Montag, 1. November 2021
A-39→Von Meistern und Mistkratzern
2019

Vorausgesetzt, einer hat zunehmend Schwierigkeiten gutes Lesefutter aufzutreiben. Nun stößt er in seinem Brockhaus (Band 16 von 1991) auf den Eintrag zum irisch-englischem, zumindest zeitweise vielgespieltem Dramatiker Sean O'Casey. Zwar macht sich der Lesehungrige gar nicht so viel aus Dramen, aber als geborener Einfaltspinsel klam-mert er sich an die abschließende Bemerkung: »Seine sechsbändige Autobiographie (1939–56) schildert ein-drucksvoll seinen Werdegang und gilt als Meisterwerk der Gattung.«

Also besorgt er sich das Meisterwerk. Er ergattert sogar ein kaum gelesenes antiquarisches Exemplar der deutschspra-chigen Diogenes-Ausgabe*, die in typografischer Hinsicht nichts zu wünschen übrig läßt, von der Fadenheftung bis zum grünen Leinenumschlag, und alles für schlappe 18 Euro. Da verschmerzt man den Schutzumschlag leicht, zumal O'Casey im Innneren mit einer farbenprächtigen Bilderflut aufwartet. Jeden empfindlichen Einfaltspinsel muß sie an die Wand drücken. O'Casey, der Inselbewoh-ner, liebt überhaupt das Ausufernde ungemein. Er schwafelt und verurteilt und wiederholt sich wie ein roter Priester (der er ja wohl auch war). Striche man allein seine ewig gleichen Ausfälle gegen Kirche und Klerus, hätte man von den sechs Bänden des Werkes schon drei eingespart. Er wirft bedenkenlos mit Blumigkeit und nichtssagenden Phrasen um sich, bis man kaum noch ein Körnchen jener »Wahrheit« sieht, die er so gern beschwört. Sein Humor beläuft sich überwiegend auf Ironie; seine selbstkritischen Bemerkungen sind eher dünn gesät. Ich will nicht gerade behaupten, er sei so ein selbstgerechter und engstirniger Kotzbrocken wie der (von Minetti gespielte) Zirkusdirektor aus Thomas Bernhards Stück Die Macht der Gewohnheit (1974) gewesen, aber viel dürfte da nicht fehlen. Immerhin bricht er eine Lanze für die durchweg versklavten Kinder und Frauen Europas, wenn er sich auch stets eine Hausgehilfin oder ein Kindermädchen hält, vielleicht auch beides. Seine Gattin Eileen war Schauspielerin. Natürlich hält er auch den Fortschritt hoch, voran die Elektrizität, das Wunderland USA – und das gelobte Land SU.

Für was der Dramatiker, der sich endlos über den fehlgeschlagenen oder halbherzigen Befreiungskampf der Iren ausläßt, bei seiner Nordamerikareise bestenfalls ein Hühnerauge hat, das ist die IndianerInnenfrage. Als gälischer Patriot scheint er sie gar nicht zu kennen. Vielleicht glaubte er, die beeindruckenden Wolkenkratzer seien lediglich mit Hilfe einiger Gastarbeiter hochgezogen worden, die dann wieder nach Hawaii oder Feuerland heimkehrten, etwa Sitting Bull, von dem man zuweilen liest. Im letztem Band seines Meisterwerkes – Eileen liegt gerade schwanger in einer schäbigen Londoner Privatklinik – kommt er doch noch auf die IndianerInnen zurück. Er stellt fest: »Die fürsorglichen Überlegungen, die man der geistigen und körperlichen Entwicklung des englischen Kindes widmet, sind nicht die eines zivilisierten Volkes, sondern stehen auf der Stufe eines primitiven Palavers, das in einer Wigwamberatung unter einem Dach aus Kuhhäuten abgehalten wird.« (S. 27)

Wenn diese Prosaarbeit des Dramatikers als Meisterwerk gelten sollte, würde man doch gern wissen, wer es warum dazu erklärt hat. Vielleicht Arthur Miller, der sie in seinen Erinnerungen »wunderbar« und O'Casey ein »Genie« nennt?** Brockhaus verrät es nicht. Das Urteil wird so anonym abgegeben, wie es im sogenannten Kanon dann auch bleibt. Der Kanon ist allmächtig, unwiderruflich, unsichtbar und unbelangbar – gerade so wie Gott.

Ich möchte O'Casey nicht verlassen, ohne auch noch George Orwell eins überzuziehen. Ich kann dabei an einer kleinen Schlammschlacht anknüpfen, die die Kollegen gegeneinander schlugen. Beide Schriftsteller lebten damals in England, doch der erste war bekanntlich Ire. Merkwürdigerweise wird dieser Streitfall in Michael Sheldens umfangreicher Orwell-Biografie von 1991 ausgespart***, jedenfalls soweit ich mich erinnere, und auch nach Ausweis des Registers. Laut Register wird der Ire (S. 585) nur einmal erwähnt, nämlich als Bestandteil einer privaten Liste Orwells, die über 100 Sympathisanten, wenn nicht gar Agenten des Sowjetkommunismus enthielt. Neben O'Caseys Name stehe der Zusatz: »Strohdumm«. Diese Einstufung würde sich natürlich gut mit O'Caseys Geschichte von Orwells frühem Roman Eine Pfarrers-tochter (1935) decken, falls sie stimmt. Das darf man wohl annehmen. Wäre sie erfunden oder verfälscht, hätte Sonia Brownell, Orwells Erbin, sicherlich eine Verleumdungs-klage angestrengt; die Frau hatte Haare auf den Zähnen. Nach O'Caseys Darstellung im sechstem und letztem Band seiner Autobiografie (S. 134/35) hatte ihm damals Verleger Gollancz die Druckbogen der Pfarrerstochter mit der Bitte geschickt, dieses Werk, das streckenweise dem Besten von Joyce gleichkäme, zu lesen und möglicherweise eine in der Werbung zitierfähige, also griffige, günstige Zeile darüber zu erübrigen. Dieses Anliegen schmetterte O'Casey ab, weil er das Werk für mangelhaft hielt. Es könne noch nicht einmal als gelungene Joyce-Nachahmung angesehen werden, teilte er Gollancz mit. Orwell habe genausoviel Aussicht, die Größe von Joyce zu erreichen, wie eine Meise Aussicht habe, sich in einen Adler auszuwachsen.

Übrigens war Orwell selber nicht gerade von seiner Pfarrerstochter erbaut. Shelden zufolge (S. 288/89) hatte er »eine ausgesprochen schlechte Meinung« von dem Buch und bezeichnete es in einem Brief sogar kurz und bündig als »Mist«. Doch in diesem Fall stellte er wohl seinen Rachedurst über seine Selbsterkenntnis, sonst hätte er 10 Jahre später kaum so kräftig gegen O'Casey vom Leder gezogen – zumal er soeben (1945!) im Begriff stand, sich in einer kleinen Betrachtung mit dem Titel »Rache ist sauer« gegen das verbreitete Bedürfnis sich zu rächen auszusprechen. Davon habe ich bereits berichtet.

Laut übereinstimmender Angabe von US-Historiker Arthur Mitchell (1998)**** und dem Belfaster Blogger Brian John Spencer (2016)***** brachte der Observer im Oktober 1945 einen Verriß des dritten Bandes der O'Casey-Autobiografie aus Orwells Feder. Für den irischen Dramatiker war das ein »Martergeschrei«, wie im sechstem Band (S. 127–37) zu lesen ist – weit entfernt von der »Redlichkeit«, die Orwell bekanntlich ringsum bescheinigt werde. Verfährt aber O'Casey untadeliger? Bevor er überhaupt zur Sache kommt, nämlich zu Orwells Kritik an Band 3, hält er sich zweieinhalb Seiten damit auf, ein allgemeines Schauerbild von Orwells in Tuberkulose, Pessimismus und Proletariatsferne verwurzeltem »krankhaftem Geist« und der entsprechenden »Wehleidig-keit« zu malen. So eingestimmt, können unbedarfte LeserInnen nur befürchten, von solch einem Invaliden sei keine aufbauende Kritik zu erwarten. »Kampfgeist«, so O'Casey weiter, habe Orwell nie besessen. Dessen Gastspiel als republikanischer Partisan im Spanienkrieg klammert O'Casey großzügig aus. Orwells jüngste Bücher Farm der Tiere und 1984 macht der Ire natürlich schlecht. Aber was hat dies alles mit Sean O'Caseys Autobiografie zu tun? Nun, die angeführten Werke wurden ja leider viel gelesen, wie O'Casey selber einräumt, und hier dürfte der neidvolle Hase im Pfeffer liegen. Orwell war sehr erfolgreich – O'Casey nicht.

In der Sache selber hat O'Casey wenig Entkräftung zu bieten. Weist er Orwells Vorwurf zurück, er schmähe in einem fort England, hat er sicherlich recht; es bleibt jedoch oberflächlich. Vom starkem romantischem, durch Heimatgefühl beflügeltem Zug seines gälischen Nationalismus spricht O'Casey lieber nicht – falls er ihn sich überhaupt eingestehen könnte. Ferner geht er auf Orwells Kritik am nebelhaftem und narzistischem Stil des dritten Bandes nicht wirklich ein – er ironisiert sie nur, wie er leider vieles lediglich ironisiert. Dann läßt er das Ganze in einem für ihn typischen erfundenen und wieder schön ausufernden Kneipendialog enden, in dem er noch einmal Gelegenheit hat, seinen Widersacher Orwell als »aufgeblasenen Dummkopf« zu bezeichnen. Im folgenden teile ich Auszüge aus Spencers, allem Anschein nach korrekter Wiedergabe der im Observer erschienenen Rezension mit.

But the cloudy manner in which the book is written makes it difficult to pin down facts or chronology. It is all in the third person (»Sean did this« and »Sean did that«), which gives an unbearable effect of narcissism, and large portions of it are written in a simplified imitation of the style of Finnegans Wake, a sort of Basic Joyce, which is sometimes effective in a humorous aside, but is hopeless for narrative purposes.

However, Mr O'Casey's outstanding characteristic is the romantic nationalism which he manages to combine with Communism. This book contains literally no reference to England which is not hostile or contemptuous.

So far as Ireland goes, the basic reason is probably England's bad conscience. It is difficult to object to Irish nationalism without seeming to condone centuries of English tyranny and exploitation. In particular, the incident with which Mr O'Casey's book ends, the summary execution of some twenty or thirty rebels who ought to have been treated as prisoners of war, was a crime and a mistake.

Als ich diese Anwürfe las, meinte ich mich allerdings zu erinnern, Orwells eigene, nur diesmal britisch gefärbte patriotische Ader sei ebenfalls recht geschwollen gewesen. Shelden stellt sie etwa auf den Seiten 437–39 heraus. Konsequenten Anarchisten könnte sie glatt den Kragen platzen lassen. Gewiß sei Großbritannien ein kapitalistisch-imperialistisches Land, räumte Orwell ein, und wenn es hart auf hart komme, werde sich auch Chamberlains »Demokratie« in ein faschistisches Regime verwandeln. Aber! Aber jetzt, unter Hitlers Ansturm, stellte sich auch Orwell, der Ex-Spanienkämpfer und eingefleischte Rebell, den Kriegsanstrengungen der Nation zur Verfügung. Er verrate seine linken Überzeugungen nicht, wenn ihm bloß die Verteidigung seiner Heimat am Herzen liege. Er orakelt vom »inneren Bedürfnis nach Patriotismus und militärischen Tugenden, für die, so wenig sie den weichlichen Angsthasen der Linken auch gefallen mögen, noch kein Ersatz gefunden worden ist.« Das ist gefährliches Gewäsch, weiter von kritischer Analyse entfernt wie ein Zwergtaucher von einem Pelikan.

Nach Mitchell hatte sich Orwell für Irland, das er auch nie betreten habe, lange Zeit nicht sonderlich interessiert. Dann habe ihn jedoch die Neutralität im Weltkriegs-geschehen aufgeregt, die das »schein-unabhängige Irland« erklärte; sie schloß auch Verweigerung aliierter Luftwaffen-Stützpunkte ein. Allerdings führt Mitchell auch die Versicherung eines engen Orwell-Freundes an, Christopher Hollis, von allen Gefühlen Orwells sei die Vaterlandsliebe das tiefste Gefühl gewesen, eben die Liebe zu England, nur habe er nie akzeptieren geschweige denn nachvollziehen können, daß andere aus anderen Vaterländern stammen und dieselben nicht minder stark lieben und verteidigen könnten.

Freilich war auch der kritische Blick seines Widersachers O'Casey nur dann scharf, wenn er nicht O'Caseys gut gehegte »inneren Bedürfnisse« zu beschneiden drohte. Auf Seite 151 seines sechsten Bandes erwähnt der Ire Hitlers Überfall auf Polen. Aber weder hier noch sonstwo hält er es für sinnvoll, den kurz zuvor abgeschlossenen »Hitler-Stalin-Pakt« vom August 1939 zu streifen, der Hitler jenen Überfall erst ermöglicht hatte. Wo liegt hier die Unredlich-keit? Seine »Behandlung« des Zweiten Weltkrieges an dieser Buchstelle ist überhaupt kennzeichnend für O'Caseys blumig-nebelhafte Darstellungsart, die sich mit Daten, Quellenhinweisen bei Zitaten und zwingender Argumentation nicht aufzuhalten braucht, jedoch den Eindruck von Satire erweckt und den Mangel dadurch entschuldigt. Es ist eine leichtfertige bis unverantwortliche Darstellungsart, und das nicht nur im Fall eines autobiografischen Werkes. Wenn sie einer »strohdumm« nennt, wie oben erwähnt, kann ich es ihm eigentlich nicht verdenken. Wobei die Spitze des Strohhalms in O'Caseys Fall der unausrottbare Wunsch sein dürfte, sich mit aller Gewalt als »Dichter« zu präsentieren, als begnadeter Maler am Himmel der Poesie.

Allerdings könnte man einige Ausfälle Orwells ebenfalls leichtfertig oder unverantwortlich, vielleicht sogar faschistisch nennen. Laut Spencers Wiedergabe leitet der Engländer seine Besprechung des dritten Bandes der Autobiografie O'Caseys mit dem Satz ein: »W.B. Yeats said once that a dog does not praise its fleas, but this is somewhat contradicted by the special status enjoyed in this country by Irish nationalist writers.« Bekanntlich pflegt man Flöhe mit einem Daumendruck auszulöschen, falls man ihrer habhaft wird. Was die meisten Kunstschaf-fenden dieses Planeten vordringlich zu verbinden scheint, ist der Haß – aufeinander.

* o.J., Lizenzausgabe nach: Paul List Verlag, Leipzig, 1957–63
** Zeitkurven, Fischer-TB-Ausgabe 1989, S. 424
*** deutsch bei Diogenes 1993, hier als Taschenbuch, Zürich 2000
**** Artikel »George Orwell & Sean O'Casey«, 1998, hier auf https://www.historyireland.com/20th-century-contemporary-history/george-orwell-sean-ocasey/ / Kurzvita Mitchells hier: https://www.sc.edu/about/system_and_campuses/salkehatchie/faculty-staff/mitchell_arthur.php
***** http://brianjohnspencer.blogspot.com/2016/07/george-orwell-on-ireland-ctd.html, 1. Juli 2016

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