Samstag, 30. Oktober 2021
A-38→Hitler-Stalin-Pakt
Um 2012

Er schlug »wie eine Bombe« ein. In der Tat, sieben Tage nach Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrages zwischen Deutschland und der Sowjetunion überfällt die Wehr-macht Polen; die Rote Armee folgt auf den Fuß, nur von der anderen Seite her. Polen wird aufgerieben und zerschlagen. Die polnischen Juden dürfen ihr Testament machen.

Für abtrünnige Kommunisten wie Koestler, Regler, Münzenberg stellte der Pakt keine wirkliche Überraschung dar. Sie kannten die in allen Lagern nie verschmähte Sitte, bedenkenlos die BündnispartnerInnen zu wechseln, sofern es einem nur zum Vorteil gereicht, aus eigener Praxis. Moralische Maßstäbe kennen Parteistrategen nicht. Lenin ging voran. Den Sozialisten Valentinoff rügte er auf einer Konferenz 1904 in Genf mit dem Ausruf, einem Revolutionär sei alles erlaubt, wenn es nur der Sache der revolutionären Bewegung und den Parteiaufgaben diene. Koestler weist in Der Yogi und der Kommissar darauf hin, daß Parteistrategen auch den moralischen Mißkredit ignorieren, den ihnen ihr knallhartes Mittel-zum-Zweck-Denken einträgt. Sie regieren auch gegen die Bevölkerung oder ohne Bevölkerung, falls die Sache es erfordert.

Doch ansonsten ließ der Hitler-Stalin-Pakt 1939 zahlreiche kommunistische Welten zusammenbrechen. Victor Serge spricht sogar von einer völligen Demoralisierung der westlichen Arbeiterklassen. Wie konnte das Bollwerk des Antifaschismus mit dem faschistischem Erzfeind gemein-same Sache machen? Wie werden aus Schurken über Nacht Kameraden, die man über den Klee lobt? Durch rasante Umfärbung. Ex-Kommunist Wolfgang Leonhard schildert dieses Verfahren sowohl in seiner Dokumenta-tion über den Pakt von 1989 wie in seinem ungleich bekannterem Buch Die Revolution entläßt ihre Kinder von 1955 aus eigenem Erleben; selbst die Geschichtsbücher wurden umgeschrieben, auf daß sich Schwarz als Weiß und der Faschist als Bruder erweise. Übrigens hatte das Paktieren schon vorher begonnen. Deutsch-sowjetische Wirtschaftsverträge vom August versorgten die Nazis mit Rohstoff- und Nahrungsmittellieferungen im Wert von 180 Millionen Reichsmark, die zur Kriegsvorbereitung nicht ungelegen kamen. Nebenbei opferte Stalin nicht nur das souveräne Land Polen. Zunächst lieferte er aufgrund des Vertrages rund 1.000 Antifaschisten, die im Schoße der Weltrevolution Schutz gesucht hatten, an die Gestapo aus.* Das wird in der Literatur gern vernachlässigt. Zu diesen Opfern zählte beispielsweise Margarete Buber-Neumann, die im KZ Ravensbrück landete und nur knapp dem Tod entrann, wie sie in ihrem Buch Als Gefangene bei Stalin und Hitler (1947) berichtet. Nachdem Polen unterworfen und aufgeteilt war, machte sich die Rote Armee gemäß den geheimen »Zusatzprotokollen« des Vertrages über das Baltikum, die rumänischen Regionen Bessarabien und Nordbukowina sowie das finnische Karelien her.

Wie ihn Goebbels im Tagebuch als »genialen Schachzug« feiert, rühmt auch DDR-Funktionär Albert Norden den Pakt. Die Sowjetregierung habe »tausendmal recht« getan, auf diese Weise das Komplott der Westmächte zu vereiteln, den Krieg in die SU zu tragen. Atempause von eindrei-viertel Jahren. Die verheerenden SU-Besetzungen in Ostpolen und Baltikum dienen der »Lebensrettung eines Großteils« der dortigen Menschen. So wird aus einem gekreuzigten ein erlöstes Volk, wenn man nur durch die richtige Brille blickt und keinen Zynismus scheut. Davon abgesehen versichert Leonhard, der damals in der SU zum Kader herangebildet wurde, das beliebte Zeitgewinn-Argument habe für zwei Jahre, bis Hitler (1941) zum Angriff gegen Moskau blies, nicht die geringste Rolle in der bolschewistischen Agitprop gespielt. Ja mehr noch, es habe von Moskau und damit der Komintern aus überhaupt keine nennenswerte Rechtfertigung des Paktes gegeben. Dieses »Meisterstück autoritärer Geheimdiplomatie«, wie die schweizer Kommunisten Clara und Paul Thalmann es nannten, wurde den lieben Vasallen kommentarlos jäh ins Maul gestopft, friß oder stirb, und entsprechend stürzten sie massenweise in die größte Erklärungsnot, zuweilen auch Gewissensqual. Dies wird bei Leonhard ausführlich dokumentiert.

Auch Milo Dor litt am Pakt. In seinen autobiografischen Fragmenten** spricht der 2005 in Wien verstorbene Schriftsteller von dem »Gewissenskonflikt«, in den ihn, den jungen damaligen serbischen Kommunisten, der Pakt »gestürzt« habe. Da hatte das »Bollwerk des Sozialismus und des Fortschritts ..(..).. mit der finstersten Macht Europas ein Abkommen getroffen, das Hitler ermöglichte, alle seine Nachbarn nacheinander anzugreifen und sie brutal zu unterjochen.« Nach diesem Schock, so Dor weiter, sei er »wochenlang regelrecht krank« gewesen. Allmählich habe er sich dann von der Argumentation älterer Genossen einwickeln lassen, die von einem genialen Schachzug des großen Stalin sprachen, der die Aggression von seinem Land abgewendet und die imperialistischen Großmächte stattdessen aufeinander gehetzt habe. »Sie sollten sich nur untereinander zerfleischen, um sich dann, geschwächt, für den Weg zu dem einzig wahren Sozialismus zu öffnen.« Von Polen und etlichen anderen Opfern einmal abgesehen, wurde freilich bald darauf, im Frühjahr 1941, Jugoslawien von der deutschen Wehrmacht zerfleischt. Noch standen jugoslawische Diplomaten mit der SU in aussichtsreicher Verhandlung um einen Freundschafts- und Beistandsvertrag, als unvermittelt Bomben auf Belgrad hagelten und die deutschen Truppen das ganze Land überfluteten. »Die mächtige Sowjetunion kümmerte sich einen Dreck darum, was Hitler tat, mit dem sie einen Nichtangriffspakt abgeschlossen hatte. Sie sah tatenlos zu, wie ihr neuer präsumtiver Verbündeter überrannt wurde. Sie schien nur um ihr eigenes Schicksal besorgt zu sein und ließ Hitler schalten und walten, wie es ihm beliebte, bis er zuletzt seine mörderische Militär-maschinerie gegen sie selbst richtete.«

Leonhard, der zeitweilige Mitstreiter Ulbrichts, behauptet im übrigen, der von Molotow und Ribbentrop unterzeich-nete Pakt habe sich mit keinem Wort um den Weltfrieden gesorgt, der ja damals für alle Internationalisten längst auf dem Spiel stand. Der Pakt stellte einen kurzfristigen Ausgleich der Interessen der Sowjetunion und des faschistischen Deutschlands her, mehr nicht. Du bekommst halb Polen und soundso viele Tonnen an Eisenerz oder Getreide, wir bekommen dafür die andere polnische Hälfte und das Baltikum. Damit war der Weltkrieg so gut wie garantiert, hatte Polen doch mit verschiedenen Westmächten Beistandsverträge. Wobei es der Pakt dem deutschen Faschismus günstigerweise gestattete, sich ungehindert gen Westen zu werfen, da ihn ja Moskau von Sorgen im Osten entband. Einen Zweifrontenkrieg hätte sich Hitler nicht leisten können. Was kümmerte Moskau das Heil von Brüssel, Rotterdam, Paris? Allerdings bemerkt Victor Serge in seinen Erinnerungen, selbst vom russischen Standpunkt aus sei der Pakt ein »idiotischer Verrat« gewesen – war doch klar abzusehen, »daß das Nazireich, siegreich in Europa und im Westen, sich früher oder später unvermeidlich mit seiner ganzen Macht gegen das isolierte und vor allen Demokratien kompromittierte Rußland wenden würde.« Finnland ist übrigens das einzige überfallene Land, das sich militärisch zur Wehr setzt, und zwar nicht schlecht. Es bringt die Rote Armee in arge Bedrängnis. Sieht man einmal davon ab, daß die Sowjetunion auch hier das Völkerrecht brach, könnte man ihren verlustreichen Streich noch immer als denkbar schlechtes Training für den drohenden Abwehrkampf gegen die Hitlerarmee auffassen. Derweil fiel Hitler im Westen unbekümmert in den Beneluxstaaten und in Frankreich ein, hielt ihm doch Väterchen Stalin, wie schon gesagt, den Rücken frei. Wer verschaffte also wem eine Atempause?

Aber es ist falsch, sich auch nur anflugweise aufs Abwägen taktischer Vorteile einzulassen. Man wird immer welche finden, die zur Rechtfertigung eines Kalküls dienen können. Im Kalkül gibt es immer kleinere und größere Zahlen – ganz wie die berüchtigten Übel. Einzelne Menschen oder deren Würde zählen erst ab 10.000. Das läßt sich berechnen. Dagegen wissen wir nicht, wie sich eine prinzipientreue und humane Haltung der russischen Kommunisten und all ihrer Vasallen auf die Weltlage ausgewirkt hätte. Ich könnte mir denken: ziemlich ermutigend für die Antifaschisten und heilsam für die zerrissene Welt. In diesem Fall hätte Stalin bereits darauf verzichtet, das republikanische Spanien (1936/37) für Waffenlieferungen, die das reinste Erpressungsmittel waren, um seinen Goldschatz zu erleichtern. Davon abgesehen, daß sie ohnehin nur an kommunistisch beherrschte Truppenteile weiter geleitet wurden, kamen die Waffen immer spärlicher; dann blieben sie aus.

Welchen beträchtlichen Anteil die moskauhörigen Kom-munisten, darunter auch ein gewisser Walter Ulbricht, am Scheitern der spanischen Revolution hatten, geht aus einem 1997 veröffentlichtem ausgezeichnetem Aufsatz*** des Berliner Historikers und Journalisten Manfred Behrend hervor, gestorben 2006. Dieses Scheitern hatte auch in weltpolitischer Hinsicht üble Auswirkungen. Nicht der Überfall auf Polen, das Opfern des republikanischen Spaniens stellte den Auftakt zum Zweiten Weltkrieg dar. An diesem kaltblütigem Opfer hatten selbstverständlich, neben Faschismus und Bolschewismus, auch die lieben westlichen Demokratien mit ihrer heuchlerischen »Nichteinmischungspolitik« ihren Teil.

* So der Darmstädter Soziologe Helmut Dahmer in seinem Artikel »Der Hitler-Stalin-Pakt und seine Folgen«, Avanti Oktober 2009, hier bei: http://www.scharf-links.de/49.0.html?&tx_ttnews[cat]=27&tx_ttnews[tt_news]=7350&cHash=6519194f2e
** Auf dem falschen Dampfer, Wien 1988, S. 159 & 162
*** http://www.glasnost.de/autoren/behrend/spanien.html

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