Samstag, 6. November 2021
LdF Folge Ro—Sched

Rodemeyer, Jamey 14 (1997–2011), US-Teenager und Mobbingopfer. Sein Tod schlug einige Wellen und rief breite Solidarität hervor. Jamey hatte sich in verschie-denen Internet-Foren offen zu seinen homosexuellen Neigungen bekannt, zudem gegen Mobbing ausgesprochen und selber um Beistand gebeten. Der frischgebackene Highschüler war schon seit Monaten von Mitschülern als dumm, dicklich, schwul und so weiter gehänselt worden. Nun wurde ihm erst recht von mehreren Seiten zugepostet, er sei lästig und überflüssig. Einer schrieb: »I wouldn't care if you died. No one would. So just do it. It would make everyone way more happier!« Und in der Tat, am 18. September 2011 erhängte sich Rodemeyer im Hinterhof seines Elternhauses bei Buffalo, New York. Der Washing-ton Post zufolge war er damit einer von rund 4.500 US-Bürgern zwischen 10 und 24 Jahren, die sich in einem Jahr (2008) umbringen. Die Neue Zürcher Zeitung spricht gerade* allgemeiner davon, unter den wohlhabenden Ländern hielten die USA in der Suizidrate die Spitze, und die Tendenz sei seit 20 Jahren steigend. Ich schließe daraus, das freiwillige Massensterben hat entweder etwas mit dem Wohlstand oder mit dessen ungünstiger Verteilung zu tun.

* David Signer (Chicago), »Warum Schwarze in den USA seltener Suizid begehen als Weisse«, 16. Februar 2021: https://www.nzz.ch/international/usa-warum-schwarze-seltener-suizid-begehen-als-weisse-ld.1596721



Rogers, Stan 33 (1949–83), kanadischer Folk-Music-Sänger. Am 2. Juni 1983 brach in einer Douglas-Linien-maschine von Dallas, Texas, nach Montreal, Québec, ein Brand aus, der sie zur Notlandung auf dem Flughafen Cincinnati im nördlichem Kentucky zwang. Am Boden brannte sie weiter. Todesopfer und Überlebende hielten sich genau die Waage, je 23. Rogers zählte zu den Toten. Das kurbelte immerhin seine (posthume) Platten-Produk-tion an, denn der 33jährige Gitarrist und Liedermacher mit der gleißenden Stirnglatze war kein Star gewesen. Aber verheiratet: die Witwe und Nachlaßverwalterin heißt Ariel. Seit 1997 gibt es in Canso, Nova Scotia, sogar ein jährliches Stan Rogers Folk Festival. 2014 wurde es allerdings wegen einer Hurrikan-Warnung abgesagt. 2020 kam ein noch verheerenderes Ereignis dazwischen, Sie wissen schon. Mal sehen, wie es weitergeht.

Die Burg-Waldeck-Festivals im Hunsrück, veranstaltet 1964–69, waren angeblich die ersten Freiluftkonzerte in Deutschland. In Fachkreisen gelten sie jedenfalls als Meilenstein des deutschsprachigen Liedermachertums. Dort weiß auch jeder, daß der antiautoritär gestimmte schwäbische Liederausgräber und -macher Peter Rohland (1933–66), kräftig in Gestalt und Bariton, zu ihren Mitgründern gehörte. In Westberlin hatte er sogar zeitweise Musik studiert. Eigentlich wollte sich der breitmundige Barde ohne Bart fest in Süddeutschland niederlassen, aber das ging dann leider nur im Sarg. Warum? Das dürfen Sie die Webseite der Peter Rohland Stiftung nicht fragen. Sie erklärt uns mit einem Aufsatz Helmut Königs von 1999: Im Januar 1966 erkrankte Rohland plötzlich, im April war er tot … In anderen Quellen herrscht die Formel vor, der 33jährige sei in der Freiburger Universitätsklinik »den Folgen einer akuten Gehirnblutung« erlegen. Aber wie kommt man zu so einer Gehirnblutung, bitteschön? Oder zu jener verschwom-menen »Erkrankung«? Eckard Holler meint 2007 in seiner Waldecker Rede zur Stiftungsgründung*, bei Rohland sei die Gehirnblutung »vermutlich durch Überarbeitung ausgelöst« worden. Jetzt wissen wir es ganz genau.

Wäre es möglicherweise denkbar, auch die Angst hätte eine Rolle gespielt? 1976 startete ich meine eigene Laufbahn als Liedermacher in einer Kreuzberger Pizzeria. Wie ich dieses »Debüt« überleben konnte, ist mir noch heute ein Rätsel. Meine Finger zitterten wie Espenlaub; mein schlackernder Gitarrenhals verpaßte den am Podest Stehenden beinahe Ohrfeigen; in meinen Roots-Gesundheitsschuhen standen Lachen der Schweißperlen, die mir am Körper hinabrollten; mein Atem flog erheblich schneller, als ich die Worte meiner selbstgefertigten Texte stammeln konnte – und so weiter. SchauspielerInnen oder Prüflinge kennen auch weiche Knie und Herzklopfen. Doch wer all diesen Aufgeregten »Angst« bescheinigen würde, zöge sich ihr empörtes Fauchen zu. Es ist höchstens Lampenfieber.

Auch die »Nervosität« und der wahrlich inflationär gehandelte »Streß« verharmlosen die Angst, wie ich glaube. Einen Menschen, der sich bewähren soll, plagt zumindest die Angst vorm Versagen. Da auch Nieren oder das Herz versagen können, liegt die Vermutung nahe, Kern jeder Angst sei Todesangst. Seelenärzte wie Freud und sein abtrünniger Zögling Jung, wie Wolfgang Schmidbauer oder H. E. Richter stimmen darin tatsächlich überein. Angst bewirkt das Gefühl, in die Enge getrieben zu werden, und an deren Ende winkt das Nichts.

Sollte sich Rohland tatsächlich »überarbeitet« haben, wäre zumindest die Frage berechtigt: warum tat er dies? – »Aus Geldnot«, ist die bequemste Lösung. Eher saß ihm doch irgendetwas im Nacken, das ihm Unruhe, Schuldgefühl, Getriebensein, bohrenden Ehrgeiz bescherte. Niemand wird Liedermacher oder sonst ein Künstler wie ein Freund der Bäume und Hölzer Schreiner wird. Alle KünstlerInnen sind eigentlich schon vom erstem frühem Probestück an Kandidaten für dieses Lexikon. Ausnahmen bestätigen die Regel, wie immer.

* http://archiv.folker.de/200704/11rohland.htm



Rolls, Charles 32 (1877–1910), britischer Unternehmer und Flugzeugpionier. Als Sprößling eines Barons mußte Rolls nicht mit Holzscheiten spielen. Er hatte sich schon als Dreikäsehoch für Motoren erwärmt. 1896, als Jüngling, reiste er nach Paris, um sein erstes Auto zu kaufen, einen Peugeot Phaeton – es war nach der Überführung der erste Pkw, der dauerhaft Cambridge unsicher machte, wo Rolls damals studierte. Acht Jahre später, 1904, eröffnete er in Manchester gemeinsam mit Frederik Henry Royce eine Fa-brik für edle Automobile, in denen noch viele Krönungen der Menschheit thronen, zum Teil auch erschossen, in die Luft gejagt oder schlicht nur zermalmt werden sollten: Rolls-Royce.

Erstaunlicherweise erlebte der buchstäblich große Rolls (er maß ungefähr 1,95) sein entscheidendes Coming Out nicht auf der Straße, vielmehr in der Luft. Er war nämlich zudem ein begeisterter Flugpionier. Als solchem hatte ihm der Royal Aero Club als zweitem Briten überhaupt eine Flug-lizenz erteilt. Dafür brachte er es am 12. Juli 1910 bei einem Präzisionsflugwettbewerb am Stadtrand von Bournemouth zum erstem Briten, der bei einem Flugzeug-unfall sein Leben verlor. Es mangelte ihm keineswegs an Erfahrung und Geschicklichkeit – so hatte er erst sechs Wochen vorher den Ärmelkanal mit einem Flugzeug ohne Stop zweimal überquert. Auch darin war er der Erste gewesen. Das Problem in Bournemouth war sein von den Gebrüdern Wright gebauter Doppeldecker, dem unversehens, in rund 15 Metern Flughöhe, ein Teil des Hecks wegbrach. Die Maschine stürzte ab; der 32jährige Industrielle starb auf der Stelle. Da breitete sich, nach dem Bericht der Londoner Times, »die Stille des Schreckens« über der vieltausendköpfigen Menge aus. Sie hielt nicht lange an. Sie ging nach Sekunden in das allgemeine Aufatmen darüber über, daß es wieder einmal einen anderen, nicht einen selber erwischt hatte.

Der Laie könnte sich fragen, warum der junge Rolls 1896 keinen Renault erworben hatte? Weil es noch keinen gab. Die Gebrüder Renault – Fernand, Louis und Marcel – hatten erst 1898 mit ihrer Fabrikation begonnen, in Billancourt. Bald darauf beteiligten sich die beiden Letztgenannten auch an Rennen, weil sie darin eine sinnvolle Werbemaßnahme für ihr Unternehmen sahen. Das Rennen Paris–Wien von 1902 gewannen sie sogar, obwohl sie mit einem deutlich unterlegenem Wagen angetreten waren. Doch ein Jahr darauf, am 24. Mai 1903, raste Marcel Renaults 40-PS-Wagen mit der Nummer 63, in dem neben ihm der Mechaniker René Vauthier hockte, beim Rennen Paris–Madrid nahe Poitiers in einer Staubwolke mit rund 100 Stundenkilometern vor einen Baum. Zwei Tage darauf erlag der 31jährige seinen schweren Verletzungen. Ob sein Beifahrer dasselbe Schicksal ereilte, ist ungeklärt. Im ganzen bissen bei diesem »event« acht Personen ins Gras. Die Behörden nahmen dies zum Anlaß, die Von-Stadt-zu-Stadt-Rennen zu verbieten. Nur die Automobilproduktion ging weiter.

Beim Ort Stresa westlich des Lago Maggiore, Norditalien, ist gerade die Gondel einer Seilbahn abgestürzt – 14 Tote. Der einzige Überlebende sei ein Fünfjähriger, meldet die Presse anderntags (Pfingstmontag, 24. Mai 2021). Der jüngste Tote soll ein zweijähriges Kind sein. Namen sind vorerst nicht zu haben. Die Gondel stürzte über 20 Meter auf einen bewaldeten Hang. Wahrscheinlich hatte sich ein Stützkabel gelöst, falls kein Anschlag vorliegt. Die Staats-anwaltschaft ermittelt. Liegt kein Anschlag vor, wird man mit Bedauern von Fahrlässigkeit sprechen. »An sich« sind Autos, Seilbahnen, Flugzeuge und Mittelstreckenraketen wunderbare Einrichtungen.

Lesen Sie im Anhang zur Entspannung zwei kurze Texte über die Phänomene »Emporismus« (A-46) und »Stehsarg« (A-47). Wir sprachen ja neulich schon über Behälter. Der »Stehsarg« wurde vor einigen Jahrzehnten vom Wiener Schlawiner Udo Proksch erfunden. Der Mann sorgte für eine Schiffsexplosion, bei der sechs Seeleute umkamen, deren Alter leider nirgends zu finden ist. Wahrscheinlich waren auch sie nicht sämtlich über 39.



Rolph, William Henry 35 (1847–83), deutscher Insektenkundler (Entomologe), geboren und gestorben in Berlin, dazwischen für drei oder vier Jahre Dozent an der Leipziger Universität. Sieht einer hübsche Schmetterlinge oder Käfer an Nadeln aufgespießt, ist noch lange kein Urteil über die Todesursache dieser Tierchen gesprochen. So ähnlich verhält es sich auch mit Rolph. Die Internet-Quellen über ihn sind noch dürrer als eine Stecknadel, und von seinem Tod (mit knapp 36) wissen sie gar nichts. Das Berliner Landesarchiv unterbreitet mir immerhin die am 2. August 1883 ausgestellte Sterbeurkunde, wonach der Anzeigende erklärte, er sei, falls ich die Schreibschrift und das astreine Deutsch richtig entziffere, »beim stattgefun-denen Sterbefalle: am 1. August zugegen« gewesen. Von daher darf man vielleicht eine tödliche Krankheit vermuten.

Während die Evolutionstheorie die Natur bis dahin als von Mangel und Konkurrenz bestimmt hielt, soll Rolph sie als Überfülle begriffen haben. Wie er zu seiner Gattin Joh. Mathilde A. Rolph stand (1850–1900), weiß womöglich kein Mensch. Waren Kinder vorhanden?

Zu den vielen Käferfreunden unter prominenten Schrift-stellern zählten die Gebrüder Jünger: Ernst und Friedrich Georg. Mein teils kräftig, teils wenig gespanntes Verhältnis zu diesen geht, bei Interesse (PDF), aus einem um 2010 verfaßtem ausführlichem Porträt mit dem Titel »Ein richtiger Dichter« hervor.



Ropel, Tobias Przemek 16 (1984–2001), Korbacher Schüler, erstochen. Von dem Foto auf der »Gedenkseite«, die Freunde eingerichtet haben, blickt uns ein hübscher Bursche etwas herausfordernd an – das hat auch Charme und läßt sich unmöglich mit einer Kriegserklärung verwechseln. Er ist 16 und geht noch auf die Korbacher Louis-Peter-Schule. Er denkt an irgendeine Lehre bei den hiesigen Gummiwerken, die von besagtem Louis Peter dereinst gegründet worden, später der Conti zugefallen sind. Er ist gesellig, stets für einen Scherz zu haben, sicherlich auch für einen Umtrunk, aber alles im harmlosem Rahmen.

Der Rahmen wird erst im Juli 2001 beim Korbacher Altstadtfest gesprengt. Da verlassen einige Jugendliche, unter ihnen Tobias, um Mitternacht das Festzelt auf dem Obermarkt, legen sich mit einigen Mitgliedern des Motorradclubs Bandidos an – oder umgekehrt. Alle sind mehr oder weniger angetrunken. Der Club hatte sich im Zelt bereits mit dem Wirt gestritten. Jetzt greift ein tätowierter 41jähriger mit Zopf den 16jährigen Schüler an, der ihn zuvor beschimpft haben soll, packt ihn am Kragen und sticht ihm ein Klappmesser in den Bauch. Die Messerklinge ist 10 Zentimeter lang. Tobias stirbt gegen Morgen im Krankenhaus. Die BürgerInnen, die beim Frühstück Radio hören, sind entsetzt. In ihrer Stadt! Richter Heinz-Volker Mütze wird dem Täter ein Jahr darauf einen »absolut nichtigen« Anlaß für das Ziehen seiner Waffe bescheinigen. Und selbstverständlich habe solch ein Messer nichts auf einem Sommerfest zu suchen. Immerhin, am Nachmittag stellt sich der zunächst geflüchtete Täter der Polizei. Er habe sich angegriffen gefühlt, aber keine Tötungsabsicht gehabt. Mütze nimmt ihm das schließlich ab, zumal die Frau des in Vöhl am Edersee wohnenden Täters vor dem Kasseler Landgericht versichert, er habe zu Hause voller Reue geweint. Seine Kleidung hatte sie, nach den Feststellungen der Kriminalpolizei, anderntags Bekannten gegeben – zum Verbrennen. Der Regionalpresse zufolge wurde der Angeklagte, der zuletzt als Aushilfe in einem Korbacher Tatoo-Studio gearbeitet hatte, im April 2002 wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge zu einer Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten verurteilt. Nach drei Jahren ist er wieder frei. Die Gedenkseite für sein Opfer steht noch im Internet.

Korbach, früher Hansestadt, ist die Hauptstadt des nordhessischen Landkreises Waldeck-Frankenberg. Im Schnitt kommen in diesem Landkreis jährlich ungefähr acht Menschen bei Straßenverkehrsunfällen um – mal junge, mal alte. Zugegeben, es waren schon einmal mehr.* Da die Autos auch und gerade im Waldeckschen, dank der Conti-Reifen beispielsweise, »sicherer« geworden sind, beläuft sich der Rest, nämlich an Nichttoten (um 200 Schwerverletzte bei jährlich rund 3.900 Verkehrsunfällen im Landkreis), inzwischen auf verkrüppelte, am Tropf hängende oder von Alpträumen heimgesuchte Beteiligte. Dieser Befund ist im Landkreis noch niemals Anlaß zu öffentlicher Bestürzung gewesen.

* »3.916 Unfälle im Kreis«, lokalo 24 / Eder-Diemel-Tipp (Kassel), 31. Mai 2020: https://www.lokalo24.de/lokales/waldeck-frankenberg/3916-unfaelle-waldeck-frankenberg-wild-vielfach-eine-gefahr-13781344.html



Rosemeyer, Bernd 28 (1909–38), Autorennfahrer. Bekanntlich war der deutsche Faschismus schon deshalb erträglich, wenn nicht gar segensreich, weil er die vielen Erwerbslosen, die sich der Kapitalismus (oft in Millionen-höhe) dauerhaft leistet, für immerhin ein Dutzend Jahre von der Straße holte – beispielsweise durch den Bau von Autobahnen. Auf ihnen konnte sich dann der Krieg unter den Volksgenossen, gegen die Natur und gegen Belgier oder Polen austoben – auf daß auch diese Barbaren »der Weltgeltung der deutschen Motoren- und Automobil-fabrikation« inne würden, von welcher Bernd Rosemeyer, so Adolf Hitler beim Quasi-Staatsbegräbnis des wieder einmal tragisch Verunglückten, »einer der allerbesten und mutigsten Pioniere« gewesen war.

Im Gegensatz zum Führer war er sogar blond. Der 1909 geborene Sohn eines emsländischen Kleinfabrikanten hatte sich schon früh für Technik und insbesondere Zweiräder begeistert. Ab 1930 Motorradrennfahrer auf NSU und DKW, sattelte er 1935 endgültig auf vier Räder um und wurde Werksfahrer bei Auto-Union in Chemnitz und Horch in Zwickau. Er fuhr neue, schwer zu beherrschende 16-Zylinder-Mittelmotorwagen, und zwar erfolgreich. Schon 1936 wurde er Europameister, wobei auch sein Teamgefährte Hans Stuck das Nachsehen hatte. Im selben Jahr heiratete Rosemeyer die bekannte Fliegerin Elly Beinhorn, wodurch die deutschen Blätter »flächen-deckend« in strahlendes Hochzeitslächeln getaucht waren. Doch zwei Jahre darauf verließ ihn das Glück. Am 28. Januar 1938 wird der 28jährige auf der vorübergehend gesperrten Reichsautobahn Frankfurt–Darmstadt beim Versuch, sich den Geschwindigkeitsrekord zurückzuholen (um 430 km/h), von einer Windböe erfaßt. Sein Audi Union Typ R (12-Zylinder-Motor mit 560 PS) überschlägt sich; Rosemeyer wird in ein nahes Kiefernwäldchen geschleudert und haucht sein Leben aus. Wiederholte Warnungen vor den Wetterverhältnissen, selbst von der Auto-Union-Rennleitung und seinem anwesendem Konkurrenten Rudolf Caracciola von Mercedes, hatte der blonde SS-Hauptsturmführer sozusagen in den Wind geschlagen.*

Angeblich besaß Rosemeyer den genannten Titel lediglich »ehrenhalber«, hatte also nie an Übungen in Polizei-schulen oder an Besuchen von jüdischen Kaufmannsläden teilgenommen. Rosemeyer wirkte unpolitisch – allein durch sein sportliches Vorbild. Zeitzeuge Victor Klemperer widmet dem »einprägsamstem und häufigstem Bild« des nazistischen Volksheldentums, nämlich dem mit Sturz-helm, Brillenmaske und dicken Handschuhen ver-mummtem Rennfahrer, im Eingangskapitel »Heroismus« seiner LTI (1947) eine ganze Seite, wobei er sowohl den »Todessturz« Rosemeyers wie das Erinnerungsbuch von dessen flugbesessenen Gattin Elly Beinhorn Mein Mann, der Rennfahrer hervorhebt. Dieses Werk, noch im Todesjahr 1938 auf den Markt geworfen, erlebt bis heute Neuauflagen. Klemperer schrieb, mit den »muskelbela-denen nackten oder in SA-Uniform steckenden Krieger-gestalten der Plakate und Denkmünzen« jener Jahre teilten die motorisierten Helden oder Heldinnen den »starren Blick, in dem sich vorwärtsgerichtete harte Entschlossenheit und Eroberungswille« ausdrückten.

Was Wunder, wenn dieser Blick, angesichts von ungefälscht um 10 Millionen deutschen Arbeitslosen, nach wie vor hoch im Kurs steht. Ein blühender Volkswagen-Zweig präsentierte der Welt 2000 die Designstudie eines Supersportwagens, der selbstverständlich Audi Rosemeyer getauft wird. Rosemeyers Heimatstadt Lingen hat zwar noch nicht ihren Bahnhof, aber schon einmal ihre Bahnhofsstraße geopfert, die seit geraumer Zeit Bernd-Rosemeyer-Straße heißt. Außerdem kann sie den MSC Bernd Rosemeyer vorweisen, der sich im Mai 2012 anschickte, »erneut den Mythos Bernd Rosemeyer aufleben zu lassen«, wie die lokalen Medien jubelten. Der Club richtete zu diesem Zwecke wieder ein Bernd Rosemeyer ADAC Oldtimer Treffen aus. Unter den Tausenden, die auf dem Marktplatz die rund 100 vorgeführten Edelkarossen bestaunten, befand sich auch der eigens aus München angereiste 74jährige Orthopäde und Sportmediziner Prof. Dr. med. Bernd Rosemeyer jun., »selbst begeisterter Oldtimerfan«. Elly Beinhorn, Jahrgang 1907, hatte ihn im November 1937 geboren. Sie wurde erstaunlicherweise 100 Jahre alt. Obwohl er seinen Vater nie kennenlernte, ist der Professor gleichermaßen auf beide Elternteile stolz, wie er 2014 dem ZDF erzählt. Sie seien besondere, idealistische, vorbildliche Menschen gewesen.** Er selbst hat zwei Söhne. Der eine davon, Manager bei Audi, heißt auch wieder Bernd.

* Ralf Klee und Broder-Jürgen Trede, »Rekordjagd in den Tod«, Spiegel, 25. Januar 2008: http://www.spiegel.de/einestages/bernd-rosemeyer-a-949062.html
** »Herzkino … / Interview mit Professor ...«, zdf.de, 30. März 2014: https://presseportal.zdf.de/pm/herzkino-elly-beinhorn-alleinflug/




Rosenberg, Ethel und Julius 37 (1915–53) / 35 (1918–53), US-Justizopfer. Ihr Fall erregte kaum weniger Aufsehen als der von >Sacco und Vanzetti, weltweite Proteste gegen das Todesurteil eingeschlossen. Julius Rosenberg galt als KP-Mitglied. Seine Frau Ethel hatte einen zeitweise in der Atomschmiede von Los Alamos beschäftigten und spionierenden Bruder, der das Ehepaar vor Gericht schwer belastete, um für sich selber Milde zu erwirken. Er wurde als »Kronzeuge« aufgebaut. 1953 landete das Ehepaar im New Yorker Staatsgefängnis Sing Sing auf dem elektrischem Stuhl, weil es angeblich entschieden dazu beigetragen hatte, das Geheimnis des US-Atomprogramms an die Sowjetunion zu verraten. Von der Frage der Strafwürdigkeit solchen »Verrats« einmal abgesehen, war der Vorwurf mindestens stark übertrieben. Heute, nach der Veröffentlichung verschiedener Geheim-dienstberichte und gesperrter Vernehmungsprotokolle und nach neuen Aussagen von wichtigen Zeitzeugen, wird kaum noch angezweifelt, daß die verheirateten angeblichen Top-Spione ein Opfer des bekannten antijüdischen und antikommunistischen Klimas der USA und der entsprechenden Willkür und Härte geworden waren. Nach einem Bericht der New York Times* räumte 1983 sogar Ex-Vizepräsident Richard Nixon ein, bei jüngster Kenntnis der Sachlage hätte sein damaliger Chef, Präsident Eisenhower, sicherlich »eine andere Sichtweise« eingenommen. Eisenhower hatte verkündet: »Dieser Verrat ist schlimmer als Mord.« Daraufhin sprach Richter Irving Kaufman das Todesurteil. Ethel und Julius Rosenberg waren 37 und 35 Jahre alt – ihre beiden Söhne Michael und Robert Meeropol, wie sie nach einer Adoption hießen, 10 und Sechs. Die Brüder ließen später nicht locker, die Herausgabe verschiedener Dokumente zu betreiben, und gründeten außerdem 1990 eine Stiftung, die sich just solcher Kinder annimmt, deren Eltern in die Mühlen der Justiz geraten sind.

* Sam Roberts, »Nixon Cited Missed Clues in Defense of a Rosenberg«, 13. September 2008: http://www.nytimes.com/2008/09/14/nyregion/14rosenberg.html?_r=0



Rott, Hans 25 (1858–84), österreichischer Komponist. Er zählte zu den Lieblingsschülern Anton Bruckners. Dagegen hieß sein August Ahlqvist – falls Sie sich noch an den Verreißer des Schriftstellers >Kivi erinnern – Johannes Brahms. Hugo Wolf soll Brahms, der 1880 Rotts Sinfonie in E-Dur kritisiert hatte, sogar »den Mörder Rotts« genannt haben. Dummerweise war die Kritik des Bruckner-Antipoden und Kuratoriumsmitgliedes Brahms mit der Nichtvergabe eines Staatsstipendiums verbunden. Die Sinfonie – später von Rotts Mitschüler Gustav Mahler als bahnbrechend gerühmt und heute, laut Uwe Harten (2005), oft gespielt – kam noch nicht einmal zur Aufführung. Daraufhin verließ der 22jährige Geschmähte Wien, um eine Stelle als Musikdirektor und Chorleiter in Mülhausen, Elsaß, anzutreten, aber auch daraus wurde nichts. Im Zug bedrohte Rott, dem sicherlich auch noch andere Enttäuschungen zusetzten, einen Mitreisenden, der sich eine Zigarre anzünden wollte, mit dem Revolver. Denn Brahms, so Rott zur Erklärung, habe den Zug mit Dynamit füllen lassen. Man beförderte Rott nach Wien zurück und steckte ihn, nach einem Klinikaufenthalt, in die Landesirrenanstalt. Das war dann die damals übliche Fahrkarte zum Friedhof.* Rott starb in seiner Klapsmühle, nach mehreren Selbstmordversuchen, im Sommer 1884 mit 25 – angeblich an Tuberkulose. Das war wenigstens eine »Todesursache«, die nicht aus dem Rahmen fiel.

* Eckhardt van den Hoogen 2002/2018 auf http://www.hans-rott.de/vdhd.htm



Roumain, Jacques 37 (1907–44), haitianischer Schriftsteller und Politiker, 1934 Mitgründer der KP, die bald verboten wurde. Der französischsprachige Mulatte aus wohlhabendem Gutshause war unter US-Besatzung aufgewachsen. 1934 zogen die fremden Truppen ab – die »Diplomaten« und die einheimischen Kaffee- und Zuckerbarone blieben. Als Roumain um 1937 in Brüssel und Paris ethnologische Forschungen betrieb, lag eine dreijährige Haft in Haiti hinter ihm. Dem heraufziehenden Weltkrieg weicht er in die USA aus. Ein Präsidenten-wechsel in Haiti ermöglicht ihm 1941 die Heimkehr. Jedoch: Gefängnis, Geldsorgen, Exil – dies alles holt ihn vermutlich mit den Krankheiten ein, die ihm nun zusetzen. Tabak und Alkohol tun das Ihre. Er stirbt 1944 als vielversprechender Autor und zweifacher Vater mit 37 in Port-au-Prince. Was aus Frau Nicole und Kindern wurde, ist mir nicht bekannt. Als Roumains Hauptwerk gilt der im Todesjahr posthum veröffentlichte und im folgendem vielübersetzte Roman Gouverneurs de la rosée, auf deutsch Herr über den Tau. Held des kunstvoll und bildreich komponierten Textes ist Zuckerrohrschneider Manuel, dessen in Kuba gesammelte gewerkschaftliche Erfahrungen sich zunächst nur schlecht mit den eingewurzelten Verfeindungen im haitianischem Dorfleben, der Anziehungskraft des Vodou-Kultes und der Willkür bestochener farbiger Beamter vertragen. Am Ende gelingt es der Gemeinschaft, dem Dorf die dringend benötigte Wasserquelle zu erschließen. Zum Preis des Gelingens zählt allerdings Manuels Tod. Übersetzerin der deutschen Erstausgabe von 1947 war Eva Klemperer, Dresden. Die Gefährtin des berühmten jüdisch-antifaschistischen Tagebuch-Schreibers und Romanisten Victor Klemperer kannte sich mit Verhältnissen, die kaum Raum zum Atmen lassen, bestens aus.



Rubel, Igor Georgijewitsch 29 (1933–63), sowjetischer Ingenieur und Schachspiel-Meister. Am 4. April 1963 wollte er aus mir unbekannten Gründen von Moskau nach Krasnojarsk in Sibirien fliegen. Aber seine Liniemaschine, eine Iljuschin, erlitt einen Triebwerkschaden. So ging sie in der Gegend von Kasan im Sturzflug auf einem verschnei-tem Acker nieder. 67 Tote, keine Überlebenden.



Rubzow, Nikolai Michailowitsch 35 (1936–71), sowjetischer Lyriker, ermordet? Die Großstadt Wologda liegt rund 400 Kilometer nordöstlich von Moskau am gleichnamigem Fluß. Es ist die Heimatstadt von Rubzow, der ein Meister des Verseschmiedens gewesen sein soll. An einem schlechtem Tag im Januar 1971 brach in seiner kleinen Wohnung ein Streit mit seiner Besucherin Ljudmila Derbina aus, wohl schon seit etlichen Jahren seine Geliebte und Gefährtin. Die gelernte Bibliothekarin war fünf Jahre jünger als der 35jährige Dichter. Sie erwürgte ihn. Das meinten jedenfalls die RichterInnen, die ihr acht Jahre Haft aufbrummten, die sie allerdings nicht restlos absitzen mußte. Soweit ich sehe, lebt sie inzwischen hochbetagt bei Sankt Petersburg. Leider ist kaum etwas über sie zu erfahren. Man denkt ja zunächst: die Frau muß Bücherstaplerin oder Preisringerin gewesen sein. Aber sie versuchte sich wohl ebenfalls schon als Dichterin. Den an-geblichen Mord hat sie stets abgestritten. Laut russischer Wikipedia wurden ihre wiederholten Rechtfertigungs-versuche 2000 vom Vizechef der Zeitung Zavtra widerlegt. Das Blatt gilt als »rechts«.

Über Rubzow weiß der Lexikonartikel etwas mehr. Danach war der Sohn eines Polit-Funktionärs unter anderem Seemann auf einem Zerstörer, Schlosser, Feuerwehrmann und Fabrikarbeiter gewesen – also wohl kaum von Hause aus ein zitterndes Steppengras. Aber wer weiß? Als Kind hatte er mit einem Bruder zeitweise in einem Waisenhaus gesteckt. Dann führte er offensichtlich das bewegte Leben eines Außenseiters, durfte jedoch um 1968 ein Literatur-institut besuchen und fand auch offizielle Anerkennung für seine Arbeiten. Vielleicht war er krank, als er sich schließlich auf Derbina einließ?

Dazu sagt der Artikel nichts. Er weiß nur, daß Rubzow zahlreiche Denkmäler bekam. Nach anderen Quellen ist er sogar im 1988 entdecktem Asteroiden 4286 Rubtsov verewigt. Im übrigem führt der Artikel eine Latte von Sekundär-Literatur an. Russische Kriminalkommissare im Ruhestand hätten da viel zu schmökern. Wahrscheinlich würden sie sich zuerst den Artikel »Niemand hat den Dichter Rubtsov getötet« vornehmen.* Sie könnten ihn sogar auf russisch lesen. Er stammt von 2001: der angebliche Mord ist gerade 30 Jahre alt.

Nach diesem Artikel haben Petersburger ForensikerInnen, wohl auf Betreiben von Derbina, befunden, Rubzow sei sozusagen von allein gestorben. Sie werfen dem Stadtge-richt von Wologda Fehler oder Voreingenommenheit vor. Es hatte damals auch Behauptungen / Mutmaßungen / Verleumdungen gegeben, Derbina sei vom KGB auf den Dichter angesetzt worden. Wie es jedenfalls aussieht, war der Dichter am verhängnisvollem Tage, wieder einmal, stockbetrunken. Es gab Streit. Ich glaube, es lag sogar eine Vergewaltigung in der Luft – falls Rubzow dazu noch in der Lage gewesen wäre. Als er tot war, stellte sich Derbina der Polizei. Ihrer Darstellung, Rubzow sei im Handge-menge unglücklich gefallen und gleichsam unter ihr erstickt, schenkten die RichterInnen keinen Glauben.

Die Petersburger Experten betonen, Rubzow sei nach-weislich bereits herzkrank gewesen. Zeugen bestätigen, er habe stets Validol in der Tasche gehabt. Nach Derbina hatte er erst wenige Tage vor dem Streit einen Herzinfarkt, den er mit Pillen bekämpfte, statt in die Klinik zu gehen. Nun halten die Experten den damaligen Gerichtsärzten vor, der Tote habe keineswegs die typischen Symptome mechanischer Einwirkung (Erwürgen) aufgewiesen. Man hätte das unbedingt beachten müssen. Die Experten glauben, im Verein mit seinem chronischem Alkoholismus sei Rubzow in der ganzen Aufregung dem nächstem Herzinfarkt erlegen. Der Autor des Artikels, angeblich gleichfalls Schriftsteller, fügt die Vermutung an, im Grunde habe es Rubzow, wie so manche KünstlerInnen vor ihm, auf seinen Tod angelegt. Er würde also eher vom Selbstmord des Dichters sprechen.

* Andrej Romanov in der Komsomolskaja Pravda (Moskau) vom 19. Juni 2001: https://web.archive.org/web/20090426042450/http://www.opohmel.ru/anews/an40.asp



Ruete, Rudolph Heinrich 31 (1839–70), Kaufmann in Hamburg und Afrika. Die märchenträchtige Inselgruppe Sansibar, auch Gewürzinseln genannt, liegt rund 30 Kilometer von der ostafrikanischen Küste entfernt im Indischen Ozean. Im Jahresmittel herrschen hier 26,5 Grad. Obwohl ein tropisches Klima nicht jedermanns Sache ist, pflegt bereits der bloße Name Sansibar jede europäische Nase zu umschmeicheln, scheint er doch den Duft von Nelken und Zimt, Kokospalmen und eingeölter brauner Mädchen- oder Knabenhaut, weniger dagegen von Sklavenschweiß zu verströmen. Sansibar-Stadt wuchs während der Herrschaft des Sultans Majid bin Said, 1856–70, von ungefähr 25.000 auf rund 50.000 EinwohnerInnen an. Die Blüte verdankte sich nicht unerheblich Sansibars Sklavenmarkt, der als die größte Einrichtung dieser Art in ganz Afrika galt. Hier verdiente sich die arabische Oberschicht der Inselgruppe und der gesamten Küste Ostafrikas eine goldene Nase, obwohl sich in Übersee bereits die Beschränkungen der Sklaverei mehrten. Der Sultan erfreute sich guter politökonomischer Beziehungen zu den westlichen Großmächten, voran Großbritannien und Frankreich, ohne einstweilen die Unabhängigkeit seines Sultanats zu gefährden.

Die erwähnten Düfte hatten auch den blutjungen Hamburger Lehrersohn Rudolph Heinrich Ruete gekitzelt, geboren 1839. Das Unglück sollte ihn erst ereilen, nachdem er als erfolgreicher Kauf- und Ehemann in seine Heimat zurückgekehrt war. Ab 1855 zunächst Vertreter des hanseatischen Handelshauses Hansing & Co. in Aden (heute zum Jemen), ging er einige Jahre später nach Sansibar, um das Unternehmen Ruete & Co. zu gründen und zu leiten. Geschäftsgegenstand waren Reederei, Bankgeschäfte, Gewürzhandel. Günstigerweise schmiegte sich Ruetes Firmengebäude in Sansibar-Stadt an eine Villa, die zum Sultan-Palast zählte. Sie barg als kostbarste Nelke die Prinzessin Sayyida Salme, Tochter des vorangegan-genen Sultans und einer Nebenfrau namens Gülfidan, die jener aus dem Kaukasus bezogen hatte. Salme war 1844 geboren worden. Im ganzen hatten dem 1856 verstorbenen Sultan 75 Gemahlinnen zur Verfügung gestanden.*

Kurz und gut, um 1865 verfielen Ruete und die Prinzessin einander und schmiedeten Zukunftspläne, die der heiklen Lage Rechnung zu tragen hatten. Schon die Liebe zwischen einem christlichem Kaufmann und einer mohammeda-nischen Prinzessin fiel ja deutlich aus dem Rahmen. Zu allem Unglück wurde Salme auch noch schwanger. Andererseits hatte sie schon als Jugendliche Reiten und Schießen gelernt. So floh sie am 24. August 1866 mit Hilfe von Mrs Emily Seward, der Gattin des britischen Konsuls, an Bord des Kriegsschiffes Highflier nach Aden, wo sie ihren Geliebten erwarten wollte. Die Alternative wäre wahrscheinlich Salmes Steinigung gewesen. Zwar führte diese Flucht zu einigen diplomatischen Verwicklungen zwischen dem Sultanat Sansibar, Großbritannien und Deutschland, aber auch zur Hochzeit der beiden Verliebten (30. Mai 1867). Sie schifften sich bald darauf nach Hamburg ein, wo sie gebührend bestaunt wurden. Schließlich ging damals gerade eine wahre Woge der Orient-Begeisterung durch Europa, die dem Paar zugutekam. Allerdings traf es ohne Säugling Heinrich in Hamburg ein, der auf der Überfahrt oder schon vorher gestorben war.

An der Elbe setzt Ruete seine Tätigkeit als Kaufmann fort. Davon sind mir keine Einzelheiten bekannt. Dafür weiß ich, daß Salme, nach ihrer unumgänglichen Taufe Emily Ruete mit bürgerlichem Namen, durch die Flucht beträchtliche Besitztümer und zudem das Wohlwollen ihres Halbbruders Bargash verloren hat, der von 1870 bis 1888 auf dem Sultanthron sitzt. Die junge Familie wohnt in Hamburg-Ulenhorst an der Schönen Aussicht, Hausnummer 29. Sie erweitert sich binnen kurzer Zeit um drei Kinder. Am 6. August 1870 jedoch, kaum in der Heimat wieder Fuß gefaßt, stolpert der 31jährige Gewürzhändler just auf Ulenhorst beim Versuch, eine noch fahrende Pferdebahn zu verlassen. Angeblich wird er anschließend überrollt – ob von einem anderen Fahrzeug oder der Pferdebahn selber, bleibt in den spärlichen Quellen offen. Jedenfalls erlag Ruete sechs Tage später seinen Verletzungen. Das Märchen war aus.

Da ihr die deutschen Behörden aus undurchsichtigen Gründen das Erbe ihres Mannes verweigern, bestreitet die verwitwete Prinzessin Salme alias Emily Ruete den Lebensunterhalt für sich und die Kinder mit Unterricht in Arabisch. Zudem veröffentlicht sie 1886 unter dem Titel Memoiren einer arabischen Prinzessin ein Buch, das sogar ein beachtliches Echo findet.** Später folgen (fingierte) Briefe nach der Heimat und ein Buch über Syrien. 2010 brachte Nicole C. Vosseler ihren Salme-Roman Sterne über Sansibar in dem für seine hochkarätige Literatur bekannten Verlag Bastei-Lübbe unter. Obwohl die Prinzessin bei Reisen nach Sansibar von Reichskanzler Fürst von Bismarck persönlich vor dessen diplomatischen Kolonialkarren gespannt wird, gelingt es ihr nicht, den Halbbruder zur Herausgabe ihrer Liegenschaften oder wenigstens einiger Araberpferde zu bewegen. Bargash empfängt sie noch nicht einmal. Erst 1922, nach dem Tod sämtlicher Halbgeschwister, gewährt ihr Neffe Khalifa bin Bargash, als nun amtierender Sultan, eine kleine Rente. 1888 war sie zum letzten Mal in ihre Heimat gekommen. Vor ihrer Rückreise nach Deutschland füllte sie einen kleinen Beutel mit weißem Sand vom heimatlichem Strand. Diesen Beutel pflegt sie stets mit sich zu führen. Für rund 20 Jahre lebt sie in Beirut, wo Sohn Rudolph als Diplomat tätig ist. Seit 1917 erneut in Deutschland, kommt sie 1920 im Hause ihrer Tochter Rosalie in Jena unter. Als sie dort 1924, beinahe 80, an einer doppelseitigen Lungenentzündung stirbt, wird der kostbare Sand aus Sansibar in ihrer Urne mitverstaut. Ihre Kinder dürfen die Urne im Familiengrab der Ruetes in Hamburg-Ohlsdorf beisetzen.

Obwohl Emily Ruete alias Sayyida Salme mehr als viermal so alt wurde wie des Fürsten Pücklers Gespielin >Machbuba (die er in Ägypten gestohlen hatte), litt sie ähnlich stark an ihrer Entwurzelung, zumal sie auf den Trost ihres Mannes zu verzichten hatte. In ihren Memoiren hatte sie von einer unbeschwerten und bunten Kindheit gesprochen und dadurch, wie anzunehmen ist, in so manchem Hamburger oder Dresdener Hinterhof für glänzende, vielleicht auch ungläubige Augen gesorgt. Ihre Grabinschrift wurde von Theodor Fontanes Ballade Archibald Douglas entliehen: »Der ist in tiefster Seele treu, / wer die Heimat liebt wie du.« Über diese Tugend kann man geteilter Meinung sein.

Werfen wir noch einen Blick auf Pferdebahnen, die für Zeitgenossen des Skateboards oder des Quads sicherlich exotischen Rang haben. Die Hamburger rotlackierten doppelstöckigen Wagen boten jeweils rund 50 Personen Platz. Dennoch konnten sie in der Regel von nur zwei Pferden ohne Schinderei gezogen werden, weil der Rollwiderstand dank der Schienen, in der sie liefen, vergleichsweise gering war. Wie in der Rubrik »Zeitge-schichten« von Spiegel online zu erfahren ist, hatte die erste Pferdestraßenbahn Deutschlands ihren Betrieb am 22. Juni 1865 in Berlin aufgenommen. Die Hansestadt Hamburg sei ein Jahr darauf mit einer Linie zwischen dem Rathausmarkt und der Zollgrenze in Wandsbek gefolgt. »1877 war jedoch der Unterhalt der für den Betrieb notwendigen 383 Pferde zu aufwendig und zu teuer«; die ganze Straßenbahn wurde auf Dampfkraftantrieb umgestellt. Wie nicht anders zu erwarten, schrieb der Spiegel diese übliche volkswirtschaftsblinde Apologie des Fortschritts bedenkenlos aus den einschlägigen Museums-broschüren ab. Sie hat lediglich den Betriebsgewinn im Auge. Der Aufwand, den Volkswirtschaft, Volksgesundheit und Volksmoral mit der Gewinnung von Stahl, der Fabrikation von Dampfmaschinen und der Beseitigung gewaltiger ökologischer Schäden haben, fällt unter den Tisch des Prokuristen der Straßenbahnbetriebe. Übrigens drängt diese Fabrikation »sachnotwendig« nach Automobilen und Panzern, Kampfflugzeugen und Kernkraftwerken. Da dies alles inzwischen durchweg von Automaten erledigt wird, können die überflüssigen Arbeitskräfte nach Afghanistan, Mali, Jemen oder in die hiesigen »Impfzentren« geschickt werden.

Wahrscheinlich gäbe es heutzutage allein in Wandsbek mehr als 383 Hartz-IV-BezieherInnen, die sich, falls eine allgemeine altersunabhängige Volksrente von 1.000 Euro eingeführt würde, trotzdem liebend gern der Pflege von Zugpferden und dem Betrieb von Pferdebahnen widmen würden. In egalitär gestimmten Gemeinschaften entfiele sogar das Geld und der zu dessen Herstellung, Bewachung und Verwaltung erforderliche Riesenaufwand. Ihre erste Tat wäre es allerdings, Haupt- und Hansestädte aufzulösen. Sie würden die Welt wieder überschaubar machen. Und mehr noch: da mit der Jagd nach Profit, Rang und Ruhm auch die Eile und der Leichtsinn entfielen, wäre Rudolph Heinrich Ruete, hätte es diese egalitäre Gesellschaftsverfassung schon zu seiner Zeit gegeben, sehr wahrscheinlich beträchtlich älter als 31 geworden.

Zu den Sultanen, die sich Salmes Bitten gegenüber stur stellten, zählte ihr Halbbruder Khalîfa ibn Saîd, gestorben 1890 mit ungefähr 38 Jahren. Dabei wäre er ihr sogar etwas schuldig gewesen, hatte sie ihn doch dereinst nach einer (angeblichen) Palastintrige aus dem Gefängnis losgeeist, in dem er immerhin schon drei Jahre hatte schmoren müssen. Dafür zeigte er sich als Sultan der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft gegenüber durchaus freigiebig, denn er verpachtete ihr die Häfen und Zolleinnahmen der gesamten Küstenzone. Die eine Freundschaft hört beim Geld auf, die andere beginnt mit ihm.

* Irene Mayer-List, »Mit 75 Nebenfrauen«, Zeit, 3. November 1989: http://www.zeit.de/1989/45/mit-75-nebenfrauen
** Axel Tiedemann, »Die verbotene Liebe der Sansibar-Prinzessin«, Hamburger Abendblatt, 28. Februar 2009: http://www.abendblatt.de/kultur-live/article106756511/Die-verbotene-Liebe-der-Sansibar-Prinzessin.html




Rüggeberg, Timo 21 (1989–2011), Bonner Schauspieler, als knapp 22jähriger – um die Webseite rolltreppe-derfilm zu zitieren – »von uns gegangen«. Wo und wie, wird nirgends gesagt. In dem von Schülern gedrehtem Film Rolltreppe abwärts (2005) hatte Rüggeberg die Haupt-rolle des Jochen gespielt. Er trat anschließend auch schon im Fernsehen und auf Bonner Bühnen auf. Im englischem Stück Beautiful Thing ging es (ab 2008) um ein schwules junges Paar.* 2010 nahm Rüggeberg ein Studium der Theaterwissenschaft in Berlin auf. Wie es aussieht, hatte er dort einen festen Geliebten. Streng genommen, beruht meine Mitteilung, er habe sich ein Jahr darauf umge-bracht, lediglich auf »Gerüchten«, die beispielsweise durch verschiedene Internet-Foren geistern. Eine Bonner Bühne erklärte sich bereit, meine Bitte um Auskünfte an einen nahen Angehörigen weiterzuleiten; der scheint jedoch mit den Gerüchten leben zu wollen.

* »Liebe zwischen Jungen«, WAZ, 25. Januar 2009: http://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-lennestadt-und-kirchhundem/liebe-zwischen-jungen-beautiful-id740673.html



Rühl, August 35 (1815–50), kurhessischer Tabak-fabrikant und liberaler Politiker. In den revolutionären Märztagen des Jahres 1848 war er zum Oberbürgermeister von Hanau (bei Frankfurt) gewählt worden. Zwei Jahre darauf zur Kur, vielleicht auch nur zur Sommerfrische bei Verwandten im waldeckischem Bad Arolsen, erlitt der erst 35jährige Vater mehrerer Kinder ebendort einen etwas rätselhaften tödlichen Reitunfall. In diesem buchstäb-lichem »Fall« sind Einzelheiten durch einen Brief bekannt, den Adolf Schreiber, ein in Arolsen ansässiger Schwager von Rühls Gattin Natalie, am 20. Juli 1850, kurz nach dem Unglück, an den Hanauer Obergerichtsanwalt Adolph Manns richtete.*

Danach hatte ein Grüppchen von Verwandten einen Ausritt zu einem »Vergnügungsort« geplant. Natalie Rühl war nicht anwesend. Ihr Gatte, offenbar leidenschaftlicher, keineswegs unerfahrener Gelegenheitsreiter, bestand darauf zu reiten. Schreiber gab ihm ein bekanntermaßen verläßliches, »frommes« Pferd, wie er sich ausdrückt, und überzeugte sich, daß alles in Ordnung war: Sattelgurt, Zaumzeug und dergleichen. Während Schreiber und weitere Herren und Damen eine Kutsche bestiegen, galoppierte der begierige Rühl schon auf der Allee Richtung Helsen voraus, womit er dem Gaul auch das »Wagengerassel« ersparen wollte. Doch wenige Minuten darauf und schon nach der ersten Alleebiegung erblickten die Wageninsassen den abgeworfenen (oder abgesprun-genen) Reiter rücklings ausgestreckt im Straßengraben, während das Pferd wohl weiter brav der Allee gefolgt war. Die Spuren, sagt Schreiber, deuteten auch kein Scheuen des Pferdes an. Zudem habe Forstmeister Von Stock-hausen später berichtet, er habe Rühl in »normalem Galopp« vorbeireiten gesehen. Doch jetzt war er bewußt-los. Verletzungen konnten die sofort alarmierten Ärzte nicht entdecken.

Alle hilfreich gedachten Maßnahmen griffen leider daneben. Wenn Schreiber hier »Aderlaß, Blutegel, Eisumschläge« nennt, könnte man sich geradezu fürchten. Wer weiß, ob die Heiler das Ableben Rühls nicht noch befördert hatten – nach Gerd Reuther bis heute kein seltener Fall. Noch am Unfalltag mußten sie Rühls Tod feststellen. Laut Schreiber hielten sie eine »Blutergießung im Innern des Gehirns« für wahrscheinlich, wobei ein solcher Hirnschlag bereits für Rühls Sturz vom Pferd gesorgt haben konnte. Augenzeugen des Unglücks gab es anscheinend nicht.

* aufbewahrt im Stadtarchiv Hanau, Bestand K 16 Rühl



Runge, Philipp Otto 33 (1777–1810), bekannter roman-tischer Maler, zuletzt in Hamburg. Der Kaufmannsohn aus Wolgast, Pommern, war schon im Knabenalter an Tuberkulose erkrankt, setzte aber seinen Wunsch Maler zu werden gegen manche Widerstände durch. Aufsehen erregte er erst 100 Jahre später. Über die Kunstakademien von Hamburg und Kopenhagen kam er nach Dresden, wo er unter anderem Caspar David Friedrich und Ludwig Tieck kennenlernte. »Die innere brennende Sehnsucht ist der Quell, woraus alle meine Kraft, alles, was ich hervorbringe, entsteht, ohne diese Sehnsucht bin ich nichts als ein unbesaitetes Instrument«, schreibt der 25jährige 1802 an seinen Jugendfreund Enoch Richter. Doch er verstand diesen Quell mit unermüdlichem Fleiß zu verbinden, wie zahlreiche noch erhaltene Studien bezeugen. In Weimar traf er Goethe, mit dem er später brieflich über die Farbenlehre fachsimpelte. 1804 heiratete er mit Pauline Bassenge die Tochter eines Dresdener Handschuhfabrikanten. Das Paar ließ sich jedoch in Hamburg nieder. Sein viertes Kind wurde am 3. Dezember 1810 geboren – einen Tag, nachdem der 33jährige Runge gestorben war. Was Wunder, wenn »die Öffentlichkeit« mit dem Frühverstorbenem, der eigentlich ein sehr vielseitiger Künstler war, in erster Linie das 1805/06 entstandene Ölgemälde Die Hülsenbeckschen Kinder verbindet, in die man am liebsten hineinbeißen möchte, weil sie, von Sonnenblumen beschirmt, so goldig aussehen. Seine stärksten Arbeiten sind aber wahrscheinlich seine Selbstporträts, denen kein Gramm von Verniedlichung anhaftet.



Russo, Marta 22 (1975–97), italienische Jurastudentin, Mordopfer. Der Aufsehen erregende Fall, bis heute nicht zufriedenstellend geklärt, ging und geht oft als »das perfekte Verbrechen« oder »das makabere Experiment« durch die Medien. Russo schritt am 9. Mai 1997 gegen Mittag in Begleitung einer Freundin über den Hof ihrer juristischen Fakultät in Rom. Plötzlich brach die sportliche Blondine (Florettfechterin) zusammen – von einer Kugel hinter dem linkem Ohr getroffen. Nach einigen Tagen im Krankenhaus war sie tot.

Die Polizei suchte zunächst vergeblich nach Leuten, die ein Mordmotiv gehabt hätten. Vom Einschußwinkel her kam der Schuß aus einem Gebäude, in dem die jungen Assistenten Giovanni Scattone und Salvatore Ferraro, beide um 30, Seminare über »Rechtsphilosophie« abhielten. Sie gerieten in Verdacht. Studenten behaup-teten, Scattone sei in seine These Es ist unmöglich, einen Mord aufzuklären, wenn der Täter kein Motiv hat und wenn die Tatwaffe nie gefunden wird geradezu vernarrt gewesen. Beide Assistenten galten als gutaussehend, etwas eingebildet, ausgesprochen ehrgeizig. Schließlich sagte eine Sekretärin aus, sie habe Scattone zur Tatzeit mit einer Pistole hantieren gesehen. Beim Wehrdienst hatte er sich den Ruf eines guten Schützen erworben.

Die verdächtigen Freunde beteuerten von Anfang an ihre Unschuld. Dabei blieben sie auch. In der Tat, die Mordwaffe tauchte nie auf, und ein übliches Motiv war unersichtlich. Beide kannten das Opfer nachweislich gar nicht. Russo hatte einen festen Freund. Im akademischem Personal stießen die ErmittlerInnen auf Widerstand. Die Sekretärin verwickelte sich in Widersprüche. Viele BeobachterInnen argwöhnten Deckung der Täter, sogar durch die Mafia. Aber umgekehrt wurden auch den ErmittlerInnen Unsauberkeiten vorgeworfen. Selbst Regierungschef Silvio Berlusconi ergriff die Partei der Angeklagten. Das Land war in Anhänger und Gegner der Verdächtigen beziehungsweise Angeklagten gespalten. Die Medien rissen sich um Interviews. Irgendwann räumte sogar ein Richter ein, der Prozeß sei der Staatsanwaltschaft aus der Hand geglitten. Wohl deshalb gab es, nach mehreren Instanzen, eine Art Kompromiß: Die Assistenten bekommen 2003 allein aufgrund von Indizien wegen »Fahrlässiger Tötung« lediglich um fünf Jahre Haft. Die Fahrlässigkeit bestand darin, einen öffentlichen Platz als Schießscheibe zu wählen. Offenbar konnte oder sollte ein Vorsatz der mutmaßlichen Täter nicht nachgewiesen werden. 2011 wurde ihnen zivilrechtlich zusätzlich eine Entschädigungszahlung von einer Million Euro auferlegt.

Russos Mutter ist nach wie vor davon überzeugt, Scattone habe »nur zum Spaß« getötet.* So äußerte sie sich 2015 verbittert vor der Presse, als man den längst entlassenen Juristen in den Schuldienst nehmen wollte. Allerdings könnte es auch insofern ein merkwürdiger Spaß gewesen sein, als er ausgerechnet – und nicht etwa zufällig – Frauen traf. Die eine Frau wurde erschossen, die andere, vermutlich, nachhaltig verstört. Über diesen Blickwinkel lese ich so gut wie nichts. Das Schicksal von Iolanda Ricci, der Freundin, ist allen Quellen kein Komma wert. Man erfährt noch nicht einmal ihr Alter. Wer den abgründigen Zug des Falls unterstreichen wollte, könnte mutmaßen, neben dem Schock und der Trauer habe Ricci die Kränkung zu verdauen, vom Schützen verschmäht worden zu sein.

2001, während des Prozesses, verheiratete sich Scattone mit der Autorin G., die von seiner Unschuld überzeugt war. Jetzt ist er selber als Autor tätig. Er soll Aufsätze und Übersetzungen verfassen. In einem Spiegel-Bericht von Fiona Ehlers über seine endgültige Verurteilung (Nr. 51/2003) macht die Bemerkung stutzend: »Auch bei Scattone wurden sie fündig: In schöner, ordentlicher Handschrift hatte der die Namen von Mädchen aufgelistet, dazu die genaue Beschreibung ihrer Unterwäsche.« Aber diese Beobachtung bleibt in den Bezügen verschwommen und wird nicht weiter vertieft.

* Constanze Reuscher (Rom), »Die Angst, dass dein Psychologielehrer ein Mörder ist«, Welt, 10. September 2015: https://www.welt.de/vermischtes/article146236109/Die-Angst-dass-dein-Psychologielehrer-ein-Moerder-ist.html



S., Baptist, Handlungsgehilfe der Eisenhütte in Neunkir-chen/Saar um 1870. Ich nehme stark an, seine Geschichte ist nur dank Bernt Engelmann* auf uns gekommen, der sie wiederum einer zeitgenössischen »katholischen Kirchen-zeitung des Bistum Triers« entnommen hat. Es gehe dabei um die Folgen, die die bloße Lektüre von nur einem Marx-Artikel für einen jungen Mann »aus gutem Hause, einzigen Sohn und Ernährer der Stellmacherswitwe S.«, nach sich gezogen habe. Wahrscheinlich trug sich die Geschichte um 1870 zu, demnach vor dem Erlaß des berüchtigten Sozialistengesetzes, das die Lage solcher Irregeleiteter noch verschärfte.

Von einer Familienfeier in Luxemburg per Eisenbahn nach seinem Heimatort Neunkirchen/Saar unterwegs, wird Baptist von einem ihm unbekanntem »besserem Herren« gebeten, ein Paket mitzunehmen, das dort von dessen Nichte am Bahnhof erwartet werde. Baptist willigt ein und muß, ob aus Fahrlässigkeit oder Neugier, während der Weiterfahrt entdecken: das Paket enthält ketzerisches Schrifttum, nämlich einen Stoß des Blattes Social-Demokrat (das 1872 seinen Titel änderte). So läßt er das Paket lieber im Abteil liegen, wenn es sich der Handlungs-gehilfe aus dem Kontor der Stumm'schen Eisenwerke auch nicht verkneifen kann, ein Exemplar zu entwenden und kurz darauf »in einer dunklen Ecke« eines Neunkircher Gasthauses zu studieren, wobei er sich in einem Beitrag des schon damals »bekannten Revolutionärs Dr. Karl Marx« verfängt. Doch dabei ertappt ihn ein aufmerksamer Postbeamte, der sich gerade seinen sonntäglichen Frühschoppen hinter den Stehkragen gießt. Als ihm der von Angst geschüttelte Baptist 20 Mark Schweigegeld anbietet, geht der brave Beamte zum Schein darauf ein, am nächsten Morgen jedoch zur Polizei. So gerät Baptist in die Mühlen von Staat und Kapital. In der Eisenhütte wird er noch am selbem Tage fristlos entlassen, vor dem Werkstor aber von kaiserlich-bismarckschen Pickelhäubigen verhaftet – wegen Verbreitung staatsgefährdender Schriften, versuchter Beamtenbestechung, Verdachts auf Unterschlagung und Geheimbündelei. Was die Personalabteilung der Hütte sofort unterschlägt, ist Baptists Lohn für den ganzen, fast vollendeten Monat. Zudem muß er beim Verhör auf der Wache erfahren, seine Mutter sei noch am selbem Tage aus ihrer gemeinsam benutzten Werkswohnung geworfen worden. Darauf erhängt sich der Sohn des nachts in seiner Zelle. Damit verging er sich, nach seinem Frevel an der Ordnung des kaiserlichen Klassenstaates, auch noch an Gott, wie das Kirchenblatt aus Marxens Geburtsstadt meinte – und auch das lastete es dem von Baptist inhaliertem sozialistischem Gedankengut an.

Nicht ganz ohne Beistand der Hüttenwerksindustrie, wie man zugeben muß, legte sich Neunkirchen, damals offiziell noch keine Stadt, ab 1907 ein Straßenbahnnetz zu. Prunkstück wurde eine Teilstrecke am Hüttenberg: mit 11 Prozent Steigung die steilste Straßenbahnstrecke in Deutschland. Rund 70 Jahre später forderte jedoch die Gummi-, Öl- und Verbrennungsmotorenindustrie ihr Recht: Umstellung auf Omnibusbetrieb. Das Neunkircher Eisenwerk war in der Senke am Fuß des Hüttenbergs angelegt und im März 1806 vom steinreichem Eisenmagnaten-Clan Stumm übernommen worden. Die Gebrüder Stumm steigerten die Belegschaft bis 1890 von rund 200 auf rund 6.000 Beschäftigte und verwandelten das Unternehmen in der Senke in eine Säule deutscher Stahl- und Rüstungsproduktion. Um 1960, nach zwei einträglichen Weltkriegen, zählte die Belegschaft um 9.000 Köpfe. In den folgenden zwei Jahrzehnten auf 1.900 geschrumpft, wurde die Hütte 1982 geschlossen. Der einzige, der aufatmete, war der Himmel über den Hoch-öfen und der gesamten Senke. Heute floriert das Gelände als Einkaufsparadies und »Erlebnispark«. Ähnlich wie die Hütte machten übrigens auch die an Marx, Stalin oder Mao orientierten Läden dicht, deren Abgesandte sich noch um 1970, hundert Jahre nach Baptist S., vor den Werkstoren die Beine in den Bauch gestanden hatten, um die Nachfolgeblätter des Social-Demokrat an den Proletarier zu bringen.

* Wir Untertanen, TB-Ausgabe Ffm 1977, S. 285



S., Holger 37 († 2015), Elektriker aus Parchim, Mecklen-burg. Man muß ihn wohl als (Selbst-)Mörder bezeichnen. Einige Jahre vor seinem Tod, als er gerade ein Haus baute, hatte sich seine Ehefrau von ihm getrennt. Seitdem lebten die gemeinsamen Kinder, Tim (9) und Lisa (10), haupt-sächlich weiter nördlich bei ihrer Mutter und deren neuem Lebensgefährten in Bützow.* Nun aber unternahmen sie eine makabere »Sommerferienreise« gen Süden mit ihrem Vater per Auto. Am 2. August 2015, ein Sonntag, machten sie unweit der bis 95 Meter hohen ICE-Rombachtalbrücke bei Schlitz in Oberhessen Halt. S. erklomm sie mit seinen Kindern, stach auf beide mit einem Messer ein und schubste sie dann vermutlich in die Tiefe, eher er selbst hinterher sprang. Spaziergänger fanden die drei Leichen unter der Brücke auf einer Landstraße. Da die heimische Presse auch nach einer Woche keine Erklärungen des Holger S. oder zumindest seiner geschiedenen Frau erwähnt, steht zu befürchten, jener nahm seine Beweggründe – die Auswahl des Sterbeorts eingeschlossen – nebst den Kindern mit ins Grab. Ein Abschiedsbrief wurde jedenfalls nicht gefunden.** Der Gießener Staatsanwalt nahm allerdings einen Sorgerechtsstreit an. Vielleicht stand die Sache gerade so, daß sich der Vater sagte: na gut, wenn ich die Kinder nicht bekomme, dann sie auch nicht. Es ist natürlich denkbar, er war auch sonst angeschlagen, etwa pleite oder todkrank. Davon ist nichts zu lesen. Es heißt lediglich, Nachbarn hätten S. als liebenswerten Vater und hilfsbereiten Handwerker geschildert. Er habe auch nach der Trennung nie ein schlechtes Wort über die Mutter der Kinder verloren. Stille Wasser sind tief.

* Caroline Awe, »Familiendrama erschüttert Bützow«, Bützower Zeitung, 11. August 2015: http://www.svz.de/lokales/buetzower-zeitung/familiendrama-erschuettert-buetzow-id10428136.html
** »Familiendrama endet grausam«, Parchimer Zeitung, 4. August 2015, S. 7




Sacco und Vanzetti 36 und 39, angeblich Raubmörder, beide hingerichtet USA 1927. Im Juli 1977 gab der amtierende Gouverneur von Massachusetts Michael S. Dukakis eine »Ehrenerklärung« für die beiden aus Italien eingewanderten, anarchistisch gesinnten Arbeiter ab. Das Verfahren gegen sie sei eindeutig unfair gewesen und habe in einem Klima der Ausländerfeindlichkeit und der Intoleranz stattgefunden, deshalb müsse das Gedenken an sie hochgehalten werden. Ein Freispruch war das selbstverständlich nicht. Wahrscheinlich wird die Frage, ob Ferdinando »Nicola« Sacco (36) und Bartolomeo Vanzetti (39) im August 1927 in Charlestown, Massachu-setts, schuldbeladen oder unschuldig auf dem Elektrischen Stuhl saßen, der sie ins Jenseits beförderte, auch nie zu klären sein. Die Meinungen sind geteilt, wobei die Zweifel an ihrer Schuld, wie es aussieht, überwiegen. Die Unge-reimtheiten und Widersprüche etwa zwischen Zeugenaus-sagen sind zahlreich, Fälschungen von Beweismitteln wahrscheinlich. Etliche beteiligte Juristen gestanden später ihre eigenen, rassistischen oder antikommu-nistischen, Motive mehr oder weniger deutlich ein.

Der Fall schlug schon in den 1920er Jahren Wellen der Kragenweite Dreyfus-Affäre und Reichstagsbrand. Mit den Büchern über ihn könnte man ein 50-Meter-Schwimmbecken zumauern. Der US-Komponist Marc Blitzstein wollte ihnen um 1960 noch ein Opern-Libretto hinzufügen, doch dieses Vorhaben scheiterte an seiner eigenen Ermordung. Blitzstein war übrigens von der Unschuld der angeblichen anarchistischen Raubmörder überzeugt. Den beiden war damals im wesentlichen ein bewaffneter Überfall vom April 1920 in South Braintree, Massachusetts, vorgeworfen worden, bei dem ein Lohnbuchhalter und ein Wächter der Schuhfabrik Slater & Morrill Shoe Company erschossen worden waren. Beute: rund 15.000 Dollar. Der Prozeß, die Hetze gegen »Staatsfeinde« und die Bücher haben schätzungsweise 150 Millionen Dollar verschlungen.

Diesseits der Schuldfrage müssen sich fühlende und denkende Wesen wie Blitzstein selbstverständlich gegen die Todesstrafe verwahren. Im Gegensatz zu einem Gerichtsverfahren läßt sich, bei neuer Beweislage, ein hingerichtetes Leben nicht wiederaufnehmen. Eindeutige Beweislagen sind ohnehin seltener als Schmerztabletten ohne Nebenwirkungen. »Abschreckung« verfing noch nie. Im übrigen kommt jedes Todesurteil der verbotenen Folter gleich, sofern der Richter nicht sofort nach dem Verkünden zum Revolver greift, um sein Urteil auf der Stelle im Gerichtssaal zu vollstrecken. Wie Friederike Freiburg 2007 feststellt, sind in den USA allein seit 1973, also in rund 30 Jahren, 124 Todeskandidaten begnadigt worden, nachdem sich, meist auf Betreiben von Angehörigen und Menschenrechtlern, ihre Unschuld herausgestellt habe. Für einige andere kam die Einsicht der Behörden zu spät.* Wenn jeder von diesen 124 lediglich drei Jahre in der Todeszelle geschmort haben sollte, hätten wir schon 372 Jahre ununterbrochener Folter beisammen, sogar für nichts und wieder nichts. Man braucht die Nächte dabei keineswegs ausnehmen. Mit dem Schuß des Richters wären die Verurteilten besser bedient gewesen. Schließlich hat damals beim Überfall auch der Lohnbuchhalter nur drei oder 30 Sekunden um sein Leben gezittert.

* »Sacco und Vanzetti / Die Macht des Zweifels«, Spiegel Online, 22. August 2007: http://www.spiegel.de/einestages/sacco-und-vanzetti-a-946780.html



Sadako Sasaki 12 (1943–55), japanische Schülerin aus Hiroshima. Weil ihm bei einem Labor-Versuch dicht über einem Plutoniumkern versehentlich ein Schraubenzieher entfallen war, nach dem er dann griff, fiel der 35jährige kanadische Physiker Louis Slotin im Mai 1946 in Los Alamos etwas verspätet dem berüchtigtem Manhattan Projekt zum Opfer. Er wurde tödlich verstrahlt. Zum Gedenken an diesen tapferen Wissenschaftler benannte man, unter anderen Ehrungen, einen Asteroiden nach ihm. Dazu meinte eine gute Freundin von mir, in einigen Jahrzehnten werde man sicherlich genug neue Asteroiden entdeckt haben, um auch jenen Japanern Denkmäler setzen zu können, die just im Zuge jenes Manhatten Projekts ins Gras zu beißen hatten. Die beiden Atombom-benabwürfe von Hiroshima und Nagasaki fanden, im Abstand von drei Tagen, am 6. und 9. August 1945 statt. Die Zahl der geschätzten Todesopfer liegt zwischen 200.000 und 500.000.

Daran gemessen, nehmen sich die allenfalls 3.000 Todes-opfer der 9/11-Anschläge (2001) wie eine Platzwunde an der Stirn des damaligen Präsidenten Bush aus. Allerdings kamen nicht alle Todesopfer der Atombomben auf einen Schlag um, wie ich betonen möchte. Kleine Raten merkt man nicht so. Das Mädchen Sadako Sasaki aus Hiroshima etwa war mit zweieinhalb Jahren von dem Inferno ereilt worden. Es starb im Oktober 1955 mit 12 Jahren an Blutkrebs. Das nahm die Weltöffentlichkeit nur zur Kenntnis, weil das Mädchen den (aus Papier gefalteten) »Friedens-Kranich« erfunden und mit Hilfe der Massen-medien Aufmerksamkeit ergattert hatte.

Für BeobachterInnen, die den Vorwurf der Parteilichkeit nicht scheuen, soll es sich bei den Atombombenabwürfen in Japan um ein bis heute einzigartiges Schwerverbrechen gehandelt haben. Die Rechtfertigung, sie seien unumgäng-lich gewesen, um die Schwerverbrechen der Achsenmächte zu unterbinden oder abzukürzen, halten sie für eine längst entlarvte Lüge. Die Faschisten waren bereits geschlagen. Seit der Eroberung von Straßburg im November 1944 wußten die US-Führer zudem genau, daß Deutschland zum Bau der Atombombe außerstande war. Das hat Jost Herbig schon vor 45 Jahren belegt.* Es ging ihnen jetzt »nur« noch darum, die Sowjets einzuschüchtern, aber vor allem dem mit vielen Milliarden von Dollars angelegtem »Sachzwang« der nordamerikanischen Atomforschung und Atomindustrie zu gehorchen. Man wollte nicht mehr zurück. Man wollte Fortschritt. Man ekelte sich vor den Neandertalern, die sich hin und wieder gegenseitig mit Keulen erschlagen hatten.

* Kettenreaktion, erstmals München 1976, hier dtv-Ausgabe 1979,
S. 230 u. 286




Sa'id, Chalid Muhammad 28 (1982–2010), ägyptischer Blogger, Polizeiopfer. Die Untat gegen den 28jährigen trug wesentlich zur Anheizung der Aufstände gegen das Notstandsregime des Präsidenten Mubarak bei. Said war im Juni 2010 in Alexandria am hellichtem Tage von Geheimpolizisten aus einem Internetcafe gezerrt und noch auf der Straße zu Tode mißhandelt worden. Vor unlieb-samen Zeugen hatten sie offensichtlich keine Angst. Sie wähnten sich, wie überall in Ägypten, unantastbar. Sie besaßen sogar die Stirn, ihr lebloses Opfer zunächst auf der Wache Sidigaber abzuliefern, dann jedoch zum Tatort zurückzubringen. Hier warfen sie Saids Leiche in den Hauseingang, wo sie ihn vor einer Viertelstunde totge-schlagen und -getreten hatten. Aufgrund verschiedener Beweismittel, die im Internet kursierten, und weltweiter Proteste sah sich die Regierung gezwungen, zwei Beamte vor Gericht zu stellen und schließlich (2014) zu 10 Jahren Gefängnis zu verurteilen. Andere denkbare Verantwort-liche, darunter befehlsgebende Polizeioffiziere und Gerichtsmediziner, blieben ungeschoren. Die Schwester des Opfers, Zahraa Said, hatte sich eine höhere Strafe für die Schläger erhofft, wollte aber nun das Weitere »Gott überlassen«, wie sie im Internet erklärte.* Von ihrem Bruder heißt es, er habe, wie sie, früh seinen Vater verloren und sei studierter Programmierer, daneben Musiklieb-haber gewesen. Die Polizei soll ihn im Visier gehabt haben, weil er in seinem Blog ein Video präsentierte, das Poli-zisten beim Aufteilen einer Beute aus beschlagnahmten Drogen zeigte. Die Ordnungshüter bemühten sich ihrerseits, Said als Kriminellen, Drogensüchtigen, gar Drogenhändler hinzustellen, fälschten entsprechende »Beweise«, kamen damit aber nicht durch. Einen Verdäch-tigen der angeführten Unart hätten die »Sicherheitskräfte« vermutlich völlig straflos totschlagen dürfen.

* »Khaled Said's killers sentenced to ten years in jail«, Ahram Online (Kairo), 3. März 2014: https://english.ahram.org.eg/NewsContent/1/64/95747/Egypt/Politics-/Khaled-Saids-killers-sentenced-to-ten-years-in-jai.aspx



Salandy, Giselle 21 (1987–2009), Boxerin aus Trinidad. Verfechtern einer konsequenten Emanzipation der Frau müßte eigentlich das Herz im Leibe lachen: Diese Frau ist dunkelhäutig, lebt in dem karibischem Zwergstaat Trinidad und Tobago, erkämpft sich als junge Boxerin mehrere Weltmeistertitel, ohne dabei ihre fotogenen Gesichtszüge einzubüßen – und dann kracht die knapp 22jährige auch noch, am 4. Januar 2009, auf einer Stadtautobahn von Port of Spain, wie schließlich schon so viele Männer, mit ihrem von ihr selbst gesteuerten Toyota Yaris gegen einen Betonpfeiler! Von »Dränglern« oder Ähnlichem ist nichts zu lesen. Es heißt nur, Salandy habe eine Begleiterin gehabt: Tamar Watson, Fußballerin der Nationalmannschaft. Die gleichaltrige Fußballerin kam mit schweren, aber nicht tödlichen Verletzungen davon. Sie brach sich unter anderem ein Bein … Was die tote Boxerin angeht, versicherte Sportminister Gary Hunt, sie sei ein Symbol, ein großer Faktor und Motivator (»an icon, a great contributor and a motivator«) gewesen – weshalb die Regierung bereit sei, für die Kosten ihres Begräbnisses aufzukommen.* Vermutlich sorgte die Regierung zudem für die Schönheitsreparatur des Betonpfeilers. Erstaun-licherweise äußert sich Watson sechs Jahre später**, nach zähem Ringen wiederhergestellt, ähnlich begeistert – und nachsichtig wie Hunt über die Boxerin. Giselle sei nach wie vor ihr größter Ansporn, sie trage ein Armband von der Freundin, bei jeder Ballberührung fühle sie, Giselle sei bei ihr … Dann kann ja nichts mehr schiefgehen. Zum damaligem Unfallgeschehen sagt sie nichts.

Fußballer Jlloyd Samuel (1981–2018) aus San Fernando, Trinidad, zog es vor, in England zu verunglücken, wo er aufgewachsen und länger als Profi tätig war. Der Abwehr-spieler galt streckenweise als Star, trat 2015 zurück. Inzwischen Trainer oder Manager und 37 Jahre alt, hatte er am 15. Mai 2018 gerade seine Kinder in der Schule abgeliefert, ist zu lesen. Glück gehabt. Dann stieß er mit seinem Range Rover in High Legh, Cheshire, mit einem ihm entgegen kommenden Lieferwagen zusammen. Tot. Der gegnerische Fahrer, 54, wurde schwer verletzt.

* »Boxing champion Giselle Salandy is dead«, Trinidad and Tobago News, 4. Januar 2009: http://www.trinidadandtobagonews.com/blog/?p=797
** Allan Powder, »One on one with Tamar Watson«, Wired 868,
29. Juli 2015: https://wired868.com/2015/07/29/one-on-one-with-tamar-watson-rise-from-the-ashes-to-angels/




Salavarriete, Policarpa 22 (1795–1817), kolumbia-nische Spionin und Heldin, hingerichtet. »La Pola«, wie sie auch genannt wird, war im Städtchen Guaduas, auf halbem Wege zwischen Bogotá und der Küste gelegen, als Waisenkind aus der kolumbianischen Unterschicht aufgewachsen. Sowohl ihre Eltern wie etliche Geschwister waren nämlich einer Pockenepedemie zum Opfer gefallen. Mit 17 ging sie nach Bogotá, um sich als Damenschneiderin zu ernähren. Von ihrer Heimat her waren ihr bereits die Rebellen bekannt, die das Gebiet für Rückzüge genutzt hatten. Deshalb fand sie rasch an die patriotischen Zirkel Anschluß und erklärte sich bereit, Kundschafterdienste zu leisten, da sie von Berufs wegen ohnehin in die Häuser der betuchten SpanierInnen oder spanientreuen »Royalisten« kam. So brachte sie beispielsweise Bewegungen feindlicher Truppen und Waffentransporte in Erfahrung. Nebenbei stiftete sie Soldaten zur Fahnenflucht an. Sie leistete wertvolle Arbeit, flog freilich im Herbst 1817 auf und wurde, blutjung, mit sechs oder sieben anderen Rebellen, darunter angeblich ein Poet, vom »Ständigen Kriegsrat« der BesatzerInnen zum Tode verurteilt.

In einigen Quellen heißt es, »La Pola« sei etwas eigenwillig und überheblich gewesen, wozu auch die angebliche Tatsache passen würde, daß sie es vor der drohenden Verhaftung hartnäckig ablehnte zu flüchten. Vielleicht sah sie keinen anderen Weg zum Ruhm? Von ihrem Gebaren auf dem Hinrichtungsplatz, der heutigen Plaza de Bolívar, wird berichtet, sie habe sich zunächst geweigert zu knien und sich rücklings erschießen zu lassen. Dann habe sie sich ans zahlreich erschienene Publikum gewandt (das vor allem die Hinrichtung einer Frau zu sehen begehrte) und geschimpft: »Stures Volk! Wie anders wäre heute dein Schicksal, wenn du den Preis der Freiheit kenntest! Siehe, obwohl ich jung und eine Frau bin, habe ich genug Mut, diesen Tod und tausend weitere Tode zu erleiden. Vergiß dieses Beispiel nicht!«* Heute gilt sie in der Tat als wichtigste weibliche Unabhängigkeitskämpferin Kolumbiens. Ihr Porträt ziert die 10.000-Peso-Banknoten. Werden die Scheine zum beliebtem Stimmenkauf bei Wahlen benutzt, macht sie vielleicht ein langes Gesicht.

* Jenny Jungehülsing am 14. Juli 2010: http://www.boell.de/de/navigation/lateinamerika-bicentenario-la-pola-heldin-kolumbianische-unabhaengigkeit-9712.html



Sällström, Johanna 32 (1974–2007), schwedische Schauspielerin. Ende 2004 hatte sie noch Glück. Sie überlebte, gemeinsam mit ihrer dreijährigen Tochter und ihrem jüngerem Bruder, auf Ko Lanta in Thailand jene Tsunami-Katastrophe, die auch bei uns durch die Medien ging. Damals war Sällström noch nicht berühmt, aber Thailand mußte schon sein. In dieser Zeit begab sie sich wohl auch in die Obhut eines Psychotherapeuten.

2005 trat Sällström in der schwedisch-deutschen Fernsehserie Mankells Wallander ihren großen Wurf an, nämlich als Tochter Linda des populären dicken Kommissars Kurt Wallander aus Ystad, der sich stets von schaurigen Fällen angezogen fühlt, die ihm den Magen umdrehen. Doch im Februar 2007 war alles Spiel aus: die alleinstehende 32jährige »Linda« wurde tot in ihrer Malmöer Wohnung aufgefunden. Während die Polizei (die echte) rasch ein Verbrechen ausschloß, sprachen Freunde von Depressionen seit Jahren, jüngeren Aufenthalten in Nervenkliniken, Überarbeitung, Streß, Problemen mit dem Schönheitsideal – kurz, die hübsche Dunkelblondine hatte sich offenbar, warum auch immer, mit Hilfe von Schlaftabletten, soweit ich weiß, umgebracht. Es blieb dem Schriftsteller Mankell vorbehalten, dem Blatt Expressen zu versichern, es sei »unfaßbar und tragisch«. Andernorts ist nebenbei zu lesen, Sällström sei, wie ihr Landsmann Stig Dagerman, unfähig gewesen, mit Geld umzugehen. Aber jahrelang hatte sie sich danach verzehrt. Erst mit Mankell rollte der Rubel. Das ist schon seltsam. Wäre es bei diesem Naturell, dem »das Geld durch die Finger rinnt«*, nicht sinnvoller, gleich auf ein verschwenderisches Leben einschließlich Fernreisen in exotische Küstenstriche zu verzichten?

Was sich die Film-Tochter von Mankells Kommissar für ihre eigene, leibhaftige Tochter ausgedacht hatte, ist meinen Quellen nicht zu entnehmen. Naheliegenderweise zog Talulah Sällström zu ihrem Vater, einem Kameramann, nach Stockholm. Sie wird als aufgewecktes Kind erwähnt, aber im November 2014, mit knapp 13 Jahren, soll sie sich gleichfalls umgebracht haben.** Belege und Einzelheiten werden nirgends angeführt.

Sollte ich keiner Ente aufgesessen sein, will ich hoffen, Talulah bemühte wenigstens nicht die Eisenbahn. In London hatte sie eine 15jährige Namensvetterin mit Doppel-l, Tallulah Wilson, die sich im Oktober 2012 im Bahnhof St Pancras vor einen Zug warf. Es heißt, die Schülerin, Ballettänzerin, Reiterin, Bloggerin und Internet-süchtige habe schon seit längerem zu Selbstverstümme-lungen geneigt. Sie sei in psychologischer Behandlung gewesen, offenbar vergeblich. Jemima Owen*** erwähnt (2014) zwei weitere Selbstmorde Halbwüchsiger aus jüngster Zeit. Bei all diesen Dramen könnte auch Mobbing im Spiel gewesen sein. Ich fürchte, die Beeindruckung durch das reichhaltige postmoderne Arsenal an Möglichkeiten der Zurschaustellung und Erpressung wächst der Jugend über den Kopf. Die WHO soll schon die Einführung von Schutzmasken erwägen, die bis über die Augen gehen.

* André Anwar, »Viel Arbeit, Depressionen, Selbstmord?«, Tages-spiegel, 22. Februar 2007: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/viel-arbeit-depressionen-selbstmord/813998.html
** Find a Grave, Stand 2016: https://de.findagrave.com/memorial/167985823/talulah-s%C3%A4llstr%C3%B6m
*** »The internet didn't kill Tallulah Wilson, but nor did it do much to help her«, Guardian, 25. Januar 2014: https://www.theguardian.com/society/2014/jan/25/internet-tallulah-wilson-websites-teenage-suicides




Sarapo, Théo 34 (1936–70), französischer Chansonnier, Schauspieler und berühmter Witwer. Als der gebürtige Grieche Ende August 1970 in der Region Limousin seiner Wahlheimat Frankreich mit 34 Jahren gegen eine Platane den Kürzeren zog, lag seine Ehefrau Edith Piaf bereits seit sieben Jahren unter der Erde. Die liebeshungrige Diva, 20 Jahre älter als er, war mit 47 diversen Drogensüchten und dem Krebs zum Opfer gefallen. Zuvor hatte sie schon einige Autounfälle mit jeweils einem anderen Liebhaber am Steuer überlebt – wahrscheinlich fünf Stück, wenn ich mich in Jens Rostecks Piaf-Biografie von 2013 nicht verzählt habe. Den hübschen, »lammfrommen«, fast etwas langweiligen und eigentlich homosexuell gestimmten Sarapo, der bis dahin als Friseur in einer Pariser Vorstadt tätig war, hatte sie erst anderthalb Jahre vor ihrem Tod (Herbst 1963) kennengelernt, alsbald geheiratet und ihm dadurch den Weg zu Ruhm und Reichtum und damit auch zu dem blauen Citroën ID eröffnet, mit dem er dann, bei hoher Geschwindigkeit, gegen besagte Platane geprallt sein soll. Fremdverschulden oder eine selbstmörderische Absicht schloß die Polizei laut Rosteck aus.

Was das Ableben Piafs angeht, merkte Der Spiegel (44/1963) damals an, Sarapo habe bereits 14 Tage vor dem Tod seiner weltberühmten Gattin einen Exklusivvertrag über seine Ehe-Memoiren mit dem Massenblatt France-Soir abgeschlossen. »France-Soir-Reporter waren auch die einzigen Photographen, die schon wenige Minuten nach dem Tod der Sängerin von ihr Aufnahmen machen durften. Einziger Besucher, den der trauernde Théo in seinem Asyl empfing: Ein amerikanischer Filmproduzent, dem er seine Ehegeschichte verkaufte.« Dieses durchaus einleuchtende, kaum verblüffende Spiegel-Bild könnte allerdings verzerrt sein – bei Rosteck liest man kein Wort von dergleichen. Der in Frankreich lebende Musikforscher und Publizist behauptet eher im Gegenteil, Sarapo habe nach Piafs Ende auf einem hohem Schuldenberg gesessen, was ebenfalls leicht zu glauben ist, hatte die aus der Gosse aufgestiegene schmächtige Diva doch ihre in Sturzfluten eintreffenden Honorare über Jahre hinweg eimerweise aus dem Fenster geworfen. Kleine Leute, die solche Stars anhimmeln, können eigentlich nicht mehr alle Tassen im Schrank haben. Am Tage von Piafs Beerdigung waren sie zu Hunderttausenden in den Pariser Straßen unterwegs, als sogenannte Trauergäste.

Im Vergleich zu Sarapo ging der marokkanisch-franzö-sische Profiboxer Marcel Cerdan (1916–49) geradezu makellos in die Geschichte der Unterhaltungskultur ein. Laut Rosteck war er die »größte Liebe« der zierlichen und wenig attraktiven Tochter eines drittklassigen Akrobaten gewesen. Nachdem sie sich 1948 in diesen, wie sie fand, wohltuend bescheidenen und gradlinigen Champion verliebt hatte (während sie selber bekanntlich zum Verschwenden, außerdem Tyrannisieren neigte), verhinderte schon im Oktober des folgenden Jahres 1949 ein Flugzeugunglück die große Ernüchterung. Just auf dem Weg zu Edith, die ihn in New York erwartete, prallte der 33 Jahre alte schlagkräftige Ex-Weltmeister im Mittelgewicht mit den 47 anderen Insassen einer Lockheed Constellation trotz guter Wetterlage auf der Azoreninsel São Miguel gegen den Monte Redondo. Es gab nicht einen Überlebenden. Opfer des mutmaßlichen Piloten-Irrtums waren etliche Prominente, darunter neben Cerdan die 30jährige französische Geigerin Ginette Neveu (1919–49) und der steinreiche, 57 Jahre alte New Yorker Geschäfts-mann Kay Kamen (1892–1949) und dessen Gattin Katie. Noch am Vortag hatte der enge Freund und Lizenzver-walter Walt Disneys in einem Brief an die Vizepräsidentin seines eigenen Unternehmens über Flugangst gescherzt. Eben deshalb, so jedenfalls Fachmann Sidney Schering*, war das kinderlose Ehepaar in der Regel in einem luxeriösem privatem Eisenbahnwaggon unterwegs gewesen.

Das gleiche Schicksal wie Piafs Boxer erlitt 1962 maka-bererweise ihr kurzzeitiger US-Liebhaber Douglas Henry Davis junior (1928–62), ein in New York City, später Atlanta lebender Maler, der laut Rosteck 13 Jahre jünger als sie gewesen war. Er hatte Ausstellungsaktivitäten in Paris gerade zu einer Versöhnung mit dem nordamerika-nischem Inbegriff mitteleuropäischer Inbrunst genutzt, war er doch 1959, bei einer Tournee durch Belgien, Südfrankreich und Italien, in Unfrieden von Edith geschieden. Nun, am 3. Juni 1962, bestieg der knapp 34jährige im Flughafen Orly eine Boeing 707, die ihn zurück in die Staaten bringen sollte – jedoch beim vergeblichen Versuch abzuheben Feuer fing. Bei diesem Unglück gab es 130 Tote. Übrigens hatte Davis bei der erwähnten Tournee für einen der erwähnten Autounfälle mitgesorgt. Von Piaf für einen 400 Kilometer langen Abstecher zu ihrem Landsitz in Condé trotz Übermüdung ans Steuer befohlen, war Davis an demselben eingenickt und im Straßengraben gelandet. Während sich Piaf zwei Rippen brach, kam Davis damals noch mit einem blauem Auge davon.

* »Kay Kamen«, SDB-Film, 1. Oktober 2011: http://www.sdb-film.de/2011/10/kay-kamen.html



Sare, Günter 36 (1949–85). Der 36jährige Maschinen-schlosser und Mitarbeiter eines linken Jugendzentrums in Frankfurt/Main-Bockenheim beteiligte sich im September 1985 an Protesten gegen eine NPD-Versammlung, die ausgerechnet im Haus Gallus stattfand – hier waren gut 20 Jahre früher die Frankfurter Auschwitzprozesse abgehalten worden. Wie sich versteht, war Polizei aufgezogen. Es kam zunächst zu Kämpfen zwischen militanten Linken und Anhängern der NPD. Dann wurde der weder Steine werfende noch flüchtende Sare von einem 26 Tonnen* schweren Wasserwerfer der Polizei von den Beinen gefegt und anschließend überrollt. Sein Tod rief in vielen deutschen Städten »Krawalle« hervor. Kurz darauf, im Dezember, wurde Ex-Steinewerfer Joschka Fischer hessischer Umweltminister – jetzt waren die Turnschuhe wichtig, die er bei seiner Vereidigung getragen hatte. Später kam es zu einem Verfahren gegen die zweiköpfige Besatzung des Wasserwerfers. Die Richter fanden heraus, Sare habe zu viel Alkohol im Blut gehabt, nämlich 1,5 Promille, außerdem führten sie die Wassernebel und die Dunkelheit ins Feld. Sie sprachen die Angeklagten (1990) vom Vorwurf der Fahrlässigen Tötung frei.

* Stephan Loichinger, »Günter Sares Tod ist bis heute ungeklärt«, Frankfurter Rundschau, 18. September 2003: https://www.fr.de/rhein-main/guenter-sares-heute-ungeklaert-11732731.html



Sarrazin, Albertine 29 (1937–67), französische Knast-schwester und Schriftstellerin. Die schmucke Schwarz-haarige maß keine 1,50, dafür soll sie als Stricherin, Diebin und Ausbrecherin ziemlich groß gewesen sein. Sie verbrachte viele Jahre in sogenannten Erziehungsheimen und Gefängnissen. 1958 verheiratet sie sich mit Knastbruder Julien. Beide bilden sich, voran in Literatur und Geologie. Sarrazin fängt im Gefängnis zu schreiben an, wird unter anderem von Simone de Beauvoir gefördert, veröffentlicht im ganzen drei kräftig autobiografisch gefärbte Romane. Man hatte sie 1964 entlassen, doch sie kann ihr südfranzösisches Leben mit dem jähem Ruhm, mit Alkohol und Tabak sowie mit Julien, wohl auf eigenem Grundstück, nur noch kurz genießen. Paul Jandl beschließt eine Lobeshymne auf ihre Werke 2018 in der NZZ mit dem trockenen Hinweis, die Autorin sei 1967 »nach einem lächerlichen Kunstfehler bei einer Nierenoperation« gestorben.

Die französische Wikipedia gönnt uns Einzelheiten. Die Operation in der Klinik Saint-Roch in Montpellier sei schlecht vorbereitet gewesen. Der nebenbei unqualifizierte Anästhesist habe sie bis dahin nie gesehen und weder ihre Blutgruppe noch ihr Gewicht gekannt. Dazu fehlten die Aufsicht im Aufwachraum und das Reserveblut. Immerhin kam ihr Mann in zweiter Instanz sogar zu seinem bürgerlichem Recht. Der Anästhesist und der Chirurg wurden wegen Fahrlässiger Tötung (wie ich annehme) zu »zwei Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von 90.000 Francs« verurteilt. Ob das gedoppelt 180.000 waren, bleibt unklar, aber vor 50 Jahren war es so oder so kein Trinkgeld.

Wie ich vermute, konnte der Gatte, gestorben 1991, auch von beträchtlichen Tantiemen zehren. Waren sie »berechtigt«? Leider kann ich einen Artikel des SZ-Kritikers Alex Rühle von 2019 nur lesen, wenn ich ein Probe-Abo des Blattes bestelle, das von einem Leuchtturm demokratischer Gesinnung zu einer grünlich-braunen Pfütze heruntergekommen ist. Rühle meint im Untertitel: »Albertine Sarrazin führte ein wildes, kurzes, tragisches Leben. So liest sich auch ihre Prosa.« Was soll ich dazu sagen? Ich kenne ja Sarrazins Prosa nicht. Allerdings sind mir gewisse Muster der Bonus-Verteilung an Leute bekannt, die Aufregendes und einen frühen oder sonst »tragischen« Tod und womöglich auch noch ein ansprechendes Erscheinungsbild zu bieten haben. Das Letztere scheint auch bei einer Schauspielerin der Fall zu sein, die Sarrazins Prosa gerade in Dresden* zum Besten gegeben hat.

* »Camilla Renschke liest Albertine Sarrazin«, Literaturnetz Dresden, 23. März 2021: https://literaturnetz-dresden.de/veranstaltungen/camilla-renschke-liest-albertine-sarrazin/



Saurer, Anton 36 (1835–72), schweizer Mechaniker und Fabrikant. Sein Vater Franz hatte eine vornehmlich Haushaltswaren herstellende Eisengießerei gegründet. Später kam das Familienunternehmen (in Arbon am Bodensee) auch mit Textilmaschinen und Fahrzeugen zum Zug. Sohn Anton soll sich zu seiner Zeit vor allem um die Entwicklung von Handstickmaschinen verdient gemacht haben, erlag freilich schon mit 36 »den Folgen einer Blinddarmentzündung«, wie es überall heißt. Näheres ist nicht zu haben.

Zu allem Unglück hatte Gründervater Franz, in zwei Ehen, einen ganzen Schlag Knaben gezeugt, von denen, neben Anton, vier weitere früh starben. Bei einem ist von einer langen Krankheit die Rede; ein anderer starb gar schon mit 11. Ich gebe aber zu, mein Antrieb, diesem mißglücktem Aussterben eines Kapitalistenclans nachzuforschen, ist gering. Das Familienunternehmen florierte nämlich. Heute zählt die Saurer AG zu den führenden Textilmaschinen-Herstellern weltweit. Von 9.000 Beschäftigten sind noch 1/3 im Fahrzeuggetriebebau tätig. Die AG befindet sich zumindest teilweise in chinesischer Hand.

Vielleicht kann man blind darauf wetten, unter nicht-kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnissen hätte Anton gute Chancen gehabt, erheblich älter zu werden. Das hätte auch meine rund 6.500 Frühverstorbene umfassende Kandidatenliste für dieses Werk gekürzt. Sie wimmelt von Blinddarmentzündungen. Oft wurde operiert. Für Gerd Reuther* zählen Blinddarmoperationen zumindest in den vergangenen 100 Jahren zu den »häufigsten und unnötigsten Operationen« im Bereich des Bauchraums. Sie hätten sich als »unreflektiertes Geschäftsmodell« bewährt. »Bei unklaren Schmerzzuständen wurde die Struktur routinemäßig entfernt, wenn man die Bauchdecke eröffnete. Was nicht mehr vorhanden war, konnte zukünftig keine Beschwerden mehr verursachen, war das Credo. Sogar bei Kindern und Jugendlichen fehlte jede Zurückhaltung, obwohl Entzündungen des Wurmfort-satzes in der Mehrzahl der Fälle ohne Therapie ausheilen. Kein Wunder, dass bis heute mindestens ein Drittel der abgeschnittenen Wurmfortsätze unauffällig ist und ein weiteres Drittel nur eine geringe Entzündung aufweist.«

Ein ziemlich einträglicher Bauchraummüll also – für das Bankkonto und die Selbstbestätigung unserer Chirurgen. Zwar gibt Reuther zwei Quellen an, aber wenn er will, kann er demnächst meine Leiche als zusätzlichen Beleg haben. Um 1978 suchte ich just wegen jenes »unklaren Schmerzzustandes« rechts unten das Kreuzberger Urban-Krankenhaus auf. Das müsse beobachtet werden, hieß es. Also blieb ich über nacht. Morgens tauchte ein Arzt auf, dem ich versicherte, die Schmerzen seien nicht heftiger geworden, eher geringer. Vielleicht hatte mich das furchtbare Klinikklima schon halb geheilt. Er befand jedoch: »Es ist besser, wir machen ihn raus.« Er meinte den Blinddarm. Jetzt rebellierte ich allerdings. So ließ er mich kopfschüttelnd einen Wisch unterschreiben, wonach ich auf eigene Verantwortung und entgegen ärztlichem Anraten … und so weiter. Nach zwei Tagen zu Hause mit Kamillentee und Klampfe waren meine Schmerzen weggeblasen. Meinen »Wurmfortsatz« besitze ich heute noch. Um 2007 regte mich der Vorfall zu der kurzen Erzählung »Krankenbesuch« an, die sich wahrscheinlich in meinem Blog finden läßt.

Der Mathematiker und Astronom Petrus Saxonius (1591–1625), Hochschullehrer in Altdorf bei Nürnberg, soll mit 34 »an den Folgen einer Bruchoperation« gestorben sein.** Er hatte eine Gattin, jedoch keine Kinder. Er hatte sich, ähnlich wie Johannes >Fabricius, mit den Sonnen-flecken befaßt. Die lagen wohl damals in der Luft.

* Heilung Nebensache, München 2021, S. 210/11
** »Petrus Saxonius«, Astronomie in Nürnberg, o. J.: https://www.astronomie-nuernberg.de/index.php?category=personen&page=saxonius-petrus




Saye, Khadija 24 (1992–2017), gambisch-britische Foto-grafin. Mitte Juni 2017 dürften so manche Einwohner-Innen von North Kensington, West London, ihren Glauben an die Hölle wiedererlangt haben. Im Grenfell Tower, einem 24stöckigem Block mit Sozialwohnungen, war um Mitternacht aufgrund eines defekten Gefrierschrankes Feuer ausgebrochen. Durch die erst kürzlich angebrachte Außenwärmedämmung des Gebäudes konnte es sich rasend ausbreiten. Dagegen dauerte es ungefähr 60 Stunden, bis die Feuerwehrleute den Brand gelöscht hatten. Er forderte mindestens 70 Tote und ähnlich viele Verletzte. Khadija zählte zu den Toten. Die farbige junge Frau hatte gerade eine Fotoserie auf die Biennale in Venedig gebracht und somit gute Karriere-Aussichten. Ihre Mutter kam mit ihr in den Flammen um. Wie, malt man sich ungern aus.

Wie man sich denken kann, befanden sich auch etliche Kinder unter den Opfern. Ich begnüge mich damit, die sechs Monate alte Leena Belkadi hervor zu heben. Ich verzichte völlig darauf, den einträglichen modischen Schwachsinn mit der Außenwärmedämmung zu beklagen.* Die UntersucherInnen machten just sie in erster Linie für die Katastrophe verantwortlich, wenn ich mich nicht täusche. Ferner sollen die für diese »Innovation« Verant-wortlichen einige Vorschriften mißachtet haben. Schließ-lich wurde auch die Feuerwehr kritisiert, die zu spät an die Evakuierung des Gebäudes geschritten sei. Immerhin löste der Brand in einigen Ländern beflissene oder gierige Bemühungen aus, solche »dämmenden« Fassadenverklei-dungen flugs zu entfernen und gar zu ersetzen: wieder waren etliche Arbeitsplätze gerettet.

* Georg Meck, »Stoppt den Dämmwahn!«, FAZ, 13. Mai 2014: https://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/mieten-und-wohnen/daemmung-ist-oekologisch-zweifelhaft-und-teuer-12933587.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2



Schaedler, Erich 36 (1949–85). Mit 36 Jahren war der deutsch-britische ehemalige Fußballprofi noch bei den »Alten Herren« des FC Dumbarton aktiv. Wo er zuletzt wohnte, ob in dieser kleinen schottischen Westküstenstadt (bei Glasgow) oder weiterhin in Edinburgh oder in beiden Städten, bleibt unklar. Jedenfalls frönte er der Jagd. Aber wenige Wochen vor Weihnachten mußte er die Scheidung seiner Ehe hinnehmen. Und an Heiligabend war er tot. Man fand ihn südlich von Edinburgh in einem Wald der Scottish Borders mit einem Kopfschuß in seinem VW Passat. Den Behörden zufolge fiel der Jägersmann von eigener Hand.

Schaedlers Bruder John will den Selbstmord nicht ausschließen, hat freilich noch Jahrzehnte später seine Zweifel.* Erichs Wagen war mit Zweigen und Laub bedeckt, also gleichsam getarnt – warum sollte ein Selbstmörder solchen Aufwand treiben? Ferner habe sich im Wagen selbst (allerdings erst nach Rückgabe) kein Hinweis auf das Abfeuern einer Schußwaffe gefunden. Nur die Blutspuren waren zu sehen. Als John auch den Schlüssel zu Erichs Wohnung zurückerhielt, habe er diese in einem ungewöhnlich aufgeräumtem und sauberem Zustand vorgefunden. Dafür tauchten alsbald Gerüchte über Verschuldung und schlechten Umgang des Ge- und Verschiedenen auf. Die aber weist John entschieden zurück – wie alle guten Brüder. Für sein Empfinden wurden die Ermittlungen zu früh eingestellt. Die Polizei jedoch bestätigt der Presse wiederholt, der Fall sei erledigt.

Damit scheint auch der Mensch Schaedler ein Rätsel zu bleiben. Hier und dort wird er als »Lebemann« bezeichnet. Sein früherer Vereinskollege beim Spitzenclub Hibernian Edinburgh Tony Higgins bemerkte einmal, der braunhaarige, stämmige, ja beinahe kraftstrotzende Abwehrspieler Schaedler sei im Dienst voller Hingabe, in persönlichen Dingen dagegen verschlossen gewesen. Da hatte er ja den richtigen Spitznamen: Shades=Schatten. Merkwürdigerweise ist nirgends von seiner Ehe, zumal der geschiedenen Frau und deren Sicht die Rede. Übrigens ging Schaedlers »Einsatzfreude« zumindest auf dem Platz nicht selten so weit, daß seine Gegenspieler nach dem Abpfiff hinkend oder verkrümmt in die Kabinen schlichen.

* Maximilian Schmeckel, »Das viel zu kurze Leben und der tragische Tod des Erich Schaedler«, Goal.com, 11. Dezember 2018: https://www.goal.com/de/meldungen/erich-schaedler-das-viel-zu-kurze-leben-und-der-nie-aufgeklaerte-/1aisyq4bt0zu61y0bdqgtyh5cu



Schedoni, Bartolomeo 37 (1578–1615), italienischer Maler, der sein kurzes Leben in herzöglichem Dienst in Parma beschloß. Sein Fall ist auch nicht unbedingt glasklar. Von seiner Malweise her wird er häufig, vom starkem Einfluß A. und L. Carraccis einmal abgesehen, in die Nähe Caravaggios gerückt. Wie es aussieht, waren sie auch beide Hitzköpfe und Streithammel. Schedoni saß wiederholt wegen Tätlichkeiten hinter Gittern. Da verwundert es nicht, wenn sich der seit 1611 verheiratete Sohn eines Maskenmachers aus Modena 1615 mit 37 Jahren im Ergebnis einer Nacht umgebracht haben soll, nach der sich seine Spielschulden angeblich schon wie der Vesuv ausnahmen. Einzelheiten sind offenbar nicht bekannt. Was Schedonis meist (schein-)heilige, in effektvolles kaltes Helldunkel getauchte Figuren angeht, wirken sie oft wie aus Porzellan geschaffen, also trotz ihrer meisterhaft erzielten Sinnlichkeit stark gefährdet. Deshalb ringen sie alle mit großen, durchweg opernreifen Gebärden um Erbarmen. Außerdem legitimieren sie die neue Weltreligion vom »Klimawandel«. Sie zeigen nämlich, wie kühl es damals noch in Italien war, sind doch beispiels-weise die Jünger des Jesus beim Letzten Mahl* in Decken, ja beinahe in Theatervorhänge gehüllt – während ihre Füße nackt auf den Steinfliesen stehen ...

* https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bartolomeo_Schedoni_Ultima_Cena_Parma.jpg



Fortsetzung Schee—Shim
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