Montag, 10. Januar 2022
Blick vom Ziegenberg Folge 1


I n h a l t: — Ziegen + Helric Fredou + Der Bock als Gärtner + Kanupost + Zum LdF + LdF-Nachträge (I) + Maximilian Zander + Trotz & Töne + Handfestes + Grammatischer Gram I Das Mehrfachen + Einlagen für Heinzchen + Weg damit!? + Zoras Tante + Falten im Kopfkissen + Birkenbuche + Übergänge + Schlagwort Pandemie



Ziegen

Ich vermute stark, allein in Deutschland haben wir etliche hundert Ziegenberge. Der Waltershäuser Ziegenberg, auf der Kuppe bewaldet und nur zur Stadtseite hin bebaut, ist 410 Meter hoch. Ich erklimme ihn, seit 2003, mehrmals jährlich, obwohl mir dabei noch nie ein Schwarzspecht zu Gehör oder Gesichte kam. Der wuchtige Vogel ist ein begabter, ja sogar bezaubernder Sänger. Alte Buchen hätte er hier. Aber er hat das Terrain dem Kolkraben überlassen, der eher wie ein Neufundländer bellt oder grollt.

Wie sich versteht, ist hier von Ziegen kein Zipfel mehr zu entdecken. Geht die Verarmungspolitik unserer neuen Gesundheitsregierungen so weiter, könnte sich das noch ändern. In meiner Jugend galt die Ziege als »Kuh des Kleinen Mannes«. Nicht selten wurde sie zugleich als dessen Wachhund geschätzt. Die Ziege braucht wenig Platz und ist genügsam. Wird sie nicht daran gehindert, kann sie allerdings unter Umständen ganze Landschaften kahlfressen, da sie Gräsern Kräuter und Laub vorzieht. Wiesensalbei und Trollblume wagt sie immerhin nicht anzutasten. Sie liefert wie die Kuh Fleisch, Leder, Käse, gibt aber mehr Milch als ein Schaf. Sie teilt sich ihre Weidegründe oder Ställe mit fast allem, was vier Beine oder zwei Flügel hat. Pferde sind bekanntlich Herdentiere. Droht Ihre Fuchsstute zu vereinsamen, müssen Sie ihr eine »Beistellziege« verordnen. Andja, die Ziege des alten Fischers Gorian, teilt sich ihren Stall mit fünf Hühnern. Allerdings wissen das Branko und Die rote Zora nicht, die dem Alten im Morgengrauen zwei Hühner stehlen. Kaum sind die Gickel in den Sack gestopft, fängt plötzlich eine Ziege an zu meckern! So bekommt Gorian den Diebstahl mit – nur hockt er leider gerade auf See in seinem Boot. Er ertappt Branko und Zora erst in der nächsten Nacht, als sie die beiden Hühner reumütig zurück zu schmuggeln geden-ken! Die Kinder dürfen mit ins Boot, Thunfische jagen.

Ob Gorian seine gute Andja an Land als Last- und Zugtier einsetzte – wie seit altersher in aller Welt – teilt Romanautor Kurt Held nicht mit. Schon der Streitwagen des germanischen Donnergottes Thor wird von zwei Ziegenböcken gezogen. Einen benebelten Abglanz davon geben heute nur noch johlende Männer am sogenannten Vatertag, sieht man einmal vom touristischem Fahrgeschäft ab, das Zugtiere zu Affen herabwürdigt, auf daß sie mit dem Niveau der Fahrgäste Schritt halten können. Wo sie auch gröhlen oder tuscheln mögen, sie streifen jede Wette, wie schon angedeutet, einen Ziegenberg. Die hohe Wertschätzung, die Ziegen seit der Jungsteinzeit genießen, drückt sich ferner in zahlreichen Namen von Pflanzen (beispielsweise Geißbart), Tieren (der Vogel Ziegenmelker) und Ortschaften aus. Ziegenhain, ehemals Residenz- und Kreisstadt, liegt an einem Fluß meiner Kindheit, der mittel- und nordhessischen Schwalm. Die GestalterInnen des Ziegenhainer Stadtwappens nahmen Helds Rote Zora vorweg: Das stilisierte kämpferische Wappentier sieht unter der Gürtellinie wie ein Hahn, über ihr wie ein Ziegenbock aus, und zu allem Überfluß schreitet es in den Strahlen eines roten Sternes.

Der schweizer Clown Marco Morelli hat ebenfalls ein Herz für Ziegen. Auf seiner Webseite erwähnt er einen alten Tessiner Bergbauern aus seiner Jugendzeit, den er beim »Metzgen« seiner alten Geiß beobachten konnte. Diese Ziege hatte dem Mann seit vielen Jahren Milch und Käse und etliche Zicklein beschert. Nun saß er hinter dem Stall auf einem Stein, fütterte das Tier mit Heu, liebkoste es, sprach mit ihm … »Über eine halbe Stunde lang ging das Abschiednehmen, ruhig, zärtlich und friedlich. Dann hat er sie umarmt und mit dem Messer einen gekonnten Schnitt durch Halsschlagader und Kehle gemacht. Das ging alles so schnell wie bedächtig. Kein Knall, kein Zucken, kein Schrei; kein Männer-Helden-Gehabe. Klar hat der Bauer die Geiß gehalten, sehr innig sogar, und so ist sie ihm beim Ausbluten buchstäblich in den Armen 'eingeschlafen'. Das hat mir grossen Eindruck gemacht.«

Laut griechischer Mythologie wurde sogar ein Gott, nämlich Zeus, mit Ziegenmilch aufgezogen – die näheren Umstände sind umstritten. Die einen sagen, die Nymphe Amalthea habe ihm die Ziegenmilch verabreicht; für die anderen war Amalthea selber die Ziege, bot Baby Zeus also ihre Zitzen dar. Montaigne legt die zweite Leseart nahe, wenn er in seinen Essays (um 1600) erwähnt, in den Dörfern der Dordogne werde so manche Amme durch eine Ziege ersetzt. Die müssen da ziemlich großmäulige Säuglinge gehabt haben.



Helric Fredou

Kürzlich habe ich mein mutmaßliches Hauptwerk abgeschlossen, das Lexikon der Frühverstorbenen. Helric Fredou mußte ich darin leider übergehen; er war zu alt. Er starb vor sieben Jahren mit 45. Warum? Einmal davon abgesehen, daß wir es nicht wissen, scheint es heute keinen mehr zu interessieren. Gehen Sie ins Internet; Sie werden fast ausschließlich Berichte aus dem Todesmonat finden. In Nachschlagewerken steht er sowieso nicht.

An den Ermittlungen zum berüchtigtem Anschlag auf die Charlie-Hebdo-Redaktion in Paris beteiligt, griff der pausbäckige, bieder wirkende französische Polizeichef, laut Focus, »nur Stunden« nach dem »Terrorakt« zu seiner Dienstpistole, um sich selber umzubringen. Das begab sich am 8. Januar 2015 frühmorgens in seinem Büro in der Polizeidirektion von Limoges, von der er Vizechef war. Die Großstadt liegt in Mittelfrankreich. Fredou hatte am spätem Abend Bereitschaftsdienst, Besprechungen mit Kollegen aus Paris und »wichtige« Telefongespräche gehabt oder vorgehabt. Er stand im Begriff, einen Bericht zu verfassen, wozu es dann nicht mehr kam. Für einen Selbstmord aus Liebeskummer, Melancholie oder aus dem Gefühl des Verkanntseins heraus hätte er sich wirklich keinen günstigeren Ort und Zeitpunkt aussuchen können. Schließlich war gerade das Auge der Welt auf Frankreich gerichtet. Nur auf ihn nicht.

Nach einem erfreulich ausführlichem Artikel* der Epoch Times wurde den Angehörigen Einblick in den Autopsiebericht verweigert. Man könnte es außerdem merkwürdig finden, daß der Schuß angeblich ungehört blieb, obwohl kein Schalldämpfer benutzt worden war. Laut Polizei schoß sich Fredou »frontal« in die Stirn, was bei Selbstmorden, der Verrenkungen wegen, ebenfalls als seltsam gilt. Kein Abschiedsbrief. Während Focus schrieb, der Vizepolizeichef sei alleinstehend, kinderlos und überarbeitet gewesen und habe an Depressionen gelitten, behauptet ET, Fredous Mutter habe vom Hausarzt ihres Sohnes keine Bestätigung für die Unterstellung bekommen, er sei »ausgebrannt« oder »depressiv« gewesen. Bemerkenswerterweise hatte sich im November 2013 schon ein örtlicher Kollege Fredous im Dienst umgebracht, der Kommissar Christophe Rivieccio. Warum, müßte man untersuchen. Der vierfache Familienvater soll erst 44 gewesen sein. Damals habe Fredou seiner Mutter im Gegenteil versichert: »So etwas würde ich dir nie antun.« Als Fredou jedoch tot war, beschlagnahmten Kollegen in seinem Hause Computer und Smartphone. Mit den wenigen Skeptikern darf man also getrost argwöhnen, er sei wieder einmal einer gewesen, der zuviel oder das Falsche wußte.

Was den Pariser Anschlag angeht, hatten Fredous Leute in der Stadt Châteauroux die Eltern der Rechtsanwältin und UMP-Politikerin Jeannette Bougrab vernommen, von der noch umstritten ist, ob sie einmal Geliebte des ermordeten Charlie-Hebdo-Chefredakteurs war. Die Dame hatte es unter Sarkozy (bis 2012) zur Staatssekretärin gebracht. Soweit ich sehe, tun sowohl die Mainstream- wie die sogenannten alternativen Medien alles, um den Fall Fredou den Weg von 99,99 Prozent aller »Ereignisse« gehen zu lassen: ins Nichts.**

* »Charlie Hebdo Attentat – Beging der ermittelnde Kommissar wirklich Selbstmord?«, The Epoch Times (New York City), 30. Januar 2015: https://www.epochtimes.de/politik/ausland/charlie-hebdo-attentat-beging-der-ermittelnde-kommissar-wirklich-selbstmord-jetzt-reden-helric-fredous-mutter-und-schwester-a1217704.html
** Eine etwas jüngere Beleuchtung des Falles wage ich aus fremdsprachlichen Gründen nicht zu beurteilen und zu verwerten: Hicham Hamza, »Affaire Charlie: un franc-maçon proche de Bougrab succède au commissaire «suicid黫, Panamza, 16. November 2015: http://www.panamza.com/161115-charlie-fredou/. Soweit ich sehe, geht es in ihr vor allem um Fredous Nachfolger Thierry Miguel.




Der Bock als Gärtner

Wir sprachen von Ziegen. Da drängt sich ein einheimischer Prominenter auf, den selbst im Städtchen kaum einer kennt oder kennen will: Hans Erhard Bock. Er kam am 31. Dezember 1903 in Waltershausen zur Welt. Im Gegensatz zu Fredou oder gar dem Medizinstudenten Georg Büchner wurde er steinalt, starb nämlich erst im Sommer 2004 [12. Juli], diesmal in Tübingen, mit genau 100 Jahren, dabei sogar »frohgemut«.*** In Nachschlagewerken wird Bock zumeist als »bedeutender deutscher Internist« – und nicht etwa »Faschist« geführt. Der Sprößling eines hiesigen Schulleiters studierte also Medizin. 1933 hatte er es bereits in den Kreis der Weißkittel der Uniklinik in Frank-furt/Main gebracht. Dann ging es steil bergauf, was freilich so deutlich nicht im Deutschen Ärzteblatt* steht, dafür bei Ernst Klee**: 1937 Mitglied der NSDAP, 1939 Mitglied des NS-Ärztebunds und Oberarzt an der Uniklinik Tübingen, dort ab 1942 auch Professor. Daneben war Bock als beratender Internist und Stabsarzt (!) der Luftwaffe tätig, offenbar zumindest teilweise in Italien. 1945 erfolgte ein gewisser Karriere-Einschnitt. Nun wanderte der besiegte Bock nicht etwa in ein Tierbesserungsheim der US-BesatzerInnen; laut Ärzteblatt ging er vielmehr 1946 erneut, als Oberarzt, an die Tübinger Uniklinik. 1949 wurde er Professor in Marburg, 1960 Rektor. Ab 1962 war er, für die letzten 10 Jahre seines heilkundlichen Berufs-lebens, wieder in Tübingen Professor. Bock gab etliche Bücher heraus und heimste in seiner »demokratischen« Wirkungszeit zahlreiche weitere Ämter sowie Ehrungen ein, darunter 1973, nach seiner Emeritierung, das Große Bundesverdienstkreuz. Eine noch gelungenere Aussparung/Beschönigung seines Wirkens unterm Hakenkreuz bringt die ÄrzteZeitung in einem Nachruf*** auf Bock fertig. Das Beste ist die Überschrift: »Groß als Arzt, als Forscher, als Lehrer und als Mensch«. Bloß nicht als braunfelliges Hohes Tier.

* Geburstagsartikel in Nr. 51–52 / 2003: https://www.aerzteblatt.de/archiv/39916/Hans-Erhard-Bock-100-Jahre
** Das Personenlexikon zum Dritten Reich, aktualisierte Ausgabe Ffm 2005 (Fischer-TB), 5. Auflage 2015, S. 56
*** von Ursula Gräfen, 19. Juli 2004: http://www.aerztezeitung.de/panorama/article/318875/gross-arzt-forscher-lehrer-mensch.html




Kanupost

In dem gähnenden Loch, das sich nach dem Abschluß des LdF vor mir auftat, beschäftige ich mich, sofern ich nicht die Dachrinne zu säubern oder zwecks Ölens ein Türschloß auszubauen habe, hauptsächlich mit Brennholzmachen, Radfahren und Bücherlesen. In der Regel lese ich nur noch Bücher, die ich bereits kenne und die sich somit einigermaßen bewährt haben. Neuerdings beispielsweise Robert Merle: Die Insel. Auf diesen überragenden Roman komme ich vermutlich noch zurück. Im übrigen denke ich mir Geschichten aus. Was halten Sie etwa von der folgenden Begebenheit?

Schauplatz Bassertsee, um 1880. Wegen einer Pleite bricht die neue Bahnlinie aus dem Nordosten bereits in Molton am Fluß Bassert ab. Bis nach Foxtown an der Mündung des Bassert in den See wären es nur noch 30 Kilometer gewesen. Das wurmt die Leute aus den um den See verteilten Dörfern natürlich auch deshalb, weil sie so ewig auf ihre Post warten müssen.

Wilbert wohnt in Molton. Er hat von seinem Onkel ein etwas baufälliges Häuschen geerbt, das direkt am Ufer steht. Er hält sich mit Gelegenheitsarbeiten und Fischfang nur recht mühsam über Wasser. Als er einmal mit dem Krämer aus Foxtown plaudert, der mit seinem Gespann regelmäßig in Molton für seinen Laden einkauft, fällt es Wilbert plötzlich wie Schuppen von den Augen: man könnte doch für die Leute am Bassertsee eine Kanupost einrichten. Man fährt mit der Strömung nach Foxtown, umrundet den See – und dann hievt man das Kanu auf den Wagen des Krämers und fährt bequem wieder nach Molton zurück. Mit diesem Plan sind, wie sich zeigt, sowohl der auswärtige Krämer wie der Postvorsteher von Molton einverstanden. Auch Wilberts Bekannter Jack sagt zu. Denn im Kanu allein zu fahren, wäre natürlich viel zu mühsam und auch zu gefährlich. Die Sache spielt sich rasch ein. Die Kanupost am Bassertsee kommt jetzt jede Woche, wobei Wilbert und Jack im ganzen nur knapp drei Tage für ihren Dienst benötigen, von dem sie sich neuerdings recht gut ernähren können. Wie sich versteht, sammeln sie in den Dörfern und in Foxtown auch die abgehende Post – und die Gebühren für die Kanupost ein. Für die beiden Übernachtungen haben sie billige Quartiere gemietet. Am Schluß der Reise rechnen sie mit dem Postvorsteher ab und nehmen ihren Wochenlohn entgegen.

Wie es so geht, verdickte sich aber nach einigen Monaten die Luft zwischen den beiden Kanuten. Jack, ein bartloser hübscher Schlanker, hatte sich eine vorzugsweise mit treuherzigem Tonfall einhergehende Sanftmütigkeit zugelegt, die Wilbert zunächst gefallen hatte. Dann entpuppte sich Jack jedoch als scheinheiliger Bruder. Seine »Sanftmütigkeit« war nur der Deckmantel für seine Herrschaftsgelüste. Es sollte stets nach seiner Nase gehen, und wenn sich Wilbert dem widersetzte, gab er die beleidigte Leberwurst. Dies alles zerrte an Wilberts Nerven und sorgte für manchen Streit. Das entging natürlich mit der Zeit auch den Kunden der beiden oder ihrem Kutscher, dem Krämer von Foxtown, nicht.

Die jüngste Postfahrt hatte die Partner schon um Dreiviertel des Sees geführt. In einem wasserdichtem Sack, in Beuteln getrennt, lagen die noch zuzustellenden und die bis dahin bereits eingesammelten Briefe. Ein anderer Sack schützte ihre Schußwaffen. Quer durch eine ausgedehnte Bucht vom Dorf O. zum Dorf P. unterwegs, fing Jack plötzlich an, witternd umherzuspähen. Er sagte, von den Landmarken her müßten hier unter ihrem Kanu die Felsen liegen, an denen laut Hyronimus, einem erfahrenen Otterjäger, die seltenen Z-Muscheln lebten, in denen oft prächtige Perlen zu finden seien. Der See sei an dieser Stelle keine 12 Meter tief. Er hätte nicht übel Lust, einmal nachzusehen; ein erfrischendes Bad könne ohnehin nichts schaden. Natürlich gelang es Wilbert nicht, ihm die Sache auszureden; im Gegenteil. Jack wünschte, wie immer, recht zu behalten und zudem mit seinen Tauchkünsten zu prahlen. Er nannte Wilbert einen Waschlappen, während er sich bereits auszog, und dann verschwand er mit einem eleganten Hechtsprung im See.

Die Verunglimpfung als Waschlappen war nicht völlig aus der Luft gegriffen. Wilbert neigte zur Vorsicht aus Ängstlichkeit. Unter anderem hatte er Angst vor schlechtem Gewissen, Reue, Schuldgefühl. Und genau dazu kam es jetzt auch, nachdem Jack nach drei Minuten noch nicht wieder aufgetaucht war. Nach sieben Minuten, in denen er sich fast die Augen ausstarrte, näherte sich Wilbert bereits dem Stadium der Panik. Die Leute würden selbstverständlich annehmen, er habe Jack im Streit eins auf die Rübe gegeben und dann, mit ihrem Beil beschwert, in den See geworfen. Gegenteilige Zeugenaussagen waren nahezu unwahrscheinlich. Nach 12 Minuten sah sich Wilbert schon unter der Schlinge stehen, während ihn die johlende Menge mit Fischköpfen und faulen Eiern bewarf. Das schmeckte ihm selbstverständlich wenig. »Ich muß mir die Sache in Ruhe überlegen«, schoß es ihm durch den Kopf, »aber hier, an der Unglücksstelle, ist das unmöglich.« So griff er kurzentschlossen ins Paddel und steuerte wie von Seehunden gehetzt die Insel Smooth an, die er glücklicherweise in seinem Fernglas erspäht hatte. Laut Karte lag sie rund acht Kilometer von der Unglücksstelle entfernt. Er wußte, sie galt als unwirtlich und war unbewohnt.

Immerhin hatte Smooth, neben etwas Wald und einer Quelle, große Vogelkolonien zu bieten, die für halbwegs genießbare Braten und Eierpfannkuchen gut waren. Das jämmerliche Geschrei der Vögel war allerdings nicht dazu angetan, Wilberts Angst vor Strafe zu verscheuchen. So war er nach fünf Nächten bereits so gut wie entschlossen, kurzerhand hier zu bleiben und ein Robinson-Leben zu führen. Vielleicht war das genau das Richtige für ihn, denn an seinen lieben Mitmenschen hatte Wilbert schon immer mehr Ungemach als Freude gefunden, Frauen übrigens eingeschlossen. Da entdeckte er in seinem Fernglas plötzlich ein Boot, das offensichtlich auf Smooth zuhielt.

Es war Pinkerline mit irgendeinem Weibsbild. Der Postvorsteher hatte nämlich den Marshal von Molton aufgesucht, und der wiederum hatte den Detektiv Pinkerline gebeten, den vermißten Kanupostboten einmal nachzuspüren. Pinkerline ritt den See bis O. und dann P. ab, wodurch sich herausstellte, in P. war das Postkanu bislang nicht eingetroffen. Darauf mietete er einem Fischer aus O. ein Kanu ab und lud auch gleich dessen Tochter Mary ins Boot, weil ihm ein Alleingang auf See doch zu gefährlich erschien. Mary konnte fischen, paddeln, schießen und dergleichen und hatte gerade Zeit, zumal ihr Pinkerline sofort 10 Dollar Vorschuß in die Bluse schob. Sie war es auch gewesen, die ihn, im Beisein ihres Vaters, auf die Insel Smooth aufmerksam gemacht hatte.

Wilbert erschrak und versteckte sich zunächst einmal. Er war nicht der Kerl, der einen arglosen Gesetzeshüter kurzerhand aus dem Hinterhalt abknallte. Da hätte er nur wieder Schuldgefühle gehabt. Pinkerline jedoch war ein alter Hase. Er reimte sich aus den vorhandenen Spuren bald zusammen, daß er es nur mit einem Gegner zu tun hatte, und nach wenigen Stunden hatte er ihn, mit Marys Hilfe, gestellt, zum Postpaket verschnürt und erst einmal kräftig aufs Maul gehauen.

Das hätte er besser unterlassen. Zum einen brachte es Wilbert keineswegs zum Reden, ganz im Gegenteil. Zum anderen weckte es aber auch bei der Fischerstochter Wut. Sie hatte gegen Pinkerline ohnehin bereits auf See eine Abneigung gefaßt. Dafür gefiel ihr der arme geschundene Gefangene umso besser. Pinkerline gedachte ihn mit dem erstem Morgengrauen nach O. zu bringen und dort auf irgendein Pferd zu binden. Das scheiterte jedoch an Mary.

Sie hatten sich zur Nacht alle drei um Wilberts gewohnte Feuerstelle gelagert. Als Mary mit der Nachtwache daran war, ließ sie sich von dem rothaarigem und auch von Pinkerlines Fausthieben schon blauäugigem Postboten die Geschichte mit dem Tauchversuch ins Ohr flüstern. Sie glaubte ihm sofort; er war alles andere als ein verschlagener Verstellungskünstler. So brauchten sich die beiden nicht mehr lange über ihre gemeinsame Flucht zu verständigen. Dann schlugen sie Pinkerline bewußtlos und fesselten ihnen vorübergehend. Sie würden sein Boot zerstören und ihm die Fesseln zuletzt wieder abnehmen. Ein paar Tage allein in stiller Einkehr würden ihm sicherlich nicht schaden. Man wußte ja in O., daß er und Mary wohl auch die Insel Smooth inspizieren würden. Der übertölpelte Detektiv konnte also auf Befreiung rechnen.

Den Postsack ließen sie in seiner Obhut. Dagegen nahmen sie das Inkasso bei ihren Kunden an sich. Auch Pinkerline selber erleichterten sie, neben seinen Schußwaffen, um ein paar hundert Dollar – Spesengeld. Sie stachen im Morgengrauen von der Inselseite aus, die O. abgewandt war, in See. Sie gingen natürlich erst nachts an Land, weil man den rothaarigen Postboten bestens kannte. Aber man sah ihn nie wieder.



Zum LdF

Wahrscheinlich ist mir mit diesem Wälzer ein recht großer, ungewöhnlicher, kühner Wurf gelungen. Erfreulicherweise bin ich nicht der Einzige, der das so sieht. Schon in den Anfängen der Arbeit schickte mir der hessische Schriftsteller Rolf Haaser ein ziemlich dickes Lob ins Haus. Ich hatte den mir unbekannten Kollegen* um Auskünfte zum Todesfall Georg Berna gebeten. Die gab er mir auch. Zusätzlich schrieb er jedoch (am 5. September 2020) unter anderem:

Ich habe mir die ersten Artikel Ihres Lexikons angesehen und fand sie äußerst interessant. Ihre Idee ist grandios, und ich wünsche Ihnen weiterhin viel Energie bei der Umsetzung. Ich glaube, Sie können damit berühmt werden. / Die Biogramme haben es in sich, sind spannend zu lesen und in der Summe auch aufschlussreich über das soziokulturell wohl noch vollkommen unerforschte Phänomen des frühen Todes. Es fällt einem wie Schuppen von den Augen, wenn man sich erst einmal auf das Thema eingelassen hat. Tragische Geschehen, Unglücke, Nieder-trächtigkeiten von seiten der Umwelt, frühvollendete Künstler und Schriftsteller, Ausnahmeerscheinungen usw., was für eine Fülle an Material, das neugierig macht!

Bislang habe ich das Werk rund einem Dutzend ausgesuchten Buchverlagen unterschiedlicher Kragenweite angeboten. Meist konnte ich mich an bestimmte, mir namentlich bekannte Zuständige wenden. Da die Veröffentlichung eines solchen Wälzers (um 1.250 Seiten, wohl Fadenheftung und Dünndruckpapier) aus der Feder eines nahezu unbekannten, zu allem Unglück auch überaus bissigen Autors für jeden Buchverlag kostspielig und riskant wäre, deutete ich in manchen Angeboten gleich meine Bereitschaft zu »finanziellen Zugeständnissen« an. Einem Kleinverleger aus Sachsen-Anhalt stellte ich sogar eine »Spende« von 5.000 Euro in Aussicht, falls er sich wirklich aus literarischen Gründen für das Werk erwärmen könne. Den Betrag hatte mir eine mildtätig gestimmte Freundin zugesagt. Daneben erwähnte ich vorsichtshalber meine Absicht, das Manuskript in meinem Blog im Ernstfall selbstverständlich sofort zu streichen. Aber es half alles nichts. In mindestens acht von 10 Fällen bekommst du überhaupt keine Antwort, nie. Für diese Lesefutter-Produzenten bist du nicht mehr als Luft. Da das Angebot die Nachfrage um ein Vielfaches übersteigt, ist ihre Machtstellung riesig. Möglicherweise wird sie nur von den Impfstoff-Herstellern übertroffen. Meine Aussage schließt übrigens sogenannte kritische / linke / alternative Verlage durchaus ein, wie ich betonen möchte. Für diese befremdlichen »Genossen« stellen Höflichkeit und Mitge-fühl Fremdworte dar, die sich mit den »Sachzwängen« Freier Marktwirtschaft leider nicht zusammenreimen lassen. Der Laie sagt sich vielleicht, sie könnten sich doch wenigstens eine zweizeilige, zwei Minuten Arbeitszeit kostende Rück-Mail an den begabten Autor abringen, etwa: »Sind durchaus [nach wie vor] interessiert, derzeit freilich völlig überlastet, melden uns möglichst noch in diesem Jahr!« Aber Pustekuchen, denn wenn so etwas einrisse, bräche ihre grandiose Alternative zusammen. Da bleiben sie lieber kaltblütig. Ihr Schlaf ist gut. Für alle Fälle gehen sie freilich einmal wöchentlich zum Mentaltraining, was man ja inzwischen günstigerweise mit den unumgänglichen Auffrisch-Impfungen verbinden kann.

Zu den vergleichsweise löblichen, nämlich höflichen Ausnahmen zählte ausgerechnet ein großer »bürgerlicher« literarischer Verlag aus München. Der betreffende Lektor antwortete mir nach wenigen Tagen – wenn auch nur in einer langen Zeile. Das sei »nun einmal wirklich eine originelle Idee«. Allerdings passe sie »leider so gar nicht zu unserem Programm«. Er müsse also abwinken. Das war alles. Aber was besagte es eigentlich? Alles und nichts. Der Hinweis, man habe das Verlagsprogramm verfehlt, stellt eine Standard-Floskel in der Branche dar, mit der sich selbst Hauche von Andeutungen über die literarische Kragenweite des angebotenen Manuskriptes vermeiden lassen. Selbstverständlich hat jener Lektor nach wenigen Blicken ins Manuskript zweierlei gewußt: Erstens, der Mann schreibt verdammt gut. Zweitens, er schreibt verdammt systemfeindlich. Beides zusammen wollen wir unseren Kunden lieber nicht zumuten. Acht wären erbost; zwei wären für uns verloren, weil sie zur Warte des anarchistisch gestimmten Autors überliefen.

Zum Abschluß die nächste kühne Idee. Die Erinne-rungen** des saarländischen Schriftstellers Gustav Regler († 1963) werden in meinen Ausgewählten Zwergen wiederholt erwähnt, meistens lobend. Der nach ihm benannte, derzeit mit 10.000 Euro dotierte Preis wird 2023 wieder vergeben. Vorschlagsschluß ist Ende 2022. Näheres sehen Sie bitte hier: https://www.literaturport.de/preise-stipendien/preisdetails/gustav-regler-preis-2020hauptpreis/. Sie werden zugeben, die Ausschreibung spricht nicht davon, in welcher Form die »herausragende literarische Leistung bereits erbracht« sein muß. Man könnte also auch meinen Blog und insbesondere das dortige LdF in die Waagschale werfen, falls sich kein Verleger findet. Gewiß ist eine Internet-Veröffentlichung etwas fragwürdig, da jederzeit manipulierbar. Aber es gäbe sicherlich einige Zeugen für mein langjähriges Wirken online und die Verfassung der Manuskripte. Im übrigen müßte der Vorschlagende »natürlich« mit einer Abschmetterung rechnen. Allerdings könnte man sein Gutachten (den eingereichten Vorschlag) dann noch immer in meinen Blog stellen, vielleicht den Fall auch publizistisch ausschlachten. Überlegen Sie also bitte einmal, ob Sie zu einem solchen Schachzug Lust hätten.

* Haaser ist mein Jahrgang, sehen Sie bei Interesse http://www.rolf-haaser.de/
** Das Ohr des Malchus, Köln 1958




LdF-Nachträge (I)

Erst neulich, im Juli 2021, kamen Drei Jugendliche (14 bis 17) aus NRW und ihr französischer, »erfahrener« Pilot, 55, in Renneritz (bei Bitterfeld, Sachsen-Anhalt) durch den Absturz eines Kleinflugzeuges um. Der Grund ist zumindest noch im Herbst* unklar. Das Wetter war, wie bei Peter >Sindermann, gut. Auch sonst drängen sich gewisse Parallelen auf. Die Jugendlichen sollen TeilnehmerInnen eines Fluglagers gewesen sein. Das Flugfeld in Renneritz dient vorwiegend dem Segelsport, aber die Unglücksmaschine war motorisiert. Jüngere Berichte sind nicht zu finden.

* »Experten können bisher keine Ursache für Flugzeugabsturz in Renneritz finden«, MDR, 8. Oktober 2021: https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/dessau/bitterfeld/bericht-flugzeugabsturz-renneritz-ursache-unklar-100.html

Der finnische, für meinen Geschmack vielleicht zu finnische Komponist Toivo Timoteus Kuula (1883–1918) gilt als bedeutender Sibelius-Schüler. Er hatte aber auch zeitweise im Ausland studiert, darunter Paris, wo er sich besonders von Gabriel Faurés Schaffen beeindruckt zeigte. Offenbar wurde Kuula vor allem für seine Vokalwerke geschätzt. Makabererweise soll Kuula »Kugel« oder »Ball« heißen. Des Komponisten Weg zum eigenen Ruhm wurde nämlich in der Tat von einer Kugel durchkreuzt, als er erst 34 war. Er wurde bei einem etwas undurchsichtigem, wohl »politischem« Streit in einem Hotel tödlich verwundet. Er hinterließ die Sängerin Alma Silventoinen als Witwe mit einer einjährigen Tochter, Sinikka. Die erntete später als Pianistin Beifall. Kuulas Tochter Aune aus einer ersten Ehe war nur wenige Monate alt geworden.

Laut finnischer Wikipedia war Kuula, der eigentlich von der Westküste stammte, während des Bürgerkrieges in der karelischen Stadt Wyborg (Viipuri) als Dirigent angestellt. Er habe sich vor den (russischen) Roten, die diese Gegend beherrschten, verstecken müssen, um nicht zwangsrekru-tiert zu werden. Dann übernahmen die Weißen das Zepter. Zu denen zählten die deutschfreundlichen sogenannten Jäger, eine Elitetruppe aus Freiwilligen. Die Jäger scheinen den durchaus patriotisch gestimmten Kompo-nisten für einen Unterstützer der Roten gehalten zu haben. Jedenfalls kam es bei einer Feierlichkeit in jenem Hotel zu gegenseitigen Beschuldigungen oder Beleidigungen und handfestem Streit. Kuula soll nach Schlägen ein Messer gezogen haben, sei dann jedoch vor der Übermacht geflüchtet und im Hof gestolpert. Daraufhin sei er, wohl kaltblütig, erschossen worden. Habe ich richtig verstanden, konnten zwei mutmaßliche Täter nicht gerichtlich belangt werden, weil der eine vorher bei einem (angeblichem) Segelunfall starb, während der andere, inhaftierte bei einem Fluchtversuch seinerseits erschossen wurde. Der Lexikon-Eintrag stützt sich vorwiegend auf eine Biografie von 1953.* Ein jüngerer Biograf, Juhani Koivisto, soll den Verdacht geäußert haben, die beiden Militärs seien zum Schweigen gebracht worden, um unliebsame Enthüllungen vor Gericht zu verhindern.

1983 bekam der »gefallene« Patriot und Komponist Kuula eine finnische Briefmarke. Mir wäre er wahrscheinlich trotz seiner spätromantischen Musikstücke wenig sympathisch gewesen. Er hing der Partei der Fennomanen an, war also ein echter Nationalist. Der größte Dorn im Auge dieser Partei waren die vielen in Finnland lebenden Leute, die es wagten, schwedisch zu sprechen und die entsprechende »fremdartige« Kultur zu pflegen. Die amtlich schon 1863 erfolgte »Gleichstellung« beider Sprachen lehnten sie ab.

* Tuomi Elmgren-Heinonen: Toivo Kuula, Porvoo 1953

Das vierte, jüngste und letzte Kind des bekannten Pantomime-Clowns Peter Shub hieß Luca Shub. Der Vierjährige hatte im Sommer 2001 im Innenhof-Restaurant des Alten Rathauses Hannover mit Familie Shub gespeist. Als er seine Pizza verdrückt hatte, stand er auf und ging zu einer offenbar recht großen und schweren Skulptur, die in der Nähe stand. Als er sie angefaßt habe, so der Vater später, sei sie umgekippt und habe den Jungen erschlagen. Die Skulptur sei nicht gesichert gewesen – was der aus den USA stammende Clown »für Deutschland erstaunlich« fand.*

Es ist genauso schwer, einen solchen krassen Vorfall nicht zu kommentieren wie ihn zu kommentieren. Aber vielleicht ist es auch überflüssig, ihn zu kommentieren. Shub, geboren 1957 in Pennsylvania, führe uns »mit winzigsten Details« vor, »wie Freude, Missgunst oder falsche Fährten entstehen«, lese ich bei Stuttgart Live in der Ankündigung eines erst im kommenden März stattfindenden Auftrittes. Ich fürchte fast, die riesige falsche Fährte, die mit Masken, Impfpässen und den entsprechenden Einlaßkontrollposten gepflastert ist, wird von Shub lieber ausgespart. Immerhin liegt ein gewisser Trost darin, daß heutzutage überhaupt noch KomikerInnen auftreten dürfen. Zwar hatte eine jüngere Phase der Postmoderne um 1990 als »Spaßgesellschaft« von sich Reden gemacht, aber das ist 30 Jahre her. Es ist vorbei. Heute wird im Gegenteil alles unternommen, um den zweibeinigen Bewohnern dieses Planeten das Kichern, Lachen und Tanzen auszutreiben. Man möchte nur noch vor Angst schlotternde, mißgünstige, bösartige Schafsköpfe. Allerdings lassen sich das noch nicht alle gefallen, wie Danser Encore zeigt, ein mitteleuropäisches Flashmobstück von 2020/21, das inzwischen auch im Rahmen eines deutschen Album-Samplers vorliegt.**

Mich hat leider noch niemals einer als Komiker gelobt oder auch nur bezeichnet. Vielleicht steht dem meine Vorliebe für die Humor-Unterabteilung »Sarkasmus« entgegen. Von dieser Vorliebe wußten Sie gar nichts? Na, dann erlaube ich mir einmal ein Beispiel aus meinen Miniaturen Vor der Natur anzuführen, das einmal Maximilian Zander hervorstrich. »Vorausgesetzt, in jedem Gewitter offenbare sich Gottes Allmacht«, heißt es im Stück Lichtenberg, »wären die Blitzableiter, die wir auf unseren Kirchen anbringen, ein Ausdruck göttlicher Selbstironie.« Dieser Gedankenblitz dünkte Zander »noch tiefer und sarkastischer als Lichtenbergs Funke«, auf den mein Miniaturtitel anspielt. Spricht Brockhaus bei Sarkasmus von bitterem Hohn und beißendem (verletzendem) Spott, verschweigt er wohlweislich, daß der von mir vertretene Sarkasmus zwar öfter Gott oder den Papst, nie dagegen Genossen trifft. Er setzt nie ein armes Schwein herab, sitzt es doch sowieso schon in der Scheiße. So etwas lieben nur die ZynikerInnen in »rotgrünen« Parteivorständen oder bei Bild, Spiegel, taz. Der Sarkasmus greift immer (selbsternannte) Götter an.

Gewiß können sich solche auch hinter Genossenlarven verstecken. Um Mitternacht bekommt Victor Serge Besuch von der GPU – Hausdurchsuchung. Bei seinen Leninübersetzungen stutzen die Leute. »Beschlagnahmen Sie die auch?« fragte ich ironisch. »Machen Sie keine Witze«, erwiderte der eine, »auch wir sind Leninisten.« Vortrefflich; wir Leninisten waren unter uns.

Ich vermute weiter, beim Sarkasmus müsse stets der Tod als der schrecklichste Gott im Spiel sein. Daher die Nähe zum Galgenhumor. 1984 verübte die IRA einen Bombenanschlag auf das Parteitagshotel der britischen Konservativen in Brighton. Industrieminister Norman Tebbit kam schwerverletzt ins Krankenhaus. Vor der Narkose nach Allergien befragt, erwiderte Tebitt: »Bomben.«

Wahrscheinlich gehören auch meine jüngsten Drei Corona-Lieder Mitläuferblues, Kinderschänderblues und Die Benachrichtigung der genannten Unterabteilung an.

* »Scheitern ist verpönt«, Hinz & Kunzt (Hamburg), 21. Februar 2016: https://www.hinzundkunzt.de/scheitern-ist-verpoent/
** Protestnoten, produziert von Jens Fischer-Rodrian 2022


Ich komme zuletzt zur knapp 16 Jahre alten Schülerin Cheyenne Braun aus Hollfeld im Landkreis Bayreuth. Man muß füchten, ihre mutmaßlichen MörderInnen werden nie überführt und zur Rechenschaft gezogen. Sie sitzen in den Aufsichtsräten der Pharmakonzerne, in den Sesseln der neuen Gesundheitsregierungen und in bestimmten oberfränkischen Arztpraxen. Das putzmuntere Mädchen hatte sich, wohl am Monatsanfang, im November 2021 gegen Corona impfen lassen. Warum, wird nirgends gesagt. »Kurz darauf«, wie es heißt, habe sie einen Herzstillstand erlitten, sei ins Koma gefallen und nach anderthalb Wochen, wohl Mitte November*, in der Klinik gestorben. Man vermutet: aufgrund von Thrombosen und einer Herzmuskelentzündung – nach Susan Bonath** »bekannte Nebenwirkungen« der jüngsten Impfungen … Die Mutter (Kerstin) ging an die Öffentlichkeit, der Staatsanwalt ermittelte. Da der Totenschein keine klare Todesursache geliefert hatte, wurde sogar eine Obduktion angeordnet. Allerdings weigerte sich der gute Staatsanwalt zunächst, deren Ergebnis bekannt zu geben. Daraufhin habe die Mutter mit Hilfe eines Rechtsanwaltes Akteneinsicht beantragt und auch erwirkt, teilt mir der Waischenfelder Freie Journalist Thomas Weichert Mitte Dezember freundlicherweise mit. In der Tat bestätige der »vorläufige« Obduktionsbericht den Verdacht auf eine möglicherweise durchs Impfen ausgelöste Herzmuskel-entzündung. Die Angehörigen erwögen weitere juristische Schritte.

Cheyennes ältere Schwester soll im Internet u.a. erklärt haben: »Muss es wirklich sein, dass wir den Impfstoff an unseren Kindern testen? / Es werden immer mehr Fälle publik! Es ist kein Einzelfall! / Überlegt es euch gut! Meine Mutter bereut ihre Unterschrift! / Sie [Cheyenne] war so ein lebensfrohes, mutiges, humorvolles, hilfsbereites Mädchen. Sie hatte noch ihr ganzen Leben vor sich! Keine Vorerkrankung …« Auch die Mutter, laut Weichert sogar eine »ausgebildete Intensivpflegerin«, betonte, Cheyenne sei »kerngesund« gewesen. Offenbar hatte das Mädchen vor seinem 16. Geburtstag gestanden: am 3. Dezember. Der fiel nun flach. Bedenkt man jedoch, daß Cheyenne inzwischen, weltweit, beileibe nicht das einzige Todes- oder Impfschadenopfer ist, könnte man sich nicht nur einmal, sondern einige zehntausend Male die Haare raufen.

Kurz vor Weihnachten wiesen die NachDenkSeiten auf einen Offenen Brief von knapp 400 Ärzten hin, worin der geringe Nutzen und das hohe Risiko der jüngsten Impfungen, außerdem die »Spaltung« der Gesellschaft beklagt werde.**** Zu den Initiatoren zählt ein Münchener Augenarzt, von dem Herausgeber Albrecht Müller berichtet: »Im Zeitraum von Januar 2020 bis Dezember 2021 waren rund 7.000 Patienten in seiner Sprechstunde. Darunter waren 33 Patienten mit COVID, zwei davon waren auf der Intensivstation. Das sind weniger als 0,5 % der Patienten insgesamt. – Die Zahl der Impfkomplikationen im Zeitraum eines knappen Jahres von Januar 2021 bis Dezember 2021 lag höher als 33. Darunter viele Augenblutungen und zwei Patientinnen mit Apoplex (Schlaganfall); einer davon, bei einer Patientin, verlief tödlich. Sie war eine Woche vor ihrem Tod geimpft worden. Im abschließenden Arztbrief wurde dieser Umstand mit keiner Silbe erwähnt. Auf die Frage, ob ansonsten von den Ärzten die Nebenwirkungen des Impfens einigermaßen korrekt gemeldet würden, meinte er, dass dies in der Regel schon aus Zeitnot nicht gemacht werde.«

* Radio Mainwelle, 18. November 2021: https://www.mainwelle.de/todesursache-unklar-polizei-ermittelt-zum-tod-eines-15-jaehrigen-maedchens-aus-hollfeld-3372800/
** Rubikon, 27. November 2021: https://www.rubikon.news/artikel/die-impfschaden-leugner
*** Alexander Wallasch am 24. November auf https://reitschuster.de/post/15-jaehrige-stirbt-nach-impfung-gestern-war-die-obduktion/
**** https://www.nachdenkseiten.de/?p=79170 20. Dezember 2021




Maximilian Zander
Wohl 2010 verfaßt

Wüßten Sie, wo Castrop-Rauxel liegt? Die Stadt mit immerhin rund 80.000 Einwohnern liegt im Ruhrgebiet. Sie wird nicht vom stählernen Förderturm der ehemaligen Zeche Erin, vielmehr von ihrem Einwohner Maximilian Zander beherrscht. Das steht in keinem Lexikon. Er selber kommt mir ausgesprochen uneitel vor. Er würde seine Verdienste als Chemiker, Lyriker und Familienvater noch nicht einmal an ein Maiglöckchen hängen.

Als Pädagoge und Leser hat er ebenfalls Qualitäten, die mir seit Ende 2001 zugute kommen. Damals spitzte ich über der Jahresschrift Muschelhaufen, die auch mir schon die Spalten geöffnet hatte, bei einer Handvoll Aphorismen Zanders die Ohren. Der alte Mann (Jahrgang 1929) murmelt da etwa: »Es kann lange dauern, bis man merkt, daß man gestorben ist.« – »Ein erfahrener Hellseher sieht erst einmal schwarz.« – »Früher galt als Künstler, wer ein Kunstwerk hervorbrachte. Heute gilt als Kunstwerk, was ein Künstler hervorbrachte.« Das fügte sich trocken und nahtlos in ein Bollwerk gegen den sogenannten Erweiterten Kunstbegriff ein: Robert Gernhardt. 2006 fiel das Bollwerk. Zander greift jetzt die 80 an, erwidert treu meine Briefe und schreibt nach wie vor Gedichte. Das ist allerdings ein heikler Punkt in unserem Verhältnis – und nicht der einzige.

Wie man vielleicht schon erahnt oder gelesen hat, halte ich von Moderner Lyrik, soweit sie ungebunden, dafür jedoch umso verrätselter daherkommt, gar nichts. Sie stellt für mich die Documenta der Literatur dar, nämlich einen Tummelplatz für Windbeutel und SchaumschlägerInnen. Auf ihn hat sich auch Zander verirrt, der wahrlich weder das eine noch das andere ist. Und angesichts seiner großen Klugheit und seines filigranen Sprachgefühls ist es ein Jammer. So zehre ich vor allem von unsrer bald 10jährigen Korrespondenz, die mir jede Menge Anregung und Anerkennung schenkt. Ohne Zander hätte ich den vielen Körben, die mir der Literaturbetrieb an den Kopf wirft, kaum widerstanden.

Er selber ist hart im Nehmen. Greife ich im Meinungsstreit zu Titulierungen wie »Bürger« oder »Sozialdemokrat«, schluckt es Professor Z. Er glaubt, ob einer zum Radikalismus oder zur Versöhnung neige, entschieden dessen Gene. Wahrscheinlich hat der Chemiker recht. Da es auch unter Oberschichtlern Linksradikale gibt, kann man auf soziale Lagen offenbar unterschiedlich reagieren. Mein Bruder, obwohl gelernter Schlosser, ist kein Linksradikaler geworden. Das ist umso erstaunlicher, als wir nicht nur gleich arm und einflußlos waren, sondern auch dieselben Eltern hatten. Mein Gen für Gerechtigkeits-empfinden stammt vielleicht aus dem Neandertal.

Hier liegt der nächste heikle Punkt. Was Biografisches und Gefühlsleben angeht, hält sich Zander in unserem Briefwechsel von Anfang an bedeckt. Erwähnt er, schon früh einen Sohn verloren zu haben, kommt es bereits einer Herzausschüttung gleich. Ob und wie ihn dieser Verlust schmerzte und prägte, verrät er nicht. Da ich selber in Briefen eher viele Auskünfte gebe, erhält das Schiff der Kommunikation natürlich Schlagseite. Diese Ungerechtig-keit macht mich zuweilen wütend. In anarchistischen Kommunen ist Schlagseitenkommunikation verpönt. Alle haben sich ähnlich weit zu öffnen. Diese Öffnung hält die Verletzbarkeit gleich, dient aber auch als Riegel gegen Mutmaßungen, Unterstellungen, Groll. Zu allem Unglück gesellt sich zu Zanders Zugeknöpftheit der Zündstoff des klassischen Vater-Sohn-Konfliktes. Keine Zuneigung ist ohne Machtkampf zu haben.

Immerhin tobt oder kratzt er in unserem Fall bloß auf Briefpapier. Distanz mildert. Im Sommer 2006 schrieb Zander, er ziehe vor Gernhardt auch deshalb den Hut, weil er sich bis zuletzt (Später Spagat) mit dem Tod auseinandergesetzt habe. Ich erwiderte, dann sei es ja nicht mehr taktlos, sich auch einmal bei ihm zu erkundigen, wie er es mit dem Tod und vielleicht mit Gegenmaßnahmen halte. Vielleicht hätten wir uns Zaubermittel oder wenigstens Trost zu bieten. Diese Anfrage überging er jedoch wie schon manche Anfragen zuvor. Er wird seine Gründe haben – die er nicht preisgibt. Wollte auch ich mich einmal als Aphorist versuchen, wäre hier der Hinweis fällig: Um uns aufzupäppeln und uns einzutrichtern, wie das Leben zu meistern sei, vergeuden unsere Eltern 20 Jahre ihrer kostbarsten Zeit. Für die heikle Frage unseres Abgangs opfern sie keine 10 Minuten.

Wer Zander in einem Gedicht zu sich nehmen möchte, hat ihn auf den Seiten 61 bis 63 seines Bändchens Antrobus' Tagebuch von 2004 gleichsam wie im Weinglas. Da sitzen »Ein paar ältere Herren« zusammen. Auch Zanders Verschlossenheit hat man in diesem funkelndem, tulpenförmigem Glas. Die Lage ist ernst, sagen Sie? / Ach, junger Freund, / es geht immer um Leben & Tod, / und hier sprechen Sie mit Experten. Aber sie erklären sich eben nie; sie unterhalten sich lieber mit Anekdoten, Bonmots, Zitaten. Jetzt glänzt der Gastgeber (das meine ich durchaus bewundernd) mit folgenden Worten. In der vierten Strophe / sollte der Mond erscheinen, / und, bitte: da ist er. / Na, dann reden wir mal / über die Wahrheit / der Dichter, der Physiker. / Am Ende stehen die Quoten / 3:2, aber für wen / wird nicht verraten.

Für den Leser jedenfalls nicht – will doch der Lyriker Zander verhüllen statt aufdecken. Hier hätten Sie zum Schluß auch ein wichtiges Glaubensbekenntnis hinsichtlich meines eigenen Schaffens.

Nachtrag. Zanders letzter Brief erreichte mich im Sommer 2012. Ich war zunächst schockiert. Alt, gebrechlich und müde, wie er inzwischen sei, könne er meine einfalls-reichen und brillant geschriebenen Briefe kaum noch halbwegs ebenbürtig beantworten. Deshalb sehe er sich zu dem Vorschlag gezwungen, unseren Briefwechsel jetzt zu beenden.

Der große Verlust schmerzt mich bis heute. Dennoch wußte ich bereits am nächsten Tage, Zander hat recht. Er kam seinem Kräfteverfall zuvor und machte sich nichts vor. Es war klug und tapfer von ihm, den Briefwechsel für beendet zu erklären. Seine mutmaßliche Alters-Einsamkeit möchte man natürlich niemandem wünschen – aber sie trifft viele. Leider trifft sie gerade die besonders gern, die keine Schafsköpfe sind.

Was meine Texte angeht, schätzte Zander meine kurzen Essays am meisten. Ich glaube, das LdF hätte er begrüßt – ja sogar gerühmt. Aus dieser Anerkennung wurde leider nichts. Zander starb Ende 2016 mit 87 Jahren.



Trotz & Töne

Meine größte musikalische Schwäche dürfte mein Gesang sein. Ich meine damit weniger meine technische Unbeholfenheit beim Singen, vielmehr die Blässe meiner Gesangsstimme. Sie ist zu farblos und zu dünn. Möglicher-weise gilt das nur fürs Singen. Jedenfalls versicherten mir schon mehrere Leute unabhängig voneinander, an mir sei ein Rundfunk- oder Synchronsprecher verloren gegangen. Haben sie recht, wäre es nicht die einzige Chance, die ich verpaßt hätte. Hüten Sie sich vor einem Ehrgeiz, der mit Unschlüssigkeit gepaart ist. Er bringt es nie zu was.

Zurück zum Gesang. Ich könnte mich natürlich mit dem Gedanken trösten, andere kämen auch nicht unbedingt als John Lee Hooker auf die Welt. Bei uns zum Beispiel Kai Degenhardt oder Manfred Maurenbrecher. Von Manfred weiß ich, er liebte zu unserer gemeinsamen Trotz & Träume-Zeit Bob Dylan, Van Morrison, Randy Newman. Aber für mich sind auch diese weltberühmten Sänger nicht gerade umwerfend – es sei denn, weil man sich lieber die Ohren zuhält und dabei stolpert. Irgendwelche Götter pflanzten die Rio Reisers spärlich. Nebenbei brüllt Morrison oft, statt zu singen, und wenn er zuweilen den Fehler begeht, mit Hooker auf einer Bühne oder Platte zu singen, sollte man ihn wirklich zu Tarzan in den Urwald schicken.

Warum bestimmte Gesangs- oder Sprechstimmen auf den einen große Faszination ausüben, auf den anderen dagegen nicht, dürfte allerdings kaum zu enträtseln sein. Im Internet wird von Psychologen und Logopäden durchaus viel über einschüchternde (grollende) oder unangenehme (etwa piepsige) Stimmen gelabert. Sie verführten uns sogar häufig zu Rückschlüssen auf Erscheinung und Wesen des Sprechenden oder Singenden, falls er gerade unsichtbar sei. Aber das Rätsel selber – die unterschiedlichen Vorlieben der HörerInnen – umschiffen sie, als stünden sie vor dem Loch Ness. Warum stehe ich, allein vom Höreindruck her, auf Jerry Garcia von Grateful Dead (den ich bereits im LdF streifte), John McCrea von Cake und Sven Regener von Element Of Crime, Sie dagegen nicht?

Die Erscheinung eines Gesangskünstlers spielt doch sowieso überhaupt keine Rolle. Hier sind wir nur Sklaven der postmodernen Verbilderungssucht. Der betörendste Tenor der Weimarer Republik, Ari Leschnikoff von den Comedian Harmonists, erinnerte mit seiner knorrigen Untersetztheit an einen bulgarischen Rebstock. Jerry Garcia wirkt auf der Bühne dicklich bis dümmlich; der vollbärtige John McCrea, Baseballmütze auf, könnte gerade vom Dreh eines typischen, ekelhaften US-Werbefilms für Hundefutter gekommen sein. Die entscheidende Erotik dieser nicht unbedingt filmreifen »Frontmänner« liegt in ihren eigentümlichen Stimmen.

Immerhin fällt mir jetzt eine Vorliebe auf, die der inzwischen knapp 60jährige Kalifornier McCrea mit Randy Newman teilt. Sie lassen die (englischen) Worte oft buchstäblich auf ihrer Zunge zergehen; sie lutschen und verspeisen sie wie Pralinen. Ich dagegen, so fürchte ich, pflege die Worte meiner Gesangstexte überwiegend lieblos auszustoßen wie Tropfen beim Niesen. Man achtet beim Singen gar nicht auf sie; nur auf die befreiende Wirkung des Atem- und Wasserschwalls kommt es einem an. Genau deshalb war ich auch immer auf der Querflöte so schlecht. Da hat man die Töne, mit Lippen und Zwerchfell, zu formen.



Handfestes

In der aufschlußreichen Broschüre Puppen und andere Spielwaren aus Waltershausen von 1986 hat mich ein Foto aus der hiesigen größten Puppenfabrik besonders belustigt. In dieser aus rotem Backstein gemauerten Fabrik hausen seit 2003 Kommunarden. Damals jedoch liefen dort noch die berühmten biggi-Puppen vom angeblich volkseigenem Band. Eine gutgepolsterte, wuschelköpfige Dame im geblümtem Kittel zieht ein Schmollmündchen, während sie aus ihren Kulleraugen den gleichfalls dunkelhaarigen Puppenkopf begutachtet, den sie in Händen hält. Ein Bewunderer textet: »Die Meisterin vom Montageband – sieht sie nicht wie ihre Puppen aus?«

Ja, das könnte bald unser aller Schicksal sein: zu Puppen zu mutieren. Aber ich will nicht gleich zu allgemein werden. Hoffentlich lebt die Meisterin nicht mehr, denn ich muß ihr zudem Wurstfinger bescheinigen. Dafür kann sie allerdings nichts. Zur Strafe hat der Zufall auch mich mit den falschen Händen ausgestattet. Das wäre also, nach der Stimme, schon wieder ein körperlicher Makel an mir. Jedenfalls passen meine Polstererpranken nicht gut zu dem ganzen Rest. Für KlavierspielerInnenhände würde ich meine Spanische Gitarre verkaufen. Aber sie sind selten. Bölls Hans Schnier – ein gitarrespielender Clown – bescheinigt Männerhänden allgemein die Beschaffenheit angeleimter Holzklötze. Zu allem Unglück sind Hände auch noch verteufelt schwer zu malen, wie sich bei jedem Rundgang in einer Gemäldegalerie überprüfen läßt. Das Wiener Kunsthistorische Museum hat zum Beispiel ein Porträt zu bieten, das der Niederländer Anthonis Mor 1549 anfertigte. Weit entfernt, Holzklötzen zu ähneln, hängen die Hände des dargestellten Herrn Antoine Perrenot de Granvelle an seinem schwarzem Rock herab wie plattgeklopfte Euter von Zwergziegen. Von solchen Witzfiguren mußten sich Mor und Kollegen aushalten lassen! Besonders bedauernswert sein spanischer Kollege Bartolomé Esteban Murillo, der sein hübsches Gemälde Buben beim Würfelspiel verdarb, indem er die Buben mit Krallen statt Händen ausstattete. Das um 1670 geschaffene Werk hängt in der Münchener Alten Pinakothek. Angesichts dieser Mißgeburten an den Ausläufern unserer Arme verfuhr Welskopf-Henrichs Rose des Indianer-reservats Queenie King nur folgerichtig, wenn sie ihren zudringlichen angesoffenen Nachbarn Harold Booth mit dem Messer an ihre Hüttenwand nagelte: durch die Hand gestochen. Er hätte sie andernfalls vergewaltigt.

Um auch ein »positives« Beispiel, also eine gelungene Darstellung von Händen anzuführen,will ich ein Werk des schwedischen Malers und Kunstschriftstellers Sven Richard Bergh erwähnen, das mir in meinem Brockhaus (Band 3 von 1987, S. 120) aufgefallen ist. Das Gemälde von 1886 zeigt Die Frau des Künstlers – wohl Helena Maria Klemming (1863–89). Die Ärmste, so hübsch sie auch war, wäre also ebenfalls eine Kandidatin für mein LdF gewesen. Auf dem Bild liegen ihre Hände, mit den Innenflächen nach oben, leicht gekreuzt auf ihrem Schoß, wohl im Rahmen einer Näharbeit. Ob ihr Bildner sie immer so gut behandelte, wie ihm ihre langfingrigen Hände gelangen, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

Wichtiger als dieses eine Gemälde ist allerdings der Vorzug von Händen überhaupt. Denn daran wird neuerdings kräftig gerüttelt. Mit der Ausrufung der jüngsten soge-nannten Pandemie war das bekannte – und vor allem in der ehemaligen DDR beliebte – Händeschütteln plötzlich tabu. Das muß man sich einmal klarmachen! Durch Jahrtausende hinweg waren Hände ein auszeichnendes Instrument oder Symbol menschlichen Vermögens und Sichverbindens. Der »Handschlag« besiegelte sogar Verträge. Das »Handauflegen« heilte; zuweilen be- oder verzauberte es auch. In der Puppenfabrikkommune war es selbstverständlich, sich bei feierlichen Anlässen, im Kreise, bei den Händen zu halten. Durch die Hände verströmt und vermischt sich das Leben. Jetzt sollen wir aber tot sein.

Der letzte Satz ist vielleicht zu verwaschen. Gewiß wünschen uns die großen DrahtzieherInnen leblos wie Puppen oder Marionetten, aber das dient gerade der Abschaffung des Todes. Als Puppen, Computermäuse oder Schaltkreise sind wir unsterblich. Damit spiele ich auf den Zusammenhang mit weiteren Abschaffungen an, denen wir seit einigen Jahrzehnten beizuwohnen haben. Meines Erachtens ist er offensichtlich. Abgeschafft werden: die Nähe, das Herzliche, das Körperliche, der Raum, die Gestalt und dergleichen mehr. Alles, was sich nicht zeitlich, nämlich digital, erfassen und steuern läßt, wird abgeschafft. Diese Warnung, »Zeit frißt Raum!«, predige ich seit Jahren. Mit der Gestalt wird übrigens auch die Melodie abgeschafft, wie ich gewissen Musikern beiläufig bestätigen möchte. Nämlich: von ihnen.

Ich führe zum Abschluß noch ein anderes bedauerliches Opfer der Abschaffung des Raumes an. Es ließ sich einstmals fast so gut wie ein gediegenes Buch zur Hand nehmen. Sie erraten es? In meiner Jugend brauchte man nur eine gut gemachte, nicht zu großformatige und noch nicht mit scheunentorgroßen Bildern überladene gedruckte Zeitung aufzuschlagen – schon war der Raum, ja das Universum eröffnet. Da konnte man seine Blicke schweifen lassen und sich genießerisch für das eine oder das andere entscheiden. Versuchen Sie das einmal am Bildschirm! Sie scrollen und klicken und hüpfen wie ein Affe im Zoo. Sie steigern das Tempo, weil Sie ja sowieso keine Zeit haben. Aber gerade die uhrenhafte, absolut gleichförmige, lineare »Zeit« war es, die den gedruckten Zeitungsraum zerstörte. Der dreieinige Gott des Computers heißt Abfolge–Reihung–Durchgang. Den Glauben, auch in einer Internetzeitung könnten Sie noch verweilen oder in Vergangenes tauchen, werden Ihnen spätestens die Laufzeilen und Schilder über das gerade »Neuste« rauben, die den Bildschirm und Ihre Stirn unablässig mit Zecken spicken. Durch seine hartnäckige ständige »Aktualisierung« wird Ihnen der Webmaster der Internetzeitung das Denkvermögen aus dem Hirn saugen und Ihnen dafür das Gefühl einimpfen, alles sei gleichermaßen wichtig wie belanglos. Das ist die ideale Basis für das Mitwirken der Schafsköpfe zu Hause an der Politischen Willensbildung und den Staatsgeschäften. Es beläuft sich aufs Glotzen.



Grammatischer Gram (I)
Heute: Das Mehrfachen

Schauspieler Siegfried Lowitz, für viele Der Alte aus einer bekannten Fernseh-Krimi-Serie, habe »mehrfach mit Heinz Rühmann vor der Kamera« gestanden, erfahren wir bei Wikipedia. Stand er also eines Tages nicht nur als Doppelagent, sondern gleich in drei- oder fünffacher Ausfertigung neben dem bekanntem Star, der eigentlich noch eitler als Lowitz selber war?

Leider ist das Mehrfachen zum postmodernen Volks- und Pressesport geworden. Erstaunlicherweise nimmt schon mein eher altmodischer Duden (von 1983) keine deutliche Unterscheidung zwischen dinglicher/zeitlicher Wiederholung vor. Er kennt sowohl eine mehrfache Ausfertigung wie einen mehrfachen deutschen Meister oder einen mehrfach vorbestraften Einbrecher.

Eine ziemlich erschöpfende (und vernichtende) Kritik der Verwischung des Unterschieds zwischen »mehrfach« und »mehrmals« nimmt beispielsweise 2009 Ulrich Werner aus München auf seiner Webseite vor. Allerdings führt er, soweit ich sehe, keine frühen maßgeblichen Quellen an. Er baut auf das Augenscheinliche: mehrfach gehört der Reihe »einfach, zweifach, vielfach« an, mehrmals dagegen der Reihe »einmal, zweimal, oftmals«. Das Mehrmalige hat nie Gleichzeitigkeit, betont Werner. Dagegen kann ein Kniegelenk mehrfach belastet sein, nämlich gleichzeitig durch verschiedene Kräfte, die auf es wirken.

Ob mir einer einen bestimmten Liebesbrief mehrfach (in Kopien) schickt oder ob er ihn mehrmals (an verschiedenen Tagen) auf die Post gibt, damit mich die Botschaft auch wirklich erreicht, ist ja in der Tat ein beträchtlicher Unterschied. Die zweite Maßnahme zeugt sicherlich stärker von Zuneigung. Noch schmerzhafter wird es im Falle eines Beinbruchs. Der mehrfache Beinbruch läßt sich vielleicht durch nur eine Operation beheben. Breche ich mir dagegen dasselbe Bein in vier oder fünf Jahren mehrmals, kann ich es eigentlich nur noch wegschmeißen. Sporttreiben geht dann allenfalls mit Prothese, was freilich den Beifall gewisser HerstellerInnen findet. Gewiß kann ein Leichtathlet mehrfacher deutscher Meister sein, nämlich in verschiedenen Sparten einer bestimmten deutschen Leichtathletik-Meisterschaft. In der Regel ist jedoch gemeint, er sei bereits, etwa im Hochsprung, mehrmaliger deutscher Meister, errang also den Titel wiederholt in verschiedenen Jahren. Der Unterschied liegt auf der Hand.

Sicherlich gibt es auch Grenzfälle. Sie fallen mir im Moment nicht ein. Ich vermute aber in der Hauptsache, wenn heutzutage grammatische Verwischungen so beliebt sind, entspricht es denen in der postmodernen Wirklichkeit. Hier liegt die Vernebelungstaktik vor, die zwischen Krieg und Frieden oder Krankheit und Gesundheit nicht mehr deutlich unterscheiden will. Dadurch werden auch die einträglichen Geschäftsfelder größer.

Eine ähnliche Verwischung hält sich seit Jahrzehnten hartnäckig im Falle des gegensätzlichen Paares anscheinend – scheinbar. Darauf habe ich schon früher hingewiesen.

Leider kann ich es mir nicht verkneifen, mit Hilfe des folgenden, schon älteren Textes noch ein wenig über Rühmann herzuziehen. In der Regel wird er verklärt wie so viele. Als Knabe war ich selbstverständlich auch ein Fan von ihm. Er starb 1994 mit 92.



Einlagen für Heinzchen
Um 2005

Bei der UNO-Generalversammlung des Jahres 1960 verlieh der neue Sowjetchef Nikita Chruschtschow seinen Ausführungen Nachdruck, indem er mit seinem Schuh aufs Rednerpult trommelte. Das war mutiger, als Uneingeweihte denken. Stalins alter Kumpane hatte mit seinem großem Reformwerk nämlich bei seinem eigenem Schuhwerk angefangen. Er hatte Angelo Litrico bemüht. Dieser italienische Modeschöpfer – er liegt inzwischen wie Chruschtschow unter der Erde – verwandte sein Genie vor allem an die Gestaltung des Innenfutters und der Sohlen. So erzielte er eine unauffällige Vergrößerung des Schuhträgers. Also Hut ab vor Chruschtschow, wenn er sich eines solchen Schuhs gerade auf der Höhe des Gefechtes entledigte, wirkte er doch auf Strümpfen ähnlich untersetzt wie Heinz Rühmann, der für kleine Helden am Theater keine Chancen sah. Rühmann hatte sich am Beginn seiner Laufbahn noch mit Einlagen zu behelfen. Beide Männer wären glatt aus ihrem Grab gefahren, hätten sie um 2000 die damalige Heutige Jugend wie auf Dampfbügeleisen durch die Straßen staken gesehen.

Auch den erwähnten Hut ergreife ich gern. Die Karikaturisten wußten schon immer, wem der Nordamerikaner seine herausragende Stellung verdankt: seinem Zylinder. Der Mensch ist nicht von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, vielmehr verlängerbar. In dieser Achse liegt sein ganzer Stolz. Einer der vielen brutalen Psychopathen auf dem preußischem Thron war Friedrich Wilhelm I., Regierungszeit 1713–40. Der Historiker Karl Gass bescheinigt ihm die Gestalt einer Dampfwalze, aber Friedrich Wilhelm wußte Abhilfe, ohne den Umweg über Schuhe oder Hüte zu bemühen. Sein berüchtigtes Leibregiment der Langen Kerls umfaßte am Ende 3.000 Personen, die er sich aus ganz Europa und sogar Übersee mit List und Gewalt und viel Geld zusammenrauben ließ. Auf ihren Beruf oder ihre Verstandeskraft kam es dabei nicht an. »Außer der Länge, zwei Meter und mehr, kannte der Excerciermeister keine Kriterien.«

Die Krönung der Kopfbedeckung stellte freilich schon bei den alten Ägyptern die Krone dar. Die Leute, die dem steilhäuptigem Pharao die Füße zu küssen hatten, mußten sich mit Mützen begnügen. Zwar wurde oft betont, mit der Kopfbedeckung ziehe sich der Inbegriff von Freiheit, Manneswürde, Selbstherrlichkeit durch die Geschichte, doch zu einer Erklärung dieses Phänomens läßt sich selten jemand herbei. In unserem Zusammenhang [Größe] ist sie natürlich unübersehbar. Tell weigert sich, jener von einem Hut bekrönten Stange, die für den Kaiser steht, mit entblößtem Haupt seine Referenz zu erweisen, weil er sich nicht geringer vorkommt als ein Kaiser. Er kann sich somit, den Hut ziehend, nicht kleiner machen. Zur Strafe verhöhnt ihn der Landvogt Geßler durch das Ansinnen, Tell habe seinem eigenem Sprößling ausgerechnet einen Apfel von der Birne zu schießen! Doch wir wissen es: Tells Armbrust zitterte nicht, er bewahrte ruhig Blut. Dagegen zeigt uns Peter Härtling mit seinem Hölderlin einen in Tübingen studierenden Heißsporn. Damals hatten Hilfslehrer vor den Stipendiaten ihren Hut zu ziehen. Einem gewissen Majer mißfiel dies jedoch, sodaß ihm der junge Hölderlin eines schlechten Tages mitten auf der Münzgasse den Hut vom Kopf schlug. Majer wäre eben verkleinerungspflichtig gewesen. Einmal in die Senkrechte verlegt, kommt die Freiheit für Diener oder Knechte einer Senkpflicht gleich. Sollte die Kunst der Übertreibung im Infamen gipfeln, wurde sie übrigens von den Maoisten besser beherrscht als von den Karikaturisten. In der chinesischen »Kulturrevolution« zwangen die Roten Garden die gestürzten und geächteten Größen zum Tragen armlanger, spitzer Tüten, die Schandhüte hießen.

Ich komme auf Heinz Rühmann zurück. Zwar konnte der begabte Schauspieler und Kokettierer mit den Einlagen seine 1,70 und seine Gagen anheben, doch im Charakter wuchs er weniger stark. Darauf deutet bereits der Umstand, daß er in drei verschiedenen deutschen Regimen gleichsam Mustergatte und Großverdiener blieb. Mit der Titelrolle im Lustspiel Der Mustergatte nach Avery Hopwood hatte er 1922 seinen Durchbruch erzielt. Wolfgang Liebeneiners Kinofassung von 1937 wurde ein Kassenschlager. Rühmanns erste Nachkriegsrolle auf der Bühne war ebenfalls Der Mustergatte. Die Gagen für seine Filmrollen wurden fetter als Ludwig Erhard. Immerhin mußte Rühmann davon das Honorar für den bekannten Maskenbildner Josef Coesfeld abzwacken, den der eitle Star auch privat beschäftigte. Das beste Schnäppchen machte er, als er schon mit einem Bein in der Kiste stand, wie von Fred Sellin (2001) zu erfahren ist. Für seinen letzten Fernsehauftritt in Linz 1994 handelt der schmächtige, gebrechliche 92jährige eine Gage von 40.000 Mark aus. Er wird per Mercedes in München abgeholt und ins beste Hotel einquartiert. Abends hat er sich dann in einer beliebten Show mit Thomas Gottschalk für fünf Minuten zu zeigen. Wie sich versteht, wird der kleine Greis mit dem bübischem Lächeln fanatisch beklatscht.

Rühmanns Güte war nur das halbe Gesicht. Sellin zufolge konnten den Golf spielenden Auto-, Motorboot- und Flugzeugnarr schon geringste Vefehlungen in der Etikette beleidigen. Er ist unnahbar, wirkt oft überheblich, schulmeistert gern. Aufs Vertuschen versteht er sich auch ohne Mitwirkung seines Maskenbildners. 1954 leistet er sich nach einem Autounfall – er war in München betrunken gegen einen Laternenmast gefahren – Fahrerflucht, obwohl seine junge Begleiterin Margarethe Hirmer gegen die Windschutzscheibe des gemieteten Borgwards 1800 prallt und nach dem Aussteigen bewußtlos zusammenbricht. Da alle Freunde, Beamte, Journalisten, mit denen er es in der Folge zu tun hat, beim Vertuschen mitmachen, kommt der beliebte Schauspieler mit 800 Mark Buße wegen Fahrlässiger Körperverletzung und mit gesundem Ruf davon.

Weil das Wort Klassenjustiz gar zu antiquiert klingt, spricht man heutzutage in solchen Fällen vom Wirken des Prominentenbonus. Sellin fügt seiner interessanten Erzählung noch hinzu: »Zur gleichen Zeit wird vom gleichen Gericht ein Beleuchter des Residenztheaters wegen Diebstahls zu fünf Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Der junge Mann hatte vier Glühbirnen, einen wasserdichten Lichtschalter, zwei Wandleuchter und Werkzeug mitgehen lassen.«

Eigentum verpflichtet – die Klassenjustiz.



Weg damit!?

Das verantwortungsvolle Schreiben ist ein unablässiger, oft lebenslanger Kampf darum, was man behandeln oder auch nur erwähnen sollte – und was nicht. Er tobt beim Verfassen jedes neuen Textes. Einigermaßen glimpflich gestaltet sich das Ringen, wenn dem Autor die Leitplanken einer bestimmten, von ihm gewählten Form zur Verfügung stehen, etwa Lied oder Roman. Ganz schlimm wird es in Briefen und sogenannten Journalen. Sie haben keine Form. Sie laden zu Ausschweifungen und Stümpereien aller Art geradezu ein.

Mein Großvater mütterlicherseits, Heinrich Vonjahr, ähnlich kurz und schalkhaft wie Heinz Rühmann geraten, war vielleicht nicht nennenswert weniger gottesfürchtig, staatsfromm und streng als sein prominenter Zeitgenosse, aber um keinen Deut eitel. Wenn er sich so ungern von Dingen oder Leuten trennte, dann nicht, um mit ihnen prahlen oder Geschäfte machen zu können. Vielmehr war er einfach vom Naturell her eine treue Seele. Was er womöglich als Hauptmann der Deutschen Wehrmacht auf dem Balkan auf sein Gewissen lud, kann ich nicht beurteilen, doch ansonsten kam bei ihm so schnell nichts um. Ich muß es wissen, denn ich verbrachte (um 1960) meine Knabenzeit unter seiner Fuchtel. Die Seiten der Tageszeitung zum Beispiel – mehrmals gefaltet und dann aufgeschlitzt – verwandelte er in Klopapier. Die Blätter wurden in einem offenem Holzkästchen gestapelt, das an der Klowand hing. Im vorderen Brettchen ein V-Ausschnitt, damit die Blätter mühelos zu entnehmen waren. Durch beharrliches Knautschen ließ sich der Lesestoff, der stets für Kurzweil sorgte, halbwegs geschmeidig machen. Eine härtere Phase stand bevor, wenn das Kursbuch der Bundesbahn abgelaufen war. Die gelbgetönten Seiten knisterten wie lackiert und impften einem gnadenlos das Wesen der Zahlen ein.

Den Weg zur Bettenhäuser Volksschule (in Kassel-Ost), wo mein Großvater unterrichtete, legte er durch Jahrzehnte auf seinem sorgfältig gepflegtem schwarzem Drahtesel zurück. Erspähte er einen Bindfaden, der sich in der Weißdornhecke am Uferweg der Losse verfangen hatte, hielt er an und ließ ihn in seine Knickerbocker wandern. Seine Baskenmütze war ebenfalls schwarz. Regnete es, schützte ihn sein Kleppermantel, der grau und aus Gummi war wie die Fahrradschläuche. Von diesen trennte er sich, wenn sie ihm keine Lücke mehr für einen Flicken boten. Hatte ihm eine Reißzwecke einen Platten eingebracht, fand sie meine Großmutter Helene beim Auspacken der Satteltaschen wieder, vielleicht ins Komißbrot gepinnt, das er am Bettenhäuser Dorfplatz im Konsum kaufte. Bei aller Strenge, Spaß muß sein. Da sich auf diese sparsame Weise auch eine Menge verkrümmter, rostiger Nägel ansammelte, hieß es auf dem Amboß im Keller ein Viertelpfund geradeklopfen, wenn ich etwas ausgefressen hatte. Unangenehmer war nur Unkraut jäten. Er hatte einen Schrebergarten. Zu Reichtum kam er auf diese Art nie, aber ich glaube, der interessierte ihn auch nicht. Für ihn bargen die Dinge kein Machtpotential, sondern Verwendbarkeit. Verwendungsfähiges durfte man nicht verschwenden.

Man könnte vermuten, als Schriftsteller hätte ich Heinrichs Sammeltrieb geerbt. Das wäre falsch geraten. Ich bin Minimalist. Sobald ich den Eindruck haben kann, etwas nie mehr zu benötigen, lasse ich es über Bord gehen. Nicht ganz so skrupellos verfahre ich mit Personen. Besitz belastet mich nur. Gewiß habe ich wegen meiner Wegwerfwut hin und wieder bittere Reue zu erleiden. Vor Jahren warf ich sogar meinen Zeichenblock aus der Gesellenzeit (um 1995) in einen Papiercontainer. Er enthielt einige packende freie Zeichnungen, wie ich glaube, etwa von einem abgeschlagenen Sessel, aus dessen Gurtung einem die nicht mehr verschnürten Sprungfedern beinahe wie entfesselte Zauberlehrlinge oder wie Faustschläge aufs Auge fuhren. Ausgediente Töpfe, Koffer, Beschläge, Werkzeuge und dergleichen hebe ich nie auf, owohl ich sie gelegentlich händeringend vermisse. Der Minimalist will Sauberkeit, Übersicht, reinen Tisch. Manche Bücher, meistens schlechte, benutze ich nur als unumgängliche Quellen, etwa fürs LdF. Dann gönne ich sie nicht etwa der Recyling-Industrie oder verderbe nachfolgende LeserInnen durch sie; vielmehr zerlege ich sie und entfache über Wochen hinweg mit Hilfe einiger zerknüllter Buchseiten meinen Zimmerofen. Für die Thüringer Allgemeine oder die Süddeutsche Zeitung empfehle ich, dasselbe Verfahren schon vor ihrer Lektüre anzuwenden.

Von sämtlichen Büchern, die ich gelesen habe, bewahre ich kleine Notizzettel auf, die ich in einer Art Karteikasten einordne. Sie können notfalls auch als Belege dienen. Der Kasten ist nicht größer als jenes Komißbrot, das mein Großvater im Konsum kaufte. Er war natürlich auch Wandersmann. Einmal brachte er mir und ein paar anderen Kindern an einem Baggersee das Ditschen bei. Man läßt einen flachgeschliffenen Kieselstein so geschickt aus dem Handgelenk knapp über das Wasser flutschen, daß er möglichst oft aufditscht; er soll viele Hopser machen. Nach manchen Quellen versuchten sich in dieser Gymnastik bereits Homers Helden Herkules und Jason, wenn sie auch, statt Steinen, ihre Schilde dazu benutzt haben sollen. Per Sidenius, Hauptfigur des Pontoppidan-Romanes Hans im Glück, lenkt sich am Strand des Sundes mit dem Ditschen von der drohenden Aussicht ab, seine hochfliegenden Hafenbaupläne ins Ostseewasser fallen zu sehen. Er war Ingenieur. Pontoppidans großangelegtes Werk erschien, auf dänisch, um 1900.

Während jene Quellen auf erforderliche Bedingungen wie einer Rotation der abgeschnellten Scheibe oder Mangel an Gegen- und Seitenwind hinweisen, scheint es für Heinrich Mann (1905) eher auf Zahlungskraft anzukommen. Unrat, mit der Künstlerin Fröhlich an der Ostsee in der Sommerfrische, »zuckte die Achseln über den Brasilianer, der anstatt flache Kiesel über das glatte Wasser springen zu lassen, Markstücke dazu nahm …«

Das wäre meinem Großvater nicht so schnell eingefallen, schon mangels Geld. Dies alles habe ich nur bereit, weil es in meinem Komißbrot steht.



Zoras Tante

Hier ein Muster an Knappheit. Kleinstadt in Kroatien, um 1930. Von ihrem Gatten sitzengelassen, hat sich die Tante zähneknirschend in der Uhrenfabrik verdingt. Scharfe Kontrollen. Sie und ihre verwaiste Nichte Zora verfallen jedoch auf den Trick mit dem Kinderwagen. Zora schiebt ihn zur verabredeten Zeit durch den Park, der an die Fabrik stößt, und ebendort geht die Tante gern aufs Klo, dessen Fenster auf den Park weist. Sie wirft einen Tennisball, der genau im Kinderwagen landet. Das haben die beiden natürlich geübt. In dem geschickt verschnürten Tennisball liegt die gestohlene wertvolle Uhr.



Falten im Kopfkissen

Ein ungebildeter Schriftsteller ist ärgerlich und, vor allem für ihn selber, oft peinlich. Aber wie kommt man zu Bildung? Durch ein Studium der Germanistik oder Philosophie oder Geschichte oder gleich alles zusammen? Nie und nimmer. Das bewirkt eher das Gegenteil. Jedenfalls kommt man bestimmt nicht über nacht zu ihr.

Als mich Gudrun vor Jahrzehnten mit den Unfrisierten Gedanken des Polen S. J. Lec (1909–66) bekannt machte, war ich von solchen knappen Aphorismen verblüfft und begeistert. »Einsamkeit, wie bist du übervölkert!« So etwas kannte ich noch nicht. Wieder einige Jahre später fand ich genau dieselbe verblüffende Kürze in einem Buch von Jule Renard wieder – nur war der Franzose schon 1910 gestorben. »Das Beben des Wassers unter dem Eis«, las ich da gleich auf den ersten Seiten (15).* Schließlich noch Lichtenberg. Als ich neulich wieder einmal zu seinen Aphorismen griff**, mußte ich ihn zähneknirschend als Vorläufer oder Vater von Lec und Renard beziehungsweise die beiden als Papageien anerkennen. »Theorie der Falten in einem Kopfkissen.« Auf solche knappen Sätze (S. 447) belaufen sich etliche Einträge Lichtenbergs. Der Physiker und Verfasser sogenannter »Sudelbücher« starb an seinem Lehrort Göttingen 1799.

Was Rychner in Auswahl von Lichtenbergs Gesudele präsentiert, kommt mir allerdings heute merklich schwächer als vor rund 25 Jahren vor, dabei oft zu flüchtig, unsauber und entsprechend oberflächlich. Das deutet bereits auf das Problem der Zeit, nämlich des Lebensalters eines bestimmten Lesers hin. Meine Verehrung für Renard bekam sogar schon um 2005 Kratzer, wie ich aus meinen Unterlagen ersehe. Notiert er beispielsweise »Der Tod ist der Normalzustand. Wir bauen zu sehr auf das Leben« (301), ist das ohne Zweifel ein starker Gedanke – nur die Formulierung kam mir nun doch zu schwach vor. Ich schlug vor: Wenn man bedenkt, wie lange einer tot ist, wird man das Leben nicht mehr überschätzen. Renards bekanntestes und angeblich auch bestes Buch Rotfuchs (Übersetzung Walter Widmer, Zürich 1946) las ich um 2010. Es verärgerte mich geradezu, weil weder die Charaktere noch die Komposition des episodenhaft erzählten »Romanes« schlüssig sind. Die komposi-torischen Mängel scheint sogar Renard selber noch während der Schlußredaktion (Herbst 1894) in seinem Tagebuch eingeräumt zu haben, wie ich Hanns Grössels Nachwort zu den Ideen entnehme (350). »… ein schlechtes Buch, unvollständig, schlecht gebaut, weil es mir nur schubweise gekommen ist ..(..).. man könnte es beliebig kürzen oder verlängern …« Und so etwas wurde nun schon zu Renards Lebzeiten in »unzähligen Auflagen«, wie Widmer im Vorwort versichert, in die Buchläden gepumpt. Die Pumpstationen dürften bekannt sein. Einige Kurzprosastücke, mit denen Renard in der Manesse-Anthologie Vögel in der Weltliteratur (1986) vertreten ist, kommen mir inzwischen ebenfalls reichlich blaß vor. Offenbar war der Mann nicht so gut, wie ich einst dachte. Aber »Weltliteratur«, das war und ist er gleichwohl. Einmal dazu erklärt, gibt es kein Zurück mehr.

Obwohl unser Leben gewöhnlich vorwärts verläuft, bringen Renard/Ronte einen Satz, der die Teleologie zu durchkreuzen scheint. »Jeden Tag bin ich Kind, Mann und Greis«, lautet ein Eintrag auf S. 307. Das Gefühl, das hinter diesem Gedanken steckt, ist mir keineswegs fremd. Aber ich weiß auch, daß Rom nicht an einem Tag erbaut worden ist. Wahrscheinlich verdankt sich »Reifung«, wie man den Prozeß ja auch nennen könnte, mindestens zwei Bedingungen, die nicht immer Hand in Hand gehen müssen: der Zeit und der Tiefe. Manche begabten Leute erbohren sich in wenigen Wochen soviel Einsicht, wie sie Oskar Maria Graf selbst durch Wiedergeburt nicht erlangt hätte. In der Regel genügen wenige Wochen allerdings nicht. Lesen, lesen, lesen, das ist für gute Schriftsteller schon die halbe Miete. Was dafür entfällt, hat freilich auch seinen Preis: Verzicht, Verzicht, Verzicht. Vor allem auf sogenannte Geselligkeit = Öde und Geschwätz …

Jetzt habe ich zum Beispiel dieses dicke »Lexikon« ins Netz gestellt. Glaubt einer im Ernst, ich dürfte für die kommenden fünf Jahre mit mindestes 10 Leuten rechnen, die es wirklich lesen? Studieren? Durchdenken? Nie und nimmer. Ich rechne mit bestenfalls zwei Leuten. Denn allein die reine Lesezeit für einen solche Wälzer ist enorm. Die hat heute keiner mehr. Kein Lektor, kein Kritiker, niemand. Zu allem Unglück dürfte mein Werk auch noch recht tiefschürfend und beziehungsreich sein – das verschlingt man nicht wie einen Krimi von Chandler oder Mankell. So beläßt man es bei Stippvisiten. Und sollte der Lexikograf unwahrscheinlicherweise Aufsehen erregen, wird man das nachplappern, was sich irgendein Klappen-texter oder »Laudator« aus den Fingern gesogen hat.

Renards Rotfuchs war ein Knabe. Ein Fuchs jedoch, wie er hin und wieder um die hiesigen Hühnergehege schnürt, ist etwas ganz anderes. Seine Welpen hängen ihm vielleicht für ein paar Monate am Hinterbein, und dann wissen sie, wozu Hühner gut sind. Mehr brauchen sie auch nicht zu wissen. Sie sind nach wenigen Monaten fertige Füchse. Jetzt halten Sie die langwierige und oft vertrackte Kindheit der Sorte »Mensch« dagegen! Ein Wahnsinn. Und dann noch für Jahrzehnte von einer Falle in die andere tappen, bis man begriffen hat, was von der beliebten »Theorie des Kleineren Übels« zu halten sei. Albrecht Müller, inzwischen 83, hat es, wie ich fürchte, heute noch nicht begriffen. Es ist natürlich der Fuchs. Das Kleinere Übel, meine ich. Aber das ist Kulturpessimismus.

* Ideen, in Tinte getaucht, München 1986, Auswahl und Übersetzung (aus Renards umfangreichem Tagebuch) Liselotte Ronte. Das Wählerische hat Ronte übrigens nicht daran gehindert, Renard oder sich selber dutzende von Wiederholungen durchgehen zu lassen.
** Hrsg. Max Rychner, Manesse-Verlag 1958




Birkenbuche

Am Südwestufer vom Otterbachsteich, Richtung Inselsberg, steht eine mächtige alte Zwillingsbuche, mindestes sechs Armlängen dick. Ihre beiden Stämme trennen sich erst in gut zwei Meter Höhe. An diesem inzwischen recht morschem Abzweig faßte offensichtlich vor vielen Jahren eine Birke Fuß, die nun schon ungefähr 15 Meter hoch und dicker wie mein Oberschenkel ist. Sie geht auf den Teich und ragt beinahe wie ein Bugspriet von ihrer »Wirtin« ab. Beide Bäume, Buche und Birke, wirken grün und gesund, jedenfalls im Sommer. Wie es aussieht, hat der Fuß der Birke den Buchenstamm im Laufe der Jahre (ihres Wachstums) auseinander getrieben und dadurch gleichsam für einen Kamin gesorgt, in dem ich allerdings so etwas wie ihre Wurzeln nicht erblicken kann. Man fragt sich ja rasch, wie sich die Birke in all den Jahren hinreichend ernähren konnte. Vielleicht zehrt sie in der Tat wie ein Schmarotzer von Anbeginn ausschließlich von der Buche. Ein Feuilletonist der Thüringer Allgemeinen würde mir natürlich vorwerfen, Leute wie ich täten dasselbe mit der Weltliteratur.



Übergänge
2012

Laien verkennen gern die Schwierigkeiten handwerklicher Arbeiten, weil ihnen naturgemäß nur das Hauptsächliche daran ins Auge sticht. Neulich half ich einem hiesigem Freund beim Hausbau. Wer die Außenwände seiner neuen Bleibe betrachtet, sieht lauter waagrecht verlaufende Bretter, die sich schindelartig überlappen. Um sie mit ein paar Schrauben auf die tragenden Pfosten zu bringen, brauche ich keinen Zimmermann oder keine Tischlerin zu bezahlen, sagt sich der Laie. Eine Wasserwaage kann ich ohne Gesellenbrief bedienen.

Was nützt ihm aber die Wasserwaage bei den Fenstern und Türen, die möglichst nicht mit den Brettern verkleidet werden sollten? Er muß sie irgendwie aussparen. Das könnte zumindest oben schwierig werden, sofern die Oberkante der letzten Bretter beiderseits des Fensters – man arbeitet vom Haussockel zur Dachtraufe – zufällig nicht mit der Unterkante des Fenstersturzes zuzüglich zwei Zentimeter übereinstimmt. Dann muß er das folgende lange Brett in einem bestimmten Binnenmaß ausschnei-den, es sei denn, er faßt das ungeschmälerte Brett als Fenstermarkise auf. In diesem Fall würde ich vorsichts-halber feststellen, ob sich das Fenster dann noch öffnen ließe. Sind weder die Bretter in ihrer Breite noch die Fenster und Türen genormt, sind sie also von unterschied-lichen Ausmaßen, verdreifachen sich die Probleme bereits. Hier wird das Zuschneiden mit möglichst geringem Verschnitt (Abfall) auch für Leute, die eine Handkreissäge zu handhaben wissen, zur Rechenkunst.

Man ahnt jetzt, worauf ich hinaus will: Die Kunst des Handwerkers bewährt sich nicht im Haupt-, sondern gerade im Nebensächlichen. Nicht große Strecken oder Flächen; die Übergänge sind sein Problem. Wie treffen der gemauerte Kamin, der vermutlich einige Hitze entwickelt, und die mit Spanplatten verkleideten Innenwände aufeinander? Ja, schon die Öffnung für die unweit des Ofens gelegene Zimmertür hat ihre Tücken. Um zu verhindern, unter der Tür einen Windkanal zu haben, kann ich sie die Dielen berühren lassen, nur läßt sie sich dann nicht mehr auf- und zumachen. So kommt die Kunst des Übergangs oft einem Kampf gegen Schwachstellen gleich. Gerade da, wo zwei Polster eines Sofas aufeinandertreffen, habe ich unglücklicherweise Schwierigkeiten, für das Polstermaterial und den Bezugstoff noch hinreichend Halt zu finden. Die Dinge sträuben sich, sofern sie nicht wie zwei schnurgerade asphaltierte Straßen in der gleichen Ebene und im rechten Winkel aufeinander stoßen. Jeder Fall erfordert eine andere Brücke, wie alle Schriftsteller-Innen wissen, die in ihren Texten gern mit Absätzen arbeiten – oder diese gerade zu vermeiden trachten.

Eisenbahnstrecken bereit zu stellen, ist für sich genommen noch keine Hexerei – aber wie verbinde und vereinbare ich die Strecken und Reisetermine miteinander, wenn es viele sind? Es würde hier zu weit führen, auch die heiklen Übergänge in Lebensläufen oder gar in der Weltgeschichte zu betrachten. Jeder weiß, daß er sich immer nur vorüber-gehend einbildet, auf einer Planke der Sorglosigkeit zu wandeln. Was jene waagrechten Bretter an den Haus-wänden angeht, habe ich die kniffligste Frage noch gar nicht erwähnt. Wie treffen sie sich auf den Hausecken, ohne daß der Wind hineinpfeift oder der liebe Sieben-schläfer einschlüpft? Bedenken Sie, die Bretter stehen nicht senkrecht sondern etwas schräg; ich kann sie also nicht kurzerhand auf Gehrung schneiden.

Am Wartehäuschen des Fröttstädter Bahnhofs, wo man nach Waltershausen umsteigt, habe ich mir nicht ohne Schwierigkeiten eine Skizze von der Art und Weise angefertigt, wie sich dort die Bretter auf den Hausecken tatsächlich durch verschiedene komplizierte Aussparungen fugenlos aneinander schmiegen. Durch einen hiesigen Forstwirt und Tischlermeister, der uns öfter beriet, blieb uns diese aufwendige Filigranarbeit allerdings erspart. Es hätte ohnehin nicht geklappt, weil unsere Bretter nicht von durchgehend gleicher Breite waren. Der Mann schlug vor, auf die Hausecken dicke Kanthölzer zu setzen, die den Brettern beiderseits der Ecke als Anschlag dienen. Die Verbindung ist mäusedicht, und die ästhetische Einbuße erachtet mein Freund als gering.



Schlagwort Pandemie

2009 stellte der Politikwissenschaftler Jörg Becker in einem Zeitschriftenaufsatz* einige PR-Taktiken des Militarismus zur »Produktion von Feindbildern« vor. Wichtig ist das rechtzeitige Ausstreuen und Verankern der richtigen »Informationen«, sprich Lügen und irreführenden Schlagworte. Becker zitiert einen Manager der Agentur Ruder Finn, die in den Balkankriegen der 1990er Jahre engagiert war. James Harff rechnet sich insbesondere die Verwandlung der (angeblich) verfolgten bosnischen Muslime in Juden – und damit der Serben in Nazis an. Man brauche der Weltöffentlichkeit lediglich »emotional stark aufgeladene« Begriffe wie »ethnische Säuberung« und »Konzentrationslager« einzuhämmern, schon sei ihr klar, was da Böses geschehe und folglich zu unterbinden sei. Dagegen komme kein Dementi an. Die Behauptungen sind zu Tatbeständen geronnen. Auf diesem Wege konnte der Westen jenen Antifaschismus-Bonus einheimsen, auf welchen 1999 auch Fischer/Scharping setzten, als sie wieder einmal Bomber gen Belgrad schickten.

Da Becker nur von gewöhnlichen Kriegen spricht, läßt er die Schweinegrippe unerwähnt. Dabei war sie das Schreckgespenst des Jahres 2009. Die WHO beziehungs-weise ihre hochdekorierten FahnenträgerInnen hatten diese Grippewelle zur »Pandemie« erklärt. Sie war ungefähr fußknöchelhoch. Gut 10 Jahre später stellten kritische Fachleute wie der Statistiker Gerd Bosbach eindeutig fest**, die Schweinegrippe sei damals »völlig überschätzt« worden. Tatsächlich sei sie »milder als viele saisonalen Grippen der Vorjahre« verlaufen. »Man hätte aufarbeiten müssen, warum die Schweinegrippe damals medial derart inszeniert wurde und warum die Politik mit drastischen und damals durchaus unbeliebten Maßnahmen bei der Impfstoffstrategie reagiert hat.« Aber genau das, die Aufarbeitung, wußte man wieder einmal zu vermeiden. Man ließ lieber Millionen von Steuergeld bezahlte Impfdosen unauffällig in den Sondermüll wandern. Der bekannte, vielverleumdete Arzt und SPD-Gesundheitspolitiker Wolfgang Wodarg legte die Einzelheiten dieses über Jahre vorbereiteten Großbetrugs 2015 ausführlich dar.*** Unter anderem hatte die WHO zu dem Trick gegriffen, ihre Kritierien für eine Pandemie abzuschwächen, um eine solche überhaupt ausrufen zu können. Die nächste kam uns dann bekanntlich 2019/20 ins Haus.

Ja, wie schon gesagt, einmal ausgegeben und eingehäm-mert, hilft kein Dementi mehr: Die Pandemie beherrscht uns nach wie vor. Dabei wies Wodarg schon im Mai 2020 nach****, auch diese Grippewelle des zurückliegenden Winters sei keineswegs aus dem leider üblichem Rahmen gefallen. Er wagte im Gegenteil zu behaupten: »Ohne den von deutschen Wissenschaftlern entworfenen PCR-Test auf SARS-CoV-2-Viren hätten wir von einer Corona-'Epidemie' oder gar 'Pandemie' nichts bemerkt.« Ein Zwischentitel des Artikels nennt den Test »unspezifisch, medizinisch unnütz, aber ängstigend«. Diese Aussagen hätte man vielleicht an die Eingangstüren sämtlicher deutschen Läden und Behörden heften sollen, an denen uns, stattdessen, das Maskentragen und Impfnachweis-zücken zugemutet wird. Ein rotzfrecher Bub fragte mich: Onkel, warum sind da keine Steine reingeflogen? – Man werfe sie lieber in die Schaufenster von Negern oder Juden, erwiderte ich. Jetzt ist die Pandemie so selbstver-ständlich und berechtigt geworden wie der Atomwaffen-besitz von Israel und einigen anderen Schurkenstaaten.

Achten Sie einmal darauf: Selbst kritische Autoren und Leute sprechen oft von der Pandemie – ohne Gänsefüß-chen. Wolf Wetzel***** vermeidet das Schlagwort in seinem jüngstem Artikel zwar, aber seine, von ihm zitierten Gewährsleute Tasler/Bossche kennen auch nur eine »laufende Pandemie« – ohne Gänsefüßchen. Überdies haut NDS-Chefredakteur Jens Berger schon anderntags, am 6. Januar 2022, auf die gleiche Pauke. Er beklagt die erdrückende, ablenkende Allgegenwärtigkeit des Corona-Pandemie-Geschehens – und auch er billigt der Pandemie keine Gänsefüßchen oder kein »sogenannt« zu.

Gleichwohl hat Wetzels Artikel »Das sich ankündigende Ende des Imp(f)erialismus« ein dickes Lob verdient. Es handelt sich um eine geradezu vernichtende Demaskierung der amtlichen und pharmakonzernlichen Impfpäpste und all ihrer FußküsserInnen. Vielleicht sollte man lieber von den Impfpharisäern sprechen. Jetzt haben sie offenbar gewittert, ihre hinterhältige und widerwärtige Salamitaktik der Erpressung geht nicht auf, und folglich rudern sie, nach soundsovielen Toten und Verkrüppelten, klammheimlich zurück. Sie geben großzügig auch andere als die gefährlichen genmanipulierten Impfstoffe frei und sehen höchstwahrscheinlich auch von der geplanten »Impfpflicht« ab. Nebenbei nährt Wetzels Artikel meine schon früher geäußerte Vermutung, mit Bodo Ramelow throne eine der größten deutschen Charakterruinen auf dem Erfurter Ministerpräsidentensessel.

Andererseits gestatte ich mir den Hinweis, daß Wetzel nicht einen Schritt über die Bannmeile des Aktuellen, die Ideologie des Kleineren Übels, das Feuerwehrspielen hinausgeht. Gewiß findet er Widerstand gut – aber nur, um wieder einmal »das Schlimmste« zu verhüten. Das System des Schwerverbrechens stellt er mit keinem Komma in Frage. So ist die Ausschüttung der nächsten Übel gleichsam garantiert. Das System des Schwerver-brechens beruht unter anderem auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln, Grundstücken, Mietshäusern und den entsprechenden Erbschaften; auf dem Wirken professioneller PolitikerInnen; auf der Existenz einer gutgeschmierten riesigen Staatsmaschinerie. Helle Köpfe wie F. G. Jünger und Lewis Mumford sprachen, alles in allem, von einer Megamaschine. Wer nicht darlegen kann, wie sie zu stoppen und zu demontieren wäre, sollte unverzüglich darauf verzichten, Kinder zu zeugen oder in die Welt zu setzen. Sie wird sie fressen.

Im zurückliegenden Herbst litt ich vorübergehend an einer heftigen Erkältung. Nach einer Woche war der Spuk vorbei. Die Symptome, etwa eine Matschbirne, waren mir bekannt; Fieber war nicht im Spiel. Wahrscheinlich hatte ich mich in einer nahen Dorfscheune beim kollektivem Kartoffelsortieren angesteckt. Ein Beteiligter sagte mir, man habe Corona bei ihm nachgewiesen. Ich verzichtete auf eine Debatte der fragwürdigen Testerei (siehe Wodarg) und hielt es folglich nicht für unmöglich, jetzt ebenfalls zu den vielbewunderten »von Corona Genesenen« zu gehören. Freilich ersuchte ich deshalb nicht um amtliche Absolution. Mich bekommen keine SeuchenwächterInnen und Impfärzte in die Finger. Ich kann hier ohne weiteres mein persönliches Geheimrezept verraten, weil es bei anderen sowieso nicht anschlagen wird. Gehen Sie öfter in die Sonne, falls sie scheint. Verzehren Sie mehrmals wöchentlich und lebenslänglich ein Stückchen Ingwer-knolle. Genehmigen Sie sich einmal täglich ein Drittel Schnapsglas möglichst naturbelassenen Kräuterlikörs. Fällt die »Impfpflicht«, dürfen Sie ausnahmsweise zwei Drittel trinken.

Was machen wir mit dem letzten Drittel? – Schütten Sie es Ihren sogenannten Freunden vor die Füße, falls sie wieder einmal bei Ihnen vorbeikommen. Die Freunde werden es dennoch verstehen, auch diesmal ihr Gesicht zu wahren. Ehe sie zugäben, sie hätten sich leider geirrt oder nach Strich und Faden verarschen lassen, würden sie sich lieber die Schamhaare abrasieren. Für sie bleibt die Pandemie Pandemie und der liebe H. ein impfunwilliger, halsstar-riger Hagestolz. Das werden sie noch ihren Urenkeln weismachen. Habe er sich, so erzählen sie, hin und wieder unter Leute in eine Scheune begeben, habe er sich prompt mit Corona angesteckt. Daran sei er letztlich auch gestorben.

* Jörg Becker in Ossietzky 20/2009, siehe https://archiv.ossietzky.net/20-2009&textfile=757
** Gerd Bosbach, »Solchen Wissenschaftlern würde ich gerne Kamera oder Mikrofon entziehen«, https://www.nachdenkseiten.de/?p=59617, 26. März 2020
*** »Falscher Alarm«, hier bei https://www.wissenschaftsladen-dortmund.de/wp-content/uploads/2020/04/2020-03-25-Wodarg-Die-Schweinegrippe.pdf
**** Wolfgang Wodarg am 2. Mai 2020 auf https://www.rubikon.news/artikel/der-pandemie-krimi
***** Wolf Wetzel, »Das sich ankündigende Ende des Imp(f)erialis-mus«, https://www.nachdenkseiten.de/?p=79474, 5. Januar 2020




Fortsetzung ?
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