Montag, 1. November 2021
A-41→Im spitzem Winkel zur Welt
Um 2010, gekürzt

Der Biochemiker und Essayist Erwin Chargaff, 1905 im österreichischem Kaiserreich geboren, lehrte und lebte in New York City. Für seine düstere Weltsicht erreichte er ein erstaunlich hohes Alter. Er starb 2002 mit 96 Jahren. Zuletzt litt er an Parkinson, ohne viel von seiner Scharf-züngigkeit einzubüßen. In Interviews war der erbitterte Gegner der sogenannten Gentechnik immer mal wieder mit dem bekanntem Argument konfrontiert worden, sie trage doch auch zur Befreiung der Menschheit von allerlei vererbbaren Gebrechen bei. Chargaff kontert, Gesundheit sei so wenig ein Rechtsanspruch wie beispielsweise Reichtum – beide seien lediglich angenehm. Der Konter ist geistreich, aber für mein Empfinden zu schwach. Hinter ihm steckt ein berühmter Biochemiker, der gern ein wenig frömmelt – die Schule Einsteins vielleicht. Chargaff will das Leben unangetastet wissen; er will »Ehrfurcht« vor der »Schöpfung«. Dadurch werden die haarsträubenden Mißgriffe der Schöpfung allerdings nicht schöner. Wichtiger erscheint mir, wenn Chargaff nicht müde wird, auf unser Unwissen hinzuweisen. Dann lautete das entscheidende Argument: setzen wir vor den Genen keine Grenze, werden alle Dämme brechen, ohne daß wir im geringsten einschätzen könnten, welche Sturmfluten auf uns zukämen.

Chargaff erforschte seit den 40er Jahren schwerpunkt-mäßig die Nukleinsäuren der DNA. Er entdeckte ihre Basenpaarung. Um 1950 spitzte sich ein »Wettrennen« um die Enthüllung der genauen Gestalt unserer Gene zu, das vor allem zwischen Linus C. Pauling (USA) und den in Großbritannien stationierten Nachwuchsforschern James D. Watson / Francis Crick ausgetragen wurde. Es mußte eine Gestalt sein, die die vollständige Übertragung des äußerst verwickelten Erbgutes bei Zellteilung gewähr-leistete. 1953 war es so weit: das Duo »machte das Rennen« durch Präsentierung seines Modells der Doppelhelix, das heute vermutlich jedes Schulkind kennt. Dafür wurden die beiden jungen Leute (und Maurice Wilkins) 1962 mit dem Nobelpreis für Medizin bedacht. Kurz vor ihrem »Sieg« hatte Erwin Chargaff in Cambridge, GB, zu tun; die beiden nutzten das, um ihn nach seinen DNA-Erkenntnissen zu befragen. Dabei entblößten sie offenbar einige Lücken in ihren Grundkenntnissen. Watson berichtet in einem anderem »Renner«, nämlich seinem 1968 veröffentlichtem Buch Die Doppelhelix, von dem prominentem Besucher aus den USA sei ihnen, neben dem erwartetem Sarkasmus, vor allem Verachtung entgegengeschlagen. Als Watson ihm wenig später noch einmal in Paris über den Weg lief, habe ihn Chargaff nur eines sardonischen Lächelns gewürdigt. Immerhin, Chargaff hatte dem Duo – wie er im Feuer des Heraklit schreibt – »alles gesagt, was ich wußte«. Sie jedoch hatten in ihren ersten Doppelhelix-Verlautbarungen weder Chargaffs noch Oswald Averys wichtige Vorarbeiten erwähnt. Für Chargaff lag die Verachtung in jenem Cambridger Gespräch woanders: »Es war mir klar, daß ich [mit Watson/Crick] einer völligen Neuheit gegenüber-stand: enormer Ehrgeiz und Angriffslust, vereint mit einer fast vollständigen Unwissenheit und Verachtung der Chemie, dieser realsten aller exakten Wissenschaften ...«

Als ich Watsons oft gelobtes »Meisterwerk« Die Doppel-helix vor einigen Jahren las, war ich recht unvoreinge-nommen, weil mir gewisse rassistische Entgleisungen des alten »Meisters« noch nicht zu Ohren gekommen waren. Sie werden in Wikipedia erwähnt. Für mich war Watsons Schilderung seines Weges zum Nobelpreis – von Wilma Fritsch für Rowohlt übersetzt – eine beklagenswerte Dürre ohne jede Sinnlichkeit. Es sei denn, man hält es für sinnlich, daß offenbar alle bahnbrechenden wissenschaft-lichen Diskurse beim Essen & Trinken stattfinden. Aber mit »Mangel an Sinnlichkeit« ist das Desiderat vielleicht noch zu harmlos benannt. Man spürt bei Watson wenig Leidenschaft, geschweige denn Ergriffenheit, für und von großen Aufgaben, Dingen, Menschen. Er kam mir eher als unreifer Karrierist vor. Wahrscheinlich hätte er sich genauso gut ins Hirn setzen können, an Stelle von Kissinger Berater Gouverneur Rockefellers zu werden oder einen Star wie Bob Dylan zu entdecken. Prahlhans ist er auch – seine »coole« Ausdrucksweise kann das mitnichten verbrämen. Watson kokettiert gern (zum Beispiel mit der Dekadenz) und beleidigt seine LeserInnen auf jeder zweiten Seite mit einem banalem Witz. Was seine alten Tage angeht, kann ich mir gut vorstellen, auf dem Beistelltischchen seines Lieblingssessels stapeln sich Bücher von Stephen King oder Matt Ruff. Und sein zweites, 2002 veröffentlichtes autobiografisches Werk braucht unsereins weißgott nicht mehr zu lesen – der Titel (der deutschen Ausgabe) genügt: Gene, Girls und Gamow. Erinnerungen eines Genies.

Ich komme auf die Medizin zurück, der ja angeblich auch Watson/Crick gedient hatten. 1997 brachte die Berliner Zeitung ein Gespräch Mathias Greffraths mit Chargaff. Darin* behauptet der greise Skeptiker, Ziel aller Leute, die an den Genen herumpfuschten, sei »die Abschaffung des Todes« – und das sei »die sicherste Methode, die Spezies auszurotten«. Leitend sei die »sture Angst« des Menschen. Gegen sie wende sich überhaupt die »Sucht nach Innovation«, die im voll entfalteten Kapitalismus zu beobachten sei; »die Notwendigkeit, ständig Neues zu finden.« Das leuchtet wohl ein, steht doch vorm Tod das Altern. Dieses erscheint in erheblich milderem Licht, wenn ich mir jedes Jahr das blinkende neuste VW-Golf-Modell kaufe. Warum jedoch nennt Chargaff die sogenannte Entschlüsselungsarbeit Pfuscherei? Habe ich richtig verstanden, dann deshalb, weil sie gar nicht zum Schlüssel führt. Sie führt bestenfalls zu einem letztem Loch. Oder zu einem letztem »Text«, wie so oft gesagt wird. Der Witz besteht natürlich darin, daß wir uns mit diesem »Text« den Hintern abwischen können, weil er sowieso nicht entzifferbar ist. Was soll er? Was will er? Wo kommt er her? Nichts davon wird uns die angebliche »Erbinfor-mation« verraten. Damit ist all unser Eingreifen lediglich Interpretation, um nicht zu sagen Spekulation – und entsprechend gefährlich.

Man darf hier wohl weitergehend behaupten, unsere gesamte Kernforschung sei nicht nur gefährlich, sondern auch reichlich grotesk. Als Durchmesser der Doppelhelix werden ungefähr 20 Angström angenommen. Ein Angström ist der zehnmillionste Teil eines Millimeters. Können Sie sich also den Platz vorstellen, auf dem eine »Doppelhelix« in ihrer Nukleinsäure dümpelt oder auf ihrer Abschußbase schwankt? Oder anders angesetzt. Nach landläufiger Vorstellung sind die kleinsten Bausteine des Universums die Atome. Doch in die Hand nehmen können Sie sie leider nicht. Sie können auf einer Länge von einem Zentimeter 100 Millionen Atome aneinander reihen, wie uns der Brockhaus versichert. Also angetreten und vorgestellt? Und jetzt die Bitte an einen Atomkern, noch einmal eigens herauszutreten? Diese absolute Unvorstell-barkeit namens Atomkern, die sich übrigens im Verein mit unzähligen Genossen auch in festen Stoffen wie etwa einer Tischplatte aus Buchenholz oder eines Planeten namens Erde in ständiger Bewegung befindet, wird laut Brockhaus von »enormen Kräften« zusammengehalten. Aha! Von Muskeln? Magnetismus? Elektrizität? Information? Einbildungskraft? Oder gleich von einem Zirkelschluß? Aber die ehrgeizigen Nachkommen von Hahn, Oppen-heimer, Heisenberg, Watson ficht unser Nichtwissen nicht an. Für sie stellen Klein- und Größenwahn ebenfalls eine begrüßenswerte Doppelhelix dar. Sie stecken Unsummen in gigantische »Teilchenbeschleuniger«, mit deren Hilfe sie ihren winzigen Schimären so lange hinterher jagen, bis der Teilchenbeschleuniger (und die Stadt Genf) platzt.

Das Explosive soll mir willkommenes Stichwort sein, die Tirade abzubrechen, um mit Chargaff einen Schlußpunkt zu setzen. Sowohl aus seinem Feuer des Heraklit wie aus einer Erinnerungsbroschüre von Chargaffs Landsmann Walter Kappacher** geht hervor, der verdiente Bio-chemiker von der Columbia Universität fühlte sich von Watson/Crick betrogen. Ob auch um den Nobelpreis, bleibt dabei unklar. Ich sage: Gott sei Dank! Bedenken Sie einmal, mit wievielen Megatonnen Dynamit und Leichenbergen das Preisgeld zusammengehäuft wurde und an wieviele Schurken es bereits vergeben worden ist. Hätte Chargaff den Nobelpreis angenommen – was ich fast befürchte – wäre er in meiner Achtung ohne Zweifel stark gesunken. Insofern hat er Glück gehabt.

* »Nichts verschwindet in der Welt«, 5./6. Juli 1997
** Hellseher sind oft Schwarzseher, Warmbronn 2007

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