Donnerstag, 4. November 2021
LdF Folge Pre—Ri

Precht, Rosemarie »Rosa« 38 (1952–91), Westberliner Deutschrockmusikerin aus dem Dunstkreis Ulla Meineckes und der Gruppe Spliff. Die geschmeidige Blondine schrieb Stücke, sang und spielte Keyboard. Sie schwamm auf der teilweise ohne Zweifel frechen, im Grunde aber glatten »Neuen Deutschen Welle«, wie die Schublade heute heißt. In kommerzieller Hinsicht war Precht vermutlich recht erfolgreich – in gesundheitlicher nicht. Mit 38 hatte der Krebs sie geholt.

Meine Abneigung gegen professionelles Künstlertum ist bekannt. Aber Prechts Laufbahn wäre sicherlich dem Weg des russischen Ingenieurs Sergei A. Preminin (1965–86) vorzuziehen. Der Mann war so dumm, zur sowjetischen Marine zu gehen und da wiederum auf das atomgetriebene U-Boot K-219. Deshalb wird er jedoch als Lebensretter, als Held verehrt! Im Oktober 1986 kam es nämlich zu einer kleinen Explosion auf dem mit Raketen bestückten Schiff. Und es war Preminin, der angeblich eine Kernschmelze verhinderte, indem er im Reaktorraum beschädigte Steuerstäbe von Hand in die richtige Stellung brachte. Als der knapp 21jährige den heißen Reaktorraum verlassen wollte, bekam er allerdings aufgrund des erhöhten Drucks die Lukentür nicht auf. So starb er den Heldentod. Und wer weiß, wievielen Kameraden und Bürgern er den Krebs ersparte! Hier scheint zum x-ten Male das Grundmuster des zivilisierten Menschen auf: sich die Gefahren, vor denen man sich in Sicherheit bringen muß, erst einmal selber zu schaffen.

Zu den vielen überwältigenden Erfolgen des mazedo-nischen Schlagersängers Todor »Toše« Proeski (1981–2007) zählten sein Lied »Vo kosi da ti spijam« (Auf Deinem Haar einschlafen) und seine Beerdigung. Aller-dings war Proeski in dem VW Touareg, der am 16. Oktober 2007 frühmorgens auf einer Autobahn in Kroatien gegen ein Lastwagenheck prallte, auf dem Beifahrersitz einge-schlafen, nicht etwa im Schoß seiner Managerin Ljiljana Petrović, die hinten saß. Auch der Fahrer Georgij G. soll ein Nickerchen gemacht haben, wegen Übermüdung. Er wurde »nur« schwer verletzt. Der 26jährige Schlager-sänger dagegen starb noch am Unfallort. Wenig später stellte das Oberhaupt der mazedonisch-orthodoxen Kirche Erzbischof Stephan fest, der ganze Balkan habe einen Engel verloren. Proeski hatte vor allem von Liebe und Glaube gesungen, er war fromm. Nicht nur seine Beerdigung am 17. Oktober wurde zu einer Art nationaler Erhebung – die mazedonische Regierung erklärte diesen Tag später auch, für alle Zeiten, zum Volkstrauertag. Proeskis Heimatort Kruševo mauserte sich zur Wallfahrts-stätte: sähe man den bebilderten WOZ-Bericht* und weitere Internet-Fotos nicht mit eigenen Augen, man würde es kaum glauben. Die bekannt aufwendig-aufdringliche Zurschaustellung des verunglückten stinkreichen Volksbeglückers inner- und außerhalb eines eigenen, staatlich finanzierten »Museums« paart sich dabei hervorragend mit dem schon 1974 errichtetem, angeblich antifaschistischem Mahnmal Makedonium, das aufgrund seiner Häßlichkeit in der Tat jeden Angreifer sofort in die Flucht schlagen muß.

Über Poeskis familiäre Verhältnisse und seine Erben bin ich kaum im Bilde. Er soll mit einer Handballspielerin zusammen gelebt haben. Dafür erwähnt der WOZ-Bericht, Museumswärter Boris Markoski (45) habe früher in einer Fabrik gearbeitet. Für den neuen, »ehrenamtlichen« Posten bekomme er kein Geld, weil das Kultusministerium keins habe – nicht für ihn. Alles fließe nämlich in das neue Museum. Nun mag die Kohle herkommen, wo sie wolle: keiner wird angesichts dieser Nutzanwendung rot. Dabei liegt die größte Peinlichkeit für mich in dem Umstand, daß ausgerechnet das Bergstädtchen Kruševo, heute 5.000 EinwohnerInnen, gut 100 Jahre vor Proeskis Ableben Schauplatz einer sozialistisch orientierten, wenn auch sehr kurzlebigen Zwergrepublik war, wie ich unter Nikola >Karev erläutert habe.

* Marina Bolzli / Lucia Vasella, »Ein Tor zu Gott«, WOZ (Zürich), 25. Oktober 2012: https://www.woz.ch/-3313



Prohme, Rayna c.33 (1894–1927), US-Journalistin aus wohlhabender jüdischer Familie in Chicago, wirkt vor allem in China und Rußland, wird in Moskau von einer tödlichen Krankheit überrascht. Die New York Times meldete es am 22. November 1927 mit dem Untertitel »American Girl Who Gave Her Life to Revolution Breathes Her Last in Moscow«. Nach John Simkin* war das Girl eine kleine, rothaarig gelockte, lebens- und angriffslustige Person gewesen. Sie hatte einen Schäferhund, Dan, den sie sogar nach China mitnahm. In ideologischen Fragen soll sie eher engstirnig und verbohrt, in Liebesdingen recht kindlich gewesen sein. Die studierte Frau war zweimal verheiratet, zuletzt mit einem gleichfalls kommunistisch gestimmtem Journalisten, William »Bill« Prohme. Mit diesem geht sie für einige Jahre nach China, wo die Revolution in der Luft liegt. Wahrscheinlich waren beide Mitglieder der nordamerikanischen KP. In China arbeiten sie vornehmlich für einheimische Blätter aus Peking, Wuhan, Kanton, wobei sie enge Verbindung mit dem aus Moskau gesandten Komintern-Funktionär Michail Borodin halten.

1926 erwärmt sich der Kollege Vincent Sheean für Rayna Prohme. Laut Time-Magazin bleibt das »a violently platonic love affair« – auch in Moskau, wohin sich die beiden nun gemeinsam wenden. Prohme hat sich anschei-nend an der Pädagogischen Hochschule eingeschrieben. Einige Spannungen liegen auch im Verhältnis mit ihrer Kollegin und Freundin Anna Louise Strong vor, einer glühenden Bolschewistin. Plötzlich wird Prohme, als sie jemanden anders besucht, ohnmächtig. Ein Arzt vermutet eine Gehirnerkrankung. Sie hat Kopfschmerzen, Gedächtnisausfälle und fürchtet, verrückt zu werden. Sie wird bettlägerig. Sheean harrt oft bei ihr aus. Sie stirbt Ende November 1927 mit ungefähr 33.

Prohmes Schreibkünste kann ich nicht beurteilen. Es soll (2007) einen ganzen Band mit Briefen von ihr geben. Als Todesursache wird Enzephalitis genannt, also eine Gehirnentzündung. Wikipedia schreibt, sie sei meist infektiös bedingt, hervorgerufen durch Viren oder, seltener, Bakterien, Protozoen, Pilze. »Sie kann auch als Autoimmunerkrankung auftreten (Multiple Sklerose).« War Prohme vielleicht geimpft worden? Mit solidarischen Grüßen an Dana Ottmann.

* 1997/2020 auf https://spartacus-educational.com/USAprohme.htm



Puig Antich, Salvador 25 (1948–74), katalanischer anarchistischer Räuber. Damals wurde das Franco-Regime unter anderem von der Gruppe MIL (»Iberische Befrei-ungsbewegung«) bekämpft. Ihr militärischer Flügel raubte öfter Banken aus, um mit der Beute wiederum die Agitation, Streiks, Knasthilfe und dergleichen zu finanzieren. Im September 1973 kam es in Barcelona zu einem Schußwechsel, bei dem der Polizist Francisco Anguas Barragán erschossen und der MIL-Aktivist Salvador Puig Antich verwundet und verhaftet wurde. Puig Antich stammte aus einer katalanischen Arbeiterfamilie. Er wurde trotz schwacher Beweislage und breiter Proteste zum Tode verurteilt und im März 1974, inzwischen 25 Jahre alt, im Gefängnis Modelo von Barcelona mit der sogenannten Garotte erdrosselt. In Katalonien scheint er zu den Helden des Kampfes um Unabhängigkeit zu zählen. 2006 kam Manuel Huergas Spielfilm Salvador – Kampf um die Freiheit in die Kinos. Er errang etliche Preise, aber einige ehemalige MIL-Leute warfen ihm Verharmlosung vor.

Mit Prohme und Puig scheint auch der hartnäckige Konflikt zwischen Anarchisten und Kommunisten auf. Gerade im Spanischen Bürgerkrieg hatte er ja eine erhebliche Rolle gespielt. Ich stelle deshalb zwei Porträts in den Anhang, die meine, gelinde ausgedrückt, Skepsis gegen Kommunisten bezeugen. Sie behandeln den »roten Millionär« Willi Münzenberg, ZK-Mitglied der KPD (A-44), und die Familie Ulbricht aus der DDR (A-45).



Puricelli, Eugénie 21 (1840–62), Rheinböllener Wohl-täterin. Alfred Nobel, Heinrich Böll und Bill Gates sind nicht die ersten StifterInnen auf Erden. 1840 wurde dem katholischem Fabrikanten Puricelli, der in Rheinböllen – das Hunsrück-Städtchen heißt wirklich so – ein Hüttenwerk (Eisen) besaß, eine Tochter geboren. Aber Eugénie erkrankte schon früh an Tuberkulose. Statt nun sonstwen zu verwünschen und mit aller Welt zu hadern, verfügte sie rechtzeitig vor ihrem Erlöschen, man möge ihr Erbteil in ein Waisenhaus stecken. Später kamen noch ein Krankenhaus und eine Kapelle hinzu. Dem Stiftungsrat gehören automatisch der jeweilige katholische Pfarrer und der Bürgermeister Rheinböllens an. Laut Webseite Puricelli Stift werden die Einrichtungen inzwischen von den Franziskanerbrüdern vom Heiligen Kreuz betrieben. Diese Brüder, gelegentlich als nicht ganz uneigennützig verleumdet, betreuen oder bewirtschaften vorwiegend Alte und Verwirrte. Neuerdings bieten sie auch Impfungen an.

Ich hätte die Kohle des Eisenkönigs in ein Kampfblatt gegen die sogenannte Industrialisierung, letztlich also den Kapitalismus, eingeschlossen die Mammutisierung, gesteckt. Reuther meint in seinem schon wiederholt bemühtem Buch (S. 182/83), genetische Ursachen für die heute als »autoimmun« eingestuften Krankheiten seien sehr unwahrscheinlich, da solche Krankheiten erst um 1800 erstmals auftraten. Der Zusammenhang mit Fabriken, Großstädten, Umweltverseuchung und Medika-mentenflut liegt auf der Hand. In den beiden jüngsten Jahrzehnten würden »Immuntherapien« gepriesen. Bei einer Ansprechrate von 60 Prozent riefen sie jedoch bei neun von 10 Patienten unerwünschte autoimmune Effekte hervor, die in bis zu 60 Prozent der Fälle schwerwiegend oder lebensbedrohlich sind, behauptet der zeitweise Wiener leitende Arzt und Hochschullehrer. Vielleicht sollte man lieber 99 Prozent unserer Weißkittel in unsere mal von Brüdern, mal von Schwestern betriebenen Klapsmühlen stecken.



Puschkin, Alexander S. 37 (1799–1837). In der Regel wird er als der russische Nationaldichter geführt. Er stammte aus blaublütigen und betuchten Kreisen und blieb auch in ihnen, was sich nicht zuletzt, wenn auch tödlich, durch ein Duell bewies, bei dem sich der 37jährige Anfang 1837 in Sankt Petersburg einen Bauchschuß einfing, der ihm zwei Tage später das Lebenslicht ausblies. Wie sich versteht, war es um eine Frau gegangen: Natalja, geboren 1812. Es war die von Puschkin. Ein Geck namens Georges-Charles de Heeckeren d'Anthès, von Beruf Gardeoffizier, hatte Nataljas Schwester Katharina Gontscharowa geheiratet, machte aber gleichwohl weiterhin Frau Puschkin den Hof, die als schönste Frau der damaligen Hauptstadt des Zarenreiches galt. Da blieben, in solchen Kreisen, die Gerüchte über Tändeleien bis hin zum Ehebruch nicht lange aus. Als Herr Puschkin dem Adoptivvater seines angeblichen Nebenbuhlers einen beleidigenden Brief schickte, sah sich Heeckeren gezwungen, den Verfasser zum Duell zu fordern. Allerdings ist diese Version der Angelegenheit umstritten; manche ForscherInnen neigen sogar zu der Ansicht, der »National-dichter« sei hier träumenden Auges in eine Falle gelaufen, also einer Intrige oder gar einer Verschwörung aufgeses-sen. Immerhin hatte Puschkin unter ständiger Beobach-tung der zaristischen Geheimpolizei gestanden, weil er als unbequem galt. Außerdem war er stark verschuldet, was wiederum Selbstmordtheorien entgegenkam.

Die russische Autorin Natalja Baranskaja, die 1977 in einer Zeitschrift die Novelle Ein Kleid für Frau Puschkin ver-öffentlichte, hat sich gehütet, sich in diesen Streit einzumi-schen, zumal ihr der Nationaldichter nicht sonderlich am Herzen liegt. Ihr Text kreist um ihre nunmehr verwitwete Namensschwester und steht dieser an Liebreiz sicherlich kaum nach. Von Hause aus eher ängstlich, sieht sich die ätherische Person mit der Wespentaille eigenen und fremden Schuldvorwürfen ausgesetzt. Sie wird hier aus unterschiedlichsten Blickwinkeln beobachtet, so von einer nicht von Bosheit freien Freundin, ferner von Geschwi-stern, Eltern, Dienern, schließlich auch mit ihren eigenen Augen. Durch Baranskajas behutsame, gleichwohl unbestechliche Sprache entsteht dabei ein anschauliches Porträt sowohl der gebeutelten Witwe wie der damaligen »besseren« russischen Gesellschaft Mitte des 19. Jahr-hunderts. Dabei ist das Porträt der Witwe, wie sich versteht, nicht weniger erfunden wie Ivan Makarovs betörendes Gemälde* von 1849.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Natalja_Nikolajewna_Puschkina-Lanskaja#/media/File:N.N.Lanskaya_by_Ivan_Makarov_(1849,_Pushkin_museum)_detail_01.jpg



Pütz, Nelly 19 (1939–59), Kindergärtnerin. Man halte sich einmal vor Augen, wie jung sie selber noch war. Wieviele Lebens- und Heiratspläne, wieviele Blütenträume vom persönlichem Glück muß sie gehegt haben! Sekunden der »spontanen« Entscheidung, und dies alles ging gleichsam den Bach hinunter. Die knapp 20jährige aus Düren war an einer Sommerfreizeit der Kindergruppe der Aachener Arbeiterwohlfahrt im belgischem Nordseebad Middelkerke als Betreuerin beteiligt, wofür sie sogar eigens Schwimmen gelernt hatte.* Am 22. Juli 1959 erspähte sie an einer fürs Baden gesperrten Stelle belgische Kinder, die in der Brandung offensichtlich um ihr Leben kämpften. Zwei von ihnen konnte sie an den Strand bringen, bevor sie, beim dritten Versuch, selber von der tückischen Strömung erfaßt wurde und ertrank. Nach Pütz sind mehrere pädagogische Einrichtungen benannt. Der belgische König ehrte sie. Drei Kinder kamen mit ihr ums Leben.

** Nelly-Pütz-Berufskolleg des Kreises Düren: http://www.nelly-puetz-bk.de/wir-%C3%BCber-uns/



Quakenbrücker Segelflugschülerin 17 († 2012). Für den Autoführerschein war diese vermutlich deutsche junge Frau noch zu jung. Als sie am 4. August 2012 im nieder-sächsischen Quakenbrück mit ihrem unmotorisiertem Flugzeug gegen eine Zeile von Reihenwohnhäusern krachte, war sie 17 und tot. Man könnte das mit dem Hinweis übergehen, kein Fortschritt sei ohne Lehrgeld zu haben. Knapp zwei Jahre darauf legte freilich eine schon 56jährige Segelflugschülerin aus dem nordhessischem Baunatal auf dem nahem Dörnberg (der seit 1924 einen Segelflugplatz bietet) einen zu steilen und damit letztlich »harten« Landeanflug hin, weshalb sie, wegen Verdachts auf schwere Rückenverletzungen, gleich weiter ins Kasseler Rote-Kreuz-Krankenhaus – geflogen wurde.* Eine Alternative wäre der auch nicht ganz ungefährliche Weg über die Autobahn Dortmund–Kassel gewesen. Jetzt fährt die gute Frau vielleicht Rollstuhl.

Jene 17jährige dagegen starb noch am Unfallort. Was die beteiligten BodenbewohnerInnen angeht, kamen sie anscheinend mit dem Schrecken davon. Das Mädchen war auf dem Quakenbrücker Flugplatz per Seilwinde gestartet. Zuletzt war es, nach Augenzeugenberichten, sehr tief geflogen. Laut Untersuchungsbericht der BFU lagen bei der jungen Pilotin weder Anfälle noch Drogenkonsum vor; vielmehr: Überforderung beim erstem Alleinflug. 2009, am 5. Juli, hatte es ein 19jähriger Sportkamerad besser getroffen. Er rettete sich durch Fallschirmabsprung, ehe sein Segelflugzeug bei Quakenbrück in einem Getreidefeld zerschellte.** Auch die brütenden Wachteln waren rechtzeitig davongestoben. Wie ich im Internet lese, lieben es die SegelfliegerInnen, ihren »Sport« als Poesie oder Mentaltraining, somit als gesundheitsdienlich, anonsten harmlos auszugeben. Ertüchtigung und Beherrschung des Luftraums sind nicht im Spiel.

Soweit ich weiß, waren in Deutschland nach dem Zweitem Weltkrieg zunächst alle nichtstaatlichen Flugaktivitäten verboten. Der Segelflug wurde 1951 wieder erlaubt. Der deutsche Faschismus hatte dem Segelflug großes (vormili-tärisches und ideologisches) Gewicht beigemessen; schon in der HJ gab es recht begehrte »Luftsportscharen«, die vor allem Gleit- und Segelflug pflogen. Heutzutage haben wir im schönen Deutschland ungefähr 50 Segelflugunfälle jährlich. 2009 sollen diese sogar den Löwenanteil aller Flugunfälle gestellt haben. 2010 teilt ein FAZ-Sportredak-teur*** beiläufig mit, der gesamte europäische Segelflug fordere jährlich zwischen 16 und 20 Todesopfer. Alle anderen Schäden, die »mentalen« eingeschlossen, wollen wir wieder mit Schweigen bedecken.

* »Segelflugschülerin bei harter Landung schwer verletzt«,
112-magazin.de (Korbach), 17. April 2014: https://112-magazin.de/aus-der-region/item/11716-segelflugsch%C3%BClerin-bei-harter-landungschwer-verletzt
** »Segelflugzeug stürzt in Quakenbrück in Wohnhaus: 17-jährige Pilotin tot«, Bersenbrücker Kreisblatt, 4./6. August 2012 (am Artikelende): https://www.noz.de/artikel/243148/segelflugzeug-sturzt-in-quakenbruck-in-wohnhaus-17-jahrige-pilotin-tot#gallery&0&0&243148
*** Leonhard Kazda, »Weltmeister der Lüfte ...«, FAZ, 18. Juli 2010: https://www.faz.net/aktuell/sport/randsportarten/segelfliegen-weltmeister-der-luefte-mit-der-nummer-007-11012274.html




Quiñones, Hermila García 38 (1972–2010), mexika-nische Polizeichefin, Mordopfer. Ende November 2010 wurde der Wagen, mit dem sie zum Dienst fuhr, auf einer Straße bei Meoqui, Chihuahua, von bewaffneten Unbekannten gestoppt. Sie zwangen die 38jährige Beamtin auszusteigen und erschossen sie. Die TäterInnen wurden verständlicherweise in dem einen oder anderen Drogen-kartell vermutet. Die gelernte Rechtsanwältin war erst wenige Wochen vorher, am 9. Oktober, zur Polizeichefin der Stadt Meoqui ernannt worden. Eine Leibgarde, selbst eine Schußwaffe habe García abgelehnt.* Immerhin soll sie unverheiratet und kinderlos gewesen sein, vielleicht wohlweislich. Von einer Aufklärung des Anschlages ist nichts zu lesen. Laut verschiedenen Quellen fallen in Mexi-ko allein im Drogen-Banden-Krieg jährlich mindestens 30.000 Todesopfer an. Da dürfte so manches Corona-Virus blass vor Neid werden.

Zwei Jahre darauf erwischte es die im Anti-Drogen-Kampf stehende Ärztin und ehemalige Bürgermeisterin der Stadt Tiquicheo, Michoacán. Bis dahin hatte María Santos Gorrostieta Salazar (1976–2012) zwei Anschläge überlebt. Ihren ersten Ehemann hatte sie bereits verloren. Dann wurde die 36jährige dreifache Mutter, die sich inzwischen (erfolglos) für den Kongreß beworben hatte, entführt. Man fand sie einige Tage später tot und verstümmelt in einem Graben. Ihr zweiter Ehemann galt zu dieser Zeit als vermißt.**

* Carmen Cox, »Female Police Chief Murdered in Mexico«, ABC News Radio, 3. Dezember 2010: http://abcnewsradioonline.com/world-news/tag/hermila-garcia-quinones
** Andy Soltis, »A hero to the end: Fearless Mexican mayor who survived two assassination attempts is murdered«, New York Post,
27. November 2012: https://nypost.com/2012/11/27/a-hero-to-the-end-fearless-mexican-mayor-who-survived-two-assassination-attempts-is-murdered/




Rabinowitz-Lerch, Sonja (Sarah) 35 (1882–1918), Tochter eines polnischen jüdischen Gelehrten, an der Revolution in München beteiligt. Nach einigen Quellen muß man annehmen, die Lehrerin, promovierte Geisteswissenschaftlerin und Politikerin habe mit ihrem Gatten, dem Münchener Romanisten Eugen Lerch, ungefähr soviel Glück gehabt wie ihre Zeitgenossin Clara Immerwahr (44) mit Fritz Haber, dem Giftgaschef. Er habe sie auf dem Gewissen. Andere wiederum umschiffen ihr Privatleben, um sie als Märtyrerin des proletarischen Befreiungskampfes auf einen Sockel zu hieven. Dem leistete wohl auch ihr Mitstreiter Ernst Toller Vorschub, der die Heldin seines 192o uraufgeführten Dramas Masse – Mensch an Rabinowitz' Schicksal anlehnte. Dort wird sie hingerichtet. Jahre später jedoch, in seinen wertvollen Jugenderinnerungen*, äußert sich Toller schon etwas differenzierter.

Frau Sonja Lerch ist unter den Verhafteten, die Frau eines Münchener Universitätsprofessors. Der Mann hat sich am ersten Streiktag von ihr losgesagt, aber sie liebte ihn und wollte ihn nicht lassen. Gestern Abend war sie bei mir, trostlos, verstört, ich bot ihr an, die Nacht in meinem Zimmer zu bleiben, ich warnte sie, in das Haus ihres Mannes zurückzukehren, dort zuerst würde die Polizei nach ihr fahnden, sie blieb meinen Worten taub. »Einmal will ich ihn noch sehen, einmal nur«, wiederholte sie unaufhörlich, wie ein Kind, das sich an die zerstörten Reste einer geliebten Puppe klammert. Sie ging. Nachts um drei kam die Polizei und führte sie ins Gefängnis Stadelheim. Sie schrie Tag und Nacht, ihre Schreie hallten durch Zellen und Gänge, Wärtern und Gefangenen gefror das Blut, am vierten Tag fand man sie tot, sie hatte sich erhängt.

Hier ist also weder von einer Hinrichtung noch davon die Rede, Lerch habe Rabinowitz verleumdet und sie gleichsam ans Messer geliefert oder er habe sie in den Selbstmord getrieben. Daß sie einen solchen verübte, steht übrigens bis heute, nach Thomas Anz**, keineswegs unbezweifelbar fest. Es hat nämlich weder eine Obduktion noch sonst eine gerichtliche Untersuchung gegeben. Somit könnte Rabinowitz auch beseitigt worden sein.

Lerch und sie hatten Ende 1912 geheiratet. Gewiß stand Rabinowitz im Vergleich zum erklärtem Pazifisten und Patrioten Lerch weit links. Für die Gattin des Münchener Germanisten Franz Munker war sie, in gekonnter Formulierung, eine »russische Steppenfurie«. Sie habe die ArbeiterInnen stärker aufgestachelt als Eisner. Eine Revolution früher, 1905, war Rabinowitz tatsächlich Mitglied des Arbeiterrates in Odessa gewesen. Nun verdammte sie die Kriegstreiberei aller deutschen Parteien und zählte 1917/18 zu den Aktivisten der neugeschaffenen bayerischen USPD. Als sie im Januar 1918 neben Kurt Eisner, dem designierten »Ministerpräsidenten« des kommenden Freistaates, Munitionsarbeiterstreiks organisierte, wurde sie, wie Eisner und kurz darauf auch Toller, verhaftet. Das war am 1. Februar. Die bürgerliche Presse verdammte die Streiks selbstverständlich, wobei Aktivistin Rabinowitz als vaterlandslose Schlampe hingestellt wurde. Deren erst rund 30 Jahre alte Gatte war damals lediglich Privatdozent an der Universität und verfaßte gerade eine Preisschrift, durch die er, als Romanist, eine reguläre Professur zu erringen trachtete. Nun beeilte er sich offenbar, durch einen Rechtsanwalt in der Lokalpresse bekannt zu geben, er habe sich »aus patriotischen Gründen« schon vor einiger Zeit entschlossen, sich von seiner Gattin zu trennen und daher Scheidungsklage eingereicht. Wenige Wochen darauf, am 29. März, erhängte sich die eingesperrte Rabinowitz.

Neben dem gründlichem Anz-Artikel stütze ich mich auf etwas ältere Aufsätze von Albert Earl Guganus*** und Wolfgang Frühwald****, die wiederum beide, unter anderem, die Erinnerungen Victor Klemperers bemühen, der wie sein Rivale Lerch zu den »Vorzeigeschülern« des renommierten Romanisten Karl Vossler zählte. Frühwald versichert, Lerch habe den ideologischen Vorstellungen seiner Frau gar nicht so fern gestanden, »wie dies in der öffentlichen Debatte erschien«. Sicherlich waren Rabinowitz' Aktivitäten ein »Karrierehindernis« für Lerch, doch der »Idealtypus des staatstreuen Beamten«, den Toller in seinem Ideendrama male, sei er kaum gewesen. Klemperer schätzte Lerchs »Charakter« verständlicher-weise nicht sonderlich hoch, aber von »Lossagung«, »Denunziation« oder ähnlichem ist selbst bei ihm nicht die Rede. Er war ja mit Lerch bekannt und besuchte ihn auch, im April 1918, gemeinsam mit seiner Frau Eva kurz nach dem Selbstmord-Skandal. In seinen Erinnerungen gibt er vor allem Eindrücke und Äußerungen wieder, die auf ein recht verheddertes Ehedrama verweisen, das dem eigenen der Klemperers nicht ganz unähnlich war.*****

Man könnte von daher vermuten, Rabinowitz habe vor allem am Konflikt zwischen ihrem Freiheits- und Betätigungsdrang und ihrer Abhängigkeit von Lerch gelitten. Dabei soll es sich auch oder gar hauptsächlich um eine »erotische«, also keine finanzielle, gehandelt haben, wie es sich ja auch in Tollers im Rückblick gegebenen Anmerkung andeutet. Nach Gurganus/Klemperer stand dem blondem und blauäugigem, etwas »bohemienhaftem« deutschem Romanisten eine sichtlich jüdischstämmige kleine Frau mit dunklen Haaren und Augen, »uneinpräg-samen« Gesicht und etwas unförmigen breiten Hüften gegenüber, also vermutlich keine Eva May oder Marlene Dietrich. Klemperer: »Im Erotischen war sie der abhängigere Teil. Er ließ sich ihre Liebe und Pflege ein wenig paschahaft gefallen.« Eisner war ebenfalls der Ansicht, seine Mitstreiterin habe sich nicht etwa wegen der »Landesverrats«-Vorwürfe erhängt, »sondern um der tiefsten Demütigung ihrer Frauenliebe zuvorzukommen«. Lerch selber soll damals durch eine nachgereichte Presseerklärung versucht haben, sich in etwas weniger schäbiges Licht zu rücken: Sonja habe das Scheidungs-verfahren begrüßt, weil auch sie die Ehe mit einem Beamten als Fessel empfunden habe. Dann erwähnt Gurganus Klemperers Beileidsbesuch bei Lerch, wo dieser ganz aufgelöst gewirkt habe. Einerseits habe er gejammert, sie habe die Scheidung gewollt, habe seinen Besuch im Gefängnis und den von ihm besorgten Rechtsanwalt abgelehnt – das klingt nach weiblichem Starr- und Eigensinn. Andererseits habe er zerknirscht eingeräumt, man könne schon sagen, »daß ich Sonja meiner Laufbahn geopfert habe«. Doch wie auch immer – Schuldgefühle hatte Lerch jede Wette. Er dürfte sie freilich überwunden haben. Den erwähnten Preis und eine nächste Ehefrau ergattert er 1919; die ersehnte Professur 1921. Nach dem Zweitem Weltkrieg stellte Emma Vossler laut Klemperer fest, sie würde Lerch das Verhalten gegenüber Sonja nie verzeihen. Er starb 1952 in Mainz, seiner letzten Lehrstätte. Oder hatte er seine Schuldgefühle doch nicht überwunden? Gestorben (mit 63) nach einer dritten Ehe – und »nach längerem, schwerem Herz- und Lungenleiden«, lese ich.

Frühwald schätzt die Sache so ein: Rabinowitz wollte sich »offenkundig aus Liebe« von ihrem Mann trennen. Und womöglich habe sie sich sogar, »nach dem Zusammen-bruch all ihrer Lebensträume«, aus demselbem Grund umgebracht, um nämlich seiner Laufbahn im Staatsdienst nicht weiter im Wege zu stehen. Dieser Einschub in Gänsefüßchen kommt mir nicht unwichtig vor. Schon vorher hat Frühwald auf Klemperers Erzählung hingewiesen, der offenbar nach Berlin gereiste, vielleicht auch geflüchtete Kollege Lerch habe dort noch kurz vor dem Eintreffen der Selbstmordnachricht einen »trostlos« klingenden Brief seiner inhaftierten Frau erhalten. Darin habe sie auch bekannt, sie befürchte ihr Leben einer verfehlten Sache geopfert zu haben, sprich: der Revolution, zumindest der deutschen von 1918. Was die kurzlebige Münchener »Räterepublik« von 1919 angeht, zeigte ja Toller später, in seinen Jugenderinnerungen, eine ähnliche Reue: sie sei ein unverantwortliches, opferreiches Abenteuer gewesen. Aber die Verstörung könnte noch weiter zurückreichen. Vielleicht waren Rabinowitz' Aktivitäten am Schwarzen Meer und ihre Liebschaft mit dem attraktivem Münchener Romanisten auch schon solche Abenteuer gewesen – und alles zusammen ein bißchen zuviel für eine. Man hat den Verdacht, die Dinge seien ihr über den Kopf gewachsen. Anz führt Bemerkungen ihres Vaters zum Scheitern Sonjas in Odessa und zu den anschließenden Verfolgungen an, die sie sowohl als Rebellin wie als Jüdin zu erleiden hatte. Das habe seine Tochter »traumatisiert«, soll er (um 1907) geklagt haben. Das arme Kind sei nicht mehr normal; er befürchte, Sonja sei oder werde gemütskrank. Jetzt hatte sie wieder fast zwei Monate Gefängnis hinter sich, und für den 3. April war die Anhörung vorm Scheidungsgericht einberaumt. Da wäre ein sogenannter Kurzschluß, ein Verkriechen in der Schlinge ihres Schals, wohl kaum verblüffend.

Damit soll die Mordversion – ob auf den Staat oder den Ehemann gemünzt – nicht weggeblasen sein, wie auch Anz betont. Er hält jedoch mit dem Buchautor Günther Gerstenberg fest, im Grunde sei es unerheblich, ob Rabinowitz ihren Schal nun eigenhändig knüpfte oder nicht. »Ihr Tod war nicht freiwillig, die Umstände haben sie dazu getrieben; eine Exekution kann auch indirekt erfolgen.«

* Eine Jugend in Deutschland, Amsterdam 1933, hier Stuttgart (Reclam) 2011, S. 89
** Thomas Anz, »Zum Tod der pazifistischen Revolutionärin Sonja Lerch vor 100 Jahren in München«, Literaturkritik.de, Nr. 4 April 2018: https://literaturkritik.de/tod-pazifistische-revolutionaerin-sonja-lerch-1918-naumann-gerstenberg,24380.html
*** »Sarah Sonja Lerch, née Rabinowitz: The Sonja Irene L. of Toller's Masse – Mensch«, in: German Studies Review, Jg. 28, Nr. 3, Oktober 2005, S. 607–20
**** Nachwort zu Ernst Tollers Masse – Mensch, Stuttgart (Reclam) 2010, bes. S. 86–94
***** Näheres geht aus meiner ausführlichen Betrachtung »Klemperers Frauen« von 2014 hervor, die als PDF angefordert oder hier gelesen werden kann. Sie nimmt auch kritisch zu Klemperers berühmten Tagebüchern Stellung.




Radama I. um 35 (c.1793–1828), britenfreundlicher madegassischer König. Ein Gemälde zeigt ihn gerten-schlank, noch größer als Napoleon und natürlich kaffee-braun. Er kam 1810, mit 18, in der Hauptstadt Antana-narivo auf den Thron und soll zügig daran gegangen sein, sich alle noch nicht »erschlossenen« Landesteile zu unterwerfen und sie, mit britischer Hilfe, zu zentralisieren und zu christianisieren. Er selber stand wohl eher dem Islam nahe, hatte jedenfalls etliche Frauen. Er soll vergleichsweise jung an einer Infektion gestorben sein, die sein beträchtlicher Alkoholkonsum nicht einzudämmen verstand.

Madagaskar ist übrigens eine große Insel vor der ostafrikanischen Küste. Jeder, der in einer christlichen Jungschar zum Manne reifte, kennt sie selbstverständlich, weil da, zur Klampfe, mit Begeisterung »Wir lagen vor Madagaskar« geschmettert worden ist. Nur kommt die Insel in dem Lied gar nicht vor. Man kann nur raten, was die lieben Matrosen eigentlich vor oder in Madagaskar zu suchen hatten. In dieser Hinsicht hätte auch ein Fanbrief an Heino jede Wette wenig geholfen. Möglicherweise hatten sie Bibeln und Flinten für Radama geladen und nahmen dafür ein Schock Sklaven und ein paar knackige Weibsbilder mit. Bald nach Radama I. wurde die Sklaverei sogar abgeschafft, 1877. Neben den Briten hatten vor allem die Franzosen ein Auge auf die Insel geworfen, und gegen Ende des Jahrhunderts einigten sich die beiden WohltäterInnen der unterentwickelten Weltteile darauf, auf Madagaskar eine französische Kolonie einzurichten. Das ging nun Jahrzehnte so. Allein 1947 schlugen die Franzosen einen Aufstand nieder, bei dem mindestens 60.000 Leute nicht wieder vom Felde aufstanden, weil sie tot waren. Dergleichen Stoff war für das Lied »Wir lagen vor Madagaskar« ungeeignet. 1960 gewährte Frankreich die Unabhängigkeit. Den sogenannten Sozialismus lernten die Einheimischen bis zur Stunde immer nur als Fata Morgana kennen.

Ich habe bereits gelegentlich auf meine drei Erzählungen aus kleineren »Freien Republiken« hingewiesen. Sie sind ohne Zweifel schön und gut (das meine ich im Ernst), aber wie sich versteht, sind sie auch stark vereinfacht. In der Realität stoßen Versuche solcher Republikgründungen auf derart viele, überwiegend störende Faktoren, daß sie über kurz oder lang zusammenbrechen – unter Umständen bereits nach 10 Tagen, wie Nikola >Karevs Zwergrepublik Kruševo in Makedonien. Heute werden die rund 25 Millionen, die auf Madagaskar leben, durch die bunten, oft orangefarbenen Werbeprogramme der Westlichen Tauschwertgemeinschaft, dabei insbesondere die Ermahnungen von deren Impfpäpsten behämmert. Nebenbei wäre die Insel wahrscheinlich selbst ohne die imperialistischen Begehrlichkeiten kein makelloses Paradies. Das tropische Klima bringt Schwüle und Orkane, die so manches wegblasen, nur die Mobilfunknetze und die Satelliten der Zentralbanken nicht.

Im Internet-Magazin Rubikon spricht Dharmendra Laur gerade von der enormen verheerenden Welle, die in der Weltwirtschaft unter dem Deckmantel der Virus-Bekämpfung auf uns zurollt.* Den Mittelstand wegfegen, die Preise hochtreiben und endlich die digitale Währung einführen. Diese wird in der Tat happig. Sie ermöglicht den Steuermännern der Eliten die totale Kontrolle des Geldverkehrs, also auch unseres Konsumverhaltens und unserer Lebenserwartung. Der ganze großangelegte Umbau des krisengeschüttelten Kapitalismus' stellt sich als Dampfwalze dar, gegen den die von Robert Kurz so genannte »nachholende Modernisierung« in der Sowjetunion ein Sandkastenspiel war. Aber er stelle auch die Gelegenheit für uns Randständigen dar, behauptet der studierte Physiker und »spirituell« gestimmte Politiker Laur so kühn, kurzangebunden und einfältig, daß ich mich nur an den Kopf fassen kann. Geschickt genug gehandelt, könnten wir »die entstehenden Dynamiken nutzen und die Gesellschaft in eine Richtung lenken, in der Freiheit und Selbstbestimmung für alle eine Selbstverständlichkeit« seien – und das auch noch fettgedruckt, wie bei Rubikon üblich, damit auch der Dümmste noch mitkommt. Laurs zentraler Hebel ist dabei die Mobilisierung unserer inneren Kräfte. Stichwort: Meditation. Dadurch wird Laur eine massenhafte Stärkung erzielen, die uns beim Straßenkampf gegen die Dampfwalze unschlagbar macht.

Spott beiseite, bin ich keineswegs dagegen, daß man solche Ansichten zur Diskussion stellt. Ich gebe gleichwohl zu bedenken: Laur, der Autor, ist erst 30 Jahre alt. Lasse ich die vorwitzigen und unreifen Vorschläge in meiner Erinnerung aufscheinen, die ich mir selber einst in diesem Alter leistete, geht die Schamröte in meinem Antlitz auf. Ich sehe hier ein Riesenhindernis im Befreiungskampf, das oft unterschätzt wird. Es ist die gleichsam natürliche Spaltung der Gesellschaft in Lebensalter, Bildungsgrade, Einsichtsfähigkeit. Die darin liegenden Unterschiede und Widersprüche werden sich wahrscheinlich immer ins Gehege kommen, auch in meinen schönen Zwergrepu-bliken. Zu allem Unglück war die Angelegenheit in meinem persönlichen Fall auch noch mit ungewöhnlicher Begriffs-stutzigkeit gepaart, von Mitschülern oder Kampfgenossen gern »lange Leitung« genannt. Um dieses mutmaßliche Naturell zu erkennen, meine Langsamkeit also, benötigte ich allerdings, ab 30, noch einmal zwei bis drei Jahrzehnte. Das war der letzte Beweis.

* »Die Überdehnung der Blase«, 18. Mai 2021: https://www.rubikon.news/artikel/die-uberdehnung-der-blase



Ramanujan, Srinivasa 32 (1887–1920). Von dem Wahl-Briten aus dem südindischem Bundesstaat Tamil Nadu haben Sie möglicherweise noch nie gehört, obwohl er in seiner Heimat ein Star ist. Er hatte das Licht der Welt in einer verarmten Brahmanen-Familie erblickt, scheint die Welt jedoch sofort durch Kästchen-Papier wahrgenommen zu haben. In der Schule soll er in sämtlichen Fächern außer Mathematik eine Niete gewesen sein, sodaß es nicht Wunder nimmt, wenn er unter seinen Mitschülern als Langweiler galt. Sie konnten eben den mathematischen Aus- und Höhenflügen des »Wunderkindes« nicht im geringsten folgen. Dafür verpaßt Ramanujan (sprich »Rah-mah-nu-dschän«) den Schulabschluß. 1909 wird der gläubige Hindu in einem eher fragwürdigem Versuch, ihn von seiner Besessenheit zu heilen, mit der 10jährigen Janaki verheiratet, die er nie zuvor gesehen hat. Zwar kann der junge Mann gelegentlich schon Beiträge zur Problem-Mathematik in Zeitschriften veröffentlichen, doch seine Armut helfen sie nicht beheben. 1912 ergattert er einen Job in der Hafenverwaltung von Madras, der ihm außer Geld Spielraum für seine Knobeleien gewährt. Daneben bemüht er sich um Kontakte in der weiten mathematischen Welt.

Nach einigen Abweisungen zieht er in Gestalt des britischen Professors Godefrey Harold Hardy (1877–1947), den aus den eingereichten Formeln sofort Ramanujans Genie anspringt, das vermeintlich große Los. Hardy holt ihn 1914 nach Cambridge und verschafft ihm ein Stipendium. Nun findet der indische Strohwitwer (der seine erst 15jährige Gattin lieber zu Hause ließ) einerseits rasch enorme Anerkennung in der Fachwelt, andererseits setzen ihm Probleme der Arbeitsorganisation, das naßkalte Klima und Heimweh zu. An Tuberkulose erkrankt, ist auch die Kriegsernährung nicht zu seiner Gesundung angetan. 1919, nach Kriegsende, krank nach Indien zurückgekehrt, stirbt Ramanujan schon ein Jahr darauf mit 32 Jahren. Seine Witwe S. Janaki Ammal Ramanujan wird dagegen geschlagene 95 Jahre alt. Gemeinsame Kinder sind in meinen Quellen nicht erwähnt. Ramanujan, der nun große Sohn des indischen Kontinents, erscheint wiederholt auf Briefmarken. Er findet Eingang in diverse Kunst- oder Schundwerke. Seit 2011 gilt Ramanujans Geburtstag in Indien offiziell als Nationaler Tag der Mathematik. Alle paar Jahre geht die Meldung durch die Medien, der Mathematiker Soundso habe nun auch das von Ramanujan hinterlassene mathematische Problem XYZ überprüft und Ramanujans Lösung für stichhaltig befunden.

Möglicherweise begreifen Nicht-Fachidioten, wie man sie heute zuweilen schimpft, nicht ganz, was das indische Genie der Welt eigentlich geschenkt habe. Folgt man Ernst Horst (FAZ 1993), bereicherte er sie auf dem Gebiet der »reinen Mathematik, die nur des freien Laufs der Phanta-sie bedarf, um gewaltige Denkgebäude aus dem Nichts zu schaffen«, und die natürlicherweise, unter ihren Betrei-bern, »ganz spezifische Persönlichkeiten« hervorbringe. Welche, sagt Horst leider nicht.

Der heutige Freiburger Professor Stefan Kebekus, geboren 1970, bricht 1997 auf der Webseite seiner damaligen Universität in Bayreuth eine Lanze für die Mathematik im allgemeinen, ohne Ramanujan auch nur zu erwähnen: »Differential- und Integralrechnung wird an den Schulen gelehrt, weil sie Grundlage sämtlicher Natur- und Ingenieurwissenschaften ist und zum Verständnis vieler anderer Wissenschaften benötigt wird.« Wie sich versteht, zehren auch die Computer von Rechenkünsten. Mathematisch hoch aufgerüstet, steuern sie beispielsweise U-Bahn- oder Telefon-Netze, Kraftwerke und viele allermodernste medizinische Geräte, etwa der Computer-tomographie. Das ist ein bildgebendes Verfahren der Diagnostik, bei dem der mutmaßlich Kranke zwecks Bestrahlung in eine Röhre gesteckt wird, bei der man unwillkürlich an Genf denkt. All diese Errungenschaften besitzen nämlich ungefähr die Kragenweite der gleichfalls von Kebekus angeführten riesigen Teilchenbeschleuniger unserer spielfreudigen AtomphysikerInnen, vor allem hinsichtlich ihrer Heilkraft und ihrer gesellschaftlichen Unverzichtbarkeit. Vermutlich darf man sich den Hinweis, durch Jahrtausende hinweg hätten unsere Vorfahren Häuser, Brücken, ja sogar gotische Dome ohne Zurhilfe-nahme jeder höheren Mathematik gebaut, zumindest an den Universitäten von Bayreuth und Freiburg nicht erlauben. Man wird erbost zu hören bekommen, sie seien aber unfähig gewesen, Flugbahnen von Mondraketen oder auch nur von Drohnen zu berechnen.

Schwieriger sei freilich die »nicht-angewandte«, also jene »reine« Mathematik zu rechtfertigen, räumt Kebekus immerhin ein, beispielsweise die viele hundert Jahre lange Beschäftigung zahlreicher genialer Gehirne mit dem Problem der Quadratur des Kreises oder der Fermatschen Vermutung. Im Gegensatz zu Ramanujans Mentor Hardy, der noch meinte, für diese zahlentheoretischen Spielereien gäbe es keinerlei Anwendung, verweist Kebekus jedoch auf die Verschlüsselungen in der Nachrichtentechnik, die eben aus dieser Ecke gekommen seien. Eine frohe Botschaft also für unsere Geheimdienste: es ist nicht nur ein müßiges teures Spiel, das sie treiben. Forscher- und LehrerInnen wie Kebekus sprechen sich deshalb dafür aus, jene Unterscheidung zwischen reiner und angewandter Mathematik fallen zu lassen. Aber um Gotteswillen nicht die Mathematik selbst! Oder gar die Spionage.

Zu solchen »Mischlingen«, wie sie Kebekus im Auge hat, zählte wahrscheinlich auch schon ein berühmter deutscher Vorläufer und Leidensgenosse Ramanujans, der Göttinger Professor Bernhard Riemann, der 1866 bei einem vergeb-lichem Kuraufenthalt in Italien gleichfalls der Tuberkulose erlag. Riemann kam auf 39. Er soll sowohl wichtige Beiträge zur Zahlentheorie wie zur oben hervorgehobenen Differential- und Integralrechnung beigesteuert haben. Nach ihm sind zahlreiche mathematische Strukturen benannt, darunter auch eine Riemannsche Vermutung. Vielleicht wären es noch mehr geworden, hätte seine Göttinger Haushälterin, wie es heißt, nach seinem Ableben nicht unverzüglich einige Papierstöße von des Professors Schreibtisch in des Professors Kachelofen verlagert, weil sie auf diese Weise endlich einmal unbehindert Staub wischen konnte. Auch Sie dürfen die Ärmel aufkrempeln, gilt doch Riemanns Vermutung nach wie vor als unbewiesen.



Rampi, Alfredo 6 (1975–81), italienisches Unfallopfer. Im Juni 1981 waren Scharen von Rettungskräften unter lebhafter Anteilnahme von geilen Rudeln der Medien bemüht, Alfredo in Frascati (bei Rom in den Albaner Bergen) aus einem Brunnen zu bergen, in den er gestürzt war. Der Brunnen war 80 Meter tief, aber nur 30 Zenti-meter breit. Ungefähr auf 30 Meter stecken geblieben, rutschte der Junge zu allem Unglück während der Rettungsversuche noch tiefer. Alle Versuche mißlangen. Alfredo starb nach rund drei Tagen schrecklicher Gefangenschaft. Soweit ich sehe, war der Brunnen nicht oder nur mangelhaft abgedeckt, weshalb man den Grundstückseigentümer später zur Verantwortung zog.

Was die Rudel der sogenannten Massenmedien angeht, sprach F. G. Jünger bereits um 1950 (in Die Perfektion der Technik) von fliegenhafter Zudringlichkeit. Ihre Rechtfertigung war nie glaubhaft. Was trug das völlig überzogene Aufsehen zu Alfredos Rettung bei? Nichts. Was hatten die Vorbeugung, was »die Wahrheit« oder »die Geschichtsschreibung« davon? Nichts. Was hier allein profitierte, waren die Konzerne und ihre journalistischen HandlangerInnen, die sich enorm in ihrer Bedeutung gehoben sahen. Sie waren vor Ort. Sie waren mitten drin. Aber der unausrottbare Gegenwartsstolz ließ natürlich auch ihr Millionenpublikum wieder ein paar Zentimeter wachsen. Heute hat der Fernsehkonsument schon fast die Höhe seines ungefähr scheunentorgroßen Bildschirms erreicht. Er ist dabei. Nichts entgeht ihm – nur das, was er nach Auffassung der MacherInnen besser nicht sehen soll. Er bekommt alles mit, ohne sich auch nur von der Stelle zu rühren. Jetzt erlebt er, wie die Bohrkräne über Julens Kerker auffahren. »Ach wie gut, daß unsere Kleinen in Quarantäne sind!« nicken sich zwei Nachbarinnen in Brüheim an der Nesse erleichtert zu. »Ihnen kann so etwas nicht passieren.«

Der Kerker des zweijährigen Julen Roselló († Januar 2019) soll noch fünf Zentimeter enger gewesen sein: ein über 100 Meter tiefer Brunnenschacht bei Totalán, Südspanien. Julen war beim Spielen hineingefallen. Der Schacht wurde als illegal ausgehoben und leicht übersehbar angeprangert. Nach knapp 14tägigen Bemühungen konnte nur noch die Leiche Julens geborgen werden. Immerhin befand der Autopsiebericht, aufgrund seiner Kopfverletzungen habe er den Sturz nur um Minuten überlebt. Anderseits hatten die Eltern nun schon das zweite Kind verloren. Julens älterer Bruder Oliver war im Mai 2017 mit knapp drei Jahren an Herzversagen gestorben. Der Besitzer des illegalen, ungesicherten Brunnens kam mit einem Jahr Gefängnis auf Bewährung davon, hatte allerdings zusätzlich gut 800.000 Euro für die Eltern und die Bergungsarbeiten zu zahlen.*

* »Grundstückbesitzer zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt«, Spiegel, 21. Januar 2020: https://www.spiegel.de/panorama/justiz/spanien-tod-von-julen-grundstueckbesitzer-zu-einem-jahr-haft-auf-bewaehrung-verurteilt-a-b3be72c6-179d-4fb6-b99b-052692730143



Randles, Paul 37 (1965–2003), US-Spieleentwickler aus dem Staat Washington, wo er auch starb: Krebs. Offenbar hat er hauptsächlich Brett- und Kartenspiele entwickelt und, zuletzt, auf eigene Rechnung verkauft. Einige Spiele aus seinem Stall, etwa Piratenbucht, sollen Renner sein. Wahrscheinlich verdiente er einen Haufen Geld. Den steckte er dann, vielleicht, in »Chemotherapien«, die ihn noch kränker machten. Laut einer Gedenk-Webseite* hatte er eine Gattin, zwei Katzen und eine ungewöhnliche Gabe zum Geben. Somit zehrte er vor allem davon, seine Freunde, ja die ganze Welt beschenken zu dürfen. Nebenbei war er Golfspieler, was übrigens auch eine Stange Geld kostet. Ein Brustbild zeigt ihn mit Golfkappe – und lachend.

Denkt man, mangels biografischen Stoffs, über das Wesen des Spiels nach, stößt man zunächst auf die landläufige Auffassung, es stehe dem »Ernst des Lebens« gegenüber. Wahrscheinlich ist sie falsch. Zwar weist F. G. Jünger in seiner betörend geschriebenen Untersuchung Die Spiele von 1953 darauf hin, der Nichtspielende sei nicht unbedingt immer ernst, während dem Spiel ein ihm eigener Ernst innewohnen könne, doch den wesentlichen Unterschied zwischen Spiel und Leben macht er meines Erachtens nicht deutlich genug: Kennzeichen des Spiels sei seine Selbstgenügsamkeit; es könne nicht an Zwecke gebunden werden, die über seine Grenzen und Regeln hinausreichen.

Danach handelt es sich um einen ganz bestimmten Ernst, der dem Spiel – in seinen gehüteten Formen – völlig fremd ist. Er liegt im Unwiderruflichem und Verkettetem unseres Lebens. Im Leben vermehrt jeder Augenblick eine Last, die auf uns ruht. Wäre sie ein Tornister, könnten wir sie kurzerhand abwerfen, doch sie ist mit uns verwachsen – gleichsam unser ständig anschwellender Buckel. Hätte dieser zumindest einen Deckel, könnten wir vielleicht den einen oder anderen Augenblick wieder herausfischen, um ihn zu vernichten. Wer wüßte nicht ein Lied davon zu singen, sich jäh unter einer Beschämung zu ducken, die uns vor vielen Jahren traf, oder sich unter Reue zu winden, sobald wir an eine nicht ergriffene Chance erinnert werden, durch die wir vielleicht das Ruder unseres Lebens herumgeworfen hätten? Wer wüßte nicht, daß der Spielraum, in dem wir uns noch verändern können, mit jedem Tag enger wird? Daß niemand sich selber entkommt?

Nur das Spiel gewährt uns diese Chance. Hier werden die Karten neu gemischt, die Steine vom Tisch gewischt, alles neu macht der Mai. Mit jeder neuen Partie steigt man wie Phönix aus der Asche. Im Gegensatz zum Leben ist das Spiel wiederholbar. Und da es bestimmten und es beschränkenden Regeln folgt, ist es auch ungleich überschaubarer als jeder kleinste Abschnitt unsres Lebens. Zumal am Kartenspieltisch hält sich das Unwägbare und Unvorhergesehene – es mag schrecklich oder entzückend sein – in wunderbar engen Grenzen. Da wird nach Regeln gekämpft, die sich jeder Trottel einprägen kann. Da gilt es lediglich, Tröten ins Feld zu werfen, die seit den Pharaonen und Mona Lisen keine Miene verziehen. Und so überall. Ob du mit deinen Freunden Schach, Snooker oder Fußball spielst, du betätigst dich nicht auf einem weitem Feld, das deine treuherzigen oder ausgefuchsten Erwägungen zu »Pappelblättern« herabstuft, die »jedem Anhauch der Welt« preisgegeben sind. Das gilt erst im Profisport, der von soundsovielen finsteren Mächten gesteuert wird.

Die »Pappelblätter« stammen vom französischem Denker Alain. In seinem Buch Lebensalter und Anschauung von 1927, Kapitel »Die Spiele«, hat er sich ausführlich im obigen Sinne geäußert. Er unterstreicht darin den folgenden Aspekt. »Spiel kennt kein Erinnern und kein Denkmal: das unterscheidet es von der Kunst. Spiel will durchaus nichts wissen von erreichter Stellung, von Zeugnissen, von Vorrechten, die vergangene Dienste ins Gedächtnis rufen: das unterscheidet es von der Arbeit.« Bringt Randles also nicht mit Waschmitteln oder Drohnensteuerungen, sondern eben mit Spielgeräten Geld ins Haus, hat es nichts zu bedeuten: Er verfolgt seine berufliche Laufbahn.

Bekanntlich kürzt die Arbeit gern ab – versuchen Sie das einmal in einem Snookersalon! Sobald sie die 15 Roten mit einem Rutsch ihres Armes kurzerhand in die Ecktaschen schieben, wird ein gestrenger Mensch mit weißen Hand-schuhen aus dem Schatten treten und Sie am Schlawitt-chen packen, um Sie an den nächsten Garderobenhaken zu hängen. Im Spiel werden Fouls geahndet; im Leben belohnt.

* https://www.celestis.com/participants-testimonials/paul-j-randles/



Rattay, Klaus-Jürgen 18 (1962–81). Der berufslose Tramper war zuletzt in der Westberliner Hausbesetzer-szene heimisch geworden. Laut ND standen damals in der »Frontstadt« 10.000 Wohnungen leer.* Die Altbauten waren Spekulationsobjekte. Dem galt der Widerstand. Doch Rattay hatte Pech. Bei einem Polizeieinsatz anläßlich einer aufreizend wirkenden Pressekonferenz des Innen-senators Heinrich Lummer, der gerade acht Räumungen von besetzten Häusern veranlaßt oder angekündigt hatte, wurde der junge Mann vom Niederrhein im September 1981 auf der Kreuzung Bülowstraße/Potsdamer Straße von einem Bus der BVG erfaßt und zu Tode geschleift. Die Polizei hatte den Verkehr auf der Kreuzung nicht unterbunden. Sie log zunächst, Rattay habe die Frontscheibe des Busses mit einem Stein zertrümmern wollen und sei dabei von der Stoßstange abgeglitten. Zahlreiche Zeugen und sogar die Tagesschau konnten das widerlegen. Vielmehr hatte eine polizeiliche Übermacht ein Häuflein ohnmächtig lärmender Demonstranten auf Wink des Innensenators vorsätzlich in den strömenden Autoverkehr getrieben. Der Innensenator hatte sich damals »in Feldherrenmanier« (taz), von Presseleuten umringt, auf einem Balkon des bereits geräumten Hauses Bülowstraße 89 aufgepflanzt, während Arbeiter emsig Fensterrahmen herausbrachen und in den Hinterhof warfen. Aber Lummer blieb im Amt.** »Er ging auch nicht, als Monate später das Berliner Verwaltungsgericht diesen Einsatz für rechtswidrig erklärte«, schreibt das ND. Eine gerichtliche Klärung des Todesfalls habe jedoch nie stattgefunden. Ein Versuch von Rattays Eltern, eine Klage zu »erzwingen«, wurde abgeschmettert.

Dem ND zufolge war es noch am Todestag, auf Initiative der Gewerkschaft GEW, zu einem machtvollem Schweigemarsch gekommen. Man legte an der Unfallstelle Blumen und Kränze nieder. Der Lehrer Michael Cramer erinnert sich an etwas »Unglaubliches«, so das Blatt: Polizisten hätten die Blumen und Kränze mit ihren Stiefeln zertrampelt. »Es war schwer, in diesem Moment ruhig zu bleiben. Vor allem, als wir mitkriegten, dass von der Polizei die Nachricht verbreitet wurde, ein Polizist sei von Demonstranten erstochen worden.« Mit dieser gezielt verbreiteten Falschmeldung habe die Polizei anscheinend versucht, die Situation umzukippen. Und es gelang ihr. War der Schweigemarsch bis dahin »absolut friedlich« verlaufen, wie Cramer versichert, kam es nun über Tage hinweg zu Krawallen.

Es war die Methode Benno >Ohnesorg. Die damalige Polizeilüge war inzwischen 14 Jahre alt, aber sie griff immer noch.

* Regina Seifert, »Der Tote von der Potsdamer Straße«, Neues Deutschland, 22. September 2001: https://www.neues-deutschland.de/artikel/5347.der-tote-von-der-potsdamer-strasse.html
** Manfred Maurenbrecher hatte damals gerade eine Solokarriere in Angriff genommen. Auf seiner ersten Langspielplatte MaurenBrecher von 1982 findet sich das Lied »Kleiner Mann«, das offensichtlich von einem etwas untersetzt wirkendem Landespolitiker und einem blutigem Polizeieinsatz angeregt wurde, wenn mich mein Gedächtnis nicht völlig trügt. Wir wohnten damals im selbem Kreuzberger Hinter-haus. Ich kann die Platte nur empfehlen. Lummer starb erst 2019 (in Berlin) mit 86.




Raubenheimer, Marc 31 (1952–83), südafrikanischer Pianist. Der »Hoffnungsträger« aller eingeweihten »Klassik«-Fans beziehungsweise der VermarkterInnen der »Klassik« befand sich am 7. Dezember 1983 in Madrid, Flughafen Barajas. Er wurde in Santander, Nordspanien, für ein Konzert erwartet. Die Douglas DC-9, in der Raubenheimer saß, rollte jedoch bei dichtem Nebel auf die falsche Startbahn und stieß dort mit einer Boeing 727 zusammen, die ebenfalls gerade abheben wollte, Richtung Rom. Diese Maschine soll Sekunden vor dem »crash« bereits auf 200 km/h beschleunigt gewesen sein. Auf dem rauchenden Trümmerfeld blieben im ganzen 93 Tote und etliche Schwerverletzte zurück. 10 Tage früher hatte es freilich ganz in der Nähe beim gescheiterten Landeanflug einer anderen Boeing auch schon 181 Tote gegeben, wie sogar im Calgary Herald (Alberta, Kanada) erwähnt worden ist.*

* »Madrid airport crash death toll set at 92«, 8. Dezember 1983: https://news.google.com/newspapers?id=AXZkAAAAIBAJ&pg=2630,4174499&dq=madrid+runway+collision+92&hl=en. Der ältere »crash« betraf den Avianca-Flug 011 vom 27. November 1983.



Ravnkilde, Adda 21 (1862–83), dänische Autorin aus provinziellem bürgerlichem Hause, streckenweise als Erzieherin tätig. In ihrem letztem Lebensjahr geht sie nach Kopenhagen, wo sie Georg Brandes mehrere Manuskripte unterbreitet und ins Universitätsleben eintaucht, wobei sie unter anderem Brandes' Vorlesungen besucht. Der bekannte Gelehrte und Mentor soll dann auch für (stark beschnittene) Veröffentlichungen einiger Arbeiten der Verehrerin gesorgt haben – nur hatte sich diese inzwischen schon umgebracht.

Ein Porträtfoto läßt vermuten, Ravnkilde habe, im landläufigen Sinne, ähnlich wenig »attraktiv« wie Victoria >Benedictsson gewirkt, die sich bekanntlich fünf Jahre nach ihr, mit 38, das Leben nahm. In der Tat soll (auch) Ravnkilde an unerfülltem Liebesverlangen gelitten haben, was prompt in ihre Erzählungen einging, und zwar recht unzeitgemäß unverblümt. Sie umkreisen außerdem die Hürden, die weiblicher und künstlerischer Selbstständig-keit entgegen stehen. Ein wichtiger Anstoß für Ravnkildes Befreiungskampf war laut Inger-Lise Hjordt-Vetlesen* »John Stuart Mills Werk über die Unterwerfung von Frauen, das Brandes bereits im Jahr der Veröffentlichung 1869 übersetzt hatte«. Man sieht, der Mann hatte überall seine Finger drin …

Ob und in welchem Maße Brandes dafür verantwortlich gemacht werden könnte, daß sich seine 21jährige Verehrerin am 29. November 1883 in ihrer Pension die Halsschlagader durchtrennte und vorsichtshalber auch noch erschoß, soll allerdings offen und wahrscheinlich nie zu klären sein. Sicherlich habe Ravnkilde fieberhaft auf Brandes' Befund gewartet, aber der Schriftsteller war vielbeschäftigt und vielgefragt. War sie enttäuscht vom niedrigen Stand der Frauenemanzipation in der Metropole? Riß die Kluft zwischen künstlerischem Anspruch und Realität auf? Ein konreter Anlaß in Gestalt einer heiklen Liebesaffäre wird nirgends erwähnt. Offenbar hinterließ Ravnkilde auch keine Erklärungen.

Aber selbst in dieser Hinsicht wäre Brandes als Pferdefuß denkbar – sogar als unschuldiger. Möglicherweise hatte seine Verehrerin eine verhängnisvolle Neigung zu deutlich älteren Männern. Ihr Vater, Stadt- und Bezirksschreiber in der lolländischen Kleinstadt Sakskøbing, hatte zwar zuletzt ihren Freiheitsdrang für überzogen gehalten, doch bis dahin soll er sie durchaus geachtet und geförderte haben. 1881 verliebte sie sich in den 35jährigen Gutsbesitzer Peter Brønnum Scavenius til Voergaard ved Dronninglund – hoffnungslos. Ihre ästhetischen Vorstellungen wichen anscheinend krass von den aristokratischen, wohl eher derben des Landwirts ab. Einzelheiten sind nicht bekannt.

* »Adda Ravnkilde«, Det Kgl. Biblioteks tekstportal, o. J.: https://tekster.kb.dk/text/adl-authors-addaravnkilde-p-root



Reding, Serge 33 (1941–75), belgischer Gewichtheber. Wie zumindest jeder Sportjournalist weiß, wog er, bei einer Körpergröße von 1 Meter 73 und einer Schuhgröße von 43, »in seinen besten Zeiten« um 140 Kilogramm. Viel mehr als diese Zeiten erlebte der Fleischberg aus den belgischen Ardennen auch nicht, starb er doch schon mit 33 in einem asiatischem Hotel.

Reding hatte sich erst mit 17 in Brüssel für »Gymnastik« erwärmt. Bis dahin war er gern durch die Wälder gelaufen. Im Februar 1959 nimmt der noch nicht 18jährige, 90 Kilo schwere Junge das systematische Training im Gewicht-heben auf. 10 Jahre darauf hebt er seinen ersten Weltrekord. Erstaunlicherweise ist »Amateur« Reding, nach dem Militärdienst, ab 1964 in der Belgischen Nationalbücherei als Bibliothekar tätig, weshalb er schwerlich als tumber Bergbauernbub verunglimpft werden kann. Nach Redings »Hobbys« befragt, gibt Nationaltrainer André Dupont 1972 »Lesen« und »Kino« an. Als Sportler sammelt Reding Medaillen bei Meister-schaften und Olympischen Spielen (Silber in Mexiko City 1968) und bricht, im ganzen, sechs Weltrekorde. In München 1972 geht er leider leer aus. Der tödliche Anschlag auf Israels Olympiamannschaft, dem auch mehrere Gewichtheber zum Opfer fielen, habe ihn derart aus dem Gleichgewicht gebracht, daß er anderntags im »Drücken« drei Fehlversuche hatte, ist öfter zu lesen. Tommy Kono dagegen, damals Cheftrainer der deutschen Heber, führt dieses Mißlingen auf eine Handgelenkverlet-zung Redings zurück, die er sich beim Aufwärmen zugezogen habe. Zuvor sei er, in München, in bester Form gewesen. Aber Reding habe in seiner ganzen Laufbahn ohnehin zuviel Pech gehabt. Wie auch immer, das Gold ging wieder einmal an Redings »Angstgegner« Wassili Alexejew aus der UdSSR, den der Belgier im unmittelba-rem Vergleich nie schlagen konnte. Auch Redings erste Ehe mit einer jungen Polin, Ewa Cernewska, scheitert.

Bei der Weltmeisterschaft von 1974 in Manila erringt »The Big Belgian« erneut Silber und verliebt sich zudem in eine junge philippinische Kellnerin, Yvonne S., die er in den folgenden Monaten öfter besucht. Bei diesen Aktivitäten »überhebt« sich der Verzückte, wenn wir der Boulevardpresse aus dem Juni 1975 trauen wollen. »Zweitstärkster Mann der Welt stirbt nach Liebesnacht«. Quellen zufolge, die sich seriöser geben, hat der 33jährige Koloß mit dem Stiernacken in seinem Hotel in Manila einen Herzinfarkt erlitten – mehr nicht. Man glaubt es gern, weil Reding um des lieben Muskelaufbau willens vermutlich im Laufe der Jahre einige Pfund Anabolika zu sich genommen hatte, wie unterschiedliche Quellen argwöhnen. Laut Spiegel (20/1988) kann solches Doping sogar zu »tiefer Depression« führen – in welcher just Reding »Selbstmord begangen« habe. Wieder andere Quellen hegen aufgrund der undurchsichtigen Umstände Raub- und Mordverdächte. Trainer Dupont zum Beispiel versichert, Reding habe ein gesundes Herz gehabt. Zu einer Gegen-Autopsie in Belgien sei es befremdlicherweise nicht gekommen. Dupont scheint zu glauben, der leichtgläubige Schwergewichtler sei von jenem Mädchen, das ihm den Kopf verdrehte, als eine Art Türöffner nach Europa, vielleicht auch als Geldquelle mißbraucht worden. Drei Millionen Franken (70.000 Euro?) seien verschwun-den. Verstehe ich richtig*, hatte Reding vor, in einem Hotel ein Restaurant zu eröffnen, vielleicht im Verein mit seiner neuen Flamme. Und dann starb er in einem Hotel.

Das Schicksal der neuen Braut scheint ähnlich im Dunkeln zu liegen wie Redings Tod. Knöpfte die Polizei sich diese Zeugin vor? Tauchte sie spurlos unter? War sie damals beispielsweise 24, war sie genau in meinem Alter. Sie könnte also noch leben und sich gerade so wie ich hinter einer Gesichtsmaske verbergen, sobald sie einen Super-markt oder ein Verlagsgebäude betritt … Um ihre Memo-iren zu verkaufen.

* Philippe Hereng / Rudolf Marton, »La mort de Reding reste inexpliquée« in der belgischen Tageszeitung Le Soir, 28. Juni 1995: http://www.lesoir.be/archive/recup/la-mort-de-reding-reste-inexpliquee-il-y-a-20-ans-deced_t-19950628-Z09Q0D.html



Reemtsma, Katrin 38 (1958–97), Ethnologin, Mordopfer. Ich vermute, sie hatte ein gleichermaßen fettes wie schweres Erbe. Möglicherweise trug es auch zu ihrem schrecklichem Ende bei. Geboren 1958 in Lüneburg, stammte Katrin Reemtsma aus dem bekanntem Industriel-lenclan, der zu Anfang des Jahrhunderts entscheidend von dem tatkräftigem Erfurter Kolonialwarenhändler und Zigarrenmacher Bernhard Reemtsma beflügelt worden war. Laut Karl Heinz Roth* kam dessen Firma schon in den »Goldenen« 1920er Jahren dank dem Siegeszug der Zigarette und geradezu mafioser Unternehmens-Strukturen (mit Hehlerei, Betrug, Bestechung und Meineid) zu großem Reichtum. Und wie erst rauchten die Schornsteine und Soldaten im sogenannten Dritten Reich! Sohn Philipp F. Reemtsma investierte in Nazi-Organisationen mindestens 35 Millionen Mark. Sein Bruder Alwin brachte es bis zum SS-Standartenführer. Erbe Jan Philipp Reemtsma, der 1996 als Opfer einer spektakulären Entführung in die Schlagzeilen geriet, hatte seine Geschäftsanteile bereits 1980 verkauft und einige Jahre später das Hamburger Institut für Sozialforschung gegründet. Es machte sich unter anderem durch vieldiskutierte Wehrmachtsausstellungen verdient. Katrin Reemtsma war eine Nichte dieses Sozialforschers, Germanisten und Mäzens.

Schon als junge Studentin der Ethnologie und Volkskunde hatte sich Reemtsma für unterdrückte Minderheiten eingesetzt. 1978 nahm sie in den USA am ungewöhnlichem »Longest Walk« des American Indian Movement (vom Pazifik zum Atlantik) teil. Ab 1983 war sie hauptberuflich Referentin für Sinti und Roma der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen. 1987 nach Berlin gegangen, beschränkte sie sich auf ehrenamtliche Mitarbeit und verfaßte ansonsten freiberuflich Gutachten für Gerichte oder das Europäische Parlament sowie zahlreiche Artikel für die Verbandszeitschrift Pogrom, außerdem mehrere Sachbücher. Zu Beginn der 1990er Jahre traf sie den serbischen Roma Asmet S., einen Flüchtling aus Jugoslawien. Daraus ergab sich eine Lebensgemeinschaft mit zwei Kindern, die 1997 fünf und drei Jahre alt waren. Unter Verwandten und Kollegen galt das Liebes- und Familienleben als ungestört, wenn nicht gar harmonisch. Selbst nach der Bluttat wollten sich keine überzeugenden Anhaltspunkte für den jähen Riß im Gefüge finden. Reemtsma, inzwischen 38 Jahre alt, war am Mittag des 9. Juni 1997 mit einem Küchenmesser erstochen worden – von ihrem gleichaltrigem Lebensgefährten in der gemeinsamen Wohnung in Berlin-Friedenau.

Immerhin waren die beiden Kinder nicht zugegen. Der angeblich angetrunkene Täter ließ sich widerstandslos festnehmen. Die ErmittlerInnen zogen einen Streit um seine finanzielle Abhängigkeit von seiner Frau in Betracht. Allein zwischen Mai 1996 und Februar 1997 soll diese ihm rund 200.000 D-Mark überwiesen haben. Über den Verbleib des Geldes wollte sich Asmet S., in der Presse als großer schlanker Mann mit buschigem Schnauzbart beschrieben, in den Verhören oder vor Gericht nicht äußern. Ansonsten werteten die BeobachterInnen seine Aussagen als »wirr«. Er habe von Untreue seiner Gefährtin, aber auch von Telepathie und Elektrizität und davon gesprochen, Katrin lebe ja noch. Auf der anderen Seite kam ein gerichtlich bestellter Gutachter zu dem Ergebnis, bei dem Angeklagten liege weder ein wahnhafter Zustand noch eine akute psychische Störung vor. Vielleicht war er »nur« in seinem männlichem Stolz verletzt – eine weltweite Erscheinung, gerade wie Rauchen oder Eifersucht, zu deren Erklärung es keiner Völkerkunde bedarf. Schließlich war Asmet, wie es aussieht, von seiner Gefährtin mehr oder weniger ausgehalten worden, das kann trotz der Annehmlichkeit demütigend sein.

Es gab auch Mutmaßungen, seine Lebensgefährtin habe ihm in jüngster Zeit vorgeworfen, er lasse sich zu sehr gehen, vernachlässige die Kinder und dergleichen mehr, doch dazu wollte er ebenfalls nichts sagen. Bei den Plädoyers habe er seinen Blick gelangweilt durch den Saal schweifen lassen, schreibt Jens Rübsam.** Nach den mir zugänglichen Quellen bleibt der Fall undurchsichtig. Im Oktober 1997 wurde Asmet S. wegen Totschlags zu 12 Jahren Haft verurteilt.

* Ossietzky 12/2007
** »Ein Urteil, viele Fragezeichen«, taz, 1. November 1997: http://www.taz.de/1/archiv/archiv-start/?ressort=in&dig=1997/11/01/a0050&cHash=93f40a081b




Remler, Emily 32 (1957–90), weiße US-Jazzgitarristin von der Ostküste. Rund ein Dutzend Platten, auch mit eigenen Kompositionen, darunter 1985 Catwalk.* Sechs Jahre später, erst 32, erlag sie bei einem Gastspiel in Australien offiziell einem »Herzversagen«, nach vielen Vermutungen von ihrem bekanntem gepfeffertem Drogenkonsum angestoßen, voran Heroin und Dilaudid.**

Gewiß gibt es wahre Massen von U-Musikern, die ihre Bewußstseins- oder Fingererweiterung mit Hilfe von Drogen mit einem frühem Tod bezahlten, aber sicherlich nur wenige oder gar keine Frauen, die Remler als Gitarristin das Wasser reichen könnten. Mit 18 Jahren hatte das dunkelhaarige und günstigerweise langfingrige Girl vom Lande (Englewood Cliffs, New Jersey) bereits das Berklee College of Music in Boston, Massachusetts, abgeschlossen. Nach vorübergehendem Aufenthalt in New Orleans, wo sich Altmeister Herb Ellis von ihr beeindruckt zeigte, kämpfte sie sich durch die (oft frauenfeindliche) riesige Konkurrenz in New York City. Sie spielte mit etlichen namhaften Musikern und bekam Lehraufträge. Als sie starb (oder sich umgebracht hatte), war sie bereits auf dem Weg zum Weltruhm. Ich kenne einige beeindruckende Videos mit ihr, wo sie unter anderem mit ihrem schlichtem, unverkrampftem Auftreten für sich einnimmt. Allerdings wäre ich nicht verblüfft, wenn ihr auch dazu die richtig dosierten Drogen mitverholfen hätten. Neben dem üblichem Branchenstreß setzten ihr sicherlich auch verschiedene Liebschaften/Zerwürfnisse mit Männern zu. 1982 hatte sie in einem Interview mit dem Magazin People gesagt: »I may look like a nice Jewish girl from New Jersey, but inside I'm a 50-year-old, heavy-set black man with a big thumb, like Wes Montgomery.«

Eine selten gewürdigte Wiederholung liegt natürlich bereits darin, daß sich nun schon seit Jahrzehnten, ja seit Jahrhunderten Legionen von begabten jungen Leuten getrieben sehen, die Gitarre oder die Geige auch so gut zu spielen wie X. oder Y., vielleicht sogar besser. Sie verrenken sich ihre Finger und ihre Seelen; sie schuften wie Sklaven in Tretmühlen; sie können die Wahngebilde an ihren Zimmerwänden schon nicht mehr zählen – aber sie schaffen es. Jedenfalls ein paar von ihnen. Sie schaffen es, im Grunde nicht anders dazustehen wie X. oder Y., und sei es liegend, im Sarg. Wäre es nicht viel einfacher und gesünder, auf ein paar Notenbücher oder einen Stapel mit CDs von besonders begabten Vorgängern zu verweisen und zu sagen: »Prima – das reicht!« Und so mit allem.

Gottseidank trat Remler, soweit ich weiß, nie mit Liedern, also Texten auf. Das hätte gegen meinen Text »Im Gefühlsraum« verstoßen, mit dem ich 1998 nur um ein Haar meinen zweiten Auftritt in der Wochenend-Rubrik Moderne Zeiten der Frankfurter Rundschau verpaßte. Redakteurin Jutta Stössinger (gestorben 2017 mit 73) fand ihn interessant, aber dann kamen ihr offenbar noch Bedenken, an die ich mich nicht mehr erinnern kann – vermutlich, weil sie sie mir gar nicht mitteilte. Den ersten Auftritt hatte ich im Mai mit einem längerem Text übers Wandern, der immerhin 1/3 Zeitungsseite einnahm. Ich glaube, von dem vergleichsweise fürstlichem Honorar, wohl 600 DM, zehre ich heute noch.

Sie können »Im Gefühlsraum« anfordern. Die Betrachtung geht dem Wesen und der Bestimmung der Musik nach – die durch Vertextung der Noten nur verfehlt und verdorben werden könnten. So mein zwingendes Resümee. Allerdings war es mir damals nicht gelungen, bis zum Ursprung der Musik vorzudringen. Das hätte meiner Bestimmung vielleicht noch Gewicht verliehen. Aber das wird auch anderen nie gelingen. Nur möchten Sie jetzt vielleicht ersatzweise von mir wissen, ob wir wenigstens die Quellgeschichte der Sprachentstehung kennen? Das tun wir natürlich gleichfalls nicht. Schließlich liegt die Sache mindestens 40.000 Jahre zurück, falls ich meinem Brockhaus trauen kann. Das Wie liegt also völlig im Dunkeln. Immerhin führt das Nachschlagewerk wesentliche Erklärungen des Warums an. 1. Man wollte nicht hinter den Tieren zurückstehen, die ja doch recht vielfältig brüllten, grunzten oder zwitscherten. 2. Man wollte seinen Gefühlen Ausdruck verleihen. 3. Man wollte das Handeln koordinieren, etwa beim Sammeln oder Jagen.

Als Knabe stellte ich mir die Sache einmal folgendermaßen vor. Da trotteten ein paar AltsteinzeitlerInnen durch die Steppe. Einer von ihnen erblickte einen Baum mit bestimmten fetten, eher seltenen Früchten, blieb stehen, deutete auf den Baum, leckte sich die Lippen und platzte heraus: »Umpf-Umpf!« Die anderen folgten seinem Blick, nickten ebenfalls freudestrahlend und riefen nun vereint »Umpf-Umpf!«. Damit war der erste Name auf Erden verliehen, eben für die fetten Früchte. Ob sie auch gleich geerntet werden konnten, steht auf einem anderen Blatt. Möglicherweise mußte man erst die Leiter erfinden.

Grund 2 leuchtet wenig ein. Hier liegt der Einsatz von Körpersprache viel näher. Die beiden anderen Gründe sollte man vielleicht zusammenführen, wobei Alain – der Erfinder jenes »Gefühlsraums« – erneut behilflich sein kann. Den Ausgangspunkt liefert jedoch der britisch-argentinische Schriftsteller und Naturforscher William Henry Hudson (1841–1922). Während sein Roman Das Vogelmädchen ein langatmiges Rührstück ist, das sich locker als Nackenrolle auf der Couch im zuständigem Lektorat bei Klettcotta eignen würde, ist er in der Manesse-Anthologie Vögel in der Weltliteratur mit zwei glänzend geschriebenen Essays vertreten. Hudson findet es merkwürdig, daß der Mensch keinen eigenen Ruf entwickelte, obwohl er doch so lange in der Wildnis zu bestehen hatte. Das ist in der Tat merkwürdig. Mit Alains Lebensalter und Anschauung läßt sich aber eine Erklärung dafür finden, wenn auch kein Trost. Der Mensch sah sich genötigt, die Nacht zu bezwingen. Im Neandertal war es vor allem finster. Katzen, Kobolde, oft furchterregend brüllende Schatten schlichen im fahlem Mondlicht umher, von den flatternden Fledermäusen oder Eulen ganz zu schweigen. Um sich ihrer zu erwehren, mußte man sich verständigen. Wider das Dunkel helfen weder Abzeichen (Rotkehlchen) noch Auf-ihn-mit-Gebrüll! Man mußte vielmehr tuscheln, flüstern, sich besprechen. So enthielt sich der Mensch des Rufens, glaube ich, und entwickelte stattdessen die Sprache, die ihm, im großen und ganzen, sicherlich mehr heillose Verwirrung als hilfreiche Aufklärung eingebracht hat.

Um nicht auszuufern, will ich nur noch den untergeord-neten Gesichtspunkt der Grammatik streifen. Ich schnitt deren Unfug bereits im Nachtrag meiner Betrachtung über die Rechtschreibreform »Ihr tut mir Leid« an, siehe A-30. Jetzt stoße ich im Brockhaus (Band 18 von 1992) auf den Filmregisseur Alain Resnais. Er habe mit »Kunstfilmen« begonnen, etwa über Van Gogh und Gauguin. Hat er also Filme aus Zelluloid, Hefeteig – oder gar aus Kunsthonig gemacht ..? Nein, werden Sie schimpfen, er hat Filme über Kunst gemacht. Dann hat also, analog, die Nahrungs-mittelfabrik Honig über Kunst, nicht etwa aus künstlichem Stoff gemacht ..? Solche Ungereimtheiten finden Sie in unserer Grammatik wie Sand am Meer. Die Lehre kann hier nur sein, nie Leuten zu trauen, die für ihre sprachwissenschaftlichen Ansichten die Logik ins Feld führen, und das tun ziemlich viele. Es sind Dummköpfe. Die Sprache folgt so wenig der Logik wie sich Regierungen der Wahrheit verpflichtet wissen.

* mit Eddie Gomez (Baß), Bob Moses (Drums) und John D'Earth (Trompete)
** Michael J. West, »The Rise and Decline of Guitarist Emily Remler«, JazzTimes (USA), 8. Dezember 2020: https://jazztimes.com/features/emily-remler-rise-decline/




Renner, Narziß um 34 (c.1502–36), Augsburger Buchmaler. Zuletzt könnte er als »kleiner Schulmeister« erwerbstätig gewesen sein. Es war die Zeit, wo die Malerei von Hand für ungedruckte Schriften in Bedrängnis kam, weil der neuartige Buchdruck florierte. Immerhin half dem Künstler eine Zeitlang der Augsburger Fugger-Angestellte Matthäus Schwarz aus der Patsche, der sowohl auf kostbar ausgestattete, einmalige Handschriften wie auf modische Bekleidung Wert legte. Für Schwarz schuf Renner unter anderem eine Kostümbiografie und den sogenannten Geschlechtertanz. Zu allem Unglück hatte der »Illuminist« auch noch eine Gattin, Magdalena, und vermutlich Kinder, die ja auch alle satt werden wollten. Er selber hungerte aber nicht allzu lange, weil er, laut Ulrich Merkl (NDB 21–2003), mit ungefähr 34 »während einer Pestepidemie« unter die Erde kam. Sprachen wir nicht gerade von Grammatik? Und früher schon von Ungenauigkeit?

Möglicherweise wäre Renner noch früher vom Schlag getroffen worden, wenn ihm ein Hellseher den Siegeszug der Fotografie angekündigt hätte. Ich habe das verhängnis-volle und überwiegend ekelerregende Phänomen der Verbilderung der Welt um 2000 in meinem Essay »Klappe zu, Affe tot« behandelt, der neuerdings in meiner Blog-Restekiste zu finden ist. Zu einer Veröffentlichung im Kursbuch, wo ich gerade einen Fuß drin hatte, kam es nicht, weil mir Redakteurin Ingrid Karsunke vorwarf, mit dieser Arbeit hätte ich die Grenzen der Kritik überschritten und sei »ins Feld des Fundamentalismus« geraten. Somit, sagte ich mir später, soll man lieber im Wasser stehen bleiben und wie ein Schilfrohr schwanken. Wer das Fernsehen »in Bausch und Bogen« verdammt, könnte auch Verdummung, Ausbeutung, Vergewaltigungen »generell« verteufeln. Es gibt aber gute und schlechte Vergewaltigungen, gute und schlechte Fernsehsender, gute und schlechte Autobahnen und gute und schlechte Gewehre. Daher ist Toleranz statt Konsequenz geboten. Der Wurm sitzt nie in der Sache, Einrichtung, Gewohnheit selbst.

Das betrifft auch den Menschen, weshalb es gute und schlechte Menschen gibt. Trachten die schlechten, die Grenze zum Mißbrauch zu überschreiten, halten die guten Menschen sie am Rockzipfel fest – statt »mit der Fundi-Keule zuzuschlagen«, wie es Karsunke an mir beobachtet hat. Mit dieser sanften Rockzipfel-Methode haben die guten Menschen schließlich schon die Kreuzzüge, den Kapitalismus und den ersten Atombombenabwurf zu verhindern gewußt.



Reyes, José Antonio 35 (1983–2019), südspanischer Berufsfußballer. Am 1. Juni 2019 rollten die Tränen seiner Kameraden und Vorgesetzten ins Mittelmeer und riefen fast eine Springflut hervor. Der 35jährige, zeitweise hochgehandelte Flügelstürmer »sei in seinem Luxuswagen mit 237 Stundenkilometern auf einer Autobahn in der Nähe seiner Heimatstadt Utrera: Andalusien unterwegs gewesen, als ein Reifen platzte, berichtete die Zeitung Mundo Deportivo am Montag unter Berufung auf Polizeiangaben. Das Auto sei von der Straße abgekommen und kurz darauf in Flammen aufgegangen«, heißt es in einem deutschem Portal.* Wahrscheinlich war auch der Unfallwagen ein echtes deutsches Ungeheuer: Mercedes Brabus S550 genannt. Mit dem Star kam dessen Neffe Jonathan Reyes (23) um. Ein dritter Insasse erlitt schwere Verbrennungen. Wer lenkte, bleibt in den mir zugänglichen Quellen offen. Was den Affenzahn des Ungeheuers angeht, behauptet die englische Wikipedia, laut korrigiertem Polizeibericht seien es lediglich um 120 km/h gewesen. Vielleicht hatte es von einem Polizeiboß, der Fan von Extremadura UD war, einen Rüffel gesetzt. Am klügsten verhält sich vielleicht die spanische Wikipedia: sie klammert die Geschwindigkeitsfrage aus. Aber meine hiesige Spitzenkandidatin der PPP (Positiv Power Party) schimpft: Sei doch froh, daß da nicht gerade auch noch ein paar Esel an der Autobahnböschung glotzten, weil sie gehört hatten, der Reyes kommt in seinem Brabus vorbei!

* »José Antonio Reyes (†35): Polizei hat Ursache für tödlichen Auto-unfall geklärt«, Sportbuzzer, 3. Juni 2019: https://www.sportbuzzer.de/artikel/jose-antonio-reyes-tot-tod-unfall-ursache-grund-auto-reaktionen/



Rhédey von Kis-Rhéde Gräfin zu Hohenstein, Claudine 29 (1812–41). Sie war die Großmutter der sogenannten Königin von England und Kaiserin von Indien Queen Mary, durfte diese Rangerhöhung freilich nicht mehr erleben. Im Gegenteil, schon ihr Gatte Alexander von Württemberg war von seinem Clan wegen unstandesgemäßer Heirat des Titels »Prinz« beraubt und damit aus der Erbfolge verbannt worden. Man hätte sich nicht gewundert, wenn der Erniedrigte auch noch im Felde erschlagen worden wäre, doch das Schicksal schob den schwarzen Peter der Gräfin zu. Soweit ich sehe, hatte der hohe Offizier des in Wien thronenden Kaisers im Herbst 1841 eine Militärübung in der Gegend der heutigen slowenischen, an der Drau gelegenen Stadt Ptuj, auf deutsch Pettau. Eigentlich saß er mit seiner ungarischen Gattin irgendwo im Schwabenland, vielleicht in Kirchheim/Teck. Nun begleitete oder besuchte ihn die knapp 30 Jahre alte Gräfin. Aber ebendort, an der Drau, soll sie, im sechsten Jahr ihrer ohne Zweifel sehr glücklichen Ehe zum vierten Male schwanger, einen Unfall erlitten haben. Auf jeden Fall waren Pferde beteiligt. Die Versionen weichen voneinander ab, wie selbst Ladislau Ciocan einräumt.* Durchgehende Militärpferde zertreten die ihren trabenden, befehlsgebenden Gatten bewundernde Gräfin / Kutsche verunglückt / Fehlgeburt, zwei Tote.

* »Schloss Rhedey – was Graf Dracula und die englische Königin verbindet«, Turist in Transilvania, 12. November 2013: https://discover.turistintransilvania.com/de/schloss-rhedey-graf-dracula-und-die-englische-konigin-verbindet-7123/



Riarua, Assa um 25 (ca. 1880–1904), Unterhäuptling der Herero, vermutlich verdurstet. Er zählte zu den Beratern des Herero-Häuptlings Samuel Maharero, wahrscheinlich auch zu den Entfachern des großen Herero-Aufstandes von 1904. Der trug sich im sogenanntem Staate »Deutsch-Südwestafrika« zu, heute Namibia. Die Freiburger Zeitung vom 7. Februar 1904 klagte, im Verein mit Unterhäuptling Ouandja habe Riarua den »schwachen und trunksüch-tigen« Maharero zum »Treuebruch« gegenüber den deutschen Kolonisatoren gezwungen.

Der Aufstand schlug fehl. Überhaupt hatten die jeweiligen Eingeborenen, die weder Grenzen noch Landraub kannten, gegen ihre weißhäutigen GlücksbringerInnen nie eine Chance, weil ihnen diese sowohl in der Waffentechnik wie in der Verschlagenheit haushoch überlegen waren. So schwätzten oder zwangen sie den Eingeborenen haar-sträubende »Verträge« auf, fanden im Nu Vorwände für »Strafexpeditionen« und gaben nicht eher Ruhe, bis das betreffende Land einen weißhäutigen »Gouverneur« besaß, der stolz nach London, Brüssel oder Berlin telegrafierte, das Land sei endlich »befriedet« worden – von den Stiftern des Unfriedens.

Im Juni 1904 hatte Berlin den gar zu nachsichtigen Theodor Leutwein als Chef der deutschen »Schutztrup-pen« durch Generalleutnant Lothar von Trotha ersetzt, der die Aufständischen mit seinen frischen Truppen gnadenlos in die Omaheke (»Sandfeld«) trieb – ein wüstenähnliches Gebiet im Osten, das an »Britisch-Betschuanaland« (heute Botswana) grenzte. Die Gejagten wurden eisern von den wenigen Wasserstellen fern gehalten; mehrere Tausend Hereros verdursteten. Laut Gert von Paczensky* rühmte sich der Generalstab des überseeischen »Schutzherrn« in seinen 1906 veröffentlichten Berichten, diese Aktionen hätten »die rücksichtslose Energie der deutschen Führung bei der Verfolgung des geschlagenen Feindes in glänzendem Lichte« gezeigt. Zu Beginn des Aufstandes hatte es rund 100.000 Hereros gegeben. Am Ende, so Von Paczensky, seien es nach amtlicher Statistik noch knapp 22.000 gewesen. Sie wurden enteignet und hatten nichts mehr zu melden.

Während es Häuptling Maharero mit rund 1.500 abge-zehrten Leuten gelang, Betschuanaland zu erreichen, ist anzunehmen, daß sich auch der ungefähr 25jährige Riarua unter jenen Opfern – nicht der Wüste, vielmehr deutscher Folterkunst und Mordlust befand. Er gilt seit der Vertreibung in die Omaheke als verschollen.

Die Grausamkeit des deutschen Vorgehens in Afrika, das auf zumindest teilweise Vernichtung und auf Versklavung aus gewesen sei, wird 1914 sogar von Gustav Noske angeprangert, nämlich in seinem Buch über Kolonial-politik und Sozialdemokratie. »Manche deutschen Truppenteile«, bemerkt der damalige SPD-Reichstags-abgeordnete, »machten keine Gefangenen, sondern schossen nieder, was schwarz war.«** Wenige Jahre später ließ Noske als »Volksbeauftragter für Heer und Marine« in Berlin und an der Ruhr auf alles schießen, was rot war.

* Weiße Herrschaft, Ausgabe Ffm 1982, S. 57 und ** 55



Richter, Max Emanuel 17 (18o3–21), Sohn des Schriftstellers Jean Paul, »mißraten«, zerrüttet. Der trinkfreudige Vater lebt mit seiner Gattin Karoline seit 1804 in Bayreuth, drei Kinder. Hier wird er zusehends kränker.* Er läßt seine Getränke untersuchen, bemüht eine Hellseherin, wankt von einem Aderlaß zum nächsten, was ihn freilich nur noch kränker machen kann.** Zu allem Unglück liegt ihm auch noch der einzige Sohn auf der Leber, der ebenfalls schon wackelt. Dr. Philipp Hausser behauptet: weil er »vorgeschädigt« sei, durch eine »schizoide Veranlagung« nämlich. Und nun sei er auch noch »durch unüberlegtes Verleihen seiner an sich ausreichenden väterlichen Mittel und durch seinen Umgang mit einer Gruppe junger Mystiker körperlich geschwächt und seelisch verelendet« … Der 17jährige hatte zuletzt in Heidelberg studiert. Er steht unter dem sattsam bekanntem Druck, seinem schon fast berühmtem Vater keine Schande zu machen, etwas zu werden, aber was schon ..? Max begeistert sich für den hingerichteten Studenten Sand, den Mörder des Mannheimer Gelehrten August von Kotzebue. Sand stammt auch noch aus Wunsiedel, gleich bei Bayreuth! Einerseits sammelt Max Reliquien vom Attentat, andererseits wird er immer schwermütiger. Der Vater ringt in vielen Briefen um ihn. Endlich, Mitte September 1821, trifft Max per Kutsche völlig abgebrannt und fiebernd in Bayreuth ein. Nach wenigen Tagen haucht er sein knapp 18jähriges Leben aus. Alle Kuren schlugen nicht an. Typhus soll auch im Spiel gewesen sein. Dr. Hausser spricht von einem »gnädigem« Ende. Jedenfalls hatte sich dadurch die Frage der Berufswahl beziehungsweise der ruhmreichen Laufbahn erübrigt.

* Hilde und Peter Zielinski, »Leben und Sterben in Bayreuth«, Webseite Jean-Paul-Weg, 18. August 2017: https://www.jeanpaulweg.com/2017/08/18/29-leben-und-sterben-in-bayreuth-teil-5-tod/
** Der »therapeutische Unfug« des Aderlasses (Gerd Reuther S. 140) sorgte über Jahrhunderte hinweg für enorme Schäden, spülte aber auch eine Menge Geld in Ärztetaschen.




Rijn, Titus van 26 (1641–68), Amsterdamer Maler und Kunsthändler. Von den vier Kindern des Ehepaars Saskia van Uylenburgh und Rembrandt Harmenszoon van Rijn überlebte allein Titus das Kindesalter. Dafür starb seine Mutter bereits mit 29 in seinem zweitem Lebensjahr: 1642. Wahrscheinlich war Saskia van Uylenburgh nicht nur ein Opfer des Kindbetts, sondern auch der Tuberkulose.

Verständlicherweise kommt Titus wiederholt als Modell in den Bildern und Studien seines Vaters vor. Das bekannte, um 1657 entstandene Gemälde Porträt des Titus, lesend zeigt den braungelockten, ungefähr 16jährigen Sprößling in heiterer Versenkung. Dem stillem Gemälde sind die turbulenten Umstände seiner Entstehungszeit nicht anzusehen. Vater Rembrandt hatte sich mit Anschaffungen und Spekulationsgeschäften übernommen und 1656 Konkurs angemeldet. In den folgenden zwei Jahren wird seine Habe einschließlich seines Hauses Objekt mehrerer Zwangsversteigerungen. Daraufhin übernehmen der blut-junge Sohn Titus und Rembrandts neue Lebensgefährtin Hendrickje die als Kunsthandel deklarierte »Firma Rembrandt«, in welcher der Meister nur »Angestellter« ist. Aber auch Titus' neue »Stiefmutter« wird nicht alt. Hendrickje Stoffels stirbt 1663 mit ungefähr 37 Jahren, wahrscheinlich an der Pest.

Titus selber verheiratet sich 1668 mit Magdalena van Loo, Tochter eines Silberschmieds. Sie wohnen im Haus der verstorbenen Stiefmutter – allerdings nicht lang. Der knapp 27jährige Titus fällt im September 1668 der Pest zum Opfer. Seine ungefähr gleichaltrige Frau stirbt ein Jahr darauf, möglicherweise im Zusammenhang mit der Geburt von Tochter Titia, die immerhin Mitte 40 wird.

Wie zu erwarten, war auch Titus Maler – jedenfalls wird erwähnt, um 1657 sei er Schüler in der väterlichen Werkstatt geworden. Ob und in welchem Maße sein Genie ebenfalls in die gemeinsame Gemäldeproduktion einging, läßt sich, soweit ich weiß, nicht mit Bestimmtheit sagen. Vielleicht wäre er immerhin ein ganz ausgefuchster Kunsthändler oder ein beschlagener Kunstwissenschaftler geworden, der einen Nagel in einem Balken zum Stein der Weisen erklärt. In diesem Fall wäre Rembrandt sicherlich so stolz auf ihn gewesen, wie es Jean Paul gern mit Max gehabt hätte. Aber es sollte nicht sein. So dürfen wir wenigstens vermuten, Titus' Tod habe Rembrandt besonders geschmerzt. Denn das Schicksal hatte sich erdreistet, ihm, Rembrandt, seinen Sohn zu rauben! Warum hatte es sich nicht damit begnügt, die Kinder des Nachbarn oder des Orients, meinetwegen auch die Kinder auf der Autobahn zu meucheln, das hätte Rembrandt weniger oder gar nicht geschmerzt. Ich hoffe, mit dieser Interpretation liege ich nicht völlig daneben.



Rimbach, Heike 19 († 1995), Metzger-Lehrling, wirkte »sportlich und hübsch«, wohnte bei ihren Eltern in einem Dorf am Harz. Dort wurde sie grausam ermordet. Wahrscheinlich war die blondgelockte 19jährige am 28. August 1995 allein in ihrem Lüttgenroder Elternhaus. Sie hatte freien Montag. Der bis heute unbekannte Täter – falls es ein Mann war – würgte, schlug, erstach sie. Seine Beweggründe sind ebenfalls ein Rätsel. Man fand die leicht bekleidete Leiche schließlich auf dem Dachboden. Von einem sexuellem Mißbrauch ist nirgends die Rede. Ein Raubmord scheint es jedenfalls nicht gewesen zu sein.

Die Polizei vermutet, der Täter stand dem Opfer nahe. Er sei ausgesprochen wütend und eher planlos vorgegangen. Aufgrund verschiedener Ungereimtheiten werden auch Familienangehörige verdächtigt. Das Verhältnis Heikes zu Eltern und zwei Brüdern war anscheinend etwas gespannt. Aber später zerstreut sich der Verdacht gegen die Familie, die inzwischen in eine größere Stadt gezogen ist. Heike hatte gerade einem festem Freund den Laufpaß gegeben; war frisch in einen jungen Mann aus Dessau verliebt. Auch ein Arbeitskollege kommt in Frage. Es gibt jedoch nie Verhaftungen. Zur Stunde ist der ungelöste Fall schon über 25 Jahre alt. Die Familie argwöhnt Versäumnisse in den Ermittlungen, weil man nur die Angehörigen im Visier gehabt habe. Leider gelingt es Dietmar Seher* nicht, wenigstens das Naturell des Opfers zu ermitteln. Stellt er fest, Heike habe die langjährige Beziehung mit dem Ex-Freund als »zu eng« empfunden, ist es schon viel.

Im August 1980 beteiligte sich der 16jährige Tischler-lehrling Olaf Ritzmann in Hamburg an breiten Protesten gegen den damaligen Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß. Dabei wurde er bei Auseinandersetzungen zwischen Militanten und Polizisten von einer S-Bahn erfaßt und getötet. Die Schuldfrage ist umstritten. Nach Darstellung** der Jungen Welt gönnte sich die Polizei eine Prügel- und Treibjagd, die manchen an den Fall >Rattay erinnern könnte. Gerichtsverfahren gab es nicht.

* »Wer ermordete Heike Rimbach ...«, t-online, 1. Dezember 2019: https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/kriminalitaet/id_86873212/fall-heike-rimbach-wer-ermordete-die-19-jaehrige-in-der-alten-schaeferei-.html
** »Der fast vergessene Tod des Olaf Ritzmann«, 3. April 2004: https://www.jungewelt.de/artikel/44164.der-fast-vergessene-tod-des-olaf-ritzmann.html




Rizal, José 35 (1861–96), philippinischer Arzt, Schrift-steller und Patriot. Er wurde 1896 mit 35 Jahren von Staats wegen ermordet. Heute ist ihm in der Hauptstadt Malina ein eigener Park gewidmet. Der Tag seiner Hinrichtung (30. Dezember) ist Nationalfeiertag. Aber selbst im Kurort Wilhelmsfeld bei Heidelberg findet sich ein Denkmal, das an den weitgereisten Arzt, Freimaurer, Schriftsteller und Freiheitskämpfer erinnert.* Aus wohlhabender Mestizenfamilie mit chinesischem Einschlag stammend, hatte Rizal den gewaltsamen Umsturz zeitlebens abgelehnt. Gleichwohl fiel er am Vorabend der philippinischen Revolution, wegen angeblicher »Anstiftung« zu ihr, einem spanischem Hinrichtungskommando zum Opfer. In seinem letztem Brief an seinen Freund Professor Ferdinand Blumentritt, einen Philippinen-Kenner aus dem nordböhmischem Leitmeritz, versichert er: »Mein lieber Bruder, wenn du diesen Brief erhältst, werde ich tot sein. Morgen, um Sieben, werde ich erschossen; aber ich bin des Verbrechens der Rebellion unschuldig.«

Rizal hatte die brutalen Unsitten der spanischen Besatzer-Innen – und damit insbesondere des pharisäerhaften spanischen Klerus' – in mehreren Büchern angeprangert. Auch Von Paczensky zitiert daraus. Diese Werke erschienen im Ausland und wurden auf den Philippinen umgehend verboten. Da er das Ende der spanischen Herrschaft (1898) nicht mehr erlebte, blieb Rizal auch die Ernüchterung durch das Schicksal der Revolution erspart: man kam alsbald vom spanischem Regen in die nordame-rikanische Traufe. Statt die junge philippinische Republik, wie zuvor versprochen, anzuerkennen, bekämpften die USA sie im Philippinisch-Amerikanischen Krieg (1899–1902) mit allen ihr damals zur Verfügung stehenden militärischen Mitteln. Im Ergebnis bissen rund eine Million Filipinos (20 Prozent der Gesamtbevölkerung) ins Gras – ins Gras einer neuen Kolonie jenes freiheits- und demokratiedurstigen Staatenbundes, der sich erst unlängst vom britischem »Mutterland« gelöst, also vom kolonialen Status befreit hatte. Es lebe die Doppelmoral.

* Karin Katzenberger-Ruf, »Philippinischer Freiheitskämpfer ist in Vergessenheit geraten«, Rhein-Neckar-Zeitung, 14. Juni 2017: https://www.rnz.de/nachrichten/region_artikel,-Region-Heidelberg-Jose-Rizal-Park-Wilhelmsfeld-Philippinischer-Freiheitskaempfer-ist-in-Vergessenheit-_arid,282222.html



Fortsetzung Ro—Sched
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