Samstag, 16. Oktober 2021
A-26→Albernheit
Um 2007

Man hatte der Volksschule in Kassel-Bettenhausen soeben einen »Realschulzug« angeschlossen. Ich durfte ihn (ab 1960) besuchen, obwohl ich keine große Leuchte war.

Ich war vor allem albern. Morgens pflegte ich mich mit Erich S. »an der Ecke« unserer Siedlung zu treffen, um den Schulweg mit ihm gemeinsam zurückzulegen. Der schmal-gesichtige Erich war ein streb- und folgsamer Junge; er wurde später Bankkaufmann. Jeden Morgen hämmerte ich mir auf den 200 Metern bis zur »Ecke« ein, heute nicht in Albernheit verfallen zu wollen. Ich flehte zu Gott, leistete Schwüre, malte mir das herrlich hoffähige Leben ohne Albernheit aus. Kaum lag die »Ecke« in unserem Rücken, fing ich mit meinen Faxen an. Jeder Anlaß war willkom-men. Lugte ein Taschentuch aus Erichs Hosen, mußte es mit Kletten gespickt oder mit einer Fahrradklammer beschwert werden. Erichs Schiebermütze lud zu einer Verwandlung in Scheuklappen ein. Leider hatte auch das mächtige schmiedeeiserne Tor zum Schulhof keine läuternde Wirkung. Lag man ohnehin von einem Kicheranfall gebeutelt unter dem Schultisch, bot es sich an, im näherem Umkreis alle Schulranzen zu vertauschen. Zettel mit Blödsinn kursierten, Schwämme voller Wasser oder Kreidestaub flogen, Mädchen umklammerten beim Schreiben mit der freien Hand ihre Blusenausschnitte. Es war furchtbar.

Am meisten litt ich selber unter meiner Albernheit. Sie war hartnäckiger als Rinderwahnsinn. Ich schämte mich ihrer unendlich, wußte jedoch kein Mittel gegen sie. Man war eben so dumm wie das dumme Zeug, das man machte. Man spielte sich in einer Weise auf, die einem, neben Aufmerksamkeit, garantiert Verachtung eintrug. Möglicherweise konnte sich die Albernheit nur deshalb zum Albtraum meiner Jugend aufschwingen, weil sie sich mit »objektiven« Makeln zu verbünden verstand. So war meine Mutter eine »Geschiedene« – ihr Sprößling vaterlos. Zwar gab es noch meinen Großvater Heinrich, nur gehörte er leider zum Lehrkörper derselben Schule. Dadurch drang das dumme Zeug stets taufrisch an seine Ohren. Der Enkel machte ihm Schande. Dabei hätte der Enkel guten Grund zur Botmäßigkeit gehabt, denn er kam aus ärmlichen Verhältnissen, für die sein Großvater nichts konnte. Dessen Tochter, die »Geschiedene«, war schuld. Sie mußte sich als Bürohilfe verdingen. Daß ich in meiner Klasse nicht der Erste jedoch der Ärmste war, ging unfehlbar aus den Antragsformularen für »Erziehungsbeihilfe« hervor, die mir der Klassenlehrer halbjährlich nach Unterrichts-schluß aushändigte. So nannte sich damals das spätere Schüler-Bafög. Ich war der Einzige, der es bezog. Und zum Dank glänzte ich nun mit Albernheit und mangelhafter Leistung.

Beides dürfte kaum zu trennen sein. Die Albernheit ist der Fötus der Rebellion. Sie verweigert Leistung. Allerdings reagiert sie nur – statt Souverän zu sein. Sie stört und zerstört Ordnung, ohne eine neue Form zu schaffen. Der zwanghaft Alberne setzt der drückenden gesellschaftlichen Norm nichts wirklich Eigenständiges entgegen. Er ist Dadaist. Zählt er zudem von Natur aus zu den Schnecken, braucht er zur Läuterung Jahrzehnte. Ich strebte zunächst eine Galgenfrist von drei Jahren an – bis zum Abitur. Im Gegensatz zu Erich konnte ich mir zum bevorstehenden Realschulabschluß keinerlei Berufsergreifung vorstellen, die mich nicht in die Hölle geführt hätte. In der Verwandt-schaft und durch eigene Ferienarbeit gewann ich genug Einblicke in dieses stumpfsinnige Schmoren für etwas »feste Kohle«. So drängte ich mich dem neuen Wirtschaftsgymnasium in Kassel-Kirchditmold auf. Im Fach Spanisch lernte ich kein Wort, dafür im Schreibma-schinensaal umso mehr.

Es wurden dann nur zweieinhalb Jahre. Sie waren wieder für jede Menge Albernheit und Faulheit, zunehmend allerdings auch für »Politisierung« gut. 1966/68 griff die antiautoritäre Schülerbewegung auf Kassel über. Obwohl uns Juso-Führer Hans Eichel, später Oberbürgermeister und Bundesfinanzminister, bei den Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze per Megaphon zur Beson-nenheit aufrief, schlugen wir vermehrt über die Stränge. Vom Kirchditmolder Schulhügel her hagelte es Tadel und Blaue Briefe. Ein halbes Jahr vorm Abitur legte mir der »Direx« den Schulabgang nahe. Ich hätte es ohnehin nicht geschafft.

Zugabe und Überleitung (nach 27): landwirtschaft (mp3, 851 KB)
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