Montag, 1. November 2021
A-40→Ansturm auf Pingos
2020

Das Problem der Vermassung der Menschheit* gibt mir wieder einmal eine Romanidee ein, die sehr wahrschein-lich nicht zu realisieren ist, jedenfalls nicht von meinem bescheidenem Kaliber. Sie baut auf der Annahme auf, die freie Inselrepublik Pingos habe bis in jüngste Zeit, 2015 vielleicht, durchgehalten und dabei auch ihre Unabhängig-keit und ihren Charakter bewahren können. Pingos, gesprochen ungefähr »Piehngus«, kommt in meiner letzten Schlackendörfer-Geschichte vor, Handlungszeit 1965/66. In der nördlichen Ägäis unweit der »kasto-nischen« (griechischen) Küste gelegen, umfaßt sie rund 5.000 Leute, die längs der umlaufenden Inselbahn in einigen Küstenortschaften leben. Es gibt keine »Streit-kräfte«, vielmehr sind sämtliche Grundorganisationen der Republik bewaffnet. Was werden nun die BewohnerInnen des südlichen Dorfes X für lange Gesichter machen, wenn an ihrem Strand ein großes Schlauchboot landet, das mit mindestens 50 mehr oder weniger schwarzen und abgezehrten Gestalten vollgestopft ist? Wie sich rasch herausstellt, kommen sie aus Libyen und suchen hier, nach entbehrungsreicher Irrfahrt, Asyl – oder auch sonstwo ihr Glück.

Es liegt auf der Hand, daß die Ankunft von afrikanischen Flüchtlingen in einer kleinen anarchistisch gestimmten Inselrepublik wie Pingos gewaltige Probleme aufwirft, nicht zuletzt moralische. Zurückschicken kann man sie kaum. Wer wollte diese Menschen? Wo würden sie nicht schikaniert? Andererseits hat Pingos mit Grund sehr strenge Aufnahmebestimmungen. Es kann sich weder Dutzende oder gar Tausende von zusätzlichen hungrigen Mäulern noch neue Mitglieder leisten, die wahrscheinlich kaum den geringsten politischen und charakterlichen Anforderungen entsprechen. Bekanntlich flüchten auf den Booten nicht unbedingt die aufgeklärtesten und uneigennützigsten BewohnerInnen Afrikas. Wie soll man auf einen Schlag Dutzende von Konsumsüchtigen, Karrieristen, schnöden Gaunern oder auch nur seelisch und körperlich Zerrütteten verkraften?

Gewiß sind fürs erste Notlösungen denkbar. Vielleicht verwandeln sich diese sogar in Zündstoff, der einem Roman, der keine heile Welt vorgaukeln möchte, nur willkommen sein kann. Die schwarzen »Gäste« warten sowohl mit lästigen wie angenehmen Überraschungen auf; etwa Diebstahl hier, Bereicherung durch praktische Vorschläge dort; ein sexueller Übergriff – eine neue Liebe für ein Mauerblümchen; eingeschleppte Krankheit – Heilkunde aus dem Busch und dergleichen mehr. Weitere Konflikte werden sich selbstverständlich aus der Erörterung des Hauptkonflikts ergeben. Vielleicht sprechen sich etliche RepublikanerInnen für eine unbarmherzige Abschiebung aus. Andere zerfließen vor Mildtätigkeit. Neoliberale oder kommunistische Blätter aus aller Welt werden Pingos mit Häme und Verleum-dungen übergießen. Vielleicht gibt es sogar vereinzelte einheimische Gewalttaten gegen die Flüchtlinge. Immerhin ist die gesamte Republik bewaffnet, wie ich oben betonte.

Schon diese Steiflichter deuten jedoch auf nichts weniger als eine Zerreißprobe hin, die der kleinen Inselrepublik mit der jüngsten weltweiten Auswanderungswelle bevorsteht. Hinzu kommt freilich ein schlechter Witz. Danach wird die erste Überraschung ja sehr wahrscheinlich keineswegs auch die letzte bleiben. Begegnet man nämlich der ersten Fuhre von 50 oder 70 Leuten mit Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, kommen über kurz oder lang die näch-sten Fuhren, weil sich die Angelegenheit in Windeseile bis zum Kap der Guten Hoffnung herumspricht. Schließlich schreiben wir 2015, da gibt es Satellitenfernsehen und Mobiltelefone. Ergo wird die Inselrepublik jede Wette von einer wahren Flüchtlingswoge überspült. Wehrt sie sich dagegen, wird sie unweigerlich militarisiert, verroht – und zerstört. Tut sie es nicht, erhalten wir das gleiche Ergebnis.

Ein weiteres Problem sehe ich in mir selbst, dem Autor. Es betrifft die Figuren der Flüchtlinge. Ich traue mir nicht zu, mich hinreichend in ihre Lage und ihre Haut zu versetzen und sie entsprechend überzeugend handeln zu lassen. Anton Tschechow, Martin Andersen-Nexö, Robert Merle hätten es gekonnt. Allgemeiner gesprochen, bin ich vom Naturell her ohnehin weder ein begnadeter Erzähler noch ein begnadeter Psychologe. Ich bin der letzte Aufklärer und der letzte Enzyklopädist. Nach mir die Sintflut.

* Bezug auf eine vorausgegangene Betrachtung mit dem Titel »Raum ade«
°
°