Sonntag, 31. Oktober 2021
LdF Folge Nor—Par

Norris, Frank 32 (1870–1902). Das US-Mittelstandskind aus Chicago wollte sich ursprünglich der Zeichenkunst widmen, entschied sich dann aber für ein Literaturstudium und das Schreiben. Nach einer Phase als Journalist und Bohemian wandte sich Norris dem bitterem Los der werktätigen Bevölkerung zu – das er möglicherweise durch eine links romantisch, rechts sozialdarwinistisch verglaste Brille musterte. Sein Roman-Debüt gab er 1898/99 mit den Büchern Moran of the Lady Letty und McTeague. Das zweite Buch diente Erich von Stroheim 1924 als Vorlage für seinen Stummfilm Gier. Die Kritik ordnete Norris zunächst strafend im Schmutzfach »Naturalismus« ein. Heute heißt es, er habe unter anderem Kollegen wie Upton Sinclair, Theodore Dreiser und Sinclaire Lewis beträchtlich beeinflußt. Ob sie auch den beträchtlichen judenfeind-lichen Schmutz übernahmen, der Norris von der Antisemitismus-Enzyklopädie Richard S. Levys (2005) und der Harvard-Professorin Elisa New (2013) bescheinigt wird, entzieht sich meiner Kenntnis.

Norris lebte abwechselnd in New York und San Francisco, sofern er nicht reiste. Einst als Kriegsberichterstatter in Südafrika und Kuba unterwegs, hatte er üble Begegnungen mit der Malaria gehabt. Diese Vorbelastung spielte angeb-lich mit, als er im Herbst 1902 eine Blinddarmoperation mit seinem Leben zu bezahlen hatte. Der 32jährige hinterließ seine Ehefrau Jeanette, ein Töchterchen und etliche Manuskripte, die posthum veröffentlicht wurden. Das Erscheinen seines oft gepriesenen Romanes Der Okto-pus (1901) über den Kampf einer Handvoll kalifornischer Farmer gegen die Southern Pacific Railroad hatte Norris noch erlebt. Die Farmer verteidigen ihre schönen Weizenfelder, sind freilich unter Umständen auch bereit, sie schön teuer zu verkaufen. Das Werk soll spannend, streckenweise plump oder geschwätzig, in philosophischer Hinsicht oberflächlich sein. Jedenfalls wurde es zu einem Renner, der vermutlich mit zum Trost der Hinterbliebenen beitrug.

Witwe Jeanette, deutlich jünger als er, wird als selbstbe-wußte, elegante Schönheit geschildert. Wahrscheinlich trug sie ihr dunkles Haar vor allem auf den Zähnen, wie später Orwells Witwe Sonia. Bruder Charles Norris soll 1930 behauptet haben, Frank sei der Gattin ungleich stärker verfallen gewesen als umgekehrt. Die New York Times läßt an der Männlichkeit des offenbar blonden, schlanken Schriftstellers zumindest in ihrem knappem Nachruf* keinen Zweifel. Erst vor knapp drei Monaten, am 2. August 1902, habe Norris in San Francisco eine Tragödie verhindert. Es war auf einer Versammlung der Treuhänder des staatlichen Heims für Schwachsinnige. Der Vorstand hatte soeben den Superintendenten Dr. W. M. Lawler entlassen. Als auch Colonel J. T. Harrington dessen Amtsführung energisch rügte, erhob sich Theodore Lawler, der hünenhafte Sohn des Gefeuerten, und schritt bedrohlich auf den vergleichsweise schmächtigen Colonel zu. Der aber, weiß vor Wut, hatte einen Revolver, den er auch zog. Alles habe nach einem shooting ausgesehen. Da sei plötzlich Norris zwischen die beiden nur noch durch wenige Fuß voneinander getrennten Kampfhähne ge-sprungen. Das habe den anderen Treuhändern ermöglicht, die Ruhe im Saal wieder herzustellen.

Ob auch Norris zu den Treuhändern der Schwachsinnigen zählte, läßt das Blatt offen. Vielleicht war er nur als Kriegs-berichterstatter oder Romancier anwesend. Jedenfalls war er zu diesem Zeitpunkt offensichtlich noch nicht vom Tod gezeichnet. Aber die Einzelheiten von jener, möglicher-weise »kunstfehlerhaft« verlaufenen Blinddarmoperation verrät natürlich auch die NYT nicht. Inzwischen ist die Literatur über Norris allerdings umfangreicher als ein nordamerikanisches Weizenfeld und gibt die Einzelheiten vermutlich preis.

* »Death of Frank Norris«, 26. Oktober 1902: https://timesmachine.nytimes.com/timesmachine/1902/10/26/118483563.pdf



Nosdrowskaja, Irina 38 († 2018), ukrainische Rechts-anwältin und »Menschenrechtlerin«, am 1. Januar 2018 ermordet in einem Fluß bei Kiew aufgefunden. Sie wies Messerstiche auf. Nach Ulrich Heyden* hatte sie versucht, den Tod ihrer 26jährigen Schwester Swetlana Sapatinskaja aufzuklären. Die war am 30. September 2015 »an einer Bushaltestelle von dem angetrunkenem Dmitri Rossoschanski, dem Neffen des damaligen Vorsitzenden des Bezirksgerichts Wyschgorod: wohl Sergei Kuprienko mit Namen, angefahren und dadurch getötet worden.« Der Neffe bekam in erster Instanz sieben Jahre. Daraufhin setzten Drohungen gegen Nosdrowskaja ein, »unter anderem vom Vater des Verurteilten«, wie das Neue Deutschland behauptet.** Der Mörder der Rechtsanwältin sei nach wenigen Tagen verhaftet worden. Laut Kripo bereue er nichts. Seine Beweggründe bleiben ungenannt. Überhaupt ist über beide Todesfälle und den Stand der Ermittlungen erschreckend wenig zu lesen. Die jüngere Schwester ließ einen Sohn zurück, um den es ebenfalls Streit gab, die ältere eine damals 18jährige Tochter. Die lebt vermutlich auch nicht ganz ungefährlich.

* »Nach Mord an Menschenrechtlerin ...«, Telepolis, 4. Januar 2018: https://www.heise.de/tp/features/Ukraine-Nach-Mord-an-Menschenrechtlerin-Empoerung-ueber-verfaultes-Justizsystem-3933812.html?seite=all
** »Ukrainische Polizei verkündet Festnahme«, 9. Januar 2018 https://www.neues-deutschland.de/artikel/1075613.irina-nosdrowskaja-ukrainische-polizei-verkuendet-festnahme-nach-aufsehenerregendem-mord.html




Noves, Laura de c.38 (1310–48), angebliche Schönheit aus Avignon. Sie war weder Rechtsanwältin noch Mutter von nur einer Tochter. Vielmehr soll ihr der Graf Hugues II. de Sade, der sie als 15jährige zum Traualtar geführt hatte, sage und schreibe 11 Kinder gemacht haben, also ungefähr alle zwei Jahre eins. Aber nicht daran soll sie 1348 verendet sein, sondern an der Pest. Für einige Fachleute ist sie eigentlich nur deshalb wichtig, weil sie möglicherweise die Muse des »großen Dichters« Francesco Petrarca war. Beweise fehlen bislang. Die entsprechenden Forschungen haben sicherlich schon einen Haufen Geld verschlungen, den man besser in Rätsel wie das eben gestreifte aus der Ukraine gesteckt hätte.

Um einen vielbemühten »Dichter« der deutschen Romantik nicht ganz zu übergehen, will ich wenigstens noch an dessen zwei Bräute erinnern. Novalis, geboren 1772, wirkte überwiegend in Weißenfels, Kursachsen, wo er mit knapp 29, nach einem Aufstieg zum Landrat, auch wieder starb. Seine frühe Verlobung mit der 13jährigen Sophie von Kühn, die ihm 1795 in Schloß Grüningen bei Tennstedt sozusagen erschienen war, währte genau zwei Jahre. Sie starb im März 1797 nach mehreren Operationen an einem Tumor – oder an den schlampig ausgeführten Operationen. Davon abgesehen, soll sie nicht sonderlich klug und gebildet gewesen sein. Goethe meinte jedoch, darauf käme es nicht an. Ob Novalis seine 13- bis 15jährige Madonna entjungferte, ist umstritten. Ein Jahr darauf ging der Spezialist für Blaue Blumen seine zweite Verlobung ein: mit Julie von Charpentier, um 20, Tochter eines Freiberger Berghauptmanns und Professors. Auch sie wurde nicht gerade alt. Sie starb 1811, wohl mit 33. Es heißt, Novalis' Lodern für sie hätte sich in Grenzen gehalten. Es war ein Vernunft-Verlöbnis.

Nach der häufigsten Diagnose starb Novalis selber, mit knapp 29, Ende März 1801 an einem Blutsturz als Folge einer Tuberkulose-Erkrankung. Es wird oft angenommen, er habe sich angesteckt, als er bei der Pflege Friedrich Schillers half. Neuerdings wird auch die Erbkrankheit Mukoviszidose erwogen, die mit Novalis' früher Anfällig-keit zusammen stimmen würde. Für einige ergebene AnhängerInnen war es jedoch ein unbedingtes Hinter-Sophie-Herschwinden. Das klingt natürlich besser als Tuberkulose oder gar Mukoviszidose.



Nussbaum, Felix 39 (1904–44), jüdischer deutscher Maler. Zwar genoß er das Privileg, im Dachgeschoß der Osnabrücker Kaufmannsvilla Nussbaum schon als Jugendlicher über ein eigenes Atelier zu verfügen, doch er bezahlte es als 39jähriger mit dem Leben. Als er um 1930 mit ersten Ausstellungen Beachtung fand, richtete sich Nussbaum auch in Berlin ein Atelier ein. Seine Malerei wird zur Neuen Sachlichkeit gezählt. Sie hat einen Zug, der an Cartoons erinnert. Bekannt ist etwa das langgestreckte Gemälde Der tolle Pariser Platz von 1931. In seinen letzten Lebensjahren, meist in Verstecken malend, behandelte Nussbaum vor allem eben dies: die Verfolgung der Juden. Er hatte sich mit seiner polnisch-jüdischen Gefährtin Felka Platek, die ebenfalls malte, ins Exil nach Italien, Frank-reich und Belgien begeben. In Brüssel heirateten sie 1937. Doch bald darauf machte ihnen die deutsche Besetzung einen Strich durch die Leinwand. Als im Sommer 1942 auch in Belgien die Judenhatz begann, tauchten sie mit Hilfe des Bildhauers Dolf Ledel und eines befreundeten Kunsthändlers unter. In dieser nur schwer nachvollzieh-baren Bedrängnis entstand unter anderem das bekannte Selbstbildnis mit Judenpaß. Zwei Jahre darauf werden die Nussbaums von Wehrmachtsoldaten aufgespürt und verhaftet. Man verschleppt sie ausgerechnet mit dem letzten Deportationszug vom Sammellager Mechelen nach Auschwitz. Hier kamen beide, wie meist angenommen wird, im Herbst 1944 um. Platek war 45.



Obeidi, Morsal 16 (1991–2008), afghanisch-deutsches Mordopfer in Hamburg. Die 16jährige Schülerin wurde am 15. Mai von ihrem 23jährigem Bruder A. in den Stadtteil St. Georg gelockt und dort auf einem spärlich beleuch-tetem Parkplatz ohne jede Eröffnung mit mehr als 20 Messerstichen getötet. Einige Leichenwäscherinnen mußten sich angesichts der Wunden übergeben. Dabei hatte Morsal ohnehin schon einen jahrelangen Leidensweg unter gewalttätigen Verwandten hinter sich, denen ihre »westliche Lebensart« zuwider war. Sie hatte wiederholt den Kinder- und Jugendnotdienst aufgesucht. Ihr Bruder und Mörder, Geschäftsführer im väterlichem Autohandel und bereits mehrmals vorbestraft, wurde 2009 zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Verwandt-schaft stieg auf die Stühle; der Staatsanwalt erhielt anonyme Morddrohungen.

Zivilcourage ist löblich, aber nicht ungefährlich. Emeka Okoronkwo (1988–2010) aus Nigeria lebte seit 13 Jahren in Hessen, wo er sich zuletzt beim Kolping-Bildungswerk auf eine Ausbildung zum Restaurantfachmann vorbereitet hatte. Am frühen Morgen des 2. Mai 2010 beging der knapp 22jährige den Fehler, sich an einer Straßenbahn-haltestelle im Frankfurter Bahnhofsviertel schützend vor zwei Frauen zu stellen, die gerade aus der Salsa-Diskothek Chango gekommen waren. Zwei Männer hatten sie »mit obszönen Worten angemacht«, wie die FAZ sich in ihrem Prozeßbericht* ausdrückte. Sämtliche Beteiligten waren dunkelhäutig. Durch Okoronkwos Eingreifen entstand eine Schlägerei, bei dem ihm einer der Machos ein Messer in die Brust stach. Daran starb der beherzte Afrikaner noch am selbem Tag in einem Frankfurter Krankenhaus.

Eine Woche später fand im Dreieicher Jugendzentrum Benzstraße, wo Okoronkwo als stets hilfsbereit und fröhlich bekannt und beliebt gewesen war, eine Gedenk-feier im Beisein von Bürgermeister Dieter Zimmer und Bose Euphemia Bardian Okoronkwo statt, der Mutter des Getöteten. Auch der 34 Jahre alte Täter kam aus Dreieich, das am Südrand der Mainmetropole liegt. Er wurde rasch gefaßt und 2011 vor das Frankfurter Landgericht gestellt. Richterin Bärbel Stock sprach dem zur Tatzeit angetrunkenem Gelegenheitsarbeiter eine angebliche »Notwehrsituation« ausdrücklich ab und verurteilte ihn, wegen Totschlags, zu neuneinhalb Jahren Haft. Übrigens war ihm 2005 die Frau gestorben. Zwei Kinder kamen in Pflegefamilien.

* »Haftstrafe nach Tod eines Streitschlichters«, 6. Juni 2011: https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/fall-emeka-okoronkwo-haftstrafe-nach-tod-eines-streitschlichters-1653471.html



O'Brien, John 33 (1960–94), US-Schriftsteller, zuletzt in Beverly Hills, Kalifornien. Dort erschießt sich der Mann seltsamerweise zwei Wochen nach Eintreffen der frohen Botschaft, sein erster Roman Leaving Las Vegas (1990) werde verfilmt.* O'Brien war seit längerem alkoholkrank, was offenbar auch seinen Erstling durchtränkt. Er suchte wiederholt Suchtkliniken auf. Eine Ehe wurde 1992 wieder geschieden. Vermutlich lief auch die Arbeit an seinen nächsten Werken nicht reibungslos. Man warf sie, wenn auch zumindest teilweise von anderen vollendet, posthum auf den Markt – mit dem Wind seines nicht alltäglichen »gunshots« im Rücken. Der Rubel muß rollen.

Da ich fürchte, eine nähere Beschäftigung mit O'Brien ergäbe keinen Erkenntnisgewinn, schlage ich alternativ meine kritische Beleuchtung der umfangreichen, meist gerühmten Autobiografie des bekannten irisch-englischen Dramatikers Sean O'Casey vor, siehe A-39. Sie schont auch dessen Kritiker Orwell nicht völlig.

* Brian Whitney, »Revisiting Leaving Las Vegas and the Final Days of John O'Brien«, The Fix, 23. Oktober 2015: https://www.thefix.com/remembering-john-obrien



Oestreich, Michael 35 (1802–38), ostwestfälischer Orgelbauer. Die dürren Angaben lassen dennoch die Vermutung aufkeimen, sein Lebensweg sei nicht ganz so glatt und gradlinig wie eine Orgelpfeife verlaufen. Er stammte aus einer im Raum Fulda ansässigen Orgelbauer-Sippe, wandte sich aber, mit Ende 20, um 1830 nach Dringenberg (zwischen Paderborn und Höxter), um dem Meister Arnold Isfording als Geselle zur Hand zu gehen. Vielleicht hatte er gewittert, daß der Meister schon 1831 das Zeitliche segnen würde. Oestreich übernahm den Laden des 67jährigen und gleich auch Isfordings Witwe Anna Maria oder Anna Catharina, je nach Urkunde, geb. Waldhoff. Der 31jährige hatte inzwischen die amtliche Befugnis erwirkt, im (preußischem) Regierungsbezirk Minden Orgeln zu bauen, zu reparieren und zu stimmen. Laut freundlicher Auskunft des Dringenberger Heimat-vereins war Anna, Tochter eines »Ackersmannes« aus Istrup, günstigerweise erst 29. Vermutlich brachte sie, neben der Werkstatt, auch ihre zwei Kinder mit in die neue Ehe ein. Drei kamen dann noch hinzu. Dafür verlor ihr Mann eine ganze Orgel, wenn man der deutschen Wikipedia trauen darf. Es handelte sich um eine von Oestreich gebaute kleine transportable Orgel, die er einem Bösingfelder Gastwirt (bei Hameln) als Pfand wegen Zechschulden habe überlassen müssen. Sie wurde nach Oestrichs Ableben umständlich freigekauft und schließlich in der Kirche von Bad Lippspringe (bei Paderborn) untergebracht.

Die Gründe für Oestreichs Ableben (wahrscheinlich mit 35) schränkt das Dringenberger Kirchenbuch auf »Zehrfieber« ein. So nannte man damals die Tuberkulose. Vielleicht war das Zehrfieber aber vom Höllenfeuer seines Temperamentes und seiner Ehe geschürt worden. Jeden-falls darf man häufige Löschversuche in Kneipen vermu-ten. Ein Detail macht mich allerdings stutzig: Die Strecke Dringenberg–Bösingfeld. Sie bemißt sich bereits in der Luftlinie (nach Norden) auf 45 Kilometer. Die damaligen Transportverhältnisse berücksichtigt, ist wohl kaum anzunehmen, Oestreichs Stammkneipe sei ausgerechnet von dem erwähntem Pfandnehmer in Bösingfeld betrieben worden. Hatte er am Ende eine Geliebte dort? Und dann mußte er auch noch seine Kleinorgel dahin schaffen, falls er sie nicht sowieso gerade auf dem Pferdefuhrwerk hatte, weil er unterwegs gern musizierte.

Denkt man genauer darüber nach, sind mit Orgeln noch andere gewaltige Probleme verbunden – Stichwort Lärm. In der hiesigen Puppenfabrikkomunne, in der ich früher wohnte, wurden zuweilen »Workshops« für Schulkinder jeglichen Alters veranstaltet – ein Wunder, daß die bröckligen Ziergiebel über den Treppenhäusern sogar heute noch stehen. Allein 30 Kinder, die in einem geräumigem Innenhof nichts anderes tun, als an, unter oder auf langen Klapptischen ihr Frühstück einzunehmen, haben die Sprengkraft dreier Horst-Lange-Hummeln. Lange verglich 1937 in Schwarze Weide eine schnöde Dorfkirchenorgel mit einer offenbar extrem angeschwol-lenen Hummel, die ringsum gegen die mit Blei eingefaßten Kirchenfensterscheiben dränge. Kirchenglocken sind dann wahrscheinlich die Hodensäcke Gottes und Satans, während sie miteinander ringen.

Von daher bin ich unsicher, ob ich den Stadtpfarrer Ulrich Boom aus Miltenberg am Main bewundern soll. Er hat 2007, just im letzten Jahr meines Kommunelebens, den Aschaffenburger Mutig-Preis für 20 Minuten Glocken-läuten erhalten. Ein Jahr zuvor hatten nämlich Neonazis versucht, auf dem Marktplatz eine Kundgebung abzuhalten. Dies vereitelte Boom von der Jakobuskirche aus – über 800 Meter! Ja, das können die Christen eben: Gewalt mit Gewalt beantworten. Wenn sie in einigen größeren deutschen Städten Sturm gegen Moscheen laufen, sollten sich die Minarettsänger vielleicht Musikkapellen mit Verstärkertürmen mieten. Ich kenne deren Wirkung, da ich eine Zeitlang das Vergnügen besaß, schräg gegenüber von einer sogenannten linken Kneipe zu wohnen, die jeden Samstag um 21 Uhr ein sogenanntes Konzert gab. Sobald meine Scheiben klirrten, sah ich zur Uhr um festzustellen, ob die Genossen RockmusikerInnen wieder ihren Verspätungsrekord gebrochen hatten, auf daß sich meine Samstagsnacht noch kürzer gestalte.

Wie sich versteht, wies das revolutionäre Kneipenkollektiv es entrüstet zurück, seine Konzerte in die Nähe von CIA-Kursen für Lärmterror und akustische Folter zu rücken. In den Händen der Guten werden aus Granaten Schokoladen-eier und aus Rammbässen Engelszungen. Im übrigen beobachten wir in der Frage des Lärmes eine Ignoranz, die dem dummdreisten Übergehen aller mörderischen Zivilisationserscheinungen, die nicht dem Corona-Virus gleichen, doch sehr ähnlich ist. Dabei dürften allein die Opfer des Verkehrs, des Chemiekeuleneinsatzes, der Krankenhausinfektion, der Justiz- und Bürokratenwillkür und der imperialistischen Kriege oder »Sanktionen« Tag für Tag, weltweit, in die Hunderttausenden gehen – Tag für Tag. Aber ich will nicht ablenken. Zur Stunde scheint sich der kälteste April, an den ich mich erinnern kann, zu einer Wende in den Sommer zu entschließen. Da müssen wir sofort unsere Waffen schmieren. Die wirkungsvollsten Nachbarterrorisierungsgeräte außerhalb regulärer Schlachtfelder stellen wahrscheinlich Motorsensen dar. Ihr jaulendes Mähgeräusch hält stets gute Höhe und ist wahrlich schneidend. Sie übertrifft Kettensägen und sogar Zwergtraktoren, die von den Leibesumfängen ihrer LenkerInnen gesprengt werden, während sie auf 12 Quadratmeter Rasen hin- und herfahren. Eine herkömm-liche Sense könnte zwar verschlankend wirken – auf die Profitspanne gewisser Industrien jedoch auch.

Autoren wie Tschechow, Theodor Lessing, F. G. Jünger wiesen bereits vor Jahrzehnten auf den aggressiven Charakter maschineller Geräusche hin. In den völlig berechtigten Lobliedern auf das Handwerkzeug fehlt dieser Hinweis meistens. Das Fauchen einer herkömmlichen Sense ist nahezu einschmeichelnd. Über die schlichte Bügelsäge, mit der ich mein Brennholz zerkleinere, hat sich noch nie ein Schmetterling oder – im Winter – ein Buntspecht bei mir beschwert. Im Bohren und Schrauben bin ich erfreut zur Handarbeit zurückgekehrt. Selbst die Spitzhacke, mit der ich Platz für ein Betonfundament schaffe, geht im Vergleich als Musikinstrument durch.

Der Kapitalismus haßt das Musische so gut wie die Muße. Daher seine Vorliebe für das schon früher behandelte Explosive. Alfred Nobel, der Panama-Pionier, wußte es: der kürzeste Weg zum Erfolg ist die Sprengung. Leider enttäuscht in dieser Frage E. G. Seeliger. Während sich bei ihm Musik auf Mozart beläuft, kennt er Lärm überhaupt nicht. Auch Stichworte wie Alarm, Glocke, Hundegebell, Krach, Orgel, Sirene wird man in seinem Handbuch des Schwindels (von 1922) vergeblich suchen. Dabei war er jahrelang Lehrer gewesen! Vielleicht litt der Geißler unzähliger Sperren an einer Ohrensperre.



Oetter, Roland 35 (1949–85), Nürnberger Gitarren-bauer. Er war der Geheimtip für Eingeweihte gewesen. Zu denen zählte übrigens Werner Lämmerhirt, den ich flüchtig aus Westberlin kannte. Der Liedermacher mit der rauchigen Stimme wurde leider auch nicht gerade steinalt. Er starb 2016 mit 67, an Krebs. An seiner Stelle wäre ich jetzt schon seit vier Jahren tot. Gitarrenbauer Oetter jedoch schaffte nicht mehr als die 35 des Orgelbauers Oestreich.

Auch der Osnabrücker Musiker Peter Finger spielte zumindest zeitweise Oetter-Gitarren. Für ihn war Oetter einer der Großen der Zunft. Ein Gedenkartikel* Fingers begründet dieses Urteil und ist schon von daher für Laien aufschlußreich. Was Oetters Temperament angeht, nimmt Finger kein Blatt vor den Mund. Er sei ein Besessener mit ungewöhnlicher Ausstrahlung gewesen. Ein Macher, »der in vielen Richtungen extrem war, alles gab bis zur Erschöpfung. Und dies nicht nur beim Gitarrenbau. Er war auch ein extremer Autofahrer, was ihm letztendlich zum Verhängnis wurde.«

Oetter habe es geliebt, sich durch Tempofahrten »abzu-reagieren«. So nahm er nach einer kniffligen Nachtarbeit in seiner Werkstatt am frühem Morgen des 29. Mai 1985 die Nürnberger Stadtautobahn – und prallte gegen einen Brückenpfeiler. Dabei war wohl auch Regenglätte im Spiel. Weitere Unfallbeteiligte gab es nicht. Das ist immerhin ein erfreulicher Aspekt.

Oetter, auch guter Fotograf und leidenschaftlicher Kaufmann, hatte sich um 1975 für den Gitarrenbau und, mit Kumpel, eine eigene Werkstatt entschieden. Später gründete er mit seinem Bruder sogar ein Sägewerk, um aus Brasilien importierte Riopalisanderstämme aufzu-schneiden. Natürlich war er auch Holznarr. Was seine Lebensgefährtin Petra von seiner Umtriebigkeit hielt, verrät Finger nicht. Kurz vor seinem Tod ist Oetter mit dem Umzug seiner Werkstatt an den Stadtrand befaßt. Das war offenbar auch mit einer Vergrößerung verbunden. Joan Baez hatte eine Gitarre bei ihm bestellt – der Weltruhm winkte ihm.

Oetters pädagogische oder kommunitäre Begabung war wohl eher gering. Finger hatte selber mit dem Gitarrenbau begonnen und zeigte Oetter, als dieser durch Osnabrück kam, voller stolz seinen ersten Eigenbau. Der Freund habe sie in die Hand genommen, umgedreht – und nach einer Kunstpause festgestellt: »Schade um das schöne Holz.«

* Akustik Gitarre, Ausgabe 5–2008, S. 62



Ohnesorg, Benno 26 (1940–67). Als Christa Ohnesorg im November 1967 Sohn Lukas zur Welt brachte, lag dessen Vater schon seit einem knappen halben Jahr unter der Erde. Fast jeder weiß es: der 26jährige FU-Student für das Lehramt Benno Ohnesorg war bei der Anti-Schah-Demonstration am 2. Juni 1967 vor der Berliner Deutschen Oper in einem Bild-mäßig aufgehetztem Klima von dem nicht bedrohten Polizisten Kurras aus nächster Nähe erschossen worden. Das Bemerkenswerteste am Opfer war im Grunde dessen Unauffälligkeit. Obwohl politisch links stehend, war Ohnesorg bis dahin nie als Agitator oder Kämpfer, selbst nicht als Künstler oder sonstwie hervor-getreten – Kurras trat ihn hervor. Wahrscheinlich hätte die tödliche Kugel auch jeden anderen treffen können, der sich gerade im Schußfeld des durch und durch reaktionären Beamten befunden hatte. Insofern ist auch dies ein Fall von zufälligem Ruhm.

Kurras oder vielmehr die ihn begünstigenden Verhältnisse sorgten also dafür, daß Lukas Ohnesorg seinen Vater nie kennenlernte. Seine Mutter, später ebendort Studienrätin, zog ihn in Hannover auf, wo er wahrscheinlich noch heute lebt. Die Mutter starb 2000. Die Informationen über den inzwischen über 50jährigen Lukas Ohnesorg sind spärlich. Was Wunder, denn auch in diesem Fall scheint die Rede vom Apfel zuzutreffen, der nicht weit vom Stamm fällt. Der studierte »Kulturpädagoge« (ein Fach seiner Zeit) und gelegentliche Comic-Zeichner lebe recht »zurückgezogen«, heißt es. 1997 läßt er in einem Zeit-Interview durchblicken, er hüte sich auch vor jedem politischem Engagement. Danach scheint er zu glauben, außer gelegentlichen Schüssen in den Hinterkopf brächte es nicht viel ein. 2017 bezeichnet ihn der Spiegel als arbeitslosen Programmierer. Er habe dem Blatt erklärt, er bestehe nach wie vor auf einer Entschuldigung und einer Entschädigung für diesen Mord.*

Polizist Karl-Heinz Kurras hatte die Gerichtsgebäude bekanntlich stets mit Freispruch verlassen. Somit sprach nichts dagegen, ihn ordnungsgemäß zu befördern. Ab 1987 im Ruhestand, bezog er Beamtenpension. 2014 starb er, 87 Jahre alt. Zwar hatte man 2009 seine frühere Neben-tätigkeit für die Ostberliner Stasi enthüllt, doch zur Klärung der Frage, ob er den Demonstranten Ohnesorg mit Absicht tötete, trägt das wohl wenig bei. Während die Gerichte meinten, er habe sich noch nicht einmal der »fahrlässigen« Tötung schuldig gemacht, fahren Michael Sontheimer und Peter Wensierski viel Munition für die Mord-These, nebenbei auch für den Verdacht altnazi-stischer Deckungsarbeit zugunsten des Kollegen Kurras auf.* Wie auch immer: im November 2011 erklärte die Berliner Generalstaatsanwaltschaft, die neue Beweislage reiche nicht zur Neueröffnung eines Verfahrens aus.

Zur Entschlossenheit der politischen und polizeilichen Führung, die KritikerInnen des Schahs und insbesondere des Vietnamkriegs zu verteufeln, hat es übrigens nie ein Verfahren gegeben. Bis mindestens Mitternacht des Tatabends war den Demonstranten, die von der Polizei »systematisch, kaltblütig geplant« zusammengeknüppelt wurden** und die sich vereinzelt mit geworfenen Steinen zu wehren suchten, noch gar nicht klar, daß einer der Ihren ermordet worden war. Stattdessen hatte man gegen 22 Uhr auf dem Kurfürstendamm per Lautsprecherwagen zu hören bekommen: »Achtung, Achtung! Hier spricht die Berliner Polizei. Wir wenden uns an die gutwillige Berliner Bevölkerung! Machen Sie sich nicht mit diesen Subjekten gemein! Es hat bereits ein Todesopfer gegeben: Ein Polizist ist von Demonstranten erstochen worden!« Eine dreiste Lüge, wie sich später zeigte.

Wenn freilich selbst Thomas Ramge*** merkwürdig wohlwollend oder blauäugig von einer »taktischen« Lüge spricht, die beabsichtigt hätte, »weitere Ausschreitungen zu verhindern«, ahnen wir, wie der Hase läuft. Schließlich haben wir uns inzwischen unter den fiktiven Angriffs-wellen der Corona-Viren zu ducken. Da ist den staatlichen Sicherheits- und Agitpropkräften jede Notlüge erlaubt, um Gefahr von der Volksgesundheit oder sogenannte Gefährder vom Volkskörper abzuwenden. Der Schah hätte vielleicht einfach gemurmelt: Der Zweck heiligt die Mittel. Und was wäre der Zweck? Herrschen.

* »Ein Mord, viele Lügen«, Spiegel, 28. Mai 2017: https://www.spiegel.de/spiegel/benno-ohnesorg-der-mord-der-die-bundesrepublik-veraenderte-a-1149366.html
** Sebastian Haffner im Artikel »Nacht der langen Knüppel«, stern Nr. 26/1967, online etwa hier: http://www.glasnost.de/hist/apo/haf2Juni.html
*** Die großen Polit-Skandale: Eine andere Geschichte der Bundes-republik, Ffm 2003, S. 96




O'Kelly, Seumas um 38 (1880–1918), irischer patrio-tischer Journalist und Schriftsteller. Lassen Sie sich nie, auch von diesem Werk nicht, dazu verleiten, alle muniti-ons- oder messerlose Gewaltausübung für nebensächlich zu erachten. Eher verhält es sich umgekehrt. Wie schon mehrmals angedeutet, können beispielsweise auch »Sanktionen« gegen aufmüpfige Staaten, strafende väterliche Blicke oder Wohnungslosigkeit töten, um an Brecht zu erinnern. Insofern lag die Sache bei O'Kelly noch einigermaßen handfest. Der Ire war zuletzt Chef der Sinn-Féin-Zeitung The Nationality in Dublin, wohl ein vielgelesenes Wochenblatt. Daneben war er für einige noch heute gelobten Dramen und Erzählungen gut. Als angetrunkene britisch gestimmte BürgerInnen am 14. November 1918 die Redaktion stürmten und damit begannen, Fensterscheiben einzuschlagen und Tische umzuwerfen, suchte sie O'Kelly mit seinem Spazierstock zu vertreiben. Dabei sei er zu Boden gegangen, wo er aufstöhnend seine Brust umklammerte – offensichtlich Herzinfarkt. Nach drei Tagen im Jervis Street Hospital war er tot.* Von polizeilichen Ermittlungen ist nirgends zu lesen.

Die angeführte Ausschmückung der Todesumstände findet sich nicht im Dictionary of Irish Biography, aber sie widerspricht diesem auch nicht. Hier wird noch zweierlei eingeräumt: O'Kellys Geburtsjahr sei umstritten, und um 1911 habe der rastlos tätige Schriftsteller einen schweren Anfall von »rheumatischem Fieber« erlitten, der ihm ein chronisches Herzleiden beschert habe. Der lesenswerte Lexikonartikel** stellt auch die Jugend und das Werk O'Kellys vor.

* »Death oft Seumas O'Kelly«, kildare.ie, 14. November 2018: https://www.kildare.ie/ehistory/index.php/death-of-seumas-okelly-100-years-ago-today/
** Autor: Patrick Maume, Oktober 2009: https://www.dib.ie/biography/okelly-seumas-a6841




Olfers, Sibylle von 34 (1881–1916), fromme und jugendstilige Kinderbuchautorin. Sie wuchs unbeschwert in einem Herrenhaus bei Königsberg, später in der Stadt selber auf. Sie galt als fröhliches Kind mit großer und einfallsreicher zeichnerischer Begabung, die auch gefördert wurde, teils in Berlin. Erfreulicherweise sollen ihre Eltern, eine echte Freiin und ein Gelehrter, entsetzt gewesen sein, als ihnen die 25jährige Tochter (1906) eröffnete, sie trete jetzt in den Orden der Grauen Schwestern von der Heiligen Elisabeth ein. Was für ein Jammer! Sie wird als blonde hochgewachsene Madonna von einiger Anmut geschildert, und nun war sie sich nicht zu fein, in einer Lübecker katholischen Schule, von ihrem Orden delegiert, als schnöde Lehrerin zu wirken und sich den lüsternen Blicken der Primaner auszusetzen. Aber Gottes Wege sind bekanntlich unerforschlich. Im selbem Jahr 1906 erschien in einem süddeutschem Verlag ihr bekanntestes Werk Etwas von den Wurzelkindern, das ihren Ruhm begründete. Gewiß müssen auch die Wurzelkinder, eigentlich AusreißerInnen, brav ihre Suppe essen, löffeln sie aber immerhin in Gottes freier Natur. Ich nehme stark an, sie müssen auch ein Lätzchen umbinden, aber keinen Mund-Nasen-Schutz. Heimkehren müssen sie dann auch. Nicht zuletzt deshalb wird Von Olfers' Hauptwerk nach wie vor zu den Klassikern der illustrierten Kinderliteratur gezählt und entsprechend aufgelegt. Von dem Erlös dieses Klassikers könnte ich mir 10 Herren-häuser kaufen, aber eben Sibylle nicht. Die Gute war seit Jahren lungenkrank und starb in Lübeck mit 34 Jahren.



Omar, Samia Yusuf 21 (1991–2012), afrikanische Leichtathletin und »Bootsfrau«. Die thüringische Garten-hütte ohne Wasseranschluß, in der ich einige Jahre lang wohnte, wäre für sie ein Sultanpalast gewesen. Aber sie schaffte es noch nicht einmal in einen der düsteren und stickigen Blechcontainer des Flüchtlingslagers bei Hal Far auf der Mittelmeerinsel Malta. Schon ihr Start im Jahr 1991 war ungünstig gewesen. Damals erblickte sie das Licht der Welt in einem für die meisten Einheimischen hohlgefressenen Zankapfel namens Somalia. Sie teilte sich, in Mogadischu, zwei Zimmer mit sechs Geschwistern und ihrer Mutter. Der Vater hatte bei einem Gefecht ein Bein verloren, 2006 wurde er als Insasse eines Taxis erschossen, angeblich durch »Islamisten«. Die Mutter kam nun als Gemüseverkäuferin allein für den Unterhalt der Familie auf. Samia setzte sich in den Kopf, ihr Heil als Leichtathletin zu versuchen, und es gelang ihr in der Tat, mit 17 Jahren die Flagge Somalias bei der Eröffnung der »Olympischen Spiele« von 2008 über die Pekinger rote Aschenbahn zu tragen. In den Vorläufen über 200 Meter schied sie immerhin mit persönlicher Bestzeit aus. Zu Hause erwarteten sie vermehrt Schikanen, weil sie kein Kopftuch getragen hatte. Armut und Kriegswirren tun das Ihre hinzu. Im Juli 2011 entschließt sich Samia mit anderen zur Flucht.

Jetzt ist ihr Fernziel die nächste »Olympiade«, die in London 2012. Aber vorher muß sie gewaltigen Trainings-rückstand aufholen, es eilt. Sie wirft ihre gesamten Ersparnisse, 1.000 Dollar, einer Schlepperbande in den Rachen und weiß zum Glück noch nicht, welchen Leidensweg sie antritt. Das Nahziel heißt Malta. Sie hat sich unterernährt durch Wüsten zu schleppen, gerät in die Schießereien um den Zankapfel Libyen und für vier Wochen in ein verlaustes Gefängnis, hat nachzuzahlen, wird von den wechselnden Schleppern ein ums andere Mal betrogen und wie Dreck behandelt – zuletzt erweist sich das für über 60 Leute versprochene Schiff nach Malta als sechs Meter kurzes Schlauchboot mit Außenbordmotor. Die Leute werden hineingepfercht. Es versteht sich, daß bei jeder Etappe Alte, Kranke, Kinder und Zufallsopfer auf der Strecke bleiben. Insofern hat Samia Glück. Inzwischen ist Anfang April 2012, viel trainieren kann sie bis London nicht mehr. Sie hat auch die Entbehrungen und die Rohheit im Flüchtlingsboot schon fast überstanden, als das Benzin knapp wird, weil sich ein Kanister ins Mittelmeer entleerte. Doch da taucht in Sichtweite einer Insel, die vielleicht Malta ist, ein Frachter auf, von dem trotz des starken Seegangs schließlich ein Tau hinabgeworfen wird. Kampf um das Seil, während das Boot in Richtung der Schiffschraube abdriftet. Samia hängt am Seil, aber an ihrem Knöchel hängen wiederum andere. Sie fällt mit sechs anderen Flüchtlingen unweit der Schraube ins Meer, das sich rasch blutig färbt. Samia konnte ohnehin nur rennen, schwimmen nicht. Sie war gerade 21 geworden. Alle anderen werden Oliver Zihlmann zufolge* von dem Frachtschiff gerettet – und nach Libyen zurückgebracht, wo sie irgendeine Küstenwache in irgendein Gefängnis sperrt.

Eine benachbarte Flüchtlingsinsel ist Lampedusa, das zu Italien gehört. Im November 2012 beklagte die erst kurz zuvor gewählte neue Bürgermeisterin der Stadt Lampe-dusa, Giusi Nicolini, die »unerträglichen«, leidvollen Zustände auf dieser kleinen Mittelmeerinsel, was allerdings nicht in unseren »Mainstreammedien« zu vernehmen war.** »Wie groß muß der Friedhof auf meiner Insel noch werden? / Ich bin über die Gleichgültigkeit entrüstet, die alle angesteckt zu haben scheint; mich regt das Schweigen von Europa auf, das gerade den Friedensnobelpreis erhalten hat, und nichts sagt, obwohl es hier ein Massaker gibt, bei dem Menschen sterben, als sei es ein Krieg.«

Sehen Sie zum Problem der Flüchtlingsfluten in A-40 meine Skizze »Ansturm auf Pingos« von 2020.

* »Samias Traum vom Olympischen Feuer«, Züricher Sonntags-Zeitung, 23. Dezember 2012: https://www.webcitation.org/6DDNYTQuu?url=http://www.sonntagszeitung.ch/home/artikel-detailseite/?newsid=238780
** Peter Nowak, »Leben und Sterben auf Lampedusa«, Telepolis,
3. Oktober 2013: https://www.heise.de/tp/news/Leben-und-Sterben-auf-Lampedusa-1995493.html




Oppolzer, Egon von 37 (1869–1907), österreichischer Astronom. Offenbar starb er nicht im Dienst. Ein zeitge-nössischer Nachruf* spricht von einer »Blutvergiftung, die er sich bei Arbeiten im Garten« zugezogen habe. Aus einer Gelehrtenfamilie stammend, hatte es Oppolzer (1906) zum Professor in Innsbruck und Gründer und Chef der dortigen Sternwarte gebracht. Er soll ein »feinfühlender, schöngeistiger« Mensch gewesen sein, der neben der Malerei die Musik liebte, auch Umgang mit den Familien Wagner und Bruckner pflog. Wie sich versteht, rechnet man ihm einige Entdeckungen an, etwa der kurzperio-dischen Veränderlichkeit des Asteroiden (433) Eros; dessen Lichtkurve lasse auf seine unregelmäßige Form schließen. Möglicherweise hat das den Professor der nicht-künstlerischen Sinnlichkeit nähergebracht, aber wohl kaum dem Rätsel des Universums.

Ich greife kurzentschlossen Bedenken gegenüber der herrschenden Astronomie und Kosmologie auf, die ich bereits unter Oppolzers Fachkollegen Johann Nepomuk >Krieger angedeutet habe. Vor gut 10 Jahren (am 21. Oktober 2010) war im angeblich kritischem Online-Blatt Telepolis ein Artikel über jüngste Entdeckungen des Weltraumteleskops Hubble zu lesen. Autorin Andrea Naica-Loebell leitete ihn mit der dummdreisten Feststellung ein: »Im Anfang war das Nichts. Alles begann vor ungefähr 13,7 Milliarden Jahren mit dem BigBang, dem mächtigen Urknall, aus dem heraus sich das Univer-sum selbst entfaltete und ausdehnte.« Das überbietet die Autorin gleich noch durch den eingeklammerten Hinweis auf einen früheren Artikel mit der Überschrift »Das Universum braucht keinen Gott«. Sie kennt die Bedürf-nisse des Universums besser als ihre eigenen. Das Universum begnügt sich mit dem Zwerg BigBang, der sich dann »selbst entfaltet«. Woanders, wohl an Brockhaus angelehnt, heißt der Zwerg »ursprüngliche« oder »kosmo-logische Singularität«. Dieses gesichts- und bartlose Urstück pickte sich einen explosionsfähigen Tropfen Ursuppe aus einer geknetschten rostigen Coladose, die zufällig in seiner Reichweite lag, und damit ging alles los.

Sie können hinblicken, wohin Sie wollen: die berühmte Theorie vom Urknall ist binnen weniger Jahrzehnte so gut wie zur Tatsache geronnen. Die Theorie geht auf Georges Lemaitre zurück. Der Belgier hatte den »heißen Anfangszustand des Universums« 1931 »primordiales Atom« oder »Ur-atom« genannt, war er doch Theologe und Physiker zugleich. Man könnte diesen Anfangszustand genauso gut Naica-Loebell nennen. Mit welchem Grund? Die Gute setzt etwas voraus, das sich jeglicher Überprüf-barkeit entzieht, damit also unangreifbar wie Gott ist. Schon die Lässigkeit, mit der sie über 13,7 Milliarden Jahre verfügt, ist atemberaubend. Jochen Kirchhoff hat wiederholt den leichtfertigen Umgang der etablierten AstrophysikerInnen mit »monströsen Zeiträumen« angeprangert. Wenn etwa Einstein behaupte, die Merkur-bahn vollziehe in drei Millionen Jahren eine Umdrehung, halte er es offenbar für legitim, »den winzigen Beobachtungszeitraum, der uns zur Verfügung steht, ins Unabsehbare auszuweiten und den Jetzt-Zustand einfach in die Vergangenheit und in die Zukunft hinein zu extrapolieren.« Selbstverständlich habe das nichts mit Empirie zu tun; es sei pure Setzung.

Der Physiker und Autor Peter Ripota weist auf haarsträu-bende innere Widersprüche der Urknall-Theorie hin. Wenn aus dem Nichts in einem Augenblick etwas so Gewaltiges wie das gesamte Universum entstehen könne, widerspreche es allen Prinzipien und Gesetzen der Physik, ganz besonders dem Energieerhaltungssatz. Die Theorie der »kosmischen Inflation« – derzufolge das Weltall nach dem Urknall mit zunehmender Geschwindigkeit expan-dierte – entbehre nach den Formeln der Physik jeder Grundlage. »Keine Masse kann auch nur annähernd Lichtgeschwindigkeit erreichen, geschweige diese milliardenfach überschreiten.« Eine zunehmende Explosionsgeschwindigkeit mit wachsender Entfernung sei ohnehin absurd: woher nähmen die beteiligten Objekte die dazu erforderliche Energie? Bekanntlich verhalte es sich bei allen beobachtbaren Explosionen genau umgekehrt: die weggeschleuderten Teilchen werden langsamer.

Schließlich behauptet Ripota, in den Kugelsternhaufen um die Galaxien hätten sich inzwischen Sterne gefunden, die älter als unser angebliches Universum seien, nämlich zum Teil über 15 Milliarden Jahre alt. Aber hier beißt sich die »immanente« Kritik in den Schwanz. Jochen Kirchhoff hat überhaupt die Fahrlässigkeit beklagt, mit unseren Milchstraßenmaßstäben (von Zeit, Raum, Masse, Energie dergleichen) universell zu hantieren. In diesem Licht sollte man auch der beliebten Angabe mißtrauen, unser Sonnensystem – und wir mit ihm – bewege sich auf seiner 220 Millionen Jahre langen Umkreisung des Milch-straßenzentrums mit einer Geschwindigkeit von 240 Sekundenkilometern fort. Woran will man so etwas denn messen? Also gut, wir rasen in einer Sekunde von Berlin nach Hannover, während wir Käsebrot kauen oder über den Käse von anderen lästern. Doch wir merken nichts davon. Irgendetwas scheint die Welt zusammen zu halten, ohne uns mit dieser Anstrengung zu belästigen. Wir können sogar schlafen. Der Gegensatz zwischen Ruhe (Festigkeit) und Bewegung gehört zu den seltsamen, ja beunruhigenden Grundzügen unserer Existenz.

Setzte ich vor ungefähr 55 Jahren meinen Physiklehrer mit der Frage in Verlegenheit, was eigentlich vor dem Ur gewesen sei, griff ich natürlich zu kurz. Denn das ganze Koordinatensystem unsrer Weltauffassungsgabe hängt in der Luft – was zahlreiche hochstudierte Köpfe mal unverschämterweise, mal elegant zu übersehen pflegen. Vorher und nachher sind so willkürliche Kategorien wie unten und oben. Sein oder Nichtsein stellt lediglich für ein Staubkorn namens Hamlet die große Alternative dar. Es sind ja völlig andere »Existenzformen« denkbar, die sich unserem auf Raumzeitlichkeit und Kausalität** geeichtem Vorstellungsvermögen leider entziehen. Unser Problem ist unsere beschränkte Warte. Seit Gott abgewirtschaftet hat, steht uns kein verläßlicher Bezugspunkt außerhalb unsrer selbst zur Verfügung. Das könnte man im Zeichen des erwähnten Astroiden auch Selbstbefriedigung nennen, im Fachjargon Onanie.

Ähnlich halbherzig wie Ripota verfährt der Astrophysiker Hans-Jörg Fahr in seinem Buch Universum ohne Urknall, Heidelberg 1995. Er führt zahlreiche stichhaltige Einwände gegen die herrschende Urknall-, Rotverschiebungs- und Hintergrundstrahlungs-Kosmologie beziehungsweise -Theologie an und stellt sogar deren Universal-Meßlatten wie etwa »die Zeit« in Frage, doch er scheut einen konsequenten Abschied. Nähme er seine Kritik ernst, müßte er ja beispielsweise vorschlagen, mindestens neun Zehntel der gängigen abenteuerlichen »Forschung« auf kosmologischem Gebiet sofort einzustellen. Schließlich werden hier für buchstäblich nichts seit Jahrzehnten Gehälter und Geräte im Werte von sicherlich etlichen Milliarden Dollar verpulvert, mit denen man locker Afrika, Lateinamerika, Mexiko und die USA zusammengenommen vom Elend befreien könnte. Fahr findet jedoch, es müßten weiterhin Universen »konzipiert« werden, und seien es alternative, beispielsweise anfangslose, dynamisch-vitalistische. »Die Schöpfung muß unerschöpflich bleiben«, betet der Bonner Professor (auf S. 149), ganz wie der Topf mit dem Forschungsgeld. Nebenbei hat es für die Entlohnung eines Lektors seines Werkes nicht mehr gereicht. Es wimmelt von Druckfehlern, Füll- und Fremd-worten und der Konjunktion daß wie ein bereits stark expandiertes Weltall, hat aber nur 150 Seiten.

Ich führe im Anhang ergänzend ein Porträt an, das ich vor rund 10 Jahren von dem Biochemiker und Essayisten Erwin Chargaff verfaßte: »Im spitzem Winkel zur Welt«, A-41. Für den neuen Zweck ist es stark gekürzt. Es unterstreicht das Problem unserer Befangenheit und prangert insbesondere die massiven postmodernen Bemühungen an, unserer Gene und deren »Erbinforma-tionen« sowohl zu »entschlüsseln« wie zu manipulieren.

* in der Prager »Naturwissenschaftlichen Zeitschrift« Lotos 11–1907: https://www.zobodat.at/pdf/Lotos_55_0177-0179.pdf
** Kein Geschehen ohne Ursache; gleiche Ursachen gleiche Wirkungen




Ortega, José Gómez 25 (1895–1920), spanischer Matador, stirbt im Dienst. Dem einträglichem Geschäft seiner Zunft, voran der Züchter und VeranstalterInnen, werden in Spanien, trotz mancher Widerstände, noch in jüngster Zeit mindestens 10.000 Stiere pro Jahr geopfert. Möglicherweise tritt hier neuerdings das Corona-Virus als Lebensretter auf. Über die Todesrate der zweibeinigen Gegenseite finde ich keine Angaben. Sie dürfte aber vergleichsweise verschwindend gering sein – das gehört ja gerade zum Witz dieses befremdlichen »Spiels« unter Ungleichen. Zum einen wird jeder Stier vor der Veranstaltung und vor deren Höhepunkt systematisch geschwächt; zum anderen hat er keine Ahnung, um was es in dieser Arena eigentlich geht. Dazu unten mehr. Somit stellt Ortegas Ende in eben dieser Arena gewissermaßen eine rühmliche Ausnahme dar. Der Sohn eines Matadors und einer Tänzerin legte seinen ersten Stierkampf 1908 in Jerez de la Frontera, Andalusien, bereits als 12jähriger vor. Im September 1912, mit 17, wurde auch er zum Matador ernannt, womit er der bis dahin jüngste oberste »Töter« oder »Schlächter« von Stieren war, so die Übersetzung seiner Berufsbezeichnung. Nun war sein Ruhm nicht mehr aufzuhalten, vorläufig auch von keinem Stier.

Als ihn der bekannte Macho Ernest Hemingway 1932 in seinem Essay Tod am Nachmittag zum »besten Stierkämpfer aller Zeiten« erklärte, war »Joselito«, so sein Kosename, freilich doch schon unter die Erde gekommen, auf der ja beide, der Mann mit dem rotem Tuch und der Mann mit dem Repetiergewehr und der Schreibmaschine, schon so viel Staub aufgewirbelt hatten. Am 16. Mai 1920 wurde Ortega, inzwischen 25, bei einer Corrida in Talavera de la Reina, Toledo, vom Horn des Stieres »Bailador« erwischt – und zwar »so unglücklich«, wie die deutschsprachige Wikipedia unübertrefflich formuliert, daß er kurz darauf an den Folgen seiner schweren Bauchverletzung starb. Nach dieser Sichtweise fiel der junge Spanier dummem Zufall oder höherer Gewalt zum Opfer – und nicht etwa seiner dummen Berufswahl.

Henry Higgins (1944–78), Sohn kolumbianisch-englischer Eltern, überbot Ortega insofern, als er ein Hans Dampf in allen künstlerischen und sportlichen Gassen war. In diesem Rahmen brachte er es als erster Brite zum Titel Matador. Daran hatte übrigens auch Beatles-Manager Brian Epstein (1934–67) seinen Anteil, der noch etwas jünger als Higgins starb. Epstein hatte spitzgekriegt, daß sich Henry, zeitweilig Kunststudent in London, nach der Spanischen Gitarre für den Stierkampf erwärmt hatte und schoß ihm zur Förderung seiner Ausbildung oder Karriere Geld vor, denn Epstein liebte den Stierkampf selber. Möglicherweise liebte er auch Higgins selber, worüber Geoffrey Ellis allerdings nichts verlauten läßt.* Jedenfalls war Epstein den Drogen verfallen und verdankte denen auch sein unfall- oder selbstmordartiges Ende mit knapp 33 Jahren.

Just in Epsteins Todesjahr 1967 bestand Schützling Higgins in Santa Cruz auf Teneriffa seinen ersten professionellen »bullfighter«-Auftritt. Vier Jahre später zog er sich freilich, inzwischen unter dem Künstlernamen »Enrique Cañadas« ein durch Ausländer-Bonus durchaus erfolgreicher und beliebter »Schlächter«, wegen einer schweren Kampfverletzung schon wieder aus der Arena zurück. In der Großstadt Benidorm, Alicante, hatte ihn am 21. September 1971 ein Stier aus dem Stalle Sánchez Fabrés' erwischt, falls ich hier keine Namen verwechselt habe. Man glaube aber nicht, Higgins habe nun Postkarten vom Stierkampf gemalt oder in einer Rentnerband Flamenco gespielt. Er widmete sich vielmehr, neben den üblichen Geschäften, dem neuartigem Gleitflug. Bei der Ausübung dieses Sportes stürzte der 33jährige im Sommer 1978 unweit des südspanischen Küstenstädtchens Mojácar, wo er wohnte, tödlich ab. Dem US-Blatt Toledo Blade aus Ohio zufolge (15. August) war sein Absprunghügel 200 Fuß hoch gewesen, also keine 61 Meter. Allerdings war er nicht ins Mittelmeer, vielmehr auf hartes, vielleicht sogar felsiges Land, wenn nicht gar auf einen Bootssteg aus Norwegian Wood gefallen. Ursprünglicher Arbeitstitel des bekannten Beatles-Songs von 1965: This Bird Has Flown, auf deutsch »Diese Chance ist vertan«. Higgins jedoch hatte seine nächste Chance auf einen frühen Tod zu nutzen verstanden.

Als José Cubero Sánchez (1964–85) zum Matador befördert wurde, nämlich am 30. Juni 1981 in der Stierkampfarena von Burgos, Nordspanien, war er 17 Jahre jung. Viel älter wurde er auch nicht. Am 30. August 1985 strauchelte er in der Arena von Colmenar Viejo (bei Madrid), nachdem er dem Stier »Burlero« bereits einen schulbuchreifen Todesstoß versetzt hatte. Der verärgerte Stier setzte ihm nach und rammte seinem auf dem Bauch oder auf der Seite liegenden Bezwinger ein Horn unters Schulterblatt, das diesem bis ins Herz fuhr. »El Yiyo«, so der Kosename des 21jährigen Matadors, hatte noch Zeit einem Kollegen zuzumurmeln: »Pali, er hat mich getötet«, wie anderntags El País zu entnehmen war. Dann hatte er sein Leben auch schon ausgehaucht.

Recht ähnlich kam am 9. Juli 2016 der 29jährige Matador Victor Barrio in Teruel, Aragonien, dienstlich um: Stier »Lorenzo« durchbohrte seine Brust. Barrios Gattin Raquel Sanz und das Fernsehen waren dabei. Die Gattin soll einen Schock erlitten haben, während die Fernsehbosse wohl eher frohlockten.

Um auf meine Eröffnung zurück zu kommen: So manche Leute, die keineswegs Stroh im Kopf haben, empfinden die Rollenverteilung in diesen blutigen Schauspielen als gerecht. F. G. Jünger etwa behauptet kühn**, zwischen Stier und Matador herrsche Gleichheit. Strenge Spielregeln hielten Riesenstärke und Zwergenscharfsinn in der Waage. Auch sei ja dieses bewegende Schauspiel ohne den Stier gar nicht denkbar. Am Ende, Degen im Schlund, werde er sogar eins mit dem siegreichem Matador … Wäre aber vielleicht eine Welt ohne Matadoren denkbar? Dergleichen Fragen umgeht Jünger so elegant und vollständig wie die Qualen des Stiers. Selbst die Sozialistin Simone de Beauvoir bricht in Der Lauf der Dinge eine Lanze für den Stierkampf. Sie hat die Stirn zu betonen, allerdings dürfe kein Mensch zu diesem waghalsigem Kräftemessen gezwungen werden – etwa aus materieller Not oder angestacheltem Ehrgefühl. Demnach begibt sich auch der Stier aus freien Stücken in die Arena. Er kann es kaum erwarten – wie Jünger schreibt – des Kampfes »ruhender Pol« zu werden.

Der zeitweilige Spanienberichterstatter Ilja Ehrenburg bringt die Sache (in seinen Memoiren) auf den Punkt. »Der Stierkampf war mir stets zuwider. Wie oft habe ich darüber mit Hemingway gestritten! Die aufgeschlitzten Bäuche alter, ausgedienter Pferde, die Pfeile im Nacken kopfscheu gewordener Stiere, das Blut auf dem Sand der Arena – all diesen Dingen konnte ich überhaupt nichts abgewinnen. Ich fand sie schlichtweg abscheulich. Am allerabscheulichsten jedoch fand ich den Betrug: Der Stier kennt die Spielregeln ja gar nicht. Er läuft direkt auf den Feind zu, während dieser rechtzeitig um ein weniges zur Seite weicht.«

Und so geht es in beinahe jeder Frage. Die einen nennen den Menschen die Krone der Schöpfung, die anderen die Verkörperung der Hinterhältigkeit.

* Ein Leben im Popmanagement, London 2004, deutsche Ausgabe Hamburg 2005, S. 85
** Die Spiele, Frankfurt/Main 1953, S. 178–85




Orten, Jiří 22 (1919–41), tschechischer jüdischer Lyriker. Die einen sprechen von einer Tragödie, die anderen – das sind die wenigsten – von einer Groteske. 1936 war der Kaufmannsohn nach Prag gegangen, um Schauspiel-schulen zu besuchen, wurde jedoch, seiner »Abstammung« wegen, zunehmend behindert und schikaniert. Prag war seit 1939 deutsch besetzt. Während sich Orten mit Gele-genheitsarbeiten durchschlägt, veröffentlicht er pseudo-nym mehrere Gedichtbände, angefangen mit Čítanka jaro (Lesebuch Frühling) von 1939. Unter Eingeweihten galt er als lyrisches Genie. Was seine Freundin oder Geliebte davon hielt, die Schauspielschülerin Věra Fingerová, erfahren wir nicht; sie scheint ihn verlassen zu haben. Orten neigte ohnehin zu Düsternis, Selbstmitleid und »Todessehnsucht«, wie mehrere Quellen versichern, und dann dies. Dazu beutelte ihn selbstverständlich das zeittypische Schicksal des Aussätzigen. Am Abend des 30. August 1941 will er mit seinen Freunden – er hat also noch welche – seinen 22. Geburtstag feiern, behauptet jedenfalls Annette Kraus.* Auch von daher wird die Diagnose »Selbstmord« eher unwahrscheinlich. Obwohl er unmittelbar am Ufer der Moldau wohnt. Irgendwann am Tage überquert Orten eilig die Straße, weil er, gleichfalls mehreren Quellen zufolge, an einem Kiosk am Rašín-Kai Zigaretten holen will. Da kommt ein Sanitätsauto der Wehrmacht angerast – viel zu schnell, meint Kraus. Es erfaßt den jungen Dichter und schleift ihn noch eine Strecke mit. »Im nächstgelegenen Krankenhaus wird er abgewiesen, weil er Jude ist. Ohne wieder zu Bewusstsein zu kommen, stirbt Orten zwei Tage später im Kateřinky-Spital.«

Nehmen wir einmal an, Orten war bereits seit dem Unfall lückenlos bewußtlos. Dann fragt sich, woher die Geschichte mit den Zigaretten stammt. Vielleicht war ein Freund bereits vorzeitig bei ihm in der Wohnung eingetroffen? Oder eine Hausbewohnerin, die ihn gut kannte, hat seinen Einkaufweg beobachtet oder gar ein paar Worte mit ihm gewechselt?

Sie werden vielleicht knurren, das sei doch nebensächlich. Aber gerade mit solchen schmückenden Details werden haltbare Legenden gestrickt. Dafür kommt keiner auf die Idee, sich zu fragen, ob vielleicht noch ein zweiter, womöglich gar junger Mensch gestorben ist. Der todkrank im Sanitätsauto lag oder zu Hause auf dasselbe wartete.

Von der Polizei der faschistisch besetzten Stadt Prag darf man sich wohl keine Aufklärung erwarten. Vermutlich hat sie dem Krankenwagenfahrer eine Stunde nach dem Unfall seine Schilderung abgenommen und darauf verzichtet, sie an Ort und Stelle zu überprüfen. Auf diese billige Art und Weise war man wieder einen Juden mehr los. Die Situation des Verfolgtseins begünstigt Legendenbildung ungemein. Dann die Jugend des Getöteten, und seine Mission als »Dichter« darf man auch nicht vergessen.

Ein paar Verse, die Kraus zitiert, sind sicherlich notwendig aus dem Zusammenhang gerissen, vom Übersetzungs-problem zu schweigen. Trotzdem glaube ich, hier war wieder einmal ein Rauner am Werk, ein Ungenauer also. Diese Leute flüstern jedem das zu, dessen er – der Hörer – gerade bedarf. »Ein Licht, so fern. Und Angst. Und Böses bringt sie. Und es naht heran.«

Ein ganzes Gedicht, Bei dir ist es schön warm, bestärkt mich in meiner Befürchtung, obwohl es in der Überset-zung, auf dieser Webseite eines Prager Verlages, verdächtig sauber gereimt ist.** Schon eingangs bleibt der Bezug unklar: wo läge der Dichter gern? Was reut ihn denn eigentlich? Nur die letzten vier Verse sprechen deutlich von jener »Todessehnsucht« – die es vor Orten schon millionenmal gegeben hat. »Oh, tot sein, Vater, fort, mit keinem mehr verbunden, / nicht denken und nicht fühlen, das Gestampf hört auf. / Tot sein, allein, sich selbst genug, verschwunden, / für immer zubereitet sein, beendet haben seinen Lauf.«

* »Jung, talentiert und voller Todessehnsucht«, Deutschlandfunk,
30. August 2019: https://www.deutschlandfunk.de/der-dichter-jiri-orten-jung-talentiert-und-voller.871.de.html?dram:article_id=457591
** »Jiří Orten – Dichter in Kriegszeiten«, Vitalis, 2017: https://www.vitalis-verlag.com/themen/kafkas-welt/orten-jiri-dichter-in-kriegszeiten/




O'Shaughnessy, Eileen 39 (1905–45), Britin im Schatten. Als die Tochter eines hohen Zollbeamten 1935 in London einen Schriftsteller trifft, der sich nach einem englischem Fluß Orwell nennt, hat sie bereits mehrere Berufe hinter sich. Fotos zeigen eine schlanke, dunkel-haarige Frau mit hübschem, etwas breitem Gesicht. Eileen wird als gebildet, witzig, hilfsbereit, nicht schüchtern, aber unaufdringlich und auch ihrerseits wenig zugänglich geschildert. Zuletzt betrieb sie ein Schreibbüro, bevor sie ein Psychologie-Studium aufnahm, beides in London. Ihr großer Bruder Laurence ist Mediziner und bereits eine Kapazität auf dem Gebiet der Herz- und Lungenkrank-heiten. Eileen hatte ihm zeitweise als Sekretärin gedient. Wie Orwells Biograf Michael Shelden (1991) versichert, standen die Geschwister einander sehr nahe. Eileen habe Laurence »unendlich bewundert« – warum, schreibt Shelden nicht. Ein Grund war wohl die »brillante« Karriere des Bruders. Vielleicht waren auch inzestiöse Neigungen im Spiel? In einem der erhaltenen Briefe Eileens stößt man auf die reichlich unvermittelte Kennzeichnung, ihr ehrgeiziger Bruder sei »von Natur aus Faschist« (one of nature's Fascists). Das mußte sich freilich, falls es zutrifft, arg mit Orwells sozialistischen oder gar anarchistischen Positionen beißen. Doch die Blutsbande waren stark. Wenn sie ihren Bruder Laurence vom entgegengesetztem Ende der Welt bäte, sofort zu ihr zu kommen, täte er es – Orwell dagegen nicht. Orwell stelle sein Schaffen über alles.

Wie sich versteht, traf sie diese Feststellung noch nicht im Überschwang ihrer anfänglichen Verliebtheit. Damals arbeitet George Orwell halbtags in einem Buchladen und hat Anfangserfolge als Schriftsteller. Schon im Sommer 1936 mietet das Paar ein primitives Häuschen (mit Außenklo) in Wallington, 60 km nördlich von London, wo sich der lang aufgeschossene, hagere Orwell nun als Dorfkrämer versucht; daneben schreibt er an The Road to Wigan Pier. Wegen der Entfernung brach Eileen ihr Studium kurz vorm Examen ab, zumal ihr Orwell inzwischen einen Heiratsantrag gemacht hatte. Sie folgt hier ihrer romantischen Neigung. Sie betreut den Laden mit, hilft im Garten, kümmert sich um Dorfkinder. Doch es muß alles andere als eine Idylle gewesen sein, wie Briefen Eileens an eine Freundin zu entnehmen ist, die erst 2005 gefunden und von DJ Taylor im Guardian vorgestellt worden sind.* Die beiden stritten sich unablässig, »Mord oder Trennung« lagen in der Luft. Auch Eileens Botschaften aus Spanien verraten ihren häufigen Ärger über Orwell und ihre Angst um seine Gesundheit. Frisch verheiratet, hatte Orwell bereits Ende 1936 dem Mahnruf des republikanischen Spaniens gehorcht. Eileen folgt ihm im Frühjahr, nachdem sie als POUM-Sekretärin für Barcelona engagiert worden ist. Sie besucht ihn an der Front. Im Sommer kommt umgekehrt Orwell nach Barcelona und nimmt an den berüchtigten dortigen »Bruderkämpfen« zwischen Kommunisten und Anar-chisten teil. Kaum an die Front zurückgekehrt, inzwischen als Leutnant, wird Orwell verwundet (Halsdurchschuß). Wegen der Verfolgungen, denen die angeblich »trotzkistische« POUM ausgesetzt ist, entschließen sich die beiden zum Rückzug aus Spanien.

Während Orwell die Festigung seiner Abscheu vor einem autoritärem Sozialismus und eine endgültig zerrüttete Gesundheit mitnimmt, zehrt Eileen von der rätselhaften Beziehung zu Orwells ehemaligem Kommandeur Georges Kopp, inzwischen Häftling der (kommunistisch beherrschten) Republik. Er hatte ihr heftig den Hof gemacht. Vielleicht bot ihr Kopp Verehrung und Zärtlichkeit, die sie bei dem ihr angetrauten Schriftsteller, der vorzeiten, im kolonialen Burma, eine Art Bezirkssheriff gewesen war, vermissen mußte. Zwar erklärt sie der Freundin, nicht in Kopp verliebt zu sein, gesteht dies aber nicht diesem selber, weil sie sein Gefängnislos nicht noch verschlimmern will. Angesichts der engen Freundschaft der »Rivalen« hat sie starke Schuldgefühle.

Noch im selbem Sommer 1937 treffen die Orwells wieder in ihrem Häuschen ein. Sie lassen den Laden geschlossen, schaffen dafür Tiere an: Hund, Hühner, Enten, Ziegen. Im Folgejahr hat Orwell, der schon früher eine Lungenentzün-dung durchzumachen hatte, seinen ersten Sanatoriums-aufenthalt, wobei ihn Eileens Bruder Laurence betreut. Dieser kann keine Tuberkulose feststellen – sagt er jedenfalls seinem Patienten. Inzwischen ist Orwells Spanienbuch Homage to Catalonia erschienen. Im Winter 1938/39, einer ärztlichen Empfehlung folgend, halten sich die Orwells in Marrakesch, Marokko, auf. Doch neben Orwells Gesundheitszustand scheint sich auch die Beziehung zu Eileen nicht zu bessern. Orwells Hauptaugenmerk gilt nun dem Romanmanuskript Coming Up for Air. Eileen bewirbt sich bei Kriegsausbruch mit Erfolg bei der Zensurbehörde in London. Orwell hält zunächst an seinem Landleben fest. Eileen wohnt im Hause ihres Bruders und besucht Orwell hin und wieder. Erst im Sommer 1940 nehmen sie sich in London eine gemeinsame Wohnung. Orwell schreibt jetzt vor allem Essays und Kritiken für Zeitschriften, erfüllt patriotische Propaganda-Pflichten beim Rundfunk (der BBC) und tritt außerdem der Heimwehr bei. Die deutschen Luftangriffe beginnen. Eileens Bruder Laurence, inzwischen Sanitäts-major und knapp 40 Jahre alt, fällt bei Dünkirchen, was sie bis an den Rand eines Nervenzusammenbruchs und in tiefe Depressionen führt, die mindestens anderthalb Jahre anhalten. 1941 stirbt zudem ihre Mutter. Freunde haben den Eindruck, Eileen wirke nicht nur müde, erschöpft, grau, vernachlässigt, sondern habe sich offenbar völlig in sich verkrochen. Ihrem Mann fehlte der rechte Zugang zu diesem Leid; die Auseinandersetzung mit Gefühls-zuständen lag Orwell ohnehin nicht.

Shelden schreibt, nach dem Tod ihres Bruders sei Eileen »nie wieder dieselbe« gewesen, aber allmählich kehrten doch ihre Lebensgeister zurück. Um 1942 betreute sie im Rundfunk eine Sendung über (Kriegs-)Ernährung – sie stand jetzt an der Kitchen Front, so der Obertitel dieser Reihe. Das befriedigte sie. Weniger begeistert war sie allerdings davon, auch noch den eigenen Haushalt verrichten zu müssen. Zudem ließ sie sich von Orwell überreden, ein Kind zu adoptieren. Ihr Gatte war nämlich steril oder glaubte es zumindest. An ihr habe es jedenfalls nicht gelegen, versicherte sie Freunden laut Shelden, wenn es nie zu einer Schwangerschaft gekommen sei. Orwell wollte einen Jungen. Eileen gewann den nun adoptierten Richard tatsächlich lieb, und auch die Ehe erhielt Auftrieb. Daneben nahm sie starken Anteil an Orwells neuer Prosaarbeit Animal Farm, die ihn zum »Bestsellerautor« machen würde. Er hatte das Manuskript im Juni 1944 nach einem Luftangriff aus den Trümmern ihrer Wohnung gerettet – sie zogen um. Leider, so später auch Orwell, erlebte Eileen diesen Erfolg nicht mehr mit.

Anfang 1945 ging Orwell trotz schwacher Gesundheit für den Observer und die Manchester Evening News als Kriegsberichterstatter nach Frankreich. Er wollte die letzten Tage des Hitler-Regimes miterleben. Eileen zog mit dem kleinem Richard ins Haus ihrer Schwägerin Gwen. Mit Orwell wechselte sie Briefe. Auch mit Kopp, der inzwischen auf dem Festland als Agent abenteuerte, stand sie noch in Verbindung. Er heiratete Gwens Schwester Doreen, was Eileen vermutlich nicht ohne jede Eifersucht zur Kenntnis nahm. Doch in diesem Frühjahr wurde unvermutet Eileens eigene Gesundheit bedroht: man stellte Uterus-Geschwüre fest. Orwell kabelte seine Zustimmung zur Operation. Eileen schrieb ihm noch wenige Minuten vor der Operation mit Humor. Doch dann erlitt die 39jährige unter der Narkose einen Herzanfall und starb.

Orwell war entsetzt und flog sofort nach London, wo er freilich nur noch die Beerdigung besorgen konnte. Söhnchen Richard brachte er einstweilen bei Doreen unter. Wie es aussieht, blieben den Ärzten Vorwürfe erspart. Der Totenschein habe »klar und eindeutig« von »Herzversagen während korrekt verabreichter Narkose« gesprochen, teilt Shelden erstaunlich gutgläubig mit.** Bald darauf gestand Orwell einer neuen Bekannten, seine Ehe sei sicherlich oft schwierig gewesen, beide hätten einander unrecht getan, er sei Eileen auch »manchmal untreu« gewesen, aber sie hätten doch immer zueinander gehalten. Das dürfte zutreffen, zumal Orwell allgemein als verläßlich geschildert wird. Allerdings legen die Quellen den Eindruck nahe, Eileen habe »Seitensprünge« des Partners als ungleich bedrohlicher empfunden als umgekehrt ihr Ehemann. Und die Beziehung zu ihrem Bruder Laurence, die doch eine erhebliche Rolle gespielt zu haben scheint, liegt nach wie vor im Dunkeln.

Eines ist völlig klar. Als fragwürdiges Entgelt für die Mühen und Entbehrungen, die Eileen O'Shaughnessy mit dem werdenden Schriftsteller Orwell hatte, konnte sie noch nicht einmal das Lob miteinstreichen, das erst nach dem Erscheinen von Animal Farm und 1984 auf ihn gehäuft wurde. Das blieb Orwells zweiter Ehefrau Sonia Brownell vorbehalten. Ein geringer Trost: Auch George Orwell wurde nicht eben alt. Er starb 1950 mit 46.

* »Another piece of the puzzle«, 10. Dezember 2005: https://www.theguardian.com/books/2005/dec/10/georgeorwell.classics
** George Orwell. Eine Biographie, hier deutsche Ausgabe Zürich 2000, S. 522




Osuna, Rafael 30 (1938–69), mexikanischer Tennisstar. Hier begegnet uns wieder einmal eine Boeing, und diese traf am 4. Juni 1969 den Cerro del Fraile. Das ist ein Gipfel der langgestreckten Bergkette Sierra Madre Oriental, die die Großstadt Monterrey (Nuevo León) gleichsam gegen die Metropole Mexiko City abschirmt. Monterrey war der Zielort der 79 Personen an Bord gewesen. Durch den Zusammenprall kam aber keine von ihnen dort an. Die ErmittlerInnen sprachen von einem Pilotenfehler. Narrt mich der Roboter nicht, heißt Fraile Mönch oder Bruder. Den trifft man doch immer gern.



Otto, Hans 33 (1900–33). Der frühere Mitschüler Erich Kästners, in Dresden, wurde Theaterschauspieler und 1924 außerdem Mitglied der KPD. Er gefiel besonders in Rollen jugendlicher Helden und Liebhaber. Ende Januar 1933 stand er am Berliner Staatstheater bei der Premiere von Faust II noch an der Seite von Gustaf Gründgens und Werner Kauß. Im Februar 1933 hatte der »künstlerisch überragende Schauspieler« (Ulrich Liebe, NDB 19–1999) die Kündigung im Briefkasten. Statt nach Wien zu gehen, wie von Max Reinhardt empfohlen, tauchte er bald darauf zwecks Widerstandsarbeit unter, doch schon im November des Jahres ging er der Berliner SA in die Fänge. Wahr-scheinlich stieß man den 33jährigen, nach einigen Folterungen, im 3. Stock der SA-Kaserne in der Voßstraße aus dem Fenster. Er starb erst im Krankenhaus, was vermutlich den Recherchen seines Mithäftlings Werner Hinze zugute kam, der nach dem Krieg von Ottos Ende berichtet haben soll. Die Behörden hatten den Vorfall selbstverständlich als Selbstmord vermeldet. Das 1952 in Potsdam eröffnete Hans Otto Theater überdauerte die »Wende«; 2006 bekam es sogar einen Neubau am Tiefen See.

Mit der Frage, ob eine salonfähige Schauspielkunst zur Steigerung menschlicher Glückseligkeit unerläßlich sei, wird man sich ja hoffentlich nicht Ottos Zorn zuziehen. Aber den meiner süddeutschen Freundin L. . Sie rennt mindestens zweimal wöchentlich ins Theater. Hat sie im Sommer öfter schlechte Laune, sind die Theaterferien schuld. Ihre Schaulust mag verständlich sein, denn in ihrer Wohnung hat sie den Wolkenkratzer einer Bank vor der Nase, während sie sich das Fernsehen als Reminiszenz an Adorno-Vorlesungen nicht gestatten kann. Ohnehin eigne Bühnen eine ganz andere Präsenz, behauptet sie. Wenn sie dürfte, würde sie ihre Wohnung sofort mit einem Zelt im Orchestergraben vertauschen. In ihrer Besessenheit ähnelt sie dem jungem Carl Zuckmayer im Schützengraben des Ersten Weltkrieges. Jede feuerfreie Minute nutzt er zum Verschlingen von Romanen der Weltliteratur – später bekennt er jedoch, am liebsten hätte er sie alle gleich dramatisiert.

Merkwürdigerweise ergeht es mir genau umgekehrt. Habe ich mich gelegentlich durch Dramen zu quälen, drängt es mich jedesmal zu deren Episierung. In Konkurrenz zum Gendarm Adam wirbt der vom Volk verehrte gute Räuber Schinderhannes (1927) um die Bänkelsängerin Julchen Blasius. Er gewinnt sie. Leider rückt ihm zunehmend auch das Militär auf die Pelle. Jetzt hat er die Nase voll und gedenkt im Hunsrück groß und gewaltsam aufzuräumen, doch Julchen ist dagegen und verläßt ihn. Die Bande des Schinderhannes wird geschlagen. Auf der Flucht kommt es zwar zur Wiedervereinigung mit der Bänkelsängerin, die inzwischen ein Kind gebar, doch auch zum Verrat. Dem gestelltem und zum Tode verurteiltem Volkshelden wird im Mainzer Gefangenenturm eine letzte Liebesnacht mit Julchen gewährt. Im Vertrauen, der Sprößling wird's schon richten, klettert er erhobenen Hauptes zum Scharfrichter aufs Podium. Die Hinrichtung ist das übliche Spectaculum. In dieser Hinsicht erlaube ich mir ein Detail, das meine Episierung ungebührlich verlängern wird. Während die Massen zum Podium strömen, gibt es Streit in einer schaulustigen Kleinbürgerfamilie. Mann und Frau werfen sich gegenseitig vor, sie hätten »die Butterbröter« zu Hause vergessen. Der Mann ist wütend, weil er der Hinrichtung nun ohne Butterbrotverzehr beiwohnen muß. Ähnliche Dramen dürften sich abspielen, wenn bei den Fernsehberichten von den Kriegsschauplätzen Bier und Pizza fehlen.

Man stelle sich vor: um uns die eben von mir gegebene 15-Zeilen-Geschichte mitzuteilen, mußte Zuckmayer einen ganzen Theaterabend verpulvern! Die Leute durch Handlungsarmut darben lassen und auch noch totreden – wahrlich ein starkes Stück. Sind uns beim Lesen jener 15 Zeilen alle in der Realität unvermeidlichen Anbahnungen nicht sowieso sonnenklar? Eben, weil wir sie als Muster, nicht als aufgewirbelten Staub, längst in uns tragen? Und weil uns an Nüssen der Kern ungleich mehr interessiert als die beträchtlich größere Oberfläche der Schale? Noch kürzer auf den Punkt gebracht: Theater ist 1. Umstands-krämerei, 2. Flüchtigkeit, 3. Anbiederung, nämlich an das Reale oder Leibhaftige.

Literatur ist etwas anderes. Sie hat geschriebener dichter Text zu sein und gefälligst auch zu bleiben. Durch Drama-tisierung, Verfilmung, Vertonung kann sie nur eingeengt, ja geschändet werden. Warum einen Bühnenplunder servieren, der uns ohnehin Tag und Nacht in Schlafzim-mern, Straßenbahnen, Büros, Parlamenten oder anarchi-stischen Kommunen zugemutet wird?

Literatur ist Ernst Kreuders Schwebender Weg. Sie ist jenes Theater, mit dem Richard Wagner selbstverständlich nur kokettierte, als er seufzte, nach dem unsichtbarem Orchester (verborgen im »Orchestergraben«) gedenke er nun das unsichtbare Theater zu erfinden.



Otto von Hessen-Kassel 22 (1594–1617). Zwar wird der älteste Sohn des Kasseler Landgrafen Moritz bereits als 12jähriger Knabe »Administrator« der Hersfelder Abtei, aber es eilt auch, da er nicht alt werden sollte. Nebenher studiert er in Marburg, besucht Den Haag, London, Paris. 1613, als 19jähriger, geht er seine erste Ehe ein: mit Katharina Ursula, Tochter eines badischen Markgrafen, die freilich zwei Jahre später, mit 21 oder 22, schon wieder stirbt. In dieser Zeit zeugt der Erbprinz ein Kind, das totgeboren wird, und ein uneheliches Kind. Der Landgraf bezieht ihn zunehmend in die Regierungsgeschäfte ein. 1617 nimmt sich Otto Agnes Magdalene, Prinzessin von Anhalt-Dessau, als nächste Ehefrau. Viel hat er nicht mehr von der.

Wenige Wochen nach der prunkvollen Hochzeit wird der 22jährige in seiner Abtei von Röteln befallen und durch heftiges Fieber aufs Krankenlager geworfen. Zu allem Unglück belästigt ihn an einem womöglich heißem Augusttag vom Hof her ein anhaltend bellender Hund. Um ihn zum Schweigen zu bringen, greift Otto trotz seiner Schwäche zur Flinte. Doch der geplante Schuß auf die Töle löst sich beim Hantieren vorzeitig und zerreißt Otto selber die linke Brust, sodaß ihn die herbeieilenden Diener in seinem Blute liegend finden.* Noch am selbem Tag verlöscht der Erbprinz.

Das dritte Opfer dieser im großen und ganzen kostspie-ligen Adelsposse ist Agnes Magdalene, die ihren Witwen-sitz, das Schloß im nahen Eschwege, auch nicht lange genießen kann, da sie keine 10 Jahre später, warum auch immer, gleichfalls jung stirbt: 1626 mit 36.

* Christian Röth: Geschichte von Hessen, Kassel 1856, S. 256



Otway, Thomas 33 (1652–85), britischer Dramatiker. Wahrscheinlich war er keineswegs in bester Verfassung, vielmehr bettelarm und hungrig, als er im April 1685 mit einem eben ergattertem Geldstück zum nächsten Londoner Bäcker eilte, um sich ein noch warmes Brot zu kaufen und sogleich seine vermutlich verfärbten Zähne in dasselbe zu schlagen. Schon beim ersten Bissen habe sich der 33jährige tödlich verschluckt.* Mit einigen Lust- oder Trauerspielen hatte Otway durchaus Erfolg gehabt; sie wurden viel gespielt. Vielleicht hielten seine Einnahmen nicht mit den steigenden Mieten Schritt. Als Pechvogel hatte er sich schon früher erwiesen, als er sich, frisch in London eingetroffen, selber als Schauspieler versuchte. Bei seinem erstem Auftritt wurde er (1672) derart von Lampenfieber geschüttelt, daß er die Sache gleich wieder aufgab.

* Encyclopædia Britannica, Volume 20, 1911: https://en.wikisource.org/wiki/1911_Encyclop%C3%A6dia_Britannica/Otway,_Thomas



Paasche, Hans 39 (1881–1920). Der Berliner Großbür-gersohn wandelt sich, teils in Afrika, vom Marineoffizier zum zähem und einfallsreichem Gegner des Kolonialismus und des Krieges. Viel Beachtung erzielt er mit einem Buch, in dem er Briefe eines das Kaiserreich Germanien bereisenden jungen Afrikaners namens Lukanga Mukara vortäuscht. So wundert sich der schwarzhäutige Bursche beispielsweise über die vielen Eisenbalkenwege in Deutschland, auf denen in einem fort Wagen hin und her führen. Man baue die Wagen, um Kohlen zu holen, und hole Kohlen, um die Wagen zu bauen. Das nennten die Wasungu, die einheimischen Weißhäute also, »Fort-schritt« und »Kultur«. Paasche zählte zu den Wortführern der damaligen »Lebensreformbewegung«, und 1918 auch kurzzeitig zu den Berliner revolutionären Arbeiter- und Soldatenräten. Bei dem Trauerzug für Liebknecht und Luxemburg sitzt er auf dem erstem Wagen. Zwei Jahre darauf kommt er selber dran. Er hat sich enttäuscht auf sein kleines Gut in Posen zurückgezogen, wo er sich offenbar in kooperativer und ökologischer Landwirtschaft versucht, aber auch nach wie vor pazifistische Flug-schriften oder Postkarten verfaßt. Im Frühsommer 1920 steht er vor der sicheren Wahl in den Gemeinderat. Da kommt ein Trupp Reichswehrsoldaten zu Besuch, weil Paasche auf seinem Grundstück angeblich Waffen gehortet hat – die üblichen Hirngespinste. Der Dorfpolizist geht zum Teich, wo Paasche mit seinen kleinen Kindern badet: man wünsche den Gutsherrn zu sprechen. »Als Paasche auf dem Weg zum Haus die Soldaten sieht, will er umkehren und sich in den nahe gelegenen Wald retten. Man läßt ihm keine Chance. Zwei Schüsse treffen ihn tödlich«, schreibt Helmut Donat 2010.* Zu den Begleitern des Trupps gehörten auch mehrere Kriminalbeamte – einen Haftbefehl hatten sie nicht. Keiner von diesen Besuchern wurde je zur Rechenschaft gezogen. Tucholsky schrieb ein Gedicht über den Mord.

Die Mutter der Kinder, Ellen Paasche, war 1918 mit 29 der sogenannten Spanischen Grippe erlegen, falls es die war. Um 1910 hatte sie Paasche bei Forschungsreisen in der Gegend der Nilquellen begleitet.

* »Hans Paasche, Offizier, Pazifist«, Ossietzky 12–2010: https://archiv.ossietzky.net/12-2010&textfile=1050



Pacholski, Henry 29 (1949–78), realsozialistischer U-Musiker. Im November 1978 waren die DDR-Rocker der Gruppe Lift mit ihrem Wartburg in Polen unterwegs – Unfall bei Kalisz. Man stieß in einer flott genommenen Linkskurve mit einem entgegen kommendem Lastwagen zusammen. Neben Pacholski ließ Gerhard Zachar (33) sein Leben. Keyborder Michael Heubach wurde schwer verletzt. Man habe das Ereignis einige Monate später im Titel Am Abend mancher Tage »verarbeitet«, heißt es im Wikipedia-Artikel über die Band. Trifft diese Darstellung zu, besteht eine Verarbeitung eines bestimmten Vorfalls darin, sich mit Hilfe einer in die nebelverhangene Ostsee geworfenen Kette aus zahnfleischlösenden Gemeinplätzen so weit wie möglich von diesem Vorfall (und dem Straßennetz) zu entfernen.*

Der Ostberliner »klassische« Komponist Frank-Volker Eichhorn (1947–78), trotz seiner Jugend mehrmals preisgekrönt, soll mit 30 Jahren gleichfalls bei einem Autounfall umgekommen sein. Die Einzelheiten? Nahmen die DDR-Verkehrsminister mit ins Grab. Vielleicht werden die Herrschaften wiedergeboren. Hoffentlich nicht.

* Der Songtext (von Joachim Krause) steht zum Beispiel hier: https://musikguru.de/lift/songtext-am-abend-mancher-tage-255420.html



Palm, Johann Philipp 39 (1766–1806), süddeutscher Patriot, ermordet. Der Verlagsbuchhändler aus dem französisch besetztem Nürnberg hatte im Sommer 1806 die Schrift Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung drucken lassen, was den Besatzern gar nicht gefiel. Da sich Palm standhaft weigerte, den oder die anonymen Verfasser zu verraten, kam er, nach einem »Scheinprozeß« ohne Rechtsbeistand*, in der Garnisonstadt Braunau am Inn vor ein französisches Erschießungs-Kommando. Max I. Joseph, der sogenannte bayerische König (von Kaiser Napoleons Gnaden), ließ es zu. Was Wunder, wenn Palm später auch von Braunaus größtem Sohn Adolf Hitler für seine Sache vereinnahmt wurde. Der mutige, im übrigen keineswegs aufrührerisch gestimmte Verleger hinterließ seine Frau Anna Maria und drei Kinder. Das Urteil erregte damals großes Aufsehen und wurde überwiegend als Justizterror eingestuft, selbst vom Erfolgs-Dramatiker Kotzebue. Zu den Ausnahmen zählte Napoleon-Verehrer Goethe.**

* Palm-Stiftung (Schorndorf), o. J.: https://www.palm-stiftung.de/de/johann-philipp-palm/biographie/
** »Wie Hitler in seinem Pamphlet Palm vereinnahmte«, Süddeutsche Zeitung, 11. Januar 2020: https://www.sueddeutsche.de/politik/palm-napoleon-1.4737829-2




Palmer-Stoll, Julia 21 (1984–2005), Münchener Fernseh-Schauspielerin, zuletzt in einem nächtlichem Igel-Drama zu sehen. Die Tochter einer Schauspielerin und eines »Gastronomen« der Münchener Schickeria hatte bereits mit 12 Jahren ihre erste Rolle in der Film- und Fernsehbranche übernommen und bis 2005 an ungefähr 20 Streifen mitgewirkt, vorwiegend Krimis. Richtig bekannt wurde sie erst durch einen Verniedlichungs- und Verharmlosungs-Mechanismus, der nicht nur in Bayern, vielmehr weltweit zuverlässig greift. Am 8. Juni war sie gegen Mitternacht in ihrem Auto von Dachau nach München unterwegs. Dabei machte sie angeblich spontan Halt, um einen Igel von der Landstraße aufzupicken und ihm so vielleicht das Leben zu retten. In die Hocke gegangen, sei sie von einem Wagen erfaßt und noch 30 Meter mitgeschleift worden. Anderntags erlag sie in der Unfallklinik Murnau ihren schweren Verletzungen.

Der 41jährige Täter, der wohl schneller als erlaubt gefahren war, wurde später wegen Fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe verurteilt. Außerdem erstritten die Mutter des Todesopfers und deren Rechtsanwalt, die beide offensichtlich nicht auf den Kopf gefallen waren, von der Versicherung des Täters ein sogenanntes »Schmerzens-geld« von 50.000 Euro zuzüglich der Anwaltskosten, wie (wahrscheinlich Ende 2007) von der Süddeutschen Zeitung zu erfahren war.* Diesen Aufschlag habe ihr der Rechtsanwalt jedoch verheimlicht, behauptete die Mutter, um ihr trotzdem eine Rechnung über 5.000 Euro Anwaltshonorar servieren zu können. Zwar zahlte sie zunächst, witterte dann aber Böses und verklagte ihren Anwalt auf Rückerstattung. Jetzt habe sie sich »außergerichtlich« irgendwie mit ihm geeinigt, teilte das Münchener Landgericht I der Zeitung zufolge mit. Tochter tot; Schicksal des Igels ungeklärt; aber das Leben geht schließlich weiter und kostet bekanntlich gerade in München Tag für Tag viel Geld.

Die Geschichte mit dem Igel – mag sie von dem schwerver-letztem Jungstar der ARD-Vorabend-Serie Marienhof, dem findigsten Reporterkopf des Unfalltages oder sonsteinem instinktsicherem Beteiligten stammen – war selbstverständlich das gefundene Fressen für die Presse. Überall wird Palmer-Stolls Tierliebe betont. Manche Blätter wußten auch, sie sei, in Dachau, gerade bei ihrem Pferd gewesen. Das muß die arme Mutter jetzt auch noch unterhalten. In der erwähnten Seifenoper spielte die Tochter die Krankenschwester Simone – und ausgerechnet so ein herzensgutes, angeblich bildhübsches Mädchen wird brutal von der auch ihm gehörenden Straße getilgt!

* Der Artikel ist hier auf den 17. Mai 2010 datiert: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/unfalltod-von-julia-palmer-stoll-mutter-des-marienhofstars-einigt-sich-mit-anwalt-1.357578



Panagoulis, Alekos 36 (1939–76), griechischer Obristengegner, ermordet? Bekanntlich geben sich die postmodernen westlichen FührerInnen am liebsten als KämpferInnen gegen Diktatoren aus, während sie unter der Hand mit den von Blut triefenden Herrschern Saudiarabiens über einen Tausch von Aktienpaketen telefonieren oder in lateinamerikanischen Ländchen wie Honduras einen neuen, noch unverbrauchten Diktator ins Rampenlicht schieben. 1967 war Griechenland für die Diktatur reif gewesen. Als ein Wahlsieg der linken Kräfte drohte, sahen sich Nato-treue Offiziere gezwungen, das Land durch einen Putsch »vorm Kommunismus zu retten«. Wahlen, Pressefreiheit, Streikrecht und so weiter waren damit auf den Müll geworfen. Da grüßt Hauptmann Waldemar Pabst, der aus dem gleichem Grund Liebknecht und Luxemburg erschießen ließ* – und in der Tat wurde die mit der CIA abgestimmte Athener Machtergreifung deutscherseits, von Franz Josef Strauß über Bundespräsi-dent Heinrich Lübke bis zum Außenminister Willy Brandt von der SPD, als »Stabilisierungsmaßnahme« begrüßt. In der Folge erfreute man sich kräftiger Rüstungsexporte (sie ließen bis heute kaum nach) und hielt dem Regime, das im Gegensatz zur DDR kein »Unrechtsstaat« war, bis zuletzt die Stange.

In der Regel werden die vom Regime (bis 1974) inhaftierten und verschleppten, dabei in vielen Fällen auch gefolterten Griechen auf 150.000 geschätzt. Einer von ihnen war Alekos Panagoulis. Zwar überlebte er die Herrschaft der Obristen, aber wahrscheinlich bezahlte er seinen Widerstand zwei Jahre später doch noch mit dem Leben, weil er zu viel wußte. Dabei war Panagoulis keineswegs Kommunist gewesen. Er hatte schon als Student der Athener TU mit der gemäßigten, von Georgios Papandreou geführten Zentrumsunion sympathisiert, für die er später Parlamentsabgeordneter wurde. Während der Dikatur desertierte er zunächst aus dem Militärdienst, schuf die Organisation Nationaler Widerstand und arbeitete in seinem Exil auf Zypern Umsturzpläne zur Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse aus. Heimlich zurückgekehrt, bereitete er mit seiner Gruppe ein Bombenattentat auf den Obristenchef Papadopoulos vor, bei dem sie sich, am 13. August 1968 bei Varkiza, dessen sonntägliche Spazierfahrt im Auto einschließlich Überquerens einer Brücke zunutze zu machen versuchten. Aber es mißlang. Die Attentäter, darunter Panagoulis, wurden ergriffen und im November von einem Militär-gericht zum Tode verurteilt. Durch starke internationale Proteste und diplomatischen Druck konnte die Vollstreckung der Urteile vermieden werden; sie wurden in Lebenslänglich umgewandelt. Panagoulis blieb in der strengen Einzelhaft unbeugsam und wurde entsprechend oft mißhandelt. Er schrieb Gedichte und unternahm mehrere Fluchtversuche, die durchweg scheiterten. Im August 1973, nach viereinhalb Jahren Gefängnis, wurde er dank einer Generalamnestie des Militärregimes entlassen. Er befreundete sich mit der bekannten italienischen Journalistin Oriana Fallaci, die später ein Buch über ihn schrieb, und setzte die Widerstandsarbeit, die inzwischen Massenproteste in Griechenland einschloß, von Florenz aus fort. Das Regime fiel ein Jahr darauf, weil es sich in Zypern verrechnet und das Eingreifen türkischer Streitkräfte provoziert hatte.

Als Parlamentsabgeordneter in Athen griff Panagoulis viele PolitikerInnen wegen ihrer Mitschuld an der Obristen-herrschaft derart schonungslos an, daß er es sich mit seiner eigenen Partei verdarb, der Zentrumsunion. Aber auch mit der Linken, der er »scheindemokratische Gefechte« vorwarf, wollte er sich nicht gemein machen. Er blieb als Unabhängiger im Parlament – bis zur Nacht zum 1. Mai 1976, als der 36jährige mit seinem Wagen durch Athen fuhr. Er wurde von einem anderem Auto gerammt und verunglückte dadurch tödlich. Die wenigsten BeobachterInnen wollten an einen Zufall glauben, hatte doch Panagoulis für die nächsten Tage die Veröffentli-chung von Archiven der Geheimpolizei aus der Zeit der Diktatur, der sogenannten E.S.A Archive geplant, die er sich auf Schleichwegen verschafft hatte. So verwandelte sich Panagoulis Beerdigung in eine Demonstration, an der mehrere Hunderttausend Menschen teilnahmen.

In der Tat sind die heiklen Dokumente, wie es scheint, nie veröffentlicht worden. Der Zeit-Autorin Elke Kummer zufolge hatte sie Panagoulis, um seine Gefährdung wissend, bereits seiner italienischen Gefährtin Fallaci anvertraut. Wie diese nun damit verfuhr, verrät Kummer nicht.** Offenbar enthielten die Dokumente zahlreiche Aufschlüsse über die Kollaboration von wichtigen Politikern mit der griechischen Junta. Nach Fallacis Ermittlungen (Ein Mann, 1979) wurde ihr Gefährte – den sie keineswegs nur in bestem Licht darstellt – von der neofaschistischen Gruppe Die Spinne im Auftrag des griechischen Geheimdienstes ermordet.

* Laut Günther Schwarbergs Erinnerungen (Das vergess ich nie, Göttingen 2007, Seite 159) gab Staatssekretär Felix von Eckardt die Morde am 8. Februar 1962 im Bulletin der Adenauer-Regierung als »standrechtliche Erschießungen« aus, die Pabst »in höchster Not« für unabdingbar gehalten habe, weil Deutschland anders nicht »vorm Kommunismus zu retten« gewesen sei. Dieses Muster hat sich schon unzählige Male bewährt, zuletzt bei der Ausrufung einer Schutzmas-ken, Impfdröhnungen und Ausgangssperren verlangenden Pandemie, weil der Volkskörper nicht anders vor den dreisten Übergriffen feindlicher Viren zu schützen sei. Wie man wetten kann, wird der Volkskörper auf diese Art mit Sicherheit verrecken.
** »Liebe, Folter, Tod«, 17. Oktober 1980: http://www.zeit.de/1980/43/liebe-folter-tod




Pandey, Jyoti Singh 23 († 2012), indische Schülerin der Krankengymnastik, vergewaltigt. In Indien haben Frauen traditionell schlechte Karten. An der Jahreswende 2012/13 kam es aber immerhin zu gewissen Unmutsstürmen, nachdem die 23jährige in der Hauptstad Neu Delhi geschändet, gefoltert und ermordet worden war. Sechs betrunkene Männer hatten Pandey am 16. Dezember in einem rollendem Privatbus mit getönten Scheiben vergewaltigt und anschließend mitsamt ihrem zusammen-geschlagenem 28jährigem Begleiter A. auf eine stark befahrene Straße geworfen. Das Paar war im Kino gewesen und überfallen worden, weil sich die Betrunkenen einen Spaß machen wollten. Die junge Frau starb am Monatsende im Krankenhaus.

Einer offiziellen Statistik zufolge wurden im Jahr 2011 allein für Neu Delhi 572 Vergewaltigungen gemeldet, aber die Dunkelziffer ist hoch. Viele Opfer erstatten keine Anzeige, weil sie Verleumdungen befürchten oder weil sie Polizei und Justiz ähnliche Brutalitäten zutrauen wie ihren Peinigern – zurecht, wie auch Pandeys Fall verdeutlichte. Ihr Begleiter war später mutig (und noch lebendig) genug, um einem Fernsehsender zu erzählen, wie sich die endlich nach 45 Minuten eingetroffenen Polizisten erst einmal ausgiebig über die Revier-Zuständigkeiten gestritten hätten, während die beiden Opfer unbekleidet und teils schwerverletzt und blutüberströmt am Straßenrand lagen. Es muß eben alles seine Ordnung haben. Die Täter wurden bald darauf gestellt und im Januar 2013 angeklagt. Im März wurde der Hauptangeklagte Ram Singh (33) in seiner Zelle tot aufgefunden. Der jüngste Täter (17) kam mit einer niedrigen Haftstrafe davon. Die vier restlichen Täter wurden im September zum Tode verurteilt. Sie wurden 2020 gehängt.

Die Ermordung der pakistanischen Politikerin und Frauenrechtlerin Zilla Huma Usman (35) war bereits einen Monat nach der Tat mit einem Todesurteil geahndet worden – schließlich hatte sie nicht irgendeine Schulbank gedrückt, sondern im Punjab das Sozialministerium geleitet. Usman war im Februar 2007 bei einer Parteiveranstaltung in Gujranwala erschossen worden, wo sie anscheinend mit unbedecktem Kopf aufzutreten wagte. Attentäter Maulvi Sarwar Mughal (45) machte aus seiner Frauenfeindlichkeit keinen Hehl. Laut Tribune* betrieb der Vater von neun Kindern am örtlichem Bank Square ein Geschäft, das Schlösser für Schränke herstellte und verkaufte. Ob er vielleicht ein Auftragsmörder war, kann ich nicht überprüfen. Er soll schon früher Frauen getötet haben. Usman hinterließ zwei Söhne.

* Karamat Bhatty, »Prison death: Minister's killer dies of tubercu-losis«, The Express Tribune (Karachi), 27. Januar 2012: https://tribune.com.pk/story/327961/punjab-mpas-murderer-dead-under-suspicious-circumstances



Panorios, Konstantinos c.35 (1857–92), griechischer Maler, wuchs wahrscheinlich auf der Ägais-Insel Sifnos auf, studierte in Athen und München. Laut griechischer Wikipedia hatte er ein Stipendium des Geschäftsmannes A. Papudov erhalten. Er blieb über 10 Jahre in Deutsch-land. Als er um 1890 in sein Heimatland zurückkehrte, soll er bereits verstört gewesen sein. Warum, dürfen Sie mich nicht fragen. Zuletzt soll er, »geisteskrank«, in der hauptstädtischen »Klinik« Dromokaiteio gesessen haben, wo er eines Tages (1892) tot aufgefunden worden sei. Mehr teilen die griechischen Lexikografen nicht mit. Der Artikel führt allerdings ein von Nikos Zias 2005 veröffentlichtes Porträt von über 12 Seiten an, in dem unter Umständen Genaueres steht. Sollten tatsächlich noch nicht einmal Geburts- und Todesdatum dieses Künstlers auf uns gekommen sein, kann man soundsovielen griechischen Kunsthistorikern eigentlich nur ein Armutszeugnis ausstellen. Immerhin zählen etliche Werke Panorios' zur Sammlung Koutlidis der Athener Nationalgalerie, darunter übrigens das umwerfende Ölgemälde Cosette von 1888, das in einem Kurzroman aus meiner Feder eine nicht unerhebliche Nebenrolle spielt. Es ist in milden Tönen gehalten, überwiegend Braun. Es zeigt ein betö-rendes, zur Seite blickendes, möglicherweise schmollendes oder verlegenes kleines Mädchen, wohl in ländlicher, arbeitsbereiter Tracht. Stellt man sich dieses Kind mit Corona-Gesichtsmaske vor, könnte man rasend und zum Mörder werden. Aber nicht zum Mörder des Kindes.

Cosette im Internet: https://de.wikipedia.org/wiki/Konstantinos_Panorios#/media/Datei:Cossette_by_Konstantinos_Panorios.jpg



Parker, Richard 17 († 1884), Schiffsjunge, Opfer britischer Kannibalen. In besagtem Jahr auf der Höhe von Afrika im Atlantischen Ozean treibend, sahen sich nämlich biedere Seeleute zu einem Mord gezwungen, weil sie Hunger hatten. Während ihre leck geschlagene Segeljacht Mignonette gesunken war, hatten sich die vier Männer der Besatzung, durchweg Briten, ins Beiboot gerettet. Einige Wochen darauf waren Kapitän Tom Dudley sowie Edwin Stephens, Edmund Brooks und der 17jährige Schiffsjunge Richard Parker aufgrund ihrer Entkräftung dem Tod nahe. Der Vorschlag eines Losentscheides über ein Opfer fand keinen Konsens. Daraufhin erstachen Dudley und Stephens (am 24. Juli) ihren jüngsten Kameraden Parker, der durch Genuß von Meerwasser ohnehin der Geschwächteste an Bord war und weder Ehefrau noch Kindern fehlen würde, und hieben ihre Zähne in sein Fleisch. Auch das Blut ihres Opfers war ihnen willkom-men. Wenige Tage später wurden die drei Überlebenden von einem Schiff gesichtet und aufgenommen. Zurück in England, kamen die beiden Hauptangeklagten, nach vielen Fürsprachen seitens der »Öffentlichkeit«, glimpflich davon: Die ursprünglich verhängte Todesstrafe wurde in sechsmonatige Haft umgewandelt. Allerdings hatte das Gericht ausdrücklich festgestellt, keine Notlage rechtfertige einen Mord. Auch diese Feststellung erregte viel Aufsehen.* Bis zu unseren gegenwärtig Regierenden, die aus moralinsauren marktwirtschaftlichen Gründen unablässig Kriege vom Zaun brechen, und sei es, wie soeben erwähnt, gegen ein Virus, drang sie aber nicht durch. Mit der Not kann wieder alles gerechtfertigt werden. Nach Gerd Reuthers reich belegter Studie Heilung Nebensache (2021) war die Rate der Opfer, die nicht an Krankheiten sondern an deren angeblicher Behandlung starben oder wenigstens litten, schon in der ganzen Menschheitsgeschichte, Moderne eingeschlossen, beeindruckend hoch, und dem Corona-Krieg dürfte es gelingen, sie noch beträchtlich zu steigern.

Zur Frage, was denn die solidarische Haltung im Beiboot gewesen wäre, erinnere ich an >Konrad (»Floß der Medusa«).

* jcg, »Das traurige Ende des Schiffsjungen Parker«, 20 minuten,
12. November 2015: https://www.20min.ch/story/das-traurige-ende-des-schiffsjungen-parker-118651408974




Fortsetzung Pas—Pra
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