Montag, 15. November 2021
LdF Folge Vam—We

Vauvenargues, Luc de Clapiers 31 (1715–47), franzö-sischer »Moralist«. Auch der Marquis, wie er vollständig heißt, kränkelte von Kind auf. Nicht nur darin erinnert er an Landsmann >Pascal. Seiner Sehschwäche zum Trotz liest er viel; besonders die Schriften von Plutarch und den griechischen Stoikern haben es ihm angetan. Doch da sein Vater neben dem Adelstitel – wegen Ausharrens in der pestverseuchten Heimatstadt Aix-en-Provence – offenbar keine Pfründe erhielt, kommt ein Studium nicht in Frage. Der Sprößling wird mit 20 Offizier beim Militär, was ihn leider weder zum Nationalhelden noch gesünder macht. So bringt ihm, nach dem italienischem Feldzug (1734), das Hauen um Böhmen (1742) Erfrierungen ein, die ihn für Monate ins Hospital zu Nancy zwingen. Im selbem Jahr stirbt 17jährig sein Kamerad Paul Hippolyte Emmanuel de Seytres, mit dem ihn seit 1740 eine mindestens schwärmerische Zuneigung verbindet. Zuletzt in Arras stationiert, nimmt Vauvenargues 1744 seinen Abschied. Man hat inzwischen ein tuberkulöses Lungenleiden bei ihm festgestellt.

Seit April 1743 korrespondiert er mit Voltaire, was zu einer engen Freundschaft führt. Vauvenargues arbeitet längst an eigenen Texten, nur wird sein Gesundheitszustand immer bedenklicher. Er zieht sich die Pocken zu, wird nahezu blind, leidet an chronischem Husten. Möglicherweise ist hier eine in der Jugend aufgeschnappte Syphilis im Spiel. Dadurch werden auch seine Versuche zunichte gemacht, im diplomatischen Dienst Fuß zu fassen. Seit 1745 lebt er zurückgezogen und ärmlich in Paris. Ein Jahr darauf erscheinen, anonym, seine Reflexionen und Maximen. In diesem schmalem Sammelband häufen sich Schlagworte wie Gefühl, Natur, Herz, Tugend, weshalb man ihren Anwender zu einem Vorläufer der Romantik erklärt hat. Immerhin liest man darin auch von Männern, die ihre »Luft zum Atmen in der Unbestimmtheit finden« und sich von ihren eigenen Erfindungen »berauschen« lassen. Vauvenargues hat wenig Humor und viel Moral. Seine Hauptsorge gilt dem Ruhm. Da blitzen in seinem unüber-sehbarem Skeptizismus zuweilen sogar selbstironische Töne auf: »Wenn man fühlt, daß man nichts hat, um sich die Achtung eines anderen zu erwerben, ist man schon recht nahe daran, ihn zu hassen.«

Eine von Voltaire empfohlene zweite, verbesserte Auflage seines Werkes erlebt der vom Schicksal geschlagene Tugendbold wahrscheinlich nicht mehr mit: er stirbt 1747 mit 31 Jahren. Vauvenargues wurde erst im 19. Jahrhun-dert »entdeckt«, darunter von Schopenhauer. Seitdem wird der streckenweise meisterhafte Aphorismen-Schreiber in die Reihe »der großen französischen Mora-listen« gestellt. Ich fürchte, hier ist ein Ausgleichsgesetz am Wirken, das auch Autoren/Schriftstellerinnen wie Otto Weininger, Katherine Mansfield, Franz Kafka, Simone Weil zugute kam: Währte das Leben nur halb, zählt das Werk später doppelt.



Ventris, Michael 34 (1922–56), britischer Architekt, Sprachforscher, Entzifferungskünstler. Er hatte das Licht der Welt in einer wohlhabenden Offiziersfamilie erblickt, wenn auch unter Beigabe von zunächst chronischem Asthma. So wuchs er teils in der Schweiz auf. Mit 30 Jahren erregte der gelernte Architekt, Navigator der Royal Air Force und Freizeit-Sprachforscher Aufsehen durch seine Entzifferung einer als Linear B bezeichneten antiken, mykenisch-minoischen Silbenschrift, von der sich einige in Tontafeln geritzte Fragmente auf Kreta gefunden hatten. Ventris' verblüffende Lösung ging 1952 über die Londoner BBC in alle Welt. Nach Andrew Robinson, der 2002 eine Biografie über den »genialen« Entdecker veröffentlichte, soll dieser allerdings anschließend sowohl in seiner Ehe – offenbar mit einer High-Society-Schönheit – wie in seinem ursprünglichem Beruf als Architekt vor erheblich weniger leicht lösbaren Problemen gestanden haben. Möglicher-weise sei Ventris 1956 unweit von London in den frühen Morgenstunden eines Herbsttages mit seinem Wagen in selbstmörderischer Absicht vor einen geparkten Lkw geprallt.* Amtlich war es ein Unfall. Ventris starb kurz darauf an den Folgen. Neben der Witwe hinterließ er zwei Kinder.

* Alasdair Palmer, »A code breaker and an enigma«, The Telegraph, 21. April 2002: http://www.telegraph.co.uk/culture/4727714/A-code-breaker-and-an-enigma.html



Vesper, Bernward 32 (1938–71), revolutionärer Autor. Der Apfel fällt nicht immer nah am Stamm. Zwar wurde Vesper wie sein Vater Schriftsteller, dies jedoch auf der anderen Seite der Barrikade. Der lieblose Wilhelm »Will« Vesper war nämlich »völkisch« gestimmt gewesen. Im faschistischem Berlin hatte Vesper senior neben Börries von Münchhausen in der gesäuberten »Akademie der Künste« gesessen; auf seinem niedersächsischem Gut Triangel bei Gifhorn seinen Sprößling geknechtet. Also entwickelte sich dieser zum »Antiautoritären« und »Linksradikalen«. Nach einer Verlagsbuchhändlerlehre studierte er in Tübingen und Berlin Germanistik. In Berlin, im Mai 1967, wurde auch sein Sohn Felix Ensslin geboren. Seinen bis dahin zurückgelegten Weg der Befreiung versuchte er nun in seinem Prosamanuskript Die Reise darzulegen, das unvollendet blieb, 1977 gleichwohl posthum veröffentlicht wurde und seitdem als wichtiges Dokument »der 1968er« gilt. Aus Gründen, die ich nicht beurteilen kann, gelang es dem stets um Beachtung buhlenden, streckenweise größenwahnsinnigen Vesper (»Ich bin ein kaputter Typ«) allerdings nicht, seine Desintegration, seinen Zusammenbruch zu verhindern. Wahrscheinlich bietet in dieser Hinsicht das 2005 veröffentlichte Erinnerungsbuch Vor der Reise von Henner Voss Aufschluß, der mit Vesper zeitweilig befreundet war. Daneben liegt das Bild vom langem Baumschatten des Vaters auf der Hand. Nachdem er Anfang 1971, vermutlich auf LSD-Trip, die Wohnung von Münchener Freunden verwüstet hatte, wurde Vesper in die Psychatrie in Haar eingewiesen. Etwas später brachte man ihn in eine Hamburger Anstalt. Dort nahm sich der 32jährige im Mai des Jahres mit Hilfe von Schlaftabletten das Leben.

Die Mutter von Sohn Felix war Gudrun Ensslin (1940–77). Vespers Beziehung mit ihr zerbrach bald nach der Geburt. Anfang 1968 ging Ensslin zu Andreas Baader (1943–77) und dem gemeinsamen politisch-militärischem Projekt RAF über, während Vesper die Aufgabe der persönlichen Befreiung hochhielt – vor allem im Schreiben. Die beiden UntergrundkämpferInnen, 37 und 34 Jahre alt, kamen bekanntlich im Oktober 1977 im Stuttgarter Hochsicher-heitsgefängnis Stammheim um, offiziell durch »Suizid«.

Die heikle Kindheit, die Felix Ensslin (durch Geburt) zugewiesen worden war, sollte man niemandem wünschen. Als Pate wurde ihm Rudi Dutschke verordnet. Dieses ganze Umfeld färbte anscheinend nur abschreckend auf ihn ab, um im Bild des Apfels zu bleiben. Zunächst entfachten die Eltern des Knirpses einen längeren Sorgerechtsstreit. Mit vier Jahren kam er in eine Pflegefamilie im schwäbischem Undingen. In einem dortigem Steinbruch ereilte ihn als Schulbub bei der Suche nach Fossilien das nächste Unglück, wie er 2010 in einem Interview berichtet.* Er habe aus Versehen mit seinem Hammer »auf eine Kanüle mit konzentrierter Salzsäure gehauen, die vermutlich aus einem alten Feuerlöscher stammte. Das Ding ist mir ins Gesicht explodiert. Daher stammen meine Narben.« Aus Ensslins übrigen Äußerungen läßt sich schließen, dies alles habe weder zu seiner eigenen Explosion noch zu Demut geführt. Er wurde ein schulmeisterlich klingender, zudem leicht reizbar wirkender Professor für Ästhetik und Kunstvermittlung an der Stuttgarter Kunstakademie. Außerdem ist er, »seit meiner Kindheit«, Fan des Großverdienerclubs Bayern München – und Patriot, wie sich am Ende des Interviews herausstellt. Er drückt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft die Daumen für den Kampf um die Weltmeisterschaft.

* »Widerspruch steckt in der Sache!«, Stuttgarter Zeitung, 10. Juni 2010: https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.interview-mit-felix-ensslin-widerspruch-steckt-in-der-sache.452ffa9f-6a2e-4abb-a285-ebdcbdabf39a.html



Veteranyi, Aglaja 39 (1962–2002). Die vielseitige rumänisch-schweizer Künstlerin stammte aus einer Zirkusartistenfamilie, Mutter Akrobatin, Vater Clown. 1967 aus dem »kommunistischem« Rumänien geflohen, lebte Veteranyi seit 1977 mit ihrer Mutter in der Schweiz. Hier gelang es der faktischen Analphabetin, sich Deutsch beizubringen und eine Züricher Schauspielschule zu besuchen. Ab 1982 war sie sowohl als Schauspielerin wie als Schriftstellerin tätig. Sie unterrichtete auch Schauspiel. Doch als ihre wesentliche Überlebens-Waffe erwies sich das Schreiben. Zumal ihre autobiografisch geprägten Texte, in denen ihre schwere Kindheit und ihre Sprachheimatlosigkeit zum Ausdruck kamen, wurden gelobt und mit einigen Auszeichnungen bedacht. 1999 erregte sie bei einem Wettbewerb Aufsehen mit Auszügen aus ihrem »Roman« Warum das Kind in der Polenta kocht, der noch im selbem Jahr bei einem Stuttgarter Verlag herauskam. 2001 geriet sie in eine »psychische Krise«, vielleicht auch »Psychose«, der sie offensichtlich nicht gewachsen war.

Während einige Quellen in unverschämter Allgemeinheit davon sprechen, Veteranyi habe »ihre Ängste« nicht mehr ausgehalten (hinter welchem Selbstmord stünden keine Ängste?), wird lediglich WDR-Redakteur Ludwig Metzger in einem Filmporträt von 2003 konkreter. Danach* erlebt das kleine Mädchen die Bukarester Zirkuswelt (»Staats-zirkus«!) keineswegs als romantisch, vielmehr rauh und hartherzig. Vom Betriebsklima einmal abgesehen, ist der Vater »ein finsterer Clown«, und die Mutter wird an ihren Haaren in die Zirkuskuppel gezogen, wo sie dann, aufgehängt, im Scheinwerferkegel kreist und dabei auch noch jongliert und so weiter. Das ist alles für viel Angst gut. Nach der Flucht und der Scheidung der Eltern wird es nicht unbedingt besser. Veteranyi bleibt bei der Mutter. In Spanien muß die Halbwüchsige als langhaarige, mehr oder weniger entblößte Varieté-Tänzerin auftreten. Ihr letzter Lebensgefährte N., der zunächst, in Zürich, nur ihr Schüler war, spricht im Hinblick auf die ganze Kindheit und Jugend seiner Geliebten nicht unzutreffend von »Mißbrauch«. Aber ihr Schicksal beeindrucke auch durch einen »exotischen« Zug, räumt er ein. Endlich in der Schweiz an die Schauspielschule gelangt, kommen Veteranyis verdammten Haare endlich ab. Seitdem ist die junge, gut gebaute Künstlerin im schelmischem (dunklem) Bubilook zu sehen. Einmal hat sie, nach 20 Jahren, auch ein Wiedersehen mit ihrem Vater, der beim Münchener Zirkus Roncalli auftritt. Sie sprechen sich aus und versöhnen sich nahezu. Bald darauf stirbt der finstere Clown. Zu spät.

Veteranyis »Psychose« setzt 2001 nach einer Sommerreise ins heimatliche Rumänien ein. Ohnehin heißer Boden, recherchiert sie dort auch noch über Friedhöfe, Totenkult und Klageweiber. N. meint, eine gewisse »Todessehn-sucht« seiner Gefährtin sei wohl unverkennbar gewesen. Jetzt »zerfällt ihr Gesicht«, statt des Herzens sitzt ihr »ein Loch« in der Brust, sie hat Angst zu ersticken, ihre Augen werden »trocken«. Wegen ihren Panikanfällen und sonstigen Qualen sucht sie zahlreiche Ärzte auf, von der Schulmedizin bis zum Wunderheiler. Mehrere sagen, ihre Beschwerden seien »psychosomatischer« Natur, sie liege mit sich selber in Unfrieden. Derweil scheint der Wahn zuzuschlagen. So hat sie unter anderem befürchtet blind zu werden, nimmt Salbe – und zuletzt läßt ihr Augenlicht in der Tat nach. KünstlerInnen verfügen meist über eine gute Einbildungskraft. Bei alledem schwindet auch Veteranyis Hoffnung; sie unternimmt erste Selbstmordversuche. Eine in Metzgers Dokumentation abgespielte Tonbandkasette, auf der sie von ihren Nöten spricht, ist erschütternd. In einer Februarnacht des folgenden Jahres stiehlt sich die 39jährige von der Seite ihres schlafenden Gefährten, klemmt einen Besen in die geöffnete Haustür und geht an einen nahen Steg am Zürichsee, auf dem die beiden schon oft saßen. Dort wird sie vormittags entdeckt, ertrunken im seichten Wasser liegend.

Da die Tänzerin durchaus schwimmen konnte, ist anzu-nehmen, sie trug Sorge dafür, rasch unterzugehen. So liest man beispielsweise von Entschlossenen, sich einen mit Steinen gefüllten Rucksack überzuziehen. Ob Drogen helfen, weiß ich nicht. In Veteranyis Fall hat vielleicht auch die Wassertemperatur »geholfen«. Sie beträgt im Zürichsee im Schnitt für den Monat Februar fünf Grad. Nun stelle man sich einmal die finstere Kälte vor, der sich diese verzweifelte Frau in jener Winternacht »anzuvertrauen« hatte!

Am Film wirkt auch Veteranyis Schwester mit, eine Zirkusartistin, die vermutlich denselben Vater hatte, eben jenen, für Veteranyi »finsteren Clown«. Die Schwester brachte sich nicht um. Ich nehme an, der Vater spielte die verhängnisvollste Rolle auf Veteranyis Weg in die »Psychose«. Von ihrem späterem, schweizer Werdegang her hatte sie eigentlich keinen »klassischen« Anlaß, sich zu ängstigen, mit ihrem Schicksal zu hadern, vor dem Leben zu flüchten. Es war ihr ja gewogen. Sie kam als Künstlerin gut an, hatte einen verständnisvollen Partner und Liebhaber, offenbar auch keine Geldsorgen. Zweifelte sie dennoch »an der Realität«, wie schon als Zirkuskind, dann eben wegen ihrer biografischen und genetischen Wurzeln – die sie offensichtlich anders als ihre Schwester erfährt und mitsichführt.

Durch eine merkwürdige Besessenheit des »finsteren Clowns«, auf seinen Urlaubsreisen mit Kind und Kegel kilometerweise (teure) »Super-8«-Schmalfilme zu drehen, wird er nicht gerade lichter. Er dreht überwiegend Horror-filme, wo er zischende Schlangen zertreten und seine Töchter aus den Klauen dunkelhäutiger, sie entführenden »Buschmänner« retten muß. Möglicherweise hatte Veteranyi auch jene »Todessehnsucht«, von der N. spricht, von ihrem Erzeuger – aus Angst vor ihm. Aber wer weiß das schon. Theoretisch käme ja auch N. selber als »Unhold« in Frage, obwohl er im Film sowohl tapfer wie souverän auftritt. KritikerInnen könnten Metzgers Film vorwerfen, zu einseitig vorzugehen, weil er keine (vergleichweise) unbefangenen Zeugen zu Wort kommen läßt und damit zum Beispiel auch nicht beleuchtet, wie glücklich oder unglücklich Veteranyi in ihrer letzten großen Liebschaft war.

Sollte N. kein Unhold gewesen sein, hatte er vermutlich viel auszuhalten, und das wahrscheinlich schon vor jenem Besuch rumänischer Friedhöfe. Ich habe den Verdacht, mit Veteranyi hätten wir im Grunde »nur« den klassischen unbefriedeten, jederzeit von Zerfall bedrohten Künstler-typus vor uns, der alle Mühe hat, sich für ein paar Jahre oder Jahrzehnte zusammenzuhalten. Das schlösse dann viel Widersprüchlichkeit und viel Schwanken ein. Es deutet sich auch auf der erwähnten Tonbandkasette an. Bleibt solch ein Mensch ungeliebt (erfolglos), leidet er; wird er aber geliebt und gefeiert, leidet er ebenfalls: an seinen Schuldgefühlen seiner Bevorzugung wegen. Prompt grämt er sich auch dann, wenn einer seine Bedrängnis zu teilen und zu lindern versucht: weil er diesem zur Last fällt. Und es stimmt ja leider auch. Die Anstrengung, die man mit solchen Menschen hat, ist so wenig eingebildet, wie es die »Schmerzen« sind, von denen Veteranyi auf dem Tonband spricht. Furchtbar. Aber vielleicht hat sie ja Frieden gefunden.

* Hier Himmel – Aglaja Veteranyi, rund 70 Minuten, erstmals im Oktober 2003 auf 3sat zu sehen



Villota, María de 33 (1980–2013), spanische Automobil-rennfahrerin. Die fesche, stets lächelnde Blondine erlag in einem Hotelzimmer in Sevilla den Folgen eines Unfalls, den sie vor gut einem Jahr, im Sommer 2012, als Testfahrerin für einen britischen Formel-1-Rennstall auf einem Militärflugfeld bei Cambridge erlitten hatte. Der Unfall hatte ihr vor allem Hirnverletzungen und den Verlust eines Auges eingebracht. Das hinderte sie aber nicht daran, sich in der Kommission des Internationalen Automobilverbandes für »Frauen im Motorsport« zu engagieren und an ihrer Autobiografie mit dem Titel Das Leben ist ein Geschenk zu arbeiten. Offenbar kein Dokument der Reue, denn dem Nachruf der FAZ* zufolge »liebte und lebte« Villota den Motorsport und versicherte einmal, wenn sie wiedergeboren würde, würde sich auch ihre Geschichte wiederholen. Vielleicht meinte sie ja damit nur, niemand entkäme seinen Erbanlagen. Sie war die Tochter der »spanischen Rennfahrerlegende« Emilio de Villota, Jahrgang 1946. Die Legende lebt noch und betreibt einen Rennstall. Ein Romancier über diesen Stoff würde die verschiedenen Pisten und Rollbahnen, die seine Hauptfiguren verbinden und trennen, wahrscheinlich vordringlich als psychologische Ebene auffassen. Als Titel schlage ich Dummheit siegt vor.

* »Maria de Villota ist tot«, 11. Oktober 2013: https://www.faz.net/aktuell/sport/fruehere-formel-1-testfahrerin-maria-de-villota-ist-tot-12613511.html



Visser, Ingrid 35 (1977–2013). Die hagere, dunkelblonde Niederländerin, 1,91 groß, war »nur« Volleyballspielerin, aber immerhin von Weltklasse. Sie kämpfte (für ihr Gehalt) bis 2012 in etlichen über den Erdball verstreuten Spitzenclubs. Unter diesen befand sich auch der südspanische CAV Murcia 2005 – bevor er (2011) bankrott ging. Ebendort, in der mittelmeernahen Großstadt Murcia, hielt sich Visser im Mai 2013 mit ihrem beträchtlich älterem Lebensgefährten Lodewijk Severein aus Gründen auf, die nach wie vor vernebelt wirken. Severein wird überall als eher zwielichtiger Geschäftsmann dargestellt. Aber an seiner Opferrolle ist nicht zu rütteln. Nachdem Visser, knapp 36, und Severein für rund zwei Wochen als vermißt galten, fanden sich ihre zerstückelten Leichen außerhalb der Stadt verscharrt in einem Zitronenhain.

Soweit ich sehe, liefert die niederländische Tageszeitung AD (Rotterdam) drei Jahre später den am wenigsten lückenhaften Bericht* über das letztlich grausige Geschehen. Danach hatte das Paar aus Holland das Angenehme oder Sentimentale mit dem Nützlichem verbunden. Die wohl bereits schwangere Visser hatte mit der Kinderwunschklinik Tahe Fertilidad in Murcia einen Kontrolltermin vereinbart. Sie wollte endlich Mutter werden. Außerdem hatte sie von ihrem ehemaligem, nun aufgelöstem Arbeitgeber ohnehin noch 60.000 Euro Gehalt zu bekommen – um die konnte sie sich jetzt ebenfalls gleich kümmern. Aber vor allem hatte ihr Lebensgefährte Severein Geldsorgen. Die ausstehende Gehaltszahlung und der Bankrott des Clubs hatten ihn nämlich nicht daran gehindert, mit dem ehemaligem Chef und Schatzmeister des CAV Murcia 2005 Juan Cuenca Lorente auch noch Geschäftspläne zu schmieden. 2005 hatte Serverein viel Geld mit dem Verkauf seines Internet-Providers verdient, und in der Folge war er bemüht, daraus noch viel mehr Geld zu machen. Jüngster Hebel sollte ein Marmorbruch sein, wohl vermittels der BV Granmar Stone Trade Ltd im Steuerparadies Gibraltar, wie AD anmerkt. Möglicherweise waren dabei auch russische Mafiosie im Spiel. Doch wie immer auch: plötzlich schreibt Severein an Cuenca, die Partner hätten ihn versetzt und sogar verklagt; er brauche dringend alles Geld. Laut AD hatte er, an Cuenca, eine »Vorauszahlung in unbekannter Höhe« geleistet. Im Internet wimmelt es diesbezüglich von Beträgen zwischen 90.000 und 240.000 Euro, ob mit oder ohne jene 60.000 an rückständigem Gehalt. Nur Belege bleibt es schuldig.

Nach den Ermittlungen der Polizei war das Paar zwecks Verhandlungen per Mietwagen – dafür reichte es also noch – in ein Ferienhaus außerhalb der Stadt gefahren, das einem Freund Cuencas gehörte. Dort kam es entweder zum Streit, oder die planvoll gestellte Falle schnappte einfach zu. Laut gerichtsmedizinischem Befund wurden die Opfer wohl erschlagen. Zwar zeige die Obduktion heftige Gewalteinwirkung, jedoch keine »Folter«, wie oft zu lesen war. Die ewig lächelnde Sportskanone Visser galt als populär – und um diesen guten Ruf zu stärken, kann ein bißchen »Folter« nicht schaden.

Das Gericht machte Cuenca und zwei Rumänen, die er angeheuert hatte, für den Doppelmord verantwortlich. Nach einer Berufung im März 2017 lautete das Urteil auf 40 Jahre Haft für die beiden Hauptangeklagten, darunter Cuenca, zur Tatzeit 36. Die Welt (vom 28. Mai 2013) betonte oder beklagte schon vor dem Prozeß die Geheimniskrämerei der spanischen ErmittlerInnen vor allem bezüglich des Mordmotivs und der geschäftlichen Verstrickungen der Beteiligten. Ob es dann im Prozeß dabei blieb, könnte ich nicht sagen. Im Grunde ist es wahr-scheinlich egal. Den Kapitalismus und den sogenannten Leistungssport verurteilt keiner, und das Geld und dessen zukünftiger Erbe sind unwiederbringlich dahin.

* Edwin Winkels, »Wat is er met hen gebeurd, Juan?«, 27. September 2016: https://www.ad.nl/nieuws/wat-is-er-met-hen-gebeurd-juan~a1d86615/



Voigt, Helga 15 (1940–56), sächsische Schwimmerin. Überall steht, sie sei bereits in sehr jungen Jahren eine erfolgreiche Leistungssportlerin gewesen. In der DDR! Ihre Eltern waren Wirtsleute. Sie betrieben die spätere Dresdener HO-Gaststätte Luisenhof, wo sie auch wohnten. Dadurch entgingen dem dunkelschopfigem, hübschem Mädel die vielen olympischen Medaillen, die es noch errungen hätte – wie überall versichert wird. Denn in der Nacht des 27./28. September 1956 bricht in dem beliebtem, weiläufigem Ausfluglokal am Hang ein Feuer aus, das sich rasch ausbreitet. Wahrscheinlich hatte in einem hölzernem Abfallkasten des Geschirrspülraums ein Zigarettenstummel geglimmt. Der Restaurantchef und der Pförtner entdecken den Brand und klingeln bei der Familie Voigt im Obergeschoß Sturm. Während die Löschzüge anrücken, können sich die Voigts und andere Angestellte ins Freie retten – nur Helga nicht. Sie kämpft vergeblich mit dem Rauch, der wohl durch den Schacht des Speiseaufzugs nach oben stieg.* Ein Feuerwehrmann findet die knapp 16jährige, aber im Krankenhaus ist sie nicht mehr zu retten. Ihre Schwester Eva überlebt.

Der DDR-Archäologe Joachim Voos (1954–89) war auf Vorderasien spezialisiert. Nach seinem Studium in Halle editierte er als Mitarbeiter am Ostberliner Zentralinstitut für Alte Geschichte und Archäologie (ZIAGA) ein Jugend-lexikon Archäologie. Nach anderen Forschungsreisen leitete der vielsprachige Wissenschaftler ab 1988 Ausgrabungsarbeiten in Nordostsyrien – allerdings nicht lange, weil er am 3. Oktober 1989 im Verein mit einer Kollegin bei Damaskus tödlich verunglückte. Bei der Kollegin handelte es sich um die 33jährige** Architektin und Bauforscherin Marion Hinkel (1955–89). Voos war 34. Von ihren Osberliner Vorgesetzten Joachim Herrmann und Horst Klengel gibt es einen recht ausführlichen Nachruf**, der auf erstaunliche Weise mitten im Wüstensand um den heißen Brei herumredet. Danach lag ein »schwerer« Autounfall vor. Die beiden AusgräberInnen waren abends im Niwa der Expedition, wohl ein Lada-Geländewagen aus sowjetischer Produktion, auf der Autobahn von Damaskus aus zu einem Einkaufszentrum unterwegs gewesen. Sie verunglückten unweit der Ortschaft Sabora. Die Autoren streifen den Unfall wiederholt. An einer Stellen erfahren wir sogar, der Wagen sei »in eine Schlucht des Antilibanon« gestürzt. Warum, erfahren wir nicht. Die Mitteilung an einer anderen Stelle, der Niwa sei noch kurz vor der Einkaufsfahrt in der Botschaftswerkstatt durchgesehen worden, gestattet bestenfalls die Vermutung, an einem technischem Versagen könne es kaum gelegen haben. Ob Dritte beteiligt waren, erfahren wir ebenfalls nicht. Umso öfter wird betont, die Angelegenheit sei tragisch, unfaßbar, ja sogar unvorhersehbar gewesen. Wahrscheinlich war der Auto-verkehr in Syrien gerade erst vor zwei Wochen eingeführt worden. Man hatte einfach noch keine Erfahrung mit ihm.

Ein Vorteil sozialistischer Volksverarschungsprosa liegt allerdings in dem Spielraum, den sie der Phantasie für poetische Vorstellungen bietet. So könnte sich zwischen Hinkel und Voos erst jüngst eine Neigung entsponnen haben. Und als sich Hinkel, als mutmaßliche Beifahrerin, jäh zu einem Kuß auf Voos' rechte Wange entschloß, geriet der verblüffte und entzückte Kollege aus der Spur und verfehlte die nächste Kurve. Das Gebirge Antilibanon soll bis zu 2.800 Meter hoch sein. Worin die sozialistische Volksverarschungsprosa allerdings versagt, das ist das zerklüftete Gebiet der Wahrheitsfindung.

Der norddeutsche Sportler Christian Voß (1963–2000), Länge 1,95, war wie Ingrid Visser ein Volleyballstar, wurde allerdings nicht ermordet. In Begleitung seiner »Freundin«, wohl 31, hatte er am 10. Januar 2000, mit knapp 37, einen tödlichen Autounfall auf der A 1 bei Bremen. Dritte kamen nicht zu Schaden. Die Freundin hatte den Opel Corsa gesteuert. Sie sei gegen vier Uhr morgens aus »bisher ungeklärter Ursache« von der Straße abgekommen und in ein angrenzendes Waldstück »gerast«, heißt es anderntags in einem Hamburger Blatt.*** Vorsichtshalber gibt der Redakteur jedoch zu bedenken, die Straße sei »rutschig« gewesen. Ballsport-As Voß, der inzwischen in Hamburg-Eimsbüttel mit seinem Bruder eine »angesehene« Praxis für Krankengymnastik betrieb, war von einer Fortbildung in Frankfurt am Main gekommen. Ich nehme an, nach dem Unfall war das Ansehen der Praxis noch gestiegen. Aus Beileid.

* Lars Kühl, »Tödliches Feuer im Luisenhof«, Sächsische Zeitung,
23. September 2016: https://www.saechsische.de/plus/toedliches-feuer-im-luisenhof-3501072.html
** In: Mitteilungen zur Alten Geschichte und Archäologie in der Deutschen Demokratischen Republik, Berichtsjahr 1989, 17. Jahrgang, S. 7–14
*** »Christian Voß ist tot«, Hamburger Abendblatt, 11. Januar 2000, Seite 25




Vojtěch, Václav 30 (1901–32), tschechoslowakischer Geograf und Polarforscher, Unfall a. D.. Der Förstersohn aus Nový Bydžov war nach Promotion (als Historiker) und Militärdienst zunächst Archivar, dann Centropress-Redakteur in Prag. Eine frühe Ehe scheiterte. Jetzt drängte es ihn in die Ferne. Seine große Stunde kam als Teilneh-mer einer Antarktis-Expedition unter Admiral Richard Evelyn Byrd, durchgeführt 1928–30. Am 27. Januar 1929 betrat er nämlich als erster Tscheche den unwirtlichen Boden der Antarktis. Dabei hatte er Byrd ursprünglich beknien müssen, ihn überhaupt mitzunehmen. Byrd heuerte ihn schließlich als Heizer des Versorgungsschiffes Eleanor Bolling an. Später ließ er den Tschechen in den neuseeländischen Alpen zukünftige Schlittenhunde trainieren.*

Byrds Schiff war übrigens nach Byrds Mutter benannt, die lieber nicht heizen oder kochen wollte. Dr. Vojtěch überstand das todgefährliche Unternehmen, erntete Presseruhm, ging auf Vortragsreisen und warf sogar ein Buch auf den Markt. Im Sommer 1932 bereitete er sich auf eine mit Aleš Hrdlička geplante Alaska-Expedition vor. Allerdings kam er auch dort nicht um – er kam gar nicht erst hin. Er hatte bereits eine Fahrkarte für das Schiff Montcalm gen Nordamerika, erfuhr jedoch, die Abreise sei um eine Woche verschoben. So nutzte er die Wartezeit zu einer Paddeltour von einem Pfadfinderlager am Oberlauf der Elbe aus. Das Unglück geschah unweit der mittelböhmischen Kleinstadt Sadská: Vojtěchs Kanu rammte in starker Strömung Felsen und kenterte. Da anscheinend auch Vojtěch selber gegen die Felsen prallte, verlor er das Bewußtsein und ertrank. Laut Josef Herink* war der 30jährige Doktor ein durchaus guter Schwimmer gewesen. Dessen Schwester und Nachlaßverwalterin Anna Dufková wurde schlappe 106.

* »Malé výročí, ale velký krok pro Václava Vojtěcha, prvního krajana v šestém světadílu – Antarktidě«, Metodický portál RVP.CZ, 23. August 2019: https://clanky.rvp.cz/clanek/c/Z/22211/male-vyroci-ale-velky-krok-pro-vaclava-vojtecha-prvniho-krajana-v-sestem-svetadilu-antarktide.html/



Vosper, Frank 37 (1899–1937), britischer Schauspieler und Dramatiker. Der Sohn eines Arztes hatte sich früh dem Theater verschrieben, erntete sowohl als Schauspieler wie Dramatiker Erfolg und galt wegen seinen »modernen« Stücken gar als »shooting star« des britischen Theaters. Aber er wurde nicht erschossen. Anfang 1937 hatte er sich in New York persönlich um eine Produktion seines jüngsten Stückes Love From a Stranger gekümmert. Auf der Rückreise mit dem luxeriösem französischem Dampfer SS Paris ging er (am 6. März) im Rahmen einer gemütlichen Kabinenfeier nahe der südenglischen Küste über Bord. In zwei Stunden sollte das Schiff in Plymouth anlegen. Überall auf dem Dampfer wurde Abschied gefeiert. Vosper, angeblich von beträchtlichem Leibes-umfang und zu seinem Leidwesen schon früh auf Rollen alter Männer festgelegt, hatte sich nach Mitternacht mit seinem »engem Freund« Peter Willes, einem Schauspieler, in die Kabine der Tänzerin und britischen Schönheits-königin Muriel Oxford begeben, wo sich eine Handvoll Leute mit Champagner zutranken. Im Laufe dieser Vergnügung und des Morgengrauens verschwand der 37jährige zunächst spurlos. Einige Tage später wurde Vospers Leiche als Strandgut bei Eastbourne gefunden.

Ob sich unter den Partygästen auch Ernest Hemingway befand, bleibt unklar. Der bärbeißige und trinkfreudige Schriftsteller zählte zu den Reisenden und half später die Meinung oder das Gerücht von einem Eifersuchtsdrama um die Tänzerin zu verbreiten. Oxford soll freilich ausgeschlossen haben, Vosper habe sich etwa wegen ihr in den Atlantik gestürzt. Nach ihrer Darstellung Scotland Yard gegenüber war sie einmal mit Vosper aus der Kabine getreten und dann allein wieder hineingegangen. Bald darauf habe man Vosper vermißt und gesucht. Die zeitgenössische Presse, darunter sogar die Nevada Daily Mail (8. März), spricht ohnehin von einer »gay party«. Vielleicht habe sich Vosper beim Nahen eines Stewards unerkannt verdrücken wollen und sei dabei auf einem tiefer gelegenen Dach oder Deck ausgerutscht und ins Meer geplumpst, mutmaßte etwa Willes, womöglich Vospers Geliebter. Jedenfalls sorgte diese Kabinenparty auf Wochen und sogar Jahrzehnte für Gesprächs- und Lesestoff.

Einen Monat darauf, am 8. April, berichtet The Argus, ein Blatt aus Melbourne, Australien, über die Anhörung vor der offiziellen Jury und deren Befund. Man erfährt, der ertrunkene Schauspieler und Dramatiker sei in guten finanziellen Verhältnissen und auch sonst gesund, nur seine Sehkraft sei schlecht gewesen. Daß ihn dieses Handicap wahrscheinlich nicht darin hinderte, attraktiven Mannsbildern schöne Augen zu machen, wird diskret angedeutet. Noch am Nachmittag habe er jedenfalls »einem Freund« seine voraussichtliche Ankunft telegrafiert. Wichtiger war die Fensterfrage. Wie es aussieht, ging das Kabinenfenster unmittelbar auf die See. Und aus Gründen, die ich beim Wirrwar der Quellen kaum nachvollziehen kann, nahm man offenbar zuletzt an, Vosper habe den Fluchtweg durch dieses Fenster gewählt. Wegen der Dunkelheit und seiner Sehschwäche habe er aber vielleicht nicht erkennen können, daß sich darunter kein Deck, vielmehr bereits Wasser erstreckte. Die Frage, ob Vosper freilich überhaupt durch dieses Fenster (oder Bullauge) gepaßt hätte, wurde bei der Anhörung ungefähr so umfangreich erörtert, wie Vosper selber gewesen sein soll. Der Coroner meinte schließlich, Vosper hätte. Es sei jedoch unmöglich festzustellen, ob er absichtlich oder unfallweise über Bord gegangen und ertrunken sei – daher »open verdict«.

Vospers oben erwähntes Stück Love From a Stranger, das auf einer Erzählung von Agatha Christie beruht, wurde noch in seinem Todesjahr in London verfilmt. Topstars: Ann Harding und Basil Rathbone. Habe ich nichts falsch verstanden, geht es in dem Reißer um das böse Erwachen einer jungen Frau, die in einer abgelegenen lauschigen Hütte erkennen muß, daß sie ihren Geliebten, dem sie nach einem Lotteriegewinn den Laufpaß gab, durch einen attraktiven, allerdings auch habgierigen Killer ersetzt hat* … Im Vergleich dazu wirkt das Drama an Bord der SS Paris doch reichlich blass.

* Filmplakat: https://en.wikipedia.org/wiki/Love_from_a_Stranger_%281937_film%29#/media/File:Love_From_a_Stranger_movie_poster.jpg



Vries, Clara de 26 (1915–42), niederländische Jazz-Trompeterin. Porträtfotos zeigen sie leicht füllig unter züchtig quergelocktem dunklem Schopf. Sie stammte aus einer musikalischen Kaufmannsfamilie, die als jüdisch galt. Dank ihrer großen Begabung brachte sie es schon 1935 zu einer eigenen Band, Clara de Vries and her Jazzladies. Das war damals noch fast eine Neuheit. Sie spielte auch in zahlreichen anderen Formationen. Auslandsauftritte führten sie bis Prag und Barcelona; sie gestand jedoch, dabei stets an Heimweh zu leiden. 1936 heiratete sie den Trompeter Willy Schobben, dem sie möglicherweise fachlich überlegen war. Das Paar blieb kinderlos. Mit der deutschen Besatzung, ab Mai 1940, wurden die Auftrittsmöglichkeiten von De Vries rasch beschnitten. Aber angeblich lehnte sie Flucht oder Untertauchen ausdrücklich ab. Sie sei auf alles gefaßt, soll sie einer Freundin geschrieben haben.* Trifft das zu, wäre Schobben entlastet, der noch eine lange musikalische Laufbahn vor sich hatte. Er starb erst 2009, mit 93. Nachdem seine 26jährige Gattin noch im August 1942 im Amstel Cabaret zu hören war, schlugen die Faschisten am 15. Oktober zu: Die Musikerin wurde im Verein mit ihren Eltern ins Lager Westerbork verschleppt. Wenige Tage später trafen die drei in Auschwitz ein, wo sie wahrscheinlich sofort ermordet wurden.

Claras älterer Bruder Louis de Vries, schon als »der holländische Armstrong« gefeiert, kam ganz normal um. Er war Ende August 1935 mit seinem Auto von Rotterdam aus zu einem Konzert in Groningen unterwegs. Dabei stieß er mit einem Milchwagen zusammen. Den Folgen (Blutvergiftung) erlag der 30jährige am 5. September im Krankenhaus von Zwolle.

* Chiel Zwinkels, »Vries, Clara de«, in: Digitaal Vrouwenlexicon van Nederland, Stand 2015: http://resources.huygens.knaw.nl/vrouwenlexicon/lemmata/data/Vriesde



Wadewitz, Adrianne 37 (1977–2014), feministische US-Literaturwissenschaftlerin. Wie wir eben gesehen haben, kann es für Frauen gefährlich sein, Trompete zu spielen. Aber Wadewitz war vielleicht sowieso nicht besonders musikalisch. 2012 entdeckte sie die »extreme Herausforde-rung« des Felsenkletterns. Dieses Hobby habe ihr ermöglicht, »aus ihrem bücherschlauen Schneckenhaus auszubrechen«, schreibt Geschlechtsgenossin Michelle Broder Van Dyke.* Am 8. April 2014 erlag die gebildete Kletterin in einem Krankenhaus von Palm Springs, Kali-fornien, Kopfverletzungen, die sie sich eine Woche vorher im nahegelegenem Joshua-Tree-Nationalpark durch einen Absturz zugezogen hatte. Sie war 37. Ihr Kletter-partner Peter B. James blieb anscheinend unversehrt.

Wadewitz hatte sich auch als zunehmend maßgebliche Wikipedia-Autorin betätigt, vornehmlich auf »Gender-gap«-Gebiet. Ich glaube, dabei geht es um Klüfte zwischen den Geschlechtern. Ihr letzter Eintrag galt jedoch den Felsen, so Van Dyke. Wadewitz habe dem Artikel über die prominente Kletterin und Wingsuit-Fliegerin Steph Davis »über 25 Fußnoten hinzugefügt«. Da kann man nur Wahnsinn! ausrufen.

* »Prolific Wikipedia Editor Adrianne Wadewitz Dies After Rock Climbing Accident«, BuzzFeed News (NYC), 21. April 2014: https://www.buzzfeednews.com/article/mbvd/prolific-wikipedia-editor-adrianne-wadewitz-dies-after-rock



Wagener, Sascha 33 (1977–2011), linker Politiker, zuletzt Gleiswechsler. Das Spruchband mit der anarchistischen Forderung, sein Handeln gefälligst mit seinem Denken in Übereinstimmung zu halten, läßt sich immer leicht abschmettern, beispielsweise indem man Brecht/Weills Dreigroschenoper-Liedchen von der »Unzulänglichkeit allen menschlichen Strebens« pfeift oder an zwei Händen sämtliche »Sachzwänge« aufzählt, die das Bemühen um jene Übereinstimmung gerade durchkreuzten. Deshalb werden wir vielleicht über den US-Demokraten Wickliffe, der seinen Angelweg 1912 unter Mißachtung eines Warnschildes über Bahngeleise abkürzte, nur lächeln. Sascha Wagener war sogar noch mehr Demokrat, nämlich Mitglied des Vorstandes der Partei der Anmaßung Die Linke und Leiter von deren Freiburger Regionalbüro im Breisgau, als er sich am 13. März 2011 im Bahnhof Lahr (am Schwarzwald) anschickte, die Bahnsteige nicht durch die Unterführung, vielmehr über die Gleise zu wechseln. Wagener kam an diesem frühen Sonntagmorgen aus einer Discothek.* Auf den Gleisen brauste ein Güterzug heran und tötete den 33jährigen zufällig rothaarigen Sozialisten. Die offiziellen Parteiverlautbarungen vermieden es allerdings, das Publikum oder die WählerInnen mit den Einzelheiten des wieder einmal »tragischen« Unfalls zu belästigen. Sie stellten lieber Wageners vorbildliche Seiten heraus.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich predige keine blinde Gesetzestreue. Obwohl ich ungleich mehr Zeit habe als unsere BerufspolitikerInnen, pflege ich zum Beispiel nie an roten Fußgängerampeln zu warten, sofern kein Auto in Sicht ist. Das deckt sich mit meinem Denken, wonach es sich bei der Straßenverkehrsordnung um einen Bestandteil eines von Beschleunigungswütigen und Profitgierigen errichteten Terrorregimes handelt. Die kleinen Kinder sind kein Gegenargument. Man sollte sie nie an Terrorregime gewöhnen. Ja, besser noch, man sollte sie, heutzutage, gar nicht erst in die Welt setzen, denn der Auftrag, sie erzieherisch auf dieselbe vorzubereiten, kommt bereits, für alle Beteiligten, einer Folter oder der Quadratur des Kreises gleich. Eben unterrichtet mich Ralf Wurzbacher** über die »Visionen« des mindestens zwanzigfachen Milliardärs Elon Musk, die dieser für unseren schönen, einst blauen Planeten und den Weltraum hat. Na Gute Nacht! kann man dazu schlecht sagen, weil Musk das All ja gerade, mit Hilfe unzähliger Satelliten, erhellen will.

Ich komme auf Musks Landsmann Robert C. Wickliffe (1874–1912) zurück. Auch dessen politische Laufbahn endete nicht ganz so vorbildlich, wie sie begonnen hatte. 1898 hatte der junge Rechtsanwalt als Soldat einer Infan-terieeinheit aus Louisiana am »Spanisch-Amerikanischen Krieg« teilgenommen, der den USA unter anderem Kuba einbrachte. Er überlebte ihn sogar, obwohl er sicherlich auch dann als Vorbild gepriesen worden wäre, wenn er ihn nicht überlebt hätte. Später Bezirksstaatsanwalt in Louisiana sowie Mitglied des US-Repräsentantenhauses in Washington D.C., ging er im Sommer 1912 ebendort angeln. Laut damaligen Presseberichten*** betrat er bei diesem Jagdvergnügen, Warnschildern zum Trotze, unweit des Potomac Parks eine Gleisanlage. Vermutlich wollte er dort nicht angeln, vielmehr einen Weg abkürzen, etwa zum Fluß Potomac. Prompt wurde der 38jährige Politiker der »Demokraten« von einem Zug erfaßt, der ihn wohl auf der Stelle tötete. Seine Frau sei, als man ihr im Capitol die Nachricht vom Auffinden der Leiche beibrachte, in Ohnmacht gefallen.

Bräche ich diesen Eintrag an dieser Stelle ab, hätte ich schon die dritte Abkürzung beigebracht. Vielleicht ist nicht jedem klar, daß uns die Abkürzung fast so viel wie das Liebesspiel bedeutet. Wir lassen bei Frost eine Haustür aufstehen, um sie eine Minute später, wenn wir aus dem Brennholz-Schuppen zurückkehren, nicht schon wieder öffnen zu müssen – womit wir drei Sekunden Zeit und drei Gramm Muskelaufwand gespart hätten, freilich nicht unbedingt Brennholz. In Grünanlagen legen wir übereck Trampelpfade von 1,70 Meter Länge an, ich habe sie gemessen. Mancher führt drei Prozesse, um seine Post nicht vom Gartentor abholen zu müssen. Unangenehme Dinge preßt er kurzerhand in Schablonen, beispielsweise Herzversagen, Hexe, Ausländer, Schadensbegrenzung, VerschwörungstheoretikerIn. So mancher lehnt es sogar entrüstet ab, sich zum Urinieren auf der Kloschüssel nieder zu lassen, falls er ein Mann ist. Wie er denn dazu käme, poltert er, sich eines natürlichen Standortvorteils zu begeben!

* »Linke-Politiker aus Freiburg stirbt nach Discobesuch in Lahr«, Badische Zeitung, 14. März 2011: http://www.badische-zeitung.de/lahr/linke-politiker-aus-freiburg-stirbt-nach-discobesuch-in-lahr--42648527.html
** »Mission Apokalypse: Elon Musk schießt 42.000 Satelliten ins All und die Welt lässt ihn machen«, NachDenkSeiten, 2. Juli 2021: https://www.nachdenkseiten.de/?p=73903
*** etwa: Emporia Gazette (Kansas), 11. Juni 1912: http://www3.gendisasters.com/district-columbia/9881/washington-dc-representative-killed-train-june-1912




Wagler, Johann G. 32 (1800–32), bayerischer Zoologe, seit 1827 »außerordentlicher« Professor in München. Soweit ich sehe, war der Fachmann für Amphibien und Reptilien nie in Übersee gewesen; er hatte sich als Assistent des Naturwissenschaftlers Johann Baptist von Spix damit begnügt, dessen in Brasilien erbeuteten Schlangen zu beschreiben. Die konnten ihn wenigstens nicht mehr beißen. Was den leidenschaftlichen Sammler und Jäger, laut zeitgenössischem Nachruf* überdies ein schönes stattliches Mannsbild, mit 32 Jahren das Leben kostete, war seine Gier nach zwei einheimischen Vögeln. Er hatte bereits eine Gattin, die Königliche Hofkapell-sängerin Nannette Pesl, und zwei Kinder. So unternahmen sie an einem Augusttag 1832 einen Familienausflug zur Moosacher Fasanerie, die nahe München in einem Wäldchen lag und womöglich schon damals einen Bierausschank aufwies. Dort konnte Professor Wagler sogar einen hitzigen Streit zwischen zwei anderen Gästen schlichten, worauf er deren (geladene) Flinten in ein Schlehdorngebüsch steckte – unglücklicherweise mit dem Kolben nach unten. Als ihn der Fasaneriemeister einige Zeit später auf zwei stromernde Wildtauben aufmerksam macht, ergreift der jagdfiebrige Zoologe kurzentschlossen eine der verwahrten Büchsen an der Mündung, um sie aus dem Gestrüpp zu ziehen und dann auf die fetten Vögel anzulegen. Prompt geht sie vorzeitig los, weil sich der Abzugshahn im Gestrüpp verfängt. Angeblich fuhr die Schrotladung »direkt durch Waglers ganzen Arm«, aber wohl quer oder schräg. Nun war der Arm jedenfalls nicht mehr ganz. Es gab großen Blutverlust und einen Wundbrand, und nach neun Tagen Marter im Hospital hauchte Wagler sein Leben aus.

* von Dr. Johannes Gistl, 1835, ausgegraben von Frank Glaw, Kurator der Zoologischen Staatssammlung München, Pdf 2001: http://www.zsm.mwn.de/her/pdf/91_Glaw_2001_Johann_Georg_Wagler.pdf



Emma Waiblinger 26 (1897–1923), heute fast verges-sene schwäbische Schriftstellerin, erschießt sich mit 26 in der elterlichen Wohnung in Esslingen aus Gründen, die sich leider auch mit Hilfe zweier immerhin vorhandener Porträts aus der Feder von Kolleginnen*/** nur wenig erhellen lassen. Die Tochter eines zur Schwermut neigenden Buchhändlers hatte zunächst, wahrscheinlich verordnet, Kindergärtnerin und Hebamme gelernt. Aus ihrem 1920 in Heilbronn erschienenem Roman Die Ströme des Namenlos läßt sich mit Vorbehalt schließen, sie hätte gern Medizin studiert. Der aufmüpfige Geist dieses Erst- und Letztlings soll ihr einerseits Mißbilligung, andererseits Begeisterung »vieler Leserinnen« eingetragen haben. Tatsächlich aber arbeitet sie nach der Veröffent-lichung doch wieder als Kindermädchen, diesmal beim Schriftsteller und Arzt Ludwig Finckh am Bodensee.*** Eine »heftige Darmerkrankung« zwingt sie zu einem Sanatoriumsaufenthalt. Im Herbst 1923 aus der Schweiz in die Heimatstadt zurückgekehrt, spricht sie von Auswanderungsplänen (Amerika), lernt Englisch, ersteht eine Schiffskarte und packt bereits die Koffer – um sich Ende November das Leben zu nehmen.

Bei ihrem sozialem und geschlechtlichem Hintergrund fragt man sich eigentlich schon ganz pragmatisch, ob Emma überhaupt schießen konnte und woher sie die Pistole hatte. Und muß nicht nach der Tat auch Polizei im Haus gewesen sein? Die Kolleginnen verraten es nicht. Ihre Familie habe keine Erklärung für diesen Selbstmord gefunden, schreibt Tietz. Nach einem Bericht von Waiblingers Schwester Elisabeth hinterließ sie auch keine Abschiedszeilen. Dafür habe sich im Ofen die Asche ihres zweiten Buchmanuskriptes gefunden, das dieses Mal einen männlichen Helden haben sollte. Tietz hält es nicht für unwahrscheinlich, Waiblinger sei just in eine solche »Schreibkrise« geraten, wie sie bereits in ihrem erstem Roman geschildert wird. Neben Elisabeth hatte Waiblinger zwei Brüder, wobei der ältere Bruder, Erwin, im Ersten Weltkrieg »fiel«; der jüngere bleibt namenlos. Von einem Porträtfoto blickt uns Emma aus hübschem, leise lächelndem, durch die Wangenknochen etwas slawisch wirkendem Gesicht zum Verlieben an – freilich weiß man als Außenstehender ja nicht, ob sie zum Beispiel nicht hinkte, wenn auch vielleicht »nur« im Gemüt. Über ihr Wesen erfährt man also ebenfalls sehr wenig. Als Hebammenschülerin (in der Tübinger Frauenklinik) soll sie »beliebt« gewesen sein. Ihre Romanheldin, Agnes Flaig – übrigens braunhaarig, von »geradem«, ansprechendem Wuchs und in vorteilhaftem »Kleidlein« sicherlich »hübsch« anzusehen (S. 238) – hatte mit »heftigen Gefüh-len« zu kämpfen. Aber Flaig hat sich nicht erschossen, vielmehr zuletzt an die normale Welt angepaßt.

Waiblingers Roman, übrigens »Ludwig und Dorle Finckh gewidmet« und 1921, dnb zufolge, immerhin in zweiter Auflage »4. bis 5. Tsd.« erschienen, ist in der wenig distanzierenden Ich-Form erzählt. Das würde zum Versuch einer jungen Autorin passen, sich über ihren eigenen Werdegang Rechenschaft abzulegen – und ihn dabei selbstverständlich mit einer gesellschaftsfähigen Lösung zu krönen, die ihr selber, außerhalb des Romans, vermutlich oder sogar offensichtlich verwehrt war. Ihre Agnes »kommt an«, wenn ich ein Modewort meiner Zeit benutzen darf.**** Sie kommt im schwäbischem Mittel-stand und im schwäbischem Mittelmaß an. Das auf Ordnung, Sauberkeit, Fleiß und Tugend pochende Hausmütterchen in der jungen Frau siegt über die mal rebellisch, mal schwermütig gestimmte, jedenfalls stets leidenschaftlich glühende Dichterin in der jungen Frau. Als solche hätte sie gern die ganze Welt umspannt. Mit einer dicken Buche am Waldrand war ihr dies einmal als Schulmädchen unter gewaltigem Knacken der Handgelenke gelungen, doch was die Welt betrifft, erwies sich diese dann doch als gar zu übermächtig. So kriecht Agnes zu Kreuze und geht die Ehe mit dem dickem Buchhändler Adolf ein.

Ich wäre nicht verblüfft, wenn die junge Frau Waiblinger die Wonnen sexueller Ekstase nie erfuhr, bevor ihre Pistole krachte und sie, statt nach Amerika, ins Jenseits beförderte. Das Liebesverlangen von Agnes ist riesig, bleibt jedoch an schwärmerischen Beziehungen zu verschiedenen verehrten Mädchen, Frauen, Herren und zum Gymnasi-asten Gottfried stehen, der wohl noch rechtzeitig, ehe etwas hätte »passieren« können, durch eine tödliche Krankheit aus dem Verkehr gezogen wird. Daß sie jene Wonnen dann wenigstens noch mit ihrem Gatten erfahren wird, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Das Los von vielen Millionen unterdrückter Frauen allein in Mitteleuropa muß vor dem Anbruch der angeblichen Goldenen Zwanziger Jahre furchtbar gewesen sein.

Als Autorin sucht Waiblinger in einer schlichten, etwas unbeholfenen und entsprechend wortarmen Sprache Verständnis, die zumindest über weite Strecken durchaus anrührt. Waiblinger ist auch selten geschwätzig; sie muß sich zur Mitteilung überwinden. Mit ihrer auffallenden, möglicherweise urschwäbischen Verniedlichungssucht (sie freut sich ausschließlich über »Kleidlein« oder aus der Küche aufsteigende »Gerüchlein«) versöhnt eine sanfte Ironie, die sich selbst bei jener Schreibhemmung der designierten Romanschreiberin Agnes bewährt, die diese dann in Adolfs von einem Schlag Kinder durchtobten »verkommenen« Haushalt führen wird. Der zu Herzen gehende Tonfall der gebeutelten Himmelsstürmerin hat mich wiederholt an Meta >Scheele erinnert. Mit dieser teilt Waiblinger auch den unpolitischen Zug. Von sozialem Aufrührertum kann nicht die Rede sein. Es ist schon viel, wenn sich das Schulmädchen Agnes mit ihren Freundinnen für die vagabundisch angehauchten biedermeierlichen Werke des badischen Schriftstellers Victor von Scheffel erwärmt, gestorben 1886. Buchen und Kuchen ja, aber Fabriken und Kanonen kennt sie nicht.

Tietz streicht allerdings Waiblingers ungewöhnliches Pochen auf Frauenbildung heraus, die Chance auf eine literarische Laufbahn eingeschlossen. Dieses Feld war ja damals in der Tat fast allen niederen wie höheren Töchtern noch nahezu verschlossen. Sie hatten Dienstmädchen oder Hausfrau und Mutter zu werden. Das schmeckte Waiblinger gar nicht; wohl deshalb gab sie etlichen Heiratskandidaten, die sich Tietz zufolge um sie bemühten, Körbe. Tietz weist auch darauf hin, daß Alter Ego Agnes ihren Schreibgelüsten keineswegs als »Jugendtorheit« abgeschworen hat; sie verspüre sie am Ende des Romans nach wie vor, habe sie lediglich tief in ihr Innerstes versenkt. Hier liegen »Triebverzicht« und »Verdrängung« auf der Hand, um mit dem damals aufsteigenden Sigmund Freud zu sprechen. Dennoch kommt es mir ähnlich ablenkend, jedenfalls zu kurz gegriffen vor, den tragenden, vermutlich krank oder selbstmordreif machenden Konflikt, wie Tietz, mit dem Widerstreit zwischen »traditioneller Frauenrolle« und »schriftstellerische Existenz« zu benennen. Wahrschein-lich hätte sich eine Unterstützung genießende und erfolgreiche Schriftstellerin Waiblinger nur etwas später umgebracht, mit 35 oder so. Trifft dieser Verdacht zu, saß der Wurm in ihrem grundsätzlich zerrissenem, für Befriedung ungeeignetem Gemüt.

Ihr schönstes dramaturgisches Glanzlichtlein setzt Autorin Waiblinger leider ausgerechnet bei der Herbeiführung des Happy Ends. Adolf war ursprünglich mit Margret verheiratet, einer älteren Schwester von Agnes, der Agnes nun im »chaotischen« Haushalt zu helfen versucht. Auf Margret wälzt Waiblinger die »schlampige« Hälfte ihres Wesens ab – prompt muß die liebe Schwester dann auch, wie Gottfried, durch Krankheit vorzeitig in den Sarg wandern. Kaum ist Margrets Leiche erkaltet, erlaubt sich Adolf harmlose Anzüglichkeiten und bringt sogar einen Heiratsantrag vor. Agnes ist empört, schmeißt ihre Sachen in den Koffer und verläßt das Haus. Da pfeift es in ihrem Rücken durch die Luft: Der stets zum Scherzen aufgelegte Adolf, der oben im erleuchteten Fenster grinst, hat ihr – »die hast du vergessen« – ihre eigenen Pantoffeln nachgeschmissen! Sie klatschen aufs Pflaster, und Agnes zeigt ihnen selbstverständlich die kalte Schulter. Doch ein paar Monate später reist sie reumütig wieder an. Nachdem sie die Treppen bewältigt hat und klopfenden Herzens ins Canossa der buchhändlerischen Wohnung eingetreten ist, streckt ihr Adolf, der übermütige beleibte Spitzbube, ihre Pantoffeln entgegen: »Ich habe sie damals wieder von der Straße herauf geholt und sie dir aufgehoben; ich wußte ja, daß du wieder kommen würdest.« Da wurde Agnes rot und sah zu Boden. (257)

* Rosemarie Tietz: Anne Schieber, Emma Waiblinger, Isolde Kurz. Drei Schriftstellerinnen in Esslingen am Neckar, Esslingen 1987, S. 23–42
** Irene Ferchel über Waiblinger in: Literarische Spuren in Esslingen, 2003, S. 133–35
*** Bei Tietz bleibt Finckh unerwähnt. Den Nachschlagewerken zufolge ist der Mann erst im hohem Alter gestorben, 1964, wenn auch leider als Nazi, wie zu fürchten ist. Da er fleißiger Briefeschreiber war, bat ich das Reutlinger Stadtarchiv um Auskunft und erhielt den Bescheid, in Finckhs Korrespondenz fänden sich keine nennenswerten Erwähnungen der Emma Waiblinger.
**** Siehe Zwergessay A-53




Wakamatsu, Shizuko 31 (1864–96), christlich gestimmte japanische Lehrerin und Schriftstellerin, vor-nehmlich Übersetzerin. Es ist sicherlich kein Vergnügen, in dem heißem und stickigem Moloch Tokio-Yokohama an Tuberkulose zu leiden und auch noch schöpferisch tätig zu sein. Das Ballungsgebiet hatte damals wahrscheinlich schon anderthalb Millionen EinwohnerInnen. Heute sind es schlappe 37. Wakamatsu machte sich schlagartig durch ihre Übersetzung des später wiederholt verfilmten englischen Kinderbuchs Der kleine Lord (1886) bekannt. Die Arbeit erschien 1890/92 fortsetzungsweise in der christlichen Frauenzeitschrift Jogaku zasshi, die von einem Vollbärtigem geleitet wurde. Das war Iwamoto Yoshiharu, den Wakamatsu erst im Vorjahr geheiratet hatte. Das Paar hatte drei oder vier Kinder. Schriftstellerin, Lehrerin, Mutter, Hausfrau – das gefiel den Tuberkulose-Bakterien ebenfalls. Wakamatsus Gatte war außerdem in der Leitung der Mädchenschule Meiji Jogakkō aktiv, wo sie, die Gattin, Englisch unterrichtete. Zu allem Unglück gab es im Februar 1896 eine zusätzliche Hitze: in der Schule brach ein Brand aus. Fünf Tage danach soll Wakamatsu einem Herzinfarkt erlegen sein.

Befremdlicherweise gehen alle außer-japanischen Quellen nicht oder nur am Rande auf diesen Brand ein. Die Frage, ob vielleicht andere Menschen, gar Kinder zu Schaden kamen, scheint niemanden zu interessieren. Die japanische Wikipedia spricht immerhin davon, neben der Schule hätten auch ein Wohnheim und Lehrerwohnungen »in Flammen gestanden«, zudem von einer »Evakuie-rung«. Wie kam es dazu? Lag womöglich eine nächtliche Brandstiftung vor? Der Roboter meint, es hätte »eine Fehlzündung« gegeben ...

Iwamoto kam noch auf knapp 80. Hier und dort ist von Vorwürfen/Gerüchten die Rede, er habe es, als Witwer, mit dem einen oder anderen Schulmädchen getrieben, aber da zündele ich lieber nicht mit.



Walder, Pius 30 (1952–82), österreichischer Holzfäller und Wilderer aus dem Villgratental in den Hohen Tauern, Osttirol. In einer Septembernacht 1982 wurde der 3ojährige beim Weiler Kalkstein von zwei Jägern überrascht und sehr wahrscheinlich auch erkannt, obwohl er sein Gesicht mit Ruß geschwärzt hatte. Zwar stellte man später fest, daß er in dieser Nacht nicht einen Schuß aus seiner Flinte abgegeben hatte – aber man kannte diese Brüder ja. Die Gebrüder Walder, vier Stück an der Zahl, waren talweit als wilde und wildernde Gesellen berüchtigt. Als Pius Walder nun flüchtete, schoß Jäger Schett mehrmals auf ihn und traf ihn dabei in den Hinterkopf. Damit hatte Schett für einen Toten, den Racheschwur Bruder Hermann Walders, eine Flut von Zeitungsartikeln, außerdem für etliche Bücher, Lieder und Filme gesorgt. Nicht alle ergriffen für die Walders Partei, doch das Befremden zog sich ziemlich lückenlos durch die ganzen Alpen.

Nach dem Gerichtsverfahren konnte Hermann Walder seinen Schwur nur bekräftigen. Das Urteil sah keinen Mord, wie Hermann selber, sondern lediglich eine »Körperverletzung mit tödlichem Ausgang«. Schett bekam drei Jahre Haft, wovon er nur die Hälfte absitzen mußte. Laut Bernhard Odehnal* war der vorsitzende Richter zufällig ein Kamerad von Schett, nämlich ebenfalls Jäger. Aber die Kumpanei zwischen Jägern und der jeweiligen Obrigkeit oder Elite der Demokratie dürfte ja bekannt sein. Sie trinken aus denselben Geldhähnen und pochen gemeinsam auf das soldatische Recht, im Zweifelsfall von Staats wegen zu töten. Einige BeobachterInnen merken allerdings zurecht an, der postmoderne Wilderer sei in der Regel weder Hungerleider noch Rebell. Das soll sogar Hermann Walder eingeräumt haben. Man wildert aus Spielleidenschaft und bestenfalls noch aus Trotz gegen die anmaßende kapitalistische Einrichtung dieser Erde. Wie ich gerade angedeutet habe, umfaßt sie inzwischen auch den mit Satelliten gespickten Himmel.

Die große Verbrämungskraft der verschiedenen Kauderwelsche, die sich die Eliten leisten, wird auch vom bekannten »Jägerlatein« verdeutlicht. Das Wort töten kommt in ihm nicht vor. Man greift vielleicht in die Altersklasse ein oder bringt den edlen Hirsch zur Strecke – aber man bringt ihn nicht um. Ähnlich rücksichtsvoll wie die Jäger zeigen sich auch die Händler. Den Anblick blutverkrusteter Leichen kennen sie nicht. Von den Schachteln im Supermarkt wedeln uns die Hühner die Eier mit lustig flatternden Flügeln geradezu in den Mund; sie wären gekränkt, ließen wir sie auf ihren Eiern sitzen – bevor sie selber in die Suppe wandern. Das rosige Schwein auf dem Dosendeckel quiekt vor Vergnügen, weil es kaum erwarten kann, in Leberwurst verwandelt zu werden. Fröhlich schnatternd und gereckten Halses ziehen die Gänse ums Schmalztöpfchen; sie gieren danach, ihre Köpfe zu verlieren.

Erwischen wir zufällig ein schmalzloses Töpfchen, besteht noch lange kein Grund zur Panik. Es handelt sich nämlich lediglich um eine Mogelpackung. Stecken wir auf längere Sicht zu viel Gänseschmalz in uns hinein, neigen wir zur Korpulenz. E. G. Seeliger behauptet, Fremdworte seien schlecht. Sie gäben im günstigsten Fall die Ansicht eines Dinges, während nur die »eigenwüchsigen« Worte für so etwas wie Erleuchtung, Durchstrahlung, Wesen und Wahrheit gut seien, meint er in seinem Handbuch des Schwindels. Wahrscheinlich hat er recht. Bei Korpulenz steht mir zwar ein Dicker vor Augen, doch warum er dick ist und was davon zu halten sei, deutet dieses Wort nicht an. Nenne ich ihn fett, kommen wir der Sache schon näher. Er hat seiner zarten Verfassung Gewalt angetan. Vermutlich ging das von seiner Mami aus.

Damit sind wir also von Hölzchen auf Stöckchen oder von den Wäldern an der österreichisch-italienischen Grenze auf Faustregeln zum Fremdwortgebrauch gekommen. Ich rate Ihnen, meiden Sie Fremdworte pro Seite zehnmal öfter, als Sie es gewohnt sind. Der Grund liegt selbstver-ständlich nicht in der Undeutschheit der Fremdworte. Er liegt zunächst, mit Seeliger, in ihrer Unanschaulichkeit. Überdies sind sie aber, darin durchaus deutsch, hochnäsig, dünkelhaft, einschüchternd. Während sie von den Eingeweihten auf Anhieb verstanden werden, bedeuten sie den anderen, wie dumm sie sind – die anderen. Damit verbitten sie sich natürlich jeden Zweifel an den Äuße-rungen des klugen Autors. Wer trotzdem zweifelt, wird erschossen.

* Bernhard Odehnal (Wien), »Gott vergibt, ein Tiroler nie«, Tagesanzeiger (Zürich), 28. Juli 2012: http://www.bernhardodehnal.com/artikel/gott-vergibt-ein-tiroler-nie



Wampilow, Alexander 34 (1937–72). Der sibirische Journalist und Dramatiker aus dem Dorf Kutulik veröf-fentlichte sein erstes Buch unter dem Pseudonym Sanin mit 24 Jahren rund 150 Kilometer weiter südlich in der Großstadt Irkutsk, wo man ihm heutzutage, vermutlich in Bronze gegossen und ganz ungetarnt, vor einem Theater begegnen kann. Wampilow verfaßte in 10 Jahren fünf Stücke, die sowohl in der Sowjetunion wie in der DDR häufig aufgeführt wurden, darunter 20 Minuten mit einem Engel, Entenjagd, Letzter Sommer in Tschulimsk. Lola Debüser lobt sie (in einer Ostberliner Ausgabe von 1976) über den Klee, obwohl man sie auch sämtlich für einen Tschechow-Aufguß halten könnte, der an der inzwischen angeblich sozialistischen Wirklichkeit unkritisch vorbeigeht. Mit Blick auf das zuletzt genannte Stück (oder auf eine Fata Morgana) pflichtet ihr auch der öster-reichische »Literaturvermittler« György Sebestyén* bei: »Zaghafter Optimismus durchflutet eine schamvolle Tragödie – in der Scheu dieses genialen Sibiriaken steckt die unbändige Kraft von kühnen, ja verwegenen Grübe-leien.« Nur das Langstreckenschwimmen beherrschte der geniale Sibiriake, in dessen wortreichen Stücken mehr Wodka als Regen rinnt, möglicherweise nicht vollkommen genug. Fast 35 Jahre alt, soll er im Sommer 1972 bei einer Bootsfahrt auf dem Baikalsee, über die Debüser nichts Näheres verlauten läßt, ertrunken sein. Wampilows Wirkungsort Irkutsk liegt unweit vom Südzipfel des riesigen langgestreckten Sees.

Erfreulicherweise findet sich das Nähere in einem augenscheinlich recht gut belegten Artikel der englischen Wikipedia. Danach hätte Wampilow, in zweiter Ehe mit Olga Mikhailovna Vampilova verheiratet und Vater eines Töchterchens namens Elena, am 19. August seinen 35. Geburtstag gefeiert, sofern er nicht am 17. angeln gegangen wäre. Im Verein mit seinem Irkutsker Kollegen Gleb Pakulov gedachte er just für die Geburtstagsfeier einen Haufen Fische aus dem Baikalsee zu ziehen. Auf dem See werden die beiden jedoch von einem Sturm überrascht, der ihr Boot zum Kentern bringt; wahrscheinlich war auch ein im Wasser treibender Baumstamm im Spiel. Während sich Pakulov an das umgekippte Boot klammerte, habe sich Wampilow, ein ausgezeichneter Schwimmer, zum fernen Ufer gewandt, um Hilfe zu holen. Doch er kam nie am Ufer an. Wahrscheinlich hätten ihn Wasserkälte und Herzschwäche übermannt. Man habe später nur noch seine Leiche aus dem See gefischt.

Der kraushaarige Dramatiker wird als eher schüchtern, jungenhaft, aber sehr gebildet beschrieben. Neben dem Töchterchen hinterließ er seine geliebte Gitarre. Was aus Freund Pakulov (und dessen Seelenfrieden) wurde, läßt sich dem Internet nicht entnehmen. Begnügen wir uns mit ein paar Takten zum Baikalsee. Eine russische Quelle behauptet, Wampilow habe von einer »Datscha« am Ufer des vielbesungenen Binnengewässers geträumt. Dafür hat es nicht ganz gereicht. Jetzt steht dort ein häßlicher weißer Marmorklotz**, der an den ertrunkenen Wodka-Freund erinnert. Der Baikalsee ist sehr tief, im Schnitt 750 Meter, und erwärmt sich selbst im Hochsommer kaum über 10 Grad.

* wahrscheinlich in: Studien zur Literatur, Eisenstadt 1980
** https://en.wikipedia.org/wiki/File:Monument-Vampilov.jpg




Wang Yue 2 (2009–11), chinesisches Großstadtkind. Der Vorfall ist zunächst bezeichnend für den herzlosen Zustand der zivilisierten Länder, in denen man heutzutage leben muß. In einer Gasse der Millionenstadt Foshan (Provinz Guangdong, Südchina) wurde die Zweijährige, auch Yue Yue genannt, am Nachmittag des 13. Oktober 2011 von einem Auto überfahren. Sie war ihrer Mutter weggelau-fen.* Nun blieb das Kind blutend auf der belebten Gasse liegen. Eine Minute später kam noch ein Kleinlaster, der es ebenfalls überfuhr. Beide Fahrer hielten nicht an. Zufällig wurde das Geschehen beziehungsweise Nichtgeschehen von der Überwachungskamera einer Eisenwarenhandlung aufgezeichnet. Danach waren es in rund sieben Minuten geschlagene 18 Passanten, die dem Verkehrsopfer ebenfalls keine Hilfe leisteten. Es mußte erst eine 57jährige Müllsammlerin kommen, die sich um Yue Yue kümmerte. Doch das Mädchen starb am 21. Oktober 2011 im Krankenhaus.

Immerhin rief der Vorfall heftige Diskussionen in der chinesischen Öffentlichkeit hervor. Selbstverständlich ist er weder typisch chinesisch noch brandneu. Trotzdem drängt sich die Frage auf, was das eigentlich für ein Gesellschaftssystem gewesen sein soll, das die Leute angeblich 50 Jahre lang »kommunistisch« prägte, aber so gut wie keine entsprechenden Spuren hinterließ – keine Spuren jenes »Mitgefühls«, das etwa die Schriftstellerin >Xiao Hong in den vorkommunistischen Zeiten vermißt hatte; keine Spuren dessen, was man in der DDR als »Solidarität« hochgehalten hatte, sogar nicht nur auf Spruchbändern …

* Henrik Bork (Peking), »Protestieren, diskutieren, schönreden«, Süddeutsche Zeitung, 25. Oktober 2011: https://www.sueddeutsche.de/panorama/unfalltod-der-kleinen-yue-yue-in-china-protestieren-diskutieren-schoenreden-1.1172201



Wedderburn, Robert 28 (1947–75), schottischer Statistiker, zuletzt in einem englischem Agrar-Institut in Harpenden, Hertfordshire, angestellt. Dort entwickelte er gemeinsam mit dem Mathematiker John Nelder die Modellklasse der Verallgemeinerten Linearen Modelle. Ich hoffe, das wußten Sie noch nicht. Nelder ist es auch, der möglicherweise den einzigen Satz geliefert hat, der je über das, statistisch betrachtet, frühe Ableben Wedder-burns geschrieben worden ist: »He died of anaphylactic shock from an insect bite on a canal holiday, aged 28. It was very sad.«*

Ich nehme an, mit dem Ferienort ist der Ärmelkanal gemeint. Was die Anaphylaxie betrifft, nämlich »eine akute, allergische Reaktion des Immunsystems auf wiederholte Zufuhr körperfremder Eiweißstoffe«, bin ich recht argwöhnisch. Reuther streift auf Seite 336 den verbreiteten Vertuschungsversuch von Allergologen, durch Luftschadstroffe bewirkte Atemwegsbeschwerden, etwa Asthma, auf Naturstoffe wie Blütenpollen, Tierhaare, Milben zurück zu führen. Daß er Behandlungsfolgen zu den verheerendsten von Ärzten ausgelösten Lawinen zählt, erwähnte ich bereits. Ohne nähere Informationen weiß also keiner, worauf Wedderburn mit seinem Ableben »reagierte« – ob auf einen Mückenstich, ein Medikament, ein Sonnenschutzöl, die Fahrt im Notarzt-Hubschrauber oder die Bitte seiner Frau (falls vorhanden), noch schnell sein Testament zu machen. Kommen die Informationen jedoch, sind sie meistens auch wieder gefälscht.

* Stephen Senn, »A conversation with John Nelder«, Statistical Science, Vol. 18 Nr. 1, 2003, S. 128



Wegner, Max 28 (1915–44), westfälischer nazifreund-licher Schriftsteller. Wie es aussieht, liebte er für seine Erzählungen oder Dramen die Tarnkappe mittelalterlicher, also historischer Stoffe. Da er zeitweise »Kulturhaupt-stellenleiter« eines Hammer HJ-Banns gewesen sein soll*, war er wahrscheinlich sogar ein strammer Faschist. Aber die Angaben zu ihm sind äußerst mager, und mein Notruf an die Archivare und HeimatforscherInnen der nordhessischen Kleinstadt Battenberg/Eder blieb offenbar schon an der Fulda hängen. In Battenberg soll Wegner, knapp 29 Jahre alt, am 22. Oktober 1944 gestorben und auch begraben worden sein. Warum gerade dann und dort, scheint niemand zu wissen. Bomben sind eher unwahr-scheinlich. Vielleicht war der »Agitator« an der Front verwundet und daraufhin beispielsweise zu ländlichen Verwandten gepackt worden. Sollte er aber nur urlaubsweise an der Eder geweilt und dort unglücklich angeeckt sein, sodaß es zu einer Wirtshaus-Schlägerei mit Todesopfern kam, wüßte man gern die Gründe.

Sicherlich war Wegner der Lied- u. Legendenlieferant Wessel ein Begriff. Der junge aufstrebende SA-Sturm-führer Horst Wessel (1907–30), aus monarchistisch gestimmtem Pfarrhause stammend, hatte sich mit seinen »braunen Bataillonen« um 1928 in die Straßen etlicher Berliner Arbeiterbezirke vorgewagt, schauten doch schon, »die Fahne hoch, aufs Hakenkreuz voll Hoffnung Millionen.« Leider erlebte er den einzigartigen Siegeszug der von ihm für ein schlichtes SA-Kampflied geschmie-deten Verse nicht mehr, denn sie wurden erst nach seinem »Heldentod« als Horst-Wessel-Lied zur Parteihymne der NSDAP erhoben. Dr. Joseph Goebbels war auf Draht gewesen: »Ein neuer Märtyrer für das Dritte Reich«, hatte er gleich nach Wessels Ableben (Februar 1930, im Krankenhaus) in seinem Tagebuch festgestellt.** So entstanden auch unverzüglich Lieder und andere Kunstwerke über Wessel selbst. Der 22jährige Sturmführer war eines Tages von der Gegenseite, nämlich einigen Leuten des kommunistischen Rotfrontkämpferbundes, in seiner Friedrichshainer Wohnung aufgesucht worden. Wie sie später beteuerten, hätten sie Wessel lediglich vermöbeln wollen, aber dann habe er mit der Hand in seine Tasche gegriffen, worauf »Ali« Höhler, von Hause aus ein »schwerer Junge«, sich gezwungen gesehen habe, auf Wessel zu schießen.

Wie auch immer die Details gelegen haben mögen, der Zwischenfall kostete 1935 dem wohl 30jährigem Frisör und Aushilfskellner Hans Ziegler und dem 28jährigem jüdischem Malergesellen Sally »Max« Epstein den Kopf, beide Kommunisten. Sie kamen nach einem erneutem Prozeß in dieser Sache, bei der sie »Schmiere gestanden« haben sollen, in Berlin-Plötzensee unters nun faschistisch befehligte Fallbeil. Sicherlich hatten die beteiligten Kommunisten Gründe genug für ihren Besuch bei Wessel gewußt, ihren 17jährigen Genossen Camillo Roß eingeschlossen, von dem es heißt, er sei am selbem Januartag 1930 von anderen SA-Leuten angeschossen worden. Offiziell wies die KPD jede Verstrickung in den tödlichen Denkzettel-Akt gegen Wessel zurück. Vielmehr soll sie Gerüchte der Art gestreut haben, Wessel sei, wegen Mietsäumigkeit und Ärger mit anderen Hausbewohnern, in den Krieg zwischen zwei Zuhälterbanden geraten. Der damaligen Rolle des deutschen Kapitals und des sowjetischen Zentralkommitees eingedenk, könnte hier einer murmeln: So kann man es ausdrücken.

Doppeltes Pech hatte der erwähnte mutmaßliche Schütze Albrecht Höhler, ein gelernter Tischler. Er war zunächst, wegen Totschlags, »lediglich« für sechs Jahre ins Zuchthaus gewandert. Kaum saßen jene braunen Horden jedoch in den Regierungssesseln, wurde der 35jährige Häftling, im September 1933, nach einem Verhör erledigt. SA-Leute paßten ihn bei seiner Rückführung ins Zuchthaus Wohlau, Schlesien, nach Raubritterart ab und erschossen ihn. Sie sollen auf höhere Anweisung gehandelt haben.** Soweit ich weiß, wurde dieser dreiste Justizmord, wie viele andere, nach 1945 nie untersucht und geahndet.

* https://www.lexikon-westfaelischer-autorinnen-und-autoren.de/autoren/wegner-max/
** Daniel Siemens, »Christussozialist im Straßenkampf«, Spiegel,
9. Oktober 2007: https://www.spiegel.de/geschichte/nazi-ikone-horst-wessel-a-948281.html




Weil, Simone 34 (1909–43), Philosophin oder Priesterin? Einer ihrer Lehrer am renommiertem Lycée Henri IV soll sie »die rote Jungfrau« getauft haben. Das war keineswegs so abwegig, wie sich später zeigte. Die Tochter eines Pariser jüdischen Arztes ist ein empfind-liches Kind, kränkelt oft, tut sich schwer mit Essen und Einschlafen. Zu allem Unglück fürchtet ihre Mutter Selma Mikroben, verordnet also eifriges Händewaschen, unter-sagt dagegen das Küssen außerhalb des Familienkreises. Von hier dürfte Simone ihre lebenslängliche Hut vor Körperkontakt bezogen haben. Ab 20 kommen häufige starke Kopfschmerzen hinzu. Auf dem Lycée zählt der Philosoph Alain zu ihren Lehrern, Simone de Beauvoir zu ihren Mitschülern. Manche von diesen bestätigen später, Weil habe sich sozusagen für jedes gesellschaftliche Unrecht persönlich verantwortlich gefühlt. Zumindest paaren sich Weils Hauptinteressen Philosophie und Reli-gion mit sozialem Mitleid. Zyniker Leo Trotzki belustigt sich darüber, nachdem ihm Weil 1933 eine vorüber-gehende Unterkunft in ihrem Elternhaus verschafft hat, obwohl sie seine autoritären Züge (Kronstadt-Aufstand!) verabscheut. Er sagt: »Ja, sind Sie denn von der Heilsarmee?«

Umso verblüffender findet Ursula Homann* den Umstand, daß Weil ihre Augen stets vor der Verfolgung der Juden, auch durch die Nazis, verschloß. Streckenweise habe sie sogar »gehässige antijüdische Texte« verfaßt. Nach ihrem Schulabschluß 1931 arbeitet Weil als Lehrerin an verschie-denen Provinzschulen. Wegen ihres Eintretens für die Belange von erwerbslosen Proletariern oder Landarbeitern – denen sie sogar die Hälfte ihres Gehalts abtritt – wird sie öfter versetzt. Die zierliche, dunkelhaarige »rote Jungfrau« lebt spartanisch; auch im strengsten Winter heizt sie ihr Zimmer nicht. Ab 1934 rackert sie trotz ihrer schwachen Gesundheit in Fabriken, lernt Arbeitslosigkeit und Hunger am eigenen Leibe kennen. 1935 erwärmt sie sich durch eine Reise mit den Eltern für das republikanische Spanien. Ihre Teilnahme am Bürgerkrieg, auf anarchistischer Seite, bleibt kurz wegen ihrer Schwäche und ihrem Erschrecken über die Grausamkeit aller Beteiligten. In Portugal und Italien 1937/38 hat sie religiöse Erweckungserlebnisse, die sie zur Gläubigen und Mystikerin machen. Aus dem besetzten Frankreich gelangt sie über Umwege 1942 nach England. Zunehmende Erschöpfung und Verelendung gehen mit Arbeiten für France Libre (De Gaulle) und intensiven Studien einher. Liebschaften werden in den Quellen nie erwähnt. Eine Neigung zum Märtyrium – die Feministin Ursula Schweers spricht von »selbstzerstö-rerischer Hartnäckigkeit« – ist unverkennbar. Weil selber verhehlt diesen Zug noch nicht einmal. In ihren Aufzeichnungen oder Briefen vermutet sie, wiederholte »Prüfungen der Hölle« vorm »Zutritt in die Ewigkeit« seien unerläßlich; sie verkündet dort auch: »Wenn ich an die Kreuzigung denke, begehe ich jedesmal die Sünde des Neides.« Sie verbittert und wird zur Dogmatikerin, mit der kaum zu reden ist. Ihrer Magersucht wird sie nicht Herr. Bei ihrem Tod 1943 – die 34jährige hat gerade das Sanato-rium in Ashford/Kent aufgesucht – spielen Hungern, Herzschwäche und Lungentuberkulose zusammen. Sie wird im Beisein weniger Menschen auf dem dortigem Friedhof beerdigt.

Weils Werk, von etlichen Zeitungsartikeln abgesehen erst posthum veröffentlicht, blieb bruchstückhaft und unaus-gereift. Allerdings nahm sie einige warnende Gedanken, etwa zum Totalitarismus von Staat und Technik, vorweg, die sich später auch bei Hannah Arendt, Adorno, F. G. Jünger fanden. Die Legende Simone Weil dagegen, der selbst ein kritischer Kopf wie Heinrich Böll aufsaß, hätte ohne Zweifel das Zeug zur Heiligsprechung durch die Katholische Kirche, falls es den in dieser Richtung interessierten Forschern endlich gelänge, hieb- und stichfest nachzuweisen, daß die mögliche Namens-tagspatronin kurz vor ihrem Tod noch getauft worden ist. Ich wünsche ihnen viel Erfolg.

* »Eine Jüdin, die keine sein wollte«, in: Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, Jahrg. 42 Heft 166, 2003



Weinheim, Eva 19 (1918–38), kaufmännische Schülerin, Jugendliebe des thüringischen Schriftstellers Hanns Cibulka. Die tschechisch-sudetendeutsche Stadt Jägern-dorf hatte zur Zeit dieser Jugendliebe, die Cibulka mit über 70 in einem schmalem Meisterstück* streift, knapp 25.000 EinwohnerInnen. Das waren ganz überwiegend Deutsche – bis zur Vertreibung aus ihrer eigentlich unbedeutenden Stadt. Immerhin, sie hatte einen Hauptbahnhof. Dort trafen sich Johannes und Eva fast jeden Tag, um gemeinsam nach Troppau in die Handelsakademie zu fahren. Eva wohnte unweit von Cibulkas Elternhaus mit ihrer Mutter zusammen, einer geschiedenen Ärztin. Bei Eva kam zum Makel der deutschen Sprache das Judentum hinzu. Von daher war es möglicherweise nicht das Übelste, wenn sie von den wildgewordenen Wassern der Schwarzen Oppa schon mit 19 aus dem Verkehr gezogen wurde. Für Cibulka war es schlicht niederschmetternd.

Eva – hochgewachsen, wenig weiblich, eher ungesellig – war ein Jahr jünger als Johannes. Sie tanzte gern, küßte gern – das Weitere läßt Cibulka offen. Er rühmt auch ihre Erzählfreude, die viel Phantasie, daneben ihr Judentum verriet. So, wie Cibulka sie hinstellt, war sie zwar immer streng gescheitelt, aber weder verklemmt noch lebens-müde. Sie war sogar geprüfte Rettungsschwimmerin. Warum ging sie aber dann, an einem Junitag nach den schweren Unwettern, zum gewohnten Baden zur Schwarzen Oppa, als diese reißendes Hochwasser führte? Johannes erfuhr es erst Tage später. Er war zu seiner mährischen Großmutter verreist, und Eva hatte die Begleitung ausgeschlagen, weil ihre Mutter von Herzbeschwerden gebeutelt war. Die ganze Stadt sprach von dem rätselhaftem Unglück. Wahrscheinlich war Eva von den braunen Fluten über das Wehr gerissen, vielleicht auch von einem wirbelndem Baumstamm getroffen worden. Man suchte zwei Tage lang den Flußgrund und die Ufer ab; man fand noch nicht einmal ihre Badekappe. Sie war und blieb buchstäblich spurlos verschwunden.

»War es Leichtsinn oder hat sich der Tod ganz plötzlich ihrer erinnert, als er ihr eingab, bei Hochwasser baden zu gehen?« fragt sich Cibulka (S. 99). Andere, durchaus denkbare Fragen stellt er lieber nicht. Vielleicht hatte sie seine Abwesenheit und die Unwetter als Chance erachtet, ihn noch rechtzeitig loszuwerden? Oder war sie vielleicht schwanger von ihm und darüber in großen Nöten? Dergleichen erwägt Cibulka nicht – und wer weiß überhaupt, ob und in welchem Ausmaß er sich an die sogenannten Tatsachen gehalten hat. Zwar hat er seine Reise nach Jägerndorf und in seine Kindheit offensichtlich wenige Jahre nach der berüchtigten »Wende« leibhaftig unternommen, aber er ist als Erzähler gereist, nicht als Gothaer Bibliothekar oder gar Stadtarchivar. Und als solcher hat er, soweit ich sehe, sein mit Abstand bestes Buch geschrieben, eindringlich und nüchtern zugleich.

Gewiß zwitschert seine bekannte spirituelle Meise oder besser Wasseramsel, wie man sagen könnte, auch wiederholt aus diesem Alterswerk. Das kann man ihm aber leicht nachsehen, weil es nie den Hauptfluß der Erzählung (Eva W.) und die Trauer um den verfehlten Weg der Menschheit stört. Einige Kritik an ihm habe ich vor Jahren in meinem Buch Der Fund im Sofa durch den Mund des Snooker spielenden Gothaer Kriminalkommissars Armin Köfel vorgebracht. Spricht Cibulka aber 1994 vom wiedervereinigten Deutschland als einer selbstsüchtigen, korrupten, verlogenen »Mehrparteiendiktatur« (S. 105), muß ich ihm doch vergleichsweise große Hellsicht bescheinigen. Hätte sie bis zum Ausbruch der »Pandemie« 2020 vorgehalten? Alte Kumpels wie Adolf Winkelmann, Filmemacher**, oder Vorbilder wie Konstantin Wecker, Liedermacher, sind, wie ich höre, gleich Millionen anderen umgefallen. Wie hätten sich meine Kollegen Hanns Cibulka oder auch Armin Müller »positioniert«, um im beliebtem TV-Jargon zu bleiben? Das zu wissen, dafür gäbe ich sogar meine spanische Konzertgitarre her. Ich rühre sie sowieso kaum noch an.

Erwin Chargaff hätte auf meiner Seite gestanden. Jede Wette.

* Am Brückenwehr, Leipzig 1994
** A-54 »Dörnberg«




Weininger, Otto 23 (1880–1903), Wiener Kultbuch-autor. Als Sohn eines Goldschmiedes und als Kultur-philosoph mit Doktortitel konnte er sich »seiner Leiblich-keit«, so die Grabinschrift, schlecht in irgendeinem Dickicht des Wiener Waldes oder in einem Wiener Bordell entledigen, zumal der österreichische Jude bereits für seine Sinnes-, Frauen- und Judenfeindlichkeit bekannt war. So nahm er sich am 3. Oktober 1903 ein Zimmer in Beethovens Sterbehaus in der Wiener Schwarzspanier-straße 15, um sich am folgenden Morgen ebendort zu erschießen. Erst im Juni war ein dickes Buch des 23jährigen »Genies«, wie manche noch heute meinen, erschienen: Geschlecht und Charakter. Weil es die angedeuteten feindlichen Positionen vertrat, hatte man eigentlich erhebliches Aufsehen erwartet. Tatsächlich schlugen die Wogen des öffentlichen Diskurses aber keineswegs so hoch, daß Weiningers Doktorhut europaweit unübersehbar gewesen wäre. Doch welcher Tumult und welche Umstrittenheit nach jenem tödlichem Schuß ins Herz! Bis 1909 erlebte Weiningers Werk schon 11, bis 1932 noch einmal 17 Auflagen.* Ob man es nun gut oder schlecht fand, man mußte es gelesen haben. Man mußte es nach jeder Lektüre entweder andächtig zwischen Kant, Nietzsche und all die anderen schieben oder über den verbissenen Fleiß staunen, mit der ein solch junger Mann die eigene hybride Verklemmtheit zum philosophischem Weltgebäude erhoben hatte. »An den Nachweis der Alogizität des absoluten Weibes hat sich der Nachweis seiner Amoralität im einzelnen zu schließen.« Hier sprach wahrlich ein Zu-kurz-gekommener, ein Ordnungs-fanatiker, ein Schubladenwüterich, wenn auch immerhin nicht ganz so hölzern wie Georg Simmel.

Wird Weininger gern angerechnet, er habe ja »das Weibliche« oder »das Jüdische« nur als Chiffren für Anteile benutzt, die grundsätzlich in jedem Menschen vertreten seien, rüttelt es selbstverständlich an Weiningers Verachtung der (eigenen) Schwäche und an seiner Verherrlichung von Kraft, der Idee des Staates, der Riesenopern Richard Wagners und dergleichen mehr um keinen Zentimeter. Der 20 mal bessere Schriftsteller Friedrich Georg Jünger hält ihm zudem (1972 in den Scheidewegen) zugute, immerhin sei er kein gewalttätiger Mensch gewesen, der etwa auf der Straße mit einem Knüppel auf die Juden, die Frauen oder die Politik- und Staatsverdrossenen eingeschlagen hätte. »Das Massive seiner Angriffe entspricht dem Zugriff, dem er sich ausge-setzt fühlt. Seine Polemik ist ein Akt der Selbstverteidigung und Notwehr. Ohne Angst ist der durchdringende Scharfsinn seiner Kombination nicht zu denken, und diese Angst wächst, bis sie Verzweiflung wird.« Wie sich versteht, konnte Weininger nichts für diese Angst und nichts für seinen Selbsthaß. Aber bei seiner Klugheit hätte er vielleicht wissen müssen, daß sie beide sowohl für die Wahrheitssuche wie für die Literatur stets der schlechteste Ratgeber sind.

Wie mich bereits weiter oben Philipp >Mainländer an Weininger erinnerte, drängt sich nun noch der venetische »Philosoph« Carlo Michelstaedter auf (1887–1910), der sich, wie Weininger erst 23, im Oktober 1910 in seiner Heimatstadt Görz/Gorizia (bei Triest) erschoß. Kurz zuvor hatte er seinen »Kulturpessimismus« in seiner Doktor-arbeit Überzeugung und Rhetorik dargelegt. Zum Selbst-mord trieb ihn wahrscheinlich auch das sehr gespannte Verhältnis zu seinen wohlhabenden, bildungsbürgerlich geprägten Eltern, dabei insbesondere zu seiner übermächtigen Mutter.

Vielleicht fehlte den Weiningers und den Michelstaedtern vor allem ein echter Freund? Das Verlangen zumindest des typischen Mannes nach einem solchem dürfte bekannt sein. Der echte Freund ist der uns vorbehaltlos Anerkennende. Damit wäre der erste Kandidat für diese Rolle eigentlich stets der eigene Vater, aber mit dem läuft es meistens schief. Ignoriert er den Sprößling nicht gerade kaltblütig, tyrannisiert er ihn. Seit Sigmund Freud prügelt er nicht mehr so oft, droht jedoch umso hartnäckiger mit »Liebesentzug«. Das Heimtückische an den väterlichen Freunden liegt in der Paarung des Liebenswerten an ihnen mit ihrer Machtstellung. Deshalb hat der Sprößling später, falls er dem Alten in die »Freiheit« entkommen ist, erhebliche Schwierigkeiten, Anerkennung woanders als bei »Autoritäten« zu suchen. Ich spreche natürlich aus eigener Erfahrung. An mir vorüberziehen zu lassen, wievielen namhaften Leuten ich bereits hinterhergerannt bin, bereitet mir immer mal wieder einige Röte im Gesicht, die nicht von der Sonne stammt. Selbstverständlich begehrte man da auch stets rasch auf, sofern es gelegentlich zu einer näheren Beziehung kam. Diese Autoritäten haben es ohne Zweifel nicht leicht. Sie werden von dem, der ihre Freundschaft sucht, gleich doppelt berannt: von einem Bettler um Liebe und von einem Mörder.

* Joachim Riedl, »Weib, Jude, Ich – weg mit allem!«, Zeit, 6. Dezem-ber 1985: https://www.zeit.de/1985/50/weib-jude-ich-weg-mit-allem



Weisgerber, Albert 37 (1878–1915), erfolgreicher süddeutscher Maler, meist in München wirkend. Wie so manche andere, mal im-, mal expressionistisch ange-strichene Berufskollegen, für die er hier stellvertretend steht, ließ sich Weisgerber im ungewöhnlich heißen Sommer 1914 von der Woge chauvinistischer Begeisterung, als »Reservist«, in den Krieg ziehen. Zu allem Unglück hatte der Sohn eines saarländischen Bäckers und Gastwirts auch noch eine Vorliebe für religiöse Sujets. »Im Felde« stellte sich freilich rasch Ernüchterung ein, wie Weisger-bers Briefen an seine Frau Margarete Pohl zu entnehmen sein soll, in denen er das Grauen ungeschminkt schildere. Möglicherweise hatten ihn zusätzlich die Probleme mit Margarete davon Abstand nehmen lassen, eine Freistellung vom Kriegsdienst zu erwirken. Der Historiker Paul Burgard behauptete allerdings erst kürzlich*, der stämmige, etwas untersetzt gebaute Künstler sei bis zuletzt überzeugter Kämpfer fürs Vaterland gewesen. Wie auch immer, als der Leutnant und Kompanieführer, der gerade erst das Eiserne Kreuz ergattert hatte, im Mai 1915 in Flandern im Grabenkrieg »fiel«, war er 37. An Weihnachten war man noch beiderseitig, Deutsche und Engländer, aus den Schützengräben gestiegen, um einander zu beschenken, hatte Weisgerber in einem Brief erwähnt. Das war der religiöse Zug an dem Schlachtfest enger Stirnen. Mit vielen Grüßen an die Albert-Weisgerber-Schule in St. Ingbert.

* »Künstlerseele und Kriegseiferer«, Saarbrücker Zeitung, 8. Mai 2015: https://www.saarbruecker-zeitung.de/kuenstlerseele-und-kriegseiferer_aid-1527584



Werner III. († 1066). Der bei seinem frühzeitigem Ableben wahrscheinlich höchstens 25 Jahre alte Graf von Maden, ein erstaunlich mächtiger, einflußreicher Germane, war auch Reichssturmfähnrich, nämlich ein ausgezeichneter Lehnsmann des Reiches und in der Tat ein enger Vertrauter des noch jüngeren Königs Heinrich IV. Das war der Tropf, dem noch der »Gang nach Canossa« bevorstand, 1077. Übrigens steckte Heinrich dem liebem Werner 1064 Gut und Dorf Kirchberg (bei Fritzlar) zu, was nicht nur den Mönch, Geschichtsschreiber und späteren Abt Lambert von Hersfeld mit den Zähnen knirschen ließ, hatte der Flecken doch just dem Hersfelder Kloster »gehört«. In diesem Stammland der Chatten, heute Nordhessen, damals Grafschaft Maden-Gudensberg, trieben sich fast 1.000 Jahre später die Anarchisten der »Kommune Emsmühle« und der aus Erfurt geflüchtete Ex-Polsterer Bott herum, wie einigen Erzählungen von mir zu entnehmen ist.

Während Bott in einer Dachstube auf halber Höhe des Gudensberger Schloßbergs haust, hatte Graf Werner zumindest zeitweilig gerade über Botts Kopf auf der Obernburg gesessen. Doch der Graf, häufig (vor allem von Lambert*) als Wüterich geschildert, besaß auch verschiedene Immobilien im süddeutschem Raum, wohl überdies Gelüste sie zu mehren. Am 24. Februar 1066 soll er in Ingelheim (bei Mainz) im Rahmen einer Schlacht zwischen seinen plünderlustig gestimmten Gefolgsleuten und ortsansässigen Mönchen oder Bauern durch einen Keulenhieb in das Reich der Nibelungen eingegangen sein.** Möglicherweise fiel er »unglücklich«, nämlich beim Versuch zu schlichten. Chronist Lambert war ja voreinge-nommen. Heute gelten sogar Werners genaue Lebensdaten als ungesichert.

Worauf man dagegen bis heute schwören kann, das ist die ungebrochene weltgeschichtliche Rolle des Clandenkens, wie ich es zuweilen nenne. Ob Graf oder Tagelöhner, der typische Werner pflegt seinen Sprößlingen und sonstigen »Angehörigen« jeden Wunsch von den Augen abzulesen, für die Interessen Dritter dagegen eher blind zu sein. Das Glück »der Seinen« ist der höchste aller Werte. Was ihnen gut tut, tut auch dem Selbstwertgefühl ihres Erzeugers, Ernährers oder Knechters gut. Nach einer bündigen Feststellung aus Alains Betrachtungen Über die Erziehung ist der Familiengeist zutiefst barbarisch. Er ist eben Clandenken. Indem es Zufälle wie Geburt (»Blutsver-wandtschaft«), Sympathie, Nation über das Menschen-recht stellt, geht das Clandenken weit über Vettern-wirtschaft hinaus. Es betrifft vor allem die seelische Existenz. Liebe, Besitzerstolz, Leidenschaft entscheiden hier alles. Das Kind lernt das Buhlen um Gunst von der Pike auf. Wer gefällt, hat Erfolg. Wer meinen Clan mit Schmutz bewirft, bekommt die Pike ins Gesäß. Das gilt leider auch für Kommunen oder Basisgruppen – und sei es, sie müßten sich zu diesem Zwecke erst einmal selber spalten. In diesen Fällen werden die Fraktionen zu neuen Clans.

Franz Schandl spricht hier vortrefflich vom kollektivem Wahn der An- und Zugehörigkeit, die stets Hörigkeit einschließe. Jeder Clan ist der beste Clan der Welt. Damit alle anderen Clane daran glauben, herrscht Krieg. Vor den Schwertern werden die Keulenworte geschwungen, heute beispielsweise Corona-Leugner, Impfverweigerer, Populisten. Die gleiche Waffe ist in den Händen des eigenen Clans eine Ananas oder ein Schoßhündchen, in den Händen des fremden dagegen eine Granate oder ein Kampfhund. Somit bilden Clandenken und Doppelmoral siamesische Zwillinge.

Eigentlich sind freiwillige Zusammenschlüsse von Menschen unterschiedlichster Abstammung, etwa in anarchistisch gestimmten Kommunen, gerade deshalb erfunden worden, um das Clandenken auszuhebeln. Aber man kämpft hier mit einer Fleischgabel gegen einen Felsbrocken. Zur Puppenfabrikkommune zählte zu meiner Zeit Dieter, wie ich ihn einmal nennen will. Da er von Kind auf Angst vor Hunden hatte, verbat er sich jeden Hund auf dem Hof. Immer wieder biß die Hundelobby der Kommune bei ihm auf Granit. Es galt ja das Konsens-prinzip: sobald auch nur einer sein Veto einlegt, ist der betreffende Vorstoß abgeschmettert. Eines Tages verliebte sich jedoch Dieters 15jährige Tochter in Hündin Lucy. Und da sie unbedingt mit dieser zusammenleben wollte, wurde Dieter binnen weniger Tage ein anderer. Plötzlich beherrschte Lucy Dieters Wohngemeinschaft und lief frei in Treppenhaus und Hof umher. Aß die Kommune im Hof, strich Lucy ungerührt und unbehelligt um die Beine der Tische oder meine. Dies alles wäre vorher undenkbar gewesen. Eine öffentliche Erklärung, etwa auf dem Plenum, gab es nicht. So kamen meine lieben Mitstreiter-Innen um einen Vortrag von mir über jenen Alainschen »Familiengeist« herum. Aber ich zog mich dann sowieso bald zurück.

* Ludwig Friedrich Hesse / Wilhelm Wattenbach, Die Jahrbücher des Lambert von Hersfeld, Ausgabe Leipzig 1893, Jahrbuch von 1064, S. 65: https://archive.org/stream/diejahrbcherdes00wattgoog#page/n104/mode/2up
** Jahrbuch von 1066, S. 76: https://archive.org/stream/diejahrbcherdes00wattgoog#page/n116/mode/2up




West, Nathanael 37 (1903–40), US-Autor und Hunde-freund. Von einem Jagdausflug in Mexiko kommend, überfährt der 37jährige, nach Ansicht vieler Fachleute Autor des besten Buches über die »Traumfabrik« in Hollywood*, mit seinem Ford Station Wagon in El Centro, Kalifornien, ein Stoppschild und nimmt einen Pontiac auf die Hörner. Seine 27jährige Gattin Eileen McKenney und beider Hund Julie sind mit von der Partie. Der Hund überlebt. Erfreulicherweise sollen auch die gegnerischen Insassen, allerdings verletzt, mit dem Leben davon gekommen sein.**

* The Day of the Locust, 1939
** Silvae am 17. Oktober 2010: http://loomings-jay.blogspot.de/2010/10/verkehrsunfall.html




Weston, Elisabeth Johanna von 30 (1582–1612), britisch-böhmische Schriftstellerin und Gattin, auch Westonia genannt. Ein schreibendes Weib, das war zu ihrer Zeit, um 1600, noch Seltenheit. Allerdings stammte sie aus dem Adel und schrieb auf lateinisch. Sie lebte ab 1597 in Prag, um im Verein mit ihrer verwitweten Mutter beim Hofgericht auf Herausgabe ihres von Gläubigern beschlagnahmten Erbes zu klagen. Sie gewann den Streit. Sie verfaßte hauptsächlich Gedichte und Briefe, die sogar noch zu ihren Lebezeiten gedruckt wurden. Ihr Unglück war – wenn Sie mich fragen – der aus Eisenach stammende Jurist Johannes Leon, mit dem sie sich im April 1603 verheiratete. Er machte ihr in neunjähriger Ehe sieben Kinder*, die freilich meist schon gleich wieder starben. Am letzten Kind – oder ihren Ärzten – verendete sie dann ebenfalls.

Ihr Bruder Johann Franz Weston, Student in Ingolstadt, soll ebendort sogar schon mit 20 Jahren gestorben sein. Dieser Verlust (im Jahr 1600) hatte Westonia zu ihrem ersten Gedicht angeregt.

* Mateo, Mannheim 2001: http://mateo.uni-mannheim.de/desbillons/west.html



Fortsetzung Wh—Z
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