Montag, 8. November 2021
LdF Folge Schee—Shim

Scheele, Meta 37 (1904–42), Schriftstellerin. Obwohl dem Faschismus nahestehend, fiel sie unter das Programm Euthanasie. Die Tochter eines norddeutschen Schulrats und Heimatforschers hatte unter anderem Geschichte studiert und 1928, mit nur 23 Jahren, in Göttingen ihren Dr. phil. gemacht. Zwei Jahre darauf heiratet sie ihren Göttinger Kollegen Werner Pleister, der sie in ein »nationalkonservatives« Umfeld zieht. Sie geht mit ihm nach Berlin, wo er, als eingeschriebenes Mitglied der NSDAP, von 1932 bis 1937 die Literarische Abteilung des Deutschlandfunks leitet. Er macht weiter Karriere; 1952 ist er der erste Fernsehintendant der BRD. Aber von Meta Scheele hat er sich schon 1937 getrennt – falls die Scheidung von ihm aus ging. Nun kehrt die verstörte, wenn nicht gar zerrüttete Frau in ihre Heimat zurück, nach Ratzeburg und Lübeck, und wie es aussieht, blüht sie dort keineswegs auf. Wahrscheinlich gelingen ihr nun auch keine literarischen Arbeiten mehr. Scheele hatte um 1930 begonnen, Rezensionen und Feuilletons für die Presse und auch eigene erzählende Werke zu verfassen, in denen sie Geschichtsschreibung mit Fabulieren vermischt. Sie konnte, nach ihrer Dissertation und einem Band mit Gedichten, mindestens vier solcher Bücher veröffentlichen, darunter Die Sendung des Rembrandt Harmenszoon van Rijn, die später auch als »Wehrmachtsausgabe« erschien.

Im November 1938 fand sich Scheele in der Lübecker Nervenheilanstalt Strecknitz wieder – auf wessen Betreiben, geht leider auch aus Gisela Schlüters Porträt »Die wahre Geschichte der Meta Scheele« von 2007 nicht hervor. Aber es kam noch viel dicker. Im September 1941 wurde Scheele, mit anderen »Geisteskranken«, in die sogenannte Eichberg-Klinik bei Erbach/Eltville im Rhein-gau geschafft – in Wahrheit eine von den Ärzten Friedrich Mennecke und Walter Schmidt geleitete Tötungsanstalt im Rahmen jenes faschistischen »Euthanasie«-Programms. Hier wird die 37jährige Ex-Schriftstellerin am 1. Juni 1942 umgebracht.

Wahrscheinlich deutet sich Scheeles bis zur Verwirrung führende Unentschiedenheit bereits in ihrem erstem Roman Frauen im Krieg an, der 1930 in Gotha erschien. Schon dem Titel mangelt es an Genauigkeit. Es geht der Autorin nämlich gerade um das Problem, daß die Frauen nicht im Krieg stehen, aber als Mütter, Gattinnen, Bräute, die zu Hause bleiben müssen, gern gewichtige Beiträge zur Verteidigung des Vaterlandes, Schmiedung der Volksgemeinschaft – kurz, zum sozialem Ganzen leisten würden. Die junge Bürgerstochter Johanna kommt sich jedenfalls reichlich überflüssig oder unausgefüllt vor, während ihre Mutter sie ans Haus fesselt und ermahnt, auf ihren sicherlich schon in Kürze siegreich aus Frankreich heimkehrenden Verlobten Klaus zu warten. Aber der Erste Weltkrieg zieht sich hin. Die Ärmlichkeit greift um sich, Mißgunst und Gehässigkeit nehmen zu, selbst die »Argu-mente« für den Krieg drohen schäbig oder fadenscheinig zu werden. Johanna probt den Aufstand durch Mitarbeit in einem Lazarett. Später arbeitet sie sogar in einem Kinderheim, gibt ihrem in den Revolutionswirren heimkehrendem Bräutigam den Laufpaß und reist in die Hauptstadt, um in der Zentrale eines Frauenverbandes zu arbeiten und nebenher Medizin zu studieren.

Leider bleibt Scheeles Kritik an der Männerrolle ähnlich schwach beziehungsweise verwaschen wie die am Krieg. Diese wird einmal von einer Munitionsfabrikarbeiterin namens Bohr und später von Müttern der Heimkinder vorgebracht. Warum die von Frauen in die Welt gesetzten Kinder eines Tages als Kanonenfutter zu dienen haben, wird allerdings nie erörtert oder auch nur angedeutet. Ökonomische und politische Interessen kommen nicht vor. Entsprechend bleibt das, was Scheele als »Aufbruch der Frau« hinstellt, völlig im Nebel. Aufbruch, Frauenwahl-recht, Freiheit – wohin und wozu? Nur, um es den Männern gleich tun zu können? Diesem nebelhaftem Schritt in die Freiheit wiederum entspricht der beschwörende bis pathetische Zug der betreffenden Romanpassagen. Ansonsten ist der Roman erfreulich schlicht und anschaulich geschrieben und mutet uns nur wenige Holprigkeiten zu. Er hat etwas Bescheidenes und Tapferes. Jedenfalls geht ihm jedes Gramm Zynismus ab, ganz im Gegensatz zu den Erzählungen von, sagen wir, Katherine >Mansfield, die zwar die glanzvollere Stilistin, im Grunde aber noch unpolitischer als Scheele ist.



Scheffer, Heinrich 37 (1808–46). Als der liberale hessische Schriftsteller, ein Dr.phil. mit Familie*, 1838 Kirchhainer Bürgermeister wird, ist er um 30. Schon 1843 sieht er sich freilich, »im Rahmen des Hochverratspro-zesses gegen Sylvester Jordan«, abgeurteilt (10 Jahre Festung) und eingesperrt, worauf er 1846, inzwischen 37, Selbstmord begeht.

Das Städtchen Kirchhain (bei Marburg) hatte zu Scheffers Zeit lediglich ungefähr 1.800 EinwohnerInnen. Heute sind es immerhin 16.000. Der Kirchhainer Webseite zufolge war das einstige Stadtoberhaupt vor Amtsantritt Griechen-land-Freiheitskämpfer und »Abenteurer« gewesen. Über sein Wanderleben verfaßte Scheffer auch Berichte; außerdem trat er mit Artikeln, Erzählungen, Gedichten hervor. Eine Bewertung dieser literarischen Arbeiten habe ich nirgends gefunden. Im bekanntem Rebellenkreis Büchner/Weidig war Scheffer offenbar umstritten. Näheres dazu teilt mir, auf Anfrage, freundlicherweise Harald Pausch vom Kirchhainer Heimat- und Geschichts-verein im Dezember 2017 mit. Danach hatte sich Scheffer die drakonische Strafe durch seine Beteiligung am »Frankfurter Wachensturm« (1833) zugezogen. Mit dieser Unternehmung wollten rund 100 Aufständische, vor-wiegend Studenten, einen demokratischen Umsturz in Deutschland entfachen. Sie scheiterte jedoch, nicht zuletzt durch Verrat.

Scheffer, 1832 am legendärem Hambacher Fest beteiligt, hatte sich schon seit etwa 1830 bemüht, in den liberalen Kreisen um Sylvester Jordan und den revolutionären um Büchner/Weidig Fuß zu fassen, »jedoch ohne großen Erfolg«, schreibt Pausch. Wegen Scheffers unbedachten, gefährlichen Äußerungen hätten die Revolutionäre vielmehr einen kurhessischen Spitzel in ihm geargwöhnt. Nach dem Scheitern jenes »Wachensturms« sahen etliche Kämpfer (die sich nun in den Untergrund zurückzogen) in Scheffer sogar den entscheidenden Verräter des Umsturzplans. Er habe auch prompt zu einem neuem Schlag ermuntert, allerdings kein Gehör gefunden. Dann erhob der verknöcherte Staat den Vorwurf des Hochver-rats. Um »seine aufrichtige, revolutionäre Haltung unter Beweis zu stellen« und so seinen Verruf bei den Revolutionären zu tilgen, habe Scheffer nun alles, was ihm seine Ankläger zur Last legten, bereitwillig gestanden. Mit der ungewöhnlich harten Bestrafung habe er wohl nicht gerechnet.

Im ganzen wurden damals gegen fast 40 Rebellen Todesurteile oder hohe Haftstrafen verhängt. Der Jurist, Politiker und maßgebliche Entwerfer der kurhessischen Verfassung von 1831 Jordan, ein eher zahmer Demokrat, kam aufgrund seiner großen Anhängerschaft mit einem blauem Auge davon. Sich entsprechenden Protesten und eingelegten Rechtsmitteln beugend, ließ ihn die Regierung (1845) nach kurzer Haft im Marburger Schloß wieder frei. »Scheffer hingegen geriet in Vergessenheit«, schreibt Pausch. Der Häftling habe die Grausamkeiten im Kassler Kastell nicht ausgehalten und sich (1846) umgebracht. Laut lagis-hessen »verfiel er« im Kastell »dem Wahnsinn« und wurde ins Casseler Landeskrankenhaus geschafft, wo er sich erhängt habe.

Pausch ist der Meinung, eine »umfassende Biographie Scheffers« warte noch darauf, geschrieben zu werden. Ich warte mit, ist mir doch keineswegs klar geworden, ob Scheffer nun ein rechtschaffener Mann oder ein Spion war. Vielleicht weder noch, vielmehr ein Tölpel? Oder vielmehr, einer der frühen »Ankömmlinge« im Hier und Jetzt der Pfründe? Ein zeitgenössisches Frankfurter Blatt behauptet anläßlich der Vermeldung Schefferscher »völliger Geisteszerrüttung«, von allen Verurteilten des Marburger Prozesses von 1843 habe niemandes Schicksal »so wenig Theilnahme im Publikum erweckt« wie das von Scheffer – wohl deshalb, weil sich der einstige »exaltirte Demagog und Revolutionär«, »gegen alle Erwartung«, seit seinem Aufstieg zum Abgeordneten der kurhessischen Stände-versammlung (1839) eifrig bemüht habe, »reactionäre Gesinnung« an den Tag zu legen.** Man möchte dazu seufzen, heute hätte jene frohe Erwartung keiner mehr, doch in Wahrheit gefallen sich die Massen und die Medien dieses Planeten bis zur Stunde darin, immer neue »HoffnungsträgerInnen« zu feiern.

* Gattin Julie Georgine und ein Kind. Es wäre hochinteressant zu wissen, was aus dem Kind geworden ist.
** Frankfurter Oberpostamts-Zeitung, Nr. 104 vom 15. April 1846




Schelm, Petra 20 (1950–71), Militante, in Hamburg »auf der Flucht« erschossen. Ein oft reproduziertes Foto zeigt die junge Frau mit schulterlangem, gescheiteltem schwarzem Haar – Perücke. Von Natur aus sei ihr Haar rotblond gewesen, heißt es. Die gelernte Friseuse wollte gerne Maskenbildnerin werden, doch dazu kam es nicht, weil sie um 1968 in die Berliner Kommuneszene geriet und dort ihren künftigen Geliebten Manfred Grashof traf, der wiederum mit Ulrike Meinhof und Horst Mahler zusammenhing. 1970 nahm sie an einem militärischem Ausbildungslager der Fatah in Jordanien teil. Im Frühjahr des folgenden Jahres erließ der Bundesgerichtshof einen Haftbefehl gegen sie, wodurch sie neben etlichen anderen gesuchten angeblichen »Terroristen« auf ein rasch berühmtes Fahndungsplakat kam. Tatvorwurf? Mutmaß-liches Mitglied in der mutmaßlichen »kriminellen Vereinigung« RAF.

Am 15. Juli 1971 durchbricht die schlanke, knapp 21jährige eine Straßensperre, die im Rahmen einer schlachtmäßigen Großfahndung nach RAF-Mitgliedern in der Hamburger Stresemannstraße errichtet worden war. Ihr Beifahrer im BMW 2002 ti ist Werner Hoppe, möglicherweise inzwischen ihr neuer Geliebter. Auf der getrennten Flucht zu Fuß kommt es zu verschiedenen Schußwechseln. Die mit einer Pistole bewaffnete Petra Schelm kann sich zunächst verbergen. Dann wird sie von mindestens zwei Polizisten erneut entdeckt und von einem Schuß aus einer Maschinenpistole ereilt, der sie schräg unter dem linkem Auge trifft und dadurch tötet. Ein Sachverständiger räumt später Springer-Journalisten gegenüber ein, möglicher-weise habe sich Schelm in den Schuß hinein gedreht. Im Prozeß gegen Werner Hoppe, der sich ausführlich in den Erinnerungen seines Rechtsanwaltes Heinrich Hannover geschildert findet, versichert nämlich ein noch minderjähriger Augenzeuge, Schelm sei hinterrücks erschossen und vorher auch nicht angerufen worden. Selbst der vermeintliche Todesschütze H. gibt in der Verhandlung zu, Schelm habe sich, mit dem Rücken zu ihm, von ihm fortbewegt. Die offiziellen Berichte der Beamten sprechen »natürlich« eine andere Sprache. Hannover enthüllt die nicht weiter verblüffende Tatsache, daß die Wahrnehmungen aller beteiligten Beamten vorm Anfertigen »ihrer« Berichte bei einem gemeinsamen Lokaltermin auf die erforderliche Notwehr-Version vereinheitlicht worden waren. Anschließend deckten sich alle Berichte wunderbar.*

Schon auf einer Pressekonferenz nach der Schlacht hatten sich Journalisten erkundigt, warum der Beamte H. nicht versucht habe, Schelm kampfunfähig zu schießen. Der Pressesprecher gab zurück: »Waren Sie eigentlich schon mal im Krieg?« Genau darum hatte es sich gehandelt. Deshalb lag Schelm nach dem Kopfschuß noch etwa 10 Minuten auf dem Pflaster, ohne daß Erste Hilfe geleistet wurde, denn der oder die Schützen beteiligten sich inzwischen an der Verfolgung Werner Hoppes. Später offenbart die erste Agenturmeldung, die Fahnder hätten Schelm zunächst für Meinhof gehalten. Wahrscheinlich galt das 3.000-köpfige Polizeiaufgebot zwischen Hamburg und Bremen ohnehin in erster Linie dieser so begehrten angeblichen RAF-Cheftheoretikerin. Fest steht, die Erschießung der Petra Schelm wurde »nie wirklich aufgeklärt«, wie sogar Spiegel-Autor Michael Sontheimer einräumt**, aber die einseitigen, polizeigefärbten Darstel-lungen finden sich bereits in etlichen Nachschlagewerken und Internetseiten. Was Schelms Begleiter Werner Hoppe betrifft, steckte man ihn wegen unbewiesener »Mordver-suche« an Polizeibeamten für 10 Jahre ins Zuchthaus. Ihm die Gefährtin zu töten, war noch nicht Strafe genug.

* Die Republik vor Gericht, ursprünglich Berlin 1998/99, Ausgabe Berlin 2005, S. 354
** »Todesschüsse in der Seitenstraße«, 15. Juli 2011: http://www.spiegel.de/einestages/anfaenge-der-raf-a-947270.html




Schlagintweit, Adolf 28 (1829–57), Münchener Berg-steiger, Geologe und Geograph. 1853 trotz seiner Jugend bereits Dozent an der dortigen Universität, trieben ihn seine vermutlich recht vermischten Neigungen bald gen Osten: ins märchenumwobene »Hinterindien«, wie man damals sagte. Für nahezu sämtliche Nachschlagewerke waren es rein naturwissenschaftliche Interessen, höchstens noch mit Abenteuerlust gepaart. Und all diese Quellen, die den üblichen Eindruck größter Klarheit erwecken, rütteln außerdem unweigerlich unser Entsetzen und unser Mitgefühl auf, wenn sie uns lapidar mitteilen, Ende August 1857 sei der unermüdliche, nun 28jährige Erforscher des Himalaya-Gebietes bei Kaxgar gefangen genommen und »ohne Prozess oder Anhörung am Hof des Hodschas Wali Khan als mutmaßlicher chinesischer Spion enthauptet« worden, so die deutsche Wikipedia.

Schlagintweit hatte sich, teils mit seinen Brüdern, schon als Erforscher der Alpen und mit entsprechenden Veröffentlichungen einen Namen gemacht. 1854 ergatterte er auf Alexander von Humboldts Empfehlung den offiziell erteilten preußisch-britischen Auftrag (Friedrich Wilhelm IV. plus Ostindienkompanie), im Verein mit seinen Brüdern Robert und Hermann in die Hochgebirgswelt des Himalayas einzudringen. Es dürfte vor allem um die kartographische Erfassung des kaum bekannten Gebietes, aber sicherlich auch um die Abschätzung seiner diversen Reichtümer gegangen sein. 1855 in Tibet von einheimi-schen Soldaten verscheucht, kehrt Schlagintweit kurz darauf verkleidet zurück, um doch noch zu seinen Beobachtungen zu gelangen. 1856 bekommt er, wie jedenfalls die Bergsteigerzunft behauptet, als erster westlicher Mensch den wuchtigen »Achttausender« Nanga Parbat zu Gesicht. Den Kamet erklimmt er gemeinsam mit Robert bis zu 6.766 Meter, damals ein Höhenrekord. Im Sommer 1857 begeht er seinen letzten Fehler, nämlich ins nördlich gelegene »Turkestan« hinabzusteigen.

Traut man W. F. A. Zimmermann mehr als den erwähnten Nachschlagewerken, war sich Schlagintweit der Gefahr, in antichinesische Aufstände oder interne (muslimische) »Bandenkriege« zu geraten, durchaus bewußt, denn er hatte entsprechende Erkundigungen eingezogen. Hinter dem Pseudonym Zimmermann verbarg sich der seinerzeit vielgelesene Autor von »populären Sachbüchern« Carl Gottfried Wilhelm Vollmer. Sein 1861/62 in Berlin veröffentlichtes Werk Malerische Länder- und Völker-kunde, auf das ich mich hier stütze (S. 285–89), diente unter anderen Karl May als Quelle. Angesichts der bedrohlichen Verhältnisse hatte Schlagintweit vorm Aufbruch ins Kriegsgebiet sogar seinem »Haushofmeister« Ghost Mohamed seine sämtlichen Aufzeichnungen und Naturalien, darunter vermutlich einige profitverspre-chende Gesteinsproben, sowie Geld mit dem Auftrag übergeben, das Frachtgut nach Lahore in Sicherheit zu bringen. Zimmermann vermutet, Schlagintweit habe die Gefahr in Kauf genommen, weil er sich allein in solchen Wirren einen Zugang zu dem schwer bewachten chinesischen Reich versprach, wo Eindringlinge in der Regel unerwünscht waren und ohne viel Federlesens einen Kopf kürzer gemacht wurden. Nun, das konnte er auch hier haben. Ende August 1857 mit seiner »Caravane« in Kaxgar eingetroffen, werden die Reisenden unverzüglich verhaftet und ausgeplündert, Schlagintweit wird zudem enthauptet. Als Zeugnis führt Zimmermann Berichte der Caravanen-Mitglieder Mahomed Amin und Abdulla aus Kaschmir an, die mit den anderen nach 35tägiger Gefan-genschaft ausgerechnet durch wiedererobernde Chinesen befreit werden. Er nimmt aufgrund dieser Aussagen an, die »Turkomanen« hielten Schlagintweit für einen Spion, wenn auch nicht unbedingt einen chinesischen.

Vielleicht hätte bereits die offensichtliche Tatsache ausgereicht, daß sie in Schlagintweit einen Europäer vor sich hatten. Sollte sich Schlagintweit bei seiner kurzen Befragung als Abgesandter der Ostindienkompanie vorgestellt haben, wie später der »etwas zweifelhafte« Zeuge Amin behauptete, hätte er nichts Dümmeres tun können, wie Zimmermann zu verstehen gibt. Habe doch diese ehrenwerte Gesellschaft, »um einige Tausend unnützer Subjekte, elender Abenteurer zu bereichern«, bereits »die gräßlichsten Flüche vieler hundert Millionen gepeinigter Inder auf sich geladen«. Er spricht von der Ostindienkompanie. Just im Todesjahr Schlagintweits, 1857, schlugen die Briten den vorläufig letzten großen Aufstand nieder: in Nordindien, wo sich einheimische Fürsten mit Teilen der Kolonialtruppen verbündet hatten. In der Folge wurde die Ostindienkompanie aufgelöst – um das gesamte Reich, das deutlich größer als das heutige Indien war, unmittelbar der britischen Krone zu unterstellen. Diese Herrschaft währte noch einmal 90 Jahre lang.

Zum Antiimperialisten reicht es aber bei Zimmermann trotz seiner starken Worte nicht. Auch er faßt Schlagin-tweit als »unglücklichen« jungen Mann und Opfer eines »Mordes« auf, der eigentlich gestraft werden müßte, käme man nur an die Täter heran. Im übrigen finde ich in sämtlichen Quellen neben der imperialistischen auch jene Herrschaft wieder einmal ausgeklammert, die der ange-sehene, ämterreiche bayerische Arzt der Augenheilkunde Joseph Schlagintweit auf seine im ganzen fünf Söhne ausgeübt haben dürfte. Selbst Bruder Emil Schlagintweit* kommt nicht über die gehauchte Andeutung hinaus, Adolf habe den enormen, vom Alten qua Hauslehrer verordneten Lernzwang in der gemeinsamen Kinderstube nur unter großen Mühen hingenommen. Vielleicht hätte er lieber am nächsten Bach Molche gefangen. Adolfs Charakter? Adolfs Sehnsüchte oder Rachegelüste? Adolfs Streiche, Geselligkeiten oder gar Liebschaften, so denn vorhanden? Pustekuchen, wir hören bis zuletzt keinen Furz davon. Alles ist zum Himalaya entflogen und an ihm zerschellt.

* Artikel über Emils Sippe in der ADB, Band 31, 1890



Schmeer, Karen 39 (1970–2010), US-Cutterin aus Portland, Oregon. In ihrem Fall genügte ein kurzer Fußmarsch in New York City. Als sie am 29. Januar 2010 kurz vor 20 Uhr Ecke West 90th Street den Broadway (die bekannte Theater- und Kinomeile) zu überqueren versuchte, kam zufällig das von der Polizei gejagte Fluchtfahrzeug von Räubern vorbei, die soeben einen drugstore überfallen hatten. Dieses Räuberauto fuhr die Cutterin an und quetschte sie gegen parkende Fahrzeuge, »sending her groceries flying«, wie die New York Post erwähnte.* Bald darauf kam der Rettungswagen, in dem Schmeer starb. Deputy Inspector Kathleen O'Reilly räumte später ein, die wüste Verfolgung der Gangster durch ihre Leute sei überzogen, da zu gefährlich für Unbeteiligte gewesen.** Das Opfer Schmeer, knapp 40, hatte zuletzt an Liz Garbus' Dokumentarfilm Bobby Fischer Against the World (2011) gearbeitet, deutscher Titel: »Zug um Zug in den Wahnsinn«. Fischer, 2008 einem Nierenleiden erlegen, spielte Schach.

* Stefanie Cohen, »Fog editor killed«, 31. Januar 2010: https://nypost.com/2010/01/31/fog-editor-killed/
** Noah Kazis, »NYPD Admits Error in Pedestrian Death ...«, Streetsblog NYC, 18. Februar 2010: https://nyc.streetsblog.org/2010/02/18/nypd-admits-error-in-pedestrian-death-says-chases-off-limits/




Schmidt, Anna Margaretha 12 (1684–96), gab sich verhängnisvollerweise als Zauberin aus. Die deutsche Wikipedia vermittelt einen gut belegten Eindruck von der Hexenverfolgung im Gerichtsbezirk Olpe, Sauerland. Anna aus Wenden zählt zu den letzten und haarsträubendsten Opfern. Sie hatte als 11jährige erklärt, sie könne zaubern, und beharrte auf dieser Aussage. Möglicherweise war sie etwas beschränkt. Aber »Zauberei« war ein unbezweifel-barer Straftatbestand, ob ausgeübt oder nicht; man durfte ihn keinesfalls übergehen. Andererseits waren Kinder erst ab 12 Jahren »strafmündig«, jedenfalls im damaligem Kölner Kurfürstentum. Für die HüterInnen der Gesetzestreue war damit buchstäblich guter Rat teuer. So nahm man Anna erst einmal für etliche Monate (und Kosten) in Gewahrsam. Derweil wurde das erforderliche Urteil fabriziert. Allerdings waren die Richter gnädig genug, der Straftäterin die Verbrennung zu ersparen. Kaum hatte sie ihren 12. Geburtstag erreicht, führte man sie, am 24. Februar 1696, auf den Bratzkopf, um ihr das verspukte Köpfchen mit dem Schwert abzuschlagen.



Schmith, Jørgen Haagen 33 (1910–44), dänischer militanter Antifaschist, genannt »Citronen«. Im Grunde geht es hier um ein antifaschistisches Duo. Ich fange einmal mit Schmiths deutlich jüngerem Partner an: Bent Faurschou-Hviid (1921–44), genannt Flammen, was auf dänisch »die Flamme« heißt. Habe ich nichts falsch verstanden, war der Sohn von Hotelbetreibern auf Seeland zunächst blond gewesen, färbte sich jedoch auf Rot um. Ende der 1930er Jahre zu Ausbildungszwecken in Deutschland, wurde der spätere Flammen zum Gegner dessen, was in vielen Stiftungen und Nachschlagewerken unter »Nationalsozialismus« firmiert. Faschismus klingt gar zu brutal. 1943 betätigte sich Flammen in der seeländischen Hafenstadt Holbæk als Flugblattverteiler und Stachel im Fleisch der deutschen BesatzerInnen. Im Jahr darauf wurde er in Kopenhagen eben als Flammen, so sein Deck- oder Spitzname, in der Partisanengruppe Holger Danske aktiv.

Leider wurde Gruppenchef Svend Otto »John« Nielsen (35), ein Mathematiklehrer, im Dezember 1943 angeschwärzt, gefaßt, von der Gestapo gefoltert und nach wenigen Monaten umgebracht. Flammen war eng mit ihm befreundet gewesen. Prompt sann er nun gemeinsam mit seinem Genossen Jorgen Haagen Schmith auf Vergeltung. Das war also der andere Teil des Duos, genannt »Citro-nen«. Vor dem Krieg unter anderem Bühnenmanager einer Kopenhagener Musikhalle, hatte dieser Kämpfer einst im Alleingang in einer Kopenhagener Citroën-Garage etliche Fahrzeuge von Deutschen unbrauchbar gemacht, daher sein Spitzname. Nun beschlossen die beiden, planmäßig BesatzerInnen oder Landsleute auszulöschen, die als Denunzianten galten. Innerhalb eines knappen Jahres sollen sie mindestens 11 Personen getötet haben. Bei dieser Arbeit verkleideten sie sich mehrmals als dänische Polizisten. Die deutschen Ordnungskräfte schlugen im Oktober 1944 zurück. Initiator Flammen erwischte es dabei am Abend des 18. Oktober, als er sich gerade im Kopenhagener Vorort Gentofte im Hause der Familie Bomhoff aufhielt. Er flüchtete zunächst auf den Speicher, sah jedoch, das Haus war hoffnungslos umzingelt. Daraufhin schluckte er eine Kapsel mit Zyankali. Das war sein »Freitod«.

Unglücklicherweise war der 23jährige unbewaffnet gewesen. Alle seine Gewehre und Pistolen hatten sich nämlich in Citronens Obhut befunden – und der war vor wenigen Tagen auch schon hops gegangen. Bei einem Schußwechsel verwundet, hatte Citronen, der eigentlich Frau und zwei Kinder hatte, in einer fremden, vermeintlich sicheren Wohnung desselben Vororts das Bett und eben die gemeinsamen Waffen gehütet. Da rückten deutsche Soldaten an. Bevor sie das ganze Haus anzündeten, soll der 33jährige Citronen in einem anhaltendem erbittertem Gefecht fast ein Dutzend Deutsche erledigt haben. Dann versuchte er dem Feuer zu entrinnen – und wurde seinerseits erschossen. Die Waffen verglühten. So folgte ihm Flammen, als dieser ebenfalls von den Deutschen aufgespürt wurde, vermittels Gift in den Tod.

Beide jungen Männer werden selbst in bürgerlichen Kreisen Dänemarks noch heute verehrt. 2008 machte Ole Christian Madsen aus ihrer Geschichte den Film Tage des Zorns – wofür ihn zumindest Jürgen Frey* im selbem Jahr ausschimpfte: langatmige Dialoge, oberflächlich, schablonenhaft. Als Alternative zum öden Kinobesuch empfiehlt sich vielleicht ein Abenteuerurlaub am grönländischen Citronen Fjord, zumal es ja angeblich immer heißer wird. Dieser nach Früchtchen Schmith benannte** Landschaftsteil liegt im Norden der zu Dänemark zählenden vereisten Insel. Die Frage ist nur, ob Sie einfach so ausreisen dürfen. Vielleicht müssen Sie erst einige Tests durchlaufen. Am besten, Sie nutzen die Gelegenheit, um Ihrem Wahlkreisabgeordneten aufzu-tragen, allen Politikern, die im Herbst (2021) wieder in den gut gepolsterten Bundestag einziehen möchten, zunächst einmal einen Test auf Faschismus zu verordnen. Meine Prognose: nie zuvor war der Plenarsaal leerer gewesen.

* »Die Helden des dänischen Widerstands«, Badische Zeitung,
28. August 2008: http://www.badische-zeitung.de/kino-neustarts/die-helden-des-daenischen-widerstands--4590486.html
** Hans Kristian Schønwandt, »Citronen Fjord«, Den Store Danske, 29. Januar 2009: http://denstoredanske.dk/It,_teknik_og_naturvidenskab/Geologi_og_kartografi/Mineraler/Citronen_Fjord




Schmitt, Sandra 19 (1981–2000), aus Südhessen stam-mende Skisportlerin. Die frischgebackene Buckelpisten-Weltmeisterin im Trickskifahren (»Freestyle-Skiing«) kam nicht unmittelbar bei der Ausübung ihres waghalsigen, vielleicht auch wahnsinnigen Berufes um. Sie starb also beispielsweise nicht, weil sie sich mit den Skispitzen im verschneiten »Buckel« verhakt oder bei einem Salto das Kreuz gebrochen hätte. Vielmehr saß sie am 11. November 2000 mit ihren Eltern, ihren Skiern und etlichen Trainingskameraden in einer »Gletscherbahn«, wie diese zugähnlichen Standseilbahnen heißen, weil sie aufs Kitzsteinhorn wollte. Dieser Berg (3.200 m) liegt bei Zell am See–Kaprun im Bundesland Salzburg, Österreich. Die Anfahrt zum »Alpincenter« (2.450 m) führt überwiegend durch einen Tunnel, und just in diesem kam es am verhängnisvollem Tag zu einem Brand. Es gab nur wenig Überlebende, dagegen 155 Tote.

Die meisten starben an Rauchvergiftung, weil sie entweder im Zug oder im Tunnel gefangen waren. Automatisch blockierte Türen, keine Nothämmer und Handlöschgeräte, und noch jede Menge Fahrlässigkeiten mehr. Als Brand-ursache gilt eine unsachgemäß eingebaute Zugheizung. Wie zu erwarten, kam es auch zu Deckungs- und Vertuschungsversuchen. Trotz alledem schwangen sich die Gerichte nie zu einer Verurteilung der BetreiberInnen oder von staatlichem Führungspersonal auf. Zwar erhielten die Angehörigen der Opfer Entschädigungen, aber nur gegen die Erklärung, keine Rechtsmittel mehr zu ergreifen. Die durchs stark zerklüftete Land begünstigte Korruption liegt auf der Hand.

War Sandra Schmitts früher Tod unumgänglich? Laut Susann Remke* war die hübsche Dunkelhaarige schon mit 13, im Stubaital, »zufällig« einem Nachwuchstrainer des Deutschen Skiverbandes (DSV) vor die Skier gehüpft. Daß ihre Eltern sie daraufhin mit Engelszungen beredet oder gar mit Skistöcken verprügelt hätten, um sie von dieser winkenden irrsinnigen Laufbahn als Skiakrobatin abzubringen, ist nirgends zu lesen. Die Eltern selber kann man dummerweise nicht mehr zu diesem Thema befragen: schließlich saßen sie mit im Zug.

* »Ski-Freunde trauern um Weltmeisterin Sandra Schmitt«, Welt,
14. November 2000: https://www.welt.de/print-welt/article547116/Ski-Freunde-trauern-um-Weltmeisterin-Sandra-Schmitt.html




Schmitz, Hermann Harry 33 (1880–1913), Düssel-dorfer Satiriker. Zeit- und Ortsgenosse Herbert Eulenberg beschreibt den Sohn eines rheinischen Industriellen als wunderlichen, hageren Zwitter, halb Dandy und halb Kauz, mit spinnenartigen Händen, die in der Regel links die Handschuhe, rechts den grinsenden Mohrenkopf seines Stöckchens umkrallten. So sei Schmitz über die Düsseldorfer Kaiserstraße spaziert – vielleicht auf dem Weg zu einem Saal, in dem er als Conférencier erwartet wurde, oder zu einem Stelldichein. Die Damen sollen ihn geliebt und noch kränker gemacht haben, als er ohnehin schon war. Mit 17 hatte ihn die Tuberkulose angefallen. Eulenberg hebt auch den »unendlich traurigen« Blick hervor, der zumeist an die Leere geheftet gewesen sei. In Schmitzens Geschichte »Der Mann mit dem verschluckten Auge« puhlt sich der Ich-Erzähler dasselbe kurzerhand aus der Augenhöhle, um es, die Muskeln und Nerven stetig dehnend, durch die Gegend, dann in seinen Schlund, schließlich bis zu seinem Darmausgang zu führen. Dort bleibt es sitzen, gestattet ihm also den gleichzeitigen Rückwärts- und Vorwärtsblick, was ja die Diagnose von der Zwitterhaftigkeit oder Schizophrenie des Autors und Alleinunterhalters nur unterstreicht.

Aber »kurzerhand« ist gar zu leichtfertig gesagt. Bevor sich Schmitz, nach ersten Erfolgen mit Grotesken im Simplicissimus (ab 1906) und einem von Ernst Rowohlt veröffentlichtem Sammelband, 1911 als freier Schriftsteller versuchte, war er, vom Vater erzwungen, Bürokaufmann gewesen. Das färbte insofern auf seine Geschichten ab, als er stets lange Anbahnungen benötigt und die Prosa dabei derart jugendstilig wuchern läßt, daß Daniil Charms (1905–42), nach Düsseldorf verpflanzt, sicherlich nach einer Machete gegriffen hätte – vielleicht mit dem Ausruf, man sehe ja den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Der clowneske SU-Schriftsteller starb mit 36 in Haft. Blutig und schaurig geht es immerhin bei beiden zu, vermutlich das gemeinsame Erbe der Romantik, Wilhelm Busch eingeschlossen, falls es ihn auf Russisch gab. Schmitz bläst die »Tücke des Objektes«, etwa von Kaffeemaschinen, Zugnotbremsen, Blinddärmern, zu wahren Gespenster-reigen auf. Für Otto Jägersberg (1966) glossieren seine zumeist im deutschem Wohnzimmer angesiedelten Geschichten »die brutale Reaktion des Bürgers auf den nichtigen Anlaß. Das Ding, der Anlaß, bleibt, ist beliebig oft wiederholbar, der Konsument wird vernichtet oder vernichtet sich selbst.« Man mag sich dabei »vor Lachen gekrümmt« haben, wie Jägersberg behauptet, aber auch der Erkenntnisgewinn bleibt – gering.

Dafür wird Schmitz immer kränker. Vielleicht war er zu allem Unglück neurasthenisch gestimmt. Spätestens 1911 gesellen sich zu jener, vermutlich verschleppten Tuber-kulose weitere körperliche und seelische Beschwerden, die ihn zu Operationen und Sanatoriumsaufenthalten zwingen und die ihm sogar das Gespenst der Irrenanstalt an die Wand malen. Eine Beschäftigung mit Raja- und Hatha-Yoga im Winter 1912/13 schlägt nicht an. Da setzt der 33jährige Spaßmacher seine Freunde ins Bild und fährt in »Kur« nach Bad Münster am Stein, Rheinland-Pfalz – um sich dort am 8. August 1913 in seinem Hotel zu erschießen. Das war letztlich in jeder Hinsicht standesgemäß. Denn einerseits hätte er nach dem Wunsch seines Erzeugers, wenn schon kein Kaufmann, wenigstens Offizier werden sollen, andererseits war er Antimilitarist. Düsseldorf gab ihm eine Straße.

Im Gegensatz zu Schmitz hatte sich dessen Kollege Heinrich Lautensack (1881–1919), Kabarettist und Schriftsteller erst in München, dann in Berlin, der Kriegsteilnahme nicht entzogen. Möglicherweise trug sie mit dazu bei, daß der gleichfalls hagere, aber schon in zweiter Ehe verheiratete »Kleinbürgerschreck« erstmals 1918, beim Begräbnis seines Vorbildes Frank Wedekind, Anzeichen geistiger Verwirrung zeigte, wie es heißt. Ein Jahr darauf starb Lautensack, inzwischen 37, in der Eberswalder Nervenheilanstalt. Näheres verschweigen die mir zugänglichen Quellen. Auch das bekannte Hamburger Wochenmagazin* beläßt es bei einem Paßbild aus Otto Falckenbergs Mund: »… ein magerer, langer, grotesk aussehender Kerl mit einer schwarzen Mähne und aufge-rissenem Gesicht«. Vermutlich steht in Veröffentlichungen des Fachmanns Wilhelm Lukas Kristl deutlich mehr.

* »Hübsch animalisch«, Spiegel 40/1966: https://www.spiegel.de/kultur/huebsch-animalisch-a-66ea5aad-0002-0001-0000-000046414308



Schneider, Yvan 19 († 2007), schwäbischer Schüler, Mordopfer. Der 19jährige Abiturient des Stuttgarter Wagenburggymnasiums, Sohn einer Heilerzieherin und eines Musiktherapeuten, wird als gutherzig beschrieben. Seine Mitspieler beim TV Stetten nennen ihn bewundernd und spöttisch zugleich »Zauberlehrling«, weil er das Spielerische am Handballspiel betont, also alles andere als ein »Brecher« ist, obwohl er immerhin 1,85 mißt. Am 21. August 2007 ahnen sie so wenig wie Yvans Eltern und seine beiden Geschwister, daß sie ihn nie wiedersehen werden. Die Familie Schneider wohnt in einem Dorf bei Stuttgart. Von einer Bekannten aus dem Dorf, der 16jäh-rigen Sessen K., am Abend unter einem Vorwand aus dem Haus gelockt, wird Yvan auf einer nahen Obstbaumwiese von zwei ihm unbekannten jungen Männern auf äußerst brutale Weise mit Knüppeln niedergeschlagen, ferner zu Tode getreten. K. steht dabei und schaut zu.

Hier erfuhr das Wort Heimtücke seinen Sinn. Die Tat gewinnt noch an Grausamkeit durch die Art und Weise, in der sich die jungen Mörder anschließend, freilich über Tage hinweg, der Leiche entledigen. Sie zerstückeln sie, betonieren die Stücke in Blumenkübeln ein und werfen diese in den Neckar. Dabei finden sie noch weitere HelferInnen. Der »Betonmord« entsetzt das Schwaben-land, obwohl man doch die Zentrale des vom Blaubeurer Adolf Merckle kontrollierten Baustoffriesen Heidel-bergCement AG im Lande hat. In Kürze (2009) wird man Merckles Selbstmord beklagen. Auch er geht nicht zimperlich vor: er wirft sich vor einen Zug, weil er den Lokführer oder die Lokführerin als den Schuldigen an seinem ganzen Elend erkannte.

Ein Jahr früher findet im Stuttgarter Landgericht, unter Vorsitz von Jürgen Hettich, der Prozeß gegen die »Betonmörder« statt. Heiklerweise stammen sämtliche Angeklagten aus Einwandererkreisen. Haupttäter Deniz E., zur Tatzeit 18, kommt aus einer türkisch-kroatischen Familie. Ein Jugendpsychiater bescheinigt ihm eine »krankheitsbedingte Verlangsamung und Einschränkung seiner Möglichkeiten, sich zu äußern«. Der gleichaltrige Roman K. stammt aus Kasachstan. Sein Elternhaus ist von Alkohol und Gewalttätigkeit durchtränkt. Die Eltern der 16jährigen Sessen K. kamen vor rund 25 Jahren aus Eritrea nach Deutschland. Spiegel Online 2008: »Der Vater ist Frührentner und sitzt als gebrochener Mann zusammen mit seiner Frau neben der Verteidigerin der Tochter. Sie hätte Rechtsanwaltsgehilfin werden sollen. Aber dann war ihr 'anderes wichtiger' und sie geriet in Kontakt mit Deniz, der sie mit einem Sportwagen durch die Gegend kutschierte, beschenkte und langsam aber sicher auf die schiefe Bahn zog.« Der vierte Angeklagte, Kajetan M. (23), kommt aus einer zerrütteten polnischen Familie. Gegen weitere MithelferInnen, darunter der 44 Jahre alte Vater des Deniz E., wird gesondert ermittelt und verhandelt.

Als Tatmotiv stellt sich, zumindest vordergründig, Deniz' Eifersucht heraus. Der stolze Besitzer eines Mercedes CLK sei von der 16jährigen Afrikanerin geradezu besessen gewesen. Dabei hatte ihn Sessen beschwindelt, als sie behauptete, der unter seinen Mitschülern beliebte Sportler Yvan habe sie gegen ihren Willen entjungfert. In Wahrheit war er Sessen nie nahe gekommen. Sie wußte noch nicht einmal seine Telefonnummer. Zu ihren eigenen Beweggründen, Yvan ans Messer zu liefern, äußert sie sich angeblich nicht. In der Urteilsbegründung wird später festgehalten: »Er verblutete langsam. Sein Todeskampf muß nach Auskunft des Gerichtsmediziners zwischen 5 und 20 Minuten gedauert haben. Der Haupttäter ging währenddessen immer wieder zu seiner Freundin und schrie: 'Weißt du jetzt, wie sehr ich dich liebe?!'« Dies alles unter Obstbäumen, in denen die jungen Früchte schaukelten.

Yvans Vater Pierre Schneider sagt vor den Plädoyers: »Man hat seine Zeit, die er gebraucht hat, um ein junger Mann zu werden, gestohlen. Man hat sein Wesen vernichtet. Man hat seine Freude, seine Stille gestohlen. Er fehlt. Er fehlt uns schrecklich. Für uns wird der Schmerz bis zum Ende unseres Lebens sein. Und das Gefängnis dieser Schmerzen haben wir lebenslang bekommen. Wir haben Vertrauen in die deutsche Justiz, daß sie das richtige Urteil finden wird.« 2010 veröffentlichen Schneider und seine Frau Fabienne ein Buch mit einem Bandwurmtitel über den Fall.*

Richter Hettich erlaubt sich die Bemerkung, statt mit »Monstern« habe er es erschreckenderweise mit Jugendlichen zu tun gehabt, die von dem grausigem Geschehen berichtet hätten, als ob sie sich auf einem Schulaufsflug befunden hätten. Waren sie sich also ihrer Grausamkeit nicht bewußt? Oder fanden sie sie jedenfalls annehmbar? Ein Mithäftling des Hauptangeklagten erklärte Dritten, Deniz E. habe ihm versichert, er werde vor Gericht »auf geisteskrank« machen. Dieser Hinweis wird ignoriert. Da das Landgericht Jugendstrafrecht anwendet, fällt das Urteil (im März 2008) für das Emp-finden der Angehörigen und auch etlicher Beobachter-Innen vergleichsweise glimpflich aus: Deniz E. und Roman K. 10 Jahre Haft (Höchststrafe), Sessen K. neun Jahre, Kajetan M., wegen Strafvereitelung, drei Jahre und drei Monate.

Habe ich die HeidelbergCement zu Unrecht ins Spiel gebracht? Der steinreiche Adolf Merckle ist bekanntlich inzwischen, wie oben angedeutet, aus dem Unternehmen und dem Leben ausgestiegen, weil er sich bei seinen milliardenträchtigen Schachzügen verspekuliert hatte. Im Tatjahr 2007 war HeidelbergCement, nach der Übernahme von Hanson, der größte Zuschlagstoff- und der viertgrößte Zementhersteller weltweit geworden. Umsatz und Überschuß 2011: 12,9 Milliarden und 534 Millionen Euro. Spätestens dadurch waren die 252 Millionen wieder im Sack, die dem Unternehmen 2004 als Geldbuße wegen einiger Verstöße gegen das Kartellgesetz zugemutet worden waren. Ab 1990 expandierte es vor allem nach Ostasien. Auch in Afrika hat es ein paar Zehen auf dem Boden, wenn auch nicht gerade in Eritrea. 2010 – Merckle hatte sich bereits verabschiedet – kam das Unternehmen, bislang folgenlos, wegen seiner Ausbeutung von Bodenschätzen im israelisch besetzten Westjordan-land ins Gerede. Erst stiehlt Israel den Palästinensern das Land, dann HeidelbergCement den Gehalt des Landes. Die weltweite Verästelung des Multis ist kaum überschaubar. Das gleiche gilt für die verheerenden Auswirkungen seiner Geschäftstätigkeit auf diverse Belegschaften, Völker und ganze Erdteile.

Eben darin liegt der Vorteil, wenn einer seine Brutalität nicht mit einem Baseballschläger ausübt. Sicherlich geht es mit Schußwaffen bequemer. Nach Berechnungen von böswilligen, außerschwäbischen BeobachterInnen werden mit Waffen der Firma Heckler & Koch aus Oberndorf am Neckar Stunde für Stunde weltweit vier Menschen erschossen. Wenn da bei jedem Schuß ein Schwabe vor Entsetzen einen Herzstillstand erlitte, wäre Baden-Württemberg bald frei.

* Vom Wert des Lebens: Die Ermordung unseres Sohnes Yvan: Der »Betonmord«: Verhandelt! Verurteilt! Vergessen? Zeichen setzen gegen Jugendgewalt



Schnitger, Heinrich 39 (1925–64), Mediziner an der Universität Marburg, Erfinder der Kolbenhubpipette (Patent 1961), die es gestattet, geringe Flüssigkeitsmengen von Hand zu dosieren. Leider konnte Schnitger das viele Geld, das seine Erfindung noch aufsaugen sollte, kaum mehr genießen, kam er doch Anja Scholzen zufolge* schon 1964 als 39jähriger »beim Baden in einem oberbaye-rischen Gletschersee« zu Tode. Näheres wird uns erspart. Dafür behauptet Scholzen, der »geniale Bastler«, der noch andere Laborgeräte austüftelte, sei ohnehin »als schwie-riger, eigenbrötlerischer Mensch bekannt« gewesen, der »an der Vermarktung« seiner Erfindung »kaum Interesse« besessen habe. Damit wissen wir wieder einmal, was ein Querulant ist: der Nichtvermarktungswillige.

Ein Porträtfoto zu Scholzens Artikel zeigt einen schmalge-sichtigen jüngeren Mann mit dickrandiger Brille und hoher Stirn, der ähnlich verletztlich wie eine Kolbenhub-pipette wirkt. Man könnte freilich auch mutmaßen, er habe dem verbreitetem Typus des Hypochonders angehört. Der Münchener Biochemiker und zeitweilige Arbeitskollege Schnitgers Martin Klingenberg berichtet**, als Zweiter-Weltkriegs-Soldat an Tuberkulose erkrankt, habe sich der Sohn eines Erfinders aus der westfälischen Stadt Lemgo (bei Bielefeld) nicht um ihrer selbst willen zum Studium der Medizin entschlossen, vielmehr um seine Gesundheit überwachen und sich vor inkompetenten Ärzten schützen zu können. Der durchaus freundliche, wenn auch unge-sellige Kollege habe dann auch sehr auf seine Lebensweise geachtet, Ernährung und optimales Raumklima einge-schlossen. Von Freunden oder gar Geliebten (immer GefahrenträgerInnen schon wegen der Keime und Viren!) ist auch bei Klingenberg nicht die Rede.

Diesbezüglich hilft jedoch die zeitgenössische Lokalpresse weiter, wie ich dank des »Marktarchivs« von Garmisch-Partenkirchen weiß. Diese Stadt, die amtlich gar keine ist, liegt bekanntlich unweit der weltberühmten Zugspitze. Diese wiederum birgt als Überraschung, auf knapp 1.000 Meter Höhe, den meist grün getönten, recht klaren Eibsee, der anscheinend zu Badefreuden lockt. Vermutlich hatte ihn Schnitger im Verein mit seiner nirgends namentlich genannten Gattin von München aus angesteuert, wird er doch im Garmisch-Partenkirchner Tagblatt als Arzt der dortigen Universitätsklinik vorgestellt.*** Am Mittag des 27. August 1964, ein Donnerstag, mietete das Ehepaar ein Ruderboot. Offenbar war es heiß. Unweit der Insel Steinbühl wollte Schnitger schwimmen, kühlte sich ab und sprang ins Wasser. Schon nach wenigen Schwimmstößen bat er allerdings geqält um Hilfe – zu spät. Weder seiner Frau noch einem anderen Ruderer sei es gelungen, ihn am Arm zu ergreifen und an Bord zu ziehen. So versank er. Wahrscheinlich hatte der Marburg-Münchener Arzt einen Herzschlag erlitten. Möglicherweise wurde das von recht kalten Strömungen begünstigt, die den Eibsee bekannter-maßen durchziehen. Schnitgers Leiche konnte erst nach Beiziehung von Kampfschwimmern und Spezialtauchern der US-Armee aus Bad Tölz geborgen werden. Sie fanden ihn in rund 15 Meter Tiefe im Schlamm.

Wie ich unter der Hand von einer Münchener Redakteurin erfahre, traf im November 1964 ein Leserbrief beim Münchner Merkur ein, der allerdings nie veröffentlicht worden ist. Er stammte von dem Ickinger Turnlehrer und Hobby-Kriminalisten Alois Bierseidel. »Merkwürdiger-weise ist in den hiesigen Blättern gar nichts mehr vom Fall Schnitger zu lesen. Die Kripo muß doch die Leiche geöffnet und vor allem auch die Ehe der Schnitgers unter die Lupe genommen haben! Denn natürlich stimmt die Sache mit dem Herzschlag, nehme ich an. Darin liegt ja gerade die Heimtücke der Angelegenheit. Schließlich wußte die Gattin Schnitgers zweierlei ganz genau: der Mann war gesund-heitlich schon sehr wackelig auf den Beinen – und sein ganzer Kolbenhubpipetten-Zaster würde selbstverständ-lich bei ihr landen, falls er einmal nicht mehr da wäre. Ergo kann sie ihn nur in seinem verrücktem Wunsch, die Temperatur des Eibsees zu prüfen, bestärkt haben. 'Aber sicher, mein Schatz, schwimme nur ein paar Runden, ich werde auch eine hübsche Agfacolor-Aufnahme für unsere Dia-Sammlung von deinem makellosem Toten Mann machen!' War es nicht so ..?«

* »Die Revolution kam aus Marburg«, Marburger UniJournal, April 2005 , S. 58–60: https://www.uni-marburg.de/de/uniarchiv/unijournal/kolbenhubpipette-muj-4-2005.pdf
** »When a common problem meets an ingenious mind«, EMBO reports, Band 6 Heft 9, September 2005, S. 797–800: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1369176/
*** »Der Tod kam beim Schwimmen«, GaP-Tagblatt, 29./30. August 1964




Schöberl, Marinus 16 (1985–2002). Am 12. Juli 2002 suchten sich zwei Jugendliche und ein junger Erwachsener aus neonazistischem Dunstkreis die ehemalige LPG-Schweinemastanlage in Potzlow (Uckermark, Branden-burg) als Folter- und Hinrichtungsstätte für ihren 16jäh-rigen Zechbruder aus. Das Verprügeln und Verhöhnen des »Juden« Schöberl (der keiner war) zog sich über Stunden hin. Schöberl wurde dabei auch bepinkelt. Krönung war jedoch ein sogenannter »Bordstein-Kick«, zu dem die angetrunkenen Täter von dem US-Film American History X (von 1998) angeregt worden waren. Das auf dem Bauch liegende Opfer hat auf eine erhöhte Kante zu beißen; tritt man es dann auf den Nacken, bricht gewöhnlich sein Hals. Marinus' Leiche wurde in der ehemaligen Jauchegrube verscharrt.

Die Medien breiteten die Grausamkeit aus. Ein konkreter Anlaß für diese hatte nicht vorgelegen. Das Opfer galt als lernbehindert, die Täter litten an Langweile. Das war alles, falls man nicht doch etwas tiefer schürfte. Das Landgericht Neuruppin verhängte Haftstrafen von 15 Jahren für den Erwachsenen, achteinhalb Jahren für den minderjährigen Haupttäter und drei Jahre für den anderen Jugendlichen. In der Alkoholisierung der Mörder hatte das Gericht, wie üblich, einen Strafmilderungsgrund erblickt. Zwei sprechende Einzelheiten fanden in der Berichterstattung wenig Würdigung. Zum einen galt der jugendliche Haupttäter selber als Schulversager; nur stand er nicht ganz so tief wie eben Schöberl. Zum anderen war die Folter zumindest streckenweise von Dorfbewohnern beobachtet worden – die nicht einschritten. Die zugezogene, kinderreiche, »asoziale« Familie Schöberl stand in schlechtem Ruf. Manche nehmen sogar an, sie bekam, als Sündenbock, die Schmach aufgehalst, die dem Dorf in Gestalt der Kolonialisierung durch westdeutsches Kapital angetan worden war.*

Der Fall hat bereits mehrere künstlerische Bearbeitungen gefunden. Dagegen wird, wie der Spiegel 2008 behauptet, der Gedenkstein für Schöberl »von den meisten Potz-lowern gemieden«. Das fällt wahrscheinlich nicht schwer, weil er vor der Kirche steht.

* Stefan Reinecke / Andres Veiel, »Die verschwiegene Gewalt«, taz,
17. Febr. 2007: https://taz.de/Die-verschwiegene-Gewalt/!315142/




Schobert, Johann um 34 (c.1733–67), Cembalist und Komponist am Hofe Ludwig XV. in Paris. Die Altersan-gaben schwanken erheblich. Ob und wie stark er den jungen Mozart beeinflußte, ist ebenfalls umstritten. Fürs Empfinden des Brockhaus (Band 19 von 1992) schuf Schobert jedenfalls »eine Reihe von stilgeschichtlich bedeutsamen Werken« – und erlag im bestem Mannes-alter einem ähnlich witzigem Tod, wie ich ihn andernorts bereits vom Pariser Dirigenten Lully zu berichten wußte. Sowohl in der Angabe über die Todesursache (»Pilzver-giftung«) wie in der Entschlossenheit, dafür keine Quelle zu nennen, stimmen Brockhaus und verschiedene Internet-Nachschlagewerke überein. Da muß erst miguel54* kommen, der einen Brief vom 15. September 1767 aus der bekannten Correspondance littéraire des Fréderic Melchior Grimm angibt und die besagte Stelle auch gleich zitiert:

»Der Tag des Hl. Ludwig war dieses Jahr durch ein äußerst betrübliches Ereignis gekennzeichnet. M. Schobert, unter den Musikliebhabern als einer der besten Cembalisten von Paris bekannt, unternahm mit seiner Frau, einem seiner Kinder im Alter von vier oder fünf Jahren, und einigen Freunden, darunter auch ein Arzt, einen Ausflug. Es waren sieben an der Zahl, die im Wald von St. Germain-en-Laye spazieren gingen. Schobert liebte Pilze über alle Maßen; er sammelte also tagsüber, während der Wanderung, einige im Wald. Gegen Abend erreichte die Gesellschaft Marly; man betrat ein Wirtshaus und bat um die Zubereitung der mitgebrachten Pilze. Der Koch des Wirtshauses prüfte die Pilze, erklärte, daß sie von der schlechten Sorte seien und weigerte sich, sie zu kochen. Über diese Weigerung verärgert, verließen sie das Wirtshaus und suchten ein anderes im Bois de Boulogne auf, wo ihnen der Wirt dasselbe sagte und ebenso die Zubereitung der Pilze verweigerte. Ein grausamer Eigensinn, hervorgerufen von den ständigen Versicherungen des Arztes, der bei der Gesellschaft war, daß die Pilze gut seien, ließ sie abermals das Wirtshaus verlassen, um sie ihrem Verderben zuzuführen. Sie begaben sich alle nach Paris, in Schoberts Wohnung, wo dieser ihnen ein Abendessen mit den Pilzen vorsetzte. Und alle, sieben an der Zahl, einschließlich der Bediensteten von Schobert, die das Essen zubereitet hatte, und des Arztes, der angeblich so gut Bescheid wußte, starben an Pilzvergiftung.«

Woher nun Grimm wiederum seine genauen Kenntnisse von dem Ereignis bezogen hatte, weiß womöglich keiner.

* »Johann Schobert: ca. 1735–1767«, Tamino Klassikforum, 9. Ok-tober 2007: https://www.tamino-klassikforum.at/index.php?thread/6682-johann-schobert-ca-1735-1767/



Schröder, Christiane 38 (1942–80), Zadek-Schauspielerin, springt von berühmter US-Brücke. Die Tochter der BühnenschauspielerInnen Inge Thiesfeld und Ernst Schröder blieb zunächst im Fach. Zu Beginn ihrer Laufbahn gehörte sie dem Bremer Ensemble Peter Zadeks an. Später kamen auch Fernsehauftritte, darunter in beliebten Krimi-Serien, und Hörspiele hinzu. Sie galt als erfolgreich. Sie führte eine längerer Ehe und ging dann einige, wie es aussieht, eher unglückliche Liebschaften ein. Um 1975, wohl mit der Trennung vom Ehemann, hängt sie ihren Beruf aus Gründen an den Nagel, die wir, wegen der schlechten Quellenlage, bestenfalls erraten können. Sie verkauft ihre zwei in Berlin und München gelegenen Wohnungen und geht auf Reisen. Das schließt eine Vertiefung in indische Heilslehren (der Schule Jiddu Krishnamurtis) auf einem Bauernhof in den Alpen ein. Dann nimmt sie in San Francisco, wo sie mit ihrem »Guru«, dem aus Lettland stammenden Künstler Peter Vismanis, zusammenlebt, Malversuche auf. Sie bleibt aber offensichtlich unzufrieden, bringt sich angeblich wiederholt Schnittverletzungen bei und verschwindet immer öfter aus dem Holzhaus des Paars. Schließlich erklimmt sie (Mitte September 1980) die Golden-Gate-Hängebrücke, um wie Hunderte vor ihr (geschätzt mindestens 1.600 seit 1937) aus knapp 70 Meter Höhe in die Bucht von San Francisco zu springen. Sie ist 38.

Laut Wikipedia war sie von ihrem Guru, offiziell ihr Ehemann, noch im September als vermißt gemeldet, aber dann, nach dem Sprung, bei dem sie keine Papiere bei sich führte, erst im Januar identifiziert worden. Um zu wissen, was da in dem Holzhaus genauer ablief, müßte man wohl Zeugen haben – woher nehmen, wenn nicht stehlen? Sogar Wikipedia behauptet, Schröders Asche habe sich noch Jahre nach ihrem Tod bei einem Beerdigungsinstitut in Aufbewahrung befunden, da niemand sie abgeholt habe (Stand Mai 2021). Nur: woher weiß Wikipedia das? Ich kann überhaupt in dem ganzen Eintrag über Schröder nicht einen handfesten Beleg entdecken. Mit anderen Worten: er ist wertloser als die Bilder, die Schröder in San Francisco schuf.

Nach einigen Internet-Fotos war die Frau, die sozusagen eine Weltreise in die Einsamkeit unternahm, zeitlebens blond, wechselte aber unterwegs, vielleicht in den Alpen, die Frisur: von lang zu kurz. Auf einer anderen Webseite wird Witwer Peter Vismanis in offensichtlich herab-setzender Absicht Kahlköpfigkeit bescheinigt. Er starb 2000 mit 77 Jahren. Mehr scheint man über ihn nicht zu wissen. Was seine Gattin angeht, ist zu lesen, schon die Eltern von ihr hätten sich umgebracht, der prominente Vater allerdings erst in hohem Alter, wegen Krebs. Sein Sprung erfolgte (1994) »nur« aus einem Berliner Kranken-hausfenster. Die Mutter soll stark »nervenleidend« gewesen sein.

Oberguru Jiddu Krishnamurti starb 1986 mit 90 – in Kalifornien. Der vielreisende Inder, in jungen Jahren von den Theosophen als Messias gehandelt, was jedoch Rudolf Steiner als »unseriös« abkanzelte, hatte überwiegend nicht in Indien gelebt. Nach meinem Brockhaus (Band 12 von 1990) stand Christiane Schröder vor einer durchaus unkomplizierten Aufgabe. Krishnamurti habe einen »Seelenfrieden« gepredigt, »der durch intuitive Erfassung der Harmonie von All und Ich erreicht werden könne.« Hätte das doch schon ihre Mutter gewußt!



Schumann, Felix 24 (1854–79), Jura-Student und »Dichter«, jüngstes Kind des MusikerInnen-Ehepaares Clara und Robert Schumann. Wie ich schon wiederholt beklagte, haben es KünstlerInnenkinder meistens ver-dammt schwer – und die Schumanns hatten deren gleich acht. Dazu kam eine Fehlgeburt. Wenn mein Brockhaus meint, bei Robert Schumann hätten sich bereits in jungen Jahren gewisse Anzeichen für eine »Gemütskrankheit (Depressionen, Wahnideen)« gezeigt, frage ich mich schon, ob denn auf weiter Flur niemand da war, der ihm wenigstens das Kinderzeugen ausgeredet hätte. Offenbar nicht, Clara eingeschlossen. Nun kann und will ich den geschlagenen acht Kinder-Schicksalen in diesem Werk unmöglich nachgehen. Ich begnüge mich mit dem Hinweis: drei von den acht erreichten nicht die 40, darunter eben Felix, das jüngste Kind. Felix soll sich durch einige Jahre mit Lungen-Tuberkulose abgeqält haben, der er dann, wie es heißt, mit 24 im Haus seiner Mutter in Frankfurt/Main erlag. Johannes Brahms, mit Clara Schumann eng befreundet, vertonte einige Gedichte des Jünglings. Dazu sage ich lieber nichts. Die literarische Laufbahn hatte sich ja sowieso zerschlagen.

Noch ein Blick auf den Vater. Nachdem er, in Düsseldorf, Nummer Acht Felix gezeugt und einen selbstmörderischen Sturz in den Rhein vollführt hatte, wurde Robert Schumann bekanntlich in eine Bonner Irrenanstalt gesteckt, wo er bald darauf, 1856, mit 46 »verstarb«. Ich wähle Gänsefüßchen, weil ich auf dem Gebiet von Krankheiten und Todesursachen so gut wie nichts mehr glaube, seit ich Gerd Reuthers diesjähriges Buch gelesen habe. Schnappe ich bei einer Stippvisite in Schumanns Biografie auf, man habe ihm zeitweise Arsen gegen seine (angebliche) Syphilis verabreicht und ihn zuletzt, in der Anstalt, einem Dauerregen aus »Entleerungsmaßnahmen« und Medikamenten gegen alles mögliche ausgesetzt, wird mir bereits schlecht genug. Reuther widmet der Behandlungsfrage sogar ein eigenes Buchkapitel.* Auch das ersetzt bereits den Genuß eines Horrorfilms. Verallgemeinernd, stellt Reuther zum Beispiel fest, der Doyen der psychosomatischen Medizin Thure von Uexküll habe den Anteil behandlungsbedingter Krankheiten in Industrieländern 1979 auf 50 Prozent geschätzt. Noch allgemeiner, behauptet Radiologe Reuther selbst, die Sparte Medizin habe dem Menschen in der gesamten Geschichte »weit mehr geschadet als genützt«. Das sind Hämmer, die er wie Filzklöppelchen einflicht. Er druckt sie also nicht etwa abgesetzt und fett, wie es die Rubikon-Leute machen würden.

Reuther streift den Altonaer Armenarzt und späteren Leibarzt des dänischen Königs Johann Friedrich Struensee (1737–72). Struensee zähle zu den wenigen Medizinern des Jahrhunderts, die ihren Kollegen empfohlen hätten, die Selbstheilung zu unterstützen, statt sie zu bekämpfen. Das klingt natürlich gut. Dennoch fragt man sich mit Bangen, warum der Mann selber dann nur 34 Jahre alt wurde. Versagten die Abwehrkräfte ausgerechnet in seinem Fall?

In gewisser Weise schon. Altona war damals dänisch. Als Struensee zum Leibarzt des dänischen Königs Christian VII. berufen wurde, nutzte er die Gelegenheit, sich zum faktischen Regenten des Staates aufzuwerfen. Christian galt nämlich, ähnlich wie Schumann, als gemütskrank, während sein Leibarzt ein aufklärerisch gestimmtes Machtbewußtsein besaß. So drückte dieser in kurzer Zeit etliche erfreuliche Reformen durch, etwa Abschaffung der Zensur, mancher Adelsvorrechte und der Prasserei am Hofe. Er soll auch die Rechtslage des Gemeinen Mannes und die allgemeine Gesundheitsvorsorge im Land verbessert haben. Dadurch zog er sich freilich Haß und Neid der feudalen Elite zu, die rasch zu allerlei Verleumdungen und Winkelzügen griff. Dabei kam ihr Struensees Liebschaft mit der blutjungen Königin Caroline Mathilde von Hannover (1751–75) zugute. Im Ergebnis wanderte Struensee, nach einem »Scheinprozess«, wie Kerstin Petermann schreibt**, Ende April 1772 vor den Toren Kopenhagens aufs Schafott. Viele Landsleute sollen das betrauert haben; der Scharfrichter mit dem Schwerte nicht. Was Caroline angeht, wurde sie nach Celle verbannt, wo sie aber schon mit 23 einer fiebrigen Krankheit erlag, möglicherweise Scharlach.

* Heilung Nebensache, München 2021, S. 322–31
** »Allein gegen den Adel«, Stiftung Historische Museen Hamburg,
o. J.: https://shmh.de/de/hamburgwissen/journal/johann-friedrich-struensee




Schwarzenbach, Annemarie 34 (1908–42), Schrift-stellerin. So mancher wird mit Geld durchaus glücklich, aber sie nicht. Die Tochter eines sehr gut betuchten schweizer Seidenfabrikanten, mit 23 bereits Doktor der Geschichte (in Zürich) und Gelegenheitsjournalistin, hatte sich um 1930 in Berlin mit den Geschwistern Erika und Klaus Mann und dem Morphium angefreundet. In diesen Kreisen konnte sie auch ihren lesbischen Neigungen nachgehen. Schwarzenbach, oft für einen ausnehmend hübschen jungen Mann gehalten, hatte sich von Jugend auf männlich gekleidet und gegeben. Das hatte verständ-licherweise für Zündstoff im Kampf mit dem Seidenfabri-kanten und vor allem mit dessen herrschsüchtiger Gattin gesorgt. Andererseits wurde der rastlosen »mißratenen« Tochter offenbar nie der Geldhahn zugesperrt, denn sie konnte sich flotte Automobile leisten, unternahm zahlreiche Auslandsreisen, unterstützte Klaus Manns Exilzeitschrift Die Sammlung und verfaßte, neben etlichen Artikeln und Fotoreportagen, ein paar Romane. Sie liebte Raserei, haßte gleichwohl den Faschismus, der auch Raserei liebte. Sie soll zumindest streckenweise blitzge-scheit, einfühlsam und mitreißend geschrieben haben. Bei einem Aufenthalt in den USA verliebte sich die Schrift-stellerin Carson McCullers in sie, was Schwarzenbach allerdings nicht oder nur begrenzt erwiderte. Dafür ging es der androgynen Schönheit aus den Alpen mit Erika Mann zeitlebens ähnlich, nur umgekehrt. Erika erhörte sie nie.

Schwarzenbach hatte inzwischen verschiedene erfolglose Entziehungskuren, Depressionen, Selbstmordversuche hinter sich. Irgendwie dürfte auch ihr Tod mit 34 Jahren in diese Reihe fallen, obwohl er fast wie ein schlechter Scherz wirkt. 1942 von einem Besuch beim ihr formal ange-trauten, homosexuellen französischen Diplomaten Claude-Achille Claracs von Marokko aus in die Schweiz zurückge-kehrt, stürzte sie Anfang September im Engadin bei dem übermütigem Versuch, auf dem »Herrenfahrrad« einer Freundin freihändig zu fahren, auf die Straße.* Ihre schwere Kopfverletzung soll falsch diagnostiziert und behandelt worden sein. Freilich war sie bereits zerrüttet gewesen. Sie starb Mitte November in Sils, wo sie sich niedergelassen und ihr vielgelesenes Buch Lorenz Saladin: Ein Leben für die Berge geschrieben hatte. »In krasser Mißachtung des Testaments«, wie der schweizer Historiker und Publizist Alexis Schwarzenbach behauptet**, habe ihre Mutter Renée auf der Stelle »sämtliche an ihre Tochter gerichtete Korrespondenz sowie alle ihre Tagebücher« vernichtet.

* Hendrik Werner, »Untröstlicher Engel, verwüstete Seele«, Welt,
17. Mai 2008: https://www.welt.de/welt_print/article2004213/Untroestlicher-Engel-verwuestete-Seele.html
** »Dieses bittere Jungsein«, Zeit, 15. Mai 2008: http://www.zeit.de/2008/21/A-Schwarzenbach




Schweigger, August Friedrich 37 (1783–1821), deutscher Naturforscher, ab 1809 Professor für Botanik und Medizin an der Königsberger Universität, auch Zoo-loge (Schildkröten, Korallen). Sein erst 2012 verstorbener Würzburger Berufskollege Prof. em. Dr. Dr. h.c. Franz-C. Czygan hat zwar einen ellenlangen Titel, begnügt sich jedoch recht kurzangebunden mit der Feststellung, Schweigger (der Preuße) sei mit 37 Jahren in Italien unter »Straßenräuber« gefallen.* Zu den familiären und mentalen Verhältnissen des preußischen Professors sagt Czygan gar nichts. Er muß aber reisefreudig gewesen sein: ab 1811 Exkursionen nach Schweden, Dänemark, England, Frankreich und eben Italien. Dazwischen half er, den Königsberger Botanischen Garten anzulegen, dem er dann vorstand. Ernst Wunschmann** wird Schweiggers Ende betreffend ein wenig konreter. Er spricht von einem »Meuchelmord« in einer Grotte unweit des mittelsizili-anischen Städtchens Cammarata, angestiftet von Schweiggers habsüchtigem Führer. Das war am 28. Juni 1821. Was Schweigger in der Grotte genau suchte, verrät Wunschmann nicht. Von den Meuchelmördern ahnen wir es immerhin. Vielleicht werden die fehlenden Geldbeträge und Wertsachen in einer neuerdings nachgedruckten Schrift eines Verwandten Schweiggers aufgelistet. Deren Titellänge hätte Czygan bestimmt gefallen: Bruchstucke Aus Dem Leben Des Als Opfer Seiner Wissenschaft Gefallenen August Friedrich Schweigger (1830).

* »Erinnerungen an den Botaniker ...«, DAZ 25/2005: https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2005/daz-25-2005/uid-14152
** ADB Band 33 von 1891




Sebastian, Mihail 37 (1907–45), rumänischer jüdischer Schriftsteller, Autounfall? Meine Erwartung, mit seinem unlängst veröffentlichtem Tagebuch aus der Zeit des Faschismus eine erheblich genießbarere Lektüre als die entsprechenden Aufzeichnungen von Victor Klemperer aufgestöbert zu haben, wurde enttäuscht. Beide Werke ähneln sich in vielen, ärgerlichen Zügen, voran die Langatmigkeit und die Flüchtigkeit. Daran konnte auch der Generationsunterschied nicht rütteln. Sebastian war rund 25 Jahre jünger als der Dresdener Romanistik-Professor, sodaß er das Wüten der einheimischen und deutschen Faschisten (Besatzung) in seinen Jahren um 30 erlebte. Im Brotberuf ursprünglich Rechtsanwalt, verlor er 1940 seine Anwaltslizenz und zudem einen Posten als Redakteur bei der Königlichen Stiftung, weil er außer Rumäne auch Jude war – »Saujude«, wie es damals gerne hieß. Sebastian wurde zu mehreren Wehrübungen und Arbeitsdiensten eingezogen, entging jedoch der Verschleppung. Zuletzt überstand er die wiederholte Bombardierung Bukarests durch die Alliierten im Frühjahr 1944. Ein Jahr darauf, kaum der Angst und dem Elend entronnen, kam er in der Hauptstadt, mit 37 Jahren, bei einem angeblichem Verkehrsunfall ums Leben.

In der Unschlüssigkeit und Wehleidigkeit nehmen sich beide Autoren vielleicht nicht viel, doch der stets unverblümt vorgebrachten Kritik Klemperers sowohl am Faschismus wie am Zionismus kann Sebastian selten das Wasser reichen. Im Grunde interessieren ihn die gesell-schaftlichen Verhältnisse gar nicht. Er ist Schlafwandler und Einzelgänger. Mit seiner Nachgiebigkeit, die er sich ein ums andere Mal selber vorwirft, erweist sich der aus bürgerlich-liberalem Hause stammende Rumäne ironischerweise als waschechter Jude. Ihr Seitenstück ist Sebastians Angewohnheit, sich mit Alkohol, Kino, Frauen, Musik »zu betäuben« und sich »aus all diesem Ekel und Widerwillen in kindische, ausführliche Tagträume« zu flüchten, wie er am 27. September 1941 notiert. Er hält sich für einen »Versager«; er sei nicht fürs Leben gemacht. So beklagt er in jedem drittem Eintrag, wie so vieles andere, auch seine Neigung zur Niedergeschlagenheit – bei der es Jahr um Jahr bleibt.

Dummerweise war er auch nicht so richtig für die Literatur gemacht. Gewiß kann Sebastian ein paar Romane veröffentlichen oder hin und wieder ein Stück im Theater unterbringen, doch der rauschende Beifall stellt sich bestenfalls vorübergehend ein. Er ist beileibe nicht so erfolgreich wie beispielsweise seine fragwürdigen Freunde Nae Ionescu, Mircea Eliade, Camil Petrescu. Immerhin wird er nicht wie sie. Trotz jener Duldsamkeit hat Sebastian nämlich nicht das Zeug zum Opportunisten, was ja das Karrieremachen sehr erleichtert hätte. Er bleibt seinen liberalen Überzeugungen und seiner Randposition treu. Allerdings bleibt er auch den genannten Personen und anderen »alten Freunden« treu, die sich nach Sebastians ungeschminkter, wenn auch zumeist kommentarlosen Darstellung im Tagebuch nur als sowohl eitle wie gemeingefährliche Strohköpfe bezeichnen lassen. Zu sehen, daß sich Sebastian nie dazu aufraffen kann, mit einem dieser Tintenfaßträger des Faschismus und des militanten Antisemitismus wirklich zu brechen, kommt für einen Leser wie mich schon beinahe Folter gleich. Petrescu, in jedem Lexikon als bedeutender Neuerer der rumänischen Literatur ausgegeben, biedert sich später auch erfolgreich den Kommunisten an. Ein widerlicher Kerl. Warum kam er nicht unter das Auto? Er starb 1957 mit 63.

Wie es aussieht, wird Sebastian ein glückliches Verhältnis zur Literatur vor allem durch seine ihm vom eigenem Naturell bereiteten Arbeitsschwierigkeiten erschwert. Er berichtet unablässig davon. Er findet keinen Anfang, bekommt Skrupel, schreibt zu langsam, stolpert vom Überschwang zum Selbstzweifel und wieder zurück. Möglichkeiten sich abzulenken, etwa durch »Ausgehen«, nimmt er so sicher wahr wie sie ihm kurz darauf Katzenjammer bereiten. Oft kann er nur schreiben, wenn er Bukarest verläßt, um sich als Feriengast am Schwarzen Meer oder in den Karpaten zu verschanzen. Sowohl die Ablenkungen wie die Reisen kosten natürlich Geld und sind ungeeignet, den schmal entlohnten Redakteur oder Hilfslehrer (an einer jüdischen Schule) aus seiner ständigen Geldnot zu führen. Dies alles wiederholt sich durch die Jahre gnadenlos, es ändert sich um keinen Deut, aber Sebastian schreibt es, im Tagebuch, trotzdem auf. Auch seine Erschöpfung und Schlaflosigkeit beklagt er immer wieder, ohne je zu bedenken, er könne auf diese Weise vielleicht dereinst die LeserInnen seines Tagebuchs ermüden. Ähnlich häufig erwähnt er Kopfschmerzen, Sehschwäche und andere gesundheitliche Beeinträchti-gungen, die ihm zusetzen. Man könnte vermuten, irgendwo nage ein Wurm in ihm, aber dazu sagt er nichts. Er bemüht sich auch nicht um eine ärztliche Diagnose.

Überhaupt kommt Sebastian ähnlich selten zu nennens-werten Erkenntnissen wie ich es, andernorts, schon Klemperer bescheinigt habe. Sie sind Tretmühlen-Protokollanten. Auch in stilistischer Hinsicht hat der Romancier und Dramatiker dem Wissenschaftler aus Dresden nichts voraus. Dabei hätte Sebastian, im Vergleich zu Klemperer, sicherlich die Muße gehabt, seinen Einträgen aus dem Abstand heraus durch Feilen etwas mehr Glanz und Tiefe zu verleihen. Er beläßt es dabei, sich auch die Flüchtigkeit seiner Tagebuch-Prosa immer mal wieder selber vorzuwerfen. Sebastians vergleichsweise große Geschütztheit geht übrigens auch aus dem Umstand hervor, daß er es – auf den 800 Seiten der deutschen Ausgabe von 2005 – nicht einmal für erforderlich hält, die Frage zu erörtern, ob er sich selbst und vor allem andere Personen durch dieses Tagebuchführen nicht fahrlässig gefährde. Selbst von einem Versteck für das Manuskript in seiner jeweiligen Wohnung ist nie die Rede. Im Gegensatz zum Fall Klemperer ist es mir ohnehin nicht immer ganz leicht gefallen, den angeblichen Ernst der Lage Sebastians nachzuvollziehen. Vielleicht liegt das nur an Sebastians unverschuldetem Pech, eine geballte Mischung aus zeitgenössischem Faschismus und allgemeinem jugendlichem Lebensüberdruß aushalten zu müssen. Er liebäugelt sogar mehrmals mit Selbstmord. Sein Eintrag vom 6. Dezember 1942 beginnt mit einer Klage über seine Lethargie und die Fadheit allen Geschehens. Es fehle ihm sogar »die Kraft zum Selbstmord, doch wenn ich eine geladene Pistole in der Hand hielte, würde ich vielleicht den Abzug drücken.« Ja, vielleicht … Sobald die Pistole vom Himmel fällt und ein Engel die Entschlußkraft zum Abdrücken mitliefert. Merkt der Mann nicht, wie lachhaft er sich aufführt und ausdrückt? Und wie vergeßlich er ist? Hat er doch erst im Februar desselben Jahres seinen Kollegen Stefan Zweig angepinkelt, weil sich dieser (in Brasilien) soeben umgebracht hat. »Er hatte kein Recht dazu, durfte es nicht tun.« Widersprüchlichkeit lasse ich mir ja gerne gefallen, aber naseweise Oberflächlichkeit nicht.

Ein erfrischender Widerspruch ergibt sich aus dem Vorwort des Herausgebers und Mitübersetzers der deutschen Ausgabe Edward Kanterian. Sebastians »sicheres Urteil« als jugendlicher Literaturkritiker für diverse einheimische Blätter leitet Kanterian aus der Tatsache ab, »so gut wie alle Autoren, die er besprach«, hätten »Eingang in den Kanon rumänischer Literatur gefunden«. Eben diesen, noch um berühmte Ausländer erweiterten Kanon wagt Sebastian später, im Tagebuch, wiederholt anzugreifen, weil die gleichsam amtliche Beweihräucherung seinem eigenem Urteil als Leser der betreffenden Autoren widerspricht. Selbst seine Bewunderung für Shakespeare ist nicht ungeteilt. »Was für ein kindisches, stellenweise sogar idiotisches Zeug!« entfährt es ihm am 13. Oktober 1941. Gemeint ist ein Stück, das im Titel das oberste Geschäftsprinzip der Kanterians bezeichnet: Viel Lärm um nichts.

Ob sich Sebastian bis zu seinem frühem Tod, der ihn auf dem Weg zu seiner Antrittsvorlesung als frischgebackener Literaturprofessor ereilte, trotz mancher Bedenken mit Plänen trug, sein Tagebuch früher oder später – in der einen oder anderen Form – zu veröffentlichen, geht weder aus diesem selber noch aus dem Vorwort des Philosophieprofessors aus Kent, GB, hervor. Wenn ja, hätte es Sebastian möglicherweise noch einmal gründlich im Geiste Jules Renards bearbeitet, den er sehr schätzte. Aber das ist Spekulation. Tatsache dagegen ist, seine wohl in Paris lebenden (und darbenden) Erben entschlossen sich zu einer Veröffentlichung des Tagebuchs in der vorliegenden Form. Man sollte sie einmal fragen, ob sie sich vielleicht noch an Sebastians Eintrag vom 25. September 1941 erinnern könnten: Dieses Tagebuch ist ziemlich nutzlos. Ich lese es manchmal durch, und das Fehlen einer jeglichen Tiefe ernüchtert mich. Ereignisse ganz ohne Gefühl, ohne Glanz und Ausdruck aufge-zeichnet. Nirgends sieht man, dass all dies ein Mensch schreibt, der tagtäglich, stündlich den Tod neben sich, in sich spürt. Ich fürchte mich vor mir selbst, fliehe vor mir selbst, gehe mir aus dem Weg. Ich drehe lieber den Kopf in die andere Richtung, wechsle das Thema. Nie fühlte ich mich älter, glanzloser, lustloser, ganz ohne Jugendlich-keit. Zerrissene Saiten, zwecklose Gesten, nichtssagende Phrasen.

Angeblich war Sebastian »von einem Lastwagen erfaßt« worden. Zu erforschen, warum und wie, fehlt den Damen und Herren Literaturwissenschaftlern offenbar die Zeit. Oder das Geld. Oder die Lust.



See, Elliot McKay 38 (1927–66), US-Astronaut. Während unsereins mit Fahrrad oder Ubahn zum Dienst eilt, nahmen Elliot See und Charles Bassett (1931–66), beide in Houston, Texas, stationiert, am 28. Februar 1966 die »Weiße Rakete«. So der Kosename jenes 14 Meter langen, ein- bis zweisitzigen Jets, mit dem schon Theodore >Freeman zwei Jahre früher Pech hatte. Und in der Tat, beim Landeanflug auf St. Louis, Missouri, verpaßten die beiden US-Astronauten, bei schlechter Sicht, ihre Landebahn und streiften ausgerechnet das Dach von Halle 101 der Firma McDonnell Aircraft – gerade in dieser Halle wurden sie für ein zweiwöchiges Training im Raumschiff Gemini 9 (oder in einem entsprechenden »Simulator«) erwartet. Gleich darauf lagen sie mitsamt ihrem Jet zerschmettert am Boden. In den Fabrikgebäuden setzten Herzschläge aus, während schon die Telefone tobten. See, der Steuermann, war 38, Bassett 34 gewesen. Ein Untersuchungsausschuß der NASA erkannte später auf »Pilotenfehler«.

Zwei Tage nach dem Unglück wurde Gemini 9 im Wind-schatten der noch auf Halbmast stehenden Flaggen aus der beschädigten Halle gerollt und auf Transport Richtung Cape Canaveral (bei Orlando, Florida) geschickt.* Schon am 3. Juni des Jahres hob das Raumschiff dort ab. Schließ-lich fanden und finden die beträchtlich heldenhafteren, wenn auch meist weniger gemeingefährlichen Selbstmorde der Zunft im All oder auf der Rampe zu diesem statt.

Das Verhängnis des 35jährigen US-Astronauten Clifton Williams (1932–67) war ebenfalls die »Weiße Rakete« Northrop T-38. Am 5. Oktober 1967 von Cape Canaveral nach Mobile, Alabama, unterwegs, beraubte ihn sein Überschall-Geschoß der Chance, auch einmal eine Apollo-Mondlandefähre zu steuern oder wenigstens noch einmal seinen Vater zu sehen. Durch ein Versagen des Quer-ruders, wie später verlautete, krachte es bei Tallahassee, Florida, fast wie ein Stein oder wie ein vom Wahnsinn befallener Fischadler aus knapp 7.000 Metern Höhe kopfüber zwischen Pinien, wie es in der englischen Wikipedia heißt. Von Gewässern oder Gebäuden ist nicht die Rede. Zwar habe der Pilot auf 450 Metern Höhe noch seinen Schleudersitz betätigt, doch bei einer Geschwindig-keit um 1.000 Stundenkilometern habe ihn dieser »Ausstieg« nicht vorm Tod bewahren können. Williams stammte aus Mobile, und am Unfalltag sei er dorthin »gereist«, weil sein Vater mit Krebs im Sterben gelegen habe. Der starb nun ohne Sohn.

* W. Pate McMichael: »Losing The Moon«, Magazin St. Louis (Missouri), 28. Juli 2006: http://www.stlmag.com/Losing-The-Moon/



Seidel, Alfred c.29 (1895–1924). Der Heidelberger »Philosoph«, wohl eine Art mehr links kauender Vorkoster von Ludwig Klages' bekanntem Schinken Der Geist als Widersacher der Seele (1929–32), ist heute fast vergessen. Kaum hatte er sich sein sendungsbewußtes, wenn auch allem Anschein nach wenig originelles Werk Bewußtsein als Verhängnis abgerungen und dessen Veröffentlichung sichergestellt, verständigte er, ungefähr 29 Jahre alt, den mit ihm befreundeten Psychiater Hans Prinzhorn: »Wenn Sie diesen Brief erhalten, lebe ich nicht mehr ...« Das soll im Oktober 1924 gewesen sein. Leider sind zumindest im Internet weder genaue Lebensdaten noch Einzelheiten des Ablebens zu haben. Hans-Dieter Schütt* weiß aber immer-hin, der vermutlich unablässig grübelnde »Wandervogel« Seidel habe Ernst Bloch verehrt und sich mit »Depressionen« abgeqält.

Was hätte noch aus ihm werden können! Vielleicht ein Systematiker. Das ist das häufigste Schicksal unter Philosophen, wenn ich mich nicht täusche. VertreterInnen der Minderheit dagegen, etwa Alain, Adorno, Friedrich Georg Jünger, sind wiederholt für ihr unsystematisches Denken gerügt worden. Man hätte ihre Sicht auf die Welt lieber wie einen Stammbaum a lá Darwin oder eine Apothekenschrankwand mit lauter Schubladen vor sich gehabt. Der vom erwähntem Holzhammerphilosophen Ludwig Klages nicht unbeeinflußte Sachse Hermann Schmitz, geboren 1928, ist diesem Vorwurf tatsächlich noch zuvorgekommen, indem er zwischen 1964 und 1980 sein 10bändiges System der Philosophie vorlegte. Es umfaßt rund 5.000 Seiten. Es soll sogar schon schulbildend sein. Schmitz kreist nicht um Krieg oder Lüge, sondern um einen menschlichen Leib, der weit genug aufgefaßt ist, um darin den epochenumfassenden Dualismus Leib/Seele zu schlichten und auch noch alles andere unterzubringen, das ein hellwacher Kopf zu berücksichtigen hat, Göttliches eingeschlossen.

Trotzdem fanden die Alains, Adornos, F. G. Jüngers, Systeme seien zu eng. Sie verleiten zu einem bestimmtem Blickwinkel, der zuviel Dunkel unbeleuchtet läßt. Sie unterbinden Überraschungen, weil man nur nach dem sucht, was man finden möchte, beispielsweise den Ruhm. Man möchte vor allem recht behalten. Philosphische Systeme sind immer nur Rechtfertigungen ihrer Anlässe und Strukturen, also dessen, was in ihnen angelegt ist. Was nicht hineinpaßt, wird unweigerlich zurechtgebogen. Was zu sperrig, zu widersetzlich ist, fällt unter den Tisch. Andererseits erzwingen sie trotz ihrer Enge Wucherungen, die völlig unfruchtbar, aber zur Stützung des Systems unabdingbar sind. Ein jüngeres Beispiel dafür stellt Canettis Werk Masse und Macht von 1960 dar.

Allerdings kann der Verzicht auf Systematik auch eine billige Ausrede darstellen, wie ich einräumen will. Der Literaturbetrieb wimmelt von Faulpelzen, Strohköpfen und Scharlatanen, die sich begierig Ilse Aichingers Bemerkung aus Schlechte Wörter an den Bildschirmrand ihres Computers geklebt haben, niemand könne von ihr verlangen, Zusammenhänge herzustellen, solange sie vermeidbar seien. Einen Zustand im Chaos zu belassen ist sicherlich oft bequemer als der Versuch, ihn zu ordnen. Bei Hochwasser, das einem schon den Kragen näßt, wird es freilich unbequem. Man wird sich zumindest nach einem Elfenbeinturm umsehen.

Ruft die Regierung gar eine »Pandemie« aus, die jenen Themen Krieg und Lüge verpflichtet ist, wird man vielleicht doch die Ärmel aufkrempeln, um sich durch die Müllhalde sogenannter Öffentlicher Meinung zur Wahrheit vorzuarbeiten. Ich habe das im Frühjahr 2020 in drei verstreuten Betrachtungen versucht, die ich hier im An-hang geballt, aber sonst unverändert anführe (A-48–50). Sie beruhen auf Briefen an eine Freundin. Sie erschienen im selbem Jahr sogar in einem selbstverlegtem, bei mir einsehbarem Sammelband, falls jemand ihre Unver-fälschtheit anzweifelt. Täusche ich mich nicht, lag ich damals, vor gut einem Jahr, im großen und ganzen goldrichtig. Trifft das zu, wäre es bei meiner bekannten »langen Leitung« schon erstaunlich.

* »Denken ohne Geländer«, Neues Deutschland, 30. Juli 2015: https://www.nd-aktuell.de/artikel/979481.denken-ohne-gelaender.html



Seiwert, Franz Wilhelm 39 (1894–1933), linker Bildender Künstler. Sein Tod mit 39 Jahren geht auf ein frühes Unglück zurück, das den Sohn eines Kölner Postbeamten ebendort mit sieben Jahren traf. Damals wurde er Opfer einer unsachgemäßen, wenn nicht sogar grob fahrlässigen Röntgenbestrahlung, die ihm schwere Verbrennungen am Kopf eintrug. Auch eine hartnäckig eiternde Wunde blieb an seinem Kopf zurück. Im Sommer 1933 erlag er den Folgen. Immerhin blieb ihm dadurch die Verfolgung als »entarteter« und linksradikaler Künstler erspart, hatte er sich doch im Laufe des Ersten Weltkrieges, zu dem er aufgrund jener Schädelwunde nicht eingezogen worden war, dem »Expressionismus«, um 1920 dann dem »Konstruktivismus« und zugleich dem Kommunismus oder Anarchismus verschrieben. Er war, bevor dieser untertauchte, mit Ret Marut befreundet, der im allgemeinen hinter dem bekanntem (amerikanischem) Schriftsteller-Pseudonym B. Traven vermutet wird. Seiwert lieferte unter anderem sowohl Grafiken wie Texte für die Berliner Zeitschrift Aktion. Ende der 20er Jahre wurde er durch einige Ausstellungen und Ankäufe durch Museen sogar im Ausland bekannt. Seine »gebauten« Gemälde erinnern an zumeist bunte Glasfenster oder Holzschnitte. Und obwohl die dargestellten klobigen Arbeiter, Bürger, Polizisten als einfache, auch flache Automaten erscheinen, wirken diese Gemälde keineswegs Grusel erregend, eher belustigend oder jedenfalls gefällig. Dieser Kontrast zur eigenen Leidensgeschichte ist schon seltsam. Seiwert starb (1933) nach neuerlichen, vergeblichen Heilversuchen im Kölner Israelitischen Krankenhaus.* Ein postmodernes Auktionshaus wäre ihm vermutlich lieber gewesen. Lempertz in Köln hat unlängst einige noch verfügbare Seiwert-Gemälde für Preise zwischen rund 30.000 und 330.000 Euro losgeschlagen, pro Stück.

* Seiwerts Fall illustriert erschreckende Befunde, die Reuther auf S. 245 streift. Vor 1935 seien »Tausende von Ärzten, Forschern und Patienten« Todesopfer des kritiklosen Umgangs mit den 1895 ent-deckten Röntgenstrahlen geworden, von Verbrennungen, Haarausfall und Augenproblemen zu schweigen.



Sethe, Anna 28 (1835–64), Tochter eines Stettiner Juristen und Steuerbeamten, erste Frau von Ernst Haeckel, einen ganzen Kopf kleiner als dieser, blauäugig und blond, als Galionsfigur der Frauenbewegung sehr wahrscheinlich völlig ungeeignet. Aber Haeckel selber sprach nur in höchsten Tönen von ihr. Sie war eine Cousine Haeckels, die er in Berlin kennengelernt und öfter getroffen hatte. Dort hatte er zuletzt an seiner Habilitation gearbeitet. 1862 frisch verheiratet, ließ sich das Paar dann in Jena nieder, denn dort hatte der bald weltberühmte Naturforscher Haeckel, als Mediziner, eine Außerordent-liche Professor ergattert. Allerdings waren der Ehe nur anderthalb Jahre beschieden. Am 17. Februar 1864 teilte Haeckel in der Lokalpresse mit, seine 28jährige Gattin sei am Vortag »nach kurzem Krankenlager an einer Unterleibsentzündung sanft entschlafen«. Es traf ihn ohne Zweifel hart. Viele Quellen bestätigen, er kam nur mühsam wieder auf die Beine.

Etwas undurchsichtig finde ich die Sache schon. Nach den vorhandenen Briefen* war die Frischangetraute zunächst putzmunter und (so Haeckel am 6. September 1862) in den Salzburger Bergen sogar beim Klettern »rüstig«. Im Winter 63/64 lag sie jedoch mit einer »Pleuritis« zu Bette, von der Mediziner Haeckel schon eine Lungenentzündung befürchtet hatte (28. Januar 1864). Sie genas vorüber-gehend. Fraß vielleicht das Tuberkulose-Bakterium in ihr? Dann, am 16. Februar 1864, soll sie plötzlich der schon erwähnten Unterleibsentzündung zum Opfer gefallen sein. Das ist ja wohl etwas anderes. War sie womöglich schwanger? Geboren hatte sie bis dahin anscheinend noch nie, wie man auch aus Brigitte Jelkes Porträt schließen muß.** Jelke spricht übrigens lediglich allgemein von einer »Infektion«. Haeckels Vater dagegen gibt (am 17. Februar 1864) wieder jener »Brustfellentzündung« die Schuld, der Sethe, »nach wiederholten Anfällen … nach einer äußerst glücklichen, kaum 1 ½-jährigen Ehe unterlegen« sei.

Jelke führt, möglicherweise sogar unbeabsichtigt, einige bezeichnende, beinahe erschreckende Briefstellen zu Sethes Selbstverständnis an. Darin beteuert die Braut, es läge ihr nichts ferner, als ein »Hemmschuh« für Haeckels wissenschaftliche Laufbahn zu sein. Sie betont ihre Bereitschaft von ihm zu lernen. Sie stellt fest: »Dich glücklich zu wissen, ist mein ganzes Glück … Dass du mich liebst, macht mich mir wert.« Verlöre sie ihn, »würde ich abschließen mit dem Leben und mich ganz in meine kalte einsame Persönlichkeit zurückziehen«, schreibt sie allen Ernstes an »Erni«, ihren Ernst. Das dürfte schon Selten-heitswert in der Briefliteratur haben: eine unterwürfige, buchstäblich selbstlose Geliebte bescheinigt sich unverblümt, ohne den Geliebten herrschte nur klirrend kalte Leere in ihr.

* Briefe Haeckels an Sethe bei Kurt Stüber 1998/2018: http://www.biolib.de/haeckel/anna_sethe.html
** Brigitte Jelke: Anna Haeckel, geb. Sethe, Jena 2019




Seymour, Robert c.38 (1798–1836), eigentlich erfolg-reicher englischer Illustrator und Karikaturist, erschießt sich (in London) aus umstrittenen Gründen. Wie auch immer, bringt er sich dadurch selber um ein kirchliches Begräbnis und seine Frau Jane (zwei Kinder) um Werkrechte und Honoraransprüche. Ob er das bedachte, ist mir nicht bekannt. Zu allem Unglück soll sich später auch noch Sohn Robert ertränkt haben.*

Seymour galt trotz Ablehnung eines für die Royal Academy-Ausstellung eingereichten Ölgemäldes als große Begabung. Er verlegte sich zunehmend auf Grafiken. Zu seinen Lieblingsthemen zählten Jagd- und Sport-Szenen, natürlich spöttisch aufgefaßt. Was ich davon im Internet sehe, kommt mir recht harmlos vor. Klassenkämpfer war er jedenfalls nicht. Da lag Charles Dickens nahe. Als Seymour eingeladen wurde, Dickens' Texte zum neuem Magazin Pickwitt Papers zu illustrieren, hatte er bereits Hunderte von Arbeiten veröffentlicht. Er lebte durchaus wohlhabend, schuf sich eine Bibliothek und ging mit seinen Freunden Jagd- und Angelfreuden nach. Ernste Schläge mußte er 1834 einstecken, als ihm der verschuldete Herausgeber des Figaro in London Gilbert à Beckett, ein Freund von Dickens, das Honorar schuldig blieb und stattdessen üble Gerüchte über Seymour ausstreute. Hinzu kam bald darauf der Pickwitt-Fall. Die Fachleute sind sich nicht darüber einig, in welchem Maß Seymour der Ideengeber dieser Sport- und Kaffeehaus-Szenen war, aber er fühlte sich offensichtlich ausgebootet. Es kam zu einem Streit mit Dickens in dessen Haus. Eine Buchausgabe der Pickwitt Papers stand bevor, und wahrscheinlich gab ihm Dickens, erheblich jünger als Seymour, nun den Laufpaß.* Er mußte anderen Zeichnern weichen.

Das Buch wurde Dickens' erster großer Erfolg. Das hatte Seymour womöglich geahnt – und sich als Steigbügelhalter empfunden. Dabei war er bis dahin der Prominentere von beiden gewesen. Im April 1836, zwei Tage nach jenem Streit, erschoß sich Seymour mit seiner Schrotflinte im Gartenhaus seiner Londoner Residenz. Aber die meisten KennerInnen nehmen Dickens in Schutz. Der Schriftsteller Peter Ackroyd soll behauptet haben**, Seymour, ein schlanker Dunkelhaariger mit Mittelscheitel, sei wie viele Humoristen ein »melancholischer«, dazu ein »in mancher Hinsicht gescheiterter« Zeitgenosse gewesen. Im Wesent-lichen hätten ihn Angst und Überarbeitung umgebracht. Vielleicht war er auch einfach, entgegen seinem sportlichem Gebaren, für den Konkurrenzkampf im Kulturbetrieb zu zartbesaitet. Da braucht man eher harte Bandagen.

* Maev Kennedy, »Memorial to Pickwick Papers artist ...«, Guardian, 27. Juli 2010: https://www.theguardian.com/uk/2010/jul/27/dickens-robert-seymour-pickwick-grave
** John Simkin 2020 auf https://spartacus-educational.com/ARTseymourR.htm




Shelley, Harriet 21 (1795–1816), erste Gattin des romantischen Schriftstellers Percy Bysshe Shelley (1792–1822), der immerhin 29 wurde. Wie so vielen frühen Geliebten später berühmter Männer haben ihr die Nachschlagewerke ein Schattendasein auferlegt. Harriet, die Tochter des wohlhabenden Londoner Kaffeehaus-besitzers Westbrook, war gerade einmal 16 Jahre alt gewesen, als sie, 1811, mit dem 19jährigem Bruder ihrer Freundin Hellen Shelley nach Schottland durchbrannte, um ihn dort zu heiraten. Der junge Mann war soeben aufgrund einer »gottlosen« Streitschrift von der Oxforder Universität geflogen. Im März 1814 wird die ausländische Heirat auch in einer Londoner Kirche bestätigt, sodaß die gemeinsame Tochter Ianthe als ehelich gelten kann. Noch im selbem Jahr wird auch Sohn Charles zur Welt kommen. Die hübsche und gebildete junge Mutter hat Percy Bysshe Shelleys literarische und rebellische Bestrebungen durchaus geteilt, doch dessen leidenschaftliche Verehrung kühlt rasch ab, zumal das Paar, auf Harriets Wunsch, mit deren erheblich älteren Schwester Eliza zusammen wohnt, auf die Shelley gar nicht gut zu sprechen ist. Er meidet die eheliche Wohnung zusehends und verreist außerdem oft.

An Geld scheint es dem Sohn des Baronets Sir Timothy Shelley trotz dessen Verärgerung über die Eskapaden seines Sprößlings nicht zu mangeln. Witzigerweise soll er Harriet inzwischen verdächtigen, sie habe ihn nur seines Geldes wegen geheiratet – wegen dem Geld seines Erzeugers also. Das trägt er nun, wenn vielleicht auch unabsichtlich, seinem neuem Mentor William Godwin zu, der ständig knapp bei Kasse ist. Dieser atheistisch und anarchistisch gestimmte Philosoph hat nämlich mit der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft eine Tochter gezeugt, die gleichfalls Mary heißt. Die Mutter stirbt 1797 mit 38 Jahren im Kindbett. In ihre Tochter Mary (oder deren attraktive Herkunft) verliebt sich Shelley heftig genug, um sie noch im Juli des Jahres 1814 gen Süden zu »entführen«, zunächst an den Genfer See. Dort treffen sie sich mit Lord Byron. Auch Mary ist, wie ihre Vorgängerin Harriet, mit 16 noch ein Kind, gleichwohl wird sie bald schwanger. Nach sechs Wochen sind die AusreißerInnen wieder in London. Wie sich versteht, erregt das unverheiratete Paar Anstoß. Auch Vater Godwin, der »Anarchist«, spielt den Entrüsteten und verlangt zudem, wie es hier und dort heißt, Geld von Shelley, damit ein Skandal vermieden werden könne. Das Liebespaar läßt sich außerhalb der Hauptstadt nieder.

Was ist nun mit Harriet? In finanzieller Hinsicht ist sie durch Zahlungen sowohl ihrer Eltern wie ihres Gatten keineswegs schlecht daran. Sie gibt ihre (und Shelleys) Kinder in Elizas Obhut und nimmt sich, nach Unterschlupf im Elternhaus, im Spätsommer unter dem Namen Harriet Smith eine eigene Wohnung. Obwohl sie in dem 36jährigem Leutnant Christopher Maxwell einen neuen Geliebten findet, von dem sie wahrscheinlich auch ein Kind erwartet, ist sie offensichtlich unglücklich. Eine Vermutung geht dahin, sie habe, weil ihre Vermieterin ihr dessen Briefe nicht aushändigte, irrtümlich geglaubt, nun habe sie auch der abkommandierte Maxwell sitzen gelassen. Andere Biografen verweisen auf Harriets (angeblichen) Abschiedsbrief an Eliza und Shelley, in dem sie sich als Quelle ständigen Ungemachs für ihre Mitmenschen bezeichnet, die Liebe zu Shelley beschwört, dessen Verschwinden beklagt – in dem sie ihm freilich auch ausdrücklich verzeihe und Glück wünsche. Jedenfalls wird Harriets schon arg verquollene Leiche am 10. Dezem-ber 1816 aus dem See Serpentine im Londoner Hyde Park gezogen, wie die Times zwei Tage später meldet. Offenbar geht jeder, und dies noch heute, von einem Selbstmord der 21jährigen aus. Das gilt eingeschränkt auch für die britische Krimiautorin Lynn Shepherd.* Zwar hält sie einen Mord nicht für ganz unwahrscheinlich, sei er von Godwin oder Harriets amtlichem Gatten persönlich bewerkstelligt worden. Doch den Selbstmord der schäbig Behandelten hält sie für wahrscheinlicher. Seltsamerweise sei Harriet schon vor ihrer Heirat von Selbstmord »besessen« gewesen. Durch den erwähnten Abschiedsbrief werde diese lebensmüde Verfassung nur unterstrichen. Shepherd bildet das handschriftliche Dokument sogar ab. Für sie folgte Harriet also ihrem Naturell.

Falls Shelley und seine (inzwischen geschwängerte) »Neue« Gewissensbisse haben, werden sie davon nicht lahmgelegt: Schon am 30. Dezember 1816, nur knapp drei Wochen nach der Bergung jener Wasserleiche, heiraten sie. Angeblich liegt der Grund für die pietätlose Eile in der Sorge um Shelleys Ansprüche auf seine beiden, bei Eliza »geparkten« Kinder. Aber auch Vater Godwin, der nun wieder mit seiner Tochter Mary redet, dürfte gedrängelt haben. Ab 1818 leben die Shelleys in Italien. Man trifft sich öfter mit Lord Byron, später auch John Keats. Der stirbt in Shelleys römischer Wohnung 1821 mit 25 Jahren den »typisch romantischen Tod«: Tuberkulose, auch Schwindsucht genannt. Ich kenne ein paar Gedichte des Kollegen, die man durchaus um ihr Pathos hätte abspecken können. Byron stirbt übrigens »erst« mit 36, drei Jahre darauf, in Griechenland. Keats' Leiche ist kaum erkaltet, da wird Shelley sowie seinen englischen Bekannten Edward Ellerker Williams (29) und Charles Vivian (18) im Juli 1822 eine gemeinsame Segeltour im Golf von La Spezia zum Verhängnis. Sturm kommt auf, Shelleys zu schmal besetzte Jacht Don Juan kentert oder leckt, je nach Quelle, und alle drei ertrinken. Von Shelley weiß man, er konnte nicht schwimmen. Er war zu diesem Zeitpunkt 29. Die von Byron getaufte Jacht hatte er allerdings in Ariel umbenannt – vielleicht, weil er schon wieder die eine oder andere Liebschaft (mit Kinderzeu-gung) hinter sich hatte, wie gemunkelt wird. Mary Shelley dagegen wird, als eine emsige Herausgeberin der Werke ihres Mannes und als bis heute umstrittene Schriftstel-lerin, »erst« mit 53 sterben, vermutlich an einem Gehirntumor.

Um die Angelegenheit nicht ganz so unübersichtlich zu gestalten, wie anscheinend Shelleys Liebesleben war, habe ich oben Marys Halbschwester Fanny Imlay unterschlagen. Sie war bereits einige Wochen vor Harriet gestorben – gleichfalls (wenn es stimmt) durch Selbstmord. Nachdem die 22jährige Anfang Oktober 1816 das Londoner Haus der Godwins verlassen hatte, brachte sie sich am 9. Oktober in einem Gasthaus in Swansea, Südwales, mit Hilfe einer Überdosis Laudanum um. Die Beweggründe für ihren Selbstmord sind genauso umstritten wie die Frage, ob sie »etwas mit Shelley gehabt« habe. Auch wenn nicht – oder gerade dann – wäre eine Verzweiflung darüber denkbar, daß er sich eben ihrer Halbschwester zugewandt hatte.

Wie noch erwähnenswert sein könnte, wird Shelleys Ende nur in den üblichen gemäßigten Versionen der Tragödie als »Schiffsunglück« oder »Segelunfall« ausgegeben, so im Brockhaus, Band 20 von 1993. In Wahrheit konnte auch dieser Todesfall nie wirklich aufgeklärt werden. Gründe (oder Mordmotive), die den angeblichen Unfall eher nach Verbrechen riechen lassen, deutet etwa die englischspra-chige Wikipedia an. Jedenfalls müssen sie weder in Shelleys Fall noch in dem Fall seiner ersten Ehefrau Harriet an den Haaren herbeigezogen werden. Nur führte das hier zu weit. Dafür noch ein Hinweis: man freut sich zu hören, schon Mark Twain, gestorben 1910, habe einen »brillanten« Essay mit dem Titel In Defense of Harriet Shelley verfaßt – aber war dieser »Satiriker« nicht doch ein arger Spießer?

* »This fatal catastrophe ...«, Blog-Beitrag von 2013/2020: https://lynnshepherdbooks.wordpress.com/2020/10/25/this-fatal-catastrophe-the-sad-life-and-strange-death-of-harriet-shelley/



Shim, Serena 29 (1985–2014), US-Journalistin libane-sischer Abstammung, zuletzt Kriegsberichterstatterin für den iranischen Auslandssender Press TV. Im Herbst ihres Todesjahrs hielt sich Shim für Reportagen nahe der syrischen Grenze in der Südtürkei auf. Am 17. Oktober teilte sie ihrem Fernsehsender mit, der türkische Geheimdienst beschuldige sie der Spionage. In der Tat hatte Shim unter anderem berichtet, in dieser Gegend würden IS-Kämpfer in Lastwagen mit NGO-Symbolen über die türkische Grenze nach Syrien geschmuggelt – sicherlich eine für die Türkei unangenehme Enthüllung. Am 19. Oktober gemeinsam mit ihrer noch jüngeren Kamerafrau Judy I. nach Kobane unterwegs, stieß Shims Leihwagen in Suruç mit einem schweren Fahrzeug zusammen. Im Ergebnis landeten beide Frauen im Krankenhaus, allerdings nicht im selbem.* Während I., die am Steuer saß, mit nicht lebensbedrohlichen Verletzungen davon kam, blieb ihrer 29jährigen Chefin nur der Tod.

Ob Shim sofort oder erst später im Krankenhaus von Sanliurfa starb (»Herzversagen«), ist so ungeklärt wie der Vorfall überhaupt. Wie sich versteht, war die türkische Seite bemüht, die Schuld der jungen Kamerafrau in die Schuhe zu schieben. Dabei scheint sie sich freilich in Widersprüche verwickelt zu haben. Und eine offizielle Untersuchung plus Verlautbarung soll die Türkei bislang schuldig geblieben sein.* Die andere Seite argwöhnt selbstverständlich den Anschlag, der hier auf der Hand liegt. Zu dieser Partei zählt auch Shims Schwester Fatmeh aus Michigan, USA, wie ich der größten Tageszeitung Detroits entnehme.** Shim, durchweg als selbstbewußt und tonangebend beschrieben, war im Raum Detroit aufgewachsen. Sie studierte in Beirut und wurde, als Berichterstatterin, der »Breadwinner« ihrer eigenen Familie. Ihr Ehemann Ibrihim blieb zu Hause, zuletzt offenbar in Detroit, und betreute die beiden gemeinsamen Kinder, Ali (4) und Ajmal (2). Somit seien die Kleinen an die Abwesenheit ihrer Mutter bereits gewöhnt gewesen, könnten ZynikerInnen sagen.

Es wäre natürlich interessant zu wissen, wie sich die Angelegenheit aus der Sicht der Augenzeugin I. darstellt – falls sie noch unter uns weilt. Im Herbst 2019 lebte sie immerhin noch, denn damals unterhielt sich der US-Journalist Mark Mondalek mit ihr.*** Die türkische Version, sie sei in einen Betonmischer gerast, wies sie zurück. Vielmehr sei sie von einem Sattelschlepper überholt worden, der ihr dann brutal den Weg abschnitt. Shims Mutter behauptet sogar, ihre Tochter sei (2012) einmal persönlich bei dem großem Steuermann der Türkei Erdogan angeeckt, auf einer Pressekonferenz. Er habe sie aus dem Saal werfen lassen. So oder so hat sich der große Steuermann des ganzen Planeten, genannt USA, bis heute nicht bemüßigt gefühlt, offiziell auf eine Untersuchung des Todes seiner Staatsbürgerin Serena Shim zu pochen.

* »Remembering Press TV's correspondent Serena Shim 6 years on«, Young Journalists Club (Iran), 19. Oktober 2020: https://www.yjc.news/en/news/48764/remembering-press-tv%E2%80%99s-correspondent-serena-shim-6-years-on
** Niraj Warikoo, »Journalist from metro Detroit dies in Turkey«, Detroit Free Press, 30. Oktober 2014: http://www.freep.com/story/news/obituary/2014/10/30/serena-shim-dies-turkey-syria/18213753/
*** »Serena Shim ...«, Who.What.Why (New York City), 21. Oktober 2019: https://whowhatwhy.org/2019/10/21/serena-shim-the-life-and-unexplained-death-of-a-syria-war-reporter/




Fortsetzung Sho—Stru
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