Montag, 25. Oktober 2021
LdF Folge Lom—Marj

Lombard, Fleur 21 (1974–96), gilt als zeitlich erste britische Feuerwehrfrau, die zu Friedenszeiten ein Unfallopfer ihres selbstlosen Einsatzes wurde. Sie diente im englischem Südwesten. Der Avon Fire and Rescue Service, dem sie angehörte, hatte damals, bei rund 700 Leuten, nur acht Frauen beschäftigt. Am 4. Februar 1996 galt es in einem Supermarkt von Staple Hill bei Bristol einen Brand zu bekämpfen, den ein Wachmann absichtlich gelegt hatte, wie sich später herausstellte. Lombard wurde mit einem Kollegen hineingeschickt, um nach möglichen Opfern zu sehen. Auf dem Rückweg zum Eingang wurde sie offenbar, bei starker Hitze, von herabstürzenden Bauteilen überwältigt. Der Brandstifter war genau in Lombards Alter. Die englische Wikipedia meint, der Mann habe Wahnvorstellungen gepflogen und an Langweile gelitten. Die RichterInnen schickten ihn für 7 ½ Jahre ins Gefängnis, wo es womöglich noch langweiliger war.



Lorca, Federico García 38 (1898–1936). Der berühmte spanische, republikanisch gesinnte Schriftsteller wurde eindeutig ermordet. Nur die Gründe für diesen Mord sind weniger klar. Im Sommer 1936 hatte soeben der Spanische Bürgerkrieg zwischen den Anhängern der jungen Republik und den Franco-Putschisten begonnen. Der 38jährige Lorca, Akademiker aus wohlhabender Familie, vor allem als Dramatiker und Lyriker gefeiert, auch begabter Musiker, hatte sich leichtfertigerweise vom republika-nischem Madrid aus in seine Heimatstadt Granada, Südspanien, begeben, die gerade von den Falangisten besetzt worden war. Er suchte nun Schutz bei Freunden aus dem rechten Lager, der Familie Rosales, wurde aber verraten, wahrscheinlich durch den »stadtbekannten Spitzel« (Berger) Ramón Ruiz Alonso. Lorcas Sympathie für LandarbeiterInnen, seine republikanische Gesinnung, sein »Zigeunerblut« in den Adern waren Francos Falange nicht weniger ein Dorn im Auge als seine Homosexualität. Zudem sannen die »mariquitas« (Marienkäfer) auf Rache – jene »Clique der Parasiten« (Spiegel 1956), über die Lorca wiederholt seine Verachtung ausgegossen hatte. Möglicherweise war auch Eifersucht im Spiel. Mord war es so oder so. Zum außerhalb der Stadt gelegenen Behelfsgefängnis »La Colonia« verschleppt, wurde Lorca ebendort im Morgengrauen des 19. Augusts des Jahres in einem nahem Olivenhain durch Soldaten der Guardia Civil erschossen. Michael Berger* nennt als Verantwortliche den Major José Valdés Guzmán und dessen Vorgesetzten General Queipo de Llano, damals militärischer Macht-haber in Sevilla und Granada. 1940 vermerkte das Standesamt von Granada, Lorca sei »im August des Jahres 1936 infolge kriegsbedingter Verletzungen« verstorben. So kann man es ausdrücken, wenn man den Bürgerkrieg gewonnen hat.

Makaberer letzter Trost für Lorca: mit ihm glitten an jenem Morgen, laut Berger, noch drei andere durchlöchert an den Stämmen der Olivenbäume hinab: »Der Lehrer Dióscoro Galindo González, zum Tode verurteilt, weil er 'linken Ideen anhing', sowie die Stierkämpfer Joaquín Arcollas Cabezas und Francisco Galadí Mergal, Vertreter der anarchistischen Bewegung aus Granada – sie hatten gegen die Übernahme der Stadt durch die Putschisten bewaffneten Widerstand geleistet.« Über diese drei Los »paseados« con Lorca soll 2007 ein Buch von Francisco Vigueras Roldán erschienen sein. Ihre Alter sind mir nicht bekannt.

Weniger eindeutig stellt sich das vermutlich furchtbare Schicksal des 45jährigen Republikaners Andrés Nin dar. Er zählte zur Führung der als »trotzkistisch« verschrieenen POUM, die der moskauhörigen KP ein ähnlich schmerzender Dorn im Auge war wie verschiedene anarchistische Organisationen, und war streckenweise auch Regierungsmitglied. In den Truppen der POUM kämpfte zeitweilig der britische Schriftsteller (und Ex-Polizeichef) George Orwell mit, während seine Frau Eileen O'Shaughnessy in Barcelona bei der Büroarbeit half. Kurz nach den dortigen unseligen Bruderkämpfen zwischen den beiden Lagern vom Mai 1937 wurde Nin auf Betreiben der Kommunisten verhaftet. Zunächst in eins der Gefängnisse gesteckt, die diese damals kontrollierten, wußte doch bald niemand mehr, wo sich Nin aufhielt. Auch die von der POUM eingeleitete und von manchen prominenten Ausländern unterstützte Kampagne Gobierno Negrín: ¿dónde está Nin? (»An die Regierung Negrín: Wo ist Nin?«) brachte ihn nicht wieder zum Vorschein. In der Regel – selbstverständlich nicht unter traditionsbewußten Kommunisten – wird heute angenommen, Nin sei auf Geheiß Stalins verschleppt, ausgiebig gefoltert und schließlich am 20. Juni ermordet worden. Abtrünnige Söhne ziehen sich ja oft den besonders ausgeprägten Haß der Väter zu. Nin hatte 1921 die spanische KP mitge-gründet und bald darauf in Moskau für rund ein Jahrzehnt Komintern-Arbeit geleistet. Für weitere Einzelheiten verweise ich auf die deutsche Wikipedia.

Ähnlich selten gewürdigt wie Nin wird der mexikanische Komponist Silvestre Revueltas. Er war 1936 Gast des republikanischen Spanien gewesen – und des Bürgerkriegs. Kaum von der Nachricht ereilt, Lorca sei ermordet worden, schuf er eine Homenaje an diesen. Für einige Fachleute zählt das dreisätzige Stück zu Revueltas' besten Arbeiten. Ich selber stelle das kurze, freche, mordskomische Konzertstück El renacuajo paseador (Die wandernde Kaulquappe) von 1933 noch höher. Der knapp 41jährige Musiker erlag Anfang Oktober 1940 in Mexiko City verschiedenen Krankheiten, zu denen vermutlich, neben Alkoholismus, auch die Gefühle der Vergeblichkeit (Francos Sieg!) und der Verlassenheit zählten.

* »In Granada geschah der Mord – in seinem Granada!«, Neues Deutschland, 20. August 2011: http://www.neues-deutschland.de/artikel/204843.in-granada-geschah-der-mord-in-seinem-granada.html



Lothar, Hanns 37 (1929–67), Schauspieler, sogar mir von der nichtkinofreien Kindheit her bekannt. Damals verkörperte dieser bewegliche, hagere Schauspieler, geboren in Hannover, den pfiffigen deutschen Jungen – mal gelassen, mal schnoddrig, zumeist als charmante Nervensäge. Das war genau das Richtige für die west-deutsche Wirtschaftswunderzeit. Lothar gehörte seriösen Bühnen an, zuletzt dem Thalia Theater in Hamburg, trat aber auch gern in Fernsehkrimis auf.

1962 gab er den armen Schlucker Axel in Rainer Erlers Film Seelenwanderung geradezu herzzerreißend. Es handelte sich um eine Art Kammerspiel, schwarzweiß, 75 Minuten lang, gedreht nach einer Parabel von Karl Wittlinger. Axels Kumpel Bum war freilich vom Naturell her gar nicht der Richtige für die Wirtschaftswunderzeit. In der proletarischen Kneipe Trübsal blasend, befinden die beiden, Bum (Wolfgang Reichmann, rundlich, mit großer Stirnglatze) sei zu gutherzig, nicht kaltblütig genug, um endlich einmal auf einen grünen Zweig zu kommen. Das gibt Axel den Vorschlag ein, Bum möge sich seiner Seele entledigen. Tatsächlich gelingt es Bum, durch geballte Anstrengungen, seine Seele in einen leeren Schuhkarton zu »denken«, den ihnen der Wirt gegeben hat. Axel macht schnell den Deckel zu; Bum versetzt den Karton anderntags für fünf Mark im Pfandhaus und bahnt so seinen unaufhaltsamen Aufstieg zum skrupellosen Kapitalisten an. Von Axel will er jetzt nichts mehr wissen – bis er ausgebrannt im Sarg liegt und erkennt, aufgrund der verlorenen Seele ist ihm der Weg ins Jenseits versperrt; er muß als »Geist« durch die Stadt seiner Erfolge irren. Damit beginnt die Jagd nach dem Schuhkarton. Axel steht Bum bei, obwohl ihn dieser so schäbig behandelt hat. Der Herzensgute ist hier Axel, der durchtriebene Ganove.

Daß Lothar außerdem singen konnte, bewies er unter anderem als Christian Buddenbrock in einer Verfilmung des bekannten Romans von Thomas Mann. Lothar liebte Frauen, Fußball, Boxen, Alkohol. 1967 ereilte ihn bei Bühnenproben in Hamburg eine Nierenkolik, an der er starb. Er war knapp 38. Seine dritte Gattin Gabriele, um 23, soll gerade auf Reisen gewesen sein.

Damit zu einem Apfel, der nicht weit vom Stamm fiel, Marcel Werner (1952–86) mit Namen. Laut Zeit-Nachruf war der Berliner Schauspieler »ein langer, dürrer, schräger Mensch, immer bekümmert und deshalb immer auch ein wenig komisch«. Dieser Mensch war ein Sohn, den Lothar 1952 mit seiner Kollegin Elfriede Rückert (später Werner) gezeugt hatte. Marcel Werner spielte, sowohl auf der Bühne wie in einigen Filmen, vorwiegend Sonderlinge. Er trat im Juni 1986 in Hannover mit 34 Jahren endgültig ab. Man spricht zumeist von einem Langzeit-Selbstmord durch chronischen Alkoholismus. Die Zeit meinte etwas verwaschener, Werners Drang zur Selbstzerstörung habe seine Lust zur Selbstdarstellung überwogen. Möglicher-weise streifte jener erste Drang auch noch andere. Laut Spiegel (19. Oktober 2007) lernte Werner 1978 die Schauspielerin Marion Michael kennen, die 1956 als barbusiges »Dschungelmädchen« eingeschlagen war. Sie hielt Werner für die Liebe ihres Lebens. Der Spiegel: »Ein schöner Mann, Trinker, gewalttätig. Ein Jahr später flieht sie vor ihm.«

Das Phänomen der Wiederholung ist nicht nur in Stammbäumen auffällig. Im 1982 veröffentlichtem Kinderfilm Bananen-Paul von Richard Claus und Petra Haffter versetzt ein ausgerissener Zirkusbär eine Kleinstadt in Panik, obwohl er ein gutmütiger Bursche ist. Werner gab darin einen Fotografen. Das Werk könnte manchen Betrachter an ein Glanzstück meiner Kindheit erinnern: an das 1952 erschienene Jugendbuch Der Löwe ist los von Max Kruse. Dessen verunfallten Sohn Stefan erwähnte ich bereits weiter oben. Als Werner für immer seine Augen schloß, 1986, rief sich der Ex-Scherben-Frontman Rio Reiser mit einem Hit, wie sich rasch zeigen sollte, zum König von Deutschland aus. Über Adolphe Adams Komische Oper Wenn ich König wär' von 1852 war bereits Gras gewachsen. Damit sollen allerdings keine Vorwürfe erhoben sein. Von nichts kommt nichts; wir sind alle nur Varianten. Eher würde ich über jene Leute Verachtung ausgießen, die sich um jeden Preis mit »Neuigkeiten« hervortun müssen – im Falle von Produzenten neuer Automodelle selbstverständlich um einen möglichst hohen Preis. Leider gilt das Ganze auch, zu ungefähr 80 Prozent, für jegliche »moderne Kunst«, Literatur eingeschlossen. Jetzt erhoben die >Jarrys, Schwabs und Baselitze die Aufgabe zur Norm, von der Norm abzuweichen. Dabei belief sich der Sinn der Aufgabe darauf, Ruhm und Einkommen des Neuerers zu mehren. Der schweizer »Dramatiker« Werner Schwab, knapp 36, soff sich (1994) ebenfalls tot.

Am 21. Juli 2012 starb die 51jährige Berliner Schauspie-lerin Susanne Lothar. Sie war eine Tochter Hanns Lothars und eine Halbschwester Marcel Werners. Woran oder warum sie starb, wollte der Rechtsanwalt ihrer Familie, der »Privatsphäre« der Verstorbenen oder der Angehörigen zuliebe, nicht verraten. »Und so blühten die Spekulationen«, schrieb die Münchener Abendzeitung nicht ohne Folgerichtigkeit. Anzeichen für eine Krankheit etwa habe man bei Lothar, die 2007 ihren Ehemann Ulrich Mühe durch eine Krebserkrankung verloren hatte, noch am 30. Juni auf dem Münchener Filmfest nicht bemerkt. In Schauspielerkreisen werde von Selbstmord gemunkelt.* Und wenn schon? Hat der Rechtsanwalt die von ihm vertretene »Privatsphäre« verriegelt, weil in dieser ein Selbstmord als Makel gilt? Das würfe kein sonderlich vorteilhaftes Licht auf die von ihm Vertretenen. Wenn aber nicht – was wäre dann in diesem Todesfall noch schützens-wert? Jeder, selbst die Münchener Abendzeitung, wußte, daß mit Lothar eine ausgesprochen empfindsame und »verletztliche Charakterdarstellerin« verstorben war. Da liegt doch ein Selbstmord gleichsam von Jugend an in der Luft. Eine andere Frage ist, warum ausgerechnet ein derart angreifbarer Mensch die Brennpunkte öffentlichen Interesses aufsucht, Theaterbühnen und Filmfeste zum Beispiel. Sie führt vom Thema ab.

Leider ist auch die »Privatsphäre« ein verdammt weites Feld. Immerhin ist sie, ungeachtet ihrer Abmessungen, nie ein »natürliches« Feld. Ihre Grenzen werden in jeder Kultur und in jeder Epoche anders gezogen. In kapita-listisch verfaßten Demokratien kreist die »Privatsphäre« vor allem um die jeweiligen Einkommensverhältnisse, ob sie nun zu Hause im Wandsafe oder auf entlegenen, meerumrauschten Steuerparadiesen geschützt werden. Das hindert freilich die wenigsten GroßverdienerInnen daran, erstens mit ihren Platinuhren zu protzen, zweitens in Talkshows oder gut honorierten Zeitungsinterviews ihr Innerstes nach außen zu kehren, drittens den Bürokraten, Polizeibeamten und Berufsschnüfflern ihres Landes zu gestatten, die menschliche Würde mit Füßen zu treten, sobald einer auch nur einen zwergfichten-großen Schatten auf die Fassade der kapitalistischen Demokratie wirft.

Wahre Demokratie lebt von Öffentlichkeit, Aufrichtigkeit, Nachvollziehbarkeit. Ich kann den anderen mitsamt seiner Beweggründe und seinen Bedürfnissen umso besser verstehen, je mehr ich von ihm weiß. Erst dadurch kann ich auch mich selber besser verstehen, denn alleingelas-sene Beschränktheit bleibt immer beschränkt. Aus diesem Hauptgrund – Vertiefung des Verständnisses – schreiben gewisse Leute Theaterstücke oder Schein-Lexika. Vielleicht könnte sich durch die Vertiefung des Verständnisses sogar die Erhöhung des Schutzes der »Privatsphäre« erübrigen, nämlich insofern, als durch diese Bildungs- und Vertrau-ensbildungsarbeit Angst abgebaut wird. Eine Gesellschaft ohne einschüchternde Strukturen und Drohgebärden würde weder Panzerschränke noch Rechtsanwälte benötigen. Sagen Sie das mal dem Kabinett Merkel und der Ministerpräsidentenkonferenz, die lachen sich tot.

Auf der Linie jener Theaterstücke oder Schein-Lexika liegen sicherlich auch Biografien. Oft können diese Biogra-fien allerdings erst einige Jahre nach dem rätselhaftem, vielerörtertem, von Spekulationen umwuchertem Tod der betreffenden prominenten Person erscheinen; gut Ding will schließlich Weile haben. Und weil diese Bücher dann endlich die Wahrheit von den Todesumständen ihrer Gegenstände enthüllen, gehen sie weg wie warme Semmel. Das ist volkswirtschaftlich gesehen sinnvoll, wird doch auf diese Weise ein doppelter Umsatz erzielt, zunächst durch die Spekulationen, später durch die Biografie.

* Michael Heinrich, »Der Tod der Tragischen«, 26. Juli 2012: https://www.abendzeitung-muenchen.de/panorama/susanne-lothar-der-tod-der-tragischen-art-170421



Löwe, Gustav 31 (1852–83), deutscher Gelehrter. 1883 zog der Fortschritt auch in die Universitätsbibliothek der kleinen Stadt Göttingen ein: die Bibliothek bekam einen Neubau und in diesem sogar einen Fahrstuhl. Anders wäre der studierte Klassische Philologe Gustav Löwe, der sich bereits als Mitarbeiter an Ritschls großer Plautus-Ausgabe verdient gemacht, aber inzwischen seine Berufung im Bibliothekswesen gefunden hatte, womöglich noch in 200 Jahren nur in engsten Fachkreisen bekannt. In seiner Eigenschaft als Kustos der Universitätsbibliothek stürzte Löwe am 14. Dezember bei einer Begehung des Neubaus in den Fahrstuhlschacht und starb zwei Tage darauf, ohne sein Bewußtsein wiedererlangt zu haben.* Er war 31.

* August Wilmanns, »Dr. Gustav Löwe / Nekrolog«, Zentralblatt für Bibliothekswesen Band 1 (1884), S. 190: http://www.digizeitschriften.de/dms/img/?PID=PPN338182551_0001%7Clog85



Lúcio, João 38 (1880–1918), Sohn eines Großgrund-besitzers in der Algarve (Südportugal); Rechtsanwalt, Politiker, heimatverbundener »Dichter« und Elfenbein-türmer. In all diesen Sparten zeigte er sich als »glühend« monarchistisch gestimmt. Kurzzeitig war er Bürgermeister von Olhão, seiner kleinen Heimatstadt, ja sogar Pressesprecher des Ministerpräsidenten João Franco in Lissabon. Sowohl ein familiärer tödlicher Unfall wie das Unglück der Ausrufung der Republik 1911 scheinen Lúcio zum Rückzug aus öffentlichen Geschäften bewogen zu haben. An Geldmangel litt er offensichtlich nicht. Vor den Toren Olhãos ließ er um 1915 ein ausgefallenes Schlößchen errichten, bald als Chalet João Lúcio berühmt, heute Museum. Hier trauerte er auch um sein Söhnchen, das wegen einer unachtsamen Großmutter (woanders) aus dem Fenster gefallen und dadurch ums Leben gekommen sein soll. Das behaupten mehrere Quellen; keine geht jedoch so weit, den Vornamen, das Todesjahr und das Alter des Söhnchens preiszugeben. Sie wissen nur, das Unglück traf den Vater heftiger als das Kleinkind. Vielleicht wurde er deshalb 1918 eine leichte Beute der »Spanischen Grippe« oder auch einer Lungenentzündung, wie es wahlweise heißt. Um die andersfarbigen Kinder, die das monarchistische Portugal in Übersee verwaltet oder ausgehungert hatte, etwa brasilianische oder afrikanische, hatte er sich vermutlich weniger gegrämt. Schließlich waren es nicht seine eigenen – sie gehörten dem jeweiligem König. Ob ihm die Oma leid tat, weiß ich nicht. Der portugiesischen Wikipedia gilt sie als »senil«. Man-cher wäre an Stelle der Oma entweder vor Schuldgefühl vorzeitig eingeschrumpft oder aber aus Stolz und Schadenfreude glatt noch ein wenig gewachsen. In diesem Fall wäre das Mißgeschick ein Mordfall gewesen.



Ludewig, Maria M. 36 (1982–2018), deutsche Autorin und vor allem Inszenatorin, angeblich Badeunfall in Spanien an Sylvester. Aus einem Lübecker Pfarrhaus stammend, studiert Ludewig Philosophie, Germanistik und Schauspielregie und macht sich bald einen Namen als freischaffende Ein- oder Ausrichterin von diversen Theaterstücken oder -Festivals in zahlreichen deutschen Städten. So verantwortete sie zuletzt, 2016 und 2018, gemeinsam mit Martin Hammer die Biennale des Wiesbadener Hessischen Staatstheaters. Sie wird auch oft zeitgemäß schick als »Kuratorin« bezeichnet. Ich ziehe jedoch »Inszenatorin« vor, weil das eine längere Tradition hat. Spätestens um 1900 setzte auf dem Theater die bekannte Umkehrung ein, nach der die Inszenierung eines Stückes wichtiger wird als das Stück selber. Nicht auf Shakespeare, der ja möglicherweise sowieso nie gelebt hat, kommt es künftig in erster Linie an, sondern darauf, wie Starregisseur Stein oder Faß die von Shakespeare gelieferten Vorgaben aufziehen. Die Vorgabe wird zum Vorwand, den Regisseur in Szene zu setzen. Das Wie triumphiert über das Was. Man könnte auch vom Triumph des Sekundären oder der Oberfläche sprechen. Diese Entwicklung beobachten wir freilich seit vielen Jahrzehnten in allen gesellschaftlichen Bereichen, Politik voran. Am Augenfälligsten ist sie aber vielleicht in der Musik, wo der Dirigent nicht nur die Partitur beherrscht, sondern auch den Komponisten, das Orchester, das Publikum, die sogenannte Kritik und das Portal zur Unsterblichkeit.

Einen unerheblichen Beleg für meine Ausführungen liefert, mit anderen, die FAZ in ihrer Todesmeldung.* Das Stirnfoto der betreffenden Seite ist größer als die Textspalte. Es zeigt »natürlich« die fotogene Kuratorin. Über die Formel, die 36jährige sei »auf Fuerteventura auf einem Felsvorsprung von einer Atlantikwelle überrascht und ins offene Meer gezogen worden«, geht niemand hinaus. War sie guter oder schlechter Laune? Gesund oder krank? War sie allein? Hatte sie auf der Atlantikinsel (Höhe Marokko) ein Zelt oder ein Chalet? Was hatte sie dort eigentlich, am 31. Dezember, zu suchen?

Erholung, wird man vermutlich ungehalten knurren – wütend auf mich, und nicht etwa auf Ludewig oder die schwedische Schauspielerin Johanna >Sällström, die 2004 einen epochalen Tsunami in Thailand überlebte, vorläufig jedenfalls. Oder allgemeiner: auf die volkswirtschaftlichen und ökologischen Verheerungen des Tourismus', die, aufeinander getürmt, sicherlich den Mount Everest in den Schatten stellen, wo die besteigungsgeilen Amateure bereits Schlange stehen sollen. Aber recht bedacht, hatte Ludewig in der Tat bedauerliches Pech. Hätte sie ihren Reiseplan noch für zwei oder drei Jährchen aufgeschoben, wäre wahrscheinlich nichts aus dem Spaß – und aus ihrem Tod geworden: Ausreiseverbot. Ja, die berüchtigten, von der Politik inszenierten Wellen der »Pandemie« werden noch so manche liebgewordene Gewohnheit an die Felswand fahren.

* »Kuratorin von Wiesbaden Biennale tödlich verunglückt«, 4. Januar 2019: https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/kuratorin-von-wiesbaden-biennale-toedlich-verunglueckt-15972578.html



Ludwig das Kind 18 (893–911), ostfränkischer Herr-scher schon mit Sechs, jedoch dem frühem Tod geweiht. Damalige Herrscher hießen in der Regel eher König Ludwig der Stammler oder, wie dessen 929 gestorbener Sohn, Karl der Einfältige. Aber davon darf man sich nicht täuschen lassen. Die im Februar 900 in der Pfalz Forchheim (bei Nürnberg) versammelten Fürsten wußten genau, warum sie einen Sechsjährigen, der zudem von Natur aus kränkelte, zum König des Ostfrankenreiches bestimmten: Ludwig IV., genannt das Kind. So herrschten im folgenden faktisch einige andere Blaublütige und Bischöfe, voran Hatto von Mainz und Salomon III. von Konstanz. Die Zentralgewalt bröckelte zugunsten der Stammesherzogtümer. Der Ansturm der Ungarn war unter diesen wackligen Umständen nicht zu brechen. 910 wurden Ludwigs Truppen auf dem Lechfeld (bei Augsburg) von den berittenen Pfeilschützen der ungarischen »Räuberhorden« empfindlich geschlagen. Ein Jahr darauf, 18 Jahre alt, starb er, wahrscheinlich in Frankfurt
am Main.

Über die näheren Krankheits- und Todesumstände gaben die Quellen keine Auskunft. Gewiß ist die Annahme, irgendein Erzbischof habe bei einem Krankenbesuch mit seinem wohlangespitztem Krummstab ein wenig nachgeholfen, nicht aus der Luft gegriffen. Andererseits war das damalige, vorwiegend aus unwegsamem Urwald bestehende »Deutschland« allgemein nicht auf Rosen gebettet. Die bestenfalls zwei Millionen Menschen, die zwischen Oder, Rhein, Alpen und Nordsee vor allem die Flußtäler besiedelten, waren mit dem einen Fuß an ihre Grundherren gekettet; mit dem anderen standen sie stets im Sarg. So etwas wie eine Volksbildung existierte nicht; selbst viele Grafen oder Ritter konnten weder lesen noch schreiben. Das Bildungsmonopol lag bei den Kirchen und Klöstern, die an Aufklärung nicht das geringste Interesse hatten. Die Säuglings- und Kindersterblichkeit war enorm, sicher vor allem wegen Hunger, aber auch wegen Krank-heiten, gegen die man noch keine Mittel wußte. Mehr als die Hälfte aller Kinder kamen, statistisch betrachtet, nicht über 14 Jahre. Freilich waren ihre Aussichten auch im gegenteiligem Fall nicht glänzend. Eine Blinddarm- oder Lungenentzündung, eine Blutvergiftung, eine Mittelohr-vereiterung waren das sichere Todesurteil. Durch emsiges Kriegführen taten die Erwachsenen dann noch das ihre dazu. Alles zusammen genommen, verblüfft es wenig, wenn wir auch damals schon große Bauernaufstände antreffen, etwa um 840 im heutigem Niedersachsen. Die empörten Geschundenen schleiften dabei viele Herrensitze, Fronhöfe und Burgen, aber die Vergeltung durch königliche, herzögliche oder bischöfliche Truppen war noch einmal so grausam.

Lungtog Gyatsho (1805–15) wurde nur halb so alt wie sein Berufskollege Ludwig. Wahrscheinlich erlag der buddhistische Knabe mit neun einer Lungenentzündung, die ihn vom Thron im riesigem, über Tibets Hauptstadt Lhasa auf einem Bergkegel erbautem Potala-Palast kippte. Allerdings hatte er diesen Thron bereits als Drei- oder Vierjähriger erklommen, das macht ihm so schnell keiner nach. Von da an galt er als neunter Dalai Lama und damit als eine Art Staatspräsident und Oberguru Tibets. Dazu, wie sie ihn aufspürten und prüften, gibt es in der deutschen Wikipedia eine herzergreifende Geschichte, die ich Ihnen ersparen will. Eine andere Frage wäre, wie sich ein Knabe, der stets mit »Eure Heiligkeit« angeredet werden muß, der Langweile und des Größenwahns erwehrt. Diesem Ungemach dürfte sich freilich auch König Ludwig gegenüber gesehen haben.

Der norddeutsche Junge Oliver Ludwig (8) ging Spielen. So jedenfalls am 6. September 1976 in Hamburg-Eidelstedt, wo er selber, sein 13jähriger Bruder Thomas und der 10jährige Stephan Behrmann wohnten.* Sie gingen zu dritt zum verwildertem Betriebsgelände der ehemaligen Chemischen Fabrik Dr. Hugo Stoltzenberg, streunten dort umher, sammelten einige Dinge oder Stoffe ein und kehrten in den häuslichen Keller zurück, um damit zu experimentieren. Was sie allenfalls verschwommen wußten: auf dem Gelände lagerten illegal und höchst fahrlässig rund 80 Tonnen lebensgefährlicher Chemikalien und Sprengstoffe, darunter Gasgranaten. Prompt kam es im Keller der drei Jungen zu einer Explosion. Oliver wurde getötet, die beiden anderen zogen sich schwere Verlet-zungen zu. Ferner löste die Explosion den üblichen Skandal, die bekannten Lügen und solche Reformen aus, die weder den Kapitalismus noch die Kriegslüsternheit antasten.

Schon 1928 hatte es bei Stoltzenberg Hamburg eine mittlere Katastrophe gegeben. Der Vorfall wurde auch von Carl Ossietzky in der Weltbühne aufgriffen: »Gasangriff auf Hamburg«, 29. Mai. Damals waren große Mengen Phosgen entwichen, die eine Giftgaswolke über der Großstadt bildeten. Nur günstige Winde verhinderten das Schlimmste. So sorgte das Unglück »lediglich« für mindestens 10 Tote und rund 300 Verletzte. Hugo Stoltzenberg selber, gestorben 1974 mit 90, ist dafür, so weit ich weiß, nie belangt worden.

Noch früher, im April 1915, stand Stoltzenberg Schulter an Schulter mit dem berühmtem und noch heute hochge-ehrtem Chemiker Fritz Haber, damals sein Chef, bei Ypern an der Westfront. Und was hatten sie da zu suchen? Sie hatten die Chlorgashähne zu öffnen, um den Franzmän-nern einmal zu zeigen, was eine Harke ist. Sie hatten das erste deutsche Giftgas für Kriegszwecke gemeinsam entwickelt. Der Einsatz war »erfolgreich«; Haber wurde gleich zum Hauptmann befördert. Seine Ehefrau Clara Immerwahr, gleichfalls Chemikerin, fand dies alles gar nicht erhebend. Am 2. Mai erschoß sich die 44jährige in Berlin mit der Dienstwaffe ihres Gatten. Dazu kann ich, bei Interesse, einen Artikel verschicken.

Ich komme noch einmal auf das Phänomen der Skandale und Katastrophen zurück. Womöglich haben einige LeserInnen eine gar zu weitgefaßte Vorstellung von ihm. Daß weltweit Jahr für Jahr Millionen von Menschen an Hunger, verseuchtem Wasser, Arzneimangel verrecken, während fast zwei Billionen Dollar für Militärisches verpulvert werden, ist kein Skandal. Dazu ist es zu allgemein, zu üblich, zu normal und zu günstig=unauffällig gestreut. Das gleiche gilt für jährlich grantiert 3.000 Straßenverkehrstote und 500 tödliche Badeunfälle allein in Deutschland. Sie stellen keine Katastrophen dar. Etwas anders sähe die Sache aus, wenn der Badeunfall beispiels-weise einer deutschen Kuratorin auf den Kanarischen Inseln widerführe. Dann könnte man prüfen, ob es auf Fuerteventura StrandwächterInnen gibt, und wenn ja, ob die rund um die Uhr schlafen. Dieser Skandal wäre womöglich ein zureichender Grund, den spanischen Botschafter einzubestellen oder ihm gleich die Kriegser-klärung zuzustellen.

Damit dürfte schon einiges klargeworden sein. Nur vergleichsweise ungewöhnliche und vergleichsweise brandneue Vorfälle sind skandal- und katastrophenfähig. Ferner müssen bestimmte, wichtige Personen vorhanden sein, an die das Schlimme geheftet werden kann. Schüttelte Rudi Dutschke die Faust, genügte es bereits. Der Skandal war da. Benno Ohnesorg dagegen mußte erst erschossen werden. Dadurch kam etwas in Bewegung. US-Präsident Carter sah sich erst dann genötigt, der Geierbande, die Nicaragua 40 Jahre lang ausgeweidet und in Blut gebadet hatte, seine Unterstützung zu entziehen, als ein Nationalgardist Somozas im Juni 1979 in Managua den US-Fernsehreporter Bill Stewart (37) abgeknallt hatte. Wäre Queen Elizabeth vom Rinderwahnsinn befallen worden, hätten Blair und Bush sofort die Viehweiden und Regenwälder der ganzen Welt besprühen lassen. Aber sie hatte ihn nicht nötig.

Hier drängt sich ein weiterer Gesichtspunkt auf, der vielleicht sogar der wichtigste ist. Vergangenes ist nie skandal- und katastrophenfähig. Schließlich liegt der Sinn der Vergangenheit gerade darin, uns Gegenwärtige zu entlasten. Deshalb haben wir nichts mit den Kanzleramts-akten zu tun, die Helmut Kohl beziehungsweise böse Bedienstete verschwinden ließen, bevor sie 1998 den Sessel im Bundeskanzleramt mit neuem Kalbsleder für den nächsten Fürstenarsch bezogen. Kohl selber, der Abgedankte, ging dann wieder seinem ursprünglichem Beruf als promovierter Historiker nach. Und schon gar nicht kann man uns für die »robusten« Maßnahmen haftbar machen, die einst der US-hörige General Suharto in Indonesien ergriff. Der Mann ließ ungefähr 500.000 »Kommunisten« umbringen, ferne jede Menge Chinesen. Nebenbei zweigte er in seiner »Regierungszeit« 15 bis 30 Milliarden Dollar für sich und seine Getreuen ab. Keinen geringen Teil davon verdankte er der CIA, wie bei Tim Weiner zu lesen ist. 1998 zum Rücktritt gezwungen, läßt sich Suharto im Jakartaer Nobelviertel Menteng nieder, wo er sich noch für 10 Jahre unbehelligt seiner unglaublichen Schandtaten erinnern kann. Er stirbt mit 86 im Januar 2008. Wen interessiert das schon? Seine Schandtaten sind vorbei.

Hexenverbrennungen und Conterganaffären; Sklaven-handel, Raketenabstürze und alle »Kollateralschäden« unseres sogenannten Gesundheitswesens, Impfmaßnah-men eingeschlossen, werden bestenfalls zu ein paar Worten in Lexika und Fachbüchern. Die Toten und Einbeinigen und seelisch Zerrütteten leiden nicht mehr. Das sind alles eingebildete Kranke, denn die Zeit heilt Wunden. Wer weiß, ob es diese Leute und diese Verluste überhaupt gegeben hat. Wir merken nichts von ihnen. Ernst Kreuder sprach von unserem unausrottbarem Gegenwartsstolz. Real ist, was wir auf unseren hängeschrankgroßen Bildschirmen anzappen können. Und erfreulicherweise sind es stets die anderen, die vor unseren Augen mit Schweißbrennern oder Trennscheiben aus ihren zusammengestauchten Blechkisten geschält werden. Unser Auto steht vor der Tür.

* Uwe Bahnsen, »Die Giftfabrik des Dr. Stoltzenberg«, Welt, 6. Sep-tember 2009: https://www.welt.de/welt_print/vermischtes/hamburg/article4472392/Die-Giftfabrik-des-Dr-Stoltzenberg.html



Lumumba, Patrice 35 (1925–61), Präsident des Kongo, ermordet. Vier Jahrzehnte mußten vergehen, bis Licht in diesen Akt des Staatsterrorismus kam, dem der 35jährige schwarze Afrikaner 1961 zum Opfer gefallen war. Im Jahr zuvor hatten ihn seine Landsleute zum ersten Minister-präsidenten des rohstoffreichen, nun »freien« Kongo gewählt. Schon bei den Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit hatte es der hochgewachsene, hagere Mann gewagt, sich nicht nur jede zukünftige ausländische Bevormundung zu verbitten, sondern auch dem anwesenden belgischen König Baudouin alle Schandtaten der Kolonialmacht vorzuhalten, die dieser befohlen oder gedeckt hatte. Das gefiel weder dem König noch dem belgischem und nordamerikanischem Kapital, das den Kongo auch weiterhin auszuschlachten gedachte. Nach dem üblichem Rezept säten sie Zwietracht, worauf sich die Provinz Katanga abspaltete und Lumumba von ehemaligen Mitstreitern für abgesetzt erklärt wurde. Er kam in Haft, konnte aber mindestens einmal entkommen. Im Januar 1961 erneut ergriffen, wurde er mit seinen Gefolgsleuten Maurice Mpolo und Joseph Okito per Flugzeug nach Elisabethville (Lubumbashi), der Hauptstadt Katangas, gebracht und außerhalb der Stadt, vielleicht nach Folterungen und Demütigungen, von katangischen Soldaten unter belgischem Kommando am Rande einer Grube aufgestellt, die man wohl eigens in der Savanne ausgehoben hatte. Sie wurden erschossen und verscharrt.*

Bahnbrechend bei der Aufdeckung dieses Verbrechens wirkten um 2000 Bücher von Heribert Blondiau und Ludo de Witte. 2007 steuerte Tim Weiner in seiner umfang-reichen Geschichte der CIA wichtige Belege bei. Es erschienen auch einige Filme. Danach ist die unmittelbare Verwicklung der belgischen Regierung völlig, der US-Regierung, vertreten durch Präsident Eisenhower und CIA-Chef Allen Dulles, nahezu erwiesen. Die belgische Regierung sah sich bereits nach Ludo de Wittes Enthüllungen genötigt, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuß einzusetzen. Als dieser 2001 seinen Abschlußbericht vorgelegt hatte, räumte die Regierung eine »moralische Verantwortung« für das Verbrechen ein, ergriff jedoch keine juristischen Maßnahmen, wobei es bis heute blieb. Vermutlich will sie vor allem Entschädigungszahlungen an den Kongo vermeiden. Das wäre nur zu verständlich, weil es sich im Grunde um ein Faß ohne Boden handelt. Bezogen auf die Anfänge um 1890, stellt Gert von Paczensky in seiner schon wiederholt erwähnten Geschichte des Kolonialismus fest, »unter Führung ihres geldgierigen Königs Leopold II.« hätten auch die Belgier »große Fähigkeiten kolonialer Plünderei« entfaltet. Danach nahmen hier ebenfalls Konzessionsgesellschaften eine gigantische Enteignung vor, bemächtigten sich Dutzender von Millionen Hektar, zündeten die Dörfer an, jagten und verschleppten die Bevölkerung, zwangen sie mit vorgehaltenem Gewehr zur Plackerei auf den Plantagen oder in den Kupfergruben. Hier wurzelt unter anderem der Konzernriese Union Minière du Haut Katanga, der sich 2000 in Umicore umtaufte – mit dem Untertitel materials for a better life. Firmensitz ist Brüssel.

2011 reichte Lumumbas Sohn Guy in Brüssel Klage gegen 10 noch lebende Tatverdächtige ein. Es heißt allerdings, auch die Familie Lumumba sei, wie schon eine staatliche belgische Lumumba-Stiftung, zerstritten und weitgehend handlungsunfähig. Vermutlich bleibt das Verbrechen in alle Ewigkeit ungesühnt. Die Drahtzieher stehen ja sowieso schon als große Politiker oder Diplomaten in den Geschichtsbüchern und Lexika. Neuerdings wird auch dem britischem Geheimdienst eine wichtige Rolle bei der Mordtat unterstellt. Gleichwohl wäre es verfehlt, den gequälten und getöteten Patrice Lumumba für einen Heiligen zu halten. Als die Truppen des frischgebackenen kongolesischen Ministerpräsidenten die drohende Sezession zu unterbinden suchten, gingen sie nicht eben zimperlich mit der Zivilbevölkerung um – vor allem mit Leuten aus der Volksgruppe der Luba. Sie selber, die Truppen, gehörten nämlich mehrheitlich der Volksgruppe der Tetela an – wie auch Lumumba, der Ministerpräsident. Schon bei den Wahlen ist es, laut Andrea Böhm**, seitens seiner AnhängerInnen zu »regelrechten Pogromen« gegen die Minderheit gekommen. Das Clandenken umspannt die Welt.

Der Sohn eines Königs Louis Rwagasore (29) hatte sich im winzigen Kongo-Nachbarland Burundi führend am antibelgischem Kampf beteiligt. Kaum war er im Herbst 1961 mit großer Mehrheit zum Ministerpräsidenten gewählt worden, fiel er beim Dinner in einem Hotel der Hauptstadt Bujumbura einem Mordanschlag zum Opfer, vermutlich durch einen Agenten der belgienfreundlichen »christlichen« Konkurrenzpartei ausgeführt. Es heißt, Rwagasore habe unter anderem (schon durch seine Heirat mit einer Hutu) gegen den Haß zwischen Hutus und Tutsis angekämpft, doch die entsprechenden Unruhen flammten gleich wieder auf. Die verheerenden Folgen sind auch aus Ruanda bekannt.

* Samuel Misteli / Fabian Urech, »Afrikanischer Märtyrer«, Neue Zürcher Zeitung, 17. Januar 2021: https://www.nzz.ch/international/mord-an-patrice-lumumba-vor-60-jahren-afrikanischer-maertyrer-ld.1596085
** »Lumumbas Märtyrium«, Zeit, 13. Januar 2011: http://www.zeit.de/2011/03/Kongo-Lumumba




Lyncker, Karl 32 (1823–55), nordhessischer Heimat-forscher und Sagensammler. Der Sohn eines glücklosen Kasseler Kaufmanns ist zunächst Schreiber des Justizamtes im nahem Städtchen Wolfhagen. Er büffelt Latein, betätigt sich aus eigenem Antrieb als Archivar und Heimatkundler und knüpft entsprechende Kontakte mit Historikern. Zur Wolfhagener Stadtgeschichte leistet er entscheidende Vorarbeit. Ab 1844 ist er, zwecks Gelderwerb, wieder in Kassel, zunächst als Sekretär der Halberstadtischen Fräuleinstiftung, später als Buchhalter im Bankhaus Louis Pfeiffer. Er kann sich nun verstärkt seinen Forschungen widmen. 1854 erscheint (in Kassel) seine Sammlung Deutsche Sagen und Sitten in hessischen Gauen. Aber schon ein Jahr darauf, im Mai, erliegt Lyncker im Gefolge eines ungewöhnlich harten Winters der Lungenschwindsucht, 32 Jahre alt.

Laut Volker Schilling* war der Verstorbene Wander- und insbesondere Schmetterlingsfreund. Auch habe er hin und wieder Gedichte verfaßt. Von daher vermute ich, er sei Junggeselle und eher Mönch als Zechbruder gewesen. Ob er erzfromm oder radikaldemokratisch gestimmt war, wissen wir offenbar nicht. Verbürgt ist nur, daß er in jenem Winter zunehmend von Husten geschüttelt wurde. Ungünstig für Kontur.

Ich will mich ersatzweise an einem Schnellporträt der Stadt Kassel versuchen. Sie hat einige Dinge oder Ereignisse zu bieten, auf die sie nicht gerade stolz ist, weshalb sie möglichst selten davon spricht. Zu den ersten Synagogen, die im deutschem Herbst 1938 brannten, zählte die in der Unteren Königstraße. SS-Fürst Josias aus dem nahen Barockstädtchen Arolsen ließ grüßen. Als Nazihochburg und »Stadt der Reichskriegertage« beschickte Kassel den Präsidentensessel des Berliner »Volksgerichtshofes« mit Roland Freisler. Er hatte sein Abitur auf dem heimischem Wilhelmsgymnasium gemacht. In den eigenen Mauern hatte Kassel die »Sonderrichter« Fritz Hassencamp und Edmund Kessler vorzuweisen, die den 29jährigen ungarischen Diplomingenieur Werner Holländer am 20. April 1943 wegen »Rassenschande« zum Tode verurteilten. Sie selber wurden sieben Jahre darauf mit jener bekannten Begründung freigesprochen, die nur von DDR-Bürgern nicht bemüht werden darf: da sie sich an damals geltende Gesetze gehalten hätten, stelle ihr grausamer Urteilsspruch wegen einiger Stelldicheins mit deutschen Mädels keine vorsätzliche Rechtsbeugung dar. Holländer war bei Henschel beschäftigt gewesen. Ob die lohnende Waffenschmiede gegen den Justizmord protestierte, ist nicht bekannt. Dagegen wissen wir, daß sich Kassel ihr und den Flugzeugwerken Fieseler zuliebe im Oktober 1943 von den Briten in Schutt und Asche bomben ließ. Zu Gerhard Fieseler siehe A-17.

Jetzt kommt das Aufbauende, das jeden Kasseläner stolz Machende. 1.) Die Sprach- und Märchenspezialisten Gebrüder Grimm, Zeitgenossen von Lyncker. 2.) Der noch ältere Herkules, eingeweiht von Landgraf Karl 1717. Es handelt sich um eine wuchtig aufgebockte riesige Bronze, die einen nackten Mann darstellt, der sich auf anderthalb Keulen stützt. Da das Bauwerk den Bergpark von Schloß Wilhelmshöhe krönt, beherrscht Herkules locker das gesamte Kasseler Becken. 3.) Die Treppenstraße (1953). Sie gilt als erste geplante und ausgeführte deutsche sogenannte Fußgängerzone. Neuerdings wird befürchtet, sie könnte, aufgrund der sattsam bekannten Regierungsnotstandserlasse, die der Ausrottung eines Virus' oder des Mittelstandes dienen, veröden. Wenn ja, wird sich 4.) Hans Eichel im Grabe umdrehen. Schließlich kämpfte er, Jahrgang 1941, dereinst, als Chef der Kasseler »Jungsozialisten«, mit dem Megaphon in der Hand gegen die damals recht umstrittenen »Notstandsgesetze«. Dann wurde er Oberbürgermeister (bis 1991), noch später Gerhard Schröders Finanzminister und damit zu einem der verschlagensten »Sozialreformer« der deutschen Nachkriegsgeschichte. Schließlich 5.) die berühmteste Messe der künstlerisch ambitionierten Windbeutel und SchaumschlägerInnen dieses Planeten, die Documenta, nach der die Stadt inzwischen auch heißt.

Ist die Moderne Kunst so wichtig, sollten wir vielleicht noch ein wenig bei ihr verweilen. 2013 nahm das FBI ein US-Kunsthändlerduo wegen des Verdachts zahlreicher Fälschungen fest, die zunächst von »Experten« überwiegend nicht erkannt, vielmehr als Jackson Pollock, Mark Rothko, Robert Motherwell und dergleichen ausgegeben worden waren, wie die FAZ berichtete.** Offenbar lagen die »HinterwäldlerInnen«, die um 1970 angesichts solcher modernen Werke naserümpfend knurrten Das kann mein Fünfjähriger auch, gar nicht so schief. Sie hatten jedoch den Dreh mit den Inszenatoren noch nicht durchschaut. Gerade bei der Moderner Kunst kommt es ja zu ungefähr 95 Prozent keineswegs auf diese selber, vielmehr auf ihre Inszenierung an. Für die wichtigsten Agenten des Kunsthandels, die sogenannten KunstkritikerInnen, bedeutet das, ein fragliches Kunstwerk nicht etwa zu beschreiben und vielleicht von seiner Eigenart her zu verstehen, vielmehr uns mitzuteilen, welche Meinung man von ihm haben muß, zu welchem Behufe es natürlich auch viel allgemeines Wissen und viel Phrasensondermüll in die Setzkästen zu gießen gilt. Anders ausgedrückt, es bedeutet »mit Engelszungen Inserate reden«, wie der Maler und Essayist Hans Platschek schon 1966 schrieb. Das läßt sich in seinem Buch Über die Dummheit in der Malerei von 1984 nachlesen.

Im selben Jahr erschienen zufällig Walter Kolbenhoffs Erinnerungen Schellingstraße 48, die eine hübsche Anekdote von der Dummheit in der Modernen Lyrik zu bieten haben. Damals Redakteur des Rufs, fanden nach dem Kriege in Kolbenhoffs Münchener Wohnung öfter »informelle« Dichterlesungen statt. In diesem Rahmen erlaubte sich Stammgast Günter Eich eines Tages einen hübschen Scherz, ohne sich wahrscheinlich über dessen Rückschlagskraft im klaren zu sein. Um Vortrag gebeten, griff sich Eich im Nachbarzimmer ein schmales Bändchen heraus, kam zurück, schlug es auf und begann mit dem Vorlesen. Sofort andächtige Stille. Als Eich den ersten Text beendet hatte, war es noch einmal eine Minute still, ehe eine Frau seufzte: »Es war wunderbar, es war ergreifend ..!« Doch Eich winkte ab und erwiderte zwinkernd: »Ach, das könnt ihr auch. Ihr könnt ja lesen. Ich habe mir erlaubt, euch das Inhaltsverzeichnis dieses Gedichtbänd-chens vorzulesen. Von mir ist es übrigens nicht.«

Der russische Clown Karandasch, gestorben 1983, brachte das Phänomen der Inszenierung oder Zelebration von letztlich austauschbaren Windbeuteln in seiner Nummer mit dem Teller auf den Punkt. Er benötigt zunächst Minuten, bis er einen Stuhl zufriedenstellend im Sand der Manege aufgebaut hat. Beispielsweise muß ein Bein mit einer sorgfältig gefalteten Zeitungsseite unterfüttert werden. Dann noch einmal Minuten, um einen Teller und einen Hammer auf dem Stuhl zu drapieren, wobei beide als echt und einwandfrei in der Gegend herumzuzeigen sind. Weiter hat sich der Clown die Ärmel aufzukrempeln, den Hut zurechtzurücken und dergleichen mehr. Schließlich nimmt Karandasch die beiden Kultgegenstände entschlossen vom Stuhl, legte eine Kunstpause ein – und zerschlägt den Teller. Dann präsentiert er die Scherben, lüftet seinen Hut, verbeugt sich würdig und geht ab.

* »Karl Lyncker / Der Verfasser der ersten Wolfhager Chronik«, in Geschichte erleben, ein Buch des Heimat- und Geschichtsvereins 1956 Wolfhagen, ebendort 2006, S. 165/66
** Niklas Maak, »Beltracchi auf Amerikanisch«, 21. August 2013: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstfaelscher-skandal-in-new-york-beltracchi-auf-amerikanisch-12538461.html




Macha, Detlef 35 (1958–94), erfolgreicher DDR-Radrennfahrer aus Greiz, Thüringen, vorwiegend beim SC Turbine Erfurt aktiv, mehrere Weltmeistertitel, nimmt sich offenbar mit 35 Jahren das Leben. Laut damaliger Meldung der OTZ* hinterließ Macha einen achtjährigen Sohn. Dessen Mutter wird nirgends erwähnt. Nach einer Zeit als Trainer in Erfurt sei Macha 1990 nach Wunsiedel gezogen, um dort einen Fahrradrahmen zu entwickeln, der einmal seinen Namen tragen sollte. Das geriet anscheinend weniger erfolgreich. Er sei dann Vertreter für Fahrräder gewesen, bevor er beim Bundesgrenzschutz eintrat. Das war vermutlich seine letzte Arbeitsstelle. Verschiedene Nachschlagewerke geben als Sterbeort Coburg an. Das dortige Stadtarchiv weiß von nichts. Ein Trainer aus Gera, so die OTZ, hatte bei einer jüngeren Begegnung den Eindruck, Macha sei niedergeschlagen und verschlossen gewesen. Der frühere Konkurrent des Gewährsmanns habe sich aber Fragen nach Familiärem und Privatem verbeten. Die Meldung verwendet die Formel, Macha sei »aus dem Leben geschieden«, während in einem anderen Artikel der Lokalpresse von seinem »Ableben« gesprochen, aber auch nichts Näheres mitgeteilt wird. Somit können wir uns aussuchen, ob sich der ehemalige Spitzensportler vielleicht von Verschuldung, Doping-Enthüllungen, Krankheit, Einsamkeit oder sonstwas bedroht sah. Ähnlich offen bleibt, ob der Sohn Pech oder Glück hatte, diesen Vater zu verlieren.

* B. S., »Detlef Macha ist tot«, Ostthüringer Zeitung (Gera),
8. September 1994




Mácha, Karel Hynek 25 (1810–36), tschechischer Lyriker, zu Lebzeiten noch unberühmt. In die Schulbücher kam er erst nach 1918. Der Kanon hält den Sohn eines Prager Graupenladeninhabers inzwischen für den bedeutensten »Dichter«, den die tschechische Romantik hervorgebracht hat. Sein Freund und Verehrer Karel Sabina, ein wenig bekannter Schlawiner, obwohl er Smetana das Libretto zur Verkauften Braut lieferte, wußte es bereits neun Jahre nach Máchas Tod, wie Sabinas Studie Úvod povahopisný von 1845 beweist. Der Wanderer Mácha liebte Burgen und Ruinen, die er häufig zeichnete, ansonsten machte er Verse, obwohl er offiziell Jura studierte. 1836 war er als Praktikant in einer Rechtsanwaltskanzlei in Leitmeritz (Litoměřice) beschäftigt. Seinen Tod soll er sich, mit knapp 26, am 23. Oktober des Jahres im uneigennützigem, wenn nicht gar »patriotischem« Kampf gegen einen Großbrand zugezogen haben: weil er sich bei den Löscharbeiten stark erkältet hatte – Lungenentzündung. Andere Quellen behaupten, er habe wegen der Hitze auf den Dächern öfter an den Eimern mit Löschwasser genippt und sich dadurch die Cholera geholt. Am 6. November war er tot. Freilich war schon im April sein später zu seinem Hauptwerk erklärtes Versepos Máy (Der Mai) erschienen – mit geringer Resonanz. Zudem starb er nur wenige Tage vor seiner Hochzeit mit Eleonora Šomková, die ein uneheliches Kind von ihm geboren hatte. Ob er in der Ehe glücklicher als im Sarg geworden wäre, wird natürlich hier und dort bezweifelt.



Machado, Filipe 32 (1984–2016), brasilianischer Berufsfußballer. Der 1,87 große Abwehrspieler flog am 18. November 2016 mit seinem Club Chapecoense nach Kolumbien zum Finale eines Südamerikapokals. Es ging also um höhere Ehren, vielleicht auch Gagen. Kurz vorm Zielort Medellin stürzte die Chartermaschine wegen Treibstoffmangels ab. Mit Machado kamen 18 Kameraden und 26 Funktionäre des Clubs um. Das Finale wurde abgesagt. Im ganzen starben von 77 Insassen 71, darunter die Piloten. Zwei Wochen darauf soll der zuständige Verband Chapecoense zum Gewinner des ausgefallenen Finales, somit zum Pokalsieger des betreffenden Jahres erklärt haben. Das ist doch eine nette Geste.

Bereits 1993, Ende April, hatte sich der 27 Jahre alte sambische Fußballer Derby Makinka im Verein mit Nationalmannschafts-Kameraden und Funktionären auf dem Weg zu einem Qualifikationsspiel in Dakar, Senegal, befunden. Die betreffende Militärmaschine mit 3o Personen an Bord stürzte aber schon kurz nach dem Auftanken in Libreville, der Hauptstadt Gabuns, aufgrund eines Triebwerkbrandes in den Atlantischen Ozean. Das Ergebnis: 30 Tote.



Machbuba um 16 († 1840), Gefangene Fürst Pücklers. Falls Sie ihn nicht kennen: Hermann von Pückler-Muskau, geboren 1785, erregte nicht zuerst als Eisverkäufer Aufsehen, vielmehr pflegte er um 1820 mit einem Hirschgespann durch Berlin zu traben, sodaß er rasch als »Graf Hirsch« zum Stadtgespräch wurde. Allerdings war der berüchtigte Schürzen- und Ordensjäger, der sich gern als schlichten Landschaftsgärtner, Scribenten und Aufklärer ausgab, zu diesem Zeitpunkt sowieso schon Graf. Später erhob ihn der preußische König sogar zum Fürsten, während ihn das preußische Militär zum Generalleutnant machte. Heinz Ohff versichert (2002), Pückler-Muskau sei noch »als 80jähriger ein durchaus beglückender Liebhaber« gewesen. Er wurde 85. Die diversen Geliebten, vielleicht auch nur Angebeteten Pücklers, der inzwischen, nach seinem Wirken in Bad Muskau (bei Weißwasser), einen weiteren, noch größeren und ausgefuchsteren Park um Schloß Branitz bei Cottbus angelegt hatte, waren in diesen Jahren ausschließlich um 20.

So alt war Machbuba, die bereits seit knapp drei Jahrzehnten unter der oberlausitzer Erde lag, nicht geworden. Der reiselustige Fürst hatte sie 1837 bei seiner legendären Nil-Reise (die ihn durch Ägypten und den Sudan führte) auf einem Sklavenmarkt erworben, weil sie ihn auf Anhieb in den Bann geschlagen hatte. Die blutjunge dunkelhäutige Abbessinierin soll damals allenfalls 14 gewesen sein. Pückler, um 50, erklärte sie zu seiner Dienerin und Gespielin und verpflanzte sie offenbar bedenkenlos vom Nil an die Neiße. Das nahm allerdings mehrere Jahre in Anspruch, da er noch wichtige Besuche in Beirut, Konstantinopel, Athen und anderswo zu machen hatte. Kaum waren sie im September 1840 in Muskau eingetroffen, starb das exotische, vielleicht 16 oder 17 Jahre junge Mitbringsel nach wenigen Wochen. Alle fernschriftlichen zähen Verhandlungen mit seiner »Schnucke«, der getreuen, schon etwas verlebten Gattin Lucie, waren umsonst gewesen. »Warum bin ich nicht jung und nicht aus Abessinien?« soll sie in einem Brief geseufzt haben. Sie waren zu dem Vergleich gekommen, Pückler könne seine kostbare Mandel mitbringen, wenn er von dem Plan Abstand nehme, sich umgehend, seiner hohen Schulden wegen, von Schloß Muskau zu trennen. Das geschah erst fünf Jahre nach Machbubas Tod. Angeblich hatte sich die Afrikanerin schon in den verschneiten Bergen des Libanons und in Wien erkältet, sodaß sie chronisch lungenkrank wurde, man spricht von Tuberkulose. Andere Quellen behaupten, sie sei erst in Muskau jäh eingeschnurrt, gleichsam verdorrt, vielleicht an Heimweh. Während sie auf dem Muskauer Friedhof begraben wurde, ließ Pückler eine Statue zu ihrem Gedenken im Schloßpark zu Branitz aufstellen. Freilich vergaß er auch seine britische Flamme nicht, die Opernsängerin Henriette Sontag, gestorben 1854. Die wenigsten BeobachterInnen leugnen, daß sich Pückler seiner jungen Sklavin gegenüber zumindest teilweise auch fürsorglich zeigte, während stark umstritten ist, ob sie den alten Knacker ihrerseits wirklich liebte.

Für den Branitzer/Cottbuser Getränkehändler Günter Eckert gibt es in dieser Frage keine Zweifel. 2011 sorgte er für einigen Wirbel, weil er plötzlich ein neues Bier auftischte. Machbuba. Sklavin & Fürst / Das Bier einer großen Liebe nannte Eckert seinen Gerstensaft, den er aus einer kleinen sächsischen Brauerei bezieht.* Die nahezu nackte Sklavin, die man auf den Flaschen zwischen den Titeln abgebildet sieht, weist üppige Brüste auf, die die anfaßbare Machbuba garantiert nicht besaß. Ähnlich wird das Bild Pücklers als eines kombinierten Don Juan und Casanova, das sowohl Pücklers Wunschdenken wie die meisten Veröffentlichungen über ihn beherrschte, heute doch schon öfter angezweifelt. Manche ForscherInnen, darunter jüngst der Oberlausitzer Bernd-Ingo Friedrich, neigen sogar zu der Ansicht, der »Graf Hirsch« sei impotent gewesen.**

* Britta Beyer, »Pücklers Muse auf einem Bieretikett«, Schweriner Volkszeitung, 18. August 2011: https://www.svz.de/lokales/puecklers-muse-auf-einem-bieretikett-id4345751.html
** Doris Probst, »Hat er? Oder hat er nicht?«, Machbuba-Blog, 1. Juli 2010: http://machbuba-blog.blogspot.com/2010/07/hat-er-oder-hat-er-nicht-furst-puckler.html




Madigan, Elvira 21 (1867–89), dänische Seiltänzerin und Kunstreiterin. Der »Graf Hirsch« von Madigan war ein schwedischer blaublütiger, allerdings noch unvergreister Dragonerleutnant. Ihr Debüt auf einem Pferderücken hatte Madigan bereits als Fünfjährige gegeben. In der Folge reiste sie von Beifall umrauscht mit dem elterlichem Zirkus durch ganz Skandinavien. Doch 1888, bei einem Gastspiel in Kristianstad, Schonen, geschah es: der 33jährige Leutnant Sixten Sparre verliebte sich in die langhaarig blonde, 20jährige Zirkusartistin. Angeblich erwiderte sie diese Zuneigung auch, obwohl sie damit vor einem Berg von Problemen stand. Sparre war verheiratet und Vater von zwei Kindern. Weiter gab es den »Standesunterschied«, zu dem sich noch der Standpunkt der Eltern gesellte, die weder an Skandal noch an einem Verlust der attraktiven Kunstreiterin interessiert waren. So entspann sich über einen Briefwechsel der Liebenden der Plan zum »Ausstieg«. Wahrscheinlich kam der Leutnant um zwei Monate Urlaub ein, um nicht gleich »Fahnen-flucht« wagen zu müssen. Im Sommer 1889 setzten sich die beiden schließlich von Stockholm aus nach Dänemark ab. Trotz mehrmaligem Ortswechsel konnten sie allerdings ihr Inkognito nicht wahren, da Madigan zu bekannt war und die Flucht schon in allen Zeitungen ausgebreitet wurde.

Möglicherweise hingen diese Ortswechsel überdies mit den unbezahlten Hotelrechnungen zusammen, die dem Paar im Nacken saßen. Laut schwedischer Wikipedia war Sparre bereits bei seiner anfänglichen Werbung um Madigan »tief verschuldet« gewesen, ohne dies seiner Flamme oder deren Eltern auf die Nase zu binden. Nebenbei behauptet der Artikel, jene »Zuneigung« Elviras habe Sparre nicht ohne viel Drängen und Selbstmord-Drohungen errungen. Aber nun saßen sie im selbem gejagtem Boot und sahen sich offenbar auf den letzten »romantischen« Ausweg à la Kleist–Vogel, vielleicht auch Rudolf–Vetsera verwiesen. Vermutlich hatten die beiden von den Letztgenannten erst vor einem halben Jahr in der Zeitung gelesen. Mitte Juli 1889 auf der kleinen dänischen Insel Tåsinge südlich von Fünen bei einer Fischerfamilie in Troense untergekommen, begaben sich Madigan und Sparre eines Vormittags mit einem Picknickkorb und in anscheinend gehobener Stimmung in einen nahen Wald, den Nørreskov. Dort erschoß der Dragonerleutnant erst die Zirkusreiterin (21), dann sich selbst (34). Es folgten unzählige Zeitungsartikel und viele künstlerische Bearbeitungen, darunter bis heute drei Verfilmungen. Das Grab von Elvira Madigan und Sixten Sparre auf dem Friedhof von Landet ist ein Wallfahrtsort.

In Österreich lebte zu jener Zeit ein Taugenichts namens Rudolf. Als er Anfang 1889 im Alter von 30 Jahren im Schloß Mayerling (bei Wien) seine Pistole mit dem einge-legten Perlmutt ertönen ließ, löste er verständlicherweise ebenfalls Lawinen von Nachrichten und Kommentaren, zudem der Sympathie des österreichischen Volkes aus. Immerhin war er der Thronfolger, während es sich bei seiner 17jährigen Geliebten oder Nervensäge Mary Vetsera nur um die Tochter eines Freiherrn handelte. Sie hatte sich auf der Galopprennbahn Freudenau »unsterblich« in den flotten Kronprinzen verliebt, der freilich schon anderweitig engagiert war. Zudem galt er als labil. Lange Rede kurzer Sinn: nach einigen Stelldicheins mit Mary und Tonnen von ihn bedrängenden Briefen ölte Rudolf am Abend des 28. Januar 1889 seine Pistole. Im Ergebnis waren beide Beteiligten tot. Heute meint die Forschung belegen zu können, Schwärmerin Mary habe den Kronprinzen freiwillig ins Nichts begleitet. Rudolf habe, nach bewährtem Muster, erst seine Peinigerin, dann sich selber erschossen. Die Wiener Hofärzte und die Wiener Presse bevorzugten jedoch andere Versionen, voran den »frei-willigen« Selbstmord Marys (Kopfschuß). Kaiserin Zita machte später – nachdem alle greifbaren Spuren und Beweise sowieso schon vernichtet worden waren – »poli-tische Meuchelmörder« für den Doppeltod verantwortlich. Ob Mary überhaupt eine Pistole halten konnte, entzieht sich meiner Kenntnis. Solche Fälle werden in Zukunft durchsichtiger sein, nachdem die mitteleuropäischen Demokratien damit begonnen haben, Polizistinnen und Soldatinnen zu züchten.



Mahmud, Sabeen 39 (1975–2015), pakistanische Oppositionelle, Gründerin und Leiterin der Begegnungs- und Kulturstätte The Second Floor in Karatschi, auch IT-Fachfrau. Ich gebe zu, bestimmte Schlagworte sind bereits geeignet, mir den Magen umzudrehen, bevor ich überhaupt nur eine vollständige Zeile der betreffenden Verlautbarung gelesen habe. Mahmud wird in jeder zweiten Quelle als Menschenrechtlerin geführt, ansonsten als Aktivistin. Hauptsache, aktiv … Ende April 2015 nach einem Seminar in ihrem Zentrum mit ihrer Mutter auf dem Nachhauseweg, wurde Mahmud von zwei Auftrags-killern beim Halt an einer Ampel erschossen. Die Mutter wurde verletzt. Selbst der Chef des pakistanischen Ge-heimdienstes gab sich entsetzt. Der angebliche Drahtzieher des Anschlages wurde bald darauf gefaßt und eingesperrt. Man spricht von einem bekanntem religiösem Fanatiker.

Das erwähnte Seminar war bereits bedroht worden; es behandelte die Verfolgung von Oppositionellen in der Provinz Belutschistan. So jedenfalls die Petra-Kelly-Stiftung, Unterabteilung der bekannten Heinrich-Böll-Stiftung, 2019 in einer Ankündigung einer Filmveran-staltung. Für mich ist diese deutsche »grüne« Adresse nicht gerade eine Empfehlung. Einer offensichtlich Microsoft-freundlich gestimmten Webseite* entnehme ich, Mahmud habe in Karatschi schon »Kultstatus« genossen, was den »konservativen Kräften« des Landes überhaupt nicht gefallen habe. Passend dazu verrät die Filmemacherin Schokofeh Kamiz in einem Gespräch, Mahmud sei immer gerne Auto gefahren. Ja, in der Küstenstadt Karatschi kann es sicherlich gar nicht genug Autos geben. Schließlich ist sie von mindestens 15 Millionen Zweibeinern bevölkert, die sich nur ins Gehege kämen, wenn sie alle zu Fuß gingen. Aber Scherz beiseite: Was wollte man in oder an dieser wahren Hölle aus Lärm, Gift, Bestechung, Modernität und Gewalttaten aller Art noch retten oder gar verbessern? Man kann sie nur fluchtartig verlassen. Aber das Gegenteil ist der Fall: die Leute strömen hinein und bleiben – wie man unter anderen an Mahmud sieht, die ja ebenfalls die Stellung hielt. Von der Auflösung oder auch nur Verkleinerung solcher Moloche zu träumen, wäre ohne Zweifel illusionär. China plant und schafft emsig weitere Riesenstädte – und gegen diesen Trendsetter kommt niemand an.

Ich greife noch einmal die »konservativen Kräfte« auf. Für die meisten Linken, selbst Anarchisten, stellt »konserva-tiv« das Gegenteil von »fortschrittlich« oder »progressiv« und daher zugleich ein Synonym für schlecht dar. Für sie sind die konservativen Kräfte ein ärgerlicher Hemmschuh; sie blockieren mehr Technik, mehr Geld, mehr Staat, mehr Urlaub, mehr Zerstreuung, mehr Bequemlichkeit, mehr Verblödung … In Wahrheit verdanken wir dem »Fortschritt« der Progressiven / ModernisiererInnen / GlobalisiererInnen schon fast die Zerstörung unsrer gesamten Lebensgrundlagen. Wogegen uns manche Konservative neue Autobahnen ersparen, weil ihnen die Rettung eines Auwaldes wichtiger erscheint. Das konservative Prinzip bewahrt und erhält; der Fortschritt zertritt. Große Sprünge nach vorne machte er während der Kolonialisierung durch die Zersetzung verschiedener ritueller Ordnungen, die »primitive« Gesellschaften zusammenhielten, und dann im Gefolge der Aufklärung mit Hilfe der Drachentöter Darwin und Nietzsche, die auch unseren zivilisierten Eingott erlegten. Den religiösen Rest – Glaube ans kommunistische Nirwana – erledigte die westliche Wühlarbeit am sogenannten Eisernen Vorhang. Seitdem haben wir der Leere zu wehren. Soweit zum »Überbau«.

An der gesellschaftlichen »Basis« stellte die um 1750 einsetzende Industrialisierung ein Meisterstück dar, das auf den Trümmern von kleinen Handwerksbetrieben und Bauernhöfen Zuchtanstalten mit Fabriksirenen, Stech-uhren und Videokameras schuf. Fabriken zerstückeln. Konnte es einst zur Menschwerdung kommen, dann nicht unerheblich durch die Schaffung von Behältern wie Tonkrüge, Kanus, Begriffe, Vollversammlungen, Dörfer. Behälter behalten oder enthalten etwas – mitunter eine ganze Zwergrepublik. Das Geschäft der sich herausbil-denden Klassengesellschaften dagegen war die Spaltung. »Teile und herrsche« – damit war nicht das Teilen der Nahrung gemeint. Vielmehr wurde beispielsweise der Stamm der Germanen in derzeit ungefähr 50 Millionen AutofahrerInnen zersplittert.

Die Ambivalenz der Entwicklung sei eingeräumt. So kamen in unseren Breiten um 1980 sehr sinnreiche Gehwagen oder Rollatoren auf, die man eigentlich schon im Mittelalter hätte erfinden können, denn sie stellen ja nicht mehr als Krücken auf Rädern dar. Auch Moskitonetze, Zimmeröfen oder Verhütungsmittel sind nützliche Erfindungen, zu denen man im Neandertal kaum das Zeug gehabt hätte.** Beim Internet dagegen, das auch von Mahmud verehrt wurde, melden sich schon wieder Zweifel. Vielleicht haben wir in ihm die Rache des abgesetzten Eingotts zu sehen, der es auswarf, um die erwähnte Leere mit Belanglosigkeiten, Bruchstücken, Lügen und »Honig-töpfen« zu stopfen, womit von Agenten gestellte Fallen gemeint sind. Es züchtet Beliebigkeit, Austauschbarkeit, Dummheit, Unterwürfigkeit. Wer nicht unablässig Befehlen folgt, hinkt rasch hinterher – bis er hinausfliegt.

Im Sinne der Austauschbarkeit ist selbstverständlich auch der alte politische Gegensatz von »links« und »rechts« hinfällig geworden. Als größtes Übel der jüngeren Jahrzehnte darf man getrost die rot, grün oder orange angestrichenen ModernisiererInnen bezeichnen. Sie setzten dem humpelnden Kapitalismus Edelstahlgelenke ein. Merkel erntet nur, was Schröder säte. Er säte geradezu obszöne Konzern- und Medienmacht und den Überwachungsstaat.

Der wesentliche Unterschied ist vielmehr der von unten und oben. Das libertäre steht dem autoritären Prinzip gegenüber. Die Faustregel könnte gar nicht einfacher sein: was Herrschaft und Fremdbestimmung untergräbt oder von vornherein verhindert, ist gut; der Rest schlecht. Sie beansprucht durchaus universelle Geltung. Nur ihre Prüfung in der Anwendung auf Einzelfälle erweist sich leider oft als verdammt schwierig.

* Christian Kahle, »Kult-Aktivistin und Tetris-Fan: Sabeen Mahmud wurde erschossen«, WinFuture, 27. April 2015: https://winfuture.de/news,86841.html
** Von der Antike an waren Verhütungsmittel durchaus bekannt. Nach Heinsohn/Steiger (Die Vernichtung der weisen Frauen, 1985) diente ihre bewußte Bekämpfung im Mittelalter (Hexenverfolgung) der Auffüllung der durch Seuchen ausgedünnten arbeitenden Bevölkerung – und bescherte uns später die so genannte Bevölkerungsexplosion.




Mainländer, Philipp 34 (1841–76), angeblicher Philo-soph aus Offenbach am Main. Der Autor Stefan Großmann erwähnt ihn in seinen lesenswerten Erinnerungen als starken Eindruck seiner um 1890 in Wien verbrachten Jugend. Mainländer habe sich »einen Schüler Schopen-hauers genannt, weil er sich vom Pessimismus des großen Frankfurters ergriffen fühlte. Aber es lag ein Werther-Element in Mainländers wehleidiger Philosophie der Erlösung.« Wahrscheinlich läßt sich der junge, nicht gerade bescheidene Nihelist auch gut als Vorläufer von Otto Weininger auffassen, den wir noch kennenlernen werden. Weltall und »Nichts« muß er wie seine Westentasche gekannt haben, sei doch der Aufenthalt in ihnen unbedingt dem »Sein« vorzuziehen, das nichts als Leiden bedeute. Der Weg zu ihnen ist allerdings entsagungsvoll; »im Taumel der Wollust wird die Erlösung verscherzt«.

Mainländer stammte aus einer Fabrikantenfamilie, in der ein düsteres Klima geherrscht haben soll, Selbstmordfälle eingeschlossen. Für die Literatur erwärmte er sich als Handelsschüler in Dresden, wo ihm der erheblich ältere Dramatiker Karl Gutzkow begegnete. Mit 17 hatte er eine unglückliche Liebe. Nach seiner Kaufmännischen Lehre pochte er auf Militärdienst, obwohl sein Vater bereit war, ihn freizukaufen. Der Sprößling war Patriot und schätzte Kasernendrill.* Im Herbst 1875 kam er allerdings wegen starken Ermüdungserscheinungen um seinen vorzeitigen Abschied ein und kehrte von den Halberstädter Kürassieren nach Offenbach zurück. Zu diesem Zeitpunkt kündigte sich bereits sein Zusammenbruch an. Er begegnet dieser Drohung zunächst mit einem wahrem Schaffensrausch, in dem er sein dickleibiges »Hauptwerk«, eben Die Philosophie der Erlösung vollendet, außerdem Memoiren und die Novelle Rupertine del Fino verfaßt. In den Memoiren des »Untergangsmessias« ist laut Hoell zu lesen: »Wir sind keine Alltagsmenschen und müssen teuer bezahlen, daß wir an der Tafel der Götter speisen.« Nach Walther Rauschenberger** verfiel Mainländer damals endgültig dem Größenwahn und fühlte sich, seiner Herkunft zum Trotz, als Messias der Sozialdemokratie. Als sich der 34jährige am 1. April 1876 erhängte, war es insofern nicht ganz humorlos, als ihm ein Stapel seiner erst am Vortage eingetroffenen druckfrischen Beleg-exemplare seines Hauptwerkes, wie man feststellte, als Podest gedient hatte. Der Stapel war dann umgefallen. Der Erhängte findet sich unter anderem in Ludger Lütkehaus' 1999 veröffentlichten Studie Nichts aufgehoben, die seinerzeit einigen Staub aufwirbelte. Mainländer hat, wie alle großsprecherischen Märtyrer, eine kleine verschwo-rene Fan-Gemeinde. Über seine sprachlichen Fertigkeiten konnte ich allerdings wenig in Erfahrung bringen. Diese das Wie betreffende Mangelkrankheit beherrscht bis zur Stunde 90 von 100 Betrachtungen über Literaten: sie widmen sich nur dem Was.

* Joachim Hoell, »Der Philosoph als Dichter«, aus die horen, Nr. 191, 1998: http://www.joachimhoell.de/mainlaenderhoren.htm
** »Aus der letzten Lebenszeit Philipp Mainländers«, Süddeutsche Monatshefte, Nr. 9, 1911/12, S. 117–31




Majerus, Michel 35 (1967–2002), erfolgreicher luxem-burgisch-Berliner Kunst-Maler und -Installateur. Anfang November 2002 von Berlin in die Heimat unterwegs, stürzt das Linienflugzeug des 35jährigen, den Vogue auch neun Jahre später noch »farbstark« nennt*, im Nebel beim Landeanflug auf Luxemburg-Stadt über freiem Feld ab und zerschellt: 20 Tote, zwei Überlebende. In der Propeller-maschine Marke Fokker 50 sollen vorwiegend deutsche Geschäftsleute gesessen haben. Was Majerus angeht, war er 1998 auf der Luxemburger Manifesta 2 in die höheren Einkommensschichten »durchgebrochen«. Während ihn Die Zeit, ebenfalls 2011, als »genialen« Schöpfer eines »gemalten Kunstgoogle« ausgibt, also einer Art von aufgewärmtem Pichelsteiner Poptopf, erfaselte sich das Konkurrenzblatt FAZ in seinem Nachruf** als Majerus' »große Leistung« die Ermöglichung der Erfahrung, »den virtuellen, vollkommen emotionslosen Raum mit der Wahrnehmung des realen Betrachters zu konfrontieren« – ein ganz heißer Anwärter auf die Top-10 der gedruckten KritikerInnen-Dummheiten des neuen Jahrhunderts. 2000 bemalte oder verzierte der Konfronteur in Köln eine »Halfpipe«, wie sie von Skatern benutzt wird. Dieses beiderseits von der Erde weggebogene, 455 Quadratmeter große Werk nannte er if we are dead, so it is. Das wurde zwei Jahre später von jener Fokker unterstrichen. Der Untersuchungsbericht gibt die Hauptschuld dem Chefpiloten. Ausgerechnet dieser hat überlebt und bekommt nach Jahren, wegen Fahrlässiger Tötung, eine geringe Haftstrafe aufgebrummt. Seine von vielen Seiten ebenfalls kritisierten Vorgesetzten von der Luxair kommen straflos davon.***

* Nr. 29, November 2011: http://www.vogue.de/people-kultur/kultur-blog/farbstark-die-gemaelde-von-michel-majerus-in-stuttgart
** Katja Blomberg, »Der Künstler Michel Majerus unter den Opfern«, 7. November 2002: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/flugzeugunglueck-der-kuenstler-michel-majerus-unter-den-opfern-180509.html
*** Bernd Wientjes, »18 Sekunden bis zur Katastrophe«, volks-freund.de (Trier), 5. November 2012: http://www.volksfreund.de/nachrichten/region/rheinlandpfalz/rheinlandpfalz/Heute-im-Trierischen-Volksfreund-18-Sekunden-bis-zur-Katastrophe-Der-Luxair-Absturz-heute-vor-zehn-Jahren;art806,3334551




Malbran, Lisca 20 (1925–1946), Berliner Filmsternchen am Himmel des »Dritten Reiches«. Die Schauspieler-Tochter wirkte während des Zweiten Weltkrieges an vier Kinofilmen mit, von Altes Herz wird wieder jung bis Heidesommer. Das letzte Werk konnte allerdings nicht mehr fertiggestellt werden; die bösen Russen kamen. Die deutsche Wikipedia behauptet, Malbran habe sich Ende 1945 mit Hilfe dänischer Papiere, als »Marlis Carmen Christensen«, aus einem sowjetischem Internierungslager just nach Dänemark absetzen können. Möglicherweise verdankte sie das einer hurtigen Heirat mit jenem »Christensen«, der sie auch noch geschwängert haben soll. Das sei einem Buch des Dänen Peter Tudvad (2009) zu entnehmen. Aber schon am 6. Juni 1946 sei die 20jährige, in Kopenhagen, gestorben. Das wird weder erläutert noch belegt.

Nach einer Forums-Seite* von 2018/21 sind die Angaben zu Malbrans Ende umstritten und mit Vorsicht zu genießen. Vor allem befremdet natürlich der Verweis auf einen völlig umstandslosen Tod. Immerhin war das Sternchen ja nicht irgendwer. Für manchen deutschen Soldaten soll es geradezu ein Idol gewesen sein, das ihm vor Stalingrad Durchhaltekraft verschaffte. Andererseits könnte einer nörgeln, ein kritischer Lexikograf hätte ja wohl Wichtigeres zu tun, als einer mutmaßlichen kleinen und unreifen Mitläuferin hinterher zu forschen. Darüber hätte ich mich gern mit Autor Tudvad beraten, doch der Briefkontakt mißlang.

* Grit Haid, »Lisca Malbran«, TV-Kult.com: https://www.tv-kult.com/forum/index.php?thread/10885-lisca-malbran/



Manfredi, Andrea 26 (1992–2018), bis 2015 Radrenn-fahrer, dann Fabrikant von Fahrradcomputern. Am 29. Oktober 2018 hatte der 26jährige Italiener das Pech, im Verein mit 188 weiteren Personen in einer nahezu nagelneuen Boeing 737 MAX 8 zu sitzen, die sich in Indonesien auf einem Inlandsflug befand. Wegen einer bis heute reichlich undurchsichtigen »Verkettung technischer Probleme« stürzte sie schon bald nach dem Start vor Java in den Indischen Ozean. Es gab keine Überlebenden. Einige Wrackteile wurden gefunden.

Einen ähnlichen Absturz des gleichen Boeing-Typs, nur diesmal über Wüstengrund, gab es bald darauf, am 10. März 2019, bei Addis Abeba in Äthiopien: alle 157 Insassen kamen um.

Beide Vorfälle gingen immerhin nicht spurlos an uns vorüber. Deshalb erinnern sie mich unabweisbar an den Flug MH370 der Malaysia Airlines, bei dem am 8. März 2014 auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking bald nach dem Start (am frühen Morgen) eine Boeing 777 verschwand. Seitdem gilt die Riesenmaschine als verschollen. An Bord befanden sich 239 Personen, darunter 152 BürgerInnen der VR China und 50 aus Malaysia. Bis heute hat angeblich niemand einen blassen Schimmer davon, wo sie geblieben sein könnten, und ihre Angehörigen dürften entsprechend guter Laune sein. Zwar fand damals über Monate hinweg in einem ausgedehntem Bezirk des Indischen Ozeans eine aufwendige Suche statt. Sie erbrachte jedoch keine nennenswerten Hinweise, die zur Enträtselung dieses laut jüngerem stern-Bericht (8. März 2020) »größten Rätsels der modernen Luftfahrt« geeignet gewesen wären – nur eine Stange Geld für diverse Tauch- und Bergungsfirmen, die schließlich auch leben wollen. Die Echtheit einiger angeblich angespülter Wrackteile wird meist bezweifelt. Der stern betont, der Pilot habe 33 Jahre Berufserfahrung gehabt und nie »Auffälligkeiten« gezeigt. Ex-Regierungschef Najib Razak habe es erneut für eher unwahrscheinlich gehalten, der Pilot sei für das Verschwinden verantwortlich. Die »Verschwörungstheorien« blühten.

Nun läßt sich ein derart großes Linienflugzeug kaum wie ein gestohlener BMW der Hubraumlinie 7 unbemerkt in einem abgelegenem Bambushain in eine als Jagdhütte getarnte Garage fahren. Stürzt es jedoch – nach gängiger Annahme irgendwo im südlichen Indischen Ozean – ins Meer, wirbelt es normalerweise noch immer diverse Wellen auf, darunter solche etlicher Radarstationen. Die aber, voran der USA, lieferten keinerlei Belege, soweit ich weiß. Man bedenke dabei, die Yankees haben auf diesem Planeten mindestens 1.000 Militärstützpunkte, also im Grunde überall. Die Vermutung auf faule Schliche liegt deshalb nahe. Tatsächlich bestätigte Razak damals, als malaysischer Ministerpräsident, zum Zeitpunkt ihres Verschwindens seien in der Maschine die Kommunika-tionsgeräte abgeschaltet gewesen. Dies können in der Regel nur gelernte Piloten – unter Umständen auch unter Zwang. Kritische Hintergrundartikel über den Fall sind bislang rar. Immerhin legte der mexikanische Politologe und Hochschullehrer Alfredo Jalife-Rahme bereits am 30. April des Unglücksjahres auf Voltairenet.org interessante Informationen und Erwägungen vor.* Schon vier Tage nach dem Verschwinden der Boeing habe Russia Today an ein erst kürzlich in den USA erteiltes Halbleiter-Patent erinnert, das große Bedeutung für die allermodernste und selbstverständlich sehr einträgliche Rüstungsproduktion besitze. Es geht dabei um eine tarnende oder enttarnende elektronische Kriegsführung, je nach Bedürfnis. Zugleich habe das russische Portal darauf hingewiesen, zufällig hätten in der verschwundenen Maschine 20 für das Pentagon tätige Mitarbeiter der texanischen Firma Freescale Semiconductor gesessen, allesamt Elektroniker-Innen. 12 von ihnen stammten aus Malaysia, acht aus der VR China. Diesen Umstand hatte Reuters bereits einen Tag nach dem Verschwinden gemeldet.** Von diesen acht wiederum seien vier Personen LizennehmerInnen jenes Patentes gewesen. Damit stellten sie 80 Prozent der RechteinhaberInnen. Die restlichen 20 Prozent hielt die Firma Freescale Semiconductor, als juristische Person, selber. Nun habe es die Bestimmung im Lizenzvertrag gegeben, im Fall eines Ablebens eines Teilnehmers gingen die Rechte (und Einnahmen) zu gleichen Teilen an die überlebenden TeilnehmerInnen. Da die Passagiere der Boeing bekanntlich als verschollen und vermutlich bald für tot gälten, könne man sich an fünf Fingern ausrechnen, wer ein beträchtlicher Nutznießer ihres Verschwindens sei: Freescale Semiconductor. Diese Firma gehöre, so der 66jährige Professor aus Mexiko, der »umstrittenen und unsichtbaren Firma Blackstone«, deren Besitzer wiederum der britisch-israelische Bankier und »Baron« Jacob Rothschild sei, geboren 1936.

In dieselbe Kerbe schlug kurz darauf Mahathir Mohamad (88), wie der schweizer Blick am 20. Mai meldete. Der ehemalige Premierminister Malaysias habe den starken Verdacht, der Hersteller Boeing und die CIA verheim-lichten die tatsächlichen Vorgänge. Das verschwundene Flugzeug habe, mit anderen Maschinen dieser Baureihe, über die technische Möglichkeit verfügt, es entgegen dem Willen der Crew ferngesteuert zu fliegen. Mohamad verwies auf ein entsprechendes Patent der Firma Boeing aus dem November 2006. Diese Einrichtungen würden jedoch mit Schweigen bedeckt, was ihn stutzig gemacht habe. Liegt Mohamad richtig, wäre selbstverständlich auch die oben erwähnte Lahmlegung der Kommunikations-anlage der verschwundenen Maschine nicht mehr verblüffend.

Um das Maß voll zu machen: nur wenige Wochen nach dem »Indischen Verschwinden«, nämlich am 17. Juli 2014, ging eine Boeing 777 des Fluges MH17, diesmal gar mit 298 Personen besetzt, darunter 80 Kinder, in der Ost-ukraine nieder. Alle Insassen kamen um. Die Aufklärung dieser Katastrophe wird bis zur Stunde ganz offensichtlich verschleppt und behindert. Da aber mit dem russischem Bär (Abschuß!) ein genehmer Sündenbock vorhanden ist, genießt dieser Vorfall ungleich mehr Beachtung als das Indische Verschwinden. So oder so, haben wir hier, zusammengezählt, rund 500 Tote/Verschollene auf einem Haufen. Für die sogenannte Weltgeschichte ist das nicht mehr als ein Maulwurfshügel.

* »Blackstone und Jacob Rothschild, Nutznießer des Verschwindens des Malaysia Airlines Fluges?«, 30. April 2014: https://www.voltairenet.org/article183543.html
** Noel Randewich, »Loss of employees on Malaysia flight a blow, U.S. chipmaker says«, 9. März 2014: https://www.reuters.com/article/us-malaysia-airlines-freescale-idUSBREA280T020140309




Mangold, Hilde 25 (1898–1924), Biologin, »Brand-unfall« bei Schwiegereltern. Die gebildete Bürgerstochter aus Gotha, Thüringen, landete 1920 in der Freiburger Forschungsgruppe des Embryologen Hans Spemann. Dort soll sie wesentliche Versuche durchgeführt haben, die ihr selber »nur« zum Dotortitel, ihrem Chef jedoch zum Nobelpreis verhalfen. Das war 1935 – und da lag die übergangene Mangold schon seit gut 10 Jahren unter der Erde. Sie war in ihrem Todesjahr, 1924, mit ihrem Berufskollegen und Gatten Otto, der einen neuen, aussichtsreichen Posten ergattert hatte, und einem eben geborenen Söhnchen nach Berlin gezogen. Dort soll sich Anfang September ein Brandunfall ereignet haben, bei dem die 25jährige ums Leben kam. Ein belgischer Mediziner* teilt dazu mit: »Während eines Besuchs bei ihren Schwiegereltern versuchte Hilde, einen Benzinkocher anzuzünden, um das Essen ihres Sohnes zu erwärmen. Beim Nachfüllen des Kochers verschüttete sie etwas Benzin und im Handumdrehen stand alles in Flammen. Wie eine brennende Fackel rannte sie nach draußen, aber weder ihre Schwiegermutter noch Otto konnten noch etwas für sie tun. Sie verstarb am nächsten Morgen.« Das Söhnchen, Christian, soll »erst« im Zweiten Weltkrieg umgekommen sein. In Freiburg (Breisgau) wurde 2018 eine Straße nach Mangold benannt.

* J. van Robays, »Hilde Mangold-Pröscholdt«, 31. März 2016 auf https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5096429/



Mansfield, Katherine 34 (1888–1923), britisch-neuseeländische Schriftstellerin. Neben zahlreichen Briefen und Notizen hinterließ Katherine Mansfield rund 70 in der Regel kurze Erzählungen. Sie war mit D. H. Lawrence, Viginia Woolf und dem Philosophen Bertrand Russel befreundet, der angeblich gern ihr Liebhaber geworden wäre. Auf Fotografien wirkt sie blaß, dünnlippig und zerbrechlich. In der Tat hatte sie sich 1923 als 34jährige in die endlose Kette der Särge mit Tuberkulose-Opfern einzureihen. Auch sonst war Mansfield vom Leben nicht gerade auf Rosen gebettet worden: zwei gescheiterte oder fadenscheinige Ehen, eine Totgeburt, Tripper, ein im Ersten Weltkrieg gefallener Bruder, an dem sie sehr gehangen hatte, Nervenkrieg mit ihrer langjährigen Freundin, Pflegerin, vielleicht auch Geliebten Ida Baker und dergleichen mehr. Andererseits hatte Rivalin Woolf eine »japanische Puppe«, Lawrence »eine widerwärtige Schlange« gesehen, schätzte sie doch auch Intrigen, wenn wir Annette Meyhöfers Darstellung* glauben dürfen. Und als Autorin hatte Mansfield keineswegs unter Verkennung zu leiden. Der Vater, Bankier in Neuseelands Hauptstadt Wellington, ließ sie nach London gehen, ließ sie studieren, was sie wollte, und gewährte ihr regelmäßige Schecks. 1910 erschien ihr erstes Buch mit Erzählungen.

Am erstaunlichsten ist ihr anhaltender Nachruhm. Gibt man ihren Namen, in Gänsefüßchen eingekleidet, bei einer Suchmaschine ein, kommen mindestens 500.000 Treffer. Allein die Listen der »Sekundärliteratur« in diversen Nachschlagewerken füllen je eine Buchseite. Möglicher-weise verdankt sich die auffallend breite Resonanz auf Mansfields eher schmales Werk zumindest teilweise dem bekanntem Schicksals-Bonus, nämlich ihrem vergleichs-weise ungewöhnlichem und hartem Los. Ihr Werk allein hätte das niemals geschafft. Wird es gleichwohl von einigen »Literaturwissenschaftlern« kurzerhand in die Nähe von Tschechow gerückt, muß man sich wirklich fragen, ob diese Herren oder Damen ihre Augen in den Fersen oder in der Bauchhöhle haben. Was Mansfield vor allem fehlt, ist der soziale Blick. Sie kreist um private Mittelstandssorgen; das ganze Elend der Welt ist ihr unbekannt. Ins Detail geht sie bis zur Folterung (des Lesers), nur von Zusammenhängen will sie nichts wissen. Da hätte ihr sogar Russel gut getan. Man hat ihre handlungsarmen Erzählungen »Charakterstudien« genannt – aber wo böte sie psychologische Erkenntnisse? Sie zeigt uns: so ist dieser Mensch – und so soll er gefäl-ligst bleiben. Es ist eine in jeder Hinsicht passive, kraft-lose, letztlich aber zynische Prosa. Tschechow dagegen liebte die Menschen. Wenn Mansfields Sätze beziehungs-weise Figuren gelegentlich aufbegehren, dann in belanglosen Dingen oder im Traum.

Freilich, das hat seinen Reiz – zumal für AnhängerInnen eines Billardspiels, bei dem rote Kugeln vorherrschen. Während der Busch im Hitzedunst flimmert, hat sich »Trouts Hund Snooker mitten auf der sandigen Landstraße hingelegt. Das blaue Auge nach oben verdreht, die Beine steif von sich gestreckt, hechelte er und gab von Zeit zu Zeit verzweifelte Schnauftöne von sich, als ob er sagen wollte, er habe beschlossen, mit allem Schluß zu machen, und warte nur noch darauf, daß ein freundliches Gefährt daherkäme.« So in der Erzählung An der Bucht von 1922. Snookers anderes, gegen den Sand gerichtetes Auge war vermutlich pink oder schwarz.

Eine verlockende Alternative haben wir möglicherweise in Mansfields Landsfrau Robin Hyde (1906–39), von der ich allerdings keine Zeile kenne. Laut Jacqueline Matthews** von einer frommen Krankenschwester geboren, war ihr Vater, wohl eine Art Ingenieur, eher antikapitalistisch gestimmt. Das färbte offenbar schon früh auf die journalistischen Arbeiten der Tochter ab. Hyde führte ein umtriebiges Leben, mit diversen Liebschaften, mehreren Schwangerschaften – und einem trotz oder wegen Operation schmerzenden, lahmen Knie, das ihr angeblich auch Drogenabhängigkeit beschwerte. Sie war oft in Geldnot. Einen ersten Selbstmordversuch (ertrinken) unternahm sie 1933. Die Polizei habe sie gerettet. Sie landet zunächst im Auckland Mental Hospital. Hyde kämpfte sich über Jahre hinweg durch etliche, selbstver-ständlich männlich beherrschte neuseeländische Blätter, schrieb daneben aber auch eine Menge Erzählerisches. Sie machte sich dabei für die Kultur und Belange der eingesessenen Maori stark. Oft hervorgehoben werden ihre Romane Passport to hell (1936) und Nor the years condemn (1938) sowie die autobiografische Arbeit The godwits fly (1938). Godwits sind Pfuhlschnepfen. Im Januar 1938 möchte Hyde ihre Verbindungen zu britischen Verlegern durch eine Englandreise festigen, gerät jedoch zunächst in die chinesisch-japanischen Kriegswirren, wobei sie immerhin chinesischen Generalen und den Kollegen Agnes Smedley and Edgar Snow begegnet. Japanische Soldaten bringen der anziehendenen dunkelhaarigen Fremden eine gefährliche Augenverlet-zung bei – die von einem japanischen Arzt behandelt wird. Im September trifft sie in London ein. Sie beteiligt sich an pro-chinesischer Propagandaarbeit. Trotz zunehmender Niedergeschlagenheit und Krankheit verfaßt sie noch etliche Prosawerke. Freunde wollen sie, auch angesichts der europäischen Kriegsgefahr, nach Neuseeland zurückschaffen, aber am 23. August 1939 wird sie tot in ihrer Wohnung vorgefunden. Laut Coroner hatte sich die 33jährige vergiftet.

* »Die Meisterin der Short Story«, Deutschlandfunk, 7. Oktober 2012: https://www.deutschlandfunk.de/die-meisterin-der-short-story.700.de.html?dram:article_id=223397
** 1998 im Dictionary of New Zealand Biography: https://teara.govt.nz/en/biographies/4h41/hyde-robin




Maraire, Chiwoniso 37 (1976–2013), simbabwische U-Musikerin. Die dunkelhäutige, eher kleine, rundliche Frau war zwar in den USA aufgewachsen, kehrte jedoch 1990 mit ihrer (musikalischen) Familie nach Simbabwe, dem früheren Rhodesien, zurück. Sie wirkte in verschiedenen Gruppen, die meist traditionelle mit modernen Instrumenten mischten, als Frontfrau. Mit ihrer kraft- und klangvollen Stimme sang oder sprach sie auf englisch oder in Shona; daneben spielte sie vorwiegend eine traditionelle Mbira, die im Klang Marimbas ähnelt, aber mit den Fingern gezupft wird. Die FAZ* spricht von einem »Daumenklavier«. Maraire war in Frankfurt/Main aufgetreten. Ihre Mbira hat, in einem ringförmigem hölzernem Schallkörper, statt Tasten Metallzungen. In der Regel war dieses Instrument bis dahin männlichen Musikern vorbehalten. Maraires Liedtexte zeigen zumindest teilweise sozialkritische Züge. Einem Album von 2008 gab sie den Titel Rebel Woman (falls sie es war). Das autoritäre Regime Mugabes war sicherlich nicht »ihr Ding«. Sie prangerte staatliche und andere Gewalttaten an und machte sich besonders für die Rechte der Frauen und Kinder stark. Der FAZ zufolge hatte sie, ihren eigenen zwei Töchtern zuliebe, Simbabwe schon spätestens 2009 wieder mit den Staaten vertauscht. 2013, als sie wegen Schmerzen in der Brust ins Krankenhaus kam, befand sie sich aber offenbar in der Heimat. Viel durch die Gegend zu fliegen und dafür viel Geld aus dem Fenster zu schmeißen, das gehört eben notwendig zu »Weltmusik« und »Weltstars«. Nach gut einer Woche Krankenhaus, Anfang September 2013, starb die 37jährige, wahrscheinlich an einer Lungenentzündung. Man begrub sie in ihrem ländlichem Zuhause im Dorf Chakohwa, Mutambara.

Mit ihrer jüngeren Tochter Chiedza Brown, die ebenfalls schon als Sängerin auftrat, hatte sie allerdings, wenn man so sagen darf, Pech. Die 15jährige brachte sich gut zwei Jahre darauf um, und zwar am 12. September 2015 in der Kleinstadt Providence Village, Texas, wo sie zur Schule ging. Genauers scheint niemand zu wissen. Ihre Tante und Gastmutter Tawona Maraire, eine Schwester der verstorbenen Mutter, schildert Chiedza im simbabwischem Wochenblatt Standard als ruhigen, fröhlichen und beliebten Teenager.** Die ältere Schwester der Verstor-benen, Chengeto, sei untröstlich. Sie selber, als Pflegemut-ter, stehe vor einem Rätsel. Von der Art des Selbstmordes und denkbaren Erklärungen Chiedzas oder auch von deren Schwester spricht sie nicht.

Zwei Jahre darauf weist das Konkurrenzblatt Sunday Mail (vermutlich beide in Harare erscheinend, früher Salisbury) immerhin deutlich auf Chiedzas Zerissenheit hin.*** Ihr Vater Andy Brown (50), ein bekannter Gitarrist, starb bereits 2012 – und ein Jahr darauf folgte ihre Mutter. Aber diese ohnehin anstrengenden Eltern hatten sich längst getrennt. Die beiden Töchter sahen sich überdies zwischen Simbabwe und den Staaten »hin- und hergeschoben«, so die Mail. Nebenbei könnte Chiedza auch an einer Art Karriere-Konflikt zwischen ihren Neigungen zur Musik und zur Bildenden Kunst gelitten haben, wie die Tante ungewollt andeutete. Für die Mail hat die junge, angeblich »ruhige« Selbstmörderin nie Frieden gekannt – und jetzt tobe auch noch ein Familienzwist über den Umgang mit ihrer Asche, also um ihre Friedhofs- oder Himmelsruhe … Danken Sie den Shona-Göttern beziehungsweise -Ahnengeistern, falls Sie kein Künstlerkind sind.

* Norbert Krampf, »Rebellische Frau mit Leichtigkeit und Engage-ment«, 29. Juli 2009: https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/kultur/chiwoniso-im-frankfurter-palmengarten-rebellische-frau-mit-leichtigkeit-und-engagement-1827955.html
** Silence Charumbira, »Aunt speaks on Chiedza Brown's suicide mystery«, The Standard, 27. September 2015: https://www.thestandard.co.zw/2015/09/27/aunt-speaks-on-chiedza-browns-suicide-mystery/
*** »Chiedza Brown tormented in life, death«, The Sunday Mail, 21. Mai 2017: https://www.sundaymail.co.zw/chiedza-brown-tormented-in-life-death




Marilhat, Prosper 36 (1811–47), französischer Maler aus gut betuchtem Hause in der Auvergne, entwickelt eine zeittypische Orientmeise, landet in einer Anstalt. Der romantische Zug der damals noch jungen abendländischen Orientbegeisterung wird bei Marilhat durch die Vorliebe unterstrichen, die Marktstände und Beduinen, Palmen und Kamele mit stets antik wirkenden Ruinen zu verknüpfen. Sein gleichaltriger Bekannter Theophile Gautier, Schriftsteller und Kunstkritiker, soll angesichts des 1833 entstandenen Ölgemäldes vom Place de l'Esbekieh au Caire geseufzt haben, es mache ihn vor Sehnsucht nach dem Orient, in den er noch nie einen Fuß gesetzt habe, förmlich krank. Marilhat hatte sich 1829 nach Paris und in die Lehre von Camille Roqueplan begeben. 1831 war er erstmals im Pariser Salon vertreten – noch mit einer heimatlichen Landschaft. Doch im selbem Jahr reiste er, zunächst als Begleiter des Naturforschers Carl von Hügel, gen Afrika. Nun hielt er sich für rund zwei Jahre in Ägypten auf und zeichnete in einem fort. Ab Sommer 1833 lebte er wieder, von Reisen nach Italien und in die Provence unterbrochen, bis zu seinem frühem Tod in Paris, das ihn bald als »den« Orientmaler kannte. Seine Gemälde wurden oft durch Lithographien verbreitet. Im Salon von 1844 gewann er eine »Große Goldmedaille«. Darüber hinaus arbeitete er als Porträtmaler. Wie es aussieht, ist über seine möglichen Vergnügungen außerhalb des Ateliers wenig bekannt, doch hat er sich offensichtlich einmal mit Syphilis angesteckt, denn eben diese Krankheit soll ihn im Laufe seiner letzten Lebens-jahre bis in den Wahnsinn getrieben haben. Er starb 1847 mit 36 Jahren in einer Pariser Heilanstalt.

1835 war Marilhat seinerseits vom deutlich jüngerem Berufskollegen Théodore Chassériau porträtiert worden, ein düsteres Ölgemälde. Diesen Kollegen erwischte es 1856 im selbem Kunstmekka Paris mit 37 Jahren. Er soll krank und von der Auftragsmalerei erschöpft gewesen sein. Zwar weisen ihn seine Sujets (viele nackte Frauen) als ausge-sprochenen Lüstling aus; ich lese aber nirgends, er sei gleichfalls der Syphilis erlegen.



Marjoribanks, Edward 32 (1900–32), britischer Politiker und Autor mit Stil. Man weiß nicht viel über ihn, doch als echter Engländer muß er Stil besessen haben. Und in der Tat, wie ich lese, spielte er Billard, vielleicht sogar Snooker, oder sein Stiefvater tat es jedenfalls. Eine Gattin oder ein Liebhaber von Marjoribanks wird nirgends erwähnt. In Eton und Oxford erzogen, hatte es der hochgewachsene und gutaussehende Mann zum Rechtsanwalt, Politiker und sogar Schriftsteller gebracht. 1929 zog er für die Konservativen als Abgeordneter des Wahlkreises Eastbourne, Grafschaft East Sussex (Südengland), ins britische Unterhaus ein. Ob er auch als Autor Stil besaß, könnte ich allerdings nicht beschwören. Neben angeblich formvollendeten Gedichten schrieb Marjoribanks Biografien – über Geistesverwandte, wie ich einmal vermute. So legte er im selben Jahr 1929 mit The life of Sir Edward Marshall Hall ein Werk über einen Landsmann und Kollegen vor, einen erfolgreichen Rechtsanwalt und weniger erfolgreichen konservativen Politiker, der erst seit zwei Jahren unter der Erde lag. 1931 erschien ein schmaler Gedichtband von Marjoribanks. Kaum hatte er 1932 den ersten Band seiner nächsten Biografie über The Life of Lord Carson abgeschlossen, flüchtete er sich selber ebenfalls in den Schutz des Sarges. Wovor, scheint niemand so genau zu wissen. Der 32jährige Jurist und Autor hatte sich am 2. April 1932, wahrschein-lich spätabends oder frühmorgens, im Billardzimmer der in Hailsham, Sussex, gelegenen Villa seines offenbar gleichnamigen Stiefvaters Lord Hailsham mit einem Gewehr in die Brust geschossen.

Ich nehme an, Marjoribanks wohnte bei dem Lord. Falls dieser zugegen gewesen war, ob mit oder ohne Billard-stock, dürfte er diesen Stil seines Stiefsohnes doch eher getadelt haben. Ich sage mir hier nicht zum ersten Mal, zu den größten Hürden, die vor einer Entscheidung zum Selbstmord genommen werden müßten, zähle die Wahl des Tatortes. Irgendwem bereitet man an nahezu jedem Tatort Ungemach. Vielleicht hatte Marjoribanks gute Gründe, eben seinem Stiefvater zu schaden, oder seiner Mutter Elizabeth, Witwe des Hon. Archibald Marjoribanks, die vermutlich dem Haushalt der Villa vorstand. Ihr neuer Gatte, der Lord, hieß eigentlich Douglas Hogg (1872–1950). Wie sich versteht, war er gleichfalls Jurist und Politiker, dabei aber zweimal auch »Lordkanzler« im Londoner Regierungsapparat und damit ein sehr hohes Tier.

Um noch einmal auf die erwähnte Hürde zurückzukom-men, könnte sie einer womöglich mit der Behauptung entkräften und wegfegen, das genannte Dilemma bestünde grundsätzlich bei jedem Tod. Selbst wenn ich mich zwecks meines »natürlichen« Ablebens als Greis in hinterste Wälder schleppte und meine Leiche nie gefunden werde, habe doch irgendjemand den Ärger mit der Vermißten-anzeige, der Fahndung, ja vielleicht sogar mit der Presse und der Rufschädigung durch diesen klammheimlichen Abgang ohne Genehmigung durch die Bürokratie. Aber gerade dann werden wieder welche raunen: Der hat sich umgebracht. Verdacht auf Selbstmord wiegt noch heute ungleich schwerer als Verdacht auf natürlichen Tod – obwohl es sich doch bei diesem um das skandalöse Übel handelt, von sogenannten Höheren Mächten so willkürlich wie kaltblütig, nämlich mit ausgeklügelter Berechnung brutal aus dem Verkehr gezogen zu werden. Verdacht auf Selbstmord unterstellt stets Charakterzüge, die auf diesem Planeten als verwerflich gelten. Entweder Schwäche im Daseins- und Konkurrenzkampf, oder Stolz, der die Anerkennung des »natürlichen« satanischen Systems verweigert, also das Zukreuzekriechen vor diesem. So oder so ist der Selbstmörder der Gescheiterte.

Gewiß ließen sich im vorliegenden Fall auch noch andere Selbstmordmotive denken, die jeweils hübsche Geschichten abgegeben hätten. Sagen wir beispielsweise: Marjoribanks hatte einen Hirntumor, der bereits größer als eine Billardkugel war. Er hatte beim Stande von 3:3 die letzte Schwarze vergeigt, worauf er nicht zum Queue, vielmehr zur Jagdflinte seines Stiefvaters griff. Er hatte nicht mit Parteifreund und »Nachrücker« John Slater gerechnet, der an besagtem Apriltag nachhalf. Er hatte telefonisch erfahren, die Times des nächsten Tages werde mit einer Schlagzeile über Schmiergelder erscheinen. Er hatte von einem Dienstboten des Stiefvaters erfahren, Marjoribanks' Braut oder Flamme habe vor, am ersten warmen Maitag mit dem erheblich älterem Journalisten und Historiker Ian Colvin ins Ostseebad Heiligendamm durchzubrennen. Und dergleichen mehr – bloß Hunger, Obdachlosigkeit und Sperrung des Arbeitslosengeldes scheiden wohl aus. Aber nichts von alldem wird in den Quellen erwähnt. Colvin war der Mann, der Band 2 und 3 von Marjoribanks' Arbeit über Carson, einen irischen konservativen Rechtsanwalt und Politiker, nach dem Selbstmord fertigstellte. Das dreibändige Werk erschien 1932–36 in London.

Ich vermute, Marjoribanks hatte sich übernommen. Nach einer zeitgenössischen Meldung aus Kanada*, die ich zur Stunde nicht mehr finde, war er krank gewesen und litt an Schlaflosigkeit. Mehr nicht. Ein bedeutendes US-Blatt dagegen** ging anscheinend auf Einzelheiten ein. Es titelte: EDW. MARJORIBANKS, ILL, COMMITS SUI-CIDE; Brilliant Young British Politician and Biographer Had Been Working at High Pressure. Mehr nicht. Wer den vollständigen Artikel lesen will, muß blechen.

* Montreal Gazette, 4. April 1932: »He had been ill and suffering from insomnia.«
** New York Times, 3. April 1932: https://www.nytimes.com/1932/04/03/archives/edw-marjoribanks-ill-commits-suicide-brilliant-young-british.html




Fortsetzung Mark—Mis
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