Mittwoch, 17. November 2021
LdF Folge Wh—Z

White, Dan 39 (1946–85), Ex-Stadtrat in San Francisco, bringt sich nach milder Haft um. Er war eine Art Wild-West-Politiker, und so gesehen wurde er ein Opfer seines Temperaments und seines Werdegangs. Er stammte aus dem kalifornischem Proletariat und mauserte sich über seine Vietnamkriegsteilnahme und anschließende Posten bei Polizei und Feuerwehr, trotz oder wegen einiger Verfehlungen, zum Saubermann im Stadtrat von San Francisco. Er hielt Frömmigkeit und Familie hoch, verabscheute Homosexualität und Drogengenuß. In einer Verquickung von Unmut über »liberale« Verordnungen oder Maßnahmen des Stadtrates und über sein geringes Einkommen, das ihn nicht ernäheren könne, ihm freilich auch andere Posten verbiete, reichte White schon nach gut einem Jahr seinen Rücktritt ein. Das war im November 1978. Seine AnhängerInnen beknieten ihn jedoch weiter-zumachen und sagten ihm auch finanzielle Unterstützung zu. Nun verweigerte ihm allerdings Bürgermeister George Moscone (49) die Wiederernennung, worin dieser unter anderem vom Ex-Hippie und offen schwulem Stadtrat Harvey Milk (48) bestärkt worden war. Jetzt sah White rot. Rund zwei Wochen nach seinem Rücktritt schlich er sich, zwecks Vermeidung des Metall-Detektors am Portal, durch ein aufstehendes Kellerfenster ins Rathaus*, spannte den Hahn seines Revolvers und suchte die Büros sowohl von Moscone wie von Milk auf. Beide Widersacher Whites mußten daran glauben. White flüchtete, stellte sich aber bald darauf in einer Polizeistation, wo er einmal als Offizier beschäftigt gewesen war. Der Prozeß gegen ihn muß eine köstliche Posse gewesen sein. Im Ergebnis kam er mit einer siebenjährigen Haftstrafe wegen Totschlags davon, was verständlicherweise Proteste hervorrief; sie wurden später White Night Riots genannt. Was die Polizei angeht, soll sie dabei im »alternativen« Castro-Viertel, dortige Schwulen- oder Lesbenbars sowie den Fotoladen des erschossenen Stadtrats Milk eingeschlossen, nicht schlecht gewütet haben. Nach rund fünf Jahren (Anfang 1984) wegen »guter Führung« entlassen, mißlang es White, seinen Ruf und seine Ehe (mit Kindern) zu kitten. Er brachte sich Ende 1985, inzwischen 39, in seiner Garage mit Hilfe von Autoabgasen um.

* Marc Pitzke, »Tödliche Schüsse ...«, Spiegel, 27. November 2018: https://www.spiegel.de/geschichte/harvey-milk-der-mord-am-ersten-offen-schwulen-us-politiker-a-1240471.html



White, John 27 (1937–64), schottischer Berufsfußballer, auf Golfplatz gefallen. Das bedeutet, er beging den ent-scheidenden Fehler seiner Laufbahn nicht auf dem Rasen des Stadions White Hart Lane im nördlichem London, wo sein renommierter Club Tottenham Hotspur zu Hause war, sondern nahebei auf dem Golfplatz in Crews Hill. Als ihn dort (am 21. Juli 1964) ein Gewitter überraschte, suchte er unter einem vermutlich freistehenden Baum Schutz – und wurde vom Blitz erschlagen.* Der torgefähr-liche und trickreiche Halbstürmer aus Schottland hinterließ Gattin Sandra und zwei Kinder. Fans oder Journalisten hatten ihm aufgrund seiner Fähigkeit, jäh wie aus der Erde gewachsen im gegnerischem Strafraum aufzutauchen, den Spitznamen »The Ghost« verpaßt, Geist oder Gespenst also. Auf dem Golfplatz verzog sich das Gespenst für immer, obwohl es erst 27 war.

* Marcel Grün, »Der verlorene Weltklassespieler John White«, abseits.at (Wien), 28. April 2017: https://abseits.at/fusball-international/england/der-verlorene-weltklassespieler-25-john-white/



Wiemken, Walter Kurt 33 (1907–40). Den Baseler Maler, Sohn eines selbstständigen Lithographen, beschäftigte unter anderem die Gleichzeitigkeit von gegensätzlichen Ereignissen, etwa dem Luftsprung eines ausgelassenen Kindes auf der einen Seite einer Hofmauer und dem tödlichem Sturz eines Kindes auf der anderen Seite – und sei es in Übersee. Sein wichtigster Lehrer war Fritz Baumann. Später beeinflußten ihn Grosz und Picasso. 1933 zählte er zu den Mitgründern der sowohl avantgar-distisch wie antifaschistisch orientierten schweizer Gruppe 33. Obwohl schon als Säugling an »Kinderlähmung« erkrankt und deshalb zeitlebens behindert, wanderte Wiemken gern, meistens im Mendrisiotto, Kanton Tessin. Ende Dezember 1940 – inzwischen war der Zweite Weltkrieg »ausgebrochen«, der ihn stark mitnahm* – warteten seine Angehörigen vergeblich auf seine Rückkehr. Sein zerschmetterter Leichnam wurde erst Wochen später, am 23. Januar 1941, am Grund der Breggia-Schlucht bei Castel San Pietro gefunden. Vermutlich war der 33jährige Maler entweder abgestürzt oder gesprungen.

Gerd Reuther widmet sich auf den Seiten 300/301 eigens der Kriminalgeschichte des Poliovirus', das für »Kinder-lähmung« und tausend andere Erscheinungen verant-wortlich gemacht wurde und wird. Bis ca. 1800 habe das Virus vermutlich schon seit Jahrtausenden in unseren Gedärmen gehaust, ohne für belegte Fälle von Polio-Lähmungen zu sorgen. Die Wende kam mit auf Arsenbasis gebrauten Insektiziden, etwa auf Zuckerohrplantagen. Hier half auch das berüchtigte DDT, wie einige Studien nachgewiesen hätten. Den Vogel schossen dann die Impfungen gegen Polio ab, wobei die Schäden selbstver-ständlich unter den Teppich gekehrt wurden. In Übersee ist Polio nach wie vor verbreitet. Reuther behauptet, für 2018 sei anzunehmen, daß ungefähr 70 Prozent der weltweiten Poliofälle auf Impfungen zurückgehen. »Impfstoffe brachten mehr Kinder um als die Krankheiten, vor denen sie schützen sollten.« Das dürfen Sie aber nicht den Bannerträgern des Corona-Virus' erzählen, sonst bekommen sie Angst.

Der britische Maler und Schriftsteller Denton Welch (1915–48), geboren in China und dort auch aufgewachsen, hatte sich 1933 an der Londoner Goldsmith School of Art eingeschrieben. Als er zwei Jahre darauf, am 7. Juni 1935, mit seinem Fahrrad südlich der Metropole in Surrey unterwegs war, wurde er von einem Auto erfaßt und erlitt eine Wirbelsäulenfraktur. Zwar blieb der damals 20jährige nicht dauerhaft querschnittgelähmt, doch er war hilfsbedürftig, wurde öfter von Infektionen heimgesucht und hatte einige Schmerzen auszuhalten. Er starb im Dezember 1948, wie Wiemken erst 33 Jahre alt, in seinem Haus bei Sevenoaks in Kent. In den letzten Jahren hatte er dort mit seinem Geliebtem Eric Oliver zusammengelebt, der ihm auch als Pfleger und Sekretär, schließlich auch als Nachlaßverwalter diente. Welch hatte aus seiner Homosexualität nie einen Hehl gemacht. Auf die Literatur hatte er sich erst nach seinem Unfall geworfen. Er konnte etliche Betrachtungen und Erzählungen veröffentlichen, vieles davon zeigte starke autobiografische Züge. Sein besonderes Interesse galt auch als Schriftsteller dem Porträt (seiner Freunde) und dem Interieur (der kent'schen Lebensart). Weiter fühlte er sich magisch von Grusligem oder Ekelhaftem angezogen, etwa einem schon zerlaufenden Stinkmorchel. Welchs Tagebücher erschienen erst posthum. Sowohl verschiedene Autoren der legendären Bloomsbury Group wie der US-Beat-Literat William S. Burroughs sollen Welch verehrt haben. In entsprechenden Kreisen gilt er noch heute als Geheimtip. Der englische Dramatiker Alan Bennett schreibt**, ausgerechnet dieser behinderte und etwas verschrobene Landbewohner habe sich ähnlich wie Dylan Thomas († 1953 mit 39), Edith Sitwell und Christopher Fry gegen die Tristesse des Daseins gewandt. Welchs Hauptfeind sei dabei die Farbe beige gewesen.

* Rudolf Hanhart in sikart, 2012: http://www.sikart.ch/KuenstlerInnen.aspx?id=4000363
** »Austerity in colour«, Guardian, 7. Februar 2004: http://www.theguardian.com/books/2004/feb/07/featuresreviews.guardianreview23




Wilke, Rudolf 35 (1873–1908), Sohn eines Braunschwei-ger Zimmermanns, erfolgreicher Münchener satirischer Zeichner. Eine Skizze aus dem Nachlaß heißt Hochnäsige alte Damen. Die Arroganz der beiden geht aus ihren mit wenigen Federstrichen aufs Papier geworfenen aufgeta-kelten Gestalten hervor; die zurückgelegten Gesichter sind bestenfalls angedeutet. Dem Künstler selber stieg der Erfolg nie zu Kopf, obwohl er, wie sein Vater, »nur« Zimmermann gewesen war, ehe er sich aufs Zeichnen außerhalb von Reißbrettern verlegte. Er besuchte Kunstschulen in seiner Heimatstadt Braunschweig sowie in München und Paris. Seine größte Bewunderung gilt Rembrandt. 1895 läßt er sich fest in München nieder. Durch Teilnahme an einem Wettbewerb findet er 1896 zunächst Eingang in die neugegründete Zeitschrift Die Jugend, bald darauf in den ebenfalls jungen Simplicis-simus. Ab 1906 ist er Mitinhaber dieses einflußreichen Satireblatts. Engere Freundschaften pflegt er mit seinen Kollegen Eduard Thöny, Ludwig Thoma (ab 1900 Chefredakteur), Thomas Theodor Heine, Ferdinand von Rezniček. Häufige Reisen führen ihn vor allem in den Mittelmeerraum, der seinem Naturell entgegenkommt. Der Berliner Kunstkritiker Karl Scheffler bescheinigte dem zumeist schwarzbärtigem Hünen (über 1,90) »etwas ungemein liebenswürdig Schlendriges«. Wilke liebte Landstreicher, pausierende Proleten, fahrendes Volk – kurz, den Müßiggang. In seiner Studienzeit hatte er häufiger Billard gespielt als studiert. Aber er zeichnete oft die ganze Nacht durch. Gleichwohl war er ein tüchtiger Läufer (Mitgründer der Eintracht Braunschweig), Radler und Wanderer. Und er bringt es in München, nach einigen Durststrecken, durch seine überwiegend umwerfenden und deshalb begehrten Arbeiten zu einer Villa mit Auto, Motorrad, Sommerhaus, eigener Familie und Dienstboten.

Wilke zeichnet gewöhnlich aus schwungvoller, sich dehnender Linie heraus und sagt das Wesentliche, wie alle Könner, durch Weglassen. Das droht dem Künstler im Frühjahr 1906 allerdings selber, als er beim Skifahren in den Alpen über eine Gletscherspalte stürzt und unglücklich auf den Hinterkopf fällt. Er zieht sich eine Hirnverletzung und dadurch eine »traumatische Diabetis« zu, für die, zur damaligen Zeit, kaum Heilungsaussichten bestehen. Zwar hält er zumeist die verordneten strengen Kuren und Diäten ein, aber im Oktober 1908 gesellt sich noch eine Lungenentzündung zu seine Schwäche, weil der 35jährige kranke Künstler in seiner eigenhändig gesteuerten »Benzindroschke« mit Klappverdeck unbedingt nach Emden reisen muß, Schiffe zeichnen. Die Braunschweiger Verwandtschaft verfrachtet ihn in eine Privatklinik, wo er am 4. November stirbt.

Seiner Frau Amalie (»Mally«) zufolge, die aus einer Braunschweiger Künstlerfamilie stammte, lauteten die letzten Worte ihres Gatten: »Das ist zu dumm.« Sie würden Wilke ähnlich sehen, war er doch auch als Zeichner nie Ankläger gewesen, wie Peter Lufft betont.* Der Braunschweiger Kunsthistoriker, Maler und Galerist überliefert zudem eine Szene aus dem Krankenzimmer, die Wilke ohne Zweifel sofort gezeichnet hätte, falls er nicht gerade sein Leben ausgehaucht hätte. »Der Kranken-pfleger, der ihn bis zuletzt umsorgt hat, wendet sich ab. Er kehrt sich gegen die Zimmerecke, reißt sich seine bunte Krawatte vom Hals und vertauscht sie schnell mit einem schwarzen, biederen Binder. Dann geht er auf die Witwe zu und spricht ihr murmelnd mit sordinierter Stimme sein Beileid aus.«

Gründer und Verleger des Simplicissimus war Albert Langen (1869–1909) gewesen. Leider wurde er nur ein Jahr nach Wilkes Tod ein Opfer ähnlicher Mobilitäts-Begeisterung. Langen erlag mit 39 einer verschleppten Mittelohrentzündung, die er sich am 1. April in seinem offenem Wagen zugezogen hatte, als er dem von ungünstigen Winden aus München vertriebenen Zeppelin-Luftschiff Z 1 zum vermutlichen Landeort nachjagte.

* Der Zeichner Rudolf Wilke / Leben und Werk, Braunschweig 1987



Will, Bradley Roland 36 (1970–2006), US-Mordopfer in Mexiko. 2006 herrschten in Oaxaca de Juárez, der Hauptstadt des gleichnamigen mexikanischen Bundes-staates, für Monate bürgerkriegsähnliche Verhältnisse. Ausgelöst durch Lehrerstreiks, hatte die aufständische »Volksfront« zahlreiche Behörden besetzt und Straßen-sperren errichtet. Der umtriebige 36jährige anarchistische Künstler Bradley Roland Will aus Illinois, auch als Journalist für Indymedia (NYC) tätig, fuhr mit seiner Videokamera hin. Sein letzter Film wurde am 27. Oktober gewaltsam gestoppt. Bewaffnete Männer einer vermutlich von Gouverneur Ulyses Ruiz Ortiz zusammengetrom-melten »Bürgerwehr« aus zivil gekleideten Polizisten und anderen städtischen Bediensteten rückten nämlich nicht nur den Straßensperren zu Leibe. Unter den drei oder vier Toten des Tages befand sich auch Will. Er wurde beim Filmen aus geringer Entfernung in den Bauch getroffen und starb noch am selbem Tag im Krankenhaus. Monica Campbell (Mexiko City) vom CPJ nimmt einige Monate später, als Entfernung, fünf Meter an.* Jüngere Berichte sind kaum zu haben. Man gewinnt jedoch den Eindruck, die juristische Verfolgung beziehungsweise Beschützung der Tatverdächtigen hatte wieder alle Haken und Ösen. Es gab mehrere Verhaftungen und Entlassungen aus der Haft. Neben den Sündenböcken wechselte außerdem der Gouverneur. Im Mai 2012 schließlich hatte sich die Staats-anwaltschaft ihren (weltweit beliebten) »Einzeltäter« ausgeguckt: sie nahm einen gewissen Lenin Osorio Ortega fest. Sieben Jahre darauf, im Juni 2019, schickte sie ihn wieder nach Hause.**

* »A Killing in Mexico«, Committee to Protect Journalists, 17. April 2007: https://cpj.org/reports/2007/04/killing-in-mexico/
** »Sale libre Lenin Osorio, acusado del homicidio de Brad Will«, RIOaxaca (Oaxaca de Juárez, Mexiko), 7. Juni 2019: https://www.rioaxaca.com/2019/06/07/sale-libre-lenin-osorio-acusado-del-homicidio-de-brad-will/




Williams, Robert 25 (1953–79), Ford-Arbeiter in Flat Rock, Michigan, USA, ging in die Geschichte ein: als erstes Todesopfer eines Industrieroboters. Der 25jährige war Ende Januar 1979 angewiesen worden, Metallteile aus dem Käfig eines Roboters zu holen. Dabei versetzte ihm der nicht abgeschaltete Roboter mit seinem Arm einen tödlichen Hieb an den Kopf. Vier Jahre später wurde der Hersteller des Roboters gerichtlich verurteilt, Williams' Hinterbliebenen 15 Millionen Dollar zu zahlen.* Zwei Jahre nach dem Unfall bei Ford, im Juli, verunglückte der 37 Jahre alte Techniker Kenji Urada († 1981) auf ähnliche Art in einer Kawasaki-Motorradfabrik in Akashi, Japan. Weil er bei Wartungsarbeiten angeblich aus Versehen den »Ein«-Schalter des Roboters betätigt hatte, drückte ihn dessen Arm in eine Schleifmaschine, sodaß Urada kurz darauf starb. Kollegen hätte ihm nicht beistehen können, weil sie nicht wußten, wie der Roboter zu stoppen sei.**

2014 erwähnte der Spiegel*** weitere Opfer und stellte die großen Pläne der Automatenbranche und der Arbeits-schützerInnen vor. Ein Jahr darauf, Ende Juni 2015, machte ein Roboter von VW Baunatal einen 21 Jahre alten Techniker einer sächsischen Fremdfirma kalt. Der junge Mann widmete sich in Halle 6 (Elektromotorenbau) der Einrichtung einer neuen vollautomatischen Anlage und wurde dabei unvermutet von einem Roboter dieser Anlage erfaßt und gegen eine Metallplatte gequetscht. Er starb kurz darauf im Krankenhaus. Später wurde einem Kollegen des Opfers Fahrlässigkeit vorgeworfen. Die HNA schreibt, VW habe sich damals mit der Bekanntgabe des Unfalls Zeit gelassen.**** Ich wies schon weiter oben auf die stiefmütterliche Behandlung von Arbeitsunfällen hin. Die lokale Presse mag sie heutzutage zwar erwähnen, aber meist als Namenlose, und den Sprung in Nachschlage-werke schaffen sie höchst selten. Im übrigen dürften die HerstellerInnen jener schützenden »Käfige« bald in die Röhre gucken, werden die Roboter doch zunehmend »autonom«. Sie werden, wie schon einige Autos, käfiglos tätig, also sozusagen freilaufend oder freifliegend, darunter als regelrechte »Kampfroboter« und selbstverständlich als bewaffnete »Drohnen«. Ehrlich gesagt, kann ich mich mit der Befürchtung, sie würden uns, die Menschheit, demnächst restlos von diesem Planeten fegen, allmählich anfreunden. Das wird vielen Kindern das schreckliche Los als MaskenträgerInnen, Zitterer à la Parkinson***** oder auch nur Langzeitgefangene ihres jeweiligen Homeoffices ersparen.

Vielleicht noch eine Anmerkung zu griffigen Daten. Williams schaffte es in die Nachschlagewerke, weil er Opfer Nr.1 war. Jährt sich sein Opfertod 2029 zum 50. Male, kommt er sogar in ein paar Zeitungen. Dabei läßt sich für die Bedeutung, die wir »runden« Zahlen beimessen, nicht ein vernünftiger Grund anführen. Habe ich mit 29 die Frau meines Lebens getroffen, müßte mir die entsprechende Jahreszahl eigentlich ungleich wichtiger sein als mein 30. Geburtstag. Der 60. Geburtstag kann bei dem einen ins Siechtum, bei dem anderen in rege Reisetätigkeit fallen. Es sei denn, Merkel regiert noch 30 Jahre lang. Ist der Nichtreisende erst 59, steht ihm das Siechtum gleichwohl schon auf der Stirn – das eine Jahr macht den Kohl auch nicht mehr fett.

Kurz, es regt mich seit Jahrzehnten auf, daß man sich in den Medien immer gerade dann an eine angeblich bedeutende Leiche erinnert, wenn sie ihren 100. Geburts- oder Todestag hat. Wäre sie den Lohnschreibern wirklich wichtig, dächten sie auch mal zwischendurch an sie und ließen uns an ihrer Freude über dieses jähe Gedenken teilnehmen. Solche Erinnerungen kommen einem normalerweise nicht nach dem Kalender, vielmehr weil man gerade für sie empfänglich ist. Befasse ich mich beispielsweise 2009 wegen meinem Projekt Konräteslust und der Rätefrage mit dem Kronstädter Aufstand vom 18. März 1921, läge es nahe, gleich einen Zeitungsartikel über ihn zu schreiben, obwohl der zeitliche Abstand zu ihm gerade ungünstig ist: 88 Jahre. Aber das darf ich ja nicht, weil ich mir sonst selbst widerspräche, siehe >Tuch-scheerer. Für Geldbeträge, EinwohnerInnenzahlen, Erdbe-benopfer gilt das gleiche. Der Sprung vom Opfer Nr. 4.999 bis zum Opfer Nr. 5.000 ist bestimmt kein qualitativer. Selbst die Null, die im Bereich der Temperatur (gemessen nach Celsius) den Gefrierpunkt von Wasser bezeichnet, ist eine willkürliche Setzung. Freilich gilt das auch für den Menschen überhaupt, wie ich eben erst angedeutet habe. Er ist eine Null und eine willkürliche Setzung.

* »$ 15 million for robot death«, Ottawa Citizen (Kanada), 14. Januar 1984, S. 10
** »Killer robot«, Deseret News (Salt Lake City, Utah, USA),
8. Dezember 1981, S. B 1
*** »Raus aus dem Käfig«, 19. Dezember 2014: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-130967291.html
**** »Tödlicher Roboter-Unfall bei VW: 29-Jähriger angeklagt«, HNA (Kassel), 20. Juni 2017: https://www.hna.de/lokales/kreis-kassel/baunatal-ort312516/toedlicher-roboter-unfall-bei-vw-kassel-in-baunatal-vor-gericht-8413531.html
***** Simone Bach, »Die Parkinson-Pandemie«, Rubikon, 8. Juli 2021: https://www.rubikon.news/artikel/die-parkinson-pandemie




Wills, Beverly 30 (1933–63), kalifornisches Filmstern-chen, Tochter einer Komikerin, zweifache Mutter. Als ihr Haus im bekannten Glitzerort Palm Springs in einer Oktobernacht in Flammen aufging, kamen auch ihre beiden Söhne Guy Grossman, 7, und Larry Grossman, 4, sowie ihre Großmutter Nina Davis um. Als Auslöser des Brandes, der die Fensterscheiben bersten ließ, vermutete der Coroner die übliche Bettgeschichte: geraucht.* Wills war in dritter Ehe verheiratet und hatte sich aus dem Filmgeschäft zurückgezogen. Ihr erster Ehemann Lee Bamber (1952) konnte ihr naturgemäß nicht beistehen – ein Jammer, war er doch Feuerwehrmann gewesen. Aber auch ihr letzter Ehemann Martin Colbert war nicht zur Stelle. Er hatte Glück; er hielt sich gerade rund 180 Kilometer weiter westlich in Los Angeles auf, angeblich aus geschäftlichen Gründen. Ob er seine Gattin sehr lange überlebte, darf allerdings bezweifelt werden: er handelte mit Sportmotorrädern.

* »Fire Kills Joan Davis' Relatives«, Evening Independent (St. Petersburg, Florida), 24. Oktober 1963, S. 3-A



Wilson, Dennis 39 (1944–83), Mitgründer der kalifor-nischen Beach Boys, Surfer, Schlagzeuger, Sänger, Säufer. Als Schürzenjäger übertraf er seine musikalischen Taten deutlich, daneben liebte er auch Drogen aller Art, voran jedoch Alkohol. Wiederholte Versuche mit Entzug scheiterten. An seinem Todestag, dem 28. Dezember 1983, soll der 39jährige aber guter Dinge gewesen sein. Er tauchte am Nachmittag im Yachthafen von Marina del Rey, Los Angeles, nach verschiedenen müllartigen Gegen-ständen, die er dort früher über Bord seiner einstigen Segelyacht Harmony geworfen hatte. Nach mehreren erfolgreichen Fischzügen tauchte er nicht mehr auf. Man alarmierte professionelle Taucher, die ihn nach anderthalb Stunden leblos auf dem Beckengrund fanden. Der Obduktionsbericht sprach von Alkohol-, Kokain- und Valiumspuren in seinem Blut. Freund Bill O., auf dessen Yacht er übernachtet hatte, und zwei Freundinnen hatten den vollgepumpten Künstler gewähren lassen. Der Coroner erkannte auf Ertrinken durch Unfall. Freund Lathiel Morris, 57, der im selbem Hafen ein Hausboot bewohnte und von Wilson kurz besucht worden war, lobt ihn als selbst im Suff nachdenklichen und rücksichtsvollen Mann und seufzt, Wilson sei »für nichts« gestorben.* Die Nachdenklichkeit hinderte Wilson freilich nicht daran, seine »Good Vibrations« (ein Hit der Beach Boys) an vier eigene Kinder weiterzureichen.

Der Berliner Punk und Liedermacher Karl-Ulrich Winkler (1960–94) zählte zunächst zur Ostberliner Subkultur, wurde aber 1981 abgeschoben und trat seitdem in Westberlin als Kalle Winkler mit eigener Band auf. 1985 schob der Fischer Taschenbuch Verlag im Gegenzug eine »Autobiografie« von ihm auf den durch Mauer nur notdürftig geteilten Buchmarkt. »Dissidenten« verkaufen sich immer gut, zumal Winkler ein hübscher, schlanker, schwarzgelockter junger Mann war. Bald nach dem »Mauerfall« führte er die Besetzung eines ehemaligen Grenzwachturms an der Puschkinallee an, worauf dort ein Museum der verbotenen Kunst entstand. Das warf 10 Jahre darauf, 2000, das Handtuch. Das erlebte Winkler allerdings nicht mehr. Nach Auskunft des ehemaligen grünen Lokalpolitikers Roland Prejawa, der zeitweilig am Museum beteiligt war, machte Winkler im Frühjahr 1994 mit seiner Freundin Urlaub auf der Kanarischen Insel Fuerteventura. An einem stürmischem Tag setzte er sich in den Kopf zu baden, obwohl die Wellen brüllten. Seine Freundin will ihn noch gewarnt haben. In der Tat wurde Winkler an Klippen geschmettert und wohl bewußtlos in die See gerissen. Die Leiche des 33jährigen sei erst nach Tagen angeschwemmt worden. Einen Selbstmord hält Prejawa für ausgeschlossen. Winkler habe sowohl zum Eigen- wie zum Leichtsinn geneigt. Dadurch habe er einiges bewegt, aber zuletzt war der Seegang stärker als er.

* »Death of a Beach Boy«, US-Wochenmagazin People, 16. Januar 1984: http://www.people.com/people/archive/article/0,,20189414,00.html



Windradyne um 29 (1800–29), Aborigine-Stammes-führer. Eigentlich wäre »der fünfte Kontinent« nach Ansicht der Aborigines, in diesem Fall der Wiradjuri, die im heutigem New South Wales in der gebirgigen Gegend bei Bathurst lebten, durchaus groß genug gewesen, um zusätzlich ein paar Schiffsbesatzungen aus weißen Siedlern zu ernähren. Aber zum einen kamen immer mehr SiedlerInnen, zum anderen bestanden sie darauf, die Landschaft mit Strichen zu versehen, genannt Eigentums-grenzen. Damit war endlich ein guter Kriegsgrund vorhan-den. Es nützte wenig, daß der junge wohlproportionierte Eingeborenenführer Windradyne, geboren um 1800, auch Saturday genannt, mit dem britischem Rechtsanwalt William Suttor befreundet war und entsprechend den Weg des Verhandelns oder Prozessierens bevorzugte, um freien Zugang zu den eigenen angestammten Nahrungsgründen zu erhalten. Die australischen SiedlerInnen verfügten nämlich über gut ausgebildete und gut bewaffnete britische Soldaten. Im Januar 1824 nahmen sie Windra-dyne, den eine mutmaßlich zeitgenössische kolorierte Zeichnung als bärtigen grauhaarigen Wuschelkopf mit pelzbesetztem Mantel vor der Brust gibt, erst einmal gefangen und steckten ihn in Bathurst für einen Monat ins Gefängnis. Angeblich war er für die »Ermordung« zweier Viehzüchter in Kings Plain, zumindest jedoch für Viehdiebstähle verantwortlich. Die Sydney Gazette vom 8. Januar 1824 gibt sogar das Argument der »natives« wieder: da man ihre Känguruhs und Opossums vertrieben habe, müßten sie sich eben an den neuen Schafen und Rindern schadlos halten.

Kommandant von Bathurst war damals Major Morisset. Diese »Stadt« war übrigens erst 1814 gegründet worden – mit welchem Recht? Im Laufe des Jahres kam es, unter einem vom sogenanntem Gouverneur Generalmajor Sir Thomas Brisbane verhängtem sogenanntem »Kriegs-recht«, zu weiteren Übergriffen und Zusammenstößen, etwa am Bells Fall Gorge und am Clear Creek, die im ganzen mehreren Hundert Eingeborenen das Leben kosteten. Die SiedlerInnen verschmähten in ihrer neuen Heimat auch die Heimtücke nicht. Im selbem Jahr boten Bauern bei Kelso Windradynes Sippe Kartoffeln an. Da sie den Aborigines geschmeckt hatten, wollten sie am nächsten Tag Nachschub holen. Inzwischen hatte sich der Bauernhof allerdings in ein kleines Heerlager verwandelt, und die meisten von Windradynes Verwandten wurden niedergeschossen. Von anderen Siedlern heißt es, sie hätten gezielt vergiftetes Fleisch ausgelegt. Einige von ihnen ereilten die Speere der Aborigines. Verschiedene Verhandlungen mit dem Gouverneur in Parramatta führten nur vorübergehend zum Waffenstillstand. Windradyne hatte mit den Stammesführern Old Bull aus dem Süden und Blucher aus dem Nordwesten einen Kriegsrat gebildet, um Land und Leute wirkungsvoller verteidigen zu können. Es heißt, in den nächsten Jahren sei die gemeinsame Streitmacht auf 600 Krieger angewachsen.

Deren endgültige Niederlage erlebte Windradyne nicht mehr. Er starb 1829 mit rund 30 Jahren entweder im Krankenhaus von Bathurst oder nahebei auf Freund Suttors Anwesen Brucedale, nachdem er in einem Gefecht am Macquarie River schwer verwundet worden war. Die Sydney Gazette brachte wohlwollende Nachrufe. Eine ähnlich fragwürdige Genugtuung kam 1954, als die Bathurst Historical Society Windradynes Grabstätte in oder bei Brucedale zum geschütztem Gebiet der Wiradjuri erklärte und mit einem Gedenkstein zierte, auf dem er, laut David Andrew Roberts*, als »true patriot« bezeichnet wird. Auch ein Stadtteil von Bathurst trägt seinen Namen.

Um die Ausgewogenheit zu wahren, wurde ein National-park in Queensland, der neben dem Honigfresser den Mangrovekrähenwürger zu bieten hat, beides Vögel, nach Edmund Kennedy benannt. Der aus Großbritannien stammende Landvermesser und Kundschafter hatte ab 1840 wesentliche Beiträge zur »Erschließung« Queens-lands geleistet. Auf seiner letzten Expedition wurde der 30jährige 1848 bei Kap York – von Speeren dort lebender Aborigines getötet. Es wäre für alle Beteiligten schonender gewesen, er wäre bereits als Samenzelle auf dem Weg zum Eileiter umgekommen.

* Artikel im Australian Dictionary of Biography, 2005: http://adb.anu.edu.au/biography/windradyne-13251



Wittmann, Johanna c.37 (1811–48), beliebte süd-deutsche Bühnenkünstlerin, Schauspiel und Oper. Hier drängt sich eine Erinnerung an ihre Berufskollegin Anna >Sutter auf. Bekanntlich wurde die 38jährige Diva 1910, rund 60 Jahre nach Wittmann, von einem verschmähtem Liebhaber und Kapellmeister erschossen. Zu diesem Vorfall erscheinen bis heute regelmäßig lange Gedenk-artikel. Wittmanns Ende dagegen liegt anscheinend in genau der »Umnachtung«, der sie selber anheim gefallen sein soll.

Die betörende Sängerin hatte ab 1836, von Gastspielen abgesehen, wie später Sutter am Stuttgarter Hoftheater gewirkt. Aber sie wurde eben nicht wirkungsvoll ermordet – angeblich jedenfalls. Selbst der Stuttgarter Journalist und Verleger Adolf Palm (1840–1904) widmet ihr in einem dickem Buch über das örtliche Theaterleben* lediglich ein paar Zeilen, die mehr verschleiern als enthüllen. Dabei bewundert er sie! In naiven und sentimentalen Rollen habe sie »etwas geradezu Bezauberndes und den ächten Seelenhauch der Liebhaberin« besessen. Und mit ihrem zweitem Ehegatten stand er als junger Mann sogar auf vertrautem Fuß. Den ersten Ehemann übergeht Palm. Er hieß Benesch. Der zweite, Daniel Jay mit Namen und erst 1865 gestorben, betrieb in Stuttgart eine Musikalien-handlung und betätigte sich außerdem als scharfzüngiger Musik- und Theaterkritiker. Palm und andere junge Kunstfreunde seien öfter in Jays Villa am Hang, der »Fellgersburg«, zu Gast gewesen, um sich von seinem sprühendem Witz und überhaupt seinem »ungemein erregbarem Temperament« beeindrucken zu lassen. Aber da lag Jays Gattin längst auf dem Friedhof am Fangelsbach. Die Idee, Jay könnte bei der Wegweisung zum Fangelsbach womöglich ein wenig nachgeholfen haben, kommt Palm nie.

Wittman starb 1848. Da war Palm noch ein Knabe von acht Jahren gewesen. Später ringt er sich die Zeilen ab, 1846 sei »die geniale Frau Wittmann in Geistesnacht« verfallen. »So entsprang sie eines Tages einer Privatirren-anstalt, lief mit fliegenden Haaren und zerfetzten Kleidern auf der Landstraße davon, bis Landjäger sie aufgriffen und in Canstatt einlieferten. Im Frühjahr 1848 erlöste der Tod sie von ihren schweren Leiden.« Dem läßt Palm drei Punkte folgen (…), damit auch ja keiner glaubt, jetzt brächte er die Einzelheiten auf den Tisch.

Selbstverständlich kämen auch Wittmanns erster Gatte, der Tenor Johann August Benesch (1799–1861), und Wittmanns liebe Kollegin Louise Siber, geboren 1831, als eng in ihre unbekannten »schweren Leiden« Verstrickte in Betracht. Im Sommer 1846 habe es sich nämlich gefügt, daß die Siber an der Tür des Personalbüros des Hofthe-aters anklopfte, als Wittman gerade von jener »Geistes-nacht« überwältigt worden war. Prompt wurde Siber, die blutjunge Rivalin, an Wittmanns Stelle engagiert.

Einen Sommer darauf wurde die nicht minder junge Sängerin Mathilde Waldhauser (1830–49) aus dem von Intrigen brodelndem Schoß des Stuttgarter Hoftheaters gerissen. Ein jähes »Nervenfieber« habe ihren wahren »Silberglöckchen«-Sopran zum Verstummen gebracht, wie uns Palm erklärt. Franz Dingelstedt, damals wohl Dramaturg am Hoftheater, habe der 18jährigen an der offenen Gruft »poesievolle Worte« nachgerufen. Und wo, bitteschön, war Dingelstedt im Sommer zuvor? Hat er der angeblich durchgedrehten Wittmann keine Poesie gegönnt, weil sie, mit ihren »fliegenden Haaren«, mutmaßlich eine Hexe war?

* Briefe aus der Bretterwelt, Stuttgart 1881 (Verlag Adolf Bonz und Comp., sehr gediegen ausgestattet!), S. 56, 103, 133



Woldseth, Anders 25 (1934–59), Skispringer. Nach einer kurzen Meldung der Zeitung Sarasota Herald-Tribune (Florida, USA) vom 27. November 1959 endete der amtierende norwegische Meister keineswegs im Dienst. Vielmehr soll er im norwegischem Trondheim »falling down a flight of stairs«, also einen Treppensturz erlitten haben, an dem er, mit 25 Jahren, starb. Allerdings habe er sich vorher auch schon auf der Schanze Kopfverletzungen zugezogen, die möglicherweise an seinem Ende beteiligt waren. Oder sollte er sie bereits bei der Zangengeburt erlitten haben?

Die norwegische Wikipedia nennt, auf ein Buch von Karsten Alnæs (2007) gestützt, als Todesursache »Diabetis«. Das muß jenem Treppensturz aber nicht unbedingt widersprechen, siehe >Wilke. So soll denn auch Aftenposten (Oslo) am 26. November 1959 berichtet haben: »Anders Woldseth død efter ulykke« – nach Unfall.

Ein Pionier des professionellen österreichischen Skisprin-gens nach dem Zweitem Weltkrieg war Paul Außerleitner (1925–52). Er starb in seiner Heimatstadt Bischofshofen mit knapp 27 an den Folgen eines Trainingssturzes. Zur Belohnung seiner uneigennützigen Berufswahl wurde die dortige Unglücksschanze nach ihm benannt.

Die tiroler »Reichsgräfin« aus Kitzbühel Paula von Lamberg (1887–1927) gilt als Pionierin des Damenski-springens. Aber nicht dabei biß sie, mit knapp 40 Jahren, ins Gras. Kaum hatte sie sich (1927) mit dem Rennfahrer Franz Valentin Graf Schlik verheiratet, flog sie, laut deutscher Wikipedia, als dessen Beifahrerin bei einem Motorrad-Seitenwagenrennen nahe Berchtesgaden aus dem gemeinsamen Gespann und zog sich dadurch tödliche Verletzungen zu. Dagegen brachte es der Witwer noch auf über 80.

Einer der letzten Einsätze des Finnen Pekka Yli-Niemi (1937–63) fand just in Bischofshofen auf der Paul-Ausserleitner-Schanze statt, wo er einen 26. Platz belegte. Dann starb er aber, mit 26, außersportlich. Er wurde am 8. November 1963 unweit der südfinnischen Inselstadt Mariehamn das Opfer eines Flugzeugabsturzes. Von den 25 Insassen der Douglas DC-3 der Finnair, die aus Helsinki und Turku kam, überlebten lediglich drei. Die Maschine hatte beim zu tiefem Landeanflug in dichtem Nebel Baumwipfel gestreift und einen ganzen Wald durchpflügt. Einem Blatt aus Turku zufolge* war Yli-Niemi als Flugbegleiter an Bord gewesen, vielleicht sein Hauptberuf. Wenn ja, hatte er es wirklich heftig mit dem Fliegen.

Das sowjetische 22 Jahre alte Nachwuchstalent im Ski-springen Oleg Konstantinowitsch Serow (1963–86) holte sich im März 1986 bei einem Wettkampf im Sprungpara-dies von Krasnojarsk, Sibirien, den Heldentod.

* Veli Junttila, »Suomi 1963: Maarianhaminan lentoturma«, Turun Sanomat, 4. November 2013: https://www.ts.fi/puheenvuorot/554109/Suomi+1963+Maarianhaminan+lentoturma



Wood, Matthew 39 († 2013), Fußgänger in London. Gewiß ist der britische Hubschrauberpilot Pete Barnes (1962–2013) für einen Fettdruck in diesem Werk zu alt. Er war bereits 50, als er am 16. Januar 2013 gegen acht Uhr sozusagen Wood traf, einen 39jährigen. Barnes galt als erfahrener Flieger, der unter anderem im Rettungsdienst, beim Film und im Prominententransport tätig war. An diesem Morgen war er, bei ortstypischen Wetterver-hältnissen (Nebel oder jedenfalls schlechte Sicht), über London unterwegs, um einen Fahrgast abzuholen. Daraus wurde nichts. Barnes verfing sich im Ausleger eines Baukranes, der im zentralen Bezirk Vauxhall neben dem St. George Wharf Tower stand. Der Hubschrauber fiel oder trudelte auf die verkehrsreiche Wandsworth Road und fing Feuer. Neben dem Piloten kam Fußgänger Matthew Wood aus Sutton, Süd-London, um. Er stand im Begriff, das Gebäude zu betreten, wo die Schädlings-bekämpfungsfirma Rentokil saß, die ihn als »Kommuni-kationsmanager« beschäftigte.* 13 weitere Personen wurden verletzt, mehrere Kraftfahrzeuge zerstört. Focus online wußte anderntags zu melden, Barnes habe auch an dem 2002 veröffentlichtem James-Bond-Film Stirb an einem anderen Tag mitgewirkt. Der Evening Standard ergänzte dies durch ein Gespräch mit der 38 Jahre alten Rebecca Dixon, der Mutter von Barnes' zwei Kindern, bei dem sie versicherte: »He was always smiling and making other people feel happy, valued and important.« Beides hätte man Wood sagen müssen.

Etliche Quellen, wohl auf den offiziellen Untersuchungs-bericht der Air Accidents Investigation Branch (AAIB) gestützt, betonen, jener Fahrgast, ein Geschäftsmann, habe sogar vor dem Unglück per Handy wiederholt bei Barnes Zweifel angemeldet, ob man bei diesem schlechten Wetter überhaupt fliegen solle. Das habe Barnes abgewiegelt. Aber welche Quelle will man nun wiederum für diese Behaup-tung haben, wenn nicht den Geschäftsmann? Es ist immer wieder dasselbe. Ein bestimmter Fahrer wird zum Sündenbock gemacht, damit man nur nicht das Verkehrs-wesen antasten muß, dieses ganze irrsinnige System.

Wood wird es mir hoffentlich vergeben, wenn ich ihn gleichsam in den rund 1.130 Toten und doppelt so vielen Verletzten untergehen lasse, die gut drei Monate später, am 24. April 2013, in der Nähe von Dhaka in Bangladesch anfielen. Dort stürzte der acht- oder neungeschossige Gebäudekomplex Rana Plaza ein, der unter anderem mehrere Textilfabriken beherbergt hatte. Als Ursache der Katastrophe wurde später hauptsächlich »grobe Fahrlässigkeit« der Erbauer wie der Betreiber des Gebäudes und, natürlich, die übliche Korruption im Lande angeführt, bei der Tellerminen zu Kuchenformen erklärt werden. Mindestens 2.400 Verletzte! Mangels Namen von Todesopfern sei die übel verwundete, damals 25 Jahre alte Näherin Shila Begum erwähnt, die ein Jahr darauf in Hamburg** um Verständnis und Beistand warb.

* »London helicopter crash: Matthew Wood was 'big-hearted guy'«, BBC News, 17. Januar 2013: https://www.bbc.com/news/uk-england-london-21060651
** Philip Faigle / Marcel Pauly, »Die Schande von Rana Plaza«, Zeit, 22. April 2014: https://www.zeit.de/wirtschaft/2014-04/rana-plaza-jahrestag-hilfsfonds




Woolf, Ben 34 (1980–2015), kalifornischer Lehrer und Schauspieler. Von Geburt an im Wachstum gehemmet, wurde Woolf kaum über 1, 30 »groß«. Aber er ließ sich nicht unterkriegen, machte Musik, spielte Billard und Theater, und nach 2000 schlug er die ersehnte Laufbahn als Schauspieler ein. Offbar verlegte er sich dabei zunehmend aufs Fach Horror. Insbesondere durch Rollen in der TV-Serie American Horror Story wurde er nahezu berühmt – falls Sie es verpaßt haben. Im Februar 2015 kam der Horror auch zu Woolf. Als sich der 34jährige anschickte, zu Fuß eine Straße in Los Angeles zu über-queren, traf ihn der Außenspiegel eines vorbeifahrenden Wagens genau am Kopf. Nach wenigen Tagen im Krankenhaus war er seinen schweren Verletzungen erlegen. Mehrere Quellen versichern am Rande, der kleinwüchsige Star, der als begabt, fleißig und warmherzig galt, habe sich »verkehrswidrig« unter die Autos begeben. Da der betreffende Wagenlenker sofort angehalten habe, sei er nicht strafrechtlich belangt worden, heißt es. Doch wer weiß, was den Mann sonst noch verfolgt. In jener Fernsehserie scheint es von Geistern, Hexen und Mördern geradezu zu wimmeln.



Wunderlich, Fritz 35 (1930–66), Opern- und Kammer-sänger. Für Luciano Pavarotti war er der herausragendste lyrische Tenor überhaupt. Dabei stand der knapp 36jährige, etwas stämmige, aber nie behäbige Fritz Wunderlich aus dem Rheinpfälzischem im September 1966 erst vor den Höhepunkten seiner Laufbahn, da sind sich alle einig. So sollte er in wenigen Tagen sein Debüt an der New Yorker Metropolitan Opera geben, als Don Ottavio in Mozarts Don Giovanni. Um 1955, in Freiburg und Stuttgart, war Wunderlichs Sprungbrett der Tamino aus einer anderen beliebten Mozartoper gewesen, der Zauberflöte. Er beeindruckte die Kenner durch eine strahlende Stimme, die völlig ungekünstelt wirkte. 1963 nimmt ihn die Wiener Staatsoper unter Vertrag. Er wohnt mit seiner Frau Eva, einer Harfenistin, und zuletzt drei Kindern in München. Doch schon drei Jahre später zieht sich Wunderlich in Derdingen bei Karlsruhe durch einen Sturz im Haus eines Jagdfreundes einen Schädelbruch zu.

Falls den 1972 veröffentlichten Erinnerungen von Hubert Giesen zu trauen ist*, der Wunderlich bei vielen Liedabenden am Klavier begleitete, waren bei diesem Unfall weder Jagdleidenschaft noch Trinkfreude im Spiel. Das Haus des »reichen Industriellen« hat im ersten Stock eine Bibliothek, zu der eine Treppe mit einem dickem Strick als Geländer führt. Als Wunderlich am Abend mit einem ausgewähltem Buch, das ihm Bettlektüre sein soll, in sein ebenerdig gelegenes Gästezimmer zurückgehen will, stolpert er, wie später vermutet wird, über die unverknoteten Schnürsenkel seiner Schuhe, reißt im Fallen oder beim Haltsuchen den Strick aus seinen Veranke-rungen und stürzt kopfüber auf die Steinplatten der Diele. Er stirbt anderntags im Krankenhaus, ohne noch einmal zu Bewußtsein zu kommen.

Giesen räumt allerdings ein, Wunderlich habe ihm zuweilen Angst eingejagt. Er habe stets aus dem Vollem gelebt und alles, ob Singen, Porschefahren, Fotografieren, Jagen, Feiern, »mit ungeheurer Energie und Intensität« getan, »als wisse er insgeheim, daß ihm das Leben keine allzulange Frist gelassen habe.« Da Giesen gerade von gemeinsamen Auftritten mit Wunderlich in Edinburgh gesprochen hat, ergänzt er, die Briten bescheinigten solchen Leuten, sie »zündeten ihre Kerze an beiden Enden« an.

* Auszug S. 251–60 bei Andreas Praefcke, 1998: http://www.andreas-praefcke.de/wunderlich/giesen.htm



Wunderlich, Heike 18 (1969–87), sächsische VEB-Stickerin, ermordet. So manchen »reizvollen« Fall muß ich allein deshalb übergehen oder schmerzlich offen lassen, weil mir die finanziellen / logistischen / akademischen Mittel fehlen, den wieder einmal vernachlässigten Blickwinkel auf das Opfer durch eigene Recherchen zu füllen. Im April 1987 wurde die 18jährige Textilarbeiterin Heike Wunderlich aus dem VEB Plauener Gardine auf einer Waldlichtung neben ihrem rotem Moped verge-waltigt und erdrosselt aufgefunden. Ihre Leiche war mit blauen Flecken übersät. Über die lebendige junge Frau, eine anziehend wirkende dunkle Langhaarige, erfährt man aus den mir erreichbaren Quellen nicht mehr als dies, sie sei gesellig, aber vorsichtig Fremden gegenüber gewesen. Nach einem heimischem Blatt* wohnte sie, mit Brüdern, noch im Elternhaus. Die Reporterin erwähnt vom Prozeß, ein Bruder sei im Zeugenstand gebeten worden, dem Gericht zu schildern, »was für ein Mensch« seine Schwester gewesen sei. Man spitzt alarmiert die Ohren – und die Reporterin verrät kein Wort von der brüderlichen Schilderung. Wunderlichs Charakter? Oder ihre Sehnsüchte, falls sie welche hatte? Belanglos. Hauptsache ein Mordopfer. Der Fall blieb rund 30 Jahre lang ungeklärt und wirkt auch zur Stunde nicht zufriedenstellend gelöst. Was die Persönlichkeit Wunderlichs angeht, wäre man vielleicht auch nach 20 Jahren noch fündig geworden, sofern man sich die Fahrkarte nach Plauen und ein Hotel-zimmer geleistet hätte, um verschiedenen Angehörigen, Kriminalbeamten und anderen Einheimischen auf den Zahn zu fühlen. Aber von den Kosten und meinen nicht vorhandenen Referenzen einmal abgesehen, wäre auch das noch immer heikel, wie ich schon früher (>Beierstettel) angedeutet habe. Man rührt bei solchen Recherchen leicht Unmut oder gar Angst auf, und wenn es schlecht läuft, hat man gleich für den nächsten Toten gesorgt.

Neuerdings gilt der Fall Heike Wunderlich als erledigt. Das Zwickauer Landgericht verurteilte 2017 einen ungestän-digen 62jährigen Frührentner, der bereits zerrüttet und verwirrt war.** Wichtigstes Indiz sei eine sehr alte DNA-Spur gewesen. Zwar fanden sich auch Sperma-Spuren von zwei anderen Männern, aber denen maßen die ErmittlerInnen keine Bedeutung mehr bei – da sie sich ja nun den Rentner Helmut S. ausgeguckt habe, so ungefähr die Welt. Allerdings wohnte die Mutter des damals 32jährigen lediglich rund drei Kilometer vom Tatort entfernt. S. kannte sein Opfer nicht, die Gegend jedoch umso besser. Außerdem war der trinkfreudige Angeklagte, zuletzt Kranfahrer, schon wiederholt »mit dem Gesetz in Konflikt gekommen«, auch wegen sexueller Verfehlungen. Er saß mehrmals in Haft. Jetzt hat er Lebenslänglich. Der Widerspruch seiner Rechtsanwälte wurde 2018 verworfen. Wunderlichs Angehörigen sollen mit dem Urteil zufrieden sein. Bedenkt man den riesigen volkswirtschaftlichen und nervlichen Aufwand für solch ein bißchen fragwürdige Gerechtigkeit, kann man sich nur in eine anarchistische Zwergrepublik fortträumen.

Ich will den unbefriedigenden Fall zu einigen grundsätz-lichen Bemerkungen zu meinen Nachforschungen und meinen Quellen nutzen. Womöglich besteht ein gewisser Verdienst meiner Arbeit bereits darin, all diese, mehr oder weniger durchsichtigen Fälle des frühen Todes zusammen getragen zu haben. Es hat mich vor allem ein langwieriges und stumpfsinniges Abklappern diverser biografischer Listen und einiger Lexika gekostet. Manche Fälle verdanke ich sicherlich auch meiner emsigen, um nicht zu sagen bescheuerten Zeitungslektüre, an der ich über Jahrzehnte festgehalten habe. Im Grunde war ich zwischen 20 und 6o zeitungssüchtig. Allerdings hat sich diese Sucht im Laufe der 40 Jahre zunehmend abgemildert, weil sich einfach zu viel wiederholt. Mancher erkennt das freilich auch in 80 Jahren nicht. Genau darin liegt eine Grundfunktion unserer Presse. Sie serviert ihre »Sagen der Zeit, so wie man Sagen der Vorzeit hat« (Lichtenberg) derart geschickt, bunt, abgewandelt, daß man nie auf die soziologischen Muster kommt, aber immer schön dem »Zeitgeschehen« verhaftet bleibt, an dem sich zigtausend Leute die Goldenen Sporen verdienen, mit denen sie uns auf Trab halten.

Ohne Bücher wäre man dieser Drogenmafia hilflos ausgeliefert. Walden-Hüttenbewohner Thoreau höhnt vor rund 170 Jahren, viele Zeitgenossen ließen sich zu dem Zwecke, das Neuste nicht zu verpassen, schon alle 30 Minuten wecken, erzählten einem dann aber immerhin zum Entgelt, wovon sie gerade geträumt hätten. Heute dürfte die Deckungsfähigkeit zwischen dem Neusten und den Träumen bereits bei über 90 Prozent liegen. Daher zeitgenössische Buchproduktion als Trieb- und Müllab-fuhr. Die klassische Lektorierung findet offensichtlich kaum noch statt. Sie wäre zu aufwendig. Im Ergebnis zieht die Schlamperei in den Verlagen Literatur aufs Niveau mündlicher Rede, mehrt also das allgegenwärtige Gequassel. Ehrenburg behauptet in seinen Memoiren, sogar Lenin habe die ewigen Diskussionen unter den Emigranten als fruchtlos gebrandmarkt. Er selber, Ehrenburg, habe fast alles autodidaktisch aus Büchern gelernt. Schulen sind Quasselbuden. Das sage ich auch dann, wenn noch 20 Pandemien ausgerufen werden. Ich habe nie begreifen können, wie sich Denker wie Alain oder Adorno dazu hergeben konnten zu unterrichten und Vorlesungen abzuhalten. Wie sich versteht, fallen auch »Dichterlesungen« unter meine Acht. Ich ächte alles, was Flüchtigkeit züchtet.

Mit der digitalen Vernetzung, Presse eingeschlossen, erreichen wir bereits das Stadium der Auflösung des Geistes. Webseiten wimmeln geradezu von Flüchtigkeits-fehlern. Es macht nichts, weil sie ihr Aussehen ohnehin im Minutentakt ändern. Manche verschwinden auch kurzerhand. Auseinandersetzung ist jedoch auf Feststehendes / Gegenstand / Widerstand angewiesen. Deshalb war es mir auch immer verdächtig, wenn die mündliche Kommunikation in Kommunekreisen einen sehr hohen Stellenwert genießt. Sammelndes, klärendes Mit- oder Aufschreiben wird zumindest verpönt, zuweilen verboten. Sind Berichte oder Wunschzettel unumgänglich, strotzen sie von Ausrufungszeichen und Schlagworten, Unterstreichungen und Unklarheit – wie die beliebten »blogs« im Internet. Man umtanzt den Popanz des Authentischen und wundert sich, wenn die Eintagslö-sungen, die Mißverständnisse und der Groll kein Ende nehmen. Gewiß ist nicht zu leugnen, daß spontane Auseinandersetzungen oft spannungsgeladen sind, woraus sich ihre Beliebtheit erklärt. Sie prickeln, da mit Enthüllung, Geständnis, Herzblut, Tränen, kurz mit Neugier und Angst gewürzt. Doch es bleibt oberflächlich und vorübergehend. Es bleibt das fruchtlose Event der Talkshows. Um zu dauerhaften Linien, Gestalten, Lösungen zu kommen, müßte man schürfen. Das wäre allerdings Arbeit. Es kostet Geduld. Es benötigt Distanz.

Etwas rätselhaft könnte Lichtenbergs anderer, gleichfalls über 200 Jahre alter Satz wirken, nach Zeitung sei Räumung.*** Für mich behauptet Lichtenberg damit, wie Presse Zeit schüfe, so Räumung Platz. So schafft mein beharrliches Ausmisten in allem von mir Gewußtem Platz für eine Art einsichtsvoller Gestalt, an der ich mich – wie ich zumindest hoffe – für den Rest meines Lebens noch leidlich würdig aufrechterhalten kann.

* Gabi Thieme, »Mordprozess Heike Wunderlich«, Freie Presse (Chemnitz), 24. Juli 2017: https://www.freiepresse.de/vogtland/plauen/mordprozess-heike-wunderlich-er-soll-unseren-hass-spueren-artikel9958655
** Gisela Friedrichsen, »Lebenslang für den Mann, der sein Verbre-chen komplett vergaß«, Welt, 30. August 2017: https://www.welt.de/vermischtes/article168142300/Lebenslang-fuer-den-Mann-der-sein-Verbrechen-komplett-vergass.html
*** Georg Christoph Lichtenberg, Aphorismen, Auswahlband (Max Rychner) bei Manesse, Zürich 1958, S. 405




Xiao Hong 30 (1911–42), chinesische sozialkritische Schriftstellerin aus halbwegs wohlhabendem Grundbe-sitzerhaus in Nordostchina. Sie hat sich zeitlebens – nicht sehr lang – gegen Unbilden wie lieblose Eltern, Zwangsverheiratung, Kriegswirren (Bürgerkrieg, Einfall der Japaner), Männergewalt überhaupt, Hunger und Krankheit zu wehren, darunter, laut Petri Liukkonen*, Tuberkulose. Gefördert von Lu Xun in Shanghai, hat sie 1935 einen ersten Bucherfolg. Sie lebt mit verschiedenen Liebhabern zusammen und stirbt im japanisch besetztem Hongkong, 30 Jahre alt. In ihrem letztem, oft als »ihr Meisterwerk« bezeichnetem Buch Geschichten vom Hulanfluß (1942)** nimmt sie die unterwürfige, abergläubische, rechthaberische, schadenfreudige, verfressene, frauenfeindliche, grausame chinesische Seele ohne Zweifel mit einer bemerkenswerten feinen, bissigen Ironie aufs Korn, doch die Klassen- und Staatsfrage schneidet sie darin um keinen Millimeter an. Allerdings muß man bedenken, sie war schon todkrank. Sie wollte ihre bittersüße Kindheit retten.

* http://authorscalendar.info/xiao.htm. Der Eintrag über X. dürfte von ca. 2014 stammen. Kalendermacher Petri Liukkonen (seit 1998), den ich hier schon öfter bemühte, ist im Hauptberuf Leiter der Stadtteilbibliothek Kuusankoski in Kouvola, Südfinnland, falls ich richtig informiert bin. Alter unbekannt. Doch seinem Internet-Projekt nach muß er ein Herkules sein.
** deutsch im Insel-Verlag 1990, Übers. Ruth Keen




Yang Jia 28 (1980–2008), chinesischer Polizisten-mörder? Das Wesentliche, was die VR China von den Errungenschaften des Kommunismus, besser: Staatssozi-alismus, in den Kapitalismus hinübergerettet hat, ist die Todesstrafe. In einem sage und schreibe einstündigem Prozeß vor dem Shanghaier Mittleren Volksgericht Nr. 2 – der wegen der sogenannten Olympischen Sommerspiele etwas vertagt worden war, es hätte nicht gut ausgesehen – ereilte sie am 27. August 2008 den 28jährigen angeblichen mehrfachen Mörder Yang Jia, ein arbeitsloser Pekinger Bürger. Drei Monate darauf, nach vergeblicher Berufung, wurde er mittels Giftspritze hingerichtet.

Yang, der als Einzelgänger, vielleicht auch Stadtstreicher beschrieben wird, war schon einmal bei einem Shanghai-Besuch zu unrecht eingesperrt und dabei auch mißhandelt worden. Dann, bei seinem jüngstem Besuch im Oktober 2007, verdächtigte ihn die Shanghaier Polizei, er habe beabsichtigt, das von ihm gemietete Fahrrad zu stehlen, was sie ihm freilich nicht beweisen konnte. Möglicherweise wurde er auf der Polizeiwache erneut mißhandelt. Nun soll Yang, nach offizieller Darstellung, vor Wut gekocht und auf Vergeltung gesonnen haben. Es dauerte bis zum Vormittag des 1. Juli 2008, also acht Monate, bis er zu allem entschlossen wieder aufgetaucht sei. Jetzt habe er unter Zurhilfenahme von Molotow-Cocktails das Polizeihaupt-quartier im Shanghaier Vorort Zhabei gestürmt und in dem 20stöckigem Gebäude innerhalb von fünf Minuten neun unbewaffnete Polizisten niedergestochen, von denen sechs starben. Also ein typischer Amoklauf. Zu allem Unglück geschah es auch noch am Jahrestag der Gründung der KPC. Also eine Vaterlandsschändung.

Allerdings konnten verschiedene in- und ausländische Journalisten oder BloggerInnen auf etliche Ungereimt-heiten hinweisen, die die ganze Geschichte in zweifelhaftes Licht tauchen. Einige Belege dafür führt die deutsche Wikipedia an. Danach reichte die Tatzeit niemals aus, um diese über die Etagen verstreuten neun Polizisten zu verletzen. Dafür war Yang unverletzt, obwohl verschiedene Polizisten mit ihm gekämpft haben wollten. Weiter zeigt die Videoaufnahme der im Erdgeschoß verübten Attacken einen maskierten Täter – und zudem eine Zeit, die nach der offiziellen Tatzeit liegt. Und schließlich stellte sich von Yangs »Verteidiger« heraus, daß er schon vorher auch als Berater der Verwaltung des betroffenen Stadtbezirks Zhabei tätig war. Wie Zhang Hong nach dem Urteil im Guardian schrieb*, wäre Yangs Pekinger Mutter, seit langem geschieden, wahrscheinlich die einzige gewesen, die ihm zu einem anderen Rechtsanwalt und diesem zu entlastenden Informationen hätte verhelfen können, doch die Mutter sei leider plötzlich verschwunden. Nicht wenige glaubten, auch dahinter hätten die durch und durch korrupten Behörden gesteckt.

Die Empörung im Internet war vergleichsweise groß. Wie es aussah, hatten viele Chinesen schon ähnliche Erfahrungen mit Polizei und Justiz gemacht. Jedenfalls trauten sie den Behörden eine rücksichtslose Vertuschung eigener Vergehen und Verbrechen zu. Die Wut des Yang konnten viele selbst unter der Voraussetzung nachvoll-ziehen, er habe an jenem Tag tatsächlich sechs Polizisten umgebracht. Es gab auch kleinere Demonstrationen (mit Verhaftungen) und Gedenkveranstaltungen. Ob aber heute noch ein Hahn nach dem Hingerichteten kräht? Leider ist er ja nicht der einzige. Amnesty International schätzt allein für 2011 mehrere Tausend Hingerichtete für die VR China. Die Regierung verweigert genaue Angaben. In jedem Fall liegt China damit in der weltweiten Statistik mit krassem Abstand auf dem erstem Rang. Die USA folgen erst auf Rang 5.

Ich will nicht verschweigen, daß die meisten Chinesen, Presseberichten zufolge, das Todesurteil gegen Yang durchaus billigten, wenn nicht gar begrüßten. Auch inso-fern kann man sich demnach als westlicher Beobachter ganz wie zu Hause fühlen.

* »Chronicle of a death foretold«, 5. September 2008: https://www.theguardian.com/commentisfree/2008/sep/05/china.humanrights



Yozgat, Halit 21 (1985–2006), Opfer des Rassismus aus Kassel. Der in Deutschland geborene Sohn eines Türken hatte in der Kasseler Holländischen Straße gerade ein Internetcafe eröffnet. Halit Yozgat war 21 Jahre alt. Am 6. April 2006 wurde er in diesem Cafe am hellichtem Tage durch zwei Pistolenschüsse niedergestreckt. Er verblutete in den Armen seines herbeigeeilten Vaters Ismail.

Zuvor hatte sich ein Stammgast des Cafes dünne gemacht, Andreas Temme aus Hofgeismar bei Kassel – ein offiziell angestellter V-Mann-Führer des Wiesbadener soge-nannten Verfassungsschutzes, wie sich später heraus-stellte. Im Gegensatz zu fünf anderen Cafegästen meldete er sich nicht als Zeuge, wurde aber namhaft gemacht. Der damalige hessische Innenminister Volker Bouffier bewahrte ihn zunächst vor polizeilicher Vernehmung – aus den bekannten Gründen des »Quellenschutzes«. Ein später eingeleitetes Ermittlungsverfahren gegen den rechtsradikal gestimmten Mann, der in Hofgeismar seit Jahren als »Klein-Adolf« bekannt war, wurde 2007 genauso eingestellt wie ein Disziplinarverfahren gegen ihn. Nur für den Besitz illegaler Munition erlegte man ihm, wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz, eine Geldstrafe von 800 Euro auf. Dann wurde er ins Regierungsprä-sidium Kassel versetzt.

Temme meinte nach seiner Enttarnung, er habe sich rein zufällig und privat in dem Cafe aufgehalten und von der Tat nichts mitbekommen. Mordmotive im Bekanntenkreis Yozgats kamen freilich kaum in Betracht. Vor allem aber reihte sich die Tat ganz offensichtlich in eine Mordserie ein, der seit 2000 bis dahin bundesweit acht überwiegend türkischstämmige Kleinunternehmer zum Opfer gefallen waren. Der junge Kasseler blieb das neunte und letzte Opfer dieser auch als Ceska-Morde, nämlich nach der immerselben Tatwaffe bezeichneten Serie. In der Folgezeit war eine riesige Sonderkommission der Kripo, im Verein mit den Geheimdiensten, nach Kräften bemüht, die Ermittlungen auf »südländisch« wirkende Täter zu beschränken und ansonsten möglichst lange zu verschleppen. Erst nach fünf Jahren kam den wenigen Skeptikern der Zufall zur Hilfe, daß die (angeblich) seit langem gesuchten Neonazis Uwe Mundlos (38) und Uwe Böhnhardt (34) am 4. November 2011, nach einem nicht ganz reibungslos verlaufenen Überfall auf eine Sparkasse in Eisenach, (angeblich) Selbstmord begingen. Daraufhin stellte sich am 8. November auch ihre Mitstreiterin Beate Zschäpe, geboren 1975, der Polizei. Die drei hatten den Kern des vor allem in Thüringen wurzelnden NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) gebildet. Da sich in ihrem Umfeld auch jene Ceska-Pistole fand, stellen sie inzwischen die Hauptverdächtigen der entsprechenden Mordserie dar. Zudem dürften, neben Raubüberfällen, ein Sprengstoffanschlag in Köln vom Juni 2004, ein Nagelbombenattentat in Köln vom April 2007 und die Ermordung der 22jährigen Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter auf ihr Konto gehen, die am 25. April 2007 in Heilbronn erschossen worden war.

Allerdings steht auch die Mitwisser- und Mittäterschaft unserer lieben VerfassungsschützerInnen im Raum, die ihre Finger offensichtlich seit Jahren ganz tief in jenem Nationalsozialistischem Untergrund haben, ohne auf die schädliche Idee zu kommen, ihn vielleicht trocken zu legen und sich damit die eigene Existenzgrundlage zu entziehen. Darauf verweisen einige Enthüllungen vor 2012 einge-setzten parlamentarischen Untersuchungsausschüssen, mehrere erzwungene Rücktritte von Verfassungsschutz-chefs – und mehrere erfolgreiche, bekanntlich schon von Altkanzler Helmut Kohl geschätzte Aktenbeseitigungs-unternehmungen, diesmal freilich in Verfassungsschutz-gebäuden, nicht im Bundeskanzleramt.

Im Herbst 2012 wurde in Kassel der Halitplatz eingeweiht. Auch die dortige Straßenbahnhaltestelle (am Hauptfried-hof) wurde um den Namen des buchstäblich für nichts ermordeten jungen Mitbürgers ergänzt. Sein silberhaariger Vater Ismail Yozgat, der streckenweise auf eigene Faust und Kosten Nachforschungen anstellte, schilderte nach der Einweihung des Platzes im Gespräch mit dem Wochenblatt Die Zeit seine bisherige Leidenszeit.* Bis zum November 2011 hätte sich seiner Familie gegenüber niemand um Nachrichten oder Erklärungen zur Tat und zu den Ermittlungen herbeigelassen. Dafür seien sie und der ermordete Sohn über Jahre hinweg mit Verdächtigungen und Verleumdungen (etwa: Drogenhandel) überzogen worden, in deutschen oder türkischen Medien, aber auch im Bekanntenkreis. »Es gab Zeiten, da haben wir uns nicht auf die Straße getraut. Meine Familie hatte Angst. Arbeitskollegen, irgendwelche Leute auf der Straße haben mich im Vorbeigehen gefragt: 'Ismail, wie sieht's aus, haben sie endlich mal den Mörder deines Sohnes gefunden?' Als ob es eine Nichtigkeit wäre. Als ob sie nicht glaubten, daß es ein Mord war. Ohne Distanz, ohne Respekt.«

Was den einheimischen V-Mann Temme angeht, steht dem hessischem Journalisten und Buchautor Wolf Wetzel zufolge** inzwischen fest, daß er am Tattag sowohl vor wie nach seinem Besuch im Internet-Cafe mit Neonazis telefonierte, darunter der nordhessische V-Mann Benjamin Gärtner, dessen »Führungsoffizier«, nach Zeugenaussagen sogar Kumpel Temme war. Aber auch Gärtner werde, wie lange Zeit Temme, bis heute vom Verfassungsschutz gegen die Kripo abgeschirmt, die ihn nicht vernehmen darf. Zu dieser Taktik des Mauerns führt Wetzel einen netten Dialog an: Im Sommer 2012 habe sich selbst ein Untersuchungsausschuß des Bundestages, der sich mit dem NSU befaßte, über die konsequente, auch den Ausschuß selber betreffende Blockadepolitik der zustän-digen Behörden befremdet gezeigt. Offenbar müsse man erst eine Leiche neben einem Verfassungsschützer finden, um eine Auskunft zu bekommen. Darauf Kriminaldirektor Gerhard Hoffmann, ehemals Leiter der SOKO Café: »Selbst dann nicht …« – »Bitte ..?« – »Es heißt, selbst wenn man eine Leiche neben einem Verfassungsschützer findet, bekommt man keine Auskunft.«

Wetzel hält die Wahrscheinlichkeit einer Beteiligung Gärtners an dem nach wie vor unaufgeklärtem Mord für hoch. Von dem in München veranstalteten Prozeß gegen NSU-Aktivistin Zschäpe verspricht er sich alles andere als Aufklärung, vielmehr weitere Verschleierung des staat-lichen Tatbeitrags am zeitgenössischem neonazistischem Wirken. In einem bereits Anfang 2013 geführten Gespräch mit der Webseite Muslim-Markt begründet er diese schlechte Erwartung unter anderem mit den erwähnten Phänomenen der systematischen Akten- und Spuren-vernichtung und der schier undurchdringlichen Verfilzung zwischen den rechten Angriffs- und den staatlichen Abwehrkräften. Dazu gibt er drastische Beispiele.***

* Özlem Topçu, »Er starb in meinen Armen«, 11. Oktober 2012: http://www.zeit.de/2012/42/Interview-Yozgat-Opfer-NSU
** »Zweifelhaftes Teamwork«, Junge Welt, 3. Dezember 2013
*** http://www.muslim-markt.de/interview/2013/wetzel.htm,
26. April 2013




Zahir, Ahmad 33 (1946–79), sehr beliebter afghanischer U-Sänger, Autounfall? Das Ende des »afghanischen Elvis« ist reichlich undurchsichtig und entsprechend von Gerüchten umwallt. Der westlich orientierte Politikersohn und Popmusiker zog als inbrünstiger Sänger und Akkordeonspieler die Bewunderung der Massen, nicht jedoch des anfänglich sowjetisch gestützten Daoud-Regimes auf sich. Nach offizieller Leseart kam er am 14. Juni 1979, genau an seinem 33. Geburtstag, rund 100 Kilometer nördlich von Kabul auf einer Gebirgsstraße im Hindukusch (Salang-Paß) durch einen Autounfall um. Den Einmarsch der sowjetischen Truppen im Dezember 1979 verpaßte er somit nur knapp. Die Quellenlage betreffs seines Todes im Gebirge gleicht einem einzigen Jammer-tal. Nirgends ist von Einzelheiten, Belegen, Augenzeugen die Rede. Schriftstellerin Monica Whitlock meint, es habe nie eine amtliche Untersuchung des Unfalls gegeben.* Aber auch von ihr erfährt man noch nicht einmal, wohin und warum der Star unterwegs war. Seine Gattin war offensichtlich nicht dabei, empfing sie doch mit der Todesnachricht, am Unfalltag, eine Tochter, die Shabnam heißt. Fährt einer als Mann, der in jeder Stunde froher Vater werden kann, in den Hindukusch? Am besten mit einer Frau, die nicht die Hochschwangere ist? Neben Shabnam hinterließ der Musiker ungefähr 25 Alben und Sohn Rishad, der auch wieder Musik macht. Beide Spröß-linge leben im Elvis-Presley-Land USA. Vermutlich gefällt es ihnen da, und knapp bei Kasse dürften sie kaum sein.

* »The Afghan Elvis«, BBC History Extra, 4. Juli 2019: https://www.historyextra.com/period/20th-century/ahmad-zahir-who-afghan-elvis-extraordinary-life-death/



Zamudio Vera, Daniel 24 (1987–2012), chilenischer Schwuler, ermordet. Der hübsche junge Mann aus San Bernardo bei Santiago de Chile arbeitete als Verkäufer in einem chinesischem Bekleidungsgeschäft. Er machte aus seiner Homosexualität keinen Hehl. Sein Traum war es, Theaterwissenschaft zu studieren und diese Ausbildung als Dressman zu finanzieren. Aber dazu kam es nicht mehr, weil er Anfang März 2012 das Unglück hatte, bei einem nächtlichem Streifzug durch den hauptstädtischen Park San Borjia auf vier Neonazis im Alter zwischen 19 bis 26 Jahren zu stoßen. Nach den polizeilichen Ermittlungen folterten sie ihr Opfer geschlagene sechs Stunden lang. Eine Polizeistreife fand den schwerverletzten Zamudio gegen Morgen und brachte ihn ins Krankenhaus. Er wies unter anderem ein verstümmeltes Ohr, zwei gebrochene Beine und Brandwunden an mehreren Körperstellen auf. Am Monatsende erlag er vor allem seinen inneren Verletzungen. Die Untat erregte in ganz Lateinamerika viel Aufsehen und Entsetzen. Sie beschleunigte auch die Verabschiedung eines chilenischen Gesetzes gegen aufs Geschlecht zielende Diskriminierung. Die mutmaßlichen Täter, noch im März gefaßt, wurden 2013 zu einmal Lebenslänglich und drei anderen hohen Haftstrafen verurteilt. Schon vorher entstand in San Bernardo die Fundacion Daniel Zamudio, die Eltern homosexueller oder transgender Kinder berät und natürlich auch das Gedenken an den Toten wachhält.

Wie ich dem unerwartet einfühlsam geschriebenem Artikel einer großen Zeitung aus Santiago de Chile entnehme*, hat die Stiftung keinen leichten Stand. Aber neben dem Vater des Mordopfers, Iván, ist dort neuerdings auch die Mutter wieder aktiv, Jacqueline. Ihr ging es zeitweilig sehr schlecht. Der Verlust des Sohnes nahm sie stark mit; Schreckensbilder versetzten sie öfter in panische Angst. Sie hatte im Krankenhaus an Daniels Sterbebett ausgeharrt. Ende 2018 fand sie in einer 21jährigen einen neuen Halt, die selber vor Abgründen an Schwierigkeiten stand. Amber González aus La Ligua hatte bei der Stiftung Zuflucht gesucht, nachdem sie wegen einer Geschlechtsumwand-lung aus dem Elternhaus verstoßen worden war. Sie war ursprünglich Junge gewesen. Jacqueline Zamudio adoptierte sie als ihre neue Tochter. Jetzt läßt sich Amber in der Hauptstadt zur Krankenpflegerin ausbilden. Sie sagt, bis dahin hätte sie keine Mutter gehabt. Der Zeitungsartikel macht das innige Verhältnis der beiden Frauen klar, Amber und Jacqueline. Wer, wie ich, keinen rechten Zugang zu jenen Abgründen hat, sollte ihn lesen.

* Tamy Palma, »La nueva misión de la mamá de Daniel Zamudio«, La Tercera, 22. März 2019: https://www.latercera.com/tendencias/noticia/la-nueva-mision-la-mama-daniel-zamudio/581677/



Zapata, Emiliano 39 (1879–1919), Partisanenchef in Mexiko. Der gute Partisan ist gewiß ein ausgefuchster Fallensteller, aber selten heimtückisch. Deshalb, so nehme ich an, fehlte Zapata die Nase für die Falle, die man ihm selber stellte. Seine Truppen, die vornehmlich aus besitzlosen Landarbeitern bestanden, operierten im Süden Mexikos, während Pancho Villa die Aufständischen im Norden führte. Durch ein Bündnis zwischen Villa und Zapata gelang es 1914, den neuen »Präsidenten« Oberst Victoriano Huerta zu stürzen. Die üblichen Streitigkeiten unter den revolutionären Truppen, die unter dem Oberbefehl Venustiano Carranzas standen, blieben freilich nicht aus. Was Carranza persönlich angeht, verlangte es ihn seinerseits nach dem Sessel des Präsidenten. Gegen Villa konnten sich seine Truppen dank des strategischen Geschicks des Ranchers Alvaro Obregóns auch durchsetzen; Zapata dagegen sperrte sich und kämpfte mit seinen Leuten im Süden weiter. So griff Carranza zur erwähnten Heimtücke. Sein Oberst Jesús Guajardo gab vor, er wünsche zu den Zapatisten überzulaufen, weshalb er ihren Chef bitte, ihn am 10. April 1919 auf seiner Hacienda San Juan aufzusuchen. Die lag bei Chinameca, Morelos. Als der 39jährige Zapata erschien, wurde er von Guajardos Leuten mit einem Kugelhagel empfangen und regelrecht durchsiebt. Man schaffte die Leiche nach Cuautla und stellte sie dort öffentlich aus. Zapatas AnhängerInnen konnten sich ein Jahr darauf trösten, als Carranza im Machtkampf gegen Alvaro Obregón den Kürzeren zog und seinerseits ermordet wurde. Nun ging der Präsidentensessel an Obregón. Im ganzen forderte die mexikanische »Revolution« mindestens 350.000 Tote, von den Verletzten und Geflüchteten zu schweigen. Man sehe sich nun das heutige Mexiko an, dann weiß man, wofür die 350.000 gestorben sind.



Zäunemann, Sidonia Hedwig 29 (1711–40), thürin-gische Lyrikerin. Die Tochter eines Erfurter Juristen lebte bis zuletzt in ihrem Elternhaus. Sie blieb unverheiratet. Sie las viel, lernte Fremdsprachen und schmiedete deutsche Verse, angeblich auch gegen den Kerker der Ehe. Ob sie sich überhaupt etwas aus Männern machte, verrät keiner. Die Unterstellung einer erstaunlich frühen »feministi-schen« Haltung scheint aber nicht ganz aus der Luft gegriffen zu sein. Obwohl sich Zäunemann in ihren Dichtungen manchen zeitüblichen »Schwulst«, viel Moralisieren und einige Weitschweifigkeit geleistet habe, kam sie bereits dem Historiker Woldemar Lippert (ADB 44 von 1898) »fast als Vorläuferin der modernen Frauen-bewegung« vor. Andererseits war sie unverholen fromm und zollte sowohl Gott wie dem Adel Respekt. Für viele jüngere Quellen leuchtet Zäunemanns Frühfeminismus hauptsächlich daraus hervor, daß sie ein Ilmenauer Silber-Bergwerk besichtigte (und prompt bedichtete) und daß sie öfter ritt – dies »natürlich« in Männerkleidung. Beides war ja damals für Frauen in der Tat unüblich. Ich nehme an, Zäunemanns Pferden blieb die bittere Last eines gar zu wogenden Busens erspart, was der Tarnung nur entgegen-kam. Den Besuch untertage hatte ihr Schwager Gottfried Polycarp Kunad ermöglicht, »Bergamtsphysikus« in Ilmenau, einer Stadt am Nordfuß des Thüringer Waldes. Vielleicht war auch schon ein gewisser Herr Goethe aus Weimar im Spiel, der damals die Bergbau-Kommission des Herzogtums leitete. Ohne dessen Wohlwollen hätte die »Zäunemännin«, so der zeitgenössische Spottname für sie, jedenfalls als Lyrikerin nicht so bald Anerkennung gefunden – oder nie, bedenkt man den frühen Tod der 29jährigen.

Sie wurde von den Wogen der Zahmen Gera verschlungen. So heißt der Erfurter Hausfluß in der Gegend bei Angelroda. Die Zäunemännin war am betreffenden Wintertag zu ihrer verheirateten Schwester in Ilmenau unterwegs. Das waren immerhin rund 30 Kilometer gen Süden. Nun schritt sie bei Angelroda daran, eine vom Hochwasser beschädigte Brücke zu nehmen, was sie wahrscheinlich übersah. Dabei stürzte sie in die kalten Fluten. FemBio meint zu wissen, auch das Pferd sei durch diesen Absturz ertrunken. Zäunemann hatte es ja gesagt: »Der Ehstand ist ein schwarzes Meer, worein viel trübe Wasser fließen; / Er ist ein herb- und bittrer Kohl. Kan ihn ein beißend Salz versüßen?«

Christoph Schmitz-Scholemann* behauptet allerdings, sowohl die genauen Unfallumstände wie der Zustand der betreffenden Brücke seien gar nicht überliefert. Man habe die Leiche erst am Abend gefunden – wo genau, verrät aber auch er nicht. Und das Pferd übergeht er sowieso. Dafür taucht es bei Jürgen M. Paasch auf.** Für den war die Brücke ein »Holzsteg«, der unter dem Paar aus Erfurt nachgegeben habe. »Ross und Reiterin werden vom Fluss weggerissen …« Zäunemanns Leichnam sei erst anderntags, am 12. Dezember, entdeckt worden, und zwar »an den Ufern der Zahmen Gera am Fuß des Neusisser Berges«. Genauer gehts vielleicht gar nicht. Dafür hielt es Paasch für überflüssig, den Verbleib de Pferdeleiche mitzuteilen und seinen Artikel mit einem Datum versehen zu lassen. Vermutlich entstand er nach 2000.

* »Eine der mutigsten deutschen Poetinnen«, Deutschlandfunk Kultur, 11. Dezember 2015: https://www.deutschlandfunkkultur.de/dichterin-sidonia-hedwig-zaeunemann-eine-der-mutigsten.932.de.html?dram%3Aarticle_id=339460
** »Sidonia Hedwig Zäunemann – Wegbereiterin der Frauen-emanzipation«, LiteraturLand Thüringen, o. J: http://www.literaturland-thueringen.de/artikel/sidonia-hedwig-zaeunemann-in-thueringen/




Zioncheck, Marion 34 (1901–36), studierter Jurist, Rechtsanwalt, »demokratischer« US-Politiker, Kongreß-mitglied in Washington D.C.. Angeblich trat er vor allem für die Kleinen Leute ein. Wie sich versteht, unterstützte er denn auch die beschäftigungspolitischen New-Deal-Maßnahmen des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Sie waren der »Großen Depression« des stets von Krisen geschüttelten Kapitalismus geschuldet. Ich nehme an, 1941 hätte Zioncheck auch den Kriegseintritt der Staaten befürwortet, der letztlich die wirkungsvollste New-Deal-Maßnahme Roosevelts darstellte. Allerdings machte sich auch Zioncheck Feinde. Zwar war der gebürtige Pole ein dunkelhaariger Smarter mit gewinnendem Auftreten, doch bei manchen Kollegen und Journalisten, die noch keinen Riecher für das rotgrüne Entertainment haben konnten, kam er schlecht an, weil er sich »links« gebärdete und sich manche Eskapaden leistete. So soll er betrunken in öffentlichen Springbrunnen getanzt haben und mit seinem Wagen über den geheiligten Rasen des Weißen Hauses gefahren sein. Zionchecks lokaler Wirkungskreis lag in Seattle, Washington. Dort hatte er an einem Fenster im 5. Stock eines Bürogebäudes oder Hotels, in dem er residierte, am 7. August 1936 spätnachmittags seinen letzten Auftritt: er sprang kopfüber aus dem Fenster.

Nach verschiedenen Quellen, darunter die englische Wikipedia, schlug er genau vor einem parkendem Wagen auf, in dem Rubye Louise Nix saß. Das war die fesche 21jährige, die er erst vor gut drei Monaten geheiratet hatte. In dieser kurzen Frist war es bereits zu einigen Zerwürfnissen und Versöhnungen zwischen den beiden gekommen, durchsetzt mit Aufenthalten Zionchecks in Irrenanstalten Marylands, denen er aber schließlich, nach einer Flucht, mit Verweis auf seine Abgeordneten-Immunität einen Riegel vorschieben konnte. Dann suchte er also wieder sein Büro in Seattle auf. Manche Quellen behaupten, er habe sich zuletzt auch von seinem Kumpel und Rivalen um den Kongreßsitz, dem Staatsanwalt Warren G. Magnuson, hintergangen gewähnt. Die Ärzte hatten, je nach dem, von »Überarbeitung«, »aufreibendem Lebensstil«, »manisch-depressiver« Neigung gesprochen. Andere hielten ihn kurzerhand für endgültig durchgedreht. Zioncheck selber zog eine politische Grundsatzerklärung vor, wie einem Zettel zu entnehmen war, den er immerhin zum Abschied auf seinem Schreibtisch hinterlassen hatte. Darin behauptete er, die einzige Hoffnung seines Lebens sei es gewesen, das »ungerechte« US-Wirtschaftssystem lasse sich begradigen. In dieser Hoffnung sah er sich anscheinend enttäuscht. Von seinen eigenen Fehlern oder Schäden, gar von seinen Ängsten sprach er lieber nicht.

Jemand mag Reformist oder Anarchist sein: in nahezu sämtlichen Fällen macht er zeitlebens einen Bogen um die letzte Systemfrage, die metaphysischer Natur ist, wie ich einmal sagen möchte. Es ist die Frage nach dem Sinn der ganzen Veranstaltung. Sie quält umso mehr, als die Veranstaltung offensichtlich haarsträubende Ungerech-tigkeiten und das entsprechende Leid mit sich bringt. Der eine ist hübsch, der andere häßlich; der eine von Kind auf krank, der andere nicht – daran rütteln kein Kapitalismus und kein Gemeinbesitz in libertärer Hand. Es ist die Frage, wo die Welt herkommt, was sie soll, wie sie endet – niemand weiß es. Alles andere wäre auch erstaunlich, stehen wir doch nicht über der Welt. Vielmehr stecken wir bis über beide Ohren in ihr und sind entsprechend befangen. Diese Befangenheit ist wahrscheinlich sogar die schlimmste Seuche. Bei so manchem Selbstmord mag sie, als Motiv, mitschwingen, ob es der Betreffende nun äußert oder nicht. Es ist das Gefühl hoffnungsloser Unterlegen-heit. Und vielleicht der Protest dagegen.

Der Einwand, mit unserem Geist könnten wir doch prima in die Ferne schweifen, unterliegt einem Trugschluß. Denn die Ferne, das ist bereits unsere Kategorie. Als Instrument einer objektiven Untersuchung taugt sie gar nichts. Wo finge sie denn an und wo hörte sie denn auf, die Ferne? Undenkbar. Leider versagt unsere Vorstellungskraft sowohl vor der Endlichkeit wie vor der Unendlichkeit. In beiden Fällen stürzt sie uns gleichsam in den Sog eines Schwarzen Lochs, von dessen Beschaffenheit wir ebenfalls nicht das geringste wissen. Daher die Angst vor dem Tod. Die Angst gilt nicht der Aussicht, keine Brötchen mit Butter und Feigenmarmelade mehr essen oder nicht mehr besoffen in Springbrunnen tanzen zu können; sie gilt der Ungewißheit.

Das Wissen um den Zusammenhang fehlt uns. Den Plan, den manche kritische Köpfe den Clubs der Superreichen unterstellen*, die damit den Kapitalismus zu sanieren oder den ganzen Planeten umzukrempeln gedächten, hätte ich gerne für alles. Wieviele Weltalle umfaßt alles? Warum sollte es in Weltallen organisiert sein? Ginge es vielleicht auch ohne Organisation? Muß es überhaupt etwas geben? Und wenn es nichts gäbe – was gäbe es dann? Wer diese Fragen aufmerksam verfolgt und nachvollziehen kann, wird erkennen, wie hoffnungslos wir dem Behälterdenken ausgeliefert sind. Unsere Gehirnschale möchte auch für alles ein Gefäß. Für Legionen von Astrophysikern und ihrer NachbeterInnen tut es notfalls sogar ein punktför-miges Gefäß, das bereits alles enthält – bevor es sich mit einem grandiosem Urknall entfaltet ...

Wie bereits angedeutet, gehen diese astro- und metaphy-sischen Fragen so gut wie jedem Menschen – um es proletarisch auszudrücken – schlicht am Arsch vorbei. Ich glaube, diese Menschen regieren sogar die Gespräche, Diskurse, Staaten, Börsen, Bankhäuser dieser Welt. Zuweilen schmücken sie sich mit dem Prädikat der Demut, doch für mich gehören sie zu dem Heer der Gegenaufklä-rerInnen. Denn die Antwort, warum mich die angeführten Fragen nicht in Ruhe lassen, liegt auf der Hand. Dazu läßt sich durchaus etwas sagen. Als libertär gestimmter Mensch lehne ich undurchschaubare Verhältnisse grundsätzlich ab. Denn die graue Sphäre der Undurchschaubarkeit ist der ideale Nährboden für Herrschaft. Das geht von den Betriebsgeheimnissen meines Chefs, der kaum ein Dutzend Leute beschäftigte, über den Vatikan und die Bilderberg-Konferenzen bis über das uns bekannte Universum hinaus. Sagt eine angeblich anarchistische Kommune einer Bewerberin, über den Zweck, die Entscheidungsstrukturen und die Mitgliederzahl der Kommune werde bislang nur gemunkelt, dürfte sie auf dem Absatz kehrt machen. Poche ich aber dem alles gegenüber auf die entsprechenden Auskünfte, verun-glimpft man mich als Traumtänzer oder Spinner.

Mein Makel ist es, als ein Teil der Welt auf einem Mitbestimmungsrecht an ihr zu bestehen. Der Rebell verlange nicht das Leben, sondern die Gründe des Lebens, formuliert Camus einen der wenigen Sätze seines Buches Der Mensch in der Revolte, die würdig sind angeführt zu werden. Ich fordere die vielzitierte Transparenz, weil ich andernfalls nur im Dunkeln tappen kann. Eine nicht offengelegte Schöpfung stempelt mich zum Vollidioten oder zum Kind. Davon verstehst du nichts. Sie tritt meine Menschenwürde mit Füßen, die möglicherweise in einigen Milliarden Lichtjahren Entfernung angehoben werden. Ich bin ihr Untertan.

Vielleicht ginge es noch an, wenn wir nur dazu verdonnert wären, mit dem Rätsel der Welt zu leben. Aber ich sagte es schon: sehr oft haben wir auch daran zu leiden. Und dann haben wir, früher oder später, auch noch mit dem Rätsel der Welt zu sterben. Das finde ich das Schlimmste. In einem Sarg mit der Ungewißheit – widerlich!

Dieses Grundsatzreferat, zu dem mich Marion Zioncheck verführte, dürfte dem einen oder anderen Leser einsichtig machen, warum ich mich in meinem gesamtem Schreiben an oberster Stelle um Klarheit bemühe.

* Soeben etwa Richard Poe, »Die Globalismus-Erfinder«, Rubikon,
13. Juli 2021: https://www.rubikon.news/artikel/die-globalismus-erfinder




Zoi, Wiktor Robertowitsch 28 (1962–90), Musiker. Am frühen Morgen des 15. August 1990 ging dem 28jährigem Frontman der russischen »regimekritischen« Rockband Kino auf einer lettischen Autobahn bei Tukums (westlich von Riga), wie so vielen Menschen auf der Welt, »die Kontrolle« über sein kräftig beschleunigtes Auto »verloren«. Er rammte einen Linienbus. Sein dunkelblauer Moskwitsch Aleko wurde zermalmt und Zoi getötet. Der Busfahrer hatte Glück. Das Publikum aber auch: »Einer der wenigen Gegenstände, die nach dem Unfall gefunden wurden, war das Band mit dem Gesang für das neue Album. Das Album wurde fertiggestellt und erschien unter dem Namen Schwarzes Album. Die verkaufte Auflage war gewaltig. Über 65 Jugendliche in der Sowjetunion nahmen sich nach dem Tod Zois das Leben, weil sie glaubten, es hätte ohne ihr Idol keine Bedeutung mehr«, heißt es in der deutschen Wikipedia. Die englischen und russischen Schwestern äußern sich ähnlich. Zoi hatte erst vor wenigen Wochen einen berauschenden Kino-Auftritt im Moskauer Olympiastadion Luschniki, dem 62.000 BesucherInnen beigewohnt haben sollen. Jetzt, in einem Arbeitsurlaub, kreisten wohl schon die Stücke für jenes neue Album in seinem schwarzbemähntem Kopf. Die polizeilichen ErmittlerInnen fanden keine Drogenspuren, stellten jedoch fest, wahrscheinlich sei Zoi, bei rund 130 km/h, am Steuer eingenickt, vermutlich aus Übermüdung, und deshalb auf die Gegenfahrbahn geraten. Viele Fans, die auf einen Selbstmord aus Trauer verzichtet hatten, munkelten allerdings von einem finsterem Akt des KGB. Übrigens gab es solche Stimmen selbstverständlich auch im Fall Zioncheck: vor allem die lieben Angehörigen bevorzugten die Meuchelmord-Theorie. Zioncheck schaffte aber nie den Sprung auf eine 2-Rubel-Briefmarke, soweit ich weiß. Anders Zoi 1999: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Russia_stamp_V.Tsoi_1999_2r.jpg. Deshalb sehen Marianna Zoi (die amtliche Gattin) und Sohn Alexander inzwischen mit Bangen den endgültigen Tod der herkömmlichen Post nahen.

Ich gebe im Anhang ein eigenes musikalisches Werk wieder, des »Septemberlied«, A-55. Es stammt von meiner 2012 aufgenommenen Platte Schneeschippen. Da ich es nicht in meinen späteren Auswahl-Vorschlag* aufgenommen habe, können Sie sich denken, es ist nicht unbedingt mein bestes Lied. Es scheint mir jedoch an dieser Stelle des Lexikons passend zu sein. Ein Bearbeiter müßte wohl vor allem an dem starrem Strophen-Refrain-Schema rütteln. Er darf mich auch gern um einen neuen Text bitten. Oder noch besser: wir lassen den Text völlig weg und weiten das Stück zu einem Trauermarsch aus! Aber nicht für Zoi.

* »Meine Musikproduktion«, 2016: https://siebenschlaefer.blogger.de/stories/2589112/



Zürner, Albert 30 (1890–1920), Sohn eines Hamburger Schlachters, wurde womöglich Wasserspringer, weil er kein Blut mehr sehen konnte. Gold auf dem Drei-Meter-Brett bei der »Olympiade« 1908 in London, Silber im Turmspringen in Stockholm 1912. Dann sprang er ins kalte Wasser des Ersten Weltkrieges, was er erstaunlicherweise überlebte. Wieder im Training, stand er am 18. Juli 1920 im heimatlichem Schwimmbad an der Alsterlust nach einem Sprung, der nirgends näher beschrieben wird, nicht mehr auf.* Der 30jährige hatte sich tödlich verletzt – und so die Scharte mit dem Krieg wieder ausgewetzt.

* Ralf Klee, »Vor 100 Jahren: Hamburger Albert Zürner wird Olympiasieger«, Hamburger Abendblatt, 18. Juli 2008: http://www.abendblatt.de/sport/olympia-london-2012/article107429195/Vor-100-Jahren-Hamburger-Albert-Zuerner-wird-Olympiasieger.html



Zytomirski, Henio 9 (1933–42), polnisch-jüdischer Junge, wohnte zuletzt im Lubliner Ghetto. Lublin war schon damals eine große Stadt. In einem ihrer Vororte richteten die deutschen BesatzerInnen das später berüch-tigte KZ Majdanek ein. Das Lager hatte Gaskammern. Eben in diesem Lager wurden Henio, neun Jahre jung, wie auch sein Vater Szmuel Zytomirski, ein Lehrer, im November 1942 ermordet. Der Vater war um 44. Die Einzelheiten ihres Todes sind offenbar ungeklärt, aber darauf kommt es ja wahrhaftig nicht an. Im ganzen wurden allein in Majdanek, das für rund zweieinhalb Jahre bestand, mindestens 80.000 Menschen ermordet, vorwiegend Juden.

Belege erübrigen sich in Henios Fall, weil der dunkel-haarige, etwas verschmitzt blickende Junge in kurzen Hosen inzwischen Weltruhm genießt – oder jedenfalls sein Foto. Man könnte ihn auch einen Musterknaben der Judenverfolgungsopfer nennen. Dafür kann er natürlich nichts. Oder eine Ikone, wie es etliche Webseiten unverblümt tun. Er hat einen Vorzugsplatz in der »Erinnerungskultur« und sogar eine eigene Facebook-Seite bekommen. Selbstverständlich wird er von den unterschiedlichsten Füchsen oder Hyänen für alle möglichen Zwecke dienstbar gemacht, die nur das Desinteresse an Henio und der ihm widerfahrenen Grausamkeit gemeinsam haben.

Ich fand den Rummel, der seit Jahrzehnten um gewisse Tagebuch oder Briefe schreibende ermordete junge Antifaschisten oder Antifaschistinnen gemacht wird, schon immer verdächtig bis widerlich, aber nun auch noch Henio, der noch jünger ist als die. So ein süßer Junge, und ausgerechnet den bringen sie um! Hätten sie nicht einen pickligen Mürrkopf nehmen können? Nein – sie haben Zehntausende genommen.

Meine letzte Kommune bekam einmal eine junge schwarze Katze, die »Puma« hieß. Prompt wurde sie von allen nach zwei oder drei Tagen nur noch »Pumi« gerufen. Die Verniedlichungssucht ist ungeheuer verbreitet. Verniedli-chung ist beliebt, weil sie verkürzt, beschönigt, verharm-lost. Auf diese Weise werden die betroffenen Dinge weniger heikel, entschärft, beherrschbar. Oder sollte ich schon wieder übertreiben?

Jedenfalls können wir uns kaum genug vor Manipulati-onen hüten, die uns zur Oberflächlichkeit verleiten wollen. Ihre DrahtzieherInnen wünschen nicht, daß wir den Dingen möglichst unvoreingenommen auf den Grund gehen. Gewiß sind Kinder liebenswert – ich selber bin schon immer in Kinder vernarrt. Aber das ist es ja gerade. Man muß sich diszipliniert der Lockmittel erwehren, die auf unsere persönlichen, stets befangenen Zu- oder Abneigungen bauen. Das ist allerdings eine haarige Angelegenheit, weil einem irgendwann droht, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Anders ausgedrückt, man droht kalt zu werden wie ein Gebirgssee oder wie dieser Sommer, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf. Dann geht die Liebe den Bach hinunter.

Eigentlich hatte ich meinen Zimmerofen bereits für den Sommerschlaf entrußt und stillgelegt. Heute habe ich ihn angeheizt. Wir schreiben den 15. Juli 2021. Neben dem lexikalischem Teil schließe ich heute auch den Anhang ab. Mit A-56 »Folgen eines Skiunfalls« durchbreche ich meinen Vorsatz, im Anhang keine Erzählungen zu bringen. Auch sie ist, wie im Falle des Liedes, sicherlich nicht meine beste Erzählung, doch sie scheint mir sehr geeignet, hier den Sack meiner Weltsicht zuzubinden.



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