Freitag, 29. Oktober 2021
LdF Folge Mit—Nop

Mitchell, Taylor 19 (1990–2009), kanadische Folk-sängerin aus Toronto. Als die 19jährige Ende Oktober 2009 eine Pause in ihrer Tournee durch die Seeprovinzen (am Atlantik) dazu nutzte, allein durch den Cape Breton Highlands Nationalpark von Nova Scotia zu wandern, hatte sie, nach Auffassung einiger Fans, eine verheißungs-volle künstlerische Laufbahn vor sich. Was Wunder, wenn sie als Folksängerin die Natur liebte, wobei offen bleiben muß, ob sich die Natur mit Mitchells etwas leierhaften Sopran- und Saitenstücken hätte anfreunden können. Ein Foto, das sie im Internet* als dunkelhaarige kleine Frau mit Gitarre rechts und Reisekoffer links zeigt, wurde ebenfalls im Wald aufgenommen. Doch ich will nicht spotten, der Vorfall ist ausnahmsweise tragisch. Bei ihrer Wanderung im Nationalpark sah sich Mitchell nämlich unversehens zwei ungewöhnlich angriffslustigen Kojoten gegenüber. Sie fielen das hübsche, offenbar unbewaffnete, jedenfalls überraschte Mädchen an. Mitchell rief um Hilfe, was immerhin andere Wanderer mitbekamen. Sie wurde schwerverletzt in ein Krankenhaus der Provinzhauptstadt Halifax geflogen. Dort starb sie noch in der Nacht.

* »19-jährige Folk-Sängerin von Kojoten getötet«, Spiegel, 29. Oktober 2009: https://www.spiegel.de/panorama/kanada-19-jaehrige-folk-saengerin-von-kojoten-getoetet-a-657995.html



Mix, Steffen 27 (1989–2017), süddeutscher Kaufmann und Fußballschiedsrichter. Der junge Mann pfiff hauptsächlich in unteren, bayerischen Ligen, rechnete aufgrund gewisser Berufungen allerdings schon mit Bundesliga-Weihen. Verständlicherweise fuhr er ein sportliches Auto, Porsche Cayenne. Am Morgen des 24. September 2017 war er bei Aschaffenburg auf einer Landstraße unterwegs. Wikipedia meint, er sei »ohne Fremdeinwirkung« von der Fahrbahn abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Wäre es aber denkbar, er hätte seinerseits auf den einen oder anderen fremden Dritten eingewirkt, statt schon wieder einen Baum zu vernichten? Zum Beispiel mich? Ich wüßte mehrere Situationen, in denen ich, beispielsweise als Radfahrer in einer S-Kurve, dem Tod nur knapp von der Schippe sprang. Dieser Gedanke dürfte freilich die wenigsten meiner Mitbürger-Innen erschüttern. »So jung, so plötzlich, so unfassbar«, schreibt eine Trauernde ins rappelvolle Online-Kondolenz-buch für Mix.* Welche wie sie sollte man vielleicht eher zum Intelligenz- statt zum Coronatest schicken.

Ich habe lange überlegt, ob ich die Webseite des Familien-unternehmens, in dem Mix Einkaufsleiter war, vielleicht genüßlich zerpflücken sollte – nein. Ich habe nicht das Geld für schnelle Autos und fruchtlose Gerichtsprozesse.

* Claudia Kneifel, »Große Anteilnahme am Tod von Steffen Mix«, Main Post, 3. Oktober 2017: https://www.mainpost.de/regional/kitzingen/grosse-anteilnahme-am-tod-von-steffen-mix-art-9761199



Modersohn-Becker, Paula 31 (1876–1907), norddeutsche Malerin. 1899 zum ersten Mal in Paris, begeistert sie sich für die Gemälde eines gewissen Paul Cézanne, der damals noch nahezu unbekannt ist. Ihre eigenen Versuche, vorwiegend Porträts, Stilleben und Landschaften, werden, falls überhaupt zur Kenntnis genommen, mit Hohn oder Kopfschütteln bedacht. Sie schafft in nur 14 Jahren 750 Gemälde, doch an dem Ruhm, den wir heute mit ihrem Namen verbinden, darf sie noch nicht einmal riechen. Dafür läßt sie sich von ihren Bremer Eltern zu einem Kochkurs in Berlin nötigen, auf daß sie dem Maler Modersohn, den sie 1901 heiratet, eine gute Gattin sei. Was Wunder, wenn diese Ehe überwiegend wackelt. Paula fühlt sich gräßlich vereinnahmt und unverstanden zugleich. Die letzte Versöhnung – er reiste ihr von Worpswede aus nach Paris hinterher – gipfelt in einer Schwangerschaft, die sie bestenfalls mit halber Seele ersehnt hat. Prompt wird die 31jährige kurz nach der Geburt, 1907, von einer Embolie ereilt. Dürfen wir ihrem Mann Otto trauen, seufzte sie »wie schade!«, ehe sie im Bett zusammen sank und starb. Immerhin hatte er sich selber und den gemeinsamen Freunden nie vorgemacht, er könne seiner Frau in künstlerischer Hinsicht das Wasser reichen.

Über die Qualität des monumentalen Denkmals, das der Bildhauer Bernhard Hoetger auf Paulas Grabstelle in Worpswede türmen durfte, läßt sich vielleicht streiten, schwerlich dagegen über die Berechtigung, mit der dies geschah. So sieht es jedenfalls Herbert Eulenberg.* Er be-ruft sich auf eine Stelle aus dem Tagebuch der Malerin, an der sie die von ihr erwünschte schlichte Grabstätte unmiß-verständlich beschreibt. Nelken, Rosen und Kies möchte sie verwendet wissen. Von Grabsteinen und in Stein gehauenen sterbenden Müttern auf hüfthohen gemauerten Sockeln ist keine Rede. Modersohn-Becker erwähnt lediglich eine »kleine, schwarze Holztafel mit meinem Namen, ohne Datum und Worte. So soll es sein ...«

Nach dem Willen der lieben Hinterbliebenen sollte es aber nicht so sein. Und als Toter hat man in der Frage, wer nun recht habe, immer ziemlich schlechte Karten.

* Ausgewählte Schattenbilder, Ostberlin 1951, S. 238–47



Möhlmann, Frederike von 17 (1964–81), niedersäch-sische Schülerin, Opfer eines bislang ungeklärten Sexualmordes. Die braunhaarige, hübsche junge Frau aus dem Landkreis Celle wollte nach einer Chorprobe in der Stadt per Anhalter in ihr Heimatdorf fahren, wurde aber von dem 22jährigem, der sie mitnahm, in einem Waldstück vergewaltigt und erstochen. Die Leiche wies zahlreiche Einstiche auf, sogar die Kehle war durchtrennt. Der mutmaßliche Täter H. wurde zunächst gefaßt und zu Lebenslänglich verurteilt, nach Einspruch des Bundesge-richtshofes wegen Zweifel an wichtigen Beweismitteln allerdings 1983 wieder freigesprochen. Frederikes Vater Hans von Möhlmann fand den Einspruch sogar einleuchtend, hielt den eher schmächtigen H. nun über Jahre hinweg für unschuldig und zermartete sich das Hirn nach alternativen Tätern.* 2012 jedoch sprach eine früher nicht mögliche DNA-Untersuchung erneut für H.s Schuld. Nun türmten sich freilich bürokratische Hürden vor Von Möhlmann auf, darunter die Bestimmung, ohne Geständ-nis sei eine Wiederaufnahme eines Strafverfahrens selbst im Mordfall unzulässig. Seine Rechtsanwälte bemühten unter anderem den Umweg über ein Zivilverfahren – vergeblich, denn der Anspruch auf Schmerzensgeld sei verjährt. Nun hoffen sie auf gesetzliche Änderungen, durch die ein Wiederaufnahmeverfahren doch noch möglich wäre.**

Selbstverständlich geht es Von Möhlmann, inzwischen Ende 70, nicht um Geld – er will »Gerechtigkeit« und »Sühne«. Der grausame Mord muß ihn bis ins Mark erschüttert haben. Die Belastungen der Prozeßzeit um 1982 führten ihn sogar in eine Psychiatrische Klinik. Dort lernt er zufällig Marianne >Bachmeier kennen. Sie hatte gerade den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter, Anna, erschossen und sollte hier nun begutachtet werden. Von Möhlmann lehnt ihren Weg der »Selbstjustiz« aber ab. Die Welt merkt an, der schon lange vor dem Mord geschiedene hochgewachsene, nun hagere Sozialarbeiter habe nicht mehr in seinen Beruf zurückfinden können. Er ist jetzt sozusagen hauptsächlich Rechtssucher. »Für meine Tochter werde ich alles versuchen«, versichert er dem Blatt.

Vielleicht ist die Frage erlaubt: Und was hat die Tochter davon? Ich behaupte: Nichts. Den Gram dagegen hat er. Von Möhlmann macht sich vielleicht um die sogenannte Ehre seiner Tochter Sorgen – das wäre verfehlt. Noch verfehlter ist der Sühnegedanke. Keine Sühne macht die Tat ungeschehen und die sogenannte Rechtsordnung sicherer. Sollte sie lediglich dem Schutz vor weiteren Übergriffen des Täters dienen, käme sie in diesem Fall Jahrzehnte zu spät. Man könnte beinahe glauben, die Messerstiche hätten den Vater heftiger als die Tochter getroffen. Was wissen wir von der Scheidung? Nichts. Die Frau nimmt die ältere Tochter mit. Der Mann hat womög-lich nur noch Frederike. Die 17jährige galt als verträumt, heißt es in der Welt. Mehr wissen wir wahrscheinlich auch davon nicht.

* Christine Kensche, »Wenn der Mörder der Tochter neben einem sitzt«, Welt, 19. August 2015: https://www.welt.de/vermischtes/article145372551/Wenn-der-Moerder-der-Tochter-neben-einem-sitzt.html
** »Niedersachsen: Vater will Mord an Tochter sühnen«, news 38,
21. März 2021: https://www.news38.de/niedersachsen/article231802933/Niedersachsen-Vater-will-Mord-an-Tochter-suehnen-Ist-unertraeglich-fuer-mich.html




Momo, Alessandro 17 (1956–1974), Nachwuchsstar des italienischen Kinos. Offenbar galt er als sexy. Das letzte Werk, in dem er vor seinem Tod mitwirkte, hieß Der Duft der Frauen. Für Momos Mörder könnte ein Pedant die etwas ältere Schauspiel-Kollegin Eleonora Giorgi halten. Sie hatte ihm nämlich, wie mehrere Quellen verraten, ihr Honda-Motorrad ausgeliehen, obwohl er, mit knapp 18, noch ohne »Fahrerlaubnis« war. So streifte er in Rom ein Taxi, das er zu überholen trachtete, verunglückte und starb. Giorgi dagegen scheint noch zu leben.



Mononen, Unto 37 (1930–68), finnischer U-Musiker, der vor allem den Tango seines eher nördlich gelegenen Landes prägte. Sein Ende ist umstritten. Mononen hatte zeitweise eine eigene Band (mit Akkordeon und blonder Sängerin), worin er Gitarre spielte. 1950 konnte er seinen ersten Titel an eine Plattenfirma verkaufen. 1955 schrieb er sein berühmtestes Stück Satumaa (Märchenland), das nach einigen Anlaufschwierigkeiten eine regelrechte Tangowelle über Finnland warf. Gleichwohl verfiel der Komponist zunehmend dem Alkohol. Mit 37 Jahren, inzwischen recht stirnglatzig, soll er sich im Städtchen Somero, wo er wirkte, eigenhändig erschossen haben – möglicherweise aus Versehen. Die finnische Wikipedia hält einen Unfall für wahrscheinlicher als einen Selbstmord, weil Mononen die Angewohnheit besessen habe, mit seiner Pistole (die er offensichtlich besaß) zu spielen. Andere Einzelheiten werden nicht genannt. Dieses Spiel scheint übrigens in Kreisen von Popmusikern besonders beliebt zu sein; ich nenne nur Johnny Ace 25 (1929–54) und Terry Kath knapp 32 (1946–78).

Ein Analyst des NDR brachte kürzlich den Gegensatz von argentinischem und finnischem Tango auf den Punkt.* Während der Argentinier von der verletzten männlichen Ehre singe, die Rache verlangt: »Du hast meine Geliebte verführt – stirb!«, heiße es beim Finnen: »Du hast mir meine Geliebte gestohlen, also muß ich gehen.« Auch in musikalischer Hinsicht habe sich der Tango auf dem Weg vom Süden in den Norden abgekühlt. »Die Synkopen wurden abgeschliffen, aus Moll- wurden Dur-Tonarten. Hier röchelt nicht das heisere Bandoneon, stattdessen klagt und tröstet das träge Schifferklavier mit schaurigen und sinnlichen Klängen – je trauriger die Musik, desto intimer der finnische Tango. Bis heute heißt es, nur ein Finne könne einen finnischen Tango komponieren.«

Für mich ist Satumaa zumindest in musikalischer Hinsicht eine einfallslose Schnulze. Dergleichen Urteil würde ich mir natürlich verkneifen, wenn ich gerade vor der Vertragsunterzeichnung für die finnische Ausgabe dieses Lexikons stünde. Aber auch das im Text besungene überseeische »Märchenland«, wo die Geliebte wartet, kommt mir etwas platt vor. Der Vogel, mit dem der Sänger gern tauschte, war womöglich schon 1955 so abgegriffen, daß er gar keine Flügel mehr hatte. Vom realen Liebes-leben Mononens erfährt man im Internet kein Körnchen. Vielleicht war er ja schwul oder tierlieb und hatte mit Frauen gar nichts am Hut.

* Januar 2021: https://www.ndr.de/kultur/sendungen/das_konzert/Tango-Argentino-meets-Tango-Finlandia,sendung1106722.html



Montaigne, Arnaud de 23 (1541–64), französischer Hauptmann, Bruder des – richtig … Den angeblichen Erfinder der Prosaform »Essay« Michel de Montaigne kennt schließlich jeder, wenigstens dem Namen und der angeblichen Bedeutung nach. Stimmt dieser berühmte Montaigne in seiner Betrachtung Philosophieren heißt sterben lernen beispielsweise in die über alle Epochen erklingenden Hymnen auf den blutrünstigen und herrschsüchtigen Alexander »den Großen« ein, schwant Lesern wie mir, die Grenzen von Montaignes Ketzertum könnten niedriger als die Katzenklappen in seinen häuslichen Küchentüren und Scheunentoren verlaufen. Umso erstaunlicher, wenn der Schloß- oder Gutsherr von der Dordogne im selben, mit antiken Lesefrüchten überladenen Text auch das Schicksal seines Bruders Arnaud streift. Als sich der junge Hauptmann ein Jahr nach dem frühen, wohl durch Pest o.ä. verursachten Tod von Michels Busenfreund Étienne de La Boétie (mit 32) beim schon damals allgemein beliebten Ballspiel vergnügte oder ertüchtigte, war er erst 23. Er landete ebenfalls im Sarg. Nach Mitteilung seines Bruders hatte ihn einmal der Ball »ein wenig über dem rechten Ohr« am Kopf getroffen – wenige Stunden nach Spielschluß wurde Arnaud von einem Schlaganfall weggerafft, den die Ärzte auf jenen Treffer zurückführten.* Möglicherweise hatten die jungen Leute in der Tat dem Schlagballspiel gefrönt, das ziemlich alt sein soll. Dabei wurden die eher kleinen Bälle mit Stöcken (»Pritschen«) Richtung Gegner gedroschen und kamen sicherlich zuweilen Gewehrkugeln gleich.

* Essais, einbändige Auswahl von Herbert Lüthy im Manesse Verlag, Zürich 1985, S. 127



Môquet, Guy 17 (1924–41), französische Geisel der Nazis, erschossen. Der Sohn eines Pariser Arbeiters und KP-Abgeordneten war im Oktober 1940 im faschistisch besetztem Frankreich von einheimischen Polizisten am Gare de l'Est wegen der Verbreitung kommunistischer Schriften verhaftet worden. Ab Mai 1941 saß Môquet in einem Internierungslager der bretonischen Kleinstadt Châteaubriant. Nicht weit davon entfernt, in Nantes, wurde der deutsche Oberstleutnant Karl Hotz am 20. Oktober 1941 Opfer eines von Kommunisten verübten Attentats. Hitler ordnete daraufhin drakonische Vergeltungsmaßnahmen an: 50 Geiseln sollten daran glauben. Prompt ließ der Innenminister von deutschen Gnaden Pierre Pucheu, »um zu verhindern, daß man 50 gute Franzosen erschießen läßt«, eine Vorschlagsliste mit den Namen von 61 Häftlingen erstellen, die als Geiseln in Frage kämen. Die Deutschen bedienten sich. Aus dem Lager Châteaubriant wählten sie 27 Häftlinge als Geiseln aus. Der Rest verteilte sich auf Nantes und Paris. Der 17jährige Guy Môquet war der Jüngste unter den Häftlingen aus Châteaubriant. Alle 27 wurden ebendort am 22. Oktober 1941 von deutschen Soldaten erschossen. Dieser Massenmord, die Opfer von Nantes und Paris eingeschlossen, sorgte für große Empörung im Land und nagte das Ansehen des Vichy-Regimes weiter an. Heute sind zahlreiche Straßen und öffentliche Einrichtungen nach dem blutjungem Guy Môquet benannt, darunter eine Pariser Metrostation.



Moritz, Werner 39 (1928–67), DDR-Lehrer, zuletzt Schuldirektor in Rogätz (nördlich von Magdeburg), starb nachweislich als Retter. Am 6. Juli 1967 befand er sich mit rund 250 anderen Fahrgästen in einem Personenzug von Magdeburg nach Thale im Harz, wo er an einer vogel-kundlichen Tagung teilnehmen wollte. Der Zug wimmelte von Schulkindern, die sich auf ihr Ferienlager im Harz freuten. Sie alle kamen an diesem Tag nur bis Langenwed-dingen, das südlich von Magdeburg liegt. Dort gab es einen nicht ordnungsgemäß geschlossenen Bahnübergang, den gegen acht gerade ein mit 15.000 Litern Leichtbenzin gefüllter Minol-Tanklastwagen benutzte. Die Dampflok des Zuges, 85 km/h schnell, da hier kein Halt geplant war, erfaßte den Lkw noch mit einem Puffer. Im Ergebnis kam es zu Explosionen und einer wahren Feuersbrunst. Kinder, die noch genug Luft hatten, schrien: »Es ist Krieg, es ist Krieg!« Die Behörden gaben später 94 Todesopfer an, darunter der Benzinfahrer und 44 SchülerInnen. Es wären beinahe 12 oder 13 mehr gewesen, hätte sie Moritz nicht aus dem brennenden Zug gerettet. Dabei zog sich der 39jährige freilich schwere Verbrennungen zu, denen er anderntags in einem Magdeburger Krankenhaus erlag. 1995 benannte man seine Schule in Rogätz nach ihm. Er selbst hatte drei Kinder und deren Mutter hinterlassen. Schrankenwärter und Fahrdienstleiter wurden damals zu je fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Kaum entlassen, brachte sich der Schrankenwärter um.*

* Katrin Löwe, »Zugunglück: Der Tod in der Flammenhölle«, Mittel-deutsche Zeitung, 5. Juli 2007: https://www.mz.de/mitteldeutschland/zugungluck-der-tod-in-der-flammenholle-2839341



Morral, Mateo 26 (1879–1906). Der Sohn eines reichen katalanischen Textilfabrikanten hatte sich in eine Abtei-lung des »anarchistischen« Lagers geschlagen, in der man nicht zimperlich zu Werke ging. Ende Mai 1906 begab er sich in der Madrider Calle Mayor Nr. 88 auf den Balkon seines im dritten Stock gelegenen Hotelzimmers, um dem Wagen des frischvermählten spanischen Königspaares ein »Blumenbouquet« zu verehren. Es enthielt eine Bombe. Dummerweise streifte es aber die Oberleitung der neuen elektrischen Straßenbahn und verfehlte den königlichen Wagen. Dadurch fielen um 25 Tote und mindestens 100 Verletzte an, teils Militärs, teils Schaulustige. Von den Verletzten blieben zum Beispiel einige blind. Morral konnte zunächst in der Menge untertauchen, wurde aber zwei Tage darauf erkannt und festgenommen. Auf dem Weg zum Gefängnis soll es dem 26jährigen gelungen sein, zunächst einen Bewacher, dann sich selbst zu erschießen. Der Vorfall ist umstritten. Im übrigen behaupten mehrere Webseiten, im republikanischen Spanien um 1935 habe die Straße dieses Anschlages von Amts wegen Calle Mateo Morral gehießen.* Trifft das zu, wäre es traurig.

* Manuel J. Prieto, »La calle Mateo Morral homenajeaba al autor del atentado en esa misma calle«, Blog Curistoria, Januar 2021: https://www.curistoria.com/2021/01/la-calle-mateo-morral-homenajeaba-al-autor-del-atentado-en-esa-misma-calle.html



Mosig, Ines Angelika 34 (1910–45), wohl eine Berliner Nazi-Mädel-Schriftstellerin und Verlagslektorin, auch Mosigk geschrieben. Ob sie gleichsam eine Rücksichtslose vom anderen Flügel des Fanatismus war, läßt sich aufgrund der mageren Quellenlage schlecht beurteilen. Anfangs verfaßte sie offenbar hauptsächlich Kinder- und Jugendbücher, zuerst Maria am Zaun, 1937. Die deutsche Wikipedia versichert, Mosigs spätere Werke Fräulein, bitte schreiben Sie! (Roman, 1941) und Mein lieber Mann! (Feldpostbriefe der Autorin, 1942) seien in der SBZ/DDR geächtet gewesen, teilt aber nicht mit, was Mosig, »geschiedene Jewan«, darin propagierte. Ich treibe im Internet einen SA-Sturmführer Kurt Jewan auf, möglicherweise der Ex-Gatte. Er war 1933/34 Häuptling der neuen »Studentenschaft« der Berliner Universität.* Die Angabe zu Mosigs Ende klingt schon recht heftig. Laut Wikipedia lebte sie zuletzt in der »SS-Kameradschafts-siedlung an der Krummen Lanke« in Berlin-Zehlendorf. Die war meines Wissens um 1938 für Funktionäre und deren »erbgesunde« Sprößlinge angelegt worden. Dort habe sich Mosig, wohl am 25. April 1945, umgebracht. Vorher habe sie jedoch ihre »fünf Monate alte uneheliche Tochter« Bettina erschossen und verbrannt. Das gehe aus Zehlendorfer Sterbeurkunden hervor. Dieses Ende fiel somit ungefähr in die Mitte der berühmten »Schlacht um Berlin«, die vom 16. April bis zum 2. Mai tobte. Dann war die Stadt in sowjetischer Hand, und der hatte sich Mosig vermutlich wohlweislich entzogen.

* Christoph Jahr, Hrsg: Die Berliner Universität in der NS-Zeit,
Band 1, Franz Steiner Verlag 2005, S. 121




Mouriño, Eliseo 33 (1927–61), argentinischer Fußballer, 1954 Meister mit den Boca Juniors, zuletzt beim chile-nischen Club Green Cross tätig. Mit diesem am 3. April 1961 per Flugzeug unterwegs, stürzte die betreffende Douglas in den Anden ab. Die Piloten hatten eine Vereisung an den Propellern gemeldet. Alle 24 Insassen kamen um, darunter 10 Clubmitglieder einschließlich des Mittelfeldspielers aus Argentinien. Andere Kameraden hatten Glück – da sie eine andere, zweite Maschine benutzten.

Der Mexikaner Juan Camilo Mouriño (1971–2008) spielte in der Politik mit, zuletzt sogar als Innenminister. Als solcher saß er am Abend des 4. November 2008 in einer Dienstmaschine, einem Learjet 45, der den haupstädt-ischen Flughafen ansteuerte. Die Maschine stürzte jedoch kurz vorher über der Stadt ab und landete genau auf der verkehrsreichen Straße Paseo de la Reforma, das paßte ja. Dort ging sie in Flammen auf – die angeblich Hochhaus-höhe erreichten. Alle neun Insassen und sieben Personen außerhalb starben, rund 40 wurden verletzt. Wie es in mehreren Quellen heißt, war der Learjet wegen einem zu geringem Abstand in die »Wirbelschleppen« einer vor ihm fliegenden Boeing geraten und deshalb wie ein Habicht zum Sturzflug abgeknickt. Das bewahrte den 37 Jahre alten Innenminister immerhin davor, früher oder später vielleicht aus dem Kabinett zu fliegen.



Mozart, Wolfgang Amadeus 35 (1756–91). Falls es ohne Genie nicht geht, ist es neben Fleiß Gedächtnis. Das vom Vatikan sorgsam vor »Raubkopien« behütete Miserere von Allegri, eine um 1635 entstandene neun-stimmige Psalm-Vertonung, soll der 14jährige Mozart 1770 bei einem Romaufenthalt zum Mittwochsgottesdienst gehört und anschließend aus dem Kopf korrekt aufgeschrieben haben. Unter Fachleuten ist es auch ein offenes Geheimnis: der klassische Komponist hatte keine Hemmungen, sich ausgesprochen viele Gattungen und Stile anzuverwandeln. Wie bei solchem »Abschreiben« »Eigenes« entstehen kann, hat vor etlichen Jahren einmal Blueschampion John Mayall in einem Interview erläutert: Mit der Zeit eigne sich der Nachahmende derart viele verschiedene Dinge an, daß er nicht mehr wie die Kopie des einen oder anderen Musikers klinge. Er schneidet die Diebstähle auf sich zu. Irgendwann scheinen all die geklauten Kniffe, Phrasen, Stücke demselben Handgelenk oder Hals entsprossen.

Allerdings hatte sich Mozart dabei etwas mehr zu sputen als der britische Rockstar, der zur Stunde bereits die 90 angreift. Bekanntlich wurde Mozart nur 35, wobei bis heute, allen Forschungsexzessen zum Trotz, nicht geklärt werden konnte, warum der angesehene Wiener Komponist am 5. Dezember 1791 nach einigen Wochen Bettlägerigkeit seinen »genialen« Geist aufgab. Während der Totenbeschauer etwas von einem »hitzigem Frieselfieber« murmelte, warfen andere BeobachterInnen ungefähr alles in die Waagschale, was man so kennt, vom Rheuma über die Syphilis bis zum beliebtem gummiartigem Herzversagen. Mozart selber glaubte, jemand habe ihn vergiftet, aber es fanden sich leider keine hinreichenden Mordmotive, geschweige denn Beweise. Für Gerd Reuther lag er damit gleichwohl gar nicht so schief. Der zeitweise in Wien lehrende Mediziner hält es für wahrscheinlich, »die Ursache des Nierenversagens« bei dem Bettlägerigen sei die damals europaweit verbreitete »Gefälligkeitsverschreibung« von Quecksilber zur Behandlung einer Syphilis gewesen.*

An Unterernährung kann es jedenfalls nicht gelegen haben. Die angebliche Armut des schmächtigen Genies entpuppte sich in neuerer Zeit als Märchen aus der Deutschen Romantik. Wie wir spätestens seit Günther G. Bauers 2009 erschienenen Studie über Mozarts finanzielle Verhältnisse wissen**, trug der von zahlreichen Dienst-boten, Hunden, Reitpferden umtänzelte Komponist stets elegante Kleidung, und ein Zimmer seiner ausgedehnten jeweiligen Wiener Wohnung war traditionell für das eigene Billard reserviert, damals ein wahrer Luxus. Möglicher-weise war Mozart auch spielsüchtig und unter anderem deshalb oft in Geldverlegenheiten. Eigentlich war er Großverdiener. Er verfügte über ein Jahreseinkommen von rund 5.000 Gulden, was nach heutiger Kaufkraft etwa 150.000 Euro entspricht. Zum Vergleich listen die ForscherInnen um Bauer den Kollegen Joseph Haydn mit 2.000 Gulden auf, einen Universitätsprofessor mit 300, einen Schulmeister mit 22 und Mozarts Dienstmädchen (egal welches) mit 12 Gulden pro Jahr. Das ist wacker von den Forschern; trotzdem darf man getrost darauf wetten, den Sprung in ein sogenanntes seriöses Nachschlagewerk wird nicht eines von Mozarts Dienstmädchen jemals schaffen. Sind deren Dienste auch zweifellos in die Zauberflöte oder die Spatzenmesse eingegangen: nach dem Mayallschen Gesetz merkt es keiner.

Der Wiener Komponist Franz Xaver Süßmayr, zuletzt auch rechte Hand des Kapellmeisters Joseph Weigl vom Theater am Kärntnertor, wurde nicht nennenswert älter als Mozart. Er hatte jedoch das Glück, 10 Jahre jünger zu sein, weshalb er sich nach Mozarts Ableben zum Vollender von Mozarts Requiem (in D-Moll) erheben konnte. Vielleicht hatte auch die liebe Witwe Constanze Mozart ihre fürsorgliche Hand im Spiel, halten sich doch hartnäckig Gerüchte, sie hätte etwas mit dem Freund des Hauses gehabt – möglicherweise sogar den angeblichen Mozart-sohn Franz Xaver Wolfgang, geboren 1791. Süßmayr hatte Constanze zum Beispiel wiederholt zur Kur nach Baden (bei Wien) begleitet. Er sollte nämlich »auf sie aufpassen«, wie der vielbeschäftigte Gatte angeblich glaubte. Zu dieser Theorie würde es natürlich ausgezeichnet passen, wenn Mozart vergiftet worden wäre, eben durch Süßmayr, doch dann gibt es wieder Quellen, die bei dem Wiener Hausfreund und Schlawiner eher homosexuelle Neigungen beobachtet haben wollen. Bei seiner Ergänzung des Requiems konnte er, so wie es angelegt war, vielleicht nicht viel falsch machen; sie wird, in der Aufführungspraxis, meistens gebilligt. Angeblich beruht sie auf Skizzen und im Todeskampf gehauchten Anweisungen des Meisters persönlich. Süßmayrs eigene Werke unterscheiden sich nach Ansicht etlicher Sachkundiger von Mozarts Werken ungefähr wie ein kugelbäuchiges Shetlandpony von Mozarts Reitpferd. Aber wer weiß, ob Süßmayr nicht im Alter noch gewachsen wäre. Er erlag 1803 mit wahrschein-lich 37 Jahren einer Krankheit – vielleicht der Tuberku-lose. Damit zum nächsten Wunderkind.

Es handelt sich um den »spanischen«, für manche auch nur »baskischen Mozart« Juan Crisóstomo de Arriaga. 1806 in betuchtem musischem Hause geboren, wurde seine erste Oper (Los Esclavos felices, Die glücklichen Sklaven) mit Erfolg in seiner Heimatstadt Bilbao aufgeführt, als er 15 war. Da sein Hauptinstrument die Geige war, konnte er, neben manchem anderem, selbst einer Sinfonie, auch noch drei Streichquartette schreiben – und hinterlassen, ehe er 1826 in Paris mit knapp 20 Jahren der Tuberkulose und wohl auch seinem rastlosem Schaffen zum Opfer fiel. Zu diesem Zeitpunkt war er am dortigem Konservatorium bereits Assistent in François-Joseph Fétis' Kompositionsklasse gewesen. Die ein Jahr zuvor veröffentlichten Streichquartette gelten als Arriagas Hauptwerke. Fétis versicherte damals, man werde keine Schöpfung finden, die »origineller, eleganter und von größerer stilistischer Reinheit« sei. Die Quartette sollen streckenweise an Schubert erinnern, ohne daß man Arriaga bislang eine Bekanntschaft mit dessen Werken nachweisen konnte. 1890 wurde Bilbaos wichtigstes Theater nach dem Frühverstorbenem benannt.

Der Wiener Komponist Franz Schubert ist berühmt genug, um hier nur gestreift zu werden. Er starb 1828 mit 31 Jahren. Für den Hamburger Mediziner Timm Ludwig*** ist die »Diagnose« der Todesursachen in Schuberts Fall nahezu geklärt. Zwar besage der tradierte Ausdruck »Nervenfieber« lediglich, dem Tod sei eine Bewußtseins-störung vorausgegangen – doch entscheidend sei die Syphilis-Erkrankung, mit der sich Vielschreiber Schubert seit rund sechs Jahren bekanntermaßen abgeplagt habe (häufig Schwindel, Kopfschmerz usw.). Daneben muß Schubert freilich auch Vielesser, -säufer und -raucher gewesen sein. Alles zusammen habe, die »katastrophalen Wiener hygienischen Verhältnisse« eingerechnet, sicher-lich für geringe Abwehrkraft gesorgt. Wahrscheinlich habe ihm in jenem Winter eine »Infektion mit Abdominal-typhus« den Rest gegeben. Hier sei die »aus heutiger Sicht absurde Therapie« mit einem Aderlaß natürlich »fatal« gewesen. Dr. med. Ludwig, ein Anästhesiologe, gestattet sich noch ein bemerkenswert fachfremdes Schlußwort: »Der tiefreligiöse Pazifist Schubert hatte die Courage, seine Verachtung für Metternichs Polizeistaat und die damit kollaborierende katholische Kirche offen zu zeigen. Das hat ihm Verhaftung, Bespitzelung, berufliche Chancenlosigkeit eingetragen und, über seinen frühen Tod hinaus, bis heute, perfide Verkitschung zum weinseligen Liedermacher.«

* Heilung Nebensache. Eine kritische Geschichte der europäischen Medizin von Hippokrates bis Corona, München 2021, S. 68
** Buchausgabe: Günther G. Bauer, Mozart – Geld, Ruhm und Ehre, Bad Honnef 2009
*** »Tödliche Krankheit, unsterbliche Musik«, Deutsches Ärzteblatt 94, Heft 47, 21. November 1997: https://cdn.aerzteblatt.de/pdf/94/47/a3195-6.pdf




Muir of Huntershill, Thomas 33 (1765–99), schot-tischer Reformer, verfolgt, vergessen – geehrt. Heute wird er mit vier Mitstreitern zu den Märtyrern seines Landes gezählt und vermutlich in allen Schulbüchern abgehandelt. Möglicherweise ist er aber unlängst wieder aus den Schulbüchern geflogen, denn so etwas wie Zivilcourage ist derzeit gar nicht gefragt.

Obwohl von einem wohlhabendem Glasgower Lebens-mittelhändler gezeugt und gefördert, war Muir bereits als Jurastudent aufgrund seines demokratischen Engage-ments angeeckt. Dann wird er Rechtsanwalt, setzt sich auch ohne Honorar für Kleine Leute ein und begeistert sich für die Französische Revolution. Er nimmt Partei für die Iren und verkündet Worte des prominenten Nordamerikaners Thomas Paine. Die Obrigkeit der britischen Monarchie läßt Muir bespitzeln, vorübergehend einsperren, verhängt Berufsverbot, verurteilt ihn zu 14 Jahre Verbannung und verfrachtet ihn 1794, trotz vieler Proteste, mit einigen Genossen nach Australien. Immerhin wird er als »Politischer« von Sträflingsarbeit und Schikane verschont. Er darf eine kleine Farm bei Sydney betreiben und an seinen Schriften arbeiten. Im Jahr darauf nutzt er die Gelegenheit, mit dem US-Schiff Otter, von dessen Kapitän unterstützt, nach Amerika zu flüchten. Er hat einige ermutigende Begegnungen; da es ihn jedoch nach Europa drängt, nimmt er 1797 die Fregatte Ninfa Richtung Spanien. Dieses Imperium liegt allerdings neuerdings mit England im Krieg, und das greift den spanischen Segler prompt an. Dabei wird Muir im Gesicht verletzt; er verliert sein linkes Auge. Immerhin erreicht er ein Hospital in der spanischen Hafenstadt Cádiz und kann von dort aus, vom französischen Außenminister Talleyrand vermittelt, nach Paris reisen. Zunächst gefeiert, verfaßt er zwei Bände über seine Erlebnisse und Ansichten und bietet sie der französischen Regierung als Sicherheit für ein kleines, geschütztes Anwesen und eine schmale Rente an, damit er seine Gesundheit wiederherstellen könne. Darauf habe er jedoch keine Antwort erhalten, heißt es in mehreren Quel-len. Von Armut bedroht, durch seine Wunde geschwächt und übel gezeichnet, selbst von Freunden vernachlässigt, sei er »in die Dunkelheit abgedriftet«, so John Earnshaw*, und bereits im Januar 1799 gestorben. Er war 33.

Muirs Begräbnisstätte gilt als unbekannt, so bedeckt und einsam lebte er zuletzt. Auch das erwähnte Manuskript soll leider verloren gegangen sein. Ich fürchte allerdings, von irgendeiner Art Liebesleben des Advokaten und Abenteurers fände sich auch darin kein Wort. Eine jüngere Büste, die der schottische Bildhauer Alexander Stoddart schuf, zeigt nur einen halben bildhübschen jungen Mann. Dessen linkes Auge ist von einem faltenreichen Tüchlein verhängt, das um ein Haar auch noch den linken Mundwinkel verborgen und den küssenswerten Mund geschädigt hätte. Anscheinend ist diese merkwürdige Augenbinde über ein schmales Stirnband geworfen und dadurch gegen Wegflug gesichert. In der Länge paßt sie sich übrigens der lockigen Haartracht des Geehrten an. Woher Stoddart dies alles hat, dürfen Sie mich nicht fragen. Auf zeitgenössischen Bildnissen wirkt Muir ein wenig unvollkommener, teils sogar entstellt. Selbst die Augenbinde oder -klappe sitzt zuweilen schief, nämlich genau auf dem anderen, dem rechten Auge.

* im Australian Dictionary of Biography, Volume 2, (MUP), 1967: https://adb.anu.edu.au/biography/muir-thomas-2488



Muller, Helgi 39 (1932–71), estnische Schriftstellerin, gerät in Sackgasse. Nach den dürftigen Internet-Angaben hatte die Tochter aus proletarischem Hause studiert, unter anderem Psychologie und Journalismus, und 1954 erstmals Gedichte veröffentlicht, also bereits unter sowje-tischer Oberherrschaft. Sie arbeitete im Kulturbereich, aber auch in der Marat-Strickwarenfabrik – ob als Propagandistin oder als Maschinistin, wird nicht gesagt. Vielleicht deckte sich das ja sogar: ein Sammelband von 1966 trägt den hübschen Titel Laulud ratastel (Lieder auf Rädern). Ab 1963 sei Muller, geborene Orr, hauptberuflich Schriftstellerin gewesen. Neben Gedichten oder Songtexten, die häufig vertont worden seien, verfaßte sie auch Übersetzungen im lyrischem oder dramatischem Bereich – wohl vornehmlich aus dem Russischen und Finnischen. Nun schwingt sich ein jüngeres Online-Lexikon von Literatur-Professoren und -Studenten der Universität Tartu zu wahrer Poesie auf.* Es gebe viel Sonnenschein und Wärme in Mullers Werk, in dem ihre unruhige Seele erklinge. Ihr Leben sei jedoch 1971 »cut short« worden, »als sie sich in ihrer ausgereiftesten Phase der Kreativität befand. Die Dichterin war in eine Sackgasse geraten und hatte sich das Leben genommen.« Damit endet der betreffende, knappe Eintrag.

Ob Muller von einem lieblosem Gatten oder wenigstens dem großem sowjetischem Bruder geschieden war, können wir nur beleglos mutmaßen. Soweit ich weiß, verdankte sich die erwähnte Oberherrschaft, einsetzend 1940, dem sogenannten Nichtangriffspakt zwischen der Sowjetunion und dem »Dritten Reich«. Zu diesem Meisterstück der Diplomatie und Heimtücke können Sie unter A-38 meine Betrachtung »Hitler-Stalin-Pakt« lesen.

* Lauri Pilter im Estonian Writer's Online Dictionary (Eesti kirjanike e-leksikon) https://sisu.ut.ee/ewod/m/muller



Müller, Johann Friedrich 33 (1782–1816), schwäbi-scher Kupferstecher, Selbstmord? Obwohl bei schlechter Gesundheit, erlegte sich Müller ausgedehnte Kunststudien auf, darunter in Paris und Italien. Nach August Wintterlin* war er als Kleinkind an den Blattern=Pocken erkrankt und entwickelte dadurch eine hypochondrische Neigung, die ihm auch in der Jugend zu schaffen gemacht habe. Der Kunststudent spitzte sich wie sein Erzeuger auf den Kupferstich. Seine 1808 vollendete Platte des Heiligen Johannes, des Evangelisten, nach Domenichino soll insbesondere unter Frauen viel Entzücken hervorgerufen haben. 1811 heiratete Müller Henriette Rapp (zwei Kinder), 1814 berief ihn die Dresdener Kunstakademie auf einen Lehrstuhl. Seine Arbeiten wurden hochgelobt. Er lieferte unter anderem Porträts von Johann Peter Hebel, E. T. A. Hoffmann, Schiller (nach einer Büste). Aber schon 1815 nahm das Königreich Sachsen Neuerungen an der Akademie vor, die Müller als bedrohlich und kränkend empfand. Sogar die Kupferstecherschule stand in Frage. Im Verein mit Gestaltungsproblemen habe dies so sehr an seinen Kräften gezehrt, daß er einen Zusammenbruch erlitt, meint Wintterlin. Düstere Schwermuth habe sich mit religiöser Schwärmerei verbunden und den jungen Professor in den Wahnsinn getrieben. Man schaffte ihn auf das Schloß Sonnenstein bei Pirna, wo Dr. Ernst Gottlob Pienitz eine Irrenanstalt leitete, die sogar als »fortschritt-lich« galt. Um 1940 sollte sie traurige Berühmtheit als Tötungsanstalt erlangen. Müllers Ende im Mai 1816, als 33jähriger, ist offenbar nicht belegt. Man nimmt jedoch in der Regel an, er sei nach Überlistung eines Wächters aus einem Fenster gesprungen.

Die Witwe wurde keineswegs älter. Henriette, geboren 1792, starb 1823 mit ungefähr 31. Sie hatte gerade erst, 1822, den schwäbischen Theologen Nathanael Friedrich von Köstlin geheiratet. Vielleicht starb sie an einer Geburt – damals leider normal. Ihre Vorgängerin als Theologen-gattin hatte es auch nicht besser getroffen. Henrike Schnurrer hatte Köstlin 1809 geheiratet. 10 Jahre darauf starb sie ihm weg, wahrscheinlich schon mit 30.

Johann Gotthard Müller, der Vater des Wahnsinnigen, wurde (in Stuttgart) über 80. Das war damals sehr viel. Dessen erste Gattin Charlotte Catharine Schnell war allerdings bereits 1781 im Alter von 21 Jahren gestorben, wie auf der Webseite von Filderstadt zu erfahren ist.** Ein Jahr darauf heiratete der Senior Rosine Schott, der er im ganzen neun Kinder machte, darunter an erster Stelle Johann Friedrich. Wieder drei Jahre später, 1885, hatte der Senior Künstlerpech. Er habe aus Paris den Auftrag erhalten, ein Porträt König Ludwig XVI. im Krönungsornat von Duplessis in Kupfer zu stechen. »Als das Werk, das zu seinen besten gehört, jedoch fertig gestellt war, hatte die Französische Revolution die Monarchie abgeschafft, der König wurde 1793 hingerichtet, das Werk war somit unverkäuflich.«

* ADB 22 (1885): https://www.deutsche-biographie.de/sfz66573.html#top
** https://www.filderstadt.de/start/tourismus/Joh_+Gotth_+Mueller+_1830_.html




Müller, Philipp 21 (1931–52), antimilitaristischer Demonstrant in Essen. Im Jenseits angekommen, durfte er sich rühmen, der erste von verschiedenen erschossenen Demonstranten der BRD zu sein. Die Polizeikugeln hatten ihn hinterrücks im Mai 1952 in Essen bei Protesten gegen die westdeutsche Wiederbewaffnung getroffen. Da war der aus München angereiste junge Schlosser 21 gewesen. Obwohl der nordrhein-westfälische Innenminister Lehr die Proteste unter fadenscheinigen Begründungen in letzter Minute verboten hatte und dadurch die Anreise-willigen verwirrte und einschüchterte, waren es immer noch rund 30.000 Antimilitaristen, die die Kruppstahl-Metropole »unsicher« machten. Nach Schießbefehl durch Lehr, weitergeleitet von Polizeikommissar Knobloch, wurde zufällig Müller tödlich im Rücken getroffen. Verletzt wurden außerdem der Sozialdemokrat Bernhard Schwarze aus Kassel und der Gewerkschafter Albert Bretthauer aus Münster. Die in furchterregenden Mengen aufgebotene Polizei eröffnete sogleich auch eine andere Tradition, die sich noch oft bewähren sollte: die Demonstranten hätten zuerst geschossen. Als diese Lügen nicht mehr haltbar waren, erläuterte der Düsseldorfer Ministerpräsident Karl Arnold, der Andrang der Menge sei derart gewalttätig gewesen, daß er allein durch Schlagstockgebrauch nicht hätte gebrochen werden können. Entsprechend billigte das Landgericht Dortmund den Polizisten im Oktober 1952 Notwehr zu. Auch dies wurde von etlichen Augenzeugen widerlegt, die zum Teil ihrerseits von der Polizei verprügelt worden waren, um ihre Aussagefreudigkeit zu dämpfen. Statt jedoch auch nur einen Uniformierten zu belangen, verurteilte die Justiz später 11 Jugendliche zu Haft bis zu zwei Jahren.

Wie sich versteht, ereiferten sich die herrschenden Kreise über die Umtriebe einer SED/FDJ-gesteuerten »kleinen radikalen Minderheit«, auch so eine Tradition. Obwohl Bonn im April 1951 das Verbot einer unter Führung von Pastor Martin Niemöller geforderten Volksabstimmung zur Wiederbewaffnung verfügt hatte, sprachen sich bis zum März des Folgejahrs mehr als neun Millionen BRD-Bürger gegen die Remilitarisierung aus. Laut Hubert Reichel* hatte sich der Deutschland-Korrespondent der New York Times, Drew Middleton, schon Anfang 1951 keinen Illusionen mehr hingegeben: »Der Enthusiasmus, den die westlichen Generale und Politiker über die deutsche Wiederbewaffnung bekunden, findet in diesem Lande keinen Widerhall. Insbesondere trifft das auf jene Erwachsenenkontingente zu, aus denen die Truppen rekrutiert werden müssen.« Zu diesen Kontingenten zählten freilich nicht der aus Eiche geschnitzte Kanzler Adenauer, der lederharte Antikommunist Kurt Schumacher, der Ausbrüter der späteren Starfighter-Eier Franz Josef Strauß und so weiter – bis hin zum Erfinder des Radikalenerlasses Willy Brandt** und über ihn hinaus.

Nach dem ermordetem Philipp Müller (dessen frischange-traute Frau Ortrud, geborene Voß, nebst einem Säugling in Ostberlin lebte) waren in der DDR zahlreiche Einrich-tungen unterschiedlichster Art benannt worden. In Halle gab es seit Müllers Todesjahr eine Philipp-Müller-Straße – die seit 2012 Willy-Brandt-Straße heißt. Vielleicht wollte man hier eine »klammheimliche« Verbindung nicht nur zu Brandts Berufsverboten, sondern auch zum Ende Benno Ohnesorgs herstellen. Damals, 1967, war Brandt in Bonn Außenminister und Vizekanzler gewesen.

* »Ein Schießbefehl aus Bonn«, Ossietzky 8/2002: https://www.sopos.org/aufsaetze/3cd2de4556292/1.phtml.html
** Dazu, mit der taz vom 9. Juni 2021: https://taz.de/Radikalenerlass-in-West-Berlin/!5778051/, die brandneue Botschaft aus dem Land Berlin, »Rot-Rot-Grün« wollten den Radikalenerlaß endlich »aufar-beiten«, dabei jedoch die Frage von Entschuldigung und Entschädi-gung übergehen, um den »Säulenheiligen« der Sozialdemokratie nicht annagen zu müssen, eben Willy Brandt.




Müller, Wolfgang 37 (1922–60), Schauspieler und Kabarettist aus Wien und Berlin, außerdem ein Scherz-vogel, der unbedingt Flugkapitän werden wollte. Müller starb erheblich früher und unauffälliger als sein Partner aus der Jugendzeit Wolfgang Neuss, der noch als »Mann mit der Pauke« Karriere machte, nachdem Müller keineswegs als Bühnenkünstler, vielmehr als Flugschüler abgestürzt war. Die beiden hatten sich 1949 gefunden. In der Folge schossen sie unter der Firma »Die zwei Wolfgangs« als Adenauer-feindliches Komiker-Duo aus der »Frontstadt« Westberlin aus allen blitzenden Rohren. Daneben waren sich beide Wolfgangs nicht zu schade, ob solo oder gemeinsam, in etlichen zeitgenössischen Filmklamotten mitzuwirken, darunter Das Wirtshaus im Spessart von 1958. Als 1960 in der Schweiz Dreharbeiten zum Spukschloß im Spessart folgten, nutzte der 37jährige Müller die Gelegenheit zu einem Besuch beim Piloten und Fluglehrer Max Manger aus Basel, der inzwischen in Minusio lebte, einem Nachbarort von Locarno am Lago Maggiore, also im schönen Tessin. Dieser Entschluß kam Mangers Todesurteil gleich.

Wie schon angedeutet, hatte sich Müller die Pilotenlizenz in den Kopf gesetzt, und Manger, geboren 1916, galt als erfahrener und geschickter Flieger. Aber lediglich bis zum 26. April. Dies alles weiß ich übrigens nur, weil mir eine freundliche Frau aus der Gemeindeverwaltung von Lostallo mit einem leider auf italienisch verfaßten Zeitungsartikel* vom 27. April unter die Arme griff. Danach waren die beiden Männer in einer Piper um Mittag in Lugano-Agno gestartet. Man führte mehrere »Außen-landungen« durch, darunter im berühmtem Städtchen Ascona. Der Versuch, am frühen Nachmittag auf dem Flugfeld von Lostallo, Graubünden, zu landen, ging jedoch schief. Aus meiner Quelle geht beim besten Willen nicht hervor, wer da gerade am Steuer des Sportflugzeuges saß. Ich vermute, es war Flugschüler Müller, weil ja Manger wohl keine »Außenlandungen« mehr nötig hatte. Doch wenn in einem motorisiertem Sportgerät zwei Hohlköpfe sitzen, dürfte es Jacke wie Hose sein. Auf dem genannten Flugfeld verfing sich die Piper bei ihrem Landeanflug in rund 30 Meter Höhe an einem »überhängendem Draht«, stürzte ab und ging, ausgerechnet neben einem Bach, in Flammen auf.

Leider nützte der Bach weder dem 37jährigem Komiker Müller noch Max Manger, der wohl 42 war. Beide verbrannten. Manger soll Sprößling einer seinerzeit recht bekannten Baseler Konzertpianistin gewesen sein. Was den verhängnisvollen »Draht« angeht, war es wohl keine Stromleitung, aber doch ein Hindernis, das schon früher bei Piloten Mißfallen erregt hatte. Vielleicht wurde es entfernt. Über die Ermittlungen der Behörden ist im Internet nichts zu lesen.

* »Un attore ed un ardito pilota periti in un aereo decollato da Agno«, Giornale del Popolo (Lugano), 27. April 1960, S. 2



Münchhausen jun., Börries von 29 (1904–34), Sprößling eines auf Schloß Windischleuba bei Altenburg, Thüringen, residierenden faschistisch gestimmten und entsprechend ruhmreichen Balladendichters. Der Junior hatte es trotz aller Verwöhnung zum Dr. phil. und Diplom-Landwirt gebracht. Soweit ich weiß*, durchkreuzte sein tödlicher Autounfall die Aussicht, Herr auf Gut Moringen bei Northeim in Niedersachsen zu werden, die ihm wahrscheinlich sowieso nicht geschmeckt hatte. Die Umstände liegen im Dunkeln. In Jutta Ditfurths Biografie über den Senior, den gleichnamigen Balladenbaron**, wird lediglich vom »allzu raschen Dahinjagen« des Sprößlings gesprochen – wo auch immer. Auf einer thüringischen Webseite*** wird beleglos behauptet, Münchhausen, wohl erst 29, habe sich im Rahmen eines Autorennens »bei Großkugel« totgefahren, also vermutlich auf einer Landstraße zwischen Halle und Leipzig, somit nicht weit von Altenburg entfernt. Ebendort, auf seinem Schloß, bringt sich der Senior, mit knapp 71, gut 11 Jahre später beim Näherrücken der Alliierten wohlweislich um. Man fühlt sich an die junge Kollegin >Mosig erinnert. Im Gegensatz zu dieser besitzt der Altfaschist jedoch in Altenburg und Göttingen bis zum heutigem Tage ein »Ehrenbürgerrecht«. In Windischleuba hat er, seit 1999, zudem eine Straße. Läge es da nicht nahe, nun auch jene Landstraße nach dem verunglückten Junior zu benennen? Das böte Heimatforschern nebenbei den Anreiz, ein paar Einzelheiten des wieder einmal »tragischen« Rennens auszugraben.

* »Das Stadtgut in Moringen«, Moringer Zeitung, 30. Juli 1966, bearbeitet 2014 auf http://weperhase.bplaced.net/?Moringer_Geschichte___Die_Moringer_Gueter___Das_Stadtgut_in_Moringen
** Hamburg 2013, S. 265
*** Ulrich Kaufmann, »Das Schloss in Wiesen«, Literaturland Thüringen, 2007: http://www.literaturland-thueringen.de/artikel/das-schloss-in-wiesen-der-balladendichter-boerries-freiherr-von-muenchhausen-in-windischleuba/




Müntzer, Thomas c.36 (um 1489–1525), bauernfreund-licher Pfarrer, enthauptet. Eine Parallele zur Erfindung von Völkern und Vaterländern treffen wir in dem etwas später einsetzenden Bemühen an, einen Frontverlauf zwischen Katholizismus und Protestantismus zu konstruieren. Auch dieses Konstrukt bezweckte oder bewirkte jedenfalls die Ablenkung vom Gegensatz oben/unten. Folgerichtig blies Luther, Geißler des Ablaßhandels und noch anderer Scheinheiligkeiten des Klerus', die Fürsten, Grafen und Ritter sofort mit Hilfe seines mit Galle gefüllten Hornes zum Angriff »wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern«, nachdem diese es scharenweise gewagt hatten, sich gegen ihre Peiniger zu erheben. Das Land, das der hörige Bauer bewirtschaftete, gehörte ihm nicht, und einen gehörigen Anteil des Ertrages hatte er an den Grundherrn und die Pfaffen abzuliefern. Hinzu kam Fronarbeit bei diesen Blutsaugern selber – sei es, um ein Schloß, sei es, um ein Gotteshaus zu errichten. Der Graf durfte jede Magd und jede Bauerstochter schänden, sofern ihm der Sinn danach stand, und das war oft der Fall. Bei der Jagd durfte er ungestraft durch den vom Hörigen angebauten Weizen trampeln; wagte es aber der Hörige, im gräflichem Wald einen Ast Brennholz aufzulesen, hatte er Glück, wenn er nicht, wie bereits weiter oben erwähnt, geblendet wurde, bevor man ihm den Schädel abschlug.

Dieses Schicksal sollte 1525 auch der ungefähr 36jährige Thomas Müntzer erleiden, obwohl er von Hause aus Theologe und anfangs Bewunderer Luthers gewesen war. Der sächsische Priester, 1513 in Halberstadt geweiht, hatte sich im folgenden bei seinen Dienstherren wegen seiner aufrührerischen Reden und seiner Reformversuche – etwa Abschaffung klerikaler Vorrechte, Auflösung der Klöster, Gottesdienste in deutscher Sprache – immer unbeliebter gemacht und ein entsprechendes Wanderleben geführt. Andererseits wuchs dadurch seine Anhängerschaft – und nach Siegfried Bräuer* war sein Sendungsbewußtsein nicht eben gering. Er hielt Gottes Gericht für nahe und sich selber für das Sprachrohr der rechtgläubigen Auserwähl-ten. 1523 heiratete er als Pastor der Allstedter Johannis-kirche mit Ottilie von Gersen eine Ex-Nonne, die möglicherweise aus dem Kloster Wiederstedt entlaufen war. Sie brachte ihr erstes Kind im März 1524 zur Welt. Im selben Jahr nach Mühlhausen entflohen, mauserte sich Müntzer fast über Nacht zu einem Führer des thürin-gischen Bauernaufstandes, der nicht nur das Wort zu schwingen verstand. Ein Jahr darauf erlitt er jedoch mit seinen »Haufen« in einer Schlacht gegen das hessisch-sächsische Fürstenheer bei Frankenhausen eine empfindliche Niederlage. Er wurde gefangen, wohl auch qualvoll »verhört« und am 27. Mai 1525 im Fürstenlager vor den Toren Mühlhausens enthauptet.

Von der Witwe Ottilie Müntzer, erneut schwanger, weiß man nichts Genaues. Wahrscheinlich mußte sie Mühl-hausen, wo ihr Mann gewählter Pfarrer der Marienkirche gewesen war, auf Geheiß der Sieger gleich nach der Niederkunft verlassen. Nach einigen Quellen war sie am Jahresbeginn ohnehin schon einmal verhaftet worden, weil sie bei einem katholischem Gottesdienst in Mülverstedt als »Hauptstörerin« in Erscheinung getreten war. Vermutlich begab sie sich nun zu Verwandtschaft nach Nordhausen oder Erfurt. Das Schicksal ihrer beiden Kinder ist nicht bekannt, aber immerhin sind in Ostdeutschland zahlreiche Schulen nach Müntzer benannt – noch jedenfalls. Der Mutter war das Übelste schon bei den Maikämpfen wider-fahren: ein Soldat des Fürstenheeres hatte sie vergewaltigt. Der Hamburger Theologin Inge Mager zufolge** ist dieser Vorfall sogar von Luther scharf verurteilt worden.

* Lexikonartikel von 2010, hier auf https://www.thomasmuentzer.de/vita/
** »Theologen-Ehefrauen als 'Gehilfinnen' der Reformation«, in: Katharina von Bora, die Lutherin, hrsg. v. Martin Treu, Wittenberg 1999, 113–27




N., Irene 32 († 2012), Angestellte im Neusser »Jobcen-ter«. Der gebürtige Marokkaner und »Langzeitarbeitslose« Ahmed S. (52) kochte am 26. September 2012 bereits vor Wut, ehe er im einstigem Arbeitsamt von Neuss die Verkörperungen der neuen Namen »Arbeitsagentur«, »Jobcenter« oder »CTP (Come Together Point)« überhaupt auf sich hatte wirken lassen. Nun suchte er vergeblich nach einem bestimmtem Mitarbeiter, den er wegen eines Schriftstücks zur Rede stellen wollte, bei dem er nur Bahnhof verstanden hatte. Er befürchtete Datenmißbrauch. Durch den Mißerfolg seiner Suche noch wütender geworden, betrat er ersatzweise ein Zimmer der Abteilung Visionen 50plus – ungelogen. Die 32jährige Sachbearbeiterin Irene N. hatte das Pech, daß es ihr Zimmer war. Nach kurzem Streit zog S. ein langes Fleischermesser aus seiner Kleidung und stach auf die Frau ein. Sie starb kurz darauf im Krankenhaus. Das Pech dieser Lückenbüßerin war das Glück jenes Kollegen, den der aufgebrachte S. nicht gefunden hatte. Nun war dieser sofort geständig. Da er von der Eingangstür an zwei Messer mit sich geführt hatte, verurteilte ihn das Düsseldorfer Landgericht ein halbes Jahr darauf wegen Mordes zu Lebenslänglich.*

Mit dem Geld, das die damaligen Umbenennungen und »Umstrukturierungen« auf dem »Arbeitsmark« ver-schlangen, hätte man wahrscheinlich alle marokkanischen Wüsten in Gärten verwandeln können. Aber es war schon immer etwas teurer, das liebe Volk zu täuschen, zu verhöhnen und zu entwürdigen, anstatt die Wahrheit zu sagen. Schließlich konnte Kaiser Wilhelm die Schutz-truppen, die er nach Südafrika entsandt hatte, nicht mit Schiffszwieback verpflegen, vor allem nicht ihren General Lothar von Trotha. Später kamen Maßnahmen wie die Schutzhaft und die Schutzimpfung für besonders gefährdete Kommunisten und Kinder – und jetzt haben wir, seit dem 21. April 2021, das »Vierte Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite«, das der Bundestag selber, in griffiger Kürze, auch Bevölkerungsschutzgesetz nennt.** Für ihn, den Deutschen Bundestag, soll dieses Instrument vor allem »vereinheitlichen«, also nicht etwa gleichschal-ten. KritikerInnen meinen, es sei vor allem eine Berliner Abrißbirne gegen die spärlichen Überreste des deutschen Föderalismus'. Der war dereinst antifaschistischen Beweggründen entsprungen.

* Tim Röhn, »Lebenslange Haft für Mord in Neusser Jobcenter«, Welt, 5. April 2013: https://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article115034002/Lebenslange-Haft-fuer-Mord-in-Neusser-Jobcenter.html
** »Bevölkerungsschutzgesetz: Bundesweite Notbremse beschlossen«, https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2021/kw16-de-infektionsschutzgesetz-834802




Najim, Lamees 17 († 1972). Wer sie im Internet sucht, wird Mühe haben, über die Feststellung hinaus zu kommen, sie sei eine Nichte gewesen. Und zwar war sie die Nichte des militanten palästinensisch-libanesischen Schriftstellers Ghassan Kanafani (1936–72). Als Kind einst selber aus Palästina vertrieben oder jedenfalls geflüchtet, zählte Kanafani zu den Führungskräften der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP). Er war etliche Jahre als Redakteur und Erzähler tätig. Berühmt ist er für den Flüchtlingslager-Roman Men in the Sun, 1962. In seiner letzten Zeit wirkte er, von Beirut aus, offenbar hauptsächlich als Repräsentant und Sprecher der PFLP. In der libanesischen Metropole erwischte es ihn auch, mit 36 Jahren: am 8. Juli 1972 flog sein Wagen, ein Austin 1100, in die Luft. Neben ihm hatte eben seine 17jährige Nichte Lamees Najim gesessen. Der israelische Geheimdienst Mossad, so wird fast überall angenommen, hatte eine Autobombe angebracht. Angeblich sollte das die Vergeltung für das »Massaker am Flughafen Lod« (Tel Aviv) von Ende Mai sein. Ob Kanafani diesen Anschlag gutgeheißen oder aber mißbilligt hatte, ist umstritten.

Der Schriftsteller hinterließ seine aus Dänemark stammende Witwe Anni Høver mit zwei Kindern. Was Lamees Najim angeht, seine Nichte, war sie, soweit ich weiß, nur besuchsweise in Beirut, aus Kuwait. Aber darauf kommt es natürlich nicht an. Kanafanis Gefährdung lag ja auf der Hand; man darf also mindestens annehmen, sie habe ihr Leben durch die Fahrlässigkeit eigener Leute verloren. Diesbezügliche selbstkritische Töne sind mir nicht bekannt. Immerhin wird ihrer auf einer palästina-freundlichen Plattform aus den USA am Ende eines Artikels* zum Gedenken an Kanafani in mehr als nur einem Satz gedacht – allerdings auf recht befremdliche Weise, wie ich finde. Man dürfe selbstverständlich nicht vergessen, daß bei dem Anschlag auch die 17jährige Lamees Najim ums Leben kam. Statt sie nun gleichfalls zu würdigen, wird sie jedoch zum Schulbeispiel dogmatischer Moralpredigt erniedrigt. Sie habe ihren Onkel just am Tag zuvor aufgefordert, sich wieder mehr dem Erzählen zu widmen. Der habe ihr aber die Vorrangstellung des prinzipienfesten revolutionären Kampfes auseinander gesetzt. Das ist alles. Von den Prioritäten der Nichte erfährt man im ganzen Internet kein Komma.

* Louis Brehony, »Ghassan Kanafani: Voice of Palestine«, The Palestine Chronicle, 4. September 2017: http://www.palestinechronicle.com/ghassan-kanafani-voice-of-palestine-1936-1972/



Nakovska, Mariya 29 († 2014), bulgarische Studentin der Wirtschaftswissenschaften in Halle. Als sie Anfang Februar wie so oft, allerdings schon bei Dunkelheit, an der Peißnitzinsel joggt, wird sie überfallen und erwürgt. Ihre Leiche wird anderntags aus dem Mühlgraben gezogen. Die Polizei vermutet ein Sexualverbrechen. Da sie keine Verdächtigen findet, stellt sie ihre Ermittlungen im März 2018 vorläufig ein. Schreie wurden damals nicht vernom-men. Das Opfer selber, eine braunhaarige Frau mit vollen Lippen, hatte Kopfhörer auf. Freunde schildern sie als fröhlich, zuverlässig, »herzensgut«.



Nardulli, Itaco 16 (1974–91), Kinderstar des italie-nischen Films, unter anderem in der Fernsehserie Der Schatz im All (mit Anthony Quinn) erfolgreich. Im Spätsommer 1991 hatte Nardulli mit Verwandten Bade- und Tauchurlaub an der nordsardinischen »Costa Sme-ralda«, der Smaragdküste gemacht. Am kritischem Tage warteten Freunde von ihm in der Nähe des Hafenstädt-chens Porto Rotondo (bei Olbia) in einem Boot vergeblich auf Nardullis Wiederauftauchen nach mehreren »Freitauchgängen«. Die alarmierten Rettungskräfte fanden ihn einige Stunden später ertrunken auf dem Meeresgrund. Die Tiefe betrug 22 Meter. Meine Quelle* legt den Verdacht auf Muskelkrämpfe nahe, weiß aber (kurz nach dem Unglück) nichts Genaues. Der junge Mann aus Mailand, knapp 17, sei »von sportlicher Statur«, zurückhaltend, eher ungesellig gewesen. Als 6jähriger Lockenkopf hatte Nardulli (1980) in Sergio Corbuccis Film Mi faccio la barca geglänzt, eingedeutscht: »Leinen los – wir saufen ab!«

* »Muore il giovane interprete del serial ...«, La Repubblica, 28. August 1991: http://ricerca.repubblica.it/repubblica/archivio/repubblica/1991/08/28/muore-il-giovane-interprete-del-serial.html



Natsagdordsch, Daschdordschiin 30 (1906–37), mongolischer kommunistischer Schriftsteller und Abweichler. Zwischen China und Rußland eingeklemmt, wirkt das riesige Land der Mongolen für flüchtige BeobachterInnen meist bedeutungslos. Es ist mehr als viermal größer als Deutschland, aber vergleichsweise menschenleer. Die Hälfte der gut drei Millionen Mongolen ballt sich heute bereits in der von Gebirgen, Steppen und Wüsten umgebenen Hauptstadt Ulan-Bator. Wer Weite und Stille sucht, wird sie wahrscheinlich noch immer in der Mongolei finden. Notfalls genügt Natsagdordsch' berühmtes langes Gedicht Meine Heimat von 1933. Schlankes Gras wiegt seine Ähren im Wind, die blau überwölbte Steppe gaukelt manch wundersames Bild vor; die Jurten der Nomaden nennt der Autor nicht, gleichwohl sieht man die Rauchfäden aus diesen kreisrunden, eher stumpf bedachten Zelten steigen, die offenbar gleicher-maßen gut vor Hitzewellen und klirrender Kälte schützen. Ungeachtet früherer Ausfälle gegen Heimat und Lyrik muß ich einräumen, dieses innige Werk eines scheinbar schlichten Gemütes ergreift sogar mich. Daran dürfte die Übersetzerin Renate Bauwe keinen geringen Anteil haben. Sie stellt Meine Heimat und noch manches andere auf ihrer Webseite vor.*

Natsagdordsch stammte aus verarmtem Adel. Seine Mutter hatte er früh verloren. Der Vater, ein Kanzlei-schreiber, ermöglichte ihm Bildung. So wurde Natsagdordsch gleichfalls Sekretär. Bald nach der Volksrevolution 1921 gelangte er trotz seiner Jugend in hohe Partei- und Staatsämter. Daneben schrieb er Lieder und beteiligte sich, gemeinsam mit seiner ersten Frau Pagmadulam, an einer hauptstädtischen Theatergruppe, die als Keimzelle der neuen Kultur gilt. Ab 1925 folgen Studienaufenthalte in Leningrad und Deutschland, dort wohl hauptsächlich in Leipzig. Auch dabei begleitet ihn seine Frau. 1929 heimgekehrt, ist Natsagdordsch vorwiegend geisteswissenschaftlich, übersetzerisch und literarisch tätig. So schrieb er, aus Märchen schöpfend, die Vorlage für die nach wie vor vielgespielte Oper Die drei traurigen Hügel. Ein Roman blieb unvollendet.

Bald nach 1930 setzte Natsagdordsch' Niedergang ein. Maßgebliche Parteikader warfen ihm, nach Bauwe nicht ganz grundlos, Linksabweichung und westliches Gebaren vor. Selbst seine zweite Ehe mit der Sowjetbürgerin Nina Tschistakowa, die eine deutsche Mutter hatte, stieß auf Mißfallen. Im Winter 1935 wurde Tschistakowa sogar mitsamt der kleinen Tochter Ananda-Schri in die SU ausgewiesen – ohne den Gatten. Der hatte inzwischen auch schon einmal für ein halbes Jahr Bekanntschaft mit dem Gefängnis gemacht. Jetzt »resignierte und vereinsamte« er immer mehr, »ergab sich dem Alkohol und starb völlig mittellos«, schreibt Bauwe in einem 2011 überarbeitetem Porträt. Der Mann war erst 30 Jahre alt. Heute thront er in seinem Sterbeort Ulan-Bator in Bronze, wie ich vermute, auf einem fettem Klotz aus weißem Stein: der Nationaldichter.

Um 1990 ging die Mongolei den bekannten Weg in die kapitalistische Demokratie. Zu den Galionsfiguren des »Umbruchs« gehörte der meist als sehr ehrenwert gelobte Gelehrte Sandschaasuren Zorig (1962–98), auch Sanjaasürengiin geschrieben. Er machte politisch Karriere. Im Herbst 1998 hatte der 36jährige »Infrastruktur-minister« gerade gute Aussichten auf den Posten des Regierungschefs, als er in seiner Wohnung von zwei maskierten Personen überrascht und erstochen wurde. Ein schnöder Raubüberfall war es offenbar nicht. Dafür hatte er als »Infrastrukturminister« Staatsaufträge von beträchtlichem Umfang zu vergeben. Vielleicht wollte man unliebsame Enthüllungen oder ungünstige Weichenstel-lungen unterbinden. Erst 2016/17 soll es zu einem Prozeß gekommen sein – jedoch hinter verschlossenen Türen. Angeblich wurden drei Personen zu hohen Haftstrafen verurteilt. Laut der einheimischen (englischsprachigen) UB Post wird aber weiter nach dem Drahtzieher des Mordes gesucht. Die Akten des Falles umfaßten 14.926 Seiten, verrät das Blatt.** Die Demokratie mag unvollkom-men und undurchsichtig sein – ihren Fleiß kann niemand bezweifeln.

* http://www.mongolian-art.de/03_mongolische_literatur/literatur_index.htm
** Bayarbat Turmunkh, »S. Zorig's assassination case file to be declassified«, 4. Dezember 2017: https://web.archive.org/web/20171229113829/http://theubpost.mn/2017/12/04/s-zorigs-assassination-case-file-to-be-declassified/




Negri, Adelchi 35 (1876–1912), italienischer Mediziner, zuletzt Professor für Bakteriologie in Pavia, Lombardei. Er beteiligte sich unter anderem am Kampf gegen die Malaria. In der Diagnostik gilt er als Entdecker von »Negri-Körperchen«, die sich in den Kleinhirnen von an Tollwut befallenen Tieren und Menschen finden. Die Tollwut wird von Viren verursacht. Mit 35 erlag Negri aber nicht diesen Viren, sondern den Tuberkulose-Bakterien – ob fahrlässig, märtyrerhaft oder zufällig, ist mir nicht bekannt.

Vielleicht ist es erlaubt, zum Wiener Schauspieler und Dramatiker Ferdinand Raimund (1790–1836) zu schwen-ken, obwohl er nicht ganz zu den Frühverstorbenen gezählt werden kann. Von ihm wissen wir in Sachen Lebenswandel immerhin etwas mehr. Raimund war durchaus erfolgreich, nur genügten ihm seine Erfolge nie. Als Schürzenjäger etwa betörte und band er eine Reihe von Damen, wurde jedesmal rasch eifersüchtig und streckenweise hand-greiflich – und beklagte einmal mehr die Zertrümmerung seines Ideals von Liebe durch die schnöde Wirklichkeit. Auch als Hypochonder hatte er große Erfolge, wie seine häufigen Leiden an den eingebildeten Gefahren oder Krankheiten und nicht zuletzt sein bühnenreifes Ende bewiesen. Vor allem aber grämte sich der von Natur aus schwermütige Künstler darüber, immer nur in komischen Rollen oder mit Komödien zu gefallen, wäre er doch viel lieber Tragöde gewesen. Mehrere Stücke Raimunds, voran Der Bauer als Millionär, uraufgeführt 1826, und Der Alpenkönig und der Menschenfeind, 1828, rissen die Massen von ihren Sitzen. Für Egon Friedell* wurzelte der Landsmann und Berufskollege im Barock. »Sein Feenreich ist aus Zuckerguß und Terracotta, erinnert an die billigen Waren, die die italienischen Figurinihändler in seiner Vaterstadt feilboten, und an die süßen glitzernden Kunst-werke des Konditorgewerbes, dem er in seiner Jugend oblag, rührt aber gleichwohl durch eine bestrickende Vorstadtnaivität; und seine charakterkomischen Schöpfungen, gesteigerte und verklärte Typen seines Heimatbodens, Volkshelden aus einer Art Wiener Walhall, sind unübertrefflich.«

Ab 1834 zieht sich der mehr oder weniger lebensmüde Künstler weitgehend auf seinen Landsitz in Gutenstein bei Wien zurück. Seine Unzufriedenheit schlägt in Verbit-terung um, weil er mitansehen muß, die Konkurrenz (Nestroy!) überrundet ihn. Dann kommt der angebliche »Hundebiß«, so die Formel in fast sämtlichen Quellen. Man muß dazu wissen, Hasenfuß Raimund hatte zeitlebens eine spezielle Furcht vor Tollwut genährt. Hut ab vor seinem Mut, wenn er trotzdem einen Hofhund hielt. Allerdings wurde Raimunds Hand Ende August 1836 laut Constantin von Wurzbach** vom Hund nicht mehr als »geritzt«. Nach einer kurzen Reise zurückgekehrt, erfuhr der Hausherr jedoch, der Hund habe ein Mädchen gebissen und sei, der Tollwut verdächtig, erschossen worden. Das Tier habe außerdem die »Verwüstungen« im Garten angerichtet, die Raimund erblicken mußte – oder erblicken wollte. Jetzt fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: er stand dem Tod auf der Schippe! Er jagte sofort nach Wien zum Arzt, mußte freilich, da keine Kutsche aufzutreiben war, in Pottenstein übernachten. Dort, im Gasthof, überwältigte ihn die Angst vor einem Leben in Tollwut. Als seine Gefährtin Toni, die ihn begleitete, einmal um ein Glas Wasser aus dem Zimmer ging, schoß sich der 46jährige mit seiner Pistole, die er stets mit sich führte, in den Mund. Allerdings hatte er diesen Schuß schlecht gesetzt. Deshalb hieß es noch für rund eine Woche dahinsiechen, ehe ihn der Tod von aller Hypochondrie erlöste.

* Kulturgeschichte der Neuzeit, um 1930, einbändige Sonderausgabe München 1974, S. 990
** Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, Band 24, Wien 1872, S. 258




Nesen, Wilhelm c.32 (1492–1524). Der vielseitige Gelehrte, Sohn eines Landwirts am Taunus, stand ursprünglich Erasmus von Rotterdam nahe, freundete sich aber später mit Luther an. Im Frühjahr 1523 ließ er sich als Rektor der Lateinschule in Frankfurt/Main beurlauben, um in Wittenberg Rechtswissenschaft zu studieren, philologische Vorlesungen zu halten, mit Luther zu plaudern – und zu ertrinken. Das letzte begab sich laut Otto Kämmel (ADB 23, 1886) im Sommer 1524 an einem heißem Juli-Nachmittag auf der Elbe. Nesen, um 32, hatte mit drei Begleitern einen Kahn bestiegen und für diese Lustfahrt sogar eigenhändig das Steuerruder übernom-men. Plötzlich sei der Kahn gegen einen halb im Wasser verborgenen Baumstamm geprallt. Die frommen Brüder an den Ruderdollen müssen somit einen ziemlichen Zahn vorgelegt haben. Nesen sei über Bord »geschleudert« worden und vor den Augen seiner entsetzten Genossen in den Wirbeln des Stromes versunken. Der reformierte Gott in den Wolken sah zu und gab sich wieder seinem Schlummer hin. Heute kann man solchen Unglücksfällen vorbeugen. Wer etwa in Nesens Kindheitsstädtchen Nastätten wohnt, das im Winkel zwischen Rhein und Lahn liegt, braucht sich nur in die Wilhem-Nesen-Straße 28 zu begeben, wo die Geschäftsstelle der Ortsgruppe der DLRG sitzt, der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft also.



Neshkovski, Martin 22 († 2011), mazedonisches Mordopfer. Seit der »Wende« wird der vielvölkische Balkanbinnenstaat Mazedonien von Erwerbslosenfäusten, Bestechungs- und Abhörskandalen, Patriotengebrüll aller Art, orange getarnten CIA-Agenten und einem lächer-lichem Namensstreit geschüttelt. Neshkovski, von dem noch nicht einmal der Beruf zu erfahren ist, beging im Sommer 2011 den Fehler, in der Hauptstadt Skopje eine von »Sicherheitskräften« beschützte Wahlsiegesfeier der Regierungspartei zu besuchen. Dort wurde er von einem Polizisten erschlagen. Neshkovski soll sogar Anhänger der Regierungspartei gewesen sein. Möglicherweise hatte er dem wohlabgeschirmtem Regierungschef Nikola Gruevski begeistert die Hand drücken wollen, während der 33jährige bärtige Wachmann, Polizeioffizier Igor Spasov, einen Anschlag witterte. Nach dem Totschlag verdrückte sich Spasov. Als Vertuschungsversuche von oben fehl-schlugen, bekam er letztlich 14 Jahre Haft aufgebrummt. Schon 2018, nun unter einer »neuen« Regierungspartei, machte er sich freilich einen Gesundheitsurlaub zur Flucht zunutze. Er tauchte unter. Neuerdings wird berichtet*, die Polizei in Sofia, Bulgarien, habe ihn wieder eingefangen. Vermutlich kann man jetzt wieder viel Volksenergie und Volksgeld in einem Auslieferungsstreit verpulvern, ist doch der erwähnte Kampf (mit Griechenland) um den korrekten Staatsnamen vorläufig beigelegt worden.

* »Igor Spasov's girlfriend reported him to the Bulgarian police«, Republika (Skopje), 2. Februar 2021: https://english.republika.mk/news/macedonia/igor-spasovs-girlfriend-reported-him-to-the-bulgarian-police/



Neuhaus, Werner 36 (1897–1934), schweizer Maler, Verkehrsopfer. Als sich Neuhaus 1927, von Basel aus, mit seiner frisch angetrauten Frau Hedwig Gfeller auf den Reckenberg bei Rüegsau im Emmental (Kanton Bern) zurückzog, begab er sich nach Ansicht einiger Experten in eine »Sackgasse«, da er sich vom sogenanntem Expressionismus (Künstlergruppe Rot-Blau) auf eher naturgetreue Darstellungen verlegte. Die Wahrheit ist, er befand sich auf dem Weg in den Sarg. Am 20. August 1934 war er mit Entwürfen für die Glasfenster der mittelalter-lichen St.-Blasius-Kapelle in Rüegsbach per Fahrrad auf dem Heimweg zur Grabenhalde (oberhalb Grünenmatt, Lützelflüh), wo er inzwischen mit seiner Familie im Neubau der Schwiegereltern wohnte und ein Atelier betrieb. Er kam freilich nur bis Rüegsau. Dort wurde der 36jährige Künstler von einem Militärlastwagen ange-fahren, der laut Anna Schafroth* von einem »betrun-kenen« Soldaten gelenkt worden war. Neuhaus landete im Bezirksspital von Burgdorf, wo er nach zwei Tagen starb. Er hinterließ, neben der Witwe, zwei kleine Mädchen, wobei er bereits einen dreijährigen Sohn, Simon, durch Krankheit verloren hatte.

* Briefliche Auskunft im März 2016, siehe auch den von ihr heraus-gegebenen Ausstellungskatalog Werner Neuhaus 1897–1934. Maler zweier Welten, Münsingen-Bern 1997. Die Berner Kunsthistorikerin ist in diesem Januar (2021) mit 59 einer Krebserkrankung erlegen.



Neumann, Elsa 29 (1872–1902), Berliner Natur-wissenschaftlerin aus wohlhabendem jüdischem Hause. Neumann war eine Pionierin: sowohl als erste Physikerin in der deutschen Hauptstadt wie als »Berlins erstes Fräulein Doktor«, so der griffige Titel eines Gedenk-artikels* von Astrid Dähn. Dabei hatte die junge Frau 1899 nur dank einer Ausnahmegenehmigung promovieren können; mit dem Doktorhut auf ging sie dann freilich ruhmreich durch die Presse. Rundum fortschrittlich gestimmt, interessierte sich Neumann auch für die noch junge Luftfahrt; 1902 nahm sie als einziges weibliches Besatzungsmitglied an einem Flug des berüchtigten Zeppelins teil. Jungfernfahrt war erst zwei Jahre vorher gewesen. Es folgten etliche Abstürze oder ähnliche Unglücke der Riesenzigarre. 1913 fielen in Berlin, wo sie in der Tat brannte, allein 28 Tote an, wie ich schon früher unter >Gluud geschildert habe. Dem entging Neumann jedoch – weil sie 1902 bereits als Laborantin ums Leben gekommen war. Sie hatte sich wegen der geringen Aussichten, als Physikerin beschäftigt zu werden, im privaten Berliner chemischen Laboratorium Rosen-heim/Meyer eingemietet, »um dort in Eigenregie Experimente zur Elektrochemie zu machen«, schreibt Dähn. Im Juli 1902, vier Wochen vor ihrem 30. Geburts-tag, habe sie ein Kollege tot im Labor vorgefunden. »Sie hatte sich mit Blausäure vergiftet, vermutlich aus Unachtsamkeit.« Ob der angebliche Unfall amtlich untersucht wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Mehrere (oder alle) Geschwister von Elsa sollen später dem deutschem Faschismus zum Opfer gefallen sein.

* »Vor hundert Jahren promovierte ...«, Berliner Zeitung, 24. Februar 1999: http://www.berliner-zeitung.de/vor-hundert-jahren-promovierte-die-physikerin-elsa-neumann-an-der-friedrich-wilhelms-universitaet-das-erste-fraeulein-doktor-in-berlin-16114924



Nie Er 23 (1912–35), kommunistisch gestimmter Geiger und Komponist aus dem südwestlichem China. Ihm verdankt sein Land den 1934 geschaffenen Marsch der Freiwilligen, den die VR China später zu ihrer National-hymne erkor. Den grimmigen Text lieferte der »Dichter« Tian Han. Nie scheint sich hauptsächlich als Verfasser von Filmmusik ernährt zu haben. Parteimitglied seit 1933, wirkte er vor allem in Shanghai. Es war die unübersicht-liche Zeit, in der die Konkurrenten KMT und KP aufeinander einschlugen und Mao seinen legendären »Langen Marsch« veranstaltete – nicht mit Pauken und Trompeten, sondern zu Pferd.

Obwohl Nie, unter anderem, unweit seiner Geburtsstadt Kunming, Yunnan, eine klotzige, von Bäumen beschattete Gedenkstätte bekam, sind die Nachrichten von seinem frühem Ende dürrer als eine Gardinenstange aus Bambusrohr. Im April 1935 war der Komponist, inzwischen 23 Jahre alt, nach Japan gereist – sei es, um seinen älteren Bruder in Tokio zu besuchen, sei es um sich, einem Parteiauftrag gemäß, wegen drohender Verhaftung oder zwecks Kaderausbildung in die Sowjetunion zu begeben. Dazu kam es aber nicht mehr, weil er im Juli südlich von Tokio unweit der Küstenstadt Fujisawa sein Leben einbüßte, vermutlich in der bei Sommerfrischlern beliebten Sagami-Bucht, also im Pazifischem Ozean. Möglicherweise hat er nur mit Freunden gebadet. Laut chinesischer Wikipedia stellten die örtlichen Behörden einen üblichen »Tod durch Ertrinken« fest. Hier und dort werde ein Anschlag durch japanische Spione geargwöhnt. Der Chinesisch-Japanische Krieg wurde 1937 eröffnet. Heute wäre Nie fast 110 und vielleicht altersweise und hätte seinen Marsch der Freiwilligen, der in neoliberalen Gefilden endete, lieber wieder zurückgenommen.



Nikolaus, Paul 39 (1894–1933), jüdischer linker Berliner Kabarettist. Zwar hatte der Sprößling des Direktors der Mannheimer Rheinmühlenwerke Moritz Steiner 1927 das Deutschland-Gastspiel der Agit-Prop-Truppe Blaue Bluse aus Moskau an der Berliner Piscator-Bühne confériert, doch er selber verstand sich, soweit ich weiß, nicht als Kommunist. Zwei Jahre vorher war er Mitglied des gefeierten Kabaretts der Komiker (Kadeko) geworden, das inzwischen in Erich Mendelsohns Neubau am Lehniner Platz residierte. Die Fachwelt zählt Nikolaus zu den scharfzüngigsten Kabarettisten der Weimarer Zeit. Er arbeitete unter anderem mit Friedrich Hollaender, Roda-Roda, Max Hermann-Neiße, Erich Kästner zusammen und wirkte auch in einigen Spielfilmen mit. 1933, nach dem Machtantritt der Faschisten, floh er in die Schweiz. Doch kaum entkommen, entschied sich der 39jährige Komiker, der etliche Lieder und andere Bühnenstücke hinterließ, Ende März in Luzern für den Tod. Wahrscheinlich schnitt er sich die Pulsadern auf. Laut Kurt Schilde* erklärte Nikolaus in einem Abschiedsbrief: »Einmal kein Scherz: Ich nehme mir das Leben. Ich könnte nicht nach Deutsch-land zurück, ohne es mir dort zu nehmen. Ich kann dort nicht arbeiten – jetzt, will dort nicht arbeiten und ich habe mich leider in mein Vaterland verliebt ..[..].. Die letzten Grüße Nikolaus.« Das erklärt allerdings wenig.

* im Sammelband Der Tag von Potsdam, hrsg. von Christoph Kopke und Werner Treß, Berlin 2013, S. 201



Nikoletti, Angela 25 (1905–30), südtiroler Lehrerin, verfolgt, krank. Warum sollte eine südtiroler Lehrerin, die Marx und Lenin eher fern stand, verfolgt worden sein? Weil sie deutsch gestimmt war, eine deutsche Patriotin, während Südtirol inzwischen unter der Fuchtel der in Rom residierenden Faschisten stand. Mussolinis Mannen wollten das Echo zwischen den südtiroler Berggipfeln nur auf italienisch hören. Die Gegenseite, voran die Schützen, pochte aufs Deutschtum. Sie machte Nikoletti bald nach ihrem Tod zur Märtyrerin. Die Landesberufsschule für soziale Berufe Emmanuel Lèvinas in Bozen, der Hauptstadt Südtirols, liegt am Angela-Nikoletti-Platz.

Das Mädchen hatte eine unersprießliche ländliche Jugend: die Mutter oft krank, der Vater, ein Landarbeiter, stand im Weltkrieg. Man schiebt sie in der Verwandtschaft umher. Trotzdem kann sie eine Lehrerbildungsanstalt besuchen und 1926 erfolgreich abschließen. Sie lernt Organisatoren der deutschsprachigen sogenannten Not- oder Katakom-benschulen kennen und wird eine Art Untergrundlehrerin. Der Unterricht findet getarnt in kleinen Gruppen und Privaträumen statt, die öfter gewechselt werden. Die Bezahlung ist, nach Astrid Kofler*, bestenfalls gering. Die Behörden beobachten, schikanieren, verhaften. Schon im Sommer 1927 sitzt Nikoletti für einen Monat im Gefängnis. Verfolgung und Schwindsucht nagen an der jungen Frau. Selbst ein italienischer Arzt setzt sich dafür ein, sie in die Obhut einer Tante in ihrem Heimatdorf Kurtatsch zu geben. Dort wird sie bettlägerig. Kofler behauptet, eine Zeitlang habe ihr ein junger Nachbar namens Anton Weiss Gesellschaft geleistet. Der entscheidet sich jedoch für ein Theologie-Studium und verläßt das Dorf. Das habe die Kranke veranlaßt, eine Reihe sehr trauriger Gedichte zu schreiben. Im Sommer 1930 ist sie bereits zu schwach für ihre gewohnten Tagebucheinträge. Im Herbst stirbt sie, 25 Jahre alt.

Während der stirnglatzige, rund bebrillte Komiker Nikolaus auf Fotos eher knuffig wirkt, scheint Nikoletti von herber Schönheit gewesen zu sein. Dunkelhaarig und aufmüpfig waren sie beide. Leider steht zu befürchten, Nikoletti habe ihre Reize mit ins Paradies genommen, statt sie auf andere zu übertragen – etwa auf Weiss, den künftigen Theologen. Vielleicht hätte ihn das noch aus der Bahn geworfen.

* in FemBio, Stand 2008: https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/angela-nikoletti/



Nitribitt, Rosemarie 24 (1933–57), Prostituierte in Frankfurt/Main, ermordet. Erich Kuby schrieb sein erfolgreichstes Buch über sie, Rosemarie. Es wurde noch im Jahr der Veröffentlichung, 1958, verfilmt, und die »Star-Besetzung« des Streifens – Nadja Tiller, Mario Adorf, Gert Froebe, Peter van Eyck – entsprach dem Wirbel, den dieser Mordfall verursacht hatte. Gleichwohl wurde er bis heute nicht aufgeklärt. Rosemarie Nitribitt aus dem Rheinischem, vielbewunderte Besitzerin eines schwarzen Mercedes-Benz 190 SL (Coupé) mit roten Ledersitzen und weißen Breitbandreifen, den zumindest im Frankfurter Bahnhofsviertel so gut wie jeder kannte, hatte sehnlichst »nach oben« kommen wollen. Doch nun, im Herbst 1957, fand sich die 24jährige »Edelhure« erwürgt auf dem flauschigem Teppich ihres Appartements am Eschenheimer Tor wieder. Aus einfachsten Verhältnissen stammend, hatte sie sich mühsam etwas »Bildung« beigebracht und ein paar steinreiche Kunden angelacht, die neben ihrer Brieftasche gern auch ihr Herz bei der aufmerksamen Geliebten ausschütteten. Das mußten die ErmittlerInnen selbstverständlich mit viel Fingerspitzengefühl behandeln.

Als Hauptverdächtiger, der Nitribitts Wohnung möglicherweise um eine Menge Geld erleichtert hatte, galt der Polizei zunächst ihr homosexuell gestimmter Freund und Dienstmann Heinz Pohlmann, gestorben 1995. Der bereits vorbestrafte Handelsvertreter kaufte sich kurz nach ihrem Tod ein teures Auto, doch das Gericht sprach ihn mangels jeglicher Beweise frei. Nach lange verschollenen, angeblich 2013 zufällig wieder aufgetauchten Akten war damals unter anderem auch der Krupp-Sprößling Harald von Bohlen und Halbach (gestorben 1983) ausgiebig vernommen worden. Er präsentierte ein »Alibi«, das Nitribitts Pudel Joe selbst dann zu Lachtränen gerührt hätte, wenn er eine Bulldogge gewesen wäre. Das legte Dietmar Seher 2018 ausführlich dar.* Er erwähnt auch Erpressungsversuche, die dem Krupp-Generalbevoll-mächtigten Berthold Beitz gegolten hätten. Dieser womöglich letzte Mitwisser sei Ende Juli 2013 mit 99 in Kampen auf Sylt verstorben. »Nur wenig später tauchten die verschwundenen 22 Polizeiakten auf.« Nach anderen Quellen sind entscheidende Akten bis heute unter Verschluß. Da sich die Polizei reihenweise »Ermittlungs-pannen« leistete, wie auch Seher bestätigt, darf man wohl getrost annehmen, es habe eben, im Interesse »höherer« Kundenkreise, viel zu vertuschen gegeben. Zu den prominenten Kunden der Blondine zählten »Playboy« Gunter Sachs und Rüstungsunternehmer Harald Quandt. Auch der spätere Bundeskanzler Kiesinger wird hier und dort genannt. Trifft der Verdacht zu, wird er jedoch die Ohrfeige von Beate Klarsfeld (1968) kaum für diese Art von Fehltritt bezogen haben.

Im erwähntem Buch nutzt Kuby den Kriminalfall, um Habgier, Heuchelei und Doppelmoral in Ludwig Erhards Wirtschaftswunderdeutschland anzuprangern. Im Vorwort zu meiner DDR-Ausgabe von 1988 erwähnt der Autor, sein zumeist als Roman bezeichneter Wurf über Rosemarie habe damals binnen zweier Jahre 17 Übersetzungen erlebt, »sogar ins Japanische«. Doch für mein Empfinden mangelt es diesem Text über die Sinnlichkeit an Sinnlichkeit. Er fesselt wenig. Vermutlich brachte er es vor allem deshalb zum »Renner«, weil die KäuferInnen auf den »geilen« Inhalt scharf waren, den sie sich (gemäß der zeitgenössischen Prüderie) von ihm versprachen. Wenn ja, wurden sie enttäuscht. Mehr noch, ärgert das Buch sogar durch einige Längen. Stark ist es in den Zügen Betrug, Erpressung, Industriespionage und Kalter Krieg, die es dem um ein »Isoliermattenkartell« gerankten Mordfall verleiht. Diese Freiheit nimmt sich Kuby, doch den Mord selber (und die TäterInnen) spart er aus, was erneut nur zur Enttäuschung des Lesers beitragen kann. Wahrschein-lich krankt sein Werk über die Prostituierte Rosemarie an dem Umstand, weder Fisch noch Fleisch zu sein, also weder Reportage noch Roman.

Knapp 10 Jahre später schien sich der Mordfall zu wieder-holen. Man hatte die 32jährige »Edelhure« Helga Matura, Fahrerin eines weißen Mercedes 220 SE Cabriolet, Anfang 1966 erstochen in ihrer Wohnung in der Frankfurter Gutleutstraße gefunden. Auch dieses Verbrechen blieb unaufgeklärt.

* Dietmar Seher, »Neue Spuren im Fall der ermordeten Rosemarie Nitribitt«, t-online, 7. Oktober 2018: https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/kriminalitaet/id_84566342/ungeklaerte-kriminalfaelle-neue-spuren-im-fall-rosemarie-nitribitt.html



Nobel, Emil 20 (1843–64), Opfer des Fortschritts (seines Bruders). Den Nobelpreis kennt natürlich jeder. Bekannt-lich läßt er in jedem Herbst, wenn die Blätter fallen, den Aktienkurs einiger Dichter und Denker emporschnellen, wodurch freilich auch der Preisstifter in aller Munde, wenn auch nur in den wenigsten Gehirnen ist. Wir werden ihn uns gleich vorknöpfen. Die Dotierung des von Alfred Nobel um 1900 gestifteten Preises stand 2020 auf rund 950.000 Euro je Kategorie. Ich fürchte, nur wenigen der vielen, die schon für den Nobelpreis vorgeschlagen worden sind, wäre er gar zu peinlich. Ein Arthur Koestler, dem niemand mangelhaften Ehrgeiz vorwerfen kann, hätte den Nobel-preis schon deshalb mit Handkuß genommen, weil sich dann Simone de Beauvoir, die er angeblich einmal verführte, und der Anwalt der Sowjetunion Jean Paul Sartre einträchtig schwarz geärgert hätten.

Sartre selber lehnte den Nobelpreis (1964) erfreulicher-weise ab. Laut Beauvoirs Erinnerungen scheint ihn allerdings nicht die Herkunft des Geldes bedrückt zu haben; ihm ging die politische Instrumentalisierung des Nobelpreises (im Kalten Krieg) gegen den Strich. Jedenfalls darf vermutet werden, Sartre hätte sein Preisgeld wohl kaum in ein neues Badezimmer seiner Villa gesteckt – wie Mauriac. Chruschtschow ist der Nobelpreis nie angetragen worden, obwohl er sich fast so glänzend wie Schiller als Tyrannenmörder in Szene zu setzen verstand. Trotzdem mußte er nicht auf jeglichen Westkomfort verzichten. Beauvoir in ihren Erinnerungen: »Er zeigte uns das Schwimmbad, das er sich am Meeresufer hatte einrichten lassen; es war ungeheuer groß und von einer Glaswand umgeben, die man durch einen Knopfdruck öffnen konnte: selbstgefällig führte er uns das Manöver mehrere Male vor.«

Heinrich Böll und Elias Canetti verweigerten sich 1972 und 1981 dem Nobelpreis nicht. Bei Canetti verblüfft das wenig, ist er doch möglicherweise noch eitler als Chruschtschow und Grass zusammen gewesen. Bölls Kohle ging wohl teilweise in nach ihm benannte (grüne) Stiftungen ein, die sich später als Schmieden glühender Karrieristen entpuppten, wobei Claudia Roth der eigene Nachname zustatten kam. Otto Krätz hat neulich (2002) darauf hingewiesen, in 100 Jahren seien nur 29 Frauen, dagegen 700 Männer eines Nobelpreises für würdig befunden worden. Möge Roth sich also strecken; im Bereich des Friedens ist immer etwas zu machen. Bekanntlich wird der Nobelpreis nicht nur für Literatur vergeben. Zum Beispiel erhielt ihn 1945 (rückwirkend für 1944!) der Chemiker Otto Hahn wegen seiner Verdienste um die Kernspaltung. Soweit ich weiß, hatte Hahn die Zeit von 1928 bis Kriegsende recht angenehm überstanden, nämlich als Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in Berlin-Dahlem. Ein prominenter Instituts-Kollege von ihm war Fritz Haber gewesen, der den Nobelpreis 1918 für die Erfindung des Kunstdüngers eingesackt hatte. Weil das schon fragwürdig genug war, sah man über Habers Beteiligung an der Entwicklung des Giftgases hinweg. Sie spielte eine Rolle beim Selbstmord seiner Gattin Clara Immerwahr.

Zwar nahm auch der britische Dramatiker Harold Pinter (2005) den Nobelpreis an, doch war er immerhin mutig genug, in seiner Preisrede die Verbrechen des US-Imperia-lismus und von dessen Spießgenossen anzuprangern. Damit zum Frieden. Mit Preisträger Henry A. Kissinger wurde 1973 auf bis dahin selten dreiste Weise der Bock zum Gärtner gemacht. Christopher Hitchens kam in seinem Kissinger-Buch von 2001 aufgrund neuer Dokumente zu dem Schluß, der US-Außenminister habe den Vietnamkrieg keineswegs beenden, vielmehr in die Länge zu dehnen geholfen. Erwiesen ist, daß Kissinger als Sicherheitsberater des Präsidenten Nixon an den völkerrechtswidrigen Flächenbombardements in Laos und Kambodscha beteiligt war und zu den Drahtziehern jenes Militärputsches zählte, der unter anderem dem chilenischem General René Schneider und 1973 dessen gewähltem sozialistischem Präsidenten Salvador Allende das Leben kostete. In jener Zeit sei Kissinger ohne jeden Zweifel der faktische Chef sowohl der »verdeckten« Auslandsoperationen wie der Ausspionierung der eigenen BürgerInnen durch die CIA gewesen, läßt sich bei deren Chronisten Tim Weiner (2007) lesen. Was Barack Obama angeht, wie zahlreiche Schurken vor ihm vor den Wahlen zum »Hoffnungsträger« gestylt, habe ich schon keine Lust mehr, von ihm zu reden. Er bekam den Friedenspreis 2009, bevor er Libyen plattmachen ließ.

Auch vom Preisstifter Alfred Nobel her folgt der Kriegs-nobelpreis konsequent der Tradition. Vater Immanuel hatte sich mit Rüstungsgeschäften am Krimkrieg (1853–56) gesund gestoßen; wegen unglücklicher Kräfteverteilung an diplomatischer Front ging er dann aber trotzdem bankrott. Sohn Alfred half aus der Patsche, indem er (1866) das Dynamit erfand. Schon einer der ersten, vorausgehenden Laborversuche, in einem Schuppen auf dem väterlichem Anwesen im Süden Stockholms im Verein mit wechselnden Mitarbeitern vorgenommen, führte zu einer mittleren Katastrophe. Am 3. September 1864 lagerten 123 Kilogramm Nitroglyzerin im Schuppen. Als der Schuppen um 10 Uhr 30 in die Luft flog, wanderten fünf Personen mit: voran Alfreds jüngster Bruder, der knapp 21jährige Emil Nobel, dazu der Ingenieur Hertzman, die Dienstmagd Maria, der Lauf-bursche Herman und der Tischler Johan Peter Nyman. Einem zeitgenössischem Reporter zufolge waren lediglich »formlose Massen von Fleisch und Knochen« von ihnen übrig geblieben. Alfred war während dieser Explosion zufällig außer Haus gewesen. Soweit zum Auslöser dieser Betrachtung, Emil.

Dies alles konnte Alfred nicht daran hindern, eine Aktiengesellschaft zu gründen und für zahlreiche weitere Explosionen zu sorgen, bei denen zunächst die eigenen Fabrikgebäude oder Leute zu Schaden kamen. Ab 1866 hatte auch das deutsche Volk an dieser Entwicklung teil: Nobel eröffnete eine Fabrik in Hamburg-Krümmel und wohnte sogar einige Jahre dort. Bald nach dem Erstem Weltkrieg wird sie von dem einheimischem Riesenkonzern IG Farben übernommen, weil dieser bereits den Zweiten Weltkrieg wittert. Allein die »eigenen« Toten diverser deutscher Sprengstoff-Fabriken* hätten wahrscheinlich für die Gründung der Deutschen Kriegsgräberfürsorge (1919) ausgereicht. Im September 1939 sind auf dem zerfurchtem Gelände in Krümmel, das später noch durch ein Atomkraftwerk gekrönt wird, um 3.000 Leute beschäftigt. Als stern-Reporter Günther Schwarberg 1986 eine Geschichte über die noble Krümmelei schreibt, wird sie von seiner (in Hamburg sitzenden) Chefredaktion abgelehnt.

Alfreds Goldgrube war der Panamakanal, mit dessen Bau 1879 begonnen wurde. Er verschlang Unmengen an Dynamit – nebenbei auch ungefähr 50.000 vom Gelbfieber dahingeraffte Kanalarbeiter. Nach 10 Jahren ging die französische Baugesellschaft in Konkurs, wodurch tausende von Kleinanlegern ihre Ersparnisse loswurden. Otto Krätz: »Einzig Nobel war der große Gewinner.« Der sah sich nie bemüßigt, auch nur einen Nachruf auf die Opfer seiner skrupellosen Sprengstoffproduktion zu verfassen. Er habe sich auch niemals öffentlich mit dem Mißbrauch und dem militärischem Gebrauch seiner Produkte auseinandergesetzt, schreibt -ju-.* 1888 ließ sich der geschäftstüchtige Schwede sein rauchfreies Schieß-pulver Ballistit patentieren, das, nach -ju-, überhaupt erst den Bau von Maschinengewehren ermöglichte. Dafür bemitleidete sich Nobel als einen verkannten Dichter. Er starb 1896. Offenbar brachte er niemals etwas Genießbares zu Papier – außer der Unterschrift unter jenes Testament, mit dem er Bares für geniale GeistesarbeiterInnen stiftete, um sich für alle Zeiten in deren Abglanz sonnen zu können. Mal sehen, wer sich noch alles von diesem Lumpen aushalten läßt.

* -ju-, Artikel »Dynamit« auf der Webseite der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, Stand September 2020: https://geschichte-s-h.de/dynamit/



Fortsetzung Nor—Par
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