Mittwoch, 13. Oktober 2021
LdF Folge Hune—Jy

Hünerwadel, Fanny 28 (1826–54), schweizer Musikerin aus Lenzburg, Kanton Aargau. Die Arztochter saß bereits mit Sechs am Klavier. Später studierte sie in Zürich bei Wagners Bekanntem Alexander Müller Klavier, Gesang und Komposition. Nach etlichen Auftritten in der Schweiz ging sie zur Fortbildung nach Florenz und Rom. Hier erliegt sie mit 28 einer Typhus-Infektion. Bis dahin ledig geblieben, erhielten sich von Hünerwadel hauptsächlich einige Klavierlieder. Für Chris Walton* halten sie sich im Rahmen des Naiv-Salonhaften, in der Begleitung etwas bieder, im Text zuweilen allzu frömmlerisch. In Zürich hatte Hünerwadel auch wiederholt in der Irrenanstalt konzertiert, weil man sich davon eine besänftigende Wirkung versprach – auf die Irren. Wie glücklich oder unzufrieden sie selber war, ist selbst bei Hanselmann/Wal-ton schwer zu erkennen, obwohl sie einige Stellen aus römischen Briefen Hünerwadels anführen. Immerhin entsteht der Eindruck, Hünerwadel sei weder schwermütig noch gar lebensmüde gewesen, wie so manche andere RomantikerInnen. Den Autoren zufolge rühmte man ihr Einfachheit und Herzensgüte nach, von ihrer schönen Stimme und sonstigen musikalischen Begabung einmal abgesehen. Alle ihre Kleider** habe die dunkelhaarige Dürre eigenhändig genäht. Man könnte glatt behaupten, wenn nicht ihr Erzeuger – der Arzt, der die vorgeschrie-bene Wespentaille durchgehen ließ – dann habe ihren frühen Tod letztlich Pius IX. zu verantworten, der damalige Papst also, laut Hünerwadel »ein schöner Mann von 62 Jahren«. Das Alter stimmt sogar. Hünerwadel hatte nämlich an Ostern »bei starker Sommerhitze«, wie Hanselmann/Walton versichern, dem päpstlichem Segen vor dem Petersdom beigewohnt. Da wurde sie ohnmächtig und mußte nach Hause kutschiert werden. Das war der Typhus à la Vatikan ? 12 Tage Krankenlager, tot.

* Beat Hanselmann / Chris Walton im Bulletin der Lenzburger Peter-Mieg-Stiftung, Nr. 12, Juni 1998: https://web.archive.org/web/20070930004553/http://www.petermieg.ch/Stiftung/Bulletin/Bulletin_12.htm
** https://de.wikipedia.org/wiki/Fanny_H%C3%BCnerwadel#/media/Datei:Fanny_huenerwadel3.jpg




Hunter, Paul 27 (1978–2006), britischer Berufs-Snookerspieler. Snooker ist das Billardspiel mit den langen Tischen und den hohen Gagen, falls es nicht alle wissen. Ich habe es vor Jahren einigermaßen gründlich, wie ich mir einbilde, in meiner Betrachtung »Shot to nothing« bedacht, A-24. Was den hübschen blonden Jungen aus Leeds angeht, war er bereits mit 17 Profi geworden. Im Internet sah ich einmal offenen Mundes ein Video des Londoner Masters-Finales von 2002, das der »Beckham of the Baize« denkbar knapp mit 10:9 für sich entschied. Siegpreis: 190.000 Pfund. Im ganzen gewann Hunter das Masters dreimal. Seine Popularität verdankte er unter anderem seinen publikumswirksamen Aufholjagden in Begegnungen, der Eleganz seines Spiels sowie seinem smartem Aussehen, dabei insbesondere seinen ausgefallenen Frisuren – daher auch die Anspielung auf den Fußballer David Beckham. Die Fans (oder seine Manager) empfanden ihn als den Beckham des grünen Snookertuchs. Seit 2004 war er mit der ebenfalls blonden Lindsey Fell verheiratet. Sie hatten ein Kind. Der Darmkrebs, dem Hunter mit knapp 28 zum Opfer fiel, wurde 2005 diagnostiziert. Seit 2007 heißt ein stets in Fürth ausgetragenes erstklassiges Snookerturnier das Paul Hunter Classic. Im selben Jahr veröffentlichte Fell ihr Erinnerungsbuch Unbreakable. Auch dieser Name ist nicht übel, spielt er doch auf die im Snooker sehr wichtigen Serien an, die breaks heißen, und selbstverständlich auf Hunters »Unschlagbarkeit«. Ein deutscher Verlag machte daraus Mein wunderbares Leben mit Paul.

Die Sache mit den Snookerturnieren ist allerdings neuerdings ins Schleudern gekommen – wie fast alles auf diesem von Leuten beherrschten Planeten, die teils VerbrecherInnen, teils Verrückte, oft beides zusammen sind. Den Spitzensport gestatten sie zwar noch, wenn die Ränge leer bleiben und die Gesundheitsmaske stets zückbereit in der Arschkippe steckt. Man will nicht, daß alle unteren Bevölkerungsteile verelenden. Aber die Wettkampf-Atmosphäre muß man sich eben, am Bildschirm vor dem Video sitzend, selber dazu denken. Damit wir damit nicht überfordert sind, scheinen sie jetzt bei den publikumslosen Turnieren (»Geisterspielen«) neben den Aufzeichnungs- auch Beifallsmaschinen einzusetzen. Bei jedem Stoß, der einem fachkundigem Hilfssheriff (»Applaus-DJ«) als ungewöhnlich gut gelungen vorkommt, drückt oder klickt er auf den Knopf – und der Beifall prasselt. Man darf gespannt sein, mit welcher Neuerung sie diese zugleich saudumme und ekelhafte Notstandsmaßnahme noch überbieten werden. Merkel hat sie bereits im Berliner Plenarsaal eingeführt und folglich alle Abgeordneten, die ohnehin keine nennenswerte Funktion mehr hatten, nach Hause geschickt. Die Bezüge laufen weiter – bargeldlos. Ihren Lobbyismus können sie ja auch per Handy und Internet betreiben – Homeoffice.

Da ich aus meiner Abneigung gegen Berufskünstlertum, gelenkte Massenveranstaltungen und Vermarktung von allem und jedem bereits wiederholt keinen Hehl gemacht habe, dürfte ich eigentlich nichts mehr sagen, auch zur Musik nicht. Aber unsere »Altmeister« aus Apo- und Hippy-Zeiten Eric Clapton und Van Morrison werden gerade von den einen niedergemacht, von den anderen in den Himmel gehoben, weil sie mutig genug waren, ein paar Anti-Lockdown-Songs zu veröffentlichen. Und wo wäre da der Mut? Diese Ikonen im Greisenalter haben Geld und Einfluß wie Sand am Meer. Was sollte denen noch geschehen? Nebenbei kann ich mich nicht erinnern, sie hätten sich in den fünf Jahrzehnten seit Woodstock vorwiegend revolutionär oder auch nur staatsfeindlich gebärdet. Wenn J. J. Cale mal ein möglichst allgemein gehaltenes Lied gegen den Krieg vortrug, war es schon viel. Nein – diese Profis sind und bleiben Spitzenprodukte der von Adorno so genannten Kulturindustrie, bis sie ihren Löffel abgeben. Und dann liegen sie neben den kaum zu zählenden Millionen armen Schluckern unter der Erde, die im Laufe jener Jahrzehnte geschunden worden und verhungert sind.



Hutten, Hans von 38 (1477–1515), Stallmeister in Württemberg, ermordet. Soweit ich weiß, schlug sich Herzog Ulrich, 1519 aus Württemberg verbannt, nur des-halb auf die Seite benachbarter aufständischer »Rotten«, um den Habsburgern (unter den Kaisern Maximilian I. und Karl V.) sein Fürstentum wieder abzujagen. Dieser Kampf geht verloren. Der Herzog kehrt erst 1534 siegreich wieder, worauf er flugs die für ihn einträgliche sogenannte Reformation einführt.

Wahrscheinlich war Ulrich, der adlige Schuft, unter anderem wegen eines heimtückischen Mordes an einem ihm unbequemen Beamten vertrieben worden. Er hatte im Sommer 1515 seinen 38jährigen Stallmeister Hans von Hutten um die Ecke gebracht – zufällig ein Vetter des ungleich bekannteren Ulrich von Hutten (1488–1523), was sich noch rächen sollte. Auslöser war Hansens Heirat mit Ursula Thumb von Neuburg gewesen, die komplizierter-weise zugleich die heimliche Geliebte des Herzogs war. Als der Stallmeister des Herzogs Ansinnen, ihm bei der Frischangetrauten weiterhin freie Hand zu lassen, empört zurückwies, kam es zum Bruch. Huttens Entlassungsge-such erwiderte der Herzog jedoch mit einem Angebot zur Versöhnung, das jener trotz Warnungen von Freunden für bare Münze nahm. So folgte er, nur leicht bewaffnet, des Herzogs Einladung zur Jagd im Schönbuch (südlich von Stuttgart) – und ging ihm in die Falle. Der gutgewappnete Herzog schickte seine Leute voraus und tötete den Querulanten »im finsteren Tann« mit eigener Hand. 2013 wurde in diesem Waldwinkel eine Gedenktafel mit Hinweis auf die nahe Hutteneiche aufgestellt. Damals bemühte sich der Herzog, seine Mordtat mit allerlei Finten als rechtmäßigen Akt der Feme auszugeben, konnte jedoch den Anstieg des Grolls gegen ihn nicht verhindern.* Der andere Hutten, erklärter Humanist und Patriot, beteiligte sich dann am Kriegszug des (kaisertreuen) Schwäbischen Bundes, der den Herzog im Frühjahr 1519 aus seinem Land jagte. Dieser Verwandte des Gemeu-chelten erlag mit 35 der Syphilis.

* Dieter Griesshaber, »Herzog Ulrich von Württemberg – Der Mord im Böblinger Wald«, Geschichtsverein Köngen (bei Stuttgart), Stand 2019: http://geschichtsverein-koengen.de/Ulrich.htm



Idzikowski, Zygmunt c.27 (1884–1911), polnischer Lyriker, schwarzseherisch und »symbolistisch« gestimmt, erschießt in »Eifersuchtsanfall« seine erst 19 Jahre alte Gattin Zofia Kubecka (oder Kubeckich?), eine angeblich bildschöne Schauspielerin, und dann sich selbst. Diesen Rekord an Jugend konnte die estnische Tänzerin Emmy >Holz 12 Jahre darauf nicht unterbieten: bekanntlich war sie schon 21, als ihr Geliebter in einem spanischem Hotel mit Hilfe einer Pistole zum Doppelmörder wurde. Das polnische Künstlerpaar wohnte in Warschau. Idzikowski hatte früh in Zeitschriften veröffentlicht, schließlich in 1910, dem Jahr seiner Eheschließung, auch ein gediegen ausgestattetes Buch mit Gedichten drucken lassen. Wohl aus verarmtem Adel stammend, mußte er sich als Sprachlehrer und Versicherungsangestellter ernähren. Über sein Opfer ist im Internet kein Komma zu erfahren. Ich nehme an, die mageren Angaben über den »Dichter« stammen hauptsächlich aus dem 1983 erschienen dritten Band eines Werkes von Stanisław Szenic über Einlieger des Warschauer Powązki-Friedhofs (Cmentarz Powązkowski), wo auch das Ehepaar bestattet wurde – angeblich, unter schmerzlicher Abwesenheit kirchlichen Segens, in der sogenannten SelbstmörderInnenecke.



Infante, Pedro 39 (1917–57), mexikanischer Filmstar und Hobby-Pilot. Wie mehrere Quellen versichern, hatte der populäre Schauspieler und Sänger, als Pilot, schon knapp 3.000 Flugstunden, allerdings auch schon zwei Flugunfälle hinter sich. Diese versorgten ihn zum Beispiel mit einer Metallplatte in der Schädeldecke. Das Zusatzgewicht hinderte ihn allerdings nicht daran, am Morgen des 15. April 1957 mit einem vom Bomber zum Frachter umgebautem Consolidated C-87 Liberator von Mérida, Yucatán, nach Mexiko City aufzubrechen, wo er bei Behörden strittige Eheangelegenheiten klären wollte. Bei diesem Flug mit einem als unfallträchtig bekannten »Befreier« war der Künstler lediglich Co-Pilot. Prompt soll sich der Kapitän nur fünf Minuten nach dem Start Manövrierfehler geleistet haben, die zum Verrutschen der Fracht und zum Absturz der Maschine noch im Stadtgebiet führten. Sie ging in Flammen auf und hinterließ im ganzen wahrscheinlich fünf Tote. Laut spanischer Wikipedia waren das zum einen die drei Insassen: neben Infante der Pilot Víctor Manuel Vidal Lorca und der Flugmechaniker Marcial Bautista, beider Alter unbekannt. Ferner hatten anscheinend zwei EinwohnerInnen Pech, nämlich die erst 18- oder 19jährige Ruth Russell Chan sowie »das Kind« Baltazar Martín Cruz. Zudem seien in dem betroffenem Innenhof zwei Schwerverletzte angefallen. Damit hatte sich noch einmal der Bomber durchgesetzt. All diese Schäden und Vorsätzlichkeiten – eine Eisenbahnreise etwa wäre Infante würdelos und langweilig vorgekommen – konnten dem Ruhm unseres Bruch-Co-Piloten keinerlei Abbruch tun. Ganz im Gegenteil, zur künstlerischen Leistung* gesellte sich nun seine bedauerliche Opferrolle. Deshalb weist Mexiko mehrere Museen oder andere Gedenkstätten zu Infante auf, und sowohl an seinem Grab in der Hauptstadt wie an der Unfallstelle wird jährlich ausgiebig gefeiert.

* Filmografie bei IMDb: https://www.imdb.com/name/nm0408626/, siehe dort auch »full bio«



Itō Noe 28 (1895–1923), japanische Anarchistin, ermor-det. Das Große Kantō-Erdbeben suchte am 1. September 1923 die japanische Hauptinsel Honshū heim, Tokio eingeschlossen. Im Verein mit den nachfolgenden Feuersbrünsten forderte es über 140.000 Tote. Das waren sicherlich nicht nur Alte. Es waren gleichwohl noch nicht genug. Man benutzte solche Brände ohnehin traditionell gern zu der Behauptung, sie seien von Koreanern, Chinesen und ähnlichen Fremdkörpern gelegt worden. Dazu zählte »man«, insbesondere das Pack aus Politik und Armee, mit Vergnügen auch Anarchisten, weil sich dadurch gute weitere Handhaben zu deren unerbittlichen Verfolgung ergaben.

Itō, aus dem Landadel der südjapanischen Insel Kyushu stammend, durfte eine höhere Schule besuchen, rebellierte allerdings, als sie zwangsverheiratet werden sollte.* Sie schloß sich Tokioter anarchistischen Kreisen an und leitete ab 1915 das Magazin Seitō. Sie übersetzte einige Artikel der bekannten US-Anarchistin Emma Goldman. Später war sie an der Gründung der ersten sozialistischen Frauengruppe Japans beteiligt. Daneben überstand sie offenbar mehrere Geburten und Liebschaften. Den führenden Anarchisten Ōsugi Sakae lernte sie 1916 kennen oder lieben. Sie experimentierten nun über Jahre hinweg mit allerlei »freien« Liebesbeziehungen. Das befreite sie nicht unbedingt von dem bekanntem Gebrechen der Eifersucht und trug ihnen zusätzlich selbst in ihren anarchistischen Kreisen einige Mißbilligung ein. Überdies sahen sie sich zunehmend polizeilicher Beobachtung ausgesetzt. Sie wechselten oft die Wohnung, aber wohl nur in Tokio. 1919 hoben sie mit anderen das Magazin Rōdō undō aus der Taufe, das der Verbindung mit dem Industrieproletariat dienen sollte. Von dem Erdbeben wurden sie offensichtlich verschont. Kurz darauf jedoch, am 15. September 1923, kehrten sie von einem Verwandtschaftsbesuch in ihre Wohnung im Tokioter Ortsteil Kameido zurück, wobei sie, wohl als Gast, einen sechsjährigen Neffen Ōsugis bei sich hatten, Munekazu. Ōsugi war 38. Am nächsten Tag bekamen sie ihrerseits Besuch: Militärpolizei. Unter Leitung des Leutnants Amakasu Masahiko wurden sie verhaftet und in einer Kaserne verprügelt und ermordet – alle Drei. Ihre Leichen warf man anschließende in einen ausgedienten Brunnenschacht. Damit war die japanische Geschichte um den sogenannten »Amakasu-Zwischenfall« reicher.

Allerdings schlug er damals noch ziemlich hohe Wellen der Empörung. Eine Obduktion bestätigte Erdrosselungen und, im Fall der beiden Erwachsenen, Mißhandlungen. Amakasu bekam 10 Jahre Haft – und wurde nach drei Jahren aufgrund seiner »guten Führung« entlassen. Sehr wahrscheinlich hatte er auf höhere Anweisung gehandelt. Im folgenden organisierte er weitere Schandtaten, zuletzt in der Mandschurei. Im August 1945 immerhin schon 54 Jahre alt, vergiftete er sich ebendort, weil die (sowjetische) Rote Armee nahte – und sicherlich nicht mit ihm gespaßt hätte.

* David G. Nelson in der Anarchist Library, 2009: https://theanarchistlibrary.org/library/david-g-nelson-ito-noe-1895-1923



Jánoš, Zdeněk 32 (1967–99), Berufsfußballer. Der hünenhafte und schwergewichtige Tscheche zählte zumindest in den frühen 1990er Jahren zu den besten Fußballtorhütern seines Landes. Am 15. September 1999 gegen Mitternacht mit seinem VW Passat und einer Geschwindigkeit von 150 Stundenkilometern in Prag unterwegs, geriet der 32jährige Keeper von Dukla Pribram (möglicherweise wegen eines ihm entglittenen Handys, nach dem er sich bückte) auf die Gegenfahrbahn, prallte gegen einen Stadtbus der Linie 271 und starb noch an der Unfallstelle. Die Frage nach der Befindlichkeit des Busfahrers und seiner Fahrgäste erhebt sich in der deutschen und tschechischen Wikipedia (bislang) nicht. Vielleicht war es ein Geisterbus. Dafür erfahren wir von Jánoš' Belohnung: er wurde Ende 1999 posthum zur Persönlichkeit des Jahres im Tschechischem Fußball gewählt.

Der Geehrte war verheiratet und hatte zwei Söhne. Sein eigener Vater soll bereits gestorben sein, als Zdeněk drei war. Als Fußballer liebte er schnelle Wagen und starke Getränke. Was den Busfahrer angeht, flog er zwar durch seine Windschutzscheibe auf den feindlichen Personenwagen, blieb jedoch weitgehend unverletzt, wenn ich einen Artikel von Jaromír Novák richtig enträtselt habe.* Ansonsten war der Bus, wohl wegen der späten Stunde, kaum besetzt. Zudem führt Novák den Eindruck des Busfahrers an, der Volkswagen sei jäh ausgeschert und dann, »wie eine Rakete«, mit Absicht auf den Bus geprallt. Sollte dies zutreffen, hätte sich der von Berufs wegen erfolgsorientierte Fußballprofi doch eigentlich, zum Zwecke seines Selbstmordes, auch eine andere Tageszeit mit einem besser besetzten Bus aussuchen können. Einen behördlichen Untersuchungsbericht finde ich nicht.

* »Bylo to jak řízená střela, říká o Jánošově nehodě řidič autobusu«, iDNES.cz (Portal aus Prag), 21. September 1999: http://fotbal.idnes.cz/bylo-to-jak-rizena-strela-rika-o-janosove-nehode-ridic-autobusu-pvq-/fotbal.aspx?c=990921_000848_fotbal_ber



Jánošík, Juraj 25 (1688–1713), slowakischer Robin Hood. Wie jeder mitteleuropäische Landstrich, der Höheres als ein paar Maulwurfshügel aufzuweisen hat, »Schweiz« heißt, beispielsweise Holsteinische oder Märkische Schweiz, hat auch jede Gegend ihren »Robin Hood« – also einen guten Räuber oder Staatsfeind, der beim »Kleinen Mann« einige Sympathien genießt. Ich glaube, allein unter B habe ich bereits drei von ihnen angeführt, Balzar, Breitwieser, Bückler, und weitere werden folgen, etwa >Matter. Gewiß sind sie alle mehr oder weniger kräftig zum Mythos aufgeblasen, und entsprechend wuchtig sind die Denkmäler, die sie früher oder später bekommen.* Da könnte sogar Walter Scott neidisch werden, gestorben 1832, ein schottischer Advokat und »romantischer« Schreiberling, der nur insofern Räuber war, als er in allen schlechten Büchern, deren er habhaft wurde, gewildert hat. Er steht vor dem Glasgower Bahnhof auf einer turmhohen Säule, die der Künstler allerdings sehr fein »kanneliert« hat. Insofern muß man natürlich einräumen: wo wäre die Zunft der Bildhauer und Architekten ohne die Aufträge für große Denkmäler geblieben? Im Dreck.

Jánošík, Sohn eines armen Leibeigenen, soll zunächst Schafhirt gewesen sein, bevor er sich Aufständischen gegen die habsburgische Herrschaft in Ungarn anschloß und schließlich Chef einer Waldräuberbande im gebirgigen Nordwesten der Slowakei wurde. Man hielt sich vorwiegend an gut betuchte Kaufleute und verteilte ein Teil der Beute an Arme. Mordtaten pflegte man wahrscheinlich weitgehend oder völlig zu vermeiden. Leider wurde der Räuberhauptmann aber bereits mit 25 gefaßt und selbstverständlich hingerichtet, wohl in Liptovský Mikuláš, das schon damals eine Art Kreisstadt war.

Man könnte argwöhnen, ich sei ein Militanter – oder ich sei ein Pazifist. Beides wäre falsch geraten. Eine Welt ohne Gewaltanwendung, in welcher Form auch immer, ist nahezu undenkbar. Es kommt nur darauf an, daß die Gewalthoheit beim freien Bürger beziehungsweise seiner freien Republik bleibt. Er ist also seinem Gewissen und seinen Genossen Rechenschaft schuldig. In meinen Zwerg-republiken Mollowina und Pingos, beide auf dem Balkan angesiedelt, sind alle RepublikanerInnen bewaffnet, setzen ihre Flinten und Messer freilich ausgesprochen selten ein. Sie behandeln und lösen ihre Konflikte jeweils unter Beteiligung der RepublikanerInnen, die davon betroffen sind, ohne irgendwelchen »Sicherheitskräften« oder »höheren Instanzen« Einmischung zu gestatten. Da sie keinen Staat haben, haben sie auch kein »Gewaltmonopol des Staates« – Näheres unter diesem Titel in A-25. Hier nur soviel: Bei uns, in Schröder-Merkel-Deutschland, liegt das »Gewaltmonopol des Staates« selbstverständlich bei den Befehlsgewaltigen des deutschen Staates, und das sind in erster Linie keineswegs Schröder und Merkel; es sind ganz andere, potentere Leute, die nie einer gewählt und selten einer gesehen hat.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Juraj_J%C3%A1no%C5%A1%C3%Adk#/media/Datei:Statue_of_Juraj_J%C3%A1no%C5%A1%C3%Adk_in_Terchov%C3%A1_-_2010.jpg



Janša, Anton 39 (1734–73), slowenisch-Wiener Hof-imkermeister, auch Maler und Grafiker. Bienen zählen zum Zuchtvieh des Menschen, sind aber beliebter als Kühe, weil sie Honig geben. Der Sparkasse von Walters-hausen in Thüringen, die in einem mächtigem Jugendstil-gebäude aus hellem Sandstein residiert, waren sie wichtig genug, um in einem ovalem buntverglastem Fenster verewigt zu werden. Vermutlich hatten die Bankiers das Honighorten und den sprichwörtlichen Fleiß der Bienen im Auge. Dabei kam ihnen entgegen, daß die Bienen im Gegensatz zu den Ameisen keine Läuse zwecks systematischen Melkens halten – sonst wäre vielleicht Verdacht aufgekommen.

In Deutschland gibt es weit mehr als 100.000, vorwiegend nebenberufliche ImkerInnen, die über ungefähr 800.000 Völker herrschen. Dadurch entsteht ein Jahresertrag von mindestens 22.000 Tonnen Honig – so geballt, allerhand. Wilhelm Buschs Knabe Eugen war begierig genug auf den süßen Stoff, um dem schnarchendem Dorfimker einen Honigtopf vom Schlafzimmerbord zu stehlen. Die räubernden NeandertalerInnen lebten gefährlicher: sie hatten die Waben wilder Bienen mit einem Stock aus Astlöchern zu stochern. Zu weiteren Feinden der Bienen zählt eine Kröte, die in D. H. Lawrence' funkelnder Erzählung Die Jungfrau und der Zigeuner vorm Strohkorb hockt, um die ausfliegenden Bienen wie von der Wäscheleine zu pflücken.

Anton Janša hatte zwar schon im ländlichen Elternhaus an zahlreichen Bienenstöcken geschnuppert, neigte aber zunächst zur Bildenden Kunst und ließ sich an der Wiener Akademie zum Kupferstecher ausbilden. Plötzlich suchte das Kaiserhaus einen Hofimker. Der Slowene aus der Oberkrain bewarb sich, wurde (1769) angestellt und erwies sich, als Forscher, Lehrer, Organisator und Fachschrift-steller der Bienenzucht, rasch als Volltreffer. Beispiels-weise hellte er die Befruchtung der Königin in der Luft auf und regte dazu an, auch Bienen zielstrebig »auf die Weide zu treiben«, wie ein slowenisches Lexikon schreibt. Auch die kastenförmigen, leicht stapelbaren Bienenstöcke mit entfernbaren Stirnwänden und Bodenbrettern sollen sich ihm verdanken. Nur die Frage, warum Janša schon 1773, mit 39 Jahren, ins Gras biß, scheint bislang niemand aufgeklärt zu haben. Die auf den Neuerer selber gerichtete Forschung wirkt wie ein von modernen Landwirten emsig mit Pestiziden besprühter Magerrasen. Nach Martin Mißfeldt (!) war Janšas Vater Bauer gewesen; schon von der Mutter wisse man aber überhaupt nichts.* Das gleiche gilt offensichtlich für sein Wiener Privatleben, falls er eins hatte. Ein jämmerliches Bild.

Stößt man beim Stöbern im Internet auf den Bienenwolf, darf man sich nicht einschüchtern lassen. Diese soge-nannte Grabwespe nutzt Honigbienen als Säuglingsnah-rung. Ungleich schädlicher dürfte die Chemieindustrie sein, wie selbst Amazon-Zuarbeiter Mißfeldt anzudeuten wagt. Die mit Insektiziden von Firmen wie Bayer Cropscience gebeizten Raps-, Sonnenblumen- und Maisfelder sorgen unter Bienenvölkern bereits für ganze Leichenberge. Statt ihre Gifte vom Markt zu nehmen, tüfteln diese Weißkittel inzwischen an »jungfernfrüch-tigen« Pflanzen, die nicht mehr bestäubt werden müssen. Somit wird es demnächst ohne Bienen und bald darauf auch ohne Menschen gehen. Das würde den Imkern immerhin die Schleier und den anderen die Mund-Nase-Masken ersparen. KritikerInnen werden von den Weißkitteln bereits heute so erbittert bekämpft, daß der Einsatz von Insektiziden oder Impfstoffen auch an dieser Front nur noch eine Frage der Zeit ist.

Wie wir jedoch gesehen haben, hatten die Bienen auch immer Freunde. Einer der merkwürdigsten war der nachkaiserliche Salzburger Imker und Schriftsteller Georg Rendl. Er brachte es fertig, in seinem Bienenroman von 1931 auf 200 Druckseiten nicht einen Imker und auch sonst keinen Menschen vorzuführen. Der Roman spielt ausschließlich unter Bienen. Verfolgt man freilich, wie Rendl jede einzelne Biene im Volksganzen auf- und untergehen läßt, weiß man, woher damals der Wind wehte. Bis Berchtesgaden war es nicht weit.

* »Anton Janscha«, Lichtmikroskop.net, Stand 2021: https://www.lichtmikroskop.net/geschichte/anton-janscha.php



Jantar, Anna 29 (1950–80), polnische Schlagersängerin. Die in der Großstadt Posen aufgewachsene Polin, ursprünglich Szmeterling mit Nachnamen, entpuppte sich im Laufe der 1970er Jahre als publikumswirksame sozialistische Schlagersängerin. Sie gewann auch auf Festivals im Ausland etliche Preise. Als sie im März 1980 aus den USA zurückkehrte, wurde der Szmeterling zerquetscht. Das Flugzeug »Mikołaj Kopernik«, in dem Jantar saß, ging mittags kurz vor der Landung in Warschau zu Bruch. Wahrscheinlich war an der russischen Maschine ein Turbinenschaden aufgetreten. Dem Piloten Pawel Lipowczan wurde der erfolgreiche Versuch gutgeschrieben, seine Maschine an bewohnten Häusern vorbei zu bugsieren. Er kam ebenfalls um. Mit Lipowczan und der 29jährigen dunkelhaarigen Künstlerin Jantar, die eine Tochter, die spätere Sängerin Natalia Kukulska, zurückließ, starben 85 weitere Menschen. Sollte an der Himmelspforte zufällig ein stets zu Scherzen aufgelegter Engel Wache geschoben haben, begrüßte er Jantar vielleicht mit dem Titel ihres Liedes Najtrudniejszy pierwszy krok von 1973: »Der erste Schritt ist der schwerste«. Oder er spielte aus dem Internet ein offensichtlich zeitgenössisches Musikvideo* ein, in dem Jantar ihr Lied Za wszystkie noce (»Für all die Nächte«) zwischen nagelneuen Autos und Flugzeugen, ja sogar als Pilotin in einer Flugzeugkanzel vorträgt.

* https://www.youtube.com/watch?v=xy4AB4t2gh4



Jarry, Alfred 34 (1873–1907), französischer Künstler oder Kunsthonig. Man sollte sich ohne Zweifel hüten, alle AußenseiterInnen über einen Kamm zu scheren. Allerdings ist es oft schwer zu entscheiden, ob sie das Hauptfeld scheuen, weil sie sich, aufgrund ihrer Eigenartigkeit, darin nur übergeben könnten, oder aus berechtigter Angst davor, in ihm als Windbeutel, Schaumschläger und Faulpelz enttarnt zu werden. Trifft das Letztere zu, geben sie sich lieber als geborene Randfigur, dabei wahlweise unter der Firma Avantgardist, Rebell, Dadaist, GesetzesbrecherIn, Happening-Künstler. Die Verweigerung wird zur Bestimmung und zum Vergnügen.

Bürgersohn Jarry durfte das renommierte Pariser Lycée Henri IV besuchen, wo ihn unter anderem der Lebens- und Modephilosoph Henri Bergson unterrichtete, wurde dann aber vom noch erlauchterem Kollegium der École normale supérieure verschmäht, was heißen soll, er fiel dreimal bei der Aufnahmeprüfung durch. Der Verschmähte wandte sich daraufhin der Kunst und der Pariser Bohème zu. Da ihm diverse Objekte und Texte nicht gerade aus den Händen gerissen wurden, übernahm er 1896 den Posten eines Sekretärs am Théâtre de l'Oeuvre. Jetzt konnte er sich für 525 Francs einen letzten Schrei der Mode leisten, nämlich ein Fahrrad des Typs Clément Luxe 96, das ihn noch für einige Jahre als Markenzeichen seines Außen-seitertums durchs Leben begleiten sollte. Zudem gelang es ihm, Intendant Lugné-Poe sowie die Bühnenbildner Toulouse-Lautrec und Pierre Bonnard für sein grotesk-komisches Drama König Ubu zu erwärmen. Der Monarch wird hier als gefräßiges unschickliches Monster gegeben. Die Uraufführung am 10. Dezember 1896 brachte den Machern einen berühmten Theaterskandal ein, weil in dem Werk unter anderem ein paar Kraftausdrücke fallen. Jules Renard*, dem sicherlich niemand Sinn für Komik absprechen kann, notierte dazu in seinem Tagebuch, neben dem Titel, nur zwei Worte: »ein Kinderstück«.

Das von Jarry erregte Aufsehen verpuffte freilich rasch und führte nicht zu einem Sog, durch den sich weitere Werke aus seiner Feder an den Horizont der Zeitgeschichte hätten heften können, beispielsweise seine später hochgelobten, angeblich romanhaften Prosastücke Heldentaten und Ansichten des Doktor Faustroll. Er wurde zum schrulligem Clochard und starb am 1. November 1907, noch vor Renard, im Alter von 34 Jahren an einer tuberkulösen Hirnhautentzündung. Wenig früher, am 18. Januar 1906, hatte sich Schriftsteller- und Radfahrer-Kollege Renard in seinem Tagebuch kongenial über den Herabgesunkenen geäußert, wobei offen bleibt, ob Renard berichtet oder erfindet. Jarry halte sich stets in seinem Stall auf. Seien Schüsse zu hören, feuere Jarry mit seinem Revolver auf Kellerasseln und Spinnen. Die Spinnweben verschone er jedoch, als Zimmerschmuck. Sein Klo habe er in einem Erker oberhalb der Eingangstür eingerichtet. Sobald ein Besucher an der Kette der Türglocke ziehe, würden Spülkasten und Kloschüssel entleert. Auf diese Weise sei eine Kraft, die sonst verloren ginge, für hygienische Zwecke genutzt.

In Wahrheit soll Jarry, zumindest zuletzt, in einer Mansarde gehaust haben, in der vor lauter leeren Schnapsflaschen kein Durchkommen mehr war. »Die Antialkoholiker sind Kranke in den Klauen jenes Gifts, des Wassers, das derart ätzend und zersetzend ist, daß ein Tropfen genügt, um eine reine Flüssigkeit, wie den Absinth zum Beispiel, zu trüben.« Den von Renard ins Spiel gebrachten Revolver muß es immerhin gegeben haben, wurde er doch nach dem Ableben des Kammerjägers von Pablo Picasso erworben.

Hier liegt es, von meiner Warte aus, nahe, auf meinen kleinen (autobiografischen) Versuch über »Albernheit« hinzuweisen: A-26.

* Ideen, in Tinte getaucht / Aus dem Tagebuch von Jules Renard, Auswahl Liselotte Ronte, München 1986, S. 316 + 274



Javadi, Kiomars c.20 (1967–87), iranischer Bürger in Tübingen, »fahrlässigerweise« getötet. Wie gern sich die Neigung zur Gewalttätigkeit, die in uns allen schlummern dürfte, durch Eigentumsrecht und Fremdenhaß aufrütteln läßt, zeigt dieser Fall aus dem Schwabenland musterhaft. Seinem Freund Rahim Shirmahd zufolge* stammte Javadi, anscheinend ein zeitweise vollbärtiger, sonst schlanker Mann, aus einem Teheraner Vorort. Er war zuletzt in einem Fotolabor beschäftigt. Zur Flucht entschloß er sich, weil ihm Rekrutierung und Kriegstod drohten. Er kam als Asylsuchender in einer ehemaligen Tübinger Kaserne unter, das paßte ja. Seine zwei Jahre jüngere Ehefrau Marja folgte ihm erst später, weshalb er sein kärgliches »Taschengeld« hauptsächlich ins Telefonieren mit ihr steckte. Als sie eintraf, mußten die beiden sich zunächst ein Zimmer mit einem anderen Ehepaar teilen. Kaum war Kiomars tot, zauberten die lokalen Behörden eine Sozialwohnung für die Witwe hervor. Das ging nicht ohne Murren der Nachbarn und eingeworfene Fensterscheiben ab. »Wir wollen nicht, daß das hier zu einem Puff wird!« Nach Abschluß der Gerichtsverfahren soll Marja in den Iran zurückgekehrt sein. Ihr Trauma möchte man nicht haben.

Angeblich ging es um einen »versuchten Ladendiebstahl« in einem Tübinger Supermarkt. Nach Unvergessen wurde dieser Vorwurf freilich nach dem Vorfall vom Personal als Ausrede konstruiert – für die Polizei. Jedenfalls hatte es an der Kasse einen Streit gegeben. Als sich Javadi dem entziehen wollte, wurde er von dem bekanntem Kopfjäger Lehrling U., 18, und dem Filialleiter in einen Hinterraum geschleppt. Dort setzte es bereits Schläge mit einem Gummiknüppel. Nun ergriff Javadi in panischer Angst die Flucht, weil er sein Asylbegehren wanken und die persische Geheimpolizei grinsen sah. Er wurde jedoch im Hinterhof zu Fall gebracht und dann mißhandelt, dabei vor allem ausgiebig gewürgt, während man auf die Polizei wartete. Die kam nach 18 Minuten, und da war der angebliche Dieb bereits tot. Man legte der Leiche trotzdem vorsichtshalber Handschellen an.** Nach den meisten Quellen hatten die Schläger einen möglichen Tod ihres »Gefangenen« durchaus in Kauf genommen. Diese mindestens 15 Minuten währende Hinrichtung, wie man vielleicht sagen darf, war von mindestens 15 Unbeteiligten verfolgt worden, die ganz überwiegend weder einschritten noch später, wegen unterlassener Hilfeleistung, behelligt wurden.

Das Gericht und der Staatsanwalt sahen keine Ausländer-feindlichkeit und offenbar auch sonst keinen Haß im Spiel. Das Opfer habe leider durch sein Verhalten wesentlich zur Unglückstat beigetragen, und dem Lehrling U. müsse zugutegehalten werden, »ausschließlich im Interesse seines Arbeitgebers« (und nicht etwa der Fangprämien oder seiner Beförderung) gehandelt zu haben. Ja mehr noch, sie nahmen dem U. sogar die Beteuerung ab, er habe während des Knüppelns und Würgens (des bäuchlings am Boden zuckenden Opfers) unablässig »Angst« ausgestan-den.** Man bediente die beiden Angeklagten schließlich mit je anderthalb Jahren auf Bewährung. Ein Mord zum Supermarkt-Niedrigpreis.

* Webseite Unvergessen, o. J. (wohl 2017 oder später): http://unvergessen.blogsport.de/javadi-kiomars/
** Christian Gampert, »Der schnauft ja noch«, Zeit, 8. Juli 1988: https://www.zeit.de/1988/28/der-schnauft-ja-noch/komplettansicht




Jefferies, Richard 38 (1848–87). Falls Ihnen der Name dieses englischen Schriftstellers nichts sagt, was ich fast befürchte, kann ich Sie beruhigen: es gibt schlimmere Bildungslücken. Mir fiel er sogar in Gestalt einer etwas speckig glänzenden und bereits aus dem Leim gehenden Erstausgabe in der Originalsprache in die Hände, die mich vor allem dadurch bestach, daß ich bis dahin nicht wußte, was ein »poacher« ist. Von Nachschlagewerken her erwartet man in Jefferies 1879 in London* erschienenem Werk The Amateur Poacher eher einen Kranz aus Blumen, Tannenzapfen und Schmetterlingen, tatsächlich sind es jedoch Jagdgeschichten. Der Bauernsohn bezieht sie aus seiner Kindheit, die er im Hügelland bei Swindon in der Grafschaft Wiltshire, Südwestengland, verbrachte. Offenbar fand er als Halbwüchsiger kein größeres Vergnügen, als Kaninchen, Hasen, Forellen oder Barschen und zahlreichen Vögeln nachzustellen, etwa Fasanen, Rebhühnern, Tauben, Schnepfen. Allerdings mag, neben dem Jagdfieber, auch die Not im Spiele gewesen sein, war doch Jefferies Alter nur ein kleiner Farmer. Entsprechend führt der Autor allerlei absonderliche halb- oder ganzprofessionelle Wilderer (poacher) vor, was nicht völlig ohne Reiz ist. Dabei läßt er die durch Malthus oder Engels berühmte Soziale Frage weitgehend auf sich beruhen. Der Löwenanteil des Landes gehört eben den »Herren«, das war schon immer so. Sie machen auch die Politik. Soweit er nicht umhin kommt, Mitjäger, gipsys (»Zigeuner«) oder andere Mitmenschen zu erwähnen, verfängt sich Jefferies nie in der nächsten interessanten Frage, was sie ihm, außer Spießgesellen oder Konkurrenten, vielleicht noch bedeuten könnten. Für mein Empfinden bleiben seine eher holprig verfaßten Prosa-Oden auf »the morning on the hills, when hope is as wide as the world«, ziemlich hohle Gebilde. Kurz, weder als Natur- noch als Sozialphilosoph und schon gar nicht als Psychologe trifft der Autor auch nur einmal ins Schwarze. Von Thoreau ist er einen Atlantik entfernt – wahrscheinlich sogar von Gissing.

In seinem vier Jahre später veröffentlichtem schmalem Werk The Story of My Heart (Geschichte meines Herzens) bemüht sich Jefferies, jene Hohlheit mit dem bekanntem »kosmischen Bewußtsein« zu füllen, mit dem uns später noch, auf deutscher Seite, Leute wie Rudolf Steiner und Ernst Kreuder benebeln werden. Um das Maß voll zu machen, besitzt er auch noch die selbstironisch angestrichene Frechheit, das Werk im Untertitel als My Autobiography auszugeben. Über den Bauernbuben, Schuljungen, Dorfreporter und Londoner oder Swindoner Journalisten, der sich mit seinen ländlichen Skizzen nur mühsam über Wasser halten konnte, erfährt man in dieser inbrünstigen Offenbarung des Jefferies kein Komma. Stattdessen hören wir von seiner felsenfesten Überzeugung, die Weltgeschichte habe noch nicht ihr letztes Wort gesprochen, hinter den Phänomen steckten ungeahnte Möglichkeiten, das Entdecken habe gerade erst begonnen. Was wünscht er denn zu entdecken? Eben das »kosmische Bewußtsein«. Es soll ihm derart weit ums Herz werden, daß ihn keine Hautpore mehr an die Ernüchterungen oder gar Erniedrigungen erinnern kann, die jener Bauernbub und Schuljunge vermutlich zu erleiden hatte, wenn man den Andeutungen seines gleichfalls merkwürdigen Anwaltes Edward Thomas traut. Danach zog sich der wenig kräftige und wenig geliebte Knabe schon früh in das Schneckenhaus seiner vom Kuckucksruf und den Hummeln gewebten Träumereien zurück. Mit 20 wurde der Nachwuchs-Mystiker mit der Tochter eines benachbarten Bauern verlobt, die er mit 26 sogar geheiratet haben soll. Mehr ist dann von dieser Frau (Jessie Baden) nicht mehr zu erfahren. Der vollbärtige Gatte, laut Thomas ein angenehm schlichter, bescheidener Mitbürger, also immerhin kein alle Welt nervender Prediger, kränkelte und erlag mit 38 Jahren der übelsten Erscheinung seiner Zeit, der Tuberkulose. Zwei Jahre vorher, 1885, war sein drittes Kind an einer Gehirnhaut-entzündung gestorben. Dagegen soll die Mutter und Witwe noch über 70 geworden sein.

Mit welchen Geschmacksnerven Thomas der Prosa Jefferies, neben der unverzichtbaren Feierlichkeit, Schönheit und Glanz abgelesen hat, ist mir aufgrund meiner Einblicke völlig schleierhaft geblieben. Soweit ich sehe, liegt Jefferies auf deutsch lediglich mit einem Buch vor. Darin hat man die Geschichte meines Herzens mit dem Hauptteil seines sogenannten utopischen Romanes After London oder Der Rückfall in die Barbarei vereint.** Der zweite Text schildert ein nach großen, weiß der Teufel warum ausgebrochenen Feuersbrünsten verwildertes und gleichsam re-feudalisiertes England, von dem kein Mensch, geschweige denn ein Literaturfreund zu sagen wüßte, was es eigentlich soll. Für Jefferies ist es die Gelegenheit, einen selten fruchtlosen, abwegigen Sumpflandtext vor seiner kaum vorhandenen Leserschaft auszubreiten. Mit Geschichten, Handlungen, Konflikten im herkömmlichen Sinne hat Jefferies diesen Roman nicht im Ausmaß von auch nur einer Entenfeder befrachtet. Sollte es in London einen renommierten Literaturpreis für Langweile geben, hätte ihn Jefferies unbedingt verdient. Das würde sich doch prima mit der Bemerkung des Herausgebers Rathjen decken, Jefferies größte Bedeutung für die Literaturgeschichte liege womöglich gar nicht in seinen Schriften selbst, sondern in deren Wirkung auf den englischen Landschaftsschriftsteller, Literaturkritiker und Lyriker Edward Thomas.***

Wohlgemerkt: nicht in den Schriften selbst! Vielmehr werden literarische Werke, wie man aus Rathjens verräterischem Hinweis schließen darf, vor allem deshalb geschaffen, um eben in der Literaturgeschichte Bedeutung zu erringen oder um zumindest auf einen Literaturkritiker, Lyriker oder Herausgeber zu wirken.

* bei Smith, Elder, & Co., 15 Waterloo Place
** Herz & Barbarei. Mit einem Nachwort von Edward Thomas herausgegeben von Friedhelm Rathjen, Edition ReJoyce 2005
*** »Gefallen« 1917, mit 39 Jahren, gleich nach dem Übersetzen auf einem Schlachtfeld bei Arras, Nordfrankreich, wohl durch deutschen Brustschuß.




Jeglitza, Jürgen 32 (1942–75), DDR-Fußballtorwart aus Halle. Die Parallelen zum Fall Peter >Blüher sind zunächst verblüffend, dann nur noch ärgerlich. Jeglitza, ursprünglich Schlosser, kam nur ein Jahr nach Blüher um. Mit der Position (zwischen den Pfosten) teilten sie sogar das Sterbealter, 32. Auch Jeglitza hatte zeitweise in der Oberliga gespielt, zuletzt aber nur noch unterklassig bei Lokomotive Cottbus. Eben von diesem Club führt mein Lieblings-»Sporthistoriker« Hanns Leske* die offizielle Traueranzeige an. Danach war der Kamerad am 20. August 1975 »einem tragischem Unfall« zum Opfer gefallen. Wo und wie denn, bitte schön? Pustekuchen. Das interessiert Herrn Leske nicht. Der Verunfallte habe Ehefrau Gabriele und eine fünf Monate alte Tochter hinterlassen. Die Tochter bleibt namenlos. Einige Quellen nennen als Sterbeort immerhin Weißwasser, also eine nicht weit von Cottbus entfernte Stadt. Allerdings ziehe ich in beiden Städten mit etlichen Anfragen nur Nieten. Da knurre ich: Leckt mich am Arsch! Sollen sich andere die Hacken ablaufen, die wenigstens in der Gegend wohnen.

Wie schon hier und dort bemerkt, schlug die eisern hochnäsige DDR-Informationspolitik nicht nur im Bereich Sport durch. Der Schauspieler Wolfgang Penz (1950–79), vor allem fürs Fernsehen tätig, soll vier Jahre nach Jeglitza in Zeuthen (bei Berlin) »nach einem Unfall« gestorben sein, 29 Jahre alt. Vielleicht hatte er einen bitteren Lachanfall? In seinem Todesjahr trat er im DEFA-Kriminalfilm Für Mord kein Beweis in Erscheinung.

* Magneten für Lederbälle, 2014, S. 106/7



Jengibarow, Leonid Georgijewitsch 37 (1935–72). Ein Durstiger erblickt einen Krug mit Wasser. Allerdings steht der Krug auf einem hochgelegenem Sims: es kostet einige Mühe, an ihn heranzukommen. Mehrmals stürzt der Durstige sogar. Als er den Krug schließlich in Händen hält, malen sich auf seinem Gesicht die Vorfreuden der Labsal aus. Aber da taucht unvermutet ein kleines Mädchen auf, das sich den Krug inständig von ihm erbittet. Tatsächlich läßt sich der Mann erweichen, schließlich könnte das Mädchen noch durstiger sein als er. Das Mädchen nimmt den Krug, geht zu einer Sandkuhle und macht sich daran, den Sand mit Hilfe des ergatterten Wassers anzufeuchten, um schöne Kuchen daraus formen zu können. Der Mann hat es verblüfft verfolgt – und jetzt lächelt er.

Der Mann hieß Leonid Jengibarow, ein erfolgreicher, aber nicht altgewordener sowjetischer Clown. Man erzählt von ihm, er habe sich zeitlebens wie ein Kind nach Anerken-nung, ja Liebe verzehrt. Er wurde 37. Trotz eines vielköp-figen Publikums und zahlreicher Verehrerinnen soll ihm recht einsam zumute gewesen sein, und wahrscheinlich starb er im Sommer 1972 auch entsprechend. Während der 1960er Jahre hatte der Sohn einer russischen Schneiderin und eines armenischen Kochs bereits zur Creme der Clowns des gesamten »Ostblocks« gezählt. Ursprünglich leidenschaftlicher Boxer, hatte er zunächst die Moskauer Sporthochschule besucht, wechselte dann aber auf die Zirkusschule. Laut Natalia Rumjanzewa (Clown und Zeit, Ostberlin 1989) arbeitete er dort so ausgiebig in Fächern wie Jonglieren, Seiltanz und Akrobatik, daß ihn seine Lehrer schon als zukünftigen Parodierclown ansahen. Doch er wurde Pantomimeclown. Ab 1959 war er am Armenischen Staatszirkus engagiert. Fotografien zufolge ohnehin mit eher weichen Gesichtszügen ausgestattet, wandte sich Jengibarow auch in seinem neuem Fach von der Derbheit ab, indem er seinen vorwiegend stummen Nummern die entsprechenden poetischen und philosophischen Züge verlieh. In Schminke, Kostüm und Requisiten beschränkte er sich stark. Ein Halstuch zum geringelten T-Shirt und ein Koffer waren schon viel. Das verstörte damals viele Kollegen und Offizielle, aber das Publikum nahm den »Clown mit dem Herbst im Herzen« beeindruckt an. Offenbar war er insbesondere ein Liebling der Frauen. Jengibarow verdiente gut, war aber nicht fähig oder willens, sein Geld zusammenzuhalten. So überhäufte er etliche Frauen geradezu mit Blumen und anderen Geschenken. Heiraten tat er nicht. Auch durch Prosa-stücke, die er in Zeitschriften veröffentlichen konnte, soll er für sich eingenommen haben. Zudem führte sein Erfolg in der Arena zur Mitwirkung in zahlreichen Filmen. Schließlich hatte er sich vorher schon gern als »Fern-schüler Charlie Chaplins« bezeichnet.

Der Schnitt in seiner Karriere kam 1971. Nachdem sein Partner Belova aus mir unbekannten Gründen für alle Gastspielreisen gesperrt worden war, verließ Jengibarow den Staatszirkus und versuchte sich mit einem eigenem Pantomime-Theater, das er freilich nicht Theater nennen durfte. Möglicherweise gab es auch noch andere Schikanen. Auf diese Moskauer Bühne brachte der Anhänger des »Prager Frühlings« (wo er oft gastiert hatte) lediglich eine Inszenierung, genannt »Sternregen«. Im Sommer 1972 trat er ab. Rumjanzewa speist uns diesbezüglich mit der typisch realsozialistischen Verlautbarung ab, eines Tages sei Jengibarow nach einer Vorstellung nach Hause gekommen und gestorben. Verschiedene Wikipedias sprechen von einem Herzinfarkt oder Ähnlichem. Die russische Ausgabe führt sogar die (angebliche) Sterbeurkunde – und eine befangene Zeugin an: Jengibarows Mutter Antonina Andrianovna, bei der er anscheinend wohnte. Ein Argwohn Richtung Selbstmord dürfte gleichwohl nicht zu aberwitzig sein. Das wäre auch kaum das Dümmste gewesen, gibt es doch nichts Peinlicheres als einen alternden Clown, der als Parodist seiner eigenen, schon so lange bewährten Nummern aufzutreten scheint.



Jenke, Veronika 30 (1810–41), norddeutsche Opern-sängerin, zuletzt am Oldenburger Hoftheater, wo ihr frischer Gatte eine maßgebliche Rolle spielte. Wohl schon länger »schwach auf der Brust«, soll sie sich bei einem Gastspiel in Kopenhagen eine Lungenentzündung zugezogen haben, an der sie, in Oldenburg, mit knapp 31 Jahren starb. Die Dänen sind also schuld. Ehrlich gesagt, nehme ich Jenke nur um der »Quote« willen auf. Man oder Frau soll mir keine bedenkliche »Gender«-Schieflage vorwerfen können. Von Jenkes Persönlichkeit weiß ich so viel wie eine Dänische Dogge vom Klavierspielen. Nach dem zeitgenössischem Neuem Nekrolog der Deutschen des Verlegers Bernhard Friedrich Voigt, Weimar, stammte Jenke von Stettiner Bühnenkünstlern ab und erhielt in Greifswald allerlei Privatunterricht, natürlich auch am Piano. Bei >Grabbes Intimfeind Immermann in Düsseldorf sang oder schauspielerte sie später auch. Warum sie dann, 1838, ausgerechnet dem Komiker und späterem Oldenburger Theaterchef Karl Jenke das berüchtigte »Ja-Wort« gab, erklärt kein Voigt und niemand. Jedenfalls brachte sie in drei Jahren Ehe zwei Kinder zur Welt, Antonia und Emma, die selbstverständlich gleichfalls Bühnenkünstlerinnen – und dann Ehefrauen wurden. Nach dem Zeugnis des Kasseler Hofkapellmeisters Louis Spohr* hatte ihr Vater zumindest am dortigem Theater das Publikum oft zu Lachanfällen und Beyfallstürmen hingerissen. Aber was wäre geschehen, wenn seine Gattin nicht so früh ins Grab gesunken wäre? Er hätte ihr noch einmal zwei bis sieben KünstlerInnenkinder gemacht, und das sind die bedauerlichsten Geschöpfe auf Erden, wie ich bereits wiederholt angedeutet habe. Karl Jenke starb erst mit 77.

* http://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1834063015&suchbegriff



Jeske, Frank 34 (1960–94), zunächst DDR-Fußballer. Aus seinem frühzeitigem Ende wurde kein Staatsgeheim-nis gemacht – möglicherweise dank einer der wenigen Errungenschaften, die man der Einverleibung Ost-deutschlands um 1990 zugutehalten muß. In seiner Hochzeit erfolgreicher »Torjäger« des DDR-Oberligisten Stahl Brandenburg, war Jeske zuletzt bei Schwarz-Rot Neustadt/Dosse aktiv. Eben in dieser Gegend (nordwest-lich von Berlin) kam es am Samstag dem 27. August 1994 auf der Rückfahrt von einem Auswärtsspiel, das im Städtchen Velten stattgefunden hatte, zu einem folgen-schweren Autounfall. Laut Berichten der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ) aus den Unfalltagen flog ein mit drei schwarz-roten Ballkünstlern besetzter BMW 318 gegen 20 Uhr auf der Bundesstraße 102 zwischen Kampehl und Bückwitz aus einer Linkskurve, streifte Bäume, überschlug sich und blieb mit den Rädern nach oben auf einem Acker liegen. Fahrer R., 22, wurde schwer, Kamerad V., 30, nur leicht verletzt. Mannschaftskapitän Jeske war der einzige Tote, obwohl er hinten gesessen hatte. Der blonde gelernte Werkzeugmacher, 34 Jahre alt und zweifacher Vater, hatte neuerdings ein Baugeschäft betrieben. Das blieb nun der Witwe, Karin. Das Ergebnis der polizeilichen Ermittlungen ist mir nicht bekannt. Auch das Baugeschäft dürfte eine Errungenschaft der schon gestreiften »Wende« gewesen sein – wie auch R.s BMW



Jessenin, Sergei Alexandrowitsch 30 (1895–1925), russischer Lyriker. Der Titel seines ersten Gedichtbandes, veröffentlicht 1916, war wegweisend: Radunitsa, das bedeutet wohl ungefähr »Totensonntag« und bezeichnet einen Fest- und Gedenktag der osteuropäischen ortho-doxen Kirche um Ostern. Jessenin wuchs südöstlich von Moskau bei Rjasan auf. Wegen seiner bäuerlichen Herkunft gab er sich gern als Dorfpoet aus, trank entsprechend viel, randalierte öfter in Hotelzimmern und heiratete im Laufe eines nur 30jährigen Lebens viermal, wobei er es selten unter Isadora Duncan (berühmte Tänzerin, deutlich älter als er) oder Sofia Tolstaja tat (Enkelin von Leo Tolstoi). Nebenbei haßte er den gleichfalls bekannten, oft auch provokanten Versschmied der russischen Oktoberrevolution Wladimir Majakowski – der zur Strafe ein wohlwollendes und gutgelauntes Gedicht auf den Kollegen verfaßte, nachdem sich dieser am 28. Dezember 1925 in einem Zimmer des Hotels Angleterre in Leningrad die Pulsadern aufgeschnitten und anschließend an den Heizungsrohren der Zimmerdecke erhängt hatte.

Laut den Erinnerungen des Schriftstellers Ilja Ehrenburg war der blondgelockte »ruhmessüchtige« Bohemien, der sich nur halbherzig für den »Aufbau des Sozialismus in einem Lande« erwärmen konnte, mehr als einmal dem Wahnsinn nahe gewesen, sodaß es wenig verblüfft, wenn ihn die Tolstaja einmal in eine Moskauer psychiatrische Klinik einweisen ließ. Auch Victor Serge, ein angeblich »trotzkistisch« gestimmter Berufskollege Ehrenburgs, erwähnt ihn in seinen Erinnerungen.* Jessenin sei ihm schon unsympathisch gewesen, bevor er auf dem Kneipenpodium den Mund aufgemacht hätte – aber dann hätte ihn, wie jeden anderen, der Zauber in dieser ruinierten Säuferstimme ergriffen; der Zauber einer Poesie, die zutiefst aus dem Inneren des Menschen und des Zeitalters gesprochen habe. (S. 102) Was den unmittelbaren Auslöser von Jessenins plakativem Abgang betrifft, gibt es tausend fruchtlose Spekulationen. Als letzten Knalleffekt hatte er ein kurzes Abschiedsgedicht mit seinem eigenem Blut geschrieben. Darauf bezog sich Majakowski, indem er zunächst den offensichtlichen Mangel von Schreibzeug in den Hotels des revolutionären Rußland beklagte. »Gleich sind da Nachahmer, rufen: 'noch einmal!' / Kompanieweis suchen sie den Freitod. Ist das schön: / daß die Selbstmordziffer steigt? Sinnlose Zahl! / Besser wärs, die Produktion von Schreibzeug zu erhöhn!«

Was den wortmächtigen Hünen Wladimir Majakowski (1893–1930) selber angeht, verbat er sich in einem Abschiedsbrief die Erörterung seines »erledigten Falles«: »Gebt niemandem die Schuld, daß ich sterbe, und bitte kein Gerede.« Der 36jährige hatte sich im April 1930 in Moskau erschossen. Er war ohne Zweifel »der sowjetische Vorzeigedichter schlechthin« gewesen, wie zuweilen gespottet wird, weshalb er zum Beispiel auch in die USA reisen durfte. Gleichwohl hatte er sich zunehmend an autoritären Tendenzen im Sowjetstaat gestoßen. Serge behauptet: »Ich weiß, daß er den Abend zuvor damit verbracht hat, sich vor Freunden zu rechtfertigen, die ihm immer wieder sagten: 'Du bist fertig, du kannst nichts weiter mehr als Gedichte für die [staatstreuen] Zeitungen pissen …'« (299) Hinzu kam wahrscheinlich Gram in amourösen Belangen – wobei sich Majakowski, beispielsweise mit buckeligen Kollegen wie Lichtenberg oder Randolph >Bourne verglichen, vor ihn begehrenden Frauen kaum hatte retten können. Eben wie Jessenin. Aber bekanntlich sind die Glückspilze immer die unersättlichsten und undankbarsten Spießgesellen.

* Erinnerungen eines Revolutionärs, Paris 1951, hier deutsche Ausgabe Hamburg 1991



Johanna von Orléans um 20 (ca. 1411–31), auch Jeanne d'Arc, als Sendbotin des Himmels Feldherrin oder Truppenmascotte. Wer hätte noch nicht von ihr gehört? Berühmte Dramatiker mehrten ihren Ruhm, voran Shakespeare, dann Schiller, Shaw, Brecht ... Voltaire wagte es allerdings schon, die Heldin und Heilige seiner Nation zu verspotten. Da soll es die Tochter eines halbwegs wohlhabenden Bauern und Dorfbürgermeisters aus Lothringen, die weder des Lesens und Schreibens noch des Degens mächtig war, mit 17 zur Feldherrin ihres Königs gebracht haben, der sie noch nie angetastet hatte, denn bekanntlich endete sie als Jungfrau auf dem Scheiter-haufen? Ja, so war es. Gott hatte sie auserwählt, wie die »Stimmen« und Visionen bewiesen, die ihr erschienen waren. Gott konnte auf Johannas beachtlichen Fanatismus und den bekannten Wunderglauben des Volkes bauen. Während ihr Karl VII., der Thronfolger, Männerkleidung, einen noch unpatentierten Korkenzieher und Truppenbe-gleitung gestattete, machte Gott sie zur Erfinderin des »Vaterlandes« und Gegenspielerin einer hartgesottenen Altkönigin, nämlich Elisabeth aus dem Hause Wittelsbach, genannt Isabeau de Bavière, Gemahlin des streckenweise umnachteten, inzwischen verstorbenen Königs Karl VI. von Frankreich, die schamlos mit dem Feind (England) und dessen Vasallen (Burgunder) konspirierte.* So gelang es Johannas Truppen im Mai 1429, die Engländer aus der Gegend der bis dahin eingeschlossenen Stadt Orléans (an der Loire) zu verscheuchen.

Beim Marsch auf Paris scheitert sie allerdings und wird schon ein Jahr nach ihrer geschichtsträchtigen Großtat gefangen genommen. Offenbar hatte Gott umgesattelt. Die Engländer ziehen alles, was im französischen Klerus Rang und Namen hat, voran den Bischof von Beauvais und Rektor der Pariser Universität Pierre Cauchon, zu einer Art »Internationalem Gerichtshof« in Rouen zusammen und machen der ketzerischen Aufrührerin den Prozeß. Immerhin hatte sie auf dem Vorrang ihrer Gewissensent-scheidung, wie man heute sagen würde, den klerikalen Anmaßungen gegenüber bestanden. Karl VII. läßt sie im Stich.* Das Ergebnis ist bekannt: die ungefähr 20jährige wird am 30. Mai 1431 auf dem Marktplatz von Rouen verbrannt. Bei lebendigem Leibe. 25 Jahre später kam die Reue: König Karl, der gekrönte Sprößling jenes Geistesgestörten, läßt Johanna nun offiziell rehabilitieren. Und im 20. Jahrhundert wird sie gar von zwei Päpsten selig- und heiliggesprochen. Ob das auch eine Verfluchung ihrer Mörder einschloß?

* Barbara Sichtermann, »Das unglaubliche Mädchen«, Zeit, 5. Januar 2012: https://www.zeit.de/2012/02/Johanna-von-Orleans



Johnson, Ken »Snakehips« 26 (1914–41), schwarzer britischer Bandleader, gefallen im Dienst für die Kultur. Im Sommer 1940 hatte sich der Luftkrieg zwischen Deutschland und Großbritannien verschärft, wobei sich beide Seiten zumeist der Mühe enthoben, noch zwischen »militärischen« und »zivilen« Zielen zu unterscheiden. Allerdings hatte nicht Großbritannien den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen. Und jener Verschärfung vorausgegangen waren die netten Überraschungsangriffe der deutschen Luftwaffe auf verschiedene polnische Städte, darunter Warschau, sowie, am 14. Mai 1940, auf Rotterdam. Allein den dortigen Bomben und Bränden, vor allem in der Altstadt, fielen 800 Menschen zum Opfer; 80.000 wurden obdachlos. Den ersten Angriff auf London flogen die Deutschen dann im September des Jahres.

Ein halbes Jahr darauf, genauer am Samstag den 8. März 1941, hat die Jazz- und Swingband The West Indian Orchestra einen Abendauftritt in ihrem Londoner Stammclub Café de Paris. Die Band ist bereits durch einige Schallplatten bekannt; sie gilt zudem als erste britische Formation dieser Art, die von einem Schwarzen geleitet wird: Ken »Snakehips« Johnson. Der inzwischen 26jährige verdankt seinen Spitznamen »Schlangenhüfte« selbstver-ständlich seiner Art sich zu bewegen. Er studierte zwar ursprünglich Medizin, nahm dann aber Tanzunterricht beim US-Choreographen Buddy Bradley und hob bald darauf, Anfang 1937, jene Band aus der Taufe, die nun, wie zahlreiche andere Londoner EinwohnerInnen, von einem deutschem Luftangriff ereilt wird. Auf das Gebäude des Nachtclubs fallen zwei Bomben. Unter den 34 Todesopfern befinden sich auch Ken Johnson und weitere Bandmit-glieder. Hinzu kamen viele teils schwer Verletzte. Laut damaligem Bericht des Magazins Time, so eine reichbebilderte Webseite*, hatten die MusikerInnen gerade einen ihrer Hits gespielt, Oh Johnny. Man war den heulenden Luftalarm gewöhnt und ließ sich nicht unterbrechen, zumal der Club vermeintlich geschützt im Keller lag. Mindestens eine Bombe war jedoch durch einen Entlüftungsschacht genau aufs Clubparkett gefallen. Später berichtete Augenzeuge Ballard Berkeley, er habe den dunkelhäutigen Bandleader ohne Kopf gesehen, an den Tischen dagegen unversehrt und wie Statuen wirkende Tote, denen die gewaltige Explosion die Luft aus den Lungen gesogen hatte, zwischen ihnen Polizisten, Feuerwehrleute – und Plünderer, die versuchten, den gut betuchten Leichen die Ringe von den Fingern zu ziehen. Das Café de Paris wurde 1948 wiedereröffnet.

* Rob Baker, »The Cafe de Paris, the Trial of Elvira Barney and the death of Snakehips Johnson«, Another Nickel In The Machine, 29. September 2009: http://www.nickelinthemachine.com/2009/09/the-cafe-de-paris-the-trial-of-elvira-barney-and-the-death-of-snakehips-johnson/



Johnston, David A. 30 (1949–80), US-Naturwissen-schaftler. Wer wollte die Opfer von Vulkanausbrüchen zählen und würdigen? Allein der berühmte Ausbruch des Vesuvs bei Neapel am 24. August 79 n.Chr., der mehrere antike Städte verschüttete, darunter das bekannte Pompeji, kostete im ganzen um 5.000 Tote. Ich nenne nur noch den Ausbruch des Mont Pelée auf Martinique am 8. Mai 1902, wahrscheinlich der verlustreichste im 20. Jahrhundert, mit geschätzt 30.000 Toten. Laut Wikipedia führte er zu gründlichen Untersuchungen und Überwa-chungen, die den Beginn der modernen Vulkanologie bezeichnen. Die scheint auch nicht ganz ungefährlich zu sein. Die Todesrate unter Vulkanologen soll sogar die von Bombenentschärfern und Löwendompteuren übersteigen. Man wird vielleicht einwerfen: Ja sicher, die opfern sich, um zahlreiche Tote zukünftiger Vulkanausbrüche zu verhindern! Aber da bin ich, wie immer, skeptisch. Diese in die Krater Starrenden dürften von einer jeweils anders zusammengesetzten Wolke aus Gemeinnützigkeit, Wahrheitssuche, Abenteuerlust und Profilierungssucht getragen werden. Profitstreben lasse ich einmal weg: das können wir für die sogenannten Klimawissenschaftler und Epidemiologen beziehungsweise deren Sponsoren reservieren.

Den 30jährigen US-Vulkanologen David A. Johnston erwischte es nur zwei Jahre nach seiner Promotion. Er hatte »bis zuletzt« auf seinem Beobachtungs- und Meßposten in gut neun Kilometer Entfernung vom 2.500 Meter hohen Mount St. Helens im Süden des US-Bundesstaates Washington ausgeharrt. Am Morgen des 18. Mai 1980 »war es soweit«. Johnston setzte noch eine entsprechende Meldung an seine Kollegen ab; dann wurde er, sehr wahrscheinlich, von einer Art Sturmflut aus Asche, Lava und heißen Gasen geradezu weggeschwemmt. Seine Leiche wurde nie gefunden. Im ganzen forderte die Kastrophe, obwohl Evakuierungen angeordnet worden waren, 57 Menschen das Leben, dazu vielen Tausend Tieren. Die angerichtete Verwüstung betraf ein keilförmiges Gebiet von ungefähr 20 mal 30 Kilometern. Man hatte die voraussichtliche Stärke des Ausbruchs erheblich unterschätzt. Laut Spiegel Online (7. Oktober 2004) war die Energie von 500 Hiroshima-Atombomben freigesetzt worden.

Bei diesem Unglück an der nordamerikanischen Westküste hatte Johnstons junger Kollege Harry Glicken (1958–91) Glück. Allerdings hatte er auch Schuldgefühle, weil er kurz vorm Ausbruch den Platz mit Johnston getauscht hatte. Glickens Stunde kam am 3. Juni 1991, als er 33 war, in Japan – und leider nicht nur seine. Auf der dortigen Insel Kyushu brach der Vulkan Unzen aus und schickte einen »pyroklastischen« Strom aus, dem sage und schreibe 42 Wissenschaftler, Journalisten und Feuerwehrleute zum Opfer fielen. Sie hatten offensichtlich mit dem Feuer gespielt. Der fragliche, selbstverständlich ziemlich heiße Strom meint eine Lava, die hohen Gasanteil hat. Angeblich kann er bis 700 km/h erreichen; am Unzen soll er mit knapp 100 durch das Lager der BeobachterInnen geflossen sein. Jedenfalls war er schneller als sie.

Laut Martin Kunz* räumte Stanley Williams von der Arizona State University einmal ein: »Ich bin mir der Gefahr bewußt. Aber irgendwie wird man danach süchtig.« Von Hubertus Breuer, Spiegel 24/2001, ist zu erfahren, der bekannte Experte Maurice Krafft aus Frankreich habe davon geträumt, eines Tages in einem hitzefestem Kanu einen Lavastrom hinabzufahren. Krafft und Gattin kamen ebenfalls am Unzen um. Ohne Kanu.

Das »Spiel mit dem Feuer« dürfte tiefe Wurzeln und eine große Kragenweite haben. Soweit ich weiß, fürchten oder vermuten die meisten Paläontologen, vor der Ära des Faustkeils sei unser Primatengehirn geradezu explodiert. Na sehen Sie: das war der erste »anthropogene« Vulkan. Schaut man sich dann die auffällige Neigung der Mensch-heit zum Explosiven an, wundert einen gar nichts mehr. Ich nenne aufs Geratewohl Feuerbohrer, Flitzebogen, Schießpulver, Dampfmaschine, Benzinmotor, Kernspal-tung, Bevölkerungsexplosion, Klima-Klimax ... Man denke auch an den beliebten »Urknall« – einen Unfug, der sich in wenigen Jahrzehnten schon fast von einer Theorie in eine Tatsache verwandelt hat. Hier liegt es unsittlicherweise sehr nahe, einen Bogen vom erwähntem Primatengehirn zum Unterleib des Zweibeiners zu schlagen. Jeder zünftige Geschlechtsakt ist ein Vulkanausbruch. Die Frau stellt den Krater, der Mann die sogenannte Ejakulation.

Die verblüffende Hartnäckigkeit, mit der sich Geflohene nach wenigen Wochen oder Monaten zu ihrem Vulkan zurückbegeben, um sich erneut an dessen Fuß anzusiedeln, ist bekannt. Damit deutet sich das Bindeglied von all dem Verrückten an. Es ist der Stolz. Der Stolz des Menschen auf seine Einzigartigkeit duldet weder Niederlagen wie beispielsweise Flucht/Vertreibung, noch Impotenz. Offenbar ist er vom Wunsch des Überlebens, des Sichtfortpflanzens, des sogenannten Wachstums, des Siegens um jeden Preis heillos besessen. Die Welt mag ein Jammertal, ausgehungert, verseucht sein – der Mensch darf nicht untergehen. Wer da ausschert, macht sich unter 1.000 Mitmenschen 998 erbitterte Feinde, wie Heike Zuberdorf und Jonathan Blüth vor einigen Jahren (in meiner Erzählung »Folgen eines Skiunfalls«) erfahren mußten. Und warum die Besessenheit? Woran hängt nun das Bindeglied wiederum?

Ich nehme an, am Tod. Es ist die Angst vor der Vergäng-lichkeit, vor der drohenden Vernichtung. Oder sagen wir umfassender: es hängt an der Leere. Viele Menschen ahnen die quälende Sinnlosigkeit unseres Daseins – und dieses gähnende Schwarze Loch wird emsig mit Kindern zugestopft. Uns zu erhalten, die Gattung zu schützen, Kinder hochzuziehen und so den Wahnsinn zu stützen, das ist schließlich auch ein Sinn.

* »Amerikanische Wissenschaftler schicken ...«, Focus Online, 13. November 2013: https://www.focus.de/wissen/natur/vulkane-dante-auf-dem-weg-ins-inferno_aid_148547.html



Jones, Brian 27 (1942–69), britischer Rockmusiker. Der Mitgründer der Rolling Stones überlebte seine Abdankung bei der weltberühmten Band nur um wenige Wochen. Anfang Juni 1969 war es seinen Mitstreitern gelungen, sich »einvernehmlich« von dem blondem, hübschem, wenn auch zunehmend durch Drogen und Medikamente zerrüttetem Gitarristen zu trennen. Wie sich versteht, ließ er sich deftig »abfinden«. Doch schon nach der Nacht vom 2. auf den 3. Juli hatte Jones nichts mehr davon, weil er tot war. Er starb auf seiner Cotchford Farm in Hartfield, Sussex, die er erst im vorangegangenen Herbst erworben hatte. Hier lebte er mit seiner letzten Geliebten, der schwedischen Tänzerin Anna Wohlin. Nun hatten Jones und Wohlin Besuch vom Bauunternehmer Frank Thoro-good und einer Begleiterin (Janet Lawson) bekommen. Angeblich wollte man sich über noch ausstehende Zahlungen an Thorogood wegen verschiedener Umbauten auf der Farm verständigen. Zu später Stunde habe man sich im farmeigenen Pool erfrischt. Dabei sollen Jones und Thorogood für ungefähr eine Viertelstunde allein und unbeobachtet gewesen sein. Als der Bauunternehmer ins Haus kam, um sich eine Zigarette anzuzünden, habe Lawson den Gastgeber regungslos auf dem Grund seines Schwimmbeckens liegend erspäht. Als ein Arzt eintraf, konnte er nur noch den Tod des 27jährigen Rockstars feststellen. Nach offizieller Version, dem Bericht des Coroners folgend, war der bedröhnte, außerdem asthmakranke Jones unfallweise ertrunken. Andere Versionen nehmen einen Kampf zwischen Jones und Thorogood an, der von der Polizei vertuscht worden sei. Der Bauunternehmer erlag 1993 einem Krebsleiden. Der britische Musikjournalist Paul Trynka, der sich in einem neuem Stones-Buch mit dem Titel Sympathy For The Devil für den gefeuerten Brian Jones starkmacht, hält erstaunlicherweise nichts von der Mordtheorie.* Er glaubt an Unfall.

* »Ohne Jones keine Stones«, Deutschlandfunk, 24. Oktober 2015: http://www.deutschlandfunk.de/buch-ueber-die-rolling-stones-ohne-jones-keine-stones.807.de.html?dram:article_id=334922



Jones, Casey 37 (1863–1900), US-Lokomotivführer, Legende durch Opfertod im Dienst. Ich möchte die Selbstlosigkeit des vielbesungenen Mannes keineswegs anzweifeln. Als sein Personenzug am 29. April 1900 mit unverschuldeter Verspätung und daher mit Volldampf von Memphis, Tennessee, nach Canton, Mississippi, brauste, drohte im Städtchen Vaughan, mitten in der Nacht, unvermutet ein Riesenunfall, weil ein Güterzug auf dem Durchgangsgleis abgestellt worden war. Heizer Sim Webb erkannte es dank einer Kurve noch rechtzeitig und veranlaßte so seinen Chef, mit aller Macht das Tempo zu drosseln. Gleichwohl zeichnete sich ein Aufprall ab. Deshalb habe Jones geschrien: »Spring, Sim, spring!« Das tat er denn auch, als der Abstand nur noch 100 Meter betrug. Webb kam mit glimpflichen Verletzungen davon. Jones dagegen, der hartnäckige Bremser, zuletzt nur noch rund 55 km/h schnell, büßte sein Leben ein – als einziger von den Insassen des Personenzugs. Deshalb galt er hinfort als Retter und Held.

Etwas zwielichtig kommt mir jedoch die Rolle von Webb vor. Niemand scheint sich zu fragen, woher das Wissen um jene angebliche Aufforderung Jones' »auszusteigen« stammt. Meines Erachtens kommt nur der Kohlenschauf-ler als Quelle in Frage. Und ich wäre nicht verblüfft, wenn er die Aufforderung erfunden hätte, um im Vergleich zu dem zukünftigem Helden nicht etwa als Hasenfuß dazustehen. Der Chef hatte ihm einen Befehl erteilt, und den mußte er selbstverständlich befolgen ...

Über die Persönlichkeit des Befehlshabers ist leider, wieder einmal, so gut wie nichts zu erfahren. Er war eben selbstlos und mutig – man glaubt es eigentlich nur schwer. Täusche ich mich nicht, teilten Grateful Dead meine Skepsis bereits 1970 auf ihrem Album Workingman's Dead. Sie geben Casey Jones echt frech als einen Junkie, einen Typen auf »high speed«, der vor wie hinter sich nichts als »trouble« hat und vielleicht doch besser tot wäre. Der Rat wird befolgt – nicht nur von Casey, wie wir gleich noch an Mrs. Joplin sehen werden. Achten Sie bei der verlinkten*, acht Jahre jüngeren Version des »Casey Jones«-Songs der »Dankbaren Toten« auf den umwerfenden Sänger und Gitarristen, Jerry Garcia. Seine brüchige, oft verschwebende Stimme betört mindestens 3o Mal mehr als meine eigene, um nicht erneut auf Van Morrison herumzuhacken. Das Verschweben hatte Garcia auch in seinen Gitarrenriffs drauf – und im Leben. Er zerrüttete seine Gesundheit über Jahre hinweg zielstrebig, bis er, 1995, mit 53 Jahren starb.

Ich bin kein Experte für Rockmusik, habe jedoch den Eindruck, Garcias Band habe damals ein bis dahin unbekanntes Klangbild in sie eingeführt: wie hingetupft, gleichsam impressionistisch, von Schwermut und Klassenkampf gleichermaßen meilenweit entfernt. Würde mich jemand fragen, ob es ein Paradies gäbe, würde ich erwidern, es gibt die Musik von Grateful Dead.

* https://www.youtube.com/watch?v=CxCfnq7A56M (Winterland 1978)



Jonsson, Tor 34 (1916–51), halbwegs erfolgreicher norwegischer Schriftsteller, vor allem Lyrik, gleichwohl Selbstmord. Er stammte aus eher ärmlichen, beengten ländlichen Verhältnissen und hielt sich streckenweise auch selber als Gelegenheitsarbeiter in Landwirtschaft oder Gartenbau über Wasser, ehe er als Journalist Fuß fassen konnte. Antimilitaristisch und sozialistisch gestimmt, schrieb er zuletzt hauptsächlich für die Zeitungen Dagbladet und Arbeiderbladet. Laut Jan Olav Gatland* schlug er oft einen scharfen, witzig-bissigen Ton an. Nach einer Zeit in Oslo zog er sich wieder in seinen Geburtsort Lom zurück (weiter nördlich, bei Otta), wo er seine verwitwete und kranke Mutter betreute. Er veröffentlichte mehrere Gedichtbände, die ihm einen guten Ruf verschafften. Seine Finanznot war gebannt. Nach dem Tod seiner Mutter ging er (1950) erneut nach Oslo, wurde aber offensichtlich seines Lebens auch dort nicht mehr froh. Gatland behauptet, Jonsson habe vor allem an Liebesverlangen, dummerweise auch entsprechenden Versagensängsten (Frauen gegenüber) gelitten. In dieser Hinsicht sei das enge Zusammenleben mit der Mutter und einer Schwester wohl verhängnisvoll gewesen. Jonssons Werbung um eine Osloer Journalistin namens Ruth A. schlug fehl. So verfiel er zunehmend dem Alkohol und verschiedenen Tabletten und brachte sich schon bald nach seinem Umzug, im Januar 1951, mit 34 Jahren um.

Nach einigen Fotos war Jonsson, Träger einer runden Brille und einer sportlich zurückgekämmtem Frisur, beide dunkel, durchaus keine häßliche Erscheinung. Er wirkt recht knuffig. Als Lyriker soll er, bei festem Rhythmus und regelmäßigen Versen, kurze Zeilen und klare, wenn auch sparsam verwendete Bilder bevorzugt haben. Er habe einmal selbstkritisch bemerkt, seine Gedichte seien »gut mit dem Mund eines Engels gesprochen«, aber letztlich aus der Leere heraus. Ihm fehle die Fähigkeit zu lieben. Laut Gatland hatte er mehrere Freunde, hielt sie jedoch auf Distanz.

Ich habe nie verhehlt, mir aus Gedichten wenig, aus sogenannter Moderner Lyrik gar nichts zu machen. Schon die gängige, unausrottbare, abstufende Unterscheidung zwischen dem Dichter und dem Schriftsteller empfinde ich als gleichermaßen dumm wie beleidigend. Über dies alles habe ich einmal unter dem Motto »Den freien Versfüßen auf den Fersen« hoffentlich gründlich, vielleicht sogar unwiderlegbar nachgedacht, siehe A-27. Der Aufsatz steht sei rund 10 Jahren auf meiner Webseite, aber glauben Sie nicht, jemand hätte mir jemals die Ehre eines kritischen Kommentars beziehungsweise Leserbriefes erwiesen. Dieses Schicksal teilt der Aufsatz allerdings mit Dutzenden anderen sorgsam und dazu noch unterhaltsam formu-lierten Arbeiten aus meiner Feder, die zu einem gewissen Teil sogar in der Presse erschienen sind. Manchmal beschleicht mich der Verdacht, alle meine potentiellen KritikerInnen hießen durchgängig Sim Webb – sie kniffen den Schwanz oder die Schamlippen ein. Den verscheuche ich aber immer schnell, damit mir keiner Selbstüber-schätzung unter die Nase reiben kann.

* Jan Olav Gatland im Norsk biografisk leksikon, Stand 2009: https://nbl.snl.no/Tor_Jonsson



Joplin, Janis 27 (1943–70), US-Rocksängerin, Heroine. Wer hätte von dem wenig attraktivem, etwas pummeligem Teenager aus Texas geglaubt, er werde sich 1966, von San Francisco aus, gleichsam über Nacht zur Hippi-Ikone und zur angeblich größten weißen Bluessängerin aller Zeiten mausern? Joplins brave Mittelstandseltern bestimmt nicht. Die strichen nur gern die Tantiemen ein, nachdem die 27jährige 1970 schon wieder abgetreten war, endgültig. »Janis starb nicht an einer Überdosis Heroin. Sie starb an einer Überdosis Janis«, soll ihr Kollege Eric Burdon bemerkt haben. Die Eltern hatten Janis nur als aufmüpfig und eigensinnig, unsicher und geltungssüchtig gekannt. Nach den ersten Hits kauft sich die häufig betrunkene Beschwörerin von Liebe und Frieden einen raketen-schnellen Porsche, der sie freilich auch nicht stromlinienförmiger macht. Aus dem Abstand (des Alt-Hippis) heraus betrachtet, haben Joplins Auftritte etwas Peinliches. Sie wirken aufdringlich und unterwürfig zugleich. Eine Mischung aus Hure und Heilige, ohne daß sie für beide Rollen das Zeug gehabt hätte. Aber sie wurde angehimmelt. Vielleicht nahmen die Kids sie einfach als Inkarnation der wunderbaren Aussicht, man könne es auch mit fast nichts zu großer Aufmerksamkeit und großem Ansehen bringen. Fast nichts, außer der hysterischen Reibeisenstimme. Oder man könne es trotz der ungünstigen Mitgift, trotz breitem Gesicht, Akne, dürrer Brust und so weiter. Aber die Unsicherheit bleibt. Das Mißtrauen, die Schlabber-Kleidung würde durchschaut, die Blues-Röhre genüge den Ansprüchen nicht, man heuchele die Bewunderung nur. Das Mißtrauen höhlt aus, und ins Loch wird Alkohol geschüttet oder Heroin gepumpt. Es konnte nie zweifelsfrei festgestellt werden, ob ihr die Dealer die Überdosis nicht doch von sich oder Dritten aus unterjubelten, aber Joplins Gemütszustand und dazu die Tatsache, daß sie vier Tage vor ihrem Tod ihr Testament unterzeichnete, legen die Diagnose »Selbstmord« nahe.

Wahrscheinlich sind die geltungssüchtigen Bühnen-abstürzlerInnen der Rock- und Punk-Ära kaum zählbar. Eine Heraushebung verdient vielleicht noch US-Protestsänger Phil Ochs (1940–76), ein wichtiger Vietnamkriegsgegner und Allendeanhänger. Allerdings hatte der Arztsohn neben einer hübschen klangvollen Stimme einen Zurück-zu-John-Wayne-Knopf im Kopf. In seinen letzten Jahren verfiel er zielsicher dem Alkohol und, wahrscheinlich in der Nachfolge seines kranken Vaters, der Geistestrübung und erhängte sich mit 35 im Haus seiner Schwester in New York City. In seinen Anfängen war er mit Bob Dylan befreundet gewesen. Der hat sich bislang, soweit ich weiß, noch nicht erhängt, obwohl er neuerdings sogar zu den Literaturnobelpreisträgern zählt.



József, Attila 32 (1905–37), jüngstes Kind einer Waschfrau und eines Seifensieders in Budapest. Heute wird der hagere Ungar zu den bedeutensten Lyrikern seines Landes gezählt. Linke haben ihn zum »ungarischem Majakowski« erklärt. Er wurde inzwischen auch wiederholt übersetzt – vergleicht man diese Arbeiten, glaubt man, vor fünf oder sieben ungarischen Majakowskis zu stehen. Jener Seifensieder, der Vater, tauchte ab, als der Knirps drei war. Gleichwohl konnte er später mit Hilfe eines Schwagers Abitur machen und studieren. Um 1930 war József vorübergehend Mitglied der illegalen Kommunistischen Partei. Der Lehrerberuf wurde ihm verwehrt. 1935 übernahm er die Leitung der kleinen Literaturzeitschrift Szép szó (Schönes Wort). Es heißt, er habe oft gehungert und gefroren. Außerdem litt er schon seit einiger Zeit an schweren Depressionen oder »Schizophrenie«. Liebeskummer und Gram über die geringe Beachtung, die seine meist liedhafte Lyrik fand, kamen hinzu. Nach Petri Liukkonen schrieb er meist bildhaft, nie schwammig. Neben Marx schätzte József die Schriften von Freud, doch in eigener Sache schlugen Bemühungen von Psychotherapeuten fehl. 1936 erschien sein Gedichtband Nagyon fáj (Es tut weh). Im Sommer 1937 brachte man ihn erneut in eine Nervenheilanstalt. Im Dezember stürzte sich der 32jährige ausgezehrte, ursprünglich hübsche Lyriker im Dorf Balatonszárszó am Plattensee, wo er im Haus einer Schwester untergekom-men war, vor einen Güterzug – falls es kein Unfall war. Ebendort bekam er 1998 ein weiteres, diesmal ausgespro-chen ausgefallenes Denkmal.* Budapest wimmelt von Attila-József-Straßen. Das dortige Denkmal (unweit des Parlamentsgebäudes) zeigt den »Dichter« niederge-schlagen auf Treppenstufen sitzend, mit Hut in der hängenden Linken. Wie man hört, wird es neuerdings verstärkt von rechts her angepinkelt.

* https://en.wikipedia.org/wiki/File:Attila_J%C3%B3zsef_memorial_Balatonsz%C3%A1rsz%C3%B3-1.jpg



Juanita um 14 († ungefähr 1450), peruanische Götter-speise. Der US-Anthropologe Johan Reinhard und sein Begleiter Miguel Zárate fanden sie 1995 am peruanischem Anden-Gipfel Ampato (6.300 Meter) unterhalb des Kraterrandes – als eingefrorene Mumie. Nachdem die »Jungfrau aus dem Eis« andernorts aufgetaut worden war, ergaben die wissenschaftlichen Untersuchungen: Das ungefähr 14 Jahre alte und 1,40 Meter große Inkamädchen starb um 1450 durch einen Schädelbruch, für den ein Schlag gegen ihre rechte Schläfe verantwortlich war. Sechs bis acht Stunden vor ihrem Ende hatte »Juanita«, wie sie nun auch genannt wurde, Gemüse verzehrt. Vermutlich waren ihr zudem – vorm Erschlagen – Drogen verabreicht worden. Da die Inkas den Berg Ampato oder die dort erreichbaren Götter (Sonne!) als Wasser-, Nahrungs- und Lebensspender verehrten, lag die Annahme nahe, Juanita sei damals geopfert worden. Die große Höhe des Fundorts, Grabbeigaben wie silberne Broschen, eine federverzierte Tasche mit Kokablättern und kostbare Textilien wie auch etliche vergleichbare Leichenfunde* unterstrichen diese Deutung.

Solche Opferungen, die nebenbei ertaunliche Bergsteige-künste der betreffenden Opfer, Führer und Priester bekunden (bis 6.000 Meter in Sandalen oder barfuß), waren damals anscheinend von Zeit zu Zeit üblich. Sie sollten den Göttern Dank bezeugen und sie gnädig stimmen. Wahrscheinlich dienten sie auch der Zusammenschweißung, somit der Beherrschung des Volks. Und sie zählten zu den höchsten Ehren, die einem Inkakind, ob Mädchen oder Junge, zuteil werden konnten. Angeblich nahm man nur die schönsten dafür, aus den unterschiedlichsten Winkeln des Reiches beschafft, wie inzwischen verschiedene ForscherInnen herausgefunden haben wollen.* Die Kandidaten wurden vor dem Opfergang langwierig geläutert oder gleichsam veredelt, durch gute Ernährung, vor allem Mais und Lamafleisch, und rituelle Handlungen. Möglicherweise hatte auch »Juanita« lange vorm Erklimmen des erloschenen Vulkans um den Zweck der Reise gewußt – und sie entweder stolz und freudig erregt, oder aber, durch reichlich Koka und Alkohol gefügig gemacht, wie im Trane angetreten. Entbehrungsreich war die Sache allemal. Allein der Anmarsch von der Hauptstadt Cuzco (3.400 Meter), wo die Auserwählten sehr wahrscheinlich in gesonderten Tempeln auf ihre Mission vorbereitet worden waren, betrug rund 200 Kilometer. Die Inkas ritten bekanntlich nicht. Vielleicht könnte man die nächsten traumatisierten und maskierten, dem Impfpapst Gates geweihten Kinder einfach mit dem Hubschrauber über den Krater bringen und dann die Bodenluke öffnen. Mit schönem Gruß von Jonathan Swift.

* Pia Heinemann, »Inka betäubten Kinderopfer mit Koka und Alkohol«, Welt, 29. Juli 2013: https://www.welt.de/wissenschaft/article118501928/Inka-betaeubten-Kinderopfer-mit-Koka-und-Alkohol.html



Juel-Przybyszewska, Dagny 33 (1867–1901). Wie es aussieht, wurde die norwegische Arzttochter, Pianistin, Schriftstellerin und Muse nicht der Sonne, vielmehr den Herren der Schöpfung geopfert. Ihren Ruf als Femme fatale hatte sie sich während der 1890er Jahre unter skandinavischen Studenten Berlins erarbeitet. Zu ihren Geliebten zählten auch der Maler Edvard Munch und der Dramatiker August Strindberg. 1893 wurde sie jedoch die Ehefrau des polnischen Schriftstellers und Schluckspechts Stanislaw Przybyszewski, dem sie, bis 1897, zwei Kinder gebar. Ein Jahr darauf zog das Ehepaar nach Krakau, obwohl sich beide Beteiligten längst mit Seitensprüngen überboten. Hier kam nun ein erst 22jähriger feuriger Student ins Spiel, Władysław Emeryk, wohl Sprößling eines Zechenbarons und angehender »Dichter«. Nachdem sich das Ehepaar 1901 voneinander getrennt hatte, unternahm Juel-Przybyszewska mit ihrem jungem Geliebten eine Reise nach Tiflis in Georgien. Sie stiegen im Grand Hotel ab. Ob zu recht oder nicht, wurde Emeryk an einem Junitag von Eifersucht übermannt, schlich sich kurz nach Mitternacht ins Zimmer seiner knapp 34 Jahre alten angeblichen »Schwester«, die bereits schlief, und schoß sie in den Hinterkopf. Gleich anschließend steckte er sich die Pistole in den eigenen Mund. Der Doppelmord erregte wahrscheinlich ungleich mehr Aufsehen, als es bis dahin Juel-Przybyszewskas Dramen und Erzählungen getan hatten. Ihr Gatte soll die Nachricht von ihrem Tod nur mit einem Achselzucken kommentiert haben.* Es gibt freilich auch Stimmen, die aufgrund mancher Anhaltspunkte, darunter der »Freitod« seiner früheren Geliebten Martha Foerder, von einer Verstrickung Stanislaw Przybyszewskis in Dagnys Ermordung munkeln. Angeblich war er streckenweise »Satanist« und bis zu seinem Lebensende alkoholabhängig. Was die Verstorbene einst an ihm betört hatte, ist vielen bis heute ein Rätsel. Er starb mit 59.

Gut 30 Jahre später, am 29. August 1933, schritt der knapp 28jährige estnische Schriftsteller August Kirsimägi daran, den Vorfall aus Tiflis in Tallinn zu überbieten. Er hatte 1929 Aufsehen mit seinem Roman Puhastustuli (Fegefeuer) um einen draufgängerischen Korpsstudenten aus Tartu/Dorpat erregt. Als die Eifersucht nun ihn übermannte, verbrannte er das Manuskript seines neuen Romans, packte seinen Revolver ein und fuhr nach Tallinn, um sowohl auf seine Geliebte wie auf seinen Nebenbuhler zu feuern, die er wohl beide »nur« verwundete. Dann erschoß er sich selbst.

* Bożydar Brakoniecki, »Spis nieszczęśliwych miłości pięknej Dagny Juel Przybyszewskiej«, Polska Times, 31. Dezember 2013: https://polskatimes.pl/spis-nieszczesliwych-milosci-pieknej-dagny-juel-przybyszewskiej/ar/1077842



Julan, Nathaël 23 (1996–2020), Berufsfußballer in Frankreich. Er stand zuletzt bei einem Zweitligisten aus der Bretagne unter Vertrag. Ebendort war er am 3. Januar 2020 mit seinem Schützenpanzer Audi Q5 auf der Departementstraße 786 in Richtung Saint-Brieuc unterwegs – laut Presseberichten erfreulicherweise solo, selbst die Kurve, aus der er flog, war frei. Er landete mit dem Dach zuerst unter Pappeln. Damit hatte der baumlange, nebenbei dunkelhäutige Stürmer (1,96) das letzte Training seines Lebens hinter sich, denn von diesem soll er am Unfall-Freitag gekommen sein. Hätte es damals schon die Massentests gegeben, hätten die Behörden versichern können, er sei, wenn auch symptomfrei, mit Corona gestorben. So aber starb er mit Auto.



Juliane (Stifter) 18 (1841–59). Der österreichische Maler und Schriftsteller Adalbert Stifter, geboren 1805, war auf beiden Gebieten vornehmlich Landschafter. Dabei zog er dem Ungewöhnlichem oder auch nur Lautstarkem erklärtermaßen das Unscheinbare vor. Wäre er damals nicht erst 12 gewesen, hätte er den Tod seines Vaters Johann trotzdem nicht gemalt. Der böhmische Leinweber und Flachshändler geriet am 30. November 1817 bei Windstille unfallweise auf einer Schotterstraße bei Wels in Oberösterreich unter sein mit Flachs beladenes Pferde-fuhrwerk, sodaß er erschlagen wurde oder erstickte. Der Wagen war umgekippt. Warum, ob zum Beispiel die Pferde scheuten, etwa wegen Eisglätte oder Schneeballbeschuß, ist bei den spärlichen zeitgenössischen Angaben nicht mehr zu klären. Das war also schon einmal ein schlechter Start für den Knaben Adalbert. Immerhin durfte er sich bilden und eine Hochschule besuchen. Später, als Gatte der Amalia Mohaupt, einer recht verwöhnten Offiziers-tochter und Modistin, hätte Stifter selber gerne Kinder gehabt. Als dies aus mir unbekannten Gründen nicht klappt, nimmt das Ehepaar eine angeblich halb verwilderte, sechs Jahre alte Nichte Amalias auf. Soweit ich weiß, war ihre Mutter gestorben.

Leider macht Juliane ihren Zieheltern nichts als Sorgen, so jedenfalls das gängige Bild. Verstreute Andeutungen legen allerdings den Verdacht nahe, das Pflegekind aus Budapest sei in erster Linie ein preiswertes Dienstmädchen gewesen. Was Wunder, wenn Juliane mehrmals ausreißt. Die Stifters wohnen in Linz an der Donau, wo der Alte zu allem Unglück (Julianes) auch noch Schulrat ist. Von Julianes Begabungen und Wünschen erfährt man nichts. Wahrscheinlich wurde sie von der Stiefmutter auch wiederholt geschlagen. 1859, inzwischen 18, ist die Herumtreiberin schon vier Wochen überfällig. Dann wird sie tot am Donauufer gefunden, wohl ertrunken. Nach etlichen Quellen ist der traurige Vorfall ungeklärt, wobei zumeist ein Selbstmord angenommen wird. Stifter hatte diese Vermutung sogar selber, wie Thomas Ettl in einer ausführlichen Betrachtung* belegt, die der eine anregend klug, der andere gewohnt spitzfindig und abenteuerlich nennen wird. Möglicherweise traf Stifter, der ja auch Pädagoge war, keine Schuld am Tod der Ziehtochter. Dafür dürfte ihn gleichwohl Schuldgefühl gewürgt haben, hatte er seine »blühende Rose« Juliane doch ohne Zweifel zumindest mit den Augen verschlungen, die ihn in Julianes Todesjahr mit hartnäckiger Entzündung zu quälen begannen, und ganz gewiß stieg die Angst um seinen guten, biedermeierlichen Ruf in seinem zusehends umfangreicherem Leib auf. Mir persönlich sind Stifters Prosaerzeugnisse entschieden zu langweilig, aber auf dem Gebiet der Eß- und Trinkkultur war er anscheinend ausgesprochen stark.

Jedenfalls möchte man fast darauf wetten, der Vorfall mit seiner »Zigeunerin«, der ja auch in Stifters erzählende Prosa einging, habe bis zu seinem eigenem Selbstmord nachgewirkt. Als sich zu seiner zermürbten Leber noch ein Grippevirus gesellte, hielt es der 62jährige nicht mehr aus und brachte sich am 26. Januar 1868 auf dem Kranken-lager mit einem Rasiermesser eine Wunde an der Halsschlagader bei. Er starb zwei Tage darauf, ohne noch einmal zu Bewußtsein zu kommen. Der witzig benamte Hausarzt des Säufers, Carl Essenwein, schrieb »Zehrfieber infolge chronischer Leberatrophie« in den Totenschein, wofür er wahrscheinlich** zwei Gründe hatte: Erstens wäre Stifters Tod vermutlich auch ohne den nicht gerade mörderischen Schnitt in Kürze eingetreten; zweitens bestand in Linz die ungeschriebene Übereinkunft, Selbstmorde prominenter und katholischer Mitbürger sowieso nach Kräften zu vertuschen.

* »Die Juliana und der Stifter-Bertl«, Juni 2014: http://docplayer.org/51632112-Thomas-ettl-die-juliana-und-der-stifter-bertl-adalbert-stifter-als-heilpaedagoge-und-tigerartiger-ziehvater-mit-spinnwebe-auf-dem-kopf.html. Irre ich nicht, ist Ettl als Psychoanalytiker und Autor in Frankfurt/Main tätig.
** Elisabeth Buxbaum (Hrsg): Adalbert Stifter: Wien und die Wiener in Bildern aus dem Leben (1844), Wien 2005, Kommentar S. 346–49




Junek, Čeněk 34 (1894–1928), Bankier und Autorenn-fahrer, vor allem jedoch der (zeitlich) erste Nürburgring-tote! Nach den verbreiteten Schätzungen fielen auf der bei Bonn gelegenen sagenumwobenen Rennstrecke Nürburgring bis heute, in gut 90 Jahren, ungefähr 400 Tote an, ZuschauerInnen eingeschlossen, die Verletzten aber nicht. Damit zu Junek. Dieser Pionier schädigte keine Zuschauer, dafür durch seinen Fortgang die Weltwirt-schaft, war er doch, außer Geschwindigkeitssüchtiger und Schloßbesitzer (in Humburky, Ostböhmen), Direktor der Prager Creditbank gewesen. Der 34jährige Autonarr* verunglückte Mitte Juli tödlich, als sein Bugatti 35 B kurz vorm sogenannten »Bergwerk« in einer Rechtskurve des damals noch jungfräulichen und 28 Kilometer langen Schmucks der Eifel, dem Ring also, von der Bahn abkam und gegen eine Mauer prallte. Sein Heimatland widmete ihm eine Grundschule und ein Oldtimer-Rennen.

Der gelernte Zweiradmechaniker Emilio Materassi (1894–1928) aus dem Raum Florenz biß im selben Jahr mit 33 Jahren in Monza (bei Mailand) ins Gras. Er war nur kurzzeitig Werksfahrer bei Bugatti gewesen, denn Anfang 1928 stellte er seinen Rennstall auf eigenhändig frisierte Wagen der Marke Talbot um. So bewehrt, baute er schon im Spätsommer beim Großen Preis von Italien den bis dahin fettesten Unfall in der Geschichte des Automobil-rennsports, als sein Talbot Darracq 700 in Runde 17 auf der Start-Ziel-Geraden, mit ungefähr 200 Sachen, ausgerechnet den Bugatti Giulio Forestis stupste und dadurch in mächtigem Satz, über Schutzgräben und Zäune hinweg, in die Tribüne sprang. Je nach Quelle, nahm Materassi 21 bis 27 ZuschauerInnen mit in den Sarg. Foresti hatte Glück; er starb erst 1965 mit knapp 80. Man verwechsele übrigens den Florentiner Materassi nicht mit dem Firmengründer Alfieri Maserati** aus Bologna. Die beiden Geschwindigkeitssüchtigen kannten sich aber immerhin.

* https://cs.wikipedia.org/wiki/%C4%8Cen%C4%9Bk_Junek#/media/Soubor:%C4%8Cen%C4%9Bk_Junek,_v%C3%Adt%C4%9Bz%C3%AD_na_Bugatti_v_z%C3%A1vod%C4%9B_na_Strahov_(1926).jpg
** https://www.auto-motor-und-sport.de/neuheiten/maserati-mc20-2020/




Jurayeva, Yelena 36 (1977–2013), kasachstanische Jazzmusikerin aus der dortigen Großstadt Almaty, seit 1998 in Frankfurt/Main, mit 36 »plötzliches Herzver-sagen«. Sie spielte hauptsächlich (Piano) in Lindy Huppertsbergs Trio WitchCraft, brachte auch zwei Solo-Alben heraus und unterrichtete an der Musikschule Oberursel. Schulleiter Holger Pusinelli versichert im Internet, sie sei rundum beliebt gewesen, verrät aber keinen Mucks zu ihrem »unerwarteten« Ableben. Aus Kollegenkreisen ist zu hören, das entspreche dem ausdrücklichem Wunsch der Familie, wohl Vater und Sohn, die gleichfalls in Südhessen lebt. Dieser Wunsch kann uns inzwischen nicht mehr verblüffen, wenn auch nach wie vor ins Kopfschütteln bringen. In einem Konzertmitschnitt von 2009 (aus Mainz) sagt Bassistin Huppertsberg, zum Piano gewandt, etwas von russisch-asiatischer Schwermut / Melancholie / Tragik. Zu Jurayevas Lieblingskomponisten zählte Tschaikowsky. Wir sehen eine eher kleine Frau mit kastanienbraunem, kräftigem Haar, möglicherweise blauen Augen. Sie wirkt sicherlich nicht windschnittig. Sie hat auch keine idealen, langfingrigen Klavierhände, aber ohne Zweifel beträchtliches Feuer. Zuweilen krümmt sie sich allerdings bedenklich auf die Tasten; man könnte glauben, sie wünsche sich in ihrem Flügel zu verkriechen. Wieder an der Suchmaschine, gelingt es mir sogar, einen telefonischen Kontakt mit dem Bruder herzustellen. Er soll Schlagzeug spielen. Zwar fordert er mich freundlich zu einer Email auf, doch er läßt sie unbeantwortet. Er schweigt so eisern wie seine Hi-Hat*, wenn er das Licht ausgemacht hat und einen Trinken geht.

* Die Becken-Maschine mit dem Fußpedal



Fortsetzung Ka—Ki
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