Donnerstag, 21. Oktober 2021
A-32→Zollstock
2007

Die meisten HandwerkerInnen würden sich nackt fühlen, ragte ihnen nicht aus irgendeiner Tasche ein Zollstock heraus. Der Diplomatenkoffer meines letzten Chefs – ein Raumausstattermeister – hieß im Belegschaftsjargon Ausmeßkoffer. Er hatte stets drei Zollstöcke zu enthalten, weil der Chef mindestens einen davon garantiert beim Kunden liegen ließ. Damit drohte er nichts Geringeres als seine Seele zu verlieren.

Der Bodenverleger wird vielleicht einwenden, bevor er Linoleum bestelle, komme er nicht umhin, das betreffende Zimmer genau auszumessen. Das trifft sicherlich zu – solange wir Geldwirtschaft haben und Linoleum sündhaft teuer ist. Wenn nicht, täte es doch eigentlich auch ein Abmessen mit Schritt und Fuß. Was die Volkswirtschaft allein durch die Einstellung der Produktion von Zollstök-ken, Bandmaßen und Laserstrahl-Meßgeräten einsparte! Da fielen ein paar Fuß Linoleumverschnitt gar nicht mehr ins Gewicht.

Das gleiche gilt selbstverständlich auch für andere Meß-geräte wie beispielsweise Waagen. In den vier zentralen Depots der thüringischen Zwergrepublik Konräteslust, wo ver- und geteilt statt verkauft wird, ist es völlig wurscht, ob einer für seine Wohngemeinschaft drei oder vier oder 3,27 Pfund braunen Rohrzucker mitnimmt. »Bummelt« er auf seinem Fußweg zum Depot, bricht die Republik auch nicht zusammen. Wir dagegen beten die Beschleunigung und infolgedessen Uhren an. Um eine Wiese abzuschreiten, brauche ich Zeit. Da aber Zeit Geld geworden ist, nehme ich das Bandmaß oder den Laserstrahl – deren Erfindung, Entwicklung und Herstellung ihrerseits Zeit kostet. Alle antiquierten Maßeinheiten waren dem menschlichem Körper oder dessen sinnlichem Wirkungsbereich entlehnt: Tagesritt, Elle, Fuß, Zoll. Ein Zoll maß ungefähr eine Daumenbreite. Aber auch Sack, Faß, Eimer. Jeder wußte, wie schwer ein Eimer mit Wasser oder Getreidekörnern war.

Nun sehe ich durchaus ein, daß man die Höhe eines zu errichtenden Wolkenkratzers nicht in Ellen und den Bedarf an Beton nicht in Fässern angeben kann. Sehe ich aber den Wolkenkratzer ein? Ist er beherrschbar? Ist er unverzichtbar? Entsprechendes gilt für Errungenschaften der Verkleinerungskunst, etwa die Armbanduhr, das Handy oder das Speicherkärtchen im Format eines Finger-nagels. Sowohl diese Miniaturen wie der Wolkenkratzer und der Genfer »Teilchenbeschleuniger« sind Ausgeburten krankhaft quantitativen Denkens. Sie stehen und fallen mit genauster Meßkunst, während es bei den Balken und Pfosten des Germanischen Langhauses aus der Jungstein-zeit und noch der Bauernhäuser unseres Mittelalters auf ein paar Zentimeter nicht ankam. Das ließ sich ausgleichen – und wenn nicht, stürzte das Haus auch nicht ein. Es war lediglich geringfügig schief.

Das gleiche gilt für Möbel oder Leiterwagen. Heute jedoch kommt es auf Bruchteile eines Millimeters an, weil die Quantifizierung aller Produktion zur Freude der Fabri-kanten und AktienbesitzerInnen die Normierung aller Produkte ermöglichte; und umgekehrt. Nur das Normierte ist wiederholbar. Nur das Normierte gestattet Massenpro-duktion. Nur das Normierte machte uns zu einer grauen Masse, in der ein jeder gegen jeden anderen austauschbar ist – gerade so wie die Ersatzteile der Maschinen, deren Anhängsel wir geworden sind. Nur der normierte Mensch kann nach Strich und Faden belogen und gnadenlos ausgenutzt werden. Er läuft reibungslos – mit.
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