Sonntag, 3. Oktober 2021
A-17→Gerhard Fieseler
Um 2010

Er ist ein Landsmann von mir. Er starb 1987 mit 91 in Kassel. Freilich war er auch Erfolgsmann, was von mir nicht behauptet werden kann. Ergo hat Fieseler Straßen. Er hat Straßen in seinem Geburtsort Bergheim-Glesch (bei Köln), ferner in Zweibrücken und Gifhorn, zudem einen Weg in Baunatal bei Kassel, wo der vierrädrige Fortschritt zu Hause ist, ich sage nur Volkswagen. Dann gibt es noch ein verschämtes Sträßchen »Am Fieseler Werk« in Lohfel-den bei Kassel und eine »Fieseler-Storch-Straße« in Cal-den bei Kassel. Die Fuldametropole Kassel war Fieselers wichtigster »Standort«, wie so etwas heutzutage heißt.

Fieseler fuhr nicht; er flog und baute Flugzeuge. Von diesem Weg konnte ihn auch der Umstand nicht abbrin-gen, daß er seinen ersten Absturz bereits bei der Pilotenprüfung hatte. Dafür überlebte er den Ersten Weltkrieg als »Tiger von Mazedonien« (19 Abschüsse), um sich anschließend nur noch als Kunstflieger zu beteiligen. Die geballte Menschenjagd hatte eine Pause, Weimarer Republik genannt. Auch als Kunstflieger war Fieseler erfolgreich. Doch man wird ja nicht jünger, und so widmete er sich ab ungefähr 1930 dem Flugzeugbau. 1938 wiesen seine drei Werke in Kassel-Ost bereits rund 5.300 Beschäftigte auf, später wohl noch mehr, darunter selbst-verständlich streckenweise auch viele Zwangsarbeiter-Innen. Ein Jahr früher war er von Reichsluftfahrtminister Göring persönlich zum Wehrwirtschaftsführer ernannt worden. Prompt ließ sich Fieseler unmittelbar am Schloßpark Wilhelmshöhe eine Villa bauen, in der Kurhausstraße 9, vollendet 1939. Dann ging das Schießen und Bombardieren wieder los.

Erfreulicherweise (für ihn) konnte Fieseler seine Villa nach dem Zweiten Weltkrieg bald wieder beziehen, nahm doch die »Spruchkammer« der »Rehabilitierungsmaschinerie« (Wiederhold auf S. 274) 1949/50 alle bösen Vorwürfe von ihm und stufte ihn in der Gruppe der »Entlasteten« ein. Wie so viele, Josias etwa, zeigte Fieseler keine Spur von Reue – aus der Sicht seiner Anwälte nur zurecht, war er doch lediglich widerstrebend in den Dienst des Faschismus getreten, ja im Grunde ein Widerstandskämpfer gewesen – und nicht etwa ein Nutznießer der faschistischen Aufrü-stungspolitik. Fieseler hatte Dutzende von »Persil-scheinen« vorgebracht; dafür waren plötzlich für ihn unangenehme Akten verschwunden. So nahm der reinge-waschene »Werksführer« 1951 auf altem Bettenhäuser Betriebsgelände wieder die Produktion auf, diesmal allerdings nicht von Kampfflugzeugen oder selbstfliegen-den Bomben, vielmehr von unverfänglichen Metallwaren wie Aluminiumfenster, Kleinmöbel und Lampen (bis 1958). Er hatte jetzt nur noch rund 100 Leute. In seiner Villa machte er außerdem ein Hotel auf, das bis 1966 bestand. Ob er auch selbst noch dort wohnte, und mit wem, sagt Wiederhold nicht. Als Greis litt Fieseler an Krebs. 1987 bekam der steinalte entlastete Träger des Pour le Mérite auf dem Kasseler Hauptfriedhof ein Begräbnis »mit allen militärischen Ehren«, wie Thorsten Wiederhold in seinem Buch mitteilt: Gerhard Fieseler – eine Karriere, Kassel 2003.

Um 1920 hatte Fieseler in seiner Eschweiler Druckerei (bei Aachen) seine künftige Ehefrau Helene kennengelernt. Den Betrieb schloß er 1926, um sich ganz dem Kunstflug zu widmen. Die Ehe wurde 1938 wieder geschieden. Das Paar hatte zwei Kinder, Sohn Manfred und Tochter Katharina, genannt Ina, die beide 1944 gestorben sein sollen. Trifft das zu, tippe ich auf Luftangriff, in welcher Stadt auch immer. Was das Scheidungsdatum angeht, trennten sich die Eheleute offensichtlich just während der Bauzeit der Wilhelmshöher Villa. Ob und wie andere Frauen in Helenes Fußstapfen (auf dem Perserteppich) traten, ist nirgends zu erfahren. Dasselbe gilt für die Scheidungsgründe. Vielleicht war der guten Helene ja Fieselers rücksichtsloser Opportunismus gegen den Strich gegangen. Ein Foto bei Wiederhold (S. 27) zeigt die kleine, etwas pausbäckige Dame mit Pelzkragen und Töchterchen 1934 in Kassel an der Seite ihres strahlenden Gatten, beide wiederum von schmunzelnden Hakenkreuzlern flankiert: Gauleiter (von Kurhessen) und Preußischer Staatsrat Karl Weinrich und Gaugeschäftsführer Bürckel. Fieseler war soeben als frischgebackener Kunstflugweltmeister aus Paris heimgekehrt. Mit diesem Titel beendete er seine künstlerische Karriere.

Unseligerweise hieß die Mutter meiner Mutter Hannelore, meine Großmutter also, ebenfalls Helene. Diese Helene hatte so wie wahrscheinlich Helene Fieseler und ganz gewiß Millionen andere im Zweiten Weltkrieg Blutzoll zu zahlen, indem sie ihren ältesten Sohn »im Felde« verlor. Außerdem wurde sie ausgebombt – zufällig in Kassel-Ost, wo es leider nicht nur Mietshäuser, sondern auch Waffen-schmieden gab. Beide Vorfälle verstärkten eine wohl ererbte Veranlagung zum »Nervenleiden« beträchtlich. Dafür machte, soweit ich zurückdenken kann, in meiner Familie niemals einer Gerhard Fieseler verantwortlich. Den Namen kannte ich gar nicht, auch nicht von meiner vorübergehenden Gymnasialzeit her. Hätte man wenigstens meinen Großvater Heinrich verantwortlich machen sollen? Lieber nicht. Der Volksschullehrer war pflichtbewußt mit in den Krieg gezogen und kehrte als angesehener Hauptmann einer Brückenbaukolonne zurück, die zuletzt auf dem Balkan tätig gewesen war. Möglicherweise war er, im Gegensatz zu Fieseler, wirklich »nur« ein sogenannter Mitläufer gewesen. Der jüngere Bruder meiner Mutter behauptet sogar, Hauptmann Heinrich V. habe auf dem Balkan zuletzt einen Befehl verweigert, DorfbewohnerInnen »vergeltungsweise« erschießen zu lassen, als Vergeltung für die ständigen Übergriffe frecher einheimischer Partisanen. Durch das Chaos des deutschen Rückzugs sei er dem »Kriegsgericht«, also wohl seinerseits dem Erschossenwerden entgangen. Heinrich war fromm. Gott hatte ihn hineingeritten, und dann riß ihn Gott wieder heraus.

Um 1990 warf ich in Berlin, wo ich mich die letzten Jahre als Aktmodell über Wasser gehalten hatte, das Handtuch. Ich hatte zunehmend mit verschwommenen Ängsten zu kämpfen und sah mich bereits auf der Schwelle zu Bonnies Ranch in Reinickendorf, einer sogenannten Nervenklinik. Aber soll ich das ebenfalls, wie im Falle meiner Groß-mutter, auf eine ungünstige Veranlagung schieben? Es war Pech, jawohl. Es war Erfolglosigkeit, Niederlage, Bankrott. Ich war um 40 und war nichts geworden. Damals ergriff ich die übliche Alternative zur Irrenanstalt: ich flüchtete mich in den Schoß der Heimat und unter die Schürze meiner Mutter. Die Zugfahrt war ein Horror, ich wurde ausschließlich von Unruhe und Wahngebilden begleitet. Kaum in die Wohnung meiner Mutter eingetreten, brach ich zusammen. Ich kniete vor einem Sessel und klopfte mit der Stirn das Polster – wurde von einem regelrechten Heulkrampf geschüttelt und stammelte dabei wohl auch schon Worte in dem genannten Sinne: ich sei gescheitert, ein Versager, es hätte alles keinen Zweck mehr und so weiter.

Offenbar gelang es meiner Mutter, mich zu beruhigen. Wie, könnte ich nicht mehr sagen. Aber von ihrer Liebe einmal abgesehen, war sie auch gewissermaßen vom Fach, das half ihr vielleicht. Ursprünglich Geschiedene, Schreibkraft, Altenpflegerin und dann Krankenschwester, hatte sie sich noch weiter fortgebildet, um zuletzt ein Wohnheim für »Geistigbehinderte« zu leiten. Zufällig lag es in der oben erwähnten Kurhausstraße, nur nicht in Nr. 9, Fieselers Villa, sondern noch näher zum Schloßpark hin. Es war eine Einrichtung, die man landläufig »gemein-nützig« nennt. Allerdings dürfte auch Fieseler davon überzeugt gewesen sein, er habe stets, ob als Kampfflieger, Flugzeugbauer oder Hotelier, dem Gemeinwohl gedient. Und dafür hat er eben die eingangs genannten Straßen und das Begräbnis »mit allen militärischen Ehren« bekommen. Meine Mutter wurde vor einigen Jahren, wohl ihrem Wunsch gemäß, schlicht verbrannt und verscharrt. Ihre Urne steckt unter einer Rasenfläche für »anonym« Bestattete.
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