Samstag, 9. Oktober 2021
LdF Folge Ha—Hez

Haack, Günther 36 (1929–65), DDR-Bühnenkünstler. Andernorts habe ich einmal das wenig rühmliche Ende des DDR-Star-Filmregisseurs Slatan Dudow behandelt (1963). An dessen letzter Arbeit Christine war damals auch der 34 Jahre alte Schauspieler Günther Haack beteiligt, als Luftschaukelarbeiter Georgi und einer von etlichen Geliebten der titelgebenden Landarbeiterin. Dagegen war er nicht an Dudows Autounfall beteiligt – noch nicht. Das kam zwei Jahre später. Mit seinem knapp 34jährigem Kollegen Manfred Raasch (1931–65) und wohl noch anderen DDR-Bühnenkünstlern saß er im Juni 1965 vor oder nach einem Auftritt im Bitterfelder Kulturhaus (die Quellen widersprechen sich) in einem Auto, das zwischen Delitzsch und Leipzig auf der F 184 verunglückte. Fahrer soll der »unter Alkoholeinfluß« gestandene Regisseur Hans Knötzsch gewesen sein, der deshalb später vor Gericht kam.* Raasch und Haack erlagen ihren Unfallver-letzungen. Haack hatte einst selber einen schweren Autounfall (mit Unfallflucht) vorgelegt, durch den er (1957) zu Strafarbeit im Bergbau und dauerhaftem Führerscheinentzug kam.** Es gelang ihm später, erneut die Bühne zu erklimmen. Kollege Raasch, unter anderem beliebter Sänger von sogenannten »Seemannsliedern«, hatte 1963 die Single Die Liebe ist immer an Bord / … dann ist mein Glück gemacht herausgebracht, Amiga Nr. 4 50 406. Als Bundesverkehrsminister würde ich diese Scheibe gleich zwischen dem Autopiloten und der Innenraum-Überwachungskamera zwangsweise in alle Neuwagen einbauen lassen.

* Neues Deutschland 25. Januar 1966
** ND 13. Februar 1958 (»2 ½ Jahre Gefängnis für Haack«)




Habert, Philippe c.33 (1604?–37), französischer Schriftsteller und Hauptmann der Artillerie. Über seine literarischen Leistungen ist so gut wie nichts zu erfahren. Den Nachschlagewerken genügt es zumeist, auf Haberts Sitz in der geheiligten Akademie zu verweisen, Nr. 11. Für Antimilitaristen halten sie noch den Leckerbissen von Haberts Ende bereit: gerade einmal Anfang 30 (die Angaben schwanken), wurde er im Sommer 1637 in Aimeries, Hennegau, Belgien, wohl bei einer Belagerung, unter Gebäudetrümmern begraben, als ein Munitions-depot in die Luft flog. Vermutlich fielen bei dieser Explosion eines Tempels des Todes auch noch ein paar »einfache« Leichen an, aber die saßen nicht in der Akademie. Der kursiv gesetzte Titel gehört zu einem hier und dort gepriesenen Gedicht, das der junge Kriegshand-werker einst ahnungsvoll verfaßt hatte. Ich erinnere nebenbei an das ähnlich heftige und jähe Ende des niederländischen Malers Carel >Fabritius, der knapp 20 Jahre später beim »Delfter Donnerschlag« ums Leben kam – allerdings mitten im Frieden.



Hack, Ernst 39 (1946–86), österreichischer Ringer und Kletterer. Die deutsche Wikipedia verkündet, der starke Mann, ehemals erfolgreicher Ringer, mehrmaliger Staatsmeister in seiner Sparte, nun als Kaufmännischer Angestellter erwerbstätig, sei am Sonntag den 1. Juni 1986 bei einer Bergtour in seiner oberösterreichischen Heimat das Opfer eines Steinschlages geworden. Das ist mindestens ungenau. Vielleicht hat sich einer den Steinschlag aus den Fingern gesogen, um den guten Ruf des Sportsmannes zu schützen. Einzelheiten und Belege werden nicht gegeben. Dafür erfahren wir, Hacks Verein SK Vöest Linz ehre ihn durch regelmäßige Schülerring-kampfturniere. Immerhin erwähnen einige Webseiten überdies einen Sohn, geboren 1985 – erstaunlich spät. Nachdem er 1986 »seine Eltern« verloren habe, sei er, nahe Linz, bei seinen Großeltern aufgewachsen. Hack junior soll Dr.phil, Sporthistoriker und Literat sein. Aus diesem Hinweis schloß ich zunächst, bei jenem »Stein-schlag« habe es auch des Sohnes (nirgends erwähnte, weil zu unwichtige) Mutter erwischt. Aber auch das ist ein Trugschluß. Nach Unfallbericht* eines Linzer Blattes erlag Ernst Hacks 34 Jahre alte Ehefrau Berta bereits am 4. Januar des Jahres einem Gehirntumor. Eine üble Sache. Sie wäre wohl für manchen Gatten ein handfester Selbstmordgrund gewesen.

Ex-Ringer Hack, nur 1,63 m groß, war leidenschaftlicher Alpinist und hielt sich häufig im sogenannten »Kletter-garten« auf dem Buchenkogel bei Walding (westlich von Linz) auf. So auch an jenem verhängnisvollem Sommertag wenige Monate nach dem Tod seiner Frau. Hier sei der 39jährige, so das Linzer Blatt, am Abend offensichtlich oder jedenfalls mutmaßlich von einer 25 Meter hohen Granitwand abgestürzt, wohl aus ungefähr 15 Meter Höhe. Man fand ihn erst am nächsten Vormittag, weil die anderen Kletterer vor Hack abgezogen waren. Mit diesem Vorfall waren vier Kinder, zwischen sieben Monaten und 11 Jahre alt, innerhalb von fünf Monaten zu Vollwaisen geworden. Sie kamen jetzt in die Obhut der Mutter der verstorbenen Berta Hack.

Den Gemüts- und Gesundheitszustand des Abgestürzten deutet das Blatt mit keinem Komma an. Den müßte man aber kennen, um den Vorfall mit gewisser Wahrscheinlich-keit einschätzen zu können. Die Polizei habe eine Obduktion angekündigt. Ergebnis? Unbekannt. Meine Versuche, mit den Kindern in Kontakt zu kommen, sind bislang fehlgeschlagen.

* »Linz: In nur fünf Monaten wurden vier Kinder zu Vollwaisen«, Oberösterreichische Nachrichten, 3. Juni 1986



Haddad, Tahar 36 (1899–1935), tunesischer arbeiter- und frauenfreundlicher Schriftsteller. Studierter Jurist, war der Sohn eines Geflügelhändlers in Tunis zunächst Notar, Politiker und Journalist geworden. Er kämpfte für die Unabhängigkeit von Frankreich und schuf die erste tunesische Gewerkschaft mit. Besonders beschäftigte ihn die Rolle der Frau. 1930 erregte er mit seinem Buch Unsere Frau in der Scharia und in der Gesellschaft Aufsehen, worin er behauptete oder nachwies, der Koran verbiete mit keinem Komma die Gleichstellung der Frau, und entsprechende, vergleichsweise revolutionäre Forderungen erhob. Damit zog er sich heftige Angriffe von Gelehrten und Publizisten zu, die ihn als Ketzer verdammten und vielfach verleumdeten. Er verlor seine Zulassung als Notar, hatte auch Tätlichkeiten auf offener Straße in Kauf zu nehmen und zog sich zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück. Nach Martina Sabra* setzten ihm die Anfeindungen, die zum Teil sogar von »Weggefährten« kamen, auch gesundheitlich stark zu. Offenbar erlag er, mit 36, einem Herzleiden. Die französische spricht auch von Tuberkulose.

Rund 20 Jahre später, 1956, so Sabra, »nahm der erste Staatspräsident des unabhängigen Tunesien, Habib Bourguiba, die Thesen von Tahar Haddad als Grundlage für die Ausarbeitung des modernsten arabischen Familienrechts aller Zeiten. So wurde beispielsweise das Polygamieverbot umgesetzt, die juristische Gleichstellung von Mann und Frau bei Scheidungen eingeführt, ebenso wie das Verbot, Minderjährige gegen ihren Willen zu ver-heiraten.« Das hätte vermutlich Touria >Chaoui gefallen, der blutjungen Pilotin aus Marokko, die im selbem Jahr 1956, in Casablanca, auf offener Straße erschossen wurde.

* »Ein korantreuer Rebell«, Quantara.de, 25. November 2010: https://de.qantara.de/inhalt/der-tunesische-islamgelehrte-und-aktivist-tahar-haddad-ein-korantreuer-rebell



Hahn, Hanno 38 (1922–60), Leutnant und Panzerkom-mandant der deutschen Wehrmacht, anschließend demokratischer Kunsthistoriker. Ich nehme an, hier fiel der Apfel nicht weit vom Stamm. Hahn war der einzige Sohn des berühmten Chemikers, Fachmanns für Radioaktivität und Anpassungskünstlers Otto Hahn, der von 1928–45 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin-Dahlem leitete, und zwar, meinem Brockhaus zufolge, lückenlos. Anschließend war er langjährig Präsident der demokratischen Max-Planck-Gesellschaft. Diese übergeht im Vorspann zum Nachlaß des Juniors den militärischen Abschnitt von dessen Laufbahn, erhebt dafür jedoch das Ende des kunsthistorischen Abschnitts zum bekannten »tragischen« Autounfall.*

Kunsthistoriker Hahn werden vor allem wichtige Entdek-kungen auf dem Felde mittelalterlicher Kirchenbaukunst der Zisterzienser zugeschrieben. In diesem Rahmen unternahm er naturgemäß viele Reisen. Seit 1945 war er mit der zwei Jahre älteren Operationsschwester Ilse Pletz verheiratet, die er in einem ukrainischem Feldlazarett anläßlich der Amputation seines linken Armes kennenge-lernt hatte. Sie begleitete ihn auch bei einer Studienreise durch Nordfrankreich im August 1960. Oder fuhr sie ihn gar, den Einarmigen? Man erfährt es nirgends. Jedenfalls war es ein Autounfall, und das bei Metz in Lothringen. Wieder einmal soll ein platzender Reifen schuld gewesen sein. Der Wagen habe sich überschlagen. Von Dritten ist keine Rede. Mit Hanno starb Gattin Ilse, »schon« 40 Jahre alt. Das Paar hinterließ einen halbwüchsigen Sohn.

Bundespräsident Theodor Heuss sprach Hahn senior umgehend sein »innigstes Mitgefühl« aus. Dann ging Heuss zu Hans-Christoph Seebohm hinüber und ließ sich die neusten Autobahnbaupläne erläutern. Seebohm war damals Verkehrsminister.

* Bibliotheca Hertziana, Stand 2021: https://www.biblhertz.it/de/hanno-hahn



Haid, Grit 38 (1900–38). Wie es aussieht, hatte sich die gleichaltrig verunglückte österreichische Schauspielerin bereits aus dem Filmgeschäft zurückgezogen, als Hitlers Mannen ihre Gelüste kundtaten, Wien – und womöglich auch das knusprige »heitere Wiener Mädel«, so ihr Fach, zu verspeisen. Sie war inzwischen, nach Dutzenden von Kinofilmen, mit dem anscheinend jüdischem Drehbuch-autor und Filmproduzenten Josef Than verheiratet und gab Bühnengastspiele in etlichen mitteleuropäischen Städten, darunter London und Stockholm. Ihr Ehemann soll sich zuletzt, im August 1938, in Paris aufgehalten haben, wo er bald darauf auch Exil nahm. Also flog sie zu ihm. Aber sie kam nicht an. Haid saß am verhängnisvollem 13. August mit 16 weiteren Personen in einer aus Prag kommenden Linienmaschine, die im Schwarzwald in Nebel und Regen geriet. Wohl in der irrigen Meinung, er befinde sich bereits in der Rheinebene, durchstieß der Pilot eine Nebelwand – und blieb an dem rund 600 Meter hohen Buchwälder Kopf hängen, wie das Durbacher Heimatmuseum dokumentiert.* Es gab 17 Tote – unter ihnen also auch eine Mitwirkende im Streifen Saxophon-Susi, 1928.**

* Josef Werner, »Tschechisches Verkehrsflugzeug am Buchwälder Kopf abgestürzt«, August 2018: http://www.museum-durbach.de/ortsgeschichte-und-weinbau/berichte-und-dokumentationen/tschechisches-verkehrsflugzeug-am-buchwaelder-kopf-abgestuerzt.html
** https://www.imdb.com/title/tt0019354/?ref_=nm_flmg_act_23




Hallstein, Willy 35 (1887–1923), Münchener Grafiker, Plakatkünstler, Buchillustrator und Karikaturist, bis zuletzt für das Wochenblatt Jugend tätig. Über ihn wissen wir wenig, obwohl es neuerdings sogar ein Buch* über ihn gibt. Das deckt sich mit seiner ungewöhnlichen körperlichen Kürze, 149 Zentimeter, die ihm immerhin zur Verschonung vom aktivem Kriegsdienst verholfen haben dürfte (S. 14), und freilich auch mit seiner mageren Lebensdauer. Auf einer Zeichnung seines Berufskollegen und Freundes Rudolf Schmalfuß (!) vom Vorabend des Todes sieht man den ohnehin schmalen Kopf Hallsteins schon fast auf Briefmarkenstärke reduziert, ab in den Himmel (S.16). Die Krankheit ist bislang unklar – man darf, wieder einmal, Tuberkulose oder »Spanische« Grippe vermuten. Hallstein hatte sich 1920 mit der 12 Jahre jüngeren Kaufmannstochter Elsa Maria Zink verheiratet, doch anscheinend sind weder der Pegel des Schwabinger Haus- noch des denkbaren Kindersegens überliefert. Etliche köstliche Blätter ließ er zurück, ja, das schon.

In meiner Erzählung »Schnitzeljagd mit Leichenschmaus«, Spielzeit um 1965, machte ich Hallstein zum Onkel des Vaters der nordhessischen Kunstmalerin Ortrun Kramm. Mit dem Häuschen des Vaters am Wolfsberg (bei Fritzlar) erbte Ortrun ein nichtfarbiges, geheimnisvoll unscharf radiertes Blatt des Onkels, das er einmal ihrem Vater geschenkt hatte. Da es in ihrer Wohnküche über der gepolsterten Eckbank hing, konnte es »Wulle« Wolters, seines Zeichens Chef des Jungschar-Sommerlagers auf der nahen Wangenburg, bei einem Ausflug mit seinen Schützlingen ausgiebig mustern. Laut handschriftlicher Unterzeile hieß es Sonntagnachmittag (S. 84). Beherr-schend war eine düstere Mietskaserne im Hintergrund, vor der sich ein zeltartig bedachtes Kinderkarussell drehte. Ein halber hölzerner Wohnwagen mit rauchendem Ofenrohr und ein paar Leute, die den Kreis-Ritt der Kinder verfolgten, waren auch noch zu sehen. »Es strahlt eine zwiespältige Armseligkeit aus«, meinte Wolters schließlich bedächtig, »die jeden, der kein Ofenrohr ist, ziemlich anrühren muß …«

Sie gab ihm recht. Später, bevor die Jungscharler wieder abzogen, kaufte er Kramm ein quicklebendiges Stilleben ab. Man sah einen Blumenstrauß, der auf seinem rundem Tischchen geradezu zu tanzen schien. Dafür machte Wolters – genauer: der westdeutsche CVJM-Gesamtver-band – 200 Mark locker. Seitdem hängt im Speisesaal der Wangenburg ein echter »Kramm« an der Wand.

* Eva Mertes, Willy Hallstein, Verlag Franz Schön, Bonn, 2014



Halman, Anna 14 (1992–2006), polnisches Schulmäd-chen, Opfer von Klassenkameraden. Das seit Urgedenken beliebte Schneiden, Tyrannisieren, Demütigen von Außenseitern, neuerdings mobbing genannt, hat durch Video, Internet und Handy ohne Zweifel belebende neue Folterwerkzeuge und Foren gefunden. Allgemein gesprochen handelt es sich dabei sowohl um Erweiterung wie Beschleunigung der Bloßstellungsmöglichkeiten. Der 14jährigen Polin Anna, auch Ania gerufen, Schülerin eines Danziger Gymnasiums, wurde am 20. Oktober 2006 die Ankündigung der Lehrerin zum Verhängnis, sie habe für 20 Minuten auf dem Sekreteriat zu tun, die Klasse möge sich beschäftigen. Kaum war die Lehrerin verschwunden, wurde das als »schüchtern« bekannte Mädchen von fünf aus Anias Dorf stammenden Mitschülern ergriffen, ausgezogen und betastet, wobei die Angreifer eine Vergewaltigung vortäuschten. Einer von ihnen nahm den ganzen Spaß per Handy auf, um ihn ins Internet stellen zu können. Anias Flehen um Gnade oder Hilfe fand auch beim gesamten Rest der Klasse kein Gehör: er amüsierte sich. Der zurückkehrenden Lehrerin wagte sich Ania nicht anzuvertrauen. Selbst ihrer Mutter gab sie, nach Hause gekommen, ausweichende Antworten. Am nächsten Tag erschien Ania nicht in der Schule – sie hatte sich inzwischen in ihrem Elternhaus mit einem Springseil* erhängt. Einige Psychologen meinten in der folgenden erregten landesweiten Debatte, nach Lage der Dinge sei dem Mädchen auch kaum etwas anderes übrig geblieben. Die Täter kamen mit glimpflichen drei Monaten Jugendhaft davon.

* Agnieszka Domańska, »The Shadow in Our Schools«, The Warsaw Voice, 20. Dezember 2006: https://web.archive.org/web/20091119171501/http://www.warsawvoice.pl/view/13372/



Hanako Yamada 24 (1967–92). Die japanische Manga-Zeichnerin war noch keine 25, als sie sich, wohl in der Tokio-Vorstadt Tama, von einem im 11. Stock gelegenem Hochhausgang über die Brüstung in die Tiefe warf. Angeblich war ihr vorher in einer psychiatrischen Klinik »Schizophrenie« bescheinigt worden. Verstehe ich die japanische Wikipedia nicht falsch, waren ihre Eltern ein Schriftsteller und eine Lehrerin. Auch Hanako soll in der Schule unter Mobbing gelitten haben. Sie sei »menschen-feindlich« geworden. Sie habe mindestens einen Selbstmordversuch unternommen, mit Gas. Aber sie hatte immer gern gezeichnet und schulte sich darin. Neben Comics veröffentlichte sie auch Kurzgeschichten. Der besonderen Härte in der japanischen, fast industriell organisierten Bildgeschichten-Branche, Fortsetzungs-zwang in Wochenmagazinen eingeschlossen, sind freilich nicht viele junge KünstlerInnen gewachsen. Drogen-konsum aller Art ist weit verbreitet.

Der schloß ziemlich sicher auch die Mangaka Nekojiru (1967–98) ein, die daneben Kuchen und Katzen liebte.* Allgemeiner ausgedrückt, bevorzugte sie anscheinend das Miteinander von Grausamkeit und Niedlichkeit. 1,53 klein, soll sie sich in ihrem Badezimmer (in Tokio) mit 31 an einem Türknauf erhängt haben. Vielleicht war der Vormieter eine Giraffe gewesen, weshalb der Türknauf ungewöhnlich hoch saß. Offenbar hinterließ die Künstlerin keine Erklärung. Blogger Yoshiaki Yoshinaga, der mit ihr befreundet war, führt in einem langem Artikel von 2005 zum einen zwar ebenfalls den bekannten Berufs-»Streß« an, verweist zum anderen aber auf den »depressiven« Zug der Künstlerin, der einem auch aus ihren Arbeiten entgegenschlage, in denen sie den Tod offensichtlich über das Leben stelle. Ergänzend liefert er entsprechende Anekdoten aus seinen Begegnungen mit Nekojiru, die übrigens mit einem Berufskollegen verheiratet war. Gegen diesen scheint kein Mordverdacht zu bestehen. Immerhin gingen die fertigen Katzenbücher nach dem Tod seiner Gattin weg wie Katzenfutterdosen, und die unfertigen beeilte er sich natürlich zu vollenden.

* https://web.archive.org/web/20070121211416/http://www.babu.com/~nekojiru/index.html



Hansberry, Lorraine 34 (1930–65), schwarze US-Dramatikerin. Wer eine vergleichsweise seltene Laufbahn eingeschlagen hat, sollte vielleicht auch das Anrecht auf einen ungewöhnlichen Tod haben – Pustekuchen. Die wahrscheinlich lesbisch gestimmte Schriftstellerin aus afroamerikanischem Mittelstand erlag mit 34 einer schnöden Krebserkrankung. 1959 hatte sie mit dem Stück A Raisin in the Sun geschafft, wovon viele zukünftige Arthur Millers träumen: als Niemand am Broadway in NYC herauszukommen – nur war sie zudem die erste dunkelhäutige Autorin, der das gelang. Das Stück behandelt den Versuch einer in Chicago lebenden afroamerikanischen Arbeiterfamilie, ihrer durch Armut und Rassismus aufgezwungenen Enge zu entkommen. Man strebt sogar ein eigenes Haus an, das in einem »weißen« Viertel liegt. Möglich macht's die Lebensver-sicherung des soeben verstorbene Familienoberhauptes – Vati wird also nicht mehr viel von dem Haus haben … Der hübsche Titel des Stückes soll sich Versen des schwarzen Schriftstellers Langston Hughes verdanken: »Was passiert mit Träumen, die aufgeschoben werden? Trocknen sie wie eine Rosine in der Sonne?«

Das damals umgehend preisgekrönte Stück wurde vielfach übersetzt und (1961) auch verfilmt. Anläßlich einer Neu-inszenierung in NYC 2014 behauptet ein Deutschlandfunk-Autor*, »angesichts des unerträglichen Ungleichgewichts des Reichtums« in den USA sei es nach wie vor aktuell. Was würde er da erst heute sagen, während sich die Superreichen der Welt, seit Frühjahr 2020, an einem xyz-Virus geradezu atemberaubend gesundstoßen?

* Andreas Robertz, »Kampf von Menschen ohne Aufstiegsmöglich-keiten«, 5. April 2014: https://www.deutschlandfunk.de/a-raisin-in-the-sun-kampf-von-menschen-ohne.691.de.html?dram:article_id=282136



Happel, Friedrich 29 (1825–54), Düsseldorfer Maler und Jägersmann. Allerdings stammte er aus Arnsberg im Sauerland, was seinen Wildstudien entgegenkam. Im dortigem Schloß Herdringen saß nämlich die Sippe der kunstfreundlich gestimmten Freiherren Von Fürstenberg, die Happel öfter ein Bett oder wenigstens einen Imbiß bot und ihm dadurch viele Streifzüge durch Wald und Flur ermöglichte. So gab er sich, wie im Leben, auch auf der Leinwand vorwiegend dem Wildbret und dem Waid-mannsheil hin.* Verheiratet war er nicht. Sein Lieblings-wild sollen Füchse gewesen sein. Man kann aber schlau sein wie man will, man wird selbst mit freundlichem Beistand der Düsseldorfer und Arnsberger Stadtarchive nicht herausfinden, warum nun Happel selber bereits mit 29 Jahren alle Viere von sich streckte. Das war Anfang Juli 1854 in Düsseldorf. Zu allem Unglück hatte es nur wenige Wochen vorher, Ende Mai, auch Friedrich Happels 41 Jahre alten Bruder Peter Heinrich Happel, einen Landschaftsmaler, in derselben Stadt erwischt. Dieser ältere Bruder war mit Amalie geb. Klein verheiratet. Beide Sterbeurkunden der Brüder lassen jeden Hinweis auf die Todesursache schmerzlich vermissen. Man könnte mutmaßen, sie hätten sich gegenseitig oder bei Dritten mit derselben tödlichen, vielleicht schon seuchenhaften Krankheit angesteckt – und weiß doch nur mit ziemlicher Sicherheit, Corona war es nicht.

Ist bei den Happels wenig zu holen, sollte ich mich vielleicht ersatzweise fragen, worin eigentlich der große Reiz bestehe, den Gemälde oder Grafiken auf fast jeden Menschen ausüben. Die Antwort liegt gleichsam auf der Hand, zumal ich sie bereits unter Bonington angedeutet habe: In ihrer Überschaubarkeit. Das unterscheidet sie sowohl von der Realität wie von einem Roman. Das Stoffliche und Farbige an den Gemälden oder Grafiken könnte niemals ihre große weltweite Beliebtheit erklären. Die ungemalte Welt ist ja wahrhaftig stofflich und bunt genug. Nur übersichtlich ist sie eben nicht. Wobei uns das furchterregende Chaos in der Regel schon aus unserem Alltag und unserem Gemütshaushalt anspringt. Das Bild jedoch schafft Ordnung, Klarheit, Frieden in einem. Es hängt auch dann wie ein paradiesisches Südseeatoll an unsrer Wand, wenn es lauter leere Flaschen oder wütende Pinselhiebe zeigt, die der Künstler bestens aufzuräumen verstand. Hängt es gar noch in einem Rahmen, kann ihm nichts mehr etwas anhaben.

Das heißt … Wie ich von meiner Berliner Freundin U. weiß, gab der Grafiker und Maler Heinz Weisbrich im Unterricht gern die Geschichte eines Einbruchs zum Besten. Er zählte zu U.s Lehrern. Ein Professoren-Kollege von ihm besaß eine kleine Villa, in der etliche kostbare Gemälde hingen, darunter ein kaum hackbrettgroßer Vlaminck mit einem Vorstadthaus zwischen flammenden Bäumen. Voller Entsetzen habe der Kollege eines morgens die hellen Flecken an seinen Salonwänden gemustert. Dann fiel sein Blick auf das einzige Gemälde, das die Diebe verschmäht hatten. Es war sein einziger Weisbrich.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Happel#/media/Datei:Happel_Fr%C3%B6hlicher_J%C3%A4ger.jpg



Harder, Marie 37 (1898–1936), »proletarische« Schriftstellerin und Filmemacherin; »unter bis heute ungeklärten Umständen« – so Ralf Husemann 2007 in der Süddeutschen Zeitung – einen Tag vor ihrem 38. Geburtstag auf mexikanischer Erde zerschellt und verbrannt. Meine Hauptquelle zu ihrem Werdegang ist keineswegs Husemanns Buchbesprechung*, vielmehr ein karger Lexikon-Artikel**, der zwar keine Rätsel löst, aber besser als gar nichts ist. Danach war Harder, Tochter einer Dienstmagd und eines Arbeiters und zunächst in Hamburg Gefängnisfürsorgerin sowie gelegentlich Journalistin, ab 1929 Leiterin der Berliner Film- und Lichtbildstelle der SPD. Sie hatte sich besonders für den sowjetrussischen Film erwärmt und versuchte sich auch selber an vergleichbaren Werken. Ihr einziger (stummer) Spielfilm von 1930, Lohnbuchhalter Kremke, zeigt den Weg eines dünkelhaften Kleinbürgers, der nach dem Verlust seiner Stelle in Verzweiflung gerät, bis er sich umbringt. Harder selber erging es möglicherweise nicht ganz unähnlich. Zunächst verlor sie 1931/32 ihre Kulturämter bei der SPD – angeblich wegen »finanzieller Verfehlungen«, möglicherweise nur ein Vorwand. 1935 konnte sie, unter dem Pseudonym »Käte Kestien«, noch immerhin einen Roman veröffentlichen. Als die Männer im Graben lagen (Frankfurt/Main, Societäts-Verlag) soll die Lage der Frauen im Ersten Weltkrieg behandeln. Von Harders eigener Lage vorm Zweiten Weltkrieg erfährt man im Lexikon buchstäblich nichts. Man könnte nun mutmaßen, Harder habe sich im Frühjahr 1936 zur Emigration entschlossen, doch nach meiner zweiten, ungleich wichtigeren Hauptquelle aus der Feder des 1957 in Bilbao, Baskenland, geborenen und dort auch aufgewachsenen Rechtsanwaltes Alexander vom Hofe*** handelte es sich bei der verhängnisvollen Unternehmung, die für rund die Hälfte der Reisegesellschaft mit einem Flugzeugabsturz endete, eher um eine Vergnügungsreise. Soweit ich sehe, ist Vom Hofe bislang der einzige Autor, der Aufschluß-reiches über dieses Unglück eingeholt und veröffentlicht hat.

Danach hatte die Hamburger Schiffahrtsgesellschaft Hapag eine Auslandsreise nach Mexiko und Mittelamerika angeboten. Mitte März 1936 traf die fragliche Touristen-Gruppe mit dem Dampfer Iberia vermutlich an der US-Ostküste ein. Am Vormittag des 26. März bestieg die Hälfte der Gruppe in Mexiko City ein dreimotoriges Charterflugzeug, das sie nach Guatemala bringen sollte, wie aus spanischen Presseberichten und Unterlagen der deutschen Gesandtschaft in Mexiko hervorgeht, die Vom Hofe anführt. Diese Maschine ging schon bald nach dem Start nicht weit vom berühmtem, knapp 5.500 Meter hohem Vulkan Popocatépetl auf dem Hügel Zumpango nahe der Ortschaft Amecameca wieder zu Boden. Diesmal kam das Feuer, das den ganzen, offenbar mit Pinien bestandenen Hügel verheerte, nicht aus dem »heiligen« Vulkan. Alle 14 Insassen der Maschine, darunter die vierköpfige Crew, kamen um. Die Presse führte zunächst geringe Flughöhe und Windstöße ins Feld. Vom Hofe selber nimmt nach Gesprächen mit Fachleuten an, die Maschine sei eher »wie ein Stein« vom Himmel gefallen. Nach den Dokumenten war die Sicht gut. Der Chefpilot galt als ausgesprochen erfahren. Die Identifikation der Leichen gestaltete sich schwierig, erfolgte jedoch. Dafür verzichtete man merkwürdigerweise, wie Vom Hofe findet, auf eine Untersuchung des Wracks; vielmehr seien schon kurz nach der Bergung der Leichen nun auch die »wertlosen« Überreste des Flugzeuges noch verbrannt worden, durch Beauftragte der Compañía Mexicana de Aviación, wie in der Presse zu lesen war. Die drei Motoren seien nicht etwa abtransportiert, vielmehr auf dem Hügel »beerdigt«, nämlich vergraben worden … Die deutsche (faschistische) Gesandtschaft meldete in die Heimat, zwar habe sich die Absturzursache »nicht restlos« klären lassen, es »erübrige« sich jedoch, diversen Theorien nachzugehen, die darüber in Umlauf seien. Somit scheint man hier und dort schon damals Unheil gewittert zu haben. Was Vom Hofe angeht, hält er einen von der Naziführung veran-laßten Mord (durch Sabotage an den Motoren) für wahrscheinlich und bietet dafür etliche Anhaltspunkte auf, interessante zeitgeschichtliche Zusammenhänge eingeschlossen.

Wie man sich denken kann, galt der Anschlag, sofern es einer war, nicht der Hamburger »proletarischen« Künstlerin Harder oder auch den vier weiteren, deutschen oder österreichischen »Fräuleins«, die sich unter den 10 Fahrgästen der Todesmaschine befanden. Möglicherweise hatte sich Harder wirklich nur eine Vergnügungsreise aus Anlaß ihres 38. Geburtstages gegönnt, vielleicht im Verein mit einer Freundin. Wir wissen es einfach nicht. Hatte sie sich dabei in erstaunlich erlauchter Gesellschaft befunden, war es, auf dieser Geschenkebene, wahrscheinlich kaum vermeidlich. Neben zwei Baronen (aus München und Budapest) zählte vor allem ein beinahe echtes und ohne Zweifel auch zur Unglückszeit noch immer sehr gut betuchtes deutsches Fürstenpaar zu Harders Urlauber-Innen- und Flugzeug-Gruppe. Das waren Adolf II. Fürst zu Schaumburg-Lippe (1883–1936) und dessen Gattin Elisabeth, auch Ellen genannt.

Die Sache ist, zumal der Adel beteiligt ist, verzweigt und verheddert wie so oft, und ich werde ihr hier nicht nachgehen. Nur noch das folgende. Vom Hofe ist ein Großneffe Adolf II. Dessen »Fürstentum« erstreckte sich dereinst von Rinteln an der Weser und den Bückebergen bis zum sogenannten Steinhuder Meer. 1918 nicht ganz freiwillig abgedankt, residierte Adolf hinfort als Privatier bei München und in Italien. Wie es aussieht, waren er und seine ihm 1920 angetraute, vom Clan als bürgerlich, geschieden und spielsüchtig geschmähte Gattin den Nazis ein Dorn im Auge gewesen – selbstverständlich nicht, weil er aus dem Holze des angeblich (in der SU) ertrunkenen Rebellen Max Hoelz geschnitzt gewesen wäre. Für Vom Hofes Empfinden handelte es sich vielmehr darum, Adolfs überaus beträchtliches Vermögen in den Dienst des Faschismus und insbesondere der Kriegsanstrengungen stellen zu können. Zunächst ging dieses Vermögen dank jenes dummen Flugzeugabsturzes auf Adolfs Geschwister über. Nebenbei verzehrte sich Adolfs Bruder Wolrad, seit 1935 Parteimitglied, erklärtermaßen nach dem Fürstentitel, womit er auch Göring in den Ohren lag. Das sind keinewegs Erzeugnisse aus Vom Hofes Madrider Märchenstube. Selbst Ralf Husemann merkt an: »Drei Brüder des Fürsten arrangierten sich mit den Nazis (Friedrich Christian brachte es gar zum Adjutanten von Goebbels). Doch der vierte (Heinrich), der Großvater des Autors, hatte nicht nur mit den Nazis nichts am Hut, er gehörte auch noch einer (alsbald verbotenen) Freimaurer-Loge an.«

Zu Ehren dieses Großvaters also, Heinrich Prinz zu Schaumburg-Lippe (1894–1952), aber offensichtlich auch, weil er a) allgemein Gerechtigkeit schätzt, b) persönlich nichts dagegen hätte, auch noch von der nach wie vor üppigen Bückeburger Torte zu naschen, scheint sich Vom Hofe seit Jahren unter vielen Mühen und Ärgernissen mit der leidigen ungeklärten Angelegenheit zu befassen. Dabei ist ihm der Einblick in die Archive des Bückeburger Fürstenhauses aufgrund testamentarischer Verfügungen bis heute ausdrücklich und, wie er meint, zu unrecht verwehrt.

* »Geschäft auf Gegenseitigkeit«, 5. März 2007
** Hans-Michael Bock (Hrsg): CineGraph, ein Loseblatt-Lexikon zum deutschsprachigen Film, München, Lg. 23
*** Alexander vom Hofe: Vier Prinzen zu Schaumburg-Lippe und das parallele Unrechtssystem, Vierprinzen Verlag, Madrid 2006




Hargasser, Johann G. max. 39 (1785–1824), Apotheker und Botaniker. Geborener Bayer, nahm Hargasser nach etlichen Lehrjahren und seinem erst 1821 begonnenem Pharmazie-Studium in Landshut eine Stelle als »Gehülfe« in der Salzburger Hofapotheke an. Seine Freizeit scheint er vorwiegend seiner Leidenschaft für die Alpenflora gewidmet zu haben. Sie brach ihm denn auch das Genick – angeblich jedenfalls, wie vorsichtshalber gesagt werden muß. Der Vorfall von Ende August 1824 wird in einem Bericht* aus demselben Monat geschildert, den Freund oder Verehrer Rudolph Hinterhuber verfaßte, offenbar** Sohn eines zeitweiligen Lehrherrn und Förderers Hargassers. Allerdings war der junge Hinterhuber, von seiner Befangenheit einmal abgesehen, nicht vor Ort. Er stützt sich wohl seinerseits allein auf den Bericht eines namentlich nicht genannten Bergführers, der Hargasser begleitete. Ziel war der Gipfel des rund 2.500 Meter Hohen Gölls in den Berchtesgadener Alpen. Während des Aufstieges habe Hargasser seinen Führer auf einen oberhalb der Ofneralm (1.250 m) vorspringenden Felsen nach einer dort herabhängenden Pflanze ausgeschickt. Zurückgekehrt, war Hargasser angeblich wie vom Erdboden verschluckt. Rufe blieben erfolglos. So kehrte der Mann vor dem Einbruch der Dunkelheit notgedrungen wieder um. Aufgrund schlechter Witterung gelang es einem Suchtrupp erst nach einigen Tagen, Hargasser »auf den sogenannten Ofnersande« am Fuß einer Steilwand zu finden – »zerschmettert«. Er sei offensichtlich abgestürzt.

Aus seiner zerbrochenen Taschenuhr wurde geschlossen, Hargasser sei noch anderthalb Stunden umhergeirrt, nachdem der Führer ihn vermißt hatte. Vielleicht ist deshalb nicht von Geräuschen des Absturzes die Rede. Warum der Botaniker auf eigene Faust loszog, bleibt ebenfalls unerwogen. Nach einer entsprechenden Andeutung Hinterhubers ließe sich natürlich behaupten, angesichts der nächsten hängenden Pflanze hätte ihn das Jagdfieber vom Führer weggetrieben. Die familiären Verhältnisse des Verunglückten werden nicht gestreift. Vermutlich war er Junggeselle. Hinterhuber rühmt seine »hinreißende Vorliebe für Botanik« und seine »wahrhaft deutsche Biederkeit«. Einen Eindruck vom Temperament oder Gemüt des Verstorbenen bekommt man eigentlich nicht – wie so oft.

* Flora oder Botanische Zeitung (wohl ein Wochenblatt), Regensburg, 7. Jahrgang, Nr. 35 vom 21. September 1824, unter »III. Todesfälle«, im Sammelband S. 557–60
** Salzburgwiki: https://www.sn.at/wiki/Rudolph_Hinterhuber




Hartley, Wallace 33 (1878–1912), Musiker auf hoher See. Gegen eins am frühen Morgen des 15. Aprils 1912 wurden im Angesicht des Eisbergs, der das Riesenschiff leckgeschlagen und dadurch dessen Bug unter Wasser gedrückt hatte, die Rettungsboote klargemacht. Schon zog auch die schiffseigene Musikkapelle auf, wie etliche von den 700 Überlebenden später berichteten. Die Musiker folgten einer Anweisung des Kapitäns, der so einer Panik vorzubeugen gedachte. Kapellmeister war der englische Geiger Wallace Hartley, ein schlanker Mann von 33 Jahren mit dunklen zurückgekämmten Haaren. Einige Zeugen versicherten auch, die acht Musiker der Kapelle hätten bis kurz vor dem Untergang des Luxusdampfers gespielt. Einer mit Galgenhumor wies auf die von der zunehmenden Schräglage des Schiffes, das an eine gründelnde Ente erinnerte, noch gesteigerten technischen Schwierigkeiten solcher Decksmusik hin. Ob der Flügel narrensichere Bremsen gehabt hätte? Andere gaben später zu bedenken, durch die flotte Ragtime-Musik seien womöglich die Gefahren verharmlost und manche der vielen Fahrlässig-keiten der Evakuierung begünstigt worden.

Sämtliche Musiker ertranken im Nordatlantik. Hartley war mit seinen 33 Jahren das älteste, John Law Hume (1890–1912) mit 21 das jüngste Orchestermitglied. Im ganzen kamen beim Untergang der Titanic rund 1.500 Menschen um. Es dürften sich nicht wenige junge Menschen unter ihnen befunden haben, Kinder einge-schlossen. Dafür beschränkten sich die vorhandenen armen Menschen wahrscheinlich auf ein paar niedrig-rangigste Heizer, Matrosen und DienerInnen. Zu den nicht mehr blutjungen Opfern zählte der 37jährige US-Journalist und Schriftsteller Jacques Futrelle (1875–1912), der vor allem mit seinen Detektivgeschichten um Professor van Dusen auf sich aufmerksam gemacht hatte. Die Leiche Hartleys wurde ungefähr zwei Wochen nach dem Unglück von der Mackay-Bennett geborgen. Den Trauerzug durch Hartleys Geburtsstadt Colne in Lancashire, GB, sollen 40.000 Menschen gesäumt haben. Im Zug befand sich Hartleys Braut Maria Robinson. Später wurde dem mutigem und solidarischem Kapellmeister ein Denkmal errichtet.

Hartley hatte einige Zeit im Huddersfield Philharmonic Orchestra gespielt. Huddersfield ist eine Großstadt in Yorkshire. Vor einigen Jahren platzte der Huddersfield Daily Examiner mit der Meldung* heraus, der aus Norwegen stammende Autor Christian G. Tennyson-Ekeberg habe ein neues Buch über das Titanic-Orchester vorgelegt. Er habe dem Blatt versichert: »I set off in 1988 not to write a biography, but THE biography.« Der Haupttitel seines Werkes spielt auf einen Choral an, den das Orchester, wie einige zynisch gestimmten Augen-zeugen behaupteten, als letztes Stück zum Besten gegeben habe – bevor die Wellen über ihm zusammenschlugen: Nearer, Our God, To Thee (Näher, mein Gott, zu dir).

* Henryk Zientek, »Titanic bandmaster Wallace Hartley's story told in new biography«, 16. März 2013: http://www.examiner.co.uk/news/west-yorkshire-news/titanic-bandmaster-wallace-hartleys-story-4931470



Hartmann, Max 36 (1874–1910), Jurist und Politiker, mit Frieda Hackbart verheiratet, seit 1906 Amtsrichter in Korbach, dort auch im Gemeinderat, und für anderthalb Jahre überdies Abgeordneter im Landtag des Fürstentums Waldeck-Pyrmont, Arolsen. Diese politischen Mandate wurden offensichtlich vorzeitig abgebrochen, und zwar durch Tod. Ein heimisches Blatt* meldet dazu, im Frühjahr des Jahres (1910) habe sich der Amtsrichter einer achtwöchigen Offiziers-Übung »auf der Senne und in Arolsen« unterzogen, die ihm körperliche Beschwerden bescherte und ihn aufs Krankenlager warf. Mediziner hätten Rippenfell-Entzündung und Herz-Friktion festgestellt. Selbst »Spezialisten« in Marburg hätten ihm nicht mehr helfen können, wo der 36jährige am 13. Juli »sanft« verschied.

Ohne die Offiziers-Übung hätte Hartmann womöglich noch die Umwandlung des Fürstentums Waldeck-Pyrmont in einen angeblichen Freistaat (1918), ferner dessen Eingliederung in die preußische Provinz Hessen-Nassau (1929), also in die sogenannte Weimarer Republik erlebt. Vielleicht wäre ihm sogar der Aufstieg des im Arolser Barockschloß residierenden Josias Fürst zu Waldeck und Pyrmont, geboren 1896, zum »Höheren SS- und Polizei-führer« des sogenannten »Dritten Reiches« nicht erspart geblieben? Das war 1938. Später unterstand diesem Duzfreund Heinrich Himmlers unter anderem auch die »Gerichtsbarkeit« für das KZ Buchenwald bei Weimar. Wie so viele, wurde Oberschurke Josias, meistens peinlich unterschätzt, in der kommenden Adenauer-Demokratie kaum geschoren. Näheres zu ihm und zur Kreisstadt Korbach siehe A-21 & 22.

* Corbacher Zeitung, 16. Juli 1910



Harzheim, Willy 33 (1904–37), proletarischer KPD-Autor, erschossen in Sibirien. Der Bergmann aus dem Ruhrgebiet hatte 1929 erste Texte in der kommunistischen Presse veröffentlicht. Im selben Jahr nach Berlin gegangen, stieg er rasch zum Sekretär des von der KPD gelenkten Bundes Proletarisch-Revolutionärer Schrift-steller (BPRS) auf. Er betreute die Verbandszeitschrift Linkskurve und schrieb auch selber in ihr. Seine erste Bekanntschaft mit dem gelobtem Land Sowjetunion – das ihm sieben Jahre später zum Verhängnis werden sollte – machte er 1930 als Teilnehmer eines internationalen Schriftstellerkongresses in Charkow. Prompt heiratete er zwei Jahre darauf die Russin Nora Schapiro, wenn auch in Berlin und wahrscheinlich hauptsächlich ihrer Einbürgerung zuliebe.

Linien- und hierarchietreu, wie er damals vermutlich noch war, half Harzheim im Frühjahr 1933 zunächst dem »Dichterkönig der deutschen revolutionären Literatur« Johannes R. Becher dem Rachedurst der neuerdings regierenden Faschisten zu entkommen, ehe er selber das Weite suchte – natürlich, wie Becher, in der Sowjetunion. In Moskau gab es damals eine regelrechte Kolonie jener führenden deutschen Kommunisten, die zuletzt nur noch halbherzig gegen den deutschen Faschismus gekämpft hatten, weil konsequenter Kampf den sowjetrussischen Interessen zuwider gelaufen wäre. Wie aus den Erinne-rungen des ungarischen Dramatikers Julius Hay hervor-geht*, waren die Privilegien dieser KoloniebewohnerInnen »natürlich« nur um den Preis des Anpassungsdrucks vom Kreml her und der entsprechenden Intrigen in den eigenen Reihen zu haben. Was den »Dichterkönig« Becher angeht, versäumt es Hay nicht, den hübschen Spitznamen mitzu-teilen, der Becher vom ausgezeichnetem dänischem Erzäh-ler Martin Andersen-Nexö (vor allem: Ditte Menschen-kind) verpaßt worden war: »Johannes Erbrecher«. Laut Hay spann der eitle, machthungrige und ziemlich skrupellose künftige Star des DDR-Literaturbetriebes emsig an den Intrigen mit. Drohte sich Becher selber darin zu verfangen, sei er freilich in Panik geraten und habe »alles und jeden bei der Parteileitung verpetzt«. Offenbar knüpfte er auch an seine Jugend an: »Mehrere Male demonstrierte er seine Zerknirschung vor der Partei durch Selbstmordversuche, von welchen einer wider Erwarten beinahe gelungen war.« Dafür sei er dann nach 1946, in seinem »Pankower Reservat«, ganz »außer Rand und Band« geraten. Hay zählte zu den führenden Organisa-toren – und Leidtragenden des Ungarischen Aufstandes von 1956.

Willy Harzheim stand wahrscheinlich in der Hierarchie nicht hoch genug, um in der Moskauer Kolonie bis zum Anrücken der deutschen Wehrmacht verweilen zu dürfen. Er wurde bald nach seiner Flucht aus Deutschland als Kulturarbeiter ins westsibirische Kohlebecken um Prokop-jewsk beordert, wo er wieder eine Zeitung redigieren konnte, den Roten Bergmann. Spätestens die Tatsache, daß er dort eine Zeitlang mit der kommunistischen Schriftstellerin Emma Tromm, geborene Schaaf aus Köln zusammen lebte, deutet auf das Schwinden seiner Linientreue hin. Tromm, ursprünglich Fabrikarbeiterin, später Autorin für die Rote Fahne und ab 1932 die zweite Sekretärin des BPRS, war Ende 1936 in Moskau im Zuge der »Säuberungen« auf der Parteiversammlung der Deutschen Sektion des Schriftstellerverbandes wegen »mangelnder Wachsamkeit« gerügt und aus allen Ämtern (vor allem Sekretärin) entlassen worden. Es wäre zu einfältig anzunehmen, Becher, ab 1935 Chefredakteur der Zeitschrift Internationale Literatur, zudem Mitglied des ZKs der KPD, habe daran nicht mitgewirkt. In Prokop-jewsk organisierte Tromm gemeinsam mit Harzheim auch eine Agitprop-Theatergruppe. Ansonsten arbeitete sie anscheinend als Lehrerin.

Ende 1937 wurde der inzwischen 33jährige Harzheim von sowjetischen »Sicherheitskräften« wegen »konterrevo-lutionärer Betätigung« verhaftet und erschossen. Einzelheiten gehen aus den Quellen nicht hervor. Es war freilich damals, nicht nur in Prokopjewsk, durchaus üblich, etwa die haarsträubenden Sicherheitsmängel im Bergbau der »Sabotage« durch Emigranten anzulasten, die auch in Prokopjewsk in größerer Anzahl lebten. Wie sich versteht, wurde der ermordete Deutsche umgehend von der Moskauer KPD-Enklave aus den Parteireihen verstoßen. Er sollte keine Karteileiche sein. Die SED machte diesen Ausschluß im März 1957 rückgängig, wenn sie das auch nicht an die große Glocke hing. Wenig später soll auch das Westsibirische Bezirksmilitärgericht das Todesurteil gegen Harzheim aufgehoben haben. Nette Gesten, die noch nie einen Toten zum Leben wiedererweckten. Tromm konnte nach Kriegsende in die SBZ/DDR zurückkehren, allerdings nicht ihre Erinnerungen veröffentlichen. Das soll an ihrer Weigerung gescheitert sein, diverse SU-Schurkereien zu streichen. Geboren 1896, starb sie in hohem Alter 1991. Wo verstauben ihre Erinnerungen jetzt?

Ein ähnliches Schicksal wie Harzheim erlitt der indische kommunistische Bühnenkünstler und Autor Safdar Hashmi (1954–89) rund 50 Jahre darauf. Er hatte vor allem mit politischem Straßentheater Erfolg. Bei einer Aufführung in einem Vorort Neu-Delhis zerrten ihn staatsfromme Schläger von der Bühne und schlugen ihn übel zusammen. Anderntags war er gestorben, 34 Jahre alt. 14 Jahre später (!) wurden 10 Täter zu hohen Haftstrafen verurteilt. Hashmis Ehefrau Moloyashree, eine Schauspielerin, muß mit hohem Mut oder mit jener märtyrerhaften Neigung gesegnet gewesen sein, die sicherlich auch Harzheim kannte. Einige Quellen versichern nämlich, wenige Tage nach Hashmis Tod habe die Truppe das Stück unter Moloyashrees Leitung am selben Ort zu Ende gespielt, wenn auch unter Massenschutz. Die auflagenstarke Tageszeitung The Hindu erwähnt zudem**, es habe damals noch einen zweiten Toten gegeben, nennt aber dessen Namen nicht.

* Geboren 1900, 1971, Ausgabe München 1980, S. 172–77
** Vikram Phukran, »The importance of Safdar Hashmi«, 5. März 2020: https://www.thehindu.com/entertainment/theatre/the-importance-of-safdar-hashmi/article30993461.ece




Hattemer, Lotte 29 (1876–1906), Mitbegründerin des Monte Verità in Ascona, Italien. Nach meinen Erfah-rungen sind die wenigen Menschen, die ihr Heil – oder das der Gesellschaft – in »alternativen« Lebensgemein-schaften suchen, um keinen Deut verrückter oder kränker als die vielen Menschen, die in Gestalt der üblichen Ehegatten, Wähler und Hamburger-Esser dahinsiechen. Nur verteilen sich diese sozusagen viel mehr, weshalb sie weniger auffallen. In den Kommunen oder Sekten dagegen treten sie geballt auf und fordern so dazu auf, sie als willkommene Zielscheibe von Haß oder Hohn zu begreifen.

Die Mittelstandstochter Lotte Hattemer wurde in Berlin zur Lehrerin ausgebildet, zog es dann jedoch vor, »auszusteigen«, sich tagelöhnernd über Wasser zu halten und schließlich, um 1900, mit ein paar anderen von München aus, wandernd, gen Italien zu ziehen. Bei Ascona (im schweizer Tessin) blieben die Wandernden an einem Weinberg hängen, von dem sie vier Hektar erwarben und den sie kurzerhand in Monte Verità umtauften. Dieser neue »Berg der Wahrheit« wurde ziemlich rasch berühmt und zog entsprechend Wahrheits- oder HeilssucherInnen aus vielen Ländern an, darunter (spätere) Prominenz wie Mary Wigman, Käthe Kruse, Erich Mühsam, Hermann Hesse, Carl Gustav Jung. Die ursprüngliche Siedlung, vegetarisch gestimmt um eine Naturheilanstalt gruppiert, zerfiel bald; dafür kauften sich andere Leute am Weinberg ein. Auf diese Art wurde er zur Zuflucht mehr oder weniger verschrobener EigenbrötlerInnen, die ihre »Meinungs-verschiedenheiten« pflogen.

Hier drängt sich eine beiläufige Bemerkung aus Musils Mann ohne Eigenschaften auf, erschienen um 1930. Der Trieb recht zu haben sei »fast gleichbedeutend mit Menschenwürde«, heißt es da.* Offenbar trägt die bekannte Einsicht, grundsätzlich besitze jeder Mensch Würde, nicht gerade weit. Sie zerschellt regelmäßig an der eigenen Meinung, also auch am Monte Verità. Man möchte nämlich keineswegs wie jeder, man möchte vielmehr etwas Besonderes sein. Jener, möglicherweise natürliche »Trieb recht zu haben«, verzahnt sich fast immer sofort mit den unwesentlichsten Dingen, und seien es Haartrachten oder Zahnstocher. Und er bettet sich rasch in die je eigene Weltsicht ein, weil jeder Mensch WeltherrscherIn ist beziehungsweise gern einer oder eine wäre. Die Weltherrschaft ist so unteilbar wie die Menschenwürde. In meine »Welt als Wille und Vorstellung«, um auch noch Schopenhauer zu bemühen, muß alles hinein. Jetzt kann ich natürlich nur hoffen, der Stein, den ich damit gegen den Monte Verità schleuderte, springt nicht an meine eigene Birne zurück.

Was nun Hattemer angeht – mit ihrer Genügsamkeit oft als Gegenstück der lebenshungrigen Münchener »Gräfin« Reventlow aufgefaßt – scheint sie sich nach einiger Zeit in einem tür- und festerlosem baufälligem Stallgebäude niedergelassen zu haben. Von Geldsendungen ihres Elternhauses zehrend, übte sie Wohltätigkeit, während sie selber zusehends abmagerte. Sie soll regelmäßig nach Locarno gepilgert sein, um Vorträge durchreisender Theosophen zu hören und galt auch selber schon als halbe Heilige. Andererseits wurde sie offensichtlich immer verwirrter. Entsprechend »mysteriös« kam sie im Frühjahr 1906, mit 29, zu Tode. Ihr Vater hatte vergeblich versucht, sie in ein norddeutsches Sanatorium zu locken. Kurz darauf erlag sie einer Vergiftung, offenbar durch Morphium. Raimund Dehmlow gibt dazu auf seiner Webseite** eine Auskunft des Übersetzers und Mühsam-Biografen Christlieb Hirte aus 2002 und eine schon Ende 1909 abgegebene Erklärung des »Regierungsstatthalter-amtes Locarno« an die Polizei in Zürich wieder, die im Berner Bundesarchiv liegt. Danach gab es damals Beschuldigungen, vielleicht Verleumdungen, der Schriftsteller Johannes Nohl und der Psychoanalytiker Otto Gross hätten böswillig an Hattemers Ableben mitgewirkt, doch die Behörden neigten zur Diagnose Selbstmord. Das entspreche der allgemeinen Einschätzung am Berg. Hattemer sei eine Exentrikerin gewesen und habe »schon bei anderen Gelegenheiten« Hand an sich gelegt.

* Zweibändige Rowohlt-Sonderausgabe, 1984, Band 1, S. 205
** »Lotte Hattemer«, 4. Februar 2021: https://dehmlow.de/index.php/de/otto-gross/55-lotte-hattemer




Hauser, Josef Wilhelm 38 (1946–84), Göppinger Rechtsanwalt und Politiker. Seit knapp einem Jahr auch als Abgeordneter (CDU) im Stuttgarter Landtag aktiv, sitzt Hauser am 12. August 1984 in einem Nachtschnellzug Richtung Hamburg, weil er in Norddeutschland eine Wehrübung abzuleisten hat.* Doch schon unweit des Heilbronner Bahnhofs springt dieser mit rund 200 Reisenden besetzte Zug bei einem Gleiswechsel aus den Schienen. Er war entschieden zu schnell gefahren: Mindestens 110 statt der vorgeschriebenen 40 Stunden-kilometer. Mehrere Waggons kippten eine Böschung hinab. Neben 57 teils schwer verletzten Personen gab es drei Tote, darunter Hauser, 38, Vater von zwei kleinen Kindern. Zwei Jahre darauf erkannte ein Gericht den Lokführer der Fahrlässigen Tötung und Körperverletzung für schuldig. Mit acht Monaten auf Bewährung und 5.000 DM Bußgeld kam der Mann recht glimpflich davon. Allerdings hatte er vermutlich auch noch mit Schaden-ersatzforderungen zu kämpfen, von seinem Gewissen einmal ganz abgesehen.

Werden die zivilisatorischen Einrichtungen des Menschen immer größer, unübersichtlicher und gefährlicher, verstärkt sich selbstverständlich auch die verhängnisvolle Rolle persönlicher Verantwortung – aber auch deren Fragwürdigkeit, wie ich finde. Es kommt hier zu Verantwortungen, die einem »normalem« Zweibeiner eigentlich gar nicht zumutbar sind. Man denke auch an riesige Brücken, Wolkenkratzer, Airbusse, Kernkraftwerke, polizeilich-militärische Maßnahmen im Antiterror- oder Antivirenkampf, aktuell auch an Milliarden Menschen umfassende Impfaktionen mit einem Stoff, der kaum geprüft und wahrscheinlich kräftig gepanscht worden ist. Aber der Mensch ist eben nicht normal. Prompt wälzt er die Verantwortung zunehmend auf Computer und Roboter ab, die garantiert für die nochmalige Verschärfung der Gefahrenlage sorgen werden. Die bereits wiederholt drohenden »Blackouts« in der Stromversorgung ganzer Landstriche sind da noch das Harmloseste. Denen fallen nur ein paar erkrankte Greise zum Opfer, die andernfalls ohnehin an der Impfung gestorben wären.

Übrigens stellt auch die Impfung bereits eine Abwälzung von Verantwortung dar. Man macht sich nicht mehr die uneinträgliche Mühe, die Kranken zu betreuen und zu heilen; sie werden »präventiv« so ruhiggestellt und gepanzert oder auch gespickt, daß sie sowieso nur noch als halbe Leichen durch die Gegend schleichen. Sollten sie immer noch die Frechheit (und das Geld) besitzen, gegen einen sogenannten »Impfschaden« zu klagen, zucken die Pharmakonzerne mit den Achseln, weil die EU-Bürokratie sie bereits vorsorglich »enthaftet« hat. Wer zahlt also, falls der Kläger durchkommt? Er selber, nämlich das Riesen-steuersparschwein des Kleinen Mannes namens Staat. Personen, etwa Maschine Merkel oder Strohkopf Spahn, belangt hier keiner. Nicht in der Demokratie.

* Axel Raisch, »Tragischer Tod im Zug«, Südwest Presse, 16. August 2014: http://www.swp.de/goeppingen/lokales/goeppingen/Tragischer-Tod-im-Zug;art5583,2751245



Heber, Franz Alexander 34 (1815–49), Prager Burgenforscher. Ich stelle mir den westböhmischen Förstersohn, der wegen häuslicher Engpässe nur eine Kaufmannslehre machen konnte, als Mischung aus Karel Hynek Mácha und Carl Schildbach vor. Der Lyriker war bekanntlich in Burgen vernarrt, während der landgräfliche Tiergartenaufseher Schildbach aus Kassel um 1800 eine berühmte »Holzbibliothek« geschaffen hatte, die aus über 500 unterschiedlichen, mühsam gefertigten Büchern aus Holz bestand und noch heute im Kasseler Naturkunde-museum bestaunt werden kann. Heber sammelte Burgen. Allerdings baute er sie nicht nach; er erforschte, beschrieb und zeichnete die Burgen Böhmens, um sie im ersten vollständigen und verläßlichen Kompendium vorzustellen und zu verewigen, das die Welt auf diesem wissenschaft-lichem Felde zu Gesicht bekommen würde.

Mit anderen Worten, er war verrückt. Das deutete sich bereits an, nachdem er 1839 geheiratet und im Städtchen Zbiroh (bei Pilsen) ein Geschäft eröffnet hatte. Nach kurzer Zeit gab es in seinem Laden, der möglicherweise dem Verkauf von Jagdgewehren diente, eine Schießpulver-Explosion, die ihm seine linke Hand verstümmelte. Man könnte glauben, er hätte nur darauf gewartet. Er überließ das Geschäft seiner Frau (aber vielleicht nicht die Bankvollmacht), siedelte nach Prag über und stürzte sich in seine Forschungsarbeit. Es steht zu vermuten, zum Umgreifen des Wanderstocks, des Federhalters und vielleicht eines Marderhaarpinsels genügte ihm seine rechte Hand allemal. In den knapp 10 Lebensjahren, die ihm nun noch blieben, bereiste er böhmische Burgen, Burgruinen oder kaum noch kenntliche Standorte von Burgen, stöberte in Archiven, sammelte Sagen, zeichnete und schrieb sich die rechte Hand wund. Er sputete sich, weil ihn, zwei nicht gerade von Belegen strotzenden Wikipedia-Artikeln zufolge, inzwischen auch eine Lungenentzündung zugesetzt hatte. 1843 brachte er den ersten Band seines Kompendiums Böhmens Burgen, Vesten und Bergschlösser in 2.000 Exemplaren heraus – sie waren binnen weniger Wochen ausverkauft. Das feuerte den Autodidakten auch zu weiteren historischen und sprachlichen Studien an, war er sich seiner schmerzlichen Bildungslücken doch durchaus bewußt. Nur seine Frau hatte er vermutlich vergessen.

Als der 34jährige Bienenfleißige oder Burgbesessene im Juli 1849 in die ostböhmische Stadt Náchod fuhr, um die dortige Burg zu erforschen, hatte er, neben etlichen Karten mit den Standorten seiner Objekte, weitere fünf Bände veröffentlicht und im ganzen schon fast 600 Burgen oder Schlösser beschrieben. Man muß dazu bedenken: während Heber um die Mauern und Gräben mehr oder weniger verwaister Burgen und Schlösser schnürte, tobten ringsum in Europa die mehr oder weniger patriotischen Befreiungskämpfe! Zu allem Unglück schrieb er auch noch auf deutsch. Den siebten Band brachte er nicht mehr zuende, weil ihn in Náchod, womöglich beim Aufstieg, ein tödlicher Blutsturz ereilte. Sein Lebenswerk ist neuerdings, in geraffter Gestalt und ins Tschechische übersetzt, wieder aufgelegt worden. Heber brachte außerdem ein Buch mit »wunderbaren und schauererregenden«, selbstverständ-lich um Bergfriede und Mauerzinnen gewundenen Sagen heraus.



Hébuterne, Jeanne 21 (1898–1920), französische Malerin und Muse. Ihr »schöner« Italiener, »mit blassem, etwas grobem Gesicht«, wie Ilja Ehrenburg in seinen Erinnerungen* meint, brachte sich nicht um, obwohl er als Maler und Bildhauer, ab 1906 in Paris, zwischen den Stühlen oder Stilen saß und deshalb erst posthum zu Weltruhm kam. Gleichwohl flogen die Frauen auf ihn, darunter die Schriftstellerinnen Anna Achmatova und Beatrice Hastings. Auch Drogen wie Haschisch und Alkohol war er nicht abgeneigt. Ehrenburg, der zunächst das Klischee vom abgerissenem Montmartre-Trunkenbold rügt, räumt immerhin ein, zuweilen sei der höfliche, freilich auch »stolze« und »unbeugsame« Amedeo Modigliani »von Entsetzen und Zorn« gepackt worden. So habe er einmal bei einer nächtlichen Party in seinem Atelier recht unvermittelt damit begonnen, eine Wand einzureißen. »Er kratzte den Stuck ab, versuchte, Ziegelsteine aus der Wand zu lösen. Seine Finger waren blutig, in seinen Augen stand eine unbeschreibliche Verzweiflung. Ich konnte das nicht mit ansehen und ging in den schmutzigen Hof hinaus …«

Vielleicht sollte man bedenken, Modigliani, geboren 1884, war nicht gerade kerngesund nach Paris gekommen. Schon als Kind, in Livorno, von einigen ernsthaften Krankheiten heimgesucht (mindestens Rippenfellentzündung und Typhus), steckte er sich um 1900 auch noch mit Tuberkulose an. Die Armut und die Ignoranz durch die Kunstpäpste kamen bald hinzu – da ist man nicht unbedingt jeden Tag fröhlich. Rassismus konnte ihn ebenfalls aufbringen, wie Ehrenburg bemerkt – beide waren Juden. Dafür habe er die Poesie über alles geliebt, von Dante bis Rimbaud, und entsprechend oft aus dem Kopf rezitiert. Ab 1917 liebte er vor allem Jeanne Hébuterne. Die sanftäugige, stille 19jährige, die ihr dunkles Haar fast bis zum Gürtel trug, war Kunststudentin und Modell zugleich. Da Modiglianis Hauptthema ohnehin der Mensch war (Akt oder Porträt), ging seine neue Geliebte naturgemäß in etliche seiner Werke ein. 1918 gebar sie ein Mädchen von ihm. Doch, mit Ehrenburgs Worten: »Modi hustete und fror immerzu; bekam die Schwindsucht; der Körper war ausgemergelt.« So wurde Modiglianis Absicht, Jeanne zu heiraten, von der Verschlimmerung seiner Tuberkulose durchkreuzt, an der der 35jährige am 24. Januar 1920 starb.

Zwei Tage darauf beging seine völlig aufgelöste Gefährtin Selbstmord, indem sie sich aus einem im fünftem Stock gelegenem Fenster stürzte. Hébuterne war erst 21 – und im achten Monat schwanger. Der Papst in Rom soll für die Pariser Doppelmörderin gebetet haben. Unter psychologisch orientierten Anteilnehmern überwog die Auslegung, Jeannes Schritt sei die konsequente Vollendung der Vereinnahmung durch ihren »genialen« Gefährten gewesen, der sie nebenbei nicht immer auf Händen getragen hatte. Er konnte rechthaberisch und streitsüchtig bis zur Gewalttätigkeit sein, wie ja auch Ehrenburg angedeutet hat. Hébuternes Familie, streng katholisch gestimmt, war der Maler ohnehin von Anbeginn ein Dorn im Augen gewesen. Wahrscheinlich aber noch am wenigsten aus der Befürchtung heraus, er könnte die junge Malerin zum typischem Schicksal des Schattengewächses verurteilen. Nachdem die Familie ihr Mißfallen überwunden hatte, was noch einmal knapp 10 Jahre in Anspruch nahm, wurde Hébuterne immerhin und letztlich nur folgerichtig zu ihrem 14 Jahre älterem Geliebten umgebettet: auf den Pariser Prominentenfriedhof Père Lachaise. Die gemeinsame Tochter Giovanna (1918–84) war von Modiglianis Florenzer Schwester Margherita adoptiert worden. Zu Hébuternes nachgelassenen Werken zählt (angeblich) auch das Aquarell La suicida**, vielleicht aus ihrem Todesjahr.

* Memoiren. Menschen – Jahre – Leben, zweibändige deutsche Ausgabe München 1962/65, Band I, S. 227–35
** https://commons.wikimedia.org/wiki/File:La_suicida_-_Jeanne_H%C3%A9buterne.jpg




Heimisson, Einar 31 (1966–98), isländischer Schrift-steller und Filmemacher, machte sich trotz seines kurzen Lebens um den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und seinem Heimatland verdient. Er hatte zunächst Geschichte und Literaturwissenschaft in Freiburg, dann Film in München studiert. Er arbeitete als Journalist, Übersetzer (Wolfgang Borchert, Heinrich Böll, Inge Aicher-Scholl, Günter Grass) und Autor. Neben zwei Romanen veröffentlichte er viele Beiträge für Fernseh- und Rundfunksender und seinen eigenen Spielfilm Maria, der 1997 sowohl in isländischen wie deutschen Kinos lief. Es geht um eine junge Deutsche, die nach dem Zweitem Weltkrieg auswandert, um ihr Glück auf Island zu suchen. Einar Heimisson fand das seine möglicherweise nirgends, aber das bleibt einstweilen Spekulation. Er starb mit 31 in München. Ein Kölner Skandinavist bringt die Kaltblütig-keit auf, in seinem zugeneigtem Nachruf* mit keinem Komma auf die näheren Todesumstände einzugehen. Empfindliche LeserInnen könnten sich glatt beleidigt fühlen. Eine Hamburger Gewährsfrau schreibt mir allerdings, in mehreren von der isländischen Tageszeitung Morgunblaðið gebrachten Nachrufen habe es nicht anders ausgesehen. Auch in einem Gedenkfilm, den rund 20 Jahre später eine Schwester Heimissons gemacht habe, werde anscheinend, wie sie aus Zeitungsberichten schließe, nichts zur Todesursache gesagt. Eine Hauptdarstellerin Heimissons läßt mir von ihrer Agentur mitteilen, Frau X. wolle und könne dazu nichts sagen, weil sie nur geringen Kontakt mit dem Regisseur gehabt habe. Das grenzt schon an Satire. Irgendjemand scheint hier eine ähnlich starke Verteidigungsstellung aufgebaut zu haben wie etwa im Fall des Fechters >Beierstettel. Da lassen wohl Angehörige oder GralshüterInnen grüßen, denen die Todesursache peinlicher ist als dem Verstorbenen selbst.

* Gert Kreutzer, »Einar Heimisson gestorben«, Island (Zeitschrift der Deutsch-Isländischen Gesellschaft), Heft 2/1998, S. 64



Heisler, Elfriede 33 (1885–1919), Berliner Schauspie-lerin. Ursprünglich von der Bühne, wirkte sie ab 1912 in einigen Stummfilmen mit. Allein die Titel-Liste garantiert Lacherfolg. Das sowohl dunkeläugige wie dunkelhaarige Bubiköpfchen soll »die Naive« vom Dienst gewesen sein. Angesichts ihrer Grabinschrift* glaubt man das gern: »Der Kunst entrissen durch Leid und Not, zerbrochen dein junges Leben, der Welt, die dir so wenig bot, du hast ihr viel gegeben.« Sie hatte sich, mit knapp 34, eine Handvoll Veronal-Tabletten eingeworfen – mutmaßlich standes-gemäß aus Liebeskummer.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Elfriede_Heisler#/media/Datei:Grave_of_Elfriede_Heisler.jpg



Heithuis, Henk c.23 (1935–58), niederländisches Miß-brauchs-Opfer, endet überraschend durch »Autounfall«. Bekanntlich hat die westliche Demokratie ihr Staatshaus-haltsgerät Untersuchungskommission zu dem Zweck erfunden, einen möglichst hohen Prozentsatz des jeweils ruchbar gewordenen Drecks unter den Teppich zu kehren. In Weidmannskreisen heißt dasselbe Verfahren: den Bock zum Gärtner machen, damit er im Futter bleibt. Wim Deetman zum Beispiel, früher zeitweise Minister, ist ein führender Politiker der niederländischen Partei Christlich-Demokratischer Aufruf (CDA). Die nach ihm benannte Kommission legte 2011 einen Bericht über Mißbrauchsfälle in der niederländischen katholischen Kirche während der gesamten Nachkriegszeit vor. Obwohl dicker als ein Abt, glänzt diese Prosaarbeit durch Mauselöcher und Beschönigungen. Dem fiel auch der Fall Henk Heithuis zum Opfer. Nebenbei läßt der Bericht Versuche des späteren Premierministers Vic Marijnen, Begnadigungen für einige wegen »Unzucht« verurteilte Ordensbrüder zu erwirken, gleichfalls unerwähnt.* Marijnen gehörte der Katholischen Volkspartei (KVP) an. Zwischen 1956 und 1959 soll er zufällig Leiter des Harrevelder Vincentius-Stifts gewesen sein, von dem wir gleich hören werden. Premierminister wurde er 1963.

In der Haut von Henk Heithuis, geboren 1935, möchte man wieder einmal nicht gesteckt haben. Das Kind aus geschiedener Ehe hatte sich seit seinem erstem Lebensjahr in verschiedenen niederländischen Erziehungsheimen aufzuhalten, ab 1950 im katholischen Vincentius-Stift in Harreveld. Anfang 1955 erstattete Heithuis Anzeige wegen wiederholten sexuellen Mißbrauchs durch Ordensbrüder. Gerade noch minderjährig, wurde er daraufhin in die Brabanter katholische psychiatrische Anstalt Haus Padua eingeliefert, weil er die Mönche verführt habe. Damit griff das andere beliebte Verfahren, den Spieß umzukehren, also das Opfer zum Täter zu machen. Nun wurde Heithuis, zwecks Heilung von Perversität und Homosexualität, im Vegheler St. Joseph-Krankenhaus, laut Patientenakte, »eugenatisiert«, nämlich kastriert. Während Stiftschef Bruder Gregorius einige Wochen nach Heithuis' Anzeige nach Kanada strafversetzt und damit aus der Schußlinie genommen worden war, hatte Heithuis, inzwischen als Matrose erwerbstätig, unter den seelischen und körperlichen Folgen dieser grausamen Behandlung zu leiden. Zum Glück fand er eine Art Pflegefamilie, Rogge, die sich seiner annahm (und die sowohl Heithuis' Verstümmelung wie seine Folgeleiden bezeugte). So wiederholte er 1957 seine Anzeige und bereitete mit Hilfe des Journalisten Joep Dohmen auch einen publizistischen Feldzug vor, weil beide glaubten belegen zu können, Heithuis sei, was den Mißbrauch in kirchlichen Einrichtungen angehe, weißgott kein Einzelfall. Da jedoch Heithuis' Klage erneut nicht zugelassen wurde, wollte es der Matrose mit einer Zivilklage gegen das Stift versuchen. Kaum hatte er, inzwischen wohl 23, im Oktober 1958 die entsprechende Klageschrift eingereicht, wurde er auf der Autobahn von einem anderem Fahrzeug gerammt. Er war auf der Stelle tot.

Laut Cornelius Rogge, von Beruf Bildhauer, beschlag-nahmte die Polizei Heithuis' gesamte Prozeßunterlagen noch am Todestag. Eine Untersuchung des vermeintlichen oder tatsächlichen Unfalls habe nie stattgefunden. Eine von der Zeitung Het Parool geplante Artikelserie blieb aus. Heithuis selber hatte schon öfter von seiner Angst gesprochen, »sie« könnten ihn »wieder zu packen kriegen«. Übrigens nennen alle mir zugänglichen Quellen weder den ungefähren oder gar genauen Unfallort, noch beschreiben sie den Hergang des Unfalls. Ohne Ort selbstverständlich keine Verantwortung. Man läßt den naheliegenden Eindruck, die Polizei habe hier mindestens einen Versicherungsfall, eher jedoch einen Mord unter den Teppich gekehrt, kurzerhand auf sich beruhen. Keine Spuren? Keine Zeugen? Überflüssig. Das zweite am Unfall beteiligte Auto wurde vom Heiligen Geist gesteuert und verschwand nach der Rammung naturgemäß in den Wolken.

* Benjamin Schulz, »Kastriert im Namen des Herrn«, Spiegel, 4. Mai 2012: https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/missbrauch-katholische-kirche-in-niederlanden-liess-jungen-kastrieren-a-829437.html



Held, Adolf 36 (1844–80), deutscher Kathedersozialist, scheitert bei Kahnfahrt in der Schweiz. Die Blässe, die viele Stubenhocker im Gesicht zeigen, hatte der Berliner Nationalökonom, Professor, Patriot und »Sozialpolitiker« womöglich im Kopf. Man sollte lieber Marx oder Kropotkin lesen. Am 25. August 1880 steckte Held seinen Katheder-Schädel unfreiwillig, wie es aussieht, zu tief in den bei Bern gelegenen Thuner See. Er hatte in der Schweiz Ferien gemacht und eine Kahnpartie unternommen. Am Ausfluß der Aare soll sein Kahn, wie Adolph Wagner wenige Monate später schreibt*, infolge der dortigen »Strom-schnellen« gekentert sein. Ob der 36 Jahre alte Held allein war, wird nirgends mitgeteilt. Jedenfalls war er seit gut 10 Jahren verheiratet gewesen. Die Frau hieß Elise.*

* ADB, Band 13 (1881), S. 494–98



Hémon, Louis 32 (1880–1913), franko-kanadischer Schriftsteller, kam eines Sommertages in oder bei Chapleau, Ontario, unter einen Zug. Die in dieser Hinsicht, wie so oft, betrüblich kargen Quellen sprechen meist von einem Unfall, ansonsten deuten sie Selbstmord an. Es soll inzwischen mehrere biografische Arbeiten über Hémon geben – ob die BerichterstatterInnen sie gelesen haben, wage ich zu bezweifeln. Jedenfalls war der 32jährige leidenschaftliche Schwimmer, Radfahrer und Boxer, obwohl studierter Jurist, kein zerstreuter Professor gewesen. In Paris hatte er zunächst für Sportblätter oder -seiten geschrieben, und nachdem er sich 1911, inzwischen Londoner, der drohenden Ehe mit der offenbar anstren-genden Irin Lydia O'Kelly durch eine Atlantiküberquerung entzogen hatte, verdingte er sich in Quebec, Kanada, unter anderem als Farmarbeiter und Vermessungsgehilfe. Auch sein zweijähriges Töchterchen ließ er, nach einigen Quellen, in der Alten Welt sitzen.

Dem Wagnis Übersee entsprang vor allem sein Roman Maria Chapdelaine, der das entbehrungsreiche Siedlerleben und die Wahlqualen der Titelheldin (drei heiratswillige Verehrer aus unterschiedlichen Milieus) nicht ohne Humor darstellen soll. Den Einschlag dieser Frucht seiner Stadtflucht konnte Hémon allerdings nicht mehr genießen. Als er das (auf französisch geschriebene) Manuskript abgeschlossen und auf die Post gebracht hatte, brach er in mir unbekannter Gemütsverfassung mit der Eisenbahn gen Westen – und in sein Verderben auf. Im nächsten Jahr, 1914, wurde Maria Chapdelaine zunächst als Zeitungsroman veröffentlicht. Später erlebte das Werk Übersetzungen in mehr als 20 Sprachen. Es wurde auch wiederholt verfilmt. Laut Kindlers Neuem Literatur Lexikon von 1988 war der eher mittelmäßige Text »zum Markenzeichen eines bäuerlich-archaischen Quebec« hochgejubelt worden. Die schlichte, heimat- und schollentreue Farmerstochter entscheidet sich schließlich für den Landwirt unter den drei Bewerbern. Schauplatz der Schnulze war das am Nordufer des Sees Saint-Jean gelegene Nest Péribonka*, vielleicht erfährt man da mehr – über den angeblichen Unfall des Autors. Auch das Schicksal der Tochter (und Erbin?) könnte so manchen interessieren.

* http://www.peribonka.ca/musee-louis-hemon



Henkel, Fynn 18 (1996–2015), Nachwuchsstar des deutschen Film. Vermutlich hätte er noch eine Menge Geld verdient. Ob er damit glücklich geworden wäre, steht hier nicht zur Debatte. Henkel war, ab 2009, als Held der Fernsehserie Tiere bis unters Dach bekannt geworden. Er wirkte auch in einigen anderen Filmen mit. Gleich nach dem Abitur (in Freiburg/Breisgau) ging er, für ein Jahr, als »Austauschstudent« in die ungarische Großstadt Pécs. In diesem Rahmen besuchte der 18jährige Mitte August 2015 das Musikfestival Sziget, das regelmäßig auf einer Donauinsel in Budapest veranstaltet wird. Als er dort, angeblich »wild«, zeltete*, wurde er, wohl vormittags, Opfer eines Unwetters: ein Ast fiel auf das Zelt und erschlug ihn.

* »Tragischer Tod«, Gala, 19. August 2015: https://www.gala.de/stars/news/jungschauspieler-fynn-henkel--tragischer-tod-20244080.html



Henneberger, Barbara 23 (1940–64), bayerische Skirennläuferin. Im April 1964 ist die mehrmalige deutsche Meisterin bei St. Moritz mit rund einem Dutzend anderen Assen an Dreharbeiten zu Willy Bogners Film Ski-Faszination beteiligt. Die Gruppe löst zwei Lawinen aus, der Henneberger (23) und der US-Sportler Wallace Werner (28) zum Opfer fallen. Bogner, damals selbst ein erfolg-reicher Skirennläufer, zudem Filmemacher, später Chef des väterlichen Münchener Modehauses und offizieller Ausrüster der deutschen Ski-Nationalmannschaften, scheint noch zu leben. Er ist Jahrgang 1942. Henneberger war damals seine Braut. Da ihm Warnungen vor der akuten Lawinengefahr bekannt waren, wurde er ein Jahr darauf von einem Graubündener Gericht mit zwei Monaten Gefängnis auf Bewährung »bestraft« – für zwei Fahrlässige Tötungen. 2005, anläßlich des Selbstmordes eines 17jährigen Adoptivsohnes von Bogner, Bernhard, machte ein »Leitmedium«* vor, wie man in knappen biografischen Abrissen alles Unwesentliche wegläßt. »Am 12. April 1964 erlebte Willy Bogner einen schweren Schicksalsschlag: Seine Freundin, die Olympia-Skiläuferin Barbara Henneberg, wurde in der Schweiz von einer Lawine verschüttet.« Mehr wird dazu nicht gesagt. Schicksal!

* »Bogner-Sohn beging Selbstmord«, Süddeutsche Zeitung, angeblich am 11. Mai 2010: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/ermittlungs-ergebnis-bogner-sohn-beging-selbstmord-1.669173. Dieses Datum ist ebenfalls irreführend. Der Selbstmord fand nach meinen Informationen in der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober 2005 statt. Das war ein Sonntag. Wahrscheinlich erschien der Artikel am Dienstag den 4. Oktober 2005.



Henninger, Hans 32 (1905–37), Berliner Schauspieler. Über ihn erfährt man so gut wie nichts. Eine Anfrage an das hauptstädtische Schwule Museum blieb ohne Echo. Henninger soll in etlichen Filmen »unbedeutende« Nebenrollen gespielt haben. Dies auch noch im Faschis-mus, wie die Verzeichnisse seiner Mitwirkungen zeigen. Mit 32 soll er einer drohenden Verhaftung durch Selbstmord zuvorgekommen sein. Henninger verkehrte im Literarischem Salon des Hoteliers Richard Schultz, der Homosexuellen (und Oppositionellen) im faschistischem Berlin einen gewissen Schutzraum bot.



Hensing, Friedrich Wilhelm 26 (1719–45), Gießener Mediziner, schon ab 1742 (zeitlich) erster Prosektor, nämlich Erster Sezierer der dortigen Anatomie, ferner Dozent. Im Jahr darauf wurde er, mit erst 24, ordentlicher Professor. Er veröffentlichte mehrere Schriften, obwohl er bereits Ende 1745 selber, inzwischen 26, zum Kanditaten eines Prosektors wurde: er starb.

Ich sollte mich öfter ermahnen, nicht dem groben Unfug des postmodernen Glaubens aufzusitzen, was nicht im Internet stehe, existiere nicht. In der Tat kennt das Internet in vielen Fällen keine Todesursachen, und so auch bei Hensing. Diese »Desiderate« (Lücken) gehen wechsel-weise aufs Konto von Zensur, Faulheit, Zufall. Ein be-herzter Brief ans Gießener Stadtarchiv beschert mir jedoch die Bekanntschaft mit einer interessanten gedruckten Publikation*, nach der Hensing der Schwindsucht erlag. Man erfährt überdies, vorher sei der »Erste Sezierer« unter anderem verpflichtet gewesen, jährlich auch drei bis vier öffentliche Sektionen abzuhalten. Dazu gab es schon eigens ein Anatomisches Theater.** Allerdings sei die »Versorgung« der Gießener Anatomie mit »Cadavern« (Leichen) zunächst »sehr mangelhaft« gewesen, merken die Autoren an. Hensing hatte um den Nachschub an Verstorbenen des »Stockhauses« (Gefängnis) oder um die Leichen von Hingerichteten und »Landstreichern« regelrecht zu kämpfen. Umso beachtlicher seien Hensings Verdienste, insbesondere als Wegbahner der Präparier-kurse in Gießen, wozu er eigens eine Sammlung angelegt habe.

Woran nun Margarethe Maria Hensing (1744) starb, wissen offenbar auch Benedum/Giese nicht. Hensing hatte sich 1743 mit der Tochter des Mediziners Johann Casimir Hertius verheiratet. Der Schwiegervater zählte zu Hensings Lehrern. Aber im Jahr darauf lag seine Gattin schon unter der Erde, vermutlich erst 18 Jahre alt. Wenn nicht gleichfalls der Tuberkulose, war sie vielleicht ein Opfer der Schwängerung durch Hensing geworden. Kommt es hoch, hat er sie, obwohl sie gar keine Landstreicherin war, gleich heimlich des nachts seziert und dann den Sargdeckel zugenagelt.

Hensings prominenter Vater Johann Thomas Hensing, Ordinarius für Chemische Naturphilosophie an der Gießener Universität, war übrigens auch nicht sonderlich alt geworden. Nach Donald B. Tower zog er sich, als Arzt, bei einem Schwerkranken eine »Influenza inflammatoria« zu, die ihn (1726) mit 43 ins Grab beförderte.

* Jost Benedum / Christian Giese, Die Professoren der Medizin in der Gießener Gemäldegalerie, Gießen 1983, S. 132–36
** https://de.wikipedia.org/wiki/Anatomisches_Theater




Herrmann, Ursula 10, entführt und erstickt 1981 am Ammersee. Im Vergleich zu ihr hatte der älteste Sohn des Dresdener Theologen und Hochschullehrers Friedrich Delekat wahrscheinlich einen glücklichen Tod. Dem 13jährigem, dessen Vornamen Victor Klemperer in seinen Tagebüchern übergeht, fiel im Sommer 1934 auf dem Schulhof ein Dachziegel auf den Kopf. In der elterlichen Todesanzeige habe man dann lesen können: »Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen!« Romanist Klemperer: »Die Theologen haben es gut.«

Ursula wurde bereits mit 10 von der Erde getilgt. Es war im September 1981. Die »lebenslustige« oberbayerische Schülerin aus Eching am Ammersee wurde auf ihrem Heimweg vom Fahrrad gelockt oder gerissen und wenig später gleichsam in einer Holzkiste vergraben, die ungefähr 1,60 Meter unter dem Waldboden eingelassen war. Nach rund anderthalb Stunden war sie erstickt, wie später ein Gerichtsmediziner vermutete. Male sich jeder die Qualen des Mädchens selber aus, zudem die der Eltern. Ursulas Leiche wurde gut zwei Wochen nach der Entführung aufgespürt. Ihr grauenhaftes Verlies soll nur 72 × 60 × 139 Zentimeter gemessen, gleichwohl über Beleuchtung (Batterie), Lektüre, Lebensmittelvorräte, einen Toiletteneimer, Kinderkleidung und sogar ein Transistorradio verfügt haben. Ob die EntführerInnen nicht mit der »Gefahr« rechneten, ihr Opfer könne gehört werden, geht aus meinen Quellen nicht hervor. Dafür nahmen sie dessen Tod in Kauf. Zum einen erwiesen sich die Belüftungsrohre der Kiste als durch Laub oder Erde verstopft oder sonstwie untauglich, zum anderen verliehen die Täter ihrer Forderung nach einem Lösegeld von zwei Millionen DM schon nach kurzer Zeit nicht den geringsten Nachdruck mehr. Offenbar war in der Verbrecherbande einiges schief gelaufen. Bei der Polizei ebenfalls: Verhaftungen fanden nicht statt.

Immerhin, nach knapp 30 Jahren – weniger nicht – kam der Fall erneut auf die Agenda der Augsburger Staatsan-waltschaft. Und im Frühjahr 2010 verurteilte das dortige Landgericht den schon anfangs verdächtigten, inzwischen fast 60jährigen Werner M. aufgrund weniger und eher wackliger Indizien zu Lebenslänglich. Ein mutmaßlicher Spießgeselle – der sein Geständnis umgehend widerrufen hatte – war bereits gestorben. M.s Ehefrau wurde freige-sprochen. Der gelernte Fernsehtechniker und ehemalige Inhaber einer Reparaturwerkstatt für Elektrogeräte, der bis heute seine Unschuld beteuert, hatte damals in Sicht-weite der Herrmanns gewohnt und war hochverschuldet. Allerdings wird das Lehrerehepaar Herrmann in verschiedenen Presseartikeln als »unvermögend« bezeichnet. Davon abgesehen, habe ich über die Verhältnisse in Ursulas Elternhaus nicht eine Angabe gefunden. Vielleicht ist man darauf bedacht, nach dem Mißgeschick mit dem Kind wenigstens die Eltern zu schützen.

Viele BeobachterInnen halten M. keineswegs für »zwei-felsfrei« überführt. Sie weisen auf zahlreiche Ungereimt-heiten hin. Schon in den Anfängen der Ermittlungen soll sich die Polizei etliche, teils haarsträubende »Pannen« geleistet haben. Später versteifte sie sich möglicherweise auf M. als Haupttäter, weil der Mann, nach landläufiger Meinung, ein »Ekel« war und Alternativen in weiter Ferne lagen. Tatsächlich gibt es aber Anhaltspunkte für andere Täterkreise, ja sogar für eine Verwechslung des Opfers. Auch der Musiklehrer Michael Herrmann hält den Fall für nicht wirklich geklärt.* Er ist der Bruder des Opfers. Zur Tatzeit 18, raubt ihm der Fall bis heute den Schlaf.

* Julia Jüttner, »Offene Wunde«, Spiegel, 2. Mai 2020: https://www.spiegel.de/panorama/justiz/entfuehrung-von-ursula-herrmann-1981-bruder-bezweifelt-werner-m-s-taeterschaft-a-e220eb8e-eb11-4cf0-bca2-f9bd4aef8eff



Hertz, Heinrich 36 (1857–94), Physiker. Wann ist ein Vorfall ein Unfall? Nach landläufiger Bestimmung muß das »Unfallereignis« ungewöhnlich sein und überraschend und kurzzeitig auftreten. Ein Schulbeispiel habe ich gerade angeführt: Delikat junior mit dem Dachziegel. Aber es wimmelt hier auch von sogenannten Verkehrsunfällen – und nach obiger Definition sind sie Krankheiten, finden sie doch am laufenden Band statt, schon fast so häufig wie Schnupfen. Was sagen die Advokaten jedoch zu ausgesprochenen Raritäten? Die Wegener-Granulomatose etwa ist eine vergleichsweise seltene Entzündungskrank-heit (der Blutgefäße), die bei Nichtbehandlung noch heute garantiert in wenigen Monaten zum Tod führt. Statistisch betrachtet, befällt sie, wie ich lese, unter 100.000 Menschen ungefähr fünf bis sieben, dabei vorwiegend Männer. Einer dieser verunfallten Männer, wie man doch mit einigem Recht formulieren könnte, war der vor allem durch seine Arbeiten über elektromagnetische Wellen berühmte Bonner Physik-Professor und Beflügler der Rundfunktechnik Heinrich Hertz, der 1894 mit 36 Jahren starb. Man benannte später, unter anderem, den Hamburger Fernsehturm nach ihm, der allerdings ungleich mehr ins Auge sticht als eine Erkrankung an der Wegener-Granulomatose.

Bei der österreichischen Schauspielerin Elfriede Datzig kam (1946) eine peinliche Verschiebung vor. Die 23jährige war wegen einer Lungen- und Rippenfellentzündung mit Penizillin behandelt worden, auf das sie allergisch reagierte, worauf sie starb. An der Krankheit wäre sie womöglich nicht gestorben. Ihre Geschlechtsgenossin Anna Rehlinger hatte es immerhin, wie Hertz, auf 36 gebracht, bevor sie (1548) an der Geburt des elften Reichsgrafensprößlings verendete. Das erinnert doch sehr an die sogenannten Verkehrsunfälle. In einigen Quellen stirbt sie übrigens erst mit 42. Jedenfalls hatte man sie 1527 mit dem Augsburger Stadtrat und Geldsack Anton Fugger verheiratet – und ich wäre fast geneigt, schon ihre Verheiratung als den entscheidenden Unfall anzusehen. Oder den Zeitpunkt ihrer eigenen Geburt, die leider noch nicht in die Epoche der offen gehandelten Verhütungsmittel gefallen war.

Um es einmal in aller Deutlichkeit festzustellen: die meisten Abgrenzungen sind so schwachsinnig wie das spitzfindige Wesen, von dem sie mit unermüdlicher Wonne erfunden werden. In Freien Republiken genügen gesunder Menschenverstand und echter Verständigungs-wille, um jeden Vorfall für sich zu beurteilen und angemessen zu behandeln. Ob da ein Pferd, das in ein Kaninchenloch getreten ist, einen Unfall, eine Krankheit oder eine Vorsehung erlitten habe, ist dem hinkenden Pferd egal. Nicht so jedoch im Kapitalismus. Wem gehört das Pferd? War der Reiter befugt? War das Pferd versichert? Wogegen war es versichert? Es war nicht versichert? Na, sehen Sie: Sie sind schuld, und jetzt zahlen Sie mal bitte schön.



Herzen, Kolja 8 (1843–51), Sohn des russischen, später in Westeuropa lebenden Schriftstellers Alexander Herzen. Das erste schlimme Unglück traf Kolja bereits bei der Geburt: er war völlig taub, wie seine Eltern nach ungefähr einem Jahr entsetzt bemerkten. Gleichwohl galt er als lebhaftes Kind und guter Schüler. Man hatte ihn in die Obhut seiner Großmutter Louise Haag gegeben, die sich in Zürich niederließ, weil dort eine Taubstummenschule zur Verfügung stand. Vater Herzen schreibt*, Kolja habe sich schon als Fünfjähriger mit großer Begabung einen Spaß daraus gemacht, alle möglichen BesucherInnen des Elternhauses »bewußt karikiert nachzuahmen«, wodurch er viel Gelächter geerntet habe (S. 201). Vielleicht wäre er ein beachtlicher Clown geworden? Das zweite schlimme Unglück, das ihn mit Acht traf, war natürlich gar nicht lustig. Die Eltern wohnten damals in Nizza, das zu Italien (Piemont) gehörte. Kolja, seine Oma und sein Lehrer Johann Spielmann hatten sich, von Paris kommend, Mitte November 1851 in Marseilles eingeschifft, um mit einem Mittelmeer-Raddampfer nach Nizza zu fahren. Spielmanns Alter ist nirgends zu erfahren; aus verschiedenen Anhaltspunkten schließe ich aber, er war kein Opa, eher ein junger Mann.

Das Unglück ereignete sich nachts, als die meisten Fahrgäste schliefen. Zwischen der Insel Hyères und dem Festland stieß der Raddampfer, bei eher gutem Wetter, mit einem anderen Schiff zusammen. Laut Stephan Reinhardt (Georg Herwegh, 2020, S. 366) sank der Raddampfer rasch: von ungefähr 100 Passagieren seien die meisten ertrunken, darunter die Drei aus Paris. Deren Leichen bleiben allerdings verschollen. Der Vorfall wird natürlich auch in Herzens Memoiren erwähnt (S. 349–57). Von einer amtlichen Untersuchung ist mir nichts bekannt.

Herzen schreibt (357), seit diesem Schlag sei Koljas Mutter Natalja Alexandrowna (1814–52) nie mehr gesund geworden. Das ging von einer Brustfellentzündung bis zu einem Wochenbett, das weder sie noch der Säugling überlebte. Doch der dickste Hammer muß die Groteske mit Georg Herwegh gewesen sein – fast ein Komödienstadl, wäre sie nicht, für Natalja, tödlich ausgegangen. Der zugleich ehrgeizige und eher farblose, wenig zupackende »Dichter« hatte sich in sie verliebt, und streckenweise war sie im Begriff, darauf einzugehen. Das spielte sich vor allem in Nizza ab, ehe Herwegh es vorzog, der Schmach zu fliehen. Nun hockt der Gatte in dem gemietetem, mit Dienerschaft gespicktem Haus am Meer und ist tief verstört. Er schont sich in selbstkritischer Hinsicht kaum, aber er macht, wie alle, nicht die geringsten Andeutungen, ob bei dem Dreiecksdrama vielleicht auch Sexualität eine Rolle gespielt hätte. Ich vermute stark: Pustekuchen. Diese erlauchten Revolutionäre waren über viele Monate hinweg von Hirngespinsten gejagt. Streckenweise wurden Duelle, Ehrengerichte und immer wieder Mordanschläge erwogen. Herzen macht den Widersacher keineswegs völlig schlecht; mir mißfällt jedoch, wenn er im Kampfe sogar aus privaten Briefen Herweghs zitiert. Natalja entscheidet sich schließlich für Herzen und die Kinder – bloß stirbt sie da auch schon, ungefähr 38 Jahre alt (380/81).

Im allgemeinen sind Herzens Erinnerungen durchaus genießbar und aufschlußreich verfaßt, aber zu unausgewogen und mit manchen Längen. Im ganzen drei Bände, da hat er viel hineingepackt. Herzens Ausdruck ist oft köstlich treffend, doch er liebt auch das fruchtlose Schwenken verschiedener Bänder oder Gartengeräte, was er vielleicht für Poesie hielt, während er andererseits mit Vergnügen in den Verästelungen der Politik herumturnt und dabei die Grundfragen aus dem Blick verliert: Eigentumsverhältnisse, Volksbildung und vor allem Selbstorganisation. Möglicherweise stand es in dieser Hinsicht um Freund Bakunin etwas besser. Was der Vielschreiber und vielfache Vater Herzen freilich lieber überging, war sein Früchtchen Lisa Herzen. Irre ich mich nicht, hieß sie offiziell Jelisaweta Alexandrowna, 1858–75. Nach einem jüngerem Zeitungsartikel** war Lisa in London einer Affäre Herzens mit der Gattin (Natalja A. Tutschkowa) seines engsten Mitstreiters Nikolai Ogarjow entsprungen. Mit 17 soll sich das Mädchen schon wieder umgebracht haben – Chloroform-Vergiftung, angeblich wegen Liebeskummer. Neben Lisa habe die Affäre sogar noch ein Zwillingspaar hervorgebracht. Da hat die gute Tutschkowa anscheinend den einen stämmigen Vollbart gegen den anderen stämmigen Vollbart getauscht, wenn mich Fotos nicht täuschen. Der Artikel merkt genüßlich an, Herzens Lage sei heikel gewesen. Nun habe er sich jäh »in der Situation seines Erzfeindes Herwegh« befunden, »der sich vom politischen Kampfgefährten zum erotischen Verräter gewandelt hatte. Deshalb tabuisierte Herzen diese zweite Dreiecksaffäre vollständig und verlor in seiner Autobiografie kein Wort darüber.«

Was Lisa angeht, fühlte sie sich vermutlich schon als kleines Mädchen in einen Irrgarten gepflanzt, über dem zu allem Überdruß auch noch der Londoner Nebel hing. Die Silberstreifen ihres radikaldemokratisch gesinnten Erzeugers hatten sich als Vogelscheuchen-Flitter erwiesen, und 20 andere Krähen zerrten sie in 20 verschiedene Richtungen. Dostojewski, so die NZZ, habe Lisas Liebesenttäuschung nur als den Vorwand erachtet, ihren eigenen Lebensweg gar nicht erst antreten zu müssen. Wer wollte ihr das verdenken, falls es stimmt? Glücklicher waren womöglich die erwähnten Zwillinge daran, die bereits als Kleinkinder gestorben sein sollen.

* Mein Leben. Memoiren und Reflexionen, Band 2 der Ostberliner Ausgabe: Aufbau-Verlag 1963
** »Zwischen Barrikade und Salon«, NZZ, 7. April 2012: https://www.nzz.ch/zwischen-barrikade-und-salon-1.16321322




Heydrich, Reinhard 38 (1904–42), Nazi-SD-Chef, Attentat in Prag. Es gab etliche Frauen, die sich im Faschismus geschunden und in der ihn ablösenden Demokratie hintergangenen sahen, beispielsweise die kommunistisch gestimmte Bergmannstochter und Seifenverkäuferin Martha Hadinsky, die sich 1963 mit 51 umbrachte. Ihnen stellte ich einmal verschiedene, stets mit Samthandschuhen angefaßte Nazi-Gattinnen gegenüber. Eine von ihnen hieß Lina. Zur selben Zeit, da man der »unbelehrbaren« Martha die karge Rente gestrichen hat, zehrt die etwa gleichaltrige Lina auf der Ostseeinsel Fehmarn, wo sie außerdem ein Hotel betreibt, von einer just vor dem Schleswiger Landessozialgericht erkämpften »Kriegsopfer«-Rente. In ihren Augen war ihr 1942 verstorbener Ehemann nämlich »einer unmittelbaren Kriegseinwirkung zum Opfer gefallen«. Und die Frage, wer den Krieg vom Zaun gebrochen hatte, hielt sie offenbar für unerheblich. Das Gericht schloß sich dieser Sicht (1958) schließlich an. Das Opfer war kein Geringerer als Reinhard Heydrich gewesen.

Der Polizeigeneral, Leiter des »Reichssicherheitshaupt-amtes« und nebenbei Vize-»Reichsprotektor für Böhmen und Mähren« war damals, als 38jähriger, den Folgen eines in Prag auf ihn verübten Anschlages tschechischer Agenten erlegen, die im Auftrag der Londoner Exilregierung und mit Unterstützung einheimischer Untergrundkämpfer-Innen handelten. Nun war die arme Lina Witwe. Mit ihr und vier Sprößlingen hatte Heydrich bei Prag in Schloß Jungfern-Breschan (Panenske Brzezany) residiert, wo laut stern-Bericht von 2002 »bis zu 120 jüdische KZ-Häftlinge für sie fronen« mußten.* Vordringlich ging Heydrich allerdings als Berliner Cheforganisator der »Endlösung der Judenfrage« in die Geschichte ein. Nach zahlreichen Zeugnissen war die Gattin des kaltblütigen Massen-mörders, eine geborene Von Osten, schon um 1930, also mit 20, eine »glühende Nationalsozialistin« gewesen. Manche Quellen bescheinigen ihr geradezu Sadismus. Lina übte maßgeblichen Einfluß auf ihren gleichfalls blonden, gleichfalls ehrgeizigen Reinhard aus, der zwar ein Hüne war, jedoch an seiner dünnen, hohen Stimme und dem entsprechenden Schüler-Schmähnamen Ziege gelitten haben soll. Dies alles wußten die Schleswiger SozialfürsorgerInnen zu belohnen. Offenbar hielt Lina ihrem Reinhard auch bis zuletzt die Stange, wie aus ihren Memoiren hervorgehen soll. Von Reue keine Spur. Sie starb 1985 mit 74 Jahren.

* Mario R. Dederichs, »Verdrängung, Vertuschung und Vergebung«, 6. November 2002: https://www.stern.de/politik/geschichte/epilog-verdraengung--vertuschung-und-vergebung-3899814.html



Heyer, Heather 32 (1985–2017), US-Anwaltsgehilfin, Gewaltopfer. Sie nahm am 12. August 2017 in Charlottes-ville, Virginia, nicht zufällig an einer Demonstration gegen die neofaschistischen Umtriebe einer sogenannten Unite the Right rally teil – aber dann … Dann raste in einer engen Straße der Innenstadt ein Auto in die demonstrie-rende Menge. Ergebnis: 19 Verletzte und eine Tote. Die Tote war zufällig Heyer, 32 Jahre alt. Der Täter bekam eine sehr hohe Haftstrafe. Knapp vier Jahre später nähern wir uns offenbar dem Ausbruch des jüngsten nordamerika-nischen Bürgerkriegs. Er wird weder den Rassismus noch die Waffen ausrotten, Autos eingeschlossen.

Nach verschiedenen Quellen stammte Heyer aus der unteren Mittelschicht. Sie hatte eine Highschool besucht, aber nicht studiert. Ein schwarzer Anwalt in Charlottes-ville hatte sie unlängst als Gehilfin eingestellt, weil sie einen Draht zu Menschen und den Blick für Details besaß. Nebenher war sie noch als Kellnerin tätig. Sie habe überall die Gleichbehandlung der Menschen und Völker verfoch-ten. Ihre Mutter Susan Bro, eine schlichte Bürokraft, denkt sehr ähnlich. Der Guardian* stellt sie als alte Klassen-kämpferin dar. Denkmäler lehnt sie wie Heyer ab. Sie scheint sich mit dem Gedanken zu trösten, ihre Tochter habe sehr wahrscheinlich einen raschen Tod gehabt, keine Qualen, wie sie sie selber bereits geschmeckt hat. Nun rührt sie die Reklametrommeln für eine Stiftung, die Stipendien an sozialkritisch gestimmte ErzieherInnen, Rechtsbeistände und dergleichen vergibt.

* Lois Beckett, »'A white girl had to die for people to pay attention': Heather Heyer's mother on hate in the US«, 1. Oktober 2017: https://www.theguardian.com/us-news/2017/oct/01/heather-heyers-mother-on-hate-in-the-us-were-not-going-to-hug-it-out-but-we-can-listen-to-each-other



Fortsetzung Hi—Hund
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