Dienstag, 2. November 2021
LdF Folge Pas—Pra

Pascal, Blaise 39 (1623–62), gern als »religiöser Mathematiker«, auch als »Philosoph« geführt. Der von Kind auf kränkliche Franzose aus wohlhabendem Hause widmete sich zeitlebens mit nicht wenig Fanatismus, wenn auch einiger Wortgewandtheit der mathematischen und vor allem religionsphilosophischen Haarspalterei. Aller-dings wurde er lediglich 39. Nach meinen Stippvisiten in seinen Schriften war Blaise Pascal von der moralischen wie stilistischen Unbeschwertheit, die ihn immerhin an seinem »lasterhaftem« Landsmann Montaigne beeindruckte, meilenweit entfernt. Er schreibt bohrend, gewunden und – entgegen landläufiger Behauptung – alles andere als klar. Es sei denn, man habe sich entschlossen, seine Lieblings-gummibegriffe »Glaube / Offenbarung / Gnade« als Sonnenschein zu empfinden.

Vermutlich lag auch in diesem Fall der Hase schon in der Kinderstube im Pfeffer. Seine Mutter Antoinette hatte Pascal als Dreijähriger verloren. Vater Étienne, zunächst Richter am Obersten Steuergerichtshof der Auvergne in Clermont-Ferrand, später der von der ganzen Normandie gefürchtete oberste Steuereinnehmer in Rouen, war zwar gebildet, aber auch streng. Er unterrichtete Blaise und dessen beiden Schwestern eigenhändig. Pascal gilt besonders in mathematischen und physikalischen Belangen als »Wunderkind«. 1642, noch keine 20, erfand und baute er seinem Erzeuger und dessen Steuereintreiben zuliebe eine Rechenmaschine, auf die er sogar ein Patent bekam. Doch sein Plan, mit der Fabrikation dieser Maschine zu Reichtum zu kommen, scheitert. Es war keine Katastrophe, weil er nie unter Geldnot zu leiden hatte. Er besaß sogar Züge des Geizes. In den folgenden Jahren überrascht er die naturwissenschaftliche Fachwelt mit Versuchen und Abhandlungen über verschiedene Aspekte des Luftdrucks und begründet das Gesetz der kommuni-zierenden Röhren.

Die Bildung hinderte Vater Étienne nicht daran, sich um 1646 in die Arme des katholischen Glaubens und konkreter des niederländischen »Reformbischofs« Jansenius zu werfen. Dank der Pflege, wie er glaubte, durch zwei Brüder namens Deschamps war er nach Brüchen bei einem Sturz wieder gehfähig geworden, und diese Schlawiner, »frühere Trunkenbolde und Gelegenheitsärzte«, hatten die Gene-sungszeit zu nutzen gewußt, den Alten zum Jansenismus zu bekehren. Alle Sprößlinge wurden ebenfalls gleich fromm. Schwester Jacqueline entschloß sich sogar zu einem Klosterleben. Auch Pascal, der unter Lähmungs-erscheinungen an den Beinen und ständigen Schmerzen litt, hatte sowohl jene Heilung wie Krankheiten überhaupt als himmlische Zeichen interpretiert und nahm sich nun einen gottesfürchtigen, zunehmend auch asketischen Lebenswandel vor. Krankheit sei der natürliche Zustand eines Christenmenschen, soll er später gern seine Ärzte zitiert haben. Nun ja, die lebten ja von diesem Naturzustand.

Da die ganze fromme Familie 1647 nach Paris übersiedelte, schiebt Röhrenforscher Pascal gleichwohl eine weltmän-nisch-umtriebige Phase ein. Ihr verdankt er auch viele literarische Anstöße und Kontakte. Vorübergehend soll er sogar erwogen haben, ein Amt zu kaufen und zu heiraten. Das zu glauben fällt ähnlich schwer wie die Vorstellung, Sören Kierkegaard und Simone Weil hätten gemeinsam eine Diskothek eröffnet. Aber bald zieht sich Pascal aus der Gesellschaft wieder zurück. Als Jansenit feuert er vor allem gegen die Jesuiten, denen ausgerechnet er, neben zuviel Machtliebe und Machtnähe, eine zu große Spitzfindigkeit vorwirft. Seine fingierten und veröffentlichten Lettres provinciales werden viel diskutiert, auch als meisterhafte, klare und genaue Prosa gelobt. Aus dem Nachlaß zaubern seine Hinterbliebenen oder findige Literaturwissenschaft-ler außerdem die bruchstückhaften Pensées (»Gedanken über die Religion und über einige andere Themen«) hervor – um sie zusätzlich zu verstümmeln und erst um 1900 in einer großangelegten frühen ABM-Maßnahme halbwegs zettelgetreu zu restaurieren und als das »Hauptwerk« des Verblichenen auszurufen.

Nachdem im Herbst 1651 ihr Vater gestorben war, entsagte Jacqueline Pascal endgültig der Welt und begab sich, übrigens gegen den Wunsch des Verstorbenen wie auch ihres Bruders Blaise, ins Kloster Port-Royal des Champs bei Paris, eine Hochburg des Jansenismus. Pascals Mißbilligung hatte ihren Grund wohl vor allem in Eigennutz, war seine unverheiratete Schwester doch seine kaum entbehrliche Pflegerin und Haushälterin gewesen. Sie wird im selbem Kloster, nach dessen Äbtissin, noch vor ihrem Bruder ihren Geist aufgeben: im Oktober 1661 mit 36 Jahren. Es heißt, verschiedene Gewissenskonflikte hätten sie zu sehr zermürbt.

Es folgen zwei Erschütterungen, die ihren Bruder in der Angst und in der Heilserwartung festigen. Am 8. Novem-ber 1654 sollen – laut Nicole Schumacher (2003) möglicherweise nur einer Legende gemäß – auf der Pont de Neuilly in Paris zwei Gäule von Pascals vier- bis sechsspännigen Kutsche ausgebrochen sein. Während die beiden Gäule in der Seine versanken oder schwammen, sei der Rest des Gespanns »wie durch ein Wunder« im Brückengeländer hängen geblieben. Vielleicht waren die beiden ungehorsamen Pferde über das Brückengeländer gesetzt, weil ihnen der Satan Engelsflügel eingeflüstert hatte. Die zweite Erschütterung ereilte Pascal im März 1656. Zu dieser Zeit stellte die rührige Äbtissin Angélique (früher Jacqueline Arnauld) in ihrer Klosterkirche eine besondere Reliquie aus, einen Dorn aus jenem Kranz, der sich dereinst auf dem Haupte des Jesus Christus befand. Man rät Pascals damals 10jährigen Nichte Maguerite Périer, die an einem das ganze Gesicht entstellendem Geschwulst leidet, ihr entzündetes Auge just an diesen Dorn zu halten – prompt ist das Geschwulst noch am selbem Abend verschwunden. Nur die »spitzfindigen« Jesuiten wollen es wieder einmal nicht glauben und beantragen eine genauere Untersuchung dieses angeb-lichen Wunders, das auch Pascal »bezeugte«. Der Antrag wird abgeschmettert. Pascal begleitet diese Verhängnisse und Siege mit Selbstkasteiungen, obwohl er, wohl nicht zuletzt aufgrund seiner asketischen Lebensweise, immer kränker wird. Er hält sich jetzt oft im Kloster auf.

Im August 1662 besonders schwer erkrankt, läßt er seinen noch immer recht ansehnlichen Pariser Hausstand zugunsten mildtätiger Zwecke verkaufen und stirbt, wohl an Hirnblutung, als 39jähriger, der ähnlich gut über das Nichtwissen des Universums Bescheid weiß wie später Rudolf Steiner oder Arthur Koestler, im Pariser Haus seines Schwagers Périer. In den erwähnten Pensées ist zu lesen, der Mensch sei nur ein Schilfrohr, »das schwächste der Natur«, aber immerhin ein denkendes Schilfrohr. »Das ganze Weltall braucht sich nicht zu waffnen, um ihn zu zermalmen, ein Dampf, ein Wassertropfen genügen, um ihn zu töten. Doch wenn das Weltall ihn zermalmte, so wäre der Mensch nur noch viel edler als das, was ihn tötet, denn er weiß ja, daß er stirbt und welche Überlegenheit ihm gegenüber das Weltall hat. Das Weltall weiß davon nichts. / Unsere ganze Würde besteht also im Denken. Daran müssen wir uns wieder aufrichten und nicht an Raum und Zeit, die wir nicht ausfüllen können. Bemühen wir uns also, gut zu denken: das ist die Grundlage der Moral.«



Passe, Magdalena de c.38 (1600–38), niederländische Kupferstecherin in Utrecht. Sie stammte aus einer Familie von Graveuren und Druckern und galt bereits als Mädchen als große Begabung. Später lobte man vor allem ihre Feinarbeit. Laut Digitaal Vrouwenlexicon van Nederland* – das leider weder ihre genauen Lebensdaten noch ihre Todesursache kennt – muß sie auch einfallsreich und tatkräftig gewesen sein. Sie stach nämlich nicht nur Werke ihres Vaters oder anderer Bildenden Künstler, sondern erlangte auch ein Patent, Stoffe zu bedrucken – noch keine T-Shirts, aber diverse Kopfbedeckungen, darunter sogar Schlafmützen. Sie wurden wunschgemäß mit Porträts geschmückt, die in der Regel Fürsten zeigten. Ihr eigener Schlaf liegt nahezu im Dunkeln. 1634, also recht spät, heiratete sie den Gutsherrn Frederick van Bevervoordt. Diese Ehe blieb kinderlos. Allerdings starb der Gatte schon im Jahr darauf, Alter unbekannt. Nun zog sie zu ihrem Vater. Mit mutmaßlich 37 trat sie dann selber von der Erde ab. Ein Brustbild, das ihr Bruder Simon 1630 angefertigt hatte, zeigte die spätere Witwe mit weißer, gestärkter, durchaus zeittypischer Halskrause, bei dieser Größe in Deutschland »Mühlsteinkragen« genannt. Hoffentlich ist sie nicht daran erstickt.

* Artikel von Ilja Veldman, 13. Januar 2014: http://resources.huygens.knaw.nl/vrouwenlexicon/lemmata/data/Passe



Pastorius, Jaco 35 (1951–87), wegbahnender US-Jazzrock-Bassist, meist dunkelhaarig, zwar über 1,80 groß, aber dürr und bleich. Am Ende glich er vermutlich einem Gespenst. Wie es aussieht, hatte Pastorius von Kind auf an Egomanie gelitten. Mit dem Erfolg kamen Drogen und eine (angeblich) »Bipolare Störung« hinzu, und alles zusam-men zog ihn nach seinem Ausstieg bei Weather Report (1982) in einen Abwärtsstrudel. Im Sommer 1986 begab er sich für sieben Wochen in eine Klapsmühle. Anschließend streifte er als Obdachloser und Verrückter durch seinen Heimatstaat Florida. Das letztlich kaum überraschende Ende ereilte ihn in den frühen Morgenstunden des 12. September 1987 in Wilton Manors, wo er Einlaß beim Midnight Bottle Club begehrte, indem er an dessen Tür hämmerte. Schließlich kam der Türsteher hinaus. Er soll Träger des schwarzen Karate-Gürtels gewesen sein.* Wahrscheinlich versetzte er dem abgemagertem Störenfried ein paar Hiebe, bis dieser der Länge nach auf dem betoniertem Boden aufschlug, Hinterkopf voran, das schulterlange Haar von Blut durchtränkt. Nach 10 Tagen im Krankenhaus war die Musik für Pastorius vorbei. Der Totschläger bekam 22 Monate, durfte freilich schon nach vier Monaten (»gut geführt«) wieder gehen.

* Wolfgang Kehle, »Zum 30. Todestag von Jaco Pastorius«, Gitarre & Bass 11–2017: https://www.gitarrebass.de/stories/zum-30-todestag-von-jaco-pastorius/



Patterson, Joseph 26 (1912–39), Leichtathlet und US-Marine-Offizier. Beim Hürdenlauf über 400 Meter in Berlin 1936 verfehlte er die Bronzemedaille nur um 0,2 Sekunden. Den Zweiten Weltkrieg erreichte er gar nicht. Der inzwischen 26jährige war am 23. Mai 1939 mit der USS Squalus unweit der Ostküstenstadt Portsmouth unter Wasser unterwegs, als sich ein Haupteinlaßventil des U-Boots nicht schloß. Dadurch wurden ein Torpedoraum, beide Maschinenräume und die Mannschaftsquartiere geflutet. Patterson zählte zu den 26 Besatzungsmitglie-dern, die auf der Stelle ertranken. Andere (33 Personen) wurden von einem Nachbarschiff gerettet und halfen, das U-Boot – mit den Leichen an Bord – wieder flott zu machen. Dadurch konnte es später, nun unter dem Namen USS Sailfish, beim Zweitem Weltkrieg im Pazifik mitmischen. Dem Desaster Pearl Harbor (Haweii 1941), von Märchenonkels »Überfall« genannt, entging es. Im Gegenteil, es soll etliche japanische Schiffe versenkt haben, darunter den Flugzeugträger Chūyō. Der allein lieferte (am 4. Dezember 1943) rund 1.250 Todesopfer, eingeschlossen 20 Kriegsgefangene.



Pavón, Blanca Estela 23 (1926–49), mexikanischer Filmstar, zerschellt auf Rückreise von einer PR-Tour beim Landeanflug auf Mexiko City am Hang des wohlbekannten Vulkans Popocatépetl. Dieser Vorfall habe den Schnee am Hang blutig gefärbt, dichtet die damalige Presse.* Was Wunder, in der betreffenden Douglas DC-3 saßen 24 Personen, und alle kamen um. Allerdings sollen die Leichen eher verkohlt gewesen sein, gleichsam wie vom Vulkan ausgeworfen. Der Vater der massenweise angebeteten dunkelhaarigen Filmschönheit sei ebenfalls ums Leben gekommen. Acht Jahre später stirbt auch ihr häufiger Filmpartner Pedro >Infante (39) bei einem Absturz. Vorerst jedoch gestand der professionelle Liebhaber, bei der Nachricht vom Tod der »La Chorreada« habe er seine Tränen nicht zurück zu halten vermocht. Es gab ein Riesenbegräbnis.

* rad, »Presintió su muerte«, El Universal (Mexico City), 26. Sep-tember 2018: https://www.eluniversal.com.mx/espectaculos/blanca-estela-pavon-presintio-su-muerte



Pearse, Patrick 36 (1879–1916), irischer patriotischer Lehrer, hingerichtet. Während zum Beispiel die Sorben unter der behördlich verordneten deutschen, die Flamen unter der französischen Sprache litten, stöhnte Irland, jenseits der Irischen See gelegen, seit Jahrhunderten unter den Briten. Ende April 1916 versuchte eine kleine bewaff-nete »Avantgarde« durch den bald darauf berühmten Osteraufstand ein Zeichen zu setzen und die duldsamen Iren aufzurütteln. Das Unternehmen mißlang, was man in christlich-revolutionärer Opferbereitschaft auch durchaus eingerechnet hatte. Die Todesopfer dieses Dubliner Aufstandsversuches werden auf rund 500 englische Soldaten und doppelt soviele Iren geschätzt. Hinzu kamen wenig später 16 »Rädelsführer«, die von den Besatzern zum Tode verurteilt und erschossen wurden, darunter der als Präsident der erträumten Republik vorgesehene 36jährige Patrick Pearse.

Der Lehrer und Schriftsteller, Sohn eines katholischen Steinmetzen, hatte an seiner eigenen St. Enda's School (Scoil Éanna) in Dublin die irisch-gälische Sprache und Kultur und jene schrankenlose Vaterlandsliebe hochgehalten, die auch die BewohnerInnen deutscher Wälder beherrschte, weshalb sie schon zwei Jahre vor den irischen Patrioten, 1914, zu ihren Keulen gegriffen hatten. Einem Artikel auf der Webseite der BBC zufolge* waren Pearses Schüler angehalten, »to work hard for their fatherland, and if it should ever be necessary die for it.« Vor seiner Hinrichtung soll er seiner Mutter brieflich versichert haben, angenommen, Gott überlasse ihm die Wahl einer Todesart, würde er sich genau für die entscheiden, die ihm nun bevorstehe. Pascal hätte ihn verstanden; der Franzose liebte das Leiden wie jeder Christ. Auf die Idee, Gott um die Abschaffung des Todes überhaupt zu ersuchen, kommen diese Duckmäuser nie. Obwohl der BBC-Artikel mit dem Hinweis beginnt, der in den Tod getaumelte Ire habe sich einmal als sich selber fremdes Wesen beschrieben, unternimmt er mit keinem Komma den Versuch, die biografischen Wurzeln dieses Wesens einzukreisen. Möglicherweise schuf in dieser Hinsicht der Leidener Historiker Joost Augusteijn mit einer neuen Biografie Abhilfe.** Das Werk soll zum Beispiel erörtern, ob der rührige Lehrer, der das am eigenen Leibe erfahrene herrschende Erziehungssystem als The Murder Maschine bezeichnet hatte, ein Knabenlieb-haber oder auch Kinderschänder gewesen sei. Rezensent Philip Ferguson (2012) glaubt es nicht. Andere befürchten, Pearse habe eine zweite Schule in Dublin lediglich aus Gründen der Tarnung als erklärte Mädchenschule eröffnet. Prompt hielt sie sich auch nur für kurze Zeit.

Heute wimmelt die irische Insel von Straßen und Einrichtungen, die den Namen des Vaterländers Pearse tragen, nicht des mutmaßlichen Knabenschänders. Wie es heißt, schlug sich eine Mehrheit der Iren erst aufgrund jener 16 Justizmorde auf die Seite der RepublikanerInnen. In den folgenden Jahren kam es zu schweren Unruhen, die letztlich zur Unabhängigkeit Irlands führten (1922) – ausgenommen Nordirland. Der Osteraufstand gilt unter Historikern allgemein als »Geburtsstunde der IRA«.

* »Patrick Pearse«, 24. September 2014: http://www.bbc.co.uk/history/british/easterrising/profiles/po11.shtml
** Patrick Pearse: The Making of a Revolutionary, UK 2010




Pellizza da Volpedo, Giuseppe 38 (1868–1907), Maler aus Volpedo, einem Städtchen in Piemont, Norditalien. Sein Vater, wohlhabender Bauer, war Anhänger Garibaldis. Das prägte Pellizas sozialen Blickwinkel. Nach Studien in Mailand und Rom richtete er sich 1891 in seinem Elternhaus, vielleicht auch daneben, ein Atelier ein. Im Jahr darauf verheiratete er sich mit Teresa Bidone, geboren 1875. Es kamen, bis 1902, die beiden Töchter Maria und Nerina. Zu den bekanntesten Werken ihres Erzeugers zählt das 1901 vollendete Monumentalgemälde Il quarto Stato (Der vierte Stand), das rasch zu einer Ikone der Arbeiterbewegung wurde. Es hängt in einem Mailänder Museum, drei mal fünfeinhalb Meter groß. Es zeigt die Front einer schreitenden proletarisch-bäuerlichen Menge, zwar in verhaltenen Brauntönen, aber nicht ganz ohne theatralische Gebärden. Die Zukunft marschiert.

Obwohl der Künstler, neben einigen Ämtern, vor allem im Ausland viel Anerkennung errang, erhängte er sich, mit knapp 39, im Sommer 1907 in seinem Atelier. Den Ausschlag gab wahrscheinlich der Tod seiner Frau im selbem Jahr. Offenbar stand dieser im Zusammenhang mit dem Tod seines neugeborenen Sohnes Pietro.* Gattin Teresa, um 32, soll einheimische Bauerstochter gewesen sein. Ihre jüngere Schwester Maria Albina Bidone, geboren 1879, starb noch jünger als sie, nämlich im selbem Jahr 1907 an Schwindsucht. Auch sie soll einen neugeborenen Sohn verloren haben. Beide Frauen standen Modell für Figuren auf dem erwähnten Gemälde. Insofern starben sie nicht.

Ein Bild vom Wesen des Künstlers liefern die Internet-Quellen noch nicht einmal ansatzweise. Aber er trug Vollbart, das wissen wir. Übrigens wäre ich nicht verblüfft, wenn er, im Vorjahr seines Todes, unbedingt noch einen Sohn haben wollte – auf Kosten seiner Frau. Ich wäre nicht verblüfft.

* Davide Lacagnina im Dizionario Biografico degli Italiani, Band 82, Rom 2015: https://www.treccani.it/enciclopedia/pellizza-da-volpedo-giuseppe_(Dizionario-Biografico)/



Peña Arjona, Zayda 26 (1981–2007), Sängerin der mexikanischen Gruppe Los Culpables (Die Schuldigen?), dabei auch des (angeblich) kritischen Liedes »Amor ilegal« über Drogen. Ende November 2007 wurde sie mitsamt ihrer engsten Freundin Ana Bertha González und dem »jungem« Hotelangestellten Leonardo Sánchez zur Zielscheibe, als sie nach einem Konzertbesuch in ihrer Heimatstadt Matamoros (Grenzstadt zu Texas) in ihr dortiges Hotel Monaco zurückkehrte. Ein Auto mit Gangstern war vorgefahren. Freundin und Hotelboy starben auf der Stelle. Arjona dagegen kam nicht lebens-gefährlich verletzt auf den Operationstisch des Hospitals Alfredo Pumarejo. Am folgenden Morgen drangen allerdings mehrere Bewaffnete ins Hospital ein und gaben der 26jährigen Sängerin in ihrem Krankenzimmer den Rest.

In Arjona hatte sich Illustriertenschönheit mit einer kehligen Stimme gepaart, die zuweilen an den Gipfeln der Intonation vorbeischrammte. Von Janis Joplin wäre sie wahrscheinlich nur wegen der zuerst genannten Eigenschaft beneidet worden. Habe ich mich in einem jüngeren Web-Beitrag* eines spanischsprachigen US-Fernsehsenders nicht verlaufen, ist der recht dreiste Anschlag auf Arjona nach wie vor ungeklärt. Die Polizei argwöhne einen wütenden Nebenbuhler der Erschossenen: diese habe ihm Ana Bertha ausgespannt. Arjonas Mutter dagegen, anscheinend Staatsanwältin in Matamoros, nehme Rache der Mafia wegen der Bestrafungen an, die sie selber, als Ermittlerin, bereits gegen Mafiosi erwirkte. Dazu drängt sich freilich die Frage auf, warum die Mafia dann nicht gleich die Mutter selber über die Klinge springen ließ. Außerdem könnte sich einer fragen, warum die Tochter nicht bei der Mutter einkehrte, wenn sie schon einmal in ihrer Heimatstadt war. Darauf wird die Polizei natürlich erwidern: Sollte sie etwa der Mama ihre Geliebte zumuten?

Kurz und gut, während die Musik und das Erscheinungs-bild der Arjona nichts an Glätte zu wünschen übrig lassen, ist der Mordfall eher undurchsichtig.

* »Como película de terror: así fue el despiadado asesinato de la cantante Zayda Peña«, Univision, 11. März 2018: https://www.univision.com/entretenimiento/como-pelicula-de-terror-asi-fue-el-despiadado-asesinato-de-la-cantante-zayda-pena



Peralta, Ángela 38 (1845–83). Bei der berühmtesten mexikanischen Opernsängerin ihrer Zeit kann man angeblich sicherer sein. Ein Virus war schuld! Wobei es nicht nur sie allein traf, die »mexikanische Nachtigall«. Ende August 1883 war sie mit einer Truppe von ungefähr 80 Leuten in Mazatlán, Sinaloa, eingetroffen. Die Hafenstadt am Pazifik sollte mit der Verdi-Oper Il trovatore (Der Troubadour) erfreut werden. Die Vorstel-lung wurde aber kurzfristig abgesagt, weil sich gerade das Gelbfieber in der vergleichsweise großen Stadt – oder wenigstens innerhalb der Theatergruppe verbreitete. Nur sechs Mitglieder von dieser sollen es überlebt haben. Peralta starb, mit 38, im Zimmer Nr. 10 des erst 1878 eröffneten Hotels Iturbide, das unmittelbar neben dem Theater lag. Das Theater wurde später nach der Diva benannt. Schon als blutjunges Ding, am 13. Mai 1862, hatte sie bei einem Gastspiel in der Mailänder Scala, je nach Quelle, 23 oder (umgekehrt) 32 Vorhänge bekommen. Auf dem Sterbebett legalisierte sie noch schnell die Liebschaft mit ihrem Impresario, dem Schriftsteller Julián Montiel y Duarte. Eine mächtige einheimische Zeitung behauptet in einem Gedenkartikel*, zum Begräbnis habe die Leiche der Diva deren wertvoll-sten Juwelen getragen. Das glaube ich sogar, schließlich wollten die bestürzten Massen etwas sehen. Nur wenn Duarte, der Fuchs im Pelz des frischgebackenen todtraurigen Ehemanns, die Juwelen nicht in der Leichenhalle rechtzeitig vor dem Prasseln der Erde wieder an sich nahm, fresse ich einen Besen.

Der angeführte Artikel streift Peraltas Ende in der Hafenstadt mit wenigen Sätzen. Noch nicht einmal die Opfer unter den Kollegen werden erwähnt – noch nicht einmal summarisch. In anderen Quellen ist gelegentlich von einer Epidemie die Rede, ohne daß sie wenigstens grob umrissen würde. Die Massen sind unwichtig. Sie sollen bewundern und bezahlen, nicht leben. Just im Jahrzehnt des Abtritts der Diva raffte das Gelbfieber, neben anderen Seuchen, viele tausend Arbeiter und Angestellte auf der Baustelle des Panamakanals dahin. Das Virus wird durch Stechmücken übertragen. Aber war es in Peraltas Fall überhaupt Gelbfieber?

Arzt und Autor Gerd Reuther läßt (in seinem Buch von 2021) nicht viele gute Haare an dem Eid-Vater Hippo-krates, aber einen Satz des alten Griechen unterstreicht er: »Es ist wichtiger zu wissen, welche Person eine Krankheit hat, als zu wissen, welche Krankheit eine Person hat.« Die Person wird unter anderem von ihrer unvergleichlichen Immunabwehr ausgemacht, und die ist wiederum »von Alter, Ernährungszustand, Mikrobiom und Psyche abhängig«, wie Reuther (auf S. 131) schreibt. Vermutlich hatte Peralta mindestens ein bis drei Ärzte an ihrem Hotelbett – offensichtlich vergebens. Wahrscheinlich waren diese Halbgötter noch nicht einmal anflugweise mit der »Psyche« und der gröbsten Krankengeschichte ihrer auf Fotos etwas gedrungen und dickschädelig wirkenden Patientin beziehungsweise Kundin vertraut. Mit Anfang 20 hatte sie, in Europa, schon einmal geheiratet, nämlich ihren Cousin Eugenio Castera (1842–77). Der soll auch schon Schriftsteller oder wenigstens »Literat« gewesen sein. Angeblich landete er mit ungefähr 35 in einer Pariser Klapsmühle, wo er starb. Das mag ja Peraltas Abwehr-kräfte gegen eine zweite Ehe, nicht aber gegen das Gelbfieber gestärkt haben.

* José Antonio Sandoval Escámez, »Ángela Peralta, la soprano mexi-cana que cantó para Carlota«, El Universal (Mexiko City), 1. Dezember 2017: https://www.eluniversal.com.mx/colaboracion/mochilazo-en-el-tiempo/nacion/sociedad/angela-peralta-la-soprano-mexicana-que-canto



Pereira, Fernando 35 (1950–85), Fotograf und Umweltschützer. Im Juli 1985 lag das Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior in Aukland, Neuseeland, vor Anker – ein Dorn im Auge Frankreichs, das im Südpazifik dereinst Atomwaffenversuche durchgeführt hatte. In der Nacht gab es zwei Explosionen, und das mit 12 Leuten besetzte Schiff sank. Dafür hatten Sprengstoffexperten und Taucher des französischen Auslandsgeheimdienstes gesorgt. Der 35jährige niederländisch-portugiesische Fotograf und Greenpeace-Aktivist Pereira, Vater von zwei Kindern, war das Todesopfer des Tages beziehungsweise der Nacht. Er ertrank im Bauch des Schiffes, als er versuchte seine Kamera zu retten.

Neuseeland tobte, jedenfalls offiziell. Als die üblichen Ausflüchte nicht mehr zündeten, räumte die französische Regierung das Verbrechen ein. Geheimdienstchef Pierre Lacoste, als Marineoffizier »Admiral«, und »Verteidi-gungsminister« Charles Hernu verloren ihre Posten. Später verkündete Lacoste sogar, der damalige Präsident François Mitterrand sei über die Aktion im Bilde gewesen und habe sie gebilligt.* Ich wüßte allerdings nicht, daß die drei Herren jemals strafrechtlich belangt oder wenigstens regreßpflichtig gemacht worden wären. Die fetten Entschädigungssummen waren aus dem Steuertopf geflossen.

2005 soll Admiral Lacoste öffentlich versichert haben, Pereiras Tod laste schwer auf seinem Gewissen. Nimmt man ihm diese Erklärung ab, war seine interne Abwehr erstaunlich fit. Er starb nämlich erst im Januar 2020 – mit knapp 96 Jahren.

* »10. Juli 1985 - Französischer Geheimdienst versenkt Greenpeace-Schiff«, WDR 1, Stand 10. Juli 2020: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-franzoesischer-geheimdienst-versenkung-greenpeace-schiff-100.html



Pergaud, Louis 33 (1882–1915), französischer Lehrer und Schriftsteller, vor allem berühmt aufgrund seines angeblich großen Wurfes La Guerre des boutons (Der Krieg der Knöpfe), Paris 1912. Die deutschsprachige Ausgabe erschien bei Rowohlt ab 1964, darunter in der Reihe rororo rotfuchs, genauer 63.–70. Tausend April 1987. Befremdlicherweise sind sowohl die beiden Herausgeberinnen dieser Reihe als auch die Knöpfe-Übersetzerin (Gerda v. Uslar) Frauen. In Pergauds vielaufgelegtem und wiederholt verfilmtem Knüller, der die Feldzüge einer dörflichen Knabenschar ausbreitet, kommen Frauen nämlich bestenfalls am Rande vor. Die Mütter zetern; eine kleine Schwester darf gelegentlich Knöpfe oder Schnallen annähen, falls es dem Feind einmal gelang, die Kleider der Knaben (aus Longeverne) zu plündern. Der Feind wohnt im Nachbardorf Velrans und besteht gleichfalls ausschließlich aus Knaben. Man trifft sich ziemlich regelmäßig zu Schlachten in einem nahen Busch- und Steinbruchgebiet. Nur der Feind ist übrigens hinterhältig, dumm und so weiter. Er war es schon immer, geht der Bandenkrieg doch auf eine uralte Zwietracht zwischen den beiden Dörfern zurück, die selbstverständ-lich gepflegt werden muß.

Die Warte des Feindes, der Velraner also, nimmt Erzähler Pergaud nie ein, aber einen von denen tauft er »Schief-maul«, das sagt ja wohl alles. Gegen Buchende haben die meist siegreichen Longeverner unter einem Verräter zu leiden. Der heißt eigentlich Bacaillé, wird aber plötzlich »der Krummbeinige« genannt. Und selbstverständlich wird er dafür, den Velranern die Hütte und den Schatz der Longeverner ausgeliefert zu haben, tüchtig bestraft. Die 30 oder 40 Krieger der Longeverner dürfen den Gefesselten reihum mit Weidenruten auspeitschen, bis er blutet wie ein Schwein. Vorher hat er seinen Verrat »gestanden«: weil ihm seine Ex-Kameraden übelste Folter androhten. Man glaube nicht, die beiden Kinderbanden würden lediglich Krieg spielen. Die Weidenruten sind so echt wie die Steine, mit denen sie sich bewerfen, und wie die Knüppel, mit denen sie sich auf die Mützen hauen. Daß bei solcher Handgreiflichkeit noch kein Auge ausgeschlagen wurde, darf stark bezweifelt werden. Einem erwachsenen Betrunkenen spielt man den »Streich«, ihn im Dunkeln über dutzendfach im Dorf gespannte Seile stolpern zu lassen – erstaunlicherweise bricht er sich nicht den Hals. Man befleißigt sich also der Brutalität, die einem die Väter, Lehrer, Soldaten vormachen. Dabei geht es weder um Land- noch Geldgewinne, nimmt man die Knöpfe und Schnallen einmal aus. Diese wichtigen, erbittert umkämpften Kurzwaren zeigen übrigens schon schlagend das Nichtspielerische dieses Abenteuerbuches an. In der christlichen Jungschar um 1960 hatten wir Knaben bei den Geländespielen verschiedenfarbige Wollfäden ums Handgelenk gebunden, die »Lebensfädchen«. Wer sein Lebensfädchen verlor, weil sie ein Gegner abgerissen und eingesackt hatte, war »tot«. Bei Pergaud jedoch müssen es schon echte Knöpfe und Schnallen sein, die wirkliche Lücken reißen, wenn sie dem Feind zur Beute fallen, und die dann zu Hause mitunter für eine zusätzliche, wirkliche Tracht Prügel sorgen.

Vor allem aber rauben sie dem Besiegtem, der nun ohne Knöpfe und Schnallen dasteht, beziehungsweise seinem Verein die Ehre. Um sie dreht sich alles, es ist der Lieblingsbegriff des Predigers von Militarismus und Clandenken Louis Pergaud. Der Knöpfe und Schnallen beraubt, hat man eine Niederlage erlitten, und da echte Longeverner keine Anzweiflung ihrer Vormachtstellung dulden können, muß Rache geübt werden, Vergeltung. Trifft die Schmach gar Lebrac, ihren »General«, muß dreimal vergolten werden, da es selbstverständlich innerhalb der Vormacht noch einmal eine Rangordnung gibt. Pegaud macht sich nur selten die Mühe, sein nach all den von ihm aufgebotenen deftigen Schimpfwörtern stinkendes erzieherisches Programm ironisch oder satirisch zu verbrämen. Nebenbei leidet seine Darstellung an Längen und glänzt weder durch Anschaulichkeit noch durch Treffsicherheit im Ausdruck.

Dennoch ist Pergauds Botschaft unmißverständlich – und der riesige Erfolg dieser Erzählung wäre in der Tat eine Schmach, wenn er nicht normal wäre. Entsprechend normal kommt es mir vor, wenn Pergaud mit 32 in den Ersten Weltkrieg zog, binnen kurzer Zeit zum Leutnant aufstieg, aber schon im April 1915 im Rahmen von Gefechten bei Marchéville (Meuse) auf dem »Feld der Ehre fiel« oder verschollen ging. Ich verweise aus naheliegenden Gründen auf meine kleine Betrachtung über die »Ehre« von 2013, A-42.



Perner, Jan 30 (1815–45). Der Sohn eines Müllers war sowohl tschechischer Eisenbahnbauer wie Patriot. 1833 hatte er das Prager Polytechnikum, das er nur unter großen Entbehrungen besuchen konnte, als Ingenieur verlassen. Auf Schienenverkehr und Energiefragen spezialisiert, trug er in den folgenden Jahren, nach Beschäftigungen in Rußland und Polen, wesentlich zum Ausbau des Streckennetzes in Böhmen und Mähren bei. Ab 1842 leitete er den Bau der Eisenbahnstrecke von der mährischen Metropole Ölmütz nach Prag. Da er dies alles, die Schienenstränge wie die vorbeifliegenden Getreide-schläge, gern in tschechischer Hand gesehen hätte, einerlei ob Gutsherrn- oder Bauernpranke, schloß er sich bald den wienfeindlichen Zirkeln der böhmischen Hauptstadt an, wobei sein Interesse genauso dem Aufbau eines tschechischen Nationaltheaters (Smetana!) wie dem Aufbau der tschechischen Industrie gegolten haben soll.

Leider war auch sein makaberes Ende theaterreif. Es geschah im September 1845 bei einer Reise auf just der erwähnten Eisenbahnstrecke, die erst wenige Wochen vorher eingeweiht worden war. Perner wollte seine Eltern besuchen, die in Pardubice wohnten. Man kann sich gut ausmalen, welche Zukunftsträume durch das Gehirn des 30jährigen Ingenieurs zogen, während er sich bei Choceň von einer Plattform aus über die Schienen beugte, den Fahrtwind mit allen Bartstoppeln genoß und die ersten Kinder mit Drachen durch die Stoppelfelder flitzen sah, die er vielleicht sogar aus der eigenen Kindheit kannte. Plötzlich ein Schlag: Perner war mit seinem Kopf gegen einen Pfeiler geprallt. Zwar konnte er in Pardubice noch auf eigenen Beinen aussteigen, doch dann brach er zusammen – und anderntags »war er eine Leiche«, wie 25 Jahre später ein Spaßvogel unter den Lexikografen schrieb.*

In etlichen Quellen genießt Streckenbauer Perner den etwas peinlichen Ruf, das erste Todesopfer des böhmischen Eisenbahnverkehrs zu sein. Nach dem Zweitem Weltkrieg trugen IC- oder EC-Züge Perners Namen durch die Lande. Die Krönung etlicher Ehrungen erfolgte erst jüngst aus Anlaß des »200. Geburtstages« des Verunglückten: die tschechische Nationalbank gab im Herbst 2015 eine silberne Gedenkmünze im Nennwert von 200 Kronen heraus, für die der hiesige interessierte Eisebahnfreund um 25 Euro auf den Tisch legen muß. Er kann dann auf der einen Münzseite Perners armen Schädel, auf der anderen Perners Todesstrecke betrachten. Er kann die Münze natürlich auch im Etui stecken lassen, das er schließlich mitbezahlt hat.

* Constantin von Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, Band 22, Wien 1870, S. 34



Pesch, Willi 32 (1907–40), vielgelobter Fußballtorwart von Fortuna Düsseldorf, die in der zeittypischen »Gauliga Niederrhein« und damit in der höchsten Klasse spielte. 1933 wurde er mit seinem Club Deutscher Meister, 1936 Vizemeister. Insofern müßte er also »objektiv« eine Zierde am Hakenkreuz gewesen sein. Das Subjektive, darunter sein Bildungsgang, scheint nirgends bekannt zu sein. Nun gut: er war verheiratet und hatte eine Tochter, wie mir das Düsseldorfer Stadtarchiv verrät. Frontsoldat war er offensichtlich nicht. Eigentlich schon zurückgetreten, sprang Pesch, inzwischen »Sportwart« in seinem Club, in der Saison 1939/40 noch einmal in die Bresche bezie-hungsweise zwischen die Pfosten, weil sein Nachfolger Willi Abromeit zur Wehrmacht eingezogen worden war. Diese Aushilfe endete jäh am Mittwoch dem 15. Mai 1940 am Düsseldorfer Worringer Platz. Das heißt, damals hieß er vorübergehend Horst-Wessel-Platz. Dem SA-Mann >Wessel werden wir noch begegnen.

Am besagtem Tag brachte es Pesch aus eher unsportlichen Gründen in die Zeitung.* Danach war kurz nach 15 Uhr ein Straßenbahnzug der Linie 14 die Ackerstraße hinunterge-saust. Da er die Kurve am Horst-Wessel-Platz ungebremst nahm, wurden von einer Plattform vier Fahrgäste aufs Plaster geschleudert. Sogar die (senkrechte?) mittlere Haltestange sei weggeflogen. Vermutlich hätten die Bremsen versagt. Unter den Schwerverletzten habe sich auch der bekannte Torwächter der Fortuna befunden: Schädelbruch. Er starb noch am selbem Tag im Kranken-haus. Weitere Namen werden nicht genannt.

Was geschah mit Peschs Gattin? Wir wissen es nicht. Maria Helene Pesch geb. Krall war zwar etwas älter als ihr Mann, doch auch sie starb bereits mit 36, nämlich im April 1942, also rund zwei Jahre nach Pesch. Aus Gram? Am Krieg? Von eigener Hand? Wir wissen es nicht. Sollte die Tochter noch leben, geht sie jetzt auf die 90 zu. Name bei mir. Vielleicht dringt ja mein Werk bis nach Düsseldorf vor und eine hellwache Heimatforscherin krempelt die Ärmel auf. Man könnte natürlich einwenden, es gebe wichtigere Forschungsarbeiten. Zum Beispiel: Ist Frau Merkel nur Mitläuferin der Internationalen Pharmamafia oder doch Aktivistin? Hier wäre es wahrscheinlich hilfreich, auch Merkels Gatten unter die Lupe zu nehmen**, Joachim Sauer. Der Mann ist Chemiker. Ich sagte nicht: Lobbyist.

* »Verkehrsunfall am Horst-Wessel-Platz«, Düsseldorfer Nachrichten, 16. Mai 1940
** Wolfgang Effenberger, »Bundesministerium für Gesundheit beauftragt Werbeagentur für Corona-PR«, Neue Rheinische Zeitung (Köln), 29. April 2020: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=26755




Pettis, Spencer Darwin c.29 (1802–31), Rechtsanwalt in Missouri, USA, und Kongreßabgeordneter, außerdem Namensgeber für das Pettis County in seinem Staat. Nach meinen Ausführungen zum Duell unter Ferdinand >Lassalle ist dieser Fall eigentlich nur noch wegen der Opferrate erwähnenswert. Pettis, unverheiratet, hatte, wie dieser meinte, den kriegsverdienten Major Thomas Biddle durch beleidigende Vorwürfe gegen dessen Bruder Nicholas Biddle gekränkt, einen hohen Bankier. Der Major selber war 1823 durch Heirat mit einer Millionärstochter reich geworden. Nach einigen Wortgefechten in der Presse von St. Louis marschierte Biddle, inzwischen 40, in ein Hotel, wo sein Widersacher gerade erkrankt im Bett lag. Er beschimpfte ihn und hieb sogar mit einer Peitsche (cowhide whip) für Rinder und Gäule aufs Krankenbett. Damit war die Herausforderung zum Duell fällig.

Man traf sich am 27. August 1831 auf Bloody Island, einer bekannten Sandbank im Mississippi, dem Grenzfluß mit Illinois. Sie galt günstigerweise als Niemandsland; Duelle waren nämlich in beiden Staaten offiziell verboten. Es fanden sich sogar eine Menge Zuschauer ein. Der knopf- und ehrengeile Romancier Pergaud hätte sich sicherlich gern unter ihnen befunden. Der kurzsichtige Major hatte die Mindestdistanz von fünf Fuß gewählt. Somit konnten sich die beiden Kampfhähne die Pistolenläufe fast in die Nasenlöcher stecken. Der selbstmörderische Zug dieser Begegnung lag auf der Hand. Einige BeobachterInnen meinten allerdings, Biddles Wahl sei in der Hoffnung erfolgt, Pettis ziehe den Schwanz ein – dadurch hätte Biddle sein Leben, Pettis den Schwarzen Peter behalten. Aber Pettis dachte gar nicht daran. Also krachten die Schüsse, und beide Männer sanken schwer verwundet zu Boden. Angeblich hauchten sie sich beim Abtransport auf je einer Bahre gegenseitig Verzeihung zu. Sie starben beiden innerhalb von zwei Tagen. Das brachte den Vorteil mit sich, ein riesiges, ehrenvolles gemeinsames Begräbnis veranstalten zu können, von dem die Kinder und Großmütter noch lange sprachen. Man habe die beiden Männer bewundert, weil sie den Tod der Schande vorgezogen hätten, ist beim gegenwärtigen Missouri Secretary of State John R. Ashcroft auf dessen dienstlicher Webseite* zu lesen, die noch mehr Duelliges zu bieten hat.

* https://www.sos.mo.gov/archives/education/dueling/political-duels.asp



Peuerbach, Georg von 37 (1423–61), Wiener Astronom. Sich mit bloßem oder bewaffnetem Auge unter all diesen Sternen umzusehen, von denen bis heute noch kein Tropfen Blut gefallen ist, stelle ich mir zuweilen sehr gesundheitsfördernd vor. Aber dann ist mir die warme Bettdecke näher. Obwohl noch dem ptolemäischen Welt-bild verhaftet, wird der Wiener Professor, Hofastronom und Humanist Georg von Peuerbach zu den wichtigsten Vorläufern des Kopernikus gezählt. Viele seiner Arbeiten führte sein Schüler Johannes Regiomontanus fort, der auch nur 40 wurde. Sowohl Peuerbachs Schriften, seine oft gelobten Briefe eingeschlossen, wie die von ihm gebauten Instrumente übten für viele Jahrzehnte großen Einfluß aus. Hermann Haupt schreibt 2001: »Berühmt (und in mehreren Exemplaren noch erhalten) sind seine Taschensonnenuhren, die sich in Verbindung mit einem Kompaß als für die damalige Zeit relativ genaue Geräte zur Orts- und Zeitbestimmung erwiesen und bald darauf von Christoph Kolumbus bei seinen Seefahrten benützt wurden.« Zudem läßt sich am Chor des Wiener Stephans-doms eine vertikale Sonnenuhr bewundern, die Peuerbach 1451 anbrachte oder anbringen ließ. Im Schloß von Peuerbach, Oberösterreich, wo der berühmte Astronom und Namenspatron eines Mondkraters geboren wurde, ist ihm ein eigenes Museum gewidmet.

Warum Peuerbach schon 10 Jahre nach Montage jener Sonnenuhr im Alter von 37 Jahren das Zeitliche zu segnen hatte, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen. Sein Tod durchkreuzte Pläne einer erneuten Reise oder gar einer Übersiedlung nach Italien. So »plötzlich«, wie Siegmund Günther noch 1887 meint, wird er Peuerbach aber kaum ereilt haben. Dem Wiener Historiker Helmuth Grössing zufolge (1983) geht aus Briefen Peuerbachs hervor, daß er zumindest 1456 an brennender Lunge, Fieber, Durst, starken Kopfschmerzen und Haarausfall litt. Möglicher-weise hatte er sich durch etliche Jahre mit einer schleichenden Krankheit abzuschleppen, etwa Typhus, die ihn dann 1461 überwältigte. Nebenbei führt Grössing einige Anhaltspunkte an, die auf eine homosexuelle Neigung Peuerbachs deuten. Das soll nicht heißen, der allseitig gebildete Astronom, der auch über antike Dichter las und der sich unter anderem der Gunst des römischen Kurienkardinals Johannes (Basilius) Bessarion erfreute, sei einer Gewalttat zum Opfer gefallen, wie später beispielsweise Winckelmann. Der deutsche Schöngeist wurde (1768) mit 50 in einem Hotel in Triest erstochen.

2000 fand in der Stadt Peuerbach sogar ein erstes »Symposium« über den Astronomen statt. Die dortigen Vorträge sind anscheinend bald darauf in Buchform erschienen: Der die Sterne liebte. Georg von Peuerbach und seine Zeit, Hrsg. Helmuth Grössing. Soweit ich sehe*, ist hier in biografischer Hinsicht nichts Neues zu holen.

* Tagungsbericht in den Elektronischen Mitteilungen zur Astronomiegeschichte, Nr. 53, 13. Oktober 2000: https://astro.uni-bonn.de/~pbrosche/aa/ema/ema53.txt



Pezoa Véliz, Carlos 28 (1879–1908), chilenischer Journalist und Lyriker. Als solcher kam er erst posthum zu Büchern und Ruhm. Der uneheliche Sohn eines spanischen Einwanderers namens Moyano und der jungen Näherin Elvira Jaña war schon früh von einem älterem Ehepaar adoptiert worden. Er wuchs in der Hauptstadt Santiago auf. Er war rebellisch und vermutlich auch traurig gestimmt und schlug sich auf die Seite der Armen und Entrechteten. Sein Studium brach er anscheinend (1898) mit der Einberufung zum Militär ab. Später ernährte er sich vorwiegend als Journalist. Ab 1902 soll er auch streckenweise Lehrer und Gemeindesekretär in Viña del Mar, der Schwesterstadt von Valparaíso, gewesen sein. Diese Ämter verlor er aber möglicherweise aufgrund seines »bohemienhaften« Lebenswandels. Der wiederum wurde sicherlich von einer Katastrophe durchkreuzt, die die beiden Hafenstädte am 16. August 1906 heimsuchte.

Es war nicht das erste und nicht das letzte Erdbeben an dieser Küste. Die Erschütterungen und die begleitenden Flutwellen forderten diesmal um 4.000 Tote, ferner mindestens 20.000 Verletzte. Zu dieser Zeit hatte Pezoa Véliz in einer Pension in Viña del Mar gewohnt. Sie stürzte zumindest teilweise ein. Man schaffte den jungen Mann, dem die Beine zerschlagen worden waren, ins Deutsche Krankenhaus von Valparaíso. Er litt viele Schmerzen und humpelte an Krücken durch die Flure. Wieder einigerma-ßen hergestellt, meldete sich jedoch ein altes Magenleiden bei ihm, sodaß er sich erneut ins Krankenhaus begab.* Als sich sein Zustand trotz (oder wegen) Operation verschlechterte, wurde er nach Santiago in die spätere Universitätsklinik verlegt. Dort habe man »eine Tuberku-lose des Bauchfells« festgestellt. Daran soll der 28jährige am 21. April 1908 gestorben sein.

Meine Suche nach einer halbwegs erträglichen Überset-zung des vielgelobten Gedichtes »Tarde en el hospital« (Nachmittag im [Deutschen] Krankenhaus), 1907 in irgendeiner Zeitschrift veröffentlicht, war ein echter Schlag ins Wasser. In Pezoas vier kurzen Strophen scheint es zu regnen – genauer gesagt, vor dem Fenster des Kranken-hauszimmers. Auf spanisch klingen sie recht verlockend. Sie sind sogar gereimt. Der Robotor meint, mit dem Regen falle die Angst – aber womöglich sinkt oder steigt sie auch. Von Pezoas Gemütsleben ist im ganzen Internet so gut wie kein Komma zu lesen.

* Oscar Hahn, »Fisonomía inconfundible«, Altazor (Internet-Literaturmagazin aus Santiago de Chile), Stand Mai 2021: https://www.revistaaltazor.cl/carlos-pezoa-veliz-2/



Philipp von Frankreich 15 (1116–31), Prinz und Kunstreiter. An einem sonnigem Oktobertag des Jahres 1131 wühlte im Pariser Stadteil Greve ein Schwein in einem Unrathaufen am Ufer der Seine. Als ein Trupp Berittener vorbeitrabte, erschreckte es sich heftig genug, um einem Pferd aus dem Trupp zwischen die Beine zu rennen. Prompt scheute nun auch das Pferd und beförderte seinen erst 15 Jahre alten Reiter über seinen Schädel im hohem Bogen aufs Pflaster des Seine-Kais.* Zum Unglück des Abgeworfenen zählte der Umstand, daß er nicht so gut gepolstert wie sein Vater war, der französische König Ludwig VI., genannt der Dicke. Deshalb gab Philipp von Frankreich, der als Ältester des Dicken Thronfolger und bereits Mitregent gewesen war, am folgenden Tag seinen durchaus aufs Wohl der Schweine, nicht aber der Bauern bedachten Geist auf.

Vergleicht man den Sprößling des Dicken mit Phaungkaza Maung Maung (1763–82), hatte Philipp noch Schwein. Der 18jährige Asiate war recht kurzzeitig König von Ava in Birma. Kaum hatte er sich Anfang Februar 1782 eine Reise seines Cousins Singu Min zunutze gemacht, um sich selbst auf dessen Thron hieven zu lassen, eilte jedoch sein Onkel herbei, der Prinz von Badon, und stieß ihn wieder hinab. Badon ließ den Frechling noch am selbem Tage (11. Feb-ruar) im Verein mit dessen Hauptfrau ertränken.

Der junge englische Seemann und bald auch Marine-offizier Richard Pickersgill (1749–79) hatte den berühmten Kapitän und Entdecker James Cook auf zwei Weltreisen begleitet. Schon mit 27 bekam er selber das Kommando über ein Schiff. Er segelte unter anderem nach Kanada. Aber nicht in Übersee fand er mit 30 sein Seemannsgrab, sondern in London. Er sei beim Betreten eines Schiffes versehentlich in die Themse gefallen und ertrunken, heißt die Formel im Internet. Einzelheiten werden uns nicht gegönnt.

* Eine Art Beweisfoto findet sich in der Grandes Chroniques de France, um 1340: https://fr.wikipedia.org/wiki/Philippe_de_France_%281116-1131%29#/media/File:Philip_of_France_%281131%29.jpg



Philips, Reginald Enos Kirkland junior 35 (1951–86), jamaikanischer Diplomat. Der gebildete Mann aus gutem Hause war vom Lehrer zum höherem Staats-diener aufgestiegen. Vor allem hatte er die Botschafter-posten in verschiedenen Nachbarländern Jamaikas inne, das 1962 die Unabhängigkeit vom UK erhalten hatte. Zuletzt muß er diesen Posten in Port of Spain, Trinidad und Tobago, bekleidet haben, denn eben dort soll er, mit 35, gestorben sein – weiß der Teufel, warum.

Die Quellenlage über den Junior gleicht einem von Dinosauriern restlos leergetrunkenem Hafenbecken. Man erfährt nur, der Senior hieß auch schon so: R.E.K. Philips, wie offenbar gern abgekürzt wird. Der ausgeschriebene Name hat mich, ehrlich gesagt, auf Anhieb beeindruckt. Wahrscheinlich, weil er wie ein Titel klingt, wie ein sehr selten verliehener zumal. Ich erlaube mir deshalb, Sie zum Trost für die neuerliche Dürre mit der »Titelite« bekannt zu machen, A-43.



Pinsent, David 26 (1891–1918), Sohn eines britischen Rechtsanwaltes in Birmingham und dessen sozialpolitisch tätigen Gattin. Vor allem aber war er für einige Jahre ein enger Freund oder Geliebter des »Philosophen« Ludwig Wittgenstein, den er am Cambridger Trinity-College kennengelernt hatte. Andernfalls wäre Pinsent wohl lediglich in die Statistik der Arbeitsunfälle des Londoner Kriegsministeriums eingegangen. Sein damals noch unberühmter Freund aus Österreich, ein von Hause aus steinreicher, ansonsten zeitlebens seltsamer, gequälter Mann, war zwei Jahre älter als er. Wittgenstein studierte Philosophie, Pinsent Mathematik. Zwar war der kleingewachsene Mathematikstudent für den Kriegsdienst untauglich befunden worden, er durfte jedoch an aerody-namischen Versuchen der Royal Army teilnehmen. In diesem Rahmen kam er am 8. Mai 1918 bei Farnborough (südlich von London) als Co-Pilot des Leutnants L. F. D. Lutyens zu Tode. Es heißt, ihr Jagdflugzeug sei in der Luft auseinandergebrochen. Auch der Leutnant kam um.* Pinsent war knapp 27. Wittgenstein widmete ihm vier Jahre darauf sein schon beinahe grotesk überschätztes Werk Tractatus logico-philosophicus.

* Violet Sphinx, »Ludwig Wittgenstein and the First World War«, Trinity College Library, 11. Juli 2014: https://trinitycollegelibrarycambridge.wordpress.com/2014/07/11/wwi-wittgenstein/



Pissarew, Dmitri Iwanowitsch 27 (1840–68), russischer Philosoph und Literaturkritiker. Seine Gruft war der Golf von Riga. Dabei hatte es der antizaristisch gestimmte, unter anderem mit Kropotkin befreundete Mann schon vorher nicht leicht gehabt, verbrachte er doch die besten Jahre seines kurzen Lebens teils in einer Nervenheilanstalt, vor allem freilich in Festungshaft. Bald nach seiner Entlassung entbrannte er, in St. Petersburg, in Liebe zu seiner zweiten Cousine Maria Markovich, geb. Vilinska, einer Schauspielerin, die unter dem Pseudonym »Marko Vovchok« auch als Schriftstellerin Erfolg hatte. Mit ihr und ihrem Söhnchen fuhr der inzwischen 27jährige im Sommer 1868 in das lettische Seebad Jūrmala. Am 16. Juli ertrank er. Darya Pushkova behauptet*, wegen der Umstände nehme man allgemein einen Selbstmord an – ohne uns allerdings in diese Umstände einzuweihen. Nach verschiedenen Andeutungen in anderen Quellen lief es mit Maria schlecht. Als Jugendlicher hatte Pissarew, der auf Bildnissen durchweg etwas blass und eher bieder wirkt, bereits mit seiner ersten Cousine Schiffbruch erlitten: Raisa Koreneva, die die Ehe mit einem anderem Trottel oder Knechter vorzog.

* »Prominent Russians: Dmitry Pisarev«, RT Russiapedia, Stand 2005–21: http://russiapedia.rt.com/prominent-russians/literature/dmitry-pisarev/



Pixii, Hippolyte 26 (1808–35), Instrumentenbauer und Erfinder in Paris, wo er aus überall eisern verschwiegenen Gründen auch seinen Geist aufgegeben haben soll. Ein Bildnis zeigt ihn mit enormem Backenbart als Ausgleich für seine gewaltige Stirnglatze – hier nutzten ihm somit seine Talente nichts. Hippolyte gilt vor allem als Schöpfer des Urtyps brauchbarer elektromagnetischer Generatoren. Abbildungen seiner ersten Ausführungen dieser Maschine erinnern verdächtig ans Fallbeil: als »Guillotine« bekanntlich die Mordmaschine der kaum verstrichenen Französischen Revolution. Hoffen wir, der Instrumenten-bauer erlitt keinen tödlichen Arbeitsunfall – nach dem Muster »Die Revolution frißt ihre Kinder«. Hier deutet sich also der sowohl mörderische wie selbstmörderische Charakter moderner Technik überhaupt an. Da muß man aber sofort eine Beteuerung einflechten – gerade so, wie zahme KritikerInnen der Corona-Notstandsregime stets versichern, sie nähmen das Virus durchaus ernst; die Gefahr sei furchtbar. Unfug ist sie. Die Gefahr sind die verlogenen Notstandsregime. Man hat also gefälligst zu beteuern, man sei nicht grundsätzlich gegen Technik. Sie habe auch ihr Gutes.

Wenn mich das Virus verschont, nehme ich vielleicht noch in diesem Jahrzehnt eine umfangreiche Kulturgeschichte der Behälter in Angriff. Man unterschätzt die Rolle der Behälter oft. Jost Herbig wies zum Beispiel auf den revolutionären Akt des Frühmenschen hin, Tragbeutel zu erfinden. Damit konnten Nahrungsmittel nicht nur bevorratet, sondern auch besser ver- und geteilt werden. Mit dem Anthropologen Owen C. Lovejoy nimmt Herbig sogar an, die Herausbildung des Aufrechten Ganges verdanke sich wesentlich dem Wunsch, die Hände zum Tragen frei zu bekommen.* Man sieht daran, Herbigs Blick war nicht auf das Militärische, sondern auf das Soziale geheftet. Aber die sogenannten WissenschaftlerInnen gruben weiterhin begeistert die Faustkeile und Bronzeäxte aus. Beutel, aus Rinde oder Leder, hätten sie auch schwerlich ausgraben können: die waren längst verrottet.

Lewis Mumford stellte die wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritte heraus, die zwischen 1100 und 1800 allein durch die Herstellung zweckmäßiger Behälter erzielt worden seien. Es handele sich sowohl um Behälter »für den Hausgebrauch, wie Töpfe, Pfannen, Säcke und Tonnen, als auch solche für kollektiven Gebrauch, wie Kanäle und Schiffe. Daß Behälter Kraft übertragen können, wie ein Mühlengraben, oder Kraft nutzbar machen, wie ein Segelschiff«, sei gleichfalls weithin übersehen worden.** Somit erstreckt sich der Bereich der Behälter für Mumford über die in allen mir bekannten Nachschlagewerken anerkannten Kisten und Krüge hinaus. Ich würde in meinem Werk sogar noch weiter gehen. Für mich stellen auch Mietshäuser, Flugzeugträger, ganze Städte, Nationen oder sogenannte Vaterländer, aber auch Begriffe, wissenschaftliche Systeme und Vorurteile Behälter dar. Man könnte dem Menschen geradezu ein zwanghaftes »Behälterdenken« bescheinigen; ohne alles und jedes in seinen vorschriftsmäßigen Behälter zu stecken, finde er sich offenbar nicht in der Welt zurecht. Möglicherweise ein echtes »tragisches« Unterfangen, wenn man die Ambivalenz aller Behälter bedenkt. Sie behüten ihren Inhalt; beengen, fesseln, verbergen ihn aber auch. Im Falle von Atomreaktoren verbergen sie ihn so lange, bis er explodiert. Entsprechend bieten Formen uns Außen-stehenden an, sie zu bewahren oder sie zu zerstören. Krieger und Dadaisten haben das schon immer gewußt.

Die gängigen kosmologischen Vorstellungen sperren gleich das gesamte Universum ein – es gibt ja auch dehnbare Behälter, siehe jenen Tragbeutel aus Leder. Andererseits übersteigen unfestgelegte Phänomene wie »Unendlich-keit« oder »Ewigkeit« entschieden unser Fassungsver-mögen. Wir sind das abgrenzende Tier. Wir sind das sich selbst fesselnde Tier.

Vor Jahren schrieb ich einmal eine Kulturgeschichte, die am Knoten aufgehängt war. Auch dieses Phänomen wird meistens unterschätzt, wenn nicht völlig mißachtet. So aufgehängt, kam ich zu einigen grundsätzlichen Verbindungsweisen des Menschen – in fortschreitender Reihe: Verzurren / Ineinanderstecken / Verschmelzen. Die Moderne bevorzugt das zuletzt genannte Verfahren. Wie sich versteht, lassen sich miteinander verschmolzene Bestandteile nur noch schwierig oder gar nicht mehr lösen. Der sechsseitige Essay »Von Knoten und Klumpen« wurde (2005) sogar in einer Anthologie abgedruckt. Sie können ihn kostenlos als PDF beziehen.

* Jost Herbig: Im Anfang war das Wort, 1984, Ausgabe München 1986, bes. S. 41 und 52
** Lewis Mumford: Mythos der Maschine (Originalausgabe 1966/1970), 2. deutsche Ausgabe Frankfurt am Main 1977, S. 499/500




Platzer, Ignaz, 6, und Ilona, 8 († 1980 beim Attentat Oktoberfest München). Um es einmal ehrlich einzuge-stehen: Wenn sich jemand dazu entschlösse, mich aus bestimmten Gründen umzubringen, fände ich das zwar ziemlich unangenehm, aber auch verständlich. Er hat eben, aus diesen oder jenen »niederen« Motiven, seine Wut auf mich. Aber so? Irgendwo eine Bombe hochgehen zu lassen, die irgendwen trifft? Der Anschlag auf unschul-dige BesucherInnen des Münchener Oktoberfestes von 1980 wird unter den schwersten Terrorakten der deutschen Nachkriegsgeschichte geführt. Neben zahlrei-chen, zum Teil schwer verletzten Opfern hinterließ er 13 Tote, darunter die Geschwister Platzer als die jüngsten der Zufallsopfer. Auch den Attentäter Gundolf Köhler (21), nach offizieller Version zwar »Rechtsextremist«, jedoch als solcher »Einzeltäter«, erwischte es. Etliche Beobachter-Innen halten eine Verstrickung faschistischer Gruppen und überdies staatlicher Geheimdienste in den Anschlag für wahrscheinlich.* Jedenfalls sind die beiden Kinder tot. Den Gram von ihren Eltern, Lehrern, Freunden möchte ich nicht erlebt haben.

* Birgit Lutz-Temsch, »Am Montag jährt sich das Oktoberfest-Attentat«, Süddeutsche Zeitung, wohl 22. September 2005: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/schmerzende-erinerungen-am-montag-jaehrt-sich-das-oktoberfest-attentat-1.757631



Plessis, Koos du 38 (1945–84), weißer südafrikanischer Journalist und Liedermacher. Am 15. Januar 1984 frühmorgens kam er aus mir unbekannten, sicherlich aber unpolitischen Gründen mit seinem VW-Käfer zwischen den Städten Pretoria und Krugersdorp (bei Johannesburg) vom Fahrdamm ab und stürzte eine Böschung hinunter. Offenbar war der 38jährige allein unterwegs. Das Wrack und Du Plessis' Leiche wurden erst im Laufe des Tages entdeckt.* Im Hauptberuf war der Farmersohn seit Ende 1972 Redakteur des Oggenblads in Pretoria gewesen. Er wohnte in einem Vorort mit seiner Familie (drei Töchter) in eigenem Hause. Im Liedschaffen auf afrikaans soll er eine Leitfigur gewesen sein. Für einige Platten oder Titel erhielt er Auszeichnungen. Er spielte Gitarre, setzte jedoch auf den Alben gern Klavier und Geigen ein. Im Gesang tief und kehlig, könnte er Leonard-Cohen-VerächterInnen gleichwohl an die SüßwarenverkäuferInnen kalifornischer Strände erinnern, ob weiß oder schwarz. Über den letzten Farb- oder Geschmackszustand seines Gemütes ist nichts zu erfahren. Trifft es zu, er habe gerade ein viertes Album vorbereitet und sei am Unfalltag zu seinem Produzenten Nick Taylor unterwegs gewesen, ist Selbstmord vielleicht unwahrscheinlich.

* Namibiana Buchdepot, 21. November 2012: http://www.namibiana.de/namibia-information/who-is-who/personen/infos-zur-person/koos-du-plessis.html



Podiebrad, Katharina von 14 (1449–64). Davon haben damals sicherlich so manche Mädchen geträumt: mit 13 Jahren Königin von Ungarn, durch Heirat mit dem König, Matthias Corvinus, 20. Kaum unter der Haube, kriegt das magere Geschöpf aus Prag (wo es anscheinend Kunigunde oder Kunhuta hieß), einen dicken Bauch. Dann Totgeburt – und die 14jährige Mutter folgt dem Säugling, nach wenigen Tagen, wegen Infektion, Erschöpfung oder Verzweiflung, oft kurz und einfach »Kindbettfieber« genannt, unter die Erde. Großes Begräbnis in der Budapester Sigismund-Kirche. Ihre ungarischen Vokabeln hatte die Tochter des böhmischen Königs Georg von Podiebrad vergeblich gepaukt.

Als Mr. Edgar Allan Poe am 16. März 1836 in Richmond, Virginia, seine Kusine Virginia Clemm heiratete, war er kein König, vielmehr Journalist und »Dichter« in ziemlich abgerissenem Zustand. Heute gilt er als wichtiger Wegbahner, wenn nicht Vater der US-Short-Story und der Kriminal- und Gruselgeschichten. Damals hatte er gerade eine Anstellung verloren, dafür den Alkohol entdeckt. Und die Heiratsurkunde wies die Braut, die er angeblich schützen wollte, während er sich wohl eher umgekehrt Rettung von ihr versprach, als 21jährige aus. Tatsächlich war aber auch sie erst 13.* Dagegen war ihr Gatte mehr als doppelt so alt, 27. Selbst dieses eher geringe Alter sollte Virginia allerdings nicht mehr erreichen. Die Tochter eines kinderreichen Krämers, die auch mit Poe kaum aus der Armut heraus gekommen war, erlag 1847 in einem von ihrer Mutter gemieteten Häuschen am Rande von New York City mit 24 Jahren der Tuberkulose, die ihr seit einigen Jahren zugesetzt hatte.

Der Witwer starb nur zwei Jahre darauf im Alter von 40 Jahren in Baltimore, Maryland. Die Umstände seines Todes sind ungeklärt und ähnlich geheimnisvoll wie so manche seiner heute weltberühmten Erzählungen. Wahrscheinlich war er arg zerrüttet. Der Sohn eines Schauspielerpaares, der in Richmond, Virginia, beim erfolgreichem Geschäftsmann Allan aufgewachsen, dann jedoch in Ungnade gefallen war, fand als Erzähler und Lyriker zu Lebzeiten wenig Anerkennung und hatte noch über den Tod hinaus an einem womöglich verzerrtem Abbild als unverträglicher Trunkenbold zu leiden. Eher hatte er ein ziemlich typisches Bohème-Leben geführt. Aber selbst wenn er ein Scheusal gewesen wäre, kann es ihm wohl kaum angekreidet werden. Sein Vater David hatte sich ein Jahr nach Poes Geburt verdrückt, und nach einem weiterem Jahr war seine Mutter Elizabeth Arnold Poe (1787–1811) mit 23 oder 24 Jahren – auch schon der Tuberkulose erlegen, wie später seine Frau.

Auch von dieser ist so manches offen. Theorien, Virginia sei bei ihrem Tode noch Jungfrau gewesen und eher an Unberührtheit als an Tuberkulose gestorben, konnten bislang nicht bewiesen werden. Es ist sogar umstritten, ob sie eifersüchtig war. Ich habe allerdings den Verdacht, bei Poes oft erwähnten »Affären« habe es sich eher um Poes Wunschgebilde oder Albträume gehandelt. Auch mehrere Versuche, sich erneut zu verheiraten, scheiterten. Manche BeobachterInnen behaupten, Poe habe nie wirklich Wert auf den Genuß weiblicher Sexualität gelegt. Er habe die ungewöhnlich weißhäutige, ansonsten dunkeläugige und schwarzhaarige Virginia eher als Klavier spielenden Engel verehrt. Das Paar sei gleichwohl glücklich gewesen. Virginia habe sich gern mit Poe auf Partys oder bei Konzerten sehen lassen. Vielleicht war es einfach eine schicke Sache, Frau Poe zu sein. Cynthia Cirile betont in einem Aufsatz von 2010, Poes »Sissy«, wie er sie nannte, habe dem Idealbild der American Renaissance entsprochen – und entsprechend vervielfältigt finde sie sich in diversen zeitgenössischen Kunstwerken aus dem Raum Philadelphia wieder. Wahrscheinlich hätte auch Novalis (bei >Noves) seine Freude an ihr gehabt. Was freilich ihr Innenleben angeht, scheinen wir, wieder einmal, so gut wie nichts zu wissen. Vielleicht hatte sie ja gar keins.

* Katherine Luck, »The short, sad life of Edgar Allan Poe's child bride«, the delve, 18. März 2020: https://the-delve.com/2020/03/18/the-short-sad-life-of-edgar-allan-poes-child-bride/



Poehlke, Norbert 34 (1951–85), Polizist und mutmaß-licher Serienmörder. Buchautor Fred Breinersdorfer zufolge* war der dunkelhaarige, vollbärtige Schwabe, der sich trotz (oder wegen) eines Lottogewinnes von 36.000 DM stark verschuldet hatte, von massiger, etwas gedrungener Gestalt. Aufgrund einer frühen Erkrankung hinkte er leicht. Breinersdorfer zeichnet ihn als durchaus freundlichen, wenn auch ziemlich verschlossenen Mann, der nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen war. Der Autor, ursprünglich Rechtsanwalt, betont jedoch, über Poehlkes Persönlichkeit lägen nur spärliche Zeugnisse vor, sodaß er, Breinersdorfer, diesbezüglich in seinem »dokumenta-rischem Kriminalroman« notgedrungen zu Einfühlungs-vermögen und Fiktion gegriffen habe. Ansonsten sei er freilich streng den Tatsachen gefolgt. Danach verübte der Polizeiobermeister einer Stuttgarter Hundestaffel mit Anfang 30 in rund zwei Jahren zunächst wahrscheinlich drei Raubmorde und vier Banküberfälle, dies durchweg im Raum Backnang, wo er mit Frau und zwei Kindern im Dorf Strümpfelbach ein eigenes Haus bewohnte. Die Morde beging er, um sich für die Banküberfälle Tat- und Fluchtfahrzeuge zu verschaffen – falls dies tatsächlich der alleinige oder jedenfalls wesentliche Grund für diesen brutalen Weg der Beschaffung gewesen sein sollte. Bei Breinersdorfer wundert sich Poehlkes Frau im Gespräch mit ihrem Mann zurecht darüber, daß »dieser Typ« kaltblütig mordet, nur um an ein Auto zu kommen. Das ließe sich doch durch Diebstahl viel einfacher und gefahrloser bewerkstelligen. Dazu sagt ihr Mann nichts – bei Breinersdorfer (S. 100).

Zeugin Inge Poehlke konnte nicht mehr befragt werden. Zwar war Poehlke nach den Überfällen jeweils unerkannt entkommen, doch dann schloß sich das Netz um den fieberhaft gesuchten Gewaltverbrecher (der sich ebenfalls einige »Fehler« leistete) trotz etlicher »Pannen« der ErmittlerInnen enger, und zudem schöpfte jetzt auch seine Frau ernsthaften Verdacht. Darauf erschoß Poehlke auch diese sowie seinen älteren Sohn Adrian, während er mit dem jüngerem Sohn Gabriel in seinem privatem weißem Mercedes-Kombi gen Mittelmeer flüchtete. Beide Kinder dürften im Vorschulalter gewesen sein. Mitte Oktober 1985 in Süditalien eingetroffen, war dem 34jährigem, noch unentdecktem Schwaben offenbar ausweglos genug zumute, um am Strand der Adria auch seinen Jüngsten und dann sich selbst zu erschießen. Nach einem Jubiläumsartikel der Stuttgarter Zeitung** hatte Poehlke einmal als Kind in dieser Gegend, bei Brindisi, Ferien gemacht. Nun hatte er, vor dem letzten Schuß, sehr wahrscheinlich sechs Tote auf dem Gewissen: drei Fremde und drei Angehörige. Dabei hätten zumindest die drei letzten, innerfamiliären Morde möglicherweise vermieden werden können, wenn sich die Kollegen Poehlkes, voran seine Vorgesetzten, weniger Ermittlungsfehler geleistet hätten, wie jedenfalls Breinersdorfer meint (160). Übrigens gestattet sich der Autor (auf S. 46) einen hilfreichen Exkurs zur hohen Fragwürdigkeit von Zeugenaussagen, wobei er keineswegs hauptsächlich die Befangenheit von Angehörigen oder Nutznießern im Auge hat.

Eigentlich hatte Poehlke auch noch eine kleine Tochter gehabt. Die dreijährige Cordula war im März 1984 qualvoll an einem Gehirntumor gestorben. Breinersdorfer legt die Einschätzung nahe, dieser schwere Schlag habe den Polizisten mit in die Verzweiflung und ins Verbrechen getrieben. Seinen ersten Überfall beging er Anfang Mai. Bei Breinersdorfer stellte er seiner Frau einmal die bekannte Frage, warum der Schicksalsschlag gerade sie erwischt habe, das Ehepaar Poehlke. Die Frage ist nicht nur müßig, vielmehr dumm und selbstsüchtig. Hätten sich »das Schicksal« oder der Zufall lieber an einen Nachbarn halten sollen? Vielleicht sollten Personen, deren Gehirn von solchen gefährlichen Gemeinplätzen durchsetzt ist, wenigstens nicht Polizist werden – beziehungsweise Buchautor (79).

Leider ist man, mangels Einblicke, auch verleitet, die Poehlkes als das »typische«, zumal schwäbische, öde Ehepaar zu nehmen. Als Poehlke seine Frau umbrachte, war sie übrigens erneut schwanger gewesen, was ihn (vermutlich) eigentlich erfreut hatte. Andererseits muß man nach Breinersdorfers Darstellung annehmen, Poehlke habe Inge, die Ex-Kollegin und »Schlampe«, die möglicherweise nach Heftromanen süchtig ist, auch gehaßt. Das Eheglück oder -leid bleibt bei Breinersdorfer, vielleicht »naturgemäß«, weitgehend undurchsichtig. Neben Gefühlen klammert der Autor auch Sex oder Erotik völlig aus. Dafür nennt er sein Buch »natürlich« nach dem griffigem Schreckgespenst, das 1984/85 bundesweit durch die Medien zog: »der Hammermörder« ging um. In Wahrheit hatte Poehlke seine (mutmaßlichen) Opfer erschossen. Den Vorschlaghammer hatte er »nur« benutzt, um in den Kassenräumen die Panzerglasscheiben zu zertrümmern.

* Der Hammermörder. Ein dokumentarischer Kriminalroman, Stuttgart 1986, hier München 2000
** 20. Oktober 2015, wegen Oberflächlichkeit nicht empfehlenswert




Pollatschek, Peter 24 (1944–68), DDR-Schauspieler, zuletzt am Erfurter Schauspielhaus angestellt. Er spielte zudem in einigen Filmen mit. In seinem Todesjahr war er ironischerweise am DEFA-Liebesfilm Im Himmel ist doch Jahrmarkt beteiligt. Er trat auch mit Gedichten, Liedern und Kabarettszenen hervor. Als er verunglückte, ging es gerade steil aufwärts mit ihm. Er hatte »einen Vertrag nach Berlin« in der Tasche, wohl zum Deutschen Theater, und einen nagelneuen Wagen. Laut Nachruf in Kontakt (Oktober) war der beliebte, meist temperamentvolle und scherzbereite 24jährige am 12. September 1968 zu Synchronaufnahmen in Weimar aufgebrochen. Er verunglückte aber bereits am Erfurter Stadtrand. Näheres erfahren wir nicht; es sei jedenfalls »tragisch« gewesen … Ich nehme an, das platte Land vor Augen, hatte er gerade tüchtig Gas gegeben.

Ein Porträtfoto zeigt den schmalgesichtigen Dunkel-haarigen mit kräftiger Nase und vollen Lippen. Jeder nennt ihn hochbegabt und sehr angenehm. Der Erfurter Journalist und Theaterkritiker Henryk Goldberg, Jahrgang 1949, erinnerte 2014 an ihn.* Danach hatte Pollatschek erst vor wenigen Tagen einen blitzenden roten Wartburg bekommen, »ein unglaublich schönes Auto«, und war glücklich. Aber dann, auf der Straße nach Weimar, für »eine Sekunde das Glück provoziert« – sei er tot gewesen. Auch Goldberg gibt keine Einzelheiten preis. Immerhin läßt sich aus seinen Angaben einiges schließen. Zunächst: Selbstmord kommt kaum in Frage. Ferner: außer Pollatschek selber kam wahrscheinlich niemand zu Schaden. Das ist, nach meinem Wissen, nicht gerade selbstverständlich. Es bleibt dennoch in diesem Fall Vermutung. Und schließlich: Die Problematik des Autoverkehrs interessiert Goldberg beim Abfassen seines Gedenkartikels nicht die Bohne, falls er sie je begriffen hat. Und dies, obwohl er Pollatscheks Fahrlehrer Manfred Wagner (80) erwähnt, der ihn, den bekannten heimischen Journalisten, zu dem Gedenkartikel angeregt hat. Was Goldberg stattdessen in seinem schmalem Einspalter breittritt, das ist die Betroffenheit oder Betretenheit abends im Erfurter Schauspielhaus, wo gerade die Komödie Lache, Bajazzo! gegeben wurde. Für diese ganze, defensive, ja duckmäuserische Art der Kollegen- und Volksgenossen-Trauer kann man sich kein Eis am Stiel kaufen.

Berufskollegin Karin Schersinski wurde nur 21. Sie kam Ende November 1976 bei Kyritz auf der Fernverkehrs-straße 103 um. Zwar hatte man Schersinski, zuletzt am Wittenberger Theater engagiert, bereits in der beliebten DDR-Fernsehserie Polizeiruf 110 gesehen, aber für Einzelheiten ihres Unfalls reichte es auch in diesem Falle nicht.

* »Ein roter Wartburg«, Thüringer Allgemeine, 31. Januar 2014



Pompetzki, Peter 23 (1970–93). Als der junge Betriebs-wirtschaftsstudent am 31. Juli 1991 in der im Keller gele-genen Schwimmhalle seines Goddelsheimer Elternhauses nachsieht, liegen zwei nackte Leichen am Beckenrand. Es sind seine Eltern Annemarie (54) und Walter (55). Angeblich hatte er seit Tagen vergeblich versucht, sie von seinem Studienort Marburg aus telefonisch zu erreichen. Der Vater war ein wohlhabender Architekt und Bauunter-nehmer, zudem leidenschaftlicher Jäger. Allerdings war er im Begriff gewesen, seine Baufirma aufzugeben. Beide Opfer wurden – wahrscheinlich mit der 635er-Handfeuerwaffe des Vaters – von hinten erschossen. Da in der Villa einige wertvolle Dinge fehlten, darunter Schmuck und Teppiche, sah die Sache zunächst nach Raubmord aus.

Goddelsheim liegt unweit der nordhessischen Kreisstadt Korbach. In dieser hatte Peter Pompetzki sein Abitur als Jahrgangsbester der angesehenen Alten Landesschule gemacht. Er galt als sehr intelligenter Musterschüler und in sich gekehrter, wenn auch ehrgeiziger Einzelgänger. Offenbar hielt er in der Freien Marktwirtschaft schon als Student mit hohen Einsätzen mit, hatte er doch, wie die Kripo feststellte, kurz vor der Bluttat beim Handel mit Optionsscheinen rund 26.000 DM verloren. Zudem gab der Kripo die unterkühlte Art zu denken, mit der Pompetzki das grausige Geschehen um seine Eltern aufnahm. So verwundert es nicht, wenn sie auf die Theorie verfiel, er habe den angeblichen Einbruchsdiebstahl lediglich vorgetäuscht, um von seiner eigenen Täterschaft abzulenken. Das Motiv vermutete sie in der winkenden Erbschaft, allgemeiner ausgedrückt in Habgier also, einem klassischem Mordmotiv.

Der in Untersuchungshaft sitzende Sohn beteuerte seine Unschuld. In Briefen an Bekannte verwies er auf das stets enge und gute Verhältnis zu seinen Eltern. Die in der Villa verschwundenen Wertsachen einschließlich der mutmaßlichen Tatwaffe tauchten nicht auf. Der Prozeß vorm Kasseler Landgericht (Vorsitz Wolfgang Löffler) begann im Herbst 1992. Die Verteidigung nannte das angebliche Motiv dünn und pochte darauf, am Tatort hätten sich nicht die geringsten Spuren gefunden, die auf ihren Klienten gedeutet hätten. Dagegen sprach die Staats-anwaltschaft von den plump gelegten, offensichtlichen »Trugspuren« im Haus und hielt dem Angeklagtem widersprüchliche Aussagen vor. So habe er nach eigener Aussage nur für fünf Sekunden durch die Kellertür ins Schwimmbad geblickt, den Unfall jedoch der Polizei gegenüber mit den Worten gemeldet, seine Eltern lägen »erschossen« im Keller. Das hätte er, bei den lediglich erbsengroßen Einschußstellen im Rücken des Vaters, in der geringen Zeit unmöglich von der Tür aus erkennen können. Auch sein Alibi fand die Staatsanwaltschaft wenig überzeugend, zumal eine Goddelsheimer Einwohnerin beschworen hatte, ihn am 29. Juli und damit einen Tag nach der Bluttat in Ortsnähe am Steuer seines Wagens gesehen zu haben – während er nach eigener Darstellung in Marburg gewesen sein wollte.

Am 17. Mai 1993, nach 38 Verhandlungstagen, wurde Peter Pompetzki ausschließlich aufgrund von Indizien schuldig gesprochen und zu Lebenslänglich verurteilt. Seine Verteidiger kündigten sofort Revision an. Aber das hatte sich zwei Tage später erübrigt, als man den inzwischen 23jährigen Untersuchungshäftling am Gitter seiner Zelle erhängt vorfand. Er hatte zu seinem Selbstmord eine Spiegelscherbe zum Aufschneiden der Unterarme und das Kabel seines Fernsehgerätes benutzt. In einem Abschieds-brief beteuerte er erneut seine Unschuld.

Sein Testament hatte er bereits zwei Tage vor der Urteils-verkündung niedergelegt. Danach war das Sozialemp-finden des Unternehmersohnes vorherrschend auf bestimmte Vierbeiner gerichtet. Zwecks Versorgung seines Chow-Chows Askan vermachte er dem Korbacher Tierheim zunächst ein monatliches Unterhaltsgeld von 5.000 DM – über den Rest seines (elterlichen) Vermögens, etwa 4,8 Millionen DM brutto, könne das Tierheim nach Gutdünken verfügen. Hund Askan starb 1996. Außerdem hatte Pompetzki sein Testament benutzt, um Schwarzgeld-konten seines Vaters zu verraten, die in der Schweiz und in Österreich lagen. Nebenbei waren die FahnderInnen bald nach dem Tod der Eltern in einem blindem Lüftungs-schacht der Villa auf einen Tresor gestoßen, der Wert-papiere und Bargeld im Wert von 800.000 DM enthielt.

Ein im Auftrag des HR gedrehter Dokumentarfilm des Kasseler Regisseurs Klaus Stern von 2000 legt den Verdacht nahe, die Polizei habe dilettantisch gearbeit und das Gericht habe sich ein Fehlurteil erlaubt. Doch gehe es Stern keineswegs um eine »lärmende Justizschelte«, so der Spiegel am 19. Februar 2001, »sondern um den präzisen Blick in die Abgründe eines äußerlich harmonisch erscheinenden Familienlebens«. Der Waldeckischen Landeszeitung zufolge* hatte Pompetzkis Mutter Annemarie unter einer Abtreibung und häufigen Depressionen gelitten. Eben deshalb habe sich Walter Pompetzki zur Aufgabe seines Baugeschäftes entschlossen, um seine Zeit »ganz und gar« seiner Frau widmen zu können. Das glaube, wer Baulöwen liebt. Den Sohn hatte der Unternehmer womöglich noch nie auf der Rechnung. Wie Richter Löffler in seiner Urteilsbegründung behauptet hatte, war es schon in der Schulzeit Peter Pompetzkis »ganzes Bestreben, möglichst schnell zu möglichst viel Geld zu kommen«. Andere Lebensfreuden habe er nicht gekannt. Ein Freund der Familie hatte vor Gericht ausgesagt, in den Auseinandersetzungen um die Zukunft der Baufirma habe Pompetzki seinen Eltern schon einmal versichert, wenn sie das Geschäft aufgäben, brächte er sie um. Ob diesem in diesem Detail einzigem Zeugen zu trauen ist, weiß natürlich keiner.

In einem deutlich jüngerem Artikel** kommt die erwähnte Waldeckische Landeszeitung anläßlich der Pensionierung der Leiterin des Korbacher Tierheims auf den Fall Pompetzki zurück. Im Nachhinein bewerte Hella Klempert-Wilke die Erbschaft »als Fluch und Segen zugleich«. Zwar sei es dadurch möglich gewesen, »das Heim auf hohem Standard zu erweitern«, doch gleichzeitig sei auch die Spendenbereitschaft der Bevölkerung zurückgegangen. »Dabei hatten wir durch das vergrößerte Heim auch mehr laufende Kosten«, stellte die Tierschüt-zerin klar. Moralische Fragen werden in dem Artikel nicht gestreift. Wäre es nach mir gegangen, hätten wir Tier-schützerInnen damals den Korbacher Conti-Gummiwer-ken ihr am Hauptbahnhof gelegenes säulenbewehrtes, traditionsreiches und geräumiges Verwaltungsgebäude*** abgekauft, um es in ein ganz neues, geradezu fürstliches Tierhotel zu verwandeln, während das schäbige kleine alte Tierheim im Korbacher Industriegebiet sicherlich noch für eine Flüchtlingsherberge gut gewesen wäre.

* »Peter Pompetzki zu lebenslanger Haft verurteilt«, WLZ 18. Mai 1993
** »Spektakuläre Sachen gemacht«, WLZ 28. Januar 2010: http://www.wlz-online.de/waldeck/korbach/spektakulaere-sachen-gemacht-5391674.html
*** Conti unterm Hakenkreuz (Foto): http://www.gedenkportal-korbach.de/images/verwaltungsgebaeude_image004.jpg und http://regiowiki.hna.de/H%C3%A4user_in_Korbach:_Conti-Verwaltungsgeb%C3%A4ude




Ponce, Anibal 39 (1898–1938), argentinischer kommu-nistischer Psychologe und Schriftsteller. Über seinen Autounfall ist nichts Näheres zu erfahren, obwohl der Unfall weder in der DDR noch in der SU stattfand. Ponce hatte zwei Europareisen hinter sich, dabei 1934 auch einen Besuch in der Sowjetunion, die er vermutlich verehrte. 1936 wird der aktive Mann im Zuge des Militärputsches von 1930 als Hochschullehrer (in Buenos Aires?) amtsenthoben, worauf er ins mexikanische Exil geht. Hier ereilte ihn 1938, laut spanischer Wikipedia, jener Autounfall, und zwar auf einer Straße zwischen der Großstadt Morelia, Michoacán (wo Ponce lehrte), und Mexiko City. Ein Anschlag wird nirgends geargwöhnt. Der 39jährige Emigrant starb an den Folgen seiner möglicher-weise verkannten inneren Verletzungen. Man wüßte gern, ob noch andere Zeitgenossen zu Schaden kamen, aber soweit reicht die Psychologie des Internets oder der Kommunistischen Internationale nicht.

Passend stellte sich neuerdings eine westfälische Kollegin Ponces ein, die man allerdings nur tief bedauern kann. Die 32jährige Psychologin Dana Ottmann war in einer Rehaklinik in Löhne (bei Herford) angestellt. Sie ließ sich gegen Corona impfen. Anschließend wurde sie wieder von starken Kopfschmerzen heimgesucht, die sie aber ihrer Neigung zu Migräne anlastete. Wenige Tage später, am 9. März 2021, fand ihre Mutter Petra sie tot im Badezimmer. Am Monatsende ging Petra Ottmann an die Öffentlichkeit. Ihr zufolge hatte die Klinik »einen gewissen Druck« auf das Personal ausgeübt. Dabei hätten doch »kaum Erfahrungen« mit dem Impfstoff vorgelegen. Die Tochter hatte ihre Neigung zu Migräne durchaus angegeben, doch diese ist nach einem Befund der Universität Greifswald nicht für ihren jähen Tod verantwortlich. Vielmehr habe eine »Immunreaktion« auf den Impfstoff stattgefunden, die zu einer Gerinnungsstörung mit Einblutung ins Gehirn geführt habe.*

Ich wiederhole: die Frau war 32 Jahre jung. Mal sehen, wann die ersten 12jährigen Leichen an die Öffentlichkeit dringen. Nebenbei bemerkt, haben wir an den Schulen noch keine Impfpflicht – aber eine Schulpflicht. Und da Ungeimpfte eine furchtbare Gefahr für die Mitschüler-Innen darstellen würden – ja, was folgt wohl demnächst daraus ..? Eltern, zieht euch warm an, der Mai ist sowieso viel zu kalt. Jedenfalls dürften wir uns mit dem von oben geschürten Impfwahn mitten in einem selten heftigem Schwerverbrechen befinden. Susan Bonath weist im Zusammenhang mit dem Fall Ottmann gerade darauf hin, nach gut versteckten Angaben der Pharmamafia könnten von einer Million Menschen, die jeweils mit zwei Dosen geimpft worden sind, allein »20.000 bis 200.000 Menschen eine schwere Autoimmunerkrankung davontragen«. Ob und wie sich diese Erkrankungen verschlimmern und unter Umständen »noch nach Jahren« im Tod gipfeln, sei gar nicht abzusehen. Der ausführliche Artikel** ist erschreckend. »Gesichtslähmungen« sind noch das Harmloseste, das Ihnen droht. Die unglaublichen Profitraten der Pharmariesen sind da wahrscheinlich kein Trost für Sie. Schlagen Sie den Artikel lieber nicht nach.

Laut Gerd Reuther brach dem deutschem, nun von Merkels Mannen gedoptem Impfwahn schon das Reichs-impfgesetz von 1874 Bahn. Sogenannte »Impfschäden« wurden in der Folge eisern in Abrede gestellt – »obwohl 1924 der Zusammenhang einer Hirnschädigung mit einer Pockenimpfung belegt« worden sei.*** Reuther führt die wichtigsten Irrtümer des militärischen Kampfes gegen Krankheit an. Peinliche Begleiterscheinungen zählen dazu. Man nennt sie allerdings schon seit Jahrzehnten verharmlosend Nebenwirkungen. Leider werden sie im Lauf der Jahrhunderte zur Hauptsache. Nach Reuther ist die Rate der behandlungsbedingten Krankheits- und Todesursachen riesig. Wer je ein »Klinikmonster« (S. 146) zu Urlaubszwecken aufsuchen mußte, glaubt es sofort. Schon der bloße Anblick der Monsterklinik schüchtert das uns nützliche Mikrobiom (Bakterien und Pilze) in unseren Gedärmen bis zur Kampfunfähigkeit ein. Für alle Strategien, die maßgeblich auf Selbstheilung setzen, sind die Monster also ungünstig. Aber für die Zentralisierung und das Geschäft diverser Architekten, Betonhersteller und Arzneizulieferer sind sie prima. Nicht zuletzt schaffen sie auch eine Menge Arbeitsplätze für Psychologen.

* »32-Jährige nach Astrazeneca-Impfung gestorben«, Focus, 11. Mai 2021: https://www.focus.de/gesundheit/coronavirus/mutter-klagt-an-32-jaehrige-nach-astrazeneca-impfung-gestorben-viele-wollten-davon-nichts-wissen_id_13243167.html
** »Repressionen, Propaganda, Profite«, Rubikon, 14. Mai 2021: https://www.rubikon.news/artikel/repressionen-propaganda-profite
*** Heilung Nebensache, München 2021, S. 103




Porte, Abdón um 30 († 1918), uruguayischer Fußballer, erwählt sich zum Sterbeort seinen Arbeitsplatz. Es war das Stadion von Nacional Montevideo, wo er 1911 einen Vertrag ergattert hatte. Die Angaben über sein Alter haben beträchtliche Schwankungsbreite, aber darauf kommt es vielleicht nicht an. Porte, als ruhig und gutmütig geschildert, spielte im Mittelfeld. Für etliche Jahre trug er sogar die Kapitänsbinde des Hauptstadtclubs. 1917, kurz vor dem Ende seiner irdischen Karriere, wurde er außerdem mit der Nationalmannschaft seines Landes Südamerikameister. Der hagere Sohn armer Leute aus Durazno hatte es »geschafft«. Er hatte auch eine Freundin, die er heiraten wollte. Doch bei einem Cupspiel im Mai 1917 ereilte ihn das berüchtigte Sportlerpech: Knieverletzung.* Er spielte unvernünftigerweise weiter, hatte Schmerzen, baute in den nächsten Spielen zusehends ab, biß die Zähne zusammen und haderte mit sich selber. Am 3. März 1918, ein Sonntag, bestritt er, gegen den Lokalrivalen Charley, sein letztes Spiel. Es endete sogar mit einem Sieg, 3:1. Porte jedoch begab sich am 4./5. März um Mitternacht, nach einigen Drinks und Scherzen mit Kameraden im Clubhaus, mit der Straßenbahn zum Estadio Gran Parque Central. Hier war »El Indio«, so Portes Kosename, schließlich in sieben Jahren mit Waschkörben voller anerkennender und anfeuernder Rufe überschüttet worden. Jetzt war er ein Wrack. Im Mittelkreis des Spielfeldes eingetroffen, kniete er nieder und schoß sich mit einem Revolver ins Herz. In seinem Strohhut soll er zwei kurze Abschiedsbriefe an seine Familie und an den Clubpräsidenten José María Delgado hinterlassen haben. Diesen bat er, sich um seine Mutter und seine Braut zu kümmern. Erklärungen gab er anscheinend nicht. Allerdings soll er seinem älterem Bruder Juan am Vortag versichert haben, ohne seinen Mittelfeld-Posten bei Nacional habe sein Leben keinen Sinn mehr. Da werde er sich lieber umbringen. Diese konsequente Haltung würde man sich auch von vielen fehlgetretenen Politikern wünschen.

* Joaquín Grasso, »Abdón Porte, el emblema de Nacional que no soportó ser suplente y se suicidó en la cancha«, TyC Sports (Buenos Aires), 10. Dezember 2020: https://www.tycsports.com/al-angulo/abdon-porte-emblema-nacional-suicidio-campo-gran-parque-central-id308338.html



Potter, Paulus 28 (1625–54), beliebter niederländischer Maler, vorwiegend von Tieren, wobei man besonders seine sogenannte »Pissende Kuh« schätzt. Beim Maler Carel >Fabritius stellte ich den durch Explosion eines Pulverturms bewirkten Delfter Donnerschlag vor. Kollege Potter verpaßte den gewaltigen Gehöreindruck dieses Ereignisses um neun Monate. Als ihn im Januar 1654 in Amsterdam die Tuberkulose wegraffte, war er noch jünger als Fabritius, erst 28. Ein kurz vor seinem Tod entstandenes Porträt von der Staffelei Bartholomeus van der Helsts zeigt einen blassen empfindsamen Jüngling mit braunem Engelshaar. Unter Kennern genaß Potter, der vom bekannten Arzt und Bürgermeister Nicolaes Tulp gefördert worden war, längst einen hohen Ruf, vor allem seiner, wie erwähnt, naturgetreuen Tierbildnisse wegen. Am häufigsten wird sein Stier von 1647 reproduziert, der im erlauchtem Den Haager Mauritshuis hängt. Solche Geschöpfe haben es gut, sie sind unverwüstlich.



Pozo, Chano 33 (1915–48). Obwohl ein massiger Hüne, eignete dem dunkelhäutigem Sänger, Tänzer und Percussionisten aus Kuba doch ein dandyhaftes und heißblütiges Naturell. 1947 hatte er in einem New Yorker Club Dizzi Gillespie begeistert, Trompeter und Bahnbrecher des Bebop. In der Folge entstanden auch mit anderen namhaften Jazzmusikern »Latin«-geprägte Plattenaufnahmen. Was Pozos Karriere beeinträchtigte, war der Zug, durch den sie auch befördert worden war, eben sein hitziges Temperament. Angeblich schon vorher in mehrere Schießereien verwickelt, hatte der 33jährige Pozo, nebenbei bereits in seiner armseligen Jugend in Überlebenskampf und Kleinkriminalität geschult, am 2. Dezember 1948 in der Harlemer Rio-Bar einen kleinen Streit mit dem puerto-ricanischen Ex-US-Army-Korporal und amtierenden Marihuana-Dealer Eusebio Munoz. Der Musiker rügte die Qualität von Munoz' Ware, weigerte sich zu bezahlen und setzte den Drogenhändler eigenhändig vor der Tür. Um sich wieder zu beruhigen, tanzte er anschließend zu seinem Stück Manteca, das sich in der Jukebox der Bar fand, Rumba. Er hatte es gemeinsam mit Gillespie verfaßt. Plötzlich tauchte Munoz wieder in der Bartür auf, eine Pistole in der Hand. Er schoß seinen aufsässigen Stammkunden nieder. Für diesen Totschlag soll Munoz später lediglich fünf Jahre im Gefängnis verbracht haben. Das Internet gibt den Vorfall mit manchen Ausschmückungen wieder, die sich möglicher-weise gar nicht mit Rosa Marquettis neuer Biografie Chano Pozo (2018) decken.* Nebenbei wurde der erschossene Musiker auch für etliche Kollegen zum »Stoff«, so durch Benny Moré mit Rumberos de ayer, Calixto Callava mit Chano en Belén, Germán Velazco mit Un violin para Chano.

* Félix Bolaños Leyva, »The life of Chano Pozo in a just published biography«, Radio Cabena Habana, 19. Juli 2018, https://www.cadenahabana.icrt.cu/english/exclusive/the-life-of-chano-pozo-in-just-published-biography-20180719/



Pražák, Josef Prokop 34 (1870–1904), tschechischer Lehrer und Ornithologe. Kann ich die Leute sogar mit der »Inszenierung einer Pandemie« (Reuther) oder wenigstens mit einer als Impfstoff getarnten Giftkloake verarschen, spricht nichts dagegen, wenn ich auch in der Vogelkunde zu »Mogelpackungen« greife. Pražák, vor allem in Wien und Prag tätig, brüstete sich in fachwissenschaftlichen Veröffentlichungen mit so mancher »Entdeckung«, etwa »Unterarten« von Hauben- oder Sumpfmeisen, die sich nach und nach als betrügerisch oder jedenfalls fragwürdig herausstellte. Wer es bezweifelt, kann sich per Internet Jiří Mlíkovskýs Aufsatz Faunistic work of an ornithological swindler von 2012 besorgen. Als Pražáks Ruf ruiniert war, verkroch er sich, wohl mitsamt einer Ehefrau, in seinem Heimatstädtchen Hořiněves (bei Hradec Králové, auch: Königgrätz), wo er zunehmend der Verwirrung, dann auch der Tuberkulose anheim gefallen sein soll. Einem Nachruf* des deutschen Pfarrers und Biologen Otto Kleinschmidt zufolge hatte dem Verstorbenen die wissenschaftliche Ehre offensichtlich so wenig bedeutet, daß er nie auch nur einen Versuch unternahm, sie zu retten. Er habe auch nicht aus Gewinnsucht hochgestapelt. Vielmehr habe er ja sogar sich selbst getäuscht; das sei einfach »angeboren«, ein Grundzug seines Charakters gewesen. Ich nehme an, hier ist gemeint: sich Blütenträumen hinzugeben.

Um die Pražáksche Prahlerei unverzüglich aufzugreifen: Das von mir mitbewohnte, überwiegend verwilderte Waltershäuser Stadtrandgrundstück ist keineswegs vogelarm. Selbst der Grünspecht zählt hier zu den Stammgästen – und seit einigen Frühjahren beglückt uns sogar der Wendehals mit seinem Brutgesang. Es handelt sich um eine hohe und etwas jämmerlich wirkende eintönige Rufreihe, die wie aus dem Ried gepumpt wirkt. Dabei ist der Wendehals ein eher winziger Specht. Der Laie würde ihn vielleicht für eine magere Singdrossel halten. Aber er bekommt ihn sowieso, wie auch ich, nie zu Gesicht, da der Vogel ausgesprochen unauffällig, ja geradezu tarnfarbig gekleidet ist. Wer Vogelkunde mit stumpfem Gehör betreiben wollte, sollte es lieber bleiben lassen. Die Gesänge und Rufe sind das A & O der Angewandten Ornithologie. Selbstverständlich fühlt sich jeder Vogelfreund geehrt und geschmeichelt, wenn sich ein derart seltener und anspruchsvoller Ameisenjäger und Metaphernlieferant (DDR!) wie der Wendehals in seinem Winkel niederläßt. Als hätten sich Arthur Miller und dessen zweite Gattin bei ihm um einen Untermietvertrag beworben. Die Gattin hieß Marilyn Monroe.

Wer lieber Kafka liest, wird noch nicht einmal einem Spatzen begegnen. Das gleiche gilt für Bäume oder Bäche. Kommt mal ein Zirkuspferd vor, ist es schon viel. Den von Steinen ummauerten Menschenzirkus behandelt er – und seine Prosa ist auch so kalt wie Stein. In seinem Roman Das Schloß ist dieser Menschenzirkus derart vollgestopft, daß keiner mehr durchblickt, die LeserInnen eingeschlos-sen. Bei Kafka gibt es kein Mitleid, weil dies aus der Erde kommt. Ungeerdete Menschen sind unbarmherzige Egoisten. Kafka war einer; man lasse sich von seiner Verzagtheit nicht täuschen.

Bei allen ernst zu nehmenden Schriftstellern ist die Prosa in Natur gebettet. Dabei haben sie oft ihre Vorlieben = Schwächen, durch die sie noch einmal menschlicher werden. Hölderlin ist in Bäume, D. H. Lawrence in Blumen, Orwell in Schmetterlinge, Marlen Haushofer in Haustiere, F. G. Jünger in Gewässer, Welskopf-Henrich in die Prärie, Robert Gernhardt in Vögel vernarrt gewesen. Um 2000 hievte er einmal meine frühe Meditation über das Aktmodell »Die Kunst des Wartens« in den Züricher Raben, und später schickte er mir unaufgefordert eine ausführliche Betrachtung über den Kuckuck. Leider ist dieser bekannte Hochstapler oder Nestbetrüger – der Kuckuck, nicht Gernhardt – in meiner Gegend nur noch spärlich zu hören. Mit dem Kuckucksruf weichen Bezauberung und Ergriffenheit. Vielleicht das übliche Schicksal des Alterns.

Bedenkt man es etwas gründlicher, ist die Naturverbun-denheit so vieler SchriftstellerInnen eher seltsam. Von Hause aus sind sie doch stets auf Ordnung erpicht, während zum Beispiel das Vogelreich einem Tollhaus gleicht. Der kunterbunte Buchfink bringt die immergleiche öde Leier – er wirft sie vom Baum herab und verlangt abschließend selbstgefällig nach einem »Gewürzbier« oder auch »Würzgebier«. Kaum ein Vogel ist so unscheinbar gefärbt wie der winzige Fitis, doch seine abfallende Wehklage zerreißt uns das Herz. Dabei hat sie um ein Haar die Struktur des Buchfinkenschlages. Für alle von blinden Systematikern und tauben Musiklehrern irregeleiteten Laien beläuft sich Vogelgesang auf Amsel, Drossel, Fink und Star. Schon der Star ist freilich eher ein Schwätzer und Knirscher. Würgt sich gar der Hausrot-schwanz bei seinem Liedvortrag ein röchelndes Rasseln ab, könnte man in der Tat Lust bekommen, diese Drossel zu erdrosseln. Der Grauspecht zieht eine klangvolle Klage vor, die jeden Finkenschwarm blaß werden läßt. Dafür pflegt der mächtige »Singvogel« Kolkrabe, dem Christen eine Vorliebe für Lammfleisch angedichtet haben, wie eine dänische Dogge zu bellen, während er durch die Senke zu seinem Horst auf den Eichen rudert. Plötzlich entzückt er uns allerdings durch Glockenklang, weil er die Kirche nicht im Dorf gelassen hat. Der als »Schnepfe« verunglimpfte und entsprechend fast ausgerottete Große Brachvogel singt betörend. Sein anschwellender Flötenruf rollt aus den Maulwurfsgängen, kitzelt das hohe Riedgras, verschwebt mit dem Duft des Mädesüß über den Weschnitz-Deichen, wo der dornige Hauhechel die Schafe als die erbärm-lichsten Rufer des Tierreiches piekt. Ob Schwarzspecht, Krickente, Turteltaube, die vielfältige Klangfülle im Vogelreich ist verblüffend. Barbara von Wulffen hält es deshalb in ihrem Buch Von Nachtigallen und Grasmücken (2001) für absurd zu glauben, dieser ganze Aufwand sei nur für die gegenseitige Benachrichtigung und Identifi-zierung gut. Für sie singen die Vögel in erster Linie, »um Lebensfreude auszudrücken«.

Das glaube, wer gern frömmelt. Nach meinen Beobach-tungen haben Vögel im allgemeinen ein überwiegend gehetztes Dasein zu führen; ganz bestimmt aber alle »Singvögel« erheblich mehr als Geier oder Adler. Wer David Attenboroughs in jeder Hinsicht großartigen Wälzer The Life of Birds (deutsch 1999) studiert, könnte sogar argwöhnen, mit der Natur überhaupt vor einem militärisch-industriellen Komplex des möglichst durchtriebenen gegenseitigen Auffressens zu stehen. Unser Schlag hat ja ebenfalls seine Lieder, Opern, Märsche – eben Schlager. Nur an der Marschordnung fehlt es im Vogelreich. Der farbenfrohe Kleinspecht ist ein Zwerg, von dem der Turmfalke 20 Exemplare auf einmal verspeisen könnte. Doch beider triumphale »Kikiki«-Reihen lassen sich selbst von vielen Ornithologen nur anhand der Lautstärke unterscheiden. Für den Laien singen sie völlig gleich. Schluchzt am hellichten Tage ein Gebüsch, bückt sich der Laie, um vielleicht ein verirrtes Kind aufzulesen. Aber es war die Nachtigall. Dafür schreckt er um Mitter-nacht auf, weil in Nachbars Schuppen der Hahn kräht.

Kurz und schlecht, von so etwas wie Logik, System, Ordnung ist in der Natur kein Schimmer zu entdecken. Die sogenannte Sumpfschafgarbe blüht edler als eine Margerite; in unseren Wäldern mischen sich die Laub- und Nadelbäume nach Belieben. Die Natur stellt ein Chaos dar. Vielleicht ist sie dem geplagtem Schriftsteller deshalb eine willkommene Erholung. In seinen Texten muß immer alles stimmen; in der Natur stimmt nichts. In ihr folgt noch nicht einmal das Fressen und Gefressenwerden harmo-nischen Regeln. Um 1800 fürchtet Lichtenberg**, die Welt verdanke sich einem Dilettanten. »Warum sollte es nicht Stufen von Geistern bis zu Gott hinauf geben und unsere Welt das Werk von einem sein können, der die Sache noch nicht recht verstand, ein Versuch? Ich meine unser Sonnensystem oder unser ganzer Nebelstern, der mit der Milchstraße aufhört. Vielleicht sind die Nebelsterne, die Herschel gesehen hat, nichts als eingelieferte Probestücke oder solche, an denen noch gearbeitet wird ...«

* in der Zeitschrift Falco, Halle a. S., Jahrg. 1905, Heft 1 Oktober 1905
** Georg Chr. Lichtenberg, Aphorismen, Hrsg. Max Rychner, Zürich 1958, S. 484




Fortsetzung Pre—Ri
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