Montag, 11. Oktober 2021
A-21→Waldecker Glanzstücke
2002/07

Josias Erbprinz zu Waldeck und Pyrmont residierte bis zu seinem Tod 1967 mit geringen Unterbrechungen in Arolsen, das ein in vielen Kunstführern gerühmtes Barockschloß hat. In Wolfgang Meddings umfangreicher Stadtgeschichte Korbach von 1955, die auch als wichtiges Werk zur Geschichte des Fürstentums Waldeck gilt, taucht der Erbprinz mit keinem Sterbenswörtchen auf. Für Medding hat er nie existiert.

Dabei hatte Josias sicherlich nicht nur einmal in der nahen Kreisstadt Korbach zu tun. Vor mir liegen Fotos. Reichsbauernführer Darré spricht vor 7.000 Leuten auf dem Hauerplatz. Die Parade in der Hindenburgstraße nimmt Josias ab. Wie sich versteht, trägt er die schwarze Uniform der SS. Josias war nicht irgendwer. Als einer der ersten Vertreter des deutschen Adels hatte er sich gleich 1929 – da ließ sich das Fürstentum Waldeck endlich von Preußen einverleiben – der SS angedient. Er sorgt dafür, daß seine Residenz Arolsen Garnisonstadt und eine Hochburg der Nazis wird. Bei der »Ausschaltung« der um Ernst Röhm gruppierten SA-Führung legt er sich vor Ort – in München – ins Zeug. Eine Zeitlang ist er als Laienrichter an den brutalen Urteilen des Berliner »Volksgerichtshofes« beteiligt. Schließlich macht ihn sein Duzfreund Heinrich Himmler zu einem der 47 Höheren SS- und Polizeiführer des »Dritten Reiches«. In Fragen der Gerichtsbarkeit untersteht ihm damit auch das KZ Buchenwald bei Weimar. Noch im Frühjahr 1945 befiehlt er dessen Evakuierung, was Hunderten Häftlingen das Leben kostet.

22 Jahre später stirbt der 71jährige Landesfürst selber – in Frieden. Die Lokalpresse hat es leicht, den Toten in weißer Weste zu geben, weil niemand in dem Dreck zu stochern wagt, der längst unter den Teppich gekehrt worden ist. Wegen seines »untadeligen« Lebenswandels, den man ihm nun bescheinigt, war Josias 1947 von einem US-Militär-gericht zu lebenslanger Haft verurteilt worden. 1948 zu 20jähriger Haft begnadigt, verurteilte ihn ein Jahr darauf eine deutsche Spruchkammer zu fünf Jahren Arbeitslager abzüglich der bisherigen Haftdauer und zur Abgabe von 70 Prozent seines Vermögens. Selbst das war angesichts des nahenden Wirtschafts- und Verzeihungswunders noch zu viel. So wird er schon 1950 zum »Hausarrest« auf sein fürstliches Anwesen in Arolsen entlassen, und auch sein Vermögen bleibt nahezu unangetastet. Schließlich ist Sprößling Wittekind da, der solide erzogen und ausgebildet werden muß.

Zwar schreibt auch Gerhard Menk keine Geschichte von unten, doch muß man dem Marburger Staatsarchivar zugute halten, die schändliche Rolle des Josias in seinem Büchlein Waldecks Beitrag für das heutige Hessen (2001) nicht verschwiegen zu haben. Über das 1949 in Fritzlar stattfindende Spruchkammerverfahren gegen Josias gibt er sogar Details, die Anke Schmelings bahnbrechende Josias-Studie von 1993 ergänzen. Scharen angereister AnhängerInnen stärkten ihrem »Fürsten« den Rücken. Es kam zu Tumulten, die nur durch Polizeieinsatz unterbunden werden konnten. Von Reue bei Josias keine Spur. Vielmehr bemüht er sich in geschickter Demagogie, sein disziplinarisches Vorgehen gegen den Buchenwald-Lagerleiter Karl Koch mit dem antifaschistischem Widerstand in Verbindung zu bringen. Das nennt Menk frivol. Ein schockierter US-Offizier versichert in seinem Bericht, auf dem Niveau der »Entnazifizierung« werde in Deutschland keine Demokratie bestehen können.

Inzwischen hat Sprößling Wittekind, Jahrgang 1936, schon seinerseits die 70 überschritten. Mit dem Titel des »Fürsten« übernahm er von seinem Vater den Sinn für die rechte Traditionspflege. Hessens Ministerpräsident Roland Koch wußte das 2001 durch die Verleihung eines Verdienstordens zu würdigen. Unter Wittekinds mehr oder weniger heimlichen Schirmherrschaft konnten in Arolsen noch um 1990 die regelmäßigen »Kameradschaftstreffen« diverser SS-Einheiten und Wehrmachtsverbände statt-finden. Sein Ruhestand ist gesichert. Das Land Hessen, das sein verkommenes Barockschloß für veranschlagte 20 Millionen Euro sanieren läßt, räumte ihm dort ein Wohnrecht auf Lebenszeit ein. Sein Vermögen – auf 3.000 Hektar Land- und Waldbesitz fußend – wurde vor rund 20 Jahren auf 65 Millionen Mark geschätzt.

Damals empfing er eine Journalistin der Frankfurter Rundschau. Anne Riedel* erkundigte sich auch, wie Wittekind mit seinen berühmten Paten umgehe. »Über-haupt nicht.« Sich von ihnen zu distanzieren oder zu lösen, halte er für überflüssig. »Die haben sich von mir gelöst. Als ich neun war, waren die tot.« Nur von daher spricht Wittekind von einem »Fehlgriff« bei der Auswahl seiner Paten – sie konnten sich nicht mehr um ihn kümmern. Die Paten hießen Heinrich Himmler und Adolf Hitler.

* »Die Anhänglichkeit der alten Kameraden«, FR 7. Juli 1988
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