Dienstag, 19. Oktober 2021
LdF Folge Kla—Kuk

Klabund 37 (1890–1928). Bei dem deutschen Dramatiker und Lyriker, zu seiner Zeit, den »Goldenen Zwanzigern«, ein gefeierter Mann, verband sich die Tuberkulose, an der er litt, zuletzt mit Lungen- und Hirnhautentzündung. Verschwommen linksgerichtet, neigte er offenbar zum flottem, flüchtigem Schreiben* – kaum verwunderlich, hing doch die tödliche Diagnose rund 15 Jahre über Klabunds weich modelliertem Haupt. Der Krankheit zum Trotze war er aber auch als Herzensbrecher erfolgreich. Seine erste Ehefrau Brunhild »Irene« Heberle wurde ihm bereits 1918 geraubt: die an Kehlkopf-Tuberkulose leidende, 23 Jahre alte Pianistin überstand die Geburt des gemeinsamen Kindes nicht. Auch das Kind starb. Man möchte fast sagen: Gott sei dank. Als Klabund 10 Jahre später im Schweizer Kurort Davos mit 37 Jahren ebenfalls von der Erde abtreten mußte, saß seine zweite Gattin Carola Neher neben ihm, eine Schauspielerin. Allein über Nehers Liebesdrama mit Klabund gibt es drei Bücher. Ihren ersten großen Erfolg hatte sie 1925 in der Meißener Uraufführung von Klabunds Stück Der Kreidekreis gefeiert. Es wurde 1948 von Brecht in das Stück Der kaukasische Kreidekreis verwandelt. Zu diesem Zeitpunkt war auch Neher schon tot, mit der Brecht oft zusammen gearbeitet hatte. Sie war 1942 nach längerer Leidenszeit mit 41 Jahren in der sowjetischen Strafindustrie umgekommen. Die Frage, ob Brecht oder Lion Feuchtwanger sie nicht hätten retten können, ist umstritten.

Brechts Geliebte, Sekretärin und Co-Autorin Margarete Steffin, die sich um 1930 vom proletarischem Laufmäd-chen zur Agitprop-Schauspielerin, Übersetzerin und Schriftstellerin mauserte, starb ebenfalls in der Sowjet-union, wenn auch vergleichsweise friedlich. Die 33jährige erlag 1941 in Moskau – auch wieder der Tuberkulose.

* Rüdiger Frommholz, »Henschke, Alfred«, in: NDB 8 (1969)



Klaunig, Karl 37 (1824–62), sächsischer Pädagoge und Orthograph. Der langjährige Lehrer an der Leipziger »Städtischen Realschule«, verheiratet mit der 10 Jahre jüngeren Thecla geb. Berndt und Vater von mindestens einem Sohn namens Carl Kurt, war federführend an der Erarbeitung einheitlicher Rechtschreibregeln zunächst für die Schulen Sachsens, bald auch vieler anderer deutscher Staaten, darunter Preußen, beteiligt. Er starb auch in Leipzig – aber woran? Nach freundlicher Auskunft eines Leipziger Stadtarchivars (für 28 Euro) weiß man's wieder einmal nicht genau. Aufgrund der Personalaktennotiz »wegen gänzlicher Untüchtigkeit aus dem Militärdienst freigelassen« könne man jedoch eine schwache Gesundheit vermuten. Und in der Tat, im Leipziger Tageblatt vom 22. Februar 1862 finde sich die private Todesanzeige der Witwe, wonach ihr »guter Mann … nach langer Krankheit gestern Mittag« entschlafen sei.

Worin Klaunigs »Güte« bestand, wissen wir also auch nicht genau. Gewiß könnte einer auf Klaunigs Verdienste als Grammatiker pochen, aber mit denen will ich mich ungern beschäftigen, weil ich das in gewisser Weise schon früher tat. Hier nur das folgende. Neulich zeigte sich ein Kunstwissenschaftler, den ich um einige Auskünfte gebeten hatte, von meiner altmodischen Rechtschreibung erstaunt. Die würde doch vermutlich einige LeserInnen vor den Kopf stoßen, mir also schaden. Aber »erstaunt« ist noch höflich ausgedrückt. In Wahrheit dürfte er mich für einen greisen Kauz und Kindskopf halten, der unbelehrbar seine Grillen pflegt. So ganz falsch ist das freilich nicht. Zwar meine ich, den übergroben und nebenbei sündhaft teuren Unfug der jüngsten »Rechtschreibreform« ziemlich unwiderleglich in meinem 2016 veröffentlichtem Aufsatz »Ihr tut mir Leid« dargestellt zu haben (A-30), aber selbstverständlich ist die Sache längst gelaufen. Das ist ja gerade das Schlimme. Der Mensch gewöhnt sich an alles; das »Skandalöse« einer genauso fruchtlosen wie überflüssigen Rechtschreibreform oder einer sogenannten Schweinegrippe (2009) hat er nach wenigen Jahren, ja Monaten vergessen; er paßt sich jedem Sprung von ß zu ss oder umgekehrt wie ein Chamäleon an den wechselnden Sonnen- und Baumbestand an.

Es ist also nicht so, daß ich mir einbildete, durch meine winzigen Widersetzlichkeiten der Menschheit zu dienen. Ich diene mit ihnen vor allem mir selber, nämlich meinem Gewissen und meiner Selbstachtung. Auf die Sache kommt es dabei noch nicht einmal in erster Linie an. Ich könnte auch auf den Gebieten des Gartenbaus oder der Haartracht rebellieren. Nur auf allen zusammen nicht. Man muß sich, je nach persönlicher Beschaffenheit, kurzerhand ein paar bestimmte Dinge herauspicken, und in denen hat man dann konsequent zu sein. Wenn es hochkommt, hat es sogar doch eine gewisse Signalwirkung. Zum Beispiel fahre ich seit dem Ende meiner Kommunezeit (2006) kein Auto mehr – und eine etwas jüngere Freundin hält es inzwi-schen genauso, obwohl sie keineswegs so arm ist wie ich. Kinder kann sie ja sowieso nicht mehr kriegen – sie weiß, ich bin Gründer des BAM, des Bundes für die Abdankung der Menschheit. Sie weiß auch, daß ich mich des Fernsehens sogar schon seit inzwischen fast 40 Jahren enthalte. »Und was machst du, wenn die Zwangsimpfung kommt ..?« — »Ich hoffe, sie wird mich in meiner unauffälligen Kleinstadtrandexistenz nicht erreichen.« — »Und wenn doch ..?«

Hoffen wir, ich bleibe prinzipienfest. Die Impfschäden könnte ich wohl verkraften, denn in wenigen Jahren liege ich, soeben 71 geworden, sowieso in der Kiste. Aber diese Form der staatsterroristischen Abstempelung, die so offensichtlich an gewisse Todesstrafenpraktiken und an gewisse mit Gaskammern bestückte Barackenlager erinnert, ist zuviel. Da werde ich notfalls toben. Zuerst werden sie mich vielleicht nur schneiden und erpressen, wie jene freundlichen Email-DienstleisterInnen, die mich mit immer neuen Drohungen und Schikanen zum Genuß von Werbung zwingen wollen. Sie werden mir den Besuch meines Zahnarztes unmöglich machen, weil ich diesem keinen »Impfpaß« vorlegen kann. Rücken sie aber mit Handschellen an, werde ich mich unter Umständen an das Muster erinnern, daß Alfred Andersch (1957) in Sansibar mit seinem Pfarrer Helander gab. Ich kann das Buch getrost anführen, weil die Leute, die uns regieren und zensieren, sowieso Analphabeten sind.

Vielleicht wird sich mancher fragen, ob ich keine anderen Sorgen als orthographische oder Zahnprobleme hätte. Meine Antwort: Habe ich durchaus. Am Abend des 3. März 2021 verschwand die 33jährige Sarah Everard in Südlondon, als sie von der Wohnung einer Freundin nach Hause ging. Auf diesem Weg hatte sie sogar noch mit ihrem Freund telefoniert. Einige Tage später wurde ihre Leiche in einem Wald in Kent gefunden. Vermutlich war sie von einem 48 Jahre altem Elite-Polizisten nach Schichtende entführt und getötet worden; der Mann sitzt in Untersuchungshaft. Als es in London zu einer »ungenehmigten« Mahnwache von Frauen kam, schritt die Polizei, wegen der »Corona-Ansteckungsgefahr«, so brutal gegen verschiedene Teilnehmerinnen ein, daß sogar der Londoner Bürgermeister Sadiq Kahn und noch höhere Tiere schimpften. Jetzt wird die Londoner Polizeichefin Cressida Dick, die wir bereits beim Mordfall >De Menezes (2005) kennenlernten, zum Rücktritt aufgefordert. Sie will aber nicht. Laut Christian Bunke* sind schon wieder gesetzliche Verschärfungen=Beschneidungen des Demonstrationsrechtes auf dem Weg ins Unterhaus, und selbstverständlich würden daran auch 50 NachfolgerInnen von Dick nicht mit vereinten Kräften rütteln. Nebenbei umfaßt der betreffende Polizeigesetzentwurf, der unter anderem auch Kindern und Frauen mehr Beistand verschaffen soll, rund 300 Seiten. Glaubt einer wirklich, die Ärsche im Unterhaus würden das lesen? Jener Elite-Polizist gehörte übrigens einer Einheit zum Schutz von Parlamentariern und Diplomaten an. Ja prima, ringsum wird der Bürger nur »geschützt«, General von Trotha (»Deutsch-Südwestafrika«) und Heinrich Himmler hätten ihre Freude daran.

* »Mit Corona-Regeln gegen Proteste nach Polizeimord«, Telepolis, 16. März 2021: https://www.heise.de/tp/features/Mit-Corona-Regeln-gegen-Proteste-nach-Polizeimord-5988582.html



Kleeberg, Minna 37 (1841–78), deutsche »Dichterin« in den USA. Die gebildete Tochter eines jüdischen Elmshor-ner Arztes hatte sich bereits in Deutschland einen gewissen Namen mit lyrischen Veröffentlichungen gemacht. Sie erschien sogar, mit einem Protestgedicht gegen hohe Salzsteuern, im Leipziger Wochenblatt Gartenlaube. Den Rabbi Dr. Levi Kleeberg, der sie 1862 zur Ehefrau und Mutter machte (mindestens drei Kinder), soll freilich besonders die Ordnungsliebe und der Fleiß der jungen Frau beeindruckt haben.* 1866 wanderte die neue Familie in die Staaten aus, weil der Rabbi einen Ruf nach Louisville, Kentucky, erhalten hatte. Minna Kleeberg veröffentlichte weiter in deutschsprachigen Blättern. 1877 folgte sie ihrem Gatten nach New Haven, Connecticut, wo sie allerdings schon im nächstem Jahr, mit 37, einer Brustkrebserkrankung erlag. Ihr dortiges, von einer weiblichen Figur gekröntes Grabmal erinnert an die bekannte »Freiheitsstatue« und ist auch fast so monumental. In der Tat wird Kleeberg meistens als Kämpferin für Frauen- und Bürgerrechte geführt. Sie stimmte aber auch die stets publikumswirksamen Oden auf Liebe und Religion an.** Im Schnitt kann der Pegel ihrer Aufklärung jedenfalls nicht sonderlich hoch gewesen sein, falls die deutsche Wikipedia korrekt aus einem in New Haven verfaßten Gedicht von ihr zitiert: »… Wir sind von deutscher Eiche kein welker Schößling mehr. / Wir blüh'n im freien Reiche, ein Eichbaum stolz und hehr! / Und deutsche Sitte wahren und deutschen Geistesbund / Wir deutsche Siedlerschaaren auf freiem Staatengrund …«

Gewiß sahen sich die Juden einst in vielen deutschen Fürstentümern gegängelt, wenn nicht gar verfolgt. Aber zum einen stand es damit in der neuen Demokratie nicht so beträchtlich besser, wenn ich an den jüdischen Fabrikanten Leo >Frank erinnern darf, der noch 1915, in Georgia, verleumdet und gelyncht worden ist. Und zum anderen frage ich mich, ob zur Steigerung der Wohlfahrt freier Staaten- beziehungsweise IndianerInnengründe unbedingt Rabbis, Missionare, Priester, Bischöfe und Meßdiener unabdingbar sind. In meinem 24bändigem Brockhaus wird nicht ein »Bischofssitz« ausgelassen, falls die betreffende Ortschaft ein solcher war oder ist – das Werk wimmelt somit von mindestens 10.000 Bischofs-sitzen, wie ich einmal schätze. Die waren ja wichtig. Die Hochwürden aller Art mußten die Menschheit gut im Auge behalten, damit kein Unrecht geschah. Kein Unrecht ohne sie, die Hochwürden. Diderot oder Voltaire hätten sich mit dem schleimigem Papier des Brockhaus' den Hintern abgewischt, aber meine Ausgabe, die 19., kam erst 1986–94 heraus.

Brockhaus zahlte jener, von grenzenloser Anmaßung getragenen Wichtigkeit beflissen Tribut, obwohl Karlheinz Deschner längst an seiner vielbändigen Kriminalge-schichte des Christentums saß. Wahrscheinlich konnte die Kirche schon damals nur noch eine echte Anhängerschaft auf die Beine bringen, die locker durch ein Nadelöhr paßte. Eigentlich müßten die »Gottesdienste« inzwischen »Funktionärsdienste« heißen. Gleichwohl dürfen, während das Kirchengestühl Schimmel ansetzt, die Kirchglocken nach wie vor ganze Stadtviertel oder Landstriche terrorisieren. An Kohle mangelt es nicht, weil der Staat »die Kirche« emsig schmiert. Hinzu kommt das fette Honorar, wenn sich der Erzbischof von Köln oder Dublin vor 30 Mikrofonen gegen voreilige »Lockerungen« in den Corona-Käfigen der Welt aussprechen darf. Da die Sache mit den einträglichen (gebührenpflichtigen) »Arier-nachweisen« seit 1945 fortgefallen ist, werden die diversen Kirchen, Anthroposophen und Synagogen eingeschlossen, demnächst die Impfpässe ausstellen dürfen. Israel liefert das Knowhow. Sagen wir: fünf Euro pro Stück, das spült auch wieder Geld in die Klingelbeutel.

Man wird vielleicht denken, von Religion hätte ich keine Ahnung. Weit gefehlt! Als Knabe wollte ich entweder CVJM-Jugendsekretär oder Pfarrer werden. In den Zeltlagern der Jungschar habe ich bereits als 13jähriger »Mitarbeiter« sogenannte Bibelarbeiten gehalten. Dazu hatte ich meiner Mutter Hannelore sogar das Geld für eine richtige »Studienbibel« abgequangelt. Dieses Buch besaß einen extrabreiten, unbedruckten äußeren Rand, den man als Spickzettel benutzen konnte. So hangelte man sich »in freier Rede« von Stichwort zu Stichwort, während das Damoklesschwert von Dünnschiß oder Herzstillstand über einem hing. Selbstverständlich war F., unser allmächtiger Chef, zugegen und benotete die »Bibelarbeit« insgeheim. Das konnte über den Aufstieg in der Mitarbeiter-Hirarchie oder die Aufnahme in den Himmel entscheiden. Wie sich versteht, geschah dies alles aus Liebe.

* Harald Kirschninck, Beth ha Chajim: Haus des Lebens / Ein Besuch auf dem Jüdischen Friedhof Elmshorn, Norderstedt 2019, S. 44–47
** http://www.deutsche-liebeslyrik.de/kleeberg.htm




Kleist, Heinrich von 34 (1777–1811). Kleist-Knüller wie das Lustspiel Der zerbrochene Krug oder die Novelle Michael Kohlhaas kennt man zumindest dem Titel nach. Das war zu Lebzeiten ihres Schöpfers leider gar nicht der Fall. Der untersetzte und etwas stotternde Sohn eines in der Garnisonstadt Frankfurt an der Oder dienenden höheren preußischen Offiziers war ausgesprochen ehr-geizig und ruhelos. Ungefähr die Hälfte seines 34jährigen Lebens verbrachte er auf der Landstraße. Aus dieser Kombination werden »verkannte Genies« gemacht, die »tragisch« enden. Den jungen Leutnant und Verwal-tungsbeamten hatte zunehmend Ekel vorm Militär und der staatlichen Bürokratie befallen. Allerdings tat das seiner Vaterlandsliebe und seinem speziellem Franzosenhaß nie Abbruch. Die Franzosen, »verschlagene« Leute, hatten ihn sogar einmal als angeblichen Spion zu verhaften und einzusperren gewagt, das war 1807. Nach sechs Monaten ließen sie ihn wieder laufen. Nur, mit irgendetwas Respektablem mußte Von Kleist, zu Hause und im Freundeskreis, schon glänzen. Versuche als Verleger einer literarischen Zeitschrift (Phöbus in Dresden, ab 1808) und der ersten hauptstädtischen Zeitung Berliner Abendblätter (1810) scheitern, teils wegen der behördlichen Zensur. Das bringt Schulden und Zerknirschung ein.

Im Herbst 1801 hatte sich der verdrossene Schriftsteller sogar zu einem Versuch mit dem Einfachen Leben entschlossen (Wiechert). Er ging, von Paris aus, in die Schweiz, um sich dort als Bergbauer niederzulassen. Er trieb zunächst ein Einsiedlerhäuschen auf der Scherzlig-insel in der Aare bei Thun auf, wo er selbstverständlich die nächsten Manuskripte in Angriff nahm. Die Nagelprobe auf seinen ursprünglichen Plan blieb ihm dann erspart, weil seine Braut Wilhelmine von Zengen per Brief aus Frankfurt/Oder ein Schicksal als Bäuerin dankend ablehnte. So konnte sich der Insulaner wieder auf seine Manuskripte werfen und nebenbei Briefe verfassen. Am 26. Oktober 1803 klagte er seiner Halbschwester Ulrike per Brief: »Der Himmel versagt mir den Ruhm, das größte der Güter der Erde!« Dabei hatte ihn der »große« Christoph Martin Wieland eben erst auf sein Gut Oßmannstedt bei Weimar eingeladen. Aus Dankbarkeit für dessen Lobesworte über sein entworfenes Stück Robert Guiscard fällt Kleist vor ihm nieder und küßt ihm die adrigen Hände. Goethe dagegen hielt nichts von Kleist – oder von dessen drohender Konkurrenz. Einige AnhängerInnen Kleists behaupten, der Dichterfürst habe Kleists Zerbrochenen Krug am 2. März 1808 in Weimar auf eine Art und Weise inszeniert, die zum Mißerfolg führen mußte. Adam Soboczynski* weist auf den Zug der Gewalttätigkeit hin, der alle Arbeiten des Schriftstellers Kleist durchziehe. Im bekannten Lustspiel um den Dorfrichter Adam ist es ein Sexualverbrechen. Für Kleist sei die Welt ein Krieg gewesen. Wer sie nicht umfaßt halte wie ein Ringer, habe er in einem kurzem Prosatext geschrieben; wer sie nicht »tausendgliedrig, nach allen Windungen des Kampfs, nach allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen und Reaktionen, empfindet und spürt: der wird, was er will, in keinem Gespräch durchsetzen; viel weniger in einer Schlacht.«

Am 10. November 1811 ist der verschuldete und verkannte »Dichter« bereits zum Selbstmord entschlossen. An diesem Tag versichert er seiner Verwandten und Vertrau-ten Marie von Kleist, ihm sei »so wund, daß mir, ich möchte fast sagen, wenn ich die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht wehe tut, das mir darauf schim-mert«. In der Berlinerin Henriette Vogel (1780–1811), mit der er seit ungefähr anderthalb Jahren befreundet ist, hat er eine Gefährtin für diesen letzten Weg gefunden. Sie ist drei Jahre jünger als Kleist und angeblich unheilbar an Krebs erkrankt. Die beiden mieten sich am 20. November in einem Gasthof am Kleinen Wannsee ein und begeben sich anderntags an den Strand. Kleist erschießt zunächst Vogel, dann sich selbst.

Alle ForscherInnen sind sich darin einig, daß Kleist den gemeinsamen Selbstmord sorgsam inszenierte – besser, wie angeblich Goethe Kleists Krug. Dagegen sind sowohl die Tatsache wie die Bedrohlichkeit von Vogels Krankheit wie auch ihre Motive für diesen »Paartod« umstritten. Sie war mit dem Landrentmeister Louis Vogel verheiratet und hatte mit ihm eine Tochter. Weitere Kinder oder Geburten sowie eine Liebesbeziehung zu Kleists Freund Adam Müller sind allerdings, so Tanja Langer**, nicht ausge-schlossen. Liest man das Bündel von Kosenamen, das Vogel Kleist in einem Brief aus dem Todesmonat überreicht hat, wirkt der zusammenfassende Begriff Schwärmerei stark untertrieben. Prosaischer, aber genauso unklar äußerte sie sich in ihrem Abschiedsbrief: »Mein treuer geliebter Louis! Nicht länger kann ich mehr das Leben ertragen, denn es legt sich mir mit eisernen Banden an mein Herz – nenne es Krankheit, Schwäche, oder wie du magst, ich weiß es selbst nicht zu nennen – nur so viel weiß ich zu sagen, daß ich meinem Tod als dem größten Glücke entgegensehe …« Vermutlich litt sie schlicht an starken Ängsten.

* »Schöne Abgründe«, Zeit, 5. Januar 2011: https://www.zeit.de/2011/02/Heinrich-von-Kleist?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.de%2F
** »Kleists Gefährtin im Tode«, Deutsche Welle, 19. November 2011: https://www.dw.com/de/kleists-gef%C3%A4hrtin-im-tode/a-15511569




Klepper, Jochen 39 (1903–42), Berliner Schriftsteller, stiftet gleich einen Dreifach-Selbstmord an. Ursprünglich evangelischer Theologe, wurde Klepper nicht Pfarrer, wie sein Erzeuger, verlegte sich vielmehr auf Freie Schrift-stellerei. Das faschistische Schreibverbot ereilte ihn erst 1937, wurde zudem erst 1942 in Kraft gesetzt. Man hatte Klepper inzwischen als »wehrunwürdig« eingestuft und zuletzt die ganze Familie mit Deportation bedroht, weil seine (13 Jahre ältere) Ehefrau Johanna und deren jüngere Tochter Renate Stein, wohl 18 Jahre alt, »jüdisch« waren. Im Dezember des Jahres entschlossen sie sich deshalb (angeblich) gemeinsam, in den Tod zu gehen: Schlaf-tabletten und Gas. An die Wohnungstür hatten sie vorsorglich ein Warnschild geklebt. Die ältere Tochter Brigitte entging diesem Familientod, weil man ihr noch die Ausreise gestattet hatte. Klepper war 39.

Entgegen manchen schöngefärbten Quellen war der glühende Christ Klepper keinesfalls »Widerstands-kämpfer«, ja noch nicht einmal Demokrat. Ohne seine »falsche« Ehe hätte er im »Dritten Reich« kaum Ärger gehabt. Klepper war monarchistisch, also autoritär gestimmt. Neben einem angeblich bedeutendem Tagebuch wird oft sein zweibändiges Werk Der Vater. Roman des Soldatenkönigs (Friedrich Wilhelm I. von Preußen, um 1700) gelobt. Klepper hatte selber einen übermächtigen Vater, entschuldigte ihn aber, wie er alles entschuldigte, mit »Gottes Wille«. Die Arnsberger Freie Publizistin Ursula Homann, geboren 1930, drei Kinder, verhehlt dies alles (auf ihrer Webseite*) nicht, scheint es aber auch nicht für sonderlich betrüblich zu halten. Selbst bei ihr finde ich kein Aufmerken angesichts der Tatsache, daß wir in Kleppers Fall sogar vor einem Dreifach-Selbstmord stehen. Seine ungefähr 18jährige Stieftochter Renate, über die man leider im gesamten Internet buchstäblich nichts erfährt, starb ja ebenfalls – freiwillig? Von den lebensbedrohlichen Aussichten erzwungen? Oder vielleicht doch in erster Linie von ihren Eltern? Hier hagelt es sofort Fragen und Gesichtspunkte, mit denen man ein ganzes Ethik-Lehr-buch füllen könnte. Aber niemand stößt sich an dem Hagel. Allerdings gibt es eine vergleichsweise umfang-reiche Literatur über Klepper, vielleicht sieht es darin anders aus.

Möglicherweise hatte Klepper grundsätzlich ein gestörtes Verhältnis zu Kindern. 1933 erzielte er als Journalist und Schriftsteller die erste größere Aufmerksamkeit mit seinem gern als »frech« ausgegebenen Roman Der Kahn der fröhlichen Leute, 1950 sogar verfilmt (Regie Hans Heinrich). Der Roman ist im zeittypischen »coolen« Ton der »Neuen Sachlichkeit« geschrieben, der wahrscheinlich, in seiner Kurzangebundenheit, mitverantwortlich für den Mangel an Anschaulichkeit und Buchklima ist. Nun, das fand man damals geil. Man nahm es dem Autor vermutlich auch nicht übel, daß er sich für diesen Roman aus dem Dunstkreis der zeitgenössischen Oderschiffahrt als Theologe oder sendungsbewußter Laienchrist vollständig in Nebel gehüllt hatte. Die Religion hat nicht den geringsten Anteil an der angeblichen Fröhlichkeit des gesamten Romanpersonals. Die ungefähr 12jährige, blonde Wilhelmine Butenhof, Vollwaise und »Schiffseignerin« eines altersschwachen Frachtkahns, darf sogar ungerügt den Konfirmandenunterricht, ja sogar die Konfirmation selber schwänzen. Dafür macht sich Klepper einmal unverholen über die »frommen Leute in Köben« lustig, »die in den Nachmittagsgottesdienst gingen statt in den Schifferzirkus« (S. 111).**

Nun mag man die Religion vielleicht in der Tat verschmerzen können, aber leider spielt auch die Soziale Frage nicht die geringste Rolle in dem Werk. Ob Fischer, Bauer oder Bäcker; Gutsherr, Tuchfabrikant oder Reichsminister, man hat die jeweils zugemessene Bürde halbwegs redlich – und eben fröhlich zu tragen. Prahlerei ist erlaubt, sogar förderlich. Dem Schiffsjungen ist der Traum von der Kapitänsmütze unbenommen. Es ist ein völlig unkritisches, dazu wenig einfühlsames Buch. Mit Wilhelmine mutet uns Klepper ein Waisenkind zu, das in einem geschlagenem Jahr für keine Minute seine Eltern oder sonst eine Geborgenheit vermißt. Aber verloben muß sich Wilhelmine, am Schluß. Zwei Hochzeiten krönen das Werk. Bis dahin hat das Waisenkind auch das Spielen selten vermißt, denn Klepper hat ihm die Rolle der »Schiffseignerin« verordnet, der eingebildeten Chefin, die bald ein Dutzend Leute zu ernähren glaubt. Dieser an der Oder zwischen Breslau und Stettin aufgefädelte, eigentlich bemerkenswerte Grundeinfall erweist sich dummerweise als Krampfader. Vielleicht hätte Klepper aus seiner Wilhelmine doch lieber die Flußpiratin und Rachefurie machen sollen, von der sie anfangs, nach dem Tod ihrer Eltern und der Übernahme des mürben Kahns unter Aufsicht eines Vormunds, wenigstens einmal träumen darf (S. 38). Aber das wäre, mit Günter Eich aus Lebus an der Oder gesprochen, Sand im Getriebe gewesen. Klepper stammte aus dem nahen Oderstädtchen Beuthen, dieselbe Gegend. Kurz, er hat uns mit seinem erstem Buch einen schlechten, mindestens überflüssigen Dienst erwiesen; er hätte es besser übersprungen. Es wird aber ganz im Gegenteil bis zur Stunde immer wieder neu aufgelegt.

* Aufsätze »Das Leid der Welt zur Sprache bringen / Leben und Werk von Jochen Klepper« und »Religiöse Fundierung«, beide o. J.: https://ursulahomann.de/DasLeidDerWeltZurSpracheBringenLebenUndWerkVonJochenKlepper/komplett.html und https://ursulahomann.de/JochenKleppersRomanDerVaterDieRomanbiografieDesSoldatenkoenigsAlsZeitansage/kap002.html
** Seitenangaben nach der Ullstein-Ausgabe Ffm 1984




Klerk, Michel de 39 (1884–1923), linker Amsterdamer Architekt. Wenn es stimmt, eröffnete und beschloß er sein kurzes Leben auf absonderliche Weise. Angeblich wurde er nämlich als 17. oder gar, je nach Quelle, als 25. Kind eines 78jährigen jüdischen Amsterdamer Diamantschleifers geboren, und dann hauchte er sein Leben wieder genau an seinem 39. Geburtstag aus (24. November). Er wuchs ärmlich im Judenviertel der Metropole auf, die ihm einige berühmte Werke des »expressionistischen« sozialen Wohnungsbaus verdankt; Abbildungen im Internet. Daneben entwarf De Klerk Möbel und Briefmarken. Seine Ehefrau Lea (Heirat 1910) war ebenfalls Jüdin – sie und ihr jüngerer Sohn Edo kamen in faschistischen KZs um. Der andere Sohn, Joost, soll das »Dritte Reich« überstanden haben.

De Klerk konnte zeichnen; als Dienstjunge bei einem Architekten beschäftigt und von diesem gefördert, machte er seinen Weg. Er heimste Lorbeeren ein, soll aber als Beteiligter am Amsterdamer Städteumbau nach »Plan Berlage« auch mit Niedergeschlagenheit gekämpft haben. Warum ihn dann während der Entwurfsarbeiten zum Den Haager Warenhaus De Bijenkorf (seines Freundes und Kollegen Piet Kramer) eine tödliche Lungenentzündung erwischte, wird nirgends verraten. Die niederländische Wikipedia meint immerhin zu wissen, auf dem Weg zu De Klerks Beerdigung sei auch sein Kollege Karel de Bazel, 54, gestorben, und zwar im Zug (von Bussum nach Amsterdam) – an oder infolge einer »Lungenerkrankung«. Es war eben November. Die erwähnte Wikipedia führt auch zwei Bio- oder Monografien über De Klerk an, erschienen 1990 und 1997. Vielleicht wird darin Näheres enthüllt.



Kleven, Arvid 29 (1899–1929), norwegischer Flötist und Komponist. Er spielte in verschiedenen Orchestern Oslos, wo er auch studiert hatte. Im Fach Komponieren galt er als wichtiger »Hoffnungsträger« impressionistisch/expressio-nistischer klassischer Musik. Wenige Tage vor seinem 30. Geburtstag soll er einem »Gichtfieber« erlegen sein.

Wie es aussieht, war Kleven nie auf Rosen gebettet. Er wuchs bei seinen Großeltern in Trondheim auf, weil sein Vater schon vor seiner Geburt gestorben und die Mutter bald darauf nach Amerika ausgewandert war. Die Großeltern weckten seine musikalische Neigung. Später heiratete er selber – aber wen, wird noch nicht einmal angedeutet. Vielleicht war die Frau ja ein Besen. Das Publikum, offenbar »konservativ« gestimmt, buhte Klevens Werke wiederholt aus. Möglicherweise war sein Fell nicht dick genug. Die Gicht, also wohl irgendetwas Rheumatisches, soll ihn beschlichen oder eher ereilt haben, während er versuchte, die »atonalen« Züge seiner neuen Sinfonia libre zu glätten.*

Hätte Kleven mein eigenes Wirken an der Querflöte beobachtet, hätte ihn wahrscheinlich Schüttelfrost befallen. Ich versicherte bereits 2016 im Text »Meine Musikproduktion«, ich hätte mir nie eingebildet, zu den Hoffnungsträgern im Reich der Musik zu zählen.** Wenn ich mich trotzdem an einer Laufbahn als Liedermacher versuchte, ist die Kreuzberger Asphaltoper schuld. Das war eine von Rainer Ganz (später AL-Abgeordneter) geleitete Westberliner Agitproptruppe, die sich um 1976 vor allem des Zündstoffs der Miet- und Sanierungsfrage annahm. Mir half sie entscheidend, den Zusammenbruch meiner (maoistischen) Partei und meiner Ehe zu verwinden; nebenbei durfte ich Gitarre und Tenorbanjo schrubben. Zur Querflöte griff ich erst um 1979 bei der von mir mitgegründeten Musikgruppe Trotz & Träume, die sich sogar zu einer (selbstproduzierten) Langspielplatte aufschwang.

Dafür hatte die Asphaltoper immerhin einen Trompeter – solange er den Asphalt noch treten konnte. Das war Manfred Birreg (1941–80), ein hübscher, blondgelockter, drahtiger Kerl, der wahrscheinlich deshalb jäh aus unserer Mitte gerissen wurde, weil er auch bildhauerische Neigungen besaß. Mit seiner Mutter aus Ostpreußen geflohen, war Manfred bei Hamburg aufgewachsen. Er habe schon als Junge stets einen Bleistiftstummel in der Hosentasche gehabt, zum zeichnen, heißt es in einem unveröffentlichtem Porträt der Bremer Journalistin Eva Schindele, die ihn gut kannte. Ein Versuch Seemann zu werden, scheitert an seinem eher zartem, etwas scheuem Naturell. Ab 1964 studiert der gelernte Schaufenster-gestalter und frühe Wehrdienstverweigerer zeitweilig Architektur an der Westberliner Kunstakademie. Später widmet er sich der künstlerischen und politischen Arbeit im Rahmen der antiautoritären Subkultur der »Front-stadt«. Er entwirft Plakate, liefert Karikaturen und bläst für die Kreuzberger Asphaltoper bei der Mieteragitation ins Blech. Er nimmt durch Bescheidenheit und Hilfs-bereitschaft für sich ein. Den Einzug ins Charlottenburger Rathaus (für die Alternative Liste) verpaßt er um wenige Stimmen. Sein Geld verdient er durch Nachtarbeit in Kliniken; dieses Milieu kennt er bereits von seinem Ersatzdienst her. Er ist anspruchslos, beinahe ein Asket. Im »Sanierungsgebiet« Klausener Platz wohnt er an einem schon damals begrüntem Hinterhof. Auf den Dielen im Zimmer liegt kein Teppich, aber regelmäßig eine Meditationsmatte. Und dann stehen überall seine »Installationen« herum.

Manfred nahm sich gern ausgedienter alltäglicher Gegenstände an, um sie in Kunstwerke zu verwandeln. Er liebte vor allem Lichtobjekte. Zuletzt arbeitete er, darin früher »Öko«, an einem Pflanzenkrankenhaus. Die Patienten sollten in einer beleuchteten Glasvitrine von Ziegelsteinen erwärmt werden. Dazu benötigte er offenbar das alte elektrische Bügeleisen, das er sich beim Trödler besorgt hatte. Am betreffendem Wochenende im September 1980 wunderten sich Freunde und Nachbarn, daß sich Manfred gar nicht mehr blicken ließ. Am Montag drangen sie in seine Wohnung ein. Der 39jährige lag rück-lings auf den Dielen, in der einen Hand das Bügeleisen, in der anderen einen Schraubenzieher – tot. Sie riefen die Polizei.

Schindele meint, ein Mord- oder Selbstmordverdacht sei nie erhoben worden. So dürfte er denn versehentlich einem Stromschlag zum Opfer gefallen sein. Ob er viel-leicht leichtsinnig gehandelt hat, kann sie nicht beurteilen.

* Rune J. Andersen im Store norske leksikon, Stand 2019: https://snl.no/Arvid_Kleven
** Im Blog unter: https://siebenschlaefer.blogger.de/stories/2589112/




Klitzsch, Frank 19 (1957–76), südhessischer Tischten-nisspieler, sehr begabt, schon als 14jähriger Profi (in Ffm). Zuletzt stand er beim sauerländischem Bundesligisten VfB Altena (bei Lüdenscheid) unter Vertrag. Mit De Klerk teilt er nicht das Alter, jedoch die Rarität, an seinem Geburtstag zu sterben. Das war am 18. September 1976. Auf dem Weg zu seinen Eltern in Hattersheim bei Frankfurt, wo ein Geburtstagkuchen auf ihn gewartet habe, sei der frischge-backene 19jährige (auf der Sauerland-Linie bei Herborn) bei »einwandfreien Straßen- und Wetterverhältnissen« aus ungeklärter Ursache mit seinem Auto von der Fahrbahn abgekommen, heißt es auf myTischtennis.de.* Er habe einen Wagen des Gegenverkehrs gestreift, habe sich mehrmals überschlagen und sei noch an der Unfallstelle gestorben. Offenbar hatte er reichlich Tempo drauf. Ich vermute, entweder hatte er Angst, der Kuchen werde kalt, oder vorm Leben. Mögliche Ergebnisse einer amtlichen Untersuchung sind mir nicht bekannt.

* »F. Klitzsch: Ein Nationalspieler, den Deutschland nie hatte?«, 25. Juni 2015: https://www.mytischtennis.de/public/buntes/6105/f--klitzsch--ein-nationalspieler--den-deutschland-nie-hatte



Klymenko, Oleksandr 29 (1970–2000), ukrainischer Leichtathlet. Der 1 Meter 95 große und 115 Kilogramm schwere Europameister im Kugelstoßen (20 Meter 78) des Jahres 1994 hängte seine Karriere als shot putter, so der englische Name, bald darauf an den Nagel, um sich künftig naheliegenderweise als bodygard zu versuchen. Er lebte in Kiew. Als sich Klymenko ebendort am 7. März 2000, kurz vor seinem 30. Geburtstag, in eine Schießerei verwickelte, soll er allerdings als Autoverkäufer tätig gewesen sein. Er trug vier Schußwunden davon, an denen er starb. An seiner Beerdigung nahmen rund 300 Sportkameraden, Trainer und Geschäftsfreunde oder -feinde teil.* Weitere Einzelheiten, etwa aus polizeilichen Ermittlungen, wurden der Weltöffentlichkeit bislang nicht verraten.

* »Alexander Klimenko dies in shooting incident«, World Athletics, 13. März 2000: https://www.worldathletics.org/news/news/alexander-klimenko-dies-in-shooting-incident



Knoespel, Hans-Robert 28 (1915–44), Falkner und Polarforscher, Mißgeschick beim Rückzug. Der Sohn eines Grundbesitzers und wohl auch höheren Offiziers in Schwelm, Westfalen, war ein vielseitiger Mann. Neben den Erdpolen, dem Vaterland und der Ornithologie liebte er insbesondere Greifvögel. In den 1930er Jahren bei der Vogelwarte Rossitten, Ostpreußen, und im Riddagshäuser Reichsjägerhof Hermann Göring (bei Braunschweig) als Falkner beschäftigt, nahm er auch an Expeditionen in Nordeuropa, Island und Grönland teil. Sie galten vornehmlich der Erforschung des weißen Gerfalken, beiläufig wohl auch der roten Stellungen. Ab Herbst 1938 wirkte Knoespel, neben einem Biologie-Studium in Breslau, im »sudetendeutschen« (tschechischen) Riesengebirge am Aufbau der 1.400 Meter hoch gelegenen Forschungsstation »Goldhöhe« und beim Versuch mit, verschiedene ausheimische, gefangene Wildfalken einzubürgern. Nach dem meteorologischem Ereignis »Kriegsausbruch« meldete sich Knoespel freiwillig für den Marine-Wetterdienst. In diesem Rahmen war er um 1942 an der Errichtung von Wetterstationen auf Spitzbergen östlich von Grönland beteiligt. Zur Besatzung dieser Stationen zählten sowohl Wissenschaftler wie Soldaten. Die eigentlich unwirtliche Inselgruppe Spitzbergen, formell unter norwegischer Oberhohheit, stellte einen beliebten Zankapfel zwischen den Weltkriegsparteien dar. Im Sommer 1944 empfahl es sich denn auch, die von Knoespel geleitete Station »Kreuzritter« im Liefdefjord »freiwillig« zu räumen, allerdings vor dem Abzug in die Luft zu sprengen. Dabei erwischte es leider den 28jährigen Stationschef selber.* Er wurde vor Ort begraben. Das deutsche U-Boot fuhr ohne ihn ab. Wie einem zeitgenös-sischem Nachruf** zu entnehmen war, hinterließ Knoespel eine über alles geliebte Frau. Nun liege er für ewig unter jener Wirkungsstätte, der er alle Kraft geopfert habe, »um für Deutschland bleibende Werte zu schaffen.«

* Rupert Holzapfel, »Deutsche Polarforschung 1940/45«, Zeitschrift Polarforschung, Band 21, Nr. 2, 1951, S. 91: http://epic.awi.de/27707/1/Polarforsch1951_2_2.pdf
** Theodor Guspietsch, »Hans-Robert Knoespel zum Gedächtnis«, Zeitschrift Polarforschung, Band 15, Nr. 1/2, 1945, S. 25–27: http://epic.awi.de/27572/1/Polarforsch1945_1-2_6.pdf




Koerbagh, Adriaan wohl 36 (1633–69), niederlän-discher Religionskritiker. Der studierte Mediziner und Jurist aus Amsterdam gilt als selten radikaler Vertreter der frühen Aufklärung, was ihm letztlich auch das Leben gekostet haben dürfte. Er veröffentlichte mehrere Bücher auf Holländisch, die die Fachsprache der Theologen und Juristen als Täuschungs- und Herrschaftsmittel entlarvten, die Bibel als Menschenwerk herabsetzten und die Naturwissenschaften priesen. Was Wunder, wenn ihn auch die niederländische »reformierte« Kirche verfolgte. Nach einer Flucht ins autonome Culemborg und schließlich nach Leiden, wo er im Untergrund lebte, wurde er von einem Drucker verraten und 1668 wegen »Blasphemie« zu 10 Jahren Haft verurteilt. Man steckte ihn ins Amsterdamer Zuchthaus Rasphuis, wo er schon ein Jahr darauf einer Krankheit beziehungsweise den harten Haftbedingungen erlag. Vermutlich hat er dort kaum in einer ruhigen Einzel-zelle am Schreibpult gesessen. In dieser »Besserungs-anstalt« herrschte normalerweise Zwang zur körperlichen Arbeit. Man übte die Strolche in geregelte, selbstverständ-lich mies bezahlte Lohn- und Akkordarbeit ein. Zwar heißt es in manchen Quellen, für die Arbeitsverweigerer habe es eigens einen Kellerraum gegeben, der geflutet werden konnte. Man habe dem Querulanten eine Handpumpe gegeben, und dann hätte er die Wahl gehabt, zu pumpen oder zu ertrinken. Ein durchaus einleuchtendes Verfahren – nur ist es laut niederländischer Wikipedia nicht belegt. Man ging schon moderner vor.

Zu allem Unglück war auch Koerbaghs geringfügig jün-gerer Bruder Johannes (1634–72) verfolgt und verhaftet worden. Beide hatten aufgrund eines Erbes ihres früh verstorbenen Vaters studieren können. Sie verehrten zumindest anfänglich die Schriften des etwa gleichaltrigen jüdischen Philosophen Baruch de Spinzoa, den sie auch persönlich kennenlernten. Johannes studierte vor allem Theologie, bekam aber nach dem Abschluß kein Amt. Zwar mußte man ihn nach dem Prozeß in Amsterdam wegen Beweismangels wieder frei lassen, zumal Adriaan alle »Schuld« auf sich genommen hatte, doch auch Johannes Koerbagh erreichte die 40 nicht. Woran er starb, geht aus meinen Quellen nicht hervor.



Köhlmeier, Paula 21 (1982–2003), österreichische Autorin, Unfall auf ihrem Hausberg. Im August 2005 zeigt sich Martin Halter in der FAZ von einem Band mit Prosatexten Köhlmeiers beeindruckt, Maramba. Ihre Sprache sei kraftvoll aber diszipliniert, genau, lakonisch. Man rede und lebe unter ihren zumeist jugendlichen Protagonisten vor allem aneinander vorbei. Trotz einiger Unfertigkeiten, so Halter abschließend, sei es »ein Unglück für die deutsche Literatur«, wenn »das große Verspre-chen«, das in dieser Prosa liege, nun nicht mehr eingelöst werden könne.* Man muß dazu wissen, zwei Jahre vorher war die 21jährige Autorin selber einem Unglück zum Opfer gefallen. Sie hatte gerade ein Literaturstipendium des Landes Vorarlberg errungen. Sie lebte in Wien, wo sie, nach einigen Quellen, als PR-Agentin und Filmvorführerin arbeitete, hielt sich aber öfter im Vorarlberger Städtchen Hohenems auf, wo ihr Elternhaus stand. Beide Eltern, Monika Helfer und Michael Köhlmeier, waren und sind SchriftstellerInnen. Am 22. August 2003 stieg Paula auf Wegen oder Pfaden, die ihr auch nach Auskunft ihrer nachgelassenen Prosa durchaus vertraut waren, in Begleitung einer gleichaltrigen Freundin zur Burgruine Alt-Ems oberhalb von Hohenems auf. Vielleicht war es regenglatt; vielleicht querten die Frauen Geröll. Gegen 17.00 Uhr rutschten sie beide aus und stürzten, sich mehrmals überschlagend, 50 bis 100 Meter tief auf einen Wanderweg ab. Paulas aus Lustenau stammende Freundin erlitt bei dem Absturz nur leichte Verletzungen und konnte um Hilfe rufen. Die Hohenemserin dagegen erlag im Krankenhaus noch in der Nacht ihren schweren Kopfverletzungen.

Obwohl oder weil sie überlebt hat, möchte man nicht unbedingt in der Haut der Freundin stecken, zumal sie offenbar die einzige Zeugin war. Daneben scheint hier die Problematik der Künstlerkinder auf. In Fällen, wo beide Eltern Künstler sind, findet sie selbstverständlich einen besonders guten Nährboden, weil sich gleich zwei komplizierte Persönlichkeiten zu ganz ungeahnten Verschlingungen steigern. Aber auch dessen ungeachtet haben es Künstlerkinder immer schwer. In der Regel lastet ein starker Druck auf ihnen, wobei es ziemlich einerlei ist, ob er durch den Vater, die Mutter, die MitschülerInnen, die Branche oder die sogenannte Öffentlichkeit ausgeübt wird oder ob ihn sich der Sprößling vor allem selber macht – weil er sich beispielsweise als Titus van >Rijn oder Clemens Eich einbildet, die Gemäldetempel oder Dichterakademien stünden und fielen jetzt mit ihm. Im Eich des (ungeklärten) Treppensturzes, so 1998 mit 43 in Wien, versteckt sich möglicherweise auch eine Ohrfeige für Martin Halter: Was da vielleicht, falls das betreffende Künstlerkind bis dahin durchhält, zum Glück der Literaturfreunde gerät, verdankt sich nicht selten dem Unglück der betreffenden Künstlerkinder – schon zu deren Lebzeiten. Aus Maramba zitiert Karl Woisetschläger** Zeilen, die vom Hohenemser Schloßberg handeln. »Es ist ein Medizinberg. Ich ging den Zickzackweg nach oben. Die Gedanken fliegen weg und schnellen bei jeder Kurve wieder zurück. Ich kenne den Schlossberg in- und auswendig ..(..).. Der Berg ist sehr empfindlich. Bitte reden Sie leise und am besten monoton, dann hält Sie der Berg für einen Bienenschwarm ..(..).. Ich setzte mich auf die Bank ganz oben beim Aussichtspunkt und spuckte auf Hohenems hinunter ..(..).. Ich zündete eine Zigarette an und dachte an die Freunde, die ich eigentlich nicht hatte.«

Apropos Zigaretten. Immerhin erwähnt Halter vor seinem Schlußpathos den rastlosen, ihn an Ingeborg Bachmann gemahnenden Lebenswandel der jungen Autorin, die gern als »Multitalent« bezeichnet wurde. Halter bescheinigt ihr ein sehr geringes »Talent zum Glück« und behauptet: »Sie wollte sich kettenrauchend und schreibend selbst verzehren.« Damit drängt sich aber noch ein weiterer Gesichtspunkt auf. Nach Auskunft auch anderer (überwie-gend lobender) Rezensenten stellt Maramba weder eine Erzählung noch eine Sammlung von Erzählungen, vielmehr eine Art Anthologie eher bruchstückhafter Miniaturen dar. Paulas Eltern sollen dazu (im Nachwort) erklärt haben: »Die Geschlossenheit eines Romans entsprach nicht ihrem Lebensgefühl. Sie erlebte viel und erlebte schnell, und was sie erlebte, konnte für sich bestehen, und die Schönheit des Augenblicks, in dem auf den Bus gewartet wird, muß nicht in eine größere Dramaturgie gespannt werden.« Das Wort muß klingt hier in meinen Ohren recht zwiedeutig und verräterisch. Hatte Paula es nicht nötig, die Dinge in eine größere Dramaturgie einzuspannen, oder verstand sie es, diese Herstellung von Zusammenhängen, womöglich gar Welt- und Lebensentwürfen, selbstbetrügerisch zu vermeiden? Jedenfalls darf ich versichern, es ist verdammt schwer, die Dinge in eine größere Dramaturgie einzuspannen. Es ist leichter, ein Döschen mit Zahnstochern über dem Tisch auszukippen.

* »Talent zum Unglück«, 24. August 2005: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/talent-zum-unglueck-1259858.html
** »Große Komik, große Traurigkeit«, Die Presse, 5. Februar 2005




Kolomak, Lisbeth knapp 17 (1907–24), Bremer Schusterstochter, wohl eher eine Unschuld vom Lande. Doch von einer vermeintlichen Freundin und Prostitu-ierten eben derselben Berufsausübung bezichtigt (Hure), wird das Mädchen – »anscheinend ohne Benachrichti-gung, geschweige denn Erlaubnis der Eltern« – Anfang März 1924 in eine entsprechende Krankenstation verschleppt und dort aufgrund der Polizeiarztdiagnose »Syphillis im fortgeschrittenen Stadium« mit dem neuem, noch kaum erprobtem Medikament Salvarsan behandelt. Drei Monate später war Kolomak tot. Heute gilt es als wahrscheinlich, daß sie keineswegs an der Syphilis, vielmehr an der »Kur« gegen diese verendete. Man habe jedoch damals nichts unternommen, um die Todesum-stände aufzuklären, heißt es in einem dickem Buch über den Fall.* Die Sache kam ohnehin erst ans Tageslicht, als die empörte Schustersfrau, Elisabeth Kolomak, ein gefälschtes »Tagebuch« ihrer Tochter verfaßte und (1926) veröffentlichte, mit dem sie Lisbeth zu entlasten und die Behörden anzuklagen versuchte. Damit geriet der Fall zur berühmten Justizposse. Nun wird nämlich der Mutter (1927) ihrerseits der Prozeß gemacht – aber nicht etwa wegen Betrugs, vielmehr wegen »schwerer Kuppelei«, denn so sei es angezeigt worden. Nun wird die Mutter zu acht Monaten Gefängnis verknackt. Es gibt Schlachten in der Presse, viel Gelächter und ein Berufungsverfahren. Dieses wird 1928 aufgrund eines drei Jahre alten Amnestiegesetzes eingestellt. Elisabeth Kolomak stirbt 1943 mit 57 Jahren.

In einem bissigem Weltbühne-Artikel** hob Carl von Ossietzky im Prozeßjahr vor allem die brutale Buchstaben-gläubigkeit der Justiz, den Rachedurst der Sittenpolizei und die Weltfremdheit gewisser RichterInnen hervor, die sowohl vom beengtem Leben damaliger Arbeitermädel wie von deren Bedürfnissen keinen blassen Schimmer hätten. »Ein religiöses Jahrhundert hätte diese Frau: Elisabeth Kolomak vielleicht als Hexe verbrannt. Aber um sie mit dem Kuppeleiparagraphen zu justifizieren, dazu war schon der moderne Rechtsstaat notwendig.« Nebenbei kostete diese Justiz- und Presseposse wieder ein Heidengeld – und das Leben einer 17jährigen, um es nicht zu vergessen.

* Eva Schöck-Quinteros und Sigrid Dauks (Hrsg), »Wußten Sie, daß Ihre Tochter Herrenverkehr hatte?« / Der Fall Kolomak in Bremen 1927, Bremen 2010, bes. S. 223 + 239
** »Maß für Maß in Bremen«, im Ossietzky-Lesebuch (Reinbek 1989) S. 211–14




Konrad, Robert E. 25 (1926–51), schweizer Lyriker und Maler. Am 8./9. August 1951 kam es auf der Alpensüdseite nach Gewittern zu einer Unwetterkatastrophe mit sintflutartigen Regenfällen und Überschwemmungen, die Sachschäden in zweistelliger Millionenhöhe und drei Todesopfer forderte.* Zu den Toten zählte der 25jährige, damals noch kaum bekannte Künstler aus Zürich, der Verwandte in Bedano besucht hatte, einem tessiner Dorf nördlich von Lugano. Ein sogenannter »Murgang«, eine Art Lawine aus Schlamm und Geröll, soll das Haus verschüttet haben, in dem sich Konrad gerade aufhielt. Er war verheiratet und hatte ein Kind. Später wurden eine Buchausgabe (1961) und einige Ausstellungen zu seinem Gedenken veranstaltet. Laut Charles Linsmayer** hatte Konrad bereits als Dreijähriger seine Mutter verloren. Ein Kunststudium in München blieb anscheinend Fragment. Wieder in Zürich, hielt er sich zeitweise als ungelernter Fabrikarbeiter über Wasser. Dann ermöglichte ihm der Lohn seiner Frau, einer nirgends ausdrücklich mit Namen genannten Sekretärin, das freie Schaffen – bis der Zufall zuschlug.

Das berühmte, mit Großbränden und verheerenden Flutwellen verbundene Erdbeben von Lissabon vom 1. November 1755 forderte, alle anderen Schäden einmal außer acht gelassen, schätzungsweise 30.000 bis 100.000 Todesopfer. Das waren sicherlich nicht nur Opas und Omas. Die Flutwellen erfaßten sogar die Küsten von mehreren Nachbarländern Portugals. Im andalusischen Badeort Cádiz etwa, zwischen Algarve und Gibraltar gelegen, soll sich am verhängnisvollem Tag der einzige Sohn des prominenten französischen Schriftstellers Louis Racine aufgehalten haben. Merkwürdigerweise finde ich seinen Vornamen nicht, und den seiner Frischangetrauten schon gar nicht. Das Paar habe dort Flitterwochen gemacht – viel Vergnügen. Die bis 20 Meter hohen Flutwellen erfaßten auch diese beiden. Da der Senior erst 1728 geheiratet hatte, dürfte der Sohn, je nach Quelle Schriftsteller oder Kaufmann, noch keine 30 gewesen sein. Den Senior soll dieser Schicksalsschlag bewogen haben, sich, wie so manche andere Zeitgenossen, verbittert von jeglicher Religion abzuwenden. Heimlich verfluchte er Gott sicherlich als Erzmassenmörder.

Hier scheint es mir angezeigt, vor den großen Zahlen zu warnen. 50. 000 Tote, das sei nun wirklich zuviel des Bösen, brüllt man Ihnen in die Ohren. Oder nehmen wir das von >Géricault gemalte Floß der Medusa. Es sei doch ohne Zweifel das kleinere Übel, drei Alte von den 130 Schiffbrüchigen zu verspeisen, wenn dadurch vielleicht die 127 anderen gerettet würden, wird gern argumentiert. Aber das ist keine Argumentation – es ist Quantitatives Denken. Für mich (als Anarchisten) sind Menschen und Men-schenwürde unverrechenbar und daher unverhandelbar. Jeder Mensch ist gleich wichtig und gleich würdig. Kommt bei einem Gewitter ein bestimmter Mensch X durch Blitzschlag um, ist er um keinen Deut weniger beklagenswert als jene 50.000. Diese 50.000 haben keineswegs 50.000 mal mehr als X gelitten und verloren – der Schrecken trifft stets eine bestimmte Person, die ihn als furchtbar empfindet. Er war bei den 50.000 Leuten nie und nimmer 50.000 Mal größer. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Schmeißen Sie das Größendenken über Bord. Sollten Sie einmal auf ein Floß der Medusa geraten, trichtern Sie Ihren Leidensgenossen ein: entweder alle oder keiner. Notfalls gehen wir gemeinsam unter. Das wäre Solidarität.

Sind wir schon einmal beim Quantitativen Denken, führe ich noch zwei eher kurze Betrachtungen übers »Zählen« (A-31) und den »Zollstock« an (A-32). Ich erinnere überdies an die »Übelchen« (A-10), also an die weltweit beliebte Ideologie des »Kleineren Übels«. In acht von 10 Anwendungsfällen beruht sie eben auf dem Quantitativen Denken. Sie hat schon mehr Schaden angerichtet als das Erdbeben von Lissabon.

* Markus Weidmann (Chur), »Das Hochwasser in Graubünden 1951«, GraNat, o. J.: http://www.gra-nat.ch/hochwasser-1951-graubnden
** o. J. auf http://www.linsmayer.ch/autoren/K/KonradRobertE.html




Kopechne, Mary Jo 28 (1940–69), Wahlkampfhelferin. Die Atlantik-Insel Martha's Vineyard (vor Massachusetts, USA) ist ein Prominentenparadies. Zu ihrem Hauptort Edgartown zählt die kleine Nachbarinsel Chappaquiddick, die 1969 durch einen Kennedy Berühmtheit erlangte. Damals fuhr Edward, genannt Ted, ein Bruder des berühmten JFK's, eine Sekretärin und Wahlkampfhelferin von wieder einem anderen Bruder, nämlich Robert, in den Tod. Man hatte Kopechne zu einer Party im kleinem Kreis eingeladen. Angeblich gewillt, sie anschließend zur letzten Fähre nach Edgartown zu bringen, stürzte Ted mit seinem Wagen im Lauf eines merkwürdigen »Umweges«, der ins Feld führte, um Mitternacht von einer Brücke in einen Gezeitenkanal. Er konnte sich befreien, ließ jedoch mindestens acht Stunden verstreichen, ehe er sich bei der Polizei meldete.* Die knapp 29jährige dagegen ertrank oder kam sonstwie um. Es gab Blutspuren. Eine Obduktion fand nicht statt. Taucher hätten Kopechne wahrscheinlich noch nach zwei oder drei Stunden lebend bergen können, da sie eine Luftblase im Wageninneren ausgenutzt hatte. Möglicherweise hatte »Senator« Kennedy, damals 37, die acht Stunden dazu genutzt, Zwiesprache mit Gott zu halten oder wenigstens seinen Alkoholpegel absinken zu lassen. Die irdischen Richter faßten ihn dann mit Samthand-schuhen an. Die Eltern des Opfers wurden, wie so oft, außergerichtlich mit Geld gestopft, rund 140.000 Dollar. Kennedy wurde noch 77. Allerdings hatte der Chappaquid-dick-»Skandal« genug Staub aufgewirbelt, um sein Ansehen empfindlich zu beschmutzen, weshalb er entge-gen seinem damaligem Streben nicht als pensionierter und selbstverständlich glorreicher US-Präsident vor seinen Schöpfer treten konnte. Jener Staub hat inzwischen auch etliche Bücher gefüllt, die mit verschiedenen, durchweg interessanten Theorien aufwarten.

* Robert Sherrill, »Der rätselhafte Tod der Mary Jo Kopechne«, Spiegel 35/1974: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41651435.html



Körner, Theodor 21 (1791–1813), patriotischer Schrift-steller aus Sachsen, »fällt« im Dienst am Vaterland. Ein vernünftiger Mensch könnte Patrioten allerdings leicht für Idioten halten. Statt sich mit dem Phänomen der Herr-schaft auseinander zu setzen, blasen sie das völlig anders geartete Phänomen, daß sich Menschen von unterschied-licher Hautfarbe, Sprache, Kultur antreffen lassen, zum Schreckgespenst auf. Hier greift der bescheuerte Stolz aufs Eigene, den ich bereits beim badischem Obervogt von >Hundbiß in Sachen »Heimatliebe« streifte. Einem echtem Knecht sollte es selbstverständlich einerlei sein, ob sein Schinder ein fremdländischer oder ein einheimischer oder auch ein schwarzweiß gestreifter oder ein blauorange karierter Herr ist. Somit hat er es auch abzulehnen, den einen mit Hilfe des anderen zu bekämpfen und damit den anderen zu stärken – und dabei übrigens auch sein Leben aufs Spiel zu setzen, obwohl er vielleicht gar kein Anthroposoph ist, also nicht an Wiedergeburt glaubt.

Hinzu kommt die Angst des wirklich Freisinnigen vor »großen Sachen«, wie sie Arthur Koestler einmal genannt hat. Gott, Vaterland, Aufbruch, Partei, Wissenschaft, Europa, Fortschritt, Klimawandel, Energiewende, Pandemie – alles Autoritäten, die die Knechte blenden, einschüchtern und kleinhalten sollen. Alles religiöse Gebilde, die die tiefen Interessensgegensätze, die in der-gleichen »großen Sachen« zu beobachten sind, vernebeln sollen. Aber sie sollen auch unser aller Zwergenhaftigkeit vernebeln. Dichtet >Petöfi »Wir sterben alle miteinand. / Doch nimmer stirbt das Vaterland«, wird gleich klar, wofür uns die großen Sachen entschädigen sollen: für unsere Sterblichkeit, für unsere Verlorenheit. »Vaterland oder Tod«, in allen Sprachen und Lagern der Welt beliebt – eine idiotischere Losung hat es selten gegeben. Sitzen die Patrioten dann am Ruder, geht es den Leuten an den Kragen, die auch mit dem neuem, gerettetem Vaterland nicht einverstanden sind.

Mit Ulbricht waren viele einverstanden, weil er nicht weniger vaterlandsliebend als Adenauer war. Seine Streitmacht etwa, die NVA, vergab jährlich einen Theodor-Körner-Preis an vorbildlich patriotische KünstlerInnen oder Organisationen. Der auch bei Frauen beliebte »Sänger und Held« des »Kampfes gegen die napoleonische Fremdherrschaft«, 1791 als Sohn eines hohen Dresdener Justizbeamten geboren, hatte ähnlich wie Novalis erst die Freiberger Bergakademie besucht, um sich dann zunehmend dem Schmieden von schwärmerischen Versen und Dramen zu widmen. Er spielte auch »prächtig« Gitarre, wie bei Guido K. Brand* zu lesen ist. Als er sich 1811 (in Leipzig) mit einer studentischen thüringischen Landsmannschaft zu einer Schlacht mit der »adligen Fechtgesellschaft« Sulphuria begab, ließ er seine Gitarre vermutlich wohlweislich auf seiner Bude. Als Rädelsführer von der Leipziger Universität ausgeschlossen und mit Gefängnis bedroht, ging Körner zunächst nach Berlin, wo er bei Zelter sang, bei Jahn und >Friesen turnte oder focht, und dann nach Wien, das in Gestalt der Schauspielerin Antonie Adamberger eine Braut für den angehenden Erfolgsdramatiker (Zriny, 1812) bereithielt.

Doch aus der Hochzeit wurde nichts, da das Vaterland rief. Im Grunde hatte Körner die Schlägerei in Leipzig nur überlebt, um zwei Jahre darauf, im August 1813, mit Kameraden der Lützow-Freischar im Forst von Rosenow bei Gadebusch auf diese verhaßten Franzmänner zu stoßen. Ob der knapp 22jährige Dichter dabei in den Armen Friesens starb, ja ob er überhaupt im Gefecht fiel, ist allerdings unter Historikern umstritten.* Die Liste deutsch-österreichischer Körner-Denkmäler (Park in Wien) ist jedenfalls länger als ein Flintenlauf. Ulbricht hätte seine Freude besonders an der Aachener Theodor-Körner-Kaserne gehabt, hätte sie nicht auf Feindesland gelegen. Körners sogleich nach dem Heldentod herausgegebener Sammelband mit Gedichten Leyer und Schwerdt soll sich später (um 1940) einen Vorzugsplatz auf dem Schreibtisch Manfred Hausmanns erobert haben. »Denn was berauscht die Leyer vorgesungen«, quoll es aus Körners Busen, »das hat des Schwertes freie That errungen.« Sehr ähnlich äußerte sich Hausmann. Eine Skizze über diesen braunen, ekelhaft frömmelnden Papierkrieger, gestorben 1986 in hohem Alter, verschicke ich auf Wunsch per Email.

Zwei Jahre nach dem Leyer-Poeten starb dessen Schwester Emma Körner, eine Malschülerin von Dora Stock, mit knapp 27 Jahren. Angeblich hatten sie die Masern oder eine ähnliche Krankheit nicht zuletzt aus Gram um den Verlust des Bruders ereilt.

* Die Frühvollendeten. Ein Beitrag zur Literaturgeschichte, Berlin und Leipzig 1929, S. 171. Brand schildert im übrigen zwar Gefechte bei Gadebusch, läßt dabei aber Friesen völlig aus.



Korschunowa, Ruslana 20 (1987–2008), kasachisches Model, zuletzt in NYC. Die »russische Rapunzel« – hasel-nußbraunes Haar bis zu den Kniekehlen, grüne Augen, gertenschlank, wenn auch leider »nur« 1,74 groß – war im November 2005 mit 17 Jahren von modeling scout Tatyana »entdeckt« worden, weil Fotos von Ruslana einen Magazinbericht über ihre kasachische Heimatstadt Almaty illustrierten. Möglicherweise bildete sich dadurch bei Ruslana der Eindruck, die Welt habe fiebernd auf sie gewartet. Jedenfalls schaffte es das Mädchen aus dem entlegenen »Zentralasien« nach einiger erbarmungsloser »Fotostreckenarbeit« auf die Titelseiten von Vogue und Elle. Ruslanas Tagessatz betrug zuletzt 7.500 Dollar. Ihr Manager: »Ruslana war super im Geschäft. Sie stand kurz davor, eine Million im Jahr zu machen. Bringt man sich da um?« Das sagte er im Sommer 2008, keine vier Jahre nach Ruslanas Entdeckung.

Ruslanas Gedanken kreisten nicht nur um Dollars, sondern wie die so vieler anderer junger Menschen, die vielleicht nur Postbotin oder Aufsteller von Feuerlöschern geworden waren, auch um die Liebe. Leider war ihr Vater schon in ihrer Kindheit gestorben. Bei ihren Moskauer »Selbsterfahrungs«-Kursen soll sie davon erzählt haben. Die begabte Schülerin erlernt etliche Fremdsprachen, darunter Deutsch. Sie ist trotz ihrer Illustriertenschönheit eher in sich gekehrt, neigt zur Ängstlichkeit, auch um den Lebensunterhalt. Deshalb arbeitet sie hart, kämpft sich ins Model-Viertel von Manhatten vor. Konkurrenz und Ausbeutung in dieser Branche sind atemberaubend – entsprechend sieht die Selbstmordrate aus. Die Agenturen behalten von den Honoraren ihrer Models bis zu 70 Prozent ein. In New York City lernt Ruslana zunächst den Russen Artem lieben, der als selbstständiger Handwerker Feuerlöscher installiert. Aber im Herbst 2007 trennt sie sich von ihm, weil sie sich zu wenig geliebt fühlt. Dafür verliebt sie sich in Moskau unglücklich in Vladimir, Manager des Roza-Mira-Trainingscenters. Der Name geht auf das Hauptwerk Die Weltrose des russischen Mystikers Daniil Andrejew zurück, 1906–59. In diesem Center werden Selbsterfahrungskurse für Reiche angeboten. Pomerantsev stellt seinen Lesern Manager Vladimir als »einen der gutaussehendsten Tycoons der Stadt« vor. Jeder sage, alle Girls hätten ihm zu Füßen gelegen, »und er hatte sie alle.« Sein Sekretär soll die schmachtende Ruslana schließlich unmißverständlich aufgefordert haben, den Boß gefälligst in Ruhe zu lassen. Sie versucht es. Im April 2008, einige Wochen vor ihrem Tod, bändelt Ruslana mit dem New Yorker Autohändler Mark an, obwohl oder weil sie noch immer an Vladimir hängt, der inzwischen geheirat hat. Sie erwähnt ihre Turbulenzen oder ihren Liebeskummer im Internet. Sie telefoniert mit Vladimir, auch mit ihrer Mutter, Managerin in einer Kosmetikfirma. Für den 28. Juni, einen Samstag, ist Ruslana mit Mark, wie er später versichert, zu einer Abendparty verabredet. Aber die knapp 21jährige »Rapunzel« betritt bereits am frühen Morgen den Balkon ihres im 9. Stock gelegenen Apartements und läßt nicht nur ihr Haar hinab. Ohrenzeugen vergleichen den Aufprall auf der Water Street mit einem Gewehrschuß.

Ihre Männer, der Manager, die Mutter – niemand glaubt an Selbstmord. Die Polizei habe schlampig ermittelt. Die Polizei kontert: Es gibt weder Einbruchs- noch Kampfesspuren; das Opfer schrie beim Sturz in die Tiefe nicht; mehrere Vertraute bestätigen, die junge Frau war unglücklich – was wollen Sie noch mehr? Zeit-Autorin Kerstin Kohlenberg* hat den Eindruck, die Genannten wiesen die Selbstmord-Erklärung zurück, weil sie schädlich fürs Geschäft oder schlecht fürs Gewissen sei. Der britische Fernsehproduzent und Autor Peter Pomerantsev**, der den Fall drei Jahre lang untersucht haben will, fragt sich, wie ein abgemagertes Mädchen, laut Polizeibericht, nach dem Absprung in einem Abstand von 8 Meter 50 zum Haus auf der Straße landen kann. Und warum es keine Nachricht hinterlassen habe, wo es doch sonst gern über sich schrieb? Für Pomerantsev erinnert das Moskauer »Trainingszentrum« Roza Mira stark an das Hauptquartier einer geschäftstüchtigen Sekte. Ein Kurs über drei Tage koste knapp 1.000 Dollar. Ruslana Korschunowa habe das Zentrum drei Monate lang besucht und sich dabei völlig verändert. Sie habe Zuversicht, Sicherheit, auch Gewicht verloren und sei aggressiv geworden. Zurückgekehrt nach New York, habe sie notiert: »I'm so lost, will I ever find myself?« Kohlenberg verfolgt im Apartment in der Water Street, wie Ruslanas Freundin Kira das letzte Buch nimmt, um es einzupacken: The Secret, ein Selbsthilfebuch, das dem Leser verspreche, er könne alles erreichen, was er sich wünsche. Pomerantsev schreibt, zweieinhalb Jahre nach Ruslanas Tod werde »ihr« Nina-Ricci-Parfüm in Moskau nach wie vor mit großem Erfolg an Teenager verkauft – den Anzeigen mit Ruslanas Bild zufolge als »Versprechen der Verzauberung« (a promise of enchantment). Gemeinsam mit Ruslana Korschunowa soll übrigens auch das ukrainische Model Anastasia Drozdova an Roza-Mira-Kursen teilgenommen haben, das sich 2009 in Kiew ebenfalls, wohl mit 20 Jahren, aus einem Fenster warf – falls es Selbstmord war. Dem US-Zweig der »Sekte«, hier unter Lifespring firmierend, werden kriminelle Machenschaften nachgesagt, darunter Zwang zur Prostitution.

Wie auch immer: sogar Bild räumt ein, das Modelgeschäft sei brutal, zumal in New York City. Bild-Korrespondent Heiko Roloff erzählt von einem Freund, der Produzent beim Sender MTV sei. Diesem Insider zufolge soll Ruslana um 5 Uhr morgens nach Hause gekommen und um 6 Uhr in den Tod gesprungen sein. Das klinge »verdammt nach Kokain-Depressionen«, so Roloffs Freund. Er sei gespannt auf den toxikologischen Bericht. Doch diesem zufolge wurden in Ruslanas Blut und Urin keine Spuren von Drogen gefunden, einschließlich Alkohol. Gleichwohl soll sie, nach verschiedenen Zeugen, vor ihrem Tod über Magenschmerzen geklagt haben. Aber wer hätte sie nicht, aus immer anderen Gründen, etwa Magersucht oder Aufklärungswut? Sowohl Kohlenberg wie Pomerantsev versichern, das Model aus Almaty habe öfter mit dem Gedanken gespielt, »etwas Ordentliches« zu studieren, spätestens nach der Zeit des Goldrausches, die bekanntlich in Fällen, wo auf Attraktivität und Jugendlichkeit gesetzt wird, ziemlich kurz bemessen ist. Für Ruslana und ihre nicht raren Schicksalsgenossinnen fiel sie noch kürzer aus. Vielleicht kommen hier einem »Sternchen« am Kaufhaus- und Medienhimmel vor allem die Minderwertigkeits-gefühle in die Quere: weil es in der angebeteten »Leistungsgesellschaft« nur eine zufällig erteilte, auch durchaus umstrittene Eigenschaft zu bieten hat. Wenn sich ein junger Mensch nicht besser fühlt wie die Flaschen mit Schönheitstinkturen, auf denen sein Foto prunkt, ist er eigentlich ähnlich überflüssig – und kann sich auf die Water Street werfen.

Man sollte sich von den mörderischen Arbeitsbedingungen in der Model-Branche nicht von dem Umstand ablenken lassen, daß bereits die Mode selber eine ziemlich brutale, sadomasochistische Einrichtung ist. Dazu verweise ich auf meine kleine Betrachtung »Kratzende Hosen«, A-33.

* »In Schönheit gestorben«, 27. November 2008: https://www.zeit.de/2008/49/Modeltod-49
** »Disconcerting New Answers In Model's Suicide«, Newsweek, 1. Mai 2011: https://www.newsweek.com/disconcerting-new-answers-models-suicide-67659




Kortenbach, Gertrud 36 (1924–60), bergische Bildhauerin. Ihr letztes größeres Werk Engel von 1959, ursprünglich für eine private Grabstätte gedacht, ist als etwas fragwürdige Dauerleihgabe der Familie Konejung vor dem Kunstmuseum in Solingen-Gräfrath zu besichtigen. Die Bronzearbeit könnte Insektenfreunde an eine aus Evas Rückenwirbeln gearbeitete, inzwischen fleischlose Riesenlibelle erinnern. Vielleicht war das der Einfluß von Joseph Beuys, mit dem Kortenbach ab 1945 ungünstigerweise derselben Meisterklasse der Düsseldorfer Kunstakademie angehörte. Drei Jahre darauf kehrte sie in ihre Heimatstadt Solingen zurück, um sich in der elterlichen Metallfabrik (Kortenbach und Rauh) ein Atelier einzurichten. Die Bildhauerin soll auch in Holz und Elfenbein, zudem kunsthandwerklich und literarisch gearbeitet haben. Für Susanne Koch* zeugen Kortenbachs Werke von Feingefühl, Menschenliebe, Humor und »hoher Spiritualität«. Ihrer Schwester Hildegard zufolge ist die Künstlerin eine »Draufgängerin« gewesen, nebenbei auch Reiterin. Andererseits hatte sie sich wohl mit dem Leben schwergetan und zeitweise in psychiatrischer Behandlung befunden.** Als die 36jährige Fachfrau für Metall am 8. April 1960 das schwere schmiedeeiserne Tor zum Park ihres Elternhauses öffnete, tat sie es vermutlich ganz normal. Aber dann zuckte sie zusammen, knickte vielleicht auch ein oder rutschte auf nassem Pflaster aus: der Torflügel hatte sich aus seiner Verankerung gelöst. Kortenbach wurde von ihm erschlagen. Das Unglück ist mit Hilfe der vorliegenden spärlichen Angaben nicht so leicht vorstellbar. Immerhin dürfte sich mancher sagen, er möchte damals weder der Wächter noch der Eigentümer dieses Tores gewesen sein.

* »In der Weite des Meeres«, Solinger Tageblatt, 27. September 2014 (urspr. 2010): https://www.solinger-tageblatt.de/solingen/weite-meeres-fand-ihren-ausgleich-3974963.html
** »Schau Form vollendet zeigt Leben«, Remscheider General-Anzeiger, 22. Dezember 2014




Krahl, Hans-Jürgen 27 (1943–70), SDS-Aktivist aus Frankfurt/Main, stirbt auf der Straße, aber nicht beim Steinewerfen. Den Adorno-Schüler und heimlichen »Chefideologen« des SDS haben sehr wahrscheinlich weder Uniformierte noch Geheimagenten auf dem Gewissen. Zu einer Gruppe in Paderborn unterwegs, verunglückte er bei Dunkelheit und Schneeglätte am 13. Februar 1970 auf einer Bundesstraße bei Diemelstadt in Nordhessen. Laut damaliger dpa-Meldung kam das Auto, in dem er mit vier anderen Personen saß, ins Schleudern und prallte gegen einen entgegen kommenden Lastwagen. Krahl, 27, sei auf der Stelle tot gewesen. Zu allem Unglück hatte er schon als Kind bei einem Bombenangriff ein Auge verloren. Ein zweites Todesopfer soll der 25jährige Franz-Josef Bevermeier aus Paderborn gewesen sein, der wenig später im Krankenhaus starb. Die drei anderen Insassen wurden verletzt. Zwar wird in der Agenturmeldung auch erwähnt, wer das Auto gefahren habe, doch es widerstrebt mir, diese Nennung zu wiederholen.

Die Strategen Claussen/Leineweber/Negt stocherten damals ausgiebig im Nebel. Sie stellten in ihrer gemeinsam verfaßten Grabrede* gleich zu Anfang fest: »Der Tod unserer Genossen Hans-Jürgen Krahl und Franz-Josef Bevermeier enthält nichts, was einer nachträglichen Mystifizierung fähig wäre. Er bezeichnet den brutalen und dürftigen Tatbestand eines Verkehrsunfalls, ein kontingentes Geschehen des Alltaglebens, das sich nur schwer in einen zwingenden Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Zuständen bringen läßt.« Im großen Rest der Rede, die nicht nur wegen ihrer Länge einer Folter gleicht, kommen die drei Aktivisten dann wahrlich auf vieles zu sprechen, zum Beispiel die »bürgerlichen Verkehrsformen«, nur nicht mit auch nur einem Komma auf den modernen Straßenverkehr oder wenigstens auf die fragwürdigen Errungenschaften der Technik im allgemeinen. Für sie scheint die einst von Hitler und Porsche ungemein befeuerte Automobilisierung des deutschen Volkes system- und wertfrei und über Kritik erhaben zu sein. Aber so waren wir damals. Auch ich, zum Zeitpunkt dieser Beerdigung wohl schon Maoist, später Musiker und Handwerker, bin stets viel Auto gefahren.

Wenn ich mir es recht überlege, ist es eigentlich ein Wunder, daß ich nicht schon seit knapp 50 Jahren unter der Erde liege. Es dürfte 1972 gewesen sein, als ich mit einem Mietbus voller Möbel und Umzugkartons von Bochum aus nach Neunkirchen/Saar fuhr, wo ich mit meiner Gefährtin C. den Landesverband der KPD/ML-Rote-Fahne aufbauen sollte. Ich war völlig unausge-schlafen und vom Gemütszustand her in der Tat schon fast reif für die Kiste. »Die Partei« zerfiel nämlich bereits, meine Zukunft stand in den Sternen. Mit Schaudern geht mir reichlich verspätet auf: damals, auf der Autobahn, drohten mir immer mal wieder die Augen zuzufallen. So schreckte ich wiederholt hoch, umkrampfte das Lenkrad und knirschte mit den Zähnen – bis zum nächsten Wegsacken. Zum Glück war C. nicht im Wagen, sie kam mit dem Zug nach. Von daher hätte es lediglich mich selber und vielleicht noch Dritte erwischt. Fast bin ich versucht zu seufzen, dieser frühe Unfalltod wäre womöglich nicht das Schlechteste gewesen, halte ich doch mein Leben für ziemlich verkorkst. Was aber, wenn man »nur« im Rollstuhl landet? Wird sich das Leben dann gelungener gestalten ..?

Krahl hatte es immerhin schon zum Guru gebracht. 1973 soll er in Gerhard Zwerenz' Roman Die Erde ist unbe-wohnbar wie der Mond eingegangen sein. Ob wenigstens Zwerenz glaubte, der titelgebende Umstand sei nicht unerheblich von jener Automobilisierung begünstigt worden, kann ich nicht sagen. Über Krahls Mitsterber Bevermeier ist zumindest im Internet buchstäblich nichts zu erfahren. Ich fürchte, fürs Argusauge der revolutionären Geschichtsschreibung war er schlicht zu klein.

* auf krahl-seiten.de zitiert nach: Sozialistische Correspondenz. INFO 34/35, 28. Febr. 1970: https://krahl-seiten.de/krahls-tod-beerdigung-und-grab



Kraus, Joseph Martin 36 (1756–92), »Odenwälder Mozart«. Den Sohn eines kurmainzischen Beamten tötete seine Liebe zu seinem Herrscher und Arbeitgeber – allerdings nicht im Odenwald. Musikalisch begabt und ausgebildet, hatte er es nämlich 1778 an den Stockholmer Königshof und dort bald zum Kapellmeister Gustav III. gebracht. Da ihm dieser auch eine ausgedehnte Europareise ermöglichte, lernte Kraus solche Gurus wie Gluck und Haydn, ja sogar den Papst kennen. In Schweden komponierte, unterrichtete und organisierte Kraus emsig – »reine Zuchthausarbeit«, bis »der Schweiß nach Noten stinkt«, wie er in einem Brief nach Hause spottet.* Allein in der Sparte »Oper« bringt er es in seinem kurzem Leben auf über ein Dutzend Werke. Als sein musikliebender Monarch, der schließlich auch noch einige Kriege zu führen hatte, etwa gegen Dänemark und Rußland, 1792 wieder einmal Zeit für die Hofoper fand, wurde von sparsüchtigen oder mißgünstigen Adeligen prompt ein Anschlag auf Gustav ausgeheckt. Am 16. März traf ihn auf einem Maskenball in der Stockholmer Oper ein Pistolenschuß in den Rücken, dem er einige Tage später, mit 46 Jahren, erlag. Wie zu erwarten war, setzte Kraus, knapp 36, sofort eine Trauersinfonie und eine Trauer-kantate auf – doch die Wahrheit war bitterer. Kraus soll sich Gustavs Ableben derart zu Herzen genommen haben, daß er noch kränker wurde, als er ohnehin schon war. Er litt bereits seit seinen Studentenjahren an Tuberkulose. Nun raffte ihn die Freveltat in der Oper auch selber hin: er verschied am 15. Dezember.

Erstaunlicherweise liest man über Kraus' persönliche Verhältnisse und seine Gemütszustände kein Wort; vielleicht hatte er keine. Dreher erwähnt lediglich, er habe bei seinem Tod »keine Nachkommen« hinterlassen. Somit waren es unverwandte VerehrerInnen, die auf seinen am See Brunnswiken errichteten Grabstein meißeln ließen: »Hier ruht das Irdische von Kraus. Das Himmlische lebt in seinen Tönen.« Der Tod seines adeligen Gönners warf übrigens auch wieder eine Oper ab, die gut 60 Jahre später Verdi schrieb: Ein Maskenball. Und 2005/06 schließlich brachte die Stockholmer Ärztin und Musikerin Sara Åsbrink, die unweit dieser Grabstätte wohnt, zwei Töchter zur Welt – die sie Lovisa Eleonora Krausina und Sofia Josefina Elisabeth nannte.**

* Sabine Dreher, »Joseph Martin Kraus«, Bote vom Unter-Main, Nr. 146, Sommer 2006
** Alexandra Stahl, »Kraus hat seine Finger im Spiel«, Main-Echo, 20. Juni 2008: http://www.main-echo.de/regional/kreis-miltenberg/art3999,412081




Krause, Allison 19 (1951–70), US-Studentin, erschossen. Das sogenannte »Kent-State-Massaker« fiel in die Proteste gegen die Verschärfung des Vietnamkriegs durch Nixon. Dabei eröffnete die US-Nationalgarde im Mai 1970 auf dem Campus der Universität in Kent, Ohio, aus über 100 Meter Entfernung das Feuer auf eine unbewaffnete Gruppe von Studenten, aus deren Richtung vorher ein paar Steine geworfen worden waren. Die Polizisten trafen vier Studenten tödlich: Neben Allison Krause (19) noch Sandra Lee Scheuer (20), Jeffrey Glenn Miller (20) und William Knox Schroeder, der auch erst 19 war. Dieser bestens dokumentierte Vorfall hatte zunächst gewaltige Proteststürme weltweit zur Folge. Eine Kommission des Weißen Hauses beeilte sich, den Übergriff zu verdammen. Doch weder wurden die Schützen und ihre Befehlshaber jemals gerichtlich belangt*, noch begann sich der US-Imperialismus auf die angebliche Friedensliebe seiner Gründerväter zu besinnen. Allein in dem Übergriff namens Vietnamkrieg fielen, laut Finck, 58.000 amerikanische Soldaten und rund drei Millionen Vietnamesen. Und ist seit damals auch nur ein Vierteljahr vergangen, in dem die Yankees nicht einen Krieg angezettelt, ein Mordkom-mando ausgeschickt oder sogenannte Sanktionen mit meist verheerenden Auswirkungen verhängt hätten? Ganz im Gegenteil. Nixons jüngster Nachfolger Biden besitzt in diesem Monat, März 2021, die Frechheit, seinen Amtskollegen Putin im Rahmen der »Affäre« um die angebliche geheimdienstliche Vergiftung eines russischen Oppositionellen öffentlich als »Mörder« anzuprangern. Ein Novum in der Geschichte der Diplomatie, wenn ich mich nicht irre. Dagegen ist die Sitte, »Haltet den Dieb!« zu rufen, um über die eigene Verderbtheit hinweg zu täuschen, allerdings uralt.

* Almut Finck, »Das Kent-State-Massaker in Ohio«, Deutschlandfunk, 4. Mai 2020: https://www.deutschlandfunk.de/vor-50-jahren-das-kent-state-massaker-in-ohio.871.de.html?dram:article_id=475903



Krieger, Johann Nepomuk 37 (1865–1902). Wer Kalauer liebt, könnte den Sohn eines bayerischen Braumeisters als den zeitlich ersten »Kalten Krieger« bezeichnen. Eine fette Erbschaft hatte ihn nämlich in die Lage versetzt, Astronomie zu studieren und in diesem Rahmen eine besondere Leidenschaft für den Mond zu entwickeln. Nebenbei muß er auch grafisch begabt gewesen sein. 1890 richtete er sich in einem Münchener Vorort sogar eine eigene Sternwarte ein, die er fünf Jahre darauf in die oberitalienische Stadt Triest (an der Adriaküste) verlegte. Das geschah wohl dem dortigem klarem Himmel, vielleicht auch einer vergleichsweise gesunden Luft zuliebe. Da hockte er nun Nacht für Nacht im Dachreiter einer stattlichen Villa am Rohr und über seinem Zeichentisch, hatte er sich doch in den Kopf gesetzt, den Mond zu kartieren. Zu diesem Zwecke erfand er eigens mehrere einer guten Darstellung dienliche grafische Verfahren. So entstanden rund 1.000 Zeichnungen von der Mondoberfläche, die noch heute hochgelobt werden, und zwar sowohl aus astronomischen wie künstlerischen Gründen. Die Veröffentlichung des ersten Teils seines Mondatlas' durfte er (1898) sogar noch erleben. Vier Jahre darauf hatte sich Krieger totgearbeitet, wenn man einem Porträt auf der Webseite der Unione Astrofili Italiani glauben darf.* Hinzu sei die Nachtkälte gekommen. Um 1900 brach der Mondkundler und Mondgrafiker zusammen, schl0ß sein Observatorium, das nach seiner Gattin (ein Sohn) Pia hieß, und schleppte sich von einem Sanatorium zum anderen. Er starb im Februar 1902, wenige Tage nach seinem 37. Geburtstag, in San Remo (an der italienischen Riviera). Woran genau, wird nicht gesagt. Ich tippe auf Tuberkulose und/oder Lungenentzündung. Heute kann man in den Mondatlanten auch den Krater Krieger nachschlagen, Durchmesser 23 Kilometer.

Ob Krieger auch mit einer Fahrkarte zum Mond liebäugelte, entzieht sich meiner Kenntnis. Eigentlich war die Eroberung des Mondes schon vor 300 Jahren von Johannes Kepler durchgespielt worden. Francis Godwin, John Wilkins, Poe, Melville träumten von ihr. Um 1900 lag die Mondfahrt geradezu in der Luft; wenige witterten Unheil. Henrik Pontoppidans verschrobener Pastor Fjaltring etwa sah die Räume schrumpfen, unwirtlich werden – verschwinden. An der Entfernung zwischen Nase und Mund sei trotzdem nicht zu rütteln, fügte er (im Roman Hans im Glück) gläubig hinzu. Aber genau das ärgert ja die Leute, die ihre Raumfähren Challanger (Herausforderer) und ihre Gentechnik einen Segen nennen. Ihr Stolz duldet keine Grenze und keine Unmöglichkeit. Lewis Mumford rätselt (in seinem Buch Der Mythos der Maschine von 1967/70), warum Kepler die Raumfahrt solcher enormen Mühen und Verluste für wert hielt. Dabei hat er vorher selber »das typisch technokra-tische Motiv« herausgestellt, etwas allein um des Beweises seiner Machbarkeit willen zu machen. Flucht vor irdischen Problemen, ob sozialer oder seelischer Natur, kommt allerdings hinzu. Dafür werden keine astronomisch hohen Kosten und keine toten RaumfahrerInnen gescheut. Den Kosmonauten zu sagen, sie könnten ihren Lebensunterhalt doch auch als RaumpflegerInnen bestreiten, hat gar keinen Zweck. Sie brauchen das Wagnis. Mit schnöden Krank-heiten geben sie sich nicht ab. Wird der Himmel gesperrt, weil da die Corona-Asteckungsgefahr zu hoch ist, heuern sie in der nächsten Kohlezeche an und versuchen dort, 500 oder 800 Meter untertage, die am 13. Oktober 1948 erreichte Norm des DDR-Hauers und -Helden Adolf Hennecke zu übertreffen. Das ist nicht weniger hirnrissig.**

* »Johann Nepomuk Krieger«, Stand 2011, auf: http://divulgazione.uai.it/index.php/Johann_Nepomuk_Krieger. Das Porträt beruht auf dem Buch 250 Jahre Astronomie in Triest von Conrad A. Böhm, MGS Press 1998.
** George Orwell, eigentlich Antikommunist, hielt Industrie im großen Maßstab für unverzichtbar und brachte speziell den Kumpels der Finsternis geradezu Verehrung entgegen. Er war eher Proletkultler als Anarchist.




Krones, Hilde 38 (1910–48). Hier hätten wir schon fast eine echte Proletarierin, Tochter eines Bäckergehilfen und einer Hausfrau in Wien. Sie selber wurde Kaufmännische Angestellte – und Gewerkschaftsfunktionärin sowie Poli-tikerin. Sie zählte zum linken Flügel der österreichischen Sozialdemokratie (SPÖ), hatte sich im Faschismus an der Untergrundarbeit beteiligt und war zuletzt, nach dem Krieg, sogar Abgeordnete des demokratischen Nationalrates geworden. Das konnte sie freilich nicht daran hindern, sich mit 38 Jahren umzubringen, wohl hauptsächlich aus Verzweiflung über den Sumpf, von dem sich PolitikerInnen nähren. Sie schluckte in ihrer Wiener Wohnung Schlaftabletten. Auf einer SPÖ-Seite* heißt es dazu erstaunlich offenherzig, »angeführt vom damaligen Innenminister Oskar Helmer: SPÖ« sei gegen Hilde Krones und ihre Gruppe (um die Zeitschrift Kämpfer) »wegen angeblicher ideologischer Nähe zur KPÖ eine persönliche Diffamierungskampagne betrieben« worden. Gegen ihren Mitstreiter Erwin Scharf wurde sogar Partei-ausschluß verhängt. Nun mag die Verleumdungskampagne ja »persönlich« gewesen sein, aber vom Charakter und dem Lebenswandel der verfemten Genossin erfährt man hier und anderswo so gut wie nichts. Von den erwähnten Eltern hatte sie wahrscheinlich nicht viel, oder nur Schlechtes, soll sie doch ihre Kindheit bei Pflegeeltern in Ungarn verbracht haben. Abschiedsworte hinterließ sie offenbar nicht. Nach OeBL war sie ein Arbeitstier mit großer rhetorischer Begabung. Auf einem Foto von einer Demonstration 1945 sehen wir vier fröhliche Frauen in einer, vielleicht der vordersten Reihe, alle derb gekleidet und mit Hacke oder Spaten auf der Schulter. Die zweite von rechts, Krones, wirkt jedenfalls nicht wie eine kugelrunde Bäckersfrau. Als wichtiger »Jugendfreund« wird hier und dort der etwas ältere Jurist und Versicherungsfachmann Paul Schärf genannt, der sich auch um das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) verdient gemacht haben soll. Er starb 1994 mit 87 just in Wien, mehr als doppelt so alt wie Krones. Deren letzte Stunden stelle ich mir ziemlich schrecklich vor.

Wegen meiner schon weiter oben eingestandenen Voreingenommenheit gegen Lyriker müßte ich Kristján Jónsson (1842–69) und Maximilian Kronberger (1888–1904) eigentlich übergehen. Während der Isländer mit 26 der Trunksucht erlegen sein soll, ereilte den bayerischen Kaufmannssohn und Gymnasiasten die üble, oft tödliche Entzündungskrankheit Meningitis gerade dann, als er dem Münchener »Dichter« Stefan George die kalte Schulter gezeigt und sich prompt in ein Mädchen verliebt hatte, falls der deutschen Wkipedia zu trauen ist. Nun bedenke man aber: der Junge war erst 16! In diesem Alter gab ich mich auf dem Wirtschaftsgymnasium in Kassel-Kirchditmold noch der Illusion hin, das Abitur zu erlangen. Und an Kronbergers Stelle hätte ich diese Illusion mit ins Grab genommen. Tatsächlich folgten jedoch noch viele Illusionen, bis ins hohe Alter. Bedenke ich es recht, war gerade dieser Zug, unbeschneidbar »Blütenträume« hervor zu treiben (so Goethes Versuch einer Eindeutschung), nicht unwesentlich für jene Verkorkstheit verantwortlich, von der ich kürzlich sprach. Gegen solche Züge helfen nur Pandemien, Kernkraft-unfälle oder sonst ein GAU.

* »Krones, Hilde (geb. Handl)«, Das rote Wien, http://www.dasrotewien.at/seite/krones-hilde-geb-handl, o. J.



Krupp, Friedrich 39 (1787–1826), wäre heute als Weichei beschimpft worden. Im Lichte der bekannten Losung »Flink wie Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl« könnte man als Kehrseite romantischen Überschwangs und biedermeierlicher Behaglichkeit die Konkurrenz auffassen. Durch die Etablierung des Kapitalismus – in der Regel verharmlosend »Industri-alisierung« genannt – erfuhr sie ja einen gewaltigen Schub. Statt sich selber versorgen zu dürfen, hatten sich die kleinen Leute nun als »Proletarier« in kirchenschiff-großen Fabrikhallen um Hungerlöhne zu schlagen, damit sie Salzheringe aus dem Faß oder Hundefutter in Dosen erwerben konnten. Das Tolle, ja Tollwütige daran ist, daß der Kapitalismus ohne mit der Wimper zu zucken bereit ist, auf dem Altar des »Wettbewerbs« nicht nur Proletarierkinder sondern auch die eigenen Sprößlinge oder Gründerväter zu opfern.

Friedrich Krupp wurde 1787 in einer Essener Kaufmanns-sippe geboren, die ihr Haus am Flachsmarkt vorwiegend dem Handel mit Kolonialwaren verdankte, die sich aber auch schon mit Industriebeteiligungen versuchte. Als sich der 20jährige 1807 mit Theresia Wilhelmi verlobte, schenkte ihm Großmutter Helene Amalie gleich die ganze Gutehoffnungshütte in Sterkrade. Die Hütte profitierte vor allem vom Bedarf der Dampfmaschinenindustrie. Dem neuen Geschäftsführer Friedrich Krupp gelang es, sie binnen eines Jahres in den Sand zu setzen. Irgendwer war schon schneller oder durchtriebener als er gewesen und hatte ihr das Wasser abgegraben.

Krupp warf sich notgedrungen wieder auf die Kolonial-waren seiner Großmutter und wartete auf deren Tod. Kaum hatte sie 1810 das Zeitliche gesegnet, machte er das Erbe zu Geld und steckte es in eine Werkstatt für Gußstahl, herrschte doch großer Bedarf nach diesem Erzeugnis, seit Napoleons »Kontinentalsperre« (von 1806) die Importe aus England blockierte. 1813 verlegte Krupp sein kleines Unternehmen als Gußstahlfabrik (mit Schmelzöfen und Hammerschmiede) auf ein Sumpfgelände, das außerhalb der nördlichen Stadtmauer an der Berne lag. Nun setzten ihm, neben seiner Kurzsichtigkeit und den Windbeuteln, die er als Teilhaber hatte, die ungünstigen »Standort-bedingungen« zu. Der Betrieb lief nicht gut. Schließlich war Krupp nicht der erste, der die Marktlücke gewittert hatte; »Kontinentalsperren« aus Worten halten vielleicht nicht ewig (bis 1814); die Konkurrenz findet die besseren unlauteren Methoden heraus – all diese Unbilden, Unwäg-barkeiten und damit verbundenen volkswirtschaftlichen Verluste wären fortgefallen, hätte man mit dem Privat-eigentum an Grundstücken und allen anderen Produkti-onsmitteln die Konkurrenz abgeschafft, aber das wäre Sozialismus gewesen.

1819 nahm Krupp an der Mühlheimer Chausee vorm Limbecker Tor (heute Altendorfer Straße) eine neue Fabrik für Tiegelstahl in Betrieb, die als Stammsitz des späteren Krupp-Imperiums gilt, obwohl sie zu Friedrichs Lebzeiten nicht einen Taler Gewinn abwarf. Bei seinem Tod hatte sie nur noch sieben Arbeiter, dafür 10.000 Taler Schulden. Sohn Alfred, damals 14, würde es richten: mit Eisenbahnrädern und Kanonenrohren. Um Friedrich Krupps Mißerfolge in milderes Licht zu tauchen, werden neben seiner »Sprunghaftigkeit« oft seine zeit- und kräfteraubenden öffentlichen Ämter angeführt. Unter anderem war er Stadtrat und hatte mit dem Ausbau des Essener Verkehrswegenetzes sowie dem Brandschutz zu tun. Das darf man ja wohl von einem Kapitalisten verlangen, daß er etwas fürs Gemeinwohl tut, weil es seinem Ansehen, seinen Beziehungen und seinen Stahltiegeln nützt. Heute kauft man sich diese Leute – aber heute hat man auch, aufgrund der außerordentlich gut gewachsenen Spekulationsspielräume, viel mehr Geld. Man sollte also ruhig auf Friedrich Krupp einhacken: er war einfach nicht hart genug. Um 1820 hütete er, »nervenkrank«, schon mehr das Bett als im Höllenlärm der Schmiedehämmer und beim Zischen der rotglühenden Stähle die Vorarbeiter anzuschnauzen. Ab 1824 konnten ihm auch die Glocken der Marktkirche keinen Trost mehr spenden, fiel doch das Haus am Flachsmarkt Gläubigern zum Opfer. Die sechsköpfige Familie (darunter Hoffnungs-träger Alfred) mußte sich die Schande antun, in das winzige »Aufseherhaus« der Tiegelfabrik überzusiedeln, das eher einem Pförtnerhäuschen glich. Dort erlag der 39jährige Gründervater im Oktober 1826 nicht etwa der Konkurrenz, vielmehr einem Lungenödem, wie es in einigen Quellen heißt.

Ein Paradebeispiel gelungenen Ausstechens im Bereich der erwähnten Verkehrswege gaben ungefähr 120 Jahre später clevere US-Unternehmer. Wer Los Angeles von Filmen oder Fotos her kennt – wer also ein düsteres, stinkendes, für Unmengen an Morden und Selbstmorden gutes Riesenknäul aus 10spurigen Stadtautobahnen kennt, würde kaum vermuten, daß diese kalifornische Ortschaft um 1930 über das größte städtische Straßenbahnnetz der Welt verfügte. Auf den bald 2.000 Kilometer langen elektrifizierten Schienenwegen der Red Cars, die auch ins Umland ratterten, wurden jährlich zig Millionen Menschen befördert. Wie wäre es zu verstehen, daß dieses Netz ab ungefähr 1940 binnen zweier Jahrzehnte systematisch erdrosselt worden ist? Der Jurist Bradford C. Snell, damals für das Anti-Kartell-Komitee des US-Senats tätig, erläuterte es 1974 in einem Bericht.* Danach hatten General Motors, Standard Oil of California (Rockefeller), der Reifenhersteller Firestone und andere Firmen, die ihre Profite mit Autos machten, kurzerhand eine Dachgesellschaft gegründet, die nach und nach alle Straßenbahnlinien aufkaufte – um sie durch Buslinien zu ersetzen. Das war der Beginn einer durchgreifenden Verwüstung. Wie sich versteht, verfuhren General Motors, Ford, Chrysler und so weiter in anderen Großstädten und Staaten der USA kaum anders; es gelang ihnen auf diese Weise, das Riesenland in eine nahezu narrensichere Gummi-, Benzin- und Autoabhängigkeit zu bringen. Nennenswerten Widerstand gab es nicht. Das Wort Ökologie war damals auch im Amerikanischen noch ein Fremdwort, während das Fahren im Auto dem vertrautem wildwestmäßigem Im-Sattel-Sitzen nahe kam. Krupp in Deutschland befaßte sich zu jener Zeit, um 1940, wahrscheinlich hauptsächlich mit solchen Automobilen, die man Panzer nennt. 1999 entstand durch eine kleine demokratische Fusion aus Krupp und Thyssen die ThyssenKrupp AG, derzeit Deutschlands größtes Stahl- und Technologieunternehmen. Unter den 100 führenden Rüstungskonzernen der Welt stand es 2019, laut Handelsblatt, auf Rang 57.

In Deutschlands gar nicht Wildem, vielmehr verstaat-lichtem Osten wollte man um 1970 zumindest in einigen Mittelstädten den Yankees nicht nachstehen. Es wurde mir klar, als ich Jahre nach der »Wende« Eisenach und Mühlhausen besuchte. Dort sah ich hier und dort noch einasphaltierte Straßenbahnschienen aufblinken, während sich die Linienbusse im Wettstreit mit den modischen »Gelände«-Limousinen durch die engen Gassen zwängten. Am liebsten hätte ich mich verzweifelt hingeworfen und meine Zähne in die stillgelegten Schienen geschlagen. Das haben die ostdeutschen »Sozialisten« damals freiwillig gemacht! Die Stillegung der Straßenbahnen, meine ich. Ja, ich bemerkte es wohl schon einmal, in der Nachäffung waren die Schleiereulen um oder unter Ulbricht und Honecker ganz groß.

Das Eingangszitat mit den Windhunden bemühte im Februar 2013 der Schlagersänger Heino, bekanntlich in seiner Branche ähnlich erfolgreich wie Friedrich Krupps Sohn Alfred im Intrigenschmieden, in einem Vermark-tungsgespräch mit der FAZ. Der inzwischen 74jährige Kinderstar der 1960er Jahre wollte dadurch seine Unverwüstlichkeit andeuten. In der Tat blieb seine damals jüngste Scheibe Mit freundlichen Grüßen nicht seine letzte; die kam 2018 heraus. Vom Spiegel auf die Herkunft des Zitates gestupst (Adolf Hitler), maulte Heinos Manager Jan Mewes, dieser historische Zusammenhang sei Heino nicht bewußt gewesen. Eingedenk der traditionellen Ehe zwischen Unbewußtheit und Unverwüstlichkeit glaubt man das gern.

* Sergen Canoglu, »Der vergessene amerikanische Autoskandal«, Portal Die Freiheitsliebe, 10. Februar 2020: https://diefreiheitsliebe.de/wirtschaft/der-vergessene-amerikanische-autoskandal/



Kruse, Stefan 15 (1952–68), Schriftstellersohn, Fahr-radunfall. Ob auch er zu den Opfern des Straßenverkehrs zählt, kann ich nicht mit Sicherheit behaupten. Seinen Vater Max Kruse, gestorben 2015 mit 93, dürften viele von bekannten Kinderbüchern her kennen, etwa Der Löwe ist los oder Urmel aus dem Eis. In den 60er Jahren hatte sich Kruse mit Stefan »im Isartal« niedergelassen, wie er im Epilog seiner Autobiografie Im Wandel der Zeit (Neuausgabe Stuttgart 2011) erwähnt. Dort geschah der Unfall, der ihm den 15jährigen Sohn raubte. »Mein größter Schmerz.« Unweit der väterlichen Wohnung sei Stefan (im April 1968) »bei der abendlichen Heimkehr mit dem Fahrrad tödlich« verunglückt (S. 589). Warum, erfahren wir nicht, obwohl die letzte Druckseite, 590, durchaus noch reichlich Platz geboten hätte. Im Internet ebenfalls Fehlanzeige, und meiner brieflichen Anfrage bei Stefans Schwester Sylvia (geb. 1954), vermutlich Kruses Nachlaßverwalterin, war schon vor längerer Zeit aus mir unbekannten Gründen kein Echo beschieden. Gewiß kann der Junge versehentlich oder aus Übermut gestürzt oder vor eine Mauer geprallt sein. Eine solche Mitteilung wäre dem Vater möglicherweise peinlich gewesen. Ist er aber unter ein Auto gekommen, wäre es dem Vater möglicherweise ebenfalls peinlich gewesen. Der Umstand, daß Kruse, ganz wie seine berühmte Mutter Käthe, Hunde- und Autofreund war, leuchtet nämlich klar aus seiner Autobiografie hervor.



Kuciak, Ján 27 (1990–2018), slowakischer Investigativ-journalist, zuletzt für ein heimisches Axel-Springer-Newsportal tätig, in diesem Rahmen schweren Fällen von Bestechung und Steuerbetrug auf der Spur. Kuciak hatte offensichtlich in ein fettes Wespennest gestochen, das sowohl slowakische Unternehmer wie PolitikerInnen und italienische Mafiakreise beherbergte. Prompt bissen er und seine gleichaltrige Braut Martina Kušnírová, die als Archäologin berufstätig gewesen sein soll, im Februar 2018 gemeinsam ins Gras: sie wurden in ihrem eigenen Haus überfallen und erschossen. Das Haus stand in Veľkej Mači, ein Dorf rund 50 Kilometer östlich von Bratislava. Der Doppelmord löste einen Hagel aus weiteren Enthüllungen, Demonstrationen, Prozessen und Rücktritten hochran-giger PolitikerInnen zuzüglich der Amtsenthebung einiger RichterInnen oder Staatsanwälte aus. Ich erlasse es mir, auch diesen Sumpf zu durchstaken. Während der angebliche (geständige) Schütze 2020 zu einer hohen Haftstrafe verurteilt wurde, kam dessen mutmaßlicher Auftraggeber, der millionenschwere Geschäftsmann Marián Kočner, bislang, wegen »Mangel an Beweisen«, mit einem blauen Auge davon: 5.000 Euro für unerlaubten Waffenbesitz.

Zu den Rücktrittlern zählte übrigens der »sozialdemo-kratische« Ministerpräsident Robert Fico, Jahrgang 1964. Die Welt* kennt ihn als Zensurwütigen; er habe kritische Journalisten einst als »antislowakische Prostituierte« und »schmierige Schlangen« bezeichnet. Dann frohlockt das Blatt, inzwischen habe man in Justiz und Polizei »neue führende Köpfe installiert«. Das Wort installiert ohne Gänsefüßchen. »Und so erkennen selbst Skeptiker an, dass es in der Slowakei einen Wandel zum Positiven gibt.« Mit dieser uns ermutigenden Schlußwendung wollte das Blatt oder Portal aus dem Hause Springer sicherlich schon wieder an meine Betrachtung übers Übelchen erinnern.

* Tim Röhn, »Diese jüngste Entwicklung ist diffus«, 21. Februar 2020: https://www.welt.de/politik/article191833755/Mordfall-Jan-Kuciak-Das-passt-alles-nicht-zusammen.html



Fortsetzung Kul—Lol
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