Mittwoch, 6. Oktober 2021
LdF Folge Goh—Gu

Goldbeck, Eva 34 (1901–36), US-Autorin, mit dem Komponisten Marc Blitzstein verheiratet, dem wir unter anderem die bemerkenswerte Oper Regina (1949) ver-danken. Die jüdischstämmige Kritikerin und Übersetzerin aus New York City hatte den charmanten Komponisten 1928 in einer Künstlerkolonie getroffen. Sie gab ihm in der Folge wesentliche künstlerische Anregungen, kam freilich mit eigenen erzählerischen Arbeiten nie zum Zug. 1933 verheiratete sie sich mit Blitzstein, obwohl oder weil dieser vornehmlich männliche Sexualpartner schätzte.

Goldbeck selber war, nach Blitzsteins Biografen Howard Pollack*, anscheinend geradezu undefinierbar gestimmt. Sie starb 1936 bereits mit 34 Jahren in einem Bostoner Krankenhaus. Die zierliche, braunhaarige, ausgesprochen gewissenhafte Schriftstellerin und starke Konsumentin von Kaffee, Zigaretten und Alkohol war seit mindestens 10 Jahren immer erschreckender abgemagert, litt zudem an Brustkrebs. Nach Einschätzung ihres Kollegen und Freundes Lewis Mumford und dessen Freund Henry Murray, bei dem sich Goldbeck 1935 in psychologische Behandlung begeben hatte, stand sie unter einer dicken zweiendigen Knute aus Narzismus und Masochismus, die sie gleichsam in die Selbstzerstörung trieb. Die unerreich-bare Hauptquelle ihrer Enttäuschung und Gespaltenheit sei dabei vermutlich in ihrer Mutter Lina Abarbanell zu sehen. Die US-deutsche Opernsängerin (Sopran), die als Schönheit galt, soll gnadenlos in sich selbst verliebt und die entsprechende Rabenmutter für ihr einziges Kind gewesen sein. Die Tochter habe ihre ignorante Mutter zunehmend gehaßt – und dann in der Folge wohl das Weibliche in sich selber. Zuletzt habe es Goldbeck sehr wahrscheinlich auf einen »suicide from spite«, aus Trotz also angelegt, vermutet Murray. Zweck der Übung: den anderen, die einen nie genug beachtet und geliebt haben, die Schuld in die Schuhe schieben.

Der gewaltsame Tod von Goldbecks Gatten war auch nicht gerade »normal«. Der 58jährige Komponist hatte sich An-fang 1964 zur Erholung auf die Karibik-Insel Martinique begeben. Eines nachts, auf der Suche nach Drinks und anderen Vergnügen, im Hafenviertel der Hauptstadt Fort-de-France unterwegs, wurde er von drei jüngeren einhei-mischen Seeleuten, die er aufgegabelt hatte, beraubt und derart brutal zusammengeschlagen, daß er anderntags im Krankenhaus starb. Die Täter wurden zwar später gefaßt, kamen jedoch mit wenigen Jahren Gefängnis davon. Vier Jahre früher hatte Blitzstein eine sehr erfolgreiche, wie sich zeigte, englische Fassung von Brecht/Weills Dreigroschenoper vorgelegt – die mit dem Zuhälter Mackie Messer.

* Marc Blitzstein. His Life, His Work, His World., New York (USA) 2012, bes. S. 62 ff und 97 ff



Goldsborough, Fitzhugh Coyle 31 (1879–1911), US-Geiger, der seinen Ruhm einem Wutausbruch verdankt. Dieser richtete sich im Jahr 1911 gegen den zuletzt in New York City lebenden Journalisten und Buchautor David Graham Phillips, Sohn eines wohlhabenden Politikers, geboren 1867. Wie man nachrechnen kann, schrammte Phillips nur knapp an einem eigenständigem Eintrag in diesem Lexikon vorbei. Er hatte im Lauf seiner Lehrjahre seine »soziale Ader« entdeckt und stürzte nun allein durch das Fächeln mit renommierten Blättern, die enthüllende Artikel von ihm gebracht hatten, etliche von Industrie-konzernen bestochene Senatoren von ihren Sesseln. Damit – und mit zahlreichen, vermutlich eher flüchtig geschrie-benen, damals durchaus vielgelesenen Erzählungen und Romanen – gehörte er zu jenen um 1900 aufgetretenen, später so genannten muckrakers, die heute als »Väter des investigativen Journalismus« gelten. Gutaussehend und gutbetucht wie er war, ähnelte Phillips von der Erscheinung her allerdings weniger einem (wahlweise) »Schmierfinken / Mistkratzer / Schmutzaufwühler / Nestbeschmutzer«, vielmehr einem Dandy. Zu allem Überfluß soll er auch noch weiße Smokings bevorzugt haben. Jedenfalls hatte er Sinn für Inszenierung. Man könnte deshalb fast argwöhnen, er habe auch den Tod, der ihn mit 43 Jahren ereilte, bestellt.

Als Phillips am Nachmittag des 23. Januars 1911 auf den Princeton Club am Gramercy Park zuhielt, stand er unversehens nicht etwa einem von jenen Senatoren gedungenem Berufskiller, vielmehr dem Geiger des Pittsburgh Symphony Orchestras Fitzhugh Coyle Golds-borough gegenüber. Wie sich später, als beide Beteiligten tot waren, herausstellte, war der Orchestermusiker davon überzeugt, der muckraker habe durch die Gestaltung ver-schiedener Figuren seines zwei Jahre zuvor erschienenen Romanes The Fashionable Adventures of Joshua Craig Goldsboroughs prominente Sippe, insbesondere seine Schwester, mit Schmutz beworfen. Nachdem er dem Autor nicht weniger als sechs Kugeln verpaßt hatte, tötete sich der 31jährige Musiker auf der Stelle auch selbst, wohl durch Kopfschuß. Phillips starb anderntags im Krankenhaus.

Während damals die meisten Blätter von den »Wahnvor-stellungen eines verrückten Geigers« sprachen, unterstreicht Peter Duffy 100 Jahre später in der New York Times* den sozialen Hintergrund des Mörders. Die Goldsboroughs aus Maryland und Washington D.C. hätten genau jenen »vergoldeten aristokratischen Kreisen« angehört, die Amerika nach Auffassung Phillips' ins Verderben führen würden. Auch sein genannter satirischer Roman habe eben diese Kreise aufs Korn genommen. Nebenbei behauptet Duffy, US-Präsident Theodore Roosevelt habe seine 1906 in einer im Gridiron Club gehaltenen Rede verwendete Bezeichnung »The Man With the Muck Rake« [Mistgabel] ausdrücklich auf Phillips persönlich gemünzt, also nicht etwa »the men« gesagt. Hat Duffy recht, könnte sich Phillips demnach für das heute nahezu erstorbene Echo seiner literarischen Werke mit dem Gedanken entschädigen, wenigstens dem Gattungs-begriff der muckrakers zum Durchbruch verholfen zu haben.

* »The Deadliest Book Review«, 14./16. Januar 2011: http://www.nytimes.com/2011/01/16/books/review/Duffy-t.html?pagewanted=all&_r=0



González Martin, Yolanda 19 (1961–80). Die blutjunge Studentin der Elektronik und Aktivistin einer »trotzkisti-schen«, trotz Francos Abgang (1975) noch nicht legalisier-ten Gruppe sah sich an einem Spätnachmittag im Februar 1980 an ihrer Wohnungstür in Madrid unversehens mehreren angeblichen Polizisten gegenüber, die sie in ein Auto zerrten, auf Ödland fuhren und dort erschossen. Auf der Anfahrt hatte sie auch Mißhandlungen und »Verhöre« zu erdulden. Später, vor Gericht, sprachen die damals als Polizisten getarnten Rechtsradikalen von Vergeltung für ein Attentat der baskischen Untergrundorganisation ETA im Städtchen Ispaster vom Morgen desselben Tages und stellten ihr Opfer als heimliches Mitglied der ETA hin – möglicherweise »nur« eine Verwechslung. Laut einer baskischen Webseite stammte González zwar aus dem proletarischem Milieu von Bilbao, doch ihre Gruppe, die kleine Sozialistische Arbeiterpartei (PST), sei nie ein Teil der baskischen Linken gewesen und habe die Militanz der ETA ausdrücklich abgelehnt.*

Haupttäter des Mordes in Madrid war Emilio Hellín Moro, Jahrgang 1947, von der Neonazipartei Fuerza Nueva. Er bezog eine lange Haftstrafe, mußte allerdings nur die knappe Hälfte davon absitzen, weil er bei den Behörden viele GönnerInnen hatte. Nach jüngeren Enthüllungen der Tageszeitung El País** durfte Hellíns »Sicherheitsfirma« um 2010 sogar wiederholt für die spanische, sozialdemo-kratische Regierung tätig sein, mithin als Bock den Gärtner geben. Inzwischen sind kleine Plätze in Madrid und Bilbao nach dem Mordopfer benannt.

* »Yolanda González – Erinnerung«, baskultur.info, Stand 2018: https://www.baskultur.info/geschichte/baskenland2/381-yolanda-gonzalez
** in Deutschland von Carmela Negrete aufgegriffen, »Mörder im Staatsdienst«, Junge Welt, 28. Februar 2013: https://www.jungewelt.de/artikel/197347.m%C3%B6rder-im-staatsdienst.html




Gördel, Larissa 21 (1995–2016), südhessische Berufs-fußballerin, 2. Liga, zuletzt in Mainz aktiv. In einer Oktobernacht zog die blonde Abwehrspielerin im »Alter« mit einer bereits (bei >Coltrane) behandelten austra-lischen Kameradin gleich, der Stürmerin Ashleigh Connor, die sich fünf Jahre früher, 2011, totfuhr. An Gördels Autounfall bei Breuberg im nördlichem Odenwald waren allerdings noch vier weitere Jugendliche beteiligt. Neben ihr starben Marvin Hertel und Jonas Wolf, beide um 20, laut Pressemeldungen im »gegnerischen«, angeblich schuldigen Wagen sitzend, einem dunkel lackiertem VW-Golf. Es gab einen Frontalzusammenstoß. Zwei Begleiterinnen der jungen Männer kamen schwer verletzt ins Krankenhaus. Gördel, in ihrem silbernem Toyota solo unterwegs, starb noch an der Unfallstelle.* Bild wußte jedoch, sie wollte in Kürze heiraten. Auf dem Platz hatte sie ihre blonde Mähne stets zum Pferdeschwanz gebunden. Julia Nothacker vom Onlineportal Gala nennt den Unfall zur Abwechslung einmal nicht tragisch, vielmehr schrecklich. Er geschah übrigens in der Nacht von Freitag auf Samstag. Daraufhin setzte Gördels Mainzer Club, vermutlich in Absprache mit dem DFB, das für Sonntag geplante Pokalspiel gegen Sand ab. Dadurch sind sicherlich viele junge FußballerInnen vor Verletzungspech bewahrt worden.

* »Ex-FFC-Spielerin stirbt bei Verkehrsunfall«, Frankfurter Rund-schau, 8. Oktober 2016: https://web.archive.org/web/20161022205913/http://www.fr-online.de/ffc-frankfurt/larissa-goerdel-ex-ffc-spielerin-stirbt-bei-verkehrsunfall,1473454,34837434.html



Gordon, Adam Lindsay 36 (1833–70), australischer Lyriker und Sportreiter. Für den Brockhaus (Band 8 von 1989) zeigt seine Lyrik neben volkstümlich-balladenhaften Zügen eine Neigung zur »viktorianischen Melancholie«. Gordons Selbstmord ging am Brockhaus vorbei. Obwohl er oft als Draufgänger erschien, dürfte der hochgewachsene und gutaussehende Schotte im Kern ungefestigt gewesen sein. Als Zögling der Royal Grammar School in Worcester, Mittelengland, hatte er nur Pferde und Unfug im Kopf, die seinem Erzeuger, einem britischem Offizier, empfindlich auf die Nerven und aufs Bankkonto gingen. 1853 verbannte dieser den Sprößling nach Australien zur Berittenen Polizei. Das war wenig geeignet, Gordon die Unrast zu nehmen. Zwei Jahre später zieht er als Viehtreiber, Zureiter und Pferdetrainer durch den Kontinent. Dabei trifft er allerdings den katholischen Missionar und Naturforscher Julian Tenison-Woods, der ihn zum Schreiben ermutigt. 1862, mit 29, heiratet Gordon die 17jährige Schottin Maggie Park. Sie reitet vorzüglich, während sie seinen Versen, die er nun erstmals veröffentlicht, wenig abgewinnen kann. Tatsächlich erzielen sie kaum ein Echo. Kurz zuvor hat Gordon seine Mutter beerbt und die beträchtliche Summe in einen Rennstall gesteckt. Nun erobert er sich den Ruf, Australiens bester Hindernisreiter zu sein. Im Juli 1865 unterstreicht er seine Tollkühnheit durch einen Sprung mit dem Pferd über einen alten Zaun, der einen schmalen Felssims oberhalb des Blue Lakes quert, einem Kratersee unweit der südaustralischen Kleinstadt Mount Gambier. Daran erinnerten Bewunderer nach seinem Tode durch Errichtung eines alle Karpfen vertreibenden Obelisken.*

Bei seinen geschäftlichen Vorstößen, darunter in großangelegter Schafzucht, macht Gordon viel Bruch. Vorübergehend auch Mitglied des südaustralischen Parlaments in Victoria, zieht er sich 1867 nach Mount Gambier zurück, um sich nur noch dem Schreiben und allenfalls dem Pferdetraining zu widmen. Doch er trinkt, spielt, prallt auf dem eigenem Hof dank eines unwilligen Pferdes mit seinem Kopf gegen einen Pfosten, hat den Tod seiner noch nicht einjährigen Tochter Annie zu beklagen, kommt von seinen Schulden nicht los. Dafür lebt er von seiner Gemahlin streckenweise getrennt. Im März 1870 stürzt er bei einem Hindernisrennen in Flemington und zieht sich erneut Kopfverletzungen zu. Er konnte es nicht lassen. Inzwischen wohnt der 36jährige mit Maggi nahe Melbourne im Küstenort Brighton. Als neues Mitglied des in der Metropole ansässigen Yorick Clubs freundet er sich unter anderem mit den Schriftstellern Marcus >Clarke und Henry Kendall an. Im Juni ereilt ihn jedoch die Nachricht, seine Erbansprüche auf ein familiäres Anwesen in Schottland seien abgeschmettert worden. Zwar wird im selben Monat sein dritter Gedichtband Bush Ballads and Galloping Rhymes gedruckt. Kendall zeigt ihm sogar den Entwurf einer begeisterten Besprechung. Dennoch begibt sich der »Galloper«, Leonie Kramer zufolge**, am Tage nach dem Erscheinen des Bandes mit seiner Flinte zum Strand und erschießt sich.

Wahrscheinlich hätte Gordon kaum die Druckkosten des genannten Werkes begleichen können, das heute zum Kanon australischer Lyrik zählt. So brachten ihn sicherlich auch seine Mißerfolge als Reiter des Pegasus zu Fall. Auf dem Sockel einer 1934 preisgekrönten Melbourner Bronze, mit welcher Paul Raphael Montford den Galloper Gordon als Reiter eines Biedermeierstuhles zeigt, sollen dessen Verse zu lesen sein: »Life is mainly froth and bubble / Two things stand like stone / Kindness in another's trouble / Courage in your own.« (Das Leben ist vor allem Schaum und Blase / Zwei Dinge stehen wie Stein / Güte gegenüber fremden Sorgen / Tapferkeit angesichts der eigenen.)

Von den tapferen Taten des Moralpoeten haben wir ja gehört; von seinen gütigen ist leider nirgends etwas zu lesen. Ihn zu bedauern, dürfte unangebracht sein. Zu vieles riecht danach, er sei nur die australische Ausgabe des Wildwest-Helden gewesen.

Zu den Nachfolgern, vielleicht auch Epigonen Gordons – was er womöglich bei längerer Lebenszeit nicht geblieben wäre – zählen die Lexika den aus New South Wales stammenden Landvermesser und Farmarbeiter Barcroft Henry Thomas Boake (1866–92). Laut Cecil Hadgraft (1969) neigte er schon als Kind zur Schwermut. Seine Verse wurden im wesentlichen erst posthum veröffentlicht. Boake, der auch gern als »stockman« (cowboy) gearbeitet hatte, erhängte sich 1892 in Sydney mit 26 Jahren an einem Ast – standesgemäß mit Hilfe der Schnur seiner Peitsche. Möglicherweise waren Liebeskummer oder die kontinentweite »Depression«, sprich: Arbeitslosigkeit jener Jahre im Spiel.

* https://en.wikipedia.org/wiki/File:Adam_Lindsay_Gordon_obelisk.jpg
** Australian Dictionary of Biography, Band 4, 1972: https://adb.anu.edu.au/biography/gordon-adam-lindsay-3635




Göring, Carl 37 (1841–79), Philosoph und Schachmeister aus Thüringen. Mein Landsmann wurde in Brüheim an der Nesse geboren – und damit in nächster Nachbarschaft zum Schauplatz meines Romanes Konräteslust … Allerdings wuchs er dann südlich von Eisenach im Thüringer Wald auf, nämlich auf dem Gut Epichnellen, das seine Eltern um 1845 erworben hatten. Die Eltern galten als vermögend. Der einzige Sprößling studierte Geisteswissenschaften und war zeitweise Gymnasiallehrer, bis er sich als Privatgelehr-ter in Leipzig niederließ. In Rudolf Eislers Philosophen-Lexikon, Berlin 1912, wird Göring als Vertreter des »kritischen Empirismus« und »Positivismus« ausgegeben. Die wenigen Zeilen des Eintrags legen selbst Uneingeweih-ten, sofern sie nur SkeptikerInnen sind, bereits zur Genüge die Ahnung nahe, bei solcher durchaus zeitgemäßen und salonfähigen philosophischen Forschung, wie sie also auch Göring betrieb, handle es sich um ein ziemlich müßiges, abwegiges, fruchtloses Sandkastenspiel. Aber dieses Mal war es eben ein akademisches. Unter Görings Werken oder Vorhaben werden auch ein System der Kritischen Philosophie genannt, von dem bei seinem Tode immerhin zwei Bände vorgelegen haben sollen, erschienen Leipzig 1874/75, sowie die Schrift Über die menschliche Freiheit und Zurechnungsfähigkeit, 1876. Offenbar gab es damals noch zu wenig philosophische Systeme. Überdies soll Göring auch regelmäßiger Mitarbeiter oder gar Redakteur verschiedener philosophischer oder literarischer Zeitschriften gewesen sein.

In einem recht ausführlichem und wohl auch ziemlich sachkundigem Nachruf, der im Juni-Heft 1879 der Deutschen Schachzeitung zu lesen war, wird behauptet, der soeben »aus dem Leben Geschiedene« habe bereits als Anwärter auf einen »ordentlichen« Lehrstuhl gegolten. Einstweilen hatte er als »außerordentlicher« Professor an der Leipziger Universität gewirkt. Daneben galt er jedoch als »genialer« und unter Kameraden »ungemein beliebter« Schachmeister und Förderer dieses Spiels. Ein Gruppenfoto von einem 1877 in Leipzig stattfindenden Schachkongreß zeigt den hünenhaften und vollbärtigen, dafür stirnglatzigen Professor etwas steif in vorderster Reihe sitzend. Der Nachruf hebt seine »herkulische Stärke«, seine in Gesellschaft »gemessen-heitere« Art des Auftretens und seine »vielen« Freunde sowohl in Leipzig wie in Eisenach hervor. Zwei Jahre nach diesem Kongreß soll sich Göring nahe Eisenach, der Stadt seiner Schulzeit, im »Reservoir« der Knöpfelsteiche umgebracht, also vermutlich ertränkt haben – knapp 38 Jahre jung. Hatten ihn Schaffensfreude und Kampfgeist jäh verlassen?

Göring dürfte bereits als Schüler »Primus« gewesen sein. Der Nachruf führt sein Reifezeugnis vom Eisenacher Carl-Friedrich-Gymnasium an – man traut seinen Augen kaum. Es verzeichnet 11 Noten. 10 davon sind Einsen. Lediglich in Mathematik reichte es, merkwürdigerweise, nur zu einer Zwei. Der Text spricht aber auch von Krankheit und Überarbeitung. 1872 sei der kraftstrotzende Gutsbesitzersohn an Gelenkrheumatismus erkrankt, und trotz mancher Kuren und Linderungen habe ihn dieses qualvolle Gebrechen nicht mehr verlassen. Immer mal wieder habe sich »Schwermuth« dazu gesellt. Im letzten Winter seines Lebens habe Göring gleichwohl hartnäckig »wissenschaftlich« gearbeitet – vermutlich an seinem unvollendetem System. Kam er etwa mit der Fortsetzung nicht zurecht? Der anonyme Nachrufer, falls es ein Mann war, verrät es uns nicht. Mit dem Ende des Winterse-mesters verlegte Göring seinen Arbeitsplatz ins Haus seiner betagten Eltern, die inzwischen in Eisenach wohnten. Plötzlich, Anfang April, hätten sich »höchst bedenkliche« Symptome einer Geistesstörung bei dem Sohn eingestellt, Stichwort »Verfolgungswahn«. Von einem Spaziergang kam er nicht mehr zurück. Holzfäller fanden Görings Leiche am 3. April in dem erwähnten Wasserbecken.

Von einer amtlichen Untersuchung des Todesfalls ist nirgends die Rede. Dessen ungeachtet scheinen alle (spärlichen) Quellen »todsicher« einen Selbstmord anzunehmen. Allerdings wird diese Bezeichnung genauso vermieden wie das Wort »ertränken«. Man sollte ja sowieso vermuten, ein athletisch gebauter Gutsbesitzers-sohn sei des Schwimmens mächtig, zumal er am Ufer des Flüßchens Elte aufwuchs (wohl daher der reizvolle Guts- und Ortsname Epichnellen, heute Ortsteil von Förtha). Somit dürfte das Sichertränken nicht gerade kinderleicht zu bewerkstelligen gewesen sein. Man könnte jedoch argumentieren, der Schub des Wahns war eben riesig. Der unbekannte Nachrufer gibt die auf den 3. April datierte Todesmeldung aus der Eisenacher Zeitung wieder. Danach hatte sich Görings der Wahn bemächtigt, er werde verfolgt, man stelle ihm nach und trachte ihn zu vernichten. Warum und von wem solches Trachten, verrät das Blatt nicht. Es sind ja durchaus Feinde oder Mißgünstige denkbar, etwa aus literarischen oder sportlichen Kreisen. Dagegen scheiden die üblichen finanziellen Motive, beispielsweise Schuldentilgung, im Falle Görings wohl eher aus.

Hier bietet sich, eingeschoben, zur Tröstung ein verallgemeinernder Merkabsatz aus Mathias Bröckers Vortrag Schach und Paranoia von 2006 an: »Tiefe Skepsis und ständiges Mißtrauen gegenüber dem Offensichtlichen, große Vorsicht vor falschen Spuren und verborgenen Fallen, sowie die Kenntnis möglichst aller Fakten – diese Grundzüge des Schachs entsprechen exakt denen der Paranoia, des Verschwörungsdenkens. Deshalb kann es eigentlich nicht wundern, dass besonders geniale Schachspieler auch einen besonderen Hang zur Paranoia haben – auf dem Brett überleben nur die Paranoiden, wer im Schach nicht paranoid ist, spinnt. Erst wenn diese von Spitzenspielern in Perfektion praktizierte Paranoia vom Brett ins wirkliche Leben überschwappt, wenn sie nicht mehr nur der Stellung der Holzfiguren mit permanentem Mißtrauen begegnen, sondern auch ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt, wird es problematisch.«

Dafür streut der Nachrufer aus der Schachzeitung ein Detail ein, das mich, vielleicht zu unrecht, hellhörig macht. Vor seinem abendlichem »Spaziergang« in den Tod habe Göring bereits am Nachmittag (des 2. April) einen Spaziergang gehabt, nämlich in Begleitung eines »ihm nahe befreundeten Arztes«, mit dem er sich sogar auf 18 Uhr »wie gewöhnlich« zu einem »Rendez-vous verabredet« habe. Nur habe Göring dann die elterliche Wohnung schon um halb fünf verlassen, um eben allein in den Wald zu gehen. Ob man dieser Wortverwendung den Beigeschmack eines amourösen Stelldicheins geben darf, kann ich schlecht beurteilen. Es würde mich aber nicht verblüffen. Nirgends ist von Görings Familienstand oder gar von seinem Liebesleben die Rede. Er erscheint als klassischer oder eingefleischter, zu allem Überfluß auch noch Philosophiebücher und Schacheröffnungen ausbrütender Junggeselle. Kurz, ich wäre nicht überrascht, wenn Göring homosexuell gestimmt, dabei einigermaßen enttäuscht und gebeutelt gewesen wäre. Das ist natürlich reine Spekulation. Nichts für biedere Publikationen des Jahres 1879, zumal ja Görings Eltern noch lebten.



Gould, Elizabeth 37 (1804–41), britische Tier-Zeichne-rin und Gatten-Maus. Als die 24jährige Elizabeth 1829 in London den angesehenen Zoologen, speziell Ornithologen John Gould geheiratet hatte, war sie »nur« Erzieherin eines Adelssprosses gewesen. Da es John jedoch an guten und zudem preiswerten Zeichnungen beziehungsweise Lithografien zur Illustration seiner Werke fehlte, eignete sie sich die erforderlichen Fertigkeiten rasch an und mauserte sich beiläufig zu einer Naturmalerin, die vielleicht den Vergleich mit Audubon nicht hätte scheuen müssen. Aber vermutlich trafen sie sich nie. Während John James Audubon den Vögeln Amerikas auf den Fersen war, hatte sich John Gould auf Asien und Australien verlegt. Elizabeth begleitete ihn auf einigen Expeditionen, als Künstlerin, Trösterin und Bettgefährtin. Den Hauptruhm – von beispielsweise sieben Bänden The Birds of Australia – hatte natürlich er, der Entdecker und Beschreiber, wie auch A. H. Chisholm* bemerkt. Die Lithografien waren nur Beiwerk; oft belief sich die Erwäh-nung der Künstlerin auf ein »E.«. Auf den Buchdeckel, etwa einer Abhandlung ihres Gatten über die von Charles Darwin mit der H.M.S. Beagle heimgebrachten Vögel (50 Abbildungen), schaffte sie es anscheinend nie.**

Alle Quellen heben auch Elizabeths (Doppel-)Rolle als Mutter hervor. Im ganzen machte ihr Gatte John acht Kinder, von denen allerdings zwei schon als Säuglinge starben. Das siebte Kind reifte auf dem Weg nach Tasma-nien in der Künstlerin; es kam in Hobart zur Welt und wurde auf Franklin getauft. Nach London zurückgekehrt, durfte sie 1841 an der Geburt des achten Kindes, Sarah genannt, mit 37 Jahren verenden. Die »Mutterschaft« im Verein mit den Reisestrapazen und immerhin rund 600 Buchillustrationen hätten wohl ihre Kräfte aufgezehrt, befürchtet Chisholm. Nach der australischen Erzählerin Melissa Ashley, geboren 1973, dürfte ihr zudem der Umstand zugesetzt haben, daß viele tausend Vögel vom Himmel geschossen werden mußten, damit sich die »Firma« Gould ihnen wissenschaftlich und künstlerisch hinreichend nähern konnte.***

Elizabeths Nachfolger im Illustrieren, Henry Constantine Richter, soll etliche ihrer Arbeiten als seine eigenen ausgegeben haben. Wenn der britische Zoologe George Robert Waterhouse ihr zu Ehren ein australisches Nagetierchen auf »Gould-Maus« (Pseudomys gouldii) taufte, tat er immerhin einen bedeutungsschwangeren Griff, hatte sie doch als graues Mäuschen im Schatten ihres Gatten zu stehen, obwohl sie wahrlich Gold für ihn war. Zwei Jahre nach ihrem Ableben wurde der Witwer in die Royal Society berufen. Er starb mit 76.

* Australian Dictionary of Biography, Volume 1, (MUP), 1966: http://adb.anu.edu.au/biography/gould-elizabeth-2112
** Alexandra K. Alvis, »Elizabeth Gould: An Accomplished Women«, Smithsonian Libraries, 29. März 2018: https://blog.library.si.edu/blog/2018/03/29/elizabeth-gould-an-accomplished-woman/#.W2XfQbhCTBU
*** Kate Evans, »Elizabeth Gould, illustrator of Birds of Australia, brought out of her husband's shadow«, ABC News, 24. November 2016: http://www.abc.net.au/news/2016-11-25/elizabeth-gould-illustrator-of-birds-of-australia-overshadowed/8051070




Grabbe, Christian Dietrich 34 (1801–36), erfolgloser Dramatiker, ausgebrannt. Er mußte 70 oder 80 Jahre unter der Erde liegen, ehe ihn Theaterwissenschaftler zu den Wegbereitern des deutschen realistischen Dramas zählten, wobei er auch schon Elemente des grotesken Theaters vorweg genommen haben soll. Da er, als Sohn eines Gefängniswärters, im Schatten des Detmolder Zuchthauses aufwächst, lernt Grabbe die Kehrseite bürgerlicher Wohlanständigkeit frühzeitig kennen. Er macht Examen als Jurist (1823), findet aber keine Stelle. Auch in Karrieren als Justizbeamter (»Kriegsgerichtsrat«) der Detmolder Garnison und als Dramaturg, dies zuletzt unter Karl Immermann in Düsseldorf, scheitert er. Daran sind seine Liebe zum Alkohol, zum selbstverfertigten Drama und zum Suhlen im Stimmungstief nicht unbeteiligt. Als einziges Grabbe-Stück, das zu seinen Lebzeiten aufgeführt wird, kommt 1829 in Detmold Don Juan und Faust auf die Bühne, doch es hält sich nicht. Grabbe, ohnehin von schmächtiger Gestalt, schnurrt zusehends ein. Eine Verlobung mit Henriette Meyer wird wieder aufgelöst. 1833 verheiratet er sich, in Detmold, mit der um 10 Jahre älteren Louise Christiane Clostermeier, doch in seinem Todesjahr, nach seiner Rückkehr aus Düsseldorf, reicht sie die Scheidung ein. Der 34jährige erliegt im September 1836 seiner allgemeinen Zerrüttung, wahrscheinlich mit Rückenmarkschwund als Folge einer Syphilis-Erkrankung gepaart.

Nach meinem Eindruck war Grabbe ein Zertrümmerer, ein Nihelist mit dem Pathos der Französischen Revolution. Ein paar Jahrzehnte später geboren, wäre er vermutlich begeisterter Anhänger von Nietzsche geworden. So aber gelangen ihm immerhin noch Anflüge von Komik und Selbstironie. Das heutzutage am meisten gespielte Grabbe-Drama trägt den Titel Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung. Uwe Ruprecht behauptet (1994 in der Zeit), am Schluß dieses Stückes habe sich Grabbe, der eine Zeitlang vergeblich Schauspieler werden wollte, selber einen Auftritt verschafft: »Das ist der vermaladeite Grabbe, oder wie man ihn eigentlich nennen sollte, die zwergigte Krabbe, der Verfasser dieses Stücks! Er ist so dumm wie'n Kuhfuß, schimpft auf alle Schriftsteller und taugt selber nichts, hat verrenkte Beine, schielende Augen und ein fades Affengesicht!« Da drängt sich unweigerlich die Frage auf, was sich dereinst im Hause des Detmolder Gefängniswärters Adolph Henrich Grabbe abgespielt haben mag. Doch wäre dadurch viel erklärt?

Herbert Eulenberg († 1949), selber kein sonderlich erfolg-reicher Dramatiker aus Düsseldorf, gibt seinen Vorgänger Grabbe in seinen Schattenbildern als verschrobenen geistreichen Aufschneider und dämpft, um ihn liebens-würdiger zu machen, Grabbes offensichtlich neid- und haßerfüllte Ausfälle gegen alles mögliche, darunter Im-mermann, Goethe, die Juden, zu erheiternden Bonmots. Übrigens pinkelt sein Grabbe, wohl wahrheitsgetreu, auch Shakespeare an, auf den ich, unter Christopher >Marlowe und Mihail >Sebastian, noch gern zurückkommen werde. Was nun den Schöpfer von Stücken über Aschenbrödel und Napoleon Grabbe angeht, habe er zeitlebens zwischen Selbsterniedrigung und Größenwahn geschwankt, ist oft zu lesen. Aber für wen gälte das nicht? Nur belassen es die meisten bei einer Schwankungsbreite, die den Betreffenden nicht gleich zerreißt.



Graf, Emma 28 (1889–1917), nur als Schwester des bayerischen Schriftstellers Oskar Maria Graf gelegentlich erwähnt. Auch der berühmte Bruder verrät zumindest in seinen 1927 veröffentlichten Jugenderinnerungen* nicht eben viel von ihr. Sie hatte in München Damenschneiderei gelernt, half dann aber offenbar im Hause der elterlichen Landbäckerei mit: in Berg am Starnberger See. Ebendort war sie zuletzt fast zwei Jahre bettlägerig. Oskar nennt ihre Krankheit nicht. Ich tippe auf Tuberkulose oder die sogenannte Spanische Grippe, die damals umging. Die Schwarzhaarige sei heiter und hübsch gewesen, einst sogar Ballkönigin. Von einem Heiratswunsch wird nichts gesagt. Dem Tod, wohl Ende August, habe sie ziemlich gefaßt ins Auge gesehen, im Gegensatz zu ihm. Über seine Mutter soll er übrigens später ein ganzes Buch geschrieben haben.** Über Emma nicht.

Ein Jahr darauf ereilt es, in München, auch die Gefährtin von Grafs engem Freund »Schorsch« Georg Schrimpf, die 26jährige Bildende Künstlerin Maria Uhden. Die Tochter eines »herzoglichen Baurates« war zeitweise in der Residenzstadt Gotha aufgewachsen, Waltershäuser Straße 9. Sie galt als einfallsreich und hochbegabt. In ihrem Todesjahr war sie gerade Mutter geworden, »überglück-lich«. Trotz aller Not habe sie sich ihre »echt frauliche Heiterkeit« bewahrt. »Plötzlich mußte sie sich hinlegen und starb nach wenigen Tagen infolge einer Gebärmutterinfektion.«

Ein Verdienst von Uhden kann ich zumindest versichern: Sie hält Oskar einmal (S. 374) eine ausgezeichnete Strafpredigt, die von ihrer Menschenkenntnis zeugt. Sie schimpft ihn einen Selbstbetrüger, der fast nur aus Angst und Illusionen bestehe; er prahle gern, sei jedoch der unglücklichste Mensch, der in München herumlaufe. In der Tat muß er ein selten törichter Taugenichts gewesen sein, zwischen Klein- und Übermut schwankend wie ein Schilfrohr am Starnberger See, 30 Mal jährlich zerknirscht und reuig, ohne sich in seiner ganzen Jugend jemals nennenswert zu bessern. Er macht immer wieder die gleiche Scheiße, darunter der Schleichhandel und die Sauf- und Freßgelage. Das ist, auf die Dauer, selbst für den Leser peinlich, und wenn Graf es ohne Beschönigung eingesteht, wird es gleichwohl nicht sympathischer. Vielleicht liegt es nur daran, daß seine Schilderung tatsächlich echte Längen hat. Die Wiederholung der Scheiße hat keinen Erkenntnis-wert. Man findet sie irgendwann auch nicht mehr spannend; sie nervt. Das rüttelt nicht an dem hohem Wert der unmittelbaren Eindrücke, die Graf von der Münchener Revolution gibt.

* Wir sind Gefangene, 1927, hier dtv-Ausgabe München 1984, bes. S. 295–301, 374, 381
** Statt seinem Buch über die Mutter habe ich neulich Grafs spätes Werk über die glänzende Zukunft einer demokratisch globalisierten Welt gelesen – ein Fehler. Ich meine: sowohl meine Wahl wie Grafs Werk Die Erben des Untergangs, Neuausgabe 1959. Ich halte es für rundum mißglückt. Ich werde darauf zurückkommen.




Graf, Udo 27 (1942–69), Diplom-Ingenieur. Er war zuletzt Assistent des Münchener Architekten und Bauforschers Helmut Schläger. Dieser Sohn eines Lehrers, geboren 1924, hatte sich im Laufe seiner Karriere, die ihn vor allem in Ägypten und Italien nach Altertümern graben ließ, der noch jungen Unterwasserarchäologie zugewandt, war also auch Taucher. Er untersuchte vor allem Häfen. Im Sommer 1969, inzwischen 45 Jahre alt und Vize-Direktor der römischen Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, war Schläger mit seinem erst 27 Jahre altem Assistenten mit der Untersuchung eines antiken Schiffwracks befaßt, das vor der italienischen Insel Lipari auf dem Meeresgrund lag. Dabei kamen beide um. Nach damaliger, auf Mitteilungen der römischen Polizei gestützten dpa-Meldung* erstickten Schläger und Graf, weil ein Pumpenmotor ausgefallen war. Dadurch seien ihre Tieftauchausrüstungen, in knapp 100 Metern unter Wasser, von der Sauerstoffzufuhr abgeschnitten worden. Ein dritter tauchender Forscher habe sich retten können, weil er näher der Wasseroberfläche war. Im ganzen waren fünf deutsche und mehrere italienische Taucher an dem Unternehmen vor Lipari beteiligt, wobei es offenbar Spannungen in der Gruppe gab. Eine ausführliche Darstellung lieferte Marcus Prell, Berufsschullehrer und Flußarchäologe in Neuburg an der Donau, aus Anlaß des 30. Jahrestages.** Danach sind die genauen Unfallursa-chen umstritten und wohl nicht mehr zu klären. So war etwa hinsichtlich der Geborgenen von abgetrennten oder fehlenden Atemschläuchen beziehungsweise Mundstücken die Rede. Doch wie auch immer, sei das Unglück jedenfalls von mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen und anderen Nachlässigkeiten, zudem Komplikationen »zwischen-menschlicher« Art begünstigt worden.

Die vulkanische Insel Lipari, nördlich von Sizilien nahe Messina gelegen, mißt ungefähr fünf mal acht Kilometer und ist noch von mehreren Zwerginseln umgeben. Neben einigen Fischerdörfern gab es auf Lipari seit ungefähr 1890 auch eine Strafkolonie, vornehmlich für »gemeine« Verbrecher. Um 1924 kam noch eine winzige Künstler-kolonie hinzu, der feder- und pinselführend der schweizer Maler Edwin Hunziker angehörte, der dort sogar, in hohem Alter, starb.*** Wahrscheinlich wäre es nicht jedermanns Sache gewesen, sich aus freien Stücken unter Herrn Mussolinis Fuchtel zu begeben. Der südtiroler Rechtsanwalt Josef Noldin beispielsweise, Initiator der von Staats wegen mißbilligten, weil deutschsprachigen sogenannten »Katakombenschulen«, wäre lieber in Salurn geblieben. Er bekam fünf Jahre Verbannung aufgebrummt und landete Anfang 1927 unter Fußtritten auf Lipari. Dort hatten die Faschisten nämlich im Vorjahr eine bald darauf berüchtigte Strafkolonie für »Politische« eingerichtet. Zwar wurde Noldin Ende 1928 amnestiert, doch er hatte sich ein malariaähnliches Fieber zugezogen, »Liparitis« genannt. Dazu gesellten sich weitere komplizierte Krankheiten. Eine Ausreise zwecks ihrer Behandlung wurde dem unbeugsamen Rechtsanwalt allerdings verweigert. So starb er schon ein Jahr darauf, mit 41 Jahren, bei Bozen in einem Sanatorium.

Soweit ich weiß, war Lipari die flächenmäßig größte faschistische Strafinsel. Ende 1932 »beherbergte« sie rund 38o Gefangene. Bis zum 29. Juli 1929 hatte sie zudem als die ausbruchssicherste Strafinsel gegolten, daher der Beiname »Teufelsinsel«. An diesem Tag gelang dem Republikaner Francesco Fausto Nitti, der bereits 1926, im Gründungsjahr der »politischen« Strafkolonie, auf der Insel eingetroffen war, im Verein mit seinen Freunden Emilio Lussu und Carlo Roselli die Flucht. Er schildert die haarsträubenden Lebensbedingungen der Verbannten und sein Entkommen in einem Buch, das schon im folgenden Jahr auch auf deutsch erschien.****

* Süddeutsche Zeitung vom 11. Juli 1969
** im Nachrichtenblatt Arbeitskreis Unterwasserarchäologie, Band 6, 1999, S. 72–75
*** Etienne Strebel, »Sehnsucht nach freiem Schaffen«, swissinfo.ch, 7. Juli 2010: http://www.swissinfo.ch/ger/sehnsucht-nach-freiem-schaffen/15349620
**** Flucht, Potsdam 1930




Granjo, António Joaquim 39 (1881–1921), portugie-sischer republikanischer Rechtsanwalt und Politiker, zuletzt Ministerpräsident. Hätte er Alexander Herzens Erinnerungen gelesen, wäre er möglicherweise nicht Politiker geworden. Der russische, emigrierte Radikal-demokrat Herzen, gestorben 1870 in Paris, neigt zwar zur Weitschweifigkeit, aber was die Zänkereien, Mißgünstig-keiten, ja selbst die Niedertracht im großen schillernden Lager der mitteleuropäischen RepublikanerInnen angeht, folgt man seinen, oft spöttischen, Schilderungen gern. Vielleicht hätten zu Granjos Errettung auch schon ein paar der bissigen Aphorismen des US-Schriftstellers Ambrose Bierce genügt, die um 1910 gesammelt in Wörterbuchform zu haben waren. Dem Konservativen bescheinigt Bierce Vernarrtheit in existierende Mißstände, während der Liberale sie, im Gegensatz dazu, »durch neue ersetzen« wolle. Politik sei der bevorzugte Lebensunterhalt des verkommenen Teils unserer kriminellen Schichten. Sie sei auch ein »Interessenkonflikt, maskiert als Prinzipienstreit. Die Leitung öffentlicher Angelegenheiten zu privatem Vor-teil.« Das gilt selbstverständlich nicht für Lichtgestalten wie Joschka Fischer, Angela Merkel, Bodo Ramelow.

Während Merkel zur Stunde bereits die methusalemsche Regierungszeit von Adenauer übertrumpft hat, sah das Portugal der sogenannten Ersten Republik, genauer zwischen 1911 und 1926 (also in 15 Jahren), laut meinem Brockhaus 44 Regierungen unter acht Staatspräsidenten. Allein was die finanziellen Kosten dieser Schwemme angeht, hätte man davon wahrscheinlich ganz Angola und Mosambik zu einer Kohlschen »blühenden Landschaft« bewässern können. Einer von jenen Staatspräsidenten war, von 1919–23, A. J. de Almeida. Ihn bat Ministerpräsident Granjo am 19. Oktober 1921 um Mittag, in Lissabon, um Entlassung aus der Regierungsverantwortung. Dann zog er sich in sein Privathaus zurück. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Hauptstadt schon weitgehend unter Kontrolle der sogenannten Guarda Nacional Republicana, einer wenig regierungstreuen Elitetruppe. Während Granjo versucht hatte, den Ex-Ministerpräsidenten Riberio Pinto, einer der Häuptlinge dieser Truppe, unter anderem wegen Bestechlichkeit vor Gericht zu bringen, hatte die Guarda flugs eine Junta gebildet und Granjo für abgesetzt erklärt. Gegen Abend wurde die Lage für Granjo brenzlig genug, um sich lieber ins Haus des mit ihm befreundeten Politikers Franciso Pinto da Cunha Leal zu flüchten, von dem er wußte, er genoß bei den Aufständischen einigen Kredit. Das Haus wurde umstellt. Die deutsche Wikipedia behauptet, nach einigen Verhandlungen sei ein Marineoffizier mit dem Angebot erschienen, Granjo an Bord des Kriegsschiffes Vasco da Gama zu begleiten, wo er sicher sei. Er habe sogar sein Ehrenwort gegeben, Cunha Leal, der mitwollte, und Granjo würden nicht getrennt. So bestiegen sie ein Auto – das nicht zum Hafen, sondern zum Hauptquartier der Putschisten fuhr. Die Freunde wurden prompt getrennt, sodann der eine verwundet, der andere, Granjo, erschossen. Ein Soldat der Nationalgarde habe dem bereits tödlich verletztem Ministerpräsidenten einen Säbel in den Bauch gerammt und ausgerufen: »Venham ver de que cor é o sangue do porco!« Auf deutsch: Kommt und seht, welche Farbe das Blut des Schweines hat!

Solche wirkungsvollen Einzelheiten finden sich in der englischen Wikipedia nicht; dafür werden weitere, vor-wiegend prominente Todesopfer der Lissaboner Blutnacht angeführt: https://en.wikipedia.org/wiki/Bloody_Night_(Lisbon,_1921).



Green, Keith 28 (1953–82), christlicher US-Popmusiker, lädt zu einem Rundflug über seine Farm ein, 12 Tote. Zwar hatte der »Star der christlichen CD-Produktion« bereits im zarten Knabenalter (an der US-Ostküste) als Sänger und Pianist geglänzt, doch dann drohte er auf die schiefe Bahn zu rutschen, weil er sich in den Genuß von Drogen, Freier Liebe und esoterischer Weisheitslehren stürzte. Seine Rettung scheint eine gewisse Melody Steiner gewesen zu sein, die er 1973 heiratete, und zwar kirchlich-christlich. 1979 erwarben die beiden eine ausgedehnte Farm in Lindale, Texas, sodaß sie ihr (angeblich gemeinnütziges) Unternehmen Last Days Ministries (LDM) beträchtlich erweitern konnten. Green und Gattin waren nämlich inzwischen erklärte AnhängerInnen von Jesus geworden und widmeten sich hinfort der entsprechenden aufklärerischen Musik (»O Lord, You're Beautiful«) sowie dem missionsdurchtränkten Samariterdienst an Armen, Drogenabhängigen und anderen Hilfsbedürftigen. Was Wunder, wenn auch Bob Dylan bald zu Greens Freunden zählte. Green selber wollte aber angeblich kein Superstar und kein Dagobert Duck mehr werden, sondern nur noch Gott dienen.*

Am 28. Juli 1982 hatte Dylan das Glück, nicht mit von der Partie gewesen zu sein. An diesem Tag veranstaltete der 28jährige christliche Farmer für ein paar BesucherInnen einen Rundflug über sein knapp 57 Hektar großes Anwesen – der vorzeitig in einem Absturz endete. Alle 12 Insassen der sechs- bis achtsitzigen Cessna 414 kamen um: Neben Green seine Kinder Josiah (3) und Bethany (2), ferner das Ehepaar John und Dede Smalley und dessen sechs Kinder sowie der Pilot Don Burmeister. Diesem wurde später die Schuld zugewiesen, weil seine Maschine um rund 200 Kilogramm überladen gewesen sei. Erinnere ich mich richtig an einen nicht mehr aufrufbaren Bericht** des Main-Echos von einer Gospel-Veranstaltung in Erlenbach 20o8, schrieb Green auch den Song »Gott breitet seine Arme aus«. In dem muß sich wohl ebenfalls ein Fehler befunden haben.

* Uwe Schütz, »Keine Kompromisse«, Radio AREF (Nürnberg), KW 43 / 2013: https://www.aref.de/kalenderblatt/2013/43_keith-green_geburtstag_1953.php
** »Aufrüttelnd, tonschön und eindrucksvoll / Gospel Freundeskreis Hof singt in der Erlenbacher Martin-Luther-Kirche Lieder von Keith Green«, 26. November 2008: http://www.main-echo.de/regional/kreis-miltenberg/art4020,602457




Greif, Heinrich 39 (1907–46), kommunistischer Schauspieler, betroffen von Leisten- und Sauerbruch. Neben einem nach ihm benanntem Film- und Fernseh-preis der DDR hat Greif die makabere Ehre, wahrschein-lich das erste von nicht wenigen Todesopfern der fortschreitenden Altersdemenz des berühmten Professors Ferdinand Sauerbruch (1875–1951) gewesen zu sein. Obwohl diese chirurgische Kapazität im Faschismus eine zumindest zweifelhafte Rolle gespielt hatte, nahm die junge SBZ/DDR Sauerbruchs Bereitschaft, sowohl an der Ostberliner Humboldt-Universität wie an der dortigen Charité zu wirken, gerne an, begriff sie ihn doch als glänzendes Aushängeschild für den real existierenden Sozialismus. Aus demselben Grund fiel man ihm auch, entgegen dem Wissen der teils entsetzten Eingeweihten, erst Ende 1949 in den Arm: da wurde er zwangspensi-oniert. Als der Buchautor Jürgen Thorwald die Latte der Sauerbruch-schen »Kunstfehler« und das Scheunentor ihrer Deckung »von oben« um 1960 enthüllte, gab es die zu erwartenden Aufschreie und gerichtlichen Auseinandersetzungen. Es wäre nebenbei interessant zu wissen, ob sich Thorwalds Enthüllungen bis in die 1974 in Ostberlin erschienene Biografie Heinrich Greif, Künstler und Kommunist von Curt Trepte und Renate Waack niederschlugen. Jedenfalls konnte ein Wochenmagazin bereits 1960 und offenbar bis heute* ungestraft feststellen, Mitte Juli 1946 habe sich der 39 Jahre alte Schauspieler in der Charité eingefunden, um sich von Sauerbruch an seinem Leistenbruch operieren zu lassen. Im Ergebnis lag Greif im Sarg. Er hatte eine tödliche Nachblutung erlitten, so das Magazin, weil Sauerbruch beim Operieren Greifs Hauptschlagader (am Bein) verletzt hatte. Die damalige Reaktion der Angehörigen oder Freunde ist mir nicht bekannt.

* »Tod des Titanen«, Spiegel 47/1960: https://www.spiegel.de/kultur/tod-des-titanen-a-40b1e276-0002-0001-0000-000043067521



Greth, Werner 31 (1951–82), technischer Zeichner und Fußballprofi. Er teilt mit dem Hertener Mittelläufer >Göbel den Vornamen, das Alter und den makaberen Abgang. Bis 1978 hatte Flügelstürmer Greth über rund 10 Jahre hinweg vorwiegend für verschiedene Zweitliga-Vereine gespielt, darunter auch im Ruhrgebiet. Anschließend arbeitete er in der Duisburg-Homberger Chemiefabrik der Firma Sachtleben – als was, bleibt unklar. Ebendort erlitt er Ende Oktober 1982 laut einem kurzen Zeitungsbericht* einen Arbeitsunfall, der noch dem heutigem Leser den Atem raubt. In der Sandstrahlhalle des Unternehmens stürzte Greth gegen Mitternacht, also wohl auf Nachtschicht, in einen anscheinend größeren Behälter, der mit (vermutlich flüssigem) Stickstoff gefüllt war. »Bei einer Minus-Temperatur von 195,8 Grad« sei der 31 Jahre alte »Arbeiter« und »Junggeselle« auf der Stelle tot gewesen. Zwei ältere Kollegen, die Greth retten wollten, wurden schwer verletzt. Man barg seine Leiche schließlich mit Hilfe von Isolierhandschuhen. Welcher Art die am Bottich ausgeführten Arbeiten gewesen seien und wer die Verantwortung für das Unglück trage, werde noch untersucht. Stickstoff, meist ein Gas, dient unter anderem bei der Herstellung von Düngemitteln; flüssiger Stickstoff als Kühl- und Vereisungsmittel oder als Quelle für später erwünschtes Gas. Von einem Mordverdacht ist nirgends die Rede.

* »Im Stickstoff umgekommen«, WAZ vom 27. Oktober 1982



Grigoropoulos, Alexandros 15 (1993–2008). Der griechische Schüler zählt zu den wenigen Todesopfern staatlicher Gewalt, deren unmittelbare Mörder nicht mit einem blauem Auge davongekommen sind. Er starb mit 15. Er war im Dezember 2008 mit einigen Tausend anderen Gegnern der sogenannten »Globalisierung« und deren verheerenden Folgen für die griechische Volkswirtschaft im Athener Stadtteil Exarcheia auf die Straße gegangen – bei diesem Protest wurde er erschossen. Damit konnte das übliche Abwiegeln und Verleumden seitens der staatstragenden Kräfte beginnen. Was die beteiligten Polizeibeamten betrifft, beteuerten sie noch vor Gericht, sie seien mit Steinen und Flaschen beworfen worden und hätten nur Warnschüsse abgegeben. Den 15jährigen hätte es dummerweise durch einen Querschläger erwischt. Jedoch, das Wunder geschah: Im Oktober 2010 wurde der Polizist Epaminondas Korkoneas wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, was bedeudet, das Gericht billigte ihm noch nicht einmal mildernden Umstände zu. Er habe »mit unmittelbarem Vorsatz« gehandelt, nämlich, entgegen eines Rückzugsbefehles aus der Einsatzzentrale, »in ruhiger Verfassung« seine Pistole gezogen und zwei Schüsse auf Grigoropoulos abgegeben. Ein zweiter Polizist, Vassilis Saraliotis, bekam wegen Mittäterschaft 10 Jahre. Das Klima der Aufhetzung durch Vorgesetzte, PolitikerInnen, Medien stand freilich nicht zur Debatte.

Wie zu erwarten, hatten die tödlichen Schüsse in jenem Winter zu einer erheblichen Ausweitung der »Unruhen« geführt. Es kam aber leider nicht zur Abschaffung der Polizei oder wenigstens dem Landesverweis aller Agenten der Weltbank und der Europäischen Zentralbank. Ganz im Gegenteil, nach seinem Mittäter befindet sich neuer-dings, seit Sommer 2019, auch der Polizist Epaminondas Korkoneas, der »Lebenslängliche« also, wieder auf freiem Fuß. Er zehrte von einer strafmildernden Revision, die sich ihrerseits allein einer eiligst durchgepeitschten sogenannten »Justizreform« der Regierung Alexis Tsipras (Syriza) verdankte.* Dieser Politiker, der im Himmel mit Bodo Ramelow, Gerhard Schröder und Tony Blair augenzwinkernd Doppelkopf spielen wird, ist inzwischen wieder einfacher »linker« Parlamentsabgeordneter, wenn auch mit einigen schwerwiegenden Anschuldigungen überzogen, die sein Ex-Kabinett betreffen. Ich glaube, die »Justizreform« gehört nicht dazu.

* Wassilis Aswestopoulos, »Der Auslöser der Jugendaufstände von 2008 ist frei«, Telepolis, 31. Juli 2019: https://www.heise.de/tp/features/Der-Ausloeser-der-Jugendaufstaende-von-2008-ist-frei-4483594.html?seite=all



Grillparzer, Adolf (1800–17), »kleptomanischer« Bruder des Franz G., ertränkt sich mit 17 in der Donau. Zwei Jahre darauf erhängte sich die Mutter der Brüder. Über den lieben Franz sind wir »natürlich« gut im Bilde. Folgt man der Berliner Germanistin Dagmar Fischer*, hatte der künftige Wortkünstler ein fast eheliches Verhält-nis zu seiner schwermütigen Mutter, die mit Sorgen, dann Krankheit und Geistesverwirrung geschlagen wurde. Der Vater, ein der Aufklärung verpflichteter und angeblich hochverschuldeter Wiener Advokat, war bereits 1809 gestorben. Franz bringt es bis zum Hofkammerarchiv-Direktor und schon zu Lebzeiten berühmtem Dramatiker. Trotz Neigung zu Neurasthenie und Melancholie wird
er 81.

Über Adolf ist im Internet so gut wie nichts zu finden, Fischer eingeschlossen.** Irgendwo meine ich gelesen zu haben, er sei erst Sängerknabe, dann Kaufmannslehrling gewesen. In Gerhard Scheits Rowohlt-Monografie*** über Franz G. wird dessen jüngster Bruder mit drei Zeilen gestreift. Er war eben vergleichsweise unwichtig. Aber er dürfte denselben gefühlskalten, abweisenden Vater (von insgesamt vier Söhnen) gehabt haben, und es wäre doch interessant zu wissen, warum er dann nicht auch einen ähnlich erfolgreichen Weg wie Franz einschlagen konnte. Ein knappes Jahr vor Adolfs Gang in die Donau war Franz, 26, durch die Uraufführung seines Stücks Die Ahnfrau schlagartig berühmt geworden. Wer weiß, ob das für den »Taugenichts« nicht ein zusätzlicher Stachel gewesen war. Diese Vermutung legt auch der Wiener Musikwissen-schaftler Max Graf nahe, wenn er (1910) behauptet, Adolf habe sich ebenfalls als Stückeschreiber versucht, sei damit jedoch, »weniger dichterisch begabt als sein Bruder«, gescheitert.****

Meine briefliche Frage an Scheit, ob er vielleicht und freundlicherweise nähere Angaben über Adolf machen oder entsprechende Quellenhinweise geben könnte, blieb (2018) ohne Echo. Möglicherweise war der Anfrager ebenfalls »vergleichsweise unwichtig«.

* Franz Kafka, der tyrannische Sohn, Ffm 2010, S. 123–26
** Immerhin zitiert sie die auf einen Zettel gekritzelten »ergreifenden« Abschiedsworte des jüngeren, 17jährigen Bruders. Lieber Franz oder Mama wer mich findet, da ich immer mehr in das Stehlen hineinge-kommen wäre, so habe ich den Entschluß gefaßt, mir selbst das Leben zu nehmen. Viel belogen habe ich die Mama und den Franz, doch ich bitte um Verzeihung, und mir nicht zu fluchen [...].
*** Reinbek 1989, in der 2. Auflage von 1994 auf S. 48
**** »Die innere Werkstatt des Musikers«, in: Bernd Oberhoff (Hrsg): Psychoanalyse und Musik, Gießen 2002, S. 31




Grimmie, Christina 22 (1994–2016), US-Popsängerin, vor allem durch »Cover-Songs« auf YouTube berühmt, wird in Orlando, Florida, nach einem Konzert beim Autogrammgeben von ihrem Fan Kevin James Loibl (27) erschossen, der sich wenig später, nach einem Ringkampf mit dem Bruder Marcus der Künstlerin, auch selber umbrachte. Hier und dort wird der rothaarige Mann als Arbeiter im Elektronikhandel ausgegeben. Seine Eltern hätten ihn als eigenbrötlerisch, nicht aber krank bezeichnet. Nach den polizeilichen Ermittlungen soll er von Grimmie, die bis dahin nichts von seiner Existenz gewußt habe, geradezu besessen gewesen sein. Für das Blatt Orlando Sentinel lag das Muster vor: wenn sie für mich unerreichbar ist, soll sie auch kein anderer kriegen.

Ende November 2020 wurde die 26jährige »Influencerin« Alexis Sharkey, stellenweise auch als »Instagram-Model« bezeichnet, tot und unbekleidet nahe ihrer Heimatstadt Housten, Texas, am Straßenrand der Interstate 10 gefunden. Ein Müllfahrer sah ihre Füße aus einem Gebüsch lugen. Laut Autopsie-Befund war sie erwürgt worden.* Die Ermittlungen laufen noch. Sharkeys Ehe mit einem erheblich älterem Mann soll in Trümmern gelegen haben. Ihre Freundin Tanya Ricardo machte dem Publikum des regionalen Senders KHOU klar, wie eine »Influencerin« zu leben hat. »Sie ist immer an ihrem Handy. Sie ist eine Königin der sozialen Medien. Sie arbeitet von ihrem Handy aus.« Was Sharkey angeht, habe sie aber plötzlich nicht mehr auf Anrufe und Text-Nachrichten reagiert. Da schwante Ricardo Übles.

* Minyvonne Burke, »Instagram influencer Alexis Sharkey died of strangulation, death ruled homicide, report finds«, NBC News, 21. Januar 2021: https://www.nbcnews.com/news/us-news/instagram-influencer-alexis-sharkey-died-strangulation-death-ruled-homicide-report-n1255195



Gröger, Walter 22 (1922–45). Zahlreiche Opfer des deutschen Faschismus hatten das Pech, nicht auf Betreiben eines Marinestabsrichters zum Tode verurteilt und erschossen zu werden, der Jahrzehnte später, in der Demokratie, Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg wurde. Deshalb blieben sie bis heute mehr oder weniger namenlos. Anders Walter Gröger. Der junge Matrose der Kriegsmarine war 1943 in Oslo zunächst wegen Fahnenflucht zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Nachdem Generaladmiral Otto Schniewind dieses Urteil ein Jahr darauf aufgehoben hatte, weil er die Todesstrafe für angebracht hielt, war der damals rund 30jährige Marinestabsrichter Hans Filbinger, im Verfah-ren gegen Gröger nun Vertreter der Anklage, beflissen genug, dieselbe auch zu beantragen. Zur Begründung führte er auf Basis einer Führer-Richtlinie aus dem Jahr 1940, neben »charakterlichen Schwächen« Grögers, dessen militärischen Vorstrafen ins Feld. Marineober-stabsrichter Adolf Harms machte sich diese Sicht zu eigen und verurteilte Gröger am 22. Januar 1945 zum Tode als »einzig angemessene Sühne«. Nach der Bestätigung des Urteils durch das Berliner Oberkommando der Marine verfügte Filbinger am 15. März, also wenige Wochen vor Kriegsende, das Todesurteil und ließ den 22jährigen Matrosen noch am selben Tag in der Festung Akershus erschießen, wobei Filbinger persönlich anwesend war. In der »Niederschrift« über die Vollstreckung heißt es abschließend: »Die Leiche wurde durch das Wachpersonal gesargt und zum Zwecke der Bestattung abtransportiert.« Unterschrift: Dr. Filbinger.

Dummerweise hatte der Doktor diesen Schwabenstreich längst vergessen, als er sich 1966 in Stuttgart zum Ministerpräsidenten wählen ließ. 12 Jahre später beging er den Fehler, gegen den Schriftsteller Rolf Hochhuth, der ihn in einem vom Wochenblatt Die Zeit vorabgedrucktem Text als »furchtbaren Juristen« bezeichnet hatte, auf Unterlassung zu klagen. Schon wenige Monate nach dieser Veröffentlichung, im August 1978, sah sich Filbinger genötigt, von seinem Amt zurückzutreten. Zu allem Unglück wurden im Verlauf der Filbinger-Affäre vier weitere Todesurteile ausgegraben, die der Christdemokrat zwischen 1943 und 1945 als Marinerichter beantragt oder gefällt hatte. In die Enge getrieben, räumte er ihre zuvor von ihm bestrittene Existenz ein, hielt jedoch an ihrer Rechtmäßigkeit fest. Wie sich versteht, wurde Filbinger, gestorben 2007, nie seinerseits juristisch belangt. Das gilt gleichermaßen für den 1900 geborenen Adolf Harms, zur Zeit der Affäre Landgerichtsdirektor im Ruhestand in Oldenburg, wie für Hunderte andere »furchtbare Juristen«. Es gab einfach zu viele einflußreiche Deutsche, die Filbingers Sicht der Rechtmäßigkeit teilten – allerdings nicht mehr ab ungefähr 1990, als zahlreichen ostdeutschen Juristen der Prozeß gemacht wurde, weil sie sich unverschämterweise darauf berufen hatten, sie hätten in ihren Urteilen lediglich geltendes DDR-Recht umgesetzt. Nun galt die weltweit beliebte Doppelmoral. Das DDR-Recht sei »unmenschlich« gewesen. Leider fallen auch viele angebliche Linke auf die Argumentation mit der Rechtmäßigkeit oder der Unrechtmäßigkeit herein. In Wahrheit verläuft die entscheidende Frontlinie nicht zwischen unterschiedlichen System-Rechtsprechungen, vielmehr zwischen Menschlichkeit und Buchstaben-gläubigkeit. Das Herz des »Deserteurs« Gröger hatte völlig recht gehabt.

Allerdings kann Gröger, der 1940 unmittelbar nach einer Schlosserlehre zur Marine ging, schwerlich zum »Widerstandskämpfer« erhoben werden. Er setzte sich ab, nachdem er wiederholt vergeblich um Heimaturlaub eingekommen war. In einer Kneipe traf er die 34jährige Putzfrau im Osloer deutschen Krankenhaus Marie Severinsen-Lindgren, die ihn bei sich aufnahm. Rund 35 Jahre später beschreibt die im Städtchen Nosst am Oslofjord lebende 69jährige Gröger (in der Zeit vom 12. Mai 1978) als höflichen, wenn auch niedergeschlagenen jungen Mann. »Ich wohnte in einem kleinen Zimmer im Zentrum. Walter blieb fast immer zu Hause. Wenn ich vom Putzen zurückkam, brachte ich immer was zu Essen mit. Wir unterhielten uns meistens mit der Fingersprache. Ich verstand kaum Deutsch. Walter war schwermütig. Er hatte furchtbares Heimweh. Manchmal sprach er vom Krieg. Er haßte ihn. Er wollte nicht mehr kämpfen. Alles war verrückt. Er wollte nach Hause. Ich dachte wie er. Allerdings dachte ich nie, daß er abgehauen sei. Hätte ich das gewußt, hätte ich ihn dennoch aufgenommen. Nach ungefähr einer Woche war die Gestapo da.«

Severinsen-Lindgren bekam zwei Jahre Zuchthaus. Abzüglich der Untersuchungshaft in Oslo, saß sie diese Strafe im Gefängnis Dreibergen-Bützow bei Schwerin bis kurz vor Kriegsende ab. Das Schlimmste müssen für sie die Beschimpfungen seitens der Polizisten, Richter und WärterInnen gewesen sein. Sie sei eine nichtsnutzige Nutte, eine Drecksau, eine Spionin und so weiter. »Ich wache oft nachts auf und sehe den Ankläger vor mir: Du bist ein Tier, schlimmer als eine Ratte. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.« Dafür steht in ihrem Fall fest, sie blieb so arm und machtlos, wie sie schon damals war.



Groß, Pauline c.15 (1930–45), eine kleine »Zigeunerin«. Ihre Sinti-Familie lebte bereits seit mehreren Generati-onen in Deutschland. Ab 1940 wurde Pauline mit ihren Eltern und Geschwistern in verschiedene »Zigeunerlager« der Stadt Frankfurt/Main gesteckt (Diesel- und Kruppstraße). Hier stand man unter polizeilicher Aufsicht; täglich 18 Uhr gab es Kontrollen. Soweit die Kinder nicht schon zur Arbeit gezwungen wurden, durften sie die Umzäunung nur zum Schulbesuch verlassen. In der Schule jedoch wurden sie in ihrer jeweiligen Klasse gesondert gesetzt, da sie zwar nicht mit Pest oder Corona, aber mit dem Aussatz ihrer »Rasse« behaftet waren, also die rechtgläubigen deutschen Kinder anzustecken drohten. Die hänselten und hetzten denn auch, was das Zeug hielt.

Das Internet kennt diese Pauline nicht. Im ganzen werden die Todesopfer des deutschen Faschismus aus den Reihen der Roma & Sinti, je nach dem, auf 200.000 bis 500.000 geschätzt. Viele davon kamen in einem KZ um. Viele wur-den auch zuletzt noch in den »Zigeunerlagern« ermordet. Was Pauline angeht, soll sie im Lager Kruppstraße kurz vor Kriegsende an Unterernährung gestorben sein.*

Das angeführte schmale Buch bringt ein Porträt-Foto, das die dunkelhaarige Pauline Groß, mit Schleife im Haar, wohl als ungefähr 10jährige zeigt. Der Gesichtsausdruck kann nur erschütternd genannt werden. Dabei spricht keineswegs nackte Angst, ja noch nicht einmal Einge-schüchtertheit aus ihm. Man blickt dem Leid und dem Mißtrauen in die leicht verkniffenen dunklen Augen, beides abgrundtief. Man mache sich einmal die elende Kindheit solcher Mädchen und Jungen klar – und sehe sich dann die geschätzt 30 bis 50 Millionen staatsfrommen Deutschen an, die ihren Dünnschiß vorm Tod hinter täg-lich desinfizierten oder gewechselten Mund-Nase-Masken verbergen.

Wie sich versteht, reicht diese Dissonanz auch in die Vergangenheit. Der Text über Pauline ist, mangels »Material«, kaum eine Buchseite lang. In dieser Hinsicht traf es das beliebte romantische Blümchen Auguste Böhmer (1785–1800) knapp 150 Jahre früher besser. Auguste hatte ihre noch nicht völlig vom »Nervenfieber« genesene Mutter Charlotte Schlegel zur sommerlichen Kur im unterfränkischen Bad Bocklet begleitet. Plötzlich erkrankte die 15jährige freilich selber und starb sogar, wahrscheinlich an der Ruhr. Sie war also weder vergewaltigt noch ermordet worden. Gleichwohl löste ihr Hinscheiden umgehend eine Flut von Trauergedichten und erst unlängst wieder ein 250 Seiten starkes Buch von Bamberger Literaturwissenschaftlern aus.** Und wie kam sie zu der Ehre? Hatte sie ihrer vielseitigen musischen Begabung schon eine »Jenaer Sinfonie« abgerungen? Nein, sie hatte die richtigen Eltern und Bewunderer. Ihre Mutter galt als ein Herzstück der sogenannten Jenaer Romantik, und neuerdings machte der Dame auch noch der kommende »Naturphilosoph« Friedrich Wilhelm Schelling, schon jetzt Professor, den Hof. Im erwähntem Werk entpuppt sich das Bockleter Kurhaus vor allem als von den zeitgeistigen Strömungen umbrandete und insbesondere von Anhängern und Gegnern des »Brown-ianismus« umkämpfte Ränkeschmiede. Regnet es, darf Auguste Briefe an Freundinnen oder Berühmtheiten schreiben und sich beispielsweise über eine Tanzveran-staltung beklagen, die sie mied, weil dort kein Zipfel des »besseren Theils der Gesellschaft« zu erblicken war. Aber dies alles sollte uns vielleicht nicht mehr interessieren, weil es einer Beleidigung Paulines gleichkäme.***

* Barbara Bromberger / Katja Mausbach, Frauen und Frankfurt. Spuren vergessener Geschichte, Verlag VAS in Ffm, 1987, S. 72/73
** Wulf Segebrecht (Hrsg), Romantische Liebe und romantischer Tod / Über den Bamberger Aufenthalt von Caroline Schlegel, Auguste Böhmer, August Wilhelm Schlegel und Friedrich Wilhelm Schelling im Jahre 1800, Zweite Auflage Bamberg 2001, bes. S. 78
*** Eine Ergänzung zu Böhmers Krankheitsfall und der brownia-nischen Medizinschule finden Sie weiter unten bei >Kadić.




Grothusen, Gerhard 34 (1843–78), Verwaltungsjurist. Stammt offenbar aus Norddeutschland, studiert später in Heidelberg. Zuletzt, ab 1875, ist er Landrat in Zell an der Mosel, stirbt jedoch ebendort schon früh – warum? Mehrere lokale Behörden, die ich anschreibe, werfen das Handtuch. Sie bestätigen immerhin, Grothusens Ableben werde weder in Karl-Josef Gilles' Geschichte der Stadt Zell-Mosel (Trier 1997) noch in Alfons Friedrichs Persönlichkeiten des Kreises Cochem-Zell (Trier 2004) aufgeklärt. Von seinen familiären Verhältnissen und seinen sicherlich hervorragenden Charaktereigenschaften ganz zu schweigen. Soweit ich sehe, gehörte der Kreis Zell zu Grothusens Zeit zum Regierungsbezirk Coblenz der Preußischen Rheinprovinz. Er hatte um 30.000 EinwohnerInnen. Die Stadt Zell selber, auf halber Strecke zwischen Trier und Koblenz zwischen lauter berühmten Rebstöcken gelegen, muß geradezu winzig gewesen sein. Sie hat heute, mit »Stadtteilen«, 4.500 EinwohnerInnen. Diese Überschaubarkeit, für Heimatforschung eigentlich ideal, wünsche ich mir zuweilen als Lexikograf.



Grottewitz, Curt 39 (1866–1905), märkischer Schrift-steller, Versuchsgärtner, Wandervogel. Wer gern »Naturschwärmerei« verhöhnt, könnte dem anscheinend schlanken Mann sein unrühmliches Ende unter den kräftigen dunklen Schnauzbart reiben. Sohn eines sächsischen Gutsbesitzers, hatte Grottewitz zunächst, in Leipzig, einen Doktor-Grad als Germanist erworben. Er befaßte sich aber auch mit Naturwissenschaft und der heute so genannten Ökologie. Entsprechend zogen ihn, diesmal in Berlin, die neuerdings »naturalistisch« orientierten Literaten-Kreise in ihren Bann. So verschrieb er sich um 1893 (Heirat mit Elisabeth Mahn) einem schlichtem, schriftstellerndem Leben auf der eigenen kleinen Scholle, anfangs in Eberswalde, schließlich im Dorf Müggelheim bei Köpenick. Das Ehepaar hatte vier Kinder.* Auf den sozialistisch gestimmten Proletarier gezielt, verfaßte Grottewitz Bücher wie Unser Wald oder Sonntage eines großstädtischen Arbeiters in der Natur. Zu seinen bevorzugten Müggelheimer Spazierorten zählte die Große Krampe, eine langgestreckte Bucht der Dahme, eines Nebenflusses der Spree. In dieser Bucht soll Grottewitz, laut Haig Latchinian sogar ein erfahrener Rettungs-schwimmer**, am 16. Juli 1905, mit knapp 40 Jahren, ertrunken sein. Man behauptet oder vermutet, je nach Quelle, er habe sich in Schlingpflanzen verfangen. Hinweise auf Untersuchungsberichte finde ich nicht. Die Frage, ob der schreibende Sonderling mordbereite Erzfeinde oder aber Grund zum Selbstmord gehabt hätte, wird nirgends angeschnitten. Man begnügt sich wieder einmal mit der beliebten Formel »mysteriöser« Todesfall, so auch Latchinian.

* Wilhelm Bölsche, »Zur Erinnerung an Curt Grottewitz«, Buchvor-wort von 1920, hier auf https://brauerei.mueggelland.de/sonntage.html
** »Vom Gutsbesitzersohn zum Pionier der Arbeiter-Wanderbewe-gung«, Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Muldental, 5. April 2016,
Seite 27




Grüneklee, Margarete 18 († 1951), niedersächsische Büroangestellte, zufälliges Opfer eines Anschlages. 1951 explodieren im Raum Bremen zwei Paketbomben. Es handelt sich um das erste Bombenattentat in der BRD, dem der Chefredakteur der Bremer Nachrichten Adolf Wolfard (49) und die erst 18jährige Kontoristin Margarete Grüneklee aus Eystrup zum Opfer fallen. Beide werden geradezu zerfetzt, zudem gibt es Schwerverwundete. Dabei ist der Tod der jungen Frau im Eystruper Postamt besonders makaber. Zum einen galt die »Paketsendung« gar nicht ihr, vielmehr Carl Mayntz, dem Chef der Marmeladenfabrik, in der sie beschäftigt war. Zum anderen ereilte sie die Explosion vor den Augen des hinter dem Schalter stehenden stellvertretenden Postamtsvor-stehers Grüneklee – ihres Vaters. Ein dritter Paketemp-fänger, Futtermittelfabrikant in Verden, entging dem Tod nur um Haaresbreite.

Die Polizei leitet eine bis dahin beispiellose Großfahndung ein. Zunächst werden Rentenräuber, dann vorzugsweise, dem Geist der Epoche entsprechend, Kommunisten der Tat verdächtigt. So war es nur folgerichtig, die Leitung der 60köpfigen Sonderfahndungskommission dem Oberregie-rungs- und Kriminalrat Dr. Walter Zirpins anzuvertrauen, wie Gerhard Feix berichtet.* Laut Wikipedia hatte Zirpins dieselben Ränge bereits im Januar 1945 bekleidet, also vor Wiedereinführung der Demokratie. Außerdem war er damals SS-Obersturmbannführer gewesen und hatte schon bei der »Untersuchung« des Reichstagsbrandes seine Fähigkeit bewiesen, gut ausschlachtbare Verbrechen Linken oder anderen »Asozialen« in die Schuhe zu schieben. Zu den Kommunisten rechnet man 1951 nebenbei auch Günther Schwarberg, der damals noch beim Weser-Kurier beschäftigt ist. Es gelingt aber Zirpins nicht, aus seinem großem Topf der UnterhöhlerInnen der Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung mehr als Nieten zu ziehen. Gestellt wird schließlich Eric/Erich von Halacz, ein zur Tatzeit 22jähriger arbeitsloser technischer Zeichner aus Nienburg. Er bekommt Lebenslänglich. Anläßlich seiner Begnadigung ist 1974 im Spiegel (Nr. 46) zu lesen, die Motive des jungen »Herumtreibers mit Großmanns-Allüren« seien nie zufriedenstellend erhellt worden. Offenbar habe sich Von Halacz damals durch Androhung weiterer Bomben erpreßte Millionen versprochen, doch im Urteil heiße es auch, er habe aus Geltungssucht gehandelt. Im übrigen hätten Chirurgen wenige Wochen vor Von Halacz' Entlassung aus dessen Gehirn einen Tumor von Tennisball-Größe entfernt. Das niedersächsische Justizministerium habe Meldungen widersprochen, denen zufolge Von Halacz bereits zur Tatzeit ein schwerkranker Mann gewesen sei.

Noch vor Feix, der darauf nur am Rande eingeht, legten freilich die Autoren G. H. Mostar / R. A. Stemmle** die Erniedrigungen dar, die Möchtegern-Dandy Von Halacz im Rahmen seiner Erziehung genossen hatte. Der wahr-scheinlich uneheliche Sohn einer ungarischen Gräfin, die sich bald nach der Niederkunft von einem Düsseldorfer Zahnarzt trennen mußte, wuchs bei »Pflegeeltern« nahe Nienburg in einer Drakenburger Baracke auf. Zu allem Unglück war der liebe Pflegevater auch noch bei einem Kieswerk angestellt – als Sprengmeister. Das konnte wahrscheinlich nicht gut gehen.

* Der Tod kam mit der Post. Aus der Geschichte der BRD-Kripo, Ostberlin 1979, hier 2. Auflage 1980, S. 69
** Die Höllenmaschinen des Dandy Keith, München 1967, S. 45–62




Grunelius, Helene von 39 (1897–1936), süddeutsche anthroposophische Ärztin. Ich vermute stark, ihr Tod geht auf das Konto ideologischer und emotionaler Konflikte, denen sie nicht gewachsen war. Leider ist man in ihrem Fall rundum auf Vermutungen angewiesen. Die wenigen Internetquellen stammen offensichtlich von Leuten, die kein Interesse daran haben, die weiße Weste Rudolf Steiners zu beflecken, des weisen Gründers der anthroposophischen Bewegung, der 1925 gestorben war. Grunelius hatte den Meister wenige Jahre früher noch persönlich bei Kursen kennengelernt, die er abhielt. Sie war auch von ihrem Straßburger Elternhaus her für die Anthroposophie gestimmt. Zunächst Ärztin in Stuttgart, wirkte sie ab 1935, also nur noch für eine kurze Lebenszeit, in einem anthroposophisch geprägtem Sanatorium, das bei Pforzheim im Schwarzwald lag. Dort stellte sie ihre Arbeit schon im folgenden Jahr ein und trat eine wohl ziemlich überstürzte Reise nach Italien an. Sie kam aber nur bis Basel, weil sie »gesundheitlich zusammenbrach«, wie das Universal-Lexikon Wikipedia so allgemein wie möglich mitteilt. Daran starb sie im Dezember, 39 Jahre alt.

Immerhin gelangt man über Wikipedia zu einem vom Mediziner und Steiner-Anhänger Peter Selg verfaßtem Porträt der Ärztin, das etwas genauer wird.* Danach wurde das schwarzwälder Sanatorium Burghalde (im Frühjahr 1935) unter Mitarbeit von Grunelius vom Ehepaar Eugen und Lili Kolisko eröffnet. Nach »nur einem Jahr« habe sich Eugen K., der rund vier Jahre älter als Grunelius war, jedoch entschieden, nach London zu gehen, um dort ein anderes anthroposophisches Projekt aufzubauen. Dadurch habe Grunelius ihre »Pläne und Hoffnungen« jäh durchkreuzt gesehen. Sie habe es abgelehnt, das Sanatorium ohne Kolisko zu leiten, und sich »in sehr angegriffenem Gesundheitszustand« auf ihre »gehetzte« Italienreise begeben.

Spätestens an dieser Stelle muß es in jedem skeptischem Hirn klingeln. Zunächst hatten wir ja im Deutschland jener Jahre, seit 1933, ein faschistisches Regime. Das war ersichtlich imstande, das schwarzwälder Sanatorium, wie so manches andere aus dem anthroposophischem Tätigkeitsfeld, zu dulden oder gar zu fördern, obwohl es in beiden Lagern jeweils recht unterschiedliche Auffassungen über die Nähe oder Ferne voneinander gab, wie etwa der US-Historiker Peter Staudenmaier betont.** Übrigens erwähnt Staudenmaier auch den Umstand, daß die Anthroposophen im faschistischen Italien erheblich bessere Karten als in Deutschland hatten. Somit ist nicht auszuschließen, Grunelius habe ihre Italienreise, zumindest unter anderem, just aus diesem Grund angetreten. Möglicherweise war sie ja deutlich nazi-freundlicher gestimmt als Kolisko, der sich schließlich auch noch rechtzeitig aus Deutschland absetzte. In dieser Hinsicht muß natürlich auch die naheliegende Frage erlaubt sein, wie die vergleichsweise junge Ärztin denn nun zu ihrem Chef und Mitstreiter Eugen Kolisko (1893–39) oder zu Lili Kolisko (1889–1976) oder zu beiden gestanden habe? Die Gattin war wohl vier Jahre älter als ihr Mann. Sollte hier ein übliches Liebes- und/oder Konkurrenz-drama mitgespielt haben? Jedenfalls muß auch die Frage erlaubt sein, wie glücklich oder unglücklich Grunelius um 1935 gewesen sei, sieht man einmal von der Erfüllung ab, die sie (angeblich) in ihrer therapeutischen Sanatoriums-arbeit fand. Meine Quellen interessiert das nicht.

Im Wikipedia-Artikel über Eugen Kolisko taucht immerhin weiterer Zündstoff auf, wenn auch nur andeutungsweise. »Die Auseinandersetzungen nach dem Tode Steiners führten 1934 zu Koliskos Entlassung aus der Stuttgarter Waldorfschule und 1935 zur Trennung von der Anthroposophischen Gesellschaft. 1936 emigrierte er nach England, wo er eine anthroposophische Universität gründen wollte.« Bald darauf starb er jedoch, mit 46, »während einer Zugfahrt«. Wie und warum, wird nicht gesagt. Obwohl Eisenbahnzüge oft die unterschiedlichsten Überraschungen bergen und viele Fenster und Türen haben. Hier führt aber ein Porträt Koliskos aus der Feder Joop van Dams weiter***, wenigstens ein bißchen weiter. Der Niederländer ist gleichfalls Mediziner und Steiner-Anhänger. Ihm zufolge hatte der klein und zart gebaute Arzt, Chemiker und Waldorflehrer Kolisko von Kind auf einen steifen linken Arm. Er zählte anfangs zum engsten Steiner-Kreis. Er war lesewütig und eher ungesellig. Van Dam bestätigt das Zerwürfnis Koliskos mit der »offiziellen« Anthroposophie um 1930, erhellt es mir freilich wenig. Wahrscheinlich war Kolisko bezüglich der Weltlage pessimistischer gestimmt als seine Ex-Genossen. Von dem Projekt im Schwarzwald habe er sich eine vielgefächerte »therapeutische Provinz« versprochen, Landwirtschaft eingeschlossen. Das sei jedoch »nicht zustande« gekommen. »So emigrierte er ...«, schreibt Van Dam. Ein kühner, nichtssagender Übergang. Über die Gründe von Koliskos Scheitern (in nur einem Jahr!) dürfen wir ähnlich rätseln wie über die Frage, in welcher Gestalt wir dereinst wiedergeboren werden. In London packte Kolisko die Aufbauarbeit für seine Universität mit Hilfe von Gesinnungsgenossen und offenbar auch seiner Frau Lili schwungvoll an, wogegen ihn eine USA-Vortragsreise im Frühjahr 1939 enttäuscht und ermüdet habe. Auf dem Weg zu einem westlich von London gelegenem Institut sei er plötzlich einem Herzschlag erlegen. Er sei in seinem Zugabteil allein gewesen. Gottseidank, keine lästigen Zeugen! Finanzielle und erotische Gesichtspunkte klammert der Text aus.

Möglicherweise findet sich Näheres in einem »Lebensbild« Eugen Koliskos, das seine Gattin Lili, die ungleich älter wurde als er, verfaßt und (1961) veröffentlicht haben soll. Vielleicht sogar Näheres über Grunelius? Vielleicht wohlwollendes, vielleicht gehässiges? Oder sollte sie sich gar zu der anteilnehmenden Vermutung aufschwingen, Helene von Grunelius' Sterben in Basel müsse ein verflucht einsames, kaltes Geschäft gewesen sein?

Näheres über Grunelius' Lichtgestalt Steiner und deren ideologischen Mischmasch läßt sich meinem schon vor Jahren veröffentlichtem Porträt »Rudis Restekiste« entnehmen, siehe A-20.

* Forschungsstelle Kulturimpuls (Dornach, CH), o. J.: http://biographien.kulturimpuls.org/detail.php?id=287
** Ansgar Martins / Peter Staudenmaier, »Anthroposophie und Faschismus«, 7. Juni 2012: https://hpd.de/node/13507
*** Forschungsstelle Kulturimpuls, o. J.: http://biographien.kulturimpuls.org/detail.php?&id=207




Gruner, Jacqueline 37 (1907–45), französische Antifaschistin, KZ. Sie stand offensichtlich auf der anderen Seite, aber von ihr scheint man noch weniger als über Von Grunelius zu wissen. Im Broterwerb Sekretärin einer prominenten Pariser Rechtsanwältin, versuchte sie sich daneben nicht ganz erfolglos als Journalistin und Buchautorin. Ihr Jugendbuch Isabelle et la porte jaune von 1937 errang sogar einen angesehenen Literaturpreis. Aufgrund ihrer Mitarbeit in der Résistance wurde sie jedoch im März 1943 von der Gestapo verhaftet – auch noch mitsamt* ihrer wenig älteren Schwester Christiane Edmée Schupp, wohl geboren 1906. Beide Frauen landeten bald darauf im KZ Ravensbrück, wo sie auch, »unter ungeklärten Umständen«, im Februar 1945 umkamen. Sollte es über diese Schwestern nicht ein französisch-sprachiges Porträt geben, wäre es wirklich beschämend.

* Katalog Justitia-Ausstellung, wohl 2016, S. 325/26: https://web.archive.org/web/20160305150923/http://www.justitia-ausstellung.de/ravens/biografien.pdf



Grzimek, Michael 24 (1934–59), Tierschützer, Unglück mit Geier. Wie sich ältere LeserInnen sicherlich noch erinnern werden, erregte der Direktor des Zoos in Frankfurt am Main Bernhard Grzimek um 1955 mit dem Buch und Film Kein Platz für wilde Tiere weltweites Aufsehen. Die Erlöse waren üppig genug, um neue Tierschutzprojekte in Afrika zu planen und zu diesem Zwecke auch das Fliegen zu erlernen, da sich die Bestände an Giraffen oder Gazellen vom Flugzeug aus leichter beobachten und zählen ließen. So machten sowohl Vater Bernhard wie Sohn Michael den Pilotenschein und erwarben eine Dornier 27, die sie mit Zebrastreifen bemalen ließen, damit die Giraffen oder Gazellen das über ihnen brummende Untier nicht etwa mit Geiern verwechselten. Sohn Michael war angehender Doktor der Zoologie, zudem verstand er es bereits, mit Filmkameras umzugehen. Aber eben nicht mit Geiern. Am 10. Januar 1959 in seiner Zebramaschine über dem Nationalpark Serengeti im heutigem Tansania unterwegs, stieß er mit einem Gänsegeier zusammen. Der Vogel beschädigte eine Tragfläche stark genug, um die dröhnende und stinkende Konkurrenz zum Absturz zu bringen. Der 24 Jahre alte Nothelfer der Tiere starb.

Da er nun einmal tot war (der Sohn), raffte sich Vater Bernhard um 1960 zu dem nächstem Buch und Film und Welterfolg Serengeti darf nicht sterben auf. Neben Savannen scheint der alte Grzimek das Unkonventionelle geliebt zu haben. Nachdem sich der Tierarzt und Fernsehstar 1973 von seiner Frau Hildegard hatte scheiden lassen, heiratete er fünf Jahre darauf, inzwischen schon fast 70, die Witwe Erika seines Sohnes Michael. Deren Söhne Stephan und Christian, also seine Enkel, adoptierte er. Der als eitel und albern beschriebene Wissenschaftler starb 1987 mit knapp 78 Jahren. Im »Dritten Reich« hatte er sich allerdings eher konventionell verhalten – unter anderem als Regierungsrat im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft und, während des Krieges, Tierarzt.* Da hat er sicherlich ausschließlich Zebras geimpft.

* Sven Felix Kellerhoff, »Die 'normale' Wahrheit hinter Grzimeks Nazi-Akte«, Welt, 4. April 2015: https://www.welt.de/vermischtes/article139133223/Die-normale-Wahrheit-hinter-Grzimeks-Nazi-Akte.html



Gubec, Matija um 30 († 1573), kroatischer Bauernführer. Sollte dieses Werk je einen kroatischen Leser finden, wird er um Nachsicht gebeten, wenn ich seinen »Nationalhel-den« nur mit wenigen Worten streife. Die Unterdrückung der Bauern der Zagorje, einem Hügelland bei Zagreb, um 1570 dürfte sich nicht wesentlich von den Zuständen in Thüringen unterschieden haben, und Matija Gubec, Höriger des Grundherren Ferenc Tahy, endete ähnlich wie Thomas >Müntzer.

Die Angaben zu Gubecs Geburtsjahr schwanken zwischen 1538–48. Jedenfalls sah er sich Anfang 1573 an die Spitze von Aufständen gestellt, die rasch nach Slowenien und in die Steiermark übergriffen. Man warb in den Dörfern mit Hahnenfeder am Hut. Für das in Zagreb sitzende soge-nannte »Parlament« von Habsburger Gnaden waren die Aufständischen »Hochverräter« – sie hatten ihre Ausbeu-ter und Peiniger im Stich gelassen. Nach Anfangssiegen wurden die einfach bewaffneten Bauerntruppen bei Gurkfeld und Kerestinec aufgerieben. Man spricht von rund 6.000 getöteten Bauern. Der gefangene ungefähr 30jährige Gubec wurde am 15. Februar 1573 auf dem Zagreber Platz des Heiligen Marko öffentlich hingerichtet. Heute umlaufende, mehr oder weniger grausame Einzelheiten, etwa Holzstoß und glühende Zangen, sind offenbar* kaum belegt. Landsmann Oton Iveković, ein teils in Deutschland ausgebildeter Maler, trug 1921 dick auf** – gegen die heraufziehenden Schrecken des deutschen und kroatischen Faschismus (unter Ante Pavelić) vergeblich.

* Manfred Stoy, »Gubec, Matija«, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas, Bd. 2, München 1976, S. 100–1: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=916
** https://de.wikipedia.org/wiki/Matija_Gubec#mediaviewer/Datei:Oton_Ivekovic,_Smaknuce_Matije_Gupca_%28na_trgu_ispred_crkve_sv._Marka_u_Zagrebu%29.jpg




Gu Cheng 37 (1956–93), chinesischer Schriftsteller und Gewalttäter. In der VR China, wohl im Gegensatz zu seinem angepaßtem Erzeuger Gu Gong, geschnitten oder verfolgt, ließ sich der avantgardistische Schriftsteller (vor allem Gedichte) nach einigen Fernreisen 1987 mit seiner Frau, der Lyrikerin Xie Ye, in Auckland, Neuseeland, nieder, wo er an der Hochschule Chinesisch unterrichtete. Nach Dylan Brethour* ist unklar, ob Gu seelisch krank war. Jedenfalls sei er exentrisch gewesen; bei Avantgar-disten eigentlich normal. So haßte er Englisch, wahr-scheinlich (aus Eifersucht) auch seinen zu einer einhei-mischen Pflegemutter abgeschobenen Sohn S., liebte ein abgeschnittenes Hosenbein als Hut und wahrscheinlich auch Li Ying, eine Freundin Gus oder gar des Ehepaars. Auch beide Damen hatten offenbar ihre Affären, die Gu aber ungern dulden wollte. Als ihn Li wegen eines Kampfkunstlehrers verließ, scheint er befürchtet zu haben, nun werde er auch noch Xie verlieren. Tatsächlich soll seine Gattin erwogen haben, sich das Söhnchen zu schnappen und Waiheke (eine Golfinsel nahe Auckland) oder gleich die ganze neuseeländische Nordinsel kurzer-hand zu verlassen. Dem kam Gu an einem Oktobertag zuvor, indem er Xie, 35, mit einer Axt erschlug. Anschließend erhängte er sich.

* »The Poet Who Murdered His Wife«, Magazin The Curator, 5. November 2015: http://www.curatormagazine.com/dylan-brethour/the-poet-who-murdered-his-wife/



Guerin, Veronica 37 (1958–96), irische Journalistin, verheiratet, ein Kind – in Dublin aus politischen Gründen ermordet. Die knapp 38 Jahre alte frühere Sportlerin und PR-Frau hatte zu hartnäckig einheimischen Drogenbossen nachgespürt. Die ließen sie deshalb, nach vergeblichen Mord- oder Kidnappingdrohungen, wohl auch Beste-chungsversuchen, Ende Juni 1996 in ihrem Wagen bei »Rot« von einem Motorrad aus erschießen. Die Empörung im Lande war groß. Solche Vorfälle hatte man ja bis dahin eher aus Chicago oder Beirut gekannt. Es gab zahlreiche Festnahmen und einige hohe Haftstrafen, wenn auch keine völlige Klärung der Verantwortlichkeit.



Günderrode, Karoline von 26 (1780–1806), Schwär-merin, Selbstmord. Wegen eines Augenleidens soll sie zeitlebens häufige Anfälle von Kopfschmerzen erlitten haben. Vielleicht war es Grüner Star. Im Glauben, es schone die Augen, benutzte sie zum Schreiben grünes Papier. Sie wird als sanft und schüchtern, aber auch impulsiv geschildert. Obwohl sie in einem Adligem Damenstift (in Frankfurt am Main) erzogen wird, erwärmt sie sich für die Französische Revolution. In einem Brief an Gunda Brentano stellt die 21jährige fest: »Schon oft hatte ich den unweiblichen Wunsch, mich in ein wildes Schlachtengetümmel zu werfen, zu sterben. Warum ward ich kein Mann! Ich habe keinen Sinn für weibliche Tugenden, für Weiberglückseligkeit. Nur das Wilde, Große, Glänzende gefällt mir. Es ist ein unseliges, aber unverbesserliches Mißverhältnis in meiner Seele; und es wird und muß so bleiben, denn ich bin ein Weib und habe Begierden wie ein Mann, ohne Männerkraft. Darum bin ich so wechselnd, und so uneins mit mir …«

Man könnte argwöhnen, hier tobe sich ein verdammt romantisches, ja einfach unreifes Verlangen aus. Dieser Argwohn fände auch in Günderrodes Werken reichlich Nahrung. Kaum hat Piedro, Held einer gleichnamigen Ballade, im Kampf auf dem Schiffsdeck seinen rächenden Stahl in die Brust des Jünglings gesenkt, der ihm die Geliebte raubte, bringt ihn die Reue ins Wanken; er taumelt in die Arme des Gemeuchelten, und der küßt ihn mit seinen letzten Atemzügen heiß und inniglich. Da will Piedro nichts mehr von der herbeieilenden Geliebten wissen; er wendet sich ab und läßt sich, dem Ruf des Todes folgend, still ins Grab des Meeres gleiten. Wenn das keine Seifenoper ist? Andererseits könnte eine Fürsprecherin einwenden, ausschließlich Wind sei es aber auch nicht, wenn man das leibhaftige Ende der Autorin bedenke, bei dem sie ja durchaus etwas wie kaltblütige Entschlossenheit bewiesen habe.

1799 bei Freunden auf einem Gut im Odenwald, verliebt sich die 19jährige in den Jurastudenten Friedrich Carl von Savigny, später preußischer Minister. Savigny scheint eine Verbindung zu erwägen, kneift dann aber, wie manche Quellen behaupten, vor Günderrodes Gebildetheit. Neben Novalis schätzt sie die Denker Fichte und Schelling. Selbstverständlich ist hier auch ein völlig berechtigtes Aufbegehren gegen das Schattendasein im Spiele, das damals »dem Weibe« zugewiesen wurde. Mit engen Freundinnen wie Bettina Brentano malt sie sich abenteuerliche Reisen aus, die realiter nur Männer antreten dürfen. Doch die Freundinnen schwinden, lassen doch auch sie sich eine nach der anderen unter die Haube zwingen. Norgard Kohlhagen zitiert* den Freiherrn von Knigge. Eine Frau, »die ein Handwerk aus der Literatur macht«, stelle der Freiherr klar, »sieht die wichtigsten Sorgen der Hauswirtschaft, die Erziehung ihrer Kinder und die Achtung unstudierter Mitbürger als Kleinigkeiten an, glaubt sich berechtigt, das Joch der männlichen Herrschaft abzuschütteln«.

1804, mit 24 Jahren, veröffentlicht Günderrode unter dem Pseudonym »Tian« ihr erstes Buch, Gedichte und Phantasien. Ein Jahr darauf folgen Poetische Fragmente, die auch Piedro enthalten. Zwar zeigen sich Clemens Brentano und sogar Goethe von ihrer Verskunst angetan, doch als Schriftstellerin wird sie zu Lebzeiten und selbst später noch wenig gewürdigt. Ob das wirklich nur dem männlichen Gebälk des Literaturbetriebes anzulasten ist? Hyacinth Holland trifft 1879 mein Empfinden, wenn er in einem Lexikonartikel seufzt, bei dieser Dichterin ließen sich zwar unterschiedliche Stileinflüsse feststellen, Ossian und Lessing etwa, doch sei »alles mehr oder minder von einem sentimentalen Mondlicht und zarter todttrauriger Wehmuth überstrahlt.« Das ist natürlich auch eine Eigenart.

Im selben Jahr 1804 begegnet die Mondelfe in Heidelberg dem klassischem Philologen Friedrich Creuzer, der mit einer 13 Jahre älteren Frau verheiratet ist. Günderrode verliebt sich »unsterblich« in ihn, was Creuzer zu erwidern scheint. Bei ihren Interessen bietet sich ein gemeinsames Leben geradezu an, zumal Creuzers Frau zu einer Scheidung bereit wäre. Ich sage bewußt »Frau«, weil es neun von 10 Quellen nicht für nötig halten, den Namen dieses fünften Rads am griechisch-römischen Streitwagen zu nennen, das Internetlexikon Fembio (Sibylle Duda, März 2013) eingeschlossen. Sie hieß Sophie. Immerhin ist auch Professor Creuzer nicht mehr der Jüngste, nämlich neun Jahre älter als Karoline. Deren Vater, ein Hofrat und Schriftsteller, war übrigens gestorben, als sie erst sechs gewesen war. Sie wuchs bei ihrer Mutter, dann im Damenstift auf.

Doch auch Creuzer zieht den Schwanz ein. Die Affäre mit diesem verquerem Weib und seine Angst vor Skandal schlagen ihm auf Magen und Gemüt. Größer noch könnte seine Angst gewesen sein, mit Sophie eine gutbürgerliche Hausfrau und fürsorgende Glucke zu verlieren. Eine Zeitlang erwägen sie Konstellationen »zu dritt«. Dann wieder verlangt er von Karoline, der Schellinglektüre und ausschweifenden, unehelichen Gedanken abzuschwören. Das hält sie für eine Zumutung. Sie kontert mit dem Plan, mit Creuzer nach Alexandria oder, dabei sie in Männer-kleidern, nach Rußland zu fliehen. Dies alles macht Creuzer nur kränker. Er bittet einen Freund, Günderrode eine Absage auf immer zu schicken.

Sie hielt sich (im Juli 1806) gerade mit einer Freundin in Winkel im Rheingau auf. Von einem Chirurgen hatte sie sich schon vor längerer Zeit erklären lassen, wie der Dolch mit Silbergriff, den sie besaß, am günstigsten gegen das eigene Herz zu führen sei. Als sie der Absagebrief im Gasthof erreichte, täuschte die 26jährige Schriftstellerin einen Spaziergang vor, begab sich zum Rheinufer und erstach sich gekonnt – »Daß der Zweiheit Gränzen schwinden / Und des Daseins Pein«, wie sie im Gedicht Die eine Klage geschrieben hatte. Dann kippte oder glitt sie ins Wasser, wo man sie anderntags fand.

Vielleicht hatte ihr nur noch der Anlaß gefehlt, schließlich hatte sie einen solchen Abgang in Piedro schon geprobt. Der Tod vereinfacht die Verhältnisse. In Günderrodes Lyriksammlung Melete, die erst nach Jahrzehnten erscheint, findet sich das Gedicht Die Malabarischen Witwen, in dem sie die Witwenverbrennung in Indien zur »süßen Liebesfeyer« verklärt, was man freilich nicht von Fembio erfährt. »Nicht Trennung ferner solchem Bunde droht, / Denn die vorhin entzweiten Liebesflammen / In einer schlagen brünstig sie zusammen.« Laut Kohlhagen setzt Creuzer alles daran, die Veröffentlichung von Melete zu unterbinden – nicht wegen der indischen Witwen, vielmehr kommt Creuzer in dem Buch nur wenig getarnt als wiederum skandalträchtiger Eusebio vor. Creuzer spricht nun seinerseits in privaten Briefen von Karoline als der »Seligen«, während er sich von Sophie gesund pflegen läßt. Der irdische Bereich steht ihm verständlicherweise näher. »Wenn ich nur meine Sophie noch recht lange behalte.« Kohlhagen höhnt: »Er behält sie. Er überlebt sie. Er heiratet nach ihrem Tod ein zweites Mal, wird fast 80 Jahre alt, gibt seine Memoiren heraus und streift in einem Satz auch kurz die Zeit, die er mit Karoline von Günder-rode erlebte.« Der Satz laute folgendermaßen: »Jene Zeit werde ich als eine Periode schwerer Seelen- und Körperleiden stets in Erinnerung behalten.« Demnach erwähnt er noch nicht einmal ihren Namen, geschweige denn ihren Tod.

* auf dichterinnen.de, 1997: http://www.dichterinnen.de/Guenderrode/



Gunkel, Gustav Adolf 34 (1866–1901), Dresdener Musiker. Auch er dürfte hauptsächlich wegen seines gewaltsamen Endes bekannt sein. Der 34jährige Geiger in der Hofkapelle, außerdem Musiklehrer und Komponist, wurde im März 1901 nach einem Konzert* in der Hofoper, bei dem er mitgewirkt hatte, auf der Heimfahrt nach Blase-witz (bei Dresden) in der Straßenbahn von der 49jährigen Ex-Gattin eines österreichischen Dampfschiffahrt-Direktors Theresia Jahnel erschossen, die inzwischen, seinetwegen, gleichfalls in Blasewitz wohnte und die zwar nicht seine Geliebte, jedoch seine glühende Verehrerin war. Die Dame hatte zwei in einem Blumenstrauß versteckte Revolver mit sich geführt und ihr Opfer im Hinterkopf getroffen. Ihr angeblicher Versuch, sich dann auch selbst zu richten, vielleicht mit dem zweitem Revolver, sei vereitelt worden, hieß es damals in einem Bericht der Münchner Neuesten Nachrichten. Die Mutter zweier Kinder habe den jungen Geiger »mit rasender Leidenschaft« verfolgt. Bernd W. Seiler ergänzt**, sie habe Gunkel mit teuren Geschenken überhäuft, die dieser dummerweise annahm, während er die Dame selber, als Geliebte, verschmähte. Als ihr nun auch noch eine bevorstehende Verlobung Gunkels zu Ohren kam, machte sie entsprechende Drohungen wahr und griff in ihrer wahnhaften Liebe und Eifersucht zu dem erwähntem Blumenstrauß. Sie wurde verhaftet und später in eine österreichische Irrenanstalt eingewiesen. Zusätzlich soll sie, mit ihrer wenn auch abgewandelten Geschichte, als »Ines Rodde« von Thomas Mann in seinen Roman Doktor Faustus gesteckt worden sein.

* Man gab eine Oper von Gunkels Zeitgenossen Alfred Bungert, nämlich Teil 2 (Nausikaa) der Odyssee
** »Ines und der Trambahnmord«, in: Vergessen. Entdecken. Erhellen, Hrsg. Jörg Drews, Bielefeld 1993, S. 183–203




Gutfreund, Otto 37 (1889–1927), tschechischer Bild-hauer, ertrunken. Nach Kriegsteilnahme (oder besser: Internierung) auf Seiten Frankreichs und längerem Aufenthalt in Paris, wo er begierig kubistisch gefächerte Luft schnupperte, hatte Gutfreund keineswegs Anlaß, sich als Künstler (so wie als Soldat) verkannt zu fühlen. Er bekam heimische wie ausländische Ausstellungen, eine Ehefrau und 1926 einen Lehrstuhl an der Prager Kunst-gewerbeschule. Ein Jahr darauf, Anfang Juni, lag der 37jährige in der Moldau. Warum? Unfall beim Schwim-men, wie etwa das Prager Jüdische Museum behauptet, oder doch eher Selbstmord? Gutfreund galt als ängstlich, kontaktscheu, ein Bruder von Kafka vielleicht, und entsprechend bekümmert – ungefähr so wie sich 1912 seine Bronzebüste Don Quijote zeigt.* Möglicherweise geht aus den Büchern, die in der tschechischen Wikipedia angeführt werden, Näheres hervor. Der Artikel selber kennt nur die übliche Phrase: »auf tragische Weise« (beim Schwimmen unweit der Schützeninsel) ertrunken. Über diese schmale, innerstädtische Moldauinsel führt übrigens eine Brücke, die 1898 aus Stein erbaute Legionenbrücke. Es wäre also wieder einmal interessant zu wissen, ob der betreffende Ertrunkene tatsächlich des Schwimmens mächtig war, und wenn ja, ob er in seinem Keller zu Hause, für alle Fälle, einen aus der Soldatenzeit geretteten, nun mit Pflastersteinen gefüllten Tornister aufbewahrte.

* https://en.wikipedia.org/wiki/Otto_Gutfreund#/media/File:Otto_Gutfreund_%28Don_Quijote%29.jpg



Gutzler, Piper 9 († 2015), US-Schulmädchen und Zwangsflugpassagier. Larry Wilkins, schon über 70, wohnt im südlichem Kentucky und dort östlich von Paducah, fast im Wald. An diesem Freitagnachmittag (es ist der 2. Janu-ar 2015) macht er große Augen, nachdem er die Haustür geöffnet hat. Vor ihm steht ein kleines und schmächtiges Mädchen in Shorts. Dafür hat es keine Schuhe an und blutet an verschiedenen Stellen. Es entschuldigt sich und erklärt, seine Eltern seien tot – ob es hierbleiben könne. Wilkins alarmiert die Polizei. Kurz darauf wird Sailor Gutzler, so heißt die dunkelblonde 7jährige, vorsorglich ins nächste Krankenhaus verfrachtet. Wie sich herausstellt, hat sie sich trotz Schock, Verletzungen, Kälte und unwegsamen Gelände zu dem abgeschieden gelegenem Haus der Gemeinde Suwanee durchgeschlagen. Von der Absturzstelle bis zu Wilkins hatte sie über einen Kilometer zu bewältigen. Sailor war die einzige Überlebende. Der Pilot der sechssitzigen Piper Seneca, ihr Vater Marty Gutzler, hatte einen Maschinenschaden gemeldet, dann war der Funkverkehr abgerissen.* Die Untersuchung erkannte später auf Pilotenfehler (mangelhafte Kraftstoff-Kontrolle). An Bord befanden sich fünf Personen, die von Key West, Florida, nach Mt. Vernon in Illinois unterwegs waren, weil sie dort in der Nähe in dem Städtchen Nashville eine Möbelhandlung betrieben oder zur Schule gingen: neben dem steuerndem Möbelhändler dessen Frau Kimberly, beide Ende 40, ferner Sailors zwei Jahre ältere Schwester Piper und eine 14 Jahre alte Kusine der Schwestern, Sierra Wilder. Jetzt lagen sie alle, außer Sailor, als Trümmer unter Trümmern. In Key West (bei Miami) waren sie vermutlich noch gemeinsam barfuß durchs Meer gepflügt. Diese krasse Begebenheit regte mich 2016 zu einer Romanidee an, die nie ausgearbeitet, nur skizziert worden ist: »Das Mädchen, das nicht mehr Mareike heißen muß« (enthalten in Döhnerichs Durchbruch).

Knapp drei Monate später, am 24. März 2015, sorgt ein »crash« in Mitteleuropa für 150 Tote. Verletzte gibt es nicht, weil keiner der Insassen überlebte. Ein Airbus aus Barcelona, Ziel Düsseldorf, war nach längerem »Sinkflug« an den Französischen Alpen zerschellt. Die französischen und deutschen ErmittlerInnen behaupten, der seelisch kranke Co-Pilot habe sich im Cockpit der Maschine eingeschlossen und den Airbus dann mit Absicht zum Absturz gebracht. Zu den Fahrgästen zählten beispiels-weise die im Ruhrgebiet lebende 33jährige Opernsängerin Maria Radner (1981–2015), ihr Ehemann Sascha Schenk und deren gemeinsames Söhnchen Felix, zwei Jahre alt. Im letzten Auftritt ihres Lebens hatte Altistin Radner in Barcelona die »Erda« in Wagners Siegfried gegeben. Sie starb in rund 1.500 Meter Höhe. Dasselbe gilt ferner für eine ganze (10.) Schulklasse aus Haltern am See, Kreis Recklinghausen. Die 16 SchülerInnen und zwei Lehrerinnen des dortigen Joseph-König-Gymnasiums kehrten gerade von einem Schüleraustausch-Besuch in Spanien zurück. Usprünglich hatten sich 40 SchülerInnen für die einwöchigen Ferien beworben, hieß es in einem stern-Bericht.** »Wer mitdurfte, wurde per Losverfahren entschieden.«

* Greg Botelho / Nick Valencia, »7-year-old survives plane crash that kills 4 in Kentucky«, CNN (Atlanta, Georgia, USA), 6. Januar 2015: http://edition.cnn.com/2015/01/02/us/kentucky-plane-crash/
** »Schule gedenkt mit Todesanzeige der Absturzopfer«, 26. März 2015: http://www.stern.de/panorama/germanwings-absturz--joseph-koenig-gymnasium-gedenkt-opfer-mit-todesanzeige-5936352.html




Fortsetzung Ha—Hez
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