Donnerstag, 28. Oktober 2021
A-37→Im Gelbem Sack
2013

Die Mißachtung meiner jüngst angefertigten fünf CDs mit Liedern und Instrumentalstücken ist beachtlich. Zum Glück bin ich weniger nachtragend als der alte Verdi. Im Sommer 1898 erregt er sich in einem Brief an Giulio Ricordi über das Ansinnen des Mailänder Konservato-riums, dieser Anstalt Verdis Namen verleihen zu dürfen. 1832 nämlich hatte es just das Mailänder Konservatorium gewagt, den 18jährigen Giuseppe Verdi nicht als Schüler aufzunehmen. Diese – von ihm so empfundene – Krän-kung hatte der taktstockartig dürre Komponist 66 Jahre lang sorgsam mit sich herumgetragen. Es machte den Kohl auch nicht mehr fett: Verdi neigte ohnehin dazu, sich Krankheiten einzubilden. Im übrigen war seine Auffassung der Sache gelinde gesagt einseitig, versichert doch sein Biograf Alfred Marquart, die damaligen Ablehnungsgründe des Konservatoriums ließen sich durchaus nachvollziehen.

Dürrenmatts Alte Dame hegt ihren Groll ungefähr 45 Jahre lang, ehe sie ihren damaligen Demütiger und ihre ganze Kindheitsstadt ins Verderben stürzt. Mein Rekord steht bislang erst bei 15 Jahren, sofern ich nichts übersehen habe. Damals, 1998, bemerkte ich im Gespräch mit einem Freund, der sich als Korrektor einer angesehenen Kunstzeitschrift ernährte, schließlich sei ich nicht umsonst Schriftsteller. Der Zusammenhang ist hier gleichgültig. Es kommt nur darauf an, daß der Freund wie Dutzende anderer Leute offensichtlich nicht an mich glaubte, da ich noch keine offiziellen Weihen vorzuweisen hatte (wobei es bis heute geblieben ist). Er verkniff nämlich seine Augen und korrigierte mit mildem Lächeln und betont bedächtiger Aussprache: »Du möchtest gern einer sein …« Obwohl ich diese winzige, feine Episode nie aufschrieb, trage ich sie bis heute mit mir herum, als sei sie ein Pflasterstein. Ich habe ihn hiermit fallen gelassen.

Man sollte übrigens nicht glauben, es gebe nur »persön-liche« Kränkungen. Sogar Sigmund Freud, der Seelenarzt, wies in seinem 1917 veröffentlichtem Aufsatz Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse auf »drei Kränkungen der Menschheit« hin: Die Erde, und damit der Mensch, steht nicht mehr im Mittelpunkt des Universums (Kopernikus); obwohl so leicht kränkbar wie weder Kuh noch Känguruh, ist der Mensch, schon von der Abstam-mung her, dem Tierreich verhaftet (Darwin); unser Ich ist nicht Herr im Hause, ständig machen uns irgendwelche Triebe oder Komplexe Striche durch die Rechnung (Sigmund Freud!). Ausgefuchst, wie er war, lastete Freud der zuletzt genannten Kränkung auch die Widerstände an, die seiner Lehre entgegengebracht wurden. Dadurch lieferte er sich natürlich beiläufig eine hervorragende Waffe gegen Kritik: er konnte immer sagen, sie sei nur Ablehnung aus der Kränkung heraus.

Später wurde Freuds Liste um etliche Gesichtspunkte erweitert, die sich hier und dort auch schon in meinen Schriften finden: Wir sind lediglich (ein ökologisch von ihr abhängiger) Bestandteil der Welt; wir sind gemacht worden, somit kann von Selbstbestimmung keine Rede sein; wir waren nie Ziel der Evolution, von der wir vielmehr nur ein winziger zufälliger Ausschnitt sind (Stephen Jay Gould); man betrog uns um die »Willens-freiheit«, daher zum Beispiel unser häufiges Scheitern bei Versuchen, uns zu bessern, etwa nie mehr zu rauchen oder uns nie mehr kränken zu lassen; Sinn oder Plan der Welt sind uns schleierhaft, die Drahtzieher, die in Kafkas Schloß sitzen, lassen sich einfach nicht in die Karten gucken; unsere ganze Ausstattung ist unzulänglich, wie uns neuerdings unsere Autos, Computer, Romanfiguren und Roboter zeigen; womit haben wir die Kränkung unserer Vergänglichkeit verdient – der Verwundung, des Alterns, des Sterbens?

Alles ist noch viel schlimmer, als Sie vielleicht bis hierher gedacht haben. Denn in der Regel – die ich mir einbilde zu repräsentieren – pflegen sich die psychologischen und anthropologischen Quellen unserer Kränkbarkeit in der undurchschaubarsten Weise zu verquicken. Ich bin ganz sicher darin, in acht von 10 Fällen nicht zu wissen, ob eine bestimmte Wut, die ich habe, mehr auf das Arschloch Soundso, auf meinen jeweiligen Chef, auf Vater Staat, auf meinen leibhaftigen Erzeuger – oder auf mich selber gemünzt ist. Aber stets hat sie einen Anlaß, dem wahrscheinlich wieder einmal Unrecht geschieht. Oder anders ausgedrückt: bei allen philosophisch gestimmten Menschen schlägt jede Kränkung, die uns ein Mitmensch zufügt, jede Wette doppelt durch, weil sie auf der Folie unseres grundsätzlichen Protestes gegen unsere Unfreiheit stattfindet. Da sehen wir sie dann wieder einmal, die empörende Knechtung, der wir ausgesetzt sind. Mit uns kann man's ja machen. Erst setzt man uns ungefragt in eine Welt, wo man zwei Drittel des Jahres heizen muß, weil das Thermometer unter 20 Grad absinkt – dann hat man die Frechheit, uns um unsere Scheibe Schneeschippen zu bitten, damit man sie zu Hause doof finden und so kaltblütig wie auf ewig unkommentiert in den Gelben Sack gleiten lassen kann!

Leider lechzen wir alle nach nichts mehr als nach Anerkennung. Während jeder einzelne Befehl von den millionen Befehlen, die ein Kind zu ertragen hat, laut Canetti wie ein »Stachel« in seinem Fleisch stecken bleibt (der geduldig darauf wartet, 25 Jahre später als Lanze gegen das eigene Kind gekehrt zu werden), läßt uns jedes Lob einen Zentimeter wachsen. Allerdings nehmen wir Wachstum, Leben, Fröhlichkeit gern als Selbstverständ-lichkeit. In Wahrheit ist es die Regel, sich mit einem Schnupfen abzuplagen, nur noch auf einem Bein durch die Gegend zu humpeln, zu verhungern, gedemütigt oder verkannt zu werden oder sowieso schon tot zu sein. Daraus ließe sich sogar folgern, wenn es dem Mann an den Krücken gelinge, mit seinem einen noch erhaltenem Bein, ob rechtes oder linkes, einen Elfmeter zu verwandeln, müßten wir den Hut vor ihm tiefer als vor Uwe Seeler ziehen. Die Dinge seien relativ und die vielbeschworene »Chancengleichheit« habe es nie gegeben. Für einen Knaben, der seine Höhlen unter dem elterlichem Bechstein-Flügel bauen konnte, ist es in der Tat keine Kunst, wenn er als 62jähriger Noten schreiben, Lieder komponieren, leidlich fünf oder sieben verschiedene Musikinstrumente spielen und auch noch ein digitales Aufnahmeprogramm beherrschen kann. Es ist selbstver-ständlich. Wo wollten wir hinkommen, wollten wir jedes Mal erst die Hintergründe einer Tat aufhellen, ehe wir an ihre Würdigung – oder Herabwürdigung schreiten? Das ist bestenfalls Gerichtsprozessen vorbehalten.

Sollte man seine BeleidigerInnen also verklagen? Oder vielleicht doch lieber eigenhändig erschlagen? Damit spiele ich zuletzt auf den Gesichtspunkt der Rache an. Jedenfalls ist es sicherlich sehr ungesund, sich überhaupt nicht zu wehren oder zumindest zu verwahren. Dem hält freilich jeder zweite Soziologe entgegen, wer sich Wut und Rachedurst gestatte, verrohe und setze überdies das Karussell gesellschaftlicher Gewalttätigkeit in Gang. Dazu kann wiederum eingewendet werden, er müsse sich eben auf subtile Weise rächen, nicht auf rohe. Als handele es sich bei den feinen Nadelstichen, die sich gut miteinander Bekannte versetzen können, nicht um Gewalt! 300 davon über drei Jahre gestreckt, und aus dem Betroffenen ist alles Blut gewichen. Er verreckt.

Gewiß gibt es auch gewichtige Fälle, wo die uns bereitete Schmach vor allem unseren Gerechtigkeitssinn verletzt. Das Paradebeispiel ist Kleists Kohlhaas. Aber auch dann muß man auf der Hut sein, weil sich der Gerechtigkeits-sinn gern mit Narzißmus und Doppelmoral paart. Ein Dutzend Journalisten eines »islamkritischen« Satiremagazins umzulegen, ist höchst verwerflich und (2015) zur Herstellung einer in die Millionen gehenden Trauer- und Haßgemeinde geeignet; um Hunderte palästinensischer oder anderer muslimischer, dazu anarchistischer oder auch nur »skeptischer« Journalisten, die in jüngster Zeit von Nahost bis Mexiko wegen ihrer wahrheitsliebenden Berichterstattung ermordet wurden, ist es jedoch nicht weiter schade, ganz im Gegenteil.

In einer neuen Arbeit über Mordopfer streife ich auch den Fall Paasche. Dabei ging es ursächlich nicht um einen Wortbruch in einer Frage der Eigentumspflege (wie bei Kohlhaas um zwei vom Junker Wenzel von Tronka heruntergewirtschaftete Reitpferde), vielmehr um nichts Geringeres als den Kampf zweier Linien in der grundlegenden Frage, wie man leben sollte. Der bekannte Pazifist Hans Paasche, ursprünglich Marineoffizier, hatte sich nach der Ermordung Liebknechts und Luxemburgs mit seinen Kindern auf sein kleines, jenseits der Oder gelegenes Gut Waldfrieden (!) zurückgezogen. Dort wurde er 1920, erst 39 Jahre alt, unter einem Vorwand von bewaffneten Gesetzeshütern überfallen – und »auf der Flucht« erschossen. Dieser dreiste Anschlag, der unter anderem Kurt Tucholsky empörte, wurde nie geahndet. Die Mutter der vier Kinder, Ellen Paasche, hatte insofern Glück gehabt, als sie bereits 1918 der sogenannten Spanischen Grippe zum Opfer gefallen war. Andernfalls wäre sie vermutlich über kurz oder lang an Gram gestorben – es sei denn, sie hätte auf den berühmten Deckmantel des Gewaltmonopols des Staates geschissen und die Mörder ihres Mannes aus eigener Kraft verfolgt.

In der kapitalistischen Gesellschaft ist ja leider alles darauf angelegt, uns unselbstständig zu halten – wirklich alles, von der »Existenzgründung« bis zur sogenannten Rechtsprechung. Gleichwohl geschehen hin und wieder Zeichen & Wunder. 1926 wurde der nach Paris emigrierte ukrainische nationalistische Politiker Symon Petljura (47) ebendort beim Einkaufsbummel vom jüdischem Anarchisten Scholom Schwartzbard erschossen. Den Polizisten, die herbeieilten, übergab der Täter seinen Revolver mit den Worten: »Ich habe einen großen Meuchelmörder getötet.« Petljura, um 1919 zeitweise Regierungschef der Ukraine und gleichermaßen mit dem Kampf gegen Rote, Weiße und die »Banden« Nestor Machnos befaßt, wird allgemein für Pogrome mitverant-wortlich gemacht, denen 35.000 bis 50.000 Juden zum Opfer fielen. 15 davon sollen nahe Verwandte von Schwartzbard gewesen sein, daher dessen Akt der Vergeltung. Senationellerweise wurde der Attentäter eben wegen dieses Motives (»Verbrechen aus Leidenschaft«) von einem Pariser Gericht freigesprochen. Er starb 1938 mit 51 auf Reisen.

Ein Racheakt macht mich aktiv, macht mich vom Opfer zum Täter. Dagegen bleibe ich bei bloßen Rachephantasien passiv. Möglicherweise gilt dies nicht für Leute, die schreiben, und die ihre Texte sogar veröffentlichen dürfen. Oder für Leute, die miteinander sprechen. In dem Versuch, den Groll zu erkennen, zu benennen und auf den Tisch zu packen, sei es der Kommune, der Freundschaft, der gemeinsamen Firma oder Liebschaft, liegt ja immerhin auch schon eine gewisse Aktivität. Mit einem Vielfraß läßt sich allerdings kaum diskutieren, zumal wenn man ihm das Maul zubindet. »Man« war in diesem Fall ein mit Alaska Slim befreundeter Indianer namens Mentasta Sam, dem in einem Winter um 1905 ein Vielfraß ein lebenswichtiges, offenbar nicht gut genug verstecktes Nahrungsmittellager mit Karibufleisch geplündert und zerstört hatte. Vielfraße sind ziemlich räuberische, bösartige und furchtlose Marder, die eher wie kleine Braunbären aussehen. Sam verfolgte den Übeltäter, doch statt ihn zu töten, fesselte er ihn an den vier Beinen und band ihm, wie gesagt, auch noch das Maul zu. So konnte »der auf diese Weise reglos gemachte Vielfraß nur mit Blicken versprechen, sich zu rächen«, schreiben Richard Morenus / Fritz Steuben, Autor und Übersetzer des zu meiner »Greenhorn«-Zeit beliebten Jugendbuches (von 1956/62).

In diesem Fall sollte die furchtbare Rache freilich auf Seiten Sams und seiner Squaw liegen. Sie packten ihren Gefangenen jeweils an den gefesselten Vorder- und Hinterläufen und schwangen ihn nun über ihrem lustig prasselnden Feuer hin und her, wodurch er sich zuneh-mend das Fell versengte und mit seinem zugebundenem Maul vom Knurren zum Winseln überging. Besucher Alaska Slim versuchte der Marter mit dem Argument Einhalt zu gebieten, es habe doch keinen Sinn, den Vielfraß zu quälen; Sam möge ihn lieber auf der Stelle töten. Er werde sich hüten, entgegnete Sam und beschrieb den »Sinn« unter ausholenden Armbewegungen, nachdem er den völlig kahl gebrannten Vielfraß freigelassen und verjagt hatte. Der Geschundene und Gezeichnete werde jetzt allen Räubern des Gebirges unmißverständlich klarmachen, es sei gesünder, sich von Mentasta Sams Vorratslagern fernzuhalten, denn dieser Mann sei ein ganz großer, böser Zauberer. Dazu machte Slim große Augen, sagte aber lieber nichts. Man sieht hier wieder einmal, wie sich jede aus Rachedurst begangene Scheußlichkeit »rationalisieren« läßt, um einen Ausdruck zu bemühen, der in den 1960er Jahren die Universitäten verließ, um wie Mosquitos über die deutsche Arbeiterjugend herzufallen …

Einen interessanten Gesichtspunkt steuert Orwell in seiner kleinen Betrachtung Rache ist sauer bei, die er 1945 unter dem Eindruck seines Besuches im besetztem Deutschland verfaßte. Im Grunde gehörten Vorstellungen von Vergeltung und Bestrafung einer »kindischen« Traumwelt an. Auf Rache sinne einer, der machtlos sei – wie eben grundsätzlich das Kind. Sobald jedoch »dieses Gefühl des Unvermögens« beseitigt sei, pflege sich in der Regel auch der Wunsch nach Rache zu verflüchtigen. Wenn nicht, erscheine das rächende Handeln »nur noch pathetisch und widerlich«, wie ja auch im geschildertem Falle Mentasta Sams. Orwell denkt hier an jüdische Wachsoldaten, die gefangene und gefesselte ehemalige KZ-Schergen treten, oder an jene ItalienerInnen, die Mussolinis Leichnam – der in Mailand wie eine Schweinehälfte öffentlich an den Füßen aufgehängt zur Schau gestellt worden war – unbedingt noch bespucken mußten.

Ich glaube, Orwell hat recht, doch spendet er mir mit seiner Auffassung wenig Trost, weil ich noch nie die Nagelprobe darauf machen konnte. In politischer und selbst kulturpolitischer Hinsicht stand ich nämlich in nunmehr 63 Jahren noch nie auf der Seite des Siegers. Ich stand stets zerknirscht vor den Trümmern der einen oder anderen Hoffnung und hatte wie schon zuvor an meinem Unvermögen zu nagen. Und ich vermute stark, dabei bleibt es auch, was bedeutet, ich werde demnächst auch als Verlierer in mein Grab sinken. Das wird dann hoffentlich, um an Freud zu erinnern, die letzte Kränkung meines Lebens gewesen sein.
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