Dienstag, 12. Oktober 2021
A-23→Anarchismus
2014

Selbstverständlich ist auch das anarchistische Lager zwar kein großes, aber ein weites, zersplittertes, überdies zerstrittenes Feld. Gleichwohl läßt es sich um einige Grundsätze konzentrieren, wie ich doch hoffe. So will ich kühn mit der Feststellung beginnen, der Anarchist wolle den mündigen, vielseitig gebildeten, gleichberechtigten, ungeknechteten Menschen. Deshalb verabscheut er Politik. Er will, daß sich die Menschen selbst regieren, wie sie es schließlich über weite Strecken der Menschheitsgeschichte bereits getan haben. Politik ist Stellvertretung und bringt früher oder später immer Herrschaft und Ungerechtigkeit mit sich. Das schließt unweigerlich ein, daß der Anarchist auch keinen Staat und keine Bürokratie will. Kürzlich las ich von Fabrikanten, die sich vor ungefähr 150 Jahren mit Begeisterung auf die Herstellung von Marmelade warfen, um so den Bürger- und Proletarierfrauen, die ja häufig ohnehin an Freizeitmangel litten, das Beerenpflücken und Einkochen zu ersparen. Man glaube aber nicht, es sei so einfach. Die Konkurrenz häkselt Äste in die Marmelade, womit sie bei Hunderten von Kunden und Kundinnen, darunter leider auch Arbeiterinnen der eigenen Branche, Bauchgrimmen und Todesfälle hervorruft. Wer soll dann die Marmelade noch verfüllen? Und kaufen? Deshalb muß der Staat eine KonfV erlassen, eine Verordnung über Konfitüren und einige ähnliche Erzeugnisse, die er natürlich alle paar Jahre, spätestens nach Neuwahlen, zu verbessern und im übrigen tagtäglich zu überwachen hat – ihre Einhaltung in den Fabriken und Läden, meine ich. Aus dieser KonfV geht zum Beispiel hervor, wenn Sie 1.000 Gramm »Konfitüre extra« aus Kaschuäpfeln herstellen, müssen Sie mindestens 250 Gramm Pülpe oder Fruchtmark verwenden, bei Passionsfrüchten dagegen nur 80 Gramm. Andererseits dürfen Sie Hasenködel oder Reißzwecken noch nicht einmal in Hagebutten-»Konfitüre extra« streuen. Und so weiter.

Da die Möglichkeiten der Fahrlässigkeit und des Betruges in einer modern industrialisierten und globalisierten Nahrungsmittelproduktion riesig sind, nehmen die erforderlichen Verordnungen notwendig das Ausmaß der Regenwälder an, die ihr weichen mußten, und die Legionen der ÜberwacherInnen allein der »Konfitüre-extra«-Produktion könnte man wahrscheinlich kaum ins jeweilige örtliche Fußballstadion pferchen, weshalb es so viele Sportarten gibt. Die erholungsbedürftigen Bürokraten verteilen sich auch auf Rennbahnen und Golfplätze, die sich ja ebenfalls rentieren wollen. Im Ernst gesprochen, dürfte die sündhaft kostspielige Bürokratie des Kapitalis-mus ungeheuerlich sein. 1955 bescheinigte Erich Kuby Adenauers Privatbundeshauptstädtchen Bonn, es berge »unüberschaubar gewordene Heere« von Staatsbedien-steten. Das ist knapp 60 Jahre her. Im heutigem Berlin fällt das Phänomen vielleicht keinem auf, weil sich die Staatsbediensteten mit ähnlich vielen, genauso gut und bequem gekleideten Touristen und Terroristen mischen.

Kommen noch viele Köter hinzu. So will ich mir zu diesem Gesichtspunkt der ausufernden Bürokratie noch den Hinweis auf einen jüngsten Leckerbissen erlauben. Nach Jerusalem führt jetzt auch Neapel aus ästhetischen und hygienischen Gründen (Kinder!) in ausgewählten Stadtteilen DNA-Pflichttests für Hunde ein. »Mit Hilfe der durch die Tests aufgebauten Hunde-Gendatenbank«, erläuterte die Presse Ende Januar, »soll ein neuer Kontrolldienst des städtischen Veterinäramtes die überall herumliegenden Kothaufen ihren Verursachern und damit den jeweiligen zweibeinigen Verantwortlichen zuordnen.« Man gedenke von jedem gestelltem Verantwortlichen pro Hundehaufen 154,90 Euro einzuziehen. Das ist happig, trotzdem glaube ich nicht, daß es alle durch die Reform neugeschaffenen Kosten auch nur zu einem Drittel deckt.

Das Schlimmste, das uns der bürgerliche Staat mit all seinen Gesetzen und Verordnungen zumutet, sind freilich nicht die materiellen, vielmehr die moralischen Kosten. Auf diesen Umstand habe ich bereits in einigen Rechts-fällen hingewiesen, Stichwort Buchstabengläubigkeit. »Das Gesetz« ist ein Plattmacher obersten Ranges, weil es stets auf alle oder jedenfalls viele Köpfe passen soll und die Menschheit für die Qualität des Einzelfalles taub und gefühllos macht. Darin weiß es sich mit dem führendem politökonomischem Plattmacher der Moderne einig, dem Tauschwert, und entsprechend brachten es beide zum selben Heiligenschein. Wie sich versteht, ist diese sakral angestrichene Holzhammermethode für den Anarchisten unannehmbar. Von seinem natürlichen Riecher für Gut und Böse geleitet, betrachtet und beurteilt er immer nur leibhaftige Menschen und konkrete Situationen, und siehe da, wenn A. und B. dem Anschein nach dasselbe tun, ist es in Wahrheit häufig keineswegs dasselbe. Das räumt in manchen Fällen sogar der Staat ein. Er nimmt es dem Bundeswehrsoldaten übel, wenn er nicht nur den Feind seines Vaterlandes, sondern überdies die eigene Schwiegermutter erschießt. Ansonsten hat ein jeder auch die zivilen Befehle=Vorschriften blind zu befolgen. 1962 zu Besuch im ehemaligem KZ Dachau, zeigt sich Erich Kuby erschrocken davon, daß in den dortigen Baracken Leute wohnen. Nur nicht direkt im Krematorium. Tja, es gab eben noch Wohnungsnot – dafür keinen Paragraphen, der das Wohnen in ehemaligen KZ-Baracken (oder in ausgedienten Krematorien) untersagte. Kuby erinnerte sich an einen zugeflüchteten Maurer, der sich in einer bayerischen Kleinstadt ein Häuschen errichtet hatte, ehe er die amtliche Genehmigung dafür besaß. Das Haus wurde abgerissen. »Er hätte ins Dachauer Lager ziehen sollen – hier darf er wohnen. Das stört niemand.«

Sprechen wir von Pauschallösungen, sind Großstädte nicht fern. München hat bald anderthalb, die Metropolregion Neapel drei bis vier Millionen EinwohnerInnen. Ich lenke darauf, weil meine Aufzäumung des Themas »Anarchis-mus« den Gedanken unterstreicht, unabdingbare Vorausetzung herrschaftsfreier und gerechter Verhältnisse seien überschaubare Verhältnisse. Das wiederum bedeudet zweierlei: die Verhältnisse müssen zugleich einfach und klein sein. Ein Riesenschiff wie die Titanic, für über 2.000 Fahrgäste gebaut, läßt sich, bei diesen Ausmaßen und dieser Technik, unmöglich »basisdemokratisch« betreiben. Deshalb wies es allein eine knapp 900köpfige Besatzung auf, vom Hilfsheizer bis zum Kapitän. Erst recht wird das nicht mit Europa gelingen. Kommunisten werden vermutlich widersprechen. Zumindest vor 1990 scheinen die Dinge weltweit einfach und wohlgeordnet genug gelegen zu haben, um sogar einem schlichtem Gemüt wie Boris Jefimow das Mitkommen zu ermöglichen. Der Karikaturist habe der Politik zu dienen, zitiert ihn Laura Weißmüller in ihrem Nachruf für die SZ. Folglich hatte der SU-Staats-Karikaturist, der erst kürzlich, am 1. Oktober 2010, im Alter von 108 Jahren in Moskau das Zeitliche segnete, den Kampf gegen den internationalen Trotzkis-mus und später den »Kalten Krieg« über Jahrzehnte hinweg mit Zeichnungen befeuert, die in den Druckereien von Iswestija, Prawda und so weiter gar nicht mehr kli-schiert werden mußten. Als er bereits die 100 überschrit-ten hatte, soll er geseufzt haben: »Obwohl ich so viele Epochen, Kriege, Revolutionen und Gegenrevolutionen gesehen habe, reicht meine Lebenserfahrung nicht aus, um das heutige Durcheinander zu verstehen.«

Wer wirklich anarchistische Verhältnisse herbeiführen möchte, wo auch immer, sollte sich also beizeiten überlegen, was er beispielsweise mit der sogenannten Deutschen Bank anstellt. Der Tageszeitung Die Welt vom 25. Juli 2013 zufolge gilt sie gegenwärtig, nach der Bilanzsumme, als drittgrößtes Finanzinstitut dieses Planeten. Selbstverständlich ist sie seit langem »global« tätig. Ihr Hauptgeschäft, den Betrug, betrieb sie bereits mit ihrer Gründung, 1870, indem sie just unter jenem Namen erschien, der Staats- oder gar Volkseigentum vorspiegelt. Nach dem Zweitem Weltkrieg empfahlen die US-Militär-behörden aufgrund einer Untersuchung der Schwerver-brechen dieses Privatunternehmens dem Nürnberger Tribunal, es zu liquidieren, die Verantwortlichen als KriegsverbrecherInnen vor Gericht zu stellen und sämtliche übrigen leitenden MitarbeiterInnen von Führungspositionen in der demokratischen Marktwirt-schaft auszusperren. Das führte lediglich zu einer vorübergehenden, auch schon wieder vorgetäuschten »Entflechtung« der Bank. Näheres läßt sich, bei Bedarf, unter anderem Büchern von Eberhard Czichon (Die Bank und die Macht, 1995) und Hermannus Pfeiffer entnehmen. Eine Freundin schreibt mir soeben, neulich sei im Kino ein ziemlich guter Dokumentarfilm über einen ausgestiegenen Investmentbanker gelaufen, Master of the Universe. Der Mann habe gesagt, die Bilanzen der Deutschen Bank verstehe niemand mehr. Das heißt, eine Wirtschaftsprü-fungsgesellschaft verstehe schon, was da warum stünde, aber eben kein einzelner Mensch mehr. »Wir befinden uns also grundsätzlich im Modus des Blindflugs«, schließt die Freundin, die selber ein kleines Unternehmen leitet.

Ich fürchte, sie hat recht. Im Dschungel der bestehenden Welt haben lediglich Schlauberger und Verschlagene gute Chancen. Und natürlich Gewalttätige aller Art. Zu sämtlichen Sorten zählen, neben den Bankern, auch die Kommunisten, und zwar keineswegs nur solche, die die russischstämmige US-Bürgerin Emma Goldman um 1920 in der Sowjetunion von einer Bestürzung in die andere fallen ließen. Ich füge hier ein vergleichsweise bedeutungsloses, gleichwohl unvergeßliches Erlebnis aus meiner letzten Kommune hinzu. Dort war einmal ein Mann um 30 zu Gast, der sehr stolz auf seine KPD-Großmutter war und bereits nach Kräften in ihre Fußstapfen trat, also jeden Kommunarden, der ihm außerhalb des Plenums in die Arme lief, eifrig agitierte. Da er aber immerhin den Plenumsfrieden und die ungeschriebene Hausordnung achtete und eigentlich ein netter Mensch war, der über Charme, einen Schatz von Anekdoten und sogar literarisches Talent verfügte, war mir seine Gesellschaft gar nicht so unlieb. Allerdings warf er mir immer hartnäckiger meinen »Individualismus« vor. Das sei eine echte Krankheit. »Na gut«, räumte ich lächelnd ein, »aber meine Mitkommunarden erdulden sie.« Nein, das müsse kuriert werden. Dabei lächelte er ebenfalls – wie gesagt, er war ein charmanter Kerl und hatte sich irgendwie auch für mich erwärmt. Doch dann schien mir, sein selbstironisches Lächeln gehe kaum merklich in ein diabolisches über, bei dem mir recht mulmig zumute wurde. Ich hatte nämlich nachgehakt: »Wenn ich aber nicht kuriert werden will ..?« – »In unserer Kommune, lieber Henner, als mein proletarischer Kampfgenosse, müßtest du wollen«, sagte er mir mit diesem Lächeln geradewegs in die Augen.

Selbstverständlich stellen auch Drohungen bereits Gewalt dar. Die Anarchisten streben aber bekanntlich friedliche Verhältnisse an. Daraus folgt eine Forderung, die ich andernorts schon öfter angeführt habe: Übereinstimmung von Denken und Handeln und damit auch von Ziel und Weg. Das heißt, die Mittel müssen von der Art der Zwecke sein oder dürfen ihnen jedenfalls nicht Hohn sprechen. Bin ich auf den freimütigen und aufrichtigen Menschen aus, kann ich ihn nicht mit den Mitteln jener Fallenstellerei und jenes Verrats zu erreichen suchen, die wir aus vielen hundert Jahren politischer Kämpfe bis zum Überdruß kennen. Von den sogenannten Grünen, die noch vor kurzem von der erwähnten Freundin gewählt worden sind, kennen wir sie auch. Diese taktischen Mittel würden uns nicht zum freimütigen und aufrichtigen Menschen führen, vielmehr zu jenen Bananenlutschern und Wendehälsen, die sich von Kohl und Vogel um 1990 aus den ostdeutschen Blaufichtenhainen locken ließen.

In diesem Lichte habe ich, um noch einmal auf die Deutsche Bank zurückzukommen, an der nachfolgend geschilderten Kampftaktik aus dem Saal eines bekannten Rathauses nichts auszusetzen. Im Dezember 2013 wurde im Frankfurter Römer eine Gedenktafel zum Auschwitz-prozeß eingeweiht. Nach diesem Akt schritt die Stadtverordnete Jutta Ditfurth von der ÖkoLinX-Antirassistischen Liste im Römer zu einer im selben Saal angebrachten Tafel mit den Namen Frankfurter EhrenbürgerInnen und überklebte den Namen des früheren Chefs der Deutschen Bank Hermann Josef Abs, gestorben 1994 mit 92 Jahren, mit einem Papierstreifen, auf dem zu lesen war: »Abs war Chefbankier der Nazis und mitverantwortlich für Krieg, KZ, Massenmord, Raub und Versklavung. Max Horkheimer und Fritz Bauer sollen durch die Nähe zu seinem Namen nicht beleidigt werden.« Wie sich versteht, erntete sie seitens aller anwesenden staatstreuen PolitikerInnen wütende Proteste. Ein Hausmeister entfernte den Klebestreifen. Ditfurth kündigte die Wiederholung ihres offiziellen Antrages im Stadtparlament an, Abs die Ehrenbürgerwürde wieder abzuerkennen. Vermutlich wird er scheitern wie der erste.
°
°