Montag, 27. September 2021
A-15→Polstern
Um 2000

Gehen Sie alle Ihnen geläufigen Handwerksberufe durch, werden Sie darunter keinen finden, der dem menschlichem Körper so nahe kommt wie der Polsterer (oder die Polste-rin). Seine Hände formen etwas – sie drücken und tasten, zupfen und schieben, kneten und ziehen; seine Hände liebkosen, schrecken aber auch vor Handkantenschlägen nicht zurück. Er ist Schneider, Masseur, Chirurg in einem.

Legt er mitunter für eine echte »Heftung« Roßhaar auf einem Sesselrücken auf und verzupft dieses krause Haar zu prallen karoförmigen Kissen, fallen ihm in der Tat gewisse Doktorspiele ein, die sich auf Heuböden und Speichern zutrugen. Fingerspitzengefühl, Augenmaß und ein Gespür für Formen und Proportionen sollte er besitzen. Bären-kräfte wären auch nicht schlecht. Der Polsterer ist beinahe Bildhauer. Nur arbeitet er nicht am menschlichem Körper, sondern gleichsam an dessen Abdruck. Er sorgt massiv für angemessene Entsprechungen. Im Gegensatz zu unseren Kleidern und Anzügen, die im Grunde hohl sind oder Hohlheit verbrämen, handelt es sich bei unseren Polster-möbeln ebenfalls um Körper. Haben wir auf oder in diesen Möbeln Platz genommen, werden wir wohltuenden Widerstand spüren. Der Polsterer schuf ein auf uns zugeschnittenes Eigenleben.

Dabei wird seine Nähe zum Bildhauer bereits von dem Umstand angezeigt, daß beide das Objekt ihrer Begierde aufzubocken pflegen. So können sie es – statt auf Leitern herumzuturnen oder auf Knieen über Fußböden zu rutschen – mit bedächtigen Schritten umkreisen. Nur gelegentlich zieht sich der Polsterer einen Tritt herbei, um sein frischgarniertes oder weißbezogenes Sofa »durchzu-sitzen«. Ohne Chef im Nacken wäre das arg gefährlich. Denn mit dem Bildhauer muß der Polsterer zu den Küstern im Tempel der Ruhe gezählt werden. Ob Schuster, Land-wirt, Ingenieur – sie alle wünschen uns auf Trab. Wir sollen möglichst viele Schuhsohlen und Kalorien verbrau-chen. Der Polsterer dagegen lädt uns zu Beschaulichkeit, Muße, Schlaf ein.
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