Dienstag, 12. Oktober 2021
LdF Folge Hi—Hund

Hidersha, Elsina »Emmy« 21 (1989–2011), albanische U-Sängerin, Gewaltopfer. Während Heyers Mörder erklärter Verehrer Hitlers gewesen sein soll, hatte der 47jährige kosovarische Geschäftsmann Haziz K. mög-licherweise mit Politik gar nichts am Hut. Aber auch er hatte ein Auto. Er nahm es eines nachts, um Sternchen Hidersha, seine Ex-Geliebte, an dem Nachtclub in Tirana abzupassen, wo sie diesmal aufgetreten war. Er folgte ihr, obwohl er ziemlich betrunken gewesen sein soll, und überfuhr sie. Nach zwei Tagen (am 28. Februar) erlag die knapp 22jährige ihren schweren Verletzungen. K. wurde anscheinend gestellt und vor Gericht gebracht. Verstehe ich die albanischen Quellen richtig, kamen die Rechtsprecher(Innen?) zu der Auffassung, er habe nicht vorsätzlich, vielmehr »nur« fahrlässig gehandelt. Er bekam ein Jahr und vier Monate Gefängnis und wurde gleich wieder freigelassen.



Hieß, Franz c.34 (1641–75), Wiener Steinmetz. Nach dem erfreulich gründlichem Eintrag der deutschen Wikipedia brachte es Hieß in seinem vergleichsweise kurzem Leben zu einem Haus, zwei Gattinnen und dem Rang eines (Wiener?) Unterzechmeisters. Das wichtigste Werkzeug beim Herausmeißeln seiner Laufbahn stellte offenkundig die Verheiratung mit einer vermutlich nicht mehr blutjungen Witwe dar. Betrüblicherweise war nämlich Hieß' Meister Hans Khain gestorben – Hieß angelte sich prompt dessen Gattin Katharina und gab dafür ein Meisterstück ab, das auch angenommen wurde, beides im Jahr 1665. Damit war er selber Meister geworden. Aber schon ein Jahr darauf machte Katharina ihr Testament und folgte ihrem Hans ins Grab. Darauf verheiratete sich Hieß mit einer gewissen Helene. Für sie, wie man durchaus sagen kann, erwarb er 1671 das erwähnte Haus in der Krugerstraße. Hieß zog noch ein paar Lehrlinge hoch und zeugte möglicherweise auch noch ein paar Kinder. 1675 sah er sich freilich genötigt, ebenfalls ein Testament aufzusetzen. In der Sterbeurkunde vom Ende des Jahres heißt es, Meister Hieß sei in seinem stattlichem Haus »an der hectica verstorben, 34 Jahre alt«. So lautete damals der Name für Auszehrung / Schwind-sucht / Tuberkulose beziehungsweise für das damit oft verbundene hartnäckige, die Wangen rötende Fieber, belehren mich verschiedene Webseiten. Mit der uns bekannten Hektik hatte die Hectica eher selten zu tun – während man heute durchaus auch durch jene zu seiner vorzeitigen Letzten Ruhe kommen kann.



Higgins, Richard W. 34 (1922–57), US-Jäger-Pilot, Retter in Fürstenfeldbruck. Der dreifache Familienvater hatte am Vormittag des 5. Aprils 1957 über der bayerischen Stadt einen Triebwerkschaden an seinem Jagdflugzeug. EinwohnerInnen sahen die Maschine mit Rauchfahne im Schlepp in anfänglich nur 300 Meter Höhe über die Dächer preschen, während sie weiter an Höhe verlor.* Statt gemäß der Anweisungen vom Kontrollturm des nahen Luftwaffenstützpunktes sofort »auszusteigen« (Schleudersitz), bugsierte Higgins sie aber noch über freies Feld, um ein Inferno in der Stadt zu vermeiden. Dort zerschellte er mit ihr. Seine offensichtliche, mit eigenem Kopf oder Herzen gefällte befehlswidrige und uneigennützige Entscheidung hatte er ohne Zweifel in Sekundenschnelle treffen müssen. 10 Tage später beschloß der Stadtrat, Higgins durch Benennung einer Straße zu ehren. Zum Beschluß, den Fliegerhorst zu schließen, wo die Freunde aus den USA unter anderem westdeutsche Kampfpiloten zur Abwehr der bolschewistischen Gefahr ausbildeten, konnte man sich leider nicht durchringen.

Der Nachname dieses aus Massachusetts stammenden »Helden von Fürstenfeldbruck« weckt meine Erinnerung an einen fesselnden, erstmals 1975 erschienenen und alsbald verfilmten Roman des Briten Jack Higgins: Der Adler ist gelandet. Dieser »Bestseller« dreht sich um den tollkühnen Versuch einer deutschen Fallschirmjäger-gruppe, Winston Churchill (1943) bei einem Truppen-besuch aus der Höhle des englischen Löwen zu entführen. Der Coup unter Oberstleutnant Kurt Steiner mißlingt wahrscheinlich nur, weil die erfolgreich eingedrungenen Soldaten Sturm und Brandt bei einer dem Dorf vorgespielten Übung der Royal Army zwei vom morschem Steg gefallene Kinder aus dem reißendem Mühlbach retten, indem sie sie ans Ufer werfen. Sturm wird dabei im Mühlrad zermalmt. Brandt kann seine Leiche bergen, macht aber den Fehler, bei ihrer Untersuchung einen Teil von Sturms Zweit-Uniform zu enthüllen – es ist die von der deutschen Wehrmacht. Das bekommen die dankbaren Dörfler entsetzt mit. Gleichwohl ist Steiner später auch noch so großherzig, sie alle, die Geiseln waren oder sein könnten, aus der Dorfkirche abziehen zu lassen, wo sich das aufgeflogene Kommando verschanzt hat. Er und seine Leute seien nicht die Hunnen, als die man die Deutschen beschimpfe.

Das ist genau Higgins' Programm. Er nimmt die übliche Verherrlichung von Gewalt, Krieg und Heldentum unter dem Deckmantel des fairen oder ehrenvollen Kampfes, der unbedingten Kameradschaft und eines stillen oder schnoddrigen »Antifaschismus« vor, der die »Männer« selbstverständlich nicht daran hindern kann, ihre gottverdammte Pflicht zu tun, also sich fleißig und durchaus brutal fürs sogenannte Vaterland zu schlagen. Für dieses Programm setzt Higgins leider seine große dramaturgische und stilistische Begabung ein. Da er natürlich auch gebildet ist, garniert er es mit skeptischen Äußerungen seiner Helden – nicht etwa über den politökonomischen oder sozialpsychologischen Sinn des Blutbades, sondern über den Sinn des Daseins schlechthin. Eine billige Melancholie: sie kostet nichts, man muß sein Leben nicht ändern.

* Michael Volpert, »Vor 50 Jahren starb Richard Higgins bei einem Flugzeugabsturz«, Webseite Fürstenfeldbruck, April 2007: https://archive.is/20120801063239/http://www.fuerstenfeldbruck.de/ffb/web.nsf/id/li_blat7stc67.html



Hill, Joe 36 (1879–1915). Der Justizmord an dem 36jährigem US-Wanderarbeiter, Gewerkschafter und Liedermacher schwedischer Herkunft steht der bereits weiter oben gestreiften Haymarket-Affäre nicht viel nach, es gab nur weniger Tote. Man schob dem staatlicherseits unbeliebtem Mann, der mit seinen Instrumenten und seinen witzigen Agitprop-Songs in den USA von Küste zu Küste zog, einen im Winter 1913/14 in Salt Lake City, Utah, verübten Mord an dem ihm völlig unbekanntem Lebensmittelhändler und Ex-Polizisten John Morisson und dessen Sohn Arling in die Schuhe. Offenbar war der Kramladen von zwei mit roten Halstüchern maskierten bewaffneten Männern überfallen worden. Dabei zog sich auch ein Angreifer eine Schußwunde zu. Gestohlen wurde nichts. Auch sonst war ein Motiv nicht ersichtlich, jedenfalls was Hill angeht. Aber er hatte, bei einer lokalen Silber- oder Kupfermine eingestellt, wieder einmal agitiert, zeigte eine Schußwunde, zu der er weitgehend schwieg, und besaß ein rotes Halstuch. Wie es aussieht, hatte er sich just in der Mordwoche mit einem Nebenbuhler oder Ehemann wegen einer »Weibergeschichte« angelegt, die er ungern ausbreiten wollte. Nach den meisten Quellen verschwieg er deshalb auch den Namen des Rivalen.* Die Polizei ließ andere Verdächtige fallen und spitzte sich bei ihren »Ermittlungen« nur noch auf Hill. Das Gericht trumpfte dann beispielsweise mit einem Brief des Polizeichefs von San Pedro in Kalifornien auf: »Mir gelangte zur Kenntnis, daß Sie einen Joseph Hillstrom wegen Mordes verhaftet haben. Sie haben den richtigen Mann. Er ist gewiß ein unerwünschter Bürger.«**

Es gab weltweite Proteste. Selbst der schwedische Konsul und US-Präsident Woodrow Wilson setzten sich für ein Wiederaufnahmeverfahren ein. Der Oberste Gerichtshof von Utah verweigerte es jedoch. Gnade lehnte Hill ab. Er wollte Gerechtigkeit. So wurde er im November 1915 im Hof des Gefängnisses von Salt Lake City erschossen. Beim Begräbnis waren mindestens 30.000 Leute auf den Beinen. Das Schicksal des singenden Tramps ging seinerseits in zahlreiche Songs jüngerer Kollegen ein. Besonders populär wurde der Titel von Alfred Hayes und Earl Robinson I Dreamed I Saw Joe Hill Last Night, weil ihn Joan Baez 1969 in Woodstock vortrug.

* Rod Owens, »Don't mourn … Organize!«, sopos 12/2015: https://www.sopos.org/aufsaetze/56841c2fd2089/1.phtml.html
** Airen, »Barde des Klassenkampfs«, Spiegel, 4. September 2015: https://www.spiegel.de/geschichte/joe-hill-wanderarbeiter-saenger-und-gewerkschafts-ikone-a-1050210.html




Hill, Ross 16 (1973–90), Schauspieler und Student, ein Adoptivsohn des berüchtigten, aus Italien stammenden US-Kino-Draufgängers Terence Hill. Im Januar auf dem Rückweg von der elterlichen Ranch in sein Bostoner College soll er in Stockbridge, Massachusetts, bei Eisglätte ins Schleudern und an einem Baum zu Tode gekommen sein. Eine Meldung von La Repubblica (13. Februar 1990) nennt Hill trotz seiner Jugend als Fahrer. Dummerweise erwischte es auch Hills gleichaltrigen Schulkameraden und Beifahrer, wohl Kevin Lehmann mit Namen. Das Mindest-alter für die Erteilung einer vollgültigen »Fahrerlaubnis« ist in den US-Bundesstaaten unterschiedlich festgelegt. In 15 Staaten steht es auf 16 bis 16 ½. Schießen darf man schon als Säugling.



Hilliger II, Oswald c.28 (1518–46), Geschütz- und Glockengießer aus einer bekannten Freiberger Sippe, zuletzt in Stettin ansässig, da von Pommerns Herzog Philipp I. angeheuert, jedoch schon kurz darauf, wohl mit 28, ebendort gestorben – fragen Sie mich nicht, warum. In Deutschland weiß es keiner. Die Stadt Stettin verwies mich immerhin ans Historische Institut der dortigen Universi-tät, aber das stimmte dann ins eigentlich begrüßenswerte Schweigen von Hilligers Geschützen, vielleicht auch schon Glocken ein.

Was soll man dazu noch sagen? Da sowohl Kirchenglocken wie Feld- oder Bordgeschütze schon genug Unheil angerichtet haben, soll man ersatzweise die Produktion von Sicherheitsnadeln preisen. Für Heinrich Böll war die Sicherheitsnadel wichtig genug, um sie (1957) bereits auf der ersten Seite seines Irischen Tagebuchs vorzustellen. Das irische Volk, dem Armut weder als Schande noch Ehre gelte, habe dieser Nachfolgerin der alten keltisch-germa-nischen Fibel offensichtlich zu der ihr gebührenden Beliebtheit verholfen: »... wo der Knopf wie ein Punkt gewirkt hatte, vom Schneider gesetzt, war sie wie ein Komma eingehängt worden; als Zeichen der Improvisation förderte sie den Faltenwurf, wo der Knopf diesen verhin-dert hatte. Auch als Aufhänger für Preisschildchen, als Hosenträgerverlängerung, als Manschettenknopf-Ersatz sah ich sie, schließlich als Waffe, mit der ein kleiner Junge durch den Hosenboden eines Mannes stach …« Später weist Böll zudem auf die vielgenutzte Möglichkeit hin, etliche Sicherheitsnadeln, die in einer weiteren Sicherheitsnadel schaukeln, als Reserve mit sich zu führen, etwa unter dem Mantelkragen versteckt.

Ich selbst fahre im Hochsommer nie ohne Sicherheitsnadel Rad. Wegen der Hitze auf ein Hemd verzichtend, lege ich mir lediglich ein Handtuch um die Schultern, was den Sinn hat, dieselben vor Sonnenbrand zu schützen. Da mir das Handtuch jedoch aufgrund des Fahrtwindes wegflöge, pflege ichs unterm Kinn mit Hilfe der Sicherheitsnadel zu verriegeln. Der Mensch hat unzählige Arten des Riegels erfunden, aber die Sicherheitsnadel dürfte unser Riegel mit dem größten Anwendungsbereich sein. Ich sah sparsame oder faule Frauen, die ihre Fenstergardinen daran aufhingen, und im Umkleideraum eines Hallen-bades, es war im Winter, ertappte ich einmal einen älteren Mitbürger, der den ausgeleierten Gummizug seiner langen Unterhose gestrafft hatte, indem er ihn an zwei Stellen gefaltet hatte. An diesen Stellen staken zwei Sicherheits-nadeln in dem Gummizug.

Die noch heute gebräuchliche Form der Sicherheitsnadel wurde von dem US-Mechaniker Walter Hunt erfunden, Patenterteilung 1849. Allerdings hatte man schon seit der Bronzezeit Kleidungsstücke oder -teile durch Fibeln zusammengehalten, wie ja Böll bereits angedeutet hat. Ihr Name geht auf lateinisch fibula = Spange, Klammer zurück. Diese vielgestaltigen »Gewandschließen« wurden oft, wie Broschen, als Schmuckstücke gearbeitet. Sie gingen den Riegeln namens »Knöpfen« voraus. Sinnt man darüber nach, ergibt sich bereits allein bei Kleidungs-verschlüssen eine erstaunliche Vielfalt. Ich nenne aus dem Stegreif Schnürsenkel und andere Bänder, Druck- oder Manschettenknopf, Reißverschluß, Miederhaken, Klettverschluß. Doch nichts von diesen Kurzwaren erreicht die Breite des Einsatzfeldes einer Sicherheitsnadel auch nur annähernd, um nicht zu sagen, -nähend. Unsere Mütter schlossen dereinst unsere Windeln mit ihr, und hatten wir alle Kinderkrankheiten glücklich überlebt, um ins Schlachtfeld ziehen zu dürfen, legten uns die Schwestern in den Lazarettzelten die Verbände ebenfalls mit Hilfe der Sicherheitsnadel an, falls wir noch nicht gleich »gefallen« waren. Heute wird die Aufrechterhaltung des weltweiten kriegerischen Geschehens durch die regelmäßige Abhaltung von Sicherheitskonferenzen sichergestellt – und woran schaukeln die Namensschilder oder Ausweishalter ihrer TeilnehmerInnen? Richtig.



Hinz, Erdmann-Michael 17 (1933–50), angehender ostdeutscher Bildhauer. Der fromme und künstlerisch begabte Pfarrersohn wurde im September 1950 mit 17 Jahren abberufen, obwohl er eigentlich erst noch einige Werke zu schaffen gedachte. Dem Bielefelder Pfarrer Lars Prüßner zufolge*, der dieser Angelegenheit manches Gute abzugewinnen weiß, war Hinz mit dem Fahrrad in oder bei Halberstadt, wo er im Elternhaus lebte und in einer Dach-kammer modellierte, auf dem Weg zu einem befreundeten Pastor, als er unter die Räder eines »rücksichtslos fahrenden« Lastwagens kam. Ich nehme an, Prüßner stützt sich auf die Erzählung des Vaters, der man glauben oder nicht glauben kann. Vater Paulus Hinz und der Fotograf Walter Mahlke sorgten 1951 für ein Buch über die Plastiken oder Entwürfe des »Frühvollendeten«, das 1967 (in der Ostberliner, später Leipziger Evangelischen Verlagsanstalt) bereits in 14. Auflage erschien. Titel des Knüllers: Bettler und Lobsänger. Man muß nur die richtigen Lobbyisten haben.

* »Vom Leben aus dem Tod«, Predigt vom 15. März 2015: https://larspruessner.wordpress.com/2015/03/22/vom-leben-aus-dem-tod/



Hłasko, Marek 35 (1934–69), polnischer Schriftsteller. Sein Schicksal (Selbstmord) ist eng mit dem eines Landsmanns verknüpft, dem Arzt und Jazzmusiker Krzysztof Komeda (1931–69). Hłasko soll sich im Juni 1969 in Wiesbaden mit Hilfe von Schlaftabletten und Alkohol umgebracht haben, nachdem ihn die Nachricht vom Tod seines Freundes Komeda erreicht hatte, der Ende April in Warschau einer Hirnblutung erlegen war. Der traurige Witz dabei: Beide hatten sich zu Beginn des Jahres in Los Angeles aufgehalten, wo Hłasko bereits seit 1966 lebte.

Komeda war von seinem Freund Roman Polański um Musik zu Rosmary's Baby gebeten worden. Der Film kam 1968 in die Kinos und wurde rasch berühmt. Daneben genießen einige Platten, die Komeda mit Kollegen aufnahm, darunter die LP Astigmatic, zumindest in Polen Kultstatus. Nun waren sowohl der Hollywood-Regisseur wie der im Januar 1968 zugereiste Komponist mit Schriftsteller Hłasko befreundet, der sich hier als Drehbuchautor versuchte. So ergab sich zwangsläufig manches Trinkgelage zwischen den drei Landsleuten und halben oder ganzen »Dissidenten«. Hłasko etwa war 1958 als »Verräter am Sozialismus« in Polen verfemt worden. Er vagabundierte und randalierte anschließend als »der James Dean Osteuropas« durch Westeuropa, sprach eifrig dem Alkohol zu und verheiratete sich beiläufig (1961) mit der deutschen Schauspielerin Sonja Ziemann*, die mancher vielleicht aus Frank Wisbars Kriegsfilm Hunde, wollt ihr ewig leben von 1958 in Erinnerung hat. In LA war Ziemann wahrscheinlich schon nicht mehr mit von der Partie. Sie ließ sich spätestens 1969, in seinem Todesjahr, von dem hitzigem Hünen Hłasko scheiden.

Eben diesem soll im Dezember 1968, wohl bei einer Party oder einem feuchtfröhlichen Ausflug, ein folgenschweres Mißgeschick unterlaufen sein. Als der »bärenstarke« Hłasko den schmächtigen Komeda im Überschwang auf die Arme nahm, um ihn wieder einmal hochleben zu lassen, kam dieser so unglücklich zu Fall, daß er mit dem Kopf aufschlug und über starke Schmerzen klagte. Nach Neujahr fiel Komeda trotz (oder wegen) einer Gehirnope-ration ins Koma. Im April in ein Warschauer Krankenhaus überführt, starb er ebendort, knapp 38 Jahre alt, noch im selben Monat, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Während das Unglück nie amtlich geklärt wurde und die Angaben über die Umstände voneinander abweichen**, wird offenbar nirgends ein Verdacht auf böse Absicht geäußert. Von Hłasko überliefern mehrere Quellen die Ankündigung: »Wenn Krzysztof stirbt, gehe ich auch.« Allerdings hatte er schon vor dem Mißgeschick Selbstmordversuche und Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken hinter sich. Und noch früher, mit fünf, hatte er seinen Vater verloren.

* https://www.porta-polonica.de/de/atlas-der-erinnerungsorte/sonja-ziemann-und-marek-hlasko
** Bert Noglik, »Ein Lyriker des Klanges«, Jazz-Zeitung, 2006/04, S. 13: http://www.jazzzeitung.de/jazz/2006/04/portrait-komeda.shtml




Hoffmann, Markus 26 (1971–97), Berliner Schauspieler und Synchronsprecher. Der smarte Hoffmann hatte sich schon fast als deutscher TV-Seifenoper-Star durchgesetzt, als es zum Zerwürfnis mit den Machern oder den Mitspielern der ARD-Serie Verbotene Liebe kam. So jedenfalls die Hamburger Morgenpost, deren knapper Artikel* leider der einzige nennenswerte Kommentar ist, den ich zu diesem buchstäblichem Todesfall finde. Das Blatt weiß allerdings auch nicht genau, was den 26jährigen dazu bewog, am 16. Januar 1997 aus dem 28. Stockwerk eines Berliner Hochhauses zu springen. Sicherlich habe er auf neue Rollenangebote gewartet, wobei er möglicher-weise die Nase von Seifenoper voll hatte und viel höher hinaus wollte, beispielsweise in die Region Wenn Katel-bach kommt (1966, mit Polański, Komeda, >Dorléac ...). Hoffmann galt als ehrgeizig. In der genannten Serie hatte er den charmanten Playboy Henning von Anstetten gegeben, einen »Frauenschwarm«. Andererseits erwähnt das Blatt »Freund A.«, mit dem er in der Wilmersdorfer Wohnung zusammen gelebt habe. Somit könnte der Schauspieler realiter schwul gestimmt gewesen sein. Zuletzt habe es sogar handfesten sozialpolitischen Ärger gegeben: Die Hausverwaltung wollte Hoffmann an die Luft setzen, warum auch immer. »Als ihn der Vermieter am vergangenen Donnerstag besuchte, rastete Hoffmann aus: 'Sie Mörder, Sie wollen mich umbringen!' Kurz darauf sagte er zu einem Nachbarn: 'Nimm dir aus meiner Wohnung, was du magst – falls mir etwas passiert.' Fünf Stunden später war Markus Hoffmann tot.«

Und warum hat er die Sachen nicht lieber dem A. hinter-lassen, wenn es den nun schon einmal gab? Verkracht? Rücksichtnahme, weil der A. ja dann noch mehr aus der gekündigten Wohnung zu schleppen hat? Als Reporter der MoPo hätte ich selbstverständlich just A. zuerst befragt – und der hätte mir jede Wette etwas gehustet.

Als sich der 60jährige Wiener Schauspieler Egon Friedell 1938 aus einem Fenster seiner Wohnung in der Gentzgasse 7 warf, weil er sich schon so gut wie verhaftet durch bei ihm klingelnde SA-Leute wähnte, soll er umsichtig »Obacht!« oder Ähnliches gerufen haben. Dabei lag seine Wohnung lediglich im 3. Stock. Ob ein Warnruf bei 28 Stockwerken verfangen hätte, kann ich als schlechter Physikschüler nicht beurteilen, aber die MoPo schenkt auch diesem Gesichtspunkt keine Beachtung. Diese hochbezahlten Redakteure klauben sich den Blickfang »28. Stock« aus der Agenturmeldung als willkommenen Aufhänger heraus – und was dann an diesem schaukelt, ist nicht mehr als eine Leiche von rund 10.000 Leichen jährlich, fehlgeschlagene (deutsche) Selbstmorde ausge-schlossen. Einem kleinen Mädchen, das auf dem verschis-senem Rasen des Wohnghettos eine Gänseblümchen-Blüte zupft – »kommt er / kommt er nicht?« – messen sie erst Bedeutung bei, wenn es die Fallgesetze in eine Gehwegplatte verwandelt haben.

Hoffmann sprang allerdings im Januar. Vielleicht lag ja trotz des bevorstehenden »Klimawandels« Schnee, sodaß unser Mädchen einen fetten Schneemann baute, der sogar den Fall von Alfred Hitchcock gedämpft hätte. Jetzt, im Februar 2021, ist der »Klimawandel« da. Mein Außenthermometer zeigt morgens bis minus 18 Grad. Meine Dachrinne droht unter den überhängenden Schneewehen abzubrechen. In Spanien hatten sie den »Jahrhundertschnee« bereits im Januar. In Berlin erfrieren die »Penner«, da brauchen sie gar nicht Selbstmord zu begehen. Mein Brikett-Stapel schrumpft schneller als mein schon über 70 Jahre altes Gehirn. Hätten die Lügen der Psychopathen**, die uns regieren und bequasseln, wenigstens einen gewissen Heizwert, könnte ich mit ihnen besser als mit getrocknetem Kuhmist heizen.

Mitte des Monats wird es wärmer – allerdings nicht in Texas. Ein hiesiger Fernsehsender meldet poetisch clever »Winterchaos im Wüstenstaat«. Wasserleitungen platzen; Stromausfälle; Holzscheite oder Briketts werden wahrscheinlich schon wie Goldbarren gehandelt. Mit den erwähnten 18 Grad ist übrigens der Rekord gebrochen, den ich 1979 auf der Langspielplatte Trotz & Träume in meinem »Weihnachtslied« besang. »Draußen herrschen Osramglanz und minus 17 Grad, die Kaufhauskassen jubeln in Streß-Dur«, so beginnt dieses Stück. Es dürfte der Westberliner Winter von 1977 oder 78 gewesen sein. Die Logik des Plots ist so einfach wie das Liedschema. Der mit den Zähnen klappernde Sänger verhöhnt die einstigen Sorgen seiner »alternatiefen Seele«, während ihm die Kreuzberger Hinterhöfe die letzten Briketts schon aus der Ofenzange ziehen – »kaum reingesteckt, Brikett is weg.« In meinem jetzigem Häuschen heize ich allerdings hauptsächlich mit Holz, das mir hilfsbereite und besser betuchte MitbürgerInnen schenken. Ich muß es nur zerkleinern, per Handarbeit. Das hält warm.

Die Musik jenes Streß-Dur-Liedes kommt mir noch heute durchaus schmissig vor. Michael Stein, der leider längst unter der Erde liegt, spielt ein zirkushaftes Saxophon dazu. Peinlicherweise wird in einem anderem Stück, dem »Gele-genheitslied«, deutlich das Tempo verschleppt, wie ich höre – peinlich, weil ich in diesem Stück die Rythmus-gitarre spiele. Gehen einem solche Schnitzer auf, kann man nur froh sein, neben dem Kälte- auch ein Schattendasein zu führen. Das Mißgeschick interessiert niemanden.

Sollten Sie meine Ausfälle gegen die Weltreligion Klima-wandel befremdlich finden, schlagen Sie bitte einmal meine schon 2010 und 2014 veröffentlichten Betrach-tungen »Risse im Hockeystick« und »Nachruf auf die Malediven« nach.***

* »Warum wollte Markus Hoffmann sterben?«, 21. Januar 1997: https://www.mopo.de/-warum-wollte-markus-hoffmann---verbotene-liebe---sterben----tv-star-stuerzte-sich-aus-dem-28--stock--18913202
** Peter Stuurman, »Die Psychopathendiktatur«, Rubikon, 9. Februar 2021: https://www.rubikon.news/artikel/die-psychopathendiktatur
*** Schneebaden




Hoffnung, Gerard 34 (1925–59), Tubist und vielseitiger Karikaturist. Als Pimpf in Berlin hatte er noch keine Tuba gespielt. Vielleicht wurde er erst auf der britischen Insel zum Exentriker. Man hatte ihn 1938 wie viele andere jüdische Kinder nach England verschickt. Er hatte insofern Glück, als sein Onkel Bruno Adler dort schon Lehrer war und ein Jahr darauf auch seine Eltern nachkommen konnten. Die Familie ließ sich in London nieder, wo Hoffnung die Highgate School besuchte und in seinem Elternhaus die Gäste zeichnete. Im folgenden gelang es ihm, sich für etliche Jahre wechselweise als Lehrer, Musiker, Büttenredner, Karikaturist, Rundfunksprecher, während des Krieges auch als Milchflaschenwäscher in einer Molkerei über Wasser zu halten. Die Zeit für Malcolm Arnolds, von Hoffnung durchflutetes Stück Die Vereinten Nationen (1958) war noch nicht gekommen. Dabei schmettern vier Blechkapellen, während sie aus den vier Himmelsrichtungen aufeinander zumarschieren, jede für sich die Nationalhymne des eigenen Vaterlandes, daß es nur so kracht …

Hoffnung ließ zunächst durch einen bemerkenswerten Brückenschlag zwischen Musik und Bildender Kunst aufhorchen: mit gezeichneten Parodien aus dem Konzertleben, die noch heute Lacherfolge ernten. Sie erschienen auch in Büchern unter Titeln wie Scherzando und Hoffnungslos. Hoffnungs eigenes Hauptinstrument, die Tuba, weist da plötzlich einen Zapfhahn auf, damit sich der arme Backenbläser öfter ein Bier hinter die Binde kippen kann. Gleichwohl spielte Hoffnung die Tuba gut genug, um Ralph Vaughan Williams' Tuba Concerto (1954) zu geben und im seriösem Londoner Morley College Orchestra mitzuwirken. Sein Haus entwickelte sich allmählich zum Salon für KünstlerInnen, Literaten und Freunde aller Art.

Seinen durchschlagenden Erfolg hatte der anspruchsvolle Witzbold 1956 aufgrund einer Idee, zu der ihn wahrschein-lich die April Fool's des Liverpooler Flötisten Fritz Spiegl anregten. Hoffnung verstieg sich nun dazu, in der Londoner Royal Festival Hall neuartige Konzerte zu veranstalten, die originelle Musik, beispielsweise von Malcolm Arnold, Francis Baines, Francis Chagrin, Aaron Copland, Franz Reizenstein, William Walton, mit ausgefallenem Dirigat und clownesken Einlagen der MusikerInnen boten. 1958 wurde bereits vor den ersten Orchestertönen ein Hustender erschossen und auf einer Bahre davongetragen. Die Leute waren schockiert – und lachten. Diesen Erfolg konnte der Impresario Hoffnung allerdings keine drei Jahre mehr genießen, weil ihn 1959 ein Tod durch Hirnblutung ereilte.

Die beliebte Reihe The Hoffnung Music Festival wurde dann noch für einige Zeit von der Witwe des 34jährigen fortgeführt, Anetta. Ein Jahr zuvor – schon drei Stunden nach der Ankündigung des Konzertes waren sämtliche Eintrittskarten vergriffen – hatte sie in der Royal Festival Hall am Nebelhorn gesessen. Die beiden hatten sich 1950 bei Roland Emmett kennengelernt, der wie Hoffnung für Punch zeichnete. Nebenbei war Anettas Mann, seit 1955 Anhänger der religiösen Quäker-Bewegung, nicht nur für schräge Töne gut gewesen. Er trat gegen Rassismus und atomare Rüstung, für Homosexuelle und Tierschutz ein. Das Jagd- oder Waldhorn etwa fand er geeigneter, auf einen Ständer montiert dem Virtuosen, der ins Mundloch blinzelt, als Weltraumteleskop zu dienen. Als Quäker hatte er auch regelmäßig Häftlinge betreut. Anetta Hoffnung versichert 2011, nach dem unerwartetem Tod ihres Mannes hätten dutzendweise entsetzte Häftlinge angerufen, die nun ohne das gemeinsame Gelächter auskommen mußten, das ihre Zellen bei jedem Besuch Hoffnungs erschüttert hatte. Das Paar hatte zwei Kinder. Während Tochter Emily Bildhauerin wurde, blieb Sohn Benedict der Musik treu: als professioneller Orchester-Schlagzeuger.

Der Zeichner Hoffnung hatte die Pauken einmal als auf dem Rücken sich kugelnde Schildkröten gegeben, die ihre eigenen Bauchfelle betrommeln, während sie sich über die Ränder ihrer Panzer anfeuernd zunicken. Damit deutete er – vermutlich unbeabsichtigt – zugleich die ungesunden, zuweilen auch lebensgefährlichen Verrenkungen an, denen sich BerufsmusikerInnen zu unterziehen haben. Nach Schätzung Professor Christoph Wagners, Leiter des Instituts für Musikphysiologie in Hannover, leiden 50 bis 80 Prozent aller OrchestermusikerInnen an gesundheit-lichen Schäden, die unmittelbar auf ihre Berufspraxis zurückzuführen seien.* Ins selbe Horn bläst der Weimarer Musikmediziner Egbert Seidel: »Profimusiker haben einen Knochen- und Muskeljob, vergleichbar dem eines Leistungssportlers«, versichert er laut Kölner Stadt-Anzeiger.** BlechbläserInnen etwa deformieren nicht nur ihre Münder; sie setzen auch ihr Hirn enorm unter Druck. Ich nehme deshalb an, der vielgerühmte englische »klassische« Musiker und Lehrer John Fletscher (1941–87) zog sich nicht zufällig im besten Mannesalter eine schwere Gehirnblutung zu, die ihn mit wahrscheinlich 46 ins Gras beißen ließ. Sein Instrument war das von Hoffnung gewesen, die Tuba.

* Michael Klonovsky, »Tuba-Lippen und Geiger-Krämpfe«, Focus, 48/1993: http://www.focus.de/politik/deutschland/gesundheit-tuba-lippen-und-geiger-kraempfe_aid_144238.html
** »Wenn Geigen krank macht«, 31. Oktober 2012: https://www.ksta.de/wenn-geigen-krank-macht--viele-musiker-haben-gesundheitsschaeden-8440464?cb=1628426624082




Hofmannsthal, Franz von 25 (1903–29), ein Sprößling des bekannten, hochgelobten Wiener »Dichters« Hugo von Hofmannsthal. Der stammte von einem Bankdirektor ab, war Akademiker, Hochnase und vaterlandstreuer Milita-rist, heiratete die Tochter eines anderen Bankdirektors, bezog mit ihr ein Barockschlößchen in Rodaun (bei Wien) und verfaßte auch dort Werke, die Stefan Zweig fast so gern las wie seine eigenen. Bei solch einem Vater hätte ich mich wahrscheinlich gleichfalls erschossen, möglichst noch früher. Hätte mir gar eine Göttin geflüstert, wenn ich jetzt abdrückte, erlitte der Alte zwei Tage darauf, noch vor meiner Beerdigung, einen tödlichen Schlaganfall, hätte ich mich noch lieber erschossen.

Nach Berichten zeitgenössischer Wiener Blätter* war es beim Jungen Versageritis, beim Alten der entsprechende Gram. Schließlich war der Alte (55) wiederholt nur knapp am Nobelpreis vorbeigesegelt, während Fränzchen ein rechter Taugenichts gewesen sein soll. Er hatte sich vorübergehend auf Posten im Bank- und Hotelgewerbe versucht, reiste durch die Welt, lebte auch zu Hause auf großem Fuß. Autos soll der hübsche, immerhin »gutherzige« Bursche erfolgreicher als Frauen geliebt haben. Den übermächtigen Vater ausgenommen also bindungslos, habe er meistens Heiterkeit zur Schau gestellt. Zwar machte er gelegentlich Andeutungen über seine Zerknischung, doch mit Selbstmord habe niemand gerechnet. Einen Abschiedsbrief hinterließ er (angeblich) nicht. Da in den verhängnisvollen Todesstunden Gewitterschwüle auf den Park des Schlößchens drückte, ließ sich Franz (vermutlich von der »Dienerschaft«) ein Badehandtuch bringen – statt sich, wie der 17jährige Adolf >Grillparzer gut 100 Jahre früher, in die Donau zu werfen. Schon erscholl der Pistolenschuß aus Franzens Zimmer. Die Eltern waren verständlicherweise »einem Nerven-zusammenbruch nahe«, jedoch geistesgegenwärtig genug, auf den Totenschein »Schuß durch den Kopf. Selbstmord in Sinnesverwirrung« schreiben zu lassen, wobei sie ja günstigerweise auf die Gewitterlage, die Schwüle, den Knall verweisen konnten. Unter den Einheimischen habe freilich die Meinung vorgeherrscht, den Filius habe weniger die Aussichtslosigkeit seiner »Berufslosigkeit«, vielmehr einer Liebesbeziehung zu einem unstandesgemäß armen Mädchen vom Rhein bedrückt, das er vor einem Jahr auf Deutschlandreise kennengelernt haben soll. Er habe es erst kurz vor dem Knall erneut getroffen.

Bruder Raimund dagegen bestätigte die Diagnose Versageritis. Als jüngsten Hoffnungsschimmer habe ihm Franz, der geschickte »Automobilsportler«, den durchaus einleuchtenden Plan entwickelt, in Wien ein »Verkehrs-büro« aufzumachen. Dazu kam es nun leider nicht mehr. Das heißt, ein paar potentielle Wiener Unfallopfer waren vielleicht eher froh darum.

* vor allem »Tragödie im Hause des Dichters ...«, Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, Nr. 29, 15. Juli 1929, siehe Alfred Walks umfangreiche Dokumentation https://docplayer.org/109845232-Heimatkunde-rodaun-alfred-walk-heimatkunde-rodaun.html



Hollan-Raupp, Lubina 36 (1927–64, auch: Holanec-Rawpowa u.a.), sorbische DDR-Organistin, geboren in Kleinbautzen als Tochter des sozialdemokratischen Lehrers und Kantors Ernst Hollan, der unter den Nazis (1934) wegen antifaschistisch-sorbischer Gesinnung aus dem Schuldienst entlassen worden war.* Studium in Leipzig und Prag, Konzertreisen im Ostblock, wiederholt preisgekrönt. In ihrem Programm war Hollan-Raupp vielseitig, ungefähr von Bach bis Hindemith, darunter etliche tschechische Komponisten, beispielsweise Alois Hába. Sorbische Musik für die Orgel lag allerdings zu ihrer Zeit kaum vor. Auf diesem Gebiet griff sie aufs Klavier zurück, etwa als Liedbegleiterin. Sie unterrichtete auch Klavier am Sorbischen Institut für Lehrerbildung. Zur Todesursache teilt mir das heutige Institut mit, in den Nachrufen heiße es, Hollan-Raupp sei, mit knapp 37 Jahren, »nach langer Krankheit« verstorben. Carmen Schumann** wußte es 2004 genauer: Krebs. Dessen Opfer war mit dem Musikwissenschaftler und Komponisten Jan Raupp verheiratet (ein Sohn), der als »Nestor neuer sorbischer Musik« galt. Er starb 2007 mit knapp 80.

Die eher kleine westslawische Volksgruppe der Sorben, auch Wenden genannt, siedelte seit Jahrhunderten in Nieder- und Oberlausitz, also beiderseits der Spree im Bereich der heutigen Städte Lübben, Cottbus, Hoyers-werda, Bautzen. Den sorbischen Einzelhöfen dienten häufig Wasserläufe als Dorfstraßen. Die sorbischen Frauen glänzten durch ausladende Hauben, die bald die Kähne kentern ließen. Diese slawische Minderheit wurde oft benachteiligt und unterdrückt. Im deutschen Faschismus war sogar der Gebrauch der sorbischen Sprache verboten. Die DDR dagegen war um Förderung der sorbischen Eigenständigkeit bemüht – bis zum Anarchismus ging das aber nicht. In Werner Bergengruens dickleibigem Mittelalter-Roman Am Himmel wie auf Erden kommen die Wenden ganz gut weg. Der brandenburgische Kurfürst Joachim hat sogar einen wendischen Kutscher, Juro. Diese Schonung könnte mit zur Ächtung des eigentlich obrigkeitsfreundlichen Werkes durch die Nazis beigetragen haben.

* Detlev Kobela, »Lubina Hollan-Raupp«, in: Lětopis – Zeitschrift für sorbische Sprache, Geschichte und Kultur (Bautzen), Nr. 17, 1974, S. 127–31
** »Eine Virtuosin im besten Sinne des Wortes«, Sächsische.de, 6. Mai 2004: https://www.saechsische.de/plus/eine-virtuosin-im-besten-sinne-des-wortes-666067.html




Holland, Luke 31 († 2015), britisches Mordopfer in Berlin. Der gelernte Rechtsanwalt, seit rund einem halbem Jahr in der deutschen Hauptstadt mit einer Unterneh-mensgründung befaßt, war in einer Septembernacht mit Begleitern unterwegs. Am frühen Morgen, als in der Neuköllner Bar Del Rex sein Handy klingelte, ging er auf die Straße und telefonierte. Dabei wurde er »heim-tückisch« von dem wohl 62 Jahre altem Rolf Z. mit einer Schrotflinte erschossen. Der hagere Mann, ein trinkfreu-diger, »kauziger« Stammgast mit langem weißem Haar und Bart, hatte die Bar bereits früher als Holland verlassen. Sie hatten aber weder drinnen noch sonst je Kontakt miteinander. Hollands Eltern glauben, die englische Sprache des Opfers habe Z. gereizt. Er hatte sich schon einmal beklagt, seit einem Besitzwechsel werde in der Bar »nur noch Spanisch und Englisch« gesprochen. Von Zeugen erkannt, fanden sich in Z.s Wohnung außerdem zahlreiche Nazi-Reliquien und einige Waffen.* Das Gericht sah jedoch weder rassistische noch faschistische Beweggründe bei ihm. Er selber schwieg beharrlich. Das Urteil rechnete ihm im Gegenteil, wie so oft, die Trunkenheit als strafmildernd an: knapp 12 Jahre.

Viele Quellen erinnerten an einen verblüffend ähnlichen Mordfall aus 2012. Damals war der 22jährige türkisch-deutsche Lehrling Burak Bektaş ebenfalls aus nächster Nähe in Neukölln von einem unbekannten Täter erschossen worden. Zwei seiner Freunde wurden schwer verletzt. Unter den Hinweisen aus der Bevölkerung fand sich sogar ein Fingerzeig just auf Rolf Z. als Verdächtigen. Doch bei der Polizei gilt der Fall bis heute als ungeklärt. Dem Guardian** sagten Hollands Eltern 2017, womöglich wäre ihr Sohn noch am Leben, wenn die Berliner Polizei den Fall Bektaş sorgfältiger behandelt hätte.

* Kerstin Gehrke, »Über elf Jahre Haft für Angeklagten – Motiv bleibt offen«, Tagesspiegel, 11. Juli 2016: https://www.tagesspiegel.de/berlin/gerichtsurteil-zum-mord-an-luke-holland-ueber-elf-jahre-haft-fuer-angeklagten-motiv-bleibt-offen/13860830.html
** Frances Perraudin, »Foreign Office did not help us, says father of man murdered in Berlin«, 10. Oktober 2017: https://www.theguardian.com/uk-news/2017/oct/10/foreign-office-did-not-help-us-says-father-of-man-murdered-in-berlin




Holý, Tomáš 21 (1968–90). Unter Fachleuten gilt er als der bekannteste und beliebteste Kinderstar des tsche-chischen Films. Gleichwohl soll er seine Karriere bereits 1980, mit 13 Jahren, an den Nagel gehängt haben, um stattdessen ein gutes Abitur zu machen und sich in Prag als Jura-Student einzuschreiben. Vielleicht sagte er sich, in der Regel werden die SchauspielerInnen nicht alt. Die packt schon mit 45 der erste Herzinfarkt – es sei denn, sie verfügen über Heinz Rühmanns enorme Anpassungs-fähigkeit. Der diente der Rührung in drei Regimen, ehe er (1994) mit 92 starb. Holý, der junge Westböhme, wird als humorvoll und hilfsbereit geschildert. Zum Ersatz für die Filmerei soll er sich für Pferde erwärmt und das Reiten erlernt haben. Aber er besaß offensichtlich auch schon einen Führerschein für Kraftfahrzeuge.

Am 8. März 1990, einem Donnerstag, fuhr Holý mit Studienfreunden zum Vergnügen ins nordböhmische Lausitzer Gebirge hinaus. Vermutlich waren sie zu viert oder fünft. Wem der rote Skoda 120 gehörte, in dem sie reisten, kann ich nicht sagen, obwohl ich mich durch mehrere tschechische Quellen gehangelt habe. Zunächst ging jedenfalls alles gut. Im Dorf Polevsko angekommen, kehrten sie in einer Kneipe mit Billardtisch ein. Im Nachbardorf Kytlice (nördlich des Städtchens Nový Bor) muß einer von ihnen ein Häuschen oder eine Datscha besessen haben. Dort wollten sie sich besaufen und dann ausschlafen. Allerdings merkten sie plötzlich, sie hatten gar nicht mehr genug Geld für den Getränkeeinkauf. So sandten sie Holý und noch einen aus, um Geld zu besorgen, vielleicht in der Datscha.* Draußen war es inzwischen dunkel geworden. Die beiden Sendboten befanden sich bereits auf dem Rückweg und nahe der Kneipe, als sie, bei angeblich rutschiger Straße, zwischen den beiden genannten Dörfern aus einer abschüssigen Kurve flogen und gegen den unvermeidlichen unschuldi-gen Baum prallten. Fahrer Holý, sogar angeschnallt, starb wahrscheinlich noch am Unfallort, knapp 22 Jahre alt. Der Beifahrer kam glimpflich davon. Er alarmierte die Billardspieler. Jemand bemühte sich, Holýs Blutungen zu stillen. Der Krankenwagen kam – vergeblich.

Nach den Minderheitsquellen hatte der Ex-Kinderstar in der Kneipe nicht nur Billardkugeln geschoben, sondern auch, zur Einstimmung auf das geplante Fest, ein paar Biere gekippt. Das soll sogar in einem jüngst erschienenem Buch über Holý stehen, obwohl es von einem Freund oder Bekannten verfaßt wurde: Ota Kars, Jmenuju se Tomáš [Ich heiße Tomáš], 2017. Wie ich höre, verkauft es sich gut.

* Jan Mikulička, »Před čtvrt stoletím zemřel Tomáš Holý, největší česká dětská hvězda«, idnes.cz, 9. März 2015: https://www.idnes.cz/liberec/zpravy/pred-25-lety-zemrel-herec-tomas-holy.A150309_161614_liberec-zpravy_tm



Holz, Emmy 21 (1902–23), estnische Ballettänzerin, Primaballerina in Tallinn, tief gefallen. 1918, nach der Lossagung von Rußland und dem deutschem Zusammen-bruch, war Estland eine (angeblich) unabhängige Republik geworden. In der Hauptstadt Tallinn, vorher Reval, saß die Tageszeitung Vaba Maa. In Nummer 257 von »Freies Wort«, erschienen am 8. November 1923, war ein Nachruf auf die blutjunge örtliche Bühnenkünstlerin zu lesen, der etwa wie folgt anhob. Eine in Spanien endende abenteuer-liche Geschichte mit kriminellen Zügen habe leider auch die Figur Emmy Holz' in schäbigen Schatten gehüllt. Mit dieser habe das heimische Ballett, das noch in den Kinderschuhen stecke, ohne Zweifel seine größte Hoffnung verloren …

Verloren? In Spanien? Was war geschehen? Keine Bange, unsere Sõbranna [Freundin] weiß es.* Danach stammte die verloren gegangene Tänzerin aus einer eher zerrütteten Familie. Über einen Jugendchor, der auch tanzte, fand die hübsche, schlanke Blondine den Eingang zu einer Ballettschule und zum Theater. Neben Feuer wird ihr Anmut bescheinigt, obwohl sie mit ihrer kräftigen Nase etwas bäuerlich wirkt. Gar zu einfältig kann sie aber nicht gewesen sein. Sie kam auf den Geschmack am bohemien-haften Lebenswandel, verbotenen Wein oder Wodka eingeschlossen, und angelte nach reichen Männern, darunter anscheinend auch die Brüder Erich and Gottlieb Wallfrisch, die mit dem Theater eng verknüpfte Restaurants oder Kabaretts betrieben. Der Ruf der BühnenkünstlerInnen war damals nicht der beste. Emmy zog freilich unbeirrt das große Los. In ihrem Todesjahr, 1923, macht ihr nämlich der 40 Jahre alte »Butterkönig« und Automobilbesitzer Joseph Schultze den Hof. Er hat Neigungen zur Hochstapelei, gute Verbindungen nach Schweden, ja selbst Argentinien, sodaß er sich zeitweise als »argentinischer Konsul« ausgeben kann. Er ist keineswegs fett, nur schon etwas schütter im Stirnhaar. Auf einem Foto prunkt eine bügel- und randlose, ovale Brille auf seiner Nase. Zum Herbst hin hat er, wie es aussieht, Emmys Gunst gewonnen. Unter dem Vorwand, seine Geschäfte nach Lettland auszudehnen, schneidet er einem schwedischem Geschäftsfreund mehrere Hunderttausend Kronen aus den Rippen. Damit ergreift er die Flucht gen Westeuropa – und mit Emmy. Warum soll nicht auch sie einmal Berlin oder Brüssel sehen?

Da ihnen nun die Polizei auf den Fersen ist, reisen sie mit dem Flugzeug. Ob Emmy von Josephs Machenschaften wußte, ist nicht bekannt. Die schwedische Presse nimmt regen Anteil an der Affäre. Zuletzt wird das Paar in Paris gesichtet. Hier war ihnen bereits das Geld knapp geworden. Vielleicht gab es auch schon Streit und zumindest auf Emmys Seite Reue. Die durchgebrannte Tänzerin bittet ihre Eltern brieflich um 40.000 Mark, damit sie heimreisen könne – die die Eltern natürlich nicht haben. Da der Brief auch den Spürnasen nicht entgeht, ziehen es die beiden vor, Paris mit Santander am Golf von Biskaya zu vertauschen. Der spanische Badeort hatte damals rund 55.000 EinwohnerInnen, mehrere Theater, eine Stierkampfarena. Die blonde Frau aus dem Norden fiel verständlicherweise auf, und dann machte sich Schultze auch noch im Hafen verdächtig, weil er sich nach Schiffskarten Richtung Mexiko erkundigte. Überdies spitzte sich die Krise im Gefühlshaushalt des Paares zu. Am 4. November krachte es buchstäblich, sogar zweimal. Die Kellner stürzten in Emmys Hotelzimmer und standen vor zwei Leichen. Schultze hatte erst seine Eroberung, dann sich selbst erschossen.

Was die Gründe betrifft, rätselte die in- und ausländische Presse ähnlich wie die Polizei, die bereits eine Verhaftung des »Butterkönigs« vorbereitet hatte. Vielleicht lag ein Gemenge aus Geldknappheit, Angst vor Strafe, Eifersucht – und Überdruß aneinander vor. Ja, mehr noch, ich könnte mir sogar lebhaft vorstellen, von den Wonnen der Liebe hatte Emmy bis zu den beiden Schüssen nur eine Fata Morgana gesehen, während Schultze sie wahrscheinlich längst als ranziges Butterstückchen empfand und behandelte.

* Heili Reinart, »Üks säravamaid Tallinna baleriine Emmy«, Sõbranna, 5. November 2019: https://sobranna.elu24.ee/6818425/uks-saravamaid-tallinna-baleriine-emmy-holz-langes-armukadeda-armukese-kuulilasust



Holzach, Michael 36 (1947–83), Journalist und »Kult-buchautor«. Im Gegensatz zu seinem Hund Feldmann, der ihn bei der ganzen zielstrebigen Landstreicherei treu begleitet hatte, durfte Holzach den Aufstieg seines 1982 erschienenen Reiseberichtes Deutschland umsonst. Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland zum »Kultbuch« nicht mehr erleben. Ein Jahr darauf, Ende April 1983, in Begleitung einer Fernsehredakteurin bei Dortmund mit der Motivsuche für eine geplante Verfilmung des Berichtes befaßt, rutschte Holzachs Hund an einer betonierten, tückisch glitschigen Uferböschung ab und landete in der Emscher. Holzach, ein hochgewachsener, blendend aussehender und sicherlich auch sportlicher Kerl, sprang ihm nach, weil er offenbar befürchtete, Feldmann sei diesen Fluten nicht gewachsen. Er konnte dem Hund aber nicht mehr helfen, weil er selber von der starken Strömung mitgerissen wurde und mit dem Kopf gegen einen Betonpfeiler schlug. Der 36 Jahre alte zukünftige Kultbuchautor ertrank. Dagegen konnte sein Hund, ein Mischling, von der Feuerwehr gerettet werden. Holzach hatte ihn dereinst aus dem Tierheim befreit.

Was Holzach selber angeht, weisen Kollegen darauf hin, er habe lieblose Eltern, überhaupt, trotz Wohlstand, eine unglückliche Kindheit gehabt, Internat in Holzminden eingeschlossen. So sei seine Wanderung auch ein Versuch der Selbstfindung, wohl auch ein Bußgang gewesen. Dieser scheint sich am 5. Januar 1983, als Holzach erstes Aufsehen mit seinem Bericht erregt hat, mit der Abfassung eines Testamentes fortzusetzen. Laut Jörg Burger* vermacht er darin sein ganzes Vermögen an Brot für die Welt, »auch die zukünftigen Einnahmen aus den Büchern«. Seine damalige Geliebte, eine Bildende Künstlerin, begrüßt diesen philanthropischen Schritt – bei dem sie selber leer ausgeht. Gut drei Monate später ist Holzach tot. War er womöglich Hellseher? Oder lediglich seiner bohrenden Zweifel oder seiner Sehnsüchte nach dem wiechert'schen »Einfachen Leben« müde? Hermann Beckfeld behauptet in einem jüngerem Gedenkartikel**, Holzach habe die Emscher in seinem Buch von 1982 nicht nur als »Köttelbecke, als dreckigsten Fluß Deutschlands« bezeichnet; er habe sie auch für ein »Verderben bringendes Todesgewässer«, einen »toten Fluß«, gar für ein Totenreich gehalten, das zu »meinem eigenen Grab werden wird«.

* »Der Mann, der ging«, Zeit-Magazin, 14. Oktober 2010: https://www.zeit.de/2010/42/Reporter-Michael-Holzach
** »Brief an Michael Holzach«, Ruhr Nachrichten, 2. Mai 2015




Holzer, Heini 32 (1945–77). Der südtiroler Alpinist, Steilwandskifahrer und Fachjournalist war sicherlich schon als Hirtenbub statt Heinrich verkleinernd Heini genannt worden, und dabei blieb es auch. In der Tat wurde er nie größer als ungefähr 1 Meter 50, die Angaben schwanken. Was Wunder, wenn er dann den Lehrberuf des Kaminfegers ergriff, an dem er angeblich auch noch festhielt, nachdem er als Seilpartner von Berühmtheiten bekannt geworden war. Seit 1960 übte er seinen Brotberuf im Dorf Schenna bei Meran aus, wo er dann auch begraben wurde. Natürlich kam er bei seiner Zwerggestalt auch hervorragend durch die Kamine, die in unbewohnten Gebirgen zu finden sind. 1970 begann er sich allerdings auf Steilwandabfahrten per Skiern zu spezialisieren. Eben bei diesem besonders selbstmörderischem Treiben kam er im Juli 1977 als 32jähriger um, als er den Versuch, die Nordostwand des knappen Viertausenders Piz Roseg (Graubünden, Schweiz) hinabzusausen, mit einem gewaltigen Sturz bezahlte.

Holzers frühe Ehe war schon eher zerbrochen, aus ver-ständlichen Gründen. Neben seiner wagemutigen Besessenheit werden so manche weibliche Seilpartner-innen angeführt, die er bei seinen eigenständigen Klettereien bevorzugt hatte. Zur Begründung hatte er auf deren geringes Gewicht als der idealen Entsprechung zu seiner eigenen Leichtgewichtigkeit verwiesen. Er hatte keine 50 Kilo gewogen. Einem Gedenkartikel von 2007 zufolge* verabscheute der Stiefsohn eines Trunkenboldes Alkohol, nahm stattdessen vorwiegend Milch zu sich. Was ihm an Hünenhaftigkeit fehlte, machte er nach anderen Quellen durch schier unwiderstehlichen Charme wett. Zwar sei er ein eigensinniger Mensch und ein Eigenbrötler gewesen; gleichwohl habe er erstaunlich viele Freunde gehabt – so Berufskollege Toni Hiebeler in einem Nachruf auf Holzer, bevor er selber (1984 per Hubschrauber) in Slowenien zu Tode stürzte.

Holzer hatte übrigens sowohl das Profitum wie den Rückgriff auf motorisierte »Aufstiegshilfen« a lá Sessellifte oder eben Hubschrauber abgelehnt. Der Hirtenbub war Naturbursche geblieben. Er pflegte seine Abfahrten stets gewissenhaft vorzubereiten und notfalls auch zu verschieben. Gleichwohl blieben sie Wahnsinn, was sich womöglich LeserInnen, die wie ich nie Fernsehen gucken, gar nicht richtig klarmachen. Seine letzte Abfahrt hatte ein Gefälle von über 50 Grad. Nachdem er auf dieser Schrägen aus unbekannten Gründen, wenn auch von einer Berghütte aus beobachtet, gestrauchelt war, stürzte er nach Feststellung der Kantonspolizei 55o Meter tief an den Fuß der betreffenden Gebirgswand. Er müsse auf der Stelle tot gewesen sein.** Bei dieser abschüssigen Krassheit wird sogar manches hübsche bildhafte Gedicht schief. Das folgende, das ich ohne Zäsuren wiederzugeben wage, stammt von Holzer. »Meine Spur ziehe ich am liebsten, wohin keine andere führt. Ich kann zurückblicken und sie beurteilen, was ich sonst nicht könnte, weil sie sich durch die vielen anderen verlieren würde. Auch mein Leben will ich unter Kontrolle haben. Darum gehe ich einen eigenen Weg, dem nicht jeder folgt.«

* Dorfzeitung Schenna, Nr. 8, 28. August 2007, S. 9
** Laut der schweizer Illustrierten sie + er, Nr. 30, 25. Juli 1977




Holzmann, Johannes 31 (1882–1914), anarchistischer Autor und Räuber, stirbt in russischem Gefängnis. Ein Foto aus seinen Berliner Bohèmejahren (um 1900) zeigt den glutvoll blickenden jungen jüdischen Mann mit hellem Hut auf dunklem Schopf, Kippe im Mundwinkel und lässig umgehängtem Mantel. Vielleicht erinnert er heutige BetrachterInnen vom Gesicht her nicht zufällig an den Sänger Rio Reiser, der 1986 gerne König von Deutschland geworden wäre. Beide machten sich für homosexuelle und anarchistische Belange, nebenbei auch für das eigene Ego stark. Als es Holzmann 1906 wegen Verfolgungen seitens preußischer und schweizer Behörden vorzog, mit Hilfe einer vorgetäuschten Todesnachricht unterzutauchen, schrieb er für die Zeitschrift Der Weckruf seinen eigenen Nachruf. Nach dem Auffliegen dieses »selbstverliebten« Versuchs, seine »schillernde Person unsichtbar zu machen«*, erntete Holzmann auch im anarchistischem Lager Mißfallen, wo er ohnehin schon umstritten war. Ich weise bei dieser Gelegenheit auf meinen Aufsatz »Anarchismus« von 2014 hin (A-23), der zu klären sucht, worum es sich eigentlich handele. Ferner komme ich weiter unten bei Fanny >Kaplan, einer Russin, auf das Zerrbild vom Bombenleger zurück.

Ein Jahr nach jenem getürktem »Nachruf« wich Holzmann in der Tat nach Rußland aus, das ja in starken revolutionären Wehen lag. Fiele er dort, schrieb er seinem Freund Pierre Ramus im Januar 1907, falle er immerhin für die Freiheit Europas, hänge diese doch maßgeblich vom Ausgang der russischen Revolution ab. Im April schloß sich der Deutsche einer anarchistischen polnischen Gruppe an, die zwecks Finanzierung der gesellschaftlichen Umwälzung reiche Kaufleute ausraubte. Schon nach wenigen Beutezügen und Wochen wurde er allerdings geschnappt und alsbald von einem Warschauer Kriegsgericht für 15 Jahre ins Zuchthaus geschickt. Das war ein übler Tausch, denn von Berlin nach Zürich war er zwei Jahre früher nur wegen einer Verurteilung zu vier Monaten Gefängnis geflohen.

In Berlin hatte der junge Holzmann die Ausbildung an der Jüdischen Lehreranstalt sausen lassen und nach Fühlungnahme mit der dortigen »Avantgarde« ab 1904 (bis zu ihrem Verbot 1905) die Wochenzeitschrift Kampf herausgegeben, die es streckenweise auf 10.000 Exemplare brachte. Sie wies bekannte MitarbeiterInnen wie Erich Mühsam, Franz Pfemfert, Else Lasker-Schüler, Herwarth Walden, Gustav Landauer, Paul Scheerbart auf. Mit der deutlich älteren Schriftstellerin Lasker-Schüler verbanden den wahrscheinlich heterosexuell veranlagten Holzmann nicht nur redaktionelle Belange. Sie war in ihren Senna Hoy (die Umkehrung des Vornamens Johannes) oder Prinzen Sascha geradezu verliebt, wobei es Otto nicht für unwahrscheinlich hält, daß der Prinz auch für ihren 1899 geborenen Sohn Paul verantwortlich war. Die zweimal verheiratete »expressionistische« Schriftstellerin, die zum Schwärmen und Raunen neigte, hatte die Unehelichkeit dieses Sprößlings nie verhehlt, aber auch nie den Klarnamen seines Vaters preisgegeben. Paul Lasker-Schüler wurde Maler, fiel aber schon 1927, mit 28, der Schwindsucht zum Opfer.

Das Leben seines mutmaßlichen Vaters hatte kaum länger gewährt. Etliche deutsche Rechtsanwälte und Literaten, darunter Lasker-Schüler, setzten sich damals vergeblich für den eingesperrten Holzmann ein. Schließlich sammelte Lasker-Schüler, die nach ihren Ehen am Hungertuch nagte, Reisegeld, um ihn wenigstens einmal besuchen zu können. Als ihr dies im November 1913 gelingt, sitzt er in Metscherskoje, unweit von Moskau, in einer geschlossenen Anstalt für Geisteskranke. Vom eingangs geschilderten Draufgänger ist nichts mehr zu sehen: sie findet den Freund »zum Gerippe abgemagert«. Mitnehmen kann sie ihn nicht. Zwar ist die russische Regierung inzwischen zu einer Entlassung Holzmanns bereit – nicht aber die deutsche zu seiner Aufnahme. Der 31jährige stirbt in Metscherskoje an Unternährung und Typhus im April 1914. Man darf sich jetzt aussuchen, wer ihn ermordet hat.

In einem echtem Nachruf, der am 9. Mai in der Aktion erschien, klagte Franz Pfemfert, die Politik und die Öffentlichkeit hätten diesen Mann, dem »einst alle freiheitlich Fühlenden zujauchzten« und »der als Zwanzig-jähriger Berlins politisches Gewissen« gewesen sei, im Stich gelassen. Der Vernachlässigte wurde in Berlin beer-digt. Kurz darauf, am 15. Mai 1914, erinnerte außerdem Karl Liebknecht im Reichstag bei den Beratungen über den Etat des Auswärtigen Amtes an Holzmanns Schicksal.** Er sollte es bald teilen.

* Stefan Otto, »Ein 'wilder Hund'«, WOZ, Nr. 44/2007: https://www.woz.ch/0744/johannes-holzmann-1882-1914/ein-wilder-hund
** Webseite Karl Jürgen Skrodzki, Stand 26. März 2021: https://www.kj-skrodzki.de/Dokumente/Text_069.htm




Hon'inbō Shūsaku 33 (1829–62), japanischer Berufs-Go-Spieler, Opfer einer Cholera-Epidemie. Der Kauf-mannssohn galt früh als Wunderkind in diesem Brettspiel für zwei Personen, das zwar ähnlich wie Schach weiße und schwarze Steine hat, aber ungleich komplexer sein soll.* Später zählte Shūsaku zu den zeitgenössischen Spitzen-spielern und stand einer Go-Schule vor. Ohne die Epidemie wäre er sicherlich steinreich geworden. Gegenwärtig leistet sich Japan rund 500 Profis, die von Preisgeldern, Unterrichtshonoraren und vermutlich, wie überall, Werbeeinnahmen leben.

Denkt man einmal unhonoriert darüber nach, hat dieser Planet einen Zweibeiner hervorgebracht, der seit der Einläutung von Zivilisation und Geldwirtschaft unter 1.000 möglichen Betätigungen garantiert 990 findet, in denen er es zu ungeahnter Vervollkommnung und Vermarktung bringen kann. Die Betätigung mag aberwitzig sein wie sie will, Hauptsache optimierungsfähig und einträglich. Ob Geigenbogen, Marderhaarpinsel oder Billardstöcke im Spiel sind oder einer lediglich in 30 Sekunden des Kopfrechnens sämtliche ungeraden Hausnummern des Erfurter Juri-Gagarin-Rings zusammenzählt – der Rubel rollt. So wird Unterhaltungs-wert zum Unterhalt, artistisches Vermögen zu statistischem Vermögen. Man wende nicht ein, auf meiner Schweinsblaseninsel**, die keine Warenproduktion kennt, freue man sich doch auch, wenn eine aufgrund ihrer Geschicklichkeit bei einem Jagdausflug mit Pfeil und Bogen statt zwei drei Hasen erlege oder wenn die Kartoffeln im Acker einmal besonders dick geraten seien. Die Steigerung führt dort nicht zu mehr Verdienst. Wachsen die Kartoffeln nur mäßig, ist die Insel groß genug, um einen zweiten Acker anzulegen. Gewiß dauert dann die Ernte länger – aber eins hat man dort im Übermaß: Zeit. Allerdings pflegt man diese kaum für ausgesprochen fruchtlose Vervollkommnungen zu verplempern. Man ist sich dort darüber im Klaren: weder Gosteine noch Billardstöcke lassen sich notfalls essen.

1988 gewann der gebürtige Bremer Hans Pietsch (1968–2003) die deutschen Go-Meisterschaften. Zwei Jahre darauf brach er sein Sinologiestudium ab und ging nach Japan, um sich unter Shūsakus NachfolgerInnen einzureihen. Er brachte es zum einzigen deutschen Mitglied des japanischen Go-Berufsverbandes, wurde freilich nur ein Jahr älter als der Altmeister. Anfang 2003 auf »Promotion«-Tour in Mittelamerika unterwegs, tauchten auf einem Parkplatz am Amatitlán-See bei Guatemala-City zwei bewaffnete Räuber auf. Offenbar erschossen sie den 34jährigen, obwohl er keinen Wider-stand geleistet hatte, wie zwei Kameraden berichteten, die bei dem Raubüberfall nur ihr Geld und andere Wertsachen verloren.***

Nach Krautscheid ist Go kein Kriegsspiel. Man trachte nach einem (siegreichen) Übergewicht, ohne dabei den Gegner zu vernichten und das grundsätzliche Gleichge-wicht der Kräfte zu zerstören. Go trainiere Tugenden wie Geduld, Fairneß, Vorstellungsvermögen und Scharfsinn. Für die Räuber kam wahrscheinlich nur das letzte in Betracht. Ob sie gefaßt wurden, kann ich nicht feststellen.

* Christiane Krautscheid, »Go ist nicht einfach ein Spiel ...«, Berliner Zeitung, 1. April 2000: https://www.berliner-zeitung.de/go-ist-nicht-einfach-ein-spiel-es-ist-eine-uralte-asiatische-kulturtechnik-doch-es-droht-eine-beschaeftigung-der-alten-maenner-zu-werden-das-gleichgewicht-der-kraefte-li.22911
** Die gleichnamige, ausführliche Skizze, wahrscheinlich in meinem Blog zu finden, rankt sich um eine Romanidee.
*** »Hans Pietsch«, Sensei's Library, Stand Februar 2021: https://senseis.xmp.net/?HansPietsch




Horváth, Ödön von 36 (1901–38), österreichischer Schriftsteller, Unfall in Paris. Für Carl Zuckmayer war er nach Brecht »die stärkste dramatische Begabung« seiner Zeit. Die Zeit selber geizte auch nicht mit Dramatik. Die sozialkritischen »Volksstücke« des in Berlin lebenden jungen Österreichers mit dem ungarischem Namen, etwa Geschichten aus dem Wiener Wald, waren zunächst umstritten, dann kamen sie kaum noch zur Aufführung, weil sich das faschistisch verwaltete deutsche Kapital anschickte, alle Bühnen der Welt zu beherrschen. Horváth hielt sich nun vorwiegend in Österreich oder der Schweiz auf, dabei nicht selten bei den Zuckmayers in Henndorf bei Salzburg oder Chardonne am Genfer See. Horváth war ein hübscher, dunkelhaariger, etwas tapsig wirkender Mann. »Wenige Menschen waren so geliebt, von Frauen, Freunden, Kindern, kaum einer hatte so wenig persönliche Feinde«, schreibt Zuckmayer in seinen 1966 veröffentlichten Erinnerungen.*

Am 1. Juni 1938 steigt der erfolgreiche Dramatiker aus Rheinhessen mit seinem Töchterchen Winnetou – es trug wirklich diesen verfehlten Namen – auf den Chardonner Mont Pèlerin, um auf den dortigen Waldwiesen Narzissen zu pflücken, »auch für Ödöns Zimmer«. Plötzlich braust schwarzes Gewölk heran, das sie unter den nächsten Heustadel scheucht, wo sie vor Kälte und Angst zittern. »Dies war der gleiche Sturm, der vom Atlantik her über ganz Frankreich hingegangen war und etwa eine Stunde oder eine halbe Stunde vorher Paris heimgesucht hatte.« Kaum ins Hotel zurückgekehrt, muß Zuckmayer durch den Telefonanruf eines gemeinsamen Freundes erfahren, Ödön von Horváth sei soeben bei dem Unwetter mitten in Paris von einem herabstürzenden Ulmenast erschlagen worden.

Später, beim Begräbnis in Paris, erfuhr Zuckmayer auch die merkwürdige Vorgeschichte dieses Unfalls. Gewährsmann aller Informanten dürfte der angebliche Augenzeuge Fritz H. Landshoff, damals Exil-Verleger in den Niederlanden, gewesen sein. Horváth hatte ursprünglich vorgehabt, von Amsterdam aus, wo er mit dem Querido-Verlag über einen neuen Roman verhandelt hatte, geradewegs zum Genfer See zu fahren. Doch dann habe der 36jährige, für alles »Skurrile und Absonderliche« stets besonders aufgeschlossen, einen vielberedeten Hellseher aufgesucht, berichtet Zuckmayer. Offenbar stützte sich jener bei seinen Weissagungen gern auf irgendein Geschenk, das der Klient von einem Freund oder einer Freundin erhalten und nun dem Hellseher vorzulegen hatte. Allein aufgrund dessen habe der Hellseher festgestellt, Horváth müsse sofort nach Paris fahren, weil ihn dort »das entscheidende Ereignis Ihres Lebens« erwarte. Das deckt sich weitgehend mit den Angaben in Landshoffs Erinnerungen, die 25 Jahre nach denen Zuckmayers erschienen.** Der Verleger sagt, er habe Horváth auf den Hellseher aufmerksam gemacht und ihn auch bei der Konsultation begleitet. Die folgenschwere Weissagung zitiert er mit den Worten: »Sie stehen am Vorabend einer Reise, auf der Sie das größte Erlebnis Ihres Lebens haben werden.« Offenbar nahm nun Horváth an, der gute Mann beziehe sich auf den gerade in Paris wirkenden, späteren Hollywood-Regisseur Robert Siodmak, der brieflich Interesse an einer Verfilmung von Horváths jüngster Erzählung Jugend ohne Gott bekundet hatte. Nebenbei handelt es sich dabei um ein meisterhaft geschriebenes eindringliches Prosastück, das möglicher-weise sowenig einer Verfilmung bedarf wie ein Klavier einen Heustadel benötigt.

Tatsächlich fuhr Horváth anderntags nach Paris und traf für den Nachmittag des 1. Juni eine Verabredung mit Siodmak und dessen Frau Bertha in einem Kino. Doch dann sei Horváth, so wieder Zuckmayer, schon vom Regen des aufziehenden Sturmes durchnäßt, aufgeregt am Kassenhäuschen erschienen – nur um Entschuldigung zu erheischen: man möge seine Karte bitte zurückgeben, er habe etwas Dringendes vor. Damit sei er wieder im »peitschenden Regen« verschwunden. Die Ulme am Round Point, die Horváth Minuten später zum Verhängnis wurde, konnte Zuckmayer am Begräbnistag noch besichtigen. Das Übrige empfand nicht nur Zuckmayer als ziemlich rätselhaft. Immerhin hätten »alle näheren Freunde Ödöns« bestätigt, Horváth habe seit jeher an einer »Phobie« vor herabfallenden Gegenständen gelitten, fügt Zuckmayer hinzu. »In den Städten schlug er große Bögen um jeden Neubau. Er hatte öfter geäußert, er werde einmal von einem Dachziegel erschlagen werden. Was an alledem zufällig, was ursächlich ist, entzieht sich menschlicher Beurteilung.« Landshoff spricht von einer »makabren Geschichte«, die der erschlagene Autor »hätte selbst erfunden haben können«, und betont im übrigen, was ihn selber angehe, sei er aller Hellseherei stets »mit tiefem Mißtrauen« begegnet.

Klar ist nur eins: Siodmak ließ sein Vorhaben fallen. Dafür drehte er (1943) Draculas Sohn.

1930 hatte sich Horváth gründlich mit dem Todesfall der Regensburger Lehrerin Elly Maldaque befaßt, der damals hohe Wellen schlug. Sein Drama blieb Fragment. Die herzensgute, in der Jugend beliebte Frau war plötzlich behördlich verfolgt und mit 36 in eine Irrenanstalt gesteckt worden, wo sie nach kurzer Zeit verstarb. Man hatte ihr vorgeworfen, den örtlichen Kommunisten nahezustehen und sogar auf einer »Revolutionsveranstaltung« Klavier gespielt zu haben. Dabei war sie eher eine Zaghafte. Jetzt wurde sie ihrer Ängste nicht Herr, zeigte durchaus verständliche Anwandlungen von Verfolgungswahn – und weg war sie. Die WärterInnen fesselten sie ans Bett, die Ärzte pumpten sie mit Medikamenten voll und fahndeten nach Organschäden. Schon war das »Herzversagen« erzielt.

* Als wärs ein Stück von mir, hier Sonderausgabe Ffm 2006, S. 127 ff
** Amsterdam, Keizersgracht 333, Berlin 1991, S. 110




Howard, Robert E. 30 (1906–36), US-Fantasy-Schrift-steller, endet standesgemäß. Wenn einer vorschlüge, zu jenen aberwitzigen, fruchtlosen Betätigungen, die Vervollkommnung und Vermarktung gestatten, auch allerlei Arten der Literaturproduktion zu zählen, hätte er meine Unterstützung. Howard wuchs als Sohn eines Landarztes im kargen Staat Texas auf. Nach allerlei Gelegenheitsposten, vom Baumwollpflücker bis zum Journalisten, warf er sich auf mit viel Sex-Appeal gewürzte Horrorgeschichten für einschlägige Pulp-Magazine.* Er konnte sich davon ernähren, stieg freilich erst nach seinem Tod zu einer Leitfigur seiner Branche auf. Im Städtchen Cross Plains gibt es sogar ein ihm gewidmetes Museum. Man brachte es in seinem Elternhaus unter, in dem er offenbar bis zuletzt lebte, und das war möglicherweise ein Teil seines gesundheitlichen Problems. Mama verwöhnte ihn, Papa war der übliche Tyrann.** Eine frühe Schüchternheit hatte der Sprößling zunächst mit Bodybuilding und Boxen, dann mit den Horrorgeschichten bekämpft. Zeitweise soll er sogar eine feste Geliebte besessen haben, oder sie ihn. Howards Mutter Hester litt seit langem, je nach Quelle, an Tuberkulose oder Krebs. Ihre Pflege zog einige Kräfte des Sohnes von der Schundschreibmaschine ab. Trotzdem erschoß er nicht sie, wie mancher mutmaßen könnte. Als sie offensichtlich dem Tode nahe war und ihr Gatte das Schlimmste befürchtete, ging Howard in den Vorgarten zu seinem Wagen und zog die Pistole aus dem Handschuhfach, die er sich kürzlich von einem Freund geliehen hatte. Damit verpaßte er sich einen Kopfschuß. Die berüchtigte »Mutterbindung« zerriß.

Vielleicht wäre Howards Mutter gar nicht erst so schwer erkrankt, wenn er beizeiten den Alten aufs Korn genom-men hätte. Eine mindestens ebenbürtige Horrorgeschichte lieferte 60 Jahre später Howards, schon früher erwähnte österreichische Berufskollege Walter Brandorff ab, den ich leider nicht fettdrucken darf. Er war bereits über 50, als er mit fragwürdigen Bekannten in einem Hubschrauber verbrannte.

* https://en.wikipedia.org/wiki/Robert_E._Howard#/media/File:Weird_Tales_May_1934.jpg
** Horst Hermann von Allwörden, »Robert E. Howard – der Mann, der Conan schuf«, Zauberspiegel, 2006: https://www.zauberspiegel-online.de/index.php/phantastisches/gedrucktes-mainmenu-147/110-robert-e-howard-der-mann-der-conan-schuf




Hristova, Pasha 25 (1946–71), bulgarische Sängerin, schweres Flugzeugunglück. Mit ihrer mal strahlenden, mal glutvollen Stimme hatte sie ihren »Durchbruch« erst 1968 auf einem Schlagerfestival in der russischen Stadt Sotschi am Schwarzen Meer erzielt. Das paßte zu ihren dunklen Haaren, die sie meistens kurz und eher züchtig engan-liegend trug. Wie sich versteht, sah sie auch im übrigen hinreißend aus. Nichts mehr von den Reißbrettern, zwischen denen sie, als gelernte technische Zeichnerin, womöglich versauert wäre. Man hatte ihr, angeblich nur aufgrund ihrer stimmlichen Begabung, den Besuch einer Schule für Unterhaltungsmusik gestattet. Jetzt erobert sie als Gesangsolistin des Orchesters Sofia die ihr erreichbare Welt. Mit unverfänglichen Stücken wie Eine bulgarische Rose oder Wehe, Wind, wehe bringt sie alle verhärteten Herzen des »Ostblocks« zum Schmelzen. Und haben Mann und Frau jemals eine derart versunken lächelnde Rose gesehen? Ihre Kollegin Mimi Ivanova sagte später, auf der Bühne sei Pasha Herrscherin gewesen, im Privatleben dagegen scheu und zartfühlend. Aus zerbrochener Familie kommend, war Pasha bei ihrer Großmutter aufgewachsen, mit der sie angeblich auch das Bett geteilt hatte. Die Großmutter ermöglichte ihr Geigenunterricht, und Pasha hing sehr an ihr. Aber eines morgens erwachte die halbwüchsige Enkelin an der Seite eines kalten, steifen Leichnams und lernte das Gruseln.

Am 21. Dezember 1971 ist sie selber daran. An diesem Tag soll die Hristova nach Algier fliegen, um an Bulgarischen Kulturtagen mitzuwirken. Doch die Maschine kommt in Sofia kaum in die Luft, berührt nach einer heftigen seitlichen Windböe mit einer Tragfläche die Piste, zerschellt und geht in Flammen auf. Von den 73 Insassen sterben 32*, darunter die 25jährige Schlager- und Chansonsängerin und ihr zweites, noch ungeborenes Kind. Dieses Ungeborene stammte von ihrem Orchesterleiter Nikolay »Fucho« Arabadzhiev, mit dem Pasha, nach einer ersten gescheiterten Ehe, zusammengelebt hatte. Er starb an ihrer Seite. Die Untersuchungsberichte geben Wartungsfehler als Unglücksursache an, die möglicher-weise nicht aus Fahrlässigkeit, sondern mit Bedacht erfolgt seien, um die Aufdeckung krimineller Machenschaften zu verhindern. Die Angelegenheit bleibt undurchsichtig.

2000 wurde der Schlager Eine bulgarische Rose in Hristovas Heimatland zum »Lied des Jahrhunderts« erkoren.* Es heißt, es gebe wahrscheinlich keinen Bulgaren, der das Lied nicht kenne. Entgegen einer vom westdeutschen Nachkriegsschlager geprägten Erwartung wird die bulgarische Rose nicht der bezaubernden Sängerin, sondern von dieser dem Besucher Bulgariens überreicht. Er möge sie als schöne Erinnerung mitnehmen, an die Berge und Seen des Landes, und »an uns alle«. Das Lied hält die Gemeinschaft hoch. Sein milder Patriotismus verzichtet auf die Dornen der Rose.

* Yoan Kolev / Ruslana Valtcheva, »Año 1971: 'Tenga en este hermoso día una rosa búlgara de mí'«, Radio Bulgaria (spanische Version), 22. Februar 2015: https://bnr.bg/es/post/100524485?forceFullVersion=1&page_1_3=4



Hron, John 14 (1981–95). Der tschechisch-stämmige schwedische Junge wurde 1995 am Ingetorpssee (Raum Göteborg, Westschweden) zu Tode gequält. Er hatte an dem heimischem See mit seinem Freund C. gezeltet. Vier nur geringfügig ältere Neonazis griffen sich John heraus und begannen mit ihren Mißhandlungen. Man kannte sich von der Schule her. John konnte vorübergehend schwimmend in den See flüchten, kehrte aber zurück, als sie damit drohten, sich ersatzweise C. vorzunehmen. John wurde erneut bestialisch getreten, schließlich ertränkt, während sich seine Peiniger Zigaretten drehten. C. konnte per Anhalter nach Hause flüchten und die Polizei alarmieren, doch seinem Freund war nicht mehr zu helfen. Der jugendliche Haupttäter bekam acht Jahre Gefängnis. Hron beziehungsweise seine rührigen Eltern erhielten 1996 den Stig-Dagerman-Preis.



Hsu, Wei-lun 28 (1978–2007). Das taiwanische Filmsternchen sah ungefähr so betörend wie das blonde Mädchen aus, das der Held einer jüngeren Verfilmung der John-Hron-Geschichte auf dem Kinoplakat umarmt.* Hsu war natürlich schwarzhaarig. Diesen Spielraum haben wir im Komplex »Vervollkommnung und Vermarktung« immer. Hsu, auch sehr musikalisch, wie man liest, hatte außerdem einen weiß der Himmel wie lackierten Mini Cooper, den aber am 26. Januar 2007 spätabends ihr »Assistant« L. lenkte, falls einer Kurzmeldung** der Taipei Times zu trauen ist. Die beiden waren auf dem Sun Yat-sen Freeway zu Dreharbeiten in Nantou unterwegs. Nebenbei ist die Vertrauensbildung oft gar nicht so einfach. Versucht man die betreffende Kurzmeldung auf der Webseite einzuscrollen und zu lesen, fährt unerbittlich ein mehrgliedriges Schild darüber, auf dem ich vor allem dazu aufgefordert werde zu bekunden, daß mir die Webseite gefällt und ich sie unbedingt teilen will. Das zweite stimmt sogar; am liebsten zerrisse ich sie. Entweder bin ich zu dumm dazu, das x-lose Schild zu verscheuchen, oder der Terror auf den Webseiten hat auch in Taiwan schon beachtliche Ausmaße erreicht.

Assistant L. also lenkte, und er lenkte den Wagen, bei un-gefähr Tempo 125, in eine Leitplanke. Der Wagen schleu-derte und wurde dann auch noch hinterrücks von einem Lastwagen gerammt. Während Hsu zwei Tage darauf im Krankenhaus starb, kam L. mit leichten Verletzungen, möglicherweise auch Verlust- und Schuldgefühlen davon.

* https://www.imdb.com/title/tt4938746/
** »Taiwan Quick Take«, 30. Januar 2007: http://www.taipeitimes.com/News/taiwan/archives/2007/01/30/2003346907




Huber, Dieter 29 (1957–86), Realschullehrer aus Sindelfingen, Opfer eines bis heute ungeklärten Mordfalls. Man hatte Huber 1986 bei Stuttgart in seinem eigenem Auto überfallen und darin zum Bodensee entführt. Bei Engen, Kreis Konstanz, wurde er tot in der Nähe seines Wagens aufgefunden. Offensichtlich war der 29jährige brutal gequält, erstochen und wohl auch beraubt worden. Das Tatmotiv ist undurchsichtig.

Die Behörden der Strafverfolgung erlaubten sich wieder einige »Pannen«, etwa fehlende Akten und Computerdaten betreffend, oder fragwürdige Ermittlungs-Einstellungen, so im Falle eines Diebstahls, der die Justiz selber betraf. Um 1993 verschwanden nämlich einige am Tatort gesicherte Beweismittel aus der Asservatenkammer der Konstanzer Staatsanwaltschaft, an denen »mit hoher Wahrscheinlichkeit« DNA-Spuren des Mörders oder der MörderInnen hafteten.* Wie es aussieht, hatte die »Braut« eines (bereits vorbestraften) Tatverdächtigen in jener Zeit mit einem Bediensteten der Konstanzer Justiz angebändelt. Vielleicht gilt es auch hier, wie im Mordfall Olof Palme (erschossen im selben Jahr 1986), einen wenn auch ungleich kleineren Justizskandal zu vertuschen? Weshalb alles getan wird, den Mordfall Huber unaufgeklärt zu lassen und nicht vor Gericht zu bringen? Das sollen jedenfalls Verwandte des Opfers und der ehemalige, inzwischen pensionierte Chef-Ermittler Rolf Siebold argwöhnen.** Im übrigen ist es auch die Zeit des »Hammermörders« Norbert >Poehlke, eines schwäbi-schen Polizisten, bei dessen Verfolgung es gleichfalls zu etlichen »Pannen« kam.

Huber, laut Spiegel*** als Lehrer »engagiert« und »beliebt«, hatte eine Geliebte in Peru, die er demnächst heiraten wollte. Am Tag seiner Entführung befand er sich auf dem Heimweg von Stuttgarter Freunden nach Sindelfingen, 30 Kilometer. Vielleicht hatte er (vermutlich zwei) »AnhalterInnen« mitnehmen wollen, was er bekanntermaßen gelegentlich tat. Gegen den erwähnten Verdächtigen liegen angeblich zu dürre Spuren vor. Wie ich aus der Anzeige eines nicht aufrufbaren, von Daniel Müller verfaßten Zeit-Artikels vom 27. Dezember 2019 schließe, geht die schon angedeutete Rechnung, ein vermiedener Prozeß sei ein vermiedener Justizskandal, bislang auf.

* Nils Köhler, »30 Jahre alter Mordfall«, Südkurier, 11. Oktober 2016: https://www.suedkurier.de/region/kreis-konstanz/konstanz/30-Jahre-alter-Mordfall-Wer-hat-Dieter-Huber-getoetet;art372448,8945546
** Roland Reck, »Den Fall totmachen«, Wochenzeitung Kontext (Stuttgart), Nr. 266, 4. Mai 2016: https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/266/den-fall-totmachen-3625.html
*** Bruno Schrep, »Das eine verjährt nie«, 24. März 2013: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-91675477.html




Huber, Herbert 25 (1944–70), österreichischer Ski-rennläufer, zeitweise vor allem im Slalom auch interna-tional erfolgreich. 1968 noch Olympiazweiter (»Silber«) in Grenoble, Frankreich, wurde der 25 Jahre alte Leistungs-sportler Mitte Juli 1970 in seiner Kitzbühler Wohnung erhängt aufgefunden. Da die Angehörigen, Braut eingeschlossen, beteuerten*, er sei in jüngster Zeit wieder recht guter Dinge gewesen, scheint sich in Hubers Fall eine empfindliche »Niederlage« auf Schnee mit einem Wasser-unglück verbunden zu haben, das ihn nur mittelbar betraf. Im Februar war der Tiroler bei der Weltmeisterschaft in Gröden, Italien, in der Qualifikation gescheitert, sodaß er, vom Teamarzt begleitet, ohne Lorbeer heimreiste, um sich mit »Nervenzusammenbruch« in die Obhut seines Hausarztes zu begeben. Mit Sommerbeginn konnte er immerhin seine Berufstätigkeit als Bademeister im Schwimmbad Schwarzsee wieder aufnehmen. Doch wenige Tage vor seinem Griff nach dem Strick ertrank ebendort ein Badegast. Obwohl er daran »keinerlei Schuld« getragen habe, dürfte sich Bademeister Huber den Vorfall »so sehr zu Herzen genommen haben, daß er Selbstmord verübte«, schreibt das Wiener Blatt. Da auch sein Hausarzt, angesichts des Erhängten, »vor einem Rätsel« stand, nehme ich an, Huber hatte keine Erklärungen abgegeben. Dies alles war der Webseite seines Heimatvereins K.S.C zu detailversessen, weshalb sie in einem Gedenkartikel** schlicht davon spricht, Huber sei am 15. Juli 1970, anscheinend aus heiterem Himmel, »verstorben«. Vielleicht ist der Artikel nicht von Leistungssportlern, vielmehr Schlappschwänzen verfaßt und gebilligt worden.

* »Skimeister Huber beging Selbstmord / Löste Ertrunkener Depres-sionen aus?«, Wiener Arbeiter-Zeitung, 17. Juli 1970: http://www.arbeiter-zeitung.at/cgi-bin/archiv/flash.pl?seite=19700717_A09;html=1
** vom 14. Dezember 2014, Stand Februar 2021: https://skikitz.org/beitraege/herbert-huber-unvergessen/




Hufsky, Florian 23 (1986–2009). Der Wiener Grafikstudent und Hacker war Gründer (2006) und Vorstandsmitglied der österreichischen Piratenpartei und Veranlasser verschiedener Medienkunstprojekte. Er machte sich unter anderem für den ungehinderten Zugriff auf das im Internet versammelte Wissen für private, nichtkommerzielle Zwecke stark, warnte jedoch zugleich vor einer »Big-Brother«-Gesellschaft, die er aufgrund der allgemeinen Digitalisierung drohen sah, vor der Zerstörung von Privatsphäre also. Die deutschsprachige Wikipedia übertrifft ihn darin, indem sie zum erstaunlich frühen Ableben des 23jährigen nicht ein erklärendes Wort verliert (Stand Februar 2021). Woanders munkelt man selbstverständlich von Selbstmord. Aber warum? Nach verstreuten Äußerungen von Bekannten lagen übliche Motive wie Liebeskummer, Beschämung, Schulden, Verbrechen, unheilbare Krankheit anscheinend nicht vor. So murmelt man »völlig unerwartet« und zieht sich wieder einmal auf die Gummilösung zurück, »Depression«. Von den konkreten Todesumständen oder einer polizeilichen Untersuchung ist nirgends die Rede.

Das war bei Karl Koch (1965–89) aus Hannover anders gewesen. Auch er war bei seinem Tod erst 23, und er kann als ein Urahn Hufskys oder als Pionier der deutschen »Hacker«- und »Chaos-Computer-Club«-Bewegung angesehen werden. Man fand seinen verkohlten Leichnam Anfang Juni 1989 bei Gifhorn, Niedersachsen, in einem Wald. Neben ihm lag ein zerschmolzener Benzinkanister. Der knochentrockene Wald stand noch unversehrt im Hahnenmoor. Auch diese Geschichte wurde später (1998) prompt verfilmt. Der berufslose Koch, 1984 durch den Tod seines Vaters zu Geld und einem neuen, damals noch sehr neuen Computer gekommen, und ein paar Mitstreiter-Innen hatten durch einige spektakuläre »Einbrüche« in Computernetzwerke Aufsehen erregt und sich dann wahrscheinlich in geheimdienstliche oder andere kriminelle Aktivitäten verstrickt. Möglicherweise waren sie von ihrer »Allmacht« berauscht und insofern vom »anarchistischen« Pfad abgekommen. Einem in Ostberlin stationierten KGB-Offizier sollen sie wiederholt Material auf Disketten verkauft haben, um dabei mitzuhelfen, den IT-Rückstand des »Sozialistischen Lagers« zu verringern.* Um 1987 kam man dem Grüppchen jedoch ansatzweise auf die Spur. Koch bekam plötzlich kalte Füße und offenbarte sich dem westdeutschen Verfassungsschutz, später auch Fernsehreportern. Nun hatten die Hannoveraner Hacker das BKA und die Justiz am Hals, was sie vermutlich mehrheitlich nicht so schön fanden. Über Kochs Motiv zum »Verrat« wird gemutmaßt, er habe Angst vor Strafe (wegen Spionage) gehabt und sich nun Milde erhofft. In deren Genuß kam er nicht mehr. Ferner waren zumindest bei Koch, dem »Aussteiger«, zunehmend Aberglaube, kostspieliger Drogenkonsum sowie seelische Probleme im Spiel gewesen, die den jungen Mann aus zerrüttetem Elternhaus vorübergehend sogar in eine Klinik geführt hatten. Ob er sich das Benzin eigenhändig über den geplagten Kopf goß oder aber »beseitigt« wurde, damit er nicht noch mehr ausplaudere, ist bis heute ungeklärt.

Ilya Zhitomirskiy (1989–2011) war noch jünger, 22. Der US-Mathematikstudent, Mitentwickler der frei verfügbaren Software Diaspora und des gleichnamigen »sozialen Netzwerks«, brachte sich im November 2011 in San Francisco durch Einatmen von Helium um. Auch hier heißt es, er habe schon seit längerem an Depressionen gelitten. Sein wichtigstes »Hobby« soll Gesellschaftstanz gewesen sein. Zhitomirskiys Mutter äußerte sich zu den »Depressionen« nicht, behauptete jedoch, ohne das geldverschlingende und nervenzehrende Geschäft, ein »alternatives« Computerprogramm unter möglichst geringem Verlust an Idealen durchzusetzen, hätte ihr Sohn sicherlich länger gelebt. Aber kaum als Profi auf dem Tanzparkett …

Für Zhitomirskiys Landsmann und Geistesverwandten Aaron Swartz (1986–2013), als Programmierer in verschiedenen Projekten frei verfügbaren Wissens tätig, kam es sogar knüppeldick. Obwohl er sich mit einem angeblich bestohlenem Institut gütlich geeinigt hatte, warf ihm die Justiz 2011 Datenraub im großen Stil vor und setzte ihn nur gegen eine Kaution von 100.000 Dollar wieder auf freien Fuß. Damit hing das Damoklesschwert einer mehr oder weniger hohen Haftstrafe zuzüglich saftiger Geldstrafe über dem dunkelbraunem Schopf des körperlich kleinen jungen Mannes, der oft als »brillanter«, manchmal auch »arroganter« Kopf geschildert wird. Der Gerichtsprozeß war für April 2013 angesetzt. Am 11. Januar wurde der 26jährige in seinem New Yorker Appartement von seiner Gefährtin erhängt aufgefunden. Eine Nachricht hatte er (angeblich) nicht hinterlassen. Auch von Swartz heißt es allerdings, er sei von Hause aus depressiv gestimmt gewesen. Ein Gummihammer, der wahrscheinlich auf 90 von 100 Köpfen paßt. Angehörige und Freunde sahen ihn vornehmlich als Opfer der kombinierten IT- und Staatsmaschinerie.

Die Schwierigkeit, das Mosaik eines Selbstmordmotivs zu bestimmen, erinnert an den Umstand, daß grundsätzlich viele Phänomene der Menschenwelt »ambivalent« sind, wie ich meist dazu sage, obwohl ich kein Freund von Fremdworten bin. Sie sind mehrdeutig, schillernd, unbestimmt, lassen sich deshalb so oder so erklären beziehungsweise nutzen. Aber manche sind es eben auch nicht. Für mein Empfinden gibt es so wenig böse oder gute Schützenpanzer wie es böse oder gute Vergewaltigungen gibt. Das Gleiche würde ich von Politikern behaupten. Hier weiß ich mich mit der Definition aus E. G. Seeligers Handbuch des Schwindels einig: »Der Politiker ist der Zweihänder, um dessentwillen die Politik da ist.« Das schließt selbstverständlich auch politische Parteien ein. Diese Dinge sind immer schlecht. Dagegen kann derselbe Hammer einmal dazu dienen, eine gefährlich schwankende Deckenbohle festzunageln, ein andermal dazu, Simenons Witwe Couderc den Schädel zu zertrümmern. Entspre-chendes gilt für Faustregeln oder Schmerztabletten: dem einen schaden sie, dem anderen nicht. Nur hat leider noch niemand die doppelbrennweitige Lupe erfunden, mit der sich das jeweils zur Diskussion stehende Phänomen zweifelsfrei nach »eindeutig« oder »ambivalent« sortieren ließe. Was sich bestenfalls aufstellen läßt, wäre eine Rang-liste der Phänomene nach Verleitungsgrad. Hier stünde das Handy weit über dem Hammer. Die »Benutzerfreund-lichkeit« eines lediglich schokoladentäfelchengroßen Computers, der uns mit sämtlichen Einsichten und Winkeln der Welt zu verbinden scheint, verleitet fast jeden, dem Nachdenken das Nachschlagen vorzuziehen sowie seine Lieben oder InteressenvertreterInnen unablässig totzureden oder ihnen wenigstens die Muße oder die Konzentrationsfähigkeit zu stehlen. Das streift allerdings den altbekannten Zuständigkeitsbereich des Sprichwortes, Gelegenheit mache Diebe.

Wahrscheinlich stehen wir bei sozialen Netzwerken oder dem Internet überhaupt vor der gleichen Schwierigkeit des Urteilens. Vielleicht sind sie ambivalent. Was hieße, es käme auf die Umstände der Nutzung an. Die sind aller-dings gegenwärtig ziemlich eindeutig. Wir Internetwilligen sind von Energieriesen und Megasuchmaschinen ab-hängig, die Strom und Daten wahlweise liefern oder sper-ren, dabei vom Laien kaum durchschaubar, geschweige denn beeinflußbar sind. Wir stehen nahezu lückenlos unter geheimdienstlicher Aufsicht, staatlicher Bedrohung und einer Gehirnwäsche, die kommerzielle, dabei zunehmend auch gesundheitspolizeiliche Zwecke verfolgt. Somit dürfte in diesem Fall klar sein, die verheerende Wirkung übertrifft die segensreiche Wirkung um zahlreiche Pferdelängen. Kapitalismus und Zentralisierung sind immer schlecht.

* Peter Welchering, »Von den Anfängen des Cyberwars«, Deutsch-landfunk Kultur, 13. Februar 2019: https://www.deutschlandfunkkultur.de/hacken-im-kalten-krieg-von-den-anfaengen-des-cyberwars.976.de.html?dram:article_id=440916



Hundbiß, Friedrich Anton von 36 (1769–1805), süddeutscher Obervogt, bringt sich um. Der Obervogt war ungefähr dem späterem Landrat vergleichbar, nur nicht in parlamentarischen, vielmehr feudalen Diensten. Von Hundbiß' Vater hatte dieses Amt auch schon bekleidet. Amtsgebiet war die Bodensee-Insel Reichenau nebst einigen umliegenden Festlandsgebieten. Von Hundbiß junior residierte auf »seiner« Insel in der stattlichen zweigeschossigen »Kaiserpfalz«, die über etliche Nebengebäude verfügte und, mit ihrem hohem Rittersaal, auch Gerichtssitz war. Sein oberster Dienstherr war vorwiegend ein Konstanzer Fürstbischof, zuletzt, seit 1803, ein badischer Markgraf. Von Hundbiß war mit der gleichaltrigen Freiin Sophie von Rotberg verheiratet und zeugte zwei Kinder – in der Ehe jedenfalls. Theodor Humpert* möchte nicht behaupten, die Ehe sei glücklich gewesen, weiß aber auch nichts von ihr. Nach sicherlich »bösen Zungen« habe der junge Obervogt so manchem heimischem Mädchen nachgestellt. Andererseits zitiert Humpert aus einem 1805 (im Todesjahr) verfaßten Brief an Von Hundbiß' Gönner und Freund Ignaz Heinrich von Wessenberg, Konstanzer Generalvikar: »So lieb wie Sie war mir noch kein Mensch, ich könnte für Sie mein Leben geben …« Das mag unter Umständen als schwule Neigung ausgelegt werden, beweist aber wenigstens, der General-vikar war ihm lieber als die Schraube zu Hause.

Als Obervogt hatte Von Hundbiß »die Hoheitsrechte in allen Justiz-, Polizei- und Forstangelegenheiten« inne, und er scheint sie auch mit Lust wahrgenommen zu haben. Heimatforscher Humpert steht ihm in seinem »jugend-lichem Feuereifer« kaum nach. Der Obervogt habe nicht nur die Bestechung unter Beamten und Waisenpflegern bekämpft, die nächtlichen Zechgelage nach 22 Uhr verboten und den einträglichen Weinbau auf Reichenau zu steigern versucht, sondern er sei auch mit »unerbittlicher Strenge« allem »lichtscheuen Gesindel«, das sich bei Konstanz, auf dem Bodanrück oder auf der Insel herumtrieb, auf die Pelle gerückt. Sein besonderes Verfahren gegen aufgegriffene »Spitzbuben, Tunichtgute und anderes Gaunerpack« (so Humpert) habe darin bestanden, sie erst einmal von der Polizei tüchtig »ausprügeln« zu lassen. Das habe »auch unter diesen Leuten« oft eine heilsame Wirkung gezeigt und damit der Obervogteikasse manche Verpflegungskosten im Zuchthaus erspart. Man fühlt sich hier unweigerlich an den kurhessischen Juristen und Spitzenpolitiker Ludwig Hassenpflug (1794–1862) erinnert, der zeitweise sogar die Prügelstrafe wieder einführte, um seinem Spitznamen »Hessenfluch« auch wirklich gerecht zu werden. Der Reaktionär gibt ein Glanzlicht in meiner Betrachtung »Spitznamen, aufgespießt« von 2012 ab, die ich auf Wunsch gern verschicke. Humpert merkt an, die Sippe des Reichenauer Obervogts habe sich streckenweise auch »Hundpiß« geschrieben. Da hatte sie ja den Uringestank, der ihr an den Landstreichern mißfiel.

Zwar schreibt Humpert, der Regimewechsel von 1803 – das Fürstentum Konstanz fällt an Baden – habe Von Hundbiß stark zugesetzt, aber die genauen Gründe nennt er nicht. Der Obervogt blieb nämlich durchaus im Amt. Womöglich wurden seine Bezüge gekürzt? Die schweizerischen Teile seines Amtsgebietes hatte er ja offenbar schon im Zuge der Thurgauer Unabhängigkeits-bewegung von 1798 eingebüßt. Seine Amtsführung wurde nach wie vor gelobt, owohl er sich Kritik an der neuen Landesherrschaft keineswegs verkniffen habe. Vielleicht wehte jetzt einfach ein liberalerer Wind über den Bodensee. Jedenfalls soll der Obervogt dem Generalvikar schon im Frühjahr 1805 seine »böse Schwermut« eingestanden haben. Trübe Gedanken und Todesahnungen hätten ihn heimgesucht. Wenige Monate später, am 18. September, macht sich der 36jährige »seinen« See zunutze: er ertränkt sich. Ob es einen unmittelbaren Auslöser gab (bei dieser Kühle!), scheint niemand zu wissen. Das gilt auch für das Wie. Humpert zufolge vermerkt das Totenbuch von St. Johann ausdrücklich, Näheres finde sich auf einem besonderen Blatt am Beginn des Buches – doch ausgerechnet dieses Blatt fehle, so ein Pech.

Vielleicht nahm er ein Ruderboot mit Anker – und band sich diesen dann vielmals verknotet ans Bein, bevor er »ausstieg« … Wichtiger dürfte freilich die Frage sein, was es eigentlich mit der vielbeschworenen Heimat und der Liebe zu ihr auf sich habe. Wie sich versteht, hält auch das verdienstvolle Heft meiner Quelle die Heimatliebe schmerzlich hoch. Wenn Hermine Maierheuser freilich (auf S. 128) dichtet, »Heimat, du rauschest in jeglichem Baum, / Heimat, du wirkst in der Fremde den Traum, der uns mit Mächten nach Hause treibt«, verrät sie eine Ahnung von der haarsträubenden Zufälligkeit der Angelegenheit. Erblicke ich das Licht der Welt in Baden, stehen die prächtigsten Fichten der Welt im Schwarzwald; wenn aber nicht, dann im Erzgebirge oder in Kanada. Hier wie dort hängt unsere Empfindung der Geborgenheit, ja unsere Idendität überhaupt an ganz bestimmten, einzigartigen Fichten, bilden wir uns ein. Dabei sind es überall die gleichen. In Wahrheit lauert der Unhold des BesitzerInnenstolzes, der Intoleranz und des Fanatismus in den traulichen Wäldern der HeimatliebhaberInnen. Meine Heimat ist besonders wertvoll; sie ist liebenswerter und wichtiger als deine Heimat. Dieser Irrglaube entsteigt der allgemeinen, außerordentlich hartnäckigen Neigung des Menschen, »das Eigene« zu überschätzen und notfalls das Kriegsbeil für es zu wetzen. Deshalb hält sich der Kapitalismus schon so verblüffend lange, obwohl er x-mal mehr Schaden anrichtet als Nutzen bringt. Im Kapitalis-mus darf man auf sein Eigentum pochen – mag es aus Grundstücken, Romanstoffen, Vorzügen, Meinungen, Ansprüchen, angeblichem Recht bestehen. In der Heimatliebe haben wir den Boden, aus dem Eigennutz und Selbstgerechtigkeit, Patriotismus und Doppelmoral in einem sprießen. Wenn die Inselgemeinde Reichenau heute über einen ansehnlichen Waldbesitz auf dem Bodanrück verfüge, stellt Heimatforscher Humpert fest, »so verdankt sie dies ihrem Obervogt v. Hundbiß, der am 25. Juli 1801 bei der Verteilung des sogenannten Dettinger Waldes rund 682 Jauchert** den Reichenauern zusprach.« Er schanzte es also zunächst einmal sich selbst und seinen beiden Sprößlingen zu. Den Landstreichern schenkte er die Prügel.

* »Friedrich von Hundbiß, der letzte Obervogt der Reichenau«, in: Badische Heimat, 32. Jg. 1952, Heft 2/3, S. 99–103
** 1 Jauchert = ca. 1/3 Hektar




Fortsetzung Hune—Jy
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