Donnerstag, 21. Oktober 2021
A-33→Kratzende Hosen
2007

Wollten die Fahnder der GEZ mich foltern, um endlich das Versteck meiner unangemeldeten Rundfunk- und Fernseh-geräte herauszubekommen, brauchten sie mich bloß in einen edlen Anzug aus reiner Schurwolle zu stecken und meine Hände zu fesseln. Nach wenigen Minuten wäre ich geständig.

Meine Haut ist nämlich leider von Natur aus das Gegenteil eines dicken Fells. Selbst unter den weichsten Baumwoll-hosen treibe ich selten eine auf, in der ich nicht wie auf glühenden Kohlen säße. Als Kind hat mich so gut wie alles überall gekratzt. Das meiste, von den Kniestrümpfen bis zur Pudelmütze, war freilich aus Schurwolle. Vielleicht lagen die Baumwollfelder überwiegend brach, weil die Neger bereits zu GI's für die Befreiung des bolschewisti-schen Lagers umgeschult wurden. Bei den Hosen war zudem die messerscharfe Bügelfalte unabdingbar – an der Börse so wichtig wie beim Bund. Sie schnitt mich, den Träger der Hose. Die Schriftstellerin und Försterstochter Marlen Haushofer hätte mich verstanden. Um 1930 wurde sie insbesondere durch lange derbe Wollstrümpfe gequält, die vermutlich die Wirksamkeit von Kaminfegebürsten aus Draht hatten.

Die Kriegserklärung an alles Körperliche und Sinnliche liegt hier auf der Hand. Im Internat der Ursulinen in Linz, wo Marlen die Schule besuchen muß, findet vorschrifts-mäßiges häusliches Baden im Unterhemd statt. Die gleiche Vorschrift bereitet den jungen Heldinnen von F. G. Jüngers ausgezeichneter Erzählung Im Kloster Verdruß – allerdings auch Spaß, weil der Sinn von Verboten ja darin liegt, unterlaufen zu werden. Ich dagegen hatte nichts zu lachen. Vor jeder Familienfeier grauste mir, wurde ich doch in weiße Schurwollhemden gesteckt, die auch noch »gestärkt« worden waren. Ein Familienverband aus grobkörnigem Schleifpapier hätte die gleiche Wirkung erzielt.

Behalf ich mir auch im Sommer zuweilen mit langer Unterwäsche, war ich im Umkleideraum der Turnhalle das Gespött des Tages. Die knisternden Nylon- und Perlon-hemden des Dressurreiters Josef Neckermann spornten auch mich tüchtig an. Meine Erlösung kam in den späten 60er Jahren, als sich sogenannte Gammler auf die Straßen wagten. Bild hätte sie am liebsten in die Kanalisation gescheucht und Giftgas hinterhergepumpt. Heute ist »lummelige« Kleidung in. Jahrgang 70 statt 50, und mir wären Jahre eines von willkürlichen gesellschaftlichen Übereinkünften ausgeübten Terrors erspart geblieben.

Die Steinmeiers und Diekmanns drängts trotzdem in die Krawattenschlaufe. Ob Kettenhemd oder Korsett; Scham-kapsel, Reifrock, Stehkragen, Büstenhalter, Stöckelschuh – an der Geschichte der Mode fällt der sadomasochistische Zug auf. Der Zwillingsbruder des uniformierten Monsters, das auf Demonstranten einprügelt, ist der nackte Jesus Christus an seinem selbsterwähltem Kreuz. Der trägt Dornenkrone. Wo man hinguckt, Zwang.

Man könnte sich sicherlich fragen, ob meine frühe Dünn-häutigkeit wirklich den patriarchalen Prügel anlockte oder nicht eher umgekehrt erst der früh gezückte Prügel für die Dünnhäutigkeit sorgte. Es dürfte aber Jacke wie Hose sein.
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