Samstag, 13. November 2021
LdF Folge Stu—Val

Stürmer, Klaus 35 (1935–71), gelernter Radiomecha-niker und Berufsfußballer aus Glinde bei Hamburg. In seiner Zeit beim Hamburger SV war er nebenbei, in Glinde, auch Gastwirt. Der Spielmacher und Torjäger des HSV hatte um 1960 mit Mittelstürmer Uwe Seeler ein gefürchtetes, bald legendäres Gespann auf deutschen Oberliga-Plätzen gebildet. Den beiden Freunden wurde allerorten das beliebte sprichwörtliche »blinde Verständ-nis« bescheinigt. Später, dem Ruf des Geldes folgend, im schweizer Fußball aktiv, erlag der Mann, der offenbar wirklich von Geburt an Stürmer hieß, als 35jähriger einer Krebserkrankung. Er hinterließ Thoby Stürmer, die Witwe, und Sohn Roger. Von Stürmers Wesen erfährt man im Internet leider so gut wie nichts.

2014 enthüllte Freund Uwe Seeler auf dem Sportgelände in Glinde eine Gedenktafel für Klaus Stürmer. Inzwischen, Juni 2021, geht Seeler schon stramm auf die 85 zu. Ein jüngerer Artikel des Lehrers und Journalisten Tobias Romberg* läßt allerdings selbst auf die märchenhafte Busenfreundschaft Seeler–Stürmer einen Wermutstropfen aus dem bekannten Faß von Ruhm und Kohle fallen. 1960 trug der HSV das Finale um die Meisterschaft gegen den 1. FC Köln aus. Er gewann es knapp mit 3:2, weil Uwe Seeler noch kurz vor dem Abpfiff das Siegtor gelang – wie jedenfalls in allen offiziellen Annalen verzeichnet sei. In Wahrheit kam das Meistertor von Klaus Stürmer, wie Bilddokumente beweisen würden. Als Stürmer auf seinem Sterbelager hörte, Seeler rühme sich dieses Tores nach wie vor, habe er geweint. Romberg:

»Kurz vor Spielschluss erhält der HSV auf halblinker Position, Torentfernung etwas mehr als 25 Meter, einen Freistoß. Charly Dörfel hebt den Ball über die Mauer in den Strafraum. Etwa sechs Meter vor dem Tor springt Klaus Stürmer akrobatisch in die Luft und lupft den Ball über den herausgeeilten FC-Keeper. Der Ball fliegt aufs leere Tor zu. Dann kommt Uwe Seeler, weit und breit keine Abwehrspieler zu sehen. Kurz vor der Torlinie – oder vielleicht auch erst dahinter – schiebt Uns Uwe den Ball, der ohnehin ins Tor gegangen wäre, ein ...«

* Tobias Romberg, »Die Straße des Stürmers und das verflixte 13. Tor«, hier am 25./26. Januar 2021 in der Osnabrücker Rundschau nachgedruckt: https://os-rundschau.de/sport/fussball/stuermer-stuermer-und-das-strassenschild/



Subramaniya Bharati 38 (1882–1921), vielsprachiger tamilischer Schriftsteller und Übersetzer, indischer Freiheitskämpfer, zuletzt Anhänger Gandhis. Er war häufig als Journalist tätig, verdankt seinen Ruhm jedoch haupt-sächlich seinen wegweisenden Schöpfungen tamilischer Literatur. Er soll sich auch gegen Frauenknechtung und Kinderehen ausgesprochen haben – nachdem er selber, aus höfischen Kreisen stammend, als 14jähriger mit seiner siebenjährigen Cousine Chellamma verheiratet worden war. Am verblüffendsten wirkt sein Ende, falls uns die englische Wikipedia keinen Bären aufbindet. Bharati lebte in seinen beiden letzten Lebensjahren in Triplicane, einem Bezirk der Hauptstadt von Tamil Nadu Chennai (=Madras). Im dortigem Parthasarathy-Tempel war ein Elefant namens Lavanya zu Hause, den der künftige Nationaldichter angeblich regelmäßig zu füttern pflegte. Eines Tages verabreichte ihm Bharati aber versehentlich eine faule Kokosnuß. Darauf sei Lavanya wütend geworden und habe ihn angegriffen. Wie, wird nicht geschildert. Das habe der Dichter zwar überlebt, aber wenige Monate später sei der 38jährige seinen Verwun-dungen oder seiner Demütigung erlegen. Allerdings soll er schon vor dem Übergriff aus der Tierwelt bei schlechter Gesundheit gewesen sein: geschwächt vom antibritischem Wirken, einem längerem Exil in Pondicherry (einer französischen Kolonie in Südindien), einigen Wochen Gefängnisaufenthalt und Armut. Vielleicht hatte er sich eben wegen seiner Armut nur die faule Kokosnuß leisten können. Oder war er gar zum schäbig bezahlten Tempeltierpfleger herabgesunken? Auf seine Gattin kommt übrigens keine Quelle zurück. Irgendwo wird eine Enkelin erwähnt.



Sürücü, Hatun 23 (1982–2005), deutsch-kurdisches »Ehrenmord«-Opfer. Eine hübsche Schwarzhaarige mit einem Namen wie ein Gedicht: Aynur Hatun Sürücü. In Berlin-Kreuzberg aufgewachsen, war sie von ihrer kinderreichen kurdischstämmigen Familie bereits als 16jährige nach Istanbul zwangsverheiratet worden. Sie floh, warf ihr Kopftuch ab und machte sich in Berlin selbstständig, wobei sie auch das mitgebrachte Kind allein aufzog. Sie galt als offen und lebensfroh. Im Februar 2005, inzwischen 23, stand sie kurz vor ihrer Gesellenprüfung als Elektroinstallateurin. Das scheiterte an einem soge-nanntem »Ehrenmord«: Sürücü wurde an der Bushalte-stelle vor ihrer Tempelhofer Wohnung mit drei Kopfschüssen niedergestreckt. Die Polizei nahm als Tatverdächtige drei ihrer Brüder fest. Sie wurden ein Jahr darauf angeklagt. Im April 2006 verurteilte das Berliner Landgericht den jüngsten Angeklagten zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten, während es die beiden älteren Brüder aus Mangel an Beweisen freisprach. Viele BeobachterInnen rügten die Milde des Urteils und wiesen überdies auf die Vernachlässigung des Umstands hin, daß die »Bestrafung« der abtrünnigen Tochter offensichtlich von der gesamten sunnitisch gestimmten Familie beschlossen worden war. Vermutlich habe sie den Jüngsten nur dem Rabatt der Jugendstrafe zuliebe zum Sündenbock erkoren.

Der Fall löste viele Debatten aus und führte zumindest zu etlichen Ehrungen für das Mordopfer. Ironischerweise hatte er auch den ehrenwerten Berliner Bürger Udo D. in Bewegung gesetzt, der einen Verein namens Hatun & Deniz aus der Taufe hob und unter diesem Deckmantel im Laufe der Jahre bald eine Million Euro an Spendengeldern zusammentrug. Im September 2011 wurde der 42jährige gutgenährte »Vorsitzende« wegen Spendenbetrugs zu knapp fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Sohn Deniz (Name geändert) war zum Zeitpunkt der Ermordung seiner Mut-ter fünf Jahre alt gewesen. Er kam in eine norddeutsche Pflegefamilie.* Er ist das Nebenopfer des verurteilten Bruders. Der wurde nach Strafverbüßung in die Türkei abgeschoben. Er soll bis heute keine Reue zeigen.

* Katrin Bischoff, »Hatun Sürücü: Mord im Namen der Familienehre«, Berliner Zeitung, 7. Februar 2020: https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/hatun-sueruecue-eine-symbolfigur-im-kampf-fuer-gleichberechtigung-li.75710



Sutter, Anna 38 (1871–1910), deutsch-schweizer Opern-sängerin. Am 30. Juni 1910 konnte Neuengland der New York Times entnehmen: CONDUCTOR AND SINGER SHOT. Mit dem Dirigenten war der deutsche Musikwissenschaft-ler und Kapellmeister Aloys Obrist gemeint, 1867–1910. Eigentlich war er, seit 1893, mit der ehemaligen Schauspielerin des Weimarer Hoftheaters Hildegard Jenicke verheiratet. Am verhängnisvollen Tage erschoß er aber die 38jährige Opernsängerin Anna Sutter vom Stuttgarter Hoftheater. Die Dame soll etliche Affären gehabt haben, davon die mit Obrist für rund zwei Jahre bis 1909. Als sie sich dann, so die gängige Annahme, in ihrer Wohnung in der Stuttgarter Schubartstraße 8 von Besucher Obrist nicht erweichen ließ, zückte der 43jährige Liebes- und Wutentbrannte seine Pistole. Laut zeitgenössischer Lokalpresse war er ursprünglich bereits an der Haustür vom Dienstmädchen abgewiesen worden, weil die Diva, um 10 Uhr vormittags, noch zu erschöpft von der gestrigen Abendvorstellung sei und im Bette liege. Prompt verschaffte Obrist sich gewaltsam Zutritt. Das Dienstmädchen vernahm einen heftigen Wortwechsel sowie mehrere Schüsse, und dann fand es zwei Leichen im Schlafzimmer: sie mit gebrochenem Herzen im Bett, er mit gebrochenem Herzen auf dem Bettvorleger. Hofrat Dr. Aloys Obrist hatte bei seinem Besuch gleich zwei Pistolen mit sich geführt. Seine Weimarer Villa hatte er verkauft; mit seiner Gattin stand er in Scheidung. In jüngster Zeit wohnte er erneut in Stuttgart, wo er einst für kurze Zeit Hofkapellmeister gewesen war, und betätigte sich als Musikschriftsteller – soweit er sich nicht vergeblich nach Sutter verzehrte. Die Sopranistin wurde in Stuttgarter Theaterkreisen trotz ihres freizügigen, daneben arg verschwenderischen Lebenswandels seit Jahren höchstverehrt, daher auch »das Sutterle« genannt. Den Trauerzug mit ihrem Sarg säumten 10.000 Leute.

Hundert Jahre später, am 30. Juni 2010, räumt die Lokalpresse Details ein*, nach denen an jener Erschöpfung Sutters am Tatvormittag wohl auch der Opernsänger Albin Swoboda junior (1883–1970) nicht ganz unschuldig gewesen war. Mit ihm lag die deutlich ältere Diva damals im Bett. Als das Dienstmädchen von Obrist überrannt wurde, sprang Swoboda, klamottenreif, in den Schlafzim-merschrank. Was er dort im Verborgenen miterleben mußte, habe er nie überwunden, wird der Stuttgarter Musikwissenschaftler Georg Günther zitiert. Aus Briefen und Gesprächen mit Kollegen gehe hervor, daß sich Swoboda sein Leben lang heftigste Vorwürfe machte, die Tat nicht verhindert zu haben. Der Baßbariton starb ebenfalls in Stuttgart – mit 86.

Was Hildegard Obrist-Jenicke (1856–1937) angeht, hebt die Weimarer Schriftstellerin Erika von Watzdorf-Bachoff in ihren Erinnerungen** den deutlichen Altersunterschied zwischen den Ehegatten hervor, um 12 Jahre. Jenicke war die Ältere. Die beiden Damen kannten sich. Jenicke habe Obrist auch immer versichert, sollte er sich einmal für eine Jüngere erwärmen, wolle sie ihm nicht im Wege stehen. Doch was die Sutter angehe, habe sich Jenicke zunächst gegen eine Scheidung gesträubt, um ihn vor diesem Weibsbild zu bewahren. Für Jenicke war Sutter zwar eine große Künstlerin, als Mensch jedoch »wertlos«, so jedenfalls Watzdorf. Selbst Obrist habe schließlich Sutters »Untreue und Wertlosigkeit« erkannt und nicht mehr auf die Scheidung gedrungen. Am schwersten habe es ihn wohl getroffen, daß sie über sein bedingtes Künstlertum spottete und ihm einredete, nur diese »Oma« in Weimar hemme seinen künstlerischen Aufschwung. Im Grunde sei Obrist ein Pedant gewesen, so Watzdorf, was auch aus dem Abschiedsbrief hervorgegangen sei, den er seiner Gattin (vor der Mordtat) geschickt habe und den sie (Watzdorf) kenne. Darin habe er seiner Frau »mit wunderschönen Worten« gedankt, ferner festgestellt: die Sängerin Sutter habe ihre Glanzrolle, die Carmen, gelebt und wie diese ihr Leben verwirkt. Diesen Brief brachte er dann, laut Watzdorf, zur Post, kaufte einen Strauß weißer Rosen und ging zur Schubartstraße 8 …

* Markus Heffner, »Mitten ins Herz«, 30. Juni 2010, Stuttgarter Zeitung: https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.mord-im-liebeswahn-mitten-ins-herz.211d7e30-d55a-40ae-9e83-b8a36e15c84d.html
** Im Wandel und in der Verwandlung der Zeit, Stuttgart 1997,
S. 156–58




Tamim, Suzan 30 (1977–2008), libanesische Popsän-gerin, erstochen und verunstaltet in ihrem Apartement in Dubai. Der Fall erregte viel Aufsehen. Wie sich heraus-stellte, hatte sich Tamin, angeblich eine hinreißende Schönheit, geweigert, offiziell in den Harem des stein- und einflußreichen ägyptischen Unternehmers und Politikers Hischam Talaat Mustafa eingegliedert zu werden. So schickte dieser, für zwei Millionen Dollar, seinen Landsmann Mohsen al-Sukkari aus, ehemaliger Polizist und Leibwächter von Mustafa. Dieser Sendbote soll allerdings erstaunlich unfachmännisch vorgegangen sein, weshalb er rasch gefaßt wurde. Damit mußte (2008) auch sein Auftraggeber hinter Gitter. Ein Gerichtsverfahren war offenbar nicht zu vermeiden. Die Regierung Mubarak verbot jedoch die Berichterstattung darüber. Beide Angeklagten wurden zunächst zum Tod durch Erhängen verurteilt – aber wie es so geht, wenn vor Allah alle gleich sind, vor dem Gesetz dagegen nicht: 2012 war das Urteil für den Messerstecher auf Lebenslänglich, für den Milliardär auf 15 Jahre herunter gehandelt.* Dem Egypt Independent zufolge** erfreute sich Mustafa zudem im Sommer 2017, nach neun Jahren Haft, einer präsidialen Begnadigung, weil er mit 501 anderen Gefangenen unter eine Amnestie fiel – oder umgekehrt, die 501 fielen mit ihm. Und wie die Haft ausgesehen haben mag, kann sich jeder ausmalen, der einmal am Beckenrand arabischer Swimmingpools lag.

* »Suzanne Tamim murder: Egypt tycoon's sentence upheld«, BBC News, 7. Februar 2012: https://www.bbc.com/news/world-middle-east-16934561
** Al-Masry Al-Youm, »Hisham Talaat Mostafa released among 502 prisoners under presidential pardon«, Egypt Independent (Kairo),
24. Juni 2017: https://www.egyptindependent.com/hisham-talaat-mostafa-released-among-502-prisoners-presidential-pardon/




Tamm, Andreas 28 (1767–95), lausitzer Jurist und Erzieher. Bei >Machbuba trafen wir den Fürsten von Pückler-Muskau. Als der erst fünf gewesen war, Anfang 1790, hatte ihn seine Mutter dem neu eingestellten Hofmeister Tamm anvertraut. Ihr Vertrauen schwand jedoch rasch; im Oktober mußte der junge Jurist aus Leipzig und Zeitz, Sohn eines Merseburger Pastors, seinen Dreispitz nehmen. Sie schob ihn auf den Stuhl des »Rektors« der Muskauer Stadtschule ab, der ihn und seine Familie (Heirat 1792) allerdings kaum ernähren konnte. Das kursächsische Städtchen Muskau hatte damals lediglich um 700 EinwohnerInnen. In der Schule waren weit über 100 Kinder aller Altersstufen in einer einzigen Stube zusammengepfercht. Der einzige Lehrer war der »Rektor«. Damit kam Tamms Posten einer schäbig bezahlten Sisyphosarbeit auf Kosten seiner Würde und seiner Gesundheit gleich. Dennoch verfaßte er in dieser Zeit einige wichtige sozialkritische Arbeiten. 1794 warf Tamm das Handtuch und kehrte in seinen ursprünglichen Beruf zurück, Jurist. Er ließ sich in Görlitz, rund 50 Kilometer weiter südlich gelegen, am Untermarkt als Advokat nieder. Aber es war zu spät. Schon im nächstem Jahr, mit 28, zogen ihn Krankheit und Entkräftung ins Grab.

Was sollte nun aus seiner Frau und den inzwischen drei Kindern werden? Nichts Erfreuliches, wie sich einer lehrreichen Pionierarbeit* über Tamm von Bernd-Ingo Friedrich aus Weißwasser entnehmen läßt. Bar aller Unterstützung, flüchtet sich Charlotte Tamm geb. Strenge in ihr Heimatstädtchen Muskau zurück. Sie war eine Tochter des dortigen Stadtrichters, bei dem sie vermutlich nun Unterschlupf fand. Dort erlitt sie 1797, erst 23, einen haarsträubenden häuslichen Unfall. Als sie mit einem »Licht« in die Küche ging und es auf dem Herd absetzte, um einen Topf mit heißem Wasser aus dem Ofen zu nehmen, fing ihr Halstuch an der Kerze Feuer. In ihrem Schreck lief sie aus der Küche um Hilfe. Durch den Luftzug wurde sie freilich sofort in eine lodernde Fackel verwandelt und zog sich schwerste Verbrennungen zu, bis man ihr die Kleider vom Leib gerissen hatte. Nach qualvollen drei Wochen war sie tot. Die Kinder kamen in die Obhut der Großeltern.

Friedrich zeigt Tamm als einen für seine Zeit und seine Provinz ungewöhnlich kritischen und freisinnigen Geist, ein echter Aufklärer. Mit dieser Haltung hatte er sich sicherlich auch bei der Gräfin auf dem Muskauer Schloß unbeliebt gemacht – von all den anderen Grundherren ringsum nicht zu schweigen. Noch Etwas über Leib-eigenschaft, Erbuntertänigkeit und Laßgüter in der Lausitz heißt eine wichtige Arbeit Tamms, die er 1792 in der Lausitzischen Monatsschrift veröffentlichen konnte. Die ihm berufsfremde Pädagogik übte er, im Geiste Rousseaus, trotz vieler Widrigkeiten mit Begabung und Geschick aus. Pückler versicherte seinem Vater später (1803) in einem Brief, »hätte ich den braven Tamm behalten können, vieles wäre jetzt anders; der gute Mann hatte aber den Fehler, zu sagen was er dachte; Damen wollen lieber geschmeichelt sein, meine Mutter konnte sich nicht mit ihm vertragen, und er – ging.«

* Bernd-Ingo Friedrich: Johann Andreas Tamm, Cottbus 2007



Taro, Gerda 26 (1910–37) deutsche Fotografin, Front-unfall. Während sich Eileen >O'Shaughnessy an den Schreibmaschinen und Telefonen der POUM nützlich machte, betätigte Gerda Taro ihre Kamera – sogar an der Front. Die Tochter eines jüdischen schwäbischen Kaufmanns hatte ab 1929 die nichtstaatliche Gaudigschule in Leipzig besucht, der es um die Förderung der Selbsttätigkeit ihrer Schützlinge ging. Nach kurzer Haft wegen antifaschistischer Umtriebe traf Taro im Herbst 1933 gemeinsam mit ihrer Freundin Ruth Cerf in Paris ein. Sie fand Arbeit in einer Bildagentur, nachdem sie den ungarischen Fotografen Robert Capa kennengelernt hatte, der ihr Lehrer und Geliebter wurde. Von da an arbeiteten sie zusammen. Capa, weitaus bekannter als sie, kam »erst« 1954 mit 40 als Kriegsberichterstatter in Indochina um, wo er auf eine Landmine trat. Zwei Jahre darauf folgte ihm sein Freund und Mitgründer der Pariser Magnum-Agentur David Seymour ins Grab. Der 44jährige wurde beim Beobachten eines Gefangenenaustausches im Krieg um den Suez-Kanal erschossen.

Taro hatte ihren ersten Presseausweis im Februar 1936 erhalten. Schon im Sommer traf sie mit Capa im republika-nischen Barcelona ein. Das Gespann besuchte diverse Fronten. Die »geschossenen« Fotos gingen im Rahmen verschiedener Zeitschriften um die Welt. Selbstverständ-lich bildete Taro, neben den Greueln des Krieges, auch gerne unerschrockene Kämpferinnen ab. Auch ihr selber hat es laut Alfred Kantorowicz' Kriegstagebuch nicht an Mut gefehlt. An der Cordoba-Front sei die »anmutige Reporterin« 1937 mit »Baskenmütze über dem schönen rotblonden Haar« und einem »zierlichem Revolver« im Gürtel aufgetaucht, um zu einer polnischen Kompanie vorzudringen. Sie hatte ursprünglich gleichfalls einen polnischen Nachnamen getragen, Pohorylle. Zu ihren fototechnischen Eigenheiten gehörte die Untersicht, durch die sich der Himmel weitete. Davon abgesehen, war die »lässige Schönheit« aus Schwaben, laut Irme Schaber*, der erste weibliche Frontfotograf überhaupt.

Allerdings kam sie schon nach einem knappem Jahr unter die Erde. Zu Taros letzten Arbeiten zählt ein Foto des Ortsschilds von Brunete (bei Madrid) mit bewaffneten Kämpfern davor. Am 25. Juli 1937 erlebt sie an der Brunete-Front einen anhaltenden Luftangriff der berüch-tigten faschistischen, wenn auch nicht gekennzeichneten deutschen Legion Condor. Sie hockt in einer Art Fuchsbau, fotografiert – und bleibt unversehrt. In der Nacht jedoch, beim Rückzug der RepublikanerInnen, verunglückt sie. Nach der bevorzugten Darstellung geriet sie unter einen eigenen Panzer, weil sie vom Trittbrett eines Lastwagens abgerutscht war. Der Panzerfahrer habe das gar nicht bemerkt. Die knapp 27jährige erlag anderntags ihren Verletzungen.

Als Taro am 1. August auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise bestattet wurde, folgten Tausende dem von Pablo Neruda und Louis Aragon angeführten Trauerzug, der sich in eine Demonstration gegen die heuchlerische »Nichteinmischungspolitik« der westlichen Demokratien verwandelte. Unter der Hand lieferten sie Franco Waffen und »dämmten«, im Falle Frankreichs und Portugals, die Flüchtlingsströme ein. Was den Einsatz der Legion Condor angeht, sollte Hermann Göring später in Nürnberg schwärmen, er sei »ein ausgezeichnetes Training für Mensch und Material« gewesen. Gefeierte Bomberpiloten wie Johannes Trautloft wurden, nach 1945, nicht etwa aufgeknüpft oder mit 20 Stockhieben bedacht; sie wurden Stellvertretender Luftwaffeninspekteur der Bundeswehr und gingen (1970) als Generalleutnant in den Ruhestand.

Alberto Giacometti schuf für die verunglückte Fotografin ein Grabmal, das allerdings nicht mehr erhalten sein soll. In Stuttgart gibt es seit 2008 einen Gerda-Taro-Platz. Schaber behauptet, viele Aufnahmen von Taro seien nach dem Zweitem Weltkrieg dem berühmterem Capa zugeschrieben worden – vor allem aus kommerziellen Gründen, weil sie sich auf diese Art besser verkaufen ließen. Zudem habe Capa eingeräumt, wegen der unter anderem geschäftsschädigenden Kommunistenhatz in den USA habe es sich für ihn angeboten, eine nachträgliche Arbeitsteilung einzurichten: »Ich war der Fotograf und Gerda die Kommunistin.« Sie war ja tot.

Wie putzmunter dagegen die umkämpfte Mittelmeer-Republik noch für Jahrzehnte war, habe ich erst Anfang dieses Jahres in meiner Skizze »Abschied von Iberien« nachgewiesen, A-52.

* Gespräch mit der Deutschen Welle, 24. Juli 2012: https://www.dw.com/de/gerda-taro-pionierin-der-kriegsfotografie/a-16109547



Teltscher, Joseph 36 (1801–37), österreichischer Maler und Lithograph. Ausgebildet in Brünn und Wien, schwang er sich zu einem bedeutenden Porträtisten bedeutender Zeitgenossen auf, darunter Beethoven als Leiche. Mit dem geselligen Franz Schubert war er befreundet. Ab 1829 lebte Teltscher in Graz. Wahrscheinlich war er auch mit etlichen Damen »befreundet«, was Lexikograf Constantin von Wurzbach* jedoch für zu »interessant und pikant« hält, so seine Worte, um es in ein seriöses Nachschlagewerk aufzunehmen. In der Tat wirkt der schlanke, dunkelge-lockte Künstler auf einem Selbstporträt (von 1825) unter seinem breit- und weichkrempigem Zylinder wie zum Küssen geschaffen. Er könnte freilich auch schon wackelig auf den Beinen gewesen sein. In seinem letztem Lebensjahr begleitete er seinen Freund Johann Baptist Jenger, Laien-musiker und Angestellter des Wiener »Hofkriegsraths«, auf einer Reise nach Griechenland. Dort gewann er zwei heimische Diplomaten zu Bekannten – und Badefreunden. An einem Julitag vergnügten sie sich in der Hafenstadt Piräus am Strand. Plötzlich drohte Freiherr von Kleimayrn unterzugehen, teilt Wurzbach erstaunlich kenntnisreich mit. Oberst Anton Prokesch von Osten und eben Teltscher hätten ihn aber gerettet und an Land gebracht. Darauf sei der Künstler allerdings, zwecks Erholung von der Anstrengung, noch einmal ins Meer gegangen – »wo er nicht, wie man allgemein glaubte, den Tod durch Ertrinken fand, sondern vom Schlage gerührt versank.« Der anscheinend abwesende Jenger wurde immerhin noch 63.

* BLKÖ Band 43 von 1881



Tenco, Luigi 28 (1938–67), Verflossener Dalidas. Was denn, der Name sagte Ihnen gar nichts? Dalida war eine große, vielsprachige Schlagersängerin, 1933–87. Fischen Sie sich beispielsweise ein Video von Ihrem Titel Am Tag, als der Regen kam aus dem Internet, der 1959 für etliche Wochen die hiesige »Hitparade« beherrschte. Diese schönen Wirtschaftswunderzeiten kommen so schnell nicht wieder, seit dem Frühjahr, in dem das Virus kam. Fünf Jahre vor jenem Hit war Dalida »Miss Ägypten« gewesen. Dann ging sie nach Paris – und rasch am europäischem Schlagerhimmel als Star auf. Neben Geldregen liebte die Hochbeinige, die bei wechselnd gefärbter Mähne wohl meist auf französisch sang, Selbstmordkandidaten, jedenfalls drei. In Wahrheit hatte sie natürlich, bevor sie sich auch selber umbrachte, viel mehr Liebhaber, darunter Alain Delon.

Der frühste Selbstmordfall (1967) war gleich der medien-wirksamste. Beim Wettbewerb im norditalienischem Sanremo fällt Dalidas junger Kollege und Geliebter Luigi Tenco (28), der sogar aus dem Gastland stammt, mit einem brandneuen Titel durch, wobei ihm wohl auch das Lampenfieber in die Quere kommt. Aber selbst seine bereits berühmte Geliebte erreicht, mit demselbem Lied, nicht das Finale. Beides ist für Tenco zu viel. Er wirft in seinem Hotelzimmer ein paar die Kampfrichter anklagende Abschiedszeilen aufs Papier und schießt sich in den Kopf. Das wiederum soll Dalida bis ins Mark getroffen haben. Einige Monate später unternimmt sie einen ersten Selbstmordversuch. 1970 scheidet Dalidas »Entdecker« und erster Ehegatte Lucien Morisse (41) in seiner Pariser Wohnung gleichfalls durch Schußwaffengebrauch aus dem Leben. 1981 trennt sie sich von dem vor allem hochstaplerisch veranlagtem Künstler Richard Chanfray (43), der an ihrer Seite als »Graf von Saint-Germain« den Playboy gab. Zwei Jahre darauf bringt er sich, von Schulden und amtlichen Nachstellungen bedrängt, bei Saint-Tropez mit Hilfe von Abgasen seines Wagens um, wobei er angeblich noch eine ihn liebende »Baronin« mitnimmt.

Dalida selber greift 1987 im Alter von 54 Jahren in ihrer Pariser Stadtvilla zu einer Überdosis Schlafmittel. Falls die sogenannte offizielle Webseite* über Dalida weniger lügt als die französische Regierung, beschied sich die ehe- und kinderlose Verstorbene mit einem erfrischend kurzem Abschiedsbrief an die Welt: »Vergebt mir, das Leben ist mir unerträglich.« Vergebt aber bitte nicht den Leuten, die uns krank- oder totimpfen.

* https://dalida.com/9-biographie/son-histoire/2-allemagne.html



Terenz c. 27–37 († um 160 v.Chr.), berühmter römischer Dramatiker, Schreck vieler nachgeborenen, Latein paukenden Zöglinge in aller Welt. Seine Sprache sei nämlich vorbildlich rein, sein Witz, als Komödiendichter, nicht zu derb gewesen, ist überall zu lesen. Allerdings sollen nur sechs seiner Werke erhalten sein. Über sein Ende gibt es anscheinend kaum mehr als Gerüchte. Zu Studienzwecken in Griechenland, soll er ebendort, eher jedoch auf der Heimreise, durch Krankheit oder Schiffbruch umgekommen sein. Jedenfalls liefert sein »Untertauchen« mit ungefähr 33 – ob freiwillig oder nicht, aber sicherlich mit Gepäck – eine einleuchtende Erklärung für die Schmalheit seines Oeuvres. Von ihm selber, seinem persönlichem Lebenswandel, weiß man so gut wie nichts. Dafür kennt jeder mindestens drei aus dem Oeuvre gezogenen Sprüche von ihm.

Um Doppelmoral anzuprangern, wird beispielsweise gern auf seine spöttische Feststellung zurückgegriffen, wenn zwei das gleiche täten, sei es nicht das gleiche. Vielleicht sollte man bei jedem Rückgriff vorsichtshalber hinzufügen, dieser Hieb könne keine Allgemeingültigkeit beanspruchen. Zahlen Krösus und ich für ein mit sechs Euro ausgezeichnetes Reclam-Heftchen die gleiche Mehrwertsteuer, ist es in der Tat nicht das gleiche, denn mich trifft die Steuer ungleich mehr. Mahnt Terenz mit seinem satirischem Satz strenge Gleichbehandlung an, klammert er jegliche Relativität aus. Die Ermahnung ist auch als Richtschnur für eine libertäre Rechtsprechung ungeeignet, die jeden Fall als Sonderfall zu betrachten hat. Den Mord sollte man sich abschminken. Es gibt den Totschlag zwischen streitenden Brüdern, und es gibt die vielen tausend Toten, die unsere Impfpäpste anstiften.

Hier sind vielleicht noch ein paar Bemerkungen zu einem Phänomen angebracht, das man Mogellogik nennen könnte. Zu den beliebtesten Gummihämmern, die in der Politik unablässig geschwungen werden, zählt die Feststellung, wer A sage müsse auch B sagen. Den Hammer fallen zu lassen, ist unstatthaft. Bin ich schon einmal aufs Klo gegangen, muß ich die Schüssel auch füllen – wieder rauskommen ohne meinen Darm entleert zu haben ist verboten. Auf dem Klo nur ein paar erholsame Comics lesen zu wollen, kommt schon Hochverrat gleich.

Darauf zu pochen, vermeintliche Logik sei oft gar keine Logik, ist aber zu wenig. Wie F. G. Jünger betont hat, folgt die Sprache überhaupt keiner Logik – sie umfaßt alle denkbare Logik. Sie vermeidet auch keine Widersprüche; sie deckt sie auf. Wenn es klappt! E. G. Seeliger meint (in seinem Handbuch des Schwindels) zur Gewalt: Nur auf dieselbe Weise, wie sie in die Welt gekommen sei, könne sie auch wieder daraus verschwinden, »nämlich auf dem Wege des Denkens«. Das mag unmittelbar einleuchten; mit Alain halte ich es sogar für richtig. Nur zwingend ist Seeligers Schluß nicht die Bohne. Ich frage Sie analog: Wie ist denn Seeliger auf die Welt gekommen? Aha. Und wird er die Welt auf diesem Wege auch wieder verlassen? Die arme Mutter.

Dazu paßt Robert Hofstetters Bemerkung zum landläu-figen Aberglauben, da nach unserer Erfahrung jedes Ereignis eine Ursache habe, müsse auch die Menge aller Ereignisse, oft »Universum« genannt, eine Ursache haben. Dieser Schluß sei so unsinnig wie beispielsweise die Behauptung, jeder Club müsse eine Mutter haben, da ja auch alle seine Mitglieder eine hätten.

In Remarques Obelisk verkündet ein Priester bei Sauer-braten und ausgesuchtem Weißwein, Speise und Trank seien Gaben Gottes, die wir zu genießen und zu verstehen hätten. Grabsteinhändler Bodmer erwidert, dann sei sicher auch der Tod eine Gabe Gottes – ob sie entsprechend zu behandeln sei?

Vor Jahren zeigte ich mich einmal über das Selbstlob eines mit mir befreundeten Malers erstaunt. Darauf versicherte mir der gute Mann, er würde seine Bilder genauso beein-druckend finden, wenn sie von einem anderem Maler stammten. Ich stutzte – und schmunzelte. »Diese Behaup-tung besitzt ohne Zweifel den Vorteil, daß kein vernünf-tiger Mensch von dir verlangen kann, sie zu beweisen.«

Um noch einmal aufs Universum zurück zu kommen: Unter Philosophen ist der Gummihammer des »Gesetzes« beliebt, nur Gleiches oder Ähnliches könne einander erkennen und verändern. Reiben sich Autorad und Straße aneinander ab, sind sie also beide rund? Mit gleicher »Evidenz« könnte ich umgekehrt behaupten: Nur weil ich keine Tomate bin, kann ich eine Tomate schmatzend verformen und in Menschenkot verwandeln. Doch wie auch immer, geben dergleichen »Gesetze« nicht ein Gramm an Erklärung her. Es sei denn, wir setzen diskret wie Kosmologe Jochen Kirchhoff einen aller Gravitation zugrunde liegenden Weltwillen voraus. Dann läßt sich nämlich hübsch behaupten, dieser wirke ja offensichtlich wirklich, insofern müsse auch das, worauf er wirkt, von seiner Art sein.



Testa, Pietro wohl 39 (1611–50), römischer Maler. Der aus der Toscana stammende Künstler glänzte vor allem mit grafischen Arbeiten (Zeichnungen und Radierungen) zu religiösen/mythologischen Themen. Bei aller zeitüblichen Theatralik spricht aus diesen Arbeiten doch eine ungeschönte Bitterkeit, die möglicherweise beiläufig auf das vorzeitige Ende ihres Schöpfers vorausweist. Testa hatte sich bereits als Jüngling, zum Zwecke seiner Ausbildung, nach Rom begeben, wo er sich unter anderem mit Pier Francesco Mola und Nicolas Poussin anfreundete. Ebendort soll er, mit knapp 40 Jahren, im Tiber ertrunken sein. Warum, ist umstritten. Während sich die frühen Biografen beeilten, von einem bedauerlichem Unfall zu sprechen, um nicht an Testas Seelenheil und dem christlichem Begräbnis zu rütteln, das ihm der katholische Klerus bewilligt hatte, neigt Ann Sutherland Harris* zu der Annahme, er habe sich umgebracht. Sie führt zum einen jüngste Enttäuschungen in Testas Karriere ins Feld. So wurde ein üppiger Auftrag, die Apsis der Kirche San Martino auszumalen, nach einigem Hin und Her zurückgezogen. Dafür waren Testas Fresken in der Kapelle St. Lambert in Santa Maria dell'Anima, wenn nicht bereits beseitigt, so doch von Zerstörung bedroht. Nebenbei lag im zweiten Fall der liebe Kollege Jan Miel auf der Lauer, weil doch auch er sehr hübsche Fresken zu malen verstand. Zum anderen verweist die US-Kunsthistorikerin von der University of Pittsburgh, Pennsylvania, auf unheil-schwangere Züge in Testas letzten Arbeiten. Neben »vielen pessimistischen Bemerkungen« in Testas nachgelassenen Schriften sei hier an seine Radierung Il suicidio di Catone von 1648 und seine unabgeschlossene Arbeit am Sujet Selbstmord der Dido zu erinnern.

Übrigens ist Testas nahezu nackter, mit dem Dolch im Bauche rücklings aufs Bett gelagerte Recke Cato von einer Schar ausgesprochen hämisch wirkender Überlebender umgeben, die meinen Satz von der »ungeschönten Bitterkeit« mitgeboren hat. Man wäre nicht erstaunt, wenn der Dolch nicht von Cato, vielmehr, zum Beispiel, von Jan Miel geführt worden wäre. An Mord verschwendet Sutherland allerdings keinen Gedanken. Sie vertraut Testas Zeitgenossen und Kollegen Passeri, demzufolge »Pietro was found drowned in the Tiber in the early spring of 1650, near the church of Santi Romualdo e Leonardo de' Camaldolesi«. Na und? Das ist schon als Beschreibung des Leichenfundes höchst ungenau und besagt darüber hinaus noch gar nichts über den Ort des Todes und nur wenig über die Umstände des (angeblichen) Ertrinkens dieses begabten Künstlers. Hier bietet sich das Projekt eines x-ten Historischen Romanes an – greifen Sie zu.

* »Notes on the Chronology and Death of Pietro Testa«, in: Paragone Nr. 213, Mailand November 1967, S. 35–70



Thévenot, Jean de 34 (1633–67). Den französischen Gelehrten, Weltreisenden und Schriftsteller, der bereits bis Indien vorgedrungen und dabei einigen unfreundlichen Seeräubern über den Weg gelaufen war, erwischte es endgültig mit 34 in Persien. In der dortigen Hafenstadt Bandar Abbas (am Persischem Golf) war er nämlich im Frühsommer 1667 »durch Verunglückung«, wie er noch selber berichtet, »von meinen Pistolen einen / das man nach meiner Aussteigung an Land / nicht losgespannt hatte«, am Oberschenkel verwundet worden.* Wahr-scheinlich hatte er für diese eher lächerliche Verwundung in der Folge keine fachmännische Behandlung gefunden, erlag er ihr doch Ende November bei Miyana im nordwestlichem Persien, nachdem er gen Täbris, dem Zentrum des persischen Aserbaidschan, aufgebrochen war. Der vielsprachige Thévenot wird für seine Achtung vor fremden Völkern und Gebräuchen und die entsprechende Unvoreingenommenheit gelobt. Nicht zuletzt soll er wesentlich zur Einbürgerung der Kaffeebohne in seinem Heimatland beigetragen haben.

* Deß Hn. Thevenot Reysen In Ost-Indien, Dritter Theil, Frankfurt am Main 1693, S. 225



Thornton, Melanie 34 (1967–2001). Am 24. November vor genau 20 Jahren von Berlin nach Zürich unterwegs, streifte eine Linienmaschine von Crossair kurz vor Zürich Bäume, stürzte ab und ging in Flammen auf. Wahrschein-lich waren nicht die Bäume, vielmehr Piloten- und Lotsenfehler schuld. Von den 33 Insassen starben 24, darunter die 34jährige Popsängerin aus den USA, die gerade erst ihr neues Album herausgebracht hatte. Dessen ahnungsvoller Titel: Ready to Fly. Vielleicht war es doch falsch gewesen, wenn sie sich bereits als Sechsjährige vor dem heimischem Spiegel aufgebaut hatte, um das öffentliche Singen zu trainieren – Trampolinspringen aus dem Fenster wäre wohl nützlicher gewesen. Laut Alexander P. Künzle* hatte sie, ehe sie in Berlin-Tegel die Unglücksmaschine bestieg, »in Leipzig im Rahmen der Coca Cola Christmas Tour den romantischen Wintersong Wonderful Dreams, Holidays Are Coming« vorgestellt. Selbstverständlich suchte ich sofort das offizielle, 4:01 lange Internet-Video gleichen Titels auf. Nach 25 oder 30 Sekunden mußte ich allerdings abbrechen, um mir aus der Küche einen Löffel Luvos Heilerde 1 zu holen. Neben Olbas-Tropfen ein todsicheres Mittel gegen Magenverstimmung.

* SWI (Bern) am 25. November 2001: https://www.swissinfo.ch/ger/melanie-thornton-ist-tot/2390652



Thümmig, Ludwig Philipp 30 (1697–1728), Kasseler Philosoph. Der Sohn eines oberfränkischen Pfarrers war bei seinem Studium in Halle Jünger und Lieblingsschüler des dort lehrenden Universalgelehrten Christian Wolff geworden. Als Wolff, der als wichtiger Verfechter eines »aufgeklärten Absolutismus'« gilt, vom preußischem König gefeuert wurde und nach Marburg ging, ging Thümmig mit. Wolff verschaffte ihm eine Professur am Kasseler Kollegium Carolinum. Diese Hochschule war erst unlängst vom dortigem Landgrafen (Hessen-Kassel) gegründet worden, und zwar im altstädtischem soge-nannten Ottoneum, das ursprünglich als Theater gedient hatte. Später wurde dieses Barockgebäude Naturkunde-museum. Etwas weiter den Steinweg hinab, im ehemaligem Marstall, sitzt das Kasseler Stadtarchiv. Leider wirft es das Handtuch, verweist mich aber freundlicherweise an das Hessische Staatsarchiv in Marburg. Was meinen Sie, was die mir schicken? a) einen bedauernden Brief, man wisse auch nicht, warum Philo-soph Thümmig schon so früh im Staatsdienst gestorben sei, b) ein separates PDF mit dem farbenprächtigem Logo des Landes und des Landesarchivs, wohl als Trostpreis. Immerhin schickt es mir c) keine Rechnung. Das Logo, im PDF nicht viel größer als eine Briefmarke, zeigt den bekannten gekrönten, weißrot gestreiften Löwen auf blauem Grund. Demnach ist Thümmig selber ein unbeschriebenes Blatt, sieht man einmal von seinem 1725/27 veröffentlichtem zweibändigem Werk Institutiones philosophiae Wolfianae ab.

Von mir weiß man übrigens mehr. Zumindest beim Verfassungsschutz und vielleicht auch auf dem Kasseler Polizeipräsidium. Wir demonstrierten ja damals dauernd, um 1967, und ich fürchte fast, ab und zu stahlen wir auch. Im Gegensatz zu Thümmig verfügten wir ja nicht über ein geregeltes Einkommen. Gefeuerte SchülerInnen, TagelöhnerInnen, RevoluzzerInnen und Strauchdiebe waren wir. Wie ich die Miete für meine erste sturmfreie Bude aufbrachte, ist mir heute noch ein Rätsel. Die winzige Dachstube lag übrigens zentrumsnah in einer schmalen Seitenstraße, die am Fuß des Weinbergs verlief und in die von Autos tosende Frankfurter Straße mündete. Wie die schmale Straße hieß? Philosophenweg.



Thurn und Taxis, Paul von 35 (1843–79), Regens-burger Fürstensproß, zeitweise engster Freund seines Königs. Dem müssen wir gottseidank keinen eigenen Eintrag verschaffen, war er doch schon 40, als er in den Starnberger See lief oder geduckt wurde: Ludwig II., der schillernde König von Bayern. Mit der Literatur, die es über den eitlen und prunksüchtigen Herrscher gibt, könnte man ohnehin den Starnberger See aufsaugen, während Paul, das »schwarze Schaf« seines Clans, eher ein Schattendasein zu fristen hat.

Paul hatte das Licht der Welt 1843 im Schloß Donaustauf bei Regensburg erblickt. Der Umstand, aus einem Fürstenhause zu stammen, das einige Taler mit Post- und Personenbeförderung gescheffelt hatte, machte ihn sicherlich zu einer standesgemäßen Partie, zumal ihn schon mit dem Eintritt ins 2. Bayerische Artillerieregiment (1861) die Leutnants-Litzen zierten. Nach einigen Fotos schlank und mit kühn zurückgekämmtem dunklem Haar, dürfte er Ludwig schon vom Augenschein her gefallen haben. Der König war nur wenig jünger als Paul – und jenem Literaturschwamm zufolge ziemlich sicher homosexuell gestimmt. Im Mai 1863 bestellte er Paul zu seinem Ordonnanzoffizier, und im Januar 1865, nach der Thronbesteigung, zu seinem persönlichem Adjutanten. Darüber, ob diese persönliche Ebene auch die Höhe der männlichen primären Geschlechtsorgane gewann, ist unter Historikern, Seelenärzten und Laien schon heißer gestritten worden, als es zwischen den beiden womöglich zuging. Jedenfalls belegen einige Liebesbriefe des Adjutanten an seinen König eine starke Inbrunst. »Unsere Freundschaft ist nun vollkommen anders. Vorher waren wir einfach nur jung, jetzt ist es eine Beziehung zwischen Männern. Du bist mein höchster Gedanke. Du bist alles für mich.« Denn auch Postkutschen-Paule machte sich von Hause aus offensichtlich mehr aus Männern als aus Frauen. Wenn er sich nur wenige Jahre später der Opernsängerin Elise Kreuzer für eine Nacht so heftig in die Arme warf, daß sie (angeblich) sogar schwanger wurde, dann aus Trotz oder Verlegenheit. Sie heirateten 1868. Pauls Festhalten an der a) bürgerlichen, b) jüdischen, c) öffentlich singenden Dame wird ihm allerdings oft gutgeschrieben. Schließlich handelte er sich damit manche Nachteile und Anfeindungen ein. Nach Hans Kratzer* verdient der abtrünnige Adelssproß wegen seiner Freisinnigkeit sogar unsere Bewunderung.

Unbestritten ist Ludwigs und Pauls gemeinsame Leidenschaft für die Musikmelodramatik des Richard Wagner. Als sich der König gezwungen sah, den verehrten und subventionierten Meister aus politischen Rücksichten aus München zu weisen und das üppige Theaterprogramm zu beschneiden, ließ er sich dessen Opern schließlich, um 1872, am Hofe privat aufführen, nur für sich. Sogar Paul klebte nicht mehr in einem roßhaargepolsterten Louis-Seize-Sessel an des Herrschers Seite, hatte Ludwig doch im November 1866 mit Paul gebrochen. Vielleicht war ihm der Junge nicht dienstbar genug; vielleicht hatte man den Jungen zu sehr bei ihm angeschwärzt. Es traf den Verstoßenen jedenfalls hart. Seinen Abschied aus der bayerischen Armee im Januar 1867 brandmarkte Kriegsminister Siegmund von Pranckh später als »Fahnenflucht«. Paul schlich zu Elise in die Schweiz, wo im Sommer des Jahres der (wahrscheinlich) gemeinsame Sprößling Heinrich zur Welt kam. Die Heirat erwähnte ich bereits. Kaum vollzogen, brach auch Pauls Clan mit ihm, nahm ihm seinen Titel und seine Erbansprüche und speiste ihn dafür mit einer Jahresrente von 6.000 Bayerischen Gulden ab. Freilich ist alles relativ: Ein Postkutscher oder ein Melker hätte sich mit dieser Rente als König gefühlt. Der einfache bayerische Soldat bezog damals monatlich keine drei Gulden, ein Hauptmann 85. Pauls Rente entsprach ungefähr dem Salär eines Generals. Zum Trost setzte ihn der ferne Ludwig, vielleicht aus alter Freundschaft oder schlechtem Gewissen, im Sommer 1868 wieder im bayerischem Adel ein, dieses Mal als »Paul von Fels«, weshalb auch der kleine Heinrich so hieß: Von Fels.

Um 1877 hatte Elise ein Engagement als Primadonna am Theater in Freiburg am Breisgau. In dieser Zeit soll sich Paul mit Tuberkulose angesteckt haben. Als sich sein Zustand rasch verschlechterte, gingen sie nach Lugano in Italien. Nach einigen Quellen verliebte sich die Diva ebendort in einen feschen preußischen Offizier, der im selbem Hotel abgestiegen war, und brannte mit ihm durch. Sohn Heinrich lernte Internate kennen. Jahrzehnte später lebte er mit seiner betagten Mutter auf einem Gut bei Oldenburg. Was Paul betrifft, suchte er Heilung, vielleicht auch Tröstung in Cannes, Frankreich – wo er seiner Krankheit, inzwischen 35, im März 1879 erlag. Man kann ihn vielleicht um seine Rente, dagegen kaum um seine Einsamkeit beneiden. Die Rente wanderte vermutlich zu der Witwe.

Um den Grund- und Geldbesitz und den Einfluß des heutigen, von Rennfahrer Albert von Thurn und Taxis geführten Clanes zu umreißen, fehlt mir hier der Platz. Es wäre sowieso zwecklos. Diese Leute schämen sich eher einer schlecht sitzenden Krawatte als ihrer gesellschaft-lichen Stellung.

* »Der Geliebte von Ludwig II.«, Süddeutsche Zeitung, 21. April 2018: https://www.sueddeutsche.de/bayern/geschichte-ludwigs-geliebter-1.3949293



Tinné, Alexandrine 33 (1835–69), niederländische Abenteuerin. Mit ihr können wir noch ein wenig in Pauls Zeit, wohl auch in seiner Vermögenslage bleiben. Aber sie wurde getötet, in Afrika. Fragt sich natürlich, aus welchen Gründen? Wie Friedrich Ratzel 1894 versichert*, habe es für Gustav Nachtigal, den berühmten Arzt und Afrikaforscher, keinen Zweifel daran gegeben, warum die 33jährige Alexandrine Tinné, Tochter eines steinreichen niederländischen Kaufmanns, 1869 im Gebiet der Tuareg, der Sahara also, einer »Blutthat« zum Opfer fiel: aus »Habsucht«. Das war lange Zeit die unter Historikern herrschende Meinung.

Nachtigal war Tinné im Todesjahr in der libyschen Stadt Murzuk begegnet. Gewiß reiste die zart gebaute und vielseitig gebildete junge Frau auf ihren Expeditionen stets mit einigem Luxus und Gefolge. Aber die Hälfte der Rücken ihrer Maulesel wurde von den unverzichtbaren Geschenken für die Eingeborenen eingenommen, und was ihre Barschaft anging, warf sie die Hälfte davon wiederholt kaum minder reichen Arabern zu dem Zwecke in den Schoß, damit Sklaven zu erlösen. Sie war sicherlich am geringsten von Eroberungs-, vielmehr von ihrer mit einer »Orientmeise« gepaarten Abenteuerlust angetrieben. Sie sprach fließend arabisch, konnte zeichnen, fotografieren, Karten lesen, Positionen bestimmen – dafür kam sie nie auf die Idee zu heiraten. Die FAZ verrät uns allerdings, unter ihren Motiven habe sich auch »Liebesfrustration« befunden.**

Schon 1861, mit rund 25, läßt sich Tinné in Kairo, 1867 dann in Algier nieder. Ihre erste Expedition gilt den sagenumwobenen Nilquellen, die unter anderem, fast gleichzeitig, schon Albrecht Roscher gelockt hatten – sie verpaßte sie, wegen Malaria-Anfällen, kaum anders wie er. Eine weitere Expedition, an der sich der Ornithologe Theodor von Heuglin und der Botaniker und Arzt Hermann Steudner beteiligten, beide aus Deutschland, führte sie zum Gazellenfluß in Süd-Sudan. Hier betrat sie viele Gebiete als erste weiße Frau überhaupt. Dennoch kehrte sie auch dieses Mal vorzeitig (nach Khartum) zurück, weil das Fieber neben Steudner ausgerechnet Tinnés Mutter Harriet getötet hatte, Tochter eines bekannten holländischen Vizeadmirals. Nun kreuzte Tinné eine Zeitlang mit ihrer Yacht auf dem Mittelmeer, um sich von den Brisen ihre Schuldgefühle austreiben zu lassen. Dann nahm sie (1869) von Tripolis aus die erwähnte Durchquerung der Sahara in Angriff – sie wäre die erste Europäerin gewesen, der solches gelang. Sie konnte sich dabei auf Hilfe und Geleitschutz der Tuareg stützen. Doch nach offizieller Leseart brach unweit von Murzuk unter ihren Treibern ein Streit aus, womöglich um die angeblich lockende Beute – und bei dem Versuch, ihn zu schlichten, sei neben zwei niederländischen Seeleuten auch die Expeditionschefin Tinné getötet worden.

Wie jüngere Veröffentlichungen von Peter Kremer (1988) und Antje Köhlerschmidt (1994)*** zeigen, sind gegenteilige Ermittlungen des Afrikaforschers Erwin von Bary und des Sprachwissenschaftlers Gottlob Adolf Krause über Jahrzehnte ignoriert worden – vermutlich, weil die Version von den kriegslüsternen und habgierigen Nomaden gut ins herrschende europäische Afrikabild paßte. Für Bary und Krause war die Expedition Tinnés das Opfer einer politischen Intrige geworden. Mit dem blutigem Zwischenfall hätten jüngere Stammesführer versucht, den greisen Anführer der nördlichen Tuareg, Ikhenukhen, anzuschwärzen, unter dessen Schutz Tinné gestanden hatte. Der Schwächling, ohnehin eine Marionette der Europäer, sei ja noch nicht einmal imstande, seine Schutzbefohlenen sicher durch das Ajjer-Land zu geleiten. So gesehen, war der angebliche Streit oder Raubüberfall lediglich getürkt worden. Man hätte freilich schon damals hellhörig werden können, falls man den Ehrenkodex der Tuareg kannte: danach war das Töten einer unter dem Schutz der Stammesgemeinschaft reisenden Frau unverzeihlich, ja sogar fast undenkbar. Daran mußte auch die Intrige scheitern.

* in seinem Artikel über T. in ADB Band 38
** jei, »Frustriert in den Orient«, 17. April 2003: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/reise/frustriert-in-den-orient-1105550.html
*** laut Artikel über T. in der deutschen Wikipedia




Tondo, Xavier 32 (1978–2011), spanischer Berufs-Radrennfahrer. Erst im März hatte er das Rennen Vuelta a Castilla y Leon gewonnen. Im Mai beorderte ihn der Movistar-Rennstall in die Berge bei Granada, Andalusien, damit er seine Lungen auf die Tour de France vorbereite. Er war mit seinem Teamkollegen Beñat Intxausti in einem Haus in Pradollano abgestiegen. Am 23. Mai wollten die beiden in Tondos Wagen gerade zum Training aufbrechen, als Tondo aus mir unbekannten Gründen sein Auto noch einmal verließ und den wahrscheinlich abschüssigen Bereich zwischen dem Wagen und der Garage betrat. Plötzlich, so die Meldungen vom Unfalltag, setzte sich das Auto in Bewegung und schob seinen Eigentümer gegen das Garagentor, das vermutlich schon automatisch geschlossen worden war. Durch wurde Tondo blitzschnell eingeklemmt und erdrückt.

Wahrscheinlich war der hagere 32jährige auf der Stelle tot. Intxausti saß offenbar im Auto und wurde Zeuge des tödlichen Mißgeschicks. Laut spanischer Wikipedia (über I.) sei der Kamerad untröstlich gewesen, weil er das Unglück nicht habe verhindern können. Das scheint ihm auch die Polizei aus Granada abgenommen zu haben, denn nirgends ist zu lesen, Intxausti sei belangt worden. Damals unterbrach er das Trainingslager in den Bergen vorüber-gehend. Er beendete seine Laufbahn erst 2019, wegen Krankheit.

Die Überschrift der Welt* kommt mir etwas irreführend vor. Es war ja wohl eher Tondos eigenes Auto, das ihn erdrückte, nicht das Garagentor. Das hatte er ja sowieso nur gemietet. Wäre er mit dem Fahrrad angereist, wäre das nicht passiert. Aber dazu fehlte ihm wohl die Zeit. Schließlich war er Rennfahrer. Merkwürdiger kommt mir die undurchsichtige Rolle seines Kameraden vor. Selbst wenn Intxausti mit dem Rücken zur Garage gesessen haben sollte, müßte ihm ja eigentlich das Fortrollen des Wagens aufgefallen sein. Aber vielleicht telefonierte er gerade mit seiner Frau, weil sie, ähnlich wie anscheinend Tondo, soundso viele Dinge in seinen Koffer zu packen vergessen hatte. In der Erregung fand er dummerweise mit seiner freien Hand nicht sofort die Handbremse des Wagens. Auch die hatte Tondo vergessen, nehme ich an. Und dann war es zu spät. Immerhin konnte Intxausti auf diese Weise seiner Frau gleich sagen, was sie nun schon wieder angerichtet hatte, und dann hurtig die Polizei benachrichtigen.

* »Spanischer Radprofi von Garagentor erdrückt«, Welt, 23. Mai 2011: https://www.welt.de/sport/article13389178/Spanischer-Radprofi-von-Garagentor-erdrueckt.html



Toole, John Kennedy 31 (1937–69), einst verkannter US-»Kultbuchautor«. Als der Englischlehrer aus Louisiana um 1965 verschiedene VerlegerInnen mit seinem Roman-manuskript A Confederacy of Dunces (Die Verschwörung der Idioten) kitzelte, ging er auf die 30 zu. Er war davon überzeugt, er biete ihnen einen Schlager an. Aber jeder hatte andere Bedenken; er kam mit seinen lebensnahen Grotesken aus der Unterschicht des »alten« New Orleans nicht zum Zug. In der Folge wurde er zunehmend von Kopfschmerzen heimgesucht, die auch durch zunehmenden Alkoholkonsum nicht zu ertränken waren. Die Attentate auf Kennedy und Luther 1968 bestätigten seinen Verfolgungswahn. Hinzu kam die Verunsicherung durch die homosexuellen Neigungen, die er offenbar besaß, sowie durch seine Mutter, die ihn ziemlich terrorisiert haben soll. Im Frühjahr 1969 mit seinem Auto auf den Spuren der Schriftstellerin Flannery O'Connor in Georgia und Mississippi unterwegs, machte er Ende März bei Biloxi Halt und brachte am Auspuff einen Gartenschlauch an, den er durchs Seitenfenster in den Wagen führte. Er starb mit 31. Zwar ließ Tooles beherzte Mutter in der Verlagssuche nicht locker, aber auch sie holte sich noch etliche Körbe. Nach rund 10 Jahren kam sie schließlich auf die Idee, den Schriftsteller Walker Percy anzugehen, der ebenfalls in Louisiana lebte. Percy war begeistert, fand 1980 einen Verlag – und die Kritik hatte Grund, »ein Meisterwerk der Südstaatenliteratur« zu feiern. Man verlieh Toole posthum den Pulitzer-Preis dafür. Der Roman wurde bislang in rund 20 Sprachen übersetzt und in Millionenhöhe verkauft. Christoph Schröder* bescheinigt ihm einen »ungeheuren«, oft bösartigen Witz, kann freilich auch nachvollziehen, warum seine Längen, Holprigkeiten und »Redundanzen« zahlreiche Lektoren abstießen. Ich selber kenne das »Kultbuch« wohlweislich nicht. Mir liegt das Anbeten so wenig wie das Nachbeten.

* »Die Anarchie eines trägen Hypochonders«, Zeit, 12. Januar 2012: https://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-01/john-kennedy-toole



Toschke, André Michael 38 (1972–2011), deutscher Mediziner, zuletzt Professor in München. Der Nachruf* der International Biometric Society (IBS) nennt ihn schlicht Arzt und Epidemiologe. Im April 2010 sei der offene Mann, der bei seinen Studenten oft Begeisterung für die Epidemiologie erweckt habe, »plötzlich und schwer erkrankt«. Woran, verrät das Fachblatt nicht. Der Nachruf im ganzen läßt freilich Schlimmes ahnen – wenn nicht für Toschke selber, dann für künftige Generationen. Forscher Toschke hatte sich »drängenden Gesundheitsfragen« gewidmet. Das Methodische seiner Aufmerksamkeit übergehe ich, weil es, im Nachruf, von einschüchterndem Fachchinesisch wimmelt. Thematisch hätten seine Arbeiten um Kindliche Adipositas (krankhaftes Über-gewicht) und Schlaganfall gekreist. »Er initiierte mit klinischen Partnern große Projekte zur Kinder- und Jugendgesundheit, die durch die Deutsche Krebshilfe … gefördert wurden ...«

Also, woran ist er denn nun gestorben? Nach Toschkes Kollegen Reuther sind die inzwischen häufigsten Todes-arten Arterienverschlüsse und Krebs. Diese Erkrankungen würden »auch durch Medikamente« verursacht, behauptet Reuther. Zu Krebserkrankungen stellt er außerdem unumwunden fest, ihre deutliche Zunahme seit Beginn der Industrialisierung gehe »maßgeblich« aufs Konto von Umweltgiften, also beispielsweise Giften in Düngemitteln oder Baustoffen.** Oder sollte es in Toschkes Fall ein Schlaganfall gewesen sein, dem er noch nicht ausreichend zuvorgekommen war? An einer anderen Stelle widmet sich Reuther dem allerjüngstem Geschäftsmodell des Medizi-nisch-Industriellen Komplexes, das mal »Früherken-nung«, mal »Vorsorge«, mal »Prävention« heißt. Die Verhütung von Krankheiten, die man gar nicht bekommen hätte, stelle einen Mißbrauch riesigen Ausmaßes dar. Durch Fahndungen, Medikamente, Impfungen, sogar Operationen gebe man vor, beispielsweise, neben Krebs, auch Herzinfarkte und Schlaganfälle zu verhindern. Wenn sich die Unwirksamkeit oder Schädlichkeit der Maßnahme herausstelle, habe sich ihr Profiteur »längst aus dem Staub gemacht«.

Nun will ich nicht ausschließen, der fahnenflüchtige Forscher Toschke habe auch durch harmlose Programme versucht, sich einen Namen zu machen. Zum Beispiel war er 2009 Mitautor des Pedriatics-Artikels »Promotion and Provision of Drinking Water in Schools for Overweight Prevention«, April 2009. Ob er eher das Wasser aus der Quelle X oder das aus der Quelle Y empfahl, kann ich nicht sagen. Möglicherweise kommt es nur darauf an, sie sprudelt.

Im Grunde ist Toschkes frühes Ableben (mit knapp 39) natürlich ein Jammer, weil er dadurch die Ausrufung der Bill-Gates-Angela-Merkel-Pandemie nicht mehr erleben und mitgestalten durfte. In meiner Stammbuchhandlung geht seit geraumer Zeit ein, sagen wir, vollbärtiger Mann einer Halbtagsbeschäftigung nach, der wie ich zu den Pionieren der hiesigen, mehr oder weniger anarchistisch orientierten Puppenfabrikkommune zählt. In dieser wohnt er nach wie vor. Als ich den Buchladen im vergangenen Sommer (2020) einmal ohne Maske betrat, weil ich ihn ja gar nicht auszurauben gedachte, verbarg er seine Befremdung mit dem Scherz, an »Maskenmuffel« dürfe er eigentlich nichts verkaufen. Also kramte ich meine Maske aus der Arschkippe und setzte sie folgsam auf. Die Krönung erlebte ich aber erst dieser Tage, als ich »schon wieder« ein pandemiekritisches Werk abholen wollte, das mir seine Kollegin bestellt hatte. Ich bezahlte und wandte mich zur Tür. Plötzlich meinte mein Ex-Genosse mit teils gequälter, teils strafender Miene: »Eine solche Lektüre kann ich natürlich nicht gutheißen, mein lieber Henner ...« Dazu nickte ich nur.

Just in meiner Puppenfabrikzeit, um 2005, war ich öfter mit Texten in dem Monatsblatt für Selbstorganisation Contraste vertreten. Ich war für dieses Forum dankbar, zumal es keineswegs stümperhaft gemacht war. Aber nach 2010 ging mir zunehmend die Einreihung des Blattes in die ausgesprochen breite Querfront der KämpferInnen fürs Klima gegen den Strich. Das Faß lief im Juni 2020 über, als ich eine durchaus geschickt geschriebene Kolumne des Stammautors U. F. las. Unter dem Titel in Gänsefüßchen »Das blöde Robert-Koch-Institut« bekennt er da »viel Verständnis für die [Corona-]Maßnahmen des Staates«, pocht auf die »hohe Zustimmung« für diesselben, wie es AnbeterInnen der Mehrheit=Stärke immer tun, und schlägt den Lesern des alternativen Blattes vor, »einfach nur mitzumachen, wenn der Staat versucht, ein mehr oder weniger gelungenes Krisenmanagement zu fahren«. Nach dieser peinlichen volksgemeinschaftlichen Wegweisung hatte mich das Blatt auch als Leser verloren.

Gewiß war ich, als ziemlich konsequenter Antiautoritärer oder Anarchist, schon immer Außenseiter. Aber dann kam noch der Wahn mit dem »Klimawandel« hinzu – und neuerdings setzt der Impfwahn allem die Krone auf. Ich wüßte keine fünf Leute in meinem Bekanntenkreis, die nicht davon angesteckt wären. Man ist nahezu absolut isoliert. Die Volksgemeinschaft setzt jetzt nicht mehr die von Symptomen befallenen kranken Mitbürger in Quarantäne; sie macht es mit den kerngesunden Außenseitern. Ob ich inzwischen noch, per Eisenbahn, zu einer Gothaer oder Eisenacher Buchhandlung ausweichen könnte, wage ich zu bezweifeln: Reisekontrollen. Und die Tage, wo ich noch Brot und Käse einkaufen darf – handy- und impfpaßlos, wie ich bin, dafür ein Bargeldtrottel – sind auch schon gezählt.

* Rundschreiben der deutschen IBS-Sektion, Heft 1, Juni 2011,
S. 28/29: http://www.biometrische-gesellschaft.de/fileadmin/AG_Daten/Publikationen/PDFs/RS2011-1.pdf
** Heilung Nebensache S. 323 + 335 + 303/4




Tost, Gita 34 (1965–2000), bayerische lesbische Autorin und Künstlerin, Streiterin für Gleichstellung alternativer Beziehungsformen, Selbstmörderin. Neben seiner Angst vor dem Tod – die ist natürlich die höchste – hat der verantwortungsbewußte Selbstmörder mindestens drei Hürden zu nehmen. Sie betreffen den Zeitpunkt, den Tatort und das Mittel. Zum ersten kann er sich seinen Selbstmord abschminken, wenn er damit wartet, bis er das große Zittern hat, blind ist oder vom Kopf her nichts mehr auf die Reihe bringt. Zumindest sollte er beizeiten seine Vorbereitungen treffen. Zweitens hat er einen Tatort auszuwählen, der seinen Freunden und seinen Mitbürgern möglichst wenig Ungelegenheiten bereitet. Darüber habe ich schon mehrmals gesprochen, unter anderem bei >Marjoribanks. Sich um Mittag vom Kirchturm auf den Marktplatz zu stürzen, scheidet also genauso aus wie der bereits wiederholt gegeißelte grobe Unfug, sich vor ein Auto oder eine Lokomotive zu werfen. Zu den Zügen bietet sich eine erheiternde Ergänzung an, die ich dem Stuttgarter Theatergeschichtler Adolf Palm verdanke (S. 182–87, siehe Fußnote bei >Wittmann). Ich schiebe sie hier ein.

Der Schauspieler Carl Birnbaum (1803–65) hatte vornehmlich, zuletzt in Kassel und Stuttgart, in komischen Rollen geglänzt. Aber er war vom Pech verfolgt. Zunächst ließ sich seine 1837 geborene Tochter Auguste, selbstver-ständlich ebenfalls Bühnenkünstlerin, auf den ältesten Sohn des Kasseler Kurfürsten ein. Der Sprößling hieß Friedrich Wilhelm, wohl schon damals Prinz oder Fürst von Hanau. Er versprach seiner Angebeteten das Blaue vom Himmel und machte sie schon einmal zur »Gräfin« – nur hatte er kaum noch einen Taler in der Tasche, weil sein Alter wegen der unstandesgemäßen, in England geschlossenen Ehe die Geldzufuhr gesperrt hatte. Vater Birnbaum, ohne Zweifel geschmeichelt, half zunächst aus der Klemme. Er steckte den Frischvermählten Summen zu, die ihn um ein Haar ruiniert hätten, wie Palm versichert. Aber nach wenigen Ehejahren war die Adelsspuk zuende: der Prinz kroch beim Alten in Kassel zu Kreuze, die »Gräfin« durfte sehen, wo sie blieb. Natürlich schlich sie nach Hause, zu Vater Birnbaum in Stuttgart also. Dort kam sie »gebrochen, zerschlagen an Körper und Seele« an, offensichtlich sterbenskrank. Als ihr Vater sie in Cannstatt begraben mußte, war sie noch keine 25 Jahre alt. Das war im Sommer 1862. Doch Gram und Schmach machten vor Birnbaum selber nicht halt. Noch im selbem Jahr starb seine eigene Gattin Maria. Vom Intendanten der Stuttgarter Hofbühne Ferdinand von Gall fühlte sich Komiker Birnbaum zunehmend geschnitten und gekränkt. Er biß die Zähne zusammen. Dann kam es zur Stuttgarter Erstaufführung der Karlsschüler von Heinrich Laube. Das war Anfang 1865. Birnbaum war erst kürzlich 61 geworden. Für diese Produktion hatte man ihm die Rolle des schwäbischen Serganten Bleistift zugeteilt, »jener armen gehudelten Unterthanenseele, in welcher er ein Stück seines eigenen Duldens, seines eigenen verpfuschten Daseins ausgeprägt fand«. Entsprechend sorgfältig habe sich Birnbaum mit der Rolle vertraut gemacht. Ihren Glanzpunkt hat sie in Bleistifts Erzählung aus seinem traurigem Vorleben, plaziert im zweiten Akt. Über diesen Akt kam die Erstaufführung des 10. Februars nicht hinaus.

Birnbaum hatte seine Erzählung durchaus eindrucksvoll über die Bühne gebracht; »stürmischer Beifall«. Er ließ sich bereits auf der Hinterbühne erschöpft auf irgendeiner Kiste nieder. Plötzlich vernahm der Inspizient Birnbaums Aufschrei. Er sprang hinzu und fing den Taumelnden in seinen Armen auf. Dann lag der blauberockte »Sergant Bleistift«, jäh vom »Schlagfluß« getroffen, auch schon als geschminkte Leiche lang auf den Brettern, die ihm die Welt bedeutet hatten, während auf der Vorderbühne die Tabak rauchenden und Punsch trinkenden Karlsschüler lärmten. Palm zufolge wurde der zweite Akt noch zu Ende gespielt, das Stück im ganzen jedoch nicht. Birnbaums Mitspieler Grunert, »Herzog Karl«, setzte das Publikum ins Bild und schickte es nach Hause.

Keine Panik bitte, die Pointe kommt noch. Dafür sorgte das Gericht, als es die Papiere des Verstorben durchsah. Es zog einen Zettel hervor, den Birnbaum erst kürzlich handschriftlich bekritzelt hatte: »Morgen, am Tage nach der ersten Aufführung der Karlsschüler wird man meinen hoffentlich rasch und tödtlich zerrissenen Leichnam auf den Eisenbahnschienen zwischen Feuerbach und Kornwestheim finden. Ich bitte um freundliches Angedenken und um ein stilles, einfaches Grab an der Seite meines geliebten Kindes. Es bedarf keiner Inschrift.« Für Palm ist damit klar, Birnbaum hatte bereits mit dem Leben abgeschlossen, als er sich in der Garderobe zum Serganten Bleistift schminkte. Nur habe ihm »ein letzter Strahl von Schicksalsgunst« das Los erspart, »im fröstelnden Grauen eines Februarmorgens auf dem harten Lager der Eisenbahnschienen« zu liegen. Das verhinderte Grauen verschiedener Bediensteter und Fahrgäste der Eisenbahn dagegen liegt jenseits des Palmschen Horizonts.

Damit zurück zu den Hürden. Nummer Drei betrifft das Mittel, das der Selbstmörder wählt. Es sollte auch ohne Bemühung von Dampfkraft möglichst verläßlich greifen. Von den Hinrichtungen mit der Giftspritze ist zum Beispiel bekannt, daß es dabei auch deshalb immer wieder zu ausgefallenen Grausamkeiten kommt, weil die Betäubung vor oder bei der Hinrichtung versagt. Das liegt mal an schlampiger Verabreichung, häufiger aber daran, daß die für den subjektiven Fall angemessene Auswahl und Dosierung der Betäubungsmittel sehr schwierig, im Grunde sogar unwägbar ist. Aber den Deliquenten kurzerhand zu erschießen, und zwar noch im Gerichtssaal unmittelbar nach Verlesung des Todesurteils, kommt zumindest in den Staaten nicht in die Tüte. Es würde den US-Präsidenten und seine WählerInnen zu sehr an die täglichen außenpolitischen Aktivitäten der Yankees erinnern.

Aus diesen Ausführungen folgt: ein schlecht erwogener und ausgeführter Selbstmord kann leidvoller sein als das Übel, das ihn veranlaßt hat. Das schließt natürlich auch das drohende Scheitern des Versuchs ein sich umzu-bringen. Neben den ungefähr 800.000 Suiziden jährlich weltweit kommt es nach verschiedenen Schätzungen auch Jahr für Jahr zu mehreren oder gar vielen Millionen Selbstmordversuchen, also zu Fehlschlägen. Und nicht selten haben diese für den Gescheiterten äußerst unangenehme gesundheitliche und soziale Folgen, von Gewissensqualen einmal abgesehen. Konnte er beispiels-weise vorher noch durchs Zimmer schlurfen, hockt er nun im Rollstuhl. Und so weiter. Kann er aber doch noch laufen, wird der Gescheiterte, soweit ich weiß, zumindest in Deutschland wegen »erheblicher Selbstgefährdung« sofort in die Psychatrie gesteckt. Aufgrund seines Suizid-versuches wird ihm nämlich eine psychische Erkrankung unterstellt, die zu diagnostizieren, zu bekämpfen und möglicherweise zu heilen ist – wahrscheinlich mit Medikamenten und Methoden, von denen der Gescheiterte bei seinem Suizidversuch nur träumen konnte.

Warum sich Gita Tost in der Nacht vom 12. auf den 13. Januar 2000, wahrscheinlich in oder bei Regensburg, eine Mahlzeit aus Knollenblätterpilzen kochte, bleibt in den vorhandenen Quellen verschwommen wie ein Wald im Nebel. Den Wald scheint sie dann nach der Mahlzeit auch aufgesucht zu haben. Dort habe sie die giftigen Pilze »eigenhändig« gesammelt, schreibt Gitta Schürk.* Tost war wohl auch sonst von der »Magie des Waldes« umsponnen. Für Schürk war sie »eine krätzgurkige, herzensgute Seele«. Sie muß eine harte, leidvolle Kindheit und Jugend gehabt haben, teils in einer »miefigen« niederbayerischen Kleinstadt, stets mit viel ihr angetaner Gewalttätigkeit. Schließlich floh sie aus einer Ehe und versuchte es mit der kämpferischen Kunst.

Als sie, vermutlich nicht mehr bei Sinnen, im Wald lag, kam ein fremder Mann und brachte sie ins Krankenhaus. Eine Woche lang wurde um das Leben der 34jährigen »gerungen«, wie es ja immer heißt. Dann war sie tot. Sie selber hatte womöglich mit einigen Qualen zu büßen; der Steuerzahler dagegen mit vielen Euros für den Medizinisch-Industriellen Komplex.

* »Eine Welt ohne Gita Tost ...«, GWR April 2000: https://www.graswurzel.net/gwr/2000/04/eine-welt-ohne-gita-tost-in-eine-anderswelt-mit-gita/



Toulouse-Lautrec, Henri de 36 (1864–1901), Maler und Bordelleur. Man weiß es schon, der berühmte Adelssproß soff sich tot. Er starb im September 1901, drei Jahre nach seinem ersten Delirium tremens, im Beisein seiner Eltern auf deren Schloß Malromé mit 36 Jahren. Eine Syphilis-Erkrankung soll ebenfalls im Spiel gewesen sein. Man glaubt es gern, da er bekanntermaßen trotz seiner Kleinwüchsigkeit gern auf Freiersfüßen wandelte – oder gerade wegen ihr. Die Pariser Bordelle waren sein halbes zu Hause. Ein »leichtes Leben« war das natürlich kaum. Wie ich schon vor rund 20 Jahren in meinem Essay über das Aktmodell erwähnte, hatte der Künstler einmal auf die übliche Frage, woran er gerade arbeite, erwidert: »Ich versuche mich selbst zu ertragen.« Im November 2005 meldete die Presse, bei den Herbstauktionen von Christie's in New York sei Toulouse-Lautrecs Gemälde Die Wäscherin für 18,6 Millionen Euro über den Tisch gegangen.* Modell stand ihm damals, 1886, Carmen Gaudin. Vielleicht hatte er die kesse Rothaarige sogar vergleichweise fürstlich entlohnt. Aber was war und ist mit den Wäscherinnen? Oder den Turnschuhnäherinnen?

* https://www.spiegel.de/thema/henri_de_toulouse_lautrec/
2. November 2005




Trinkler, Emil 34 (1896–1931). Der Geograf, Asien-forscher und Fotograf aus Bremen, Sohn eines dortigen Tabakkaufmanns, hatte sich um 1925 unter anderem bei der Erforschung=Ausspionierung? Afghanistans bewährt, das ja noch heutzutage das brennende Interesse westlicher Demokratien und ihrer Militärs erregt. Früher hatte er bereits Indien bereist. Diese ausgedehnten Unterneh-mungen im »wilden« Fernen Osten überstand Trinkler offenbar unbeschadet, obwohl er schon dort zum Zwecke der Fortbewegung zumindest in Indien auch das Auto-mobil bemühte.* Es folgten etliche Veröffentlichungen, eine Heirat mit der Bremerin Ilse Wülbern und die Vorbereitung einer dritten Expedition, die die Trinklers im Verein mit einem befreundetem Ehepaar nach Persien und Zentralasien führen sollte. Trinkler hatte sich von der Stille Asiens und der Abwesenheit jeglicher Unrast und »Hetze« beeindruckt gezeigt – ein Balsam für die westliche Seele, die ihm »verkümmert« vorkam. Prompt hatte er am 12. April 1931 auf der Landstraße von Bremen nach Bremerhaven einen »Kraftwagenunfall«, wie man damals dazu sagte. Insofern darf er auch als VorläuferIn der vorbildlichen SPD-Politikerin Hilde Adolf gelten, siehe bei >Leichsenring. Damit hatte sich die Expedition erledigt, erlag Trinkler doch eine Woche darauf, mit knapp 35, seinen Verletzungen im Bremerhavener Städtischen Krankenhaus. Später benannte man in Bremen eine Straße nach dem Sohn des Stadtstaats. Zwar findet sich im Bremer Staatsarchiv eine dünne Mappe mit Zeitungs-ausschnitten über Trinkler, doch auch daraus gehen keine Einzelheiten über die Landstraßen-»Tragik« hervor, von der Erika Thies 2006 spricht. Vielleicht war Trinkler ein elefantengroßes Gespenst erschienen.

* http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/87509089



Tschelebi, Muhammad Nafi 31 (1901–33), syrischer Muslimführer in Berlin. Sein Ende liegt im Nebel. Der Leichnam des 31 Jahre alten Syriers aus Aleppo wurde im Sommer 1933 von Spaziergängern am Ufer eines Grunewaldsees entdeckt. Ob Tschelebi ertrank und warum er starb, scheint niemand zu wissen. Es wird lediglich darauf verwiesen, daß die Nazis schlecht auf ihn zu sprechen waren.* 1923 nach Berlin gekommen, hatte sich der Student der Technischen Universität zu einem führenden Förderer der Integration der Berliner Muslime und der Verständigung zwischen den Weltkulturen entwickelt. Er leitete das von ihm geschaffene Islam-Institut (1927) und gab mehrere Zeitschriften heraus. Allerdings hatte sich Tschelebi kräftig mit »autokra-tischen« Führern der muslimischen Gemeinde angelegt, könnte also auch ein Opfer interner Auseinandersetzungen gewesen sein. Über seinen privaten Lebenswandel – und etwaige Enttäuschungen oder Krankheiten – ist buchstäb-lich nichts zu erfahren. Seit 1997 verleiht das Zentral-institut Islam-Archiv-Deutschland, das seit 1981 in Soest sitzt, jährlich an Nicht-Muslime, die im beschriebenem Sinne wirken, einen nach Tschelebi benannten Preis. 2012 ging er zum Beispiel an den Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma Romani Rose.

* Burkhard Schröder in: »Die Berliner Moschee ...«, Juni 2006,
S. 57–59: http://berlin.ahmadiyya.org/berlin-mission-june06.pdf




Tuchscheerer, Walter 38 (1929–67), DDR-Ökonom. Der Sohn eines KPD-Funktionärs in Oelsnitz, Sachsen, studiert zum Teil in Moskau, wird anschließend in einem Osterliner Institut angestellt und leistet angeblich pionierhafte und wichtige Forschung zur Frühgeschichte der Marxschen Kritik der Politischen Ökonomie. Leider kann er sein Hauptwerk nicht vollenden, weil er bereits mit 38 stirbt, und zwar »nach kurzer Krankheit«, wie es bestenfalls hier und dort heißt. Das Werk wird aber, als Fragment, ein Jahr darauf, 1968, von seiner Ehefrau Gerda veröffentlicht, damit auch wirklich nichts umkommt.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an den professionellen Go-Spieler >Hon'inbō Shūsaku. Dort drückte ich bereits mein Erstaunen über die Tatsache aus, daß es auf diesem Planeten offenbar nichts gibt, das nicht in Berufung und Einkommen verwandelt werden könnte, sofern sich der Betreffende nur schlau genug anstellt. Jetzt sehe ich diese unzähligen WissenschaftlerInnenrücken, die sich über Tonnen an Büchern, Schnipsel und Notizen bücken, um die Welt mit Belanglosigkeiten oder jedenfalls ihrer persönlichen Variante der Variante der Variante zu beglücken. Biochemiker Erwin Chargaff verhöhnte bereits vor Jahrzehnten das unaufhaltsame Streben der Naturwissenschaften zur Spezialisierung, etwa um noch die Gliedmaßen eines Tausendfüßlers zu spalten und dadurch wieder 2.000 neue Arbeitsplätze und Doktoranden zu schaffen. Ähnlich grotesk geht es bekanntlich im Sport zu, wo kein Monat vergeht, in dem nicht eine neue »Disziplin« erfunden wird, die nur um Haaresbreite von der Mutterdisziplin abweicht. Aber was sage ich, es geht überall so zu, Sie können nehmen, was sie wollen. Das Stichwort »neu« verweist nebenbei auf die kapitalistische Warenproduktion, in die der Zwang zur »Innovation« geradeso eingebaut ist wie der Motor ins Auto und die Inflation ins Kreditwesen. Allerdings verweist es auch auf den gleichsam natürlichen Zug der Neugier, der wahrscheinlich schon in Neandertalhöhlen keimte. Mit den ersten Zeitungen wurde der Neuigkeitswahn daraus.

Vielleicht kommt uns die Gier nicht zufällig unter. Das Wesen des Menschen läßt sich ohne Zweifel unter etliche verschiedene Hüte packen – und einer davon heißt Vergeudungssucht. Der Mensch will nicht genügsam sein; er will nicht maßhalten – er will verschwenden. Da ist etwas Überquellendes in ihm, das sich an keinem Tier beobachten läßt. Er muß in einem fort opfern. Er opfert Zeit, seine Kinder, seine Gesundheit, sein Leben, um nur nicht auf der Stelle treten zu müssen. Niemals würde es einem Fuchs einfallen, einen Artikel über die Hutmode oder die Münchener Räterepublik zu verfassen, wo es doch schon viele tausend Artikel über die Hutmode und die Münchener Räterepublik gibt. Viele davon sind gut geschrieben, nur von einer geringfügig anderen Warte aus. Neu ist an ihnen nichts. Der Redakteur könnte einfach den Mutter-Artikel von 1922 ins Blatt rücken und das Honorar für den jüngsten Wichtigtuer einsparen. Aber dann bräche das Zeitungswesen oder das ganze Internet zusammen. Das will natürlich keiner.

Warum ist der Mensch so ungenügsam und rastlos? Warum opfert er so viel? Manche Autoren vermuten eine Quelle im Schuldbewußtsein des Menschen. Schließlich habe er sich durch irgendetwas die Vertreibung aus dem Paradies zugezogen, das bedrückt ihn, zumal er nicht weiß, durch was. Da ist sicherlich einiges daran. Es wäre mir freilich zu wenig, lediglich einen Gesichtspunkt anzubieten … Alain betont (in seinem Buch Die Götter) den Stolz des Menschen. Weit entfernt von Beschaulichkeit, handle es sich beim Stolz um einen gereizten, unbändigen Drang, der durch Maßlosigkeit zu herrschen suche. Wahrscheinlich wird er von dem Übermaß angegriffen, das die Natur uns zeigt – und als Zorn ist er die Antwort darauf. Denken Sie nur an tosende Stürme und Flüsse, endlose Sandwüsten, Gebirgsmassive, Urwälder und das Gewimmel im Tierreich. Diese Üppigkeit demütigt uns und stachelt uns auf. »Sie entzündet in uns den Wunsch nach noch steileren Gipfeln, noch höheren Wogen, noch drückenderer Einsamkeit. Versuch es, All, ob du mich zwingst! Wir stürzen uns ins Wagnis der Besteigung, des Fluges, des Krieges, der gefahrvollen Forschung.« Das im Ansatz rein geistige Phänomen des Stolzes – dessen Gegenspieler für Alain das Mitleid darstellt, also eine Sache des Herzens – erkläre auch ein wenig »die Hölle des alten Mexiko, wo man das Hinschlachten von Tausenden von Gefangenen zum Fest erhob. Man gefiel sich wohl in Verschwendung, die den Menschen der Sonne oder dem Vulkan gleichstellen sollte, also eine Rache aus Schwäche, aber auch aus Stärke gegenüber der Natur, und ganz etwas anderes, als wenn das Tier tötet um zu fressen und sich dann einfach aus dem Staub macht.«

Vielleicht gibt es für unsere Neigung zur Verschwendung sogar eine Quelle, die vor aller Nahrungszufuhr liegt. In seinem wahrlich fetten Hauptwerk Masse und Macht – von dem Sie 4/5 getrost vergessen können – kreist Elias Canetti um den Willen zum Überleben. Einmal streut er den verblüffenden Hinweis ein, die Erbitterung, mit dem ein jeder diesen Kampf zu führen pflege, gehe bereits aus dem Umstand unserer Zeugung hervor. Während bei diesem Vorgang bekanntlich lediglich eine Samenzelle bis in die Eizelle dringt, bleiben ungefähr 200 Millionen andere Samenzellen auf der Strecke. Jedes neue Ich verdankt sich einem wahren Massaker. Vielleicht haben wir darin sogar die Quelle des allgemeinen Selbstbehaup-tungsdrangs. Das hieße, selbst im geringfügigsten Streit darum, wer in der politökonomischen Frage X recht habe, drücke sich der Wunsch aus, von den 199,99 Millionen anderen nicht untergebuttert zu werden. Genauso könnte man hier »natürlich« auch die Quelle der Kriege vermuten, die die Menschheit nie für auch nur eine Woche zu führen unterläßt; das jeweilige »Vaterland« ist die eine Zelle, die den Sieg davontragen muß.

Wenn wir schon dabei sind, dem »Selbst« oder »Ich« nachzuspüren, können wir möglicherweise auch noch begreifen, warum uns das eigene Hemd immer näher ist als das Hemd unseres Nachbarn. Die Antwort liegt auf der Hand – beziehungsweise der Haut. Der Nachbar steckt nicht in meiner Haut. Sticht die Mücke mich, hat der Nachbar die Sorge mit der Schwellung und dem Malaria-virus nicht. Im Gegensatz zum Fuchs und zum Schmetter-ling ist der Mensch ungewöhnlich schmerz- und krankheitsanfällig. Er ist ungleich wehleidiger und schutz-bedürftiger als jedes Tier. Und das Tier kennt »natürlich« auch den Tod nicht. Der Tod ist der Hauptstachel in unserem Fleisch.



Tuor, Alfons Eduard 33 (1871–1904), Lehrer und rätoromanischer Schriftsteller aus Graubünden, Schweiz. Da sind sie schon, die Schmerzen. Laut Renzo Caduff* hatte Tuor »schon früh« unter chronischen Schmerzen gelitten. Mehrere Hüftoperationen hätten keine wesentliche Besserung erbracht. Andere Quellen sprechen von »schwerer Knochentuberkulose«. Daran sei er auch, mit 33, gestorben. Bei dieser eher seltenen Tuberkulose wandern die heimtückischsten Bakterien eines Tages von der Lunge zur Wirbelsäule und tun sich an den Band-scheiben und Wirbelknochen gütlich. Eine Ahnung von den Schmerzen gibt der bekannte »Hexenschuß«.

Merkwürdigerweise werden neuerdings gerade in den vielsprachigen Alpen »Neger« und »Mohren« bekämpft, während mir von der Ächtung des »Hexenschusses« nichts bekannt ist. Selbstverständlich stammt der Begriff aus dem mittelalterlichem Klerus, der bekanntlich nichts lieber tat, als Frauen zu verleumden und zu verbrennen. Übrigens soll Tuor ledig gewesen sein. Er war also mit Schmerzen, aber ohne Frauen – vielleicht. Hier drängt sich auch gleich die Schuldfrage wieder auf. Wenn Leuten wie Tuor solche Qualen bereitet werden, müssen sie doch sicherlich irgendetwas falsch gemacht haben, das nun bestraft wird. Dazu meinte Manès Sperbers Dichter Djura, allerdings frei nachempfunden: Der Fehler liegt schon da, wo sich einer widerstandslos gebären läßt, statt bereits in der Fruchtblase Amok zu laufen.

Über Tuor ist kaum etwas zu finden. Das meiste scheint man noch über das Rätoromanische zu wissen. Es zählt zu den drei Amtssprachen Graubündens und wird dort von rund 60.000 Leuten gesprochen. Es steht dem Italienischem nahe.

* Eintrag im Historischen Lexikon der Schweiz, Stand 2012: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/009120/2012-11-29/



Turbo, Tumo 38 (1970–2008). Bedenkt man zumal sein Ende, hatte sich der erfolgreiche ehemalige äthiopische Marathonläufer, Sohn eines Bauern, den richtigen Namen verpassen lassen oder selbst verliehen. Ende Oktober 2008 hockte er, laut damaliger AFP-Meldung, rund 200 km südlich von Addis Abeba in einem Bus, der unvermutet vor eine Mauer prallte. Angeblich waren dessen Räder abge-brochen – »its wheels snapped off« … Je nach Roboter, waren sie möglicherweise auch einfach abgefallen. Wie auch immer, die Sache lohnte sich: 19 Tote, darunter Turbo (38), und 30 Verletzte.



Turner, Nat 31 (1800–31), rebellischer US-Sklave, hingerichtet. Zu den größten und offenkundigsten Schwerverbrechen des neuzeitlichen Imperialismus zählt der Sklavenhandel. Aber wer hätte es heute noch vor Augen? Und wer würfe der inzwischen weltweit etablierten »Freien Marktwirtschaft« heute noch vor, sie habe ihre »ursprüngliche Akkumulation des Kapitals« vor allem, neben großangelegtem Diebstahl von Landstrichen, Bodenschätzen und anderen Wertsachen, dem Raub von Menschen und der viehischen Zwangsarbeit dieser Geraubten zu verdanken? In seinem Buch Die Weißen kommen* schätzt Gert von Paczensky, allein Afrika habe, zwischen ungefähr 1500 und 1850, mindestens 100 Millionen Menschen, dabei oft die gesündesten und arbeitsfähigsten, durch dieses Schwerverbrechen verloren. Aber man weiß es, die AfrikanerInnen sind an ihrem heutigem Elend selber schuld. Und eine »Selektion«, die die »Nigger« auf dem umstelltem Dorfplatz nach geeignet und ungeeignet sortierte, fand bekanntlich nur um 1940 in den Barackenlagern der Doktor Mengeles statt.

Der blutige Witz: das Problem des Arbeitskräftemangels hatte sich die Freie Marktwirtschaft dereinst mit ihren Schlächtereien beim »Entdecken« selbst geschaffen. Von Paczensky zitiert aus einem Bericht des spanischen Priesters Bartholomäus de Las Casas von 1543. Die Spanier hätten sich in Mittelamerika »wie hungrige Wölfe und Löwen« aufgeführt. »Sie haben über 40 Jahre lang nichts gemacht, als die Einheimischen zu töten, sie leiden zu lassen, zu quälen, sie zu foltern mit außerordentlich grausamen Methoden ..[..].. Die Insel Kuba ist heute fast entvölkert. Die Inseln San Juan und Jamaika, die reich und glücklich waren, sind heute leer. Auf den Lucayes-Inseln gibt es heute kein einziges Lebewesen mehr.« Ja – was blieb einem angesichts dieser Not anderes übrig, als für Nachschub an Arbeitskräften zu sorgen, eben aus Afrika?

Selbstverständlich kam es zu Widerstand, wie schon in Rom. Was den Schwarzen Nat Turner angeht, wähnte er sich sogar in christlicher, prophetischer Mission; gleichwohl schreckte er, im Gegensatz zu anderen Rebellenführern, nicht vor Gewaltanwendung gegen die Leute zurück, die ihn beliebig ge- oder verkauft und ausgepeitscht hatten. Turners AnhängerInnen zogen im Sommer 1831 mit Messern, Äxten und Hacken durch die Tabak- oder Baumwollplantagen Virginias und töteten im ganzen um 50 Weiße, ehe das Militär »Herr der Lage« war. Zur »Vergeltung« mußten mindestens doppelt so viele unschuldige Sklaven daran glauben. Der geflohene Turner, zu diesem Zeitpunkt 31, wurde Ende Oktober gefangen und zwei Wochen später in Jerusalem gehängt. Angeblich überließ man seinen Leichnam Ärzten, die ihn köpften, abhäuteten und vierteilten. In der Folge ging der Rebell in zahlreiche Lieder und Bücher ein. 1967 veröffentlichte William Styron einen Roman über Turner, der sich, trotz oder wegen Umstrittenheit, glänzend verkaufte. In der damaligen Black-Power-Bewegung wurde Turner zur Ikone.

Samuel Sharpe, als Sohn kreolischer Sklaven 1801 auf Jamaika geboren, hatte zunächst Glück. Er durfte lesen und schreiben lernen und Prediger der Baptisten werden. Er zog durch die Plantagen, scharte Gläubige um sich und ließ in diesen Leidensgenossen Freiheitsgedanken keimen. Er organisierte auch einige großangelegte Streiks während der Zuckerrohrernte, wobei er dem Trugschluß aufsaß, das britische Parlament hätte die Sklaverei bereits als abgeschafft erklärt. Ende 1831 kam es zum berüchtigtem »Weihnachtsaufstand«. Dabei wurden auch einige Felder abgebrannt, wahrscheinlich ohne Sharpes Billigung. Menschen kamen nicht zu Schaden. Aber das Militär schlug binnen zweier Wochen hart zurück. Es soll einige Hundert Tote gegeben haben, darunter 14 Weiße. Der gefangene Sharpe, inzwischen vermutlich 31 wie Turner, wurde im neuem Jahr mit anderen »Rädelsführern« gehängt. Als sein Abschiedswort wird überliefert, er zöge jeden Galgen der Knechtschaft vor. Die Rebellion dürfte wesentlich mit zum Slavery Abolition Act von 1833 beigetragen haben, durch den die Sklaverei zumindest auf dem Papier beendet war. 1975 wurde Sharpe sogar durch das Parlament Jamaikas in den Kreis der sieben offiziellen Nationalhelden der Insel erhoben. An seinem Hinrichtungsort in Montego Bay steht ein Denkmal. Er ist außerdem auf der gültigen jamaikanischen 50-Dollar-Note abgebildet. Hat er das verdient?

Der knapp 35jährige US-Bürger Elijah Parish Lovejoy war nie Sklave gewesen. Er wurde 1837 in Alton, Illinois, ermordet, weil er sich als Journalist, Lehrer und Prediger für die Abschaffung der Sklaverei stark gemacht hatte. Schon als Herausgeber einer Zeitung in Saint Louis, Missouri, hatte er heftig Federn lassen müssen, zerstörten ihm doch Befürworter der Sklaverei dreimal hinter-einander seine Druckerpressen. Das wiederholte sich nun in der Nacht vom 7. auf den 8. November auf der Ostseite des Mississippi, wohin sich Lovejoy geflüchtet hatte, um den Alton Observer herauszugeben. In einem Lagerhaus wurden er und Freunde von ihm angegriffen, während sie eine eben angelieferte neue Druckmaschine bewachten. Der Lynchmob versuchte das Gebäude sogar anzuzünden. Es kam zu einem Schußwechsel, bei dem der unerschrockene Journalist tödlich getroffen wurde. Sein Mitstreiter Royal Weller kam mit einer Verwundung davon. Dafür wurde auch die neue Maschine in Teile zerlegt und in den Fluß geworfen.** Vor Gericht konnten die Angreifer auf die undurchsichtige Lage bei der Schießerei und auf die Befangenheit der RichterInnen und Geschworenen bauen: Freispruch. Lovejoy ließ eine Frau, Celia Ann, und zwei Kinder zurück. Ein drittes Kind kam nach seiner Beerdigung zur Welt. Später wurde unter anderem die Bibliothek der Southern Illinois University in Edwardsville nach Lovejoy benannt.

* erstmals 1970 erschienen, später in Weiße Herrschaft umbenannt, Ausgabe Ffm 1982, S. 165
** AltonWeb, History, 1997/99: http://www.altonweb.com/history/lovejoy/




Unfried, Gustav 28 (1889–1917), schwäbischer Fuß-baller, überwiegend bei den Stuttgarter Cickers aktiv, mehrere Meisterpokale, ein Länderspiel (gegen die Niederlande). Seine Position war Mittelläufer. Ich fürchte allerdings, Mitläufer war er auch. Schon vor dem »Ausbruch« des Ersten Weltkrieges soll sich der gelernte Landvermesser in dem Gebilde namens Deutsch-Ostafrika aufgehalten haben – vermutlich nicht, um zu kicken, sondern um eben das Gebilde zu messen. Da hatte er gut zu tun, war das Gebilde, auch »Schutzgebiet« genannt, doch beinahe doppelt so groß wie das »schützende« Kaiserreich. Im Krieg selber soll Unfried dann 1916 das Eiserne Kreuz errungen haben. Wo, bleibt unklar. Er soll aber wieder »Angehöriger« der sogenannten »Schutztruppen« des Gebildes gewesen, nur leider, als solcher in Gefangenschaft geraten sein. Allerdings setzten ihn nicht die einheimischen Neger oder Mohren fest, vielmehr die Briten. In deren Obhut soll der 28jährige im September 1917 verstorben sein. Näheres scheint in den zwei oder drei Sport-Nachschlagewerken nicht zu stehen. Vielleicht erlag Unfried der sogenannten Spanischen Grippe oder brachte sich vorsorglich um. Recht hätte er gehabt. Wahrscheinlich vermeiden die Nachschlagewerke auch den Hinweis auf die schweren Verwüstungen, die das Schutzgebiet als Schlachtfeld zwischen Deutschen und Briten/Belgiern zu erleiden hatte. Anderswo ist etwa von mehreren Hunderttausend Todesopfern unter den Einheimischen die Rede. Sie starben als TrägerInnen unserer tapferen Truppen, sie verhungerten oder steckten sich mit den zeittypischen Seuchen an. Wer nicht starb, hatte vielleicht nur noch ein Bein und schleppte sich auf Krücken bis ins nun britische Gebilde Tanganjika durch.

Ab 1964 hieß der Hauptteil des ehemaligen »Schutzge-bietes« Tansania. Wie es der Zufall so will, geht Angela Mahr gerade in einem ausführlichem Artikel* dem undurchsichtigem Tod des ungewöhnlich beliebten Staatspräsidenten John Pombe Joseph Magufuli nach. Angeblich erlag er in diesem März in einer Klinik von Daressalam dem berüchtigtem »Herzversagen«, einer klassischen Überdehnung also. Magufuli hatte sich gegen die Eingriffe der Westlichen Tauschwertgemeinschaft in sein mit begehrten Bodenschätzen gesegnetes Land verwahrt. Er war dagegen, seine vielen WählerInnen als Versuchskaninchen für genmanipulierte Saatgüter oder Corona-Impfstoffe aufzufassen. Mahr streift das ganze Elend des vor- und nachkolonialen Afrikas, die Beseitigung >Lumumbas eingeschlossen. Wie sie hoffen kann, der Kontinent, ja der gesamte Planet käme jemals wieder auf die eigenen Beine, ist mir ein Rätsel. »Wir kommen nur global aus den Zeiten von Kriegen, Lügen und struktureller Gewalt heraus«, schreibt Mahr. Aber eben die Globalli-sierung ist das Problem. Eher geht ein Elefant durch ein Nadelöhr.

* Angela Mahr, »Der Unbestechliche«, Rubikon, 26. Juni 2021: https://www.rubikon.news/artikel/der-unbestechliche-3



Uranga Romagosa, Nancy 22 (1954–76). Im Grunde kam die blutjunge kubanische Florettfechterin, Olympiateilnehmerin in Montreal 1976, aus politischen Gründen um. Noch im selben Jahr an einem Turnier in Guyana beteiligt, wurde die 22jährige, mit 23 anderen Teammitgliedern, auf dem Rückflug am 7. Oktober Opfer eines verheerenden Zeitbombenanschlages von Exilkubanern, die später, in Venezuela, sogar gefaßt und verurteilt wurden.* Die Linienmaschine des Flugs Cubana 455 war kurz nach ihrer Zwischenlandung in Bridgetown, Barbados, mit 73 Personen an Bord ins Karibische Meer gestürzt. Es gab keine Überlebenden. Für die Castro-Regierung steckte die CIA hinter den beiden verurteilten Tätern, wofür sich, wie fast immer, zahlreiche Anhalts-punkte, aber niemals hieb- und stichfeste Beweise fanden.

* José Pertierra, »Murder in Paradise«, CounterPunch (Kalifornien), 11. Oktober 2011: http://www.freethefive.org/updates/USMedia/USM455Pertierra101111.htm



Urysohn, Pawel Samuilowitsch 26 (1898–1924). Die Fachwelt zählt den russischen Mathematiker aus wohl-habendem jüdischem Odessaer Hause trotz seiner Jugend zu den Vätern der russischen Schule der »Topologie« – ein Arbeitsfeld, das weniger einem mit Granitfelsen gespickten Atlantikstrand, mehr einer Spielzeugschachtel gleicht, die leider oder anspornenderweise, je nach BetrachterIn, leer ist. Urysohn studierte in Moskau, wo er schon 1923 zum »ordentlichen« Professor ernannt wurde. Wiederholte Auslandsreisen mit seinem Fachkollegen und mutmaßlichem Geliebten Pawel Alexandrow führten ihn unter anderem nach Göttingen, wo sie algebraischen Kapazitäten wie Landau, Hilbert und Emmy Noether begegneten. Am 17. August 1924 spätnachmittags hatten die beiden Arbeits- und Urlaubsreisenden in der Bretagne, wo sie in einer Pension an der Atlantikküste knobelten, einen Badeunfall. Beide waren durchaus begeisterte und gute Schwimmer, doch die See war rauh. Beim Umkehren wird Urysohn von der heftigen Brandung überwältigt. Sein Gefährte, mit 28 zwei Jahre älter als er, kann ihn zwar mit Hilfe von Anwohnern und eines Taus noch bergen und durch die eingangs erwähnten Felsen an den Strand bugsieren, doch die Wiederbelebungsversuche eines Arztes sind vergeblich. Urysohn wird am Urlaubsort (Batz sur Mer) begraben. Wie es aussieht, ist die Topologie des ganzen Vorfalls gut dokumentiert* und läßt keinen Spalt für Argwohn frei.

* Detlef Gronau (Uni Graz), »Paul Urysohn in Batz sur Mer«, in: MDMV 18/2010, S. 236–39: http://page.math.tu-berlin.de/~mdmv/archive/18/mdmv-18-4-236.pdf



Valenti Perrillat, Carlos M. 23 (1888–1912), französisch-guatemaltekischer Maler in Paris. Ebendort starb der dunkelgelockte Künstler bereits mit knapp 24 Jahren. Seine Diabetis, an der er von Kind auf gelitten haben soll, hatte ihn neuerdings mit Erblindung bedroht. Die Ärzte verordneten ihm strengste Schonung, und daran hielt sich Valenti, von Hause aus eher schüchtern und in sich gekehrt, mit einigem Mut. Er beschaffte sich eine Pistole, richtete sie auf seine Herzgegend und drückte ab, angeblich zweimal. Trotz dieses frühen Todes, vielleicht auch wegen ihm, gilt Valenti als Wegbereiter der modernen Kunst Guatemalas, wo er aufgewachsen war und sogar als Pianist Begabung gezeigt hatte. In Paris hatten ihn unter anderem Picasso und Kees van Dongen gefördert. Nun bedenke man einmal: Picasso warf wie eine von diesen frühen Heu- und Strohballenpressen Kunstwerke aus und wurde gleichwohl über 90. Van Dongen übrigens auch. Ist das Gerechtigkeit?



Valgre, Raimond 36 (1913–49), erfolgreicher estnischer U-Musiker, Orchesterleiter, Komponist. Den Zweiten Weltkrieg hatte er zumindest teilweise als Militärmusiker (der Roten Armee) überstanden. Warum er dann vier Jahre nach Kriegsende (in Tallinn) schon mit 36 verstarb, hat sich mir auch mit Hilfe einiger estnischer Quellen nicht wirklich erschlossen. Jedenfalls hatten ihn die Knüppel erbittert, die ihm die sowjetischen BesatzerInnen seines Landes vor allem nach 1944 zwischen die Beine warfen, Studien- und Aufführungsverbote eingeschlossen. Seine Unterhaltungsmusik war zu »westlich« gestimmt. Parallel zu diesen Schikanen soll der Sohn eines Schusters zunehmend Geschmack am Trinken gefunden haben. Einige Liebschaften und ein kurzer Eheversuch machten offenbar keinen Glückspilz aus dem dreiecksgesichtigem schlankem Mann. Was den letzten Dezember seines Lebens angeht, gefällt sich die englische Wikipedia darin, so allgemein wie möglich von einem »Unfall« zu sprechen – mit diesem einem Hauptwort. Das läßt sich freilich immer rechtfertigen, weil letztlich, oder erstlich, schon jede Geburt ein Unfall ist, wie ich etwas weiter oben bereits angedeutet habe. Die finnische Schwester verzichtet auf das Wort »Unfall«, schiebt dafür »Alkohol« in den Vordergrund.

Am besten gefällt mir der Schlußabsatz aus der russischen Wikipedia. Danach war es der Krieg, der Valgres Leben ruinierte. Der habe ihm unter anderem teuer bezahlte Instrumente geraubt: eine Gitarre aus England und ein Akkordeon aus Italien. Vor dem Krieg sei er »praktisch« Abstinenzler gewesen – jetzt soff er immer mehr. In seinem letztem Lebensjahr habe der einst elegante, dunkelhaarige Tenorsänger schon wie ein alter Penner gewirkt. Seine Mutter hatte ihn eigentlich sehr geliebt – jetzt schämte sie sich seiner. Am 31. Dezember 1949, »wenige Tage nach einer schweren Rückenverletzung«, sei er in der Psychiatrischen Klinik Seewald gestorben.

Da ist er also doch noch, der Unfall, der Sturz vielleicht, oder gar ein mißglückter Selbstmordversuch. Heute sitzt Valgre in der Küstenstadt Pärnu ziemlich ungefährdbar in Bronze auf einer Bank aus Granit, auf den Knien das erwähnte Akkordeon, dem zum Beispiel Valgres beliebter Saaremaa valss entsteigt, ein Walzer also. Zu seinen Lebzeiten hatte er sowohl verschiedene Instrumente gespielt, darunter Klavier und Schlagzeug, wie auch gesungen. Die Texte zu seinen Schlagern verfaßte er meistens selbst. Sie seien nicht unbedingt der Gipfel der Poesie gewesen, heißt es irgendwo, aber im Verein mit den Tönen hätten sie gesessen. 2013 ist Valgre sogar in den neuen, nicht mehr roten EU-Himmel seines Landes aufgestiegen: 7-Euro-Gedenkmünze aus echtem Silber. Für 49,50 Euro kann ich sie online erwerben.



Fortsetzung Vam—We
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