Donnerstag, 30. September 2021
LdF Folge Eh—Fisch

Elizalde, Valentín 27 (1979–2006), drogenfeindlicher Sänger, beseitigt. Wer sich in Mexiko auf musikalischem Wege gegen die Drogenkartelle stellt, lebt ähnlich gefährlich wie der entsprechende kritische Journalist. Elizalde, auch als »Gallo de Oro« (Goldener Hahn) bekannt, wurde im November 2006 nach einem Konzert in Reynosa niedergeschossen, einer Grenzstadt zu Texas. Der Angriff auf den Lastwagen des zu wenig kleinlauten »Hahns« und seiner BegleiterInnen erfolgte mit automatischen Waffen aus zwei schwarzen Chevrolets heraus. Im ganzen blieben drei oder vier Tote auf der Strecke. Angeblich fanden die Spurensucher mehr als 70 Projektile. Allein Elizalde, 27 Jahre alt, war 28 mal getroffen worden. Der Frauenschwarm hatte mit seiner Gattin Camila Valencia sechs Kinder. Der Washington Post zufolge* krönten die Feinde Elizaldes – welche, ist ungeklärt – ihre Schadenfreude ganz im Sinne postmo-derner Gläsernheit durch ein Internet-Video mit Bildern des Übergriffs und sogar der amtlichen Obduktion des blutüberströmten, nur mit Cowboystiefeln bekleideten Leichnams Elizaldes. Die Drogenkartelle nutzten das Internet ohnehin schon exzessiv zu Propaganda- und Aufmarschzwecken, behauptet das Blatt. Einige andere Quellen versichern, ein besonderer Dorn im Auge (oder Ohr) der Attentäter sei der Corrido »A Mis Enemigos« gewesen.** Na, das wundert mich nicht …

* Manuel Roig-Franzia, »Mexican Drug Cartels Leave a Bloody Trail on YouTube«, 9. April 2007
** https://www.youtube.com/watch?v=iKGohmr_FBE




El-Sherbini, Marwa 31 (1977–2009). Die muslimische Ägypterin wurde 2009 während einer Gerichtsverhand-lung in Dresden, bei der sie Zeugin war, vom Angeklagten Alex W. erstochen. Der aus Rußland stammende erklärte Ausländerfeind, vielleicht ein Fan von Eggers-Liedern, hatte sie früher (auf einem Kinderspielplatz) »nur« beschimpft und beleidigt. Sein Rassismus wurde in der deutschen Presse zunächst weitgehend übergangen. Befremdlich zudem, daß er seinem Opfer im Gerichtssaal sage und schreibe 16 Messerstiche beibringen konnte, bevor ihn »Sicherheitskräfte« überwältigten.* Er bekam später Lebenslänglich. El-Sherbini, von Hause aus Pharmazeutin und Handballerin und seit 2005 in Deutschland ansässig, hinterließ ihren vom Täter und einem Polizisten schwerverletzten Ehemann und den gemeinsamen dreijährigen Sohn. Beide waren Zeuge der Bluttat gewesen. Der Ehemann, ein Chemiker, hatte versucht El-Sherbini beizustehen. Während das Gericht tatenlos zusah, hatte der Polizist auf den Ehemann gefeuert, weil er ihn angeblich für den Angreifer hielt.* Ein Verfahren gegen den Schützen wurde eingestellt. Die ägyptische Verwandtschaft, die sich um die Hinterblie-benen kümmerte, fragt sich bis heute, wie trotz dem Gericht bekannter Morddrohungen ein 18 Zentimeter langes Messer in den Gerichtssaal kommen konnte.**

* Andrea Dernbach, »Marwa el-Sherbini wurde ermordet, weil sie ein Kopftuch trug«, Tagesspiegel, 1. Juli 2019: https://www.tagesspiegel.de/politik/jahrestag-der-islamophoben-tat-in-dresden-marwa-el-sherbini-wurde-ermordet-weil-sie-ein-kopftuch-trug/24510176.html
** Elif Zehra Kandemir, »Meine Schwester Marwa hatte dem Ange-klagten vergeben«, IslamiQ, 1. Juli 2020: https://www.islamiq.de/2020/07/01/meine-schwester-marwa-hatte-dem-angeklagten-vergeben/




El Touni, Khadr Sayed 39 (1916–56), ägyptischer Gewichtheber. Dieser Mann hatte womöglich gar keine Feinde – nur Gegner. Dazu zählte zuletzt auch die häus-liche Elektrizität. Als überaus erfolgreicher Mittelgewicht-ler (zahlreiche Weltrekorde und Turniersiege, darunter »Goldmedaille« in Berlin 1936 vor zwei deutschen Stemmern, wie Adolf Hitler zerknirscht mitansehen mußte) hatte sich El Touni nach seinem 1951/52 erfolgtem Rücktritt ein Haus in der nahe Kairo gelegenen Großstadt Helwan erbaut, das er mit seiner Frau Gamalat bezog und hurtig mit weiteren Sprößlingen bevölkerte. Ab 1953 soll er bei der Polizei gearbeitet haben. Als El Touni Kind Nr. 8 gemacht und gefeiert hatte, konnte aber selbst seine neue Berufstätigkeit den angedeuteten tödlichen Stromschlag nicht verhüten, der ihn nach verschiedenen Quellen mit knapp 40 Jahren beim üblichem Versuch traf, eine Leitung oder Steckdose zu reparieren. Die arabische Wikipedia weiß es sogar genau: es habe sich um die Beleuchtung im Kinderzimmer gehandelt.* Aber in welchem? Bei acht Kindern?

Hat sich ein verzärtelter Mensch in ein Rockkonzert ver-irrt, signalisieren ihm die auf der Bühne emporragenden Verstärkertürme eigentlich schon, bevor es richtig losgeht, daß er es mit einigen Gewalttätern zu tun haben wird. Im Falle der von Maggi Bell (Sängerin) und Leslie Harvey (Gitarrist) 1969 aus der Taufe gehobenen britischen Bluesrockband Stone the Crows war sogar das weibliche Element mitvertreten. 1971, mit dem drittem Album Teenage Licks, kam der Durchbruch. Künftig sorgte die Band bei verschiedenen Rockfestivals für volle Säle. Aber nicht mehr lange. Bekanntlich wendet sich die Gewalt nur zu gern gegen ihre AusüberInnen, Maggis Vorbild Janis >Joplin hatte es ja auch schon erfahren. Als die Band am 3. Mai 1972 im Top Rank Ballroom, Swansea, Wales, Soundcheck für ihren dort bevorstehenden Auftritt machte, wurde Gitarrist Leslie Harvey (1944–72) sozu-sagen jäh elektrisiert, als er mit schweißnasser Hand einen ungeerdeten Mikrophonständer berührte. Der 27jährige starb am selben Tag im Krankenhaus an den Folgen dieses Schlages, den ihm das Schicksal verpaßt hatte. Im näch-sten Jahr segneten auch Stone the Crows das Zeitliche. Der Gruppenname bediente sich einer Redewendung, die Verblüffung oder Verärgerung ausdrücken kann, etwa im Sinne von »Was du nicht sagst!« oder »Teufel nochmal!«.

Ein ähnliches Schicksal wie Harvey ereilte wenig später einen Landsmann und Kollegen: Keith Relf (1943–76), bis 1968 Sänger der Yardbirds, zuletzt in der Bluesrockband Armageddon tätig. Der 33jährige, angeblich schon seit längerem unter Asthma und Ähnlichem leidend, wurde im Mai 1976 in seinem Londoner Übungskeller das Opfer seiner ungeerdeten Elektrogitarre beziehungsweise seines ungeerdeten Verstärkers beziehungsweise des mutwillig (durch den Bandnamen) heraufbeschworenen »Jüngsten Gerichts«. Möglicherweise atmete da der eine oder andere Zeitgenosse auf, der über oder neben dem Übungskeller wohnte.

* https://ar.wikipedia.org/wiki/%D8%AE%D8%B6%D8%B1_%D8%A7%D9%84%D8%AA%D9%88%D9%86%D9%8A



Engelmann, Michael 37 (1928–66), erfolgreicher Grafiker, in Nordamerika und Mitteleuropa tätig, zuletzt in Deutschland, wo er auch umkam. Engelmann war gleich-sam schwarz-weiß gestrickt; er liebte den Kontrast, das Minimale, das Pure, wie man auch sagen könnte. In der Tat trug seine Werbekampagne (ab 1955) für eine angeb-lich »naturreine« schwarze Zigarette nicht unerheblich zu seinem Ruhm bei: es war die Roth-Händle.* Vor diesem Hintergrund betrachtet, wäre es vielleicht anständig von Engelmann gewesen, an Lungenkrebs zu sterben, aber dazu wurde er wahrscheinlich nicht alt genug. Vielmehr kam er, zwei Jahre nach seiner documenta-Teilnahme und mit knapp 38, in Düsseldorf »durch einen Verkehrsunfall« um. So steht es jedenfalls in der leider immer maßgeb-licheren (deutschen) Wikipedia. Dagegen ist in einer Fachpublikation von 2004 unumwunden von Engelmanns »Freitod« am 24. Januar 1966 die Rede.** Aus Künstlerkreisen verlautet, Engelmann sei in ein Auto gelaufen. Einzelheiten sind anscheinend nicht bekannt. Engelmanns Neigung zur Depression sei aber damals unter Kollegen ein offenes Geheimnis gewesen. Er habe sich auch zeitweise in Behandlung befunden. Wahrscheinlich sei seine Verzweiflung damals noch durch die Ablehnung seines Antrages auf die deutsche Staatsbürgerschaft verstärkt worden. Engelmanns Tochter Natascha habe allerdings, im Gegensatz zu ihrer Mutter Echo, stets die Version vom »Unfall« vertreten. Offenbar bot das Geschehen Spielraum für Interpretation.

* http://www.posterpage.ch/div/news/n040804/n040804.htm
** Bettina Richter (Hrsg), Michael Engelmann, Poster Collection 10 des Züricher Museums für Gestaltung, mit Beiträgen von Anita Kühnel und Felix Studinka, Lars Müller Publishers 2004




Enke, Robert 32 (1977–2009), deutscher Fußballtor-hüter. Als sich der Sohn eines sportbegeisterten Psycho-therapeuten im November 2009 mitten in einer zwar bewegten, im ganzen jedoch sehr erfolgreichen Karriere als professioneller, 1,86 messender Fußballtorhüter an einem Bahnübergang in Niedersachsen vor einen Zug warf, löste er nahezu eine Staatskrise aus. Für den Augenblick war die Nation vor Entsetzen gelähmt. Natürlich nicht aus Mitgefühl für die Zuginsassen, LokführerIn voran. Vielmehr hatte die Nation nicht nur einen wichtigen Wirtschaftskapitän verloren, wie etwa im Falle des Industriellen Adolf Merckle, der sich ein knappes Jahr vor dem Startorwart auf dieselbe soziale Weise das Leben nahm. Vielmehr hatte sie den publikumswirksamen und einschaltquotenmagnetischen Hüter der häuslichen Heimatfront verloren. Die außerhäusliche lag damals in Afghanistan.

Am nächsten Tag nahmen 35.000 Menschen an einem Trauermarsch, vier Tage später 40.000 an einer Trauerfeier im Stadion des Bundesligisten Hannover 96 teil, für den der Thüringer Enke zuletzt zwischen den Pfosten gestanden hatte. Er war beliebt gewesen. Und wenn er in den zurückliegenden Jahren wiederholt mit »Depressionen« zu kämpfen hatte, wie nun von den Angehörigen eingeräumt wurde, hatte er dies den Fans und Managern, denen er seine gehobene Lebensführung verdankte, verständlicherweise nicht auf die Nase gebunden. Da war dann eher von »Infektionen« die Rede gewesen. Dabei hatte Enke, mit seiner Frau Teresa, nicht nur den Gram um eine schwerkranke und nach zwei Jahren verstorbene Tochter zu tragen; vielmehr fiel es ihm offenbar grundsätzlich schwer, das Hauen und Stechen um Ehre, Geld und das berüchtigte Nummer-1-Podest in der Fußballnationalmannschaft als Deckchensticken zu begreifen. Sein Vater Dirk sagt dem Spiegel*, Gesprächs-angebote habe Robert wiederholt ausgeschlagen. Für ihn, den Vater und Seelenfachmann, ist die Angst der wesentliche Nährboden von Roberts Depressionen gewesen. Der Sohn habe bereits als jugendlicher Fußballer immer wieder Angst davor gehabt zu versagen, also den Ansprüchen der Kameraden, Trainer, Bewunderer, die man sich bekanntlich auch selber gern zu eigen macht, nicht zu genügen. Zwar habe Robert in jüngster Zeit einen Klinikaufenthalt erwogen – aber auch davor habe er sich gefürchtet. Zum einen nahm er wohl nicht zu unrecht an, damit wäre der schöne runde Ball, der die Rubel oder Dollars gezielt in wenige Taschen rollen läßt, für ihn garantiert im Aus gewesen. Und zum anderen, deutet der Vater an, dürfte Robert den Blick auf die Wurzeln seiner Angst, seine wunden Stellen, seine »Schwäche« befürchtet haben. Schließlich stehen zwischen den Pfosten ausschließlich Helden.

Dem baumlangem australischem Abwehrspieler Tyler Simpson (1985–2011), zuletzt bei den Blacktown City Demons unter Vertrag, war es nicht gelungen, in der Ersten Liga Fuß zu fassen. Auch ein Versuch, sein Glück in Europa zu machen, scheiterte. Zwar zählte er beim Zweitligameister der Jahre 2007 und 2015 Blacktown (ein Vorort von Sydney) zu den sogenannten Leistungsträgern, aber wie es aussieht, genügte ihm das nicht. Im Mai 2011 brachte sich der 25jährige um. Wie der frühere Erstligastar Chad Gibson, der Simpson kannte und schätzte, in einem Blog-Beitrag** durchblicken ließ, waren es auch in diesem Fall vor allem die »Dämonen« des Ruhmstrebens, die den oft fröhlichen Hünen in den Tod geritten hatten – nicht etwa Liebeskummer oder Krebs. Die Krankheit heißt mindestens Karrierismus.

Enkes Frau Teresa setzt sich inzwischen in der neuge-gründeten Robert-Enke-Stiftung unermüdlich gegen »Depressionen im Spitzensport« ein. Gegen den Spitzen-sport, wäre vielleicht zuviel verlangt. Aber sie könnte bei ihren Beratungen selbstmordgefährdeter Schwerverdie-nerInnen immerhin Bahnübergänge, Autobahnbrücken und dergleichen Tummelplätze zu »Tabuzonen« erklären, Engelmanns Wirkungsort Düsseldorf eingeschlossen. Eine entsprechende Aufklärung läßt nebenbei auch der Psychotherapeut Dirk Enke vermissen, falls ich sie nicht übersehen habe. Zudem könnte Schwiegertochter Teresa vielleicht empfehlen, einmal über Javi Poves' Schritt nachzudenken. Der damals 24jährige Nachwuchsstar des spanischen Erstligisten Sporting de Gijon reichte 2011, wenige Wochen nach Simpsons Selbstmord, seinen Abschied ein. Er soll schon immer ein kritisch gestimmter Kopf und Gegner des Kapitalismus gewesen sein. Jetzt gedenke er zu studieren und die Realitäten solcher Konfliktherde wie dem Nahen Osten mit eigenen Augen zu erkunden. Da hat er freilich ebenfalls gute Chancen umzukommen. Laut dpa-Meldung vom August 2011 nannte Poves den Fußballbetrieb einen nicht unerheb-lichen Bestandteil der »Welt der Täuschung«, in der wir lebten. Von der Habgier und der Korruption einmal abgesehen, sei der ganze Zirkus darauf angelegt, die Menschen von ihren eigentlichen Sorgen und Bedürfnissen abzulenken. Brot & Spiele eben, wie seit altersher. Obwohl man neuerdings eher sagen müßte, Brot & Viren.

* »Er war in den eigenen Ansprüchen gefangen«, 14. November 2009: https://www.spiegel.de/sport/fussball/robert-enkes-vater-er-war-in-den-eigenen-anspruechen-gefangen-a-661239.html
** »The Superman Effect«, Football Federation Australia, 11. April 2012: http://www.footballaustralia.com.au/gibson-opinion-display/The-Superman-Effect/46818




Epple, Richard 17 (1954–72), Opfer der RAF-Hysterie. Der 17jährige Landmaschinenmechaniker-Lehrling und Autofahrer fiel am Abend des 1. März 1972 in Tübingen, der Hochburg »roter« Studenten, einer Polizeistreife auf. Da er keinen Führerschein besaß und zudem betrunken war, floh er überland, wobei er zwei Polizeisperren durchbrach und Menschen gefährdete. Schließlich wurde er durch die Heckscheibe seines nicht zugelassenen Ford Taunus 12 M von einem jungem, nie namentlich genanntem Polizeibeamten erschossen, der sich einige Jahre später, wohl aus Gewissensnot, umbrachte.* Die Ordnungshüter-Innen versicherten, sie hätten den Flüchtigen für ein RAF-Mitglied gehalten – ein tödlicher Irrtum. Der Schießbefehl war von der Einsatzleitung gekommen. Niemand wurde vor Gericht gestellt. Epple zählt zu den Opfern der damals geschürten Terroristen-Hysterie. Seinem 20jährigem Bruder Erich war am Ort des »Unfalls« von Polizisten aufgetragen worden, den Vorfall zu Hause zu melden. 30 Jahre später erklärt Erich Epple im Gespräch mit dem Schwäbischen Tagblatt*, niemand von der Polizei sei jemals bei seiner Mutter gewesen, um ihr zu sagen: »Wir haben Ihren Buben erschossen, es tut uns leid.«

* »Thema der Woche: Richard Epple«, 1. März 2002: https://web.archive.org/web/20100125152400/https://www.tagblatt.de/Home/nachrichten_artikel,Thema_Der_Woche_arid,75635.html



Erdost, İlhan 35 (1944–80), türkischer Publizist und Verleger, kurz nach einem Militärputsch verhaftet und im Mamak-Gefängnis, Ankara, beim Marsch in die Zelle zu Tode mißhandelt. Er starb am 7. November 1980, knapp 36 Jahre alt. Offenbar hatte sein Vergehen darin bestanden, marxistische Texte zu veröffentlichen, voran eine Übersetzung von Friedrich Engels Dialektik der Natur. Mehrere Täter sollen zu längeren Haftstrafen verurteilt worden sein, während man den damals befehlshabenden Unteroffizier (1987) mit lediglich sechs Monaten bedient habe. Die Ahndung im ganzen stelle aber schon eine rühmliche Ausnahme dar. Laut einer Statistik der Zeitung Cumhuriyet seien nach dem Putsch mindestens 171 Menschen durch Folterung umgekommen, teilt Jan Keetman mit.* Erdosts älterer Bruder Muzaffer, der damals ebenfalls verhaftet und verprügelt worden war, nannte sich später ihm zu Ehren Muzaffer İlhan Erdost. Der Schriftsteller starb erst kürzlich, Anfang 2020, nach langer Krankheit, mit 87 Jahren.** Die türkische Justiz hatte ihn unter anderem mit einigen Gefängnisstrafen und dem Verbot eines Buches beglückt. Er war auch in der Rechtshilfe aktiv gewesen.

* »Deutsche Waffenexporte in die Türkei«, in: Freispruch, Heft 12, März 2018, hier bei https://www.strafverteidigertag.de/freispruch/texte/keetman_h12_waffen.html
** »Muzaffer İlhan Erdost yaşamını yitirdi«, Cumhuriyet, 25. Februar 2020: https://www.cumhuriyet.com.tr/haber/muzaffer-ilhan-erdost-yasamini-yitirdi-1723275




Erlanger, Carlo von 31 (1872–1904), Ornithologe und Afrikaerforscher – kommt in Salzburg um. Der Junge hatte sich bereits im Park der elterlichen Villa Carolina für die Vögel erwärmt. Vater Wilhelm, Jurist aus einer Frankfurter Bankiersfamilie, auch Jägersmann, hatte sich im nahen Ingelheim (bei Mainz) niedergelassen, wo er durch fleißige Ankäufe zum größten Grundbesitzer des Rhein- und Weinstädtchens geworden war.* Den Sohn drängte es nach Studium und Militärzeit (Leutnant der Reserve) in die Ferne. Damit hatte er gute Aussichten, in Afrika zu sterben, doch überstand er nicht weniger als drei Expeditionen, die ihn zuletzt bis zum Äquator (in Somalia) geführt hatten, unbeschadet – um einen Tag vor seinem 32. Geburtstag in Salzburg durch einen Autounfall umzukommen. Die Sache ging durch die Wiener und Ingelheimer Presse, weil der junge Baron von Erlanger als Naturforscher einige Veröffentlichungen und Sammlungen sowie einen in Berlin stattgefundenen Gedankenaustausch mit dem Kaiser vorzuweisen hatte: dort hatten sich beide Herren 1902 auf der Deutschen Geweihausstellung getroffen. In Salzburg saß Von Erlanger zwei Jahre darauf, am 4. September 1904, neben seinem chauffierendem Vetter in einem Automobil, das in einer Kurve am Hotel Kaiserin Elisabeth mit einer »Tramway« zusammenstieß. Besonders die Ingelheimer Presse unterstrich nur zu gern die Behauptung des Vetters, der Lokomotivführer der gemeingefährlichen Dampfstraßenbahn habe es versäumt, »das an dieser Stelle unbedingt notwendige Glocken-zeichen« zu geben. Die »Tramway« fuhr dem Baron so heftig in die Seite, daß er noch am Unglückstag verstarb. Wohl hätte dessen Erzeuger kaum finanzielle Gründe gehabt, einen Rechtsstreit zu fürchten, zumal er ja Jurist war, aber davon ist in den Quellen nicht die Rede. Der verstorbene Filius kam unter beträchtlicher Anteilnahme in die Ingelheimer Familiengruft.

* Angelika Schulz-Parthu: Carlo von Erlanger, Ingelheim 2004, bes. S. 4 und 24



Ermarth, Fritz 38 (1909–48), Politiker. Obwohl Ermarth ein interessanter Fall ist, wie ich finde, läßt die Quellenlage viel zu wünschen übrig, nimmt man einmal spärliche Hinweise auf Wolfgang Schivelbuschs verdienst-vollen FAZ-Aufsatz* aus, der im Internet allerdings nicht aufrufbar ist. Weitere wichtige Aufschlüsse verdanke ich Auskünften, die mir 2014/15 freundlicherweise Hans Michael Ermarth, damals um 70, aus den USA per Email gab. Er ist Ermarths jüngster Sohn.

In einigen fragwürdigen Quellen heißt es, der damals ebenfalls noch junge Ermarth senior sei 1933 ins nord-amerikanische Exil gegangen, weil er der SPD angehört und an den Unis Reden gegen die Nazis geschwungen habe. In der Tat erzählte das Ermarth selber auch dem FBI – nur finden sich dafür laut Schivelbusch im Nachlaß des Emigranten keine Belege. Es klingt ohnehin ziemlich unwahrscheinlich, wenn man Ermarths wissenschaftliche Veröffentlichungen aus der Weimarer Zeit bedenkt. Der glänzende Jurastudent hatte nicht ohne Sympathien über die Wirtschafts- und Sozialpolitik des italienischen Faschismus promoviert und trat auch in der Folge für den starken Staat ein, der die Interessensgegensätze im Griff hält. Er veröffentlichte unter anderem Artikel in der italienischen faschistischen Elitezeitschrift Gerarchia. Weit davon entfernt, Rebell zu sein, also das Aufbegehren von unten zu verkörpern, verehrte er Männer wie den Prinzen Max von Baden, der 1918 kurzzeitig kaiserlicher Reichskanzler gewesen war. Man hatte diesen adligen Herrn übrigens streckenweise im Verdacht, seinen Bewunderer Fritz Ermarth sogar gezeugt zu haben. Aber auch das ist schon deshalb unwahrscheinlich, weil der Prinz schwul gestimmt war und sich seine offiziellen Kinder nur aus Gründen der Karriere und der Staatsräson (mit Hilfe seiner »Gattin« Maria-Luise von Hannover-Cumberland) abgerungen hatte.

Fritz Ermarth kam fünf Jahre vor »Kriegsausbruch« als uneheliches Kind der damals 27jährigen Karlsruher Bühnenschauspielerin Melanie Ermarth zur Welt. Diese 1881 geborene Tochter eines Münchener Schauspielers war von 1904 bis 1935 am Karlsruher Hof-, später Landesthe-ater engagiert und im übrigen zeitlebens ledig. 1948 würdigt Staatsschauspieler und Dramaturg Felix Baumbach die Leistungen Melanie Ermarths am Theater in einem kleinen Nachruf** und schreibt zu den Todesumständen lediglich das folgende. »Der Heimgang dieser bedeutsamen künstlerischen Persönlichkeit ist von Tragik umwittert. Frau Ermarth verlor ihren einzigen Sohn. Mit großen idealistischen Plänen war Dr. Fritz Ermarth aus der Emigration zurückgekehrt. Sie sollten sich nicht erfüllen. Der hochbegabte, zukunftsreiche Sohn schied jäh aus dem Leben, und die Mutter, für deren alternde Tage dieser Sohn alles bedeutete, versank in ausweglos erscheinender Nacht.«

Den Vater erwähnt Baumbach nicht. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um einen Major namens Johann Gottlieb Fritz Steindamm, wie laut Schivelbusch in einem 1938 ausgestellten Ahnenpaß zu lesen ist. Doch wer auch immer, er dürfte der einzige Mann oder Liebhaber im Leben der beifallsgewohnten Schauspielerin Ermarth geblieben sein. Vielleicht machte sie sich ja gar nichts aus Männern. Ihren schlanken und schmalgesichtigen Sohn mit den energisch zurückgekämmten dunklen Haaren freilich ausgenommen. Der war nach seiner Promotion als Rechtsreferendar im badischem Justizdienst angestellt, doch schon ein Jahr darauf, 1933, als »politisch unzuverlässig« wieder entlassen worden, worauf er, wie schon angedeutet, seine akademische Karriere in den USA fortsetzte. Allerdings kehrt er während der Zeit des deutschen Faschismus wiederholt in seine Heimat zurück, um vor allem seine Mutter zu besuchen. Und dabei bleibt er dem roten Bären zum Trotz, den er dem FBI aufband, unbehelligt. Ermarths Verhältnis zu seiner Mutter, stolze Besitzerin eines BMW-Cabriolets, soll ungewöhnlich eng gewesen sein – zuweilen, bei gemeinsamen Reisen, bis ins selbe Hotelzimmer hinein. Jedenfalls ist anzunehmen, daß sie auf ihn noch mehr als auf ihr Auto gab.

Was Melanie Ermarth von der Heirat (1935) ihres Sohnes mit der US-Bürgerin Margareth hielt, einer Historikerin, ist mir nicht bekannt. Es scheint echte Liebe gewesen zu sein. Dafür wird Fritz Ermarths Verhältnis zu seinem Gastland zunehmend gestört. Man glaubt behördlicher-seits etliche Anhaltspunkte über Ermarths Nähe zu den Nazis zu haben, darunter geopolitische Erwägungen in Veröffentlichungen, undurchsichtige Konsulatskontakte und eine aufwendige Weltreise, von der niemand weiß, wie er sie finanzierte. Zudem ist sein nordamerikanischer Schwager, der NS-Sympathisant Edward Sittler, im Berliner Propagandaministerium angestellt. Aus diesen Gründen verliert Ermarth 1939 seinen Posten an der University of Oklahoma in Norman. Schon dieser Posten hatte übrigens einen »Abstieg« für den inzwischen doppelten Doktor bedeutet, der vorher, an der Ostküste, mehrere prominente Forschungs- und Lehraufträge genossen hatte. Nun sieht sich Ermarth in Deutschland nach Stellen um, wird erstaunlicherweise nicht zur Wehrmacht eingezogen, erhält im Gegenteil eine Ausreisegenehmigung. Ab 1940 lebt er, als mehr oder weniger Verfemter, mit Margareth und auf deren Kosten (sie ist zu jener Zeit als Lektorin berufstätig) in Chicago. Die beiden Söhne Fritz und Hans Michael werden 1941 und 1944 geboren. Fritz junior wird später – in einer Art reuevollem Wiedergutmachungsdrang, wie man unken könnte – für Jahrzehnte Mitarbeiter (»Analysist«) in meinem weltweiten Lieblingsverein CIA.

Soweit Schivelbusch in sie Einblick gibt, deuten Fritz Ermarths geopolitische Erwägungen einen »machtbe-wußten«, man könnte auch sagen, in die Macht verliebten, ja sogar größenwahnsinnigen Zug an, der auch aus manchen Äußerungen seiner privaten Briefe sprechen soll. Jedenfalls dürften Ermarths Sympathien für imperiale und faschistische Lösungen kein Zufall gewesen, vielmehr seiner »Natur« entsprossen sein – über die wir leider, trotz Schivelbuschs Arbeit, wenig wissen. Unter anderem liegt Ermarths Jugend bislang so gut wie im Dunkeln. Einmal bemerkt Schivelbusch zu Ermarths Naturell, offenbar sei er in politischer wie moralischer Hinsicht gleichermaßen »impassible«, was wohl gefühl- und rücksichtslos heißen soll. Möglicherweise hat es auch nur zu bedeuten, Ermarth habe sich nie lange geziert, oder Ermarth habe Sentimentalität verabscheut. Nur auf seine Heimat läßt Ermarth nichts kommen. Zwar spricht er sich inzwischen für den Kriegseintritt der USA aus, doch er bleibt strenger deutscher Patriot, weil er zwischen Nation und Nazis unterscheidet. Nur die letzteren müssen weg. Ermarth übersteht verschiedene Inhaftierungen (»feindlicher Ausländer«) recht glimpflich und wird, zurückgekehrt, 1946/47 erstaunlicherweise von den US-Besatzern beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart angestellt – zunächst als Redakteur, dann sogar als Direktor, wie die aktuelle SWR-Webseite bestätigt.***

Ermarth tritt nun als »entschiedener Anhänger der liberalen Demokratie und Vertreter eines christlichen Humanismus« auf, so Schivelbusch. Ähnlich äußert sich Stefan Kursawe****, wenn er Ermarth bescheinigt, er habe in seinen Kommentaren eine »deutliche Frontstellung gegen den Nationalsozialismus« bezogen, sich für »Säuberung« (Entnazifierung) eingesetzt und »die amerikanische Demokratie« hochgehalten. Gleichwohl fällt der frischgebackene Rundfunk-Intendant Ermarth schon im Herbst 1947 bei der Militärbehörde wieder in Ungnade: am 7. November muß er seinen Hut nehmen. Die SWR-Webseite führt als Grund an, Ermarth habe auf der Einstellung nazistisch »belasteter« Journalisten bestanden. Schivelbusch zieht dagegen die allgemeinere Formulierung vor, Ermarth sei nicht bereit gewesen, seinem Patriotismus abzuschwören und sich als Sprachrohr der Besatzungsmacht zu verstehen.

Nach diesem Rauswurf wechselt Ermarth ins Stuttgarter Wirtschaftsministerium, was Schivelbusch merkwürdiger-weise gar nicht mehr erwähnt. Immerhin handelt es sich dabei um Ermarths letzte, nur kurzlebige und sicherlich sehr unbefriedigende Arbeitsstelle. Was seine dortigen Aufgaben waren, ist mir nicht bekannt, doch es liegt auf der Hand, daß man ihn nicht gerade auf den Posten eines Staatssekretärs hievte. Vielleicht war er Pressesprecher oder Archivleiter. Er selber wie auch seine im nahen Karls-ruhe lebende Mutter hätten Fritz Ermarth vermutlich, früher oder später, viel lieber als Minister in Bonn oder wenigstens als Chef einer neuen Partei gesehen. Zwar hatte Ermarth kürzlich eine sogenannte »Arbeitsgemeinschaft für die deutsche Einheit« ins Leben gerufen, doch wie der Spiegel nach Ermarths Tod schadenfroh mitzuteilen wußte*****, sei er auf deren jüngster Tagung »der einzige Besucher« gewesen. Grundsätzlicher gesagt, dürfte sich der aus Übersee heimgekehrte Enddreißiger an der Jahreswende 1947/48 in beruflich-politischer Hinsicht als hoffnungslos Schiffbrüchiger gefühlt haben. Da er mit seinen Vermittlungsversuchen zwischen verschiedenen Staatsdoktrinen gescheitert war, winkten auch keine prestigeträchtigen wissenschaftlichen Entdeckungen auf akademischem Felde mehr. Gleichwohl hätte Ermarths in dieser Hinsicht vermutlich stark enttäuschter Ehrgeiz wahrscheinlich nicht allein für den Entschluß ausgereicht, sich umzubringen, wie es dann im Sommer geschah. Hinzu kamen Verwicklungen »im persönlichen Bereich« – die nun wiederum für die SWR-Webseite ausschließlich für Ermarths krassen Schritt (aus dem Leben) verantwortlich gewesen sein sollen. Wahrer dürfte sein, daß wieder einmal alles zusammengekommen war.

Schivelbusch scheint nicht schief zu liegen, wenn er seinen Gegenstand beiläufig als »notorischen Frauenliebling« bezeichnet. Sohn Michael verrät, seine Mutter Margareth habe während der im ganzen mehrjährigen Abwesenheit ihres Gatten gern über dessen 4-F-Club gewitzelt, nämlich über die »Former Female Friends of Fritz«, wobei sie allerdings wahrscheinlich eher verzweifelt als belustigt gewesen sei. Zu diesem Club zählte auch Ermarths »Braut« (Verlobte) Lotte Planitz, eine Musikstudentin und Rebellin aus wohlhabendem rheinischem Hause, die er eigentlich um 1933 in die USA nachzuholen gedachte, dann aber rasch aus den Augen und dem Sinn verlor, wie Schivelbusch schreibt. Kaum wieder (auf Reisen) in Deutschland, flammte die alte Leidenschaft zwischen den beiden freilich erneut auf. Begleiterscheinung dessen war die Geburt von Goetz-Dieter im Frühjahr 1940. Fritz Ermarth erklärte die Vaterschaft, wozu er sogar das Einverständnis seiner Strohwitwe Margareth aus Chicago erringen konnte. Somit haben wir in Goetz-Dieter den dritten und ältesten Sohn Ermarths, der auch dessen Nachnamen bekam. Er wurde später bei der Lufthansa in Frankfurt am Main tätig und starb 2012.

Zum nun folgenden Drama liest man bei Schivelbusch: »Als Ermarth 1946 nach Deutschland zurückkehrte, kam es neben dem Wiedersehen mit seiner Mutter auch zur Wiederaufnahme der Beziehung mit Lotte Planitz, weil die geplante Übersiedlung von Ermarths amerikanischer Familie sich hinzog und Lotte Planitz, die inzwischen verheiratet und Mutter einer Tochter war, allein lebte, da ihr Ehemann sich in russischer Kriegsgefangenschaft befand. Wieder legte Ermarth seiner Frau gegenüber die Karten offen auf den Tisch. Die Antwort war diesmal nicht Einverständnis, sondern die Einreichung der Scheidungsklage.«

In der Tat wurde im Juli 1947 die Scheidung ausge-sprochen. Die beiden »ehelichen« Söhne blieben offensichtlich bei der Mutter in den USA. Schivelbusch erwähnt, Ermarth, der inzwischen mit seiner Geliebten Lotte, deren Tochter und seinem »unehelichem« Sohn in Stuttgart eine Wohnung teilte, habe seiner Ex-Gattin in mehreren Briefen versichert, an seiner Zuneigung zu ihr habe nichts rütteln können, doch diese Briefe habe Margareth mit Schweigen quittiert. Lotte gegenüber äußerte Ermarth seine Wunschvorstellung, die beiden Frauen mögen einander in Liebe zugetan sein. Michael Ermarth deutet seinen Verdacht an, sein Vater habe in jener Nachkriegszeit von einem in Deutschland stehenden Korb mit zwei Hennen und einem Hahn geträumt – von den vielen Küken einmal abgesehen, die nebenbei bemerkt eine Menge Geld kosten, von anderer wünschenswerter Zuwendung ganz zu schweigen.

Etwas anders Ermarth selber. Laut Schivelbusch bezeichnete er sich in seinem letztem Brief an Lotte als »Zigeunerjungen«, der nie erwachsen geworden sei. Man bedenke dabei, der Mann wuchs ohne Vater auf. Seine Absicht, sich umzubringen, teilte Ermarth, nach Aktenlage, sehr wahrscheinlich niemandem mit. Das schließt auch Ermarths 67 Jahre alte Mutter ein, die im Juli 1948 nach zwei Tagen die Nachricht erhielt, ihr Fritz habe sich in der erwähnten Stuttgarter Wohnung das Leben genommen, indem er in der Küche den Gashahn aufdrehte. Vielleicht wußte er Lotte und die Kinder außer Haus oder auf Reisen. Vielleicht drohte dafür der »Besuch« des erwähnten russischen Kriegsgefangenen? Oder davon unabhängig ein von Lotte ausgestellter Laufpaß für Fritz, wie der Spiegel behauptete? Sicherlich war die Lage verwickelt. Die Mutter beispielsweise gehörte ja auch noch dazu. Melanie Ermarth wählte, eine Woche darauf, in ihrer Karlsruher Wohnung eine für Dritte etwas ungefährlichere Methode als ihr Sohn: sie erhängte sich. Beide Toten wurden am 3. August in Karlsruhe in einem gemeinsamen Grab beigesetzt.

Nach meinen Beobachtungen zeigt Selbstmord grund-sätzlich dieselbe, in mehr oder weniger Bereichen wirkende Zwiespältigkeit wie der Mensch im allgemeinen. So erfordert er großen Mut, aber oft auch viel Feigheit. So kann er echten Anstand, aber auch brutale Rücksichts-losigkeit des »Täters« bezeugen. Dabei dürften dieserart Gegensätze so gut wie niemals unvermischt zu haben sein, nur die Schwergewichte wechseln von Fall zu Fall. Beurteilungen solcher Fälle sind ungemein schwer – fast so schwer wie der Selbstmord selber. Man könnte in Ermarths Fall schimpfen, die Nachahmung durch seine Mutter hätte er wohl absehen können; aber was folgt daraus? Über Melanie Ermarth wissen wir noch weniger als über ihren Sohn – und damit auch darüber, was für ihr Wohlergehen erforderlich war oder gewesen wäre.

Wahrscheinlich könnte man Ermarth noch am ehesten vorwerfen, er habe seine drei Söhne im Stich gelassen. Dabei haben ihn die beiden jüngeren, die aus Chicago, ohnehin nur als Knirpse erlebt. Wie, weiß ich nicht. Michael ist jedenfalls in beruflicher Hinsicht in die Fuß-stapfen seiner Mutter getreten und Historiker geworden. Er lehrte zuletzt – 2011 emeritiert – in Hanover, New Hampshire, am Dartmouth College, das zu den »Elite-hochschulen« der Staaten zählt. Bei Michael Ermarth liegt der väterliche Nachlaß, der noch einer genaueren Sichtung und Zubereitung harrt. Das wäre viel Mühe, vom erforder-lichen Geld zu schweigen. Und lohnte sich denn die?

Vielleicht sollte man lieber Mühe in Nachforschungen über die Schauspielerin Melanie Ermarth stecken.

* »Der Überlebende des Scherbengerichts. Ein Mann, drei Systeme: Fritz Ermarth studierte den New Deal, den Faschismus und die Wirt-schaftsordnung des Nationalsozialismus«, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. April 2006, S. 41
** Badische Neuste Nachrichten vom 3. August 1948
*** Chronik Intendanten: http://www.swr.de/-/id=9391890/property=download/nid=7687068/1pcdiig/index.pdf
**** Aufsatz »Stimmen der Stunde Eins. Politische Kommentare im Stuttgart der unmittelbaren Nachkriegszeit«, in: Rundfunk und Geschichte Nr. 4 Oktober 1997, S. 208–23: http://rundfunkundgeschichte.de/assets/RuG_1997_4.pdf
***** Nr. 31/1948: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44418565.html




Escousse, Victor um 19 (1813–32), französischer Dramatiker. Rund 20 Jahre nach dem berühmtem Doppel-Selbstmord am Berliner Wannsee >Kleist/Vogel brachte der Paartod zweier junger Pariser Dramatiker, wohl 19 und 21 Jahre alt, den europäischen Kulturbetrieb zum Raunen. Es verebbte allerdings rasch, obwohl Béranger und Musset aus diesem Anlaß Gedichte verfaßten. Victor Escousse hatte im Sommer 1831 einen Achtungserfolg gelandet. Doch sein zweites Stück fiel durch. Nun setzte er gemeinsam mit seinem Freund Auguste Lebras alles auf die Karte Raymond – aber auch dieses Drama, im Februar 1832 im Theater Gaieté herausgebracht, wurde ein Mißerfolg. Sechs Tage nach der Uraufführung brachten sich die beiden »mit Kohlendampf« um, wie Meyers 1906 mitteilt. Dem Frankreichkenner George W. M. Reynolds zufolge* waren Escousse und Lebras von Anfang an in »literary partnership« verfahren, schrieben also gemeinschaftlich. Er bescheinigt ihren Werken Begabung und Unausgereiftheit. Er bemerkt außerdem, sie hätten am Schicksalsabend sogar zwei Eisen im Feuer gehabt, nämlich zusätzlich das Stück Paul, das im Theatre Feydeau uraufgeführt wurde. Mit beiden Stücken zogen sie Nieten – und hockten entsprechend niedergeschmettert in ihrem Stammcafe. Man habe die beiden Leichen Arm in Arm gefunden. Ob das Autoren- auch ein Liebespaar war, verrät Reynolds nicht. Er behauptet lediglich, während Escousse der Mut gefehlt habe, allein zu sterben, sei Lebras unfähig gewesen, allein zu leben. Das traf sich also.

* The Modern Literature of France, Vol. II, London 1839, S. 96–99



Esono, Teclaire Bille 22 (1988–2010), Fußballspielerin in Äquatorialguinea. Ein halbes Jahr vor ihrer bereits beschlossenen Teilnahme an der Frauenweltmeisterschaft 2011 in Deutschland erlitt die 22jährige Abwehrspielerin vom Club Bellas Artes im Nachbarland Kamerun, wo sie herstammte, auf der verkehrsreichen N 3 bei Edéa (zwischen den Großstädten Yaounde and Douala) zu nächtlicher Stunde einen tödlichen Autounfall, bei dem auch ihr Bruder Raymond Ewangué Arantes (32) und der 41 Jahre alte Trainer Ndong Essi Pablo ums Leben kamen. Der junge Fahrer des bulligen Geländewagens Marke Toyota überlebte. Anscheinend war er »heftig« gegen einen Lastwagen geprallt. Das geschah am 14. Dezember 2010. Später, bei den erwähnten Weltmeisterschaften, ging Äquatorialguinea schon in den Gruppenspielen punktlos mit 2:7 Toren unter. Bei dieser Veranstaltung (Endspiel in Frankfurt am Main) siegte ausgerechnet das Land der Toyotas, Japan.

Das letzte Spiel, das der 38jährige russische Sportlehrer und Fußballschiedsrichter Wladimir L. Pettai (1973–2011) leitete, fand am 14. Juni 2011 zwischen Dynamo Moskau und Rubin Kasan statt. Es war sein 100. Einsatz in der Ersten Liga.** Keine Woche darauf starb er kurz vorm Erreichen seines Wohnortes Petrosawodsk, der Hauptstadt Kareliens. Seine aus Moskau kommende Linienmaschine der RusAir verfehlte am 20. Juni gegen Mitternacht bei Nebel und Regen die Landebahn, streifte Bäume und zerschellte unweit von Wohnhäusern auf einer Autobahn, wo sie in Flammen aufging. Von den 52 Insassen der Tupolew Tu-134 überlebten fünf – Pettai nicht. Opfer am Boden wurden wahrscheinlich durch das bekannte »Wunder« verhindert. Der im September veröffentlichte Untersuchungsbericht erkannte voran auf Pilotenfehler; der Versuch zu landen hätte unterbleiben müssen. Allerdings gelten die russischen Tupolews unter Fachleuten als hoffnungslos veraltet. Der ligaweit beliebte Schiedsrichter Pettai hinterließ Frau und zwei Kinder.

* »Guinée Equatoriale / Drame: Une Nzalang Nacional tuée dans un accident«, StarAfrica, 15. Dezember 2010: https://web.archive.org/web/20120321002746/http://www.starafrica.com/fr/football/news/article/article/guinee-equatoriale-drame-une-nzalang-132816.html
** »Flugzeugabsturz in Russland / 47 Tote – darunter auch der Top-Schiri Pettai«, Express (Köln), 21. Juni 2011: https://www.express.de/news/flugzeugabsturz-in-russland-47-tote---darunter-auch-der-top-schiri-pettai-15262010?cb=1607973509404




Esselbach, Ernst 31 (1832–64), Sohn der bekannten Schleswiger Gastwirtin Doris Esselbach (Hotel Stadt Hamburg und mehr), Dr. phil. sowie Physiker, zunächst bei Siemens und Halske in Berlin, dann für ein englisches Unternehmen tätig. Mit der Verlegung von Seekabeln nach Indien beschäftigt, soll er am 6. Februar 1864 westlich der pakistanischen Hafenstadt Gwadar »im Fieberwahn« über Bord gesprungen und ertrunken sein. So mag es ja in ein paar älteren gedruckten Nachschlagewerken stehen, die mir nicht zugänglich sind – ob diese jedoch Belege anführen, wage ich zu bezweifeln. Zwei Anfragen nach Schleswig und Kiel brachten nichts ein.



Etzdorf, Marga von 25 (1907–33), deutsche Pilotin. Die erste Frau, die einen Alleinflug von Deutschland nach Japan vorgelegt hatte, endete zwei Jahre darauf mit erst 25 Jahren in einem Flughafengebäude bei Aleppo in Syrien, wo man ihr nach schiefgelaufener Zwischenlandung ein Zimmer zur Verfügung gestellt hatte. Bis dahin hatte sie auch als Reklame- und Kunstfliegerin und erste Co-Pilotin der Lufthansa Aufsehen erregt. Nun erschoß sie sich.

Der Grund für ihren überraschenden, krassen, sogar mit einer Schmeisser-Maschinenpistole ausgeführten letzten Husarenstreich ist unklar. Von Etzdorf befand sich auf dem Weg nach Australien. Nach einem vergleichsweise differenziertem und nüchternem Zeit-Porträt* stand sie unter Erfolgs- und Erwerbsdruck. Mit reparierter Maschine hätte sie ihre Reise vielleicht fortsetzen können, doch ihr jüngster Flugfehler bei der Landung wäre mitgereist, vielleicht schämte sie sich zu sehr. Ferner lag ihr womöglich auch noch die erwähnte Waffe im Magen. Eigentlich war diese Maschinenpistole nämlich als Lockmuster, nicht als Selbstmordgerät gedacht. Ein Agent der neuerdings vom regierungsfähig gewordenen Hitlergruß beflügelten deutschen Rüstungsindustrie hatte die Fliegerin zusätzlich zur Waffenschieberin auserkoren. Auch diese Aufträge und Aussichten bedrückten sie vielleicht – von ihrem eher schwermütigem Wesen einmal abgesehen. Von Etzdorf hatte ihre Eltern früh verloren; eigene Liebesbeziehungen der zierlichen, aber etwas kantig-bäuerlich wirkenden jungen Frau aus dem Offiziers- und Gutsherrenmilieu sind nicht bekannt.

Dies alles rüttelt freilich nicht an ihrer gemeingefährlichen, auch durch Unfallverletzungen nicht zu heilenden Besessenheit, die viele Leute sogar bewundern, darunter FemBio-Autorin Sybille Dörr. Die Nazis vertuschten die Ungereimtheiten und trugen Von Etzdorf mit großem Pomp und vielen Hakenkreuzen auf dem Berliner Invali-denfriedhof zu Grabe. »Der Flug ist das Leben wert«, läßt sich dort auf Von Etzdorfs Grabstein lesen. Da erübrigt es sich fast, auf ihrer Maschinenpistole herumzureiten. Die kleine erlauchte deutsche Waffenschmiede Schmeisser GmbH, laut Firmenwebseite mit Hugo Schmeisser († 1953 in Erfurt) auf »einen der innovativsten Waffenkonstruk-teure des 20. Jahrhunderts« zurückgehend und heute in Krefeld ansässig, verdient nach wie vor an der Schießfreudigkeit der Welt.**

* Alice Bota, »Der Flug ist das Leben wert«, 23. Januar 2014: http://www.zeit.de/2014/05/marga-von-etzdorf-fliegerin/komplettansicht
** »Waffenhändler / Meister der Camouflage«, Spiegel 41/2014: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-129568346.html




Eufémia, Catarina 26 (1928–54), südportugiesische Landarbeiterin des Alentejo, Polizeiopfer, Analphabetin und antifaschistischer Mythos. Dieser wurde vor allem von der Kommunistischen Partei in Umlauf gebracht. Nach Diana Gomes Ascenso gibt es jedoch inzwischen einige kritische Aufarbeitungen der Angelegenheit. Die zu den Todesumständen der dreifachen Mutter vorliegenden Dokumente stützten »verschiedene Hergänge des Geschehens vom kaltblütigen Mord bis zum tragischen Unfall«, schreibt die Kölner Romanistin.* Eufémia war, wohl als Wortführerin, am 19. Mai 1954 in Baleizão bei einem Streik um mehr Lohn von einem Polizeioffizier erschossen worden. Eine Schwangerschaft wurde ihr angedichtet, um die Brutalität des Salazar-Regimes möglichst dick zu unterstreichen. Ähnliches dürfte für den acht Monate alten, prompt verletzten Buben gelten, den sie bei der englischen Wikipedia im Arm hielt, als der Scherge schoß. Leider ist auch Ascenso schon tot. Die 36jährige Geistesarbeiterin erlag am 20. März 2020 einer kurzen schweren Krankheit, wie ihre Universität im Internet mitteilt.

* Poetischer Widerstand im Estado Novo, Berlin/Boston 2017, S. 83



Eugens, Arthur Fritz 13 (1930–44), Nazi-Kinder-Filmdarsteller, Zugunglück. Von ihm ist nicht viel bekannt, obwohl er zwischen 1936 und 1942, als Knabe!, an über 20 Kinofilmen mitwirkte. Der Titelliste nach war er, in ideologischer Hinsicht, bestenfalls ein kleiner Heinz Rühmann, also keinesfalls ein Rebell. Eugens letzter Film, dessen Fertigstellung vermutlich schon von Kriegsan-strengungen bedroht war, trug ausgerechnet den Titel Ein Zug fährt ab. Regie: Johannes Meyer. Eugens, der inzwischen 13jährige Kinderdarsteller, starb am 18. Januar 1944 bei einem Eisenbahnunglück in Dahmsdorf-Müncheberg*, Märkische Schweiz. Ein aus Küstrin kommender D-Zug prallte im dortigem Bahnhof, wohl aufgrund eines Irrtums des Fahrdienstleiters, auf einen anderen Personenzug – 56 Tote und rund 160 zum Teil schwer Verletzte. Vermutlich war Eugens nicht das einzige minderjährige Opfer – seiner Eltern, möchte man fast sagen. Ich nehme an, er lebte, in Ufa-Nähe, im Raum Berlin.**

Eugens Berufs- und wohl auch Gesinnungskollege Klaus Detlef Sierck (1925–44), Sohn von Berliner Theaterleuten, wurde nur geringfügig älter. Er spielte mit Begeisterung Kadetten, preußische Prinzen und vom NS-Staat erfolgreich umerzogene Stromer – und dann noch richtigen Krieg. 1943 eingezogen, »fiel« er ein Jahr darauf, wohl als 19jähriger, in der Ukraine. Einige Webseiten behaupten (wohl nach Frank Noacks Veit-Harlan-Biografie von 2000), der von seiner systemfreundlichen, inzwischen geschiedenen Mutter Lydia gemanagte Sprößling sei »in der Pubertät« bei Goebbels in Ungnade gefallen, als »schwul« geschnitten (auch aus bereits gedrehten Ufa-Filmen entfernt) und schließlich »an die Ostfront« geschickt worden. Trifft das zu, könnte ich mir zum Beispiel denken, Schürzenjäger Goebbels hatte von Mutter Lydia einen Korb bekommen. Man findet aber kaum Angaben über die Schauspielerin. 1947 soll sie gestorben sein, in Berlin.

Der Vater des Jungen hatte es dagegen 1937 vorgezogen, das ganze »Dritte Reich« zurückzuweisen und gemeinsam mit seiner neuen jüdischen Ehefrau Hilde Jary in die USA auszuwandern, wo er als Filmregisseur Douglas Sirk Karriere machte. Wegen dieser Frau soll Lydia Sierck (geb. Brincken) gerichtlich ein »absolutes« Kontaktverbot erwirkt haben, wie ich einem Pariser Wochenmagazin entnehme.*** Dem Vater sei nichts anderes übrig geblieben, »als sich die Filme anzuschauen, in denen Klaus mitspielte, manchmal in der Uniform der Hitlerjugend«. Später sei das harte Schicksal seines Sohnes in Sirks vielgelobte Remarque-Verfilmung Zeit zu leben und Zeit zu sterben von 1958 eingegangen, wo der junge, nicht ganz unschuldige Held, wie ich andernorts lese, noch kurz vor seinem an der Ostfront auf ihn wartenden »tragischen« Tod eine erfüllte Liebe (mit Liselotte Pulver) erleben darf. Diese ganze familiäre Angelegenheit, Sirks seltsame Art der Wiedergutmachung eingeschlossen, wäre sicherlich nicht das langweiligste Kapitel, schriebe ich eine Sirk-Biografie.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Eisenbahnunfall_von_M%C3%BCncheberg_(1944))
** Zwei Tage darauf, am 20. Januar, prallte in Porta Westfalica ein Schnellzug Aachen–Berlin auf einen anderen, stehenden Schnellzug. 79 Tote, 64 Verletzte. Das Unglück wurde einem Signal-Fehler des örtlichen Fahrdienstleiters angelastet. Dieser wiederum schimpfte auf die ständig aufheulenden Sirenen für Fliegeralarm, die ihn durchein-ander gebracht hätten (Wilhelm Gerntrup im Mindener Tageblatt vom 20. Januar 2004).
*** Pascal Merigeau, »Enfant-star sous le IIIe Reich: le fils perdu de Douglas Sirk«, L'Obs, 2. Januar 2015: https://www.nouvelobs.com/cinema/20150102.OBS9177/enfant-star-sous-le-iiie-reich-le-fils-perdu-de-douglas-sirk.html




Eulenburg, Felix c.28 (1881–1909), Berlin/Düsseldorfer Tier- und Genremaler. Die biografischen Angaben über ihn, sein hartnäckig beschwiegenes frühes Ende eingeschlossen, scheinen ungleich magerer zu sein als die Zoo-Löwen, die er malte. Zwei Anfragen halfen mir nicht weiter. 2009 wurde ein Ölgemälde aus Eulenburgs Pinsel, Ruhendes Löwenpaar, in Salzburg für 2.000 Euro versteigert.* Möglicherweise hatte er zu Lebzeiten besser abgeschnitten, war es doch damals durchaus Mode, sich ein Tierbild ins Wohnzimmer zu hängen. Ob er jemals einen Zeh auf den Boden »Deutsch-Ostafrikas« setzte, ist mir nicht bekannt. Zu den Zoos in Berlin oder Düsseldorf hatte er es jedenfalls näher.

* https://www.dorotheum.com/de/l/5586390/



Evers, Käthe 24 (1893–1918), Braunschweiger Malerin. Die Lehrerstochter absolvierte ein Kunststudium in München. Bereits 1915 kamen (angeblich) ihre Freunde Albert und Hermann Hamburger als Kriegsfreiwillige an der Front um. Ob sie selber nun (1917?) genauso bereitwil-lig in die Rüstungsproduktion ging, ist nach freundlicher Auskunft des Braunschweiger Theatermanns Gilbert Holzgang nicht ganz klar. In einem Vortrag erläuterte er dazu 2018: »Es gab gerade in den bestgestellten Kreisen Frauen, die bereitwillig monotone, anstrengende, sogar gefährliche Fabrikarbeit auf sich nahmen, um ihren Teil zum Sieg Deutschlands beizutragen. Die Kriegslage war so prekär, das Denken so stark von der totalen Mobilisierung aller Kräfte geprägt, dass die Frauen – man kann sagen freiwillig – einen Beitrag leisten wollten. Die Möglichkeit sich der staatlich organisierten Frauenarbeit zu entziehen, bestand.« Die Malerin wurde in Heimatnähe in einer im Harzort Rübeland gelegenen Pulverfabrik* eingesetzt. Als diese am 10. Januar 1918 zum Teil in die Luft fliegt, bleiben 14 Tote plus neun Schwerverletzte auf der Strecke. Später kamen wahrscheinlich noch zwei Tote hinzu. Ironischerweise wirkt die verlinkte Ansichtskarte ähnlich wie das Werk der Künstlerin, die sich dem »Pointilismus« verschrieben hatte. Die meisten Leichen soll man gar nicht mehr ordentlich wiedererkannt haben: zerfetzt, atomisiert.

Evers' Engagement erinnert mich stark an die Heldin von Meta >Scheeles Roman Frauen im Krieg von 1930. Die Schriftstellerin Scheele kam mit 37 in einer faschistischen Tötungsanstalt um. Das jüngste Opfer der Explosion in Rübeland soll die einheimische Frida Schneider gewesen sein, 16 Jahre alt. Während wir über Evers sicherlich wenig wissen, wissen wir über Schneider gar nichts.

* https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%A4the_Evers#/media/Datei:Ruebeland_Pulverfabrik_Ansichtskarte_um_1910.JPG



Ezerins, Janis [Ezeriņš Jānis] 33 (1891–1924), lettischer Lehrer und Schriftsteller, das x-te Opfer der Tuberkulose. Nach einem Porträt, das die Bibliothek von Valmiera gibt*, war Ezerins vor allem ein hervorragender Vertreter der lettischen Kurzgeschichte. Bei ihm hatte sie Tempo, ansonsten sozialkritische, tief psychologische und absurde oder jedenfalls verblüffende Züge. Ein Sammelband erschien auch in Ostberlin. Ezerins übersetzte selber viel; zudem war er zeitweise Redakteur. Er betätigte sich auch als Theatermann, Geiger und Chorleiter, soweit es seine Krankheit zuließ. Nach Kriegsbeginn wurde er wegen dieser bald wieder nach Hause geschickt. Er lebte mit seiner Frau, gleichfalls Lehrerin, meist in Riga. 1916 unterzog er sich einer Kur in Abchasien (am Schwarzen Meer) und besuchte auf der Rückreise auch Moskau. Zwei Jahre darauf steckten ihn die deutschen Besatzer für einige Wochen ins Gefängnis. Anscheinend war er freiheits-liebend, dafür eher arm. 1924 versuchte er es wieder mit Auslandskuren, diesmal in Österreich, Schweiz, Deutsch-land – offensichtlich vergeblich, denn es war sein Todesjahr. Es wird ihm auch Humor bescheinigt, was sich nicht unbedingt mit einem verbreitetem Bildnis deckt.** Orwell war gewiß nicht völlig unverkrampft, aber mit solchen Händen hätte er sich niemals vor einem Fotografen blicken lassen. Dafür sah Ezerins vielleicht gefälliger aus.

* Bibliothek Valmiera, o. J.: http://biblioteka.valmiera.lv/lv/pakalpojumi/bezmaksas-pakalpojumi/literatu-datubaze/ezerins-janis
** https://lv.wikipedia.org/wiki/Att%C4%93ls:Janis_Ezerins.jpg




Fabian, Dora 33 (1901–35), linke Sozialdemokratin, zuletzt Journalistin in London, wo sie für verläßliche Berichte von der faschistischen Aufrüstungspolitik bekannt war. Sie galt als tatkräftig und mutig. Von ihrer Erscheinung weiß ich nichts. Doch ausgerechnet am 1. April 1935, knapp 34 Jahre alt, wurde sie mitsamt ihrer Freundin Mathilde Wurm (40), einer Politikerin, durch Tabletten vergiftet tot in der gemeinsamen Wohnung aufgefunden. Während die Nachschlagewerke, Scotland Yard folgend, in der Regel von einem mutmaßlichem Doppelselbstmord sprechen, hält die australische Romanschreiberin Anna Funder – wohl im Fahrwasser der britischen Exilforscherin Charmian Brinson segelnd – einen Handstreich der Nazis zur Ausschaltung der Journalistin Fabian für viel wahrscheinlicher.* Wurm stellte dabei wohl eher »nur« einen Kollateralschaden dar, wie man heute sagen würde. Überdies war Fabian zumindest zeitweise die Sekretärin wie auch die Geliebte eines Schriftstellers, den die Nazis haßten: Ernst Toller. Um ihn hatte sich in London geradezu ein kleiner antifaschistischer Club aus einigen Emigranten gebildet, die sich wohl vor allem aus Berlin kannten, wo Toller zuletzt ein paar Theatertriumphe gefeiert hatte. Dazu gehörte auch Ruth Blatt (1906–2001), eine Kusine von Fabian. Sie versorgte, schon hochbetagt, Funder mit vielen Einzelheiten. Ausgerechnet Blatts damaliger Gatte, der zum Nazi-Lockspitzel umgeschulte Ex-Sozialdemokrat Hans Wesemann, wird verdächtigt, auch im Mordfall Fabian mitgemischt zu haben. Nach einer kurzen Haftstrafe wegen der Entführung des Journalisten Bertold Jacobs seilte er sich nach Südamerika ab, wo er noch 75 Jahre alt wurde.

* »Die Einsamkeit des Exils«, Volksstimme, 29. April 2014: https://www.volksstimme.de/kultur/buch/buch_im_gespraech/1268629_Die-Einsamkeit-des-Exils-Anna-Funders-Alles-was-ich-bin.html



Fabricius, Johannes 30 (1587–1617). Sowohl Johannes wie sein Vater David waren durchaus namhafte ostfriesische Astronomen, doch der Laie kennt sie kaum. Der Sohn gilt meist als Entdecker der »Flecken« auf der Sonne. Bis dahin hielt man unsere Erleuchterin für makellos. Da sich die Lage der Sonnenflecken im Lauf der Beobachtungen veränderte, konnte man nun auf die bereits von Kepler vermutete Eigenrotation des Sternes schließen und die Dauer einer Umdrehung berechnen. Johannes hatte erst kurz zuvor aus Leiden das neuartige Fernrohr mitgebracht, »die holländische Brill«. Sein Vater, lutheranisch gestimmter Pastor in einem Dorf bei Emden, bestätigte die Beobachtung, wenn auch nur zerknischt, weil sie sozusagen sein frommes Weltbild befleckte. Noch im selben Jahr, 1611, legte der Sohn eine Schrift über die Entdeckung vor.

Viel mehr ist über den Filius leider nicht bekannt. Gerade 30 geworden, will Johannes, unter anderem studierter Mathematiker, seinen medizinischen Dr. in Basel machen. Im Januar 1617 aus Wittenberg kommend, erreicht er aber die Schweiz nicht. Er stirbt vorher, wahrscheinlich in Dresden. Woran, verrät kein Mensch. 1598 war Johannes, als Knabe, einer heimischen Pestepidemie entgangen. Kepler schätzte die schmale Schrift des jungen Fabricius über Sonnenflecken und sprach dem Vater auch sein Beileid zum Tod des Sohnes aus. Diese briefliche Beileidsbekundung verpaßte der Pastor jedoch aus Gründen »höherer Gewalt«. Er wurde, wie immerhin aus seinem Grabstein hervorgeht, wenige Monate nach Johannes' Ableben von einem gewissen Frerik Hoyer ermordet. Über die Umstände gibt es etliche Legenden – und keinen Beleg. Der Soziologe und Erzähler Hermann Korte* hält die Version für am wahrscheinlichsten, der genannte Bauer sei von der Kanzel herab des Diebstahls bezichtigt worden, weshalb er dem Pastor David Fabricius am Abend auflauerte, um ihm hinterrücks mit einem Torfspaten den Schädel zu spalten. Ob die Anschuldigung vielleicht ein Rufmord gewesen war, weiß erneut kein Mensch. Verbürgt sei dafür die Strafe: Hoyer kam unters Rad.

Für mich ist der Umstand am traurigsten, daß beide Tode so sehr im Dunkel liegen. Vom Junior weiß noch nicht einmal jemand zu sagen, ob er zum Beispiel einer Krankheit erlag, versehentlich unter eine Kutsche kam oder gar Selbstmord beging. Korte weist beiläufig auf die Zerstörung vieler Akten und Kirchenbücher durch den soeben entfachten Dreißigjährigen Krieg hin, das schon. Aber man sollte doch meinen, es hätten zumindest ein paar private Briefe oder Aufzeichnungen mit entspre-chenden Erwähnungen überdauert – beispielsweise bereits die Botschaft, durch die der Senior vom Ableben des Juniors erfuhr. Falls sie nicht in mündlicher Form eintraf, durch Boten. Heute hätte man die Aufzeichnung eines entsprechenden Telefonats; schließlich wird der Mobilfunk längst »flächendeckend« abgehört, also auch zwischen Emden und Dresden. Mit den Speicherkapazitäten, die man für die Archivierung allen irdischen Spionage-Materials benötigt, ließe sich wahrscheinlich, sobald sie einmal erlischt, die Sonne neu aufladen.

* David und Johannes Fabricius und der Roman meines Vaters. Eine biographische Erzählung, Münster 2011, bes. S. 101–4



Fabritius, Carel 32 (1622–54), Schüler Rembrandts, Katastrophenopfer. Ein Selbstporträt in Öl, um 1645 entstanden, zeigt den jungen Fabritius mit prächtigen und sicherlich auch echten braunen, schulterlangen Locken, schließlich war er kein Barockkönig. Immerhin, mit ungefähr 20 Jahren war er Schüler oder Mitarbeiter des Amsterdamer Meisters Rembrandt geworden und hatte sich kurz darauf auch schon verheiratet: mit Frau Aeltje Herrmensdr van Hasselt. Hat er auf seinem Selbstporträt gleichwohl keinen Grund zum Lachen, liegt es vielleicht daran, daß er 1642 sein erstes Kind und ein Jahr darauf, bei der Geburt des dritten Kindes, auch seine Frau verlor. Das Würmchen starb ebenfalls. So nahm er seine ihm noch verbliebene Tochter Aeltje an die Hand und ging oder fuhr mit ihr in seine Heimatgemeinde Midden-Beemster zurück, wo sein Vater Schulmeister war. Der Ort auf dem Polder liegt rund 20 Kilometer nördlich von Amsterdam. Ob Fabritius weiter bei Rembrandt beschäftigt war, ist ungewiß. Jedenfalls plagen ihn öfter Geldsorgen, von denen ihn leider auch die Heirat mit der Delfter Witwe Agatha van Pruyssen im Jahr 1650 nicht erlösen kann. Vermutlich auf deren Wunsch läßt sich die Familie in Delft nieder (südlich von Amsterdam), wo sich Fabritius ab Oktober 1652 im Meisterbuch der St. Lukasgilde als Maler eingetragen findet. Niemand warnte ihn vor diesem Umzug. Auch die Delfter Kirchtürme tun es nicht, die sich nach der kommenden Katastrophe geradezu unverschämt aus den Ruinen und Aschehaufen recken werden.

Fabritius schafft in diesen drei oder vier Delfter Jahren nur wenige, aber heute hochgelobte, da über Rembrandt hinausführende Gemälde. Jeder sagt, er hätte ein ganz Großer werden können. Es kam nicht dazu, weil Delft am 12. Oktober 1654 um kurz nach 10 von einem Knall erschüttert wurde, der angeblich noch auf der 150 Kilo-meter entfernten Insel Texel zu hören war. Durch die Fahrlässigkeit des Arsenalverwalters Cornelius Soetenser, der die Schwarzpulvervorräte mit einer Funken sprühen-den Laterne in Augenschein genommen hatte, war ein staatliches, eigentlich geheimes und auf die Engländer gemünztes Munitionsdepot im altehrwürdigem Pulver-turm explodiert. Die Wucht des Delfter Donnerschlags – nach Angaben der Behörden durch rund 40 Tonnen Schwarzpulver bewirkt – zerstörte, neben dem Turm, 500 Gebäude der Stadt schwer bis vollständig und tötete, von den zahlreichen Verletzten einmal abgesehen, ähnlich viele EinwohnerInnen. Zu diesen zählte auch der 32jährige Fabritius, der in seinem Haus und Atelier in der Doelenstraat gerade den ehemaligen Küster der Delfter Oude Kerk Simon Decker porträtiert hatte. Zudem hielten sich, neben seinem Lehrling Martias Spoors, auch zwei Familienmitglieder im Haus auf, die in den Quellen unterschiedlich oder gar nicht benannt werden. Möglicherweise befand sich entweder seine Frau Agatha oder aber seine Schwiegermutter Judick van Pruyssen darunter. Alle fünf Anwesenden kamen um.

Daneben dürften, vom Küster-Porträt einmal abgesehen, etliche weitere, im Atelier verwahrte Arbeiten des Meisters verloren gegangen sein. Zu den wenigen Ausnahmen zählt der im Todesjahr entstandene Distelfink (Stieglitz), ein Ölgemälde, das heutzutage durch Reproduktionen massen-haft verbreitet ist. Der betrübte Vogel hat ein goldenes Kettchen am Bein – sein Schöpfer flog in die Luft. Die Szenerie mit den erwähnten frivolen Kirchtürmen wurde von Fabritius' Kollege Egbert van der Poel überliefert, der das Bild der Verwüstung* damals auf über 20, meist ähnlichen Gemälden festhielt. Den Vordergrund bilden StädterInnen, die Trümmer oder Leichen fortschaffen. Van der Poels Gemütszustand beim Malen möchte man nicht geteilt haben, denn unter den Todesopfern der Katastro-phe befand sich auch ein Kind dieses Künstlers.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Delfter_Donnerschlag#/media/File:Delftsedonderslag.jpg



Falck, Cats 31 (1953–84), schwedische Journalistin, zuletzt für die Nachrichtensendung Rapport des Ersten Schwedischen Fernsehens tätig. Wer sich hier an den Fall Fabian erinnert fühlt, liegt nicht falsch. Wie es aussieht, war Falck gegen Ende 1984 großangelegten illegalen schwedisch-ostdeutschen Waffengeschäften auf der Spur. Kollegen gegenüber machte sie auch entsprechende An-deutungen. Übrigens wurden diese Geschäfte möglicher-weise etwas später, 1986, vom schwedischem Regierungs-chef Olof Palme gestört oder gar unterbunden, weshalb er, wie manche glauben, im selben Jahr erschossen
worden ist.

Was nun Falck angeht, traf sie sich 1984 an einem Novemberabend mit ihrer Freundin Lena Gräns (32) zum Essen im beliebtem Stockholmer Restaurant Öhrns Hörn. Anschließend spurlos verschwunden, wurden die beiden jungen Frauen erst Monate später, im Mai 1985, auf dem Grund des in der Nähe liegenden Hammarby-Kanals gefunden – tot. Die Leichen steckten in Gräns Auto, wobei freilich Falck am Steuer saß, die Stöckelschuhe trug und ihren Freunden zufolge ohnehin eine schlechte Fahrerin gewesen sei, zu der ein solches Verhalten schlecht passe. Dagegen führen andere die halbe oder ganze Flasche Rotwein ins Feld, die den beiden Frauen das Essen bereichert haben soll. Außerdem seien die Straßen schlüpfrig gewesen. Diese Stimmen bezweifeln auch die angebliche »heiße Spur« der unerfahrenen Journalistin und halten Falck eher für eine Wichtigtuerin. Das kommt natürlich vor. In der Tat räumt auch Arne Lapidus vom Boulevardblatt Expressen Falcks Ehrgeiz ein.* Sie war bei Rapport »nur« Programmsekretärin, wünschte mit Enthüllungs-Reportage zu glänzen. Allerdings blieben ihre für den Fall wesentlichen, womöglich von einigen Leuten gefürchteten Aufzeichnungen bis heute verschwunden, wenn ich Lapidus richtig verstanden habe. Und was hatten die Freundinnen gerade in der abseitigen Hafengegend zu suchen? Von daher war der »Unfall«, den die Polizei der Öffentlichkeit aufband, doch eher unwahrscheinlich.

Die meisten BeobachterInnen nehmen denn auch an, die Sache war arrangiert. Manche glauben, der Versenkung im Kanal sei eine Entführung und Betäubung oder gar Tötung der Opfer vorausgegangen. Laut schwedischer Wikipedia stellten die Obduzenten der Leichen einige Merkwürdig-keiten fest. Zum Beispiel fanden sich keinerlei Spuren von einem Versuch der am Kai Abgestürzten, sich aus ihren Gurten und dem Auto zu befreien. Stattdessen hätten sie erstaunlich »ordentlich« in ihren Sitzen gelehnt. Gleich-wohl gaben die Obduzenten der Annahme »Tod durch Ertrinken« Priorität. So oder so, es kam zu verschiedenen Verdächtigungen, teils in einem anonymen Brief, anson-sten in etlichen Zeitungsartikeln sowie Vernehmungen, aber letztlich wurden die Ermittlungen sowohl der schwedischen wie der deutschen Polizei spätestens 2006 eingestellt. Ob auf Wink »von oben«, ist nicht bekannt.

Ein Verdacht wies nach Ostdeutschland. Tatsächlich hatte die DDR-Führung durch Waffenschmuggel an Staaten oder Kampfverbände, die zum Teil reaktionär sein durften wie sie wollten, viele begehrte Millionen an Devisen einge-strichen.** Sie schreckte also keineswegs vor kriminellen und blutigen Machenschaften zurück. Andererseits sollte man bei entsprechenden Zuweisungen bedenken, wie gern »die Stasi« im Westen als Bock für eigene Sünden vorgeschoben wird. Oder wenigstens damit rechnen, auch im Agentenmilieu kommen mitunter trittbrettfahrende Wichtigtuer vor, wie Lapidus mit einem Beispiel andeutet.

Das betrüblichste Kapitel des Quellenstudenten ist Lena Gräns. Sie scheint völlig unwichtig zu sein. Man erfährt noch nicht einmal, welchem Beruf sie nachging. Aber tot ist sie schon.

* »Dödsgåtan: Cats Falck och väninnan hittades i bilen i hamnbassängen«, 26. April 2018: https://www.expressen.se/nyheter/inloggad/dodsgatan-cats-falck-och-vaninnan-hittades-i-bilen-i-hamnbassangen/
** Patrik Baab / Robert E. Harkavy, Im Spinnennetz der Geheim-dienste. Warum wurden Olof Palme, Uwe Barschel und William Colby ermordet?, Frankfurt/Main 2017, S. 63/64 und 202–10




Falloppio, Gabriele 39 (1523–62), italienischer Medi-ziner aus Padua. Im besten Mannesalter wurde er selber eine Leiche. Bis dahin hatte der Hochschullehrer für Anatomie, Chirurgie und Pharmazie Hunderte von Leichen seziert und damit wesentlich zur Bereicherung unserer Heilkunst beigetragen.

Am meisten hatten es ihm Ohren, genauer der Bau des menschlichen Gehörs angetan. Außerdem trat er mit bis dahin ungekannten Beschreibungen des weiblichen Eileiters hervor, der deshalb auch als Fallopp'sche Tube oder Tuba uterina (Fallopii) – im englischen Sprachraum: Fallopian tube – bezeichnet wird. Da verwundert es nicht mehr, wenn ihm auch die erste, so weit bekannt, wissenschaftliche Erwähnung der oft schamhaft verschwiegenen Krankheit zu verdanken ist, die noch bis über Goethe hinaus so manchen Dichter und Denker ins Grab oder an den Rande des Wahnsinns bringen sollte: der Syphilis. Über diese von einem Bakterium verursachte »Französische Krankheit« (De morbo Gallico) schrieb er ein ganzes Buch. Bekanntlich wird sie hauptsächlich bei sexuellen Kontakten übertragen, weshalb sie im Volk auch »Lustseuche« hieß – allerdings gibt man heute weniger den leichtfüßigen deutschen Erzfeinden die Schuld; man nimmt eher an, das Bakterium sei im Dunstkreis von Kolumbus aus Amerika eingeschleppt worden, sozusagen als Rache für die Pocken, den schottischen Whisky und die parlamentarische Demokratie. Als Gegenmaßnahme empfahl der kühne Professor mit Medikamenten und anorganischen Salzen getränkte Leinensäckchen, die man heute Kondome nennen würde. Das wäre etwas für die zeugungstrunkenen Nürnberger Pfeffersäcke gewesen, versicherte Falloppio doch (laut Öncel) bei einem Kongreß, er habe bereits eine Versuchsreihe mit 1.100 Männern hinter sich, von denen sich, aufgrund seines neuen Verhütungsmittels, nicht einer mit Syphilis angesteckt hätte. Ob der Erfinder aus Padua selber Kinder hatte, ist mir nicht bekannt.

Spätestens 1616 (Verlag des Christian Gensch in Frankfurt/Main) konnten auch eingefleischte Deutsch-LeserInnen von Fallopios Erkenntnissen zehren. Ein Jahrhundert später, 1715, verkündete ein am selben Ort erschienenes Werk auf dem Buchdeckel: »Gabrielis Falopii Hochberühmten Medici zu Padua in Italien Neu eröffnete vortreffliche und rare Geheimnisse der Natur: Darinnen In zehen Büchern gehandelt wird, Von Allerhand Olien, Cerotten, Ungventen, Pillulen, Electuarien, Weinen, gebrandten Wassern, zu unterschiedlichen Gebrechen und Kranckheiten … Sambt etzlichen sehr nützlichen Geheimnissen aus der Chymia, Vormahls vom Authore in Italiänischer Sprache publiciret, itzo aber männiglich zum besten ins Teutsche übersetzet und vermehret mit einem Anhange Von gifftigen Fiebern, Lendenstein, Colica oder Darmgrimmen … Nützlich zu gebrauchen.«

Ja, woran nun der Wohltäter selber gestorben ist, das wäre noch die Frage. Die meisten Quellen übergehen sie kurzer-hand. Die Enzyklopädie Treccani bringt (1994) zwar einen ausführlichen Artikel, der länger als ein Pferdeschwanz ist, aber zum Tod Falloppios speist sie uns, soweit ich sehe, mit zweieinhalb Zeilen ab. Anfang Oktober 1562 sei der Anatom jäh von »Kopfschmerz« ereilt worden, »und die Schärfe dieser wahrscheinlichen Pleuropneumonie« habe ihm binnen weniger Tage den Garaus gemacht. Das kursiv Geschriebene soll eine Kombination aus Lungen- und Rippenfellentzündung sein. Dagegen behauptet Mediziner Çağatay Öncel* aus der türkischen Großstadt Denizli neuerdings, wenn auch nicht weniger knapp, Falloppio sei schon seit einigen Jahren chronisch sowohl erschöpft wie lungenkrank gewesen. Er tippt auf Tuberkulose.

* »One of the Great Pioneers of Anatomy: Gabriele Falloppio«, Bezmialem Science 2016; 3: 123-6: http://cms.galenos.com.tr/Uploads/Article_20326/BAS-4-123-En.pdf



Farinet, Joseph-Samuel 34 (1845–80), schweizer Falschmünzer. Im April 1880 im Kanton Wallis auf der Flucht, wurde der gelernte Schmied und anerkannte Liebling der einheimischen Frauen in einer Schlucht des Flüßchens Salentze nahe Saillon von Gendarmen eingekesselt. Auf welche Weise er dabei zu Tode kam, ist umstritten. Während die Polizei von einem Unfall sprach, weil Farinet abgerutscht und in die Tiefe gestürzt sei, neigte die Bevölkerung zu der Ansicht, die Hüter des Gesetzes hätten den Gauner mit dem rotem hängendem Schnauzbart wie eine Gemse abgeschossen. Eine Obduktion verläuft nach Darstellung der Behörden ergebnislos, weil Farinets zertrümmerter Schädel kaum noch kenntlich gewesen sei. Der junge Augenzeuge Camille Desfayes, später Obergerichtspräsident des Kantons, sah dies laut Willi Wottreng* anders: »Ich hob seine Haare auf, und ich sah auf der Stirne ein Loch, in welches ich meinen Bleistift eintauchte. Er kam hinten am Schädel wieder heraus.«

Und was hatte der Gejagte auf dem Kerbholz gehabt? Schmuggel und Falschmünzerei. Er hatte mit seinen Gehilfen vor allem 20-Rappen-Münzen hergestellt, die bei der Bevölkerung rasch beliebter als das Papiergeld der Kantonalbank waren. Der angesehene schweizer Autor Charles-Ferdinand Ramuz gab den Verbrecher 1932 in seinem Roman Farinet oder das falsche Geld als Freiheitshelden aus. Für Wottreng fanden die beiden zueinander, weil auch Ramuz das Fälschen liebte, beispielsweise Farinet auf eine Goldader stoßen ließ. Aber große Sympathien genießt der Ganove schon – nicht zuletzt in dem Bergstädtchen Saillon, das mit einem Falschgeldmuseum glänzen kann. Andrej Abplanalp behauptet prompt**, Farinet habe damals so manches Rappenstück unter arme Leute geworfen, sodaß es ihm gelungen sei, sich den Ruf eines »Robin Hoods der Alpen« zu erarbeiten. Neuerdings kursiere im Wallis sogar eine Alternativwährung zum Franken, der Farinet, der in zahlreichen Geschäften als Zahlungsmittel anerkannt werde. Als »Historiker und Kommunikations-Chef des Schweizerischen Nationalmuseums« muß es Abplanalp ja wissen.

Das Geld ist sicherlich ein vertracktes Phänomen. Die Frage, warum es betrügerische Faulpelze wie die Fliegen anzieht, ist allerdings keineswegs vertrackt. Man versuche einmal, eine Salatgurke, eine Kaffeemühle oder ein Chorwerk des schweizer Komponisten Frank Martin zu fälschen – ein mühsames und oft verfehltes Geschäft! Am leichtesten läßt sich selbstverständlich Buchgeld fälschen, deshalb werden die Schlaumeier meistens Bankiers. Zumal in der Schweiz.

* Farinet, Zürich 2008
** »Der Geldfälscher aus dem Wallis«, Nationalmuseum CH (Zürich), April 2020: https://blog.nationalmuseum.ch/2020/04/farinet-der-meisterfaelscher/




Farrokhzad, Forough 32 (1935–67), iranische Schriftstellerin, Filmerin – und Lebensretterin? Die Offizierstochter erfuhr einige Bildung, löste sich um 1955 aus einer frühen Ehe und begann Gedichte zu schreiben. Die einen verdammten, die anderen feierten die moderne, freizügige, sozialkritische, zufällig auch bildhübsche Autorin und Frau. Farrokhzad veröffentlichte mehrere Lyrikbände und arbeitete gelegentlich mit der Filmkamera. Sie reiste viel, darunter in Europa, hatte demnach nicht am Hungertuch zu nagen. Ihre letzte Reise beschränkte sich auf ihren Wohnort Teheran. Weil das wenig hermacht, heißt es in etlichen, vermutlich Wikipedia-geleiteten Darstellungen, sie habe (im Februar 1967) mit 32 Jahren einen Autounfall gebaut, weil sie den Zusammenstoß mit einem »Schulbus« vermeiden wollte. Ich halte das keineswegs für undenkbar, ziehe aber die folgende persisch-englische Darstellung vor. Danach kam Farrokhzad in ihrem Jeep Station Wagon von einem angenehm verlaufendem Mittagsbesuch bei ihrer Mutter. An einer Kreuzung in Darrous (einem nördlichen Stadtteil von Teheran) versuchte sie, warum auch immer, einem ihr entgegen kommenden Fahrzeug (»vehicle«) auszuweichen. Dadurch prallte sie vor eine Hauswand, wurde auf die Straße geschleudert, zog sich schwere Kopfverletzungen zu.* War sie am Ende zu schnell oder zu gedankenverloren gefahren? Oder ein Opfer des gegnerischen, rowdyhaften Fahrers? Solche Details (vom riesigen »Schulbus« also abgesehen) werden nirgends mitgeteilt. Jedenfalls starb die Lyrikerin noch am Unfalltag. Damit war sie reif für den Aggregatzustand der Ikonen.

* »Forough Farrokhzad / The most famous woman in the history of Persian literature«, Iran Chamber Soceity, abgerufen Ende 2020: http://www.iranchamber.com/literature/ffarrokhzad/forough_farrokhzad.php



Fassbinder, Rainer Werner 37 (1945–82), Filme-macher. Für den Vorspann will ich den Metzgergesellen Armin Meier (1943–78) mißbrauchen. Dessen Start hätte kaum schlechter sein können: man sagt, er sei in einem von der SS betriebenem Lebensborn-Kinderheim aufge-wachsen. Im Mai 1978 nahm sich der ungefähr 35jährige in München mit einer Überdosis Schlafmittel das Leben, angeblich aus Liebeskummer. Möglicherweise hätte dieser Umstand niemals einen Hund hinter dem Ofen hervorgelockt, hätte sich Meier nicht vier Jahre zuvor, in der bekannten Münchener Homosexuellen- und Künstlergaststätte Deutsche Eiche, an einen Stammgast namens Rainer Werner Fassbinder geschmiegt.* Meier war zu diesem Zeitpunkt Kellner oder Zapfer, Fassbinder ein umstrittener und deshalb berühmter Filmemacher gewesen. In der Folgezeit ging Meier in etliche Werke des Meisters ein, doch 1978 entzweiten sich die beiden.

Fassbinder selber, inzwischen 37, aber im Charakter so schwierig wie immer, trat vier Jahre darauf in München während der Schlußarbeiten an seinem Film Querelle ab. Die meisten Quellen halten seinen durch Überarbeitung, Kokain, Schlaftabletten und Alkohol bewirkten »Herzstillstand« für einen Selbstmord, jedenfalls einen »auf Raten«, womit er mit Meier gleichgezogen hätte. Querelle hatte er übrigens Meiers Vorgänger El Hedi Ben Salem gewidmet, der sich 1977, laut Guardian vom 8. Januar 1999, in einem französischem Gefängnis erhängte, in das er durch eine Messerstecherei oder einen Raubüberfall geraten war. Andere Quellen sprechen von Herzinfarkt beim Gefängnisfußball; für die Stuttgarter Zeitung vom 9. Juni 2012 hat er sich totgetrunken. Wie auch immer, der schwarzbärtige Hauptdarsteller von Fassbinders Angst essen Seele auf, ein Nordafrikaner, starb mit ungefähr 42 und war von Fassbinder sehr wahrscheinlich »nach Verwendung« so vernachlässigt worden, wie man es von Fassbinder kannte. Andererseits scheint Salem das Wohlergehen seiner Frau und seiner Kinder der Filmkarriere geopfert zu haben. Man ist hier verlockt, an einen bekannten Italo-Western aus 1968 zu denken: Leichen pflastern seinen Weg. Oder, Fassbinder, Salem und die laut Bild-Zeitung »unschönen Graben-kämpfe« ums Erbe von Fassbinder zusammengezogen, ihren Weg.

* Michael Stadler, »Das zweite Wohnzimmer«, Münchener Abendzeitung, 2. April 2012: http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.rainer-werner-fassbinder-das-zweite-wohnzimmer.f82734b7-52f9-4c40-a359-557f07fe6791.html



Favretto, Giacomo 37 (1849–87), venezianischer, möglicherweise etwas gefälliger Genremaler. Für sein hübsches Ölgemälde* Fahrende Musikanten finde ich kein Entstehungsjahr. Der Sprößling eines kinderreichen Schreiners oder Zimmermanns war von einem Grafen gefördert worden. 1878 Paris-Reise (Weltausstellung), eigene Austellungs-Erfolge bereits ab 1873. Eine »schwere Krankheit« bringt ihm allerdings schon mit knapp 30 (1877) den »Verlust eines Auges« ein und sorgt auch für seinen Tod mit 37.** Favretto, offensichtlich sehr begabt, malt naturgetreu, aber nicht glatt. Seine Szenen haben etwas Flockiges, gar Zerbröckelndes. Brockhaus spricht von »typischem venezianischem Realismus«. Man wüßte natürlich gern, wie sich der Künstler welche todbringende Krankheit zugezogen habe, doch das Internet verrät es nicht.

* https://en.wikipedia.org/wiki/Giacomo_Favretto#/media/File:Giacomo_Favretto_-_Musicos_ambulantes.jpg
** Rossella Leone im Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 45 (1995): http://www.treccani.it/enciclopedia/giacomo-favretto_%28Dizionario-Biografico%29/




Fedotow, Pawel A. 37 (1815–52). Der Russe wandte sich erst nach einer Militärzeit, die er (in Sankt Petersburg) als Fähnerich abschloß, der Malerei zu. Im Vergleich zu Favretto war er jedenfalls der bissigere Genremaler. Tatsächlich galt er später als Pionier des kritischen Realismus. Zu Lebzeiten fand er nicht viel Beachtung* – wenn auch gelegentlich, wegen der satirischen Züge seiner Gemälde und seiner Nähe zu aufmüpfigen Geistern wie Dostojewski oder Herzen, durch die zaristische Zensur. Ob diese auch dabei nachhalf, ihn in einer Irrenanstalt (wohl in Petersburg) zu versenken, kann ich nicht beurteilen. Laut englischer Wikipedia war er in seinen letzten Jahren, die er offenbar zurückgezogen in seiner Heimatstadt Moskau verbrachte, recht gebrechlich geworden. Er alterte sichtlich und litt an Kopfschmerz und Sehschwäche. Vielleicht ein Fall für Falloppios Leinensäckchen ..? 1852 habe sich zu seiner zunehmenden Melancholie auch noch Liebeskummer gesellt. Ja, mehr noch, fiel Fedotow nun sogar durch »seltsames« Verhalten auf, etwa Geld zum Fenster hinaus zu werfen, obwohl er geringe Einkünfte hatte, und etlichen Damen gleichzeitig Heiratsanträge zu machen. Schließlich holte ihn die Polizei und verfrachtete ihn in die Anstalt. Die dortigen brutalen Kuren trugen nicht gerade zu seiner Genesung bei. Einige Freunde sollen ihn besucht und sich für ihn eingesetzt haben – offensicht-lich vergebens. Ende November lag er im Sarg.

* Selbstporträt von 1848: https://en.wikipedia.org/wiki/Pavel_Fedotov#/media/File:Pavel_fedotov_1815_1852.jpg



Fenslau, Torsten 29 (1964–93). Der südhessische Discjockey, Songschneider und Musikproduzent soll etlichen »Klassikern des deutschen Techno« ans Licht der Öffentlichkeit verholfen haben, darunter dem Titel Heute ist ein guter Tag zum sterben. Das war 1992 und damit nur geringfügig verfrüht. Im folgenden Jahr, genauer am Samstag den 6. November 1993, wurde Fenslau, inzwischen 29, der Besuch einer Geburtstagsparty zum Verhängnis, die in der zwischen Frankfurt/Main und Darmstadt gelegenen bekannten Discothek Paramount Park, Rödermark, stattfand. Auf der nächtlichen Heimfahrt kam er bei Messel mit seinem Mercedes 500 SL von der Fahrbahn ab und prallte gegen einen Baum. Fenslaus Begleiterin überlebte – wenn auch vermutlich nicht ganz unbeschadet. Angeblich hatte ihr Fahrer »übermüdet« am Steuer sitzen müssen, sei er doch noch am Morgen für »Promotion« in New York City gewesen. Jedenfalls war er kein Lahmarsch, wie ja auch der Wagen zeigte, den er fuhr.



Fernandão 36 (1978–2014), brasilianischer Fußballer. Er kam bei einem Luftverkehrsunfall in der Nähe seines in Aruanã gelegenen Landsitzes um. Verstehe ich den Bericht* eines einheimischen Portals richtig, wollte man in die knapp 400 km östlich gelegene Hauptstadt Brasilia reisen, kam aber nur ein paar Kilometer weit. Der 36jährige einstige Stürmer, anschließend Vereinsmanager und Fernsehkommentator, hatte mit vier Bekannten, darunter ein Stadtrat aus Palmeiras de Goiás, einen Hubschrauber bestiegen, der kurz nach dem mitten in der Nacht erfolgten Start, ansonsten aus ungenannten Gründen, aufs Ufer des Rio Araguaias fiel – offenbar wie ein Stein. Der Hubschrauber brach auseinander. Obwohl er anscheinend nicht in Flammen aufging, gab es keine Überlebenden. Am Steuer hatte ein Militärpilot gesessen, Milton Ananias. Ein Untersuchungsbericht ist nicht aufzutreiben. Nach NBC Sports (USA) vom selben Tage meinte ein Feuerwehrmann, der Ex-Fußballer sei routinemäßig im Hubschrauber eines Geschäftspartners unterwegs gewesen, »was er ungefähr jede Woche« getan habe. Der Absturz war nicht eingeplant.

* Paulo Ludwig, »Fernandão, ídolo do Internacional, morre em acidente de helicóptero«, Globo Esporte (São Paulo), 7. Juni 2014: http://globoesporte.globo.com/rs/noticia/2014/06/fernandao-idolo-do-internacional-morre-em-acidente-de-helicoptero.html



Ferris, George W. G. 37 (1859–96), US-Bauingenieur in Pittsburgh, der Stahlkocherei von Pennsylvania. Um etwas auszuholen: Straßenpflaster, damit die Gäule der Republik nicht im Schlamm versinken, und eine leicht gewölbte Steinbogenbrücke, die (1904) den eher schmalen Haupt-fluß Kus meiner Freien Republik Mollowina überspannt – das wäre ihm bestimmt zu langweilig gewesen. Zwar hatte er zunächst im Eisenbahn- und Brückenbau gearbeitet. Um 1890, inzwischen verheiratet, gründete er eigene Firmen. Doch dann nahte die für 1893 in Chicago, Illinois, geplante sogenannte Weltausstellung. Die Organisatoren suchten fieberhaft nach einem ungewöhnlichem Bauwerk, das imstande wäre, den Pariser Eiffelturm (von 1889) in den Schatten zu stellen – und Ferris hatte den entscheidenden Geistesblitz: ein großes Rad, das statt Wasser Menschen beförderte. Man genehmigte sein Projekt schließlich unter der Bedingung, er habe es selbst zu finanzieren. Nun waren solche Dinger nicht unbedingt brandneu, aber das von Ferris war einzigartig riesig. Das Ferris Wheel oder Riesenrad maß im Durchmesser 75 Meter und wies 36 breite Gondeln auf, in denen jeweils 60 Personen Platz finden konnten. Allein die auf zwei Zwergeiffeltürme gehievte Achse wog fast 90 Tonnen.* Tatsächlich fand Ferris' Ding regen Publikumszuspruch – aber nachdem das Fest gelaufen war, verstrickte er sich in Rechtsstreitigkeiten wegen seiner Verbindlichkeiten an Lieferanten und seiner Forderungen an die Eintrittsgeld-EinzieherInnen und verschuldete sich deftig. Davon litt seine Gesundheit mehr, als wenn man ihn in einer Kabine seines Rades an den Sitz gefesselt hätte. Und als er 37 war, gab ihm eine Typhus-Erkrankung den Rest.

* Jamie Malanowski, »The Brief History of the Ferris Wheel«, Smithsonian Magazine, Juni 2015: https://www.smithsonianmag.com/history/history-ferris-wheel-180955300/



Fields, Herbie 39 (1919–58), weißer US-Jazzmusiker (Bläser), anfangs beim Militär, lebte meist in NYC oder Chicago. Für AllMusic war Fields »a fine swing era player who wasn't able to fully switch over to bop«, also ein Hinterwäldler mit Schlappen, der den Trend zum Stöckelschuh verpaßt hat. Pianist Evans hielt ihn für einen ausgezeichneten Vorläufer des Rock 'n' roll – diese Welle war im Anrollen, sie brachte Millionen an Dollars, »but nothing for Herbie Fields« … Der umtriebige Fields kannte durchaus viele Leute, neben Bill Evans etwa Lionel Hampton und den jungen Miles Davis; er leitete etliche, unterschiedlich große eigene Bands, schaffte aber ersichtlich nie den berüchtigten »Durchbruch«. Zuletzt hatte er eine Kneipe in Miami, Florida, wo er auch noch auftrat. In dieser recht aufgeheizten Stadt brachte er sich als 39jähriger mit Schlaftabletten um. In einer Selbstmord-Note soll er versichert haben, »I have completed my mission in life«. Das klingt nach Selbstironie. Während man von der Kneipe immerhin hört, sie habe The Rancher geheißen, erfährt man über Fields' Gemütshaushalt und Schlafzimmerdunst gar nichts. Der Vorhang* bleibt zu.

* https://www.gettyimages.de/detail/nachrichtenfoto/american-jazz-saxophonist-herbie-fields-plays-the-nachrichtenfoto/3204860



Filtsch, Carl 14 (1830–45), Pianist, altösterreichisches Wunderkind. Auch an ihm, Sprößling eines siebenbür-gischen Pfarrers, von Gräfin, Kaiser, Chopin, Liszt gefördert, gingen die Millionen vorbei. Er war erst knapp 15, als er in Venedig der Tuberkulose erlag. Obwohl der Musikerzieher Ernst Irtel 1993 ein ganzes Büchlein über ihn verfaßte (was Fields gleichfalls nicht schaffte), droht Filtsch anscheinend ins Vergessen abzurutschen. Dagegen läuft neuerdings die Drehbuchautorin und Regisseurin Brigitte Drodtloff Sturm, die entschlossen ist, »dem Musikgenie die Unsterblichkeit zurückzugeben«.* Sie ist empört, weil der zartbesaitete, vielleicht etwas manische Knabe schließlich zu seiner Zeit »ein Star« gewesen sei, mit beifallumrauschten Auftritten von London bis Neapel. Sie führt eine Bemerkung von Größenverehrer Stefan Zweig ins Feld: »Niemand ist fort, den man liebt; Liebe ist ewige Gegenwart.« Drodtloffs Liebe scheint erst zu greifen, wenn einer schon einmal ein Star gewesen ist.

* So Nina May, »Das vergessene Wunderkind aus Siebenbürgen«, Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien (Bukarest), 9. Juni 2017: https://adz.ro/meinung-und-bericht/artikel-meinung-und-bericht/artikel/das-vergessene-wunderkind-aus-siebenbuergen



Fischer, Adolph 29 (1858–87), Schriftsetzer unter anderem der Arbeiter-Zeitung (Chicago), US-Justizopfer »Haymarket«. Um den 1. Mai 1886, damals noch kein offizieller »Kampftag der Arbeiterklasse«, fanden in etlichen Städten der USA Streiks und Unruhen statt. Im Mittelpunkt stand die Forderung nach einem Acht-Stunden-Tag. Besonders blutig verliefen die Unruhen in Chicago, wo es auf beiden Seiten, ArbeiterInnen oder BürgerInnen und Polizei, im ganzen etliche Dutzend Tote gegeben haben dürfte, dazu Unmengen an Verletzten. Ein Teil dieser Opfer ging auf das Konto einer Bombe, die am 4. Mai auf dem Haymarket-Square explodierte. Obwohl der Werfer der Bombe von nicht einem Zeugen gesehen geschweige denn erkannt worden war, wurden acht »Rädelsführer« der Unruhen, die man schon seit langem hatte loswerden wollen, verhaftet und sieben von ihnen zum Tode verurteilt. Es waren überwiegend Anarchisten. Vier der Verurteilten wurden im November 1887 gehängt, während ein Fünfter (Lingg) vorher Selbstmord begangen haben soll. Außer George Engel (51) – gelernter Schuh-macher, später Spielzeugladeninhaber; Mitgründer der Sozialistischen Arbeiterpartei Nordamerikas; Vater von zwei Kindern – waren alle Todesopfer unter 40: Neben dem 29jährigem Adolph Fischer handelte es sich um Albert Parsons (39), Schriftsetzer und Herausgeber des anarchistischen Wochenblatts Alarm; August Spies (31), Chefredakteur der sozialistischen Arbeiter-Zeitung; Louis Lingg (23), Tischler und Redakteur der Zeitschrift Der Anarchist.

Als die Gehängten schon fünfeinhalb Jahre unter der Erde lagen, zeigte der amtierende Gouverneur von Illinois John Peter Altgeld seltenen Mut: er begnadigte die restlichen Verurteilten im Juni 1893 – weil sämtliche acht Ange-klagten des Haymarket-Verfahrens unschuldig gewesen seien. Damit hatte er immerhin seiner eigenen politischen Karriere das Grab geschaufelt. Heute zählt die Haymar-ket-Affäre nahezu unbestritten zu den schwerwiegendsten und folgenreichsten US-Justizmorden. Nicht nur in den Staaten war sie ein willkommener Anlaß, die Repression zu verschärfen. Zugleich schuf sie selbstverständlich Tausende von neuen »Anarchisten« – sowohl pazifistisch wie gewalttätig gestimmte. Zu ihnen zählten die späteren Theoretikerinnen Voltairine de Cleyre und Emma Goldman, die im Jahr der vier Hinrichtungen und des einen angeblichen Selbstmordes um 20 waren. De Cleyre wurde nur 45, weil sie selber noch Bekanntschaft mit einem Mordversuch machte, der zu ihrem Tod (in Chicago 1912) zumindest beitrug. Die Haymarket-Affäre hatte den USA überdies, Christian Dezer zufolge*, das erste tödliche Bombenattentat ihrer Geschichte beschert. LeserInnen von Tim Weiners umfangreichen CIA-Studie** werden getrost ergänzen können, es sei auch das erste »getürkte« tödliche Bombenattentat in der Geschichte der USA gewesen.

Seit nunmehr vier Jahren quälen mich die wenigen Online-Portale, die ich einigermaßen regelmäßig aufsuche, mit Berichten über den großartigen Fortgang der amtlichen und journalistischen Untersuchung, wer eigentlich für die rund ein Dutzend Toten auf dem Berliner Weihnachts-markt von 2016 verantwortlich sei. Der als Top-Terrorist gehandelte Tunesier Anis Amri kann es leider nicht mehr verraten, weil ihn die Polizei »auf der Flucht« erschossen hat. Die Ungereimtheiten in den Ermittlungen stapeln sich inzwischen in Gedächtniskirchenhöhe. Jedes Kind sieht deutlich, hier wurde um der Steigerung der lieben »Sicher-heit« willen wieder mal ein geheimdienstliches Ding gedreht, das so schmutzig ist wie das Schuhkalbsleder unserer PolitikerInnen nach einem Adventsspaziergang. Aber die fruchtlose Posse der sogenannten Untersuchung wird gnadenlos durchgezogen. Rechnen Sie sich einmal aus, wieviele Millionen die schon gekostet hat.*** Und wieviele Millionen nichtweißer Kinder man davon für Monate satt machen könnte. Gewiß ließe sich einwenden, dann würden aber soundsoviele PolitikerInnen, Journa-listen und Juristen arbeitslos. Ja, wunderbar! Die können wir nach Tunesien schicken, die Wüsten bewässern.

* Zeit-Online, 1. Mai 2010: http://www.zeit.de/wissen/geschichte/2010-04/erster-mai-august-spies
** New York 2007, deutscher Titel CIA. Die ganze Geschichte
*** Das Themenfeld wird in meiner Betrachtung »Spitzel« von 2011 beackert, A-16.




Fortsetzung Fisk—Gah
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