Donnerstag, 11. November 2021
LdF Folge Sho—Stru

Shrimad Rajchandra 33 (1867–1901), indischer Guru aus dem späterem Bundesstaat Gujarat, wohl dem Hindu-ismus nahestehend. Erstaunlicherweise soll er bereits mit 10 öffentliche Vorträge gehalten, mit 20 geheiratet (vier Kinder) und zeitweise mit Edelsteinen gehandelt haben. Eigentlich vertrat er, wenn ich richtig sehe, mehr den Weg der Entsagung. Sein Hauptwerk Atma Siddhi verfaßte er mit 28. Darin dürfte auch der junge Mahatma Gandhi viel Erleuchtung gefunden haben, der überall als wichtiger Schüler Rajchandras erwähnt wird. Spätestens um 30 soll sich Rajchandra vom Familien- und Handelsleben abgewandt haben. Ein verbreitetes Foto zeigt ihn vermut-lich aus dieser Spätzeit – ein Skelett im Schneidersitz. Nach verschiedenen Quellen litt er an verschiedenen Krankheiten, die sich allerdings durchweg nach Auszeh-rung anhören. Am 9. April 1901 soll »er«, der 33jährige, »seinen sterblichen Körper verlassen« haben, wie offensichtliche VerehrerInnen in der bekanntlich stets unparteilichen englischen Wikipedia schreiben.

Wenn die Menschen aller Kasten und Klassen durch eins verbunden werden, dann ist es ihr nachsichtiger Umgang mit allem, was sich religiös oder spirituell gebärdet. Ob Faschist, Bundestagsabgeordneter, anarchistischer Kommunarde oder Rubikon-Redakteur – vor dem religiös oder spirituell Gefärbtem verneigt er sich. Mit so Gestimmten darf man es sich nicht verderben, sonst würde man möglicherweise die eigene Wiedergeburt gefährden. Diese schleimige Nachsicht hat vermutlich bereits angefangen, als die ersten Fische daran schritten, zwar nicht ihren Körper, aber doch schon das Wasser zu verlassen.

Hier kann sich Brockhaus (Band 8 von 1989) nicht ausnehmen. Damit komme ich auf Rajchandras Schüler Gandhi zurück. Neben der asketischen Lebensweise sei Gandhi »seit seiner Kindheit von hoher Religiosität« bestimmt gewesen. Hut ab also: der Mann war hoch religiös! Aber er war bekanntlich auch Politiker. Im Zweitem Weltkrieg habe Gandhi die sofortige Entlassung Indiens in die Unabhängigkeit gefordert und »die auf Verzögerung angelegten Pläne der britischen Regierung zum Scheitern« gebracht. Merkwürdigerweise liest sich das in Arthur Koestlers ausführlichem Gandhi-Porträt von 1969* genau umgekehrt. John Grigg und andere hätten bewiesen, ohne Gandhi wäre die Unabhängigkeit Indiens sogar noch sehr viel früher gekommen (S. 168). Das erinnert an Henry Kissinger, von dem man uns etwas später vorgaukeln würde, er habe geholfen, den Vietnam-krieg abzukürzen. Das Gegenteil war der Fall. Aber es erinnert auch an Hunderte von anderen Dunkelmännern der Epoche, die als Lichtgestalten gemalt werden, ich sage nur John F. Kennedy, Willy Brandt, Joschka Fischer. Die interessierten LegendenbildnerInnen dieses Planten haben die wirksameren Waffen; dagegen hilft keine »Gewaltlosig-keit«, um erneut auf Gandhi zurück zu kommen. Selbstverständlich findet sich Koestlers kritischer Aufsatz nicht in der Literaturliste, die Brockhaus gibt. Nach Koestler war Ghandi, gestorben 1948 (kurz nach der Unabhängigkeit), sicherlich überwiegend von lauteren Absichten geleitet, dennoch der typische vernagelte, fanatische Patriot und Rechthaber, der in ungefähr 90 Prozent der männlichen Zweibeiner unseres Planeten wohnt. Seit Fischer kommen vermehrt Frauen hinzu.

Ich sage nur nebenbei, daß mir einige Abneigungen von Gandhi durchaus zusagen, etwa gegen den westlichen Schul- und Bildungsbetrieb. Koestler rügt diese Abneigung natürlich. Der britische Freund von Orwell besaß eine gleichsam religiöse Ehrfurcht vor dem Wissenschafts-betrieb und allen Akademikern, die ihn nie so richtig als Gleichrangigen erachten konnten, obwohl er doch ein weltberühmter Schriftsteller war. Im Grunde war er noch der christlich-kommunistischen Fortschritts-Ideologie verfallen – ähnlich wie Orwell, und möglicherweise sogar mehr als Gandhi. Das soll nicht an Koestlers Begabung rütteln, Widersprüche und Selbsttäuschungen aufzudecken – bei anderen ...

Bei Interesse können Sie ein von mir verfaßtes, rund 10 Jahre altes Porträt mit dem Titel »Koestlers Ungeboren-heit« anfordern, falls es nicht in meinem Blog steht. Hier dagegen gewähre ich lediglich die kurze Skizze über eine bekannte Legende: »David & Goliath«, A-51.

* »Mahatma Gandhi – der Yogi und der Kommissar«, in: Die Armut der Psychologie, deutsche Ausgabe Bern 1980, S. 141–79



Shue, Larry 39 (1946–85). Zwar starb der US-Schau-spieler und -Dramatiker beim Fliegen, aber eine kurze Luftnummer der deutschen Wikipedia finde ich noch stärker. Danach war der 39jährige aufgrund zweier erfolg-reich laufender Komödien aus seiner Feder gerade im Begriff gewesen, »zu einem internationalen Star« zu werden, als er, am 23. September 1985, »völlig über-raschend« bei einem Flugzeugunfall in Virginia umgekom-men sei. Nur Todesfälle auf einer im Kleingartenteich dümpelnden Bananenschale sind noch seltener und unvorhersehbarer. Das Pendlerflugzeug mit 14 Personen an Bord stürzte nordwestlich von Charlottesville in den George Washington National Forest. Es gab keine Überlebenden. Zu den frühen Stücken des Komödianten zählte die einaktige Farce Grandma Duck is Dead.



Silkwood, Karen 28 (1946–74). Sie kam nicht lange vor Shue bei einem angeblichem Autounfall um. Als Chemie-technikerin und, zum Leidwesen der Firma, auch als Ge-werkschafterin bei einer Plutonium-Aufbereitungsanlage von Kerr-McGee in Crescent, Oklahoma, USA, aktiv, hatte Silkwood an sich und anderen alarmierende Krankheitssymptome beobachtet, ferner empfindliche Sicherheitsmängel, Fahrlässigkeiten und Vertuschungen im Betrieb. So sammelte sie Material und verabredete sich mit David Burnham von der New York Times und dem Funktionär ihrer Gewerkschaft Steve Wodka für den 13. November 1974 in Oklahoma City. Doch auf dem Weg dorthin kam die 28jährige, Mutter dreier Kinder, leider von der Straße ab und dadurch, am Fuß einer Böschung, zu Tode. Der offizielle Polizeibericht schrieb diesen »Unfall« Silkwoods Übermüdung zu. Die Beamten wollten im Wagen auch Medikamente oder Drogen gefunden haben. Dafür fehlten die heiklen Unterlagen. Für gegenteilige Vermutungen (Verdacht auf Rammung) gab es einige Anhaltspunkte; es reichte allerdings nie zu einem Beweis. Immerhin hielten es Kerr-McGee schon 1975 für geboten, ihren hochexplosiven Laden zu schließen. Der Fall hatte doch einiges Aufsehen erregt. In Deutschland wurde er 1977 durch Robert Jungks Buch Der Atom-Staat bekannt. Vater Bill Silkwood erstritt in einem Prozeß gegen das Unternehmen Kerr-McGee 1986 eine Entschädigung von 1,38 Millionen Dollar. Hätte ich ein Prozent davon, würde ich normalerweise sofort in die Staaten reisen um zu untersuchen, was Silkwood senior beziehungsweise seine Enkel mit dem Zaster anstellten. Maureen Wurtz* hat es nicht untersucht. Ich fürchte jedoch, meine Reisepläne würden am Impfgebot scheitern.

* »44 years later, the death of Karen Silkwood is still a mystery«, NewsChannel 8 Tulsa (Oklahoma), 30. Oktober 2018: https://ktul.com/news/investigations/44-years-later-the-death-of-karen-silkwood-is-still-a-mystery



Siller, Franz 30 (1893–1924), als gelernter Gärtner und städtischer Beamter in Wien der Pionier der dortigen Kleingartenbewegung. Jetzt wurde jedes brach liegende Fleckchen zwischen den Miets- und anderen Kasernen von einbeinigen, hungernden Kriegsversehrten mit Rosenkohl bepflanzt oder mit Kaninchen bevölkert. Leider soll Aktivist Siller selber herzkrank gewesen sein. Wahrschein-lich starb er, bereits mit 30, in einem Wiener Kranken-haus. Man hat ihn mit etlichen Denkmälern geehrt, dafür jedoch mit Einzelheiten seines Lebenswandels ausge-sprochen gegeizt. Über meinen ungefähr gleichaltrigen Großvater Heinrich weiß ich zum Beispiel beträchtlich mehr. Auch er, im Brotberuf Naturkunde- und Werklehrer an der Bettenhäuser Volksschule (in Kassel-Ost), war leidenschaftlicher Schrebergärtner, allerdings weder Karnickelmäster noch Imker. Ich aß sein Gemüse durchaus gern. Ich schmökerte auch gern im Grase liegend unter seinem Pflaumenbaum, falls er mich nicht zum Unkrautjäten abkommandierte. Auf dem Balkan um 1943 hatte er, als Hauptmann, eine Kolonne der »Brückenbau-pioniere« unter sich. Ja, ich glaube, so hieß die Schar, die ihm treu ergeben war. In der Kirchen-, Kapital-, Staats- und Reformfrömmigkeit bin ich ihm aber nie gefolgt. Das sollte ich vielleicht kurz erläutern.

Was soll das, eine riesige unwirtliche Stadt auch noch mit Kleingärten zu pflastern, damit man es nur umso länger in ihr aushält? So ein aufgeblähter Unfug gehört sofort aufgelöst: unübersichtlich, ungesund, unwirtschaftlich, unmenschlich, wie er doch zweifellos ist. Man merkt es schon, hier scheint die uralte Streitfrage Reform oder Revolution? auf. Radikale wie ich verdammen »Sozial-klempnerei«, weil diese die Errichtung freiheitlicher, gerechter und friedlicher gesellschaftlicher Verhältnisse garantiert verhindert. Das haben uns zahlreiche USPDs jeglicher Sorte oder Farbe seit Sillers Geburtszeit tausende von Malen bewiesen. Stets versichern sie, eine ganze Stadt aufzulösen oder das Geld oder den Krieg abzuschaffen, lasse sich leider nicht über nacht bewerkstelligen. Fangen wir also klein an, mein Freund – irgendwann schlägt die Quantität in Qualität um, das haben schon Marx und Engels gewußt. Und so reibt sich das Kabinett von Kapitals Gnaden bei jeder Eröffnung einer neuen Kleingarten-kolonie, Suppenküche oder »Tafel«, an der unsere Hartz-IV-EmpfängerInnen abgespeist werden, die Hände, weil es auf diese Weise Millionen »sparen« kann, die es umge-hend europäischen oder nordamerikanischen Agrar-konzernen in den Rachen schmeißt, als »Subventionen«, wegen der Bedürftigkeit dieser Unternehmen. Und siehe da, der Kleine Mann dankt es dem Kabinett auch noch, preist die Wohlfahrt im Lande und spart für das nächstschnellere Auto.

Das Gegenteil der absolut raren Radikalen sind also die Reformisten. Aber auch von denen gibt es zwei Sorten. Die Profis unter ihnen, Leute wie Joschka Fischer, Bodo Ramelow, Sahra Wagenknecht, sind viel zu gebildet und scharfsinnig, um nicht zu wissen, wie sehr ihr Reformwerk am gegebenen Herrschaftssystem der Sanierung des gegebenen Herrschaftssystems gleichkommt. Das finden sie freilich gerade gut so. Nur wir finden es nicht so gut, und deshalb bequasseln und betrügen sie uns nach Strich und Faden. Dagegen meinen es die Amateure unter den Reformisten wirklich ehrlich. Sie habe ich in vielen Familien und leider auch in etlichen anarchistischen Kommunen angetroffen. Bei ihnen handelt es sich um herzenswarme Menschen, die sich meiner Argumentation verschließen müssen. Sie erreicht sie nicht. Diese MitbürgerInnen können nicht anders, als zu lieben, zu helfen, Not zu lindern, sobald sie sich blicken läßt. Für sie ist nicht das herrschende System zynisch, vielmehr meine Argumentation.



Silva Moço, Marcelo da 30 (1979–2009), brasilia-nischer Berufsfußballer, zuletzt niederklassig in Österreich aktiv. Die Mitteilung, er sei durch Führerscheinentzug umgekommen, würde sicherlich Kritikern des Mobilitäts-wahnes, aber wohl kaum der Wahrheitssuche dienen. Am Samstag den 21. November 2009 hatte der Mittelfeld-spieler mit Bruck/Leitha noch eine gute Vorstellung gegeben (6:0). Am Sonntag in der Frühe nahm ihm die Polizei jedoch in Neusiedl den Führerschein weg, weil er betrunken war. Um Mittag kam es dann knüppeldicke. Seine Lebensgefährtin fand Marcelo erhängt in einem Kellergang des Wohnblocks in Parndorf, Burgenland, wo sie anscheinend gemeinsam wohnten.

Sicherlich könnte der Führerscheinentzug ein eher neben-sächlicher Zufall gewesen sein. Laut einem heimischem Trainer hatte sich Marcelo auf die Urlaubsreise zu seiner in Brasilien lebenden achtjährigen Tochter gefreut. Er war geschieden. Und es ist ja kaum anzunehmen, er habe geplant, per Auto in die Heimat zu reisen – und sich nun, nach der Sperrung des Autos, aus Verzweifelung erhängt. Seine Gefährtin soll allerdings versichert haben*, nach der Polizeikontrolle sei er »völlig zerknirscht« zu Hause eingetroffen, ganz ungewohnt schlecht gelaunt. Ansonsten spricht man von Heimweh. Marcelo sei weder ein Mürrischer noch ein Trinker gewesen. Die Kameraden rätseln, heißt es. Marcelos Abstieg in der Laufbahn läßt sich allerdings kaum übersehen. Im großen und ganzen habe er nicht die hochgesteckten Erwartungen erfüllt, die man wegen seiner brasilianischen Wurzeln an ihn hatte, ist in Foren zu lesen. Es gibt auch Gerüchte von einem aktuellen Streit mit seiner Gefährtin. Den wird sie der Polizei so wenig auf die Nase gebunden haben wie gewisse andere Befürchtungen.

Vor allem gibt es nämlich verständliche Gerüchte von einer Verwicklung des (möglicherweise von kroatischen Mafiosi) Erhängten in den Wettskandal**, der genau 2009 für Schlagzeilen sorgte. Ich erinnere an Mario >Bigoni vom FC Gossau. Der italienisch-schweizer Fußballer war 2009 suspendiert und 2011 aus dem Alten Rhein gefischt worden. Auch dieser Todesfall gilt nach wie vor als ungeklärt. Man fragt sich schon, was die Polizisten in den Alpen so den lieben langen Tag treiben. Oder die Journalisten. Warum werden solche Vorfälle nicht nach einiger Zeit wieder aufgegriffen, um das Publikum über den Stand der Dinge zu informieren? Wenn nicht wegen der gleichen Bestechlichkeit, dann vielleicht, weil solche Hintergrundartikel mühsame Recherchen erfordern, die dem betreffendem Autor kein Geld einbringen. Eher kosten sie auch ihm das Leben.

Marcelos Landsmann und Berufskollege João Rodrigo Silva Santos (1977–2013), ein Stürmer, hatte es noch zu einem ehrenvollem Rücktritt und einem Geschäft für Bio-Lebensmittel und Naturkosmetika in Rio de Janeiro gebracht. Ende Oktober 2013 erregte er weltweites Aufsehen, weil er entführt und grausam ermordet worden war. Seine Frau fand einen Rucksack auf der Treppe ihres Hauses, in dem sie auf den abgetrennten und übel zugerichteten Kopf des knapp 36jährigen stieß. Da die Frau als Militärpolizistin unter anderem in den Favelas, den Elendsvierteln, zu tun hatte, fiel der Verdacht auf die Branche nicht der Bio-, vielmehr der DrogenhändlerInnen. Überdies soll João Rodrigo, ihr Gatte, erst wenige Tage vorher gleichsam Fahndungsfotos von Leuten auf die Internetseite seines Forca Natural gestellt haben, von denen er glaubte, sie hätten den Laden beraubt.*** So oder so lag der Akt der Rache und Warnung auf der Hand. Aufgeklärt wurde er natürlich nicht, soweit ich sehen kann. Auch nach den erfolgreichen ReformerInnen solcher Brutstätten der Gewalt wie Rio wird noch gesucht. Siller ist ja leider tot.

* »Tochter (8) weint um toten Vater«, oe 24 (Wien), 25. November 2009: https://www.oe24.at/oesterreich/chronik/burgenland/tochter-8-weint-um-toten-vater/685145
** https://de.wikipedia.org/wiki/Fu%C3%9Fball-Wettskandal_2009
*** Matt Roper, »Did these images get Brazilian footballer killed?«, Mail Online (London), 31. Oktober 2013




Silva »der Jude«, António J. da 34 (1705–39). Der portugiesische Rechtsanwalt und Komödiendichter kam im Mutterland der beiden Fußballer um. Er hatte bereits wiederholt Folter und Haft erlitten, ehe er 1739 in Lissabon von der »heiligen« Inquisition zum Tode verurteilt und enthauptet wurde. Seine Leiche wurde anschließend öffentlich verbrannt.* Die Schuld des Deliquenten hatte vornehmlich in jener Eigenschaft bestanden, der er seinen Spitznamen verdankte. Sowohl Da Silva wie seine Frau Leonore, die wahrscheinlich etwas später im Gefängnis starb, schworen ihrem jüdischem Glauben (und den entsprechenden Gebräuchen) trotz der unsäglichen Peinigung nicht ab. Sie hinterließen eine Tochter – und Da Silvas barocke, oft für Marionetten und mit viel Gesang eingerichtete Komödien, rund ein Dutzend an der Zahl. Sie sollen nicht unbedingt originell gewesen sein, jedoch bei den Massen beliebt. Zum Teil parodierten sie die in der Elite gefeierten Opern und zeigten auch sonst satirische volkstümliche Züge. Dadurch hatte Da Silvas Ketzertum, wie zu vermuten steht, noch schwerer gewogen. Die Stadt Lissabon setzte ihm 1912 ein Denkmal. 1996 folgte gar ein auf Anhieb preisgekrönter Spielfilm des Brasilianers Jom Tob Azulay mit dem Titel O Judeu (Der Jude). Allerdings forderte diese Würdigung ein weiteres, fast gleichaltriges Todesopfer, nämlich den Mann in der Titelrolle, ebenfalls Brasilianer. Der 33jährige Schauspieler Felipe Pinheiro war Ende 1993 in seiner Wohnung in Rio de Janeiro noch während der Drehzeit einem Herzinfarkt erlegen. Da er überall als Hauptdarsteller des Streifens geführt wird, hatte er entweder Glück – oder ein gutes Double.

* Edgar Prestage in der 1911 Encyclopædia Britannica: https://en.wikisource.org/wiki/1911_Encyclop%C3%A6dia_Britannica/Silva,_Antonio_Jos%C3%A9_da



Simelane, Eudy 31 (1977–2008), lesbische Südafri-kanerin. Mit 31 wurde die frühere Fußball-Nationalspie-lerin, anschließend als Schiedsrichterin und in der Lesben-Bewegung aktiv, im April 2008 in Kwa-Thema bei Johannesburg ermordet aufgefunden. Laut Spiegel war sie »vergewaltigt, geschlagen und mit 25 Messerstichen geradezu abgeschlachtet« worden. Mit 18.000 (statistisch erfaßten) Morden jährlich halte das Land, bezogen auf die EinwohnerInnenzahl, ohnehin einen Weltrekord. Verbreitet sei auch »corrective rape«, nämlich die »korrigierende Vergewaltigung« als angebliches Heilmittel gegen sexuelle Abartigkeit. In der Regel schreiten weder die »Sicherheitskräfte« noch die Gerichte ein. Simelanes halbentkleidete Leiche lag unter Parkbäumen in einem Bach. Die Sportlerin hatte sich offen zur Homosexualität bekannt. Dank ihrer Prominenz kam es 2009 zu einem Prozeß. Zwei von vier (männlichen) Angeklagten erhielten hohe Haftstrafen.

* Horand Knaup, »Gefoltert, vergewaltigt, erschlagen«, 7. Dezember 2011: https://www.spiegel.de/politik/ausland/jagd-auf-homosexuelle-in-suedafrika-gefoltert-vergewaltigt-erschlagen-a-801838.html



Sindermann, Peter 32 (1939–71), sportlicher DDR-Schauspieler, Sohn eines hohen SED-Funktionärs. Sein Tod ist jetzt 50 Jahre alt, und wie es aussieht, wird er ein Rätsel bleiben. Sindermann war bis zuletzt am Landes-theater in Halle engagiert, wo er auch wohnte. Der dunkelhaarige Florettfechter, Reiter und Flieger könnte manchen Westdeutschen, von Porträtfotos her, an den dortigen Berufskollegen Horst Buchholz erinnern. In der Tat wird Sindermann oft als »Frauenschwarm« bezeichnet. Er trat auch in zahlreichen Filmen auf, angefangen 1959 mit Bevor der Blitz einschlägt. Im übrigen war er von Jugend an Aktivist der Gesellschaft für Sport und Technik (GST), in Nachschlagewerken meist als »paramilitärische Massenorganisation« ausgegeben. Die Nachrufe rühmen ihn als heiter und lebensbejahend, charmant und akrobatisch, witzig und hilfsbereit – und dies alles in einer schlanken Person.

Bei Sindermann selber kam die Stunde der Wahrheit am 17. Oktober 1971, als er in Halle-Oppin in Begleitung seines erst 18jährigen GST-Genossen Günter Heley ein Kleinflugzeug des Typs Zlin (aus der Tschechoslowakei) bestieg. Wahrscheinlich war Heley sein Flugschüler, denn dafür besaß Sindermann, inzwischen 32, neuerdings die erforderliche Lizenz. Die Traueranzeige der GST für die beiden »pflichtbewußten Genossen« wird wenig später etwas vieldeutiger versichern, sie seien »bei der Erfüllung eines Flugauftrages« umgekommen. Sie hätten sich immer mutig und leidenschaftlich für den Schutz ihrer sozialistischen Heimat eingesetzt.

Man hat es vielleicht schon geahnt: Kurz nach dem Start, noch an der Stadtgrenze der Großstadt Halle, wird der Unterricht durchkreuzt. AnglerInnen – die es womöglich genauso hätte treffen können wie etwa die BenutzerInnen der nahen Autobahn – sehen das von Sindermann gesteuerte* GST-Sportflugzeug ins Taumeln kommen. Gleich darauf vernehmen sie einen dumpfen Schlag. Sie vergessen ihre Beute und rennen hin. Die Maschine ist aus rund 300 Meter Höhe auf eine Wiese gestürzt. Flugzeug zerschellt; Insassen spätestens auf dem Weg ins Krankenhaus tot.

Natürlich spricht sich die »unglaubliche Nachricht« – so der Nachruf in der Liberal-Demokratischen Zeitung vom 21. Oktober – in Windeseile herum, zumal der Pilot ein Sohn des langjährigen allgewaltigen SED-Chefs des Bezirks Halle Horst Sindermann war. Dieser Mann war gerade erst noch höher aufgestiegen, nämlich nach Ostberlin, in den Vorstand des DDR-Ministerrates. Rudel von ErmittlerInnen der Polizei und der Stasi rücken auf der Unfallwiese an. Aber sie sind ratlos oder geben sich jedenfalls so. Sie finden nicht einen Anhaltspunkt für Feindeinwirkung, etwa Sabotage oder Spionage. Selbst die bekannten schnöderen Unfallursachen schließen sie Stück für Stück aus. Sindermann galt als erfahrener Flieger. Das Wetter war gut. Beide Piloten standen nicht unter dem Einfluß von Drogen, Krankheiten, Lebensmüdigkeit. Das Flugzeug selber wies ebenfalls keine technischen Mängel auf, wird jedenfalls behauptet. So werden die Ermittlungen nach zwei Monaten eingestellt. Der Abschlußbericht* spricht verwaschen davon, die Maschine sei über dem Kanalgebiet »in eine unklare Fluglage geraten«. Beim Kurvenflug mit verringerter Geschwindigkeit hätten die Piloten jähes Trudeln nicht mehr verhindern können. Das sind Berichte, gut für zahlreiche Gerüchte.

Seltsamerweise, wie ich finde, übergehen fast alle mir zugänglichen Quellen Sindermanns persönliche Verhält-nisse. Nur Wikipedia erwähnt eine Ehefrau und einen Sohn des sportlichen Schauspielers, Micaëla und Andreas. Der Eintrag erweckt den Eindruck, diese Ehe habe beim Unfall nach wie vor bestanden. Das ist allerdings nicht der Fall, wie mir freundlicherweise ein Verwandter des Fliegers mitteilt. Danach war Sindermann in zweiter Ehe mit der Berufskollegin Jutta Peters verheiratet. In der familiären Traueranzeige wird sie als Jutta Sindermann-Peters angeführt. Mein Gewährsmann versichert auch, die Ehe sei glücklich gewesen – somit jedenfalls kein Selbstmordgrund. Eine solche Annahme wäre natürlich schon wegen des Mitsterbers reichlich waghalsig. Im übrigen erweist sich der Gewährsmann als loyal, wenn er dem Abschlußbericht sein volles Vertrauen schenkt und außerdem entschieden verneint, Funktionärssohn Peter Sindermann sei in seiner ganzen Laufbahn jemals unlauter begünstigt worden. Sicherlich hatte jeder VEB-Kantinen-koch zu Hause (oder bei der GST) sein Pferd und sein Sportflugzeug im Stall, gerade so wie in Willy Brandts Westdeutschland.

In dieser Hinsicht wäre es unter Umständen aufschluß-reich, die Verhältnisse des Mitsterbers zu beleuchten. Aber für die Such-Roboter dieses Planeten ist ein »Günter Heley« noch weitaus unberühmter als ein Tabwa-Häuptling aus Sambia. Auch der Gewährsmann versichert, die Familie Sindermann hätte den jungen Mann nicht gekannt. Ob sie diesem Mangel vielleicht im Nachhinein abzuhelfen versuchte, habe ich lieber nicht gefragt. In der zeitgenössischen Presse taucht Heleys Name zwar durchaus auf, selbst im Neuen Deutschland – doch das war es denn auch. Man erfährt noch nicht einmal, was Könau Jahrzehnte später* ausgräbt: der 18jährige sei Elektro-lehrling gewesen und habe den verhängnisvollen Unter-richt genommen, weil er Flugingenieur werden wollte. Das scheint alles zu sein. Damit bleibt Heley beinahe so ein Rätsel wie das Unglück überhaupt. Damals, so steht zu befürchten, dürfte er einfach zu unwichtig für kostbaren Zeitungsspaltenplatz gewesen sein.

* Steffen Könau, »Sturzflug in den Tod«, Mitteldeutsche Zeitung,
14. Oktober 2006, S. 27




Skrjabin, Julian 11 (1908–19), russischer Musikschüler. Sein Vater war immerhin 43 geworden. Alexander Skrjabin erlag 1915 einer Blutvergiftung, angeblich wegen eines Lippenabzesses. Erfreulicherweise hatte er da bereits seine 2. Klaviersonate gis-Moll op. 19 (von 1897) geschaffen, ein farbenprächtiges, sprühendes Werk, an dem sich der Nachwuchs vielleicht nicht den Hals, aber in rund 11 Minuten alle 10 Finger brechen kann. Julian war als zweites Kind des berühmten russischen Pianisten und Komponisten und dessen Geliebten Tatiana Fyodorovna Schloezer zur Welt gekommen. Selbstverständlich lernte der Sprößling sofort Klavierspielen, wahrscheinlich noch vor der Beherrschung sämtlicher Schließmuskeln und dem Spielen mit Bauklötzen. Ob er als Knabe vier bestimmte, gekonnte Préludes, die den Tonfall seines Vaters zeigen, selber schuf oder ob dieser sie lediglich aufgrund seines Schmerzes später als Werke seines Sohnes ausgab, ist unter Forschern umstritten.

Mit 10 wurde Julian Schüler von Reinhold Glière, dem wir ein interessantes, vielleicht etwas zu schwülstiges Konzert für Koleratursopran verdanken. Aber mit 11 war Glières Schüler tot wie eine Wasserratte. Der Komponist leitete damals das Konservatorium in Kiew. Ebendort soll sein prominenter Schüler im Juni 1919 »unter mysteriösen, nie geklärten Umständen«, wie es überall formelhaft heißt, im Fluß Dnepr ertrunken sein. Einzelheiten werden so gut wie nirgends erwähnt. Wohltuende Ausnahme stellt die russische Wikipedia dar, die ich freilich ähnlich souverän beherrsche wie das Piano: gar nicht. Vertue ich mich nicht, hatte Julian am verhängnisvollem Tag mit Lehrer und Mitschülern ein Pickinick- und Badevergnügen auf einer Flußinsel. Dabei soll er sich, möglicherweise aus Scham-haftigkeit, abgesetzt haben. Später suchte man ihn, aber mit der Dunkelheit brach man die Suche wieder ab. Er wurde erst anderntags tot in Ufernähe im seichtem Wasser gefunden, vermutlich ertrunken und angeschwemmt. Eine amtliche Untersuchung habe nie stattgefunden. Zwar lägen einige Berichte vor, doch seien sie durchweg auf Hörensagen gegründet. Nimmt man nun hinzu, daß der verunglückte Knabe zu Jähzorn und Dickköpfigkeit neigte und naturgemäß manche NeiderInnen besaß, sind weder Selbstmord noch ein Gewaltverbrechen ausgeschlossen.

Soweit ich sehe, hielt sich der Vater damals im Ausland, die Mutter aber im Raum Kiew auf. Julians Tod soll Schloezer-Skrjabina schwer und nachhaltig getroffen haben. In der Tat starb sie drei Jahre darauf ebenfalls, in Moskau. Der Rheinhesse Carl Zuckmayer, um 1900 aufgewachsen in der Gegend von Mainz, bemerkt in seinen Erinnerungen*: »Daß Kinder überhaupt am Leben bleiben, läßt sich höchstens durch eine Kette von Glücksfällen oder durch Schutzengel erklären, und nur ihre Vergeßlichkeit bewahrt die Erwachsenen davor, in ewiger Angst um ihren Nachwuchs zu zittern.« Das ist in grammatischer Hinsicht nicht ganz lupenrein gesagt, da der Bezug des ersten »ihre« unklar bleibt, sonst aber wahr.

* Als wär's ein Stück von mir, Sonderausgabe Frankfurt/Main 2006, Seite 155



Smirnow, Wladimir Wiktorowitsch 28 (1954–82), SU-Fechter. Seine überaus erfolgreiche Laufbahn ging 1982 unprogrammgemäß bei den Weltmeisterschaften in Rom zu Ende. Bei einer simultanen Attacke im Kampf gegen den Deutschen Matthias Behr (Tauberbischofsheim) brach dessen Klinge, doch aufgrund der angesetzten Stoßkraft bohrte sich der immer noch spitze Rest des Degens durch Smirnows Maske sowie durch Smirnows Auge ins Gehirn. Der 28jährige Russe starb eine Woche darauf im Krankenhaus.

Behr blieb beim Fechten und in Tauberbischofsheim, zunächst als Nachwuchstrainer, dann als Leiter des »Olympiastützpunktes«. Selbstverständlich hatte er großen Gram, wie er 2004 Christiane Moravetz von der FAZ schildert. Nun verbanden sich die Ehe- und Berufssorgen, die einer sowieso hat, mit dem stets gegenwärtigen Vorfall in Rom. Doch es stehe ja fest: Beide Waffen waren vor dem Kampf geprüft worden, somit treffe ihn keine Schuld. Der Unfall war Zufall. Allenfalls ließe sich behaupten, er persönlich, Behr, sei damals zum Anlaß dafür »auserwählt« worden, die Sicherheitsstandards im Fechtsport zu erhöhen, sagt Behr. Es sei wie immer: »Wenn in einer Kurve mal was Schlimmeres passiert auf einer Straße, dann wird sie begradigt.«

Die Autos scheinen sehr wichtig zu sein. In einem anderen Gespräch bekennt Behr, 2002 habe er noch einmal kurz vor dem Selbstmord gestanden, nämlich am Geländer einer Autobahnbrücke. Zurückgeschreckt sei er nur auf-grund des jähen Gedankens, durch seinen Sprung könnten womöglich Dritte, gar Kinder, zu Schaden kommen.* Ein so naheliegender wie ausgezeichneter Gedanke, der leider wenig verbeitet ist.

* »Behr stand vor dem Selbstmord«, Focus, 9. August 2014: https://www.focus.de/sport/mehrsport/fechten-behr-stand-vor-dem-selbstmord_aid_454910.html



Smithson, Robert 35 (1938–73), US-Groß-Künstler, Star unter den damals aus dem Ring von Stonehenge, GB, wiederauferstandenen »Landartlern«, Absturz im Dienst. Kommt ein Beglücker der Menschheit unnötigerweise schon in jungen Jahren um, bleibt den Nachgeborenen im wesentlichen die folgende Alternative: seinen Tod elegant oder verlegen übergehen / seinen Tod als letzten Akt seiner Aufopferung zu bewundern. In jedem Falle wird man sich freilich nicht mit Einzelheiten seines Todes aufhalten. Deshalb gleicht die diesbezügliche Quellenlage in der Regel der Dürre eines Salzsees in Utah. Dort legte Smithson um 1970 einen unter Experten berühmten 500 Meter langen Damm in Form einer Spirale an, genannt Spiral Jetty.

Was nun Smithons finalen Absturz (aus den Wolken, aber keineswegs aus dem Ranking) betrifft, wählt die Webseite seiner Witwe Nancy Holt einen erstaunlichen Mittelweg.* Sie erwähnt sowohl das Unglück wie die Namen seiner beiden Mitsterber, den Piloten Gale Ray Rogers und den Fotografen Robert E. Curtin. Dabei beläßt sie es allerdings. Nach einem rühmendem Artikel von Alan Rapp**, der inzwischen leider nicht mehr aufrufbar ist, kreisten die drei Männer am 20. Juli 1973 vormittags in einer Beechcraft E 55 Baron rund 25 Kilometer nordwestlich von Amarillo, Texas, wie ein Fischadler über einer bereits von Smithson präparierten Fläche für eine neue große Erdskulptur. »Das Design mit 43 m Durchmesser mitten in einem künstlichen See hätte bereits fertiggestellte Werke des Künstlers in Holland und im Great Salt Lake in Utah widergespiegelt.« Somit kann Smithson auch zu den Pionieren der Globalisierung gezählt werden.

Ausgerechnet bei diesem Inspektions-Rundflug, so Rapp weiter, sei ein Motor der Maschine ausgefallen – Absturz. Dadurch kam der 35jährige Großkünstler nebst Diener-schaft um. Laut Suzaan Boettger*** waren Rogers und Curtin 26 und 23 Jahre alt. Alle drei seien auf der Stelle gestorben. Die englische Wikipedia verbannt die Namen der Mitsterber in die Fußnoten, führt dafür jedoch einen »Pilotenfehler« ein. Der Mann habe die erforderliche Geschwindigkeit nicht eingehalten und sich außerdem ablenken lassen. Ob nun technisches, menschliches oder kollektives Versagen: die Kunst ging weiter, darin sind sich alle Quellen einig. Die Witwe und weitere Kollegen vollendeten nämlich die Amarillo Ramp. Sie dürfen sie jederzeit besuchen. Wer werkgerecht anreisen will, benutzt ein atomgetriebenes Unterseeboot.

* https://holtsmithsonfoundation.org/amarillo-ramp (Stand 2021)
** in Modern Painters, 20. Juli 2013: http://www.blouinartinfo.com/news/story/930320/the-continuing-relevance-of-robert-smithson
*** Earthworks, University of California Press, 2002, S. 234




Sneedorff, Frederik 31 (1760–92), dänischer Histo-riker. Mit 28 hatte es Sneedorff bereits zum Außerordent-lichen Professor an der Kopenhagener Universität gebracht. Daneben unternahm er etliche Reisen, die ihn durch halb Europa führten. Seine Briefe von diesen Reisen wurden viel gelesen. Am 14. Juni 1792 befand sich Sneedorff im Rahmen eines Englandbesuches auf der Fahrt nach Penrith, Grafschaft Cumbria. Als die Pferde seiner Postkutsche plötzlich scheuten und durchgingen, wollte er sich durch Absprung retten, landete aber unglücklich auf seinem Kopf und erlitt einen Schädel-bruch, an dem er anderntags starb. Dies als Beleg für die Feststellung zu nehmen, die Verkehrsunfälle hätten nicht erst mit dem Auto begonnen, wäre aber verfehlt, weil nicht ein Zunftkollege des 31 Jahre alten Verunglückten zu wissen scheint, warum die Postkutschengäule scheuten. Vielleicht war in einer nahegelegenen Textilfabrik gerade eine von diesen frühen Dampfmaschinen explodiert.

Fast genau das gleiche Schicksal widerfuhr am 13. Juli 1842 unweit von Paris dem genau gleichaltrigen ältesten Sohn des französischen »Königs« Louis-Philippe, Ferdinand Philippe d'Orléans (1810–42): scheuende Kutschpferde, Absprung, Schädel auf Pflaster, aus. Der einzige Unterschied: durch diesen wahrscheinlich übereilten Sprung des »liberalen und sehr populären Prinzen« kam die gesamte französische Thronfolge ins Wanken. Klaus Malettke behauptet, eigentlich sei es dem Kutscher gelungen, den Wagen »unter Kontrolle« zu halten.* Der Prinz hatte zu panisch reagiert. Männer wie Alfred Hitchcock oder Helmut Kohl wären einfach sitzen geblieben. Frau Merkel sitzt heute noch. Aber am falschem Ort.

* Die Bourbonen, Band 3, Verlag Kohlhammer 2009, S. 192



Sosa, Julio 38 (1926–64), U-Sänger aus Uruguay, ab 1949 in Buenos Aires tätig, wo er rasch zu Ruhm, Geld und dem Titel »El Barón del Tango« kommt. Was Wunder, wenn sich Sosa, bei seiner Männlichkeit, auch für Sportwagen begeistert und etliche Unfälle baut. Zuletzt, in den frühen Morgenstunden des 25. November 1964, rast er in der Avenida Figueroa Alcorta der argentinischen Hauptstadt mit einem DKW Fissore nach einem »wildem« Ausweichmanöver* gegen den Betonpfeiler einer Licht-signalanlage, woran er, mit 38, am nächstem Tage stirbt. Von weiteren Personenschäden ist nichts zu lesen. Er allein genügte bereits, um Lateinamerika vorübergehend auf Tränen schwimmen zu lassen. Schließlich war die Angelegenheit, um einen Schlagertitel des Künstlers aufzugreifen, weder Leichtsinn, Schwermut, Größenwahn gewesen; vielmehr »Mala Suerte«, nämlich Pech.

Ich gebe zu, sie war auch ein Zeitproblem gewesen. Stars wie Sosa haben es beträchtlich eiliger als der gewöhnliche Sterbliche, weil sie ja auch viel mehr Geld verdienen müssen als der. Man kennt diesen Zusammenhang vielleicht: Zeit ist Geld. In grauer zähflüssiger Vorzeit war er allerdings unbekannt. Homo erectus hat seinen Faustkeil über eine Million Jahre hinweg nahezu unver-ändert hergestellt. Auch was unseren gedrungenen und behaarten Vetter aus dem Neandertal angeht, konnten die ForscherInnen für den beachtlichen Zeitraum von 20.000 Jahren keine erwähnenswerte Veränderung in der Werk-zeugtechnik auffinden. Dasselbe gilt für die eiszeitlichen Bildwerke, die wir Kunst nennen. Mit der Musik hatte man damals noch nichts am Hut, wie ich stark annehme. Ich belasse es bei dieser Abschweifung und verweise auf meine schon etwas abgestandene Betrachtung »Keine Zeit«, die vermutlich in meinem Blog steht, Stichwort dujardin. Einen Vorgeschmack auf sie mag Ihnen mein Zwerglied gottes langsamkeit (mp3, 1,109 KB) geben.

Zwei Jahre nach Sosas Märtyrertod endete die Laufbahn des weiblichen argentinischen Tangostars Susy Leiva (1933–66) nach einem Auftritt in Rosario, Santa Fe, auf der Nationalstraße 9 in einer Oktobernacht. Leiva war erst 33 und starb auf der Stelle. Sie hatte sich in Begleitung ihrer Managerin Alba Velázquez und ihres Gatten Manuel Villamor, der am Steuer saß und mit einem Wagen des Gegenverkehrs zusammenstieß, auf der Heimfahrt nach Buenos Aires befunden. Villamor war möglicherweise angetrunken. Das Schicksal der beiden BegleiterInnen oder anderer Beteiligter wird nirgends erwähnt. Dafür weiß die spanische Wikipedia, der Unfallwagen war ein Valiant blanco, ein weißlackierter Chrysler also. Das ist natürlich viel wichtiger.

Die Brasilianerin Sylvia Telles (1934–66), eine dunkelhaarige kesse Bossa-Nova-Sängerin, kam wenige Wochen später, 32 Jahre jung, etwas weiter nördlich in Maricá (bei Rio de Janeiro) ebenfalls durch Autounfall um. Diesmal wurde der Wagen von einem von Müdigkeit übermanntem neuem Geliebten gesteuert: Horácio Gomes Leite de Carvalho júnior, angeblich ein Rechtsanwalt und Zeitungsverleger aus wohlhabender, einflußreicher Familie und erst 26 Jahre alt. Er starb ebenfalls. Die Köchin auf seiner Ranch kam um den Aufwasch des Abends herum. Telles, zwei gescheiterte Ehen hinter sich, soll auch schon zwei Jahre früher einen schweren Autounfall erlitten haben.**

* Thomas Wirth / Stefan Warter, »Die Schöne in der Fremde«, Magazin Octane, Nr. 13 (wohl von 2014): https://www.octane-magazin.de/die-schoene-in-der-fremde/
** Marc Myers, »Sylvia Telles: Bossa Tragedy«, All About Jazz, 14. Mai 2014: https://news.allaboutjazz.com/sylvia-telles-bossa-tragedy.php




Söther, Aline 21 (1923–45), Saarländerin. Ihr Geliebter war ein Pole, mit dem beginne ich. Er war Elektriker, Kriegsgefangener des deutschen Faschismus und als solcher »Fremdarbeiter« im Saarland. Im April 1943, um 23 Jahre alt, wirft sich Myrtek Stanowitsch wegen Dro-hungen des Nazi-Ortsgruppenleiters, er werde gemeldet und folglich erschossen, bei Metz vor einen Zug. Sein Vergehen: »Rassenschande«. Stanowitsch hat nämlich Söther geschwängert, eine Landwirtschaftshelferin und Tochter eines einheimischen, wenn auch kommunistischen Bergmanns, die ihn schließlich liebt. Aber es ist verboten. Und bald nach dem Unglück und der Geburt ihrer Tochter Rita (die zu den Großeltern kommt) wird Söther nach Ravensbrück verschleppt, wo sie 1945 mit erst 21 Jahren umkommt, angeblich durch Typhus. In Wahrheit wurde sie offenbar, kurz vor der Befreiung des KZs, von SS-Schergen erschossen. Seit einigen Jahren ist in ihrem Heimatdorf Beckingen ein Platz nach ihr benannt.* Über ihren Geliebten Stanowitsch scheint die Nachwelt so gut wie nichts zu wissen. Davon einmal abgesehen, ergeben sich meines Erachtens wieder interessante Fragen für den Ethikunterricht, falls es im Saarland noch Schulen gibt: Ließ Stanowitsch Söther, durch seinen Selbstmord, im Stich? Hatten die beiden einen Paar-Selbstmord erwogen, da ja auf Söthers »Vergehen« bekanntermaßen KZ stand? Hätten Sie ihn verübt?

* Margit Stark, »Gedenken an verfemte Liebe«, Saarbrücker Zeitung, 10. September 2015: https://www.saarbruecker-zeitung.de/saarland/merzig-wadern/beckingen/gedenken-an-verfemte-liebe_aid-1589959



Soyfer, Jura 26 (1912–39), österreichischer Schrift-steller, das nächste KZ-Opfer. In seiner Wiener Schulzeit hatte sich der Sohn eines jüdischen Industriellen für den Marxismus erwärmt. Er verfaßte Artikel für die Arbeiter-presse und versuchte sich auch bald als Dramatiker und Lyriker im Geiste Brechts und Majakowskis. Nach den Februarkämpfen 1934 tritt er der nun illegalen Kommunistischen Partei bei. Er schreibt Flugblätter und arbeitet an Romanen, läuft freilich auch, zum Leidwesen des Parteifunktionärs Franz Marek, »allen Röcken nach«. Sowohl seine frühe Jugendfreundin Marika Szécsi wie seine spätere Geliebte Helli Ultmann bescheinigen dem eher schmächtigem, gleichwohl anziehendem jungem Autor – nach seinem Tode – Charme, Witz und Tapferkeit. Das Wiener Kellertheater ABC führt einige Stücke von Soyfer auf. Im Stück Der Lechner Edi schaut ins Paradies müssen Edi und Fritzi auf der Fahrt mit einer Zeitmaschine erkennen, daß der technische Fortschritt nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist, weshalb sie in dem entsprechen-den Büro darum bitten, wenigstens die zukünftige Produk-tion von Menschen einzustellen. Dem kommunistischen Parteiprogramm zuliebe endet das Stück jedoch mit Durchhalteparolen.

Im März 1938, einen Tag nach dem »Anschluß« Öster-reichs an das faschistische »Deutsche Reich«, wird der auf Skiern flüchtende Autor unweit der schweizer Grenze verhaftet. Man sperrt ihn zunächst im KZ Dachau, dann im KZ Buchenwald ein. Er beteiligt sich am Widerstand und schreibt neue Texte. Nach dem Ausbruch einer Typhusepidemie dem Kommando der »Leichenträger« zugeteilt, infiziert sich Soyfer und stirbt im Februar 1939 im Alter von nur 26 Jahren an Bauchtyphus. Damit hatte sich jener Stücktitel auf makabere Weise erfüllt. Zu allem Überfluß hatte der Häftling aufgrund eines Einreisevisums in die USA bereits die Genehmigung seiner Entlassung in der Tasche gehabt.

Soyfers Werk wurde erst in den 1970er Jahren wieder ausgegraben, wobei ihm vor allem eine Art Kaffeehaus-Politrockband aus Wien zu stimmgewaltiger Resonanz verhalf. Ich erwähnte schon einmal die Kreuzberger Asphaltoper. Ihre MitstreiterInnen stellten die Schmetter-linge aus den Alpen noch über die einheimischen Mannen um Rio Reiser, Ton Steine Scherben genannt. Die Schmetterlinge komponierten etliche Songs auf Texte von Soyfer, darunter Das Lied von der Erde, ursprünglich das Lied des Kometen Konrad aus Soyfers Stück Der Welt-untergang von 1936. Hier setzte die Band dem Pathos Soyfers, statt es abzumildern, noch eins drauf, aber das fand man, in den »undogmatischen« Kreisen um 1977, gerade stark. »Denn nahe, viel näher als ihr es begreift, hab ich die Erde gesehn ...« Ein anderes Gedicht von Soyfer, das Lied des einfachen Menschen, endet mit einer ausgesprochen eleganten Durchhalteparole, auf die DDR-Staatsdichter Johannes R. Becher niemals gekommen wäre: »Ihr nennt uns Menschen? Wartet noch damit!«

Rund anderthalb Jahre nach Soyfer, mit dem er seit Jahren befreundet war, starb gleichfalls in Buchenwald der Wiener Journalist und Schriftsteller Ernst Spitz. Der knapp 38jährige bekam den Nazi-Stempel Auf der Flucht erschossen.*

* Andreas Hutter im ÖBL Band 13, Wien 2010, S. 35/36



Speke, John Hanning 37 (1827–64), britischer Offizier und »Afrikaforscher«. Er zählte zu den zahlreichen Ehr-geizlingen, die der Quelle des Nils oder auch mehreren Nilquellen auf den Fersen waren und die oft mehr Fehden untereinander als mit Einheimischen austrugen. Gleichwohl hatte er sich bereits in Indien als Militarist bewährt. Die Schwarzhäutigen in Afrika soll er für kulturunfähig gehalten haben. Sein Intimfeind war allerdings sein weißhäutiger Landsmann und Kollege Sir Richard Francis Burton, mit dem er noch im Februar 1858 einträchtig am Ufer des Tanganjikasees gestanden hatte. Während Burton diesen See als mutmaßliche Nilquelle bevorzugte, schwor Speke, gesprochen ungefähr Speyk, wenig später auf den von ihm allein entdeckten und großmächtig nach seiner Königin benannten Victoriasee. Der Streit schwoll an, und 1864 sah sich die British Society for the Advancement of Science sogar gezwungen, in dieser Sache für den 16. September in Bath (bei Bristol) eine Anhörung der Streithähne anzusetzen. Doch es kam nicht dazu, weil sich einen Tag vorher beim unweit von Bath gelegenen Städtchen Corsham aus Spekes Jagdgewehr ein Schuß löste, der ihn selber, den Jäger der Nilquellen Speke, wohl beim Überwinden einer Feldsteinmauer von schräg unten tödlich in der Herzgegend traf. Speke hatte im Verein mit zwei Freunden gejagt; Burton war nicht zugegen, hieß es (angeblich) in der Times. Eine offizielle Untersuchung erkannte als Todesursache auf Unfall, schloß also auch aus, der 37jährige gefeierte Abenteurer könne sich vor schierer Prüfungsangst eigenhändig umgebracht haben. Genau das soll Burtons Überzeugung gewesen sein. Im deutschen Klett Verlag hält man den Vorfall für nach wie vor ungeklärt.*

So oder so, an Spekes Ruhm war spätestens nach zwei Jahren nicht mehr zu rütteln. 1866 errichtete man ihm zu Ehren im Londoner Park Kensington Gardens einen riesigen, angemessen phallischen Obelisken aus rosa Granit, an dem noch heute Tag für Tag Hunderte von Erholungsuchende vorüberlatschen oder -traben. Spekes Widersacher wurde knapp 70 und von der Königin noch zum Ritter geschlagen, ehe er seinen sehr ähnlich gearteten Entdecker- und Knechtergeist aufgab. Übrigens hatte Burton in der Streitsache zwar daneben, Speke jedoch zu kurz gegriffen. Der Weiße Nil (um den es hier ging) wird zunächst vom Zufluß des Victoriasees Kagera gespeist, der wiederum zwei Quellflüsse aufweist, die in einem Hügelland der heutigen Staaten Burundi und Ruanda entspringen. Dieser Sachverhalt wurde wohl erst gegen 1900 eindeutig ausgemacht.

* Klaus-Uwe Koch, »Infoblatt John Hanning Speke«, 2003: https://www.klett.de/alias/1040212



Spremberg, Hans-Joachim 34 (1943–78), wiederholt ausgezeichneter DDR-Bildreporter. Im März 1978 hatte er die zweifelhafte Ehre, den hohen SED-Funktionär Werner Lamperz (designierter Honecker-Nachfolger) auf Staatsbesuch in Afrika zu begleiten. Während Spremberg einen kleinen, 1967 in schwindelerregender Höhe angefertigten Schnappschuß* vom Bau des Ostberliner Fernsehturms offensichtlich unbeschadet überstanden hatte, kostete ihm die Fernreise mit 34 Jahren das Leben. Bei dieser Reise fielen auch Verhandlungen mit dem später viel verleumdetem und niederträchtig ermordetem libyschem Staatschef Gaddafi an. Er verfolgte damals einen antiimperialistischen Kurs. Man traf sich in einem Zeltlager bei Wadi Suf al-Jin. Während Gaddafi nach den Unterredungen auch im Beduinenzelt übernachtete, begab sich die deutsche Delegation in Begleitung libyscher Politiker per Hubschrauber nach Tripolis. Doch die Maschine, eine französische Super Frelon, geriet bereits kurz nach dem Start aus bis heute ungeklärter Ursache ins Trudeln und fiel »wie ein Stein« in die Wüste, wo sie in Flammen aufging. Alle 11 Insassen kamen um.

Man zog einen Schaden am Rotor, den angeblich vor-schriftswidrigen Nachtflug, aber auch einen Anschlag in Betracht, der möglicherweise auf Gaddafi gemünzt war. Der »Revolutionsführer« hatte denselben Hubschrauber schon öfter benutzt. Andreas Malycha** behauptet, die libysche Seite habe die Aufklärung des Vorfalls eher behindert als gefördert und den beiden Piloten die Schuld zugewiesen, die leider auch tot waren. Aus der DDR kamen, neben Lamberz (48) und Spremberg, der Funktionär Paul Markowski (48) und der Dolmetscher Armin Ernst um, ein Leipziger Hochschullehrer. Ernst war erst 27 gewesen. Es wird zudem in mehreren Quellen behauptet, die ostdeutsche Delegation habe entgegen Gaddafis Abraten auf dem nächtlichem Rückflug in ihr Tripoliser Hotel bestanden. Trifft das zu, wirft es ein lustiges Schlaglicht auf die verbreitete, aber selten einge-räumte Bereitschaft des Menschen, einer geringfügigen Bequemlichkeit zuliebe so gut wie alles zu opfern. Jeder befrage sich selbst, denn diese Aussage gilt nicht nur für Deutsche, Privilegierte und Greise.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Joachim_Spremberg#/media/File:Bundesarchiv_Bild_183-F0125-0004-001,_Berlin,_Fernsehturm,_Bau.jpg
** Die SED in der Ära Honecker, München 2014, S. 134–36




Stahl, Theresa 20 († 2017), kaufmännischer Lehrling aus Eisenheim bei Würzburg. Ihre Vorsichtsmaßnahme, trotz geringstem Alkoholgenuß in einer Würzburger Disco ihren Wagen stehen zu lassen, wurde nicht belohnt. Sie hatte an einem Aprilwochenende mit ihrem Geliebten dessen Geburtstag beim Tanz gefeiert. Jetzt ging das Paar in der Nacht zu Fuß nach Eisenheim. Wohl schon fast im Dorf angelangt, bog ein VW-Golf um die Ecke und fuhr Stahl, eine hübsche Braunhaarige mit langer Mähne, so heftig um, daß sie weit in ein Feld geschleudert wurde. Der Wagen setzte jedoch seine Fahrt fort. Stahls Geliebter hatte Glück und alarmierte den Rettungsdienst. Nach einigen Tagen im Krankenhaus war seine Geliebte gestorben. Die Täter beziehungsweise Unterlasser wurden gestellt. Fahrer Niclas H., sturzbetrunken und erst 18, war in jener Nacht mit drei Kumpels von einem Weinfest gekommen. Sein »Fahrlässiger Vollrausch« brachte ihm zunächst (2019) lediglich eine Geldstrafe von 5.000 Euro und ein Jahr Fahrverbot ein. Ansonsten sei er schuldunfähig gewesen. Viele Leute waren über dieses milde Urteil empört. Inzwischen läuft eine Berufung, bei der, durch eine neue Zeugin, auch ein Mordverdacht im Raume steht, also ein mutwilliges Überfahren der jungen Frau, eine Absicht.* So oder so bleibt Stahl freilich tot. Merkwürdiger als das Urteil finde ich das anscheinend vollständige Desinteresse an ihrem Geliebten. Schließlich muß der Mann einen gewaltigen Schock erlitten haben. Möglicherweise macht er sich außerdem Vorwürfe, wegen seines Überlebens oder wegen mangelhafter Wachsamkeit oder weiß der Teufel was. Man erfährt aber buchstäblich nichts über ihn.

* Clara Lipkowski, »Wurde Theresa Stahl gezielt überfahren?«, Süddeutsche Zeitung, 24. September 2020: https://www.sueddeutsche.de/bayern/eisenheim-prozess-trunkenheitsfahrt-mordverdacht-1.5043806



Stanchinsky, Alexei W. 26 (1888–1914), russischer Pianist und Komponist. Hier hätten wir eine erbaulichere Geschichte vom vielbeackertem Riesenfeld der Liebe. Ob sie stimmt, steht auf einem anderem Blatt. Ich stütze mich vorwiegend auf die russische Wikipedia. Der dortige Eintrag wirkt gut belegt. Danach kam Stanchinsky aus wohlhabendem Hause. Der Vater soll Chemieingenieur und Fabrikinspektor gewesen sein. Gegen 1900 erwarb sein Erzeuger überdies bei Smolensk ein Gut, genannt Logachevo. Dort übte der Knabe nun wie ein Besessener Klavier. Später hielt er sich zu Studienzwecken zeitweise in Moskau auf. Er galt bereits als Nachwuchsstar und bekam auch für seine Kompositionen rühmende Kritiken. Seine Rückschläge setzen 1910 ein, als sein Vater »unerwartet« stirbt. Offenbar empfand er das nicht als Erlösung, vielmehr Verlust. Zu allem Unglück erfährt er bald darauf, die Tochter des Gutsverwalters sei schwanger geworden – von ihm, dem Mitwegbereiter postmoderner klassischer russischer Musik. Heiraten darf er sie natürlich nicht: das wäre unter Stand, wie Stanchinskys Mutter und auch seine Schwester finden. Vielmehr wird die Schwangere, Elena Bai mit Namen, vom Gut verbannt.

Dies alles soll Stanchinskys Gesundheit zerrüttet haben. Er läßt sich sogar in Nervenkliniken behandeln. Aber im Sommer 1914 gelingt es ihm, erstmals seinen, inzwischen 4jährigen Sohn Andrey zu sehen. Er erwärmt sich für den Knirps und schmiedet Pläne für ein Familienleben. Ende September will er alles mit Elena besprechen. Seine Mutter, der Drachen, verbietet es ihm zwar, doch er bricht trotzdem in der Nacht auf, anscheinend zu Fuß. Das habe auch Besucherin Vera Glinka bestätigt, eine Verwandte des bekannten Komponisten. Nur trifft Stanchinsky nie bei Bai ein (der Zielort bleibt ungenannt). Man findet ihn anderntags 24 Kilometer entfernt an einem Flußufer in nassen Kleidern. Schwester Lydia, der Besen, bezeugt es. Und die Mutter behauptet, ein Sanitäter habe »Tod durch Herzlähmung« festgestellt. Seitdem wird »in der Literatur« vermutet, beim Durchwaten des kalten Wassers habe »das schwache Herz« des 26jährigen versagt, ganz einfach.

Wer hier keinen Mord oder wenigstens Selbstmord wittert, muß allerdings ein dickes Fell haben. Im Vorwort eines 2003 von Alexander Nitzberg herausgegebenen Sammel-bandes über lebensmüde russische Schriftsteller (zug-kräftiger Titel: Selbstmörder-Zirkus) heißt es beiläufig, der »überreizte« Stanchinsky habe sich ertränkt.* Vielleicht kann uns Nitzberg gelegentlich erläutern, warum der geschwächte Musiker zu diesem Zwecke erst 24 Kilometer marschieren mußte.

Der Hauptfluß in der Region Smolensk ist übrigens der bekannte Dnjepr. Das Gut oder Dorf Logachevo soll beim Städtchen Kositchino liegen, das ich aber nicht finde. Dagegen gibt es im Osten der Großstadt Smolensk nachweislich das Dorf Glinka.

Vom jungen Jenaer Theologie-Professor Christian Ludwig Wilhelm Stark (1790–1818) wird überall versichert, er sei (tatsächlich) mit 27 Jahren beim Baden in der Saale ertrunken. Wer kann schon wissen, für was ihn Gott strafte. Als einziger Beleg scheint die entsprechende Angabe des Dr. Johannes Günther zu dienen, Lebens-skizzen der Professoren der Universität Jena seit 1558 bis 1858, Jena 1858.

* planet lyrik März 2011: http://www.planetlyrik.de/alexander-nitzberg-hrsg-russische-gedichte-der-moderne/2011/03/



Stauffer-Bern, Karl 33 (1857–91), schweizer Maler. Es war fast ein Doppelselbstmord, und das auch noch im skandalträchtigem Milieu von Kunst und Geld. Stauffer-Bern, Sohn eines Berner Pfarrers, hatte es in München und Berlin schon in jungen Jahren zum angesehenem Porträtmaler gebracht. So lassen sich unter anderem die bekannten Schriftsteller Gustav Freytag, Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer von ihm verewigen. Trotz des Erfolges zweifelt Stauffer jedoch an seinen meisterhaft gemalten Werken und plant, seine Vollendung in der Bildhauerei zu suchen. 1888 geht er zu diesem Zwecke nach Rom, wohin ihm pikanterweise bald die steinreiche Schweizerin Lydia Welti-Escher (1858–91) folgt, Tochter eines in Zürich residierenden »Eisenbahnkönigs«, Gattin von Stauffers Schulkameraden Friedrich Emil Welti, dessen Vater im Bundesrat sitzt, und nicht zuletzt Stauffers Geliebte und Mäzenin.

Wen wundert es, wenn der Gatte, dessen überaus einflußreicher Erzeuger und der römische Gesandte der Schweiz, Simeon Bavier, übereinstimmend meinen, gegen diese Zustände einschreiten zu müssen. Dabei war es in Wahrheit, behauptet Welti-Eschers jüngster Biograf Joseph Jung* wie vor ihm (2005) schon Willi Wottreng, gerade der Gatte, der dem Künstler die eigene Gattin geradezu in die Arme getrieben hatte. Der Zweck der Intrige liegt auf der Hand: man wünschte sich Lydias Millionenvermögen unter den Nagel zu reißen. So landet Lydia auf Betreiben der drei Herren in einer Römischen Irrenanstalt, Karl im Gefängnis und dann in einer Florenzer Irrenanstalt. Im März 1890 wieder entlassen, weil sich die Beschuldigungen gegen ihn (Entführung, Diebstahl, Notzucht) als gar zu fadenscheinig erweisen, erfährt Stauffer, Lydia habe Rom verlassen und mit ihm gebrochen. Er schmiedet Klosterpläne, scheitert in einem erstem Selbstmordversuch, grämt und verzehrt sich. Im Januar 1891, inzwischen 33 Jahre alt, wird er in Florenz mit einer Überdosis Schlafmittel im Bauch tot aufge-funden. Ein ziemlich klarer Fall von Ruf- und Meuchel-mord, wenn Sie mich fragen.

Lydia, inzwischen dank einer Riesenabfindung für Welti von diesem geschieden und ebenfalls 33, folgt Stauffer noch im Dezember desselben Jahres. Sie bedient sich bei Genf, wo sie eine Villa hat, des Gashahns. Jung stellt die Mäzenin als erwiesenermaßen hellwache, dazu mutige Frau dar, die sich den Konventionen widersetzte und dabei »emanzipatorische« Ziele verfolgte; Wottreng spricht gar von ihren »feministischen« Zielen. Ihr restliches Millionenvermögen vermachte sie übrigens, mit Auflagen zur Nutzung, der Schweizerischen Eidgenossenschaft, also dem Vater Staat – der es nach Meinung vieler Fachleute kräftig veruntreut und teilweise den nächsten bestech-lichen Alpengeiern in den Rachen geschmissen hat. Näheres bietet das Internet unter dem Stichwort Gottfried-Keller-Stiftung.

* Laut Julian Schütt, »Schmiede des Unglücks«, Züricher Weltwoche , 9. Juli 2008: https://www.weltwoche.ch/ausgaben/2008-28/artikel/artikel-2008-28-schmiede-des-ungluecks.html



Steenken, Hartwig 36 (1941–78), erfolgreicher nieder-sächsischer Springreiter, der 1974 aus dem englischem Hickstead den Weltmeistertitel im Einzel (auf Simona) mit nach Hause nahm. Vielleicht meint so mancher, gegen die Traber und Galopper seien die Springreiter Weicheier. Ich greife damit noch einmal kurz das Thema des Geschwin-digkeitswahns und meines Eintrags zum Freund des Pferderennens Gottlieb von >Biel auf. Gewiß ist der Springreiter zunächst besser daran, weil er nur darauf zu achten hat, beim Bewältigen des Parcours, wie das Schlachtfeld hier heißt, unter der erlaubten Höchstzeit zu bleiben. Er kann sich also auf die Hindernisse konzentrie-ren, um Abwürfe (von Stangen und von ihm selbst) zu vermeiden. Können allerdings mehrere ReiterInnen mit »Nullfehlerritten« glänzen (keine Abwürfe, keine Verweigerungen, keine Zeitüberschreitung), wird ein sogenanntes Stechen ausgetragen. Bei diesem geht es, im verkürzten Parcours, noch halsbrecherischer zu, weil nun, bei allen fehlerlosen Ritten, die Durchgangszeit über die Plazierung entscheidet. Hier muß er auf die Tube drücken, daß es kracht.

Im Grunde ist es natürlich immer wieder erstaunlich. Seit Jahrtausenden finden sich jede Menge des Reitens, Rennens, Schwimmens kundige ZweibeinerInnen, denen es eine besondere Genugtuung bereitet, eine schwierige Aufgabe ein paar Sekunden schneller als ein anderer Mensch zu bewältigen – und sei es, sie brächen sich, wie erwähnt, den Hals, worauf ja in der Tat nicht wenige ZuschauerInnen lauern. Vielleicht liegt das an den tiefen Wurzeln des Geschwindigkeitswahns. Mag er auch nicht aus der Altsteinzeit stammen, dann doch zumindest aus jedem Ehebett. Beobachten Sie einmal kleine Kinder. Kaum können sie sich auf ihren krummen Beinen halten, sind sie auch schon auf die Feststellung erpicht, wer zuerst bis zum Gartentor gerannt ist. Dann kommen die Fahrrad-, dann die Ponyrennen. Nun fragen Sie einmal die Rosen im Garten oder selbst die seltenen Türkenbund-lilien, die man etwa (nördlich von Eisenach) im Wald Hainich trifft, was sie von dieser Abstrampelei halten. Da schütteln sie nur ihre durchaus feurigen Köpfe. Sie dächten noch nicht einmal im Traum daran, sich für eine »Plazierung« auch nur ein Bein auszureißen.

Damit zu Steenken zurück. Man glaube nicht, er sei zuletzt vom Pferd gefallen. Neben Pferden liebte er das Fußballspiel. Auch das Autofahren verschmähte er nicht. Er war 36, als er am 12. Juli 1977 nach dem freizeitmäßig betriebenem Fußballtraining in der schweren Limousine eines Freundes mitfuhr. Der Freund steuerte. Es war schon Nacht. In Kaltenweide, keine Viertelstunde von Steenkes Hof in Mellendorf entfernt (bei Hannover), fuhr der Freund aus überall ungenannten Gründen gegen eine Mauer. Steenken erlitt schwere Kopfverletzungen, an denen er ein halbes Jahre darauf, im Koma liegend, starb. Da hatte er nichts mehr von dem erstem Profivertrag eines deutschen Springreiters, den er am 1. Juli 1977 unterschrieben hatte. Er wäre hinfort für den Mailänder Getränkehersteller Campari gesprungen.* Den haben dann die Kameraden und Angehörigen getrunken, vor Schreck.

Ich sprach von einer »Verweigerung«. Sieht der Tribünen-gast die schäumenden und furzenden Gäule auffällig oft vor Hindernissen bocken, sollte er sich mit dem Gedanken beruhigen, als Pferd täte das vermutlich auch er. Das Pferdeskelett sei von Natur aus weder für das Reiterge-wicht noch für größere Sprünge noch gar für beides zusammen vorgesehen, schreibt Gerhard Kapitzke in seinem Buch Das Pferd von A bis Z von 1993. Wie Ver-suche von Verhaltensforschern belegten, sei das Springen dem Pferd zuwider. Wenn das »Sportinstrument« Pferd inzwischen veranlaßt werden könne, über zwei Meter hohe Hindernisse im Parcours zu überwinden, sei dies kein Gegenargument. »Durch systematische Zuchtwahl, kontinuierliche Ausbildung und vor allem durch die Angst vor dem 'Raubtier auf dem Rücken' werden Springwunder produziert, die dem Zwang gehorchend das Verlangte tun.«

Manche Pferde sind sogar schon so weit, sich Scheuklap-pen und Atemschutzmasken anlegen zu lassen.

* Dieter Ludwig, »Heute wäre Hartwig Steenken ...«, Ludwigs Pferdewelten, 23. Juli 2010: http://www.ludwigs-pferdewelten.de/index.php?option=com_content&view=article&id=846:heute-waere-hartwig-steenken-69-jahre-alt-geworden&catid=7:magazin&Itemid=20



Štefánik, Milan Rastislav 38 (1880–1919), tschechoslowakischer Kriegsminister, verunglückt. Unter ungarisch-österreichischer Herrschaft aufgewachsen, war der Slowake aus den »Kleinen Karpaten« zunächst Astronom, dann aber Politiker, Jagdflieger, General, und kurz vor seinem jähem Ende sogar Kriegsminister der ersten, 1918 gegründeten tschechoslowakischen Republik geworden. Deshalb wurde ihm später, neben zahlreichen anderen Denkmälern, auch noch der Asteroid (3571) Milanštefánik nachgeworfen. Auch der Flughafen in Bratislava (früher Preßburg) ist nach dem Sohn eines lutherischen Pfarrers benannt. Die HistorikerInnen zählen Štefánik, neben Masaryk und Beneš, zu den drei »Gründervätern« jener Republik, an der sofort das Gift der Zwietracht zwischen Prag und Bratislava nagte. Manche vermuten, eben deshalb, wegen der Abstrafung der sich benachteiligt fühlenden Slowaken, sei Štefánik im Mai 1919 als alleiniger Fahrgast einer italienischen Maschine nahe Bratislava kurz vor der Landung vom Himmel gestürzt. Der 38jährige Kriegsminister hatte in Italien Verhandlungen geführt und wollte sich nun bei seiner Familie wenigsten kurz erholen. Er stürzte in den Tod. Zwei Piloten und ein Funker der italienischen Luftwaffe, von denen mir weder das Alter noch die denkbaren Aufträge bekannt sind, teilten sein Schicksal.

Die Ursachen der Katastrophe sind bis heute umstritten. Einige BeobachterInnen halten es nicht für ausgeschlos-sen, Štefánik sei versehentlich von der eigenen Luftabwehr abgeschossen worden, weil die Hoheitszeichen italie-nischer Kampfflugzeuge leicht mit denen ungarischer Kampfflugzeuge zu verwechseln waren. Damals lag man mit Ungarn, das den Verlust der Slowakei nicht ver-schmerzen konnte, faktisch im Krieg. Andere unterstellen eher eine Absicht aus den eigenen Reihen, wie ich bereits angedeutet habe – Reihen, die sogar Frankreich einschließen. Für dieses Land war Štefánik im Erstem Weltkrieg geflogen, doch neuerdings kungelte Frankreich mit Beneš – der sich inzwischen mit Štefánik in den Haaren lag. Allerdings scheinen die meisten Beobachter-Innen doch zur Annahme eines Unglücks zu neigen, wenn auch mit unterschiedlichen Begründungen. Man führt die ungünstigen Wetterverhältnisse, die mangelhafte Ortskenntnis der italienischen Piloten sowie den Versuch der italienischen Behörden an, kein schlechtes Licht auf Mensch oder Material der italienischen Sorte fallen zu lassen. Aber schon das Wetter ist ebenfalls wieder umstritten. Für die englischsprachige Wikipedia war es zum Beispiel durchaus gut, nämlich sonnig und fast windstill. Dafür sprechen die ungarischen Autoren Klára Siposné Keckskeméthy und Alexandra Sipos in einem englischsprachigem Gedenkartikel*, der mir recht gut belegt vorkommt, von einer durch starke Regenfälle aufgeweichten Landebahn, falls ich mich nicht täusche. Nach ihnen lag im übrigen gar kein klassischer »Absturz« vor. Vielmehr sei die Maschine bei einem zweitem Versuch zu landen in Flammen aufgegangen. Beim ersten hätten die Räder bereits die Landebahn berührt – nur in einer ruppigen Weise, bei der das Kühlwassersystem leck schlug und folglich Kühlwasser auslief. Dadurch hätte sich ein Motor überhitzt, und just beim zweitem Landeanflug sei das Flugzeug aus diesem Grund explodiert. Für diesen Hergang führen die Autoren sogar die Aussage eines Zeugen vom Flugfeld an, des italienischen Leutnants und Piloten Mancinelli-Scotti.

Was die Leiche von Štefánik angeht, wurde sie 1928 in derselben Gegend seiner Kindheit bestattet, genauer auf dem 543 Meter hohem Berg Bradlo beim westslowakischen Städtchen Brezová pod Bradlom (früher Birkenhain). Jedes Kaninchen dürfte um dieses knochenbleiche, phallokratische, furchterregende Monument** einen großen Bogen machen, aber die Leute gehen hin.

* in Hadtudományi Szemle (Budapest), Heft 3 aus 2010, S. 87–94: http://epa.oszk.hu/02400/02463/00017/pdf/EPA02463_hadtudomanyi_szemle_2010_3_087-094.pdf
** https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Mohyla_Milana_Rastislava_Stefanika.jpg




Steffen, Ernst S. 34 (1936–70), süddeutscher Ganove, später Schriftsteller. Der Sprößling eines gewalttätigen Vaters war 1967 nach 13 Jahren Haft (wegen verschiedener »Eigentumsdelikte«) begnadigt worden, was sicherlich auch durch sein literarisches Wirken befördert worden war. Er hatte im Knast zu Schreiben begonnen und die Fürsprache einiger prominenter SchriftstellerInnen errungen. Vielleicht hätte es das 31jährige ehemalige »Heimkind« vorgezogen, hinter Gittern zu bleiben, wenn ihm jemand bestätigt hätte, die Freiheit sei fragwürdig. Oder verraten, sie währe in seinem Fall nur drei Jahre lang.

1969 erscheint Steffens erstes Buch, der Gedichtband Lebenslänglich auf Raten. Er werde von sich getragen wie ein Anzug, ist da etwa zu lesen, und hoffe, daß sich nach seiner Entlassung aus dem Knast noch ein Leihhaus für ihn finde. Er lebt jetzt in Heilbronn und Saarbrücken. Während er möglichen Arbeitsstellen und Geliebten und ganz allgemein dem Glück hinterher läuft, sitzen ihm die PfänderInnen und seine Ängste im Nacken. Der »Schreibdruck« für den einmal Gedruckten tut das Seine hinzu. Kaum säuft er mit seinen Gönnern und fährt ohne Führerschein, ist er wieder unsicher oder aufgeregt und füttert sein Magengeschwür mit Tabletten. Er lernt Schreibmaschine, macht Führerschein, legt sich, nach einem Hund, auch ein Auto zu, das er sich eigentlich gar nicht leisten kann, ein »rotes Cabriolet«, wie es heißt, möglicherweise jener Porsche, den schon Schürzen- oder LatzjägerInnen wie James Dean und Janis Joplin begehrten.

Ende 1970, wenige Monate vor dem Erscheinen seines zweiten Buches mit »Aufzeichnungen aus dem Zuchthaus« Rattenjagd, fährt Steffen bei Baden-Baden mit seinem kaum abbezahltem Sportwagen in den Tod. Rosemarie Bronikowski zufolge* war der 34jährige »in verzweifelter Stimmung« ins Schleudern geraten und gegen einen Baum geprallt. Vermutlich war ihm das Schlingern zwischen Selbstverachtung und Größenwahn schon in der Wiege, spätestens aber in dem erwähnten »Heim« beigebracht worden.

* Vortrag in der Stadtbibliothek Heilbronn am 23. Juni 2006: https://stadtbibliothek.heilbronn.de/dateien/Service/Heilbronner_Autoren/Steffen2.htm, nicht mehr aufrufbar. Siehe dafür Anton Philipp Knittel am 15. Januar 2021 in der Heilbronner Stimme: https://www.stimme.de/heilbronn/kultur/artikel/vor-50-jahren-starb-der-heilbronner-schriftsteller-ernst-siegfried-steffen;art140956,4426674



Steinhäuser, Robert 19 (1983–2002), thüringischer Schüler und Amokläufer. Das altehrwürdige Erfurter Gutenberg-Gymnasium, Tatort dieses Falls, wird nach zeitweiliger Schließung und einer Renovierung seit 2005 wieder als Höhere Lehranstalt genutzt. Kommt den Schülern gelegentlich zu Ohren, die Führungs- und Streitkräfte etlicher großer zivilisierter Nationen sorgten durch nie erklärte Kriege, einträgliche Geschäfte mit Waffen, Sojabohnen, Aufputschpillen und durch sogenannte wirtschaftliche Sanktionen nahezu ununterbrochen für jährlich Millionen von unschuldigen Todesopfern weltweit, können sie sich mit dem Gedanken beruhigen: das ist Politik, das ist legal, das ist normal. Bringt dagegen der 19jährige, kurz vor seinem Amoklauf gefeuerte Robert Steinhäuser an »ihrem« Gymnasium in rund 20 Minuten 16 Personen um und anschließend auch sich selbst, sind sie nachhaltig »traumatisiert« und ähnlich behandlungsreif wie Steinhäuser. Dafür wälzt sich das restliche Deutschland durchaus quicklebendig jäh in Entsetzen, »Trauer« und Empörung.

Der schlechte, unzugängliche, etwas schwerfällige und linkische Gymnasiast, zärtlicher Umsorger seiner Katze Susi*, ansonsten knallharter, süchtiger Computerspieler, hatte sich parallel zu Schulschwänzen und Schulverweis in einem Erfurter Schützenverein ausbilden lassen. Auch Schützenvereine sind normal; Scheiben- und Totschießen muß sein. Soweit ich sehe, rächte sich Steinhäuser dann am Vormittag des 26. April 2002 für seine ganze unglückliche Existenz, eingeschlossen etliche an ihm begangene Versäumnisse. Für dies alles konnte er selbstverständlich nichts. Fehlt nur noch, jemand würfe ein, an den US-Mörderdrohnen, die Merkel und Maas von Deutschland aus zu steuern gestatten, hätte auch keiner schuld.

Im übrigen wird die Gefahr der Traumatisierung ganzer Schülerschaften oder Nationen in naher Zukunft gebannt sein, weil man heutzutage schon die aufmüpfigen Säug-linge mit Hilfe geeigneter Pharmazieprodukte »ruhigzu-stellen« und auf ein glückliches leistungsorientiertes Leben vorzubereiten pflegt. Darüber gibt es einige kritische Literatur. Verpassen Sie also bitte die nächste Auffrisch-Impfung für Ihre achtjährige Tochter nicht.

* »Das Spiel seines Lebens«, Spiegel 19/2002: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-22328709.html



Steinweg, Leo wohl 39 (1906–45), jüdischer Rennfahrer, landet im KZ. Bei Kriegsende hofft Emmy inständig, unter den heimkehrenden abgerissenen Gestalten, die sie am Utrechter oder Amsterdamer Bahnhof trifft, befände sich auch ihr Leo, den die Gestapo vor drei Jahren mitten in der Nacht aus dem gemeinsamen, behelfsmäßigen Bett geholt hat. Eine im selben Haus wohnende Deutsche hatte ihre Pflicht getan. Das junge Ehepaar aus Münster lebte damals überwiegend versteckt, weil es vom Faschismus durch die Besetzung der Niederlande eingeholt worden war. Versteckt, das hieß für mehrere Jahre Angst, Entbehrung und auch Schuldgefühl wegen der selbstlosen Hilfe einiger NiederländerInnen zu erleiden. Doch das Unglück bleibt Emmy treu. Mithäftlinge Leos sagen ihr, es habe ihn noch wenige Wochen vor der Befreiung im KZ Flossenbürg erwischt. Er sei tot. Das wird 1948 amtlich bestätigt. Wahrscheinlich starb Leo mit 39. Man hatte ihn wohl in eine Kohlen- oder Erzgrube gesteckt, während er vorher, in Auschwitz, immerhin als Mechaniker arbeiten »durfte« – sein gelernter Beruf. Man hatte ihn vorm Gas verschont um der Benzinmotoren willen. Genauer, war Leo Steinweg in Deutschland zuletzt ein siegreicher, vielbewunderter Motorrad-Rennfahrer gewesen. Aber leider war er auch ein Jude, so zog er 1938 die Flucht vor. Emmy, die »Arierin«, folgte ihm ein Jahr darauf, nachdem sie unter beträchtlichen Einbußen das gemeinsame Laden- und Werkstattgeschäft aufgelöst hatte. 1950 kehrt sie nach Münster zurück – allein. Obwohl ihr Leo aus seiner DKW stets das Letzte herauszuholen pflegte, preist Emmy ihn als mitfühlenden, rücksichtsvollen, zärtlichen Mann. Mit 96 Jahren, nun als erneute Witwe Emmy Herzog mit Namen, schreibt sie sich ihre nie erlahmte Trauer von der Seele und bringt ein Buch heraus.* Sie stirbt 2009 mit 106.

* Leben mit Leo, Münster 2000



Stevenson, Garcia ?? Wer Männer davor warnen möchte, ihre Augen vor allem auf knusprige Knaben zu werfen, sollte unbedingt vom schlechtem Beispiel des Biele-felder Tuchfabrikantensohnes Friedrich Wilhelm Murnau sprechen. Allerdings ist er für das vorliegende Werk zu alt: 1888–1931. Aber wie wäre es denn mit Stevenson, von dem wir lediglich befürchten können, er wurde weniger alt?

Murnau, urspünglich nur ein schwuler Berliner Philologie-Student aus der Provinz, schwang sich mit Unterstützung des Talentscouts Max Reinhardt zum Schauspieler und bald auch zum berühmtem Stummfilmregisseur auf. Als solcher ließ er bereits mit seinen ersten Arbeiten aufhorchen, etwa Nosferatu (1922) und Der letzte Mann (1924). Ab 1926 wirkte Murnau in Hollywood, USA, und von dort aus auch auf der Pazifikinsel Tahiti, wo er den Film Tabu drehte, dessen Premiere für den 18. März 1931 angesetzt war. Diese erlebte Murnau aber nicht mehr. Und wer war schuld? Wenn nicht Murnau selber, dann sein angeblich erst 14 Jahre alter »Butler«, wie sich einige Quellen verschämt ausdrücken. Butler Garcia Stevenson, mal als Polynesier, mal als Filipino, auf den Webseiten der Bielefelder Murnau-Gesellschaft und der Wiesbadener Murnau-Stiftung sogar als Luft ausgegeben, begleitete den Filmkünstler am 11. März von Los Angeles aus via Küstenstraße zu einer Besprechung in Monterey. Trauen wir dem Spiegel am meisten*, ließ Murnau seinen (Liebes-)Diener in der Nähe von Santa Barbara »erstmals« ans Steuer seiner Limousine, bei der es sich für die englischsprachige Wikipedia naturgemäß um einen Rolls Royce handelte, wenn auch nur um einen »gemieteten«. Prompt stieß der blutjunge Fahrschüler, möglicherweise von Hause aus eher mit Fischerbooten vertraut, gegen einen Lastwagen oder einen Strommasten und stürzte in jedem Fall, jedenfalls laut Spiegel, eine Böschung hinunter. Das war das Ende der Dienstfahrt.

Bei diesem Unfall soll lediglich Murnau ums Leben gekommen sein. Der 42jährige erlag noch nachts in einem nahem Krankenhaus seinen Verletzungen und wurde bald darauf in Berlin-Stahnsdorf begraben. Die Literatur über sein Filmschaffen und sein Leben ist wahrscheinlich länger als ein erigierter Elefantenpenis. Dagegen ist das Schicksal von Murnaus »Schützling« aus der Südsee anscheinend niemandem mehr als ein Komma wert. Broll hält es noch nicht einmal für nötig zu erwähnen, daß der Boy bei dem Unfall mit leichten Verletzungen davonkam. Er hätte auch gestorben sein können: Broll hätte es nicht gemerkt. Geht es gar um die Herkunft und die Zukunft des Boys, seine Gewissensqualen vielleicht eingeschlossen, herrscht internetweit Tote Hose.

* Simon Broll, »Verfluchtes Genie«, 20. Dezember 2013: https://www.spiegel.de/geschichte/125-geburtstag-von-regisseur-friedrich-wilhelm-murnau-a-951346.html



Stieglitz, Charlotte 28 (1806–34). Vielleicht hätte Murnaus verschlepptem Boy ein mütterliches Wesen wie sie gut getan. Sie hatte 1828, nach gemeinsamen roman-tischen Höhenflügen, den Berliner Schriftsteller und vorübergehenden Kustos der Königlichen Bibliothek Heinrich Wilhelm Stieglitz geheiratet, fand sich aber rasch auf dem Bauch wieder – ihn übrigens auch. Ihr wahrscheinlich im Grunde gefühlskalter Gatte, falls man Friedrich Kummer folgt*, war einerseits außerstande, an seine literarischen Anfangserfolge anzuknüpfen, andererseits wollte er aber auch nicht auf den Glauben an sein dichterisches Feuer verzichten. So faßte sie den Entschluß, Heinrich durch eine große, aufopferungsvolle Tat zugleich zu erschüttern und zu beflügeln: die 28jährige erstach sich am 29. Dezember 1834 mit einem Dolch, den sie ihm einmal geschenkt hatte. Das Aufsehen war natürlich riesig. Aber die für Heinrich erhoffte Wirkung blieb aus. Er ging nach München und Italien, wo er rund 15 Jahre später, mit 48, an der Cholera starb. Kummers Urteil über Stieglitz ist womöglich noch härter als der Dolch, mit dem sich seine Gemahlin umbrachte: »Hinter glänzendem Firniß findet man weder Gedanken noch Gefühle.«

Genau ein Jahr vorm Tod der Schriftstellergattin war der berühmte, bis heute rätselhafte Findling Kaspar Hauser im fränkischen Ansbach den Folgen einer Stichverletzung erlegen. Nach Ansicht etlicher ForscherInnen hatte der ungefähr 20jährige, der für 16 Jahre in einem abgedun-kelten Raum bei Wasser und Brot gedarbt haben wollte, mehrere in Freiheit auf ihn verübte »Attentate« durchweg eigenhändig ausgeführt – weil die öffentliche Aufmerk-samkeit für seinen sensationellen Fall zu schwinden begann.

* ADB Band 36 von 1893



Stinnes, Georg Mathias 35 (1817–53). Den Stinnesclan dürfte fast jeder kennen, zumindest in Gestalt des Industriellen und Politikers Hugo Stinnes, der um 1920 sicherlich zu den größten Feindbildern des KPD-Blattes Rote Fahne zählte. Georg Mathias war der älteste Sohn des Gründervaters. Man betrieb Schiffahrt und Kohlenhandel von Mülheim an der Ruhr aus. 1845, nach dem Tod seines Erzeugers, übernahm Georg Mathias die Geschäftsfüh-rung. Er war inzwischen mit Eleonore Weuste verheiratet, Tochter des späteren Mülheimer Bürgermeisters, der er immerhin noch ihrerseits zwei Töchter machen konnte, ehe er 1853, mit knapp 36 – »verstarb«. Genaueres ist über diesen Vorfall nicht zu erfahren.

Um es einmal einzugestehen: genügend Einfühlungs-vermögen für Kapitalisten aufzubringen fällt mir immer verdammt schwer. Welchen Lustgewinn ziehen sie denn aus ihren doch häufig beschwerlichen und krankma-chenden Geschäften? Bei mir liegt dieses Brennen, Nagen, Flattern, wenn einer unbedingt etwas haben muß, beispielsweise einen Rollkragenpullover, in fernster Beatleszeit. Selbst das Sammeln von Briefmarken, Liebschaften, Büchern gab ich vor Jahren auf. Besitz beschwert. Mit ein paar Notizen über ausgeliehene Bücher gestalten sich Umzüge kinderleicht. Lesen tue ich also schon. Und von daher ist mir zumindest theoretisch klar, was den Kapitalisten zum Orgasmus bringt: die Macht über einen Haufen von Dingen und mehr noch über einen Haufen Menschen. Er ist Sadist, wie ich weiter oben bereits angedeutet habe. Er bezieht sein Vergnügen aus unserer Qual. Er weidet sich an dem großem »Einfluß«, den er hat, und wenn man ihm diesen wegnähme, gliche er wahrscheinlich einem leerem Faß.

Zum eisernen Bestand in meinem nur schulterhohem verglastem Bücherschrank aus Eiche zählt natürlich Wiecherts Einfaches Leben. Nichts haben zu wollen, sei das Letzte, was man im Leben gewinnen könne, sagt Orla zu der erheblich jüngeren Gutsherrentochter Marianne, die ihn glühend verehrt. Was mich zwischen 5 und 50 allerdings geknechtet hat, war mein Wunsch geistreich zu sein. Als Zehnkämpfer, Dressman oder wie Gunter Sachs mit einer Jacht zu glänzen, kam mir wenig verdienstvoll vor. Geistreich war der häßliche Gnom Lichtenberg, obwohl er keineswegs einen ererbten Witzableiter auf dem Dach hatte. Mühsames Schürfen bringt hier wenig Guthaben, aber viel Anmut ein. Andrerseits kostet einen der Geistreichtum nichts, liegt er doch ausschließlich in der allen zugänglichen Sprache. Pflücke ich mir zum Beispiel Tausendgüldenkraut aus einer Lektüre, erspare ich mir sogar den Radweg zu jener feuchten Waldwiese im Langen Hain, wo es fast Jahr für Jahr in wahren pinkfarbenen Lachen steht. Das soll nicht heißen, ich plädierte für mehr Ausgangsverbote.



Stoltze, Annett 27 (1813–40), südhessische republika-nisch gestimmte Wirtstochter und Klavierspielerin. Singen, Kutschieren, Schwimmen und Schlittschuhlaufen konnte sie auch – alles zu ihrer Zeit noch Ausnahmefall. Ihr Bruder Friedrich, ein bekannter heimischer Schrift-steller, bescheinigt der blauäugigen Schwarzhaarigen einerseits »untadelhaften Wuchs«, andererseits Neugier auf alles Ungewöhnliche, also auf eher Anstößiges. Ihre Eltern führten unweit des Doms zu Frankfurt/Main das Wirtshaus Zum Rebstock, ein bekannter Treffpunkt liberaler Bürger. Anscheinend keineswegs bettelarm, hatten sie ihrer Tochter (in Mannheim) eine private musische Ausbildung ermöglicht. Aber die Revolution lag in der Luft.

Kaum heimgekehrt, nahm die temperamentvolle junge Frau regen Anteil an den neuen republikanischen Bestrebungen und setzte sich wohl vor allem für politische Flüchtlinge und Gefangene ein. Beim Kirchhainer Bürgermeister >Scheffer streiften wir kürzlich den berüchtigten Frankfurter Wachensturm von 1833. Diese Aktion sorgte leider gleich für Nachschub, weil sie mißlang. Statt Gefangene zu befreien, schuf sie neue Gefangene. Zu denen zählte auch der Medizinstudent Christian Heinrich Eimer, der im »Rententurm« saß. Da sie im Laufe des Ein- und Ausschmuggelns von Briefchen sowieso eine Neigung zu Eimer faßte, beteiligte sich Stoltze umso bereitwilliger an Versuchen, ihn zu befreien. Man beziehungsweise Frau buk zum Beispiel winzige Eisensägen in Kuchen ein. Es kam zu geschlagenen drei Befreiungsversuchen – die durchweg scheiterten, soweit es jedenfalls Eimer betraf. Vielleicht war Stoltze mit der silberhellen Stimme am Klavier doch geschickter als bei Schlosserarbeiten. Da ihre Mitwirkung an den ungesetzlichen Umtrieben nicht zu leugnen war, stellte ihr nun die Justiz nach. Im November 1834 kam sie, dank Fürsprechern, mit der vergleichsweise milden Strafe von vier Wochen Arrest davon. Wegen Tod ihres Vaters, der Belastungen vor Gericht und vor allem einer Schwanger-schaft verbüßte sie ihre Strafe erst im Spätsommer 1835. Auch Stoltze saß sie ausgerechnet im Rententurm ab. Sie erholte sich freilich nie mehr von den Anstrengungen des revolutionären Kampfes, wie es heißt, und vielleicht auch der Liebe. Die 27jährige starb »nach längerer Krankheit« im November 1940. Näheres weiß auch Silke Wustmann* offensichtlich nicht.

Zum Schicksal des Stoltze-Sohnes Friedrich Philipp, genannt Fritzchen, liefern die Quellen ähnlich magere Angaben. Geboren am 12. Dezember 1834, blieb sein Erzeuger im Dunkeln. Einige Zeitgenossen mutmaßten, just Heinrich Eimer sei der Lüstling gewesen, aber da sich Eimer und Stoltze nie intim begegnen konnten, hätte es »dazu schon der unbefleckten Empfängnis bedurft«, wie Wustmann meint. Vielmehr habe sich Stoltze bei den Vorbereitungen zum drittem Befreiungsversuch, der mehreren Gefangenen gleichzeitig galt, in einen anderen Revolutionär verliebt. Dieser Überfall auf die Konstabler-wache gelang sogar: etliche Gefangene konnten entkommen. Nur habe sich bald darauf leider auch Stoltzes Mitstreiter und neuer Geliebter abgesetzt – und sie im Stich gelassen. »Seinen Namen verriet sie nie.« Der Junge wuchs bei der Großmutter auf. Dem Leichenbestand dieses Buches entging er nur knapp, weil er, mit 41, Anfang 1876 schon wieder starb. Er soll im Brotberuf Kärcher/Kärrner, also Fuhrmann gewesen sein.

Bedenkt man Stoltzes Affäre mit Fritzchens namenlosem Vater, diesem Windbeutel, drängt sich die Vermutung auf, bei ihrer »längeren Krankheit« habe auch ein bohrender Liebeskummer mitgewirkt. Vielleicht hat sie der Tölpel auch angesteckt. Noch manche andere Widrigkeiten sind denkbar – aber für ForscherInnen stellt die »längere Krankheit« sicherlich den bequemsten Weg dar. Müßte sich nicht Bruder Friedrich, der sie geradezu verehrte, zu ihrem Ende geäußert haben, ob in Briefen oder anderen Texten? Der Mundartdichter, Journalist und Verleger war prominent. Er starb mit 74 just in Frankfurt am Main.

* »Anna Margaretha Stoltze«, Frankfurter Frauenzimmer, o. J.: http://www.frankfurterfrauenzimmer.de/ep10-detail.html?bio=dx



Strassmann, Johannes 29 (1985–2014), erfolgreicher Pokerspieler, möglicherweise ertrunken, fragt sich nur, warum? Der aus Bonn stammende Odenwaldschüler und vielseitige Sportler strebte zunächst eine Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr an, entschied sich aber schon mit 22 für eine verwandte, vermeintlich weniger lebensgefährliche Gangsterbranche: das professionelle Pokerspiel. Offensichtlich lag sie ihm, strich er doch sowohl »online« wie bei »Live-Turnieren« rasch Dollar-Beträge ein, die ein Leutnantsgehalt plus Prämien für Humanitäre Einsätze im Ausland beträchtlich überstiegen. Als er mit 29 tot war, führten ihn die Schlagzeilen meist als »deutschen Pokerstar« oder schlicht »Millionär«.

Von Wien aus, wo er aus mir unbekannten Gründen seit 2007 wohnte und angeblich gute Freundschaften hatte, klapperte Strassmann die einschlägigen Turniere ab, darunter in Las Vegas, Nevada. Er arbeitete auch als bezahlter Coach. Falls er ein Liebesleben hatte, ist es der stets geilen Presse entgangen. Über den Vater, angeblich Übersetzer, ist ebenfalls nichts zu erfahren. Seine Mutter D., eine Ärztin, fand bei der Beerdigung Worte*, die zunächst erstaunlich offenherzig und »cool«, dann jedoch genauso erstaunlich un(selbst)kritisch anmuten. »Er war ein Kämpfer, gab nicht auf und arbeitete hart an seinen früh erworbenen seelischen Blockaden.« Wahrscheinlich hatte er sie als Knirps auf dem Schulweg an Kaugummi-Automaten erworben, oder erknackt. Ende Juni 2014 war ihr inzwischen fast 30jähriger einziger Sohn etwas weiter südlich von Wien, nämlich in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana, früher Laibach, tot aus dem Fluß Ljubljanica gefischt worden. Obduktions- und Polizeibericht stellten »Tod durch Ertrinken« fest. Strassmann hatte »alte Freunde« besucht, sie aber am verhängnisvollem Samstagabend beim Altstadtbummel verlassen. Für seinen Sturz oder Sprung ins Wasser gab es keine Augenzeugen. Seine erst später aufgefundene Leiche war nackt, ja sogar ohne Armbanduhr. Die UntersucherInnen fanden auch Spuren von »verbotenen« Drogen, ohne diese freilich zu nennen. Insider tippten auf sogenannte »Zauberpilze«, da Strassmann mit einem entsprechendem Dealer gesehen worden sei. Auch Strassmanns US-Freund Daniel Cates erklärte, der Wiener Kollege habe neuerdings vorgehabt, »mit psychedelischen Drogen zu experimentieren«. Sie können Euphorie oder Panik erzeugen. An Selbstmord glaube Cates allerdings nicht.**

Bei den bekannten Geschäftspraktiken der Branche könnte man ein Verbrechen argwöhnen, doch dafür will die slowenische Polizei keine Anhaltspunkte gefunden haben. Die Mutter behauptet übrigens, Strassmann sei im Begriff gewesen, das Pokerblatt an den Nagel zu hängen und Unternehmer zu werden. Vielleicht Software-Entwickler für Drohnen-Einsätze? Sie bestätigte auch Meldungen, ihr betriebsamer und waghalsiger Sprößling habe sich neuerdings eingehend (fernöstlich gefärbter) Meditation gewidmet, um sich (endlich) selbst zu finden. Als seinen Guru erwähnt sie den offenbar vielgelesenen »Meister« Eckart Tolle aus Kanada.

* T. Fabian, »Johannes Strassmann beigesetzt – Tröstende Worte seiner Mutter«, Portal Hochgepokert, 23. Juli 2014: http://www.hochgepokert.com/2014/07/23/johannes-strassmann-beigesetzt-troestende-worte-seiner-mutter/. Der Traueranzeige der Mutter zufolge schreibt sich der Familienname »eigentlich« mit ß.
** Tobias Frey, »Stern über Poker, Johannes Strassmann und Philipp Hochhuth«, Portal PokerStrategy, 11. Juli 2014: https://de.pokerstrategy.com/news/world-of-poker/Stern-%C3%BCber-Poker,-Johannes-Strassmann-und-Philipp-Hochhuth:-Gef%C3%A4hrliches-Spiel-_85425/




Streng, Tobias 27 (1993–2020), Lehrer an einem Bayreuther Gymnasium, Fußballer beim Amateurclub Sportring Bayreuth, hier wie dort beliebt, wie es überall heißt. Der Schreck bei Kollegen, Schülern und Kameraden war entsprechend groß. Die vierköpfige Familie Streng war am 25. Juni 2o2o zum Trebgaster Badesee hinausgefahren; die berüchtigte gnädige Corona-»Lockerung« gestattete es gerade wieder. Gegen Mittag ließ Vater Streng seine Frau Bettina mit der zweijährigen Tochter Esther am Liegeplatz zurück, um mit der älteren Tochter Finja (4) den langgestreckten See zu erkunden. Aber sie blieben zu lange aus. Nach gut zwei Stunden alarmierte Bettina Streng die Polizei. Taucher bargen die beiden Leichen gegen Abend vom Grund des Sees.

Lehrer und Mittelfeldspieler Streng, ein erklärter Christ, war auch kirchlich aktiv gewesen. Er galt als gesellig und warmherzig. Mehrere Quellen betonen, er habe »auf einen gütigen Gott vertraut«. Das war nun beim Baden, wie anzunehmen ist, schief gegangen, obwohl Streng, 27, im Schwimmen ähnlich gut trainiert wie auf dem Rasen gewesen sein soll. Die vierjährige Finja dagegen konnte noch nicht schwimmen. Eine Aufsicht gab es nur im Nichtschwimmerbereich. Laut der rechtsmedizinischen Untersuchung sind beide Strengs, Vater und Tochter, ertrunken. Für andere Todesursachen gebe es keine Anhaltspunkte, ist im Bayreuther Kurier zu lesen.* Damit sind allerlei denkbare Gründe des Ertrinkens elegant umschifft. Augenzeugen waren offenbar nicht vorhanden.

* »Polizei veröffentlicht Obduktionsergebnis«, 29. Juni 2020: https://www.kurier.de/inhalt.badeunfall-in-trebgast-polizei-veroeffentlicht-obduktionsergebnis.26101d79-4049-4ded-8519-10c97f045770.html



Struve, Amalie 37 (1824–62), Lehrerin und Schriftstel-lerin – überdies Gattin eines merkwürdigen Vogels. Mein Brockhaus stellt den Rechtsanwalt und Politiker Gustav Struve allerdings als völlig normal hin. Struve war im »Vormärz« ein bekannter Radikaldemokrat und mauserte sich 1848/49, neben Friedrich Hecker, zum Führer der badischen Aufstände und designiertem Ministerpräsi-denten der Badischen Republik, die man zu gründen gedachte. Das zerschlug sich leider. Die »revolutionären« Truppen wurden aufgerieben; Struve und Gattin gingen ins Exil. Brockhaus (Band 21 von 1993) übergeht mit der Schrägheit Struves auch gleich die Gattin. Jene wird dafür in den Erinnerungen des Schriftstellers und Verlegers Alexander Herzen hervorgehoben, der Struve zeitweilig in Genf erlebte.* Danach war der verhinderte Staatsmann ein verschrobener Priester und Schöndünster, der seine Rechthaberei mit salbungsvollem Auftreten zu verbrämen suchte. Er hielt streng auf Zeremonien bei Verhandlungen, vegetarische Ernährung, tägliche Abhärtung im kaltem Gebirgsfluß Arve, mied dagegen Wein. Möglicherweise hatte er seine enorme Stirnglatze von den vielen Hechtsprüngen ins läuternde Wasser bezogen. Sein Vollbart blieb stets dran. Auf den bekannten Bildnissen wirkt er auch knopfäugig, aber nicht unbedingt lustig.

Diesen Kuren und einem solchen, eher Schüttelfrost erregenden Geliebten mußte sich also auch Amalie unterziehen. Das tat sie aber angeblich gern. Sie war die Stieftochter des Mannheimer Sprachlehrers Düsar. Neben der »unehelichen« Herkunft setzte ihr Armut zu. Düsar ermöglichte ihr immerhin eine gewisse Bildung, sodaß sie Lehrerin werden konnte. Ihren Gatten soll sie 1845 in Mannheim bei der Stellensuche getroffen und noch im selbem Jahr geheiratet haben. Der Mann war fast 2o Jahre älter als sie. Von ihm ins revolutionäre Fahrwasser gezogen, habe sie sich bis zum Ausbruch der Revolution 1848 »mit der Rolle einer passiven Beobachterin begnügen« müssen, weil Frauen die Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen und die Mitgliedschaft in Vereinen weitgehend verboten war, schreibt Marion Freund.** Dann jedoch habe sie sich in die Breschen geworfen. »Sie nahm an allen drei Erhebungen 1848/49 im Großherzogtum Baden teil, und dokumentierte diese eindrucksvoll in ihren Erinnerungen aus den badischen Freiheitskämpfen (1850), bis heute eine ihrer am stärksten rezipierten Schriften.« Über die Jahreswende 1848/49 verbrachte die junge Amalie Struve sogar knapp sieben Monate im Gefängnisturm am Freiburger Holzmarkt in Einzelhaft. Im April entlassen, warf sie sich sofort in die sogenannte Reichsverfassungskampagne. Als preußische Truppen anrückten, schreckte der Chef der Revolutions-regierung Lorenz Brentano vor der Volksbewaffnung zurück, sodaß sich Gustav Struve und andere Radikale gezwungen sahen, ihn abzusetzen. Es nützte freilich nichts. Gegen das kriegserfahrene preußische Militär hatten die badischen Revolutionshaufen keine Chance. Die letzten Revolutionäre wurden in der Festung Rastatt festgenagelt, wo sie sich am 23. Juli 1849 ergaben. Es folgten zahlreiche Hinrichtungen oder Verurteilungen zu Haftstrafen. Den Struves gelang es jedoch, in die Schweiz und dann nach England zu entkommen. Dort schrieb die inzwischen 25jährige das erwähnte Buch.

Dem Schreiben blieb sie auch treu, nachdem sich das Paar 1852 in den USA niedergelassen hatte, Staat New York. Dabei kreisten ihre Artikel und Schriften oft um Frauen-fragen. Sie soll auch noch Romane geschrieben haben, deren Qualität ich nicht beurteilen kann. Aber sie diente weiterhin als Sekretärin ihres gleichfalls publizistisch wirkenden Gatten und blieb auch der Mutterrolle treu. Das erste Kind starb allerdings (1859) bereits nach sechs Wochen. 1862, mit 37 Jahren, erwischte es die Mutter selber nach der Geburt ihrers dritten Kindes. Einzelheiten sind mir nicht bekannt. Für ihren Zeitgenossen Wilhelm Liebknecht war sie »heiter und lebenslustig« gewesen, »das war ihr gutes Recht; sie war aber auch muthig, wie wenige Männer, und aufopferungsvoll, wie wenige Frauen, und eine treue Gattin.« Nebenbei prangert Gerd Reuther auf den Seiten 82 und 308 seiner Heilung Nebensache den fadenscheinigen Stempel »Kindbettfieber« an, der bis ins 20. Jahrhundert hinein, parallel zur Verlagerung der Geburten in Kliniken, zahlreichen Frauenleichen verpaßt wurde, um den Zusammenhang geburtlicher Wundinfekti-onen mit mangelhafter Hygiene und ärztlichen Eingriffen zu vertuschen. »Allein in Preußen starben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 365.000 Mütter nach der Geburt ..(..).. Nicht einmal heute spricht man wahrheits-getreu von einer behandlungsbedingten Sepsis der Mütter.« Meine Herren! »Geburtshilfe« als Geschäfts-modell – da stehen der Leserin hoffentlich die Haare zu Berge.

Gustav Struve ging bald darauf nach Europa zurück, zumal er inzwischen amnestiert worden war. Wo blieben die beiden Töchter? Nach Monica Marcello-Müller (Herbolzheim 2002) hatte Struve sie in den Staaten zunächst »deutschen Pflegeeltern« anvertraut, nahm sie dann aber anscheinend mit. Er ging noch eine zweite Ehe ein, die ihn nach Wien führte, wo er 1870 mit 64 und trotz vegetarischer Vorsichtsmaßnahmen wahrscheinlich einer Blutvergiftung erlag. In Rastatt, wo Amalie Struve noch im Mai 1849 erheblich zu einer Soldatenmeuterei beigetragen hatte, ist eine »Kinderschule« nach ihr benannt. Damals war sie mit anderen Revolutionären anschließend nach Bruchsal gezogen, um den dortigen Gefängnisturm zu stürmen. Sie befreiten unter anderem Gustav Struve. Tags darauf floh Großherzog Leopold aus seiner Residenzstadt Karlsruhe und Brentano und Struve riefen die Republik aus – für ein paar Tage. Amalie Struve seufzte später***: »Das deutsche Volk war damals noch in tiefem Schlafe befangen. Es nahm wohl Theil an den Kämpfen der Männer [!], welche den großen und kleinen Tyrannen entgegentraten, allein nur in der Weise des Publicums, welches im Theater einem Schauspiele zusieht und, nachdem der Vorhang gefallen, ruhig nach Hause geht, ohne sich weiter um die Schauspieler zu kümmern, welche die edlen und unedlen Rollen dargestellt hatten.«

* Mein Leben, Ostberliner Ausgabe 1963, Band II, S. 71–77
** NDB Band 25 von 2013
*** auf S. 4 ihres Buches von 1850, gedruckt in Hamburg bei Hoffmann & Campe




Fortsetzung Stu—Val
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