Mittwoch, 10. November 2021
A-50→Die Genesung des Kapitalismus
Mitte Mai 2020

Liebe S., für Thierry Meyssan, Damaskus, hat das Virus auf unserem Planeten ein »kollektives Delirium« angerichtet. Mich ereilte der erste Schock bereits vor Ausrufung der Maskenpflicht, als ich, wie schon öfter zuvor, den hiesigen Baumarkt betreten wollte. »Holen Sie sich einen Einkaufswagen!« bellte die Kassiererin und wies wie ein Verkehrspolizist mit makellos gestrecktem Arm durch die Tür und auf den Parkplatz. Als ich stammelte, das hätte ich aber noch nie gemacht, sprang ihr ein älterer, schon grauhaariger Kassierer zur Hilfe, möglicherweise Abtei-lungsleiter. »Na wird's bald!« fuhr er mich sprungbereit an und zeigte mir eine angst- und haßerfüllte Visage, die nur einem Selbstmordattentäter oder einem Aussätzigen gelten konnte. Hätte ich noch länger gezögert, hätte er wahrscheinlich eine Axt aus seinem Tresen gezogen und nach mir geworfen. Eigentlich pflege ich die Stangen von Einkaufswagen seit Jahren zu meiden, weil sie mir als geschätzte Versammlungsorte sämtlicher Schweißperlen, Krankenhauskeime und Viren der jeweiligen Gegend genannt worden waren. Dabei blieb ich denn auch. Der Baumarkt wird meinen Boykott schon überleben. Notfalls läßt er sich vom Online-Giganten Amazon schlucken, das fördert auch die kriselnde Lieferwagenindustrie.

Der zweite Schock traf mich nach dem 1. Mai beim Studieren der Aushänge an der Glastür zum Frisiersalon. Vor der Zwangsimpfung Zwangswäsche des Kopfhaars! Eigenhändiges Haarewaschen zu Hause zwecklos! Im Internet erfuhr ich dann, behaarte Schädeldecken seien ideale oder jedenfalls potentielle Lauerplätze der Viren. Man dürfe sie nur nicht mit Läusen verwechseln. Und selbstverständlich: durch diese ganzen Aufwendungen des Friseurs zu meiner und seiner »Sicherheit« werde der Kunde zukünftig beträchtlich tiefer in die Tasche greifen müssen. Jetzt kann ich mir überlegen, ob ich mit vorge-rücktem Alter wieder Hippie oder erstmals Glatzkopf werde.

Der auf breiter Front angefeindete Mediziner Wolfgang Wodarg meldete sich Anfang Mai mutig zurück.* Er betont zunächst erneut, die »Corona-Gefahr« sei im Vergleich nicht größer als zu vorangegangenen Grippe-Zeiten, sie sei zumindest in Deutschland auch schon so gut wie vorüber, besondere Vorsichtsnahmen seien aus medizinischer Sicht »ab sofort überflüssig – auch wenn die Regierung etwas anderes sagt«. Ferner beklagt er einen grob fahrlässigen Umgang mit den ungeprüften, bislang »nicht für medizinische Zwecke zugelassenen« PCR-Tests; im Grunde hätten sie erst die Panik befördert. Ein Zwischen-titel des ausführlichen Artikels nennt sie »unspezifisch, medizinisch unnütz, aber ängstigend«. Wodarg behauptet: »Ohne den von deutschen Wissenschaftlern entworfenen PCR-Test auf SARS-CoV-2-Viren hätten wir von einer Corona-'Epidemie' oder gar 'Pandemie' nichts bemerkt.« Diesen Satz sollte man vielleicht stark vergrößert an die Türen der Baumärkte und Frisierläden hängen. Die korrupte »Durchseuchung« der maßgeblichen »Experten« deutet der aufmüpfige Sozialdemokrat mehr als nur an. Er erwähnt sogar Bill Gates. Allerdings ist der Microsoft-Guru kein Experte, soweit ich weiß, nur stinkreich und offenbar wahnsinnig. Nebenbei habe ich inzwischen gelesen**, Herr Joachim Sauer, gelernter Chemiker und treuer Ehemann unserer Staatsmutti Merkel, sei ebenfalls beträchtlich in die Pharma-Lobby verstrickt. Aber wann wäre es in Regierungskreisen schon einmal anders gewesen? Ferner breitet Wodarg, lange Zeit gesundheitspolitisch für die SPD aktiv und inzwischen 73, in seinem Aufsatz wahrlich alarmierende Recherchen zur auffällig erhöhten Sterblichkeit afro-amerikanischer männlicher Patienten aus, die gegen Corona oder ähnliches mit dem Anti-Malaria-Mittel HCQ behandelt wurden. Offenbar vertrü-gen sie es nicht, weil sie alle an einem erblichen G6PD-Mangel litten. Wenn diese fahrlässige Verabreichung nicht sofort eingestellt werde, drohe geradezu ein Massenster-ben. Doch von der WHO abwärts bis zu Merkels Beratern werde dieses Thema gemieden – wie die Pest, darf man wohl sagen.

Während der Schriftsteller und Jurist Wolfgang Bittner am 28. April den »Tod der Demokratie« beklagte, drückte sich Michael Schütte wenige Tage später, in Telepolis, etwas flockiger aus: »Es kann einem übel werden. Der Staat ist offenbar gerade am Ausflippen.« Das finde ich umso bemerkenswerter, als der Autor laut redaktioneller Anmerkung*** ein »leitender Polizeibeamter« ist, wohl in Niedersachsen oder NRW. Schüttes Beobachtungen und Befürchtungen lesen sich keineswegs wie ein hölzernes Verhörprotokoll. So sagt er etwa, er wüßte viele Betätigungsfelder für die neuen LebensretterInnen, etwa im Straßenverkehr, oder bei Badeunfällen, die uns über 5.000 Tote jährlich bescherten – wahrscheinlich, für Deutschand, irrtümlich eine Null zuviel. Ich füge noch das Riesengebirge der sogenannten Übergewichtigen hinzu. Jetzt aber diene das »Konstrukt«, es gehe schließlich um die Rettung von Menschenleben, zu einer zunehmend »beliebigen« Einschränkung unserer Grund- und Freiheitsrechte. Auf die Besuchssperre in Krankenhäusern und Pflegeheimen anspielend, beklagt Schütte einen »unreflektierten Corona-Verbotswahn« selbst auf Kosten im Sterben Liegender. Im übrigen hat er den »Eindruck von Gleichschaltung« – eine Formulierung, die mir, als altem Antifaschisten, ziemlich unmißverständlich vorkommt. Schüttes Alter ist mir nicht bekannt. Ich kann mir nur denken, so mancher Kollege und Vorgesetzte sähe ihn ebenfalls nicht ungern in der Statistik der tödlichen Badeunfälle.

Eben weist Tomasz Konicz, nach meiner Leseart, auf die enormen Fortschritte Richtung US-Bürgerkrieg hin.**** Er schildert die Explosion der Arbeitslosenzahlen und eine »gigantische Lebensmittelvernichtung« in den USA – während »Millionen Hunger leiden«. Die Krisenlogik ist bekannt. Alles dient dem Abstreifen drückender »Kostenfaktoren«, etwa für die Lagerung der nicht mehr absetzbaren Ware, und der »Stabilisierung der Markt-preise«. Der Kapitalismus ist bekannt – seit mindestens 250 Jahren. Vielleicht erinnerst du dich noch an meinen Vortrag von 2000, in meinem Blog »Kurz-Referat« genannt, in dem ich dieses »derart grausame und groteske Wirtschaftssystem, das ja immerhin Menschen wie Rosa Luxemburg, Bertolt Brecht, Arthur Koestler zur Verzweiflung gebracht« habe, im Umriß vorstelle. Darin findet sich auch die naheliegende Frage, warum es sich schon so lange halten konnte, ja »sogar weitgehend verherrlicht« werde?

Die Antwort liegt auf der Hand: Weil sich die fetischistischen Strukturen des Kapitalismus längst eingefleischt haben. Er hat sich die Menschen im Laufe von 250 Jahren so zurechtgestanzt, wie er sie braucht. Er hat sie systematisch ihrer Lebensgrundlagen beraubt und entfremdet, um ihnen dafür Surrogate andrehen zu können; sie lechzen nach immer neuen Surrogaten, die sich aus der Aufsichtsratsperspektive als wunderbare Profitquellen darstellen. Er hat sie süchtig nach Lohnarbeit und Geld gemacht. Sie kennen nichts anderes mehr und können sich nichts anderes mehr vorstellen. Die Fernsehsender und die Bild-Zeitung – die täglich rund 12 Millionen Leser hat – tun das Ihre hinzu. In den Anfängen des Kapitalismus ließen sich die Leute möglicherweise allem offensichtlichem Elend zum Trotz von den technischen Errungenschaften des Kapitalismus, von Luxusgütern und der Aussicht auf schnellen Reichtum blenden. Dieser Schein hat sich leider eingebrannt. Inzwischen sind die Menschen so weit, ein Atomkraftwerk zu bestaunen, obwohl es einem Pulverfaß gleicht. Sie bestaunen das Auto, ohne sich von den Verheerungen erschüttern zu lassen, die es Tag für Tag anrichtet. Sie bestaunen Damen wie Claudia Schiffer, die ihr Jahresein-kommen von mindestens 10 Millionen Mark durch die gewaltige Leistung erzielen, ihren Busen oder ihr Becken vor die Kameras zu halten. Sie sind ziemlich hoffnungslos krank.

Und jetzt sitzt ihnen auch noch das bösartigste Virus der Erdgeschichte im Nacken!

* https://www.rubikon.news/artikel/der-pandemie-krimi ,
2. Mai 2020
** Wolfgang Effenberger, http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26755, 6. Mai (29. April) 2020
*** https://www.heise.de/tp/features/Sterben-in-Zeiten-von-Corona-4713555.html, 4. Mai 2020
**** https://www.heise.de/tp/features/Marode-kapitalistische-Misswirtschaft-4717812.html, 9. Mai 2020

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