Mittwoch, 3. November 2021
A-43→Titelite
2009

Hat man Sie elterlicherseits, statt zum Mustafa (»der Aus-erwählte«), nur zum kritzelnden Fritz oder Hanns ge-macht, könnten Sie versuchen, früher oder später wenig-stens zum Präsidenten der Reichsschrifttumskammer ernannt zu werden. Das gelang dem sächsischem Lehrer-sohn und Dramatiker Hanns Johst 1935. Erst dadurch war Johst, obwohl er mit Johanna Feder eine gut betuchte Dame geheiratet hatte, in die Titelite vorgedrungen, wie ich einmal kalauern möchte. Gemeint ist der bürgerliche Geistesadel. Während es Raubritter durch besonders umfangreiche Beuten (aus heidnischer Hand) zu Feldmarschällen, Bischöfen oder gar Kurfürsten bringen konnten, streben viele GeistesarbeiterInnen einen Doktortitel, einen sogenannten Lehrstuhl oder eben einen Präsidentensessel an, der sie erheblich erhöht. Es ficht sie nicht an, wenn sie gelegentlich bei Montaigne lesen, wo auch immer, sie säßen auf ihrem Arsch.

Bei »Johst« denkt man unwillkürlich an den Tierarzt Edzard Gerriets aus Schortens in Friesland. Ein Reporter hatte den damals 77jährigen 1997 im Zusammenhang mit der umstrittenen Ausstellung von Wehrmachtsfotos aufgesucht, weil Gerriets auf einem davon als 20jähriger Zaungast einer Erschießung serbischer Geiseln durch Wehrmachtskameraden beiwohnt. Der im Landkreis angesehene Tierarzt bestätigte sogar die Echtheit des Fotos. Die Süddeutsche Zeitung nannte er ein neomar-xistisches Hetzblatt – schön wär's gewesen! Ansonsten fühlte er sich in seiner Ehre besudelt und betonte, das »Dritte Reich« habe auch seine guten Seiten gehabt. Unterschlug der Besucher einmal seinen Titel, herrschte Gerriets ihn an: »Sie Flegel – Doktor Gerriets bitteschön, Doktor!«

Einen früheren Vorgesetzten dieses geltungssüchtigen Heilkundigen führt sogar Arthur Koestler (in seinen Erinnerungen) brav mit Titel an: Dr. Joseph Goebbels. Vor akademischen Würden versagte Koestlers Witz; im ganzen Buch unterschlägt er nicht einen Titel. Als Zahnarzt hätte ich einmal nach seinem Minderwertigkeitskomplex gebohrt. Nebenbei verdanken wir das ungewöhnlich strenge deutsche Titelrecht just den Nazis. Seitdem wird das unbefugte Führen eines Titels mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft. Solche Anmaßung bringt Recht und Ordnung mehr ins Wanken als ein Jahr Kriegführen in Afghanistan, wie Karl-Theodor zu Guttenberg kürzlich erfahren mußte. Nach Vorwürfen, seine (juristische) Doktorarbeit gefälscht zu haben, dankte er 2011 als »Bundesverteidigungsminister« ab. Seinen Doktorgrad (Uni Bayreuth) verlor er ebenfalls.

Vera Sprosse, gelernte Raumausstatterin, hatte einmal einen Chef mit erlauchtem Kundenkreis. Hatte sie beispielsweise Fragen zum Biedermeiersofa des Herrn Soundso, das sie neu beziehen sollte, korrigierte sie der Chef auch in leergefegter Werkstatt unweigerlich: »Sie meinen das Biedermeiersofa von Herrn Professor Soundso!« Allerdings fährt bekanntlich auch jeder Aufruf unserer revolutionären Linken Legionen von Doktor- oder Professorentiteln auf. Bei Podiumsdiskussionen stehen diese in guter Kamerahöhe auf Schildern, die an gewisse Bretter vor Köpfen erinnern. So halten diese Kämpfer-Innen für mehr Gleichheit beim Einschüchtern und Ausstechen mit, während ihre Schwerter als Pflugscharen dienen.

Als man Vera Sprosse einmal »blanken Neid des Titellosen!« unterstellte, behauptete sie, ihr wäre ein Doktor- oder Professorentitel eher peinlich. Auf keinen Fall würde sie ihn auf ihren Briefbögen, Visitenkarten, Buchklappen hervorkehren. Denn für sie heiße so etwas nur: die oder der hat es nötig. Kurt Tucholsky alias Ignaz Wrobel* sah es anscheinend ähnlich. »Der Titel erstickt jeden Widerspruch und erspart dem Titelträger jede Tüchtigkeit. Er steckt sich hinter den Titel, und das Übrige besorgt dann schon die Dummheit derer, die den Titel anstaunen und ihn um des Titels willen, den sie nicht haben, aber gern hätten, beneiden. […] Der Titel soll den Träger immer wieder an seine eigne Herrlichkeit gemahnen. Es wäre nichts gegen ihn einzuwenden, wenn er nur den Angeredeten auszeichnete; er drückt aber bewußt alle die, die ihn nicht haben. Er ist im tiefsten Sinn undemokratisch.«

Betrüberlicherweise hat sich selbst ein so bescheiden wirkender Schriftstellerkollege wie Walter Kappacher kürzlich (Dezember 2008) von der Universität Salzburg einen Ehrendoktorhut verpassen lassen. Aber womöglich ziehen nur solche Bekränzungen die prominenten Literaturpreise nach sich. Im Mai 2009 empfing Kappacher den Georg-Büchner-Preis. Sich zu fragen, warum ein unpolitischer Elfenbeintürmer wie Kappacher ausgerechnet einen nach einem Revolutionär getauften Preis erhält, führt nicht weiter – höchstens zurück, denn es ist nicht die erste Verwechslung, die der sogenannten Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt unterlaufen ist. Sie hat derzeit knapp 180 Mitglieder, darunter just Kappacher (seit 2004). Dessen Landsmann Thomas Bernhard stieg 1979 aus, weil ihm diese Akademie gar zu sehr nach einer Anstalt für »Eigen-beweihräucherung« stank, wie er damals öffentlich erklärt haben soll.**

Ich will noch kurz erläutern, warum mir die Titelei gegen den Strich geht. Zunächst maßt sie sich an, die sogenannte geistige Leistung über alle anderen Leistungen zu stellen (die wahrscheinlich kopflos vollbracht werden). Wer aber wollte im Ernst behaupten, eine Glosse oder einen Roman zu schreiben sei schwieriger, als einen Kindergarten hochzumauern oder dessen Dachstuhl zu zimmern? Oder wichtiger? Glossen und Romane haben wir doch eigentlich schon eher zuviele, während wir durchaus noch ein paar Kindergärten gebrauchen könnten. Sollten Titel aber unverzichtbar sein, wäre zu erwägen, solche Leute mit ihnen zu bedenken, die sich darauf verstehen, Fußgänger-zonen und Gewerbegebiete unsichtbar zu machen, das nächste Oder- oder Elbehochwasser in die Wolkenkratzer unserer Banken und Versicherungen zu leiten oder Hundekothaufen in Fangeisen zu verwandeln, die nur auf die Schweißfüße von Hundehaltern ansprechen.

Sodann ist es noch immer eine verbreitete, wenn auch überwiegend verhüllte Empfindung, einen Diplom-Ingenieur, einen Doktor Soundso oder sonst einen Akademiker für einen besseren Menschen zu halten als den Menschen ohne Titel. Durch den Titel wächst der Betreffende im Charakter; er schießt zur bedeutenden Persönlichkeit, zum Vorbild also auf. Das ist natürlich lachhaft. Dadurch werden bestimmte, begrenzte, oft durchaus fragwürdige »Leistungen« mit der ganzen Person verquickt, was immer falsch ist. Jeder einigerma-ßen beschlagene Schriftsteller, der sich nichts vormacht, weiß von seinen Texten, daß sie stets »besser« sind als jener leibhaftige Zeitgenosse, der sie ersonnen hat. Deshalb schreibt er sie übrigens. Im besten Fall gleichen sie das Erschrecken über die eigene Unzulänglichkeit aus, aber sie beseitigen sie nie.

* Die Weltbühne, 27. Mai 1920, Nr. 22, S. 637
** Siehe weiter oben bei Georg >Büchner

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