker spiele?!« erwiderte Achim verdutzt.

»Internet! Dein Orchester hat eine Webseite, da werden sie alle vorgestellt, die begnadeten MusikerInnen – einschließlich ihrer sogenannten Hobbys. Bemüht man eine leidlich aufgeweckte Suchmaschine, ist außerdem zu erfahren, du habest eine Flötenschule verfaßt und ähnlich viele CDs eingespielt wie die Mutter deiner Tochter.«

Achim schmunzelte. »Aha … Man hat dich nicht umsonst zum Hündchen gewählt … Snooker spiele ich tatsächlich gern. In Berlin findest du mich mindestens zweimal wöchentlich im Salon. Ich hatte mich schon ermahnt, endlich das Training wieder aufzunehmen, denn ihr habt hier ja offenbar einen wahren Snooker-Palast. Allerdings liegt mein Queue in Berlin.«

»Das wäre wahrscheinlich zu verschmerzen. Die Queues im Gesundheitsball sind nicht übel, und sie werden gut gepflegt.«

»Wann dachtest du denn?«

»Na, heute abend!« erwiderte sie fast strafend. Und als lindernden Wink mit dem Zaunpfahl fügte sie hinzu: »Wir haben uns lange nicht gesehen …«



14

Achim war der Name des Snookerpalastes Gesundheitsball merkwürdig vorgekommen. Er ist leicht erklärt. Zu DDR-Zeiten hatte sich im einzigen Plattenbau der Stadt die polytechnische Oberschule (mit den Klassen 1 bis 10) befunden. Dafür hatte Konradslust kein Krankenhaus. So wurde der Plattenbau kurzerhand zum Gesundheitszen-trum der neuen Republik umgebaut, denn eine derart große Schule wurde ja nicht benötigt. Das Gesundheitszen-trum wiederum benötigte die Sporthalle der ehemaligen Oberschule nicht. Das kam den Snookerspielern der Republik zupaß, denn in dem Wirtshaus, wo später das Depot West eingerichtet wurde, traten sie sich (an nur vier Tischen) bereits auf die Füße. So wechselten sie in die Sporthalle, deren Decke abgehängt worden war, damit die Heizkosten gesenkt werden konnten. Wer den Namen Gesundheitsball aufbrachte, ließ sich später nicht mehr feststellen; jedenfalls bürgerte er sich rasch ein. Ähnlich rasch nahm das Snookergeschehen einen Aufschwung. Nach wenigen Jahren reichten auch die 10 Tische in der Sporthalle nicht mehr aus. Die filigrane und besonders gesunde Billardsportart Snooker war derart beliebt geworden, daß ohne nennenswerte Widerstände ein Anbau für noch einmal acht Tische nebst Cafe durchgesetzt werden konnte. Snooker war der Volkssport in Konräteslust. Mit weitem Abstand folgten Fußball und Kubb. Zwar sind Fußbälle ebenfalls rund wie Billardkugeln, doch dem Spiel mit ihnen mangelt es entschieden an dem feierlichen und würdigen Zug, der Snookersalons in die Nähe von Tempeln oder Moscheen rückt. Daher Gesundheitsball. Sollte es in der Schweiz außer Alphornvereinen und Holzhackerplätzen auch Snookersalons geben, sind vermutlich auch sie von dem neuem, Ende 2009 per »Volksentscheid« erwirktem Minarettverbot betroffen.

Birgit empfing den Mann, den sie so lange nicht gesehen hatte, am Eingang der früheren Sporthalle. Es war um acht. Da Achim seinen »guten« hellen Sommeranzug angezogen hatte, erinnerte er an einen Kometenschweif, als das elektrische Licht aus den vielen Klinikfenstern auf ihn fiel. Phil hatte ihm sein Fahrrad geborgt. Sie gingen gleich hinein und begaben sich mit einem Satz Kugeln und zwei gezapften Bieren an den von Birgit vorbestellten Tisch. Achim wählte ein Queue aus dem Bestand an der getäfelten Hallenwand. Sie spielten sich ein. Auch Achims Behagen stieg kometenhaft an: endlich wieder einen Billardstock in der Hand; ringsum die gedämpften Spielkommentare im Snookerlatein, durch die hin und wieder ein Zugball kracht; und dann diese funkelnde Gegnerin, die sich mit ihrer biegsamen aufreizenden Gestalt an die Bande schmiegt … Birgit trug eine lange graue Lederhose, das paßte gut zu ihrem schwarzem Haar. Röcke trug sie vielleicht im Dienst, wie Achim ja in der Stadtkirche gesehen hatte – beim Snookerspielen brauchen beide Geschlechter Beinfreiheit.

Achim ahnte bald, daß Birgit gar nicht so schiefgelegen hatte: sie war besser als er. Wenn er sich nicht am Riemen riß, würde sie ihn fertigmachen. Er linste zu sehr nach ihren Konturen. Sie spielte sichtlich mit Selbstvertrauen und Genuß. Im zweiten Frame legte sie bereits ein Break von 42 hin. Achim war selten über 25 gelangt. Immerhin, mit dem dritten Frame kam er auf 1:2 heran, weil sie seine Snooker nicht packte. Lange Snooker, das war seine Spezialität. Er würde sie zermürben! Er leckte Blut, und sie lächelte.

Snooker ist ungleich komplizierter als das populäre Poolbillard, weil die 15 roten und sechs »farbigen« Kugeln auf vergleichsweise riesigen Tischen nach einem Schema versenkt werden müssen, das großen taktischen Spielraum läßt. Man muß wählen – und wählt man den falschen Weg, ärgert man sich mitunter so grün und schwarz, wie das Tischtuch und die wertvollste Zielkugel gefärbt sind. Gleichwohl erklärt dieser Umstand, ständig Entschei-dungen treffen zu müssen oder auch zu dürfen, warum sich dieses Spiel so viele AnhängerInnen in Konräteslust erobert hatte. Für Leute, die an Schüchternheit und Unschlüssigkeit leiden, ist eine freie Räterepublik der falsche Platz. Es war sogar Achim schon aufgefallen: die Leute hier wirkten nie überhastet, aber stets zupackend. Deshalb ärgerten sie sich in ihrem Alltag höchst selten grün und schwarz. Sie fürchteten keine Fehler. Fehler führten zu besseren Lösungen.

Nach sechs Frames stand die Partie 4:2 für Birgit. Achim geriet nun doch mehr ins Schwitzen, als es den flachzeltähnlichen Tischbeleuchtungen anzulasten war. Da sie auf halbem Wege der Partie best of nine vereinbart hatten, durfte er den nächsten Frame auf keinen Fall abgeben – sofern er zu Triumphieren gedachte. Er gedachte es, weil er sich in typisch männlichem Überschwange einbildete, damit auch in den nichtsportlichen Belangen ihrer Begegnung die Initiative an sich reißen zu können. Daß Birgit ihn am Nachmittag angerufen hatte, war schön, aber vom Ersten Flötisten eines namhaften Sinfonieorchesters wurden gewisse Führungsqualitäten erwartet. Er ging an der Fußbande in Stellung, um seiner Gegnerin einen besonders feinfühligen Anstoß zu servieren. Die Weiße streifte den Pulk der Roten, fand über zwei Bande den Weg zum D-förmigen Anstoßkreis zurück – »das Schweinchen küßt die Bande!« hörte Achim Birgits unterdrückte Stimme hinter sich. So war es. Die Weiße war unmittelbar an der Fußbande zur Ruhe gekommen. Er richtete sich auf und sah sich mit kaum verhülltem Stolz nach Birgit um. Gefährlich! Ihr Blick klebte schon nicht mehr an dem »Schweinchen an der Bande«, vielmehr an seinem durch den Stolz verbreiterten Mund. Er trat rasch beiseite. Snookerspieler-Innen dürfen sich nie im Blickfeld stehen.

Bei insgesamt 18 Tischbeleuchtungen verbrauchte der Gesundheitsball möglicherweise mehr Strom als das benachbarte Gesundheitszentrum einschließlich Klinik. Von daher ließ sich der Plenumsbeschluß über die beiden Windräder durchaus nachvollziehen. Die Republik fand es immer noch besser, Ressourcen für einen wirklich vom Volk ausgeübten Sport zu verschleudern, als sie einigen wenigen Fußball-, Tennis- oder Snookerstars in den Rachen zu werfen. Snooker holte in der Freien Marktwirtschaft mit Riesenschritten auf; die Gagen der Profis und die Gewinne der entsprechenden Sportindustrie hatten schon fast das Boris-Becker- und Bayern-München-Niveau erreicht. Im Gesundheitsball wanderten nur im Cafe gelegentlich ein paar Euro von Gästen über den Tresen. Die Snookertische durften sie benutzen, sofern sie von einem Einheimischen eingeladen worden oder leihweise mit dessen Hundemarke versehen waren. Dadurch wurde eine Überschwemmung des Salons durch SpielerInnen aus ganz Westthüringen verhindert. Am deutschen Ligawesen nahm die Republik nicht teil. Sie hatte einen eigenen Wettkampfbetrieb etabliert. Hätte Achim vorher gewußt, daß Birgit Mannschaftsführerin des amtierenden Vizemeisters war, hätte er sich womöglich eine Vorgabe von 10 oder 20 Punkten erbeten. Jetzt war es zu spät. Nachdem Achim die Blaue verschossen hatte, lochte Birgit sie, dann Pink und auch noch die Schwarze, obwohl sie diese gar nicht mehr benötigt hätte. Sie richtete sich auf, hob ihre Schultern und damit ihr Queue leicht an und schenkte dem Unterlegenen ein halb bedauerndes, halb entwaffnendes Lächeln.

»Verdammt«, knurrte Achim, der an der Bande des im Moment freien Nachbartisches lehnte. Dann entschloß er sich aber blitzschnell, ihr Lächeln zu erwidern. »Und jetzt? Sprachst du nicht vom Skalpieren?«

»Das stimmt …«

Ihre Stimme klang bedrohlich. Sie legte ihr Queue beiseite, hefte ihre grauen Augen auf Achims kräftigbraune Mähne und kam langsam auf ihn zu.

Als man keinen Bierdeckel mehr zwischen sie und Achim hätte schieben können, griff sie in sein Haar und küßte ihn. Er versuchte sich an ihr festzuhalten, doch sie sanken gemeinsam nach hinten über die Bande.



15

Achim erwachte von einem Poltern, das offenbar von oben kam. Durchs Fenster fielen ein paar schräge Sonnenstrah-len. Im Hintergrund war der Pappelhain der Bornmühle zu sehen, der sich bereits gelb zu verfärben schien. Als das Poltern nach 20 Sekunden erstarb, hatte auch die Eignerin dieses hübschen Zimmers ihre Augen aufgeschlagen. Sie tastete unter der Bettdecke nach Achims Bauch.

»Du irrst dich, holde Siegerin«, sagte Achim schlagfertig und nickte gegen die Zimmerdecke. »Das Poltern kam nicht aus meinem Bauch.«

»Ach so!«

Birgit setzte sich lachend auf und hielt sich die Hand vor den Mund. Auch sie äugte jetzt zur Decke ihres Zimmers. »Da hat es wohl wieder eine erwischt. Schnappt die Falle zu, werfen sie sich immer noch umher – deshalb das Poltern. Die Mistviecher trommeln sozusagen mit der Falle noch ein wenig auf den Speicherboden, bevor sie alle Viere von sich strecken.«

»Die Mistviecher?«

»Ja – unsere Mäuse. Unsere Katzen kommen nicht hinterher, deshalb stellen wir immer noch Fallen auf. Die Mistviecher nerven einen nämlich; das raschelt und schabt in der Nacht ohne Ende.«

Achim verzog sein Gesicht. »Ohne Ende ..?«

»Na, in der Falle gibts dann schon ein Ende«, räumte Birgit mit kokett geworfenen Lippen ein.

»Ihr seid brutal! Ich bin einer echten Gewalttäterin in die Hände gefallen!«

Er hob die Arme wie zur Abwehr, doch sein sehnsüchtiger Blick verriet ihn. Birgit schmiegte sich an ihn.

Nach einer Weile sprang Birgit auf, um den Heizkörper am Fenster aufzudrehen. Das Tageslicht modellierte ihre nackte Gestalt. Sie wandte sich um und angelte mit einem Fuß nach ihrer Wäsche, die auf den Dielen verstreut lag.

»Jetzt gehen wir frühstücken, mein Schatz, wenn es dir recht ist. Dann zeige ich dir die Mühle. Das Mittagessen lassen wir ausfallen. Vielleicht können wir bei dem Wetter noch etwas hinausgehen. Um 14 Uhr muß ich auf dem Rathaus sein.«

Achim war mit allem einverstanden. Nachdem sie geduscht hatten, folgte er Birgit nach unten.

Mit knapp 40 Erwachsenen und einem Dutzend Kindern war die Bornmühle die kleinste GO, aber zugleich die größte Kommune der Republik. Auch diese Größe erlangte sie nur, weil ihr ein früheres DDR-Ferienheim angeschlossen war. In dessen Erdgeschoß war eine zentrale Holzheizung eingebaut, die auch das vorgelagerte alte Mühlengebäude versorgte. Hinzu kamen etliche bewohnte Bauwagen, die Scheune mit der »neuen« Bornmühle – der Mosterei – und ein stattlicher Ziegenstall, der sich jenseits der Nessebrücke aus Wiesen und Obstgärten erhob. Er war erst im Vorjahr aus entrindeten Rundhölzern errichtet worden. Man sah ihn vom großem Gemeinschaftsraum der Kommune aus, der ebenfalls im Erdgeschoß des Ferienheims untergebracht war. Der Blick ging gen Süden über den leicht abschüssigen gepflasterten Hof und die baumbestandene Nesse bis zur nächsten Bodenwelle, die bereits »im Ausland« lag.

Von dort her kam auch der Pkw mit Anhänger, der vor der Scheune stand. Der Fahrer lud Kisten mit Fallobst ab und schleppte sie in die Mosterei. Die Autos durften nur von Osten her bis zur Mühle fahren, hatten also die Stadt zu meiden. Über die Nessebrücke aus hellem Sandstein kam ein ungefähr 7jähriges blondes Mädchen mit einem Schulranzen auf dem Rücken. Es tauchte zuerst in die Mosterei.

»Das ist Muriel«, deutete Birgit mit ihrem Früchtebrot aus dem Fenster. »Wahrscheinlich stiebizt sie erst mal ein Glas frischen Most. Ihre Mutter Ingrid ist nicht gerade meine Busenfreundin.«

Sie sagte das, ohne ihre Stimme zu senken, obwohl sich noch ein paar andere Kommunarden im Saal aufhielten. Einer von ihnen putzte die Fenster. Er war noch drei Fenster von ihnen entfernt. Birgit fuhr fort:

»Das wäre doch eine Idee, Achim! Wir haben zwei Kranke, die Mosterei sucht noch Leute. Wir gehen zu Kurt und lassen uns für eine Schicht eintragen. Du sagtest ja, dir fehle körperliche Betätigung.«

»Ich beschrieb aber auch sehr genau, welche!«

»Ja«, senkte sie nun doch ihre Stimme und blickte ihn schmachtend an. »Auf der Wache werden sie denken, ich hätte heute nacht eine Kneipenschlägerei zu schlichten gehabt … Aber die Mosterei machen wir trotzdem?«

Auch damit war Achim einverstanden. Sie vereinbarten, nach einem Rundgang durch die Mühle mit ihren Rädern zum Hutewäldchen und dem Weinberg Montaigne zu fahren. Es war der Aussichtspunkt der Republik. Während sie den Tisch abräumten, rückte der Fensterputzer zum ihnen benachbarten Fenster vor. Er kam nur mit einem Tritt aus, weil er eine Bohnenstange mit Igelhaarschnitt war. Er zwinkerte Achim zu und sagte:

»Wann machen wir denn die Schlüsselgruppe, Birgit? Lu hätte morgen vormittag Zeit.«

Sie überlegte, seufzte mit einem Seitenblick zu Achim und nickte: »Das ginge schon … Sagen wir, um 11?«

Im Treppenhaus wandten sie sich zunächst den Toiletten zu, die Achim bereits von Birgit gezeigt und erklärt worden waren. Ohne die Erklärung hätte er womöglich minutenlang nach der Spültaste gesucht. Es waren mehrere Kompostklos, die tatsächlich zu funktionieren schienen. Achim schnüffelte wieder eifrig, konnte aber noch immer keinen nennenswerten Gestank feststellen. Die Kloschüsseln aus Kunststoff hatten Ableitungen für den Urin und Entlüftungsrohre. Der Kot fiel in Behälter, die von Zeit zu Zeit entnommen und auf dem Kompost entleert wurden. Birgit hatte ihm auch erklärt, dadurch erübrige sich nicht nur das Spülwasser, sondern zudem der aufwendige Anschluß an die städtische Kanalisation. Die Bornmühle hatte für ihre Abwässer eine eigene Pflanzenkläranlage. Die furchtbar stinkende alte Sickergrube war verfüllt worden. Im Walnußhaus hatte Achim nur die herkömmlichen WCs gesehen. Birgit sagte ihm, in einigen neuen oder umgebauten Gebäuden der Stadt würden die WCs mit Regenwasser betrieben. Kompostklos breiteten sich auch schon aus. Das originellste betreibe ausgerechnet der Schriftsteller Heinz Jäckel, der neben dem Bahnhof im ehemaligen Latrinenhäuschen wohne. Details gab sie nicht preis.

Birgit erwartete ihn vor der Tür zum Heizraum. Sie gingen hinein. Sie hatte ihm bereits erzählt, vor der Wahl zum Hündchen sei sie hauptsächlich Heizerin und Holzbeschafferin der Bornmühle gewesen. Der Kessel lief – man hörte es an den surrenden Ventilatoren. Birgit las den Display ab, betätigte einen Schieber und ließ ihn einen Blick durch die geöffnete Ofenklappe werfen. Im Kessel glühten und prasselten die längs geschichteten ein Meter langen Scheite. Wie Achim am Holzstapel sah, waren diese Fichten- oder Kiefernscheite teils dicker als seine Waden. Nun ahnte er, warum seine Bettgenossin kein Strich in der Landschaft war. Bei Frost müsse der 100-Kilowatt-Kessel ununterbrochen laufen, erklärte sie. Das bedeute, ihn alle vier bis fünf Stunden zu beschicken. Andernfalls falle die Wassertemperatur im Pufferspeicher zu sehr ab und die Kommunarden begännen zu frieren. Dieser tankförmige Speicher nahm bald den halben Raum ein. Die andere Hälfte gehörte dem Brennholz.

Achim umgriff Birgits Oberarm und nickte auf die sauber gestapelten Scheite: »Und wie kommen die hierher? Hat sie die Heizerin über 30 Meter zu werfen?«

Birgit lächelte und zog ihn durch eine Seitentür in den Hof. Hart am Haus entlang waren Schienen für eine Kipplore verlegt. Die Lore war im Hintergrund vor der Rampe des überdachten Holzplatzes zu sehen. Sie kippte ihr Fracht durch zwei verschließbare Luken direkt in den langgestreckten Heizraum.

»Haben wir uns selber ausgedacht«, sagte Birgit nicht ohne Stolz. »Dadurch brauchen wir keinen Schlepper oder Gabelstapler. Lore und Schienen hat uns die Fahrtwind-Manufaktur gebaut. Klaus aus dem Walnußhaus war daran beteiligt.«

»Ach, schau an … Ich glaube, wenn ich hier Kind wäre, würde ich alle naselang nach einem Erwachsenen schreien, der die Lore anschöbe!«

»Du hast es erraten – genau so läuft es.«

Sie drückte ihre Stirn übermütig in seinen Rücken und schob ihn so auf die alte Mühle zu.



16

Von der Straße nach Behringen zweigte hinter dem Hutewäldchen ein halbwegs befestigter Feldweg ab, der zum Weinberg Montaigne führte. Das letzte Drittel schoben sie ihre Räder. Die grünen Beeren an den Rebstöcken ließen Achim nicht gerade das Wasser im Munde zusammenlaufen. Vermutlich zählten sie zu den Leidtragenden des kühlen und nassen Sommers. Er selber zählte nicht mehr dazu; die erfahrene Heizerin der Bornmühle hatte ihn entflammt. Wo sollte das enden?

Die BG Montaigne hatte ihren Weinberg mit einem Schuppen gekrönt. Er war verschlossen, doch unter dem Fenster stand eine Bank, auf der sie Platz nahmen. Hier hatte man die Republik im Überblick. Achim sah die ihm schon vertrauten Orte, voran die mächtige Stadtkirche, die wie ein Schwan durch die unwesentlich bebauten Auen zu pflügen schien. Dann zur Rechten die Ziegelei mit ihrem leicht gekrümmten Schornstein, zur Linken die Bornmühle mit ihrem im Sonnenlicht sprühenden Pappelhain. Die Schlucht der Hauptstraße wand sich gen Süden durch die Stadt, stieß auf die blinkende Nesse. In der Ferne erhob sich ein Gebirgszug: der Thüringer Wald mit dem Inselsberg, der über 900 Meter hoch war. Auf den Weiden vor der Stadt grasten auffallend viele Pferde. Dafür hatte Achim bei allen bisherigen Streifzügen zu Fuß oder per Rad so gut wie keinen Müll – noch nicht einmal ein zerknülltes Papiertaschentuch gesehen. Laut Birgit hatte auch der gesammelte Müll im Laufe der Jahre stark abgenommen – beispielsweise fielen kaum noch Verpackungen an. Jede Wohngruppe besaß einen Komposthaufen. Für den Restmüll gab es keine Mülltonnenleerung. Die Leute brachten ihn zu einer Sammelstelle ihrer GO; von dort wurde er hin und wieder mit Pferdefuhrwerken auf die republikeigene Deponie gekarrt. Die gesammelten Gelben Säcke mit dem Plastikmüll nahm ein benachbarter Gemeindehof ab.

Unter den Fahrrädern und Pferdefuhrwerken, die von oben zu sehen waren, stach jetzt ein weißrot lackierter Bus heraus: weil sonst kein Auto fuhr. »Euer Krankenwagen?« fragte Achim. Birgit nickte. Der Krankenwagen hatte den rückwärtigen Schloßhof verlassen und nahm die Hauptstraße Richtung Gesundheitszentrum. Vielleicht lag ein Bewohner des Libertären Altenheims in ihm. Birgit kannte BewohnerInnen des Altenheims. Immerhin fuhr der Wagen ohne Blaulicht und Sirene. Sie sagte sich mit einem gewissen Schrecken, wie eng doch Glück und Leid beieinander lagen. Und das nicht selten im selbem Menschen. Als man Gaston ins Krankenhaus Friedrichroda gefahren hatte, war das Blaulicht vermutlich eingeschaltet gewesen. Die Unfallstelle wurde von den Anhöhen verdeckt, die sich jenseits der Nesse gegen das Gebirge schoben. Die Wunde dieses Verlustes war noch nicht völlig vernarbt. Sie mußte Achim bald davon erzählen. Sie drückte seine Hand.

Achim erwiderte diesen Druck und deutete mit der ande-ren Hand zum Bahnhof, der hinter dem Hutewäldchen zu sehen war. Sie hatten ihn auf der Herfahrt nicht berührt, weil sie durch den Auwald und dann um die Saatgutzucht-station mit dem Möbellager geradelt waren.

»Vor zwei Tagen stieg ich da unten aus dem Zug. Von der Republik wußte ich wenig, von dir gar nichts.«

Birgit nickte lächelnd und schwieg.

»Und das Häuschen neben der Bahnhofskastanie gehört Jäckel?«

»Was heißt: gehört? Er bewohnt es.«

»Allein?«

Sie bestätigte es durch ein Nicken.

»Es war mir durchaus aufgefallen, als ich nach meiner Ankunft das Bahnhofscafe verließ. Ich fragte mich, was das wohl sei, dachte aber später nicht mehr daran.«

»Es ist niedlich. Auch innen. Früher barg es die Klos für die Reisenden und die Waschküche des Bahnhofvor-stehers. Heinz baute es nach seinen Vorstellungen mit Hilfe eines Tischlers eigenhändig um. Genau das Richtige für einen Eigenbrötler, der doch die Nase im Wind der Zeit haben will. Steckt er seine Nase aus seinem Küchenfenster, sieht er die vordere Bahnhofsuhr; steckt er sie aus seiner Terrassentür, die hintere. Deshalb hat er im Häuschen keine Wanduhr – überflüssig. Wenn du willst, frage ich ihn einmal, ob wir ihn besuchen dürfen. Er ist nicht gerade gesellig, aber ein kluger Kopf.«

Achim nickte. »Ich las in der Nessedepesche einen Artikel von ihm … Ist es denn bei euch überhaupt erlaubt, allein zu wohnen? Nicht in einer Wohngemeinschaft oder in einer Kommune?«

»Es ist jedenfalls nicht verboten. Die Verfassung schreibt keine bestimmten Wohnformen oder Haushalte vor. Wir haben in Konräteslust ähnlich viele Kleinfamilien wie Kommunen. Einpersonenhaushalte sind selten. Will Jäckel da und da allein wohnen, braucht er allerdings die Zustimmung der betreffenden GO. Denn unsere GO-Struktur ist zwingend. Jeder muß einer GO angehören und sich an deren Selbstverwaltung beteiligen, vom Plenum über Arbeitsgruppen bis zu Arbeitseinsätzen, beispiels-weise die Holzbunde, die du gesehen hast, von der Ziegelei in die Bornmühle schaffen.«

Achim fiel der Fensterputzer ein. »Was treibt ihr denn in der Schlüsselgruppe, zu der du dich vorhin verabredet hast?«

Birgit staunte. Sie drehte ihre gebündelten Finger auf seiner Stirn und meinte, er habe in diesem Kasten ein gutes Gedächtnis … In der Arbeitsgruppe gehe es um die Frage, ob und wie des Abends die verschiedenen Türen der Bornmühle zu verschließen oder sonstwie zu sichern seien. Es habe nämlich wieder Diebstähle gegeben – sicherlich von Auswärtigen, denen die abgeschiedene Lage der Mühle zugute komme.

»Was spricht denn dagegen?«

»Wogegen?«

»Na, über Nacht die Türen abzuschließen?«

Sie setzte sich auf und sah ihn mißbilligend an. »Achim! Wir sind hier nicht in Berlin-Dahlem, wo jeder seine Villa verrammelt. Wir sind eine freie Republik. Wir errichten keine Stadtmauern mit Pechnasen oder Überwachungs-kameras; wir bauen auf Offenheit und Vertrauen. Wir wünschen selber freien Durchgang und gewähren ihn entsprechend unseren Gästen. So weit das Prinzipielle. Die haarsträubende Umständlichkeit, die von versperrten Türen erzwungen wird, kommt hinzu. Es ist ja schon schlimm genug, daß wir dauernd unsere Fahrräder anschließen müssen. Viele von uns sind Nachtmenschen oder bekommen auch spätabends Besuch. Willst du 100 Leute mit Schlüsseln ausrüsten? Auch die Kinder? Dann kannst du es auch lassen. Oder überall Klingeln anbrin-gen? Und bei jedem Klingeln eine Hausversammlung einberufen, die entscheidet, wer hinuntergehen muß?«

Achim rieb sein Kinn. Ihre Strafpredigt belustigte ihn eher. »Beantragt eine Ausnahmegenehmigung für einen Kettenhund.«

»Nie und nimmer!«

»Baut diese elektronischen Schlösser ein, wo man nur einen Zahlencode eintippen muß.«

»Ja, und den Code bläuen wir unseren Kindern ein und die malen ihn mit roter Kreide auf die Straße nach Gotha! Viel zu teuer und viel zu anfällig, dieser Elektroschrott.«

»Als Fußmatten getarnte Tellereisen?«

Sie grinste versöhnlich und gab ihm einen Kuß.

»Gut, dann passe ich«, sagte Achim, nachdem seine Lippen frei waren. Er hatte die Altstadt ins Auge gefaßt und nickte hinunter. »Der gute fette Herzog Konrad hatte seinen Wachdienst, nehme ich an. Man fragt sich aber, warum er sein Schloß nicht hier oben errichten ließ – über den Köpfen seiner Untertanen, mit der schönen Aussicht obendrein?«

Birgit hatte erschrocken auf Achims Armbanduhr geblickt und löste sich nun von ihm. »Wir müssen aufbrechen, Achim. Mein verdammter Wachdienst!«



Fortsetzung Teil 3
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