Sonntag, 17. Oktober 2021
LdF Folge Ka—Ki

Kabsch, Wilhelm 28 (1835–64), Apotheker und Bota-niker in Zürich. Wie es aussieht, wurde er vier Jahrzehnte nach Johann >Hargassers Ende in den Berchtesgadener Alpen ein sehr ähnliches Opfer botanischer Besessenheit, nur war er noch 10 Jahre jünger als der Salzburger Apotheker. Leider betrifft die Ähnlichkeit auch die Dürre des biografischen Materials. In Breslau aufgewachsen und ausgebildet, hatte es Kabsch in eine Züricher Apotheke verschlagen. Ernst Wunschmann (ADB Band 14 von 1881) hebt seinen Bienenfleiß hervor, aber das hätte er auch von Hargasser und tausend anderen sagen können: Um nach Feierabend noch »zu selbständigen wissenschaftlichen Arbeiten von hoher Bedeutung« zu kommen, habe Kabsch, bei unermüdlicher Nachtarbeit, »die ganze äußere Anspruchslosigkeit, die aufopfernde Begeisterung und eiserne Energie« seiner Jugend aufbieten müssen. Er veröffentlichte Aufsätze in Fachzeitschriften und arbeitete an einem grundlegendem Werk, das posthum (in Hannover) unter dem Titel Das Pflanzenleben der Erde. – Eine Pflanzengeographie für Laien und Naturforscher erschien. Eines Sommertages 1864 habe Kabsch zwecks Abschluß seiner Untersuchungen einen kurzen Ausflug in die Appenzeller Berge angetreten. Laut Wunschmann plante er nämlich, »die Schweiz zu verlassen und nach Leipzig überzusiedeln …, wo ihm günstige Aussichten eröffnet waren. Nachdem er am 19. Juni glücklich den Säntis bestiegen, unternahm er am folgenden Morgen allein die Besteigung des Hohenkasten. Am Mittag fanden ihn Hirtenknaben todt in seinem Blute liegen, nachdem er wahrscheinlich von einer steilen Halde ausgeglitten und über eine Felswand hinabgestürzt war. Sein Notizbuch und Aneroidbarometer lagen neben ihm.« Damit hatten sich die günstigen Aussichten gen Leipzig zerschlagen – und an diesem Hinweis, falls er stimmt, dürfte auch eine denkbare Selbstmordtheorie zerschellen.



Kadić, Ena 26 (1989–2015), österreichische Modistin, 1,77 groß. Wir bleiben geografisch und thematisch in der Gegend. Aus Jugoslawien stammend, hatte Kadić in Innsbruck, Tirol, eine Fachschule für Mode und Beklei-dungstechnik besucht. 2013 gewann sie den jährlichen Miss Austria-Schönheitswettbewerb. Der anschließende schicke Rummel scheint ihr aber nicht behagt zu haben.* Sie entzog sich ihm und arbeitete als Verkäuferin in einem Innsbrucker Modegeschäft. Am 16. Oktober 2015 wurde sie am Innsbrucker Bergisel gesehen – und schwerverletzt unterhalb der Aussichtsplattform Drachenfelsen aufgefunden. Anscheinend war sie über rund 30 Meter in die Tiefe gestürzt. Drei Tage darauf starb sie. Auf ihrem Handy fanden die ErmittlerInnen auch eine Textnachricht an einen Verwandten, in der sie einen Selbstmord ankündigte. Wie so oft, wollte es die Familie zunächst nicht glauben und brachte beispielsweise einen »Guru« der Modistin ins Spiel, den sie sogar nach dem Absturz noch angerufen hatte, wohl ein reuiger Hilferuf. Später machte sich allerdings selbst der Anwalt der Familie die Feststellung der Innsbrucker Staatsanwaltschaft zu eigen, nach den Ermittlungen sei Mord auszuschließen, Selbstmord sehr wahrscheinlich.*

Kadićs Motive bleiben undurchsichtig. Die Sache mit dem »Guru« erinnert an den wenig älteren »Fall« des 20jährigen Topmodels Ruslana >Korschunowa, New York City, den ich später ausbereiten werde. Hier nun wußte Gala (4. Februar 2016), Kadić habe »jede freie Minute« mit diesem Mann verbracht, der sie auch wiederholt akupunktiert habe. Dagegen habe er ihr »nach einem Hundebiß mit tiefen Wunden« die vom Arzt verschrie-benen Antibiotika untersagt, woran sie sich auch gehalten habe. Man könnte natürlich argwöhnen, sie sei durch den Hundebiß in den Tod getrieben worden. Dadurch zöge man sich allerdings einmal mehr den Haß von ungefähr 70 Prozent der Menschheit zu.

Bekanntlich ist die Beurteilung der ausschlaggebenden »Todesursache« oft schwierig, zuweilen sogar müßig. Ich greife zu diesem Thema noch einmal das Hinscheiden Auguste Böhmers auf, siehe unter >Groß. Die 15jährige soll sich (1800) im Kurort Bad Bocklet die Ruhr geholt haben, also ein Bakterium, das meist für heftige Durchfälle, Fieber, Entkräftung bis hin zum Tod sorgt. Antibiotika standen noch nicht zur Verfügung. Also versuchte es »Naturphilosoph« Schelling, der neue Liebhaber von Augustes Mutter, mit Wein und Opium, was dem Konzept der »alternativen«, auch im nahen Bamberg gepflogenen medizinischen Schule des Brownianismus entsprach, für das sich Schelling erwärmt hatte. Die Dröhnung schlug fehl – oder eben die letzten Nägel in den Sargdeckel. Seitdem hat der Streit über Schellings Eingreifen und den Brownianismus allgemein schon viele Zeitungs- und Buchseiten gefüllt. Der Arzt Gerd Reuther läßt in seinem jüngstem Werk, einer aufschlußreichen kritischen Medizingeschichte**, kein gutes Haar an den Lehren John Browns, den er zu den »Scharlatanen« des 18. Jahrhun-derts zählt. Brown starb 1788 – möglicherweise just an Alkohol und Opium …

* Eva Kaiserseder, »Ena Kadic: Miss Austria beging vor einem Jahr Selbstmord«, Portal Web.de, 14. Oktober 2016: https://web.de/magazine/panorama/ena-kadic-miss-austria-beging-jahr-selbstmord-31958204
** Heilung Nebensache, München 2021, S. 72–75




Kaffka, Margit 38 (1880–1918), ungarische Schriftstel-lerin, nach üblicher Angabe mitsamt ihrem einzigem Kind, dem 1906 in erster Ehe geborenen Knaben László (12), ein Opfer der berüchtigten, sogenannten Spanischen Grippe. Der werden bekanntlich zig Millionen Tote jener Kriegszeit zugeschrieben. 1914 heiratet Kaffka den Arzt Ervin Bauer, der freilich »bald nach der Hochzeit zum Kriegsdienst: als Militärarzt einberufen wird«, falls Nina Buchgraber* zu trauen ist. Sonderlich viel kann sie von diesem zweitem Gatten also nicht gehabt haben. Das hindert die deutsche Wikipedia nicht daran, von einer »glücklichen Ehe« zu sprechen. Bauers mutmaßliche Strohwitwe, wohl aus verarmtem Landandel stammend, war derweil (in Budapest) als Lehrerin tätig, verlegte sich allerdings zunehmend aufs Verfassen von Gedichten und Erzäh-lungen, zuletzt auch Romanen. Sie faßt in verschiedenen Zeitschriften und in dem »Sonntagskreis« um Georg Lukács Fuß. Sie ist sozialistisch gestimmt und verurteilt die Unterdrückung der Frauen. Heute gelte sie, schreibt Buchgraber, als (zeitlich) »erste bedeutende« Schrift-stellerin ihres Landes. 1980 bekam sie eine ungarische Briefmarke, war also anscheinend nicht verfemt. Ehemann Bauer endete 1938 in Leningrad – strafweise erschossen.

Da ich keine Zeile von Kaffka kenne, will ich alternativ noch eine paar Bemerkungen zur »Spanischen Grippe« wagen. Man schob sie in jenen ersten Weltkriegszeiten den »neutralen« Spaniern in die Schuhe, weil deren Presse erstmals über diese Epidemie berichtet hatte. In Wahrheit dürfte sie aus Nordamerika eingeschleppt worden sein. Ob sie eine Riesengrippewelle gewesen, also dem immer-gleichen Virus anzulasten sei, ist nach einem gründlichem Aufsatz von Peter Frey** allerdings auch noch die Frage. Mehr noch, dürften bei der Seuche oft Bakterien im Spiel gewesen sein, die in den Lungen der Menschen fraßen. Antibiotika gab es noch nicht. Der Einfachkeit halber schlug man alles dem »spanischem« Virus zu, heute Corona. Hauptsache, es konnte massenhaft geimpft werden. Frey belegt, daß der sehr einträgliche, dafür häufig unwirksame oder gar schädliche Impfwahn schon damals federführend war. Was so gut wie nicht zur Debatte stand, waren die Bedingungen, unter denen sich verheerende Seuchen, dank durchlöcherter Abwehrkräfte in den Zivilisten und Soldaten, entwickeln und verbreiten konnten: elende soziale Verhältnisse, die durch einen Weltkrieg noch ungemein guten Nährboden fanden, etwa durch Dreck, Hunger, Kasernierung und selbstverständlich »Streß«, nämlich Angst und Gram. Man bekämpfte aber lieber die Symptome statt die Ursachen, verabreichte also vor allem wie der Teufel Medikamente und Impfdosen. Das spülte ähnlich viel Geld in die Tresore der Chefetagen wie die Rüstung. Der andere Weg kam nicht in Frage – er hätte den Kapitalismus geschädigt.

* Frauen in Bewegung (Wien), Stand 2019: https://fraueninbewegung.onb.ac.at/node/3129
** »Falscher Fokus«, Rubikon, 13. Juni 2020: https://www.rubikon.news/artikel/falscher-fokus




Kägi, Hans Georg 31 (1935–66), schweizer Maler. Nach einer Ausbildung an der Züricher Kunstgewerbeschule zunächst Zeichenlehrer an verschiedenen Schulen in Winterthur, machte sich Kägi 1962 als Künstler selbst-ständig. In seinen Arbeiten habe sich eine »prononcierte« Eigenart »sowohl in der Tongebung wie in der Zuneigung zu skurrilen Menschen« herausgebildet, heißt es im Winterthurer Jahrbuch 1968. Da war Kägi schon seit Monaten tot. Ein Porträtfoto zeigt einen grob modellierten Dunkelhaarigen mit Schnauzbart, dem jeder Künstler-habitus abgeht – man würde ihn am ehsten für einen Maurer, Heizungsmonteur oder eben Bodenverleger halten. Denn als solcher ist Kägi an einem Oktobertag verunglückt.

Nach brieflicher Auskunft der Geschäftsstelle der Künstlergruppe Winterthur hatte Kägi im Wolfensberg-quartier ein Gartenhäuschen erworben oder gemietet, das er in sein Atelier zu verwandeln gedachte. Für den frag-lichen Tag hatte er seinen Freund und Künstlerkollegen Beni E. Trachsler (1925–2013) um Hilfe beim »Bitumieren« des Fußbodens gebeten. Trachsler, im Hauptberuf Lokomotivführer, hatte aber erst nachmittags dienstfrei. Kägi fing schon mal an. Als sein Kumpel um zwei Uhr eintraf, fand er Kägi tot auf dem Boden vor. Wahrscheinlich sei dem Künstler von den »giftigen Dämpfen« seines Materials benommen geworden, sodaß er sich in Bodennähe oder auf einem noch nicht behandelten Stück Fußboden ausstreckte, falls er nicht ohnehin gleich hingesunken war; dann sei er freilich prompt an den Ausdünstungen gestorben, weil sie sich, schwerer als Luft, gerade dort gesammelt hätten. Soweit ich mich unterrichtet habe, können sich Bitumendämpfe zwar leicht entzünden, als tödliches Gift dagegen taugen sie weniger gut. Vielleicht hatte Kägi entgegen der Vorschrift nicht für ausreichende Belüftung der Arbeitsstätte gesorgt. Oder er war bereits gesundheitlich schwer angeschlagen. Vielleicht hatte er seine Isolier- oder Estricharbeit auch mit einer ähnlichen, leider lebensbe-drohlichen anderen Masse, Flüssigkeit oder Mixtur vorgenommen. Doch wie immer auch, mit 31 war er nur rund ein Drittel so alt geworden, wie es dann noch seinem vermutlich entsetztem Kumpel beschieden war.



Kaminer, Sergei M. 30 (1908–38), SU-Schachkompo-nist, ermordet. Der Russe aus Nischni Nowgorod an der Wolga war als Ingenieur in der Moskauer Chemieindustrie tätig, begriff sich aber vor allem als Schachkomponist und genoß unter den Experten einen hohen Ruf. Von 1932 bis zu seinem Tod 1938 war er zusammen mit Somow-Nassimowitsch für die Studienabteilung des Schachmaga-zins 64 verantwortlich.

Beim blutjungem Sachsen Richard >Büchner habe ich die Schachkomposition, zuweilen auch Problem- oder Rätselschach genannt, lediglich gestreift. Bei ihr geht es vor allem um die ästhetische und kriminalistische Dimension, die im Wettkampf oft zu kurz kommt. Bei der Studie steht das Ergebnis fest, der Gegner ist nicht leibhaftig anwesend – wichtig ist der Genuß der Lösung, die der Komponist so elegant und raffiniert wie möglich anzulegen hat. Die Studie muß keineswegs mit der Eröffnung einsetzen. Vielleicht gibt es nur noch fünf Figuren auf dem Brett, und nun befiehlt der Komponist dem Schachfreund: »Weiß am Zug gewinnt« oder gar: »Matt in drei Zügen«. In beiden Fällen gibt es nur eine Lösung, während es im Leben, auch der Sportstätten, bekanntlich stets verschiedene, dabei oft kaum abwägbare Möglichkeiten gibt, zu siegen – oder aber unterzugehen.

Der Schachspieler Michail Botwinnik, nach dem Kriege wiederholt Weltmeister, kannte Kaminer von Jugend an. Sie besuchten sich gegenseitig in den elterlichen Wohnungen, um über Schach zu brüten. Fehlte es dem breitschultrigem Kaminer an Bewegung, sei er aufgesprungen, um Botwinnik zum Boxen aufzufordern. Darauf verstand sich Kaminer offenbar ebenfalls, aber es hat ihm wohl mit 30 nichts mehr genützt. Botwinnik berichtet*: »Es war Herbst 1937. Ich spielte in Moskau das Match um die UdSSR-Meisterschaft gegen Löwenfisch. Ein unerwarteter Telefonanruf und im Zimmer des Hotels National erscheint Serjoscha Kaminer. 'Hier im Heft', sagt er, 'sind all meine Studien, einige noch nicht bis zum Ende ausgearbeitet. Nehmen Sie sie. Ich fürchte, sie werden mir verloren gehen.' Seine Vorahnung bewahrheitete sich.«

Der russischen Wikipedia zufolge wurde der 30jährige Kaminer im August 1938 wegen angeblicher konterrevo-lutionärer Umtriebe verhaftet und am 27. September, wahrscheinlich in Moskau, erschossen. 1956 sei er offiziell rehabilitiert worden. Ob das in dem erwähntem Buch näher behandelt wird, ist mir nicht bekannt.

* Laut deutscher Wikipedia im Vorwort zu dem Buch: Rafael M. Kofman, Isbrannyje etjudy S. Kaminera i M. Liburkina, Moskau 1981



Kampa, Carmen 17 († 1971), Sexualmordopfer in Bremen. Ihr Fall zählt zu einigen Aufsehen erregenden, verzwickten Mordfällen, die der bekannte linke Rechtsanwalt Heinrich Hannover in seinen Erinnerungen* nachzeichnet. Die 17jährige Schuhverkäuferin wurde am 1. Mai 1971 nach einem Tanzvergnügen gegen Mitternacht auf dem Gelände eines Vorortbahnhofs vergewaltigt und getötet. Vier Jahre darauf erachtete man den Bauarbeiter B. als ihren Mörder und verurteilte ihn zu 12 Jahren Gefängnis. Allerdings kam er mit »nur« einem knappem Jahr davon, weil es Hannover in der Revision gelang, einen teils haarsträubenden Justizirrtum nachzuweisen. Das Fehlurteil beruhte vor allem auf Verlust beziehungsweise Unterschlagung einer wichtigen Spurenakte und dem leider nicht seltenem Bemühen von Polizei und Justiz, ihr Versagen zu vertuschen. Wahrscheinlich gehört die Unfähigkeit, Fehler oder Schwächen einzugestehen, in der Stufenleiter menschlicher Unzulänglichkeit gleich neben das von Musil hochveranschlagte Vermögen, das eigene moralische Bewußtsein zu spalten, also neben die Doppelmoral.

B. hatte es den Strafverfolgern leicht gemacht, sich unter etlichen Tatverdächtigen gerade auf ihn zu spitzen. Zunächst verhehlte er, neben seiner Trunksucht, auch seine homosexuelle Neigung nicht – damals schon fast ein Strafgrund für sich. Und dann kam er ihnen überdies in den eigentlichen Ermittlungsfragen mit einiger Einfalt oft entgegen. Anders ausgedrückt: sie stellten die Fallen, er tappte hinein. Hannover trieb jedoch die erwähnte Akte auf, durch die er nachwies, daß ein anderer Hauptverdäch-tiger, der kleine Gauner und Wachmann H., mindestens genauso verdächtig wie B. war. Er ließ zudem »die extrem geringe Aggressionsbereitschaft« des trinkfreudigen Bauarbeiters gutachterlich feststellen. So wurde B. Ende 1976 freigesprochen und mit einer Haftentschädigung bedacht, die vermutlich nicht Generalstaatsanwalt Dr. Hans Janknecht auf den Tisch legen mußte. Laut Hannover ließ er noch 1996, also 20 Jahre später, eine Journalistin wissen, er halte den B. nach wie vor für den Täter. Just im selbem Jahr war er, laut Eiken Bruhn, taz vom 28. Juni 2009, »für vielfach kritisierte Durchsu-chungen von Bremer Redaktionsräumen und Journali-stenwohnungen« verantwortlich gewesen. 2001 durfte der General-Hans, geboren 1936, in Pension gehen. Ob er 2011 noch Zeitung lesen konnte, entzieht sich meiner Kenntnis.

Mord verjährt nicht. In besagtem Jahr 2011, 40 Jahre nach dem Tod der 17jährigen Disco-Besucherin, soll es der Bremer Kripo in einer aufwendigen Nachstellung des Tatgeschehens gelungen sein, den erwähnten Wachmann H. zweifelsfrei als den wahren Täter zu überführen. Allerding liegt H. schon seit 2003 im Grab.** Also: bessern kann man den nicht mehr. Aber man hat, frei nach Fritz Teufel, immerhin der Wahrheitsfindung oder wenigstens dem eigenen Glanz gedient.

Die Justiz ist eine Säule der kapitalistischen Demokratie, die ein paar mutige Rechtsanwälte wie Hannover besten-falls oberflächlich annagen, nie dagegen fällen können. Hannovers dickleibige Erinnerungen habe ich neulich unter der Überschrift »Im Reich der Spitzfindigkeiten« besprochen, wobei ich auch den Mordfall Ernst Thälmann behandele. Dieser Artikel kann auf Wunsch verschickt werden. Leider scheint Hannover die Institution »Rechtsstaat« für alternativlos zu halten. Gegenteiligen Hinweisen, die ich bereits unter >Bachmeier gab, füge ich nun (A-28) die Betrachtung »Rückwirkungsverbot« hinzu. Keineswegs lang, zähle ich sie doch zu meinen wichtigsten Texten. Übrigens streift sie auch die Doppelmoral.

Wenn wir schon in Bremen sind: Während ich dies schreibe, kommt im Vorort Delmenhorst der 19jährige Iraker Qosay K., angeblich Drogenkonsument, nach einem Polizeieinsatz mit Pfefferspray im Wollepark als Verhaf-teter um. Er »kollabierte« in seiner Zelle und starb kurz darauf im Krankenhaus. Laut Polizei war die arme Polizei im Park von ihm »geschlagen« worden.*** Hoffentlich hört das Heinrich Hannover aus Worpswede (bei Bremen) nicht, er hatte genug Aufregung in seinem bislang 95jährigem Leben.

* Die Republik vor Gericht, einbändige Ausgabe Berlin 2005,
Seite 433–64
** Thomas Kuzaj, »Nach 40 Jahren: Mordfall Carmen Kampa aufge-klärt«, Kreiszeitung (Syke bei Bremen), 20. August 2011: https://www.kreiszeitung.de/lokales/bremen/hing-einem-haar-1368382.html
*** Rebecca Baden, »19-Jähriger kollabiert in Polizeigewahrsam«, stern, 8. März 2021: https://www.stern.de/panorama/delmenhorst--19-jaehriger-kollabiert-in-polizeizelle-und-stirbt---erste-erkenntnisse--30416498.html




Kandlbauer, Christian 22 (1987–2010), österreich-ischer Mutprobler. Wie ich schon wiederholt angedeutet habe, geht mir der beliebte Glaube an »Willensfreiheit« seit langem ab. Mit den völlig undurchsichtigen Umständen unserer Geburt wählen wir nämlich auch unser Gehirn und unseren Willen nicht, sei er stark oder schwach oder elastisch wie ein Autoreifen. Auch die angeblichen »Spielräume«, die er uns gewährt, sind somit aufgezwungen. Wer diese Absage widerlegen kann, den möchte ich einmal sehen. Allerdings wäre sie in ihren praktischen Folgen recht problematisch, vielleicht sogar verhängnisvoll. Zunächst läuft sie ja offenkundig sowohl in moralischer wie in juristischer Hinsicht darauf hinaus, niemanden mehr wirklich zu verurteilen. Denn »er kann ja nichts dazu«. Ich glaube beinahe, einen solchen Verzicht könnte die Gesellschaft als Gewinn verbuchen. Gewiß muß sie sich vor Gewalttaten schützen – aber sie muß die sogenannten TäterInnen keineswegs strafen. Weder Verbote noch Strafen haben jemals die Welt verbessert, ganz im Gegenteil. Sperrt man in einem Dorf der anarchistisch verfaßten Mollowina randalierende Jugendliche in einen Weingutskeller, dann nur aus den erwähnten Schutzgründen. Solche Gesellschaften sind »trocken« – ohne Rachedurst. Zeigen die festgesetzten Jugendlichen keine Einsicht in ihre Verfehlung und verweigern auch jede Wiedergutmachung, kann man sie nur zum Teufel jagen. Schickt sie nach Deutschland.

In einer gespaltenen und »flächendeckend« verdummten Gesellschaft wäre mit meiner Absage an »Willensfreiheit« zahlreichen Bösewichten, Faulpelzen und Windbeuteln in der Tat ein Freibrief ausgestellt. Sie könnten sich bei allen Schandtaten oder auch nur Fahrlässigkeiten darauf zurückziehen, sie seien lediglich ihrem Naturell gefolgt. Ich beschränke mich jetzt auf die Fahrlässigkeit. Kfz-Mechaniker-Lehrling Kandlbauer aus der Steiermark fühlte sich 2005 zu einer »Mutprobe« gedrängt, erklomm einen Strommasten und verbrannte sich in luftiger Höhe beide Arme. In der Folge versah ihn die Gesundheits-industrie unter beträchtlichem volkswirtschaftlichem Aufwand mit zwei Armprothesen. Die eine Prothese war per Muskelkraft durch den Armstummel steuerbar, die andere wurde, über Nervenbahnen, unmittelbar von Kandlbauers Gehirn gesteuert. Der Passiv ist hier keineswegs unangebracht; schließlich hatte sich auch Kandlbauer schon sein Gehirn nicht ausgesucht. Er war bereits eine halbe Maschine gewesen – und jetzt war er fast eine ganze. Durch die Kunstarme konnte er als Lagerist arbeiten und sich auch einer anderen weltweit beliebten Prothese wieder bedienen, nämlich mit dem eigenen Auto zur Arbeit fahren. Nur glücklich war er offenbar nicht. 2010 fuhr sich der knapp 23jährige bei Leitersdorf (Bezirk Hartberg) mit seinem Subaro an einem Landstraßenbaum tot.* ZynikerInnen hielten Kandlbauers Gehirn den Verzicht darauf zugute, den Subaro in einen anderen Wagen oder in ein Benzinlager zu steuern. Oder hatte womöglich schon jemand oder etwas von außerhalb die Befehle gegeben?

Mit meiner Wende zur Technik dürfte sich die Ahnung erhärten, Verantwortungslosigkeit zeichne durchaus nicht anarchistische, vielmehr gerade kapitalistische Gesellschaften aus. Bekanntlich arbeitet unsere neuartige »Bewußtseinsindustrie« schon sehr zielstrebig und selbstverständlich auch sehr gewinnbringend an der Überwindung der berüchtigten »Schnittstelle« zwischen Mensch und Computer. Das Schlachtvieh in den USA wird längst geklont. In Berlin oder Frankfurt am Main dürften bereits Dutzende von Zweibeinern mit soundso vielen unsichtbaren, nämlich implantierten, sende- wie empfangsfähigen Geistesarbeiterwerkzeugen durch die Gegend laufen, von ihren Kunststoffkniescheiben und ihrer Spenderniere einmal abgesehen. Es wird bald schwierig werden, für einen lügenden oder amoklaufenden Bundestagsabgeordneten irgend jemanden haftbar zu machen. Jeder wird sich darauf zurückziehen können, er sei lediglich eine Marionette gewesen – aber niemand wird mehr sagen können, von dem und dem. Die Menschheit trägt zunächst Gott zu Grabe, hebt dann das Gehirn aufs Schild – und vollendet sich in der »vernetzten« Verantwortungslosigkeit.

* »Prothesen-Träger Kandlbauer: Alles deutet auf Selbstmord hin«, Standard (Wien), 13. Dezember 2010: https://www.derstandard.at/story/1291454997204/ermittlungen-eingestellt-prothesen-traeger-kandlbauer-alles-deutet-auf-selbstmord-hin



Kanık, Orhan Veli 36 (1914–50), türkische Lyriker, zeichnete zuletzt in Istanbul für die demokratisch und avantgardistisch orientierte Literaturzeitschrift Yaprak verantwortlich. Er erwarb sich den Ruf eines »Erneuerers der türkischen Poesie«. Daran soll er aber, der türkischen Wikipedia zufolge, nicht gestorben sein. Vielmehr sei er bei einem Aufenthalt in Ankara am 10. November 1950 als Fußgänger in ein Loch gefallen, das städtische Arbeiter in einer Straße geschaffen hatten. Vielleicht erneuerten sie Rohrleitungen. Kaniks Sturz habe zunächst nicht ernst ausgesehen, doch nach einigen Tagen sei ihm beim Mittagessen mit einem Freund derart schlecht geworden, daß man ihn ins Krankenhaus schaffte. Offenbar hatten sie beim Essen ein wenig gebechert, denn im Krankenhaus sei er fälschlich wegen einer Alkoholvergiftung behandelt worden. Noch am selbem Tage sei er ins Koma gefallen und, vermutlich wegen eines Blutgerinsels im Gehirn, an den Folgen jenes Ankara-Mißgeschicks gestorben. Oder etwa nicht? Der Lexikonartikel erwähnt an anderer Stelle, 1939 habe Kanık zusammen mit seinem Freund und Berufskollegen Melih Cevdet Anday einen schweren Autounfall erlitten. Schon damals soll er für 20 Tage in ein Koma gefallen sein. Vielleicht war die Baugrube also gar nicht die Hauptschuldige. So oder so, der Glückspilz war Anday, damals wohl am Steuer: er wurde 87.



Kanwar, Roop 18 (1969–87). Die blutjunge Witwe aus dem indischem Dorf Deorala, Rajasthan (ein hinduistisch geprägter Bundesstaat), ließ sich im September 1987 lebendig und angeblich »freiwillig« mit dem Leichnam ihres verstorbenem Gatten, einem Lehrer, auf demselbem Scheiterhaufen verbrennen. Unter den Tausenden von Gläubigen oder Schaulustigen hätte sich vermutlich auch Karoline von >Günderrode befunden, die diese Gepflogen-heit einmal in einem Gedicht gepriesen hatte* und ohnehin so gern nach Übersee gereist wäre. Kaum hatte sich der Rauch gelegt, begannen die Reliquienverkäufe und die Geldsammlungen für einen Tempel zu Ehren der Sati Roop Kanwar. Die letzten Prozesse gegen Dutzende von Beschuldigten, teils wegen Anstiftung zur Witwenver-brennung, teils wegen deren Verherrlichung, fanden 2004 statt. Es gab ausschließlich Freisprüche, zumeist wegen »mangelhafter Beweise«. Einige Beschuldigte waren sowieso schon gestorben, andere untergetaucht. Herab-sicht auf Hindus ist unangebracht, weil das grausame Ritual der »Totenfolge« dereinst auch in einigen anderen Kulturkreisen vorkam.**

* »Die Malabarischen Witwen« aus der Lyriksammlung Melete von 1806, posthum veröffentlicht 1906
** Muriel Weinmann, »Witwenverbrennung in Indien«, Rosa Luxemburg Stiftung, 5. Mai 2020: https://www.rosalux.de/news/id/42148/witwenverbrennung-in-indien?cHash=b004510c6bae3e920e760cd267355f8e




Kapell, William 31 (1922–53), US-Pianist, Flugzeugab-sturz. Die deutsche Wikipedia bescheinigt dem »klas-sischem« Pianisten sowohl ein »filmstarmäßiges Aussehen« wie eine »glückliche Ehe«, nämlich mit der Berufskollegin Rebecca Anna Lou Melson (zwei Kinder). Naja, wer's glaubt … Jedenfalls befand sich der überall als »brillant« ausgerufene Kapell auf dem Weg zum musikalischem Weltstar und konnte sich schon einiges herausnehmen. Als er nach Gastspielen in Australien von Sidney nach San Francisco abflog, versicherte er den Reportern, er werde nie mehr einen Fuß auf diesen mißra-tenen Kontinent setzen – er hatte ein paar ungünstige Kritiken bekommen. Allerdings setzte der 31jährige auch keinen Fuß mehr auf den amerikanischen Kontinent. Ehe die Douglas DC-6 mit 19 Personen an Bord in San Francisco landen konnte, prallte sie im Morgennebel des 29. Oktober 1953 gegen das kalifornische Kings-Gebirge. Es gab keine Überlebenden. Die Luftfahrtbehörde nahm in ihrem Untersuchungsbericht an, der Crew seien Fehler beim Instrumentenflug unterlaufen. Einige Verschwö-rungstheoretikerInnen sprachen dagegen von einem Anschlag – der australischen Kritik.

Kapells Witwe wurde fast dreimal so alt wie er: sie starb 2012 mit 85 in New York City. Ihr Schicksal ist nicht uninteressant. So reichte sie bald nach dem Unfall Schadenersatzklage gegen zwei beteiligte Fluggesell-schaften ein – und erstaunlicherweise sprach man ihr und den beiden Kindern 1964, nach zähem Ringen oder Warten, satte 924.396 Dollar zu. Aber ein Jahr darauf gab es drei lange Gesichter, als ein Berufungsgericht die Entscheidung kippte. Gleichwohl werden sich die Drei nicht am Rande des Hungertodes befunden haben. So hatte sich Anna Lou Dehavenon, wie sie nun hieß, schon 1955* zwecks zweiter Ehe einen Kunsthändler geangelt, mit dem sie noch einmal zwei Kinder in die Welt setzte. Zwar verlor sie auch diesen Gatten wieder, 1974 durch Scheidung, doch die Frau war ja nicht auf den Kopf gefallen. Jetzt sattelte sie von Pianistin und Hausfrau auf »urban and medical anthropologist« um, worin sie 1978, mit 52, sogar einen Doktorgrad erwarb. Sie war in der Armen- und Wohnungslosenfürsorge von New York City tätig und nahm sich dabei auch genau jener alleinste-henden Frauen mit Kindern an, zu denen sie selber einst zählte, wie sie Journalistin Lynda Richardson gegenüber betont.**

Vielleicht empfiehlt sich auch hierin ein gewisser Skeptizismus. Schließlich hatte Kapells Witwe nach dem Unfall keineswegs auf der Straße gestanden, und von den Platten, Aufnahmen und Tagebüchern des abgestürzten Stars konnte sie wahrscheinlich noch in hohem Alter zehren. Man darf nie vergessen, wie relativ alles ist. Für eine Pianisten-Witwe oder eine Journalistin der New York Times ist es wahrscheinlich schon bittere Armut, wenn sie ihre Kinder nicht in einem Mittelklasse-Automodell der jeweiligen Vorjahresserie, sondern nur in einem älterem Gebrauchtwagen zur Schule fahren können. Müßten die Sprößlinge gar laufen, wäre es Ruin oder Tod. Bei all den Autos auf der Straße!

* »Anna Lou Dehavenon«, The Suffolk Times, März 2012: http://suffolktimes.timesreview.com/2012/03/30546/anna-lou-dehavenon/
** »A Voice of Dissent on Behalf of Those on the Street«, NYT,
2. Februar 2005: http://www.nytimes.com/2005/02/02/nyregion/a-voice-of-dissent-on-behalf-of-those-on-the-street.html




Kaplan, Fanny 28 (1890–1918), Russin, soll auf Lenin geschossen haben. Über Anarchisten sind ähnlich unzählige falsche (und oft bösartige) Vorstellungen im Umlauf wie beispielsweise über Rasputin. Selbst in dem 1905 veröffentlichtem Roman Professor Unrat von Heinrich Mann wird der titelgebende Gymnasiasten-schreck unangemessenerweise wiederholt als Anarchist bezeichnet. Auch Schüler Lohmann, von Unrat nie »gefaßt«, höhnt angesichts der vom Professor und seiner Geliebten Rosa Fröhlich aufgezogenen Lasterhöhle, der Tyrann habe den Pöbel in seinen Palast gerufen, um ihm die Anarchie zu verkünden. Tyrann ist er natürlich. Menschenfeind Unrat straft und schadet für sein Leben gern, hat immer recht, dafür nicht einen Funken Selbstkritik. Aber Anarchist? Ich selber verstehe mich so, und ich verstehe darunter den Anhänger einer Ordnung ohne Herrschaft, was bedeutet, daß er autoritäre Knochen wie Unrat am wenigsten gebrauchen kann. Ich nehme an, Heinrich Mann saß damals einem um 1900 beliebtem Klischee des Anarchisten auf. Es verdankte sich »Kämpfern«, die Victor Serge (in seinen überragenden Erinnerungen) »Desperados« nennt. Serge lebte unter ihnen. Sprengen sie Zaren, Polizeipräfekturen, Kaffeehäuser oder sich selbst in die Luft, dann aus menschenverachtender Selbstherrlichkeit, die auf wenig Eigenliebe schließen läßt. Das heißt nicht, ich sei grundsätzlich gegen Anwendung von Gewalt. Vielmehr heißt es, daß ich Gewalt verabscheue und möglichst zu vermeiden suche. Das ist ein wichtiger Unterschied, auf den etwa George Orwell hingewiesen hat.* Nebenbei ist der gängige Gewalt-Begriff viel zu eng. Diese unzulässige Enge habe ich besonders in den Betrachtungen A-18 und A-25 behandelt.

Die jugendliche angebliche »Anarchistin« Fanny Kaplan, Tochter eines jüdischen Lehrers aus der Ukraine, hatte sich 1906 an einem Attentat auf einen kaiserlichen Regierungsbeamten in Kiew beteiligt. Sie erlitt durch die Bombenexplosion schwere Sehschäden und wurde in Gefängnisse und entlegene Zwangsarbeitslager gesteckt, wobei sie ins politische Lager der Sozialrevolutionäre wechselte. Im Sommer 1918 sah die gesundheitlich zerrüttete, inzwischen 28 Jahre alte Frau im oberstem »Volkskommissar« und bolschewistischem Parteichef Lenin einen neuen Zaren. Als er am 30. August nach einer Rede eine Moskauer Waffenfabrik verließ, brachten ihm Pistolenkugeln Schulter- oder Nackenverletzungen bei, von denen er sich nie mehr richtig erholen konnte. Als Schützin wurde Kaplan festgenommen. Angeblich bekannte sie sich auch in einer kurzen Stellungnahme zu der Tat, schwieg jedoch im folgenden eisern. So wurde sie nach wenigen Tagen von der Geheimpolizei Tscheka kurzerhand in einer Moskauer Garage ohne formelles Gerichtsverfahren erschossen. Unter Historikern ist Kap-lans Täterschaft aufgrund zahlreicher Ungereimtheiten, darunter Kaplans Sehschwäche, umstritten. Manche glauben, sie habe als Sündenbock herhalten müssen oder habe aus freien Stücken die wahren Täter gedeckt. Doch wer auch immer schoß – laut Jens Teschke**, der auch die Ungereimtheiten anführt, räumte Armeechef Leo Trotzki ein, wer den Nutzen von den drei oder vier Schüssen hatte: »Die Revolution wurde bemerkenswerterweise nicht durch eine kurze Phase der Ruhe stabilisiert, sondern durch die Bedrohung durch das Attentat.«

* Essay »Lear, Tolstoy and the Fool« von 1947
** »Kalenderblatt« (30.8.1918) für Deutsche Welle, Stand 2021: http://www.kalenderblatt.de/index.php?what=thmanu&manu_id=998&tag=30&monat=8&weekd=&weekdnum=&year=1933&dayisset=1&lang=de




Karev, Nikola 27 (1877–1905). Dieser Genosse brachte es wenigstens noch zu einem angesehenem hohem Posten, ehe ihn seine Hauptfeinde, die Osmanen, in den ewigen Harem beförderten. Erst 25 Jahre alt, wurde der bulgarische Handwerker, Lehrer und Partisan im Jahr 1903 zum Präsidenten der Republik Kruševo ernannt. Ein Bildnis zeigt das Profil eines vollbärtigen Adlers, um das ihn sogar Größen wie Lenin oder Trotzki beneidet hätten. Allerdings bestand Karevs Republik nur für 10 Tage. Sie wurde am 2. August 1903 errichtet, nachdem 750 Kämp-ferInnen im Rahmen des damaligen anti-osmanischen Aufstandes Kruševo, eine Kleinstadt im Südosten Mazedoniens, »befreit« hatten. Am 13. August kehrten die Truppen des Sultans zurück, um der Posse ein Ende zu bereiten – vermutlich ein blutiges.

Als Kader der bulgarischen Sozialdemokratie hatte Karev ein sozialistisches und internationalistisches Programm verfochten, das sich dann auch im Manifest von Kruševo niederschlug. Im Rat der Republik saßen je 20 Vertreter-Innen der Bulgaren, Griechen und Rumänen. Wie sich versteht, hatte die Republik sofort gewichtige Ämter vergeben – Hristo Kjurchiev etwa wurde für die 10 Tage Außenminister. Präsident Karev konnte nach der Zertrümmerung der Republik Richtung Bulgarien entkommen. Wieder Partisanenführer, wurde er zwei Jahre darauf, inzwischen 27, unweit der mazedonischen Kleinstadt Rajčani im Gefecht von einer osmanischen Kugel tödlich getroffen. Zur Strafe für die Kurzlebigkeit der von ihm geführten Republik setzte man ihm in Kočani ein weißes, klotziges Denkmal*, das wahrscheinlich schon zahlreiche Angriffe von sowjetischen Panzern überlebt hat.

Gewiß wimmelt die Weltgeschichte von mehr oder weniger kurzlebigen Republiken oder Kommunen, sodaß sich Mazedonien nicht zu schämen braucht. Während die in Süddeutschland gelegene Badische Republik 1848 ungefähr sechs Wochen durchhielt, kam die Pariser Kommune von 1871 auf immerhin neun Wochen. Die Ungarische Räterepublik von 1919 bestand sogar vier Monate. Die verwandte Münchener Räterepublik brachte es dagegen, im selben Jahr, lediglich auf vier Wochen. Was Kruševo betrifft, wurde es im Herbst 1944 von der pimontischen Kleinstadt Alba (Norditalien) überflügelt, die für 23 Tage eine Republik sah. Dann kehrten die von den Deutschen unterstützten »Schwarzhemden« Mussolinis wieder. Diese Posse wird kongenial von einem der damals beteiligten Partisanen, Beppe Finoglio, in seiner Erzählung Die dreiundzwanzig Tage von Alba geschildert. Einmarsch der Partisanen der Langhe: »Da hängte sich jemand ans Seil der Großen Glocke der Kathedrale, andere an die Seile der Glocken der anderen acht Kirchen von Alba, und es war, als würden Bronzesplitter über die Stadt herabregnen. Die Leute, unbeweglich oder im Gehen, zogen den Kopf zwischen die Schultern und wirkten wie Betrunkene oder wie jemand, der Angst hat, gekitzelt zu werden.« Der italienische Schriftsteller wurde trotz Demobilisierung nicht viel älter als Karev; er starb 1963 mit knapp 41 an Lungenkrebs.

* https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nikola_karev_kocani.JPG



Karpiniuk, Sebastian 37 (1972–2010), polnischer Politiker. Der Parlamentsabgeordnete hatte das Glück oder das Pech, am 10. April 2010 neben Staatspräsident Lech Kaczyński und vielen anderen Hohen Tieren in einer polnischen Militärmaschine zu sitzen, die bei dichtem Nebel auf Smolensk, Rußland, zuhielt. Beim Landeanflug streifte sie Bäume und stürzte ab. Alle 96 Insassen kamen um. Die Gründe sind bis heute ungeklärt oder jedenfalls umstritten. Den Polen schwebt eher ein Anschlag vor, den Russen nicht. Diese behaupten, man habe es entgegen Warnungen versäumt, einen Ausweichflugplatz anzusteuern; vielleicht hätten ein paar Hohe Tiere den Piloten unter Druck gesetzt, die Landung trotz der widrigen Bedingungen zu wagen. Seit diesem Befund fühlen sich die Polen einmal mehr verhöhnt. Aus Rache tauften sie ein neuerbautes Fußballstadion in Koło-brzeg/Kolberg (eine Ostseehafenstadt) nach Karpiniuk, der ebendort aufgewachsen und zeitweise, als studierter Jurist, Sprecher des Bürgermeisters und dessen Stellvertreter gewesen war.

Man könnte naseweis einwerfen, jemand hätte Karpiniuk lieber eine Laufbahn als Politiker ausreden sollen. Aber wahrscheinlich hätte auch das nicht den Tod seiner Mutter Danuta Karpiniuk verhindert. Sie soll bereits 1990, mit 35, einem »plötzlichem« Wohnungsbrand zum Opfer gefallen sein, berichtete ein beliebtes Warschauer Boulevardblatt* nach dem Absturz. Damals war der zukünftige Politiker 18. Wäre er doch niemals in diese Präsidentenmaschine gestiegen ..!, klagte eine Tante. Ja, wir sagten es bereits. Er habe stets heftige Flugangst gehabt und bei den Lan-dungen Panikattacken erlitten. Er sei jedoch ehrgeizig und »obligatorisch« gewesen – willensstark, nehme ich an. Dieser Zug, von Altsnookerstar Steve Davis einmal als »Verbissenheit« bezeichnet, habe die Angst überwogen. Ein Bilderbuchmann! Oder sagen wir: wie 1972 taufrisch aus dem Altem Testament gefallen.

* »Tragiczna historia rodziny Karpiniuków«, Fakt (die polnische »Bild«-Zeitung), 21. April 2010: https://www.fakt.pl/wydarzenia/polityka/tragiczna-historia-rodziny-karpiniukow/t05p4e1



Käsemann, Elisabeth 30 (1947–77), Opfer der argentinischen Militärdiktatur. Im Herbst 1968 reiste die 21jährige Berliner Soziologie- und Politikstudentin für ein Praktikum nach Bolivien. Obwohl dort bekanntlich die Anden winken, packte Käsemann kein nagelneues professionelles Paar Skier ein (beispielsweise Fischer RC4 Worldcup SC Pro RT für schlappe 549 Euro, von der restlichen »Ausrüstung« zu schweigen). Sie hatte andere Sorgen, die sie sogar in Lateinamerika hielten. Angesichts der Armut und der Ungerechtigkeit, die sie gesehen habe, könne sie sich eine Rückkehr zu den »Luxusproblemen Europas« nicht mehr vorstellen, erklärte sie ihrem Vater Ernst. Der Tübinger evangelische Theologe setzte sich später, zu einem guten Teil vergeblich, bei den Behörden für eine Aufklärung des Schicksals seiner Tochter ein.

1970 nach Buenos Aires gegangen, beteiligte sich Käse-mann, die als Sekretärin und Übersetzerin erwerbstätig war, an Sozialprojekten in den Slums. Sie arbeitete auch mit Marxisten oder Trotzkisten zusammen. Anfang März 1977 wurde sie von Schergen der damals in Argentinien herrschenden Militärs verhaftet. Am 25. Mai 1977 meldete die Zeitung Clarín ihren Tod: die 30jährige Deutsche sei bei einem Gefecht zwischen Guerilleros und der Polizei umgekommen – eine Lüge, wie sich später herausstellte. Schon die Obduktion der nach Tübingen überführten Leiche ergab, Käsemann war aus nächster Nähe (von hinten) erschossen worden. Inzwischen gilt als gesichert, daß sie in verschiedenen berüchtigten Haftorten gefoltert und zuletzt in Monte Grande (bei Buenos Aires) ermordet wurde.

Etliche BeobachterInnen behaupten, Botschaft und Regierung (Helmut Schmidt/Hans-Dietrich Genscher) der Bundesrepublik hätten es der guten Beziehungen zu den Militärs zuliebe damals vermieden, auf Untersuchung des Verschwindens von Käsemann zu pochen. Möglicherweise hätte sie im gegenteiligem Fall gerettet werden können, wobei sie leider nicht der einzige Fall von verschleppten Deutschen und überhaupt verschleppten Menschen in Argentinien und benachbarten Militärdiktaturen war. Man schätzt die Gesamtzahl für ungefähr zwei Jahrzehnte auf mindestens 30.000, darunter sogar geraubte Säuglinge. Die meisten »Desaparecidos« blieben bis heute unauffindbar.

Jahrzehnte später schwang sich die Bundesregierung, wenn auch nur auf Betreiben der deutschen Koalition gegen Straflosigkeit in Argentinien, immerhin zu einer Nebenklage auf, als führende Mitglieder der Militärjunta in Argentinien vor Gericht kamen. Im Sommer 2011 wurden einige hohe Haftstrafen verhängt. Seit 2012 gibt es in Tübingen eine Elisabeth-Käsemann-Straße.

Sehr ähnlich verlief der Fall des deutsch-argentinischen Studenten Klaus Zieschank. Er war Ende März 1976 in Buenos Aires entführt und im Mai, mit 24 Jahren und vermutlich nach ausgiebiger Folter, ermordet worden. Seine Leiche wurde bei Ezpeleta ans Ufer des Rio de la Plata geschwemmt.*

Auch die deutsch-paraguayische Studentin Marlene Kegler Krug, in Südamerika aufgewachsen, verschwand in Buenos Aires, Argentinien. Sie wurde Ende September 1976 verschleppt, doch ihre Leiche tauchte nie auf. Zeugen sahen und hörten Kegler-Krug in einem Folterlager. Man nimmt ihren Tod, mit ungefähr 24, für 1977 an.

* »Klaus Zieschank – 'Tod durch Schweigen'«, Junge Welt, 5. Februar 2015: https://www.jungewelt.de/artikel/256031.klaus-zieschank-tod-durch-schweigen.html



Kastein Ferreira Alves, Franca 31 (1969–2000), aus Mosambik stammende Schauspielerin, aufgewachsen in Bremen, zuletzt Berlinerin. An einem Sonntag im August 2000 sprang die feurige und wohl auch dickköpfige Schönheit, die als gleichermaßen begabt wie anstrengend galt, in den Hackeschen Höfen, wo sie wohnte, aus einem im 4. Stock gelegenen Fenster. 1998 hatte sie am Maxim-Gorki-Theater mit der Titelrolle Lulu geglänzt (Wede-kind). Anschließend versuchte sie sich beim Film, ohne nun dort über nacht zum Star aufzusteigen. Die Quellen sind dürr, und einleuchtende Gründe für ihren krassen Schritt nennt keine. Auch Zeugnisse von Freunden suche ich vergeblich. Entweder wollten sich diese nicht den Mund verbrennen, oder aber Kastein war die Einsamkeit in Person.



Kasten, Emma 30 († 1890), niedersächsische Haushäl-terin, ermordet. Es war ein Aufsehen erregender Kriminal-fall, doch wie es nach meinen Quellen aussieht, ist von den Opfern, wieder einmal, so gut wie nichts überliefert. Die 17jährige Hotelierstochter Dora Klages aus Hameln soll »bildhübsch« gewesen sein. Ihre Persönlichkeit interes-siert nicht. Die äußere Erscheinung der 30jährigen Haus-hälterin Emma Kasten aus Minden bleibt sogar uner-wähnt. Vielleicht war sie etwas weniger hübsch und wurde deshalb, als Sexualobjekt, von Fritz Erbe verschmäht, der sie aus mir unbekannten Gründen vor ihrer Ermordung nicht vergewaltigt haben soll.

Beide Frauen waren im Laufe des Sommers 1890 vermißt worden. Die Leiche von Kasten wurde im folgenden Jahr bei Magdeburg im Neuhaldenslebener Wald, die von Klages in einem Wald unweit von Eschede (bei Celle) gefunden. Die jungen Damen hatten in norddeutschen Zeitungen ein chiffriertes Inserat gelesen, wonach eine Grafenfamilie eine Reisebegleiterin bei hohem Gehalt und guter Verpflegung zu sofortigem Antritt suche. Sie gerieten an die angeblich beauftragte »Stellenvermittlerin« Dorothee Buntrock, Mitte 30, in Wahrheit eine gelernte Schneiderin, die inzwischen als Lehrerin der Wäschezu-schneidekunst an einer Mädchenschule in Osnabrück unterrichtete. Der erwähnte Fritz Erbe – ein gelernter Glaser, später freischaffender »Handelsagent« – war ihr etwa gleichaltriger Spießgeselle, mit dem sie in »wilder Ehe« lebte. Auf die »Stellenanzeige« hatten noch einige andere junge Frauen angebissen, die ihrem Tod teils nur durch Zufall, teils durch rechtzeitiges Mißtrauen entgingen. Während in der Presse meist von Raubmorden die Rede war, bleiben die Motive des Verbrecherduos doch unklar. In beiden Mordfällen war die Beute gering. Sie bestand im wesentlichen aus etwas Schmuck und den Kleidern der Opfer. Kasten hatte zudem 60 Mark dabei gehabt, Klages dagegen »nicht einen Pfennig«, so Bunt-rock vor Gericht. Und obwohl es diesen ernüchternden Umstand vorher erfragt hatte, konnte er das Gaunerpaar nicht von der schrecklichen Gewalttat abhalten. Beide Opfer waren im Walde – auf dem Anmarsch zum angeblichem Grafenschloß – hinterrücks überwältigt und geradezu »geschlachtet« worden, so Landgerichtsdirektor Polte beim Prozeß in Magdeburg. Ich erlasse mir Einzel-heiten. Nach der Zerstückelung hatten Buntrock/Erbe die Leichen(teile) verscharrt, zu welchem Zwecke sie einen »Kinderspaten« mit sich geführt hatten. Der Polizei halfen später Hunde.

Der bekannte Gerichtsreporter und Buchautor Hugo Friedländer hatte, einmal mehr, trotz der im ganzen mageren Beute »niedere Habsucht« am Werke gesehen, die »den Menschen zur Bestie« macht.* Doch wie bereits eingangs angedeutet, gab es einen keineswegs unwesentlichen Unterschied zwischen beiden Morden: Die blutjunge Dora Klages wurde im Wald, während Buntrock sie würgte und durch Knebel und Mantel am Schreien hinderte und bevor Erbe ihr »mit einem Schlachtermesser den Kopf abschnitt« (Cellesche Zeitung), von eben diesem vergewaltigt – während dessen »Gefährtin« also daneben kniete! Makabererweise war Buntrock zu diesem Zeitpunkt schon hochschwanger. Sie gebar kurz darauf in Hannover ein Kind, das ihr vermutlich Erbe gemacht hatte. Was mag aus diesem Säugling geworden sein?

Wenige BeobachterInnen weisen auf so etwas wie Buntrocks »Kleiderfetischismus« hin. Im Prozeß hatte die »ziemlich elegante brünette Person« (Cellesche Zeitung) unverblümt und entsprechend schockierend ausgesagt, es wäre doch schade gewesen, diese gutgearbeiteten und gefälligen Kleidungsstücke der Opfer, wie diese selber, im Walde verrotten zu lassen. Sie seien »so hübsch« gewesen – die Kleider. Tatsächlich trug Buntrock sie später auch, wie die Ermittlungen ergaben. Gegen diese Frau muß Gefährte Erbe ein Schatten gewesen sein: ein blasser, dürrer, x-beiniger Tropf mit lächerlichem Hängeschnau-zer, wie einer Fotografie zu entnehmen ist, die Joachim Gries seiner Darstellung beigegeben hat.** Gleichwohl betätigte sich der Schatten als Schlachter, und vor Gericht war er unverfroren darum bemüht, jede nennenswerte Tatbeteiligung von sich zu weisen und die Schuld auf seine Geliebte und einen angeblichen Nebenbuhler abzuwälzen. Der Prozeß mündete in zwei Todesurteilen, die im Mai 1893 mit dem Beil des preußischen Scharfrichters Friedrich Wilhelm Reindel am Gerichtsort vollzogen wurden.

* »Die Ermordung zweier 'Reisebegleiterinnen' im Walde«, in: Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung, Band 1, Berlin 1910, S. 171–77
** »Geschichte/n: Raubmord«, Webseite Eschede, Stand 2021: https://www.eschede.de/texte/seite.php?id=421638. Heimatforscher Gries, geboren 1955, soll langjährig Redakteur der Celleschen Zeitung gewesen sein.




Katte, Hans Hermann von 26 (1704–30), preußischer Offizier, hingerichtet. Bevor Friedrich II. der bekannte »Große« wurde und gleich nach seiner Thronbesteigung im Jahr 1740 in die militaristischen Fußstapfen seines Erzeugers trat, hatte er eine jugendliche antiautoritäre Phase zu durchlaufen, die seinem deutlich älterem Busenfreund Von Katte den Kopf kostete. Sie hatten im selben Regiment gedient, gemeinsam Flöte und womöglich sogar wechselseitig an ihren ähnlich geformten Fortpflanzungswerkzeugen gespielt. Als Friedrich 18 war, hielt er die Bevormundung durch seinen Alten nicht mehr aus und bat Von Katte, ihm beim Ausreißen gen Frankreich zu helfen. Das war im August 1730. Leider flog das abscheuliche »Fahnenflucht«-Unternehmen auf. Beide Rebellen wanderten in den Kerker. Zwar wurde dann »nur« Leutnant von Katte, 26, auf königlichen Befehl in der Festung Küstrin enthauptet, aber angeblich zwang der Alte seinen Sprößling Friedrich, dabei zuzusehen. Später söhnten sich Friedrich Wilhelm der I. und sein Kronprinz wieder aus.

Im folgenden wurde der berühmte Vorfall zu den unterschiedlichsten literarischen Werken verwurstet, die kaum noch zu zählen sind. Ich nehme ihn zum Anlaß mich zu fragen, was eigentlich von dem vielgestaltigem, weitläufigem, wenn auch stets gut zentralisiertem Gebilde namens Staat zu halten sei? Selbstverständlich gar nichts. Der Staat wurde vor einigen tausend Jahren erfunden, damit beschäftigungslose BürgerInnen ihrer sogenannten Elite dienen konnten. Die Elite war nämlich nicht erpicht darauf, auch noch ihre eigene Beschäftigung zu verlieren. Die bestand vor allem im Kriegführen. Dazu benötigte die Elite die Steuern und die Söhne ihrer BürgerInnen – und zwar bald in erhöhtem Maße, damit man sich den neugeschaffenen Staat überhaupt leisten konnte. Diese ganzen Befehlsstäbe, Politbanden und Bürokratenheere, für die schon der Schatten der Pyramiden nicht zur Deckung ausreichte, wollten ja besetzt und ernährt sein.

Zum Glück besaß der Staat auch das Monopol aufs Geld – Finanzhohheit genannt. Niemand verbot ihm, sich bis ins Astronomische hinein zu verschulden oder die Gelddruckmaschinen anzuwerfen. Dabei fiel dann auch Mildtätigkeit gegenüber den Bedürftigen der Gesellschaft ab – denn sie in Krisenzeiten (keine Kriege, keine Arbeit, keine Impfbereitschaft) einfach verhungern zu lassen, geht ja nur in Unrechtsstaaten wie der DDR. Vorher hatten sich die Leute kurzerhand aus dem Wald ernährt. Jetzt wurden sie verwaltet. Wir stehen hier vor dem entscheidenden Punkt des Geniestreichs namens Zivilisation: den Bürger entmündigen, um ihm helfen zu können. Er sollte sich nicht mehr selber helfen. Vater Staat nahm ihm großzügig alles ab. Die Politik, die Arbeit, das Geld, die Bildung, die Verantwortung, ja selbst seine Geheimnisse und noch manches andere. Ihn in mehr oder weniger kleinen, selbstgewählten Bündnissen leben und wirtschaften zu lassen, wie es ihm grad beliebt, kommt heute schon gar nicht mehr in Frage, weil die Elite auf Globallisierung pocht beziehungsweise den Planeten zu einer Schiefen Ebene zu planieren gedenkt, auf der die Rubel wirklich nur noch in ihre Taschen rollen.

Die Rede vom Vater Staat ist verräterischer, als die Schröders und Merkels denken. Verzweifelt unsereins regelmäßig an der Ohnmacht unterdrückter und unrecht behandelter Menschen in Nah und Fern, knüpft er selbstverständlich an seiner Kinderstube an. Unsere Väter waren die ersten, die das Recht beugten, weil sie die Auslegungshoheit und das Gewaltmonopol besaßen. Sie waren die ersten, die Fürsorglichkeit heuchelten, wenn sie Eigennutz meinten. Sie versorgten uns um den Preis, ihnen zeitlebens dankbar sein zu müssen. Bleiben wir diese Dankbarkeit schuldig, versorgen sie uns gern mit Schuldgefühlen. Kriechen wir wieder zu Kreuze, bläuen sie uns erneut das vernagelte »Clandenken« ein, das im größerem Maßstab »Vaterlandsliebe« heißt.

Vor rund 20 Jahren war ich für knapp zwei Jahre im Sozialdienst eines Korbacher Altenheims angestellt. Einmal sah mich meine Vorgesetzte in ihrem Büro stirnrunzelnd an und sagte: »Ich glaube, Sie haben ein Autoritätsproblem, Herr R. …« Offenbar hatte ich mich einmal mehr verstockt oder aufsässig gezeigt. Und die Dame hatte natürlich recht. Es ist ein umfassendes Autoritätsproblem, anhand dessen man sich mehr oder weniger erfolglos durchs Leben hangelt. In vielen Fällen läßt sich leider kaum oder gar nicht entscheiden, ob eine Widersetzlichkeit einer armlangen Schraubzwinge, die immer wieder vom geleimten Sofagestell abspringt, oder aber dem Chef, Vater Staat, Mutter Natur, dem System, der Geworfenheit in die Welt oder auch einer Geliebten gilt, die mich kürzlich verlassen hat. Dieser treulosen Beißzange schmeißt man dann wütend die zum 28. Male abgesprungene Schraubzwinge ins Gesicht. Für Näheres verweise ich auf meine kleine Betrachtung »Vermischte Motive«, A-29. Wegen dieser Gemengelage tat ich meinem letztem Chef, ein in seinem Fach ausgezeichneter Raumausstatter-Meister, ohne Zweifel wiederholt auch Unrecht. Im übrigen war er ein glühender Verfechter des Leistungs- und Führungsprinzipes. Hätte er sich in eine nicht-pazifistisch gestimmte anarchistische Kommune eingeschlichen, hätte man ihn bald enthauptet.

Ich fürchte fast, das weite Feld »Autoritätsproblem« sei letztlich ein »Ich-Problem« – das Problem eines Ohnmächtigen, der nie als Machthaber zum Zuge kommt. Ob sich mein Zorn gegen harmlose Gebrauchsgegenstände, etwa eine klemmende verglaste Bücherschranktür, oder gegen durchtriebene Angehörige, Hunde, Vorgesetzte richtet, dürfte doch im Grunde egal sein. Denn er gilt stets einer Verweigerung. Sowohl die erwähnte Schraubzwinge wie die abtrünnige Geliebte verweigern ihren Gebrauch. Auch der Politiker, der in durchaus bejahendem Zeitgeist einen Erlebnispark einweiht, ergrimmt mich durch ein »Nein!« – mir wäre die Erhaltung eines Sumpfes, in dem sich Ringelnattern und Regenpfeifer tummeln, lieber gewesen. Der Zorn raucht stets aus dem Schlund eines Ichs. Das möchte die Welt so und so haben, doch leider ist die Welt nicht so.

Hier wird man natürlich einwenden, dies sei kindisch. Das ist nicht falsch. Ich bin imstande, abspringende Schraubzwingen oder zusammengebackene Briketts auf der einen und Kinderstuben oder Bundeskabinette auf der anderen Seite mit der gleichen Inbrunst zu verfluchen, weil sie die gleiche Zumutung darstellen. Sie werden mir vorgesetzt; ich bin von ihnen abhängig; ich kann sie kaum beeinflussen. Meine Ohnmacht und Kränkung ist in allen Fällen die gleiche. Sogar das Vermögen, beispielsweise Allmacht, Unverwundbarkeit, Freiheit zu denken, wurde mir aufgezwungen. Nur die Freiheit selber enthielt man mir leider vor.



Kazura, Jewgeni 29 (1937–67), sowjetischer Gewicht-heber. Wir sprachen gerade von Schuldgefühlen. Der ungefähr 30jährige Moskauer Offizier der Sowjetarmee und Gewichtheber hatte bereits etliche internationale Erfolge aufzuweisen, bevor er im März 1967, wohl in Moskau, in betrunkenem Zustand mit seinem Auto einen Verkehrsunfall verursacht haben soll. Dabei soll irgendjemand ums Leben gekommen sein, nur nicht Kazura selber. Er habe sich daraufhin allerdings, am 9. März, umgebracht. Die Quellenlage ist dürftig wie ein Kohlstrunk in der Wüste. Meine Angaben stammen aus der deutschen Wikipedia, die freilich nicht den Schatten eines Beleges für sie anführt.



Keferstein, Johann August Leberecht c.28 (1753–81), Königsberger und Harzer Papiermüller, gestor-ben in Ilfeld, Südharz, bei Nordhausen.

Johann soll sage und schreibe 16 Geschwister gehabt haben, aber man weiß noch nicht einmal über ihn, den einen, Bescheid, das genaue Todesdatum eingeschlossen. Er soll ferner erstaunlicherweise, obwohl im Harz bereits Unternehmer, unverheiratet und kinderlos gewesen sein. Dies im Gegensatz zu dem anderen aus der offenbar weitverzweigten Branchen-Sippe, Orlando, genauer Leberecht Adolf Orlando Keferstein (1802–36), ein Berliner Papiermüller. Der soll vor seinem Tod (mit knapp 34) noch eine Dampfmaschine in Betrieb genommen haben. Mit seinem Ableben wurde die Köpenicker Papiermühle jedoch in eine Leder- und Tuchfabrik umgebaut. Wasser benö-tigten vermutlich beide Betriebe. Zur Papierherstellung waren außerdem Lumpen wichtig, die merkwürdigerweise nicht immer leicht aufzutreiben waren.

Ilfeld liegt im Tal der Bere, heute anscheinend naturge-schützt. Meine brieflichen Vorstöße in die heimatkund-lichen Kreise des Tales verebbten in der Leere. Als Sohn des Fleckens gilt auch der Philologe Friedrich August Grotefend, gestorben durch Krankheit 1836 in Göttingen mit 37.



Keith, Dick 33 (1933–67), nordirischer Berufsfußballer, zuletzt beim zweitklassigem südenglischem Club Weymouth, Dorset – und offenbar im Baugewerbe tätig. Als der 33jährige im Februar 1967 auf einem Bauhof in der benachbarten Großstadt Bournemouth arbeitete, nützten ihm seine Erfahrungen als Verteidiger nichts mehr, falls der etwas undurchsichtigen Behauptung der englischen Wikipedia zu trauen ist. Er sei gerade damit beschäftigt gewesen, ein automatisches Garagentor zu »demontieren«, als dieses »auf ihn einstürzte«. Vermutlich war das Tor aus Stahl. Vielleicht hing es gar nicht in Angeln, sondern an einem Kran? Jedenfalls starb Keith im Krankenhaus.



Kelly, Mary Jane 25 (1863–88), Opfer eines berühmten Serienmörders? 1888 wurde die halbe zivilisierte Welt von »Jack dem Aufschlitzer« in Atem gehalten – von dem nie identifizierten und gefaßten Jack the Ripper also, der in London mutmaßlich mindestens fünf Prostituierte ermordete und verstümmelte. Auch die Identitäten seiner Opfer sind zumindest teilweise ungeklärt oder umstritten. Wahrscheinlich waren die betreffenden Frauen vorwie-gend über 40. Für Rippers fünftes (und möglicherweise letztes) Opfer halten viele BeobachterInnen die 25jährige Mary Jane Kelly. Die Irin oder Waliserin hatte sich gerade von ihrem jüngstem Geliebten Joseph Barnett getrennt, einem Fischträger aus dem Londoner Hafen. Als sie selber an ihrem Todestag gegen Mitternacht auf Fischzug ging, nämlich nach Freiern, habe sie das Lied »A Violet from Mother's Grave« (Ein Veilchen vom Grab der Mutter) geträllert, versicherte ihre Kollegin Mary Ann Cox später aller Welt – vor allem den professionellen Klatschtanten und Märchenonkeln, nehme ich einmal an. Scotland Yard fand Kellys übel zugerichteten Leichnam in ihrem Bett. Verschiedene innere Organe Kellys lagen im Zimmer verstreut. Ihr Herz fehlte.

Etliche BeobachterInnen glauben, der berühmte Serien-mörder aus dem verrufenen Stadtviertel Whitechapel müsse einige chirurgische, zumindest aber anatomische Kenntnisse besessen haben – eine Annahme, die von einem Teil der unzähligen Theorien über Jack the Ripper, die bis heute ins Kraut schossen, berücksichtigt wird. Weiter gilt es, den untypischen jähen Abbruch der Mordserie nach dem Ende Kellys zu erklären. Ich führe hier nur die Theorie des US-Journalisten Leonard Matters an, weil sie eine reizvolle und aufschlußreiche Dramatik besitzt, die sicherlich schon so manchen Psychiater oder Bühnendichter beeindruckt hat. Im übrigen hielten die von Matters 1929 sogar in Buchform* vorgebrachten Argumente und »Beweise« näheren Nachprüfungen nicht stand. Für ihn war der Mörder ein gewisser Dr. Stanley gewesen – ich zitiere im folgenden Colin Wilson** – »ein Witwer, der seinen einzigen Sohn abgöttisch liebte. Dieser Sohn war an Syphilis gestorben, die er sich bei Mary Kelly geholt hatte, und Dr. Stanley hatte sein Leben der Suche nach dieser Frau gewidmet. Er fragte alle seine späteren Opfer nach ihr aus und brachte sie dann um, um sie für alle Zeiten mundtot zu machen. Als er dann endlich Mary Kelly gefunden hatte, hörte er auf, das East End unsicher zu machen.«

Analog der schon weiter oben erwähnten Robin Hoods gab es selbstverständlich auch einen »französischen Ripper«, und er wurde sogar gefaßt. Angeblich hatte Joseph Vacher, ein Bauernsohn, der mit 14 Geschwistern aufgewachsen war, mindestens 11 junge Frauen und Männer auf dem Gewissen. Sie waren ihm um 1895 bei Streifzügen über Land begegnet, die er als Tagelöhner, Bettler oder Dieb vornahm. Er soll sich an seinen Opfern – oder deren Leichen – vergangen, streckenweise auch ihr Blut getrunken haben. Sein Gemütszustand ist bis heute umstritten. Der zumindest zum Teil geständige 29jährige kam Ende 1898 in der ostfranzösischen Stadt Bourg-en-Bresse unter die Guillotine.

* The Mystery of Jack the Ripper
** »My Search for Jack the Ripper«, Artikelserie im Londoner Evening Standard, August 1960




Kelsijew, Wassili Iwanowitsch 37 (1835–72), viel-sprachiger russischer Schriftsteller und Übersetzer, wandelt sich (angeblich) vom Revolutionär zum Reaktionär. Laut Alexander Herzen*, der zeitweise im Londoner Exil mit ihm zusammen arbeitete, hatte der magere, kränklich wirkende junge Mann einen »vierek-kigen«, wenn auch langgelockten und selbstverständlich bärtigen Schädel. Damit stieß er wohl überall an, selbst bei den eigenen Genossen. Von Natur aus unruhig und zweiflerisch, habe ihm die Geduld gefehlt, sich einmal in eine Sache zu vertiefen und dann auch bei ihr zu bleiben. Er habe lieber von Heldentaten geträumt. Bei redaktionellen Zuarbeiten in London erwärmte sich Kelsijew für die Schriften der sogenannten »Altgläubigen«. Diese Leute bildeten eine von der russisch-orthodoxen Kirche abgefallene Sekte, die von Kelsijew nun als geeigneter Nährboden für sozialistisches Gedankengut erachtet wurde. Nach Herzen hatte sich bei ihm schon immer ein mystischer Zug mit dem nihelistischem gepaart. Jetzt faßte er den Plan, mit ein paar anderen Emigranten eine Art religiös gefärbter Kommune am Schwarzen Meer zu gründen. Vielleicht hatte er von vergleichbaren Kolonie-Versuchen in den USA gehört. Man erkor sich die spätere rumänische Kreisstadt Tultscha im Donaudelta aus, die nahe am Russischen Reich lag, und begann dort um 1863, die Ärmel aufzukrempeln: gemeinsames Wirtschaften, Teilung sowohl der sauberen wie der schmutzigen Arbeit, Anlegen von Gemüsebeeten, Aufbau einer Schule für Kosakenkinder und dergleichen mehr. Bald traf auch Kelsijews jüngere Bruder ein, der aus einer Moskauer Polizeiwache entkommen war – aber schon 1864, wohl mit 23, fiel Iwan Iwanowitsch dem Typhus zum Opfer, was Kelsijew sehr mitnahm. Vielleicht war das bereits der Anfang vom Ende.

In der kleinen Gemeinde scheint der Pioniergeist rasch den offenbar unvermeidlichen Streitigkeiten und »gegenseitigen Behinderungen« zu weichen, wie Herzen schreibt. Ein Jahr nach dem Bruder erliegt Kelsijews Frau Warwara Timofejewna, Köchin und Näherin für alle, als ungefähr 25jährige der »galoppierenden Schwindsucht« – nachdem zwei kleine Töchter der Cholera zum Fraße gefallen waren. Unlängst hatten sich zwei ehemalige russische Offiziere in der Kolonie eingefunden – der eine erschießt oder erhängt sich im selben Jahr, je nach Quelle; der andere reist wieder ab. Kelsijew habe sich inzwischen, meldet ein Besucher nach London, dem Trunke ergeben.

Die deutlich jüngere Gefährtin Kelsijews hatte bereits in London ein Kind verloren. »Eine sehr junge, sehr unschöne Frau, mager und lymphatisch, saß mit verweinten Augen neben einer auf dem Fußboden liegenden Matratze, auf der sich ein sterbendes Kind von etwa ein oder anderthalb Jahren, in Fieberhitze leidend, hin und her warf.« Sie scheint sich aber nie über das armselige und auch sonst harte Schicksal an der Seite des »Läufers« Kelsijew beklagt zu haben, wogegen sich dieser dann an der Donau doch von der Verantwortung für seine Familie zunehmend gefesselt fühlte, wie er Herzen schrieb. »Die Hilfe war nahe«, merkt dazu Herzen nicht ohne Sarkasmus an, denn Frau und Kinder kamen ja unter die Erde. Spätestens Ende 1866 war die ganze Kolonie zerfallen.

Eigentlich hatte Kelsijew vorgeschwebt, sich »mit einer Daguerreotypie oder mit einem Leierkasten« nach Genf, vielleicht auch wieder London durchzuschlagen. Aber nach einem Zwischenspiel als »Aufseher für Chauseearbeiten« in irgendeinem anderen Balkan-Fürstentum erfolgt erneut ein krasser Schritt: er begibt sich 1867 reumütig in die starken, schützenden Arme seines Verfolgers, des Zarismus. Das läßt sich eigentlich nur durch Heimweh und Schwäche erklären – fast eine Tautologie. In der Tat erlangt er »zu Hause« nach gründlichen Vernehmungen Vergebung, obwohl er angeblich keine Namen von Mitstreitern verrät. Aber er bekennt seine Sünden und belegt seinen Gesinnungswandel durch verschiedene selbstverfaßte »konservative« Schriften. Nun ist er in St. Petersburg, wo er aufwuchs, als Journalist tätig, verheiratet sich erneut, schreibt an seinen Memoiren. Die Konservativen feiern, die emigrierten Demokraten verwünschen ihn. Prompt wird Kelsijew, der russischen Wikipedia zufolge, nach all den Entbehrungen immer häufiger krank; sein »moralisches Leiden« und sein schon in Tultscha einsetzender »Alkoholmißbrauch« tun das Ihre dazu. Er stirbt im Oktober 1872 mit 37.

* A. Herzen, Mein Leben, Band 2, Ostberliner Ausgabe 1962, S. 418–33



Kemp, Hal 36 (1904–40), US-Jazzmusiker. Den Leiter eines streckenweise sehr populären Swing-Orchesters, Fotos zufolge ein schmalgesichtiger smarter Weißer, erwischte es nicht als Soldat, sondern schon vor dem nordamerikanischen Eingreifen in Europa im kalifor-nischem Straßenverkehr. Kurz vor Weihnachten von Los Angeles zu einem Auftritt in San Francisco unterwegs, stieß sein Wagen, angeblich bei Nebel, frontal mit einem Auto des Gegenverkehrs zusammen. Kemp erlag seinen Verletzungen zwei Tage später im Krankenhaus, 36 Jahre alt. Von dem Nebel einmal abgesehen, stets eine gute Tarnung, verraten die Quellen keine Einzelheiten des Unfalls. Sie deuten jedoch das Motiv an. Zu den erfolgreichsten Aufnahmen des Hal-Kemp-Orchesters soll nämlich der Titel »Got A Date With An Angel« zählen.



Kepler, Barbara (geb. Müller) 37? (1573–1611), Prominentengattin. Im Jahr 1597 war der Astronom Johannes Kepler noch jung (25) und unberühmt. Rund drei Jahre früher hatte er einen Posten als Hochschul-lehrer für Mathematik in Graz, Steiermark, ergattert. Nun schritt er daran, eine Familie zu gründen. Seine Braut Barbara besitze hier »Güter, Freunde und einen reichen Vater; ich dürfte, allem Anschein nach, in einigen Jahren kein Gehalt mehr brauchen«, teilt er seinem Tübinger Förderer und Freund Michael Mästlin brieflich mit. Koestler versichert*, über die Person der Braut oder über Keplers Gefühle für dieselbe finde sich in dem Brief kein Wort. Immerhin erspart uns Kepler dadurch Heuchelei.

Wahrscheinlich kommt seine Gefährtin auch sonst, in der Quellenlage überhaupt, äußerst dürr weg – obwohl sie doch so »einfältig und fett an Gestalt« war, wie der Astronom irgendwo anders festgestellt haben soll. Volker Bialas (2004) streift sie nur flüchtig und erwähnt ihren Tod lediglich indirekt. Aber auf ihres Gatten Charakter gibt er viel. Auch von Mechthild Lemckes Rowohlt-Monografie (1995) über den Gatten heißt es, die Autorin gehe kaum auf sein Privatleben ein. Sind Männer wie Kepler Sonnen, erzielen ihre Gefährtinnen bestenfalls die Aufmerksamkeit von Möndchen entfernter, nur aus »Rotverschiebung« ermittelter Planeten. Diese krasse Schieflage macht die zumeist mißliche Situation der Frauen berühmter Männer noch schlechter: Offenbar haben wir in den spärlichen, leider ziemlich ungünstigen Aussagen des ehrgeizigen und rhetorisch beschlagenen Gatten auch schon die einzige nennenswerte Quelle zum Wesen der jungen Hauseselin, mit der er 14 Jahre lang verheiratet war und fünf Kinder zeugte.** Daran rüttelt vermutlich auch Gadi Algazis erstaunlich gründliche Betrachtung des Keplerschen Haushaltes von 2012 nicht***, die im Internet leider nur bruchstückhaft einsehbar ist. Algazi stützt sich hauptsäch-lich auf einen langen, wohl 1612 entstandenen Briefentwurf des Astronomen.

Erschreckender-, wenn auch üblicherweise hatte Barbara, Tochter eines wohlhabenden Müllers aus Gössendorf bei Graz, bereits zwei Ehemänner über sich ergehen lassen müssen, ehe sie, als junge Witwe, von dem schwäbischem »Sterngucker« umworben wurde. Erstmals zwangsver-heiratet mit 16, war sie bei ihrer dritten Hochzeit im Jahr 1597 erst 23. Für Johannes stellte sie sich als seine Bürde heraus. »In ihrem ganzen Tun ist sie wirr und unbeholfen. Sie gebärt auch schwer. Alles übrige ist gleicher Art.« Er stellt sie als blöde, mürrisch, wehleidig, zänkisch, geizig hin. Ihre Liebe habe ausschließlich Kindern gegolten, aber damit hatte sie ja ebenfalls Pech. Nur zwei von den fünf Kepler-Sprößlingen überlebten ihre Kindheit. Zuletzt, in Prag, fiel Barbaras Liebling, der sechsjährige Friedrich, den vielleicht von Soldaten eingeschleppten Pocken zum Opfer. 1611 wurde das Unglück der Mutter von einem »Ungarischen Fieber« gekrönt, das epileptische Anfälle und Geistesstörungen mit sich brachte. 37 Jahre alt, sei Barbara Kepler »in geistiger Umnachtung« gestorben, schreibt Koestler.

* Arthur Koestler: Die Nachtwandler, deutsche Fassung Bern 1959,
Seite 271–74 und 387
** Zudem gab es wohl noch eine Tochter, die Barbara bereits in die Ehe mit Johannes eingebracht hatte.
*** Gadi Algazi, »Johannes Keplers Apologie«, in: Reich / Rexroth / Roick (Hrsg): Wissen, maßgeschneidert. Experten und Experten-kulturen im Europa der Vormoderne, München 2012, S. 214–48




Kerckhoff, Susanne 32 (1918–50), DDR-Schriftstel-lerin. Die Tochter aus gutem Berliner Hause und Halbschwester des Philosophen Wolfgang Harich hatte sich kurz nach Kriegsende von ihrem Mann, einem Buchhändler, und ihren drei Kindern getrennt, um in Ostberlin antifaschistisch-literarisch wirken zu können. Sie schrieb zunächst für den Ulenspiegel. 1948 schon Redak-teurin, bald darauf Feuilletonchefin der einflußreichen Berliner Zeitung, kam sie außerdem in kurzer Zeit mit mehreren Gedichtbänden und Romanen zum Zug. Die zierliche Schwarzhaarige mit dem strahlendem Lächeln gehörte zum Wir-bauen-den-Sozialismus-auf-Apparat. Während sie nach Leseart ihrer AnhängerInnen (die bei Kerckhoffs nicht seltenen sprachlichen Plattheiten beide Augen zudrücken) zunehmend über die Spalte zwischen ihren literarischen oder frauenrechtlichen Ansprüchen und den Zwängen des SED-Regimes stolperte, könnte sie sich in ihrem Ehrgeiz als Wächterin gerade dieses Regimes übernommen haben, so vor allem in der »Affäre Nico Rost«. Kerckhoff hatte Rosts Roman Goethe in Dachau angegriffen, der 1948 in einer Übersetzung bei Volk und Welt erschienen war. Daraufhin flog der Schmutz kreuz und quer durch die befreite »Zone«. Im Ergebnis hatte sich Kerckhoff sowohl bei SED-Oberen wie bei westlichen Gralshütern der »Demokratie« in die Nesseln gesetzt. Als dann noch ein westdeutsches Gerichtsurteil, das Kerckhoffs Kinder deren Vater zusprach, und eine vertrackte Liebesgeschichte hinzu kamen, »brach sie zusammen«, wie es in einigen Quellen heißt. Die 32jährige drehte in Berlin-Karolinenhof den Hahn ihres Küchengasherdes auf.

Das war 1950. Der Geliebte hieß Georg Stibi (1901–82), nach dem Exil in Mexiko kurzzeitig Chefredakteur der Berliner Zeitung. Laut einem biografischem Text aus dem Trafo-Verlag (Monika Melchert?) von 2003* wollte oder durfte sich »der verheiratete politische Funktionär« nicht für Kerckhoff »freimachen«. Er kam dann noch hoch hinaus: 1955 Chefredakteur des Neuen Deutschland, 1961–74 stellvertretender Außenminister der DDR.

* http://www.trafoberlin.de/3-89626-405-2.html



Keusen, Jakob 23 (1966–89). Der Düsseldorfer Schlagzeuger, als Gastspieler auch auf der Scheibe Bis zum bitteren Ende der Rockgruppe Die Toten Hosen zu hören, hatte das Pech, mit seinen akustischen Lebensäußerungen auf einen Mann zu stoßen, den das Leben sowieso schon benachteiligt hatte. Von den Eltern vernachlässigt, fällt Peter F. mit neun Jahren auch noch von einer Treppe; davon behält er ein lahmes Bein zurück, das später zur Hälfte amputiert und durch eine Prothese ersetzt wird. Nach Düsseldorf gekommen, läßt er sich vom Metallar-beiter zum Bürokaufmann umschulen. Nebenbei entwickelt sich der nur 1,65 große Mann zum Ordnungs-fanatiker und Rechthaber. Unter seinen Arbeitskollegen ist er unbeliebt.* Zu allem Unglück wohnt er im Dachgeschoß einer ehemaligen Fabrik zufällig über dem Künstlerehe-paar Keusen, dessen Sohn Jakob Schlagzeug spielt. Trotz der Vermittlungsversuche von Jakobs Mutter Almuth entspinnt sich ein anhaltender Kleinkrieg, in dessen Rahmen der 50jährige Junggeselle schließlich mit zwei Radios arbeitet, die er auf die Treppe hinausstellt, sobald Jakob Keusen auf die Felle haut. Ende August 1989 ist »das bittere Ende« erreicht. Der fast 1,90 große, 23jährige Schlagzeuger stapft mit seinen Trommelstöcken nach oben, um die Radios wieder einmal auszudrehen. F. fühlt sich angegriffen und sticht mit einem Brotmesser zu. Es fährt dem jungen Mann fast genau ins Herz, sodaß er am Fuß der Treppe zusammenbricht und wenig später stirbt. F. bekommt acht Jahre Gefängnis.

* Gisela Friedrichsen, »Wenn Sie das noch mal machen!«, Spiegel 46/1990: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13501526.html



Kılıç Arslan I. c.28 (1079–1107), antichristlich gestimmter Herrscher. Der einzige Verdienst dieses türkisch-scheldukischen Sultans, der bereits seinen Schwiegervater, den Piratenhäuptling Çaka Bey, hatte ermorden lassen, bestand wahrscheinlich darin, sein Sultanat mit Zähnen und Klauen gegen die Kreuzfahrer-heere zu verteidigen. Schließlich hieß er nicht umsonst »Der Schwert-Löwe«. So zog er auch selber gern auf Eroberung aus. 1107 hatte er das Pech, aus der von ihm besetzten Stadt Mosul (später irakisch) vertrieben zu werden. Auf dem Rückzug soll der ungefähr 28 Jahre alte Feldherr im Juli im Chabur ertrunken sein, einem Zufluß des Euphrat in Syrien. Nach dem ausführlichem, mit 96 Fußnoten gespicktem Eintrag der türkischen Wikipedia hat dieses Mißgeschick am beträchtlichem »Gewicht der Rüstung von sich und seinem Pferd« gelegen. »Sein Körper wurde einige Tage später an Land gespült.« Tatsächlich zeigen Abbildungen Krieger Kılıç gern mit Wams und Pickelhaube, vielleicht auch Schnauzbart aus Eisen – nur fragt man sich doch, was für ein reißendes Wasser der Chabur gewesen sein soll, wenn die Leiche in diesem Aufzug ans Ufer gelangte. Im übrigen bestätigt der Vorfall, daß unzählige Phänomene zweischneidig sind. Selbst wenn Kılıç zu Hause bliebe, könnte sich seine Festung mal als Schutz, mal als Mausefalle erweisen.



Kintpuash alias Captain Jack c.36 (1837?–73), Modoc-Indianer, gehängt. Wahrscheinlich ist sein Fall bezeichnend für das Trauerspiel der Hintergehung und Aufreibung der von der »Zivilisation« bedrängten IndianerInnen Nordamerikas. Er war ein Häuptling der Modoc. Dieser Stamm lebte im gebirgigem Grenzgebiet Kalifornien/Oregon, also an der US-Nordwestküste. Den Kosenamen »Captain Jack« hatten ihm die weißen SiedlerInnen verpaßt, weil er eine Zeitlang eine abgelegte oder erbeutete blaue US-Uniformjacke zu tragen pflegte. Vielleicht war der Name auch der Einfalt geschuldet, mit der Kintpuash über Jahre hinweg auf den friedlichen Weg schwor, auf Verhandlungen und Verträge also, und ein wohlwollendes Miteinander. Aber der Strom der Siedler-Innen riß nicht ab und ihre Ansprüche wurden immer unverschämter. Um 1865 hatten sie erreicht, daß sich die noch vorhandenen Modoc, vielleicht ein paar Hundert, nach Norden ins bereits bestehende Reservat der Klamath abschieben ließen, einem verwandtem Indianerstamm derselben Gegend. Die Klamath jedoch pochten auf ihr Erstgeburtsrecht, stahlen ihnen gefälltes Bauholz und schikanierten sie so lange, bis sich zwei Modoc-Sippen unter Kintpuash und Hooker Jim im Frühjahr 1870 entschlossen, an den Lost River zurückzukehren, in ihre alte Heimat. Sie schlugen ihre Zelte oberhalb des Tula-Sees auf.

Das ging den dortigen SiedlerInnen gegen den Strich. Sie drängten an höherer Stelle auf militärischen Schutz, und in der Tat kamen 1872 gut bewaffnete Soldaten. Kintpuash wollte sich ihrem General Jackson eigentlich ergeben, doch andere waren dagegen, weil einige SiedlerInnen inzwi-schen ein Lager von Hooker Jims Gruppe überfallen und dabei sogar einen Säugling getötet hatten. Die betroffenen Modoc rächten sich auch prompt, indem sie 12 Weiße umbrachten. Nun sahen sich sämtliche Modoc gezwungen zu flüchten. Sie strebten die ihnen gut vertrauten Lava Beds südlich des Tula-Sees an. Es ist ein zerklüftetes, karges Gebiet mit zahlreichen Kratern und Höhlen. Die beiden Anführer, Kintpuash und Hooker, verschanzten sich mit ihren rund 50 Kriegern und rund 100 Frauen und Kindern im Krater eines unweit des Modoc-River gelegenen Bergkegels. Etliche geheime Gänge boten Nachschub- und Fluchtmöglichkeiten, sodaß sie zunächst der Belagerung durch die sie verfolgenden Truppen unter General Edward Canby widerstanden. Er soll strecken-weise weit über 1.000 Mann, zudem Mörserbatterien aufgeboten haben. Vor allem aber kam dem Militär erneut die Zwietracht im feindlichem Lager zugute. Dieses Mal wünschten Hooker und andere Wortführer vorgetäuschte Verhandlungen mit den Yankees, um deren Chefs zu töten. Kintpuash ließ sich schließlich »überzeugen« – nach Drohungen und dem Vorwurf, er sei ein »fischherziges Weib« …

Bei dem Treffen mit der Abordnung des in Washington sitzenden »Großen Vaters« stellte Kintpuash klar, ein durch Belagerung erpreßter »Frieden« sei für die IndianerInnen unannehmbar. Aber er hielt sich auch an seine nicht minder erpreßte Zusage an Hooker. So kam es plangemäß zu einem Handgemenge, bei dem der General (eigenhändig durch Kintpuash) und ein dolmetschender Priester getötet wurden. Dies geschah am Karfreitag 1873. Wie sich versteht, wurden die Modoc jetzt erst recht gejagt. Sie mußten ihre »Bergfestung« unter großen Verlusten preisgeben und tiefer in die Lava Beds fliehen. Dabei kam es zu weiteren Streits über die Taktik. Die beiden Häuptlinge überwarfen sich – und Hooker lief zum Feind über, der ihn und seine Leute nun als Scouts einsetzte. Im Juni 1873 mußte Kintpuashs auf rund 50 Personen geschrumpfte Schar kapitulieren.

Bald darauf stand Kintpuash mit einigen anderen Kriegern in Fort Klamath vor einem sogenanntem Militärgericht. Die Grundsatzfrage, was eigentlich weiße SiedlerInnen und Soldaten in angestammtem IndianerInnenland zu suchen hatte, fiel selbstverständlich, wie schon seit Jahrzehnten, unter den Richtertisch. Dabei soll Kintpuash, wie schon angedeutet, sogar bereit gewesen sein, die Weißen aufzunehmen. Es gebe Platz und Wild genug für alle. Aber die weißen Eroberer kannten »Teilhabe« nur als hinhaltende Vertragsklausel, die sich bei Bedarf jederzeit brechen ließ. Nun warf das Militärgericht den Angeklagten unter anderem jene vom designiertem Verräter Hooker angestoßenen »heimtückischen Morde« am General und dem Priester vor. Ein Verteidiger stand ihnen nicht zur Verfügung. Am Urteil konnte ohnehin kein Zweifel bestehen, denn der Galgen wurde bereits vorm Gerichts-gebäude aufgeschlagen, während der Prozeß noch im Gange war. Gegen vier Angeklagte, darunter der inzwischen ungefähr 36jährige »Captain Jack«, wurden schließlich Todesurteile ausgesprochen. Man hängte sie am 3. Oktober 1873.

Hooker Jim und seinen Anhängern hatte man wegen der Schützenhilfe Straffreiheit gewährt. Nach Dee Brown* war Kintpuash in seinem Schlußwort vor Gericht kurzange-bunden auf sie eingegangen: »Hooker Jim war immer dafür zu kämpfen, und er hat mit dem Töten und Morden angefangen …« Jetzt habe er, Captain Jack, nur noch kurze Zeit zu leben. Nicht die Weißen hätten ihn besiegt, »sondern meine eigenen Leute«. Man steckte Hooker und rund 150 Modoc, die noch übrig geblieben waren, in ein Reservat in Oklahoma – das lag rund 2.000 Kilometer südöstlich. 1909 durften die letzten 51 Modoc wieder in ein Reservat nach Oregon umsiedeln.

* Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses, ursprünglich USA 1970, 9. Auflage der deutschen Ausgabe Hamburg 1993, S. 219–38



Kirchberger, Martin 31 (1960–91), rheinhessischer satirisch gestimmter Künstler. Seine Ader für Komik mündete in 28 Särgen. Der Absolvent der Offenbacher Hochschule für Gestaltung hatte sich bereits einen gewissen Namen mit »Aktionskunst« und satirischen Kurzfilmen, vor allem der Sorte »Pseudo-Dokumentar-film«, gemacht und seine eigene Produktionsfirma Cinema Concetta gegründet. Am 22. Dezember 1991, zwei Tage vor Weihnachten, ließ eine Meldung über einen Flugzeugab-sturz bei Heidelberg die Redaktion der Rüsselsheimer Main-Spitze »zunächst nur kurz aufhorchen«, wie Ralf Schuster 20 Jahre später in einem Gedenkartikel erwähnt. Das ist die richtige Einstellung von Presseprofis, sage ich dazu. Dann habe sich aber schnell der bedeutsame lokale Bezug des Unglücks herausgestellt, fährt Schuster fort. Kirchberger, bei der Main-Spitze wohlbekannt, hatte zu Zwecken satirisch geprägter Dreharbeiten in Frankfurt/Main eine historische DC 3-Maschine mit seinem Team und einem Rudel LaienschauspielerInnen besetzt und in derselben das schöne Heidelberg angesteuert. Während des niedrig angesetzten, zunächst am Rhein orientierten Flugs wurde bereits gedreht. Nicht zum Film gehörte freilich ein Donnerschlag gegen 12 Uhr: die Maschine war bei dichtem Nebel unweit der Neckarstadt gegen den Hohen Nistler geprallt, einen knapp 500 Meter hohen Berg des südlichen Odenwalds, und an ihm zerschellt. Die mehr oder weniger zerfetzten Leichen, die dann im Wald herumlagen, waren teils geschminkt. Es gab vier verletzt Überlebende. Unter den 28 Toten befanden sich neben Kirchberger, 31, die beiden Piloten, sodaß sich später ein Gerichtsverfahren erübrigte. Einer behördlichen Untersuchung zufolge war die 50 Jahre alte Maschine mängelfrei. Dafür hätten die Piloten die Flüsse Rhein und Neckar verwechselt, während der Fahrt Interviews gegeben und, gleichfalls auf Drängen des Regisseurs, unzulässige Sichtbehinderungen durch Bekleben der Scheiben gebilligt.* Vielleicht hatten sie sich gedacht: wenn draußen sowieso schon Nebel ist …

Wie sich versteht, waren die BürgerInnen und Kunstlieb-haberInnen der Region bestürzt. Letztere hatten zunächst nichts Dringlicheres zu tun, als den durch Nebel verhinderten Film Bunkerlow des verstorbenen Regisseurs fertigzustellen; dann riefen sie die Cinema Concetta Film-förderung ins Leben**, auf die ich gleich zurückkomme. Worum es bei dem Film ging und geht? Es handelt sich um eine Satire auf Kaffeefahrten. Man bietet dabei Privat-Bunker feil, von deren Bombensicherheit sich die Kunden vom Flugzeug aus überzeugen können, wenn ich alles richtig verstanden habe. Das Transportmittel »Flugzeug« selber steht im Film offenbar nicht zur Debatte.

Dieses Werk wurde also gerettet. Ob die Concetta-Stiftung dann auch die Rechnungen für 28 Särge, vier Kranken-hausbehandlungen und mindestens 70 THW-HelferInnen und Polizisten beglich, die für mehrere Tage an der Absturzstelle tätig waren, ist mir nicht bekannt. Einer Selbstdarstellung zufolge** sieht die in Rüsselsheim ansässige, als »wohltätig anerkannte« und auch schon preisgekrönte Stiftung ihre Aufgabe darin, das Andenken an die Opfer zu wahren und, im Sinne Kirchbergers, »ähnliche Filmarbeiten mit weitestgehend satirischem Inhalt zu fördern«. Zum Andenken zählte möglicherweise ein Holzkreuz, das für etliche Jahre am Hohem Nistler stand. Da es allmählich verwitterte, wurde es Anfang 2014 durch ein Denkmal aus rotem Sandstein mit Inschrift ersetzt – von der Stadt Heidelberg.*** Ob die Stiftung wenigstens ein paar selbstkritische Erwägungen beisteuerte, die man nun dort im Walde von der Rückseite des Steins ablesen kann? Im ganzen Internet nicht eine Spur von dergleichen. Also weiter so, wohlan, Glück auf!

* Michael Abschlag, »Vor 25 Jahren: Tödliche Verwechslung am Hohen Nistler«, Rhein-Neckar-Zeitung, 17. Dezember 2016: https://www.rnz.de/geschichte_artikel,-Die-Geschichte-Vor-25-Jahren-Toedliche-Verwechslung-am-Hohen-Nistler-_arid,242041.html
** »Über die Cinema Concetta Filmförderung«, Stand 2021: http://ruesselsheimer-filmtage.com/cinema-concetta/
*** »Hoher Nistler: Gedenkstein erinnert an den Flugzeugabsturz von 1991«, Heidelberg.de, 3. Februar 2014: http://www.die-stadtredaktion.de/2014/02/rubriken/gesellschaft/geschichte-ressorts/hoher-nistler-gedenkstein-erinnert-an-den-flugzeugabsturz-von-1991/




Kirchner, Herti 25 (1913–39), Berliner Schauspielerin, erster Film, wohl 1932, Kampf um blond, seit ungefähr 1935 bis zu ihrem jähem Ende die oder eher eine Geliebte von Erich Kästner. Nach Birgit Ebbert* war die 25jährige Blondine betrunken, als sie am frühen Morgen des 1. Mai 1939 in der Berliner Kleiststraße mit ihrem eigenem Auto parkende Fahrzeuge rammte und sich überschlug oder jedenfalls auf der Seite landete. Sie starb kurz darauf im Krankenhaus. Ob ihr Hündchen Tami mitgefahren war, habe ich nicht herausbekommen. Wenn sich die Hagener Autorin und Pädagogin Ebbert davon »fasziniert« zeigt, daß Kirchner bereits zu jener Zeit und in ihrem jugendlichem Alter einen Führerschein besaß, dämmert uns, Emanzipation wird bei Ebbert großgeschrieben und erschlägt jede kritische Regung im Keim. »Auch sonst war sie unglaublich fortschrittlich …« Kästner, der Kirchners letztem fortschrittlichem Akt mangels Anwesenheit entgangen war, soll diesen zum Anlaß genommen haben, nie mehr selber Auto, vielmehr nur noch Taxi zu fahren. Hinsichtlich des im kapitalistischen Sinne volkswirtschaft-lichen Nutzens dürften sich beide Taktiken nichts nehmen. Kirchner, das Filmsternchen, das gerade an Heinz Rühmanns Seite in dem Werk Der Florentiner Hut geglänzt hatte, soll auch einige Kinderbücher verfaßt oder veröffentlicht haben. Die Frage, ob diese Texte mehr von ihr oder mehr von dem durch Schreibverbot gefesselten Kästner stammen, ist umstritten. Dagegen scheint die Tatsache ihres Mitläufertums wenig zu interessieren. Es gab einfach zu viele MitläuferInnen.

* »Herti Kirchner – verehrt & vergessen«, 11. Februar 2015: http://www.birgit-ebbert-blog.de/herti-kirchner-verehrt-vergessen/



Kirkegaard, Ole Lund 38 (1940–79), dänischer Lehrer und Kinderbuchautor. Da ihm die Schule im Grunde stets ein Greuel gewesen war, vor allem im schulpflichtigem Alter, begann der Lehrer um 1967 damit, Kinderbücher zu verfassen und zu veröffentlichen, in denen er Solidarität mit sogenannten Problemkindern oder mit »Schwäch-lingen« bekundete. Das Echo war enorm. Nach etlichen Auszeichnungen und Verfilmungen scheint Kirkegaard, soweit ich sehe, ein Dasein als hauptberuflicher Schriftsteller erwogen oder sogar (ab 1977) erprobt zu haben, doch zugleich war er, wohl vor allem unter der Last des Erfolgs und der entsprechenden Erwartungen, zunehmend dem Alkohol verfallen. Hinzu kam eine Scheidung von seiner Frau, mit der er zwei Töchter hatte. An einem Samstagmorgen Ende März 1979 wurde der inzwischen 38jährige Erfinder von beispielsweise Orla Frøsnapper (Orla Froschesser, 1969) und Pudding-Tarzan (1975) auf einem Kirchhof seines jütländischen Wohnortes Stenderup in einer Schneewehe entdeckt – erforen. Neben ihm eine Plastiktüte mit Schnapsflaschen und Lebens-mitteln. Das riecht vielleicht stark nach Beweismitteln, doch einer 2010 erschienenen Biografie von Jens Andersen soll zu entnehmen sein, niemand wisse mit Sicherheit zu sagen, ob der ziemlich zerrüttete Künstler einem Unfall zum Opfer fiel oder aber »freiwillig« aus dem Leben schied.



Kivi, Aleksis 38 (1834–72), südfinnischer Schriftsteller, verkannt. Ein Spezial-Lexikon über die Spezies der Verkannten dürfte umfangreicher als mein 24bändiger Brockhaus ausfallen. Kivi steht immerhin schon drin. Vielleicht ist mir zunächst die Frage gestattet, durch was sie alle, die Verkannten, eigentlich verbunden werden. Die Antwort liegt auf der Hand: durch Zufall. Das Alphabet täuscht nur. Man wird nicht einen Fall der Verkennung oder aber der Anerkennung vorbringen können, der nach so etwas wie zwingender Notwendigkeit verlaufen wäre. Das schließt Namen von etlichen Berühmtheiten ein, die ich für Windbeutel halte, wobei ich mich allerdings hüten werde, sie an dieser Stelle zu nennen. Erfolg und Mißerfolg hängen immer von Dutzenden von Faktoren ab, die der Betreffende nicht oder kaum zu beeinflussen vermag, die kulturpolitischen Umstände, seinen Gesundheitszustand und selbst das Wetter eingeschlossen. Dieser schwan-kenden Lage, bei der ein Künstler wie auf einem Fluß zu turnen hat, der genauso viele Eisschollen wie Strudel bietet, entspricht natürlich der Umstand, daß noch niemand den Meßpegel für künstlerische, insbesondere literarische Qualität erfunden hat. Auch deren Beurteilung hängt von vielen zufälligen Bedingungen ab, unter denen die Voreingenommenheit oder die Faulheit des Kritikers nicht die seltenste darstellt.

Das einzige, worauf in diesem Bereich Verlaß ist, sind die betroffenen KünstlerInnen selber. Sie fühlen sich immer verkannt. Woran liegt das? Selbstverständlich an jener befangenen Selbstliebe, die vom Automobil bis zur Vaterlands- und Kindesliebe vor nichts Halt macht. Was uns gehört, unser Eigenes, ist immer das Schönste und Wichtigste. Das beliebte Argument zur Rechtfertigung dieser Selbstüberschätzung, nämlich man wünsche die Anerkennung billigerweise als Entschädigung für die große Mühe, das viele Wissen und die lange Zeit, die man in das betreffende Kunstwerk gesteckt habe, darf getrost in der Pfeife geraucht werden. In die Stadt X. zum Beispiel habe ich nicht einen Backstein gesteckt. Aber ich wurde in ihr geboren, ich wuchs in ihr auf, ich verliebte mich in ihr zum ersten Male, ich kenne alle ihre lauschigen Winkel wie meine Westentaschen, ich durfte in ihr die Uraufführung meines ersten Theaterstückes erleben und so weiter – und deshalb ist sie immer die schönste und wichtigste Stadt auf der Welt.

Nehmen wir Weimar. Im September 1987 war dort eine Ausstellung über Aleksis Kivi zu sehen. Ich will mich darauf beschränken, den berühmten Mann mit einigen Worten des zu unrecht wenig bekannten DDR-Schriftstellers Armin Müller vorzustellen, gestorben 2005. Der Mann lebte in Weimar. Er schreibt* über den Schneidersohn, der sich schon früh auf Bücher geworfen hatte: »Als Kivi, Anfang Dreißig, seine Sieben Brüder zum Druck geben wollte, winkten die Verlage ab, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als den Roman im Selbstverlag herauszubringen. Doch das sollte ihm nichts helfen. Der berühmteste Kritiker des Landes verriß das Buch, und Kivi, ein sensibler, kränklicher Mann, zerbrach daran. Er war erst achtunddreißig, als er 1872 in einer Nervenheil-anstalt starb. / Zehn Jahre später fand sein Buch die verdiente Anerkennung. Seitdem gilt Kivi als der bedeutendste Dichter Finnlands, der Roman ist in zwanzig Sprachen übersetzt, und der Geburtstag seines Autors wird als Nationalfeiertag begangen. / W. H. erzählt diese Geschichte auf der Wahlversammlung des Schriftsteller-verbandes in Weimar, und mancher der Anwesenden hört sie sichtlich gern. Die potentiellen Kivis unter uns scheinen in der Mehrzahl zu sein.« – Laut Petri Liukkonen** hatte man bei dem verschuldetem und zunehmend verwirrtem Schriftsteller Kivi »Schizophrenie« diagnostiziert. Sein Bruder Albert habe ihn aus der erwähnten Nervenheilan-stalt losgeeist und ihn für sein letztes Lebensjahr in ein gemietetes oder gekauftes Häuschen in Tuusula am Tuusulanjärvi-See (bei Helsinki) verfrachtet, wohl dem Heimatort ihrer Mutter. Kivis selbstbewußte letzten Worte gibt Liukkonen mit »minä elän!« wieder: Ich lebe!

Einmal abgeschweift, führe ich auch noch Wien an. Niemand kennt Antonín Smital – auch ich nicht. Für den österreichischen Schriftsteller und Journalisten Stefan Großmann war er »ein slawisches Talent«, das seine wöchentlichen »dichterischen Skizzen« in Victor Adlers Wiener Arbeiterzeitung mit »Oblomow« zeichnete. Auch Peter Altenberg habe damals, um 1895, große Stücke auf Smital gegeben. Doch eines schlechten Tages, das war 1897, habe man just aus der Arbeiterzeitung erfahren, Smital sei tot. Niemand habe sich um den Nachlaß des ungefähr 34jährigen tschechisch-deutschen Schriftstellers gekümmert, der sich auch als Übersetzer (Bozena Němcová) versuchte. »Nie ist auch nur eine einzige Sammlung der kleinen Novellen Smitals erschienen, die ihn berechtigt hätten, sich neben Anton Tschechow zu stellen«, schreibt Großmann in seinen 1930 veröffent-lichten Erinnerungen Ich war begeistert. Für ihn zählt Smital*** zu den vielen Beweisen dafür, wie töricht der Glaube sei, jedes wirkliche Talent finde auch die Beachtung, die es verdiene. »Ruhm ist Zufall und noch dazu ein unhaltbarer. Ruhm ist außerdem eine Angelegenheit des Willens. Gerade die Edelsten wollen nicht.« Oder die Götter waren nicht gewillt, wie ich schon einmal sagte, ihnen einen starken Willen mitzugeben.

Für »die vielen Kivis unter uns« ist es natürlich tröstlich, wenn auch Großmann sich fragt, welche Unmengen an Talenten oder Genies, an zukünftigen Shakespeares oder Tschechows wohl allein deshalb verkümmern mußten, weil die Ungunst der Stunde oder Lebensunmut sie am Aufblühen hinderten. Dasselbe fragte sich 1985 der zeitweilige P.E.N.-Vorsitzende Martin Gregor-Dellin in seinem Buch Was ist Größe? Man muß aber heute zu bedenken geben, daß an dieser Verkümmerung nicht nur Gene, Milieus und Austilger wie der finnische Kritiker August Ahlqvist oder wie Johannes Brahms schuld sind (Fall >Rott). Sondern es gibt inzwischen, entsprechend sowohl zur Übervölkerung dieses Planeten wie zur grundsätzlichen Überschätzung des Kunstschaffens, einfach zu viele Talente. Unter »marktwirtschaftlichen« Bedingungen ist unmöglich Platz für sie alle. Das Netz ist voll. Da kommen nur die ruppigsten Exemplare oder die Eintagsfliegen durch.

* Tagebuch Ich sag dir den Sommer ins Ohr, Rudolstadt 1989, S. 283
** in seinem Authors' Calendar, Stand 2018: http://authorscalendar.info/akivi.htm
*** Nach meiner jüngsten Internet-Suche veröffentlichte Smital mindestens zwei Bücher, nämlich 1888 das »Galiziſche Sittenbild« Die Familie Kobinſan und 1894 den Roman Von Herzen — mit Schmerzen. Das steht in einem zeitgenössischem Lexikon (Franz Brümmer, Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Bd. 6, 6. Aufl. Leipzig 1913, S. 450) – aber auch nur dort. Brümmer hat überdies ein paar spärliche biografische Angaben zu bieten. Danach war Smital Landwirtssohn aus dem mährischem Dorf Pollein, Gymnasiast von schwacher Gesundheit, befaßte sich in einigen Jahren neben dem Feldbau »privatim« mit Philologie und Geschichte. Besonderes Vergnügen hätten ihm vogelkundliche Studien bereitet. Schließlich aus familiären Gründen zur Erwerbstätigkeit gezwungen, habe er sich zunächst in Prag, dann in Wien schriftstellerisch betätigt. Dort sei er in die Redaktion des Neuen Wiener Tageblatts eingetreten. Damit endet Brümmers Schilderung. Ferner scheint es einen deutlich jüngeren, 1991 erschienenen, ungefähr fünf Seiten langen Porträt-Artikel über Smital von František Spurný zu geben. Titel: »Zapomenutý česko-německý spisovatel Antonín Smital« (Der vergessene tschechisch-deutsche Schriftsteller Antonín Smital): https://biblio.hiu.cas.cz/records/b231a41b-6e53-4620-8484-a247db911b9c?back=https%3A%2F%2Fbiblio.hiu.cas.cz%2Frecords%2Fe36b151d-d9b9-420c-9424-a64d8d27ba40%3Flocale%3Dde&group=b231a41b-6e53-4620-8484-a247db911b9c.




Fortsetzung Kla—Kuk
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