Samstag, 23. Oktober 2021
LdF Folge Kul—Lol

Kulenkampff, Till 4 (1953–57), Schauspielersohn. Der durchschnittlich bauernschlaue, zynische und hochnäsige postmoderne Journalist beginnt seine Artikel* zum Beispiel so: »Als der Schauspieler und Showmaster Hans-Joachim Kulenkampff für die Tabakreklame 'Feuer, Pfeife, Stanwell' in den siebziger Jahren ein Vermögen bekam, machte er keine Dummheiten. Der passionierte Segler steckte die 650.000 Mark in ein Schiff nach eigenem Gusto, sein Traumschiff. Dessen Bau geriet zwar leider teurer als gedacht. Doch das haben Traumschiffe so an sich. Sonst wären es ja keine.«

Im folgenden erfahren wir viel über Segelschiffahrt und auch noch dies und das über den Fernsehstar meiner Kindheit selbst. Altersgenossen dürften »Kuli« in erster Linie mit der Quizsendung Einer wird gewinnen (EWG) verbinden. Neben dem Segeln habe der »umgängliche« und vielreisende Bühnenkünstler auch das Autofahren sehr geliebt, weiß unser Journalist. Beide Vorlieben brachen ihm aber offenbar nicht das Genick. Kulenkampff erlag 1998 mit 77 in seiner österreichischen Wahlheimat (Seeham bei Salzburg) einem Krebsleiden. Laut Sohn Kai hatte sich Kuli hauptsächlich aus steuerlichen Gründen in dem Alpenland niedergelassen. »Im Leben geht es doch immer ums Geld«, sagt der Sohn 2014 in einem anderem Blatt, dem Wiener Kurier.

Man sieht, der Senior war damals, wie später Fico, astrein sozialdemokratisch gestimmt. Er hing insbesondere Willy Brandt an, der so gern, wie Kulenkampff selber, als untadelig hingestellt wird. Zudem soll er seine langjährige Ehefrau Gertrud, eine angeblich katholisch-gläubige Kinderbuchautorin, innig geliebt haben. Mit ihr hatte Kulenkampff drei Kinder. 1957 holte die Gattin die Kinder mit dem Auto aus einem Ferienheim ab und »erlitt« einen schweren Unfall. Dabei starb Till, um den es hier eigentlich geht. Das Bübchen war vier Jahre alt. Die Formel des Erleidens taucht in sämtlichen Quellen auf. Der Unfallort bleibt offen.

Sowohl über seine Soldatenzeit (als junger Schauspiel-schüler am Ostfeldzug beteiligt) wie über Tills Tod habe Kulenkampff nie oder jedenfalls ungern gesprochen, versichern mehrere Quellen. In dieser Hinsicht hält sich unser Journalist an den Showmaster, indem er Till gleichfalls unter den Tisch fallen läßt. Er beläßt es dabei, Kulis Autoliebe nur allgemein, wie die aus der Ferne grüßenden Alpengipfel zu streifen. Aber auch Kai Kulenkampff, der Sohn, spart zumindest die näheren Umstände dieses Todesfalls aus. Wir wissen also nicht, ob Frau Kulenkampff an ihrem Steuer vielleicht für einen Augenblick unaufmerksam war. Und ob noch Dritte zu leiden hatten. Vielleicht weiß es die Polizei der Unfallgegend?**

* Erdmann Braschos, »Kulis Verkehrtherumsegler«, FAZ, 15. August 2011: https://www.faz.net/aktuell/technik-motor/motor/kulenkampffs-schiff-marius-iv-kulis-verkehrtherumsegler-11112054.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
** Der Verlag des 2000 erschienenen Werkes Hans-Joachim Kulen-kampff. Ein Bremer Junge von Georg Schmidt teilt mir mit, der Autor sei bereits vor einigen Jahren gestorben. Dieser Verlag kommt aber nicht etwa auf die zugegeben kostspielige oder menschenfreundliche Idee, sich einmal das eigene Buch aus dem Regal zu greifen um nachzusehen, ob in ihm ein gewisser Autounfall geschildert wird. Meine Wette: nein.




Kurdi, Alan 3 (2012–15). Seine unweit der türkischen Hafenstadt Bodrum an der Mittelmeerküste angeschwemmte Leiche gab im Herbst 2015 ein alsbald weltberühmtes Fotomotiv ab. Die Leiche des auf dem Bauch liegenden Kleinkinds steckte recht fotogen in einer blauen Hose und einem roten Hemd. Manche argwöhnten sogar, das Foto sei gestellt. Auch Alans wenig älterer Bruder Ghalib und seine Mutter Rehanna und noch einige andere Menschen kamen bei dem Fluchtversuch um. Das ist anscheinend erwiesen. Man hatte vom türkischem Festland aus gegen fette Eintrittskarten mit zwei Schlepperbooten griechisches Hohheitsgebiet angesteuert, aber mindestens ein Boot kenterte. Das war am 2. September, vier Kilometer vor der griechischen Insel Kos, bei stürmischer See. Schwimmwesten fehlten. Vater Abdullah, wohl der einzige Schwimmer in der Familie Kurdi , überlebte. Die Kurdis waren einst vor dem sogenanntem syrischem Bürgerkrieg in die Türkei geflüchtet und suchten nun, wegen der dortigen schlechten Lebensbedingungen und Gesundheitsfürsorge, ihr Heil in Griechenland. Abdullah Kurdi soll die Veröffentlichung des Fotos begrüßt haben, da man auf diese Weise weltweit auf das Elend mit den Einreiseverweigerungen und Flüchtlingslagern aufmerksam machen könne. Allerdings war er ursprünglich, als er schwer angeschlagen in einem Krankenhaus lag, nicht um sein Einverständnis gebeten worden. Das findet seine Schwester Tima bedenklich.* Das Foto stammte von der türkischen Bildjournalistin Nilüfer Demir, die für eine Nachrichtenagentur arbeitete. Auch sie behauptete später, es sei ihr um Anklage gegangen – und nicht etwa um den Pulitzer-Preis, wie beispielsweise Kevin >Carter gut 20 Jahre früher.

Manche SkeptikerInnen vermuten, solche »Ikonen«-Fotos seien eher schädlich, weil sie »die Komplexität« der jeweiligen Lage ausblendeten. Das stimmt wohl einerseits. In Syrien etwa haben, seit den ersten Demonstrationen und Schießereien 2011, zahlreiche Funktionäre, Gruppen und Nachbarstaaten, deren unterschiedliche Interessen kaum zu entwirren sind, ihr »Bürgerkriegs«-Süppchen gekocht. Nebenbei fielen auf diese Weise bis heute rund 500.000 Tote an. Eine Stadt wie Hannover, in 10 Jahren sozusagen wie vom Erdboden verschluckt. Aber sie alle, jene Akteure, wurden von gewissen Großmächten, voran USA, Großbritannien, Frankreich, geschickt vor den eigenen, auch viele Rüstungsgüter transportierenden Karren gespannt. Und dieses einfache Verfahren nach dem Recht des Stärkeren, von Luxemburg und Lenin unter »Imperialismus« eingeordnet, ist seit Jahrhunderten bekannt. Sollte es wirklich so schwer zu begreifen sein? Nein, die Leute im verbarrikadierten Europa wünschen es nicht zu begreifen, weil bislang beim Süppchenkochen immer noch ihr sogenannter »hoher Lebensstandard« als schmackhafte Bröckchen in ihre Schürzen fiel. Er verdankt sich zu 90 Prozent dem Imperialismus. Und genau die Verheerungen, die er in den »unterentwickelten« Landstrichen dieses Planeten anrichtet, sorgen für die sogenannten Flüchtlingswellen – allein im Mittelmeer seit 2014 rund 20.000 Tote.

All diese Sorgen hatte die 22jährige Wellenreiterin Katherine Díaz sehr wahrscheinlich nicht. Die Olympia-hoffnung aus El Salvador trainierte am 19. März 2021 gerade (unweit ihres Wohnortes Tunco) an der Pazifik-küste, als ihr »ein plötzlicher Wetterumschwung« ins Gehege beziehungsweis in die Wellen kam. Sie wurde von einem Blitz erschlagen.** Wiederbelebungsversuche am Strand waren erfolglos.

* Karlen Vesper, »Inschallah, möge es ein Weckruf sein«, Neues Deutschland, 9. Dezember 2020: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1145586.alan-kurdi-inschallah-moege-es-ein-weckruf-sein.html
** »Blitzschlag! Surferin stirbt beim Training – ihr Onkel war direkt daneben«, tz (München), 26. März 2021: https://www.tz.de/sport/mehr/surferin-katherine-diaz-blitzschlag-tot-training-onkel-trauer-olympia-el-salvador-90261201.html




Lallinger, Ignaz 32 (1811–44), Ingolstädter Bürgermei-ster, stirbt in Südtirol. Sein Ableben wird am 17. Oktober 1844 vom »Magistrat der Königlichen Stadt Ingolstadt« im heimischen Wochen-Blatt erwähnt – weil die Stelle neu zu besetzen sei. Der Gehalt des »rechtskundigen Bürgermei-sters« belaufe sich auf 1.000 fl. jährlich. Warum Lallinger mit 32 verschied, deutete das Ingolstädter Wochen-Blatt bereits am 13. Oktober an – wie nur ich und das heutige Ingolstädter Stadtarchiv wissen … Danach hatte sich Lallinger aufgrund einer hartnäckigen Erkrankung zur Kur nach Meran begeben. Nebenbei erfahren wir, daß der junge Jurist bereits verwitwet war. Seine Frau Klara war am 11. August 1842 verstorben, mithin im Jahr des Amtsantritts ihres Bräutigams oder Gattens. Die Gründe und ihr Alter kennt womöglich niemand. Aber sie wird wohl kaum 40 oder mehr gewesen sein. Wer weiß, wie weit es der Witwer, immerhin schon mit 30 zum Stadtober-haupt bestellt, noch gebracht hätte. Vielleicht hätte Ludwig II. ein Auge auf einen Sohn Lallingers geworfen, falls dieser einen hatte, und die ganze Sippe nach München geholt? Ingolstadt, im Königreich Bayern (und sogar heute noch) an der Donau gelegen, hatte damals wahrscheinlich rund 20.000 EinwohnerInnen. »König« war seinerzeit Ludwig I. Die Abkürzung fl. meint Florin=Gulden.



Lampi, Vilho 37 (1898–1936), recht erfolgreicher nordfinnischer Maler, auch Bauer. Vom Kunststudium in Helsinki und einigen Fernreisen abgesehen, vor allem nach Paris, lebt er auf dem elterlichem Hof (acht Kinder) in Liminka unweit der Ostseeküste. Aber das Meer malt er nie. Seine Hauptmotive sind heimatliche Landschaften, heimatliche Menschen – voran er selbst.

Der in der Tat derb wirkende, sehnige, mittelgroße Mann, nie verheiratet und kinderlos, brachte sich am 17. März 1936 um, indem er sich, unterwegs in seine Kindheitsstadt Oulu, von einer Brücke in den Fluß Oulujoki stürzte. Man fand die Leiche erst im Mai, nachdem das Eis geschmolzen war. Der 37jährige hatte den Morgenzug genommen, um in der großen Stadt ein paar Künstlerfreunde zu treffen. Zu dieser Begegnung kam es aber nicht mehr. Ob er möglicherweise Nichtschwimmer war, wird nirgends erörtert. Aber bitterkalt muß es natürlich gewesen sein.

Landwirt Lampi hinterließ schätzungsweise über 550 Kunstwerke. Marja-Liisa Torniainen behauptet*, die Doppelarbeit habe Lampi mit der Zeit auf eine Weise zugesetzt, die ihn »hypochondrisch«, also übertrieben ängstlich um seine Gesundheit besorgt machte und schließlich »depressiv« stimmte. Die finnische Wikipedia äußert sich sehr ähnlich und führt dazu Eeli Aaltos Buch über Lampi von 1967 an. Den beruhigenden Befunden von Ärzten habe der »Hypochonder« nicht getraut. Das haben die allerdings so an sich. Sie wollen ja todkrank sein und todkrank bleiben, würden sie doch andernfalls nicht rechtbehalten.

Trifft diese Darstellung zu, wäre sie wieder einmal ziemlich witzig. Lampi wird nämlich in mehreren Quellen ein Ge-schmack an der Macht, wenn nicht sogar an Gewalttätig-keit nachgesagt. Offenbar stand er auch einer rechten, mindestens antisowjetischen patriotischen Bewegung nahe. In seiner »neusachlichen« Phase malte er häufig kernige, ja heldische Männer. Und so einer entpuppt sich nun als Wehleidigkeit in Person und verdrückt sich aus der Welt des Machtstrebens. Über sein Liebesleben beziehungsweise Darben fällt übrigens kein Wort. Dafür wird angedeutet, er war gottesfürchtig. In seiner Gegend habe er zwar als Sonderling gegolten, heißt es, er sei aber durchaus beliebt gewesen. Als berühmte Leiche, die in Lexika steht, liebten sie ihn dann noch mehr.

* »Kuka voisi paremmin kuvata maata kuin talonpoika? Vilho Lampi HAMissa«, Portal Kulttuuri-Toimitus (Tampere, Finnland), 18. Okto-ber 2020: https://kulttuuritoimitus.fi/kritiikit/kritiikit-kuvataide/kuka-voisi-paremmin-kuvata-maata-kuin-talonpoika-vilho-lampi-hamissa/



Lányi, Jenö c.38 (1902–40), ungarischer Kunsthisto-riker, torpediert. Berühmte Abschüsse von Passagier-dampfern durch die Deutschen im Ersten Weltkrieg wie etwa der britischen Schiffe Lusitania (1915) und Sussex (1916) sind »nicht völlig unumstritten«, weil möglicher-weise angelsächsische Provokationen im Spiel waren. Teils befanden sich US-Fahrgäste auf den Schiffen, teils waren die Schiffe unbewaffnet oder ohne Begleitschutz unterwegs. Solche opferreichen Übergriffe machten sich in der antideutschen Propaganda immer gut. Unter anderem waren sie geeignet, den Befürwortern eines Kriegseintritts der Yankees den Rücken zu stärken.

Ob es sich bei der Versenkung des britischen Dampfers City of Benares um einen ähnlichen Fall handelte, kann ich nicht beurteilen. Er war mit gut 400 Personen an Bord von England nach Kanada unterwegs und hatte allerdings Begleitschutz. Er wurde am 18. September 1940, einen Weltkrieg später also, im Nordatlantik das Opfer deutscher Torpedos. Nach den Erinnerungen* des Verlegers Gottfried Bermann Fischer zählte auch ein Schwiegersohn seines edelsten Pferdes im Stall zu den 248 Toten. Thomas Manns Tochter Monika sei, »nachdem sie sich viele Stunden in der hochgehenden See an einer Planke über Wasser gehalten hatte«, gerettet worden, während ihr Mann Jenö Lányi, der Kunsthistoriker, vor ihren Augen ertrunken sei. Nach anderen Quellen war die »Planke« ein Rettungsboot gewesen. Jedenfalls wurde Monika Mann noch 81. Ihr Erzeuger soll sie nicht gerade innig geliebt haben.

Unter den Toten waren viele britische Kinder gewesen. Bermann Fischer erwähnt zudem den Fahrgast Rudolf Olden (1885–1940). Der bekannte kritische Berliner Schriftsteller, inzwischen 55 und auf der Flucht, habe sich nach der Torpedierung geweigert, seine Kabine zu verlassen, »müde des ewigen Kampfes«; so sei er mit dem Schiff untergegangen. Auch Oldens dritte Ehefrau Ika Halpern kam um. Nach Marco Finetti** verkündete Goebbels damals sogar, das Schiff sei nur wegen dieser einen mißliebigen Person zerstört worden, Olden. In der Tat hatte der ehemalige Offizier, nun als pazifistischer Journalist und Rechtsanwalt, darunter von Carl von Ossietzky, unermüdlich für seine »radikaldemokratischen« Ideale gefochten. Zuletzt war er, in London, Sekretär des deutschen Exil-PEN-Clubs gewesen, den er mitgegründet hatte. Vorsitzender dieses vor allem praktisch helfenden Schriftstellerverbandes war ein anderer berühmter Mann, Heinrich. Doch 1939/4o kam es im vermeintlichem Freundesland für Olden (und andere) knüppeldicke. Man betrachtete ihn nun als unerwünschten »feindlichen Ausländer«, steckte ihn zeitweilig sogar in ein bewachtes Lager, wo seine Gesundheit nur weiter zerrüttet werden konnte, und scheuchte ihn schließlich auf jenes Schiff Richtung USA. Es verließ Liverpool am 13. September.

* BEDROHT–BEWAHRT, Frankfurt/Main 1967, hier TB-Ausgabe 1994, S. 284
** »Niemand hörte zu, niemand glaubte uns«, ZEITmagazin, 21. September 1990




Larcône, Sunsiaré de 27 (1935–62), Nachwuchsschrift-stellerin und mutmaßliche Geliebte des royalistisch gestimmten, daneben trinkfreudigen französischen Schriftstellers Roger Nimier (1925–62). Der hatte 1950 viel Wirbel mit seinem Werk Der Blaue Husar veranstaltet, liebte Autos anscheinend mehr als Pferde und bot sie entsprechend oft in seinen Werken auf. Ein Roman aus seiner Feder endet sogar mit einem Autounfall, behauptet jedenfalls die französische Wikipedia. Als er mit knapp 37 Jahren selbst daran glaubte, war er verheiratet und hatte zwei Kinder – wenn auch nicht mit der blonden Sunsiaré de Larcône, einer angeblich betörenden Blume der Vogesen, die in Paris gerade ihr erstes Buch veröffentlicht hatte, einen Roman. Sie soll in der betreffenden Septembernacht Nimiers Beifahrerin in dessen Aston Martin gewesen sein. Soweit ich verstanden habe, raste der Wagen unweit von Paris, in oder bei La Celle-Saint-Cloud, gegen die Brüstung einer Autobahnbrücke, stürzte womöglich auch in die Tiefe. Einige Quellen munkeln freilich, die 27jährige Vogesenblume habe am Steuer gesessen. Damals habe man Nimier nur aus Versiche-rungsgründen (=Betrug) als Fahrer ausgegeben. Andere behaupten, es sei gar kein Unfall gewesen, vielmehr Selbstmord. Von wem auch immer.



Larsson, Olof 31 (1928–1960), erfolgreicher schwe-discher Ruderer, 1956 olympisches »Silber«. Interes-santerweise kam der 31jährige offenbar nicht beim Rudern unter die Räder. Die Stadt Trollhättan liegt nördlich von Göteborg am Fluß Göta älv sowie unweit des großen Sees Vänern. In dieser Gegend muß Larsson Mitte Januar 1960 trainiert oder eher gearbeitet haben. Mehrere Quellen versichern nämlich, er habe einen Unfall »auf einem Schleppschiff« erlitten. Näheres? Nicht die Bohne. Selbst die beruflichen und familiären Verhältnisse des vermutlich schon zurückgetretenen Ruderers werden mit keinem Komma erwähnt.

Dafür wissen wir von seinem Namensvetter Fredrik Larsson etwas mehr.* Der baumlange Schwede war Handballprofi, zeitweise auch beim VfL Gummersbach. Er wurde Ende April 2020, 36 Jahre alt, im Dorf Lerum, das ebenfalls im Raum Göteborg liegt, als Radfahrer von einem Lastwagen erfaßt, was seine beiden Töchter zu Halbwaisen machte.

* »Ex-Bundesliga-Handballer Fredrik Larsson bei Verkehrsunfall gestorben«, Sportbuzzer, 30. April 2020: https://www.sportbuzzer.de/artikel/handball-fredrik-larsson-tot-gestorben-unfall-lkw-gummersbach-reaktionen/



Lassalle, Ferdinand 39 (1825–64). Der studierte Philosoph, Rechtsbeistand einer Gräfin und »Gründer-vater« der deutschen Sozialdemokratie wurde selber nicht alt, weil er, nach revolutionären Anfängen um 1848 im Verein mit Marxens Neuer Rheinischer Zeitung, bieder, eitel und hitzköpfig genug war, sich im August 1864 seiner Flamme Helene von Dönniges zuliebe in einer Genfer Vorstadt mit deren störrischem Erzeuger auf Pistole zu duellieren. Der 50jährige Diplomat Wilhelm von Dönniges war freilich so klug oder abgefeimt, sich beim eigentlichem Waffengang vom Ex-Bräutigam seiner Tochter vertreten zu lassen, dem rumänischem Bojaren Janko von Racowicza. Prompt schoß der feurige Baron vom Balkan den Präsidenten des erst im Vorjahr gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) empfindlich in den Bauch. Drei Tage später erlag Lasalle seiner Verwundung vom Felde der Liebe. Seine AnhängerInnen begruben den redegewandten 39jährigen Arbeiterführer auf dem Alten Jüdischen Friedhof zu Breslau und riefen ihm auf dem Grabstein nach: »Hier ruhet, was sterblich ist, von Ferdinand Lassalle, dem Denker und Kämpfer.«

Alexander Herzen hätte sich 1852 um ein Haar aus ähnlichen Gründen mit seinem Kollegen und Nebenbuhler Georg Herwegh duelliert. In seinen Erinnerungen* meint er, die Unsinnigkeit des Duells zu beweisen, lohne nicht; »theoretisch rechtfertigt es niemand, mit Ausnahme irgendwelcher Raufbolde oder Fechtlehrer, aber in der Praxis unterwerfen sich ihm alle, nur um – der Teufel weiß, wem – ihre Tapferkeit zu beweisen. Die übelste Seite des Duells besteht darin, daß es jeden Schurken rechtfertigt, entweder durch seinen ehrenhaften Tod oder dadurch, daß es aus ihm einen achtbaren Mörder macht.«

Allerdings ist der ritualisierte Zweikampf keine roman-tische Erscheinung; er ist ungefähr so alt wie Kain und das Phänomen der Konkurrenz. In unserem Mittelalter war er streckenweise eine Form des Entscheidungsmittels Gottesurteil. Wahrscheinlich fußte dieses auf dem Glauben, Gott werde einen Gerechten schon nicht im Stich lassen, werde ihn also zum Sieg oder zum Ausharren führen – wenn es etwa galt, barfuß über ein paar glühende Pflugscharen zu gehen. Die Eskimo sollen schlitzohrig genug gewesen sein, um das »Duell« zwischen Wider-sachern oder Beschuldigten nur gesanglich auszutragen. Die Betreffenden hatten sich mit Spottliedern zu bekämp-fen. Die Frage, ob Jens Spahn, Bundesgesundheitsmi-nister, oder Gerd Reuther, Radiologe und Autor des schon erwähnten, druckfrischen Buches Heilung Nebensache**, richtiger liegen, wird auf diese Weise kaum zu entscheiden sein – Spahn wird immer nur das Lied der Pharmaindustrie singen.

* Mein Leben / Memoiren und Reflexionen, Ostberliner Ausgabe, Band 2 (1963) S. 362
** »Erregende Medizingeschichte«, Rubikon, 26. März 2021: https://www.rubikon.news/artikel/erregende-medizingeschichte




Lauenburger, Erna 23 (1920–43), KZ Auschwitz. Als Mädchen war die Sintiza mit der Berliner Autorin Grete Weiskopf befreundet gewesen und dadurch in den Roman für Kinder Ede und Unku eingegangen, der 1931 im Malik-Verlag erschien. Unku war Ernas Sinti-Name. Bald darauf zog sie mit ihrer Familie nach Magdeburg, wo sie ins polizeilich überwachte Zigeunerlager Holzweg geriet. Von dort aus wurde 1938 zunächst ihr Gefährte Otto Schmidt im Rahmen des faschistischen Kampfes gegen »Arbeits-scheue« ins KZ Buchenwald geschickt, wo er 1942 umkam. Er war 24. Lauenburger dagegen, inzwischen zweifache Mutter, wurde im März 1943 mit allen rund 160 Insassen des Magedeburger Lagers, vorwiegend Kinder, nach Auschwitz verschleppt. Dort im Sommer in den Krankenblock verlagert, stirbt die 23jährige nach Aussage ihrer Freundin Kaula Ansin am 2. Juli 1943 durch eine tödlich wirkende Spitze, die ihr Dr. Josef Mengele verabreicht. Kaula überlebte den Faschismus als einzige der 12 Sinti, die in Weiskopfs Roman genannt worden waren. In Berlin und Magdeburg gibt es inzwischen Ede-und-Unku-Wege.

Lauenburgers Gefährte Schmidt hatte in Buchenwald zu den zahlreichen Opfern des Lagerarztes Waldemar Hoven gezählt, der Häftlinge emsig als Versuchskaninchen benutzte oder sie auch ohnedem wunschgemäß »abspritzte«, sofern seine SS-Kameraden meinten, sie taugten nichts mehr. Dieser prominente Weißkittel kommt auch in Alexander Zinns Biografie* über den thüringi-schen/tschechischen schwulen Dachdecker Rudolf Brazda vor, der Buchenwald überlebte. Dafür fanden etliche Freunde Brazdas den Tod, beispielsweise der Schlosser Leopold Kretzschmar (33) aus Altenburg, der Ende 1943 ins berüchtigte Buchenwalder Außenlager Dora (bei Nordhausen) gesteckt wurde, aus dessen im Bau befindlichen Stollen (für unterirdische Raketenfertigung) so gut wie niemand lebend wieder hervorkam. Kretzsch-mar stirbt schon am 25. Dezember – aus »Herzschwäche«. Ich erwähne dies, weil die Häftlinge mit den rosa Winkeln, die Homosexuellen, wie die »ZigeunerInnen« eine starke Opfergruppe darstellen, die oft im Schatten »der Judenverfolgung« zu stehen hat. Dem entsprach die Benachteiligung dieser Opfer selbst nach 1945. Zinns Buch macht dies alles hervorragend deutlich. Übrigens stellt er den kommunistischen KZ-Häftlingen (im allgemeinen) ein ziemlich schlechtes Zeugnis aus – womit er ins gleiche Horn bläst wie beispielsweise Margarete Buber-Neumann in ihren empfehlenswerten Erinnerungen.** Darin kommt auch das Ende von einer Freundin Kafkas vor, Milena Jesenská, mit der sich Buber-Neumann im KZ Ravensbrück angefreundet hatte.

* »Das Glück kam immer zu mir« / Rudolf Brazda – das Überleben eines Homosexuellen im Dritten Reich, Ffm 2011, bes. S. 242–48
** Als Gefangene bei Stalin und Hitler, urspr. Köln 1952, viele Ausgaben




Laughlin, Billy 16 (1932–48), US-Schauspieler, Schüler, vielleicht auch Zeitungsjunge. Der kalifornische Bub hatte zwar schon mit acht Jahren (1940) beim Film debütiert und in etlichen erfolgreichen Kurzfilmen um Die kleinen Strolche sowie, neben Robert Mitchum und Simone Simon, in Joe Mays Kassenfüller Johnny Doesn't Live Here Any More mitgewirkt, aber dann, 1944, hielten ihn seine »vernünftigen« Eltern dazu an, erst einmal die Schule zu beenden. In der Tat soll »Froggy« Laughlin (dicke Brille, schrille Stimme) das Schülerleben diesseits des Rampenlichts durchaus genossen haben – bis zum 31. August 1948.

An diesem Tag, wohl gegen Abend, war der 16jährige mit einem gleichaltrigem Freund in La Puente (bei LA) per Cushman Motor Scooter unterwegs. Nach zeitgenös-sischen Presseberichten unternahm der heute witzig wirkende Motorroller auf dem »Valley boulevard« eine Art jähe Kehrtwende, worauf ihn ein entgegen kommender Lastwagen umfuhr, der angeblich nicht mehr ausweichen konnte. »Froggy« (von Frosch) hatte auf dem Rücksitz des Rollers gehockt. Er starb kurz darauf im Krankenhaus. Freund W., der Fahrer des Rollers, kam mit leichten Verletzungen davon. Der 25 Jahre alte Lkw-Fahrer blieb unbelangt. Laut Sterbeurkunde sollen die beiden Teenager nicht oder nicht nur zum Vergnügen, vielmehr »while at work« unterwegs gewesen sein – möglicherweise zwecks Zeitungszustellens. Zur Stützung dieser Annahme dient, soweit ich sehe, die eher freie Behandlung jenes amtlichen Eintrags.* Jedenfalls standen die Freunde am nächsten Tag selber in den Zeitungen. Deren Berichte (siehe eingangs der verlinkten Diskussion) scheinen allerdings die verbreitete Geschichte mit dem Arbeitsunfall nicht unbedingt abzudecken. Durch sie wird der ganze Vorfall jedoch interessanter, weshalb sie auch in Wikipedia (deutsch und englisch) zu lesen ist. Mehr noch, steigert sie unser Mitgefühl für die unglücklichen Jungen – wie im Kino.

Eine zweite Fragwürdigkeit stellen selbstverständlich Froggys »vernünftige«, auf Schulbesuch pochende Eltern dar. Für meinesgleichen sind Schulen schon immer Orte des Schreckens gewesen. Darüber sehen neuerdings viele Liberale und Linke gern hinweg, wenn sie die Schulschließungen im Zeichen der Göttin Corona beklagen. Schulen verdanken sich in Demokratien wie Diktaturen gleichermaßen der Anmaßung des Staates, seine BürgerInnen auch durch die von ihm verordnete sogenannte Allgemeinbildung zu normieren. Er maßt sich an zu wissen, was »man« wissen muß. In seinem Verständnis natürlich alles, was der Aufrechterhaltung seiner gut geschmierten Megamaschine nützt, die wiederum seiner Elite dient. In Wahrheit gibt es unter den Menschen – solange sie noch nicht erfolgreich angepaßt worden sind – eine derart große Vielfalt an Naturellen, Bedürfnissen und Lebensformen, daß sie alle ihrer eigenen, darauf zugeschnittenen Bildung oder auch Schwänzerei bedürften. Aber man läßt sie nicht. Schul-pflicht, Meldepflicht, Steuerpflicht, Versicherungspflicht, Sommerzeitpflicht, Wehrpflicht, Impfpflicht – Sie können darauf wetten: sobald die Enthaltungsrate bei den Wahlen unerwartet steil ansteigt, wird auch die Wahlpflicht einge-führt. Schließlich müssen sich die Pensionsberechtigten im Bundestag irgendwie legitimieren.

Sind Sie Lehrer, werden Sie vermutlich einwenden, wenn jeder gerade unterrichten oder lernen dürfte, was und wie er wollte, bräche doch das Chaos aus. »Sollen die Behördenformulare von Analphabeten ausgefüllt werden? Die Fabriken von Leuten in Gang gehalten werden, die nicht bis drei zählen können?«

Ach du meine Güte! Nein, die Behördenformulare, die Fabriken und die Staaten müssen weg. Der Mensch der Zukunft lernt in selbstorganisierten Basisgruppen. In meinem Roman Konräteslust demonstriere ich das am Beispiel der BG Prokofiev. Im übrigen verweise ich auf meine schon weiter oben erwähnte Skizze** von der Schweinsblaseninsel – auf der das Wort »Erziehung« unbekannt ist.

* »The Death of Froggy«, Diskussion auf The Little Rascals im Sommer 2013, bes. 6. Aug. 2:14am: http://littlerascals.proboards.com/thread/1259
** Im Blog unter: https://siebenschlaefer.blogger.de/stories/2700578/




Lawrence, Stephen 18 (1974–93), britischer schwarzer Student, Ende April 1993 an einer Londoner Bushaltestelle von einer Gruppe weißer Jugendlicher umringt und erstochen. Der rasssistische Hintergrund lag auf der Hand. Aber die Polizei ermittelte selbst laut Spiegel* stümper-haft, dabei offensichtlich von kaum weniger rassistischen Motiven geleitet. Zwei aus jener Gruppe wurden 2012, also fast 20 Jahre nach der Tat, zu hohen Haftstrafen verurteilt. Reue zeigten sie nicht. Ohne den unermüdlichen Einsatz von Lawrences Eltern (aus Jameika stammend) wäre gar nichts passiert. Gegen weitere Täter liege zu wenig Beweismaterial vor, meinte Scotland Yard. 2020 erklärte dessen Chefin Cressida Dick, bekanntlich eine enge Freundin von mir, mangels neuer Ermittlungsansätze müsse die Untersuchung dieses Mordes nun in eine »inaktive Phase« treten. Orwell wäre begeistert gewesen. Dick meinte vermutlich, die Untersuchung müsse beendet oder jedenfalls auf Eis gelegt werden. Dergleichen Worte vermied sie aber, weil postmoderne Führungskräfte a) möglichst unanschaulich, b) möglichst gewunden, c) möglichst verlogen zu formulieren haben. Sie sollen nicht aufklären, sondern ganz im Gegenteil vernebeln. Ich weise bei dieser Gelegenheit auf meine recht ausführliche Betrachtung »Alle Kreter lügen« hin, A-34.

Ein hübsches Detail der »Ermittlungsarbeit« deckte der Guardian 2013 auf.** Dicks Mannen hatten einen Agenten in das Umfeld der Familie und der UnterstützerInnen des Mordopfers eingeschleust. Peter Francis sollte nicht etwa zur Aufklärung beitragen; er sollte Material sammeln, das diesen Kreis in ein schlechtes Licht rücken könne. Dieses Vorgehen verheimlichte Scotland Yard auch vor der um 1998 tätigen parlamentarischen Macpherson-Kommission, die das Geschehen beziehungsweise Nichtgeschehen der Ermittlungsarbeit unter die Lupe nehmen sollte. Die Kommission stellte erheblichen Rassismus bei den hauptstädtischen Ordnungshütern fest.

* »Britische Polizei stellt Ermittlungen zu rassistischem Mord ein«,
11. August 2020: https://www.spiegel.de/panorama/justiz/rassistischer-mord-an-stephen-lawrence-britische-polizei-stellt-ermittlungen-ein-a-d543de69-9476-45a9-912a-25dc7f3c16aa
** »Polizei wollte Opferfamilie in Verruf bringen«, Süddeutsche Zeitung, 24. Juni 2013: https://www.sueddeutsche.de/panorama/fall-stephen-lawrence-polizei-wollte-opferfamilie-in-verruf-bringen-1.1704113




Lee, Belinda 25 (1935–61), britischer Filmstar, grünäugig, blond und »bombshell«, wie ich von Gary Brumburgh* erfahre. Lee war zuletzt in Hollywood tätig beziehungsweise nicht tätig, hatte sie sich doch im März 1961 entschlossen, mit zwei Filmproduzenten, von denen der eine ihr neuster Liebhaber war, per Auto mal eben nach Las Vegas, Nevada, zu stürmen. Auf der Rückfahrt nach Los Angeles verlor der Fahrer der drei Künstler-Innen, mal wieder, »die Kontrolle« über seinen Wagen, der sich daraufhin überschlug. Laut Spiegel (13/1961) war bei Tempo 160 ein Reifen geplatzt. Angeblich wurde lediglich die bombige 25jährige Schauspielerin auf die Straße geschleudert und dadurch getötet. Man vergrub ihre Urne in Rom, wo sie 1958 ohnehin schon einen Selbstmordversuch (Schlaftabletten) im Rahmen einer außerehelichen Affäre mit einem frommen italienischen Prinzen veranstaltet hatte. Im folgenden Jahr hatte sie in einer zweiten Verfilmung des Aufsehen erregenden Mordfalles die »Edelhure« Rosemarie >Nitribitt aus Frankfurt/Main gegeben, Regie Rudolf Jugert.

Der jüdische polnische Filmregisseur Andrzej Munk (1921–61) hatte als junger Mann den Warschauer Aufstand überlebt, an dem er sich beteiligt hatte. Ferner blieb ihm das KZ Auschwitz erspart, in dem er allerdings 1961 Szenen seines jüngsten Werkes Die Passagierin drehte. Am 20. September, inzwischen knapp 40, ereilte ihn in einer längeren Drehpause, die er für Besuche in Warschau und Lodz nutzte, bei Łowicz der schnöde Autounfall. Er starb nach wenigen Stunden im Krankenhaus. Wie mehrere Quellen erwähnen, war Munk mit seinem Kleinwagen, einem Fiat 600, wohl an einer Kreuzung mit einem Lastwagen zusammengeprallt. Aber sie sagen nicht, warum. Der Film mit den Auschwitz-Szenen wurde von einem Freund fertiggestellt.

* »Belinda Lee«, IMDb: https://www.imdb.com/name/nm0496856/



Lee Kyung-hwan 24 (1988–2012), südkoreanischer Berufsfußballer, seit 2011 gesperrt, da er mit rund 40 anderen Personen in einen fetten Wettskandal verwickelt war. Am 14. April 2012 sprang er in Incheon, einer Großstadt nahe Seoul, von oder aus einem vermutlich höherem Wohnhaus in den Tod. Damit war er bereits der vierte Freitodler aus der Schar der Beschuldigten, wie Dan Orlowitz berichtete.* Bis dahin hatten sich zwei Spieler und ein Trainer umgebracht. Lee, gelernter Mittelfeld-spieler, habe an der Unsicherheit seiner weiteren Lebensgestaltung gelitten, wenn auch schon erwogen, zur südkoreanischen Armee zu gehen. Da wäre er wahrschein-lich gar nicht so fehl am Platze gewesen.

Allerdings, die Zeiten ändern sich. Drohnen sind Trumpf, und sofern im Außendienst noch Soldaten benötigt werden, nimmt man Kampfroboter, die sind präziser und zuverlässiger. Heute laufen eher zuviele Leute auf diesem Planeten herum, wie man ja auch von Bill Gates hört. Heute träumen Personal- und Arbeitsamtschefs nicht von Niedrigstlöhnen und »Trainingsmaßnahmen«, sondern von Massenselbstmorden á la Jonestown. Die rund 1.000 Menschen umfassende, weitgehend isolierte Siedlung im Nordwesten Guayanas war von dem Sektenchef Jim Jones geschaffen worden, einem früheren Methodisten-Pfarrer aus den USA. Am 18. November 1978 kam es dort zu einer Art Showdown. Nachdem eine durchaus freundlich empfangene Delegation des US-Kongresses, die verschiedenen Vorwürfen nachgehen wollte, in der Tat auf einige Ungereimtheiten gestoßen war, wünschte Jones vermutlich einer Enttarnung zuvor zu kommen. Seine Gorillas verhinderten zunächst den Aufstieg des US-Flugzeuges, wobei es auch schon zu einigen Toten kam; dann ließ Jones seine AnhängerInnen zum Empfang eines Gifttrankes antreten, das Himmelreich sei nahe. Auf diese Weise wurde Jonestown, teils unter Androhung des Erschießens, nahezu entvölkert. Der Urwald war mit Leichen übersät. Auch Guru Jonson kam um; ob durch Selbstmord, ist ungeklärt.**

* »Former K-League player Lee Kyung-Hwan commits suicide after match-fixing involvement«, Goal.com, 16. April 2012: http://www.goal.com/en/news/3800/korea/2012/04/16/3039296/former-k-league-player-lee-kyung-hwan-commits-suicide-after
** Berthold Seewald, »Für den Massenselbstmord mussten sie Schlange stehen«, Welt, 17. November 2018: https://www.welt.de/geschichte/article183999416/Massenselbstmord-Fuer-den-Gift-Cocktail-mussten-sie-Schlange-stehen.html




Lehmbruck, Wilhelm 38 (1881–1919), erfolgreicher Bildhauer, Selbstmord solo. Der Duisburger Bergmanns-sohn und Bildhauer war nicht unerheblich vom zeitgenös-sischem Pariser Kunstgeschehen beeinflußt und lebte, teils mit Familie, selber für etliche Jahre in der Stadt Auguste Rodins und Aristide Maillols. Er brachte sich (1919) mit 38 Jahren um, obwohl es ihm keineswegs an künstlerischem Erfolg, ja sogar Ruhm mangelte. Wahrscheinlich setzten ihm etliche Dinge zu, voran Krankheit, dann Liebeskum-mer, weiter die Entfremdung von seiner Ehefrau Anita Kaufmann, mit der er drei Kinder hatte, und schließlich auch das kriegerische Wirken seines »Vaterlandes«. Die Familie lebte seit 1916/17 in Zürich, da Lehmbruck wegen »Schwerhörigkeit« vom Militärdienst befreit worden war. Sie hatte sich freiwillig und legal in die Schweiz begeben. Allerdings verfängt sich der Bildhauer nun im Liebreiz einer 19jährigen Schauspielerin und schon damals berüchtigten Herzensbrecherin: Elisabeth Bergner. Sie steht ihm Modell, erhört ihn aber nicht. Eine Behandlung beim Arzt und Psychoanalytiker Iwan Bloch, der sich ebenfalls in der Schweiz aufhält, scheint dem unter starken Gemütsschwankungen leidenden Schöpfer des Gestürzten wenig zu helfen.*

Anfang 1919 wegen eines Porträtauftrages nach Berlin gereist, wo er von früher her ein zweites Atelier unterhält, wählt Lehmbruck Ende März den Tod. Traut man den Aussagen der betagten Schauspielerin Bergner, war Lehmbruck damals auch von einer Geschlechtskrankheit gebeutelt, die er sich »bei einer Prostituierten« geholt haben wollte. Von Bergners Liebe habe er sich die einzige Erlösung von diesem prosaischem Leiden versprochen.** Offenbar schwebte ihm eine recht engelhafte Liebe vor. Laut Bazon Brock*** stand der »syphiliskranke« Bildhauer nämlich unter »strengem Kontaktverbot«, was für Bergner wenig verlockend gewesen sein dürfte. Diese damals, ja zuweilen noch heute, wie man sieht, schwerwiegende Geschlechtskrankheit wird in den meisten gängigen Quellen verschwiegen, in den übrigen nur verbrämt gestreift. Meines Wissens erklärte sich Lehmbruck selber zu seinem letztem Schritt überhaupt nicht. Nebenbei teilt auch niemand mit, wie er sich das Leben nahm.

* Dietrich Schubert am 23. März 1979 in der Zeit, ähnlich in NDB Band 14 (1985)
** »Romantisches Kind«, Spiegel 48/1978: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40605907.html
*** »Die formfordernde Gewalt der Leere«, Katalog-Beitrag Köln 2016: http://www.bazonbrock.de/werke/detail/?id=3353&sectid=3080#sect




Lehnkering, Anna 24 (1915–40), als »Schwachsinnige« amtlich ermordet. Die Gastwirtstochter half nach der »Hilfsschule« im Elternhaus mit, seit 1934 in Mülheim an der Ruhr. Sie galt als sanft, gutwillig, umgänglich. Ein wachsamer Kreisarzt sorgte jedoch dafür, daß sie 1935 zwangsweise sterilisiert wurde. Wieder ein Jahr später steckten die Behörden Anna in eine Irrenanstalt bei Kleve am Rhein. Von dort aus sah sie sich im März 1940 im Verein mit rund 450 weiteren Frauen und Männern in die schwäbische Tötungsanstalt auf Schloß Grafeneck verschleppt, wo sie umgehend vergast wurde. Sie war eine Ermordete von geschätzt 200.000 Todesopfern der deutschen faschistischen Beseitigung »unwerten« Lebens, genannt »Euthanasie«. 2012 verfaßte eine Nichte ein Buch über Lehnkering, Annas Spuren – ein seltener Glücksfall. Autorin Sigrid Falkenstein war eher zufällig auf das Schicksal ihrer ermordeten Tante gestoßen.



Leichsenring, Uwe 39 (1967–2006). Der damalige Geschäftsführer der sächsischen NPD-Landtagsfraktion leistete sich im Sommer 2006 ein besonders leckeres »Kavaliersdelikt«. Zwischen Pirna und seiner Heimatge-meinde Königstein auf der Bundesstraße unterwegs, setzte der massige, gedrungene Volksvertreter mit seiner Mercedes-Limousine zum Überholen einer Autokolonne an, prallte jedoch auf einen ihm entgegen kommenden Lastwagen. Leichsenrings Fahrzeug wurde in zwei Teile gerissen; der Lastwagen geriet in Brand. Während Leichsenring noch an der Unfallstelle starb, wurde der Lkw-Fahrer mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus geflogen. Vielleicht wußte es der Verletzte bereits: Im Hauptberuf war Leichsenring, seit 2000, selbstständiger Fahrlehrer gewesen.

Wo bleiben die Linken? Wie erfüllen wir die Frauenquote? Wir schmuggeln eine Über-40jährige ein. Am Abend des 16. Januar 2002 per Autobahn von Bremen nach ihrem Wohnort Bremerhaven unterwegs, entschloß sich die Rechtsanwältin und SPD-Politikerin Hilde Adolf, Mitglied der bremischen Landesregierung, einen Lastwagen zu überholen. Wikipedia meint, dabei habe die 48jährige »aus ungeklärter Ursache bei einer Geschwindigkeit von etwa 160 km/h die Kontrolle über ihren Dienstwagen verloren« … Der von Adolf gelenkte, nun schleudernde Wagen flog aus der Bahn und prallte gegen mehrere Bäume. Sie starb noch am Unfallort. Gespräche mit dem Lkw-Fahrer und Untersuchungen sowohl des Fahrzeugwracks wie des Leichnams ergaben, laut Pressemeldungen, keine Anhaltspunkte für ungünstige äußere Einflüsse (Wetter eingeschlossen)*, technische Defekte oder »Vorerkrankungen«. Heute läge somit der starke Verdacht nahe, Adolf sei an Corona gestorben. Sie hatte zuletzt das Amt der Bremer Senatorin für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales bekleidet. »Hilde bleibt der Maßstab«, überschrieb die Bremerha-vener Nordsee-Zeitung am 9. Dezember 2010 einen Artikel, der eine soeben erschienene Biografie über die flotte Senatorin vorstellte. Im Raum Bremen sind ein Preis und mehrere Örtlichkeiten nach ihr benannt. Da sieht man, wie Leistung und Leichtsinn sich lohnen.

Der Chor der Trauernden ließ sämtliche friesischen Pappelhaine und Windradmasten erzittern, und ich stimme nachträglich ein. Vielleicht hätte Rechtsanwältin Adolf heutzutage noch nicht unbedingt für Zwangssterili-sationen plädiert, aber eine energische Vorkämpferin des Maskenzwangs wäre sie mit hoher Wahrscheinlichkeit gewesen. Die Maske erstickt ja nicht nur die Viren, sondern auch das lästige, von bestimmten Gesichtszügen hervorgelockte Mitgefühl. Kapuze auf, Kopf ab, zack – das wußten schon so manche herzöglichen Henker oder Leibgardisten Allahs zu schätzen. Wieviele Gewissensnöte wären selbst Jim Jones und seinen Gorillas erspart geblieben, hätte man bei Doc McDrosten rechtzeitig ein paar tausend Atemschutzmasken bestellt!

* Nobis / Frischemeyer, »Tragischer Unfalltod der Bremer Sozial-senatorin«, Welt, 18. Januar 2002: https://www.welt.de/print-welt/article369348/Tragischer-Unfalltod-der-Bremer-Sozialsenatorin.html



Lema, Tony 32 (1934–66). Auch das Leben des US-Profigolfers und Playboys endete »jäh und tragisch«, wenn wir der deutschen Wikipedia trauen dürfen – und das müssen wir. Schließlich ist dieser Hort des Wissens inzwischen ein basisdemokratisch angestrichener, laut bösen Zungen von der CIA gesponserter Dinosaurier, dem sich so leicht kein Gänseblümchen auf diesem Planeten mehr entziehen kann. Dazu mehr unter A-35 »Wikipedia«, falls Sie in der Quarantäne unter Langweile leiden.

Als Jüngling Marine-Soldat in Korea, betätigte sich Lema anschließend in der Heimat als Golflehrer und stieg ab 1962 sogar fast raketenartig in die Weltspitze seines Betuchten-Sportes auf. Sein tragisches Schicksal schlug Ende Juli 1966 bei Chicago auf einem Golfplatz zu, der günstiger- und tückischerweise unweit des Lansing Municipal Airports lag. Auf dem Golfplatz sollte Lemas nächstes Turnier stattfinden. So hatte er am Ort seines vorausgegangenen Auftritts, in Akron, Ohio, eine kleine Privatmaschine angeheuert, doch leider ging dieser Beechcraft Bonanza just beim Begutachten der nahe des Flughafens gelegenen Wettkampfstätte der Treibstoff aus – Absturz und Feuersbrunst, und zwar am 17., dem vorletzten Loch des Platzes, wie der zuweilen gutinformierte Spiegel wußte.* Damit hatte sich Lemas Antritt beim gebuchten Turnier des Lansing Sportsman's Clubs erübrigt. Auch seine Gattin Betty (30) und zwei Piloten bissen bei dem »crash« ins Green. Das Wochenblatt verzichtete übrigens auf die von Wikipedia gesichtete Tragik und hielt seinen Lesern stattdessen die einträglichen Geschäfte der ProfigolferInnen vor Augen.

Fast möchte ich glauben, vom exzessivem, meist unbe-denklichem Einsatz des Wortes »Tragik« in unseren Medien werde sogar »Verschwörungstheorie« übertrumpft. Achten Sie einmal darauf, es ist wunderbar widerlich. Mein alter Brockhaus (Band 22 von 1993) behauptet, »tragisch« bedeute 1. schicksalshaft. Demnach liegt in allen bereits angeführten »tragischen« (Un-)Fällen ein Verhängnis vor. Der Bergsteiger konnte nichts dazu. Er folgte dem schicksalshaftem, unerforschlichem Ruf der Berge, als er seine Eisen in den Fels schlug und in einem Spalt desselben landete. Nach gleichem Schema werden die SpringreiterInnen auf die Pferderücken und die Senatorinnen hinter ihre Lenkräder gezwungen. Ein anderes, weniger antikes Wort für Schicksal wäre vielleicht Sachzwang, aber das wäre schon fast zu genau. Man könnte ins Nachdenken kommen. Der Zweck der Übung, so gut wie jedes »schlimme« oder »schreckliche« Ereignis dem erfolgreich globalisiertem, gummihaftem Bezirk der Tragik zu überantworten, liegt aber gerade darin, uns vom Nachdenken zu entlasten. Weder sollen wir argwöhnen, bei bestimmten häufigen Unfällen liege die Grundschuld bei geradezu irrsinnigen und gemeingefährlichen, wenn auch den Aktienkursen und dem »sozialen« Ansehen sehr zuträglichen Gepflogenheiten des Transportes, des Sportes oder des Wirtschaftens überhaupt; noch sollen wir zwischen unterschiedlichen, jedenfalls nicht gleichzeitig erfolgten Unfällen differenzieren.

Wie sich versteht, kann die gutgeschmierte Megamaschine keine Differenzen gebrauchen. Einzelheiten lenken nur ab. Sie lassen die Maustaste einfrieren, während es doch viel günstiger ist, wenn wir hübsch weiterspringen. Sollte mithin, Brockhaus zufolge, »tragisch« 2. erschütternd bedeuten, dann kommt es darauf an, durch erbarmungs-lose Gleichmacherei jede Erschütterung gerade zu vermeiden. »Ja, schrecklich«, gähnt der Online-Redakteur, klickt rechts weiter und schiebt sich mit Links das nächste Stück Pizza zwischen die Zähne. Die Pizza hat ihm ein maskierter Bote gebracht. Er selbst arbeitet maskenfrei. Seine Maske ist der mit Schlagworten und Gemeinplätzen gespanzerte Bildschirm.

* »Tod am 17. Grün«, 21. August 1966: https://www.spiegel.de/sport/tod-am-17-gruen-a-a8399a30-0002-0001-0000-000046414036?context=issue



Lenz, Frank G. 27 (1867–94), US-Weltumradler, fährt seinem Tod entgegen. Als der junge Buchhalter, damals 25, am 15. Mai 1892 die Smithfield Street Bridge in Angriff nahm, die in Pittsburgh, Pennsylvania, über den Monongahela River führt, winkten ihm rund 800 Schaulustige nach. Lenz hatte zu Jahresanfang seinen Job gekündigt, um sich im Auftrag der Overman Bicycle Company und des Magazins Outing zu einer Weltumrun-dung mit einem nagelneuem Fahrrad Marke Victory safety aufzumachen. Dadurch konnten die Eingeborenen in Nordchina erstmals einen Radfahrer bestaunen, während Lenz umgekehrt Reiseberichte und Fotos für die Frühstückstische der Yankees lieferte. Im Hinblick auf sein Fahrzeug, das 28 Kilogramm gewogen haben soll, war der kleine, gedrungene und zähe Sendbote des Fortschritts sicherlich der geeignete Mann, doch in der Türkei wurde er, den meisten Quellen zufolge, durch Wegelagerer gestoppt. Sie töteten den 27jährigen wahrscheinlich im Mai 1894 bei Erzurum in Ostanatolien. Die betreffende zerklüftete Gegend soll für ihre Unwegsamkeit und Unsicherheit bekannt gewesen sein. Es hätte sicherlich alternative Strecken für Lenz gegeben.

Liegt die deutsche Wikipedia richtig, die die damalige New York Times in die Waagschale wirft, wurden die (kurdischen?) Raubmörder nur halbherzig verfolgt. Es gab diplomatische Verwicklungen. Um 1900 ließ sich die türkische Regierung schließlich dazu herbei, Lenz' Mutter eine Entschädigung von 7.500 Dollar zu zahlen. Seinen Vater hatte er übrigens schon in seiner Kindheit verloren.

Selbstverständlich liegt der Verdacht nahe, in Lenzens Unternehmung habe sich mit dem Geschäftsinteresse der Sponsoren und dem lobenswertem Willen zur Völkerverständigung eine gehörige Portion an Übermut oder Leichtsinn gepaart, zumal er sträflicherweise allein reiste, wohl im Gegensatz zu seinem bekanntem Sportskameraden William Sachtleben, der später in der Türkei nach ihm forschte. Buchautor David V. Herlihy* scheint den Fall Lenz nach wie vor für undurchsichtig und ungeklärt zu halten, wie ich dem Magazin Smithsonian entnehme.**

Rund 100 Jahre später fährt man selbstverständlich motorisiert in den Tod. Das heißt, Mann war Motorrad-rennfahrer Peter James Lenz (1997–2010) aus Vancouver, Washington, USA, noch nicht ganz; er starb mit 13. Sein erstes Rennen hatte er, vermutlich auf einem sogenanntem Pocketbike, mit fünf gemacht. Mit 11 wechselte er in die normale 125er-Klasse, wo er als bis dahin jüngster US-Motorradrennfahrer die Lizenz erhielt. Zahlreiche Unfälle konnten ihn (und seine Erziehungsberechtigten) nicht abschrecken. Als der inzwischen 13jährige im August 2010 mit seiner Honda RS 125 bei einem Meisterschaftslauf in Indianapolis, Indiana, antrat, hatte er in der aktuellen Saison bereits an 13 Rennen teilgenommen, dabei fünfmal den Sieg errungen. In der »Aufwärmrunde« zu seinem letztem Rennen wurde es freilich gar zu heiß: an einer Stelle der Piste hatte der Asphalt Blasen geschlagen und die Stelle holprig gemacht. Lenz stürzte, und da der nachfolgende Fahrer Xavier Zayat (12) nicht mehr ausweichen konnte, wurde Lenz von diesem überrollt. Das halbwüchsige »Riesen-Talent« starb am selbem Tage im Krankenhaus. Auf Pisten wie in Indianapolis kommen auch die NachwuchsfahrerInnen schon auf Geschwindig-keiten bis zu 200 Stundenkilometer. Der von Bild überlieferte*** Kommentar von Lenz' Erzeuger Michael wurde vermutlich von den Nachrichtenagenturen gleich an alle KriegsministerInnen der Nato weitergeleitet: »Er starb bei dem, was er am liebsten tat. Die Welt hat eines ihrer hellsten Lichter verloren.« Dafür behielt sie eines ihrer trübsten.

* The Lost Cyclist: The Epic Tale of an American Adventurer and His Mysterious Disappearance, Boston 2010
** Gespräch mit Megan Gambino, »The Unsolved Case of the Lost Cyclist«, 26. August 2010: http://www.smithsonianmag.com/history/the-unsolved-case-of-the-lost-cyclist-57021309/?no-ist
*** »Peter (†13) hatte schon 125 Rennen gewonnen«, 30. August 2010: https://www.bild.de/sport/motorsport/13-jaehriger-stirbt-nach-horror-sturz-in-indianapolis-13799974.bild.html




Leopardi, Giacomo 38 (1798–1837), italienischer Schriftsteller, erliegt verschiedenen Krankheiten. Obwohl ausgemachter Schwarzseher, hätte sich dieser vor allem unter Melancholikern berühmte italienische »Dichter« vermutlich niemals umgebracht. Dazu war er in gewissem Sinne zu feige. Habe ich nämlich verschiedene Stellen in Leopardis Zibaldone genannten Aufzeichnungen richtig verstanden (deutsche Auswahl Das Gedankenbuch, 1985), schreckte ihn die nicht völlig ausschließbare Möglichkeit, durch einen Selbstmord könne man, »um des Zeitlichen willen«, »das Ewige aufs Spiel setzen« – kurz, ihn schreckte, so nahe bei Rom, die Religion.

Leopardi wurde im Lande, schon zu Lebzeiten, vor allem als Lyriker geschätzt. Später erhoben ihn auch die deutschen Philosophen Schopenhauer und Nietzsche zu ihrem Bruder oder Vorläufer. Das Verständnis jener Aufzeichnungen fällt mir nicht leicht, weil der enorm belesene Grafensproß von der Adriaküste als Stilist das Gewundene und Verschachtelte liebte, was möglicherweise seiner Haarspaltewut entsprach. Die Lektüre ist mehr Quälerei als Genuß. Verdammen wir Leopardi aber deshalb nicht, das Schicksal hatte ihn übel genug gestraft. Der kleingewachsene, bucklige Geistesarbeiter kränkelte von Kind auf, wurde seitens der streng katholischen Eltern stets gegängelt und sogar in finanzieller Hinsicht kurz gehalten. Seine frühe Sehschwäche verschlimmerte sich von Jahr zu Jahr. Mehrere angebetete Frauen gaben ihm einen Korb. So erlag er seiner rundum zerrütteten, zuletzt durch Asthmaanfälle und Wassersucht gekrönten Verfassung schon (1837 in Neapel) mit knapp 39 Jahren. Rund 60 Jahre später wurde sein Grabmal im dortigem Parco Virgiliano zum italienischem Nationaldenkmal erklärt. Der Wiener Egon Friedell ehrte ihn (in seiner um 1930 veröffentlichten Kulturgeschichte der Neuzeit) mit dem Satz, Leopardi verwerfe die Welt in so ergreifend schönen Versen, daß er zu ihr bekehre.



Leviné, Eugen 36 (1883–1919), kommunistischer »Rädelsführer« in München, hingerichtet. In St. Petersburg als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren, hatte Leviné, nun nach einer Kindheit in Deutschland, bereits im revolutionären Rußland um 1905 Erfahrungen in der Agitation und mit Mißhandlungen seitens der »Sicherheitskräfte« gesammelt. 1908 von seiner Mutter aus der Haft freigekauft und aus diesem Anlaß nach Deutschland zurückgekehrt, studierte er in Heidelberg Nationalökonomie und schloß mit einem Dr. phil. ab. Während des Ersten Weltkrieges eingezogen, war er in einem Gefangenenlager als Dolmetscher tätig. 1915 verheiratete er sich mit der gleichfalls aus Rußland stammenden Rosa Broido, die später, als Rosa Meyer-Leviné, ein Buch über ihren ermordeten ersten Ehemann schrieb. 1916 aus dem Wehrdienst entlassen, schloß sich Leviné der USPD an. Bei Kriegsende gehörte er zu den Mitgründern jenes Spartakusbundes, der sich kurz darauf KPD nannte. Am 21. Februar 1919 wurde der mäßig republikanisch gesinnte bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner von der USPD durch ein Ex-Mitglied der reaktionären Thule-Gesellschaft ermordet, dem Eisner noch zu linksradikal gewesen war. Angesichts der folgenden Wirren, die üblichen Streitigkeiten in der Linken eingeschlossen, beorderte die Berliner KPD Leviné nach München, wo er in wenigen Wochen eine zwar kleine, jedoch hervorragend organisierte Parteizelle aus dem Boden stampfte. Damit gedachte er allerdings keineswegs Lenin zu spielen und die Macht an sich zu reißen. Bernt Engelmann* schreibt: Nachdem eine »in der politischen Praxis gänzlich unerfahrene Gruppe von intelektuellen 'Edelanarchisten'« um die Schriftsteller Gustav Landauer, Ernst Toller und Erich Mühsam am 5. April eine bayerische Räterepublik ausgerufen und die nach Bamberg geflohene Regierung Hoffmann für abgesetzt erklärt hatte, »waren Levinés Kommunisten die einzigen, die dagegen stimmten und jede Mitarbeit ablehnten, weil sie – durch-aus zu Recht – der Meinung waren, die Räte seien nicht regierungsfähig, verfügten über keinerlei Organisation, hätten weder Waffen noch klare Ziele und könnten nur Unheil stiften.«

Selbst Ernst Toller, Ex-Unteroffizier von der Front bei Verdun, nach Eisners Ermordung Vorsitzender der kleinen Münchener USPD, bald darauf Kommandant der Dachauer Truppen der räterepublikanischen Roten Armee, zudem Schriftsteller, erklärt in seinen 1933 veröffent-lichten Jugenderinnerungen** unmißverständlich: »Diese Räterepublik war ein Fehler.« Nachher ist man eben immer klüger; man sollte gleich nachher leben, wie Günter Eich einmal in seinen Maulwürfen seufzte. Von der Engelmann'schen Warte aus betrachtet, sieht sich Leviné erst nach einigen Putschversuchen des »weißen« Militärs gezwungen, die Führung der nun als »kommunistisch« bezeichneten »Räterepublik« und von deren Abwehrschlacht zu übernehmen, auf daß seine Leute vielleicht »das Schlimmste verhüteten«, wie ihm auch Stefan Großmann in seinen Erinnerungen bescheinigt, die 1930 unter dem Titel Ich war begeistert erschienen. Der Österreicher, der sich damals als Berichterstatter für die Ullstein-Presse vor Ort aufhielt und niemals Kommunist war, nennt den Revolutionär einen »besonnenen« Mann, der sein In-die-Bresche-springen mit dem Leben gebüßt habe. Die im Hofbräuhaus versammelten Betriebs- und Soldatenräte stellen Leviné am 15. April an die Spitze ihres »Aktionsausschusses« und dessen vierköpfigem »Vollzugsrates«. Man verspricht sich unter anderem Auftrieb von der neuen ungarischen Räteregierung unter dem Kommunisten Béla Kun. Aber schon Ende des Monats dringen »die Weißen« in München ein, der Zusammen-bruch deutet sich an.

In dieser angespannten Lage platzt ein Genosse mit der Nachricht in eine Versammlung der Betriebsräte, im von »Roten« besetzten Luitpoldgymnasium seien neun Gefangene erschossen worden, Bürger der Stadt München. Alle sind entsetzt. Toller eilt sofort ins Gymnasium. Da liegen die Leichen in der Tat, allerdings sind es nicht unschuldig gemeuchelte Geiseln, wie anderntags die weiße Presse schreit, vielmehr (in acht Fällen) Mitglieder der erwähnten völkischen Thule-Gesellschaft, die sich bald darauf zur NSDAP mausern wird. Bei diesen Gefangenen waren gefälschte Stempel und Papiere der Räteregierung gefunden worden. Daraufhin hatte sie der Kommandant des Gymnasiums, so Toller, eigenmächtig erschießen lassen. Bekanntlich wüteten die Weißen nach der Niederschlagung der Räterepublik wie tollgewordene Wolfsrudel unter den Besiegten – nun hatten sie einen weiteren Vorwand gefunden. Toller berichtet, unter anderem hätte die weiße Propaganda behauptet, »man habe die Leichen verstümmelt aufgefunden, die abge-schnittenen Geschlechtsteile in Kehrichtfässern entdeckt. Als man zwei Tage später die Wahrheit verkündete, in den Fässern hätten Fleischteile geschlachteter Schweine gelegen, niemand sei verstümmelt worden, hatte die erbärmliche Lüge ihre Wirkung getan.«

Engelmann betont, jene nicht von der Leitung genehmigte Erschießung von neun Gefangenen stelle »die einzige Terrorhandlung von 'roter' Seite aus« dar, die in der ganzen deutschen Revolution von 1918/19 nachweisbar sei. Dagegen schätzt er allein die Zahl der Opfer der damaligen bayerischen »Jagd auf die Roten« auf 1.200 Menschen. Und das sind nur die Toten. Der »geistvolle Gelehrte« Gustav Landauer sei von der Soldateska buchstäblich zertreten worden. Toller hatte Glück; er wurde wenig gefoltert und bekam fünf Jahre Festungshaft. Dem hagerem Leviné mit seiner kräfigen Adlernase, als Russe, Jude und Kommunist in einem das ideale Haßobjekt, versuchte man zunächst die angeblichen »Geiselerschie-ßungen« anzuhängen. Das mißlang – allerdings weigerte er sich, diese Erschießungen ausdrücklich zu verdammen. Gegen ein Kopfgeld von 10.000 Mark von einem Spitzel verraten und am 13. Mai verhaftet, war er Anfang Juni vor ein Gericht gekommen. Es ging kurz und schmerzlos. Er wurde am 4. Juni wegen »Hochverrats« zum Tode verurteilt und anderntags, trotz zahlreicher Proteste, im Gefängnis Stadelheim erschossen.

Der 36jährige nahm es gefaßt. Aus seiner Verteidigungs-rede vor Gericht wurde alsbald der berühmte, auf eine Wortprägung von Eisner zurückgehende Satz gefiltert, Kommunisten seien durchweg Tote auf Urlaub. Dazu paßt Tankred Dorsts Überzeugung, Leviné sei »der Revolutio-när ohne Pose« gewesen, »in seinen politischen Entschlüs-sen ohne persönliche Eitelkeit«, nicht völlig nahtlos. Ich nehme an, Dorst brauchte diesen Leviné als Gegenbild zu Toller, über den er ja (1968) ein Stück schrieb.

Zumindest dürfte es Berufsrevolutionär Leviné an Herzenswärme gefehlt haben. Bei Toller selber kommt er allerdings viel schlechter weg. Für diesen war der Deutsch-Russe ein typischer Bolschewist, nämlich Machtpolitiker und Ränkeschmied. Die deutschen Kommunisten hatten damals durchaus den Räte-, den Sowjetgedanken propagiert, aber als er in München verwirklicht werden sollte, war sich Leviné über die Schwäche seiner Parteigruppe und den geringen Einfluß der Kommunisten im klaren. Für Toller verwarf Leviné eine Räteregierung hauptsächlich deshalb: weil die KP darin nicht die bestimmende Kraft gewesen wäre. Später wuchsen die Sympathien für die Kommunisten, und Leviné sei wieder auf Räteregierungsbildung umgeschwenkt. Im Verein damit setzte er, typisch bolschewistisch, auf die »zün-dende« und »mitreißende« Wirkung von Machtdemon-strationen, eingeschlossen sogar »Strafexpeditionen« gegen Bauern, die sich weigern, München mit Korn und Milch zu beliefern. Toller lehnte sowohl den Gedanken der Abschreckung wie der Vergeltung ab. Die Hinrichtung von Leviné selber nach dem Triumph der Reaktion geißelte er wiederholt, wobei er sich auch weigerte, dem Rivalen Ehre und Charakter abzuerkennen. Der Streit, ja Krieg zwischen den roten Parteien (während die Weißen sich die Hände rieben und auf München zumarschierten) ging ihm buchstäblich an die Nieren; entsprechende bittere Bemerkungen finden sich in seinen Erinnerungen zuhauf. Freilich war die damalige Lage, von solchen Machtkämp-fen zwischen »revolutionären« Führern oder Parteien einmal abgesehen, auch grundsätzlich ausgesprochen schwierig und verworren. Das Thema wird bei Toller besonders auf den Seiten 120–61 und, im Kommentar Wolfgang Frühwalds, 325–33 behandelt. Es kann aber nicht schaden, das ganze Buch zu lesen: sehr empfehlenswert.

* Einig gegen Recht und Freiheit, erstmals 1975 erschienen, Ausgabe Göttingen 1998, S. 68–75
** Eine Jugend in Deutschland, hier: Reclam-Ausgabe 2011




Lewis, Meriwether 35 (1774–1809), von Hause aus Militär; US-Hauptmann und Vertrauter von Präsident Thomas Jefferson. Dieser ernennt ihn zum Chef der bald berühmten Lewis-und-Clark-Expedition zur Pazifikküste, die 1804/06 entscheidend die sogenannte »Erkundung« und »Erschließung« des Westens einleitet, wie ja meist in schöner Verniedlichung verkündet wird. Da war Lewis' Vorname genau das Richtige: »Schönwetter«. Später wird der Hauptmann mit Dank, Ehren und Ämtern überhäuft, verfällt aber gleichwohl schlechter Stimmung und der Trunksucht. 1809 auf dem Weg nach Washington D.C., steigt er in Tennessee in einer Taverne ab, die er nicht mehr lebend verläßt. Man hört nachts Schüsse aus seinem Zimmer: tot. Der Vorfall konnte nie überzeugend aufgeklärt werden; in der Regel wird jedoch Selbstmord angenommen.

In der Unlust, mich näher mit Schönwetter Lewis zu befassen, biete ich im Anhang meinen Text »Präriege-schichten« von 2015 an (A-36). Lewis kommt darin gar nicht vor, dafür jedoch ein polnischer Literaturnobel-preisträger.



Lichnowsky, Felix von 34 (1814–48), Vorbild der literarischen Figur Schnapphahnski. 1850 brachte dem Kaufmann, Schriftsteller und Feuilletonleiter der Kölner Neuen Rheinischen Zeitung Georg Weerth ein selbstverfaßter Fortsetzungsroman drei Monate Gefängnis ein, die er am Erscheinungsort des kommunistischen Blattes absaß. Das Gericht war zu der Überzeugung gelangt, mit seiner häppchenweise servierten Satire Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski habe er das Andenken eines Toten geschändet, nämlich des schlesischen Großgrundbesitzers, spanienerfahrenen Offiziers und Politikers Felix Fürst von Lichnowsky. In der Tat lehnte sich Weerths Titelfigur an den »nationalliberal« und kaisertreu orientierten Abgeordneten an, der zwei Jahre zuvor, 1848, mit 34 Jahren bei den sogenannten Septemberunruhen in Frankfurt/Main ermordet worden war. Hier hatte er, für den Wahlbezirk Ratibor, in der berüchtigten Paulskirchen-»Nationalversammlung« gesessen, die eher einer Schule für Rhetorik als einem Institut fürs Volkswohl glich. Dabei zählte der attraktive, schnurrbärtige Redner aus Ratibor, auch Husar des Parlaments genannt, »zu den hervorragendsten Erscheinungen, obwohl man deutlich fühlte, daß ihm weniger daran lag, zu überzeugen als durch Effekte zu glänzen«, wie sogar sein Fürsprecher Franz Freiherr von Sommaruga einräumt.*

In den linken Reihen machte sich Lichnowsky durch sein reaktionäres und hochnäsiges Auftreten geradezu verhaßt. Bei den besagten Unruhen, als »verhetzte Volksmassen« (Sommaruga) Barrikaden errichteten und die Paulskir-chen-Schwatzbude zu sprengen suchten, setzte sich der Fürst über wiederholte Ratschläge hinweg, sein Quartier lieber nicht zu verlassen, und sprengte in Begleitung des Generals Hans von Auerswald (55), den er überredet hatte, hoch zu Roß in Richtung Stadtrand, wo er hilfsbereite auswärtige Truppen in Empfang zu nehmen gedachte. Sommaruga: »Auf der Bornheimer Chaussee ward er jedoch von einem Haufen bewaffneten Gesindels erkannt, das sofort mit Flinten und anderen Mordwerkzeugen auf die beiden Wehrlosen Jagd machte …« Beide seien wie Hasen erschossen beziehungsweise »in wahrhaft kanniba-lischer Weise erschlagen« worden. Diese Darstellung erscheint keineswegs übertrieben, berücksichtigt man andere zeitgenössische Quellen, die etwa das Wissen-schaftsmagazin der Uni Ffm erwähnt.** Danach waren neben Knüppeln auch Sensen im Spiel. Ich nehme an, Weerths Satire, die ich nicht kenne, schloß keine Begrü-ßung einer derart vergeltungssüchtigen Grausamkeit ein.

Georg Weerth (1822–56) wurde, gerade wie der Geschmähte, auch nur 34. Nach einigen Enttäuschungen, darunter die gescheiterte deutsche Revolution von 1848 und ein zurückgewiesener Heiratsantrag, faßte der gelernte Kaufmann aus Detmold den Plan, sich in Havanna auf Kuba zur Ruhe zu setzen. Das war 1856, als er geschäftlich in Mittelamerika unterwegs war. Diese Ruhe sollte sich freilich, noch im selben Jahr, als Grabesdunkel erweisen. Übrigens hatten damals noch die spanischen Zuckerbarone in Kuba das Sagen, keine Genossen – die Weerth ohne Zweifel, zwecks Bruderkuß, umschlossen hätten. Als ursprünglich demokratisch gestimmter Pfarrerssohn hatte sich Weerth bereits 1838, in Barmen bei Wuppertal, mit dem revolutionärem Versschmied Ferdinand Freiligrath angefreundet. Den entscheidenden Anstoß, sich dem Kommunismus zuzuwenden, gaben Weerth dann um 1845 die erschreckenden sozialen Verhältnisse in England, die ja auch Engels und Marx nicht entgangen waren. In der Tat schloß er sich nach seiner Rückkehr von der britischen Insel dem neuen Bund der Kommunisten an und hob 1848 in Köln gemeinsam mit dem Gespann Marx/Engels die Neue Rheinische Zeitung aus der Taufe. Weerth leitete das Feuilleton.

Im März 1856 nahm Weerth die erwähnte Übersiedlung (von der Karibikinsel Saint Thomas) nach Kuba in Angriff. Allerdings führten ihn im Juli noch einmal Geschäfte nach Santo Domingo. Auf dieser Reise ereilte ihn ein heftiges Fieber, für das Ärzte eine Gehirnhautentzündung und letztlich eine Malariaerkrankung verantwortlich machten. Er kehrte noch nach Havanna zurück, war aber nicht mehr zu retten. Der 34jährige starb Ende Juli 1856, ohne jemals auch nur eine Fahne mit dem Konterfei Che Guevaras erblickt zu haben. In der Calle Aramburu der kubanischen Hauptstadt erinnert eine Gedenktafel an ihn. Möglicher-weise ist auf ihr die erste Strophe von Weerths Gedicht Der Abschied zu lesen. »Meine alte, gute Mutter, / Die nähte die halbe Nacht; / Sie hat mir aus feinem Linnen / Ein feines Hemd gemacht.«

* Artikel über L. in ADB 18 (1883)
** Anne Hardy / Wilhelm R. Schmidt, »Demonstration, Straßenkampf und ein brutaler Mord«, Forschung Frankfurt, Nr. 1/2007, S. 67–70: http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/36050090/Demonstration__Strassenkampf_und_ein_brutaler_Mord_12_.pdf




Lidle, Cory 34 (1972–2006), US-Baseballspieler, Flieger und der nächste 34jährige. Vielleicht war Lidle, zuletzt bei den New York Yankees unter Vertrag, zumindest als Flieger ein Spätzünder. Fünf Jahre nach den berüchtigen, bis zur Stunde ungeklärten Anschlägen auf drei New Yorker Bürotürme prallte er mit seinem eigenem, nahezu nagelneuem Kleinflugzeug Marke Cirrus SR-20 bei guter Sicht gegen das 42geschossige, 156 Meter hohe Apartementgebäude Belaire an der Upper East Side in Manhattan. Die Maschine sei »wie ein Feuerball« auf die Straße gefallen, hieß es in Presseberichten. Es war am frühen Nachmittag des 11. Oktober 2006. Neben dem Ballsportler kam dessen Fluglehrer Tyler Stanger (26) um. Ferner gab es mindestens 20 Verletzte, darunter etliche Feuerwehrleute. Laut amtlichem Untersuchungsbericht war die Maschine wahrscheinlich durch starken Wind vom Kurs und gegen das Hochhaus gedrückt worden. Zudem hätten beide Flieger mit dieser Maschine und den beengten Verhältnissen im Luftraum der Wolkenkratzer-Metropole kaum Erfahrung gehabt. Wer gerade gesteuert habe, lasse sich nicht feststellen.

Zu den Verletzten zählte Ilana Benhuri (50), die nach einem Monat wieder aus dem Krankenhaus durfte.* Sie hatte im 30. Stock von Belaire gerade einen Apfelkuchen für die Schule ihrer 12jährigen Tochter gebacken, als in ihrer unmittelbaren Nähe ein Fenster klirrte und ihre ganze geräumige Eigentumswohnung (vier Schlafzimmer) dröhnte und bebte. Es war ihr eigenes Fenster, in das Lidles Maschine die Propeller-Nase gesteckt hatte. Sie hatte das aber nicht selbst gesehen. Durch die Explosion sei sie in die Luft ihrer Küche geschleudert worden. Dann habe sie geschrieen und nicht mehr so schnell damit aufgehört, weil sie nicht wußte, was eigentlich geschehen war.

* »Woman Burned in Cory Lidle's Plane Crash Released From Hospital«, Fox News, 10. November 2006: https://web.archive.org/web/20110711022239/http://origin.foxnews.com/story/0,2933,228732,00.html



Liedtke, Tanja 29 (1977–2007), deutschstämmige Tänzerin, seit 1997 in Australien tätig. Hier war sie zuletzt zur künstlerischen Leiterin des bedeutendsten australischen Tanztheaters berufen worden, der Sydney Dance Company. Allerdings konnte die 29jährige die Stelle nicht mehr antreten: sie wurde am 17. August 2007 frühmorgens in Sydney unweit ihrer Wohnung beim Überqueren der Straße von einem Wagen der Müllabfuhr erfaßt und getötet. Die deutsche Wikipedia behauptet zum »Unfall« der Tänzerin, die Straße sei ansonsten leer, Liedtke jedoch so »tief in Gedanken« gewesen, daß sie just vor dieses eine Müllauto gelaufen sei. Quellenangabe? Fehlanzeige.

Die Webseite der tanja liedtke foundation kann es jedenfalls nicht gewesen sein, weil dort lediglich von einem für jede Auslegung offenen »Verkehrsunfall« die Rede ist. Vom Sydney Morning Herald war noch am Unfalltag zu erfahren*, Unfallort sei die »inside south lane on the Pacific Highway, near the corner of Hume Street«, im Norden der Metropole gewesen. Der mäßig fahrende Müllwagen habe »Grün« an der Kreuzung und eingeschaltete Warnlampe gehabt. Der 39jährige Fahrer habe sofort die Polizei verständigt. Vollends könnte man bei einem Artikel von Bettina Schulte** ins Grübeln kommen, der den angeblichen Unfall gar nicht behandelt. Ein jüngster Dokumentarfilm über die biegsame Tänzerin mit den langen roten Haaren erwähne den großen Erfolgsdruck, unter dem sie durch die neue Ernennung stand. »Einer ihrer beiden Brüder berichtet, sie habe auf der Höhe ihres Erfolgs bitterlich geweint, weil sie, die geborene Perfektionistin, Angst hatte, den Erwartungen nicht zu genügen.« Auch Liedtkes enger Mitstreiter Paul White meldete Zweifel an der Unfallversion an.*** Die Tänzerin ließ ihren langjährigen Lebensgefährten und Berufskollegen Solon Ulbrich zurück, mit dem sie zusammenwohnte.**** Das Ergebnis der amtlichen Untersuchung wird auch in diesem Fall nirgends mitgeteilt.

* Dylan Welch, »Deep shock over Tanja's death«, 18. August 2007: https://www.smh.com.au/national/deep-shock-over-tanjas-death-20070818-gdqvtl.html
** »Bewegende Doku über die tödlich verunglückte Tänzerin Tanja Liedtke«, Badische Zeitung, 3. Januar 2014: https://www.badische-zeitung.de/kino-rezensionen/grenzenlose-hingabe--79133967.html
*** Andrea Kachelriess, »Sie konfrontiert uns mit Fragen«, Stuttgarter Nachrichten, 1. September 2014: https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.verunglueckte-choreografin-liedtke-sie-konfrontiert-uns-mit-fragen.398b6d21-0246-43e2-82d5-81aafa217bbf.html
**** Wiebke Hüster, »Tanja – Life in Movement kommt in die deutschen Kinos«, FAZ-Blog , 26. Oktober 2013: https://blogs.faz.net/tanz/2013/10/26/tanja-life-in-movement-kommt-in-deutschen-kinos-448/




Linley, Thomas junior 22 (1756–78), englischer Musiker und Kahnfahrer. Linley hatte frühzeitig begonnen, als Geiger, Konzertmeister und Komponist in die Fußstap-fen seines im Londoner Musikleben mittonangebenden Erzeugers zu treten. Im Sommer 1778 weilte er mit seinen Schwestern als Gast des Duke of Ancaster in Grimsthorpe Castle, Lincolnshire, wozu auch ein See gehörte. Am 5. August mit zwei Freunden auf Kahnpartie, kam ein Sturm auf. Der Kahn kenterte, Linley ertrank. Das Ergehen und die Rolle der Freunde wird in den mir zugänglichen Quellen nicht beleuchtet. Aus dem Londoner Morning Chronicle vom 11. August wird lediglich zitiert, mit dem blutjungem Linley junior sei die Gesellschaft um ein »vorzügliches Schmuckstück seines Berufstandes« gekommen und überhaupt »eines tüchtigen und wertvollen Mitgliedes beraubt« worden. Wenn keine Totschläger, waren die beiden Freunde vielleicht nur Schuhsohlen gewesen. Ein anderes »Wunderkind«, den gleichaltrigen Wolfgang Amadeus Mozart aus Wien, den Thomas 1770 in Florenz getroffen hatte, traf der Verlust vermutlich nicht ganz so stark.

Ein Unglück kommt selten allein. Ein jüngerer Bruder des »englischen Mozarts«, Samuel Linley (1760–78), war begabter Sänger und Oboist, entschied sich jedoch für eine militärische Laufbahn. Mit 18 Jahren Offiziersanwärter bei der Marine, zog er sich schon bei seiner ersten Fahrt ein Fieber zu, dem er Ende desselben Jahres 1778 in London erlag. Sein mit 74 Kanonen bestückter Segler war HMS Thunderer gewesen. Auf diesem gezimmertem »Sturm« oder »Donner« hätte Samuel selbst ohne Feindeinwirkung ohnehin nur eine geringe Lebenserwartung gehabt: das Kriegsschiff geriet im Oktober 1780, keine zwei Jahre darauf, bei Jamaika in einen verheerenden Hurrikan. Alle Mann* gingen über Bord. Die »Königliche Marine« verlor auf einen Schlag 15 Schiffe. Im ganzen forderte dieses berüchtigte Unwetter mindestens 20.000 Todesopfer.

Wenn man so will, war Samuel Linley in jenem verdammt stürmischem karibischem Oktober auf HMS Thunderer gleichsam durch den Fähnerich Nathaniel Cook (1764–80) vertreten. Der Sohn des berühmten Kapitäns James Cook kam schon mit 15 oder 16 um.

* Angeblich schlappe 617, ein ganzes walisisches Dorf: Edwin S. Grosvener, »British Ships Lost in 1780 Hurricanes«, American Heritage, Volume 65 Issue 5, September 2020: https://www.americanheritage.com/british-ships-lost-1780-hurricanes



Linné, Elisabeth Christina von 39 (1743–82). Die älteste Tochter des berühmten schwedischen Systema-tikers scheint leider in erster Linie nicht gleichfalls Botanikerin, vielmehr Ehefrau gewesen zu sein. Man hatte sie als 21jährige mit dem Major Carl Fredrik Bergencrantz verheiratet. Ein Sohn, Carl mit Namen, starb. Schon nach wenigen Ehejahren schnappte sich Elisabeth ihre Tochter Sara und flüchtete sich in ihr Elternhaus zurück. Das stand vermutlich in Uppsala, wo der Vater lehrte. Laut verschiedenen Quellen hatte sich Elisabeth so den Mißhandlungen durch ihren Gatten entzogen. Ihre Mutter soll prompt behauptet haben, letztlich sei sie, mit 39, auch an denen gestorben. Die Quellen stützen sich auf das 2007 veröffentlichte Buch Kvinnorna kring Linné (Die Frauen um Linnaeus) von Petronella Kettunen und Mariette Manktelow. Auch Sara soll nicht alt geworden sein. Als Botanikerin gilt Elisabeth als Entdeckerin eines speziellen Glitzerns orangeroter Blüten, das sogar in Goethes Farbenlehre einging.



Litten, Hans 34 (1903–38), jüdischer linker Rechts-anwalt, erhängte sich eigenhändig im KZ Dachau, wie zumeist angenommen wird. In meinem 24bändigem Brockhaus (Band 13 von 1990) kommt er nicht vor. Der Rockmusiker Little Richard war wichtiger. Selbstverständ-lich muß Litten als Mordopfer begriffen werden. Eine Flucht hatte er mit dem Argument verworfen, viele Tausend deutsche ArbeiterInnen müßten ebenfalls im faschistischen Deutschland ausharren, weil ihnen die Mittel zur Flucht fehlten. Einige von ihnen hatte er vor Strafen bewahrt. Prompt wurde auch Litten am frühen Morgen des 28. Februar 1933, während der Reichstag noch qualmte, aus dem Bett geholt und in »Schutzhaft« genommen.

Der Sohn eines reaktionären preußischen Justizrates und einer künstlerisch interessierten Ingenieurstochter hatte schon früh ein starkes Gerechtigkeitsempfinden ausgeprägt. Er schloß sein Jurastudium in Berlin ab und ließ sich dort 1928 gemeinsam mit seinem in der Roten Hilfe engagierten Kollegen Ludwig Barbasch als Anwalt nieder. Zu den Höhepunkten von Littens Laufbahn zählte der Edenpalast-Prozeß vom Mai 1931, bei dem es um einen SA-Überfall auf proletarische Besucher eines Tanzlokals ging. Es gelang Litten, Adolf Hitler vorzuladen und derart in die Enge zu treiben, daß sich der zukünftige »Reichs-kanzler« in einem Wutanfall bloßstellte. Das vergaß er Litten selbstverständlich nicht. Im selben Jahr brachte der rote Rechtsanwalt durch eine Finte (Jungkommunist Heidrich ohrfeigt Polizeipräsident Zörgiebel) ein Gericht zu dem Eingeständnis, am sogenannten Blutmai 1929 habe es ohne Zweifel antikommunistische Exzesse der Berliner Schutzpolizei gegeben. Gleichwohl wird Karl Friedrich Zörgiebel nie belangt. 1953 erhält er (für 32 tote und rund 200 zum Teil schwer verletzte Demonstranten oder Schaulustige) das Große Bundesverdienstkreuz, diesmal in der Bonner Demokratie.

Die folgenden Angaben entnehme ich vorwiegend Irmgard Littens Buch über ihren ermordeten Sohn, das erstmals 1940 in mehreren Ländern zugleich erschien.* Danach war Hans Litten, obwohl weit links stehend, erklärtermaßen parteilos. Olden nennt den jungen Berufskollegen einen »revolutionären Christen«, spricht von seinem »heiligem Eifer«, seiner Sorgfalt, seiner Uneigennützigkeit. Daher auch jene Weigerung zu fliehen, obwohl, wie seine Mutter versichert, im Ausland ein Haus und ein Geldguthaben auf ihn warteten. In linken und liberalen Kreisen genoß er einen hohen Ruf. Nach Irmgard Litten beziehungsweise den vielen Zeugnissen, die sie anführt, war ihr Sohn auch in der mehrjährigen Haftzeit vielverehrt. Er galt als vorbildlich, äußerst gelehrt und strikt solidarisch, verriet also auch niemanden, obwohl er wiederholt Zeiten schwerer Mißhandlungen und Folterungen durchzu-machen hatte. Vom erschreckend verbreiteten Sadismus des Nazi-Personals einmal abgesehen, verdankte er diese Qualen vornehmlich jenem Zusammenstoß mit Hitler vor Gericht, sodann seiner Weigerung, das Anwaltsgeheimnis zu brechen und erwünschte Auskünfte über andere Straf-sachen zu liefern. Lieber unternahm er an Gipfelpunkten der Züchtigung (mehrere) Selbstmordversuche, etwa mit Zyankali, das seine Mutter, die ihn, soweit gestattet, unermüdlich besuchte, oder andere Freunde besorgt hatten. Wie er immer wieder zu Heiterkeit und Tatkraft zurückfinden konnte, ist schwer zu verstehen. Neben seiner Gerechtigkeitsgläubigkeit spielten wohl Gutherzigkeit und ein asketischer Zug mit. Litten war in der Freiheit strenger Vegetarier, also auch Tierfreund gewesen. Daneben liebte er Kinder, hatte aber selber offenbar keine.

Und ja, er liebte das Recht. Ob er vielleicht auch Rechthaber war, kann ich schlecht beurteilen. Ohne Zweifel ging sein »asketischer Zug« mit einer gewissen Sturheit einher, mit der er in seinen vielen Diskussionen und KZ-Lehrveranstaltungen seine zum Teil recht abseitigen Auffassungen verfocht, ob sie nun politische Maßnahmen oder die Rolle des Mittelhochdeutschen im Schulunterricht betrafen. Vielleicht war er in dieser Hinsicht gerade nicht sonderlich duldsam. Sollte er also auch einen fanatischen Zug besessen haben, scheint mir doch sicher, obwohl es nirgends ausdrücklich gesagt wird, daß er konsequent friedliebend war, es also verabscheute und ablehnte, irgendetwas, ob Meinung, Parteilinie, Recht, Unrecht oder Laune, mit Machtmitteln durchzusetzen. Andernfalls wäre er Kommunist geworden, nicht revolutionärer Christ. Olden weist sehr richtig und fast unübertrefflich prägnant darauf hin, Wert und Würde jeder Rechtsprechung beruhten hauptsächlich auf der Unvoreingenommenheit der Richter und der Glaubwür-digkeit der Zeugen und des Eides. Also nicht etwa hauptsächlich auf Buchstabengläubigkeit, wie ich schon früher wiederholt betont habe. Doch in jener »Welt des Kampfes und der moralischen Abstumpfung« um 1930 sei dieses Fundament mehr und mehr der »Parteileiden-schaft« zum Fraße gefallen, also dem Clandenken, der Eigennützigkeit, der Vorteilsnahme, dem Kampf um die Macht. Selbstverständlich schließt dieser Machtkampf nicht nur die Rechtsbeugung, sondern den Betrug mit allen Mitteln ein. Und sehe ich mich um, haben wir dieses Klima, bei dem man das Recht getrost in der Pfeife rauchen kann, heutzutage, um 2020, schon wieder. Auf allen Kanälen wird schöngefärbt und verleumdet; auf allen Kanälen wird zur Lüge erzogen; der aufrichtige Mensch gilt bereits als krank.

Littens Schicksal erinnert in vielem an den anarchistischen Schriftsteller Erich Mühsam, den seine Mutter auch wiederholt erwähnt. Allerdings wissen wir, im Unterschied zu Mühsam, in puncto Liebschaften Littens, auch durch seine Mutter, rein gar nichts. Vielleicht war er auch in dieser Hinsicht entsagungsvoll, eben ein »Heiliger«, aber offenbar um keinen Deut hochnäsig, obwohl er »aus guter Familie« stammte. Als junger, unermüdlicher Rechtsan-walt in Berlin hatte er, laut Mutter, eine »Sekretärin« namens Margot Fürst, die bei seiner Verhaftung (1933) erst um 20 war. Seine Geliebte war sie kaum. Sie wohnten zwar auch zusammen, jedoch gemeinsam mit Margots Gatten Max Fürst, einem Tischler und Jugendfreund Hans Littens, und den Kindern dieses Ehepaares. In dieser gemeinsamen Wohnung war Litten verhaftet worden.

Margot beteiligte sich dann beträchtlich an den geradezu titanischen Bemühungen seiner Mutter um Haftverbesse-rung und Freilassung. Übrigens gibt Frau Litten zahlreiche Gespräche derart ausführlich wieder, daß man ihr Gedächtnis gewaltig nennen muß, desgleichen ihren Fleiß, mit dem sie diese Gesprächsszenen entweder gleich zu Hause protokolliert oder aber später erinnert hat. Man gewinnt den Eindruck, der etwas schwülstige Titel ihres Buches sei nicht verfehlt, nämlich sie habe fünf Jahre lang nur für die Rettung ihres Sohnes gelebt. Dabei bleibt sie stets bescheiden und hält sich selber und den Rest der Familie im Hintergrund. Selbst von ihren Gefühlen, darunter vor allem Sorgen, Ängste, Gram, gibt sie wenig preis. Als junge sächsische Ingenieurstochter und Liebhaberin der Kunstgeschichte war Irmgard betrüblicherweise an den weit rechts stehenden Juristen Fritz Litten geraten, der es (in Königsberg) bis zum Universitätsrektor, »Geheimen Justizrat« und Berater der preußischen Regierung brachte. Sein Verhältnis zu Sohn Hans war »schlecht«. Dafür wurde Irmgard Litten in ihrem Kampf von Hans' Brüdern Rainer und vor allem Heinz unterstützt, beides (linke) Theaterleute. Rainer, auch Filmschauspieler, floh vor Verfolgungen, über Frankreich, in die Schweiz; Heinz, als Dramaturg in Chemnitz gefeuert, harrte noch aus. Nebenbei war der ganze Kampf natürlich sehr kostspielig, aber am Geld scheiterte in diesem Fall nichts. Zudem konnte Irmgard Litten zahlreiche »Beziehungen«, teils zu Ministern, in die Waagschale werfen – vergeblich. Man kann daraus erse-hen, welche Kragenweite dieser Todfeind der Faschisten (und von Hitler persönlich) namens Hans Litten besessen haben muß. Ferner ist es, bei der Vornehmheit seiner Mutter, umso erstaunlicher, wenn diese wiederholt keinen Hehl aus ihrem Haß auf die Faschisten macht. Sie träumt sogar von Rache, Abrechnung, Vergeltung.

Was daraus wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. 1933 amtsenthoben, ging ihr Gatte mit ihr nach Berlin, und dann, bald nach dem Tod von Sohn Hans, nach London ins britische Exil. Dort arbeitet Irmgard Litten an ihrem Buch sowie, zwecks Geldverdienst, für das »Informationsmini-sterium« und die BBC. 1950, schon verwitwet, kehrt sie nach Deutschland zurück – und zwar nach Ostberlin. Dort stirbt sie drei Jahre darauf mit 73. Eine schwergeprüfte und bewundernswerte Frau.

Hanna Litten (1920–42) war zwar Berlinerin, aber offenbar nicht mit dem Rechtsanwalt verwandt. Die junge dunkel-haarige Jüdin wollte gern Bühnenbildnerin werden, war allerdings aufgrund der Verhältnisse auf den jüdischen Kulturbund eingeengt. Nachdem auch dieser (Ende 1941) geschlossen worden war, sah sie sich bald ins Ghetto Riga verschleppt. Dort wurde die 22jährige Ende Oktober 1942 im KZ Jungfernhof erschossen. Die äußerst schütteren Internet-Angaben über sie dürften aus Kay Wenigers Lexikon Zwischen Bühne und Baracke von 2008 stammen.

** Eine Mutter kämpft gegen Hitler, hier DDR-Ausgabe Rudolstadt 1985, Originalvorwort von Rudolf Olden



Litton, Jerry 39 (1937–76), Viehzüchter und Politiker aus Chillicothe, Missouri, USA. Er hatte zuletzt eine Wahl zum US-Senat gewonnen, konnte seinen Sitz aber nicht mehr einnehmen, weil er auf dem Weg zur Feier seines Wahlsieges – die Party sollte in Kansas City, Missouri, steigen – aufgrund eines Maschinenschadens schon unweit seiner Ranch mit einem Kleinflugzeug in ein Sojabohnen-feld stürzte. Das war am 3. August 1976. Die Beechcraft Baron explodierte und brannte aus. Alle sechs Insassen kamen um. Das waren, laut englischer Wikipedia, neben Litton dessen Gemahlin Sharon, seine zwei Kinder Linda und Scott (um 13), der Pilot Paul Rupp Jr. und ein Sohn von diesem, Paul Rupp III.

Vermutlich hätte ich an solchen Vätern wenig Geschmack gefunden. Kürzlich kam mir im Internet John Sturges' Italowestern Wilde Pferde (auch Chino genannt) von 1973 unter. Ich gestehe, ich blieb gefesselt daran hängen, obwohl ich seit Jahrzehnten ein Verächter allen Kinos bin. Dieser bemerkenswert ruhige, schlichte Film erspart dem Publikum immerhin Effekthascherei und Happyend. Eigenbrötler Chino Valdez, ein Halbblut und Züchter von Mustangs, weicht der Niedertracht und der Übermacht seiner »zivilisierten« Feinde. Die Frau, die er heiraten wollte, schlägt er sich aus dem Kopf. Er läßt seine Herde laufen, brennt seine Ranch nieder und verschwindet. Sogar den Jungen gibt der von Charles Bronson gespielte »misfit« frei. Der blonde Jamie, um 15, war ihm zugelaufen. Vincent van Patten, geboren 1957, bewältigte diese Kinderrolle ausgezeichnet. So einen hätte ich vielleicht als Enkel und Gralshüter meiner weitgehend unbekannten musikalischen und literarischen Werke akzeptiert, darunter die Betrachtung »Klappe zu, Affe tot« – mehr wird hier nicht verraten. Aber nein, Van Patten zog es vor, Filmstar, Tennisas, Sportreporter und Pokerspieler zu werden, wie im Internet zu erfahren ist. In sieben Poker-Turnieren soll er unlängst über 100.000 Dollar eingespielt haben, das ist doch recht beachtlich. Meine Werke hätten das nicht abgeworfen.

Als die bis dahin ruhmreiche Laufbahn des schwedischen Eishockey-Torwarts Stefan Liv (1980–2011) abriß, wurde es opferreicher. Zuletzt beim russischem Spitzenclub Lokomotive Jaroslawl unter Vertrag, war Liv am 7. Sep-tember 2011 dienstlich mit fast sämtlichen Clubkamera-den nach Minsk aufgebrochen. Die Chartermaschine kam aber kaum über Jaroslawl, eine Großstadt an der Wolga, hinaus. Angeblich wegen Pilotenfehlern, gewann sie keine Höhe und stürzte in einen Seitenarm der Wolga. Von 45 Personen an Bord kamen 44 um, darunter der 30jährige Schwede. Seitdem ist der Jaroslawl-Flugunfall noch berühmter als Liv selber.



Livry, Emma 20/21 (1842?–63), französische Ballerina. Sie mußte keine gut aufgetankte, gut brennbare Flugmaschine bemühen, wie Politiker Litton – in ihrem Fall zeitigte das Streben nach Rampenlicht buchstäblich tödliche Folgen. 1860 hatte die blutjunge Ballerina halb Paris als Schmetterling in Marie Taglionis Ballett Le Papillon hingerissen. Die Musik stammte von Jacques Offenbach. Zwei Jahre darauf kam Livry bei einer Bühnenprobe in der Pariser Oper mit ihrem Kostüm dem sogenannten, damals noch mit Gas betriebenem Rampenlicht zu nahe. Das Kostüm fing Feuer. Livry soll einer lebenden Fackel geglichen haben. Sie erlag ihren schweren Brandverletzungen, um 20 Jahre alt, im Sommer 1863, wobei freilich auch Behandlungsfehler im Spiel gewesen sein sollen. Zwar war zu ihrer Zeit bereits »Brandschutzkleidung« im Schwange, doch Livry und andere TänzerInnen hatten diese als »zu häßlich und zu steif« abgelehnt. Ein aufgeklärter Tänzer hätte vielleicht gesagt, die Schutzkleidung enge ihn ein, ja sie mache ihn geradezu krank.

Man stelle sich einmal vor, einem afrikanischem Steinzeitjäger seien plötzlich beispielsweise mittelalterliche Ritter, heutige RadfahrerInnen, ÖlschlicksammlerInnen, Unfallärzte, Feuerwehrleute und andere »Sicherheits-kräfte« begegnet – er hätte entsetzt gedacht, sie kämen vom Mond. All diese teuer (von Löhnen oder Steuern) bezahlten Rüstungen sind auf Seiten ihrer TrägerInnen für Schwitzbäder, Atemnot, Hautausschlag und Herzinfarkt, auf Seiten Dritter für Angst und Grauen gut. Es wird nicht mehr lange dauern, dann trägt auch der gewöhnliche Passant auf der Straße nicht mehr Maske, vielmehr Imker- oder Astronautenkluft, damit die Viren nicht so leicht zustechen können. Frauen in arabischen Ländern sind das bereits gewöhnt. Aber sie kennen eine wichtige Faustregel der Zivilisierung nicht: Je mehr Dinge und Einrichtungen wir zur Steigerung unseres Wohlbefindens erfinden, desto aufwendiger unsere Mühen, uns vor deren verderblichen Auswirkungen zu schützen. Im Falle des Staates fällt das schon fast von Gründung an zusammen. Und sei es, indem die aus dem einen Staat Verjagten oder Ausgetretenen einen anderen Staat gründen, einen sogenannten Freistaat nämlich, wie um 1800 in Nordamerika.

In diesem Sinne spricht die französische Wikipedia weise Worte. Livry wandte sich also brennend und schon fast nackt auf der Bühne. Da habe ihre Lehrerin, eben jene ehe-malige Tänzerin Marie Taglioni, nach einem Abschmink-topf geschrieen und Livry gleich darauf, in dem Glauben ihr zu helfen, mit dem Fett beschmiert. »Das Heilmittel erwies sich als schlimmer als die Krankheit.«



Löbel, Renatus Gotthelf 31 (1767–99), ein möglicher-weise wichtiger Kollege von mir, Lexikograf. Der Sohn eines sächsischen Finanzbeamten hatte zunächst Jura studiert und machte darin (1791 in Leipzig) seinen Doktor. Er warf sich jedoch zunehmend auf Schriftstellerei und Rhetorik. Ab 1796 war er Mitherausgeber und Redakteur eines Conversationslexikons mit vorzüglicher Rücksicht auf die gegenwärtigen Zeiten, das ihn ziemlich bekannt machte. Für ihn reichte es allerdings nur zu drei Bänden, weil er bereits 1799 unter die Erde kam, 31 Jahre alt. Das Werk wurde 1808 von Friedrich Arnold Brockhaus gekauft und stellte damit einen Vorläufer der heutigen Brockhaus Enzyklopädie dar.

Löbels Todesumstände? Seine Gesundheit? Gar seine sonstigen persönlichen Verhältnisse? Eine komplette Fehl-anzeige. Habe ich nichts übersehen, ist die Quellenlage zu Löbel äußerst betrüblich. Selbst in der Sächsischen Biografie wird man mit ein paar statistischen Angaben abgespeist.* Stadt- und Staatsarchivare aus Leipzig machen sich immerhin die Mühe mir mitzuteilen, sie wüßten beziehungsweise fänden leider auch nicht mehr.

Nehmen Sie einstweilen mit meiner kleinen, vor mindestens 10 Jahren verfaßten Betrachtung »Das Schein-Lexikon« Vorlieb. Sollte es nicht mehr in meinem Blog stehen**, bestellen Sie es (kostenlos) als PDF.

* https://saebi.isgv.de/person/snr/24183
** https://siebenschlaefer.blogger.de/stories/2083520/




Løchen, Kalle 28 (1865–93), norwegischer Maler und Schauspieler, telegrafiert und stirbt. Zunächst reist er 1889 mit Freund Edvard Munch nach Paris. Løchen gilt als Doppelbegabung und hat auch oder sogar vorwiegend auf dem Theater Erfolge, obwohl er nie eine diesbezügliche Ausbildung erfuhr. Seine Gemälde werden eher belächelt oder beschimpft. 1892 stirbt seine etwas ältere Gattin Anna Cathinka Charlotte Brun (Heirat 1886), eine groß- und dunkeläugige Schauspielerin aus Bergen, ebendort mit knapp 30. Der Grund ist mir unbekannt. Zwar kommt Løchen zu einer neuen Braut – falls diese nicht bereits der Grund gewesen ist.* Er verliert jedoch die beiden Töchter Esther und Nanna an Bruns Familie, säuft und erschießt sich schon 1893 in einem Wald bei Oslo. Vorher schickt der 28jährige dem Intendanten seines (Osloer) Theaters die Todesnachricht per Telegramm. Eine Begründung scheint er sich erspart zu haben. Das sind natürlich bühnenreife, gern aufgegriffene Künstlergeschichten. Dafür sehe ich im Internet keinen, der auf Anna Brun oder wenigstens deren Tod einginge. Es sei denn, ein Rolf Løchen tut es; er veröffentlichte 1965 in Oslo Kalle Løchen: En kunstner i »Bohêmetiden«, offenbar eine heimische Biografie.

* Wohl die Schauspielerin Anna Nielsen



Lödel, Adi 17 (1937–55), Hamburger Schauspieler, wird »völlig überraschend« zum Selbstmörder. Der Hamburger Arbeitersohn hatte seinen Vater 1939 als Zweijähriger durch einen Unfall verloren. Zwecks Gelderwerb, auch für den Stiefvater und die Geschwister, machte er nach dem Krieg beim NDR-Kinderfunk mit und ergatterte auf diesem Wege schon als 12jähriger Knabe Synchronsprecher-Aufgaben in nordamerikanischen Western. Offenbar war er begabt. Er nahm Unterricht (den er sich durch Boten-gänge für den NDR finanzierte) bei Joseph Offenbach vom Hamburger Schauspielhaus und debütierte ebendort 1951 in dem Stück Hans im Totoglück. Er wirkte auch weiter an Hörspielen und Kinofilmen mit. Einen gespaltenen Hitlerjungen spielte er 1951 so gut, daß dem Regisseur Anatole Litvak Tränen der Rührung in die Augen traten. Die Flensburger Städtischen Bühnen stellten Lödel ein festes Engagement in Aussicht. Warum er sich an einem Juniabend des Jahres 1955 zum Entsetzen seiner Familie als 17jähriger gut beschäftigter Nachwuchskünstler am Dachvorsprung der elterlichen Wohnbaracke mit Hilfe einer Wäscheleine aufhängte, ist dem Spiegel zufolge* ziemlich rätselhaft. Er hinterließ keine Erklärungen. Depressive Anwandlungen hatte er nie gezeigt. Freunde meinten allerdings, er habe sich dummerweise stets in Mädchen verliebt, die bereits vergeben waren. An besag-tem Abend hatte es wohl eine milde Abfuhr durch die 19jährige Serviererin H. gegeben.

Hamburger Privatdetektive, die einmal Lödels Spuren aufnehmen, könnten sich eigentlich auch gleich um dessen angeblich (1939) verunfallten Vater kümmern. Das soll der Fahrzeugmechaniker August Hoff gewesen sein – vermut-lich ein Frühverstorbener mehr.

* »Die rätselhafte Filmszene«, 5. Juli 1955: https://www.spiegel.de/politik/die-raetselhafte-filmszene-a-2562f09b-0002-0001-0000-000031970671?context=issue



Fortsetzung Lom—Marj
°
°