Samstag, 2. Oktober 2021
LdF Folge Fisk—Gah

Fisk, James 37 (1834–72). Die Sorgen der Anarchisten im Lande hatte Fisk nicht. Ihm schwebte eine große kapitalistische Karriere vor, nur kamen ihm schnöde Liebeshändel dazwischen. Nach kurzem Schulbesuch und einem Gastspiel als Zirkusarbeiter war der Sohn eines vermonter Hausierers zwar nicht Tellerwäscher, aber immerhin Hotelkellner geworden. Die wahre Entfaltung seiner Begabung und seines Fleißes bot sich ihm allerdings erst in einem Bostoner Textilgeschäft, das ihn als Verkäu-fer einstellte. Im Nu war er Mitinhaber dieser Firma. Da er die Bürgerkriegswirren in den USA außerdem zu überteuerten Restposten-Verkäufen an die Armeen beider Seiten und dem Schmuggel von Baumwolle zu nutzen verstand, kam er schon um 30 zu ansehnlichem Reichtum.

Doch jetzt stach Fisk, der zugleich grobschlächtig und schmerbäuchig gestrickt war, der Hafer erst recht. 1864 wurde er Börsenmakler in New York City und Partner von Daniel Drew, der seine Ärmel gegen den berüchtigten Eisenbahnmagnaten Cornelius Vanderbilt aufgekrempelt hatte. Durch Drew kam er gemeinsam mit Jay Gould, einem anderem windigem Geschäftsmann, in den Vorstand der Erie Railroad. Nun, da Vanderbilt abgeschmettert war, ging Fisk zum Nachtisch über: er trickste und bootete gemeinsam mit Gould Drew aus. Damit kontrollierten sie das Bahnunternehmen und machten sich daran, es systematisch auszuplündern. Das ging mit kühnen Schachzügen an der Börse und der Bestechung hoher Richter und Politiker einher, darunter William »Boß« Tweed. Hätte sich nicht US-Präsident Grant im letztem Augenblick als wachsame Dogge erwiesen und ihnen einen Fallstrick gelegt, der als »Schwarzer Freitag« (24. Sep-tember) des Jahres 1869 in die Annalen einging, hätten sie sogar, mit der Hilfe von Grants Schwager Abel Corbin, den ganzen Goldmarkt aufgekauft. Sie kamen mit einem blauen Auge davon; Corbin ging pleite. Allerdings wurde Gould, wenn ich die englischen Quellen richtig verstehe, im März 1872 aufgrund der ganzen Freibeuterei bei der Erie Railroad gefeuert. Das wäre ohne Zweifel auch Fisk passiert, hätte ihm der junge gutaussehende Geschäfts-freund Edward S. Stokes nicht schon vorher das Lebenslicht ausgeblasen. Das kam so:

Fisk liebte Pomp und Ausschweifungen. Zwar hatte er in jungen Jahren Lucy Moore geheiratet, ein Waisenkind, das möglicherweise lesbisch gestimmt war. Doch sie lebte längst mit einer Freundin in Boston und duldete alle Eskapaden ihres Räuberbarons*. Der hatte sich in NYC, wo er auch als Geldgeber für Broadway-Produktionen auftrat, inzwischen ein anrüchiges »Showgirl« als Geliebte zugelegt, Josie Mansfield, was in der »guten Gesellschaft« auf viel Mißbilligung stieß. Aber dann gab sie sowieso jenem Stokes den Vorzug. Stokes verließ Frau und Kinder, Mansfield ließ Fisk sitzen. Allerdings nahm sie Briefe von Fisk mit, in denen auch von einigen seiner kaufmän-nischen und politischen Gaunerstücken die Rede war. Doch Fisk hielt allen Erpressungsversuchen stand und zeigte sich auch in einem Rechtsstreit mit Stokes über eine gemeinsam betriebene Ölraffinierie unnachgiebig. Drohende Pleite im Verein mit seinem Haß auf den Ex-Aushälter Josies genügten dann offenbar, um Stokes am 6. Januar 1872 ins New Yorker Grand Central Hotel zu bewegen. Dort ersparte er dem 37jährigem Fisk den Rauswurf aus dem Eisenbahnvorstand, indem er ihn erschoß. Stokes kam ins Gefängnis, Fisk auf den Hill Cemetery in Brattleboro, Vermont.

* Judith Lembke, »Vom Wanderzirkus zur Wall Street«, FAZ, 4. April 2009: https://www.faz.net/aktuell/finanzen/finanzskandale/finanzskandale-11-james-fisk-vom-wanderzirkus-zur-wall-street-1760079.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2



Fitzcarrald, Carlos Fermín 35 (1862–97), perua-nischer Kautschukbaron. Cineasten dürften ihn aus Werner Herzogs Spielfilm Fitzcarraldo von 1982 kennen, wo ihn Klaus Kinski spielt. Damit kennen sie ihn aber gerade nicht.* Der leibhaftige Fitzcarrald verstand es, Tausende von Indios, als Zapfer an den Gummibäumen, in seine Schuldknechtschaft zu bringen und ganze indianische Stämme gegeneinander aufzuwiegeln, weshalb er trotz seiner Besessenheit steinreich wurde. Sich die Überlegenheit der Schußwaffen zunutze zu machen, verschmähte er selten. Doch er war erst 35, als sein Schiff Adolfito im Sommer 1897 in Stromschnellen des Urubambas (in Südperu am Ostfuß der Anden) auf einen Felsen lief und kenterte. Es hatte Schienen für eine von Fitzcarrald geplante Bahnstrecke geladen. Zwei Tage später zog man Fitzcarralds Leiche aus dem Fluß – die Schienen womöglich nie.

* »Kautschuk – Mythologie und Wirklichkeit«, Förderkreis des IAI, 18. Oktober 2019: https://foerderkreis-des-iai.org/2019/10/18/kautschuk-mythologie-und-wirklichkeit/



Flach, Hannes Maria 35 (1901–36), Kölner Fotograf. Der hübsche, dunkelhaarige Mann wandelte sich im Lauf der »goldenen« 20er Jahre vom Kaufmann und Handelsvertreter der AEG zum gefragten Fotokünstler der »Neuen Sachlichkeit«. Er hat eine entsprechend bewegte Liebschaft mit der Lehrerin Lotte Fahrig und, ab 1934, eine geräumige Wohnung am Kölner Neumarkt, der wiederholt zu seinen Motiven zählt. Daneben porträtiert er etliche, teils recht bekannte Künstler, darunter auch den Berufskollegen August Sander. Zu seiner politischen Haltung äußert sich Kuratorin Adelheid Komenda* nicht; es liegt aber auf der Hand, daß er kein Freund der Nazis war. Flach kam 1936 als 35jähriger durch einen möglicherweise mehr oder weniger dummen Zufall um. Er wurde eines nachts, soweit ich weiß, unweit des Kölner Doms in der Stolkgasse erstochen. Anscheinend war er allein unterwegs gewesen. Komenda: »Vermutlich ging der Tat ein Streit um ein Taxi voraus. Der Täter, wohl ein SS-Mitglied, blieb anonym.« Nachlaßverwalter Georg Heusch habe vergeblich versucht, die näheren Todesumstände aufzuklären. Dazu hätte es verschiedener Zeugenaussagen und Dokumente bedurft, die heute nicht mehr aufzu-treiben seien. Das Problem kenne ich.

* »Das Hannes M. Flach Archiv«, Photonews, Mai 2016: https://www.netzwerk-fotoarchive.de/archiv-geschichten/das-hannes-m-flach-archiv



Flahavan, Aaron 25 (1975–2001), englischer Fußball-torhüter, zuletzt beim Südküstenclub Portsmouth unter Vertrag. Jenes Problem kenne ich beispielsweise von den DDR-Fuballtorhütern Peter >Blüher und Jürgen >Jeglitza her. Da haben wir es mit Berufskollegen Flahavan leichter. Er raste am 5. August 2001 mit seinem BMW in betrun-kenem Zustand Richtung Bournemouth, »lost control« und lag tot im Graben.* Vorher hatte man ihm gelegentlich »gute Reflexe und eine herausragende Strafraum-beherrschung« bescheinigt.

* »Goalkeeper over drink-drive limit«, BBC, 21. November 2001: http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/england/1668779.stm



Flawizki, Konstantin D. 35 (1830–66), russischer Historienmaler. Seinen Lehrstuhl als Akademie-Professor in Sankt Petersburg soll er mit seinem 1864 geschaffenem Gemälde* Tod der Fürstin Tarakanowa errungen haben. Dieses Werk ist wahrlich ungleich interessanter und betörender als Flawizkis eigener Tod: Tuberkulose mit knapp 36. Die angeblich blendend aussehende Fürstin war möglicherweise eine falsche. Sie hatte um 1775 schlecht belegte Thronansprüche geltend gemacht, weshalb die liebe Zarin Katharina »die Große« sie von einem nach Italien entsandten Offizier ver- und entführen ließ. Anschließend bekam sie in der Peter-und-Paul-Festung ein Kerkerzimmer. Ihr bald darauf erfolgter Tod (mit ungefähr 25) wird zumeist auf just die Tuberkulose zurückgeführt, was Flawizki natürlich nicht besonders reizte. Deshalb bevorzugte er die Legende, sie sei bei einer Überschwem-mung der Festung umgekommen. Das Wasser ist ja auch eindeutig am unteren Bildrand zu sehen. Man achte bitte auch auf die Ratten. Die Anregung zu dieser Sichtweise gab vermutlich die vergleichsweise schlimme Flut vom Sep-tember 1777. Soweit ich weiß, spricht man in Petersburg ab einem Pegelstand von 1 Meter 60 von Newa-Hochwasser. Damals soll er aber zeitweise das Doppelte betragen haben, 3 Meter 20. Unter den geschätzt 1.000 Toten befand sich die Zarin leider nicht. Sie war eben zu groß.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Konstantin_Dmitrijewitsch_Flawizki#/media/Datei:Tarakanova.jpg



Flex, Walter 30 (1887–1917). Um 1910 versuchte sich der Sohn eines Eisenacher nationalliberalen Gymnasial-professors zunächst als Hauslehrer des Otto-von-Bismarck-Clans. Zum Glück sattelte er mit dem Läuten der Kriegsglocken auf Dichter und Leutnant um, sonst wären Legionen von Wandervögeln um einen Gipfel ihrer Inbrunst betrogen worden, den sie, noch heute, bei jedem Anstimmen des Liedes Wildgänse rauschen durch die Nacht erklimmen. Das Stück fand sich noch nicht in Flex' Gedichtband Das Volk in Eisen von 1914, sondern in einer wohl erstmals Ende 1916 veröffentlichten Novelle mit dem Titel Der Wanderer zwischen beiden Welten, die ihm über Nacht literarischen Ruhm bescherte, selbst über männerbündische und vaterlandstrunkene Kreise hinaus. Ein Jahr darauf hatte es der im Felde stehende, nun 30jährige Dichter geschafft: ein Gefecht an der Ostfront (Insel Ösel, Estland) beförderte ihn unzweideutig ins Jenseits. »Wir sind wie ihr ein graues Heer / Und fahr'n in Kaisers Namen / Und fahr'n wir ohne Wiederkehr / Rauscht uns im Herbst ein Amen!«

Der von Liebeskummer oder Weltschmerz gebeutelte heimliche Selbstmörder Flex soll seinen Tod »bei ungedecktem Anritt gegen Infanterie, in der Absicht, in undurchsichtiger Lage persönlich eine Entscheidung herbeizuführen«, gefunden haben.* Um den Anachro-nismus perfekt zu machen, hatte er vermutlich auch noch den Degen gezogen. Aber während gewisse KritikerInnen die Idealisierung des Krieges durch Literaten wie Flex beklagen, versichert das Deutsche Rote Kreuz Leverkusen auf seiner aktuellen (?) Webseite, seine Kindertages-einrichtung Forscherpänz in der Walter-Flex-Straße sei großzügig und gemütlich.** Bohrt man hier nach, müssen womöglich sogar Patrioten wie >Friesen und Jahn (der »Turnvater«) vor Neid erblassen. Flex-Straßen finden sich nämlich ferner in: Bottrop, Braunschweig, Bremen, Bubenreuth, Delmenhorst, Erlangen, Freiburg, Hamburg, Hannover, Kaiserslautern, Köln, Krefeld, Lage/Lippe, Leonberg, Ludwigsburg, Mannheim, München, Neustadt bei Coburg, Nürnberg, Oberhausen, Rüsselsheim, Schweinfurt, Siegen, Solingen, Stuttgart, Wolfsburg. Das klingt alles ziemlich westlich. Weitere Orte mit Flex-Straßen sind der Redaktion zu melden, damit es der Namensgeber womöglich, neben Goethe und Bismarck, ins Guinnes Buch der Rekorde schafft.

Nun muß ich zwar einräumen, als Jungscharler, um 1960, habe auch ich die Wildgänse angeschmachtet. Aber inzwischen lasse ich mir weder mindestens 27 deutsche Flex-Straßen klaglos gefallen, noch Grippewellen, die zur polizeistaatlich zu regelnden Pandemie aufgeblasen werden. Hoffen wir, Forscherpänz ist nicht auch schon der Quarantäne zum Opfer gefallen. Ich muß einem seltsamen Volk angehören. Wahrscheinlich hat es in jeder Generation einen Elefanten wie Goethe oder Franz Beckenbauer nötig, damit es sich nicht gar zu duckmäuserisch ausnimmt. Übrigens scheint auch der 2016 verstorbene Politiker Hans-Dietrich Genscher zu den wichtigen Elefanten zu zählen, wurde doch die Walter-Flex-Straße in Bonn schon 2017 in Genscherallee umbenannt. Vielleicht könnte man die in Bonn abgeschraubten Straßenschilder erwartungs-froh nach Eisenach schicken.

* Christoph Petzsch in der NDB 5 (1961)
** https://www.drk-leverkusen.de/junge-leute-und-familien/drk-kindertageseinrichtungen/forscherpaenz/




Fock, Gorch 35 (1880–1916), norddeutscher Schrift-steller, vom Alphabet zurecht zu Flex gestellt. Neuerdings versuchen manche, Fock zum »Karl May des Meeres« auszurufen. Bislang überdauerte sein Name weniger in seinen Büchern, dafür in Straßen, Schulen, Plätzen, Mettwürsten, Schnäpsen und einem »Segelschulschiff« der bundesdeutschen Marine, dessen Vorläufer am 3. Mai 1933 auch schon als Gorch Fock vom Stapel gelaufen war. Fock wuchs auf Finkenwerder (Hamburg) als Sohn eines Hochseefischers auf. Zu seinem Leidwesen als seeuntauglich befunden, war er notgedrungen Buchhalter geworden. Ab 1904 hielt er sich freilich als Schriftsteller schadlos, indem er das Fischer- und Matrosenleben und den beifallsträchtigen Kampf gegen die Naturgewalten in zumeist auf plattdeutsch verfaßten Texten verherrlichte, die rasch Zuspruch fanden. Seinen Roman Seefahrt ist not! kannte und liebte zumindest an der »Waterkant« jedes Kind, das sich nach verwegenen, oft auch vaterländischen Heldentaten verzehrte. Die Hamburger Schulbehörde bestellte 1913 gleich 8.000 Exemplare, angeblich die gesamte zweite Auflage, »um sie den Schulabgängern (nur den Jungen!) als Weihnachtsgabe zu überreichen«.* Ich selber kenne keine Zeile von Fock. Traut man Kindlers Neuem Literatur Lexikon (von 1988), ist der genannte Roman durchaus geeignet, auch heute noch Jung und Alt anzusprechen, ja gar zu fesseln. Das hatten sich schon die Nazis zunutze gemacht, wobei ihnen des Dichters außereheliche Geliebte und Nachlaßverwalterin, die Schauspielerin Aline Bußmann, durch Entfernung einiger kritischer Klippen im Text, außerdem Focks Brüder Jakob und Rudolf Kinau durch Aufbereitung anderen Materials, etwa Tagebücher, zur Hilfe gekommen sein sollen.

Im Ersten Weltkrieg, als Freiwilliger, zunächst zur Infanterie eingezogen, setzte Fock im Frühjahr 1916 doch noch seine Seetaufe durch: er wurde Matrose auf dem Kreuzer SMS Wiesbaden, wohl vornehmlich als Ausguck und Berichterstatter eingesetzt. Mit diesem Schiff ging der 35jährige Patriot und Familienvater noch im Mai desselben Jahres in der berüchtigten Skagerrakschlacht (gegen die Briten) glorreich in der Nordsee unter.

* Ralph Busch, »Schwieriges Gedenken an Gorch Fock«, hlz (GEW Hamburg), 7–8 / 2016: https://www.gew-hamburg.de/sites/default/files/download/hlz/hlz_2016_juli-august_gorch_fock.pdf



Fohr, Karl Philipp 22 (1795–1818), süddeutscher Maler, zuletzt in Rom; ebendort, nach landläufiger Formel, »ertrunken im Tiber«. Jeder Ochse käut diese Formel wieder. Zuweilen wird sogar angereichert verkündet, der junge Künstler sei beim Baden im Tiber ertrunken. Unter welchen näheren Umständen, ist jedoch, folgt man dem Mediziner und Essayisten Wolfgang Schmidt, nie untersucht worden. Alle vorhandenen Berichte stützten sich lediglich auf Hörensagen und Mutmaßungen, behauptet der 1932 geborene Facharzt für Innere Medizin und Physiologie, der den Fall offensichtlich sehr gründlich durchleuchtet hat.*

Man hatte Fohrs Leiche, Schmidt zufolge, am viertem Tag nach dem Unglück gefunden, am 3. Juli 1818. Sie war zwei Gehstunden flußabwärts an einem Ufergebüsch hängen geblieben. Einige Künstler hatten in der Tat gebadet, zu viert wohl, und Fohr war unvermittelt und äußerungslos umgesackt und weggetrieben, obwohl er wahrscheinlich des Schwimmens mächtig war. Carl Barth, der gleichfalls schwimmen konnte, versucht ihn noch zu erreichen – vergeblich. Die Kameraden sind bestürzt oder geben sich jedenfalls so. Und nach dem Auftauchen der Leiche bekommt der Nachwuchskünstler, der damals schon mit dem bekanntem Kreis deutsch-römischer »Nazarener« um den Kollegen Friedrich Overbeck liebäugelte, noch am selben Tage, unter Verzicht auf eine Obduktion, ein erstaunlich, ja verdächtig prächtiges Begräbnis, während bereits die unterschiedlichsten Gerüchte über sein Ende durch die römischen Gassen und über die Tische des Künstlercafes Greco laufen. Fohr selber hatte die Stammgäste noch kurz vor dem Unglück auf einer Skizze für ein Ölgemälde festgehalten, deren Abbildung sich inzwischen in etlichen Büchern findet.

Fohr galt vor allem als begabter (romantischer) Land-schafter. Sein Kunststudium in München hatte er 1816 abgebrochen, um noch im selben Jahr, von der »Erbprinzessin« Wilhelmine von Hessen-Darmstadt unterstützt und seiner Dogge Grimsel begleitet, den damals schon beinahe unumgänglichen Fußmarsch gen Italien anzutreten. Vom Militärdienst war der schmale, etwas rachitisch gebeugte Fohr befreit worden. Seine vermutlich braunen oder blonden Locken trug er schulterlang. In Rom führt ihn Studienfreund Ludwig Ruhl sofort in die Künstlerkreise ein. Später überwerfen sich die beiden miteinander, tragen wahrscheinlich sogar, auf einem Kirchhof, ein Pistolen-Duell aus, wenn auch eher als Farce. Der Grund war laut Schmidt ein Streit um Grimsel, doch der arme Vierbeiner gab wohl eher einen schon länger gesuchten Vorwand ab. Schmidt sieht gewisse Anhaltspunkte dafür, daß Fohr und andere, darunter Ruhl, homosexuell gestimmt waren und mit entsprechenden Eifersüchten oder Enttäuschungen zu kämpfen hatten. Aber es gibt keine deutlichen Belege. Grundsätzlich fällt über Fohrs gesamtes Liebesleben oder -sehnen in sämtlichen, fragwürdigen zeitgenössischen Quellen kein Wort. Gewiß: er hat eine Dogge – besser als gar nichts.

Gleichwohl sieht Schmidt keine Anhaltspunkte für eine wirkliche Depression, die Fohr womöglich veranlaßt haben könnte, sich selbst (den Schwimmer) zu ertränken. Ebensowenig glaubt der Arzt jedoch daran, man habe Fohr, warum auch immer, am verhängnisvollem Badetag in den Tiber gestoßen oder auch nur beim Absaufen im Stich gelassen. Die Quellen erwähnen Krankheitsanzeichen und längere Krankenlager des Romgastes Fohr, die den Verdacht nähren, er habe sich, durch Mücken aus den dortigen Sümpfen beigebracht, mit einer Malaria abgeplagt. Damit war er in Rom zweifelsohne kein Ausnahmefall, aber nun kam an jenem heißem Junitag, vielleicht, das Bad im Tiber hinzu. Schmidt nimmt an, der auch innerlich erhitzte, zudem allgemein geschwächte Fohr sei im hüfthohem kaltem Wasser auf Steinen ausge-glitten, rücklings ins Wasser gekippt, und dadurch habe er eine sogenannte »vagale Reaktion« erlitten – laienhafter ausgedrückt: Schrecken, Schock, Bewußtseinsausfälle, Wasserschlucken, völliger Bewußtseinsverlust. Dabei sei er schon von der Strömung erfaßt worden und gleich darauf ertrunken. Die eingangs gerügte Formel ist also korrekt.

Einen ähnlichen, undurchsichtigen Fall, dem einmal jemand nachgehen könnte, hätten wir in Fohrs Lands-mann und Kollegen Ernst Fries (1801–33), der zuletzt zum Hofmaler des badischen Großherzogs aufstieg. Da er aus wohlhabendem (Heidelberger) Hause stammte, hatte Fries nie Geldsorgen und gondelte in Europa umher – was ihn freilich nicht daran gehindert haben soll, sich bereits mit 32, in der Residenzstadt Karlsruhe, umzubringen. Dazu behauptet Friedrich Pecht (1878) in der ADB, vom Scharlach befallen, habe sich Fries »in der Raserei des Fiebers« die Pulsader aufgeschnitten.

* Rom, Wien, die Musik und das Kranksein: Vier Essays, Hamburg 2012, S. 9–74



Forselius, Bengt Gottfried c.28 (1660–88), estnischer Pädagoge. Um 1660 bei Tallin als Sohn eines finnland-schwedischen Pfarrers geboren, wurde Forselius zum Begründer des estnischen Volksbildungswesens. Nach einem Studium der Rechtswissenschaft in Wittenberg widmete er sich der Unterrichtung estnischer Bauern-kinder nach neuen Methoden, die auf Johann Amos Comenius zurückgingen. Dabei stützte er sich auf zahlreiche eigenhändige Übersetzungen religiöser und weltlicher Texte ins Estnische, außerdem vereinfachte er die Schreibweise des Estnischen und entwickelte das erste estnische ABC-Buch. 1684 gelang es ihm sogar, in Bischofshof bei Dorpat (Tartu) eine von ihm geleitete Schule zu eröffnen, die sich auftrug, junge Werktätige innerhalb zweier Jahre zu Volksschullehrern auszubilden. Neben Lesen und Schreiben wurde Deutsch, Religion, Gesang, Rechnen und Buchbinden unterrichtet. Dieses »Lehrerseminar« wie auch die überall entstehenden »Kirchspielschulen« erfreuten sich der Unterstützung des livländischen Generalsuperintendeten Johann Fischer und damit auch des schwedischen Staates, nicht dagegen des deutschbaltischen Adels. Für dessen Empfinden genügte es, wenn Bauernkinder Kartoffeln lesen und genau bezeichnete Bäume fällen konnten.

Das Verhängnis für Forselius lauerte allerdings nicht auf der heimatlichen Scholle. Im Sommer 1688 reiste er auf Einladung des schwedischen Königs nach Stockholm, um seine »fortschrittlichen« volksnahen Lehrmethoden vorzustellen. Seine eigens mitgereisten Schüler Ignati Jaak und Pakri Hansu Jüri beeindruckten König Karl XI. genug, um Forselius zu einer Art Schulinspektor für Livland zu ernennen und mit entsprechenden Befugnissen auszustatten. Doch auf der Rückfahrt im Spätherbst des Jahres geriet Forselius' Schiff auf der Ostsee in einen Sturm – der ungefähr 28jährige Pädagoge ertrank, angeblich am 16. November 1688. Trotz dieser Zeitangabe ist über das Unglück so gut wie nichts in Erfahrung zu bringen. 1827 war in einem Nachschlagewerk zu lesen*, neben Forselius seien sämtliche »Passagiere« des Schiffes umgekommen, was hieße, auch seine beiden Vorzeige-schüler. Der Name des Schiffes wird nicht genannt.

* J. F. von Recke / K. E. Napiersky / Th. Beise: Allgemeines Schrift-steller- und Gelehrten-Lexicon der Provinzen Livland, Esthland und Kurland, Band 1, Mitau 1827, S. 596



Fortunat, Eduard 34 (1565–1600), badischer Fürst, betrunken verunglückt? Wie vielleicht nicht jeder weiß, glich Deutschland im späten Mittelalter einem mehr oder weniger zerschlissenen, handgeknüpften Teppich aus knapp 1.800 Zwergstaaten. Viele von ihnen waren kaum einen Fingerhut groß. Allerdings änderte sich das Tep-pichmuster ständig, weil Erb- oder andere Streitigkeiten zu Besitz- und Thronwechseln oder Neuaufteilungen führten. In der Regel wechselten dann auch Religion, Gesetze, Währung, Gewichte, Steuern und so weiter. Das waren natürlich Hochzeiten für blaublütige Kämpfernaturen und Schlawiner aller Art.

Was den badischen Markgrafen Eduard Fortunat betrifft (abgeleitet von Fortunatus), malen ihn die gängigen Quellen, voran die deutsche Wikipedia, als Oberschurken und einzigartigen Lasterlumpen, obwohl es schwerlich stichhaltige Beweise dafür geben dürfte, daß er verderbter als das übrige Adelspack war. Aber auf was, Wahrheit eingeschlossen, verzichtet man nicht alles um einer schönen, kräftig kolorierten Geschichte willen! Der »liederliche« Eduard, geboren 1565, war zunächst als Knabe von 10 Jahren durch den Tod seines Vaters Christoph II. lediglich in den Genuß der kleinen Markgrafschaft Baden-Rodenmachern gekommen. Residenz war ein trutzig befestigtes Schloß im Städtchen Rodemack, das südlich von Luxemburg unweit der Mosel und heute in Frankreich liegt. Eduard galt schon früh als umtriebiger, im Grunde gottloser Schürzenjäger, der Ausschweifungen über alles stellte und zu deren Finanzierung weder vor Steuererhöhungen noch anderen kriminellen Maßnahmen zurückschreckte. Das ging angeblich bis zum Geldfälschen und bis zur Wegelagerei.

Die Markgrafschaft Baden-Baden kam »erst« mit 23 an Eduard, nach dem Tod eines Cousins. Nun saß er im »Neuen Schloß« der gleichnamigen Stadt am Schwarzwald – sofern er nicht unterwegs war, etwa zu den Höfen in Brüssel oder Stockholm. Sechs Jahre darauf, 1594, mußte er seine schwarzwäldische Warte allerdings schon wieder preisgeben: Ernst Friedrich von Baden-Durlach (Karlsruhe) nutzte eine Abwesenheit seines reiselustigen Vetters Eduard dazu, die benachbarte Grafschaft Baden-Baden entgegen kaiserlicher Gebote kurzerhand zu besetzen und dadurch, wie er nach noch heute geschätztem Muster behauptete, vorm Verderben zu retten. Dem liebem ehrgeizigem Verwandten hatte schon Eduards »standes-ungemäße« Vermählung mit der Kaufmannstochter Maria von Eicken mißfallen. Ein von Ernst Friedrich eigenhändig verfaßter umfangreicher »Bericht« und verschiedene »Prozeßprotokolle« sprechen von zahlreichen anderen angeblichen Schandtaten des Vetters, Zauberei und mehrere fehlgeschlagene Mordanschläge auf Ernst Friedrich selber eingeschlossen. Zwei »geständige« Spießgesellen des Vetters, Francesco Muskatelli und Paul Pestalozzi, läßt der neue Markgraf öffentlich hinrichten, wobei er in seiner Gnade darauf verzichtet, sie urteilsge-mäß bei lebendigem Leibe zu vierteilen – dies geschah, nach der Enthauptung mittels Schwert, erst mit den Leichen. Die Einzelteile wurden in mehreren Durlacher Straßen ausgehängt.

Urte Schulz füllte kürzlich ein ganzes Buch über Das schwarze Schaf des Hauses Baden* nicht unbeträchtlich, indem sie bedenkenlos und seitenlang aus den genannten, für mein Empfinden durchaus fragwürdigen »Doku-menten« zitiert, die sich womöglich der Folter (als wahrlich »peinliche außag«, Seite 131) der Beschuldigten verdankten, mindestens aber der Befangenheit des siegreichen Markgrafen, der Erpreßbarkeit der ihm hörigen Amtspersonen und ganz allgemein der blühenden Gerüchteküche der damaligen abergläubischen Zeiten. Immerhin führt sie später, ab Seite 168, selber einige Beispiele anderer zeitgenössischer Herrscher an, die Eduard in der angeblichen Lasterhaftigkeit kaum nachstanden. Nur Ernst Friedrich nimmt sie von diesem Generalverdacht merkwürdigerweise aus. Zu den Strolchen zählt Schulz auch den beleibten sächsischen Kurfürsten Christian II. (1583–1611), der sich im Sommer 1611, erst 27 Jahre alt, nach einer sportlichen Betätigung in seiner Dresdener Residenz nicht ausreichend zügeln konnte und in seinem erhitztem Zustand einige Liter kalten Bieres in sich hineingoß. Daraufhin habe ihn der Schlag getroffen.

Das Ende Eduards, inzwischen 34, war genau 11 Jahre früher gekommen. Es soll ähnlich lustig gewesen sein. Bewiesen ist dieser Zug keineswegs, denn der einzige angebliche Augenzeuge war ein gleichfalls befangener Mann, Eduards Mitregent in der ihm noch verbliebenen sponheimischen Herrschaft, der Graf Karl von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld. Eduard hatte ihn in die Burg des Hunsrück-Städtchens Kastellaun eingeladen, wo er nun notgedrungen residierte. Am fraglichen Juniabend hatten sich die beiden Grafen erneut bei einem Fäßchen Mosel-wein zusammengesetzt, um einige »Unstimmigkeiten« zu bereden, die zwischen ihnen entstanden und der Hauptgrund des Besuches waren. Als sich Eduard übermüdet, vielleicht auch überfüllt in sein Schlafgemach zurückziehen wollte, sei er, so der Pfalzgraf in seinem Bericht, auf einer steilen, steinernen Treppe ausgeglitten und abgestürzt. Schwer verletzt, habe Eduard »Fortunatus«, der Glückliche Burgherr also, wenige Stunden später sein Leben ausgehaucht. So ein Pech – oder sollte es eher das Glück des Überlebenden gewesen sein, der womöglich im richtigen Augenblick ein wenig nachgeholfen hatte?

Wenn wir schon einmal in der Gegend sind: Von Kaspar von Pfalz-Zweibrücken (1458–1527), gestorben mit 68 oder 69, ist oft zu lesen, er sei gleichsam von seinem Bruder Alexander der Hinkende (Fürst von Pfalz-Zwei-brücken) durch rund 36 Jahre währende Einkerkerung »ermordet« worden. Etwas zurückhaltender E. L. Seibert, der sich in seiner Darstellung** auf »Untersuchungen des pfalz-zweibrückischen Wirklichen Geheimen Rats und Archivars Johann Henrich Bachmann von 1784« stützt. Danach war Ende 1489, nach dem Tod Herzog Ludwigs, in Kreuznach eine Schlichtungsvereinbarung getroffen worden, wonach dessen Söhne Kaspar (erstgeboren) und Alexander die Herrschaft gemeinsam ausüben sollten. Angeblich hatte der Erstgeborene »schon in seiner Jugend allerlei schlechte Eigenschaften« gezeigt. Er sei unruhig, eigensinnig, seinem Vater ungehorsam und dazu von beschränktem Verstand gewesen. Jedoch, so Seibert/Bachmann weiter: »Die Regierungsgemeinschaft Kaspar–Alexander dauerte nicht länger als ein Jahr. Innerhalb dieser Zeit erscheinen fast alle Urkunden bei der Zweibrücker Kanzlei in Kaspars und Alexanders Namen, einige auch unter Kaspars Namen allein. Er setzte sich also über die getroffenen Vereinbarungen hinweg und dekretierte, wie schon vorher, eigenmächtig. Die Folge davon war, daß Kaspar zu Anfang des Jahres 1491 [von Schergen seines lieben Bruderherzens Alexander] ausgehoben und auf das Schloß Nohfelden in Sicherheit gebracht wurde. Herzog Kaspar starb im Jahre 1527, nachdem er 36 Jahre im Turm des Schlosses Nohfelden inhaftiert war. Die Akten über diesen Sterbefall sind noch vorhanden, der eigentliche Sterbetag ist aber nicht vermerkt. Kaspar wurde in der Kirche zu Wolfersweiler beigesetzt.«

Ironischerweise wanderte Alexander (1462–1514) schon vor seinem (mutmaßlichem) Opfer unter die Erde. Laut Charlotte Glück-Christmann*** sind die genauen Umstände von Alexanders Tod nicht bekannt. Bei Molitor, Geschichte einer Fürstenstadt, könne man nur lesen, der 51jährige Herzog habe fünf Tage vor seinem Tod sein Testament gemacht. »Er war also vermutlich krank und wollte auf einen möglichen oder wahrscheinlichen Tod vorbereitet sein ..(..).. Die Geschichte der beiden Brüder Alexander und Kaspar regt natürlich die Phantasie an. Es lässt sich heute nicht mehr feststellen, ob Kaspar wirklich verrückt war oder ob ihn sein Bruder aus machtpoli-tischem Kalkül ausschaltete. Ich tendiere eher zum ersten, da es ungewöhnlich war, dass beiden Brüdern gemeinsam die Regierung übertragen wurde. Aber die zweite Möglichkeit gibt natürlich für einen Essay mehr her.«

Halten wir uns nicht mit Erwägungen darüber auf, wer damals wie heute wem »Regierung überträgt« … Jenen wenig erhebenden Beinamen (der Hinkende), mit dem sich der Fürst abzuschleppen hatte, soll er den »Blattern« (=Pocken) verdanken, die ihn bereits in der Kindheit befielen. Dadurch sei er an einem Fuß lahm geblieben. Das Selbstbewußtsein des Fürsten kann man sich ausmalen. Dafür wurde er, in Zweibrücken, in einem prächtigem Gebäude beigesetzt, das selbstverständlich Alexander(s)-kirche heißt. Es war gerade noch rechtzeitig vor seinem Ableben fertig geworden, 1510. Die jüngste Bestattung, nämlich von einem Prinz Alexander von Bayern, fand dort, laut Wikipedia, 2001 statt.

* Gernsbach (Casimir Katz Verlag) 2012
** auf der Webseite des Ortsrates Wolfersweiler, Nohfelden, Stand 2012: https://web.archive.org/web/20070909145131/http://www.wolfersweiler.de/header/der%20gefangene%20von%20nohfelden.html
*** Leiterin des Zweibrückener Stadtmuseums, Auskunft im Januar 2015




Foster, Evelyn c.28 († 1931). Die im Geschäft mithel-fende Tochter eines Garagen- und Taxiunternehmers aus dem nordenglischem Städtchen Otterburn, Northumber-land, wurde in der Nähe ihres Wohnortes von einem zugleich qualvollen und seltsamen Tod ereilt. Man hatte sie mit schweren Verbrennungen an der Landstraße gefunden. Ihr Wagen, mit dem sie einen fremden Kunden nach Ponteland bringen wollte, stand ausgebrannt unterhalb der Straßenböschung im Moor. Bevor Foster wenig später in ihrem Elternhaus starb, konnte sie ihren verschwundenen Fahrgast noch als Täter angeben und den Tathergang schildern. Der ungefähr 30jährige Mann habe sie plötzlich vom Steuer gedrängt, geschlagen und schließlich, als der von ihm gelenkte Wagen im Moor stand, mit Benzin übergossen und dieses entzündet. Der Ortspolizist Andy Ferguson schrieb mit. Sie bejahte auch die Frage ihrer Mutter, ob sich der Fremde an ihr »vergangen« habe.

Foster hatte ihn, wie sie erzählte, an jenem frostigem Januarabend bei Otterburn aufgelesen, sodaß er leider bestenfalls flüchtig von dem einen oder anderen Zeugen gesehen worden war. Bald führten die Untersuchungen des Autowracks und verschiedene Ungereimtheiten in Fosters Geschichte zum Anwachsen der Zweifel bei Captain Fullarton von der Bezirkspolizei. Zudem erklärte ein Medizinprofessor aus Durham, er habe an der Leiche keine Hinweise auf Vergewaltigung entdecken können. Foster sei noch »Jungfrau« gewesen. Zwar verurteilte ein örtliches Geschworenengericht gleichwohl »eine unbekannte Person« wegen Mordes, doch für Fullarton, der sich nach der Verhandlung entsprechend äußerte und damit für Entrüstung bei den Einheimischen sorgte, stand fest, diese Person habe es nie gegeben. Für die Polizei und selbst den Richter hatte Foster mit der Absicht, einen Unfall vorzutäuschen, ihren Wagen und versehentlich auch sich selber eigenhändig in Brand gesetzt. In der Folge blieb der Fall offen – und fiel allmählich dem Vergessen anheim.

Rund 25 Jahre nach Fosters Tod befaßte sich der erfolgreiche Kriminalautor Julian Symons mit ihm, wobei er auch vor Ort gewesen sein will.* Das Opfer schildert er als »zurückhaltende, ziemlich schüchterne, durch und durch anständige junge Frau« – und er fragt sich verständlicherweise, welchen Grund ein solcher Mensch gehabt haben solle, seinen noch fast neuen Wagen aufs Moor zu fahren und dort anzustecken. Der Richter hatte den Geschworenen zunächst den Köder »Versicherungs-betrug« vorgeworfen. Aber erstens hatte Foster von der Versicherung kaum mehr als den gegenwärtigen Marktwert des Autos zu erwarten, zweitens hätte diese ohne Zweifel auf einer Aussage des leider flüchtigen Taxikunden bestanden – den Foster nun einmal, törichterweise, ins Spiel gebracht haben soll. Als sein Angebot nicht zog, gab der Richter alternativ zu bedenken, man wisse ja auch von Fällen, in denen Menschen solche Dinge »aus unerfindlichen Gründen« täten, »entweder weil sie nicht anders können oder weil sie Spaß an abnormem Verhalten haben«. Mit beiden Argumenten gelang es ihm erfreulicherweise nicht, die Geschworenen auf die Linie seiner, so Symons, offensichtlichen Voreingenommenheit einzuschwören.

Es war auch die Linie der Polizei, wie so oft. Ein Kom-missar setzt sich aus undurchsichtigen, wenig Vertrauen erweckenden Motiven die Theorie in den Kopf, der unbekannte Fremde sei böswillig erfunden worden, und daran hält er eisern fest, um seine Sicherheit und sein berüchtigtes Gesicht nicht zu verlieren. Captain Fullarton war beispielsweise der schwere Fehler unterlaufen, die Unfallstelle in der ersten Nacht nicht bewachen zu lassen, und in der Tat konnte sich dadurch ein schnüffelnder Journalist dort zu schaffen machen, der etliche Spuren beschädigte und auch gleich noch für neue sorgte. Hier ging es etwa um einen Schal der Taxifahrerin, der seinen Ort gewechselt hatte. Nach Symons gestand Fullarton dieses Versäumnis nie ein. Da paßt es wie die Faust aufs Auge, wenn sich bei den Nachforschungen des Kriminalautors vor Ort der erwähnte Polizist Andy Ferguson ebenfalls stumm wie ein Fisch zeigte – er verweigerte jede Auskunft. Offenbar blieb man dieser Linie bis in unsere Tage treu. Am 29. Juni 2012, rund 80 Jahre nach dem Vorfall, erteilte die Polizei von Northumbria (oder der dortige Police and Crime Commissioner?) einem offensichtlichem Nachfolger von Symons, der unter Vorweis mancher Referenzen um Akteneinsicht im Fall Foster ersucht hatte, eine wortreiche, ausweichende Absage. Dem Freedom of Information Act 2000 zum Trotze liege es, nach sorgfältiger Abwägung, »im öffentlichen Interesse«, die besagten Akten »weiterhin zurückzuhalten«. Schließlich sei der Fall noch offen, und durch eine Freigabe laufe man Gefahr, verschiedene Bemühungen ihn aufzuklären zu durchkreuzen – so ähnlich wohl des Sermons fadenscheiniger Kern.**

Wie sich versteht, fragt sich Symons, gestorben 1994, am Ende seiner Betrachtung, welchen Grund nun der Fremde, an den er durchaus glaubt, gehabt haben könnte, Evelyn Foster so grausam ums Leben zu bringen. Für Symons handelte er sowohl aus dem Zufall der Begegnung wie aus einem beträchtlichem kriminellem Potential heraus. Er nimmt dabei an, der Kerl habe bereits, wegen vorausge-gangener Delikte, die Polizei zu meiden gehabt. »Wahrscheinlich wollte er zunächst tatsächlich nur bis Ponteland gebracht werden.« Dann veranlaßten ihn vielleicht indiskrete Fragen seiner Fahrerin oder die Angst, sie könne ihn wiedererkennen, zu einem Meinungsum-schwung. Oder der bloße Umstand, mit ihr allein auf dem Moor zu sein, habe »seine sadistischen Triebe« angestachelt, »die es ja bei vielen Kriminellen« gebe. Nur bei diesen? Symons kannte die Opferzahlen des von Tony Blair befeuerten Irakkrieges von 2003 noch nicht; allerdings sollte er von Hiroshima erfahren haben.

Hat die Londoner Webseite True Crime Library ins Schwarze getroffen***, besteht keine Aussicht mehr, den wahren Mörder Evelyn Fosters auszuknobeln. Nach dieser Quelle war es nämlich der Pferdepfleger Ernest Brown, der genau zwei Jahre nach Fosters Tod bei Tadcaster, York-shire, seinen Boß erschoß, einen Farmer – selbstverständ-lich wegen der Farmersfrau. Man fand den Erschossenen im Wrack seines Autos sitzend – Brown hatte die betreffende Garage angezündet. Der Tatort liegt rund 100 Meilen von Otterburn entfernt. Hinsichtlich des Alters sowie des Auftretens passen Fosters Angaben recht gut auf Brown, der (anderen Webseiten zufolge) im Februar 1934, wohl mit 35, im Gefängnis von Armley, Leeds, gehängt wurde. Vorher soll ihn ein Kaplan aufgefordert haben, die Chance zu nutzen, seine Sünden zu bekennen und so mit Gott seinen Frieden zu machen. Henker Tom Pierrepoint habe anschließend versichert, Brown hätte beim Anlegen der Schlinge gemurmelt: »Otterburn.« Belege werden nicht gegeben.

Diese Spur ist der zuständigen Polizei keineswegs unbe-kannt, wie aus einem jüngstem Bericht der Northumber-land Gazette hervorgeht.**** Gleichwohl betont Kripomann Tony Stevens, der Fall habe, seit inzwischen knapp 90 Jahren, nach wie vor als ungelöst zu gelten. Offenbar hat Stevens nicht auf einen Artikel***** des Evening Chronicle (Newcastle upon Tyne) angebissen, der bereits anderthalb Jahre früher erschien, 2017. Darin wird die Krimiautorin Diane Janes etwas großspurig, wie ich finde, als Person vorgestellt, die den Fall womöglich gelöst haben könnte. Sie habe nun doch Aktenzugang gehabt, erzählt Janes, und daraus sei ihr die damalige offensichtliche Verächtlichmachung des Opfers entgegen geschlagen, das mit 28 noch keinen Gatten vorweisen, dafür aber wie ein Mann Taxi fahren konnte. Nur deshalb habe man Fosters einleuchtende Darstellung des Tathergangs so hartnäckig angezweifelt. »She described her attacker as a man with a Tyneside accent, about 5ft 6in tall and aged about 25 or 26. He was clean-shaven and wore a dark tweed suit, a bowler hat and an overcoat.« Das deckt sich mit den Angaben der Londoner Webseite zu Brown. Ja, mehr noch, erzählt Janes, die Akten würden sogar den Namen eines stark Verdächtigen (credible suspect) anführen. Den nennt sie aber nicht. Vielleicht hat es ihr Stevens verboten? Um der Konsequenz willen erwähnt der Artikel übrigens auch Janes bereits verstor-benen Berufskollegen Symons nicht.

* The Invisible Man (Der unsichtbare Mann), übersetzt von Ruth Sander und veröffentlicht im Sammelband Aufgeklärt! Ungesühnt!, Lizenzausgabe Augsburg 1999
** Webseite der https://www.northumbria.police.uk/freedom_of_information/disclosure_log/disclosure_log_investigations/evelyn_foster_case_46512/Northumbria Police: »freedom of information / evelyn foster case 46512« (inzwischen verschwunden)
*** »Evelyn Foster«, Stand 2015: https://www.truecrimelibrary.com/crimearticle/evelyn-foster/
**** »Mystery still surrounds one of Northumberland's oldest unsolved murders«, 6./9. Januar 2019: https://www.northumberlandgazette.co.uk/news/mystery-still-surrounds-one-northumberlands-oldest-unsolved-murders-171807
***** Ian Robson, »Who killed Evelyn Foster? Author claims she may have solved 1931 murder«, 27. Mai 2017: https://www.chroniclelive.co.uk/news/north-east-news/who-killed-evelyn-foster-author-13098729




Foster, Stephen 37 (1826–64), US-Songschreiber. In seiner Blütezeit, um 1850, war der weiße Pianist aus Pennsylvania einer der ersten professionellen Lieder-macher der USA und auf jeden Fall der berühmteste. Von ihm stammen solche herzergreifenden, nie das Hirn überanstrengende Hits wie Oh Susanna (1847) und My Old Kentucky Home von 1853 (seit 1928 offizielle Landeshymne) – allesamt mit mehr oder weniger starkem rassistischem Touch, denn so war die Zeit. Als er 1860 nach New York City ging, war sein Stern bereits im Sinken. Kurz darauf verließen ihn Frau und Tochter. Die Songs hatten ihn aufgrund des noch unterentwickelten Autorenschutzes nie reich gemacht, und jetzt verarmte er geradezu. Angeblich hatte der 37jährige Künstler nur noch 38 Cent in der Tasche, als man ihn in den Sarg legte. Das klang sicherlich erfreulich liedhaft. Foster hatte sich in einer Absteige im Manhattaner Theaterviertel einquartiert, trank viel und bekam auch noch Fieber. Es war Mitte Januar 1864. Beim Versuch, das Zimmermädchen zu verständigen, brach der fiebernde Gast zusammen und schlug mit dem Kopf gegen das Waschbecken, das dadurch zersprang. So stellt man sich die Szene jedenfalls meistens vor. Demnach hatte Foster nicht nur seine leichten Songs in seinem Kopf gehabt. Die Trümmer des Waschbeckens brachten Foster zusätzliche Verletzungen bei. Man fand ihn drei Stunden später, vermutlich bewußtlos, und nach drei Tagen im Krankenhaus war er in sein Old Kentucky Home eingegangen*, falls der University of Pittsburgh, PA, vertraut werden kann.**

* Randy Newmans bissige Anverwandlung auf seiner Platte 12 Songs von 1970: https://www.youtube.com/watch?v=guW0r8R4DQE
** Christopher Lynch, »The Life and Music of Stephen Collins Foster«, o. J.: https://library.pitt.edu/foster-biography




Fowler, John 38 (1826–64), Ingenieur, Erfinder und Fabrikant in Leeds, Yorkshire, UK. So schreibt man ihm etwa der Welt ersten funktionstüchtigen Dampfpflug zu, mit dem er, laut englischer Wikipedia, nach und nach sogar zahlreiche zahlungskräftige LandbestellerInnen in Übersee beglückt, daneben etliche Preise errungen haben soll. Aber er selber ackerte anscheinend zu viel. Als er auf die 40 zuging, meinte Fowlers Hausarzt, der rastlose Einsatz für den Fortschritt drohe die Gesundheit des eigentlich stattlichen und meist gutgelaunten dunkel-haarigen Unternehmers zu untergraben; er möge aufs Land gehen und mähen oder jagen. Kaum hatte sich Fowler aber folgsam, wohl um 1862, in das südlich von Leeds gelegene Dorf Ackworth zurückgezogen, vermutlich mitsamt Gattin und fünf Kindern, fiel er bei der Jagd vom Pferd. An seinem gebrochenem Arm wäre er vielleicht nicht gestorben; es nisteten sich jedoch Tetanus-Bakterien in diesem ein, die dem 38jährigem den Rest gegeben haben sollen. Zum Glück hatte er drei Brüder, die seine Fabrik nur zu gern weiterführten.



Franco, Marielle 38 (1979–2018). Von jeweils 100.000 Einwohnern Brasiliens wurden 2018 rund 27 vorsätzlich getötet. Bei uns betrug die vergleichbare Mordrate, statistisch ausgedrückt, ungefähr 0,7 Todesopfer. In Vatikanstadt steht sie übrigens noch besser, nämlich auf 0,0. Als Papst hat man also eine glänzende Lebenserwar-tung, sofern man immer schön zu Hause bleibt.

Viele von den Mordopfern in Brasilien gehen aufs Konto der Polizei oder ehemaliger Polizisten, dies vor allem in den großstädtischen »Favelas«, den Elendsvierteln. Allein in der Küstenmetropole Rio de Janeiro sind ja keineswegs nur 100.000, vielmehr schon fast sieben Millionen EinwohnerInnen zusammen gepfercht. Ebendort war die Afrobrasilianerin Franco in einer Favela aufgewachsen. Links und lesbisch gestimmt, hatte sie sich zur Akademi-kerin und Stadträtin von Rio de Janeiro hochgearbeitet. Sie hatte unter anderem wiederholt die außergesetzliche Polizeigewalt angeprangert. Prompt wurde sie am 14. März 2018 im Stadtzentrum am hellichtem Tage bei einem Anschlag, der nach allen Mutmaßungen von diesen extralegalen Kräften verübt wurde, in ihrem Auto erschossen. Die Chancen auf Klärung dieses Mordfalls gehen inzwischen gegen Null. Zum Beispiel war der frühere Militärpolizist Adriano Magalhaes da Nobrega verdächtigt worden, die paramilitärische Miliz angeführt zu haben, deren Kämpfer aus dem eigenen Wagen heraus mindestens neun Schüsse auf Francos Auto abgefeuert hatten – aber im Februar 2020 wurde er leider seinerseits bei einem Polizeieinsatz erschossen. Davon war Nobregas Anwalt nicht sonderlich überrascht, wußte dieser doch, der mutmaßliche Milizenchef wußte ebenfalls sehr viel. Jetzt kann Nobrega nicht mehr plaudern. Nebenbei war Nobre-ga nebst Gattin und Mutter »in strafrechtliche Untersu-chungen wegen Veruntreuung und Geldwäsche um Flavio Bolsonaro verwickelt« – ein Sohn des Staatspräsidenten.*

Aus mir unbekannten Gründen war die Sozialpolitikerin Franco nicht imstande oder willens gewesen, ihr Auto eigenhändig zu lenken. Deshalb wurde auch ihr 39 Jahre alter Fahrer Anderson Pedro Gomes ein Opfer der Gangster. In der Regel wird er bestenfalls namentlich erwähnt. Ich kratze über ihn zusammen: verheiratet, zwei Kinder, ein liebenswerter und hilfsbereiter Mann. Seine Witwe versichert einem regionalem Portal, er habe nie davon gesprochen, sich etwa in diesem Job bei der vielfach angefeindeten Stadträtin bedroht zu fühlen. Die Frage, ob er Alternativen gehabt hätte, bleibt unerörtert. Vielleicht vermißte er ja gar keine Alternativen. Weil er den Job zum Beispiel als Mission empfand. Für mich wäre es bereits ein märtyrerhafter Akt, aus freien Stücken in einem Moloch wie Rio de Janeiro zu wohnen.

* Nicole Anliker, »Brasiliens Polizei tötet einen Verdächtigen im Mordfall der Politikerin Marielle Franco«, NZZ, 11. Februar 2020: https://www.nzz.ch/international/brasilien-verdaechtiger-im-mordfall-marielle-franco-getoetet-ld.1539603



François, Claude 39 (1939–78), französischer Chan-sonier mit Badewannenpech. Als der in Ägypten geborene Musiker 1960 in Paris gelandet war, ging es mit seiner Karriere steil bergauf. Er wurde gehobener Schlagersänger. Seine Stücke kamen an – auch bei berühmten Kollegen wie etwa Paul Anka, Frank Sinatra, Elvis Presley, Sid Vicious, die sein Lied Comme d'Habitude als My Way (ab 1969) zu einem Welthit machten. Er verdankte es übrigens einem Liebeskummer, den ihm die junge France Gall eingebrockt hatte. Sein größtes Talent lag wahrscheinlich im Bereich des Marketings, wie man heute dazu sagt. Selbst der für Prominente schon beinahe unerläßliche Autounfall, bei dem François, im Mai 1970, angeblich aufgrund eines geplatzten Reifens schwere Gesichtsverletzungen erlitt, konnte ihn nicht aus der Bahn werfen. Sein Album Le téléphone pleure von 1974 beispielsweise soll sich schon innerhalb weniger Wochen nach der Veröffentlichung mehr als zwei Millionen mal verkauft haben. Es mußte erst zu einer schnöden Haushaltsunfallsituation kommen, die heute kein Cartoonist mehr ohne Schamröte aufgreifen würde. Das kam so:

Am 11. März 1978 richtete sich der 39jährige, vermutlich nackte Künstler in der Badewanne seiner Pariser Wohnung auf, um eine Wandleuchte zu überprüfen, die nicht mehr brannte. Dabei fing er sich prompt den bekannten tödlichen Stromschlag ein. Dazu muß allerdings zweierlei gesagt werden. Erstens hatte der Künstler nicht nur eine Wohnung; er war stinkreich. Und zweitens gab es in dem Pariser Badezimmer gerade keine Augenzeugen. So verblüfft es nicht, wenn Selbstmordgerüchte aufkamen. Der Filmregisseur Florent Siri teilt diesen Verdacht nicht*, hält jedoch eine unbewußte, rettende »Fehlleistung« des ausgebrannten Künstlers für wahrscheinlich. »Er hatte sich zu hohe Anforderungen gesetzt. Am Ende wollte er in den USA Erfolg haben, wollte den Menschen dort zeigen, wer der Urheber von My Way ist. Immerhin hatte er es [am 16. Januar 1978] als einziger Franzose nach de Gaulle geschafft, die Royal Albert Hall in London zu füllen. Und das war am Ende zuviel …«

* Jörg-Christian Schillmöller, »Dem Phänomen Claude François auf der Spur«, Deutschlandfunk, 17. März 2012: http://www.deutschlandfunk.de/dem-phaenomen-claude-francois-auf-der-spur.807.de.html?dram:article_id=121480



Frank, Leo 31 (1884–1915), jüdischer US-Unternehmer, Justiz- und Lynchopfer. Der US-Staat Georgia, der heute nur noch ganz allgemein die Todesstrafe (für jeden) hochhält, war um 1900 eine Hochburg des Antisemitismus – und Leo Frank wurde ihr Opfer. Der schlanke, gutaus-sehende, auf Fotos verträumt wirkende Ingenieur betrieb in Atlanta eine Bleistiftfabrik. Im April 1913 fand man im Keller dieser Fabrik Franks Maschinenarbeiterin Mary Phagan: die erst 13 Jahre alte Tochter eines armen Farmers war tot. Daraufhin wurde der Fabrikdirektor nicht etwa wegen Kinderarbeit, vielmehr wegen Mordes (durch erdrosseln) angeklagt und aufgrund angeblicher Indizien auch im August 1913 zum Tode verurteilt. Das erinnerte besonnene BeobachterInnen an die Dreyfus-Affäre, also an einen krassen Fall von Klassen- beziehungsweise Rassenjustiz, zumal die Ermittlungen von einer üblen »Berichterstattung« begleitet waren, die nach Judenblut dürstete. Danach war es in Franks Fabrik unter anderem zu Orgien gekommen, einmal davon abgesehen, daß er sein Opfer sicherlich auch geschändet hatte. Bemerkenswerter-weise hatte seine Frau Lucille allem Schmutz zum Trotz von Anfang an zu ihm gehalten. Sie starb 1957 von seiner Unschuld überzeugt.

Wenige Wochen nach der Urteilsverkündung tauchen allerdings Hinweise auf, die Frank entlasten. Schließlich kommt Georgias Gouverneur John M. Slaton zu der Überzeugung, der Fabrikant sei unschuldig, und wandelt die Todesstrafe im Juni 1915 einstweilen in Lebenslange Haft um. Daraufhin ziehen sofort Hunderte gutgekleideter BürgerInnen vor Slatons Haus, um gegen diese Korrektur zu meutern. Slaton muß sogar Truppen einsetzen.* Aber es kommt noch weitaus dicker. Im August dringen zwei Dutzend Bewaffnete, die sich The Knights of Mary Phagan nennen, die »Ritter« der Ermordeten also, ins Gefängnis ein, entführen den 31jährigen Frank und hängen ihn bei Marietta, der Heimat der Ermordeten, in einen sorgsam ausgewählten Baum. Das Pressefoto, das den Gelynchten anderntags auf alle Frühstückstische bringt, wird bejubelt. Jeder kennt den einen oder anderen Ritter – und hütet sich ihn zu tadeln.

1986 gestand die Behörde Georgia State Board of Pardons and Paroles das Versagen der Justiz im Fall Frank ein.* 2000 veröffentlichte Bibliothekar Stephen Goldfarb aus Atlanta im Internet eine Liste mit Namen der Entführer oder Mörder von Frank, die von hohen Politikern und Juristen wimmelt. Etliche von ihnen zieren bis heute Straßenschilder oder Tafeln von Schulen und anderen pädagogischen Einrichtungen. Als wahrscheinlichster Mörder Mary Phagans gilt nach wie vor** der schwarze Hausmeister der Fabrik Jim Conley, der sich im Verfahren mit Anschuldigungen gegen seinen Chef hervorgetan hatte. Aber gegen die damals am Kesseltreiben gegen Frank beteiligten Zeitungsverleger war er ein kleiner Fisch.

* Leonard Dinnerstein, »Leo Frank Case«, New Georgia Encyclo-pedia, 11. August 2020: https://www.georgiaencyclopedia.org/articles/history-archaeology/leo-frank-case
** Steve Oney: And The Dead Shall Rise. The Murder of Mary Phagan and the Lynching of Leo Frank, New York 2003




Fräser, Wendel 22 (1967–89), surinamisch-niederlän-discher Fußballer. Die letzte Niederlage der aus niederlän-dischen Profifußballern mit Wurzeln in der ehemaligen Kolonie Suriname (bei Brasilien) gebildeten Auswahl-mannschaft Kleurrijk Elftal kam in der Nacht vom 6./7. Juni 1989 kurz vorm Ziel. Die 15 Sportler, darunter Stürmer Fräser vom RBC Roosendaal, waren zu einem Turnier in Übersee eingeladen, das zur Förderung des surinamischen Fußballs beitragen sollte. Ihre Linien-maschine, eine Douglas DC-8, stürzte beim Landeanflug auf Paramaribo ab, der Hauptstadt Surinames. Von 187 Insassen starben 176. Die Untersuchung stellte grobe Fahrlässigkeiten der Crew fest.

Dieses Mal hieß der Glückspilz Jos Luhukay. Der Mittel-feldspieler, nur 1,67 groß, war nicht dabei, weil er in jenen Tagen zufällig ein Relegationsspiel mit seinem Verein VVV Venlo zu bestreiten hatte. Um 2010 trainierte er verschie-dene Mannschaften der deutschen Ersten Bundesliga, darunter Hertha BSC Berlin. Man bescheinigt ihm sowohl Temperament wie »hohe soziale Kompetenz«.* Folglich hat er seinen Schützlingen sicherlich, nach den Flug-zeugen, auch gleich die Autos ausgeredet. Oder etwa nicht?

* Michael Jahn, »Jos Luhukay: Herthas kleiner General«, Berliner Zeitung, 1. Februar 2013: https://www.berliner-zeitung.de/sport-leidenschaft/jos-luhukay-herthas-kleiner-general-li.54630



Freeman, Theodore 34 (1930–64), US-Flieger. Ihm brach die Avifauna das Genick. Dabei hatte der erfahrene Luftfahrtingenieur und Testpilot der US-Luftwaffe auch noch das Pech, nicht im eigentlichem Weltraum umzukommen. Zwar war er 1963 mit 33 Jahren für den Astronauten-Pool der NASA ausgewählt worden. Aber ein Jahr darauf traf er die Schneegans – beziehungsweise sie ihn. Obwohl Freeman am 31. Oktober 1964, dem verhängnisvollem Tag, keineswegs eine vergleichsweise zerbrechliche Fieseler Storch steuerte*, vielmehr den Düsenjäger Northrop T-38 Talon, zertrümmerte die Schneegans eine seitliche Cockpit-Scheibe, deren Plexiglassplitter zum Teil durch Belüftungsschächte in den Motorraum eindrangen. Darauf streikten die beiden Triebwerke. Der Zwischenfall brachte sowohl den Mann wie die Maschine aus dem Lot. Da sich Freeman bereits im Landeanflug auf Houston, Texas, befunden hatte, öffnete sich nach der Betätigung des Schleudersitzes sein Fallschirm nicht mehr. So stürzte er in den Tod. Einige Ortsansässige und BenutzerInnen einer Autobahn kamen mit dem Schrecken davon, weil das Wrack sie verfehlte.

Nach einem hübschem Gedenkartikel** von Jeffrey Kluger liegt die Krönung der Gans-Geschichte in Freemans Kollegen Jim Lovell und Pete Conrad, die an jenem Oktobertag zufällig an der von Staatsdienern und Schaulustigen umringten Absturzstelle vorbeikamen. Erstens fanden sie die blutig zusammengestauchte (kanadische!) Schneegans, also die Absturzursache – und zweitens kamen sie gerade mit ihren Flinten aus Gehölzen und Gewässern zurück, die sich an den fraglichen Luftwaffenstützpunkt Ellington Air Base anschließen. Es war eben Vogelzugzeit: die beiden Militärs hatten Gänse gejagt. Wer kann wissen, ob Freemans Mörderin nicht gerade vor Lovell und Conrad geflüchtet war!

* Erstflug durch Firmenchef Gerhard Fieseler am 10. Mai 1936 in Kassel-Waldau. Flieger und Fabrikant Fieseler war ein heute meist unterschätzter Nutznießer des Faschismus. Ich gebe deshalb im Anhang ein ausführliches Porträt (A-17).
** »Ted Freeman«, Time, 31. Januar 2013: http://science.time.com/2013/02/01/nasas-astronaut-day-of-remembrance/slide/ted-freeman/




Frick, Henri 10 († 1968), Sohn eines in Frankfurt/Main lebenden linken Schriftstellers, kam ebendort mit 10 Jahren unter ein Auto. Die näheren Umstände werden selbst durch Hans Fricks schmales Buch Henri (von 1970) nicht deutlich, mit dem der Vater versuchte, seines Entsetzens und seiner Schuldgefühle, übrigens auch seiner Trunksucht Herr zu werden. Jedenfalls war er am Todestag nicht mit seinem Sohn gemeinsam unterwegs gewesen. Ob Frick selber Autofahrer war, bleibt ebenfalls unklar. Leider wird die ganze Dramaturgie und Aus-drucksweise des laut Nachwort* »authentischen« Buches von dieser Art Verschwommenheit getragen. Das ist dem Anliegen des Autors, eine herz- und rücksichtslose, »brutale«, ja »mörderische« bundesdeutsche Gesellschaft anzuprangern, nicht gerade zuträglich. Nebenbei bemerkt, befremdete mich Fricks Behandlung sowohl der (namenlosen) Mutter Henris wie der Frauengestalt Nadja: eine Behandlung, die mich einen kräftigen selbst- und herrschsüchtigen Zug des Adorno-Anhängers befürchten ließ. Vielleicht war der Zug ja nicht »permanent« – Fricks Lieblingsfremdwort, getreu der damaligen Zeit. Der Schriftsteller erlag 2003 mit 72 schwerer Krankheit.

Schon 1941 war der 5jährige Barnaby Milford, Sohn einer Sängerin und eines Komponisten, im britischem Links-verkehr getötet worden. Nach Peter Hunter (2009) hatte ihn sein Vater Robin, wohl in Epsom bei London, am 3. Mai zum Kauf von Manuskriptpapier in einen nahen Laden ausgesandt. Dabei wurde der Bub, der sein Kinderrad genommen hatte, von einem Lieferwagen umgefahren. Der Vorfall schwang vermutlich noch bei Robin Milfords Selbstmord im Jahr 1959 mit.

* von Eberhard Günther in der Ostberliner Ausgabe von 1972



Friedländer, Alexander 38 (1819–58), deutscher 48er Gelehrter, verhinderter Auswanderer. Am 13. September 1858, kurz vor der Ankunft in New York City, wurden die unteren Decks des knapp 100 Meter langen Dampfschiffes Austria der Hamburger HAPAG zwecks Desinfektion mit Teerdämpfen ausgeräuchert. Dazu pflegte man glühende Ketten in Bottiche mit flüssigem Teer zu tauchen. Diesesmal ließ ein unachtsamer Matrose eine solche Kette auf die Planken des profitablen, hauptsächlich mit Auswanderern vollgepferchten Schiffes fallen. Die erste Folge war ein Brand, der das ganze Schiff erfaßte, die zweite eine Panik, die dritte der Untergang des Schiffs. Von den 545 Menschen an Bord konnten lediglich 89 gerettet werden.* Friedländer befand sich nicht unter den Glücklichen, und darin lag eine teerschwarze Ironie. Obwohl Jude, war der Sohn eines Briloner Kaufmanns und promovierte Jurist 1842 an die Heidelberger Universität berufen worden. 1847 fand er Beifall für seine Juristische Encyclopädie. Aber dann, in den »unruhigen« Jahren 1848/49, machte er sich wieder unbeliebt, weil er mit demokratischen Artikeln und anderen staatsfeindlichen Aktivitäten hervortrat. Man sperrte ihn ein und brummte ihm 1850 eine mehrjährige Haftstrafe auf, die ihm, aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes und verschiedener Fürsprachen, nur gegen eine Geldbuße sowie die Verpflichtung erlassen wurde, sich nach einer gewissen Erholungszeit für immer auf ein Auswanderer-schiff Richtung Amerika zu begeben. Eben das hatte der knapp 39 Jahre alte Ex-Professor am 1. September 1858 getan.**

Der Journalist und Schriftsteller Ippolito Nievo (1831–61) hatte einiges mit Friedländer gemeinsam, so die juristische Ausbildung und den Patriotismus (in der italienischen Form). Nach Vollendung seines angeblich bedeutenden*** Historischen Romanes Le confessioni d'un Italiano, der erst posthum veröffentlicht wurde, nahm er sogar unter Garibaldi am zweitem italienischem Unabhängigkeitskrieg (gegen Österreicher, Spanier, Franzosen usw.) und 1860 am berühmtem »Zug der Tausend« rothemdiger Freischärler gegen das spanisch besetzte Sizilien teil. Zum Jahresende war die karge Insel »befreit«. Am 4. März des folgenden Jahres, 1861, schiffte sich der 29jährige Nievo, inzwischen Oberst bei Garibaldis Truppen und so etwas wie ein Finanzminister der Insel, in Palermo auf dem Dampfer Ercole zwecks einer diplomatischen Mission gen Neapel ein. Normalerweise wären die schätzungsweise rund 80 Personen, die sich an Bord befanden, in 16 Stunden auf dem Festland gewesen. Sie kamen jedoch nie an, weil dieses, nach beliebter Angabe »altersschwache« Schiff namens »Herkules«, wahrscheinlich bei stürmischer See, aus bis heute ungeklärten Gründen mit Mann und Maus und allen Planken im Mittelmeer oder sonstwo verschwand. Man fand nicht die geringsten Überreste. Es muß so ähnlich wie neulich (2014) im Indischen Ozean mit einer in Kuala Lumpur Richtung Peking gestarteten Boeing 777 gewesen sein. Da Nievo Unterlagen über Garibaldis Finanzgebaren, die er dem Turiner Parlament zwecks Entkräftung verschiedener »Verleumdungen« vorzulegen gedachte, mit sich geführt hatte, kamen natürlich einige nachdenkliche Köpfe auf die Idee, eben der Einblick in diese Dokumente sei durch das betrübliche Unglück verhindert worden. Keine zwei Wochen später schwang sich der in Turin residierende, mit Garibaldi verbündete sardinisch-piemontische Patriot Viktor Emanuel II. zum »König von Italien« auf.

Zu den wenigen verarbeitungswürdigen Früchten meiner Lektüre des 1883 erschienenen Buches The Story of My Heart des englischen Schriftstellers Richard >Jefferies zählt die Erwähnung eines Aufsehen erregenden zeitgenössischen Schiffbruchs. Auf der Themse in London war der mit mehr als 800 Leuten überfüllte Ausflugrad-dampfer Princess Alice am 3. September 1878, wohl aufgrund eines Fahrfehlers des Kapitäns, mit dem riesigem Kohlefrachter Bywell Castle zusammengestoßen. Die Alice brach in zwei Stücke und sank innerhalb weniger Minuten. Es gab rund 640 Tote, überwiegend Frauen und Kinder. Die meisten Fahrgäste hatten sich unter Deck und damit gleichsam in Gefangenschaft befunden. Aber auch von den 100 bis 170 Überlebenden wurde womöglich nicht allen der Zustand des Pudelwohlseins zuteil. Dutzende der Schiffbrüchigen waren nämlich in die Themse geworfen worden, die damals gerade an dieser Stelle, wegen der Kläranlagen und Fabriken am Ufer, »an vielen Tagen einer Kloake«, vielleicht auch einem Giftfaß glich.****

* laut deutscher https://de.wikipedia.org/wiki/Austria_%28Schiff,_1857%29
** Siehe Familientafel »Friedländer« in Ursula Hesses Buch Jüdisches Leben in Alme, Brilon 1991, S. 135
*** Steffen Richter, »Liebe Kinder, ich kann mitreden«, Die Welt, 25. Juni 2005: http://www.welt.de/print-welt/article678386/Liebe-Kinder-ich-kann-mitreden.html
**** Werner Huff, »Rückblende: 1878 sterben bei Schiffsunglück auf der Themse 640 Menschen«, Südkurier, 20. Oktober 2017: https://www.suedkurier.de/region/hochrhein/kreis-waldshut/Rueckblende-1878-sterben-bei-Schiffsunglueck-auf-der-Themse-640-Menschen;art372586,9462270




Friesen, Friedrich 29 (1784–1814), Turn- u. Vaterlands-freund. Wir dürften in Deutschland ähnlich viele Friesen- wie Jahnstraßen haben, wahlweise Sportstätten oder Schulen. Berlin weist sogar im Namen von Friesen hauende oder stechende Karate-KämpferInnen auf, Stilrichtung Shotokan. Der Sohn eines Magdeburger Feldwebels und Buchhalters geriet zunächst an die Berliner Bauakademie, warf sich aber bald, von Kants und Fichtes Schriften beflügelt, auf Philosophie und Pädagogik und unterrichtete ab 1808 an der Plamannschen Erziehungsanstalt, einem Knabeninternat in Berlin, das Pestalozzis Grundsätzen verpflichtet war. Dabei erwärmte er sich, im Fahrwasser des Salzmann-Pädagogen Johann Christoph Friedrich GutsMuths und dessen Schüler Friedrich Ludwig Jahn, besonders für die Turnkunst, wie man damals dazu sagte. Der Name ist allerdings etwas irreführend, weil es bei dieser Veranstaltung, die auch Dauerläufe, Schwimmen, Reiten, Fechten und Schieß-übungen einschloß, mindestens zur Hälfte nicht um Kunst oder Gymnastik, vielmehr um Wehrertüchtigung ging.

Ein aktuelles Anwendungsgebiet gab es auch: praktisch halb Deutschland, das 1806 von Napoleons Truppen besetzt worden war. In den später so genannten »Befrei-ungskriegen« sollte der General und Kaiser wieder zum Teufel oder in die Arme seiner Pariser Mätresse gejagt werden. Friesen war daran führend beteiligt. 1810 gründete er mit Jahn, Harnisch und anderen den Deutschen Bund, einen Geheimbund, der sowohl die Vertreibung der Franzosen wie eine »sittliche Erneuerung« des »Vaterlandes« anstrebte. In diesem Rahmen verfaßte er zusammen mit Jahn auch die Denkschrift Ordnung und Einrichtung der deutschen Burschenschaften, die das Burschenschaftswesen oder -unwesen entscheidend beförderte. Bis 1813, als Preußen Frankreich den Krieg erklärte, hatte Friesen gemeinsam mit Adolf Freiherr von Lützow an einer Freischar gebaut, die er nun als Offizier und Adjutant Lützows mitbefehligte. Nachdem bei Gadebusch, Mecklenburg, Mitstreiter Theodor >Körner gestorben war, angeblich sogar in Friesens Armen, kam dieser selber ein Jahr darauf in den Ardennen an die Reihe. Nach Norbert Heise von der Magdeburger Universität (2004) hatte der 29jährige Turnlehrer aus Berlin den Anschluß an seine Schwadron verloren, geriet Mitte März bei Rethel in einen Hinterhalt und wurde nach Gefangennahme durch zwei einheimische Bauern von einem französischem Nationalgardisten im Handgemenge getötet. Die deutsche Wikipedia spricht von »erschlagen«. Am genausten wußte es 1864 die beliebte Leipziger Familienzeitschrift* Die Gartenlaube: »Von wälscher Tücke fiel er durch Meuchelschuß in den Ardennen. Ihn hätte auch im Kampfe keines Sterblichen Klinge gefällt.«

* https://de.wikisource.org/wiki/Der_Tod_und_das_Begr%C3%A4bni%C3%9F_eines_Freiheitsk%C3%A4mpfers



Fris, Maria 28 (1932–61), Hamburger Ballettänzerin. Hier sind die Quellen durchaus angemessen so mager wie meist die Balletteusen. Fris war zuletzt Primaballerina an der Hamburgischen Staatsoper und knapp 29 Jahre alt. Spiegel 24/1961: »Sie stürzte sich vom Schnürboden des Opernhauses achtzehn Meter tief auf die Bühne. Nach einer Sehnenzerrung an beiden Fußgelenken hatte sie längere Zeit pausieren müssen.« Eine andere dürre Quelle behauptet, der Sturz habe bei einer Probe zu Romeo und Julia stattgefunden. Vermutlich ist das bekannte Ballett von Sergei Prokofjew gemeint. In dieser Inszenierung hätte eine gesunde Fris selbstverständlich die Julia gegeben. Nun stelle man sich vor, sie fällt der Ersatzfrau genau vor die Füße oder gar auf den Kopf! Solche Details sind freilich so wenig zu erfahren wie Angaben zu denkbaren weiteren Sorgen der Tänzerin, die nicht nur ihren Knöcheln und ihrer Karriere erwuchsen. Aber kannte sie überhaupt etwas anderes als ihre Knöchel und ihre Karriere? Eine dritte dürre Quelle behauptet, die auch durch Fernsehshows berühmte Bühnenkünstlerin sei bereits »als Baby an der Seite ihrer Mutter« in verschiedenen Filmen zu sehen gewesen.* Ob sie dann auch mit dem Jungmädelbund** durch die Wiesen hüpfte? Man kann schlecht nachfor-schen, weil »Filmreporter« Thiele den Namen der Mutter nicht verrät.

* Heiko Thiele auf Filmreporter.de, 9. Dezember 2017: https://filmreporter.de/retro/news/3244-Begruendet-Maria-Fris-eine-neue
** Teil der Hitlerjugend, für Mädchen von 10 bis 14




Frisch, Lore 37 (1925–62). Als sich die erfolgreiche DEFA-Schauspielerin, ein Jahr nach Fris, in Potsdam umbrachte, war sie »schon« 37. Sie hatte vor allem selbstbewußte, kämpferische Frauen verkörpert. So spielte sie etwa im DDR-Kassenschlager Der Ochse von Kulm aus dem Jahr 1955 die Frau eines bayerischen Bauern, der sich gegen die US-Besatzer auflehnt. In dem 1961 gedrehtem satirischem Streifen Das Kleid, der erst nach der »Wende« veröffentlicht wurde, soll sie eine staatstragende Beklei-dungsministerin gegeben haben. Über ihre privaten Ver-hältnisse, gar die Motive oder Anlässe ihres Selbstmordes, habe ich nichts gefunden. Wer das wissen wollte, dürfte nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen suchen.

Frischs Westberliner Kollege Klaus Kammer (1929–64) starb zwei Jahre später, »unter nie ganz geklärten Umständen«, mit 35.* Er hatte vor allem auf der Bühne bedeutende Rollen gespielt. Sein »Affe« in Willi Schmidts Ein-Personen-Kafka-Stück Ein Bericht für eine Akademie nahm Starkritiker Friedrich Luft 1962 schier den Atem. Seine Persönlichkeit? Zeit-Autor »Jac« murmelt (am 15. Mai 1964) etwas von einem zerrissenem, ja dämonischem Menschen. Den Umständen des Todes widmet er kein Komma. Wurde Kammer überfallen? Starb er im Krankenhaus oder in Kafkas Schloß? Rolf Badenhausen (NDB 11, 1977) verschweigt sogar Kammers Garage. Dieser Lexikograf zieht die peinlich unklare Formulierung vor: »doch starb er während der Proben« … In Wahrheit starb der Schauspieler während in der Garage seines Hauses in Berlin-Lichterfelde, so jedenfalls der Spiegel (21/1964), der Motor seines Wagens lief – durch Abgase also.

* Buchhändlerkeller Berlin-Charlottenburg, 2014: http://www.buchhaendlerkeller-berlin.de/index.php/eventreader/events/er-spielte-seinen-schatten-mit-zum-50-todestag-des-schauspielers-klaus-kammer-erinnern-christoph-rueter-und-juergen-tomm-mit-ein.html



Fröhlich, Friedrich Theodor 33 (1803–36), schweizer Komponist. Wenn er sich 1833, für ein Gesangs-Quartett, der bekannten Eichendorff-Verse Wem Gott will rechte Gunst erweisen annahm, versuchte er womöglich den fehlgeschlagenen Zweckoptimismus seines Nachnamens zu übertrumpfen. Drei Jahre darauf, im kühlen Oktober, sah man »den hoffnungsvollsten Träger einer Schweize-rischen Romantik«, wie einige Kollegen urteilten, in den Fluten der Aare versinken. Er hatte sich ertränkt. Bis dahin konnte er sich in der Kleinstadt Aarau als Teilzeitlehrer an der Alten Kantonsschule, Leiter von Chören und einem Liebhaberorchester sowie mit privatem Einzelunterricht wohl nur mühsam über Wasser halten. Ursprünglich auf Wunsch oder Befehl der lieben Eltern Jurastudent, hatte der Sohn eines Baseler Lehrers und Stadtrats eine musikalische Ausbildung durchgesetzt – bei Friedrich Zelter, Bernhard Klein und Ludwig Berger in Berlin, wo er auch Felix Mendelssohn-Bartholdy, daneben seine eigene spätere Ehefrau kennenlernte, Ida von Klitzing.* Aber Fröhlichs Werke wurden kaum verlegt oder gar aufgeführt. Sie sollen durchaus reizvoll gewesen sein, wenn auch streckenweise zu formelhaft und mit Satzfehlern gespickt. Hinzu kamen Schwierigkeiten in der Ehe, die üblichen Schulden und die üblichen Depressionen. Diese waren wohl auch von Fröhlichs Befürchtung genährt worden, Leuten wie Mendelssohn-Bartholdy oder den maßgeb-lichen Kunstpäpsten mit ihren Weihrauchgefäßen nie das Wasser reichen zu können. Oder auch eher umgekehrt: sich nicht deutlich genug von ihnen absetzen zu können. Laut Pierre Sarbach (2018) liegen inzwischen einige CDs mit Kompositionen Fröhlichs vor. Ob er sich zurecht verkannt fühlte, scheint aber noch umstritten zu sein. Als er damals zum letzten Male in seinem Leben zur Aare hinunterging, soll er seine Vertonung des Hölderlin-Gedichts Rückkehr in die Heimat gesummt haben. »Und wenn im heißen Busen dem Jünglinge / Die eigenmäch-tigen Wünsche besänftiget / Und stille vor dem Schicksal sind, dann / Gibt der Geläuterte dir sich lieber.«

* Titus J. Meier, »Der Unbekannte, dessen Musik dem damaligen Zeitgeist voraus war«, Aargauer Zeitung, 12. Oktober 2016: https://www.aargauerzeitung.ch/aargau/brugg/der-unbekannte-dessen-musik-dem-damaligen-zeitgeist-voraus-war-130636025



Gabl, Gertrud 27 (1948–76), Skirennläuferin. 1972, als eine schlechte Saison hinter ihr lag, hängte die mehrmalige Weltcupsiegerin aus Österreich verärgert ihre Skistöcke an den Nagel und trat schon mit 23 Jahren von ihrem Profisport zurück. Aber sie hatte sich zu früh geärgert. Gemeinsam mit Alfons Büttner (40), einem Münchener Kaufmann, den sie bald nach ihrem Rücktritt geheiratet hatte, und dem Skilehrer Josef F. war die inzwischen 27jährige am Sonntag den 18. Januar 1976 um Mittag in ihrer engsten Heimat, nämlich am Arlberg bei St. Anton, Tirol, erneut auf Skiern unterwegs. Bei einer Abfahrt im Tiefschnee, außerhalb der Pisten, löste sich eine Lawine, die Gabl mitriß und verschüttete. Die beiden Männer konnten sich halbwegs über Schnee halten, kamen aber an die Verschüttete nicht heran. Skilehrer F., vorausgefahren, war sogar noch rechtzeitig »aus dem Lawinenstrich« abgebogen, nachdem er in seinem Rücken den »Abbruch« der Schneelast gehört hatte. Vermutlich bekam er später noch manches Donnerwetter zu hören. Da die Lawine selbst von St. Anton aus beobachtet worden war, wie anderntags die Presse berichtete, brachten drei Hubschrauber umgehend ein Rudel aus Rettungskräften, Gendarmen, Ärzten einschließlich sechs Lawinenhunden zum Unglücksort.* Wer das bezahlte, bleibt unerwähnt. Nach drei Stunden war Gabl ausgebuddelt – erstickt. Neben ihren nur leicht verletzten Begleitern ließ sie eine kleine Tochter zurück, Barbara.

* »Weltcupsiegerin Gertrud Gabl von Lawine verschüttet«, Volkszeitung (Klagenfurt), 19. Januar 1976, S. 6



Gadiel, James 23 († 2001), Mordopfer in New York City. Der Finanzexperte fiel demselben Schwerverbrechen zum Opfer wie zwei US-Eishockey-Spieler, die ich neulich erwähnte. Darf man verschiedenen einheimischen Bloggern trauen, hatte der hochgewachsene, dunkelhaarige junge Mann aus dem Städtchen Kent, Connecticut, Sinn für Humor und eine feste Freundin. Vor allem aber hatte er einen »dream job« ergattert, nämlich in NYC bei Cantor Fitzgerald, dem »global financial services powerhouse«, wo er ohne Zweifel »a very successful career« vor sich hatte. Sie wurde am 11. September 2001 brutal unter-bunden, residierte das »powerhouse« doch im 23. Stock des Nordturms des World Trade Centers.

James Gadiel zählte also zu den rund 2.700 Todesopfern der berüchtigten Anschläge. Einer, der offenbar von Anfang an wußte, auf wessen Konto dieser Massenmord ging, war der Immobilieninvestor im Ruhestand Peter Gadiel, James' Vater. Gadiel war mit den Oberhäuptern Kents darin einig geworden, den getöteten Sohn der 3.000-Seelen-Stadt durch eine Tafel am Rathaus zu ehren, hatte jedoch einen jahrelangen, sogar überregionale Wogen schlagenden Streit über den Wortlaut der Gedenkbotschaft durchzustehen. Zeitweise drohte selbst Fox-News-Moderator Bill O'Reilly an, einen Reisebus zu chartern, um Gadiels Version mit vereinten Kräften ans Rathaus zu bringen. Gadiel wünschte eigens den Hinweis »murdered by Muslim Extremists« unter den Namen seines Sohnes zu setzen. Andere fanden das überzogen; es gefährde das tolerante religiöse Miteinander im Städtchen. Jetzt, seit 2014*, werden auf dem endlich enthülltem Gedenkstein (des Kompromisses) »Islamist Extremists« gebrandmarkt, die James Gadiel und all die anderen teils nur »töteten«, teils aber auch »ermordeten«. Es lebe der Kentburgerstreich.

Leider sind die 9/11-Schurken, die Peter Gadiel so gut zu kennen glaubt, bis zur Stunde noch nicht enttarnt. Nebenbei soll Gadiel Anfang 2013 in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Vereinigung 9/11 Families For a Secure America erklärt haben, er besitze nach wie vor nicht die geringsten Überreste seines Sohnes und wisse auch sonst nichts von dessen letzten Lebensstunden; streng genommen muß James Gadiel somit als vermißt gelten, nicht als tot. Hier winkt ein Phänomen, das dem Vater und Vorsitzenden eigentlich zu denken geben sollte: Bis 2017 waren erst 60 Prozent der Todesopfer identifiziert; von über 1.000 Leichen fehlt bis heute jede Spur, wie sogar die Welt einräumt.** Selbst von den identifizierten waren oft nur winzige Partikel vorhanden. Schon dieser eine Gesichtspunkt des Anschlages macht die offizielle Version, die Türme seien durch Rammung und/oder Brand eingestürzt, sehr unwahrscheinlich. 2019 erhielten die »SkeptikerInnen« gewichtige Schützenhilfe von Fachleuten der Universität Alaska Fairbanks (UAF). Diese hätten in einer dicken Studie*** nachgewiesen, die offizielle Version, auch der dritte Turm, das nie von einem Flugzeug berührte WTC 7, sei durch Feuer eingestürzt, sei unhaltbar. Ihre Studie lasse vielmehr nur den Schluß zu, der Wolkenkratzer wurde gesprengt. Davon vernahm man natürlich in den Mainstream-Medien kein Wort – und jetzt brausen sie nur noch Corona.

Ein gewisser Hermann Göring hatte dereinst allen Repräsentanten des Guten geraten****, rechtzeitig für Bösewichter zu sorgen, die das Gute anzugreifen trachteten. Unter solcher Drohung lasse sich jedes Volk, ob es nun Stimmrecht besitze oder nicht, problemlos auf den Kurs seiner FührerInnen einschwören. »Diese Methode funktioniert in jedem Land.« Aber in den 1990er Jahren drohte den Repräsentanten des Guten eine empfindliche Lücke, weil mit »der Mauer« das damals so verläßliche und nützliche Reich des Bösen gefallen war. Also mußte, nach dem (angeblichen) Kommunismus, ein neues Feindbild her. Es ist heute als »Terrorismus« und »Islamismus« nur gar zu gut bekannt. Der 2012 gestorbene Autor Robert Kurz, wahrscheinlich ein Opfer sogenannter ärztlicher Kunstfehler bei einer Nieren-Operation, hatte bereits 1994 (in seinem Aufsatz Realisten und Fundamentalisten) den Verdacht, an diesem neuen Feindbild werde seitens westlicher Militärs und Geheimdienste schon seit einigen Jahren eifrig gezimmert. Wahrscheinlich verhält es sich hier wie mit den durch Drogen aufgeputschten Amokläufern oder den mit Dynamitstäben gespickten Freiheitskämpfern: Treten sie nicht naturwüchsig auf, muß man sie züchten, weil sie gar zu viele Vorteile bieten. Unter anderem bündeln sie den Haß an der richtigen falschen Stelle. Gegen diese Vorteile kommt der angebliche »emanzipatorische Ansatz« des Feindbildes, falls vorhanden, nie und nimmer an. Kurz dürfte der Ansicht gewesen sein, der Ansatz sei schon beim »Kommunismus« bestenfalls als Blinddarm vorhanden gewesen. Inzwischen hat sich das ganze Problem jedoch stark vereinfacht, weil der neue die Welt bedrohende Terrorist das Corona-Virus ist. An dem ist nun kein Schimmer Gutes mehr. Umso erbitterter muß man impfen.

* Susan Tuz, »Kent man to be remembered with 9/11 memorial«, NewsTimes (Danbury, Connecticut), 10. September 2014: https://www.newstimes.com/local/article/Kent-man-to-be-remembered-with-9-11-memorial-5746967.php
** Michael Remke, »Terror-Opfer 16 Jahre nach 9/11 identifiziert«, 9. August 2017: https://www.welt.de/vermischtes/article167512715/Terror-Opfer-16-Jahre-nach-9-11-identifiziert.html
*** »Hulsey-Studie«, 3. September 2019: http://ine.uaf.edu/media/222439/uaf_wtc7_draft_report_09-03-2019.pdf
**** Laut dem Psychologen und Dolmetscher Gustave M. Gilbert, Nürnberger Tagebuch, ursprünglich NYC 1947, zitiert in der Zeit 32/1986 [ http://www.zeit.de/1986/32/zeitmosaik ] nach der Fischer-TB-Ausgabe von 1985, S. 453




Gaetano, Rino 30 (1950–81), italienischer Liederma-cher, Autounfall. Die Klippen, die seine Lieder in harmo-nischer und melodischer Hinsicht vermissen ließen, versteckte er in ihren vorgeblich »leichten« Texten, die dadurch ironische, zuweilen sogar bittere Züge bekamen. Als Ironie, nämlich auf seine nette schlacksige Erschei-nung, konnte man auch die kehlige Ochsentreiberstimme des jungen Mannes aus Kalabrien auffassen, mit der er seine Lieder vortrug. Möglicherweise verleitete sie Tom Waits, der inzwischen schon erheblich älter als sein italienischer Kollege ist, zum Irrglauben, auch er selber, der Krächzer aus Kalifornien, habe das Zeug zu einer großen Bühnenkarriere.

Neben den Beatgruppen und Sängern wie Adriano Celentano und Bob Dylan schätzte Gaetano Beckett, Ionesco, Majakowski und spielte auch selber in Stücken von diesen mit. Er machte sich in Rom, wo er zur Schule gegangen war, einen Namen als Kabarettist und »Entertainer« und schaffte es bald nach seinem aus dem Alltagsleben gegriffenem Hit Ma il cielo è sempre più blu (Aber der Himmel wird immer blauer) von 1975 auch ins Fernsehen. Der Unterhaltungskünstler Gaetano nahm biedere Familienväter und glühende Anarchisten gleichermaßen für sich ein. Nach dem Schunkel-Preislied Aida (1977) legte er mit Nuntereggae più (1978) eine Satire auf die korrupte Elite seines Landes vor. Mit Gianna (wohl über Liebe und Ernüchterung) belegte er im selben Jahr den dritten Platz auf dem züchtigen San-Remo-Festival, auf dem damit erstmals das Wort »Sex« gefallen war.

Als er drei Jahre darauf in Rom verunglückte, saß der 30jährige Sänger und Komponist allein in seinem neuem silberfarbigem Volvo 343. Möglicherweise oder sogar wahrscheinlich durch Übermüdung, vielleicht auch durch einen Schwächeanfall (Autopsie) aus der Spur gekommen, prallte Gaetano in den frühen Morgenstunden des 2. Juni 1981 gegen einen Kleinbus oder Lastwagen, fiel ins Koma und starb noch am selben Tag. Der »gegnerische« Fahrer blieb offenbar am Leben, führen doch einige Quellen, darunter die italienische Wikipedia, Aussagen von ihm an. Von Verdachtsmomenten oder gar Anklagen gegen ihn ist nichts zu lesen – dafür umso mehr* von den üblichen Orakeln, der zugleich aufmüpfige wie erfolgreiche Künstler sei Opfer eines Anschlages geworden.

* »Der Tod eines 'Helden'«, Wiener Zeitung, 17. Juli 2013: https://www.wienerzeitung.at/meinung/blogs/musik-blogothek/562241-Der-Tod-eines-Helden.html



Gagarin, Juri 34 (1934–68), berühmter SU-Kosmonaut. Der 1,57 Meter große und 34 Jahre alte Oberst der Luft-waffe und »Held der Sowjetunion« stürzte am 27. März 1968 bei einem Testflug in einem Waldgebiet bei Wladimir, Zentralrußland, mit einer MiG-15 ab. Auch sein Co-Pilot Wladimir Serjogin (Jahrgang 1922) kam dabei um, was oft vernachlässigt wird; schließlich hatte nicht Serjogin am 12. April 1961 als erster Mensch in einem Weltraumschiff die Erde umrundet. Kosmonaut Gagarin soll als Flieger unerfahren gewesen sein. Der Absturz sei jedoch, schreibt Boris Reitschuster*, vor allem aufs Konto verschiedener Fahrlässigkeiten der Luftwaffe gegangen. Wie sich versteht, vermied es das Politbüro, diese Dinge an die große Glocke zu hängen. Gagarin sollte ein Held und die SU ein Überstaat bleiben. Um 2011 gelang es Gagarins Familie leicht verspätet, dem Umstand Rechnung zu tragen, daß sich der russische Wind inzwischen auf Kapitalismus gedreht hatte. Sie ließ sich nun die Rechte am Namen des »Helden der Sowjetunion« sichern. Experten, so Reitschuster, schätzten den Wert der Handelsmarke Juri Gagarin auf rund 25 Millionen Euro.

Wollte ich Gagarin leibhaftig Achtung erweisen, nicht nur schreibend, brauchte ich lediglich mit der Eisenbahn in meine Landeshauptstadt zu reisen.** Ich bin aber nicht sicher, ob das zur Stunde noch erlaubt wäre. Merkels und Ramelows Verordnungen überschlagen sich ja derzeit, man kommt kaum noch mit. Die genannte Strecke beträgt immerhin fast 40 Kilometer, vielleicht wäre das selbst gut maskiert schon zu viel. Gestern wollte ich die einzige hiesige Buchhandlung betreten – verboten. Ich darf nur noch von der verschneiten Vortreppe aus Bestellungen durch den Türspalt rufen. Sie haben Angst, ich stecke die Lagerbestände an. Selbst bezahlen darf ich noch durch den Türspalt – mit jenem Bargeld, das sie doch eigentlich abschaffen wollen, weil es so unhygienisch ist. Man wird schon von ziemlich merkwürdigen Zweibeinern regiert. Vielleicht haben unsere PolitikerInnen durchweg an üblen Jugenderlebnissen Marke Phineas Gage zu tragen.

* Boris Reitschuster, »Absturz einer Ikone«, Focus, 15. November
2013 ? (eher 12. April 2011): http://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/tid-21939/juri-gagarin-absturz-einer-ikone_aid_617345.html
** https://www.mdr.de/zeitreise-regio/staedte/erfurt/zeitreise-erfurt-juri-gagarin-denkmal100.html




Gage, Phineas 36 (1823–60), US-Gleisbauarbeiter, dem ein schnödes Stopfeisen »das vielleicht berühmteste Trauma der Medizingeschichte« einbrachte.* Die Sache trug sich im September des Jahres 1848 zu, als Gage erst 25 war. In der Nähe von Cavendish, Vermont, beim Gleisbau für die Rutland and Burlington Railroad eingesetzt, hatte er Bohrlöcher im Fels mit Schießpulver und anschließend mit Sand zu füllen. Dazu wurde jenes »Stopfeisen« benutzt: ein rund ein Meter langer Metallstab von drei Zentimeter Durchmesser und 6 Kilogramm Gewicht. Als Gage den Stab am Unglückstag versehentlich in ein Loch stieß, in dem der Sand noch fehlte, schlug der Stab Funken und wurde durch die Explosion des Schießpulvers raketenähnlich fortge-schleudert. Da war freilich Gages Schädel im Weg. Der Stab durchbohrte diesen vom linken Auge her in steiler schräger Bahn und flog noch dem Wiederaustritt noch 20 Meter weiter.

Obwohl der junge Gleisarbeiter durch die Attacke ungefähr »eine halbe Teetasse voll« an Gehirnmasse verloren hatte, büßte er erstaunlicherweise weder sein Leben noch auch nur sein Bewußtsein ein. Man schaffte ihn in den nächsten Gasthof und alarmierte die Ärzte, die Gage sogar mit Humor begrüßt haben soll. Das wildgewordene Stopfeisen hatte ihm zunächst »nur« das linke Augenlicht geraubt. Der Wundkanal heilte mit der Zeit. Nach verschiedenen Zurschaustellungen des sensationellen Pechvogels (und seines Stopfeisens) soll Gage sogar wieder auf herkömmliche Weise erwerbstätig gewesen sein, dieses Mal als Postkutscher in Chile. Allerdings war eine unvorteilhafte Veränderung von Gages Persönlichkeit zu beklagen: er sei »ungeduldig, leicht erregbar, vulgär« geworden. Das habe sich allmählich wieder gemildert, vielleicht wegen seiner »Integration« ins gesellschaftliche Leben. Doch dafür suchten ihn zuletzt epileptische Anfälle heim, die sich rasch verstärkten. Daran starb er rund 12 Jahre nach dem makaberem Unfall, wahrscheinlich knapp 37 Jahre alt, in San Francisco, Kalifornien, wo ihn seine Mutter aufgenommen hatte. Anschließend machten sich die Forscher über sein Hirn her. Wie sich versteht, war jene halbe Teetasse voll, die er verloren hatte, in den nächsten Jahrzehnten für die Ausfüllung zahlreicher Zeitschriften- und Buchseiten gut.

* Ronald D. Gerste, »Das Bildnis des Phineas Gage«, Neue Zürcher Zeitung, 9. September 2009: http://www.nzz.ch/das-bildnis-des-phineas-gage-1.3522069



Gähler, Markus 31 (1966–97), schweizer Skispringer, stirbt als Feuerwehrmann. Möglicherweise hatte er dem Flieger Gagarin zumindest im uniformierten Nebenberuf einen sinnvollen Mut voraus. Im Mai 1997, rund fünf Jahre nach seinem Rücktritt als aktiver Halsbrecher-Sportler und inzwischen 31, wurde Gähler bei einem Wohnhaus-brand in Walzenhausen (AR) als eingesetzter Feuerwehr-mann von einer einstürzenden Zimmerdecke begraben. Laut Rolf Niederer, Lutzenberg*, hatte der gelernte Schreiner Gähler »bereits als Kindergärtler einen in den Feuerweiher im Weiler Haufen gefallenen Kameraden vor dem Ertrinken« gerettet.

* »Markus Gähler, Lutzenberg 1966–1997«, Appenzellische Jahr-bücher, Band 125 (1997): https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=ajb-001:1997:125::327



Fortsetzung Gai—Gog
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