Donnerstag, 21. Oktober 2021
A-31→Zählen
2011

Das Zählen ist der einzige irdische Bereich, in dem die Menschen immer und stets problemlos zu Übereinstim-mung kommen. Hebe ich meine gespreizte Hand, zweifelt niemand daran, daß sie fünf Finger besitzt. Betreibe ich, wegen der Pelze, eine Siebenschläferfarm, werde ich mich selbst mit einem Inspektor des Landwirtschaftsministe-riums (das mich subventioniert) darauf einigen können, ich hielte in meinen Käfigen derzeit 496 Tierchen, denen ich früher oder später das Fell über die Ohren zu ziehen gedächte.

Allerdings muß die Voraussetzung einer klaren Eingren-zung oder Definition der zu zählenden Objekte gegeben sein. Eine Zaunlatte ist eine Zaunlatte, das weiß jeder – somit zählen wir an Ihrem Garten 187 Latten. Auch bei dem Inspektor und mir dürfte gesichert sein, daß wir unter »Siebenschläfern« dieselbe Tierart verstehen. Heikel wird es mitunter bei Demonstrationen. Die AnmelderInnen und die Polizei kommen beim Zählen der TeilnehmerInnen oft zu unterschiedlichen Ergebnissen, weil AusländerInnen und Großmütter für die Polizei nicht unter die Demon-stranten, vielmehr unter die Abschiebekandidaten der betreffenden Stadt fallen. In Stuttgart müssen besonders viele AusländerInnen und Großmütter leben, wie sich im Herbst 2010 bei den massenhaften Protesten gegen das Bahn- und Wahnprojekt S 21 zeigte: die Polizei zählte sie nie mit.

Eine Erklärung der Wurzeln des Zählens wie auch seiner Verläßlichkeit ist mir in noch keinem klugem Buch begegnet. Sollten sie als ähnlich selbstverständlich erachtet werden wie das Zählen selbst? Ich nehme an, sie stecken in unserem Körper, der sich vor einigen Hunderttausend Jahren zum aufrechten Gang entschlossen hat. Die erste Eins sind wir. Betrüblicherweise können wir uns sogar einsam fühlen, wenn wir inmitten einer Horde leben. Die Horde besteht aus 25 oder aus knapp sieben Milliarden Einzigartigen, je nach dem. Damals, als es noch eher 25 waren, fing die Sache mit der Abgrenzung und dem Mehr an. Die Freunde mußten von den Feinden unterschieden werden; die Jagd vom Ackerbau; der Krieg vom Frieden. Zählen verliest: »die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen«, wie es in einem bekanntem Märchen heißt. Was überwiegt? stand jetzt die Frage. Welche Seite ist stärker? Nicht nur Linsen, auch Tote und Nochwehr-tüchtige können ja gezählt werden.

Wie Roger Caillois in seinem lesenswertem, gut 50 Jahre altem Klassiker über Die Spiele und die Menschen andeutet, fielen die Zahlen nicht gleich so brutal vom Himmel oder von den Pyramiden, wie sie uns im Kapitalismus zusetzen. Die ersten Pythagoräer hätten beispielsweise noch konkrete Zahlen benutzt. Diese Zahlen besaßen Form und Gestalt, etwa von Dreiecken oder Achtecken. Außerdem hätten ihre Zahlen Sequenzen gebildet, »die durch die Beziehung der drei musikalischen Hauptakkorde beherrscht wurden. Schließlich waren sie mit unterschiedlichen Kräften begabt. Die 3 entsprach der Ehe, die 4 der Gerechtigkeit, die 7 der Gelegenheit …« Noch heute wittern die Siebenschläfer jede Chance, eine kostenlose Unterkunft bei einem Menschen zu finden, den sie terrorisieren dürfen. Was die Zahlen verschärft, ist ihr Abstraktionsgrad. Der Nato-Bomberpilot, der dem liby-schem Volk die Freiheit bringt, bekommt die verbrannten oder fehlenden Gesichter der 27 Toten, die er auf dem Gewissen hat, nie zu sehen. Für ihn sind sie Statistik.

Die Unangefochtenheit des Zählens ist umso bedauer-licher, als das Zählen in einer nichtkapitalistischen Gesellschaft völlig überflüssig wäre. Wird nicht mit dem Ziel produziert, zu tauschen und aufgrund dieser Transaktion einen Gewinn zu erzielen – was sollte ich da noch zählen? In einer egalitären Gesellschaft (die kein Privateigentum an Produktionsmitteln kennt) wird geteilt statt getauscht. Der Gedanke des Äquivalents (für die drei Siebenschläferpelze erwarten wir sieben Pfund Kirschen) ist ausgestorben. Selbst für die Planwirtschaft, die DDR-BürgerInnen genossen oder verwünschten, hat die egalitäre Gesellschaft keinen Bedarf. In jener waren das Zählen und das Züchtigen selbstverständlich unverzicht-bar. Wer die Pläne gestaltet und verwaltet, beherrscht die Menschen.

Die Menschen, wie sie sich unsereins erhofft, nehmen ihre Belange in die eigenen Hände und peilen »Bedarf« über den Daumen an. Sie sind bescheiden, umsichtig, großzü-gig, hilfsbereit. Mangelt es in einem Jahr an Kirschen, geben sie sich mit Kartoffeln zufrieden. Geht der benach-barten Lebensgemeinschaft der Traktor kaputt, kommen sie entweder mit ihrem eigenem Traktor oder in Kompa-niestärke angerückt, um die Kartoffellese zu gewährleisten. An wessen Tisch in der Arbeitspause Streuselkuchen gegessen wird, und wer diesen Kuchen gebacken hat, ist unwesentlich, denn allen gehört alles. Das Zählen ordnet zu. Das Zählen spaltet. Es ist die furchtbare Waffe der Eigennützigen.
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