Mittwoch, 27. Oktober 2021
LdF Folge Mark—Mis

Markelow, Stanislaw J. 34 (1974–2009), russischer Jurist, erschossen. Markelow war ebenfalls Anwalt, jedoch bekennender Sozialdemokrat. Er hatte sich vor allem für regimekritische Journalisten sowie Verfolgte aus Tsche-tschenien eingesetzt und sich dafür wiederholt Drohungen und eine Verprügelung in der Moskauer U-Bahn im April 2004 eingehandelt. Endgültig erwischte es Markelow fünf Jahre darauf. Er hatte zuletzt vergeblich gegen die Absicht der Behörden gekämpft, den russischen Armee-Obersten Juri Budanow, der wegen Mordes an einer Tschetschenin zu 10 Jahren Haft verurteilt worden war, vorzeitig zu entlassen. Der Offizier hatte die 18jährige Cheda (Elsa) Kungajewa im März 2000 aus der elterlichen Wohnung (bei Grosny) in sein Zelt verschleppen lassen, um sie angeblich zu vernehmen, in Wahrheit jedoch zu vergewaltigen und zu erdrosseln. Im Sommer 2003 verurteilt, kam Budanow am 15. Januar 2009 schon wieder frei. Vier Tage später kündigte Markelow auf einer Pressekonferenz an, er gedenke auch gegen die erfolgte Haftentlassung vorzugehen. Nach dieser Konferenz wurde der 34jährige Anwalt mitten in der belebten Moskauer Innenstadt auf offener Straße erschossen. Dabei kam auch die mit Markelow befreundete, ähnlich gesinnte 25jährige Journalistin der Nowaja Gaseta Anastassija Eduardowna Baburowa ums Leben.*

Immerhin wurden die beiden TäterInnen, der 29jährige Nikita T. und die 24jährige Eugenia K., bald darauf gefaßt und im April 2011 zu langen Haftstrafen verurteilt. Sie sollen einer neofaschistischen Gruppe angehört haben, der Markelows Wirken naturgemäß ein Dorn im Auge war. Sowohl unter den Geschworenen wie im Umkreis der Nowaja Gaseta wurden allerdings, nicht zuletzt aufgrund des für rechtsradikale Gruppen ungewöhnlich professio-nellen Tathergangs, DrahtzieherInnen aus dem staatlichem Sicherheitsapparat vermutet. Die 1993 gegründete »Neue Zeitung« ist ein bekanntes, dreimal wöchentlich erscheinendes »investigatives« russisches Blatt. Angeblich gehört es zu 49 Prozent dem Oligarchen Alexander Lebedew und dem großen Freund der USA Michail Gorbatschow, zu 51 Prozent aber noch immer dem Redaktionskollektiv. Dieses lebt gefährlich. Baburowa eingeschlossen, sind seit 2000, laut Wikipedia, schon acht MitarbeiterInnen der Nowaja Gaseta getötet oder schwer verletzt worden. Unter den Toten die (im Ausland) wieder-holt ausgezeichnete 48 Jahre alte Anna Politkowskaja, erschossen in Moskau 2006. Sie hatte auch über den Mord an Kungajewa geschrieben.

In der Westlichen Tauschwert- und Wikipediagemein-schaft firmieren all diese kritischen KämpferInnen wieder einmal als »Menschenrechtsaktivisten«. Von daher lege ich für die sozusagen astreine Lauterkeit ihres Wirkens nicht meine Hand ins Feuer.

* Bernhard Clasen, »Auftragsmord auf offener Straße«, taz, 20. Januar 2009: https://taz.de/Archiv-Suche/!5169319&s/



Marlowe, Christopher angeblich 29 (1564–93), englischer Autor, Kronzeuge der Rüttler an Shakespeares Thron. Für Brockhaus wurde Schuhmachersohn Marlowe, der in Cambridge studiert und bereits Ruhm als Dramatiker, Lyriker und Übersetzer eingeheimst hatte, 1593 im Alter von 29 Jahren »bei einem Wirtshausstreit erstochen«, aus die Maus.* Immerhin hatte er da ja schon Die tragische Historie vom Doktor Faustus, das Versepos Hero und Leander und das Drama Edward II. vollendet – was wollte er noch mehr? Erfahren zu wollen, worum es denn bei diesem »Wirtshausstreit« gegangen sei, wäre vielleicht zuviel verlangt, können sich doch herkömmliche gedruckte Nachschlagewerke stets auf »Platznöte« zurückziehen. Brockhaus ist aber überdies kaltschnäuzig genug, einen anderen Streit, der unter Literaturwissen-schaftlern und -freunden seit mindestens 100 Jahren tobt, mit keinem Komma zu erwähnen: ob Christopher Marlowe möglicherweise an jenem Mai-, Zech- und Zahltag im Londoner Stadtbezirk Deptford keineswegs gestorben und ob er nicht vielmehr mit dem ebenfalls 1564 geborenen Stratforder Dramatiker William Shakespeare identisch gewesen sei. Die AnhängerInnen dieser, beispielsweise ausführlich im Wikipedia-Artikel »Marlowe-Theorie« vorgestellten Sicht (für die Gegenseite selbstverständlich eine Verschwörungstheorie) können sich dabei unter anderem auf Ungereimtheiten des Shakespearschen Lebens und Schaffens stützen, die heute so gut wie niemand mehr bestreitet.** Viele dem »Meister« aus Stratford zugeordneten Werke lassen sich nur für Einfaltspinsel jenem rothaarigem, biederem Kaufmann unterschieben, der weder vor Marlowes (angeblichem) Tod jemals durch literarische Produktion aufgefallen war noch nach seinem eigenen Ableben (1616) Hinweise auf eine solche hinterließ. Zudem war der Kaufmann bar aller höfischen Kontakte und wohl auch aller Fremdsprachen-kenntnisse, ganz im Gegensatz zu dem jungem Marlowe.

Der umtriebige Akademiker Marlowe war zumindest zeitweise als Kundschafter im Auftrage Königin Elisabeths tätig gewesen, hatte dann aber schwer mit Vorwürfen wegen seines unverhohlenen »atheistischen« Denkens und Lebenswandels zu kämpfen. Als er an jenem unheil-schwangerem 30. Mai im Hause der durchaus angese-henen Witwe Eleanor Bull mit Ingram Frizer, Robert Poley und Nicholas Skeres beim Abendmahle saß, waren gerade zwei enge Freunde Marlowes eingesperrt und gefoltert und noch andere »Ketzer« verfolgt oder gar aufgeknüpft worden, darunter Thomas Kyd.*** Marlowe befand sich ohne Zweifel in einer höchst bedrohlichen Lage, ihm winkte die Todesstrafe. Die »Verschwörungstheoretiker-Innen« nehmen deshalb mit etlichen guten Argumenten an, die Messerstecherei in dem Speisezimmer sei lediglich vorgetäuscht worden. Die Genannten hätten vielmehr Marlowe auf diese Weise aus dem Verkehr gezogen, dafür den Untersuchungsrichtern eine »falsche« Leiche unter-geschoben. Fortan habe Marlowe ein anonymes Leben geführt, allerdings unter verschiedenen Pseudonymen, darunter eben »William Shakespeare«, weiterhin literarische Werke veröffentlicht. Wahrscheinlich sei er erst 1655 in hohem Alter gestorben, und zwar in Gent, Flandern, also auf dem Festland.

Die bislang jüngste Munition der DenkmalschänderInnen packte ein pensionierter Münchener Medizinprofessor mit einem 700-Seiten-Wälzer auf den Tisch.**** Sein Werk wurde unter anderem von der FAZ verhöhnt und verrissen*****, was niemanden verblüffen wird, der an die vielen offiziell erlassenen Kanons nicht mehr ganz so fest wie kleine Kinder an den Nährwert des Goldes oder wie die kommunistische Tageszeitung Junge Welt an den »Klimawandel« glaubt. Im Falle Shakespears stehen neben der ungemein einträglichen Stratforder Tourismusbranche immerhin die sogenannte Reputation (auf deutsch »päpstliche Unfehlbarkeit«) und die entsprechenden Einkünfte von vielen Hundert literaturwissenschaftlichen Kapazitäten auf dem Spiel. Sie müssen recht behalten, damit ihre Sterne nicht sinken und ihre Preise nicht fallen. Das nordhessische, minder geweihte Blatt HNA (aus Kassel) nimmt solche Rücksichten erstaunlicherweise nicht, wie ein Artikel von Bettina Fraschke bezeugt.******

* Band 14 von 1991, S. 229
** Als der Wiener Schauspieler und Publizist Egon Friedell 1927 den ersten Band seiner Kulturgeschichte der Neuzeit veröffentlichte, waren ihm die Zweifel an der Identität des »heimlichen Königs« von England durchaus bekannt – weshalb er diese Frage kurzerhand für nebensächlich erklärte: »Vielleicht hieß er nicht Shakespeare: was kümmert uns seine Adresse!« (Zitiert nach der einbändigen Mün-chener Dünndruckausgabe von 1974, S. 400.) Hauptsache, die verehrbare »Größe« war da, soll sie doch Schüttelspeer, Marlowe oder Windbeutel heißen. Friedell liebte Großes.
*** Der Dramatiker Kyd (1558–94) war wohl im Gefängnis umgefallen und dann, entlassen, nach einem Jahr als 35jähriger an den Folter- und Haftfolgen gestorben.
**** Bastian Conrad: Christopher Marlowe, der wahre Shakespeare, München 2011
***** Werner von Koppenfels, »So eine Maulwurfexistenz ist doch enorm anstrengend«, 18. November 2011: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/bastian-conrad-christopher-marlowe-so-eine-maulwurfexistenz-ist-doch-enorm-anstrengend-11533109.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
****** »Der wahre Shakespeare? Der Dramatiker Christopher Marlowe«, 25. Februar 2014: https://www.hna.de/kultur/wahre-shakespeare-dramatiker-christopher-marlowe-3384721.html




Martin, Emma 39 (1812–51), englische Sozialreformerin und Feministin, aufgewachsen bei Bristol. Für ihre Zeit, da sich »die öffentliche Zunge der Frauen in den Mündern der Männer befand«, wie ihr Mitstreiter George Jacob Holyoake selbstkritisch bemerkt hatte, war sie in mancherlei Hinsicht eine Pionierin. Gleichwohl ist sie kaum bekannt. Ich erlaube mir, mich hier im Wesentlichen auf einen Artikel der deutschsprachigen Wikipedia zu stützen, den ich im Juli 2011, wie vorher manche andere Artikel dieser Internet-Mitmach-Enzyklopädie, selber anlegte und der bislang kaum Federn lassen mußte. Bald darauf drosselte ich meine Mitarbeit stark, weil mir zuviel gegen den Strich gegangen war. Das habe ich bereits unter >Lema eingeflochten.

Von einem Faßmacher streng baptistisch erzogen, entwickelte Emma auch das Sendungsbewußtsein, das oft Erst- und Großtaten beflügelt. Zunächst Betreiberin eines Mädchenpensionates und ab 1835 Redakteurin des kurzlebigen Bristol Litary Magazins, wird sie durch die Begegnung mit dem Owen-Jünger Alexander Campbell und durch verschiedene Gerichtsverfahren gegen Holyoake und Southwell (wegen »Blasphemie«) auf freidenke-rischen, später auch sozialistischen und feministischen Kurs gezogen. Sie verläßt ihren Ehemann Isaac Luther Martin (1839) und wird eine Art Wanderpredigerin. Wie von Charles Darwins Biografen Desmond/Moore zu erfahren ist*, hat sie »um ihre Existenz zu kämpfen, lebt von Almosen, karrt ihre Kinder mit sich herum ..(..).., wird von Stadt zu Stadt gehetzt und von Pfarrern und Magistratsbeamten schikaniert.« Sie verurteilt die Strafen für die erwähnten Ketzer und kommt dafür wiederholt selber ins Gefängnis.

Martin verdammt gleichermaßen die Fesseln der Religion (patriarchaler Gott), der Ehe (keinerlei Selbstbestimmung) und der Fabrik. Sie wirkt in Arbeiterbildungsvereinen, scheut aber auch die Straße nicht. Sie wird als kühne, scharfsinnige, witzige und schlagfertige Rednerin von den einen bewundert, den anderen gehaßt. Nicht selten habe sie 3.000 ZuhörerInnen angezogen, behaupten Des-mond/Moore, das ist für jene Zeit kein Kaffeekränzchen. Oft wird sie ihrerseits als Hexe oder Hure des Teufels verdammt. In Edinburg entgeht sie 1845, laut Olive Banks (New York 1985), mitsamt einer Tochter nur knapp einer Steinigung. Damals erscheinen auch einige Reden oder Aufsätze von ihr im Druck, darunter eine Conversation on the Being of God, in der sie verkündet, die Evolution brauche keinen Schöpfer. Das dürfte dem ängstlich auf seinen untadeligen Ruf bedachten Darwin wenig geschmeckt haben. Ob Martin nennenswerte Honorare bezog, ist kaum anzunehmen. Körperlich und finanziell am Boden, läßt sie sich 1845 in London nieder, wo sie (unverheiratet und bis zu ihrem Tode) mit dem geistes-verwandten Ingenieur Joshua Hopkins zusammenlebt.

1847 bringt sie ein weiteres Kind zur Welt. Kurz darauf läßt sie sich am Royal Adelaide Hospital als Hebamme ausbilden. Sie setzt sich nun für eine selbstbestimmte Frauenmedizin ein. Zu einer Zeit, wo weibliche Ärzte undenkbar waren, wirkte sie auch damit als Pionierin. Sie gab Kurse, gründete eine Art Gewerkschaft für Krankenschwestern, verkaufte Berufsbekleidung. Doch ihre eigene Gesundheit war schwer angeschlagen. 1851 erliegt sie mit 39 Jahren der Tuberkulose. Nur ein Jahr später stirbt auch ihr Gefährte Hopkins. Banks zählt Emma Martin neben Frances Wright (USA) und Harriet Martineau (die sich an der Finanzierung eines Gedenk-steins beteiligte) zu den bedeutensten Frauenrechtlerinnen überhaupt.

* Adrian Desmond / James Moore: Darwin, London 1991, zitiert nach der Rowohlt-Ausgabe Hamburg 1994, Seite 361



Marx, Caroline 23 (1824–47), Prominentenschwester. Es geht hier nicht um den weltberühmten, meist vollbär-tigen Denker Karl Marx, Sohn eines Trierer Justizrates. Marx junior wurde vergleichsweise alt. Mit seiner Ehefrau Jenny hatte er sieben Kinder, von denen allerdings fünf früh starben, vorwiegend sogar als Kleinkinder. Das war damals leider nicht ungewöhnlich. Aber für dieses Werk ist es zuviel. Ich will mich deshalb in der namentlichen Nennung auf die frühverstorbenen Geschwister des Denkers beschränken. Das sind immer noch genug, nämlich gleichfalls fünf. Im ganzen hatte Frau Justizrat Henriette neun Kinder geboren.

Caroline Marx wurde mit 23 von der Tuberkulose weggerafft. Sie war immer schwächer und müder geworden. Über ihre Schulbildung sei nichts bekannt, heißt es in einem anscheinend gut belegtem Wikipedia-Artikel über die Geschwister. Die gescheiterte deutsche Revolution von 1848 verpaßte sie um ein Jahr. Ihr Temperament? Ihre Sehnsüchte? Die Sekundärliteratur zum berühmten Bruder ist länger als die Mosel; kraulen Sie tapfer hindurch; vielleicht finden Sie ein Bröckchen.

Henriette Marx (1820–45) war nur geringfügig älter geworden, 24. Auch sie fiel der Schwindsucht zum Fraß. Trotz ihrer Erkrankung hatte sie im September 1844 einen künftigen Eisenbahndirektor geheiratet. Wenige Monate später war sie tot. Das ersparte ihr immerhin die fünf Schwangerschaften, die der Witwer dann der Nachfolgerin gemacht haben soll.

Mauritz David Marx (1815–19), der Älteste, wurde keine vier. Bei ihm ist noch nicht einmal die Todesursache bekannt.

Hermann Marx (1819–42) erlag, laut Kirchenbuch, mit knapp 23 der »Lungensucht«. Er hatte Kaufmann gelernt und war zeitweise sogar in Brüssel angestellt. Sein genaues Verhältnis zum Geld ist vermutlich unbekannt. Aber er hätte wohl kaum dicke Bücher über dieses Phänomen verfaßt.

Eduard 11 (1826–37), Gymnasiast in Trier, Schwindsucht.

Man sieht also, in der Familie Marx senior saß der berüchtigte Tuberkulose-Wurm. Sohn Karl wurde offensichtlich von ihm verschont – warum, dürfen Sie mich nicht fragen. Ein Spitzfinder wird Ihnen allerdings versichern: »Einer mußte doch den Marxismus erfinden! Das wußte der Wurm.« Die anderen Geschwister hatten eben das Los der Pechvögel gezogen. Nebenbei höre ich gerade, ein paar SchülerInnen meines Landes Thüringen hätten Glück. Das Familiengericht Weimar habe zwei Schulen der Goethestadt zahlreiche Corona-Maßnahmen, voran die Masken- und die Testpflicht, mit der Begründung untersagt, sie stellten eine erhebliche Gefährdung des Kindeswohls dar, ohne daß dafür ihr Nutzen erkennbar und belegt sei. Die Beweislast liege auf Seite der Regierenden. Die Aussagekraft der Tests wird in dem Urteil ausdrücklich bezweifelt. Freilich stoße es bei den Mainstreammedien, wenn nicht auf Desinteresse, auf Ablehnung, heißt es im Portal* des Altsozialdemokraten Albrecht Müller, der neuerdings revolutionäre Töne angeschlagen hat. Vermutlich werde das Urteil aber sowieso gekippt. Das Bildungsministerium des von mir überaus geliebten Landesvaters Bodo Ramelow habe bereits seine Entschlossenheit bekundet, das Urteil weitgehend zu ignorieren. Die warten jetzt schön die Kippung durch eine sogenannte Höhere Instanz ab. Spurt die aber auch nicht, wird uns Gottvater Ramelow einmal zeigen, wer den Schlüssel zum Geräteschuppen mit den Karrierehürden und den Zugang zu den Geldhähnen im Keller hat.

Man wird vielleicht seufzen: »Die haben den eben gewählt – was wollen Sie machen?« Ich will einmal nachdenken, erwidere ich. Gerade so wie Karl Marx, der studierte Jurist und Philosoph, allerdings über das Phänomen der Vertretung, das er möglicherweise nie behandelt hat. Er hat mit seinem Marxismus nur dafür gesorgt, daß sich viele Millionen von Kleinen Leuten nach ihm von Führern wie August Bebel oder Walter Ulbricht vertreten – und verarscht sahen.

Soweit ich sehe, wird die Reich- und Kragenweite des Systems der Vertretung von Laien oft unterschätzt. Das gilt selbst für »alternative« Laien. Fordert der Vegetarier, wer Fleisch wolle, müsse auch bereit sein, dessen Träger zu töten, etwa ein niedliches Kalb, verlangt er viel. Dann müßten wir neben dem Metzger auf die halbe Menschen-welt verzichten. Nur Tiere vertreten einander nie. Weder schickt das Kalb den behelmten Bullen noch der Igel Rennmeister Lampe vor. Das Vertreten eröffnet uns ungeheure Spielräume. Da der alte Sumerer im Tempel seine Beterstatuette wußte, konnte er sich wichtigen Markt- oder Waffengängen widmen, statt im Tempel auf den Knieen zu liegen. Opfert Abel ein Lamm oder Gott Jesus, brauchen wir uns nicht zu opfern. Fehlt einem Knaben das Zeug zum Till Eulenspiegel, kann er sich gegen Glasmurmeln oder Gummibärchen eine Art mittelalter-lichen Lohnkämpen mieten, der seinen Hänslern tüchtig eins auf die Fresse gibt. Eben nach diesem Muster bedienen wir uns des Metzgers, der das Kalb für uns absticht. Schmierende Komödianten wie Peter Hartz bemühen Betriebsräte oder Rechtsanwälte, bevor sie vielleicht einen Mörder dingen. Alle Arbeitsteilungen, alle Ablösungen wie Geld, Symbole, Sprache sind Vertretungen, die unseren Verkehr erleichtern, unsere Spielräume vergrößern, unsere VolksvertreterInnen bereichern.

Die Nachteile liegen auf der Hand. Der Lohnkämpe erpreßt, der Abgeordnete betrügt mich. Vorgefundene Arbeitsteilung erstickt Begabung, verhindert Entdek-kungen, vergrößert Abhängigkeit. Zunehmende Veräste-lung läßt uns immer häufiger straucheln; wir verfangen uns; wir fallen herein. Kurz und schlecht: Fortschritt bedeutet, Entfremdung und Entmündigung nehmen unaufhaltsam zu. Dagegen behalten die Füchse und Dachse ihre Nahrungssuche, Interessen, Perspektiven lieber in der eigenen Pfote.

Allerdings kennen sie keine Gerechtigkeit. Bei ihnen hat der Magere Pech und gerät unter die Räder. Sie sind dem Zufall unterworfen – den die Vertretung auszuhebeln versucht. Das gereicht ihr aber trotzdem nicht zur Rechtfertigung. Das System der Vertretung setzt immer schon das ungerechte System voraus; gerade so wie die Rechtfertiger des Geldes stets den Tausch voraussetzen. Dabei ließen sich Ausgleich und Solidarität auch in einem runden System gewährleisten, etwa einer 30köpfigen Kommune. Hier beruht alles auf Absprache und Teilhabe. Aber schon für ein Residenzstädtchen wie Weimar (das heute 65.000 EinwohnerInnen hat) sehe ich in dieser Hinsicht schwarz. Wahrscheinlich werden alle Weltver-besserungsprogramme an der Unmöglichkeit zerschellen, die Menschenwelt und ihre Einrichtungen wieder zu verkleinern, statt sie unbeirrbar aufzublähen. Es ist ja klar wie Kloßbrüh: Absprache, Teilhabe, Rechenschaftslegung bedürfen der Überschaubarkeit. Ist diese aufgrund schierer Größe und der interessegeleiteten Wühlarbeit mächtiger Nachbarn nicht mehr gegeben, schleicht sich bald die Verderbnis ins republikanische Gebilde ein.

Vor knapp 50 Jahren erschien (zunächst auf englisch) das Buch Small is Beautiful des Volkswirtschaftlers und Katholiken Ernst Friedrich Schumacher und löste sofort breite Erörterungen aus. Davon will heute keiner mehr etwas wissen. Offenbar haben selbst in allen systemkri-tischen Kreisen ganz überwiegend Duckmäuser oder Großmäuler das Sagen, die der Wahrheit ungern ins Auge sehen. Ihr Geschäft ist der Zweckoptimismus. Sie werden uns noch mit ihren basisdemokratischen Ammenmärchen und Durchhalteparolen in den Ohren liegen, wenn die Kanzlerin (Wagenknecht?) die 163. Pandemie-Welle verkündet hat oder in Karatschi Pest und Pocken wieder ausgebrochen sind.

* Tobias Riegel, »Gericht in Weimar verbietet Schulen Maskenzwang und Testpflicht«, NachDenkSeiten, 12. April 2021: https://www.nachdenkseiten.de/?p=71509



Masakatsu Morita 25 (1945–70), japanischer Student, macht Seppuku mit Geliebtem oder Verehrtem in einer Kaserne. An dem homosexuell und vaterländisch gestimmtem Schriftsteller, Schauspieler und Kampfsport-ler Mishima Yukio (1925–70) hätte so mancher Feudalherr seine Freude gehabt. Masakatsu gehörte zu seinen Vertrauten. Meister Mishima hatte, vornehmlich aus Studenten, die Schildgesellschaft gebildet, eine Art kleines, angeblich unbewaffnetes, um 80 Mann starkes Freikorps, das er persönlich trainierte. Am 25. November 1970 begab er sich mit lediglich vier Getreuen ins Tokioer Hauptquartier der Armee, drang unter dem Deckmantel eines Besuchstermins bis ins Büro des diensthabenden Kommandanten vor und erklärte diesen, General Mashita, zur Geisel. Dann trat der 45jährige berühmte Dichter und durchs Schwert gestählte Modellathlet auf den Balkon hinaus, wetterte gegen den Parlamentarismus und forderte die Wiedereinführung der Monarchie. Wie sich rasch zeigte, wollten das weder die im Hof anwesenden Soldaten noch die aufsteigenden Hubschrauber, die vorsorglich Lärm machten. Mit diesem Fehlschlag hatte Mishima allerdings gerechnet; sein Selbstmord war keineswegs »spontan«. Er beging nun in der besetzten Kommandatur und (nach einigen Quellen) vor den Augen des gefesselten Generals Seppuku, den sagenumwobenen rituellen Selbstmord des Fernen Ostens. Man schlitzt sich dabei den Bauch auf und läßt sich dann von einem Getreuen fachmännisch enthaupten. In dieser Rolle versuchte sich zunächst Mishimas Adlatus Masakatsu Morita. Als der 25jährige mehrmals versagte, übernahm ein anderer das Köpfen. Nun soll sich auch Masakatsu den Bauch aufgeschlitzt haben, obwohl ihm der Meister den Tod erlassen hatte, weil Masakatsu Heiratsabsichten mit einer Frau hegte. Aber er könne doch den Meister nicht allein sterben lassen, soll Masakatsu gejammert haben. Wer weiß, ob er sich nicht in Wahrheit für sein Versagen in Grund und Boden schmämte und deshalb gar nicht so ungern starb.

Viele Quellen, etwa eine aus Wien*, streifen Masakatsu bestenfalls mit zwei oder drei Worten – eben eine echte Randfigur. Die englische Wikipedia widmet ihm allerdings einen eigenen Artikel. Mit drei Jahren habe er beide Elternteile verloren. 1968 – es war eine weltweite Blütezeit der »Neuen Linken«, was Mishima natürlich mit den Zähnen knirschen ließ – habe er dem Meister brieflich versichert, er sei bereit, für ihn zu sterben. Mit Masakatsus schwuler Begabung war es vielleicht nicht weit her, aber sein Vaterkomplex könnte den Berg Fudschijama in den Schatten gestellt haben, knapp 3.800 Meter.

Was die Orgie im Hauptquartier der Armee angeht, sollte man sich einmal das Blut, die Gedärme, den Kot und den Urin auf dem doch ziemlich erlauchtem Linoleum ausmalen, dann begreift man, daß Mishima ein rechter Happening-Künstler war, der die Ästhetik mit der Politik und der Gosse zu verbinden verstand. Für die juristische Verteidigung der übriggebliebenen und natürlich verhafteten drei Getreuen hatte er übrigens fürsorglich Geld hinterlegt. Sie kamen nach wenigen Jahren Gefängnis wieder frei. Von seinem großartigem Seppuku-Abgang hatte Mishima den meisten Quellen zufolge seit Jahren geträumt. Vermutlich war er bereits in seinem ersten Roman Bekenntnisse einer Maske von 1949 angelegt, der ihm auf Anhieb Ruhm eintrug. Er soll das schwule, laut einem Kritiker deutlich sadomasochistische, »ja geradezu blutrünstige« Erwachen eines Schülers vorführen, der es freilich mehr oder weniger krampfhaft unter der Maske der »Normalität« zu verbergen sucht. Was schließlich General Mashita angeht, nehme ich an, er wurde zunächst einmal in die Obhut eines Militärpsychologen gegeben, bevor man ihn zur Sau machte.

* Oliver vom Hove, »Yukio Mishimas Apotheose der Selbstenthaup-tung«, Wiener Zeitung, 22. November 2020: https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/reflexionen/vermessungen/2083034-Yukio-Mishimas-Apotheose-der-Selbstenthauptung.html



Masih, Iqbal um 12 (1982?–95), pakistanischer Kindersklave, von wem erschossen? Während die einen einen Anschlag des internationalen Teppichhandels argwöhnen, sprechen die anderen von einer Art Dorfposse mit allerdings tödlichem Ausgang. Angeblich war Masih von seinen Eltern schon als Vierjähriger gegen sage und schreibe (umgerechnet) 12 US-Dollar in die »Schuld-knechtschaft« eines Fabrikanten gegeben worden, für den er 12 Stunden Teppiche zu knüpfen hatte – Tag für Tag. Obwohl nicht selten am Knüpfstuhl angekettet, unternahm Masih wiederholt Fluchtversuche – man fing ihn jedes Mal wieder ein. Durch die harte Sklavenarbeit, schlechte Ernährung, den Wollstaub und mangelhafte Gesundheits-fürsorge blieb er im Wachstum zurück. Seine seelischen Qualen können sich heutige mitteleuropäische Kinder, die noch nicht einmal »Stubenarrest« kennen, vermutlich nur unzulänglich ausmalen. Deshalb haben die Kultusminster-Innen unlängst die Corona-Pandemie mit ihren unumgänglichen Quarantäne-Maßnahmen erfunden.

Für Masih ging das rund sechs Jahre lang. Dann kam er dank BLLF (Bonded Labour Liberation Front) frei und durfte sogar, als 10jähriger, eine Schule dieser Organisa-tion besuchen. Er beteiligte sich auch an der Verbandsar-beit und trug so seinerseits – wie es heißt – zur Befreiung zahlreicher Kindersklaven bei. Nach Schätzungen der in Großbritannien ansässigen Anti-Slavery International beschäftigen allein die HerstellerInnen von handgeknüpf-ten Teppichen in Pakistan, Indien und Nepal mindestens 800.000 Kinder unter 14 Jahren.* Diese Kinder sind begehrt, weil ihren schmalen Fingern die erwünschten dünnen Knoten entspringen, einmal davon abgesehen, daß sie auch außerhalb der »Schuldknechtschaft« mit einem Tageslohn von wenigen US-Cent abgespeist werden können. Andere Kinder arbeiten in Mühlen, Ziegeleien, Garagen und »natürlich« auch in der Landwirtschaft.

Im Nebeneffekt wurde Masih durch seine Verbandsarbeit zum Aushängeschild. Er reiste unter anderem nach Schweden. 1995 wurde der 12jährige ausgerechnet von der weltweit tätigen Sportartikelfirma Reebok, die sich selbst zum Gärtner ernannt hatte, in die USA eingeladen, um den »Menschenrechtspreis« der firmeneigenen »Menschen-rechtsstiftung« entgegen zu nehmen. Masih hielt die erwartete flammende Rede gegen Kinderarbeit und wurde auch noch in verschiedenen nordamerikanischen Schulen herumgereicht. Vielleicht durfte er sogar dem US-Tennisstar Michael Te-Pei Chang die Hand schütteln, der zu seinen damaligen Triumphen selbstverständlich in den jeweils nagelneusten Reebok-Schuhen auflief. Im übrigen ist stark anzunehmen, auch Reebok habe seine zugkräftigen Turnschuhe, Trainingsanzüge, Schirmmützen und die dafür unabdingbaren Edeltaschen schon damals zumindest teil- oder teileweise in Asien anfertigen lassen. 2006 ging das ursprünglich britische Unternehmen für gut drei Milliarden Euro an die adidas AG. Auf der Firmen-Webseite ist zu erfahren: »Im Jahr 2009 wurden 97 % der Schuhe unserer Marken adidas, Reebok und adidas Golf in Asien produziert.« Da man inzwischen jedoch »im Menschenrechtsbereich tätig« ist, um mit der deutschen Wikipedia zu sprechen, pflegt man die im Übermaß vorhandenen chinesischen oder pakistanischen Näher-Innen nicht mehr anzuketten: sie dürfen den Betrieb und das Land und die Welt jederzeit verlassen.

Die einträglichste Abteilung des adidas-Multis bleibt im Geschäftsbericht ungenannt: das sind die cleveren Damen und Herren, die nicht nur die bekannten Gutachten darüber, wie gesund das Sporttreiben für Leib und Seele sei, sondern vermehrt auch die grünen Plaketten oder Bio-Zertifikate etwa der Fair Labor Association besorgen. Schließlich gehören diesem feinem Verein auch solche beliebten MenschheitsbeglückerInnen wie Apple und Nestlé an.

Wie Masih im US-Fernsehen gesagt hatte, war es sein brennender Wunsch Rechtsanwalt zu werden. Man hatte ihm auch schon eine Schulausbildung in den Staaten in Aussicht gestellt. Doch im selbem Frühjahr 1995, kurz nach seiner Rückkehr, wird der 12jährige »Menschen-rechtskämpfer« unweit seines Heimatdorfes Muridke (bei Lahore, Punjab) unter bis heute ungeklärten Umständen erschossen. Während die Gewalttat, wie bereits angedeu-tet, für die einen auf das Konto der pakistanischen Tep-pich-Mafia geht, von der es schließlich öfter entsprechende Drohungen gegen Masih gegeben habe, machen die anderen die sexuelle Begierde des Landarbeiters Mohammad Ashraf dafür verantwortlich, die noch nicht einmal auf Knaben gerichtet war. Diese Sicht dürfte ungefähr dem offiziellem Polizeibericht entsprechen.* Danach hatte sich Masih, der über die Feiertage von Lahore aus ins Heimatdorf gefahren war, am 16. April gegen Abend seinen Cousins Liaquat und Faryad angeschlossen, die ihrem Onkel Amanat Essen aufs Feld bringen wollten. Plötzlich nahmen sie im Schatten einer Mauer heftige Bewegungen wahr. Angeblich war es Ashraf, der gerade mit einer angebundenen Eselin kopulierte. Der Mann wird auch als heroinsüchtig bezeichnet. Ertappt, ausgelacht und beschimpft, habe Ashraf nach der Jagdflinte seines Grundbesitzers gegriffen und auf die drei gefeuert. Dabei erwischte es zufällig Iqbal.

Es heißt, nach seiner Festnahme habe Ashraf die Schüsse auf die Kinder auch gestanden. Später habe er seine Aussage allerdings widerrufen, wie auch andere Beteiligte die ihre. Da die Tat von Masihs MitstreiterInnen sofort als Übergriff der Teppichfabrikanten an die große Glocke gehängt worden war, mußte die für Pakistans Exportbilanz wichtige Branche empfindliche Umsatzeinbußen hinnehmen, wie schon sechs Wochen nach den Schüssen in einem kalifornischem Blatt zu lesen war.* Es betonte, sowohl die örtlichen Behörden wie Pakistans größte unabhängige Menschenrechtsorganisation (HRCP) hätten versichert, für eine Verwicklung der Teppichfabrikanten in die Bluttat gebe es keinerlei Beweise.

Nebenbei soll der Bericht der HRCP behaupten, laut Angaben von Verwandten Masihs sei das Alter des getöteten Aktivisten der Öffentlichkeit gegenüber durch die Bonded Labour Liberation Front großzügig abgesenkt worden: er sei zum Zeitpunkt seines Todes eher 19 gewesen. 2000 wurde dem »ermordetem« Menschen-rechtskämpfer posthum der erstmals (in Schweden vergebene) World's Children's Prize verliehen. Was aus dem Sodomisten wurde, der ihn möglicherweise auf dem Gewissen hat, ist zumindest im Westen nicht bekannt. Man hütet sich hier auch vor der Frage, welche Esel bei dem ganzen Rummel eigentlich verarscht worden sind. Jedenfalls kursieren im Internet die haarsträubendsten Versionen und Verkürzungen – und Masih, ob 12 oder 19, ist tot. Das dürfte in diesem Fall die einzige unbezweifel-bare Tatsache sein.

* Kathy Gannon, »Young Activist's Death Hits Pakistani Carpet Sales Trade«, Los Angeles Times, 31. Mai 1995: https://www.latimes.com/archives/la-xpm-1995-05-31-fi-8016-story.html



Matola, Fernando 25 (1982–2007), mosambikanischer Fußballspieler. In Afrika werden die Früchte von Fort-schritt und Globalisierung gern von Berufssportlern wie Matola geerntet. Anfang September 2007 von Johannes-burg aus zu einem Camp seiner Nationalmannschaft Richtung Maputo unterwegs, kam der Wagen des 25jäh-rigen Abwehrspielers von der Straße ab und prallte gegen den letzten einheimischen Baum, der da wahrscheinlich noch ums Überleben kämpfte. Laut einem in Kapstadt, Südafrika, sitzendem Portal* kamen bei diesem »crash« auch gleich die Gattin und zwei Kleinkinder um.

* »Leopards, Costa do Sol to honour Nando«, sport24, 9. September 2008: https://www.news24.com/Sport/Leopards-Costa-do-Sol-to-honour-Nando-20080909



Matteotti, Giacomo 39 (1885–1924), italienischer antifaschistischer Politiker, gemäßigter Sozialist. Wenige Tage, nachdem er die Faschisten in einer Rede vor der Abgeordnetenkammer angeprangert hatte, wurde der 39jährige von »Banditen« entführt und ermordet – Getreue »aus der engsten Umgebung Mussolinis«, wie sich, laut Brockhaus, später herausstellte. Wahrscheinlich hatte der studierte Jurist nach dem Überfall noch einiges zu leiden. Zurück blieben Frau und zwei Kinder. Mit dem Wendepunkt der sogenannten Matteotti-Krise ließ der »Duce« spätestens im Folgejahr des Mordes sein demokratisches Mäntelchen fallen. Der Stoff wurde 1973 mit Franco Nero in der Hauptrolle und Mario Adorf als Mussolini unter dem Titel Il delitto Matteotti (Die Ermordung Matteottis) verfilmt.



Matter, Bernhard 33 (1821–54), Alpen-Gauner. Er wirkte vornehmlich im Kanton Aargau, Schweiz. Norma-lerweise hätte man ihn als Berufsdieb bezeichnet, von denen es bekanntlich viele gibt. Da sich die Einbrüche, Schmuggeltouren und Überfälle des gelernten Maurers, die er teils allein, teils mit Bande vornahm, ausschließlich gegen wohlhabende MitbürgerInnen richteten und er zudem einen guten Teil der Beute zu Spottpreisen unter die armen Leute gebracht haben soll, erwarb sich Matter jedoch, neben dem Ruhm als Meisterdieb, Herzensbrecher und Ausbrecherkönig, im Laufe der Legendenbildung den Titel des Schweizer Robin Hoods. 1854, ein Jahr nach seinem jüngstem Ausbruch, wurde der »von allen Maitli« begehrte Gastwirtssohn, wohl durch Verrat, in einer Teufenthaler Herberge aufgespürt und noch im selbem Jahr in Lenzburg von Staats wegen, mit dem Schwert, enthauptet. Wieviele Morde der erst 33jährige auf dem Gewissen hatte? Keinen. Es heißt, er habe nicht einem Opfer oder Ordnungshüter auch nur die Haut geritzt. Aber er hatte hartnäckig das heiligste Menschenrecht des Kapitalismus verletzt, das Eigentum.



Matter, Mani 36 (1936–72), schweizer Jurist und Vortragskünstler mit Klampfe, dunkler kräftiger Stimme und ebensolchem »Schnauz« unter der Nase. Ab 1966 erntete er vornehmlich mit lustig gereimten (Berner) Mundart-Liedern Beifall und Gelächter. Er kratzte an der Bürgerlichkeit, ohne jemals Rebell zu sein. Zu seinem Repertoire zählte ein Lied über seinen Namensvetter Bernhard, den Räuber. Während dieser damals in Lenzburg ein aus Balken und Bohlen errichtetes Schafott besteigen mußte, begab sich Mani Matter Ende November 1972 auf das moderne betonierte Schafott, das inzwischen auch in der Schweiz Einzug gehalten hatte, die Autobahn. Der 36jährige Berner prallte bei Kilchberg auf dem Weg zu einem Auftritt in Rapperswil am Zürichsee nach dem Überholen eines Lastwagens mit seinem Fiat nahezu ungebremst gegen einen Baum. Es schneite, und der vielbeschäftigte, um nicht zu sagen: überarbeitete Künstler, Rechtskonsulent, Hochschullehrer und Familienvater hatte vielleicht Verspätung befürchtet. Letztlich blieb der tödliche Unfall ungeklärt, falls es einer war. Nach seinem Biografen Wilfried Meichtry hatte Matter zuletzt an seinem Ruf als mehr oder weniger harmlose Stimmungskanone gelitten, wodurch er sich eingeengt und verkannt fühlte; er habe jedoch zugleich voller künstlerischer Pläne gesteckt, Opern eingeschlossen, und mit seiner Familie (drei Kinder) einen Wohnungs-wechsel vorbereitet. Daraus wurde nichts. Meichtry, offenbar ein Liebhaber von Gemeinplätzen und Worthülsen, auch wenn er das Gegenteil beteuert*, hält einen Selbstmord für unwahrscheinlich. Ähnlich scheint es die NZZ zu sehen, wenn sie von einem »misslungenem Überholmanöver« des ambitionierten Künstlers und Fiat-Lenkers spricht.** Nebenbei behauptet das Blatt, Meichtrys Werk sei »unter der Schirmherrschaft« der gestrengen Witwe Joy Matter entstanden, einer Lehrerin und »grünen« Berner Stadträtin.

* Stefan von Bergen, »Ich spüre bei Mani Matter einen Hunger nach Intensität und Erkenntnis«, Berner Zeitung, 14. April 2013: http://www.bernerzeitung.ch/kultur/buecher/Ich-spuere-bei-Mani-Matter-einen-Hunger-nach-Intensitaet-und-Erkenntnis/story/25178676
** Urs Hafner, »Jurist, Sänger, Denker«, 14. Mai 2013: http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/jurist-saenger-denker-1.18080514




Matzeliger, Jan Ernst 36 (1852–89), surinamischer Erfinder. Der freigekaufte Sklave, Kind gemischter Eltern, zeigte sich früh in mechanischen Dingen geschickt und erlernte zusätzlich das Handwerk des Schuhmachens. Dadurch stieg er sogar noch weiter auf. Das ergab sich ab 1877 in Lynn, Massachusetts, USA. In dieser Küstenstadt, damals um 35.000 EinwohnerInnen, hatte sich die Schuh-fabrikation geballt. Zunächst Assistent eines kleineren Fabrikanten, entwickelte Matzeliger eine spezielle Nähmaschine, die Schuhschäfte- und Sohlen miteinander verband. Um mit der deutschen Wikipedia zu sprechen: »Durch diese Zwickmaschine wurde die Herstellung von Schuhen mechanisiert und sie konnten dadurch wesentlich kostengünstiger und schneller produziert werden. Am 20. März 1883 ließ sich Matzeliger diese Maschine patentie-ren.« Seither galt er als Erfinder dieser bedeutenden Innovation, wie man heute fremdworteln würde. Allzuviel hatte Matzeliger, mit einem zeitgenössischen Schimpfwort auch der »Dutch nigger« gerufen, allerdings nicht mehr davon: sechs Jahre darauf erlag er, mit knapp 37, der Tuberkulose.

Leider bindet uns Wikipedia hier einen Schuh auf, der, ich will nicht sagen, falsch ist, aber zumindest sehr schief. Die Mammut-Enzyklopädie befördert eine ungemein beliebte Verengung des Blickwinkels auf betriebswirtschaftlichen Nutzen. Diese Verengung ging mir bereits vor Jahren auf, als ich im Berliner Technikmuseum am Gleisdreieck ehr-fürchtig vor einer gewaltigen, blitzenden Dampfmaschine stand, die einmal in England eine Kornmühle angetrieben hatte. Hier nun war sie über etliche Treibräder und -riemen mit allerlei Zahnradmaschinen verbunden, so mit einer Drehbank gleichen Baujahrs (1860), die aus der Drechselbank hervorging. Ein Schild klärte mich auf: »Nun konnten Metallteile für Maschinen, Lokomotiven und andere Zwecke genauer, schneller und billiger als zuvor bearbeitet werden.«

Da dämmerte mir, manche Leute begreifen ihre eigenen Verknüpfungen nicht. Denn: genauer und schneller gewiß – aber niemals billiger. Bereits die Dampfmaschine besteht aus zahlreichen Metallteilen, die erst einmal hergestellt sein wollen. Welcher Aufwand, solche Schwungräder, Zylinder, Flansche haargenau zu gießen, schmieden, fräsen, feilen! Und diese Metallteile finden sich nun in den benachbarten Dreh-, Bohr- oder Stanzmaschinen, von denen sie hergestellt werden können, wieder. Angesichts eines derart komplexen Verzehrwerks wird die naheliegende Frage, ob das Huhn oder das Ei eher da war, ziemlich unerheblich. Dabei habe ich noch nicht von dem Aufwand gesprochen, mit dem der Rohstoff all dieser Maschinenteile gewonnen wird. Ein Erzbergwerk ist weder ein Sandkasten noch ein vergilbtes Kalenderblatt. In jeder automatischen Tür, die sich heute wie Sesam vor uns öffnet, stecken die Verluste, die in den Bergwerken des 18. Jahrhunderts gemacht wurden. Neben viel Energie und einigen beträchtlichen Laubwäldern zählen dazu die Schinderei, das Hungern und eine Menge Tote. Diese fallen bis heute an: in China etwa kamen allein 2008 bei Unfällen 3.200 Bergleute ums Leben. Das wären bereits 10 Prozent der Einwohnerschaft von Lynn zu Matzeligers Zeit.

Ziehen Sie einmal lediglich die Verbrennungen zusammen, die Menschen bei der Stahlgewinnung erlitten, und Sie kommen bereits auf die Wüste Sahara. Sämtliche Opfer unserer »Mobilität« Fuß an Kopf gereiht, könnten wir sämtliche Verkehrsadern dieses Planeten nachzeichnen – rot. Ich schlage auch vor, die Schlachtfelder aller Zeiten abzuwandern, denn nach Lewis Mumford (Der Mythos der Maschine) verdanken wir den Löwenanteil unserer technischen Errungenschaften dem Krieg. Zur Stunde, Mitte April 2021, trommelt die Nato zum Krieg in der Ukraine.

Das Gegenteil jenes verengten betriebswirtschaftlichen Blickwinkels ist die volkswirtschaftliche, historische und moralische Sicht.



May, Eva 22 (1902–24), Filmdiva aus Österreich. Sie liebte zuletzt einen Rüstungsboß – und brachte sich auf angemessene Weise um. Kaum war der Krieg vorbei gewesen, hatte May, Tochter einer Schauspielerin und eines Regisseurs, den Stummfilm erobert. In sechs oder sieben Jahren trat sie in rund 30 Streifen auf. Die Titelliste geht von Die geheimnisvolle Villa bis zu Der geheime Agent. Parallel zu ihrem Filmschaffen verschliß die launische May drei Regisseure als Ehemänner. Mit dem späteren Gatten von Marlene Dietrich, Rudolf Sieber, war sie immerhin vorübergehend verlobt. Als dieser das blonde dem brünetten As oder Aas vorzog, schnitt sich May die Pulsadern auf, allerdings erfolglos. Es klappte erst, nachdem sie sich vergeblich um ihren Vetter, den »Patronenkönig« Fritz Mandl bemüht hatte, ausgerechnet ein Rüstungsfabrikant. Jedenfalls hatte er die Ehe mit ihr abgelehnt. Vielleicht war sie ihm nicht arisch genug, obwohl seine eigene Sippe auch nicht ganz lupenrein gewesen sein soll. Ich erwähnte ihn schon früher im Zusammenhang mit dem Wiener Räuber Breitwieser, durch dessen letzten Coup Mandl und dessen Erzeuger Alexander, damals noch Generaldirektor der beraubten Waffen- und Munitionsfabrik, leider (1919) nicht nachhaltig geschädigt werden konnten. Was tat die May also im September 1924, erst 22 Jahre alt? Sie lud ihre Pistole und erschoß – keineswegs den Verschmäher, vielmehr sich selbst. Das war in Baden bei Wien, wobei ich die näheren Umstände nicht kenne. Patronenkönig Mandl dagegen, mit Leuten wie Benito Mussolini, Miklós Horthy, Waldemar Pabst befreundet, wurde noch 77.



Meckel von Hemsbach, Adolf 37 (1856–93). Hier hätten wir einmal einen deutsch-baltischen Orientmaler. Er brachte vornehmlich orientale Landschaften und Genreszenen auf seine Leinwände. Nach dem frühem Tod seines Vaters, eines Medizinprofessors, hatte er seine Kindheit in St. Petersburg verbracht. Einem Kunststudium in Karlsruhe folgten ausgedehnte Reisen jenseits des Mittelmeeres, besonders durch Syrien, Palästina und Ägypten. An finanziellen Mitteln fehlte es ihm offensicht-lich nicht. Er reiste zunächst mit Kameraden, später mit seiner »jungen Gemahlin, alle Strapazen mit ihm teilend«, wie bei Friedrich von Boetticher zu lesen ist.* Anschlie-ßend wohnte er erneut in Karlsruhe. Er konnte wiederholt Medaillen auf verschiedenen mitteleuropäischen Aus-stellungen erringen. 1892 wurde sein Gemälde Das Sinai-Katharinenkloster von einem Museum in Gent, Flandern, angekauft. Im Herbst 1892 nach Berlin umgezogen, soll Meckel eine Mücke als Dromedar verschluckt haben und daran verendet sein. Anders ausgedrückt, war er zwar auf der im Mai eröffneten Großen Berliner Kunstaustellung des Jahres 1893 mit immerhin vier Gemälden vertreten – ein fünftes Werk von ihm sei aber zurückgewiesen worden. Das soll ihn, so Boetticher, tief gekränkt und noch Ende des Monats in den Tod getrieben haben. Das Schicksal seiner Gattin, vielleicht auch Kinder, scheint niemanden zu interessieren. Sogar von der Persönlichkeit des Künstlers selber gewinnt man keinen Eindruck, der über eine Fata Morgana hinausginge.

Meckels Vater Heinrich Meckel von Hemsbach (1821–56) war Mediziner gewesen. Er hatte es bereits zu einer außerordentlichen Professur als Anatom an der Berliner Universität gebracht. Schon länger lungenkrank, starb er noch jünger als der Sohn, nämlich mit 34.

* »Meckel, Adolf von«, in: Malerwerke des 19. Jahrhunderts, Dresden 1898



Meggenhofen, Ferdinand von 30 (1760–90). Der junge Herr Kreisschulinspektor war keineswegs Bade-, vielmehr Jagdfreuden nachgegangen, als er Ende Oktober 1790 in der Gegend von Braunau, Oberösterreich, im Inn ertrank. Immerhin, er mußte sich dabei nicht mehr verfolgt sehen. Fünf Jahre früher hatte der studierte Jurist (Ingolstadt), inzwischen Regimentsauditor im oberbaye-rischen Burghausen, beträchtliche Schwierigkeiten mit der Obrigkeit des Kurfürstentums Bayern bekommen, weil er seit mehreren Jahren aktives Mitglied des antiklerikalen, in Maßen auch antiautoritären Geheimordens der Illumi-naten war. Ein Auditor war eine Art Gerichtsreferendar. Der Geheimorden fühlte sich wie sein zeitweiliges Flaggschiff Freiherr Adolf von Knigge der Aufklärung verpflichtet, ging jedoch schon nach wenigen Jahren im selbstangelegtem Sumpf der »Rechthaberei«, »Eitelkeit«, des »mystischen Formelkrams« und der »Wichtigtuerei« unter, wie jedenfalls Egon Friedell befindet.* Der enttarnte Meggenhofen wurde damals vom Dienst suspendiert, ja er wurde gar, so Uwe Puschner, »auf unbestimmte Zeit in das Münchener Franziskanerkloster eingewiesen, um dort 'auf den rechten Weg der Tugend' zu gelangen«, allerdings aufgrund eines Gnadengesuches (und schon früherer Distanzierung vom Orden) bereits nach einem Monat Haft amnestiert.**

Über diese leidvollen Erfahrungen verfaßte Meggenhofen einen aufschlußreichen, schon damals vielgelesenen und -gerühmten Bericht (Meine Geschichte und Apologie), der erstmals 1786 erschien. Meggenhofen verteidigt darin vor allem seine »Menschenrechte« auf Meinungsfreiheit und Entfaltung der Persönlichkeit. Ende 1787 konnte er dann, nach vergeblicher Stellensuche in Wien, den erwähnten Inspektorenposten übernehmen: im kaiserlichem Kreisschulamt zu Ried, Innviertel, Oberösterreich. Wie glücklich er damit war, entzieht sich meiner Kenntnis. Ende Oktober 1790 nahm er jedenfalls die Einladung seines ehemaligen Obersten, des Joseph Graf von Paumgarten zu Frauenstein, zu einem Jagdvergnügen an; es ging auf Wasservögel. Am spätem Nachmittag des 26. Oktobers, einem Dienstag, setzte die achtköpfige Jagdgesellschaft mitsamt ihrer Ausbeute bei leichtem Hochwasser unweit von Ering in einem Kahn über den Inn, um in das jenseits, in Bayern gelegene gräfliche Landgut Stubenberg zu gelangen – und vermutlich tüchtig zu spachteln und zu bechern, was uns Walter Geiring*** aber nicht verrät. Schon war das andere Ufer »in greifbarer Nähe« (25 Meter!), als der Kahn einen aus dem Wasser ragenden Wurzelstock rammte und dadurch kenterte. Während sich sechs der Verunglückten retten konnten, kamen ausgerechnet der Gastgeber, seines Zeichens sogar Reichsgraf, und unser 30 Jahre alte Schulinspektor Meggenhofen zu Tode.

* Kulturgeschichte der Neuzeit, 1927–31, hier einbändige Ausgabe München 1974, S. 694
** Uwe Puschner in der NDB 16 (1990)
*** »Reichsgraf ertrank in Heitzing im Inn«, OÖNachrichten, 6. Sep-tember 2012: http://www.nachrichten.at/oberoesterreich/innviertel/braunau/Reichsgraf-ertrank-in-Heitzing-im-Inn;art14857,959857. Nach freundlicher Auskunft von Uwe Puschner, Historiker in Berlin, deckt sich Geirings Darstellung mit Angaben in Friedrich Samuel Mursinnas Werk Leben und Charakter berühmter edler Männer, die 1790 verstorben sind, Halle 1792, Artikel über Meggenhofen Seite 149–54.




Meier, Silvio 27 (1965–92), Werkzeugmacher, Drucker, Folkmusikfan und Hausbesetzer. Er stammte aus Quedlinburg am Harz, zog später nach Ostberlin. Er lachte gern. Fotos zeigen ihn schmalgesichtig, dafür mit kräftiger Hakennase. Er gehörte zur linken DDR-Subkultur. Schon 1987 hatte er eine harte Begegnung mit »Skinheads«, also faschistisch gestimmten jungen Leuten. Sie mischten in der Zionskirche ein Konzert der einheimischen Rockband Die Firma und der Westberliner Gruppe Element of Crime auf, das Meier mitorganisiert hatte. Zuletzt wohnte er, in Friedrichshain, im zweiten Haus, das nach der »Wende« in Ostberlin besetzt worden war. Dort hatte seine Gefährtin C. gerade ein Söhnchen bekommen. Am 21. November 1992 abends war der 27jährige mit drei Freunden zum Club Eimer in Berlin-Mitte unterwegs. Es kam zum Streit mit fünf Skinheads, die Meier wegen ihrer Aufnäher zur Rede gestellt hatte: denen zufolge waren sie stolz darauf, Deutsche zu sein. Einer von ihnen zog ein Messer und erstach Meier. Zwei Freunde wurden schwer verwundet. Im besetztem Haus herrschte natürlich Entsetzen. Die Täter kamen später mit wenigen Jahren Gefängnis davon. Die Polizei habe alles getan, um den Mord zu entpoliti-sieren, sagte einer der Verletzten in einem Rückblick.* Es gibt bis heute regelmäßige Mahnwachen zum Gedenken an Meier. 2013 wurde eine Friedrichshainer Straße nach ihm benannt.

Zur Todeszeit Meiers hatte sich meine Westberliner Musikgruppe, Trotz & Träume, längst aufgelöst. Um 1980 hatten wir wiederholt in besetzten Häusern gespielt. Wir selber wohnten aber in einem Kreuzberger Hinterhaus zur Miete. Wir hatten mit der Hauseigentümerin Glück; sie war keine Halsabschneiderin.

In Waltershausen wohne ich auf dem teilweise verwil-dertem Stadtrandgrundstück eines Freundes in einem winzigem Häuschen, das wir 2009, mit anderen Bekannten, gemeinsam eigenhändig errichteten. Fahre ich mit dem Rad zum Bäcker oder zur Bank – es gibt da kein Personal mehr, aber immerhin noch Bargeld – streife ich meist mein liebstes lokales baupolitisches Ärgernis. Unweit unserer gleichfalls winzigen Altstadt liegen zwei Fabrikbrachen, die durch eine schmale, kaum befahrene Einbahnstraße getrennt werden. Auf der Ostseite schickte man sich im Herbst 2019 plötzlich an, ein mittelgroßes Einfamilienhaus zu errichten! Ich dachte, ich sehe nicht recht. Schräg gegenüber, auf der westlichen Fabrikbrache (hinter der die Waltershäuser Feuerwehr liegt) dämmert nämlich seit Jahren ein nur geringfügig kleineres und durchaus gut erhaltenes Einfamilienhaus in den Gestrüp-pen und Schutthügeln vor sich hin – offensichtlich unbewohnt. Es war beim Abriß einer Puppenfabrik verschont worden. Die Leute, die jetzt den Neubau errichteten, hätten sofort einziehen können. Das hätte ihnen und vor allem der Volkswirtschaft manchen Aufwand erspart. Warum das ältere Haus leersteht, konnte ich nicht herausbekommen. Ich erfuhr lediglich, die beiden Brachen gehörten zwei verschiedenen Eigentümern. In diesem Umstand liegt also vermutlich die unüberwind-liche, wenn auch in der Einbahnstraße unsichtbare Hürde. Aber jeder weiß es ja: dieses Goldene Kalb namens Privateigentum zerrt keiner aus der Einbahnstraße. Womit ich keineswegs um eine Wiedererweckung des Staatseigentums gebeten haben möchte.

Millionen Vermögenslose in diesem Lande, darunter auch Bekannte von mir, stöhnen jetzt wieder unter der Knute des Mietsystems. Die VermieterInnen können vermieten, müssen aber nicht. Die Vermögenslosen dagegen müssen wohnen. Und eben Miete zahlen, sei sie vergleichsweise niedrig oder haarsträubend hoch.

Gewiß, wir sind das Mietsystem gewohnt. Man macht sich jedoch zu selten klar, wie jung und wie abartig es ist. Wenige vom Schicksal und vom Staat begünstigte HauseigentümerInnen ziehen ihren Profit aus der Not von Vielen, irgendwo ein Dach über dem Kopf zu finden. Das hat es über Jahrtausende hinweg nie gegeben. Die Jäger und Viehzüchter der Jungsteinzeit hatten ihre Hütten oder Häuser so gut, wie sie manche SüdseeinsulanerInnen sogar noch heute haben. Die PrärieindianerInnen zankten sich vielleicht gelegentlich um die günstigsten Standplätze, aber der Zeltplatz im ganzen gehörte allen. Noch die mittelalter-lichen Dörfer und Städte Europas kennen wahrscheinlich so gut wie keine Mietwohnungen. Die Bauernhäuser bargen die Bauersfamilie, die Patrizierhäuser die Patriziersfamilie, vermietet wurde da nichts. Ich nehme an, die Sache wurde erst mit der sogenannten Industrialisie-rung ernstlich interessant. Bauern, Handwerker, Soldaten wurden herdenweise von ihren Schollen in die Fabriken getrieben und waren nun auf Verschläge angewiesen, in denen sie Nacht für Nacht und sonntags ihre Arbeitskraft wiederherstellen konnten. Die Benutzungsgebühr für die Verschläge konnte man ihnen gleich vom Lohn abziehen. BürgerInnen, die fast so ausgefuchst waren wie die ersten Goldschmiede (die gegen Zinsen Kredite=Papiergeld aufgrund eines nichtvorhandenen Goldbestandes ausge-geben hatten), erfanden den neuen Beruf »Vermieter«. Da das Erbsystem ohnehin schon bestand, kamen einige BürgerInnen in der Folge gleich als VermieterInnen auf die Welt. Die meisten Leute wurden allerdings Mieter.

Die bekannte, schon oft verspottete Sehnsucht nahezu sämtlicher Kleinen Leute nach dem Eigenheim ist natür-lich verständlich. Sie ist so natürlich, wie jedes Kaninchen seinen Bau und jeder Sperling sein Nest hat. Wieviele Personen das Eigenheim fassen soll, ist dabei erst einmal nebensächlich. Im Falle der hiesigen Puppenfabrikkom-mune sind es leider nach wie vor lediglich um 20; dafür in der thüringischen Zwergrepublik Konräteslust bereits rund 3.000. Dort verteilen sie sich auf etliche Häuser. Wesentlich ist, daß mich aus meinem Eigenheim niemand heraussetzen kann, es sei denn, mit roher Gewalt. Diese Gefahr bestand auch in der Steinzeit schon. Die sanfte Gewalt ist dagegen ein neuzeitliches Phänomen, eine Errungenschaft des Fortschritts. Man klagt, sanktioniert oder mobbt jetzt die Leute heraus.

Ich will noch kurz auf Schloß Friedrichswerth eingehen. Es liegt in der Nähe von Gotha an der Nesse und spielt in meinem Roman Konräteslust (2010) keine unwesentliche Rolle. Ansonsten steht es nach wie vor leer. Seit über 25 Jahren! Und warum? Weil »das Land« (Thüringen) den berüchtigten »Investor« nicht gefunden hat, selber jedoch zu abgebrannt ist, um dort einheimische Arme oder ausländische Flüchtlinge unterzubringen. Die Kohle mußte leider an Betreiber/Käufer/StillegerInnen von Kalisalz-bergwerken gehen. Ja, wir leben eben im Kapitalismus, wird man vielleicht seufzen, im hiesigen Falle übrigens, seit 2014, unter einem »linkem« Ministerpräsidenten. Jemand könnte glatt auf die Idee verfallen zu befürchten, Herr Bodo Ramelow zähle noch weit vor Schloß Fried-richswerth zu Deutschlands eindrucksvollsten Charakter-ruinen. Dafür soll sein Hund »Attila« reinrassig sein, ein Jack- Russell-Terrier. Mit dem kämpft er jetzt gegen Viren, vor allem die linken.

* »Solidarität macht Mut«, AIB (Berlin-Kreuzberg) 57, 13. Oktober 2002: https://www.antifainfoblatt.de/artikel/%C2%BBsolidarit%C3%A4t-macht-mut%C2%AB



Meinhof, Ingeborg 39 (1909–49), Kunsthistorikerin, Mutter der berühmten »Linksterroristin«, so der Kosename bei Wikipedia, verheiratet mit Werner Meinhof (1901–40), gleichfalls Kunsthistoriker. Beide Eltern starben auch früh, beide an Krebs, der Vater mit 38. Er war zuletzt Museumsdirektor in Jena gewesen und half als solcher, »entartete« Kunst anzuprangern. Die Mutter hangelte sich als Studentin und Doktorandin durchs »Dritte Reich«. Die halbwüchsigen Töchter, Wienke und Ulrike, wuchsen bei Ingeborg Meinhofs Freundin Renate Riemeck auf, zunächst in Oldenburg. Riemeck war eher antifaschistisch gestimmt. Als sich Ulrike Meinhof, Jour-nalistin und Untergrundkämpferin der RAF, im Mai 1976 im »Hochsicherheitsgefängnis« Stuttgart-Stammheim angeblich eigenhändig umbrachte, war sie 41.

20 Jahre darauf legte Ulrike Edschmid Frau mit Waffe vor. Das schmale Buch, das etwa zur Hälfte Katharina de Fries, zur anderen Astrid Proll porträtiert, ist einfühlsam geschrieben und prägt sich durch manche bedenkenswerte Beobachtung ein. Proll ist mit Baader und Ensslin in Italien unterwegs. In einer »konspirativen« leeren Neubauwohnung schmachtend, geht ihr auf, »wie sehr sich das Leben aus den kleinen selbstverständlichen Dingen speist, die einfach nur geschehen, und wie arm es wird, wenn man nur noch einer großen Linie folgt.« Ähnlich zu Katharina, in maoistischen Zeiten vorübergehend eine enge Mitstreiterin von mir. Sie ist kürzlich in hohem Alter gestorben. Katharina ging damals nicht zur RAF, veruchte sich freilich an einem Banküberfall, durch den sie ebenfalls Bekanntschaft mit Hatz und Haft machte. Er war mißglückt. Endlich losgeeist, entschied sie sich für »ein kleines Leben« – dafür, »sich zu beugen und dabei ein Mensch zu bleiben.« Sie ernährte sich (in Frankreich) von der Sanierung und Vermittlung alter Bauernhäuser. »So geht es ihr jetzt darum, ihr Geld zu verdienen, nicht auf heroisch versponnene Art, sondern ganz normal in einem Alltag, in dem sie früh aufsteht und einer Arbeit nachgeht. Immer hatte sie den großen Ausweg gesucht, aber die Zeit, in der sie jetzt lebt, ist nicht die Zeit der großen Geste. Es ist die Zeit, das kleine Feuer zu bewahren und darauf zu achten, daß es nicht erlischt.«

Angesichts einer jüngeren Bekannten, die wie ein Schluck Wasser aussieht, dachte ich neulich genau das gleiche. Sorgen um die beiden Kinder, die von unterschiedlichen Vätern stammen, Sorgen in der Basisgruppe, Sorgen um die Arbeitsstelle – und zur Krönung bricht sich der Sohn durch einen Sturz vom Rad den Arm so unglücklich, daß er verkrüppelt bleiben wird. Sie jedoch lächelt tapfer und läßt sich nicht unterkriegen, während du deinen hochflie-genden Plänen nachjammerst oder die Sterblichkeit verfluchst!, dachte ich gerührt und beschämt. Aber dann sagte ich mir auch, die Trennscheibe zur Unterwerfung sei hier hauchdünn. Und wo bleibt die Empörung, während man Mensch bleiben soll? Frißt sie nicht unterirdisch weiter – oder in den Eingeweiden? Standhaft rebellisch zu bleiben, wäre vielleicht gesünder. Nur dürfte ich dann in diesem Städtchen keinen Laden mehr betreten. Erstens liegt hier schon seit der »Wende« überall die Bild-Zeitung aus, die bereits bei Heinrich Böll für Brechreiz sorgte. Zweitens herrscht hier seit ungefähr einem Jahr überall Maskenzwang – als sei ich ein Bankräuber und ohne »Gesichtsbedeckung« nicht standesgemäß gekleidet!



Melchinger, Ulla c.37 (1932–69). Die Münchener Fernsehansagerin, ursprünglich Bürokraft und Mannequin eines Sportartikelherstellers, gehörte in den 5oer Jahren zu den bevorzugten Adretten des Bayerischen Rundfunks (BR). Knittergesichter wollte man da nicht. Durch eine Rolle in einem Lehrfilm wurde Melchinger dazu verführt, eine Laufbahn als Schauspielerin einzuschlagen, was ihr aber, nach einigen Nebenrollen um 1955, offensichtlich mißglückte. Der Weg zurück in die Ansagerei war ihr inzwischen versperrt. Möglicherweise blieb ihr nur die Ehe. Seit 1966 soll sie mit einem etwas jüngerem Dr. Ing. Klaus L. verheiratet gewesen sein, der erst 2005 starb. Sie selber warf sich, angeblich und wenig vorbildlich, im Mai 1969 vor einen Zug. Wo und warum, war nicht zu ermit-teln. Die ungefähr 37jährige hinterließ, neben dem Witwer, ein Kind. Dessen Name ist ebenfalls unbekannt, sonst hätte ich es, wahrscheinlich vergeblich, angeschrieben.

Melchinger brauchte keine Maske. Sie war sie in Person. Aber in der Stunde ihres Selbstmordes hätte sie vielleicht gern eine gehabt. Jede Wette, bevor sie zum Bahndamm ging, zerschlug sie zu Hause alle Spiegel.



Mellmann, Johann W. L. 31 (1764–95), Klassischer Philologe und schnöder Hungerstreikler. Nach einer Kindheit im Klützer Winkel (Mecklenburg), wo sein Vater »Prediger« ist, geht er in Lübeck aufs Gymnasium und studiert anschließend in Kiel und Göttingen. Nekrologist Friedrich von Schlichtegroll* behauptet kühn, neben der frühen Unterrichtung habe Mellmann sicherlich auch seinen »moralischen Charakter« der »vortrefflichen Erziehung« durch seine »ganz exemplarisch lebenden Aeltern« verdankt. Ein Jugendfreund spricht schon ein wenig skeptischer von der »patriarchalischen Welt der Hebräer« und dem »goldenen Zeitalter der Griechen und Römer«, in die man damals, als Gast, in Mellmanns Elternhaus eingetaucht sei.

Bald nach dem Studium erhält Mellmann eine vermutlich ehrenvolle Berufung zum Rektor der griechischen und lateinischen Klassen des Gymnasiums der Universität in Moskau. Das war 1786. Sechs Jahre darauf, 1792, wird er, möglicherweise zusätzlich, Professor an der Universität selber. Von einer Familiengründung Mellmanns ist nichts zu lesen. 1793 muß der junge Professor griechisch/latei-nische Gedichte auf die Vermählung des Großfürsten Alexanders machen. Der zukünftige russische Kaiser ist damals 15. Seine Braut, Louise von Baden, 14. Laut Schlichtegroll hatte Mellmann bereits als Student poetische Versuche unternommen, daneben erkennbar eine Neigung zum Eigenbröteln und »Speculieren« gezeigt. Außerdem dürfte er schüchtern gewesen sein. Er übt sich in Moskau auch im Zeichnen und Malen. Von Geselligkeit hält er sich unter anderem deshalb fern, weil überall dem Spiel gefrönt wird. Mellmann begreift sich jetzt hauptsächlich als Schulmann, nicht Schriftsteller. Nach einem Fieber beklagt er Augenschwäche. In seinem letztem Lebensjahr arbeitet er zielstrebig an einer Griechischen Grammatik. Aber gleichzeitig studiert er Kants Schriften und versucht sich sogar an lateinischen Übersetzungen des kritischen Philosophen. Offenbar ist Mellmann eher Grübler als Gelehrter. Das bescheinigt er sich wohl auch selber in einem Brief an Freunde, wenn er bekennt, ihm klebe »ein hinderlicher Hang zur Speculation« an.

1794/95 gerät er erstaunlicherweise in Konflikt mit Vor-gesetzten. Wahrscheinlich kreiden sie ihm vornehmlich an, den liberalen Auffassungen Imanuel Kants anzuhängen. Zuletzt lädt der oberste Moskauer Bischof den Professor zu einem Gespräch – das zu seiner Entlassung und Ausweisung führt. Nach Schlichtegroll berichten seine Moskauer Freunde, Mellmann habe sich beim Prälaten erhitzt, verrannt und ihn gar beleidigt. Nun wird er von Militär zur Grenze mit Ostpreußen begleitet. Das geschah bei grimmiger Kälte und anscheinend überdies auf ruppige Art. Mellmann sei völlig insichgekehrt und melancholisch gewesen. Ein preußischer Leutnant Von Derschau nimmt sich seiner »vortrefflich« an, doch vergebens: Mellmann will nichts essen. Die »Besinnung« sei ihm weggewesen, schreibt Schlichtegroll. Der Leutnant läßt ihn von Soldaten, die er dringend zu schonendster Behandlung ermahnt, per Kutsche nach Königsberg bringen. Aber dort kommt Mellmann nie an. Da er weiter unbeirrt jede Nahrungsaufnahme verweigert, sei der 31jährige am 12. April 1795 in Georgenburg (bei Insterburg) vor Entkräftung gestorben.

Ein enger Freund des Verhungerten spricht Schlichtegroll gegenüber von Überspannung; speculativer, abstrakter Moral; Schwärmerei. Verbünde sich ein solches Naturell mit schwachen, leicht reizbaren Nerven oder Hypochon-drie, sei der Betreffende »für das wirkliche Leben« verloren. Zeitgenosse Schlichtegroll selber enthält sich eines Kommentars. Seine Eingangs-Hymne über die »reine, wohlwollende Seele« Mellmann darf man nicht zu ernst nehmen; sie ist Unfug oder Tarnung. Er spricht also weder vom Hungerstreik eines, wahlweise, tief Beschämten oder tief Gekränkten** noch gar von den Quellen jenes angeblichen Naturells. Sie dürften ja jede Wette vor allem im Elternhaus zu suchen sein.

* Nekrolog auf das Jahr 1795, Band 2, Verlag Perthes, Gotha 1798, S. 59–110
** Dazu empfehle ich meine Betrachtung »Im Gelbem Sack« in A-37, die neben der Kränkung auch das Problem der Rache behandelt




Meroni, Gigi 24 (1943–67), Fußballflügelstürmer, zuletzt beim AC Turin unter Vertrag – und Fußgänger. 1949, als sich der genannte italienische Spitzenclub durch einen Flugzeugabsturz, wie unter >Bacigalupo nachgelesen werden kann, mit einem Schlage um fast die komplette Erste Mannschaft beraubt sah, bolzte Gigi Meroni, eigentlich Luigi mit Vornamen, noch als Knirps in den Bergen am Comer See herum. Er selber sollte in Turin als Fußgänger sterben, 24 Jahre alt.

Meroni war in beengten proletarischen Verhältnissen aufgewachsen. Mit zwei Jahren hatte er seinen Vater verloren. Die Mutter brachte ihre drei Kinder mit Heimarbeit für die Textilindustrie durch. Der schlacksige Gigi erwies sich auf dem Fußballfeld als ausgesprochen leichtfüßig, spurtschnell und trickreich, sodaß ihn die »Späher« bald in den Profifußball lockten. In Turin stieg er zum gefeiertem Außenstürmer auf. Anderswo wurde er wegen seines exentrischen, wenig katholischen Lebens-wandels als pilzköpfiger modebewußter, sogar malender Beatnik und »wilder« Ehemann eher geschnitten. Er fuhr einen Oldtimer mit eigenhändig entworfenem Innenleben.* Doch zu der Bar, wo er und sein Kamerad Fabrizio Poletti am verhängnisvollem Sonntagabend ihre Bräute treffen wollten, gingen oder eilten sie zumindest das letzte Stück zu Fuß. Torino, wie der Club auch hieß und heißt, hatte an diesem 15. Oktober 1967 das Heimspiel gegen Sampdoria Genua gewonnen, 4:2. Anschließend hatte die Mannschaft gemeinsam gespeist. Als die beiden gesättigten Ballkünstler nun ihren Wagen geparkt hatten und den verkehrsreichen Corso Re Umberto zur Bar hin überqueren wollten, kamen von rechts gerade Autos, weshalb sie auf dem Mittelstreifen innehielten und sogar leicht zurückwichen. Prompt erfaßte sie von hinten her ein Auto des Gegenverkehrs. Während Poletti nur leicht am Bein verletzt wurde, sei Meroni in die Luft geschleudert und noch von einem anderen Auto 50 Meter weiterge-schleift worden, heißt es in den meisten Quellen.

Meroni erlag noch am selbem Abend seinen schweren Verletzungen. Der 19jährige Arztsohn und Student, der ihn mit seinem Fiat 124 Coupé angefahren hatte, entpuppte sich als glühender Anhänger der Torinos. Ein Foto, das Meroni zeigte, hing über seinem Bett. Das 4:2 vom Tage hatte er im Stadion beklatscht. Aus dem Gerichtsgebäude kam Attilio Romero, so hieß er, mit einem Freispruch. Die beiden Fußballer auf dem Mittelstreifen des Corsos hatten zum Beispiel einen nahen Zebrastreifen mit Ampeln verschmäht. Und im Grunde hatten sie ja auch gar nichts gegen flotten Autoverkehr gehabt. Doch die Ironie der »Freien Marktwirtschaft« liebt Verschachtelungen. 2000 wurde ausgerechnet dieser vor gut 30 Jahren freige-sprochene Verkehrssünder, Attilio Romero, geboren 1948, zum Präsidenten jenes Clubs gemacht, für den Flügelstürmer Meroni die Flanken in den gegnerischen Strafraum geschickt hatte, ehe er selber, von Romero, in die Luft geschleudert wurde. Gewiß, Romeros Ernennung und Amtsführung waren umstritten, und 2005 hatte er den Club erfolgreich in die Pleite getrieben. Und dieses Mal wurde Romero, wegen betrügerischer Machen-schaften, sogar bestraft. Er bekam zweieinhalb Jahre Haft, die er freilich, soweit ich weiß, nicht antreten mußte.

* Maximilian Schmeckel, »Rockstar, Pionier, Ikone: Die tragische Geschichte von Torino-Legende Gigi Meroni«, Goal, 19. Dezember 2018: https://www.goal.com/de/meldungen/rockstar-pionier-ikone-die-tragische-geschichte-von-torino/xbax304632kk1f45i96np4ko2



Mertens, Carl 30 (1902–32), zunächst Hauptmann, dann Publizist. 1924 legte der pazifistisch gesinnte Mathematiker und Statistiker Emil Julius Gumbel sein Buch Vier Jahre politischer Mord vor. Gumbels Befund wurde, laut Wolfram Wette*, noch im selbem Jahr von einer Denkschrift aus dem Reichsjustizministerium unter Gustav Radbruch (SPD) bestätigt. Danach waren in Deutschland verübt worden: »354 Morde von rechts; Gesamtsühne 90 Jahre und 2 Monate Einsperrung, 730 Mark Geldstrafe und 1 lebenslängliche Haft.« Dem standen gegenüber: »22 Morde von links; Gesamtsühne: 10 Erschießungen, 248 Jahre und 9 Monate Einsperrung, 3 lebenslängliche Zuchthausstrafen.« Daher die Rede vom Rechtsstaat. Leider hat sich an diesem krassem Mißverhältnis grundsätzlich bis zur Stunde kein Deut geändert. Es merkt nur so gut wie keiner, weil auch die unablässige Verteufelung des »Linksextremismus« blieb – während vom »Verfassungsschutz« gehätschelte Kräfte wie der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) für die erforderlichen Leichen sorgen.

Die meisten politischen Morde jener Zeit gingen auf das Konto verschiedener illegaler, oft Freikorps genannter militärischer Verbände, war die Reichswehr doch »offiziell« durch den Versailler Vertrag stark beschnitten worden. Man spricht allgemein von der Schwarzen Reichswehr und ihren Fememorden. Über diese blutigen Umtriebe und das entsprechende Truppenklima legte der 1902 in Kassel als Sohn eines Polizeikommissars geborene Carl Mertens 1925 in einer Serie der Weltbühne Aufsehen erregende Enthüllungen vor. Er ergänzte sie im Jahr darauf mit einem Buch über die illegale Wiederaufrüstung Deutschlands mit dem Titel Die deutsche Militärpolitik seit 1918. Mertens wußte, wovon er sprach. Trotz einer Buchhändlerlehre war er ins väterliche Fahrwasser geraten, nämlich Polizeischüler und dann Offizier der Schwarzen Reichswehr geworden, zuletzt Hauptmann. Aufgrund moralischer Skrupel »stieg er jedoch aus« und ging zum kritischem Journalismus über. Es hagelte Drohungen seitens der Ex-Kameraden und Anklagen wegen »Landesverrats« seitens des demokratischen Staates. Wette seufzt, weit davon entfernt, die von Mertens namentlich angeführten 40 Fememörder zu verfolgen, deckte die Weimarer Justiz deren Hintermänner und verfolgte nun unerbittlich den Boten, der die schlechte Nachricht überbracht hatte. Auch dieser Mechanismus arbeitet bis heute ungebrochen.

Einem Haftbefehl (der später wieder aufgehoben wurde) wich Bote Mertens Anfang 1927 ins Exil aus. Über Österreich und die Schweiz ging er nach Paris. Im Januar 1928 reiste er aufgrund der Zusage sicheren Geleits als Zeuge nach Leipzig, wo Hitlers Fahrer und Leibwächter Julius Schreck vor Gericht stand, der übrigens aus der berüchtigten »schwarzen« Brigade Erhardt hervorge-gangen war. Schon am Bahnhof wurde Mertens von »Nationalsozialisten« angegriffen und verprügelt. Die kurze Spur seines restlichen Lebens verliert sich im Dunkel. Die Lexikon-Zeile, im Oktober 1932 sei der 30jährige Antimilitarist Mertens zwischen Fontainebleau und Paris bei einem Autounfall umgekommen, schreibt auch Wette ab** – ohne Verdacht zu schöpfen oder wenigstens den Mangel an näheren Angaben zu beklagen. Solange der Mangel also nicht behoben ist, sollte man in dem »Autounfall« sicherlich eher einen Anschlag vermuten.

Immerhin geben Kramer/Wette nützliche Hinweise zu jener Absurdität »Landesverrat/Vaterland«, die man auch gegen Mertens ins Feld geführt hatte. Das griff ich bereits unter >Bontjes van Beek auf. Die Absurdität zählt zu den vielen »großen Sachen«, wie Koestler sie gern nannte. Sie drücken uns aufs Gehirn und gestatten den jeweils Herrschenden, uns in jede von ihnen erwünschte Richtung zu schicken. Der freiheitsliebende Mensch wird seine »Sachen« eher klein halten. Entsprechend wird er überschaubare Lebens- oder Arbeitsgemeinschaften vorziehen, in denen dann auch Gesetzbücher und 300 Kommentare der Gesetzbücher überflüssig sind. Nationalität oder Rasse der Beteiligten sind dabei völlig unerheblich, sofern sie die Freiheitsliebe teilen und gemeinsame Interessen besitzen. Das ist selbstverständlich nicht der Fall, wenn in der betreffenden Gemeinschaft einige Leute darauf pochen, sich als Kapitalisten, Soldaten, BerufspolitikerInnen – oder eben Patrioten zu betätigen. Sie werden bekämpft, sofern sie nicht freiwillig gehen, um sich woanders eine ihnen angemessenere Gemeinschaft zu suchen. Genau nach diesem Muster hätte man 1989/90 die DDR entvölkern sollen. Jede Wette, die Leute zum Auffüllen der entstandenen Lücken wären binnen weniger Monate mit Handkuß gekommen – und zwar »aus aller Herren Länder«.

* Helmut Kramer / Wolfram Wette (Hrsg): Recht ist, was den Waffen nützt, Berlin 2004, S. 135 & ** S. 139



Metalious, Grace 39 (1924–64). Zwei Jahre nach der weltberühmten, 36jährigen Schauspielerin und zeitwei-ligen Gattin Arthur Millers Marilyn Monroe ging eine US-Bestseller-Autorin von uns, die heute wahrscheinlich kaum einer kennt. Metalious hatte 1956 mit Peyton Place, ihrem »aufregendem, schmutzigem« Erstling, so Biografin Emily Toth, beträchtliches Aufsehen erregt. Ich habe ihn nicht gelesen. Der Roman soll den in Heuchelei gebundenen Strauß aus sexueller Ausschweifung, Abtreibung, Drogenkonsum, Korruption und Gewalttätigkeit schildern, der in den Häuschen der fiktiven neuengländischen Kleinstadt, wo sich sein Geschehen zutrug, nicht gerade in den Fenstern stand. Kinder wie Greg Hatfield mußten das Buch im Schein einer Taschenlampe unter der Bettdecke lesen, wie er 2013 erzählt.* Ihm zufolge wurden bis dahin rund 40 Millionen Exemplare von Peyton Place verkauft. Schon ein Jahr nach Erscheinen brachte Hollywood eine wenn auch entschärfte Fassung in die Kinos (Regie Mark Robson).

Anläßlich der deutschen Rowohlt-Ausgabe (Die Leute von Peyton Place) sprach der Spiegel 1958 von einem forsch und kunstlos erzähltem Schlüssellochroman. Grace Metalious, die Schöpferin des Verkaufsschlagers, bis dahin Hausfrau und Mutter mit abenteuerlichen Träumen und sogar Affären, hielt Literaturkritikern entgegen, wenn sie eine erbärmliche Schriftstellerin sei, dann besäßen eine Menge Leute einen erbärmlichen Geschmack. Metalious war aus ärmlichen und zerrütteten Verhältnissen gekom-men. Als ihr Vater, ein Matrose, auf Nimmerwiedersehen vom häuslichen Deck verschwand, war sie 10. In den gleichen Verhältnissen endete sie auch wieder, nachdem sie vorübergehend ähnlich wohlhabend und glücklich verheiratet wie Monroe gewesen war. Warm Novel Raises Cain in N.H. Town, titelten die Blätter beim Debüt der 32jährigen. MitbürgerInnen aus Gilmanton, New Hampshire, und andere Leute, die sich selbst, ihr Heimatstädtchen oder die ganze US-Ostküste durch Metalious' Werk in Verruf gebracht wähnen, überziehen sie mit Beschimpfungen oder gleich Verleumdungsklagen, darunter sogar ihre eigene Mutter. Ihr Gatte verliert seinen Posten als Schuldirektor, die Ehe (drei Kinder) zerbricht. Auch ihre nächste Ehe, angeblich mit einem Disk Jockey, hält nicht lange. Versuche, weitere Bestseller zu schreiben, mißlingen ihr, wie zumindest die Kritik befindet. Die stämmige Frau, die sich meist in Blue Jeans zeigt und von Bekannten als ungezügelt und freigeistig, aber auch gutgläubig und einfältig beschrieben wird, verfällt dem Alkohol, häuft Schulden und Liebschaften an. Toth zufolge seufzt sie einmal in hübscher Verharmlosung ihres tristen Vorlebens: »Könnte ich die Sache noch einmal tun, wäre es einfacher arm zu bleiben. Vor meinem Erfolg war ich glücklich wie fast jedermann.«

So erstaunt es wenig, wenn eine Wiederverheiratung mit ihrem erstem Mann keine Wende bringt. 1964, zwei Jahre nach Monroes mutmaßlichem »Freitod« mit Hilfe einer Barbiturat-Dröhnung, ist Metalious' Gesundheits- und Gemütszustand ebenfalls für ein verfrühtes Ableben reif. Die Lexika sprechen von einer Leberzirrhose oder gleich davon, sie habe sich zu Tode gesoffen. Sie wurde 39. Die berühmtesten Sätze ihres Hauptwerkes sollen dessen Auftaktsätze sein: »Indian summer is like a woman. Ripe, hotly passionate, but fickle**, she comes and goes as she pleases so that one is never sure whether she will come at all, nor for how long she will stay.«

* »A Short Essay on Grace Metalious: Beyond Peyton Place«, 29. Sep-tember 2013: https://greghatfield.wordpress.com/2013/09/29/a-short-essay-on-grace-metalious-beyond-peyton-place/. Blogger Greg Hatfield ist nach eigenen Angaben Dramatiker und Schauspieler, wohl in Cincinnati, Ohio, USA.
** wechselhaft, launisch, unzuverlässig u.ä.




Meyen (auch: Biasini und Haubenstock), David Christopher 14 (1966–81). Romy Schneider war kaum weniger berühmt als Marilyn Monroe. Wahrscheinlich war sie auch nicht wesentlich unkomplizierter, aber darum geht es hier nicht. Sie hatte zwei Kinder. David war das erste Kind. Schneider soll den Jungen sehr geliebt, ja beinahe vergöttert haben. 1981 verbrachte der 14jährige seine Sommerferien bei den Eltern seines Vaters Daniel Basini unweit von Paris in Saint-Germain-en-Laye. An einem Julitag möchte er über den Zaun klettern, der das Grundstück seiner Großeltern umgibt. Dabei verliert er das Gleichgewicht und wird von einer Metallspitze schwer verletzt. Sie durchtrennt die Schlagader seines Oberschen-kels. Er stirbt wenige Stunden später im Krankenhaus.* Seine Mutter folgt ihm ein Jahr darauf, mit 43, in Paris, wohl durch Selbstmord.

* Kathy Yaruchyk, »Romy Schneiders Sohn …«, Promipool, 11. Juli 2021: https://www.promipool.de/stars/romy-schneiders-sohn-so-starb-david-christopher-meyen-14



Michallon, Achille Etna 25 (1796–1822), französischer Maler, vor allem Landschafter, schon zu Lebzeiten hochgelobt. Von den unumgänglichen Reisen gen Süden abgesehen (Rom und Sizilien), arbeitete Michallon in Paris. Ein Porträt des wenig älteren Berufskollegen Léon Cogniet zeigt einen Sinnenfreudigen mit zerzaustem dunklem Schopf – der ebendort, in Paris, mit knapp 26 einer Lungenentzündung zum Opfer fiel. Cogniet dagegen wurde 86.

Ein undatiertes Ölgemälde Michallons, das heute im Louvre hängt, zeigt einen mächtigen knorrigen Laubbaum an einem Seeufer. Beim näherem Hinschauen stellt sich zweierlei heraus: der Baum wurde an einer Stelle zersplittert – und unter dieser Bruchstelle, dicht am Stamm, liegt eine weißgekleidete menschliche Gestalt mit weggestreckten Armen rücklings auf der Erde. Um die Theatralik voll zu machen, stehen auch noch zwei Männer bei ihr, die sich mit verzweifelten Gebärden gegenseitig die Härte dieses Schicksalsschlages bescheinigen. Das Werk wird meist La femme foudroyée genannt, Die vom Blitz getroffene Frau. Wer gern wettet, kann sein vergrabenes Bargeld darauf setzen: das Grüppchen war für Michallon nicht mehr als ein Vorwand, den Baum, das Licht und all das andere zu inszenieren, dem das Menschenlos völlig schnuppe ist.

Ich erinnere mich gern an zwei eindrucksvolle Gewitter, die mir in der Literatur begegnet sind. Sie toben unweit einer Mühle in Horst Langes Roman Schwarze Weide und in Tschechows Erzählung Steppe. Beim geringstem Gedanken an das letztgenannte Werk setzt der windige Vorbote des Gewitters die Laufdisteln in Gang. Man kennt sie vielleicht aus Italo-Western.

Mein Korbacher Erlebnis von 2002 ist allerdings auch nicht ohne. Ich saß wie jetzt beschäftigt am Tisch, damals noch per Schreibmaschine. Das Gewitter hatte sich unmittelbar über der Altstadt und damit meiner winzigen Kellerwohnung zusammengebraut. Durch die Finsternis krachten die ersten Donnerschläge. Plötzlich sah ich inmitten des Zimmers einen bläulichen Lichtpunkt vibrieren, wobei ein Knistern wie beim Abbrennen einer Wunderkerze zu hören war, nur erheblich kürzer. Gleich darauf krachte es wieder gewaltig. Doch sowohl meine Tischlampe wie mein Lebenslicht waren nicht erloschen.

Die »Blitzesschnelle« des Vorgangs hatte mir jede Angst erspart. Das wäre ein schöner Tod gewesen. Ich hätte ihn ohne Zweifel dem Dahinsiechen mit einer Lungenent-zündung vorgezogen. Nach Jule Renards Eintrag vom 8. August 1899 wäre ich sogar ehrenvoll auf dem Schlachtfeld gefallen: des Schreibtischs. Meine Vermieterin hätte meine Manuskripte, einige freundliche Musterbriefe von Verlagen und die sogenannte Rentenerwartung, die mir damals noch jährlich von der Bundesversicherungsanstalt unterbreitet wurde, in die Altpapiertonne verfrachtet, damit nichts von mir verloren geht.

Brockhaus zufolge bin ich in Korbach einem Kugelblitz begegnet. Kugelblitze seien schon in etlichen Farben und in Größen zwischen Clementine und Kohlkopf beobachtet worden. Verschwänden sie nicht geräuschlos, könnten sie mit lautem Knall explodieren, ohne jedoch beträchtlichen Schaden anzurichten. Eine unstrittige Erklärung dieses Phänomens stehe noch aus.

Bedenken Sie allerdings, daß der Frühmensch, dem auch Michallon in diversen Ruinen nachspürte, überhaupt keine Erklärung solcher gewaltigen Wettererscheinungen besaß, ob die Blitze nun die Brandenhochburg der Rentenräuber-Innen zu spalten suchten oder wie tobsüchtige Schildkrö-teneier durchs Neandertal schossen. Es konnte sich nur um ein auf ihn gemünztes Strafgericht handeln. Schlau-berger Kain lenkte es später mit Hilfe seiner Bronzeaxt kurzerhand auf Abel ab.



Milenkovic, Sanja 15 (1983–99), jugoslawische Schülerin, mit anderen Kriegsopfer auf der Brücke von Varvarin. Als Deutschland 1998 erstmals eine sogenannte rotgrüne Regierung bekam, erwarteten einige Leute aus den Legionen, die der SPD seit vielen Jahrzehnten nach jeder Schandtat neuen Kredit zu geben pflegten, Kanzler Gerhard Schröder werde zunächst »um Entschuldigung« bitten – beispielsweise für die Ermöglichung des Ersten Weltkrieges durch die Sozialdemokratie, die blutige Unterbindung der deutschen Revolution nach dessen Ende oder doch wenigstens für die Erschießung Benno Ohne-sorgs, der ja 1967 unter einem Regierendem Bürgermeister (Heinrich Albertz) und einem Polizeipräsidenten (Erich Duensing) aus den Reihen seiner Partei ins Gras hatte beißen müssen. Unter Hitler war Duensing übrigens Generalstabsoffizier gewesen. Aber Schröder dachte natürlich nicht im Traum an dergleichen Selbstkritik. Im Verein mit seinem Kriegsminister Rudolf Scharping und seinem »grünem« Außenminister Joschka Fischer setzte er ganz im Gegenteil eine »Enttabuisierung des Militä-rischen« in Gang, die er sich später als größten Wurf seiner Regierungszeit angerechnet haben soll. Man sieht, die »rotgrüne« Regierung war wieder einmal das kleinere Übel gewesen. So mußte sie sich ab Frühjahr 1999, als sie im Verein mit anderen Nato-Staaten Jugoslawien überfiel, lediglich über einige »Kollateralschäden« grämen – auch dies eine Neuprägung der Orwellschen Art. Nach serbischen Angaben sorgten die in knapp drei Monaten vorgebrachten »Luftschläge« der Nato für rund 1.000 tote Soldaten oder Polizisten und 2.500 tote Zivilisten. Etwa 10.000 Menschen wurden verletzt. Hinzu kommen die gewaltigen seelischen, wirtschaftlichen und ökologischen Schäden; neben Sendegebäuden, Schulen und Kranken-häusern wurden beispielsweise auch mehrere Chemie-fabriken bombardiert. Alles geschah, um von Serben veranstaltete »Schlächtereien und Massenvertreibungen im Kosovo« zu unterbinden – oder vielleicht doch eher, um das »Pulverfaß« Kosovo abspalten und mit einer riesigen US-Militärbasis sowie zahlreichen Einrichtungen der albanischen Mafia füllen zu können?

Mit wenigen Ausnahmen, darunter erfreulicherweise die Schriftsteller Erwin Chargaff, Peter Handke und Peter Urban, fielen alle wiedervereinigten Deutschen auf die haarsträubende Menschenrechts- und Greuel-Propaganda herein, die den Angriff eines Landes rechtfertigen sollte, das uns, bereits zum dritten Male in einem Jahrhundert, nichts getan hatte. Daran hielten sie sogar fest, nachdem das Lügengespinst im öffentlich-rechtlichem ARD-Fernsehen zerrissen worden war, nämlich mindestens in einer von Patricia Schlesinger moderierten Panorama-Sendung am 18. Mai 2000 und in dem ausführlichem Dokumentarfilm von Jo Angerer und Mathias Werth mit dem Titel Es begann mit einer Lüge am 8. Februar 2001. Es sammelte sich im Lauf der Jahre zudem ein ganzer Stapel gut recherchierter Bücher zu diesem Thema an, darunter Kriegslügen von Jürgen Elsässer, 2004. Aber es nützte alles nichts. Inzwischen ist imperialistische Politik schon wieder hoffähig genug, um Ex-Kanzler Schröder ungerührt und straflos die eigentlich sensationelle öffentliche Feststellung durchgehen zu lassen, er könne Putins (angebliches) Eingreifen auf der Krim nicht verurteilen, weil er selbst im Glashaus sitze, nämlich einmal gegen das Völkerrecht verstoßen habe. »Da haben wir unsere Flugzeuge ..[..].. nach Serbien geschickt und die haben zusammen mit der Nato einen souveränen Staat gebombt – ohne dass es einen Sicherheitsratsbeschluss gegeben hätte.« So Anfang März 2014 bei einer Zeit-Veranstaltung in Hamburg.*

Die 15jährige Sanja, Tochter von Vesna und Zoran Milenkovic und begabte Schülerin des Mathematischen Gymnasiums in Belgrad, war am 30. Mai 1999, auch »Pfingstsonntag« genannt, gerade in ihrem mittelser-bischem Heimatstädtchen Varvarin unterwegs. Sie hatte mit zwei Freundinnen den auf der anderen Seite des Flusses Morava gelegenen Pfingstmarkt vor der Kirche besucht. Als die drei um Mittag gutgelaunt den Rückweg über die Morava-Brücke antraten, fuhr statt des Heiligen Geistes die Nato in Gestalt eines Tornado-Kampfflug-zeuges vom Himmel herab. Es zerschoß die Brücke beim ersten Angriff ungefähr in der Mitte, worauf sie in zwei Hälften schief im Wasser lag. Der Druck erwischte auch die drei Freundinnen und ein Auto, das sich vom anderem Ufer her auf die Brücke begeben hatte. Zu allem Übermaß kehrt das Kampfflugzeug wenig später zurück, um auch noch einigen inzwischen herbeigeeilten HelferInnen einen Denkzettel zu verpassen. Es hinterläßt im ganzen 10 Tote und 17 Schwerverletzte. Sanja war das jüngste Todesopfer. Ihr Tod brachte ihre Mutter Vesna an den Rande des Wahnsinns.

Sanjas Vater Zoran, nebenbei Bürgermeister der rund 2.000 EinwohnerInnen zählenden Kleinstadt, zu Simone Böcker**: »Die ganze Region hier hatte überhaupt keine militärische Bedeutung. Von unserem Ort ging keinerlei Gefahr aus ..[..].. Sie hätten die Brücke bombardieren können, als keine Menschen da waren. Außerdem war die Brücke doch schon durch die erste Bombe zerstört. Der zweite Angriff wäre gar nicht nötig gewesen. Dass sie ein zweites Mal angegriffen haben, bedeutet für uns, dass sie absichtlich Zivilisten töten wollten.« Wenn die Überlebenden vor Gericht gingen, dann nicht wegen des Geldes. »Der Tod meiner Tochter kann nicht mit Geld aufgewogen werden. Aber wir wollen, dass so etwas nie wieder vorkommt. Und Europa soll sehen, dass auch die Serben Unrecht erlitten haben. Es sind nicht nur die Serben, die Kriegsverbrechen begangen haben.« Das sind vergleichsweise milde Vorwürfe und Forderungen, die dem Krieg und dem Aggressor grundsätzlich nicht die Legitimation absprechen.

In der Tat hatten einige Überlebende dieses »Massakers«, das nicht im Entferntesten die Aufmerksamkeit eines durchschnittlichen Amoklaufes in einer deutschen oder nordamerikanischen Schule erringen konnte, mit Unter-stützung hiesiger Beschämter gegen die am Kriegführen beteiligte Bundesrepublik Deutschland den sittsamen Rechtsweg beschritten, nämlich Klage eingereicht. Sie wurde 2006 vom Karlsruher Bundesgerichtshof abgewiesen. Wie eigentlich zu erwarten war, konnte sich die durch Professor Dr. Achim Krämer vertretene »Beklagte« mit allerlei Winkelzügen vor Schadenersatz-ansprüchen und Schuldeingeständnissen drücken, zumal das betreffende Kampfflugzeug (angeblich) keine Maschine der deutschen Luftwaffe gewesen war. Die Beklagte scheute sich auch nicht, den Zivilisten aus Varvarin vorzuhalten, sie seien »zur falschen Zeit am falschen Ort« gewesen. Was hat schließlich ein Schulkind in seinem Heimatort zu suchen, wenn es weiter oben um hohe Politik geht?

Immerhin hatte es ein Jahr zuvor, im Juni 2005, in Oelsnitz/Erzgebirge eine erfreuliche Gegenveranstaltung mit rund 60 Teilnehmern gegeben. Auf Vorschlag von Friedensfreunden hatte der Rosenzüchter Dr. Schmadlak aus Pirna eine von ihm neu gezüchtete, »zart-rosa« gefärbte Rose zur Verfügung gestellt, die er ursprünglich seiner Tochter hatte widmen wollen. Sie wurde nun feierlich auf den Namen Sanja Milenkovic getauft.

* Günter Bannas, »Er handelt wie ich«, FAZ.NET, 10. März 2014: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/ukraine-gerhard-schroeder-erklaert-putins-politik-12840337.html
** »Die Brücke von Varvarin«, Deutschlandfunk, 24. März 2009: https://www.deutschlandfunk.de/die-bruecke-von-varvarin.795.de.html?dram:article_id=117983




Miller, James 34 (1968–2003), walisischer Dokumen-tarfilmer, meist von Kriegsschauplätzen, mit 34 Jahren in Rafah, Gazastreifen, erschossen. Er hatte in Algerien, Tschetschenien, Afghanistan, Korea, Kosovo gedreht und einen guten Namen. Nun arbeitete er an einer Darstellung der Gemütsverfassung der im Gazastreifen lebenden beziehungsweise eingesperrten palästinensischen Kinder. Miller war verheiratet und hatte selber zwei Kinder. Der entsprechende Film Death in Gaza, posthum von einer Kollegin fertiggestellt, bekam mehrere Auszeichnungen.

Außerhalb jeder Bedrohungslage und dazu mit weißer, angeleuchteter Fahne versehen, war Miller bei einem nächtlichem Erkundungsgang unweit der ägyptischen Grenze aus Richtung israelischer Wachen von einer Sturmgewehrkugel im (ungeschützten) Hals getroffen worden. Wahrscheinlich tötete ihn ein Oberleutnant namens Hib al Haib. London sprach von Mord, Tel Aviv nicht. Der mutmaßliche Schütze blieb trotz diplomatischen Druckes unbehelligt. Nach einigen Jahren bot Israel eine Entschädigung an, worauf Millers Witwe schließlich (2009) 1,5 Millionen Pfund entgegennahm.

Soweit ich sehe, war Miller weder Sozialist noch Pazifist. Ein solcher würde auch nicht Kriegsberichterstatter. Millers Vater Geoffrey »diente 33 Jahre lang in der britischen Armee, zuletzt als Oberst«, berichtet Sebastian Borger 2006.* Londons Aufklärungsbemühungen in Betreff seines Sohnes empfindet Miller senior als viel zu lasch. Immerhin hätten sie, die Angehörigen, von anderer Seite aus genug Unterstützung bekommen, um den Fall auszufechten, habe James' Mutter Eileen hinzugefügt. »Die Palästinenser können das nicht.« Die haben weder die Muße noch das Geld zum Prozessieren. Dafür hatte die israelische Regierung aber rund 1,5 Millionen Euro für die Abfindung zur Hand, ein Trinkgeld. So etwas in 10 Jahren 10 mal, das ist schon fast ein Haushaltsposten für sich, neben dem Rüstungsetat. Und wer besorgt dieses ganze Geld? Vermutlich zu einem Zwanzigstel die CIA, und den großen Rest steuert das liebe israelische Volk selber bei. Gottes auserwähltes Volk.

* »Gericht erklärt Doku-Filmer zum Mordopfer der israelischen Armee«, Spiegel, 8. April 2006: http://www.spiegel.de/politik/ausland/tod-im-gaza-streifen-gericht-erklaert-doku-filmer-zum-mordopfer-der-israelischen-armee-a-410335.html



Mircea II. 24 (1422–46), ein Herrscher aus der Walachei und damit zugleich dem sagenumwobenem Dunstkreis Dracula. Die Walachei ist vornehmlich durch eine abfällige Redensart und durch ein Monster bekannt. Im Mittelalter Fürstentum, durfte der Balkan-Landstrich nördlich der Donau vor allem Zankapfel zwischen den Ungarn und den Türken spielen. Um 1860 ging dann aus Walachei und Moldau der Staat Rumänien hervor.

Mircea II. entstammte dem Herrschergeschlecht derer von Drăculea, zu deutsch der »Söhne des Drachen«. Dahinter verbarg sich der von Sigismund von Luxemburg gegrün-dete (christliche) Drachenorden – und im speziellen Fall von Mirceas Bruderherz Vlad III. Drăculea auch dessen Vorliebe, mißliebige Gegner oder Untertanen durch Pfählung hinrichten zu lassen. Aber noch stand der Bruder nicht am Ruder. Vater Vlad II. Drăculea hatte eigentlich seinen Ältesten Mircea dazu ausersehen, 1442 das Fürstenzepter zu übernehmen, doch das paßte dem Konkurrenten-Clan derer von Basarab nicht. Nach einigem Gerangel um die Macht – in das sich auch die Ungarn einmischen – bestimmt Vlad II. den 22jährigen Mircea, der bereits als geschickter Feldherr gilt, 1444 dazu, mit einem Troß berittener Krieger ein Kreuzfahrerheer gen Konstantinopel zu verstärken. Dummerweise verbünden sich aber die Türken mit den Ungarn und schlagen die christliche Armee vor allem in der Schlacht bei Warna (10. November 1444) vernichtend. Bei diesen oder noch folgenden Auseinandersetzungen in Gefangenschaft geraten, wird der inzwischen 24jährige Mircea rund zwei Jahre später, am 12. Dezember 1446, in Târgoviște, damals Hauptstadt der Walachei, auf Befehl der im Boyardischen Rat sitzenden Ungarn nicht etwa mit Pfählen durchbohrt, vielmehr mit Hilfe eines glühenden Schüreisens geblendet und anschließend lebendig begraben.

Wie man sich inzwischen schon denken kann, war es zumindest in der Phantasie des irischen Schriftstellers Bram Stoker von jener fürstlichen Vorliebe zu Pfählungen nicht mehr weit bis zu den Vampirzähnen des Grafen Dracula. Der berühmte Schauerroman erschien erstmals 1897. Er hat bislang mindestens 25 Verfilmungen erfahren.

Bei der Blendung unterscheiden die Quellen nicht immer zwischen der erwähnten Methode (durch die, auch bei geschlossenen Augenlidern, dank der Hitze die Augen-flüssigkeit verdampft und die Netzhaut zerstört wird) und dem Ausstechen der Augen. Im Lichte der Nächstenliebe nehmen sich freilich beide Methoden kein Lux. Sie waren auch keineswegs auf »barbarische« Gefilde in Kleinasien oder Afrika beschränkt. Im Deutschland des späten Mittelalters zählte die für das Opfer durch und durch qualvolle Zerstörung des Sehvermögens zu den häufig angewandten Formen landesherrlicher Bestrafung, zumal gegen aufbegehrende Bauern. So ließ etwa der Markgraf Kasimir von Brandenburg-Kulmbach 60 Männern, die sich am fränkischem Bauernaufstand beteiligt hatten, am 9. Juni 1525 in Kitzingen die Augen ausstechen. 12 von ihnen überlebten diese Maßnahme nicht. Die anderen wurden, als Blinde, aus der Stadt gejagt.* Kasimir selber erlag mit knapp 46 just auf dem Balkan (in Ofen, heute zu Budapest) der Ruhr.

* Peter Blickle, Gemeindereformation: die Menschen des 16. Jahr-hunderts auf dem Weg zum Heil, München 1987, S. 82



Fortsetzung Mit—Nop
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