Dienstag, 16. November 2021
A-54→Dörnberg
Um 2007

An seinem kalkhaltigem Südhang hätte ich die heimische Orchideenvielfalt studieren können. Doch machte mich Botanik um 1970 noch nicht manisch. Ich warf mich lieber auf Baran/Sweezys Monopolkapital und Karl Marx höchstselbst. Andere wichtige Bestimmungsbücher hatten Adorno/Horkheimer geliefert. Ich verfügte über ein helles Praktikantenzimmer in Hessens linker Hochburg, dem Landesjugendhof auf dem Dörnberg. Zur freien Kost gesellten sich etliche »Referenten«-Honorare, denn das Haus veranstaltete rund ums Jahr Seminare.

Der dominierende Löwe des Dörnbergs hieß Gerhard Büttenbender. Er sprach wie Adorno, sah aber nicht so aus. Um 30, mittelgroß, war sein markanter Schädel von der blonden Mähne gekrönt. Da sein Adornitisch einen mainfränkischen Akzent besaß, ließ sich der kehlige Klang nicht unbedingt seinen 40 täglichen Rothändl-Zigaretten anlasten. Er blies gern durch die Nüstern. Er bewegte sich lässig und lachte häufig wiehernd, was sein Löwenhaupt zum Pferdeschädel machte. Sein Busenfreund war Adolf Winkelmann. Mit diesem aufstrebendem Filmemacher aus dem nahem Kassel teilte Kunstpädagoge Büttenbender fast jede Vorliebe. Man hörte Warhols Velvet Underground und Tiny Tim, fuhr Limousinen von Volvo und heiratete »die Zwillinge«. Man achtete selbstverständlich auf feine Unterschiede. Während Adolf einen silberfarbigen modernen Volvo mit Fünfganggetriebe fuhr, hatte Gerhard eine Antiquität ergattert. Sein olivgrüner Volvo ähnelte den buckligen Gangsterkarossen und hatte hellbraune Ledersitze.

Bei einem Autounfall wurden die Zwillinge schwer verletzt, genasen jedoch. Adolf war die schöne Jutta, Gerhard die schöne Gisela zugefallen. KennerInnen konnten sie stets auseinanderhalten. Sogar ich. Obwohl schon 19, hatte die antiautoritäre Freizügigkeit meine christliche Verklemmt-heit nicht zu knacken vermocht. Ein Jammer angesichts des jugendhofeigenen Hallenbads, das sich für nächtliche Orgien geradezu anbot. Einmal besuchte mich Barbara, diese Nymphe aus Bad Oeynhausen, von deren verblüffend prallen Brüsten ich bis heute träume. Ich konnte sie noch nicht einmal in mein Bett bewegen; sie saß nur mit entblößtem Oberkörper auf der Kante. Sie hätte mir die Verklemmtheit bestimmt genommen, weil sie noch verklemmter war.

Immerhin griff die Aufklärung auf einem anderen Gebiet. Barbara hatte unlängst an einem Seminar teilgenommen, das Winkelmann und der Marburger Psychologe Christian Rittelmeyer leiteten. Hier floß lediglich Theaterblut. Es handelte sich um eine nordhessische Variation auf die berühmten Folter-Experimente Stanley Milgrams. Der US-Psychologe hatte in Versuchsreihen nachgewiesen, daß die nettesten Menschen zu Sadisten werden, wenn man sie autoritären Strukturen unterwirft. Sie quälen eine ihnen unbekannte Versuchsperson (mit Elektroschocks) nicht etwa aus »natürlicher« Aggressivität, sondern weil sie sich in dem weltweit beliebtem »Befehlsnotstand« wähnen. Adolf Winkelmann bediente sich der Autorität einer Filmproduktion. Die vor der Kamera an einen Stuhl gefesselte Versuchsperson sollte »nur« aus rein wissen-schaftlichen oder ästhetischen Gründen geohrfeigt werden. Der betreffende Seminarteilnehmer hatte die Heftigkeit der Ohrfeigen zu steigern. Wie sich zeigte, schlugen einige TeilnehmerInnen auch dann weiter, wenn dem Gefesseltem bereits das Blut aus den Mundwinkeln rieselte. Das war das Theaterblut. Unser Mann hatte Farbbeutelchen im Mund gehabt und zur geeigneten Zeit zerbissen.

Im zweiten Teil des Seminars schloß sich an die Enthül-lung der Vorwände eine Erörterung des Experimentes an. Als Mensch, der aus solcher abenteuerlichen Jugend tatsächlich etwas gelernt hat, fühle ich mich zuweilen stark in der Minderheit. Außer einer Handvoll Kommunarden, Sträflingen und vielleicht Jutta Ditfurth sind sie alle umgefallen. Sie sind das ewige Moralisieren über den deutschen Faschismus leid. Sie führen weltweit Krieg, weil unser germanischer »Standort« mal wieder zu eng wird und uns »mehr Verantwortung« diktiert. Sie beteuern, wenn es die Staatsräson erfordere, müsse man auch einen Airbus voller Zivilisten abschießen. Auf dem kahlem Teil des Dörnbergs wird bis heute Segelflug betrieben.
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