Freitag, 24. September 2021
LdF Folge Cra—Dit

Crabtree, William c.34 (1610–44), wohlhabender englischer Kaufmann und Astronom, gehörte einem privaten Zirkel Himmelsseliger im Raum Manchester an, zu denen auch der deutlich jüngere Jeremiah Horrocks zählte. Diese beiden Männer waren die einzigen Erdbe-wohnerInnen, die den Vorübergang der Venus vor der Sonne Ende 1639 sowohl vorhersagten wie beobachteten.* Woran der himmelskundige Kaufmann starb, erzählt Funkautor Lorenzen nicht. Er besitzt im Gegenteil das dicke Fell, beiläufig zu erwähnen, Crabtrees Mitstreiter Horrocks, wahrscheinlich als Hauslehrer erwerbstätig, sei bereits (1641) mit 22 gestorben. Andere Quellen sprechen allenfalls von einer »plötzlichen Erkrankung« Horrocks', sehr aufschlußreich. Biograf Peter Aughton (2004) scheint auch nicht klüger – oder eher: wißbegieriger zu sein. Ich habe ja nicht zum ersten Mal den Eindruck, die Langlebig-keit von Bulldoggen wie Winston Churchill (90) interes-siere mehr als die Kurzlebigkeit der Dackel, die ich hier versammele. Man faßt Langlebigkeit als Leistung auf; Kurzlebigkeit dagegen als bedauerliches Pech, das nicht weiter der Rede wert ist. Nebenbei behauptet Namensvet-ter R. Horrocks von der Auckland University, Neuseeland (2012), der mutmaßliche Hauslehrer sei auch ein bemerkenswerter Schriftsteller gewesen.

* Dirk Lorenzen, »William Crabtree und der erste Venus-Transit«, Deutschlandfunk, 6. Juni 2020: https://www.deutschlandfunk.de/william-crabtree-und-der-erste-venus-transit-die-fruehe.732.de.html?dram:article_id=478025



Crazy Horse um 38 († 1877), Lakota-Häuptling, gefallen. In seinen Jugenderinnerungen Wir sind Gefangene von 1927 berichtet Oskar Maria Graf von dem wichtigem Ein-fluß, den ein Buch über den »Untergang der Seminolen« auf die Rachefeldzüge der dörflichen Kinderbande ausgeübt habe, die er damals mit seinem Freund Martin und seiner Schwester Anna gebildet hatte. Am Ergrei-fendsten sei der Schluß des Buches gewesen. Da trinkt der letzte Seminole aus einer aufgeschlitzten Ader das Blut des toten Häuptlings, »das nach ewiger Rache schreit. Dann geht er zu den Sioux und zieht gegen die Weißen …« Nach dem Tod ihres Vaters hatten Oskar und Anna vor allem unter der Tyrannei ihres ältesten Bruders Max gelitten. Ich habe schon gelegentlich auf die verräterische Rede vom »Vater Staat« hingewiesen, wobei es am Wesen der Sache nicht rüttelt, wenn neuerdings verstärkt Frauen an den Rudern stehen. Unsere erwachsenen bevollmächtigten ErzieherInnen sind die ersten Obrigkeiten, die uns das Leben mit Winkelzügen, Verboten, Erpressungen aller Art zur Qual machen. Zwischen Bruder Max und dem Angela-Merkel-Ministerpräsidenten-Club, der gegenwärtig mit dreisten Ermächtigungsgesetzen regiert, besteht nicht der geringste nennenswerte Unterschied. Im Grunde ist es mir unbegreiflich, wie das einer nicht sehen kann; es ist mir folglich unbegreiflich, wie einer nicht Anarchist sein kann.

Crazy Horse mußte nicht zu den Sioux gehen, weil er selber einer war. Er fiel jedoch nicht in der berühmten siegrei-chen Ausnahme-Schlacht vom 25. Juni 1876, die im heutigen Montana am Little Bighorn River ausgetragen worden war, und zwar unter Führung der Lakota-Häupt-linge Sitting Bull, Crazy Horse und Gall. Sehr wahrschein-lich wurde Crazy Horse, noch heute jedem drittem Kind geläufig, nur 37 bis 39 Jahre alt. Im September 1877 zwecks Verhandlungen mit General Crook in Fort Robinson, Nebraska, eingetroffen, wurde er »heimtückisch ermordet«, wie es in Wolfgang Lindigs / Mark Münzels Standardwerk heißt.* Das war natürlich wieder einmal durch die üblichen Meinungsverschiedenheiten und Verrätereien in den eigenen Reihen begünstigt worden.

In jener Schlacht hatte auch die Gegenseite eine Art Triumvirat zu bieten, sogar ein familiäres. Chef der am Bighorn aufziehenden US-Truppen war Hauptmann George Armstrong Custer (36) gewesen, oft auch als General bezeichnet. Er fiel dort genauso wie seine beiden Brüder Thomas (31) und Boston (27). Das heißt, Hauptmann Thomas Custer fiel auf ausgezeichnete Weise, indem ihn nämlich Rain in the Face erschlug, der aufgrund einer früheren Festnahme durch den Hauptmann noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen hatte. Ja, die Rache kann schon ziemlich süß sein, da mögen Orwell oder irgend-welche »Gewaltfreien« sie zehnmal verdammen.

Vor gut zwei Jahren hatte ich ein hübsches – wie ich mir einbildete – Buchmanuskript zum Thema IndianerIn-nen/USA zusammengestellt. Es hatte kaum 100 Seiten. Die längsten Stücke waren mein Aufsatz über Liselotte Welskopf-Henrich »Rot ist das Blut des Adlers« (A-14) und mein Kurzroman mit 12 Liedern Reise nach Fort Lashermink. Um es kurz zu machen: es interessierte keinen, weder Freunde noch Lektoren. Damals dämmerte mir bereits, wie themenlastig unsere Welt ist, den Literaturbetrieb also eingeschlossen. Du kannst gut, verblüffend, glänzend schreiben wie du willst – ist dein Thema nicht genehm, wird es gar nicht erst gelesen. Fast schon ein Synonym für »Thema« ist »Trend«. Alles Abseitige hat nicht die geringsten Chancen. Selbstver-ständlich hat es durchaus Chancen, falls du Aichinger, Enzensberger oder Kappacher heißt. In diesen Fällen könntest du den Lektoren beziehungsweise Geschäfts-führern schleimigen Corona-Husten-Auswurf unter-breiten; sie würden ihn zu flüssigem Silber erklären.

In Wahrheit dürfte die Hintergehung und Ausrottung der amerikanischen IndianerInnen zu den 70.000 großen Schweinereien der Weltgeschichte zählen. Nähme man auch noch alle kleineren Schweinereien dazu, wäre die Gesamtzahl geradezu unlesbar. Aber die IndianerInnen-Frage lockt eben keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Etwas anders sähe die Sache aus, wenn ein mit Reservations-Rothäuten und ein paar Tonnen Sprengstoff besetztes U-Boot unter den US-Flugzeugträger schlüpfte, in dem der neue Präsident der Staaten gerade eine Parade abnimmt. In diesem Fall bräuchte ich mein Buchmanu-skript lediglich mit einem »aktuellen« Einleitungsstück versehen, und schon wäre es an den Verlag gebracht. Ich rate allerdings von der U-Boot-Unternehmung ab. Person und Amt des US-Präsidenten sind völlig unerheblich. Maßgeblich ist der »digital-finanzielle Komplex«, wie Ernst Wolff neuerdings dazu sagt. Und der ist weder gewählt noch gekauft, noch wechselt er ungefähr täglich seine Farbe, ganz im Gegensatz zu beispielsweise Florian Rötzers profilloser Schwatzbude Telepolis, die wie derzeit fast alle gebannt nach Washington starrt und das Erspähte fleißig auf den Bildschirm schmiert. Selbst Rubikon ist für meinen Geschmack noch zu sehr dem sogenanntem Zeitgeschehen verhaftet.** Geben Sie mir 70.000 Euro, und ich setze ein Blatt in Gang, das das Zeitgeschehen eher schneidet und sich gerade dadurch Achtung verdient. Man darf sich die eigene Marschroute nie vom Gegner diktieren lassen, sonst wird man früher oder später wie er.

* Die Indianer von 1976, Band 1 Nordamerika, dritte deutsche Auflage München 1985, S. 173
** Zur Entspannung: hoehe der zeit (mp3, 707 KB)




Crescentini, Federico 24 (1982–2006), sanmari-nesischer Fußballer, taucht in Mexiko. Der selten gewürdigte Staat San Marino liegt bei Rimini an der italienischen Ostküste. Crescentini jedoch, Fußballprofi in Diensten des sanmarinesischen Rekordmeisters SP Tre Fiori, genügte die Adria nicht. Er mußte im Dezember 2006, 24 Jahre alt, mit seiner Geliebten Tauchurlaub in Acapulco machen, dem mexikanischem Touristenparadies am Pazifik. Er mußte auch bei tückischem Wellengang tauchen oder schwimmen, und als er, sogar erfolgreich, versuchte, seine Geliebte vorm Ertrinken zu retten, wurde er selber von einer Strömung erfaßt und fortgespült.* Seine Leiche fand sich nach zwei Tagen. Das Mitglied der Regierung von San Marino Fiorenzo Stolfi soll sich bei einer offiziellen Gedenkfeier zufrieden gezeigt haben: »Ein junges und schönes Leben, das uns allen viel gegeben hat. Seine Opferbereitschaft, seine Großzügigkeit sind ein Beispiel für die jüngere Generation.« Besser hätte es auch die ehemalige deutsche Kriegsministerin Von der Leyen, gegenwärtig EU-Obergeierin, nicht sagen können. Crescentini bekam posthum den Ritterorden seines 60 Quadratkilometer großen Zwergstaates.

* »Murió en Acapulco el futbolista de San Marino Federico Crescentini«, mediotiempo.com, 19. Dezember 2006: http://www.mediotiempo.com/futbol/mexico/noticias/2006/12/19/muere-en-acapulco-jugador-de-san-marino



Crispin, Alexander 35 († 2013), US-Dompteur, arbeitete vornehmlich mit Raubkatzen. Anfang Februar 2013 mit dem Zirkus Suarez in der Kleinstadt Etchojoa des mexikanischen Bundesstaates Sonora zu Gast, wurde der 35jährige während seines Auftritts von einem Bengal-Tiger angegriffen, zu Boden gerissen und dann vor allem am Hals schwer verletzt. Es gelang, ihn zu befreien und ins Hospital von Huatabampo zu schaffen, wo er allerdings kurz darauf starb. Einige Zuschauer flüchteten vor Entsetzen aus dem Zelt.* Andere rissen geistesgegenwärtig ihre Videokamera ans Auge. Die Filme können im Internet genossen werden.

* Leon Watson, »Bengal tiger savages his American trainer to death in front of horrified audience watching circus performance in Mexico«, Mail Online, 5./6. Februar 2013



Cuesta, Jorge 38 (1903–42), mexikanischer Chemiker und Schriftsteller, Selbstmord. Wie es aussieht, benötigte Cuesta keine Tiger, weil er schon selber welche in sich hatte, wie Tony Hancock vielleicht. Der umwerfende britische Komiker schluckte sich 1968 mit 44 Jahren mit Wodka und Tabletten tot. Vorhaltungen, er saufe zu viel, hatte er wahlweise mit der Erklärung gekontert, er trinke um seine inneren Dämonen zu ersäufen oder to send away the tigers – wovon eine britische Rockgruppe prompt einen hübschen Albumtitel entlehnte.

Cuesta betätigte sich streckenweise als Laborant in der Zucker- und Alkoholindustrie, ansonsten als linksge-stimmter »Dichter« und (1932) Gründer einer Zeitschrift, die angeblich Examen hieß. Er hatte entsprechende Anregungen in europäischen Künstlerkreisen empfangen, darunter André Breton. Gegen 1930 nach Mexiko zurückgekehrt, heiratete er Lupe Marín, die eine Zeitlang Gattin vom berühmtem Maler und Schürzenjäger Diego Rivera gewesen, aber nun auf diesen wütend war. Dieser Schritt des dichtenden Chemikers war möglicherweise ein Fehler. Während die spanische Wikipedia nur recht allgemein versichert, Cuesta habe schubweise unter Wahnvorstellungen gelitten (die ein Psychiater auf seine »verdrängte Homosexualität«, er selber jedoch auf seinen beruflich bedingten Drogenkonsum zurückgeführt haben soll), behauptet die US-Galeristin Mary-Anne Martin, Cuesta sei »kurz nach seiner Hochzeit« mit der übrigens »stürmischen« Lupe psychisch erkrankt.* Jedenfalls kam es zu Klinikaufenthalten, und zuletzt offenbar zu einem »Entmannungs«-Versuch Cuestas, der darin mündete, daß sich Cuesta, inzwischen wohl wieder von Lupe geschieden, mit 38 im Sanatorium mit Hilfe von Bettlaken an irgendeinem Gitter erhängte.

Was die Galeristin zu der Rivera-Grafik sagt, die sie präsentiert, zeugt ohne Zweifel von Belesenheit, erinnert mich freilich auch an ein ganzes Rudel von Tiger-Welpen, die in einer Waschmaschinentrommel routieren. Kurz, es verwirrt mich. Ansonsten bestätigt es jedoch meinen be-reits als Westberliner Künstlermodell gehegten Verdacht, es gebe anscheinend keinen ästhetischen Haken, an dem man nicht kiloweise zungenfeuchte Wäsche aufhängen könne.

Der mexikanische Maler Amado Cueva, ein Kumpel von Rivera und an allerlei revolutionären Wandgemälden beteiligt, hatte seinen Tiger im Tank. Laut englischer Wikipedia stieß er bereits 1926, mit knapp 35 und ausgerechnet am 1. April, in oder bei Guadalajara mit seinem Motorrad (und einem Beifahrer) mit einem Auto zusammen. Tod noch in der Unfallnacht.

* mary-anne martin | fine art (NYC), »Diego Rivera (..) Illustration for La Unica«, o. J.: https://mamfa.com/exhibition-catalogs/diego-rivera-drawings-and-watercolors/illustration-for-la-unica



Curschmann, Friedrich 36 (1805–41), von Hause aus betuchter, auch sonst erfolgreicher Berliner Sänger und Komponist, vor allem Lieder. Rochus von Liliencron urteilt (in der ADB, 1876) recht streng über den Erfolgreichen: »C. war eine musikalische Natur und ein gut geschulter Tonsetzer, doch fehlte es ihm an Tiefe und Originalität, auch ließ er sich durch den Beifall, den seine Lieder beim großen Publicum fanden, zur Vielschreiberei verlocken.« Dieses Problem habe ich jedenfalls nicht. Curschmann soll »unerwartet«, sogar auf einer Reise, an einer Blinddarm-entzündung gestorben sein. 1837 hatte er sich mit der »anmuthigen Sängerin« Rose Eleonore Behrend (1818–42) verheiratet. »Sie überlebte den geliebten Gatten nur ein Jahr«, teilt Von Liliencron mit. Warum, verrät er natürlich nicht. Aber Peter Oliver Loew weiß es.* Er stellt überein-stimmend mit dem Lexikonautor fest, die »entzückende« Tochter eines wohlhabenden Danziger Kaufmanns sei bereits kurz nach Curschmanns Tod gleichfalls gestorben »– vor Sehnsucht«. Jedenfalls in dem Roman Rose aus dem Werder (1940), den Loew in seinem Werk streift, verhalte es sich so. Der sei allerdings »auf viele Quellen und familiäre Überlieferungen« gestützt. Was Wunder, die aus Danzig stammende Verfasserin hieß Dora Eleonora Behrend, und wer ihr glaubt, wird selig.

* Das literarische Danzig 1793 bis 1945, Ffm 2009, S. 157/58



Curtens, Helena 16 (1722–38), niederrheinische Hexe. Der Justizmord an der 16jährigen Helena Curtens und der 48jährigen Agnes Olmans im August 1738 gilt als letzter Fall von Hexenverfolgung am Niederrhein. Curtens wuchs in Gerresheim auf (heute zu Düsseldorf) und war von der Wiege an für körperliche und geistige Krankheiten anfällig. Bis zum Herbst 1736 war sie mit ihrem Vater schon mehrmals nach Kevelaer (bei Kleve) gepilgert, dem bedeutendsten Wallfahrtsort am Niederrhein, um Heilung zu finden. Im selben Jahr bezichtigte die damals 14jährige ihre Nachbarin Olmans, Mutter von zwei Kindern, der Betätigung als Hexe, wobei Olmans den »Schwarzen« (Teufel), der sie dauernd besuche, auch Curtens auf den Hals gehetzt habe. Das scheint Curtens freilich im Laufe der Verhöre immer günstiger oder interessanter gefunden zu haben, denn sie schmückte ihren Umgang mit dem Satan von Mal zu Mal aus. Olmans dagegen »leugnete« konsequent – bis zur Folter.

Die »treibende Kraft« der Voruntersuchung ist nach Erika Münster-Schröer* der Amtsrichter Johann Sigismund Schwarz aus Mettmann gewesen. Diesbezüglich steuert die Düsseldorfer Historikerin einen beinahe witzigen Gesichtspunkt bei. Curtens oder ihr Vater hatten sich unter anderem mit Geistererscheinungen und Wundern gebrüstet, die sie angeblich im erwähnten Wallfahrtsort Kevelaer erfahren hatten. Schwarz jedoch war dem noch jungen, vom Münsteraner Fürstbischof eingerichteten Wallfahrtsort Neviges (bei Mettmann) und wahrscheinlich auch dem Abt von Essen-Werden eng verbunden. Durch seine Anschwärzung der »Hexe« Curtens wurde automatisch auch Kevelaer in Mißkredit gebracht, was Neviges und damit der Werdener Reichsabtei nur recht sein konnte, stärkte es doch deren Position.

Ende Juli 1738 empfahl der Düsseldorfer Hofrat Eckarth eine Verurteilung beider Frauen zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Das Urteil erging in diesem Sinn und wurde vom damals zuständigen Kurfürsten Karl III. Philipp von Pfalz-Neuburg bestätigt. So wurden die Frauen am 19. August in Gerresheim öffentlich verbrannt. Seit 1989 steht am Hinrichtungsort zu ihrem Gedenken Gabriele Tefkes Skulptur Befreiung, auch »Gerresheimer Hexenstein« genannt. Mehr noch, heißt dieser Ort seit April 2012 Helena-Curtens-und-Agnes-Olmans-Platz. Der Düsseldorfer Stadtrat rehabilierte beide Frauen im November 2011 ganz offiziell. Um sich dazu durchzu-ringen, hatte er gut 270 Jahre benötigt.

* Aufsatz »Ein vorgetäuschtes Wunder, ein Hexenprozess und eine Wallfahrt«, in: Rainer Walz (Hrsg): Anfechtungen der Vernunft, Essen 2006, S. 97–115



Curtis, King 37 (1934–71), vielgefragter dunkelhäutiger US-Saxophonist. Der bullige Jazz- und Rockmusiker wohnte und wirkte seit 1956 in der friedliebendsten Stadt der Freien Welt, New York City. An einem vermutlich heißem Augusttag wollte er einen möglicherweise fast mannshohen Ventilator in seine Wohnung schaffen, doch im Treppenhaus lungerten zwei Drogendealer herum, die ihm angeblich den Weg versperrten. Es kam zu einem Streit, in dessen Verlauf Curtis erstochen wurde. Der Täter, Juan Montanez, kam mit gut fünf Jahren Gefängnis davon. Soweit ich sehe, war Curtis unverheiratet. Die Anteilnahme in der Branche war groß. Es wird sogar behauptet, der Musikverlag Atlantic Records habe am Tag der Beerdigung seine Büros geschlossen, also eine Stockung im Geschäft in Kauf genommen. Die abschließenden Musikstücke auf der Beerdigung trugen Aretha Franklin und Stevie Wonder vor.



Cushman, Clifton 28 (1938–1966), 400-Meter-Hürden-läufer und Pilot für die USA. Ihn hat der Vietcong auf dem Gewissen. Nachdem Cushman 1960 in Rom eine olympische Silbermedaille errungen hatte, trat er im folgenden Jahr in die US-Luftwaffe ein. Es war ihm zu wenig, immer nur an 91,44 Zentimeter hohen Hürden zu straucheln. Am 25. September 1966 erhielt Major Cushman, einst Absolvent der University of Kansas in Lawrence, den Auftrag, eine im Norden Vietnams gelegene Eisenbahnbrücke zu bombardieren. Bei diesem Flug wurde sein Jäger abgeschossen. Major Cushman galt zunächst nur als vermißt. Als seine Gattin Carolyn davon hörte, angeblich Musiklehrerin, soll sie laut englischer Wikipedia erklärt haben, Cushman laufe da unten gerade das größte Rennen seines Lebens. Es sei so groß, daß man allerdings das Zielband nicht sehe. Cushman sei in ausgezeichneter körperlicher Verfassung. Er habe zudem einen sehr tiefen Glauben an Gott. »Welche bessere Kombination könnte es geben?« Die mit seiner Gattin vielleicht. Einen Sohn, geboren 1965, hatte Cushman auch noch. Ich nenne seinen Namen aber lieber nicht; er könnte ja noch leben.

Dem Schwerverbrechen »Vietnamkrieg« fielen, neben rund 60.000 ausländischen Soldaten, mehrere Millionen Vietnamesen zum Opfer. In ähnlicher Höhe wird die Anzahl der Verwundeten, Verstümmelten, Verseuchten geschätzt. Zu den Todesopfern zählte die 27jährige Ärztin Đặng Thùy Trâm, die es im Juni 1970 auf einem Urwaldpfad erwischte, wohl in einem Feuergefecht. Ein ungehorsamer US-Soldat, Fred Whitehurst mit Namen, rettete jedoch ein Tagebuch der Ärztin. Nachdem es ihm schließlich gelungen war, Trâms Angehörige zu finden und sich mit ihnen zu verständigen, wurde das Tagebuch (2005) veröffentlicht.* Es wäre interessant zu wissen, ob Cushmans Sohn es gelesen hat. Eine deutsche Ausgabe erschien 2008.

* https://www.vietnam.ttu.edu/resources/tram_diary/



Cybulski, Zbigniew 39 (1927–67), der »polnische James Dean«, meist mit Sonnenbrille, nicht aber am Steuer eines schnellen Autos, vielmehr auf Bahnsteig 3 des Breslauer Hauptbahnhofs tödlich verunglückt. Der polnischen Wikipedia zufolge hatte er gerade Dreharbeiten am Streifen Morderca zostawia ślad (Der Mörder hinterläßt eine Spur) hinter sich, erschienen im selben Jahr 1967, und wurde schon wieder für eine Bühnenprobe in Warschau erwartet. Durch den Bahnhof geeilt, wollte er, wie schon so oft, auf seinen bereits anfahrenden Zug springen. Der erwähnte Eintrag wirft einen ganzen Abschnitt über Cybulskis Auf-den-Zug-spring-Meise in die Waagschale, die sich auch in etlichen Filmen geltend gemacht habe. Nun jedoch rutscht der verheiratete Künstler (39, einen sechsjährigen Sohn) unplanmäßig auf dem Trittbrett aus und fällt unter den betreffenden Zug. Er stirbt am selben Tag im Krankenhaus.



Cyrano de Bergerac 36 (1619–55), französischer Raufbold und Schriftsteller. Man sollte immer mal wieder an den großen Totschläger Krieg erinnern. Im 17. Jahrhundert beispielsweise tobten allein in Mitteleuropa unzählige Schlachten, die später dem »Achtzigjährigem Krieg« (um die Niederlande) oder dem bekanntem »Dreißigjährigem Krieg« zugeordnet wurden. Eine Begleiterscheinung beider Kriege war der sogenannte »Französisch-Spanische Krieg« der Jahre 1635–59, der mal in den Pyrenäen, mal in der Picardie ausgetragen wurde. Ebendort, im Nordwesten Frankreichs, schlug sich um 1640 ein junger Pariser Hilfs-Adeliger mit, der bis dahin vor allem als Dandy und Duellist, weniger mit seinen Versen und seiner angeblich monumentalen Hakennase geglänzt hatte: Cyrano de Bergerac.* Nach der zweiten Verwundung quittierte er den Kriegsdienst und ging nach Paris zurück. Hier warf er sich nicht nur aufs Tanzen und Fechten, sondern zudem auf breitgefächerte Studien, darunter der Astronomie und der Alchemie. Grundsätzlich litt er unter Geldnöten, möglicherweise auch an einer Syphilis-Erkrankung. Eine kleine Erbschaft vom verstorbenen Vater war rasch durchgebracht.

Als Frucht seiner Studien wie seiner angeblich vornehmen Herkunft vermischten sich in Cyranos Positionen freigeistige mit konservativen Anwandlungen, was sich auch in seinen Schriften niederschlug. 1652 als eine Art Edeldomestik in den Dienst des Herzogs und Offiziers Louis d'Arpajon getreten, widmete er diesem seine Ende 1653 uraufgeführte Tragödie La Mort d'Agrippine (Der Tod der Agrippina). Das historische Stück im Stile Corneilles erregte vor allem durch etliche religionskritische Tiraden Aufsehen und Anstoß. In der Tat lassen einige Literaturgeschichtler Cyrano als einen bemerkenswerten Vorläufer der Aufklärer des 18. Jahrhunderts gelten, während ihn gewisse Literaturfreunde zu den höchstver-ehrungswürdigen Erfindern des Science-Fiction-Romans zählen. Spätestens 1650 hatte Cyrano nämlich einen zweiteiligen Roman in Angriff genommen, der sein Hauptwerk werden sollte, L'autre monde (Die andere Welt). Sein Ich-Erzähler berichtet von seiner Fahrt zum Mond und zur Sonne und von seinen Erlebnissen mit den dortigen Bewohnern, wobei er diesen Fremden philoso-phische, naturkundliche, religiöse und gesellschaftspoli-tische Ansichten in den Mund legt, deren Äußerung auf Erden von Strafe bedroht war. Näheres referiert Petri Liukkonen.** Während Cyrano den Mond-Teil noch vollenden konnte, blieb der Sonnen-Teil unabgeschlossen. Daneben veröffentlichte er 1654 einen Sammelband mit kleineren Prosaarbeiten, aus denen später sogar Molière geschöpft haben soll.

Im selben Jahr ereilte ihn allerdings ein Mißgeschick, das wieder mal alle tragisch, einige zudem einen Mordan-schlag nennen. Die Umstände, unter denen ihm im Stadt-palast seines Brotherren ein Balken auf den Kopf fiel, sind bis heute ungeklärt. Falls dies überhaupt der Fall war … Ein Jahr später starb Cyrano mit 36 Jahren im Hause von Verwandten in Sannois (bei Paris) – ob an dem Balken, einem gegnerischem Holzprügel oder vielleicht doch an Syphilis, ist ebenfalls nicht bekannt. Nach einigen Quellen hat es der »Dandy«, in sexueller Hinsicht, mit beiden Geschlechtern getrieben. Da man ihm ein kirchliches Begräbnis gewährte, muß er sich vor seinem Tod noch mit der Kirche arrangiert haben. Damit war sein Seelenheil gerettet. Zu seinem Ruhm trug 1897 sein Landsmann Edmond Rostand mit der romantischen, in Versen gesetzten Komödie Cyrano de Bergerac bei, die auch wiederholt verfilmt wurde. Nach Liukkonen sieht sie von historisch Verbürgtem weitgehend ab.

1994 erblickte im Schwabenland ein brauner Hengst die Welt, der sich einige Jahre später als Cyrano de Bergerac unter dem Hintern des bekannten Springreiters Franke Sloothaak wiederfand. Er starb 2009 – der Hengst. Im Saarländischen gibt es seit ungefähr 2005 eine Hunde-zucht, die der erwähnten profilierten Nase des Duellisten Cyrano ziemlich Hohn spricht. Sie züchtet unter dem Titel »… von Cyrano de Bergerac« Möpse.

* Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 4, Leipzig 1906 (!) versichert, Cyrano habe in seinem kurzem Leben »mehr als 1.000 Duelle« bestanden. Die meisten davon hätten sich an seiner Nase entzündet.
** Authors' Calendar, 2008–20: http://authorscalendar.info/bergerac.htm




Czaplicka, Maria Antonina 36 (1884–1921), polnisch-britische Kulturanthropologin. Sie wohnte zuletzt, 1921, in Bristol oder Oxford, vielleicht auch zwischen diesen beiden südenglischen Städten. So oder so, muß sie ziemlich verzweifelt gewesen sein. Gut 10 Jahre früher hatte sie Polen in Begleitung ihres Studienkollegen Bronisław Mali-nowski verlassen, der wie sie aus inzwischen verarmtem polnischem Adel stammte, um ihre Ausbildung in London und Oxford abzuschließen. Da sie russisch sprach, bewilligte man ihr nach dem Diplom ein Stipendium für Forschungsarbeit über Sibirien. Ihr besonderes Interesse galt dem Schamanismus der Eingeborenen. Zwar hatte sie noch nie einen Fuß auf sibirische Gefilde gesetzt, doch ihr 1914 erschienenes Buch Aboriginal Siberia fand die Anerkennung ihrer Zunft. Man bewilligte ihr daraufhin auch Forschungsgelder für Feldarbeit vor Ort. Übrigens soll ihr das in verständlichem Englisch geschriebene Werk selbst außerhalb der akademischen Zirkel viel Beifall eingebracht haben.

Nun zog sie während der ersten Kriegsjahre 1914/15 gemeinsam mit ihrem US-Kollegen Henry Usher Hall vom Museum der Pennsylvania University in Philadelphia monatelang durch Sibirien. Sie orientierten sich dabei am Fluß Jenissei, der immerhin 4.000 Kilometer lang ist. Streckenweise wurden sie auch von einer Ornithologin (Maud Doria Haviland) und einer Malerin (Dora Curtis) begleitet. Czaplicka brachte Stapel von Aufzeichnungen und Fotografien mit nach Oxford, wo sie nun sogar als Dozentin auftreten durfte – die erste an dieser Universität. Auch ihr nächstes Buch, My Siberian year von 1916, wurde viel gelesen. Obwohl sie inzwischen promoviert hatte und damit erst die zweite europäische Anthropologin mit Doktortitel war, verlor sie ihren Posten in Oxford 1918 zugunsten eines Professors, sprich: männlichen Kollegen, der aus dem Krieg zurückkehrte.* Sie konnte lediglich eine zeitlich begrenzte Lehrtätigkeit am anatomischem Institut der Universität Bristol übernehmen. 1919 veröffentlichte sie ihr drittes Buch The Turks of Central Asia. Zwar erkannte ihr die Royal Geographical Society im folgenden Jahr einen Murchison Award für ihre Arbeiten zu, doch dieser Preis war vermutlich nicht oder kaum dotiert, geriet sie doch zunehmend in Geldnot und Schulden. Auch ihr Versuch, ein neues Reisestipendium zu ergattern, blieb erfolglos. Im Mai 1921 wurde die erwerbslose 36jährige Erforscherin des Schamanismus tot in ihrer Wohnung aufgefunden, sie hatte sich vergiftet.

Erklärungen fanden sich offenbar nicht. Ihre Tagebücher hatte Czaplicka im Rahmen ihres »Nervenzusammen-bruchs«, so die Bezeichnung der polnischen Wikipedia, vermutlich vernichtet. Ihre wissenschaftlichen Aufzeichnungen vermachte sie testamentarisch Hall aus Philadelphia. Es gab Mutmaßungen über möglicherweise unglückliche persönliche Beziehungen zwischen den beiden, zumal sich Hall etwa zur Zeit von Czaplickas Selbstmord verheiratete. Aber vielleicht hatte sie sich ja gar nichts aus Männern gemacht. In polnischen Museen soll es einige private Briefe von Czaplicka an Manilowski und den Schriftsteller Władysław Orkan geben, aus denen möglicherweise Näheres hervorgeht. Mehr als ihre Einsamkeit.

* Jaanika Vider am 25. Juni 2016 in der Serie Women in Oxford's History: https://womenofoxford.wordpress.com/2016/06/25/maria-czaplicka/



Dagerman, Stig 31 (1923–54), schwedischer Schrift-steller. Sein Weg zum Erfolg ist gleichsam mit Sprengstoff gepflastert– so etwas macht zerrissen und endet rasch tödlich. Seine Mutter, eine Telefonistin, verläßt ihn gleich nach der Geburt. Der Vater, ein Sprengmeister, gibt ihn zu den Großeltern, die einen ärmlichen Bauernhof betreiben. Mit 16 verliert Stig auch seinen Großvater, weil dieser von einem Geistesgestörten, wie es heißt, erstochen wird. Bald darauf erleidet seine Großmutter einen Schlaganfall. Mit 17 unternimmt Dagerman seinen ersten Selbstmordversuch, oder täuscht ihn jedenfalls vor. Auf dem Stockholmer Gymnasium gilt er als Tölpel vom Dorf. An den Wochenenden trägt er Zeitungen aus. Zwar gewinnt er in einem literarischem Schulwettbewerb eine Fahrt in die Berge, aber dort wird ein Freund und Zimmergenosse unter einer Lawine begraben. Nach der Schulzeit schlägt Dagerman die Laufbahn eines Journalisten und Erzählers ein. Er wird Gewerkschafter und regelmäßiger Mitarbeiter der anarchosyndikalistischen Tageszeitung Arbetaren. Hier begegnet er seiner ersten Ehefrau Annemarie Götze, die sich anscheinend im umgekehrten Verhältnis zum Anschwellen seines Ruhmes wieder von ihm absetzt. Mit 22 debütiert Dagerman mit seinem Roman Die Schlange, der die niederschmetternden Erfahrungen seines Militärdienstes verarbeitet. 1947 beeindruckt er durch die Frucht einer für Expressen unternommenen Reise durch das Nachkriegsdeutschland, dem Sammelband mit Reportagen Deutscher Herbst. Vom ermutigenden Echo getragen, folgen rasch mehrere Erzählwerke, gipfelnd in den Romanen Gebranntes Kind (1948) und Schwedische Hochzeitsnacht (1949).

Doch dann häufen sich die Schwierigkeiten. Dagerman kann nicht mit Geld umgehen; Schuldgefühle, Ängste und Zweifel, auch an sich selber, plagen ihn; seine Texte mißlingen; das unter Erfolgsdruck gesetzte »Wunderkind der schwedischen Nachkriegsliteratur« wird dick; auch Dagermans zweite Ehe mit der prominenten Theater- und Filmschauspielerin Anita Björk scheitert. Eine Zeitlang sucht er sich mit Kino, Pokerspiel, Autofahren zu betäuben. Da liegt ein Unfall sozusagen in der Luft. An einem Novembertag 1954 begnügt sich der 31jährige mit der Garage seiner Villa im Stockholmer Vorort Enebyberg: er erstickt sich mit Autoabgasen. Einige Quellen schließen aus der Tatortbeschreibung, Dagerman sei, wie schon bei etlichen früheren Anläufen zum Selbstmord, in letzter Sekunde zurückgeschreckt (»Fuß vom Gaspedal genommen«), nur diesmal vergeblich. Trifft das zu, wäre er wenigstens seiner Unschlüssigkeit treu geblieben. Eine Stiftung verleiht seit 1996 einen Literaturpreis, der Stig Dagermans Namen trägt. 2012 stirbt auch Björk – knapp 90 Jahre alt.

Andernorts führte ich schon einmal eine Bemerkung Dagermans über den Zweikampf an. Offenbar war ihm Alains Einsicht nicht fremd, der größte Feind eines Menschen sei dieser selber. »Ich habe keine Philosophie, in welcher ich mich bewegen könnte wie der Vogel in den Lüften und der Fisch im Wasser. Alles was ich besitze ist ein Zweikampf, und in jedem Augenblick meines Lebens tobt dieser Zweikampf zwischen den falschen Tröstungen, die bloß die Ohnmacht steigern und meine Verzweiflung vertiefen, und diesen echten Tröstungen, die mich hinführen zu einer flüchtigen Befreiung«, womit er wahrscheinlich Liebes- oder Schreibwonnen im Auge hatte.* Das Trügerische an diesen Echtheiten führte ihn mit 31 in die Garage, wie wir gesehen haben. Ilja Ehrenburg hätte Dagermans Leiden am »Zweikampf« vermutlich verstanden. »Ohne überscharfe Sensibilität«, schreibt der Sowjetrusse in seinen Memoiren, »gibt es keinen Künstler – er mag Mitglied von zehn Verbänden sein. Damit gewöhnliche Worte erregen, damit die Leinwand oder der Stein lebendig wird, muß Leidenschaft am Werk sein. Der Künstler verbrennt schneller: Er lebt für zwei. Denn außer seinem Schöpfertum hat er ja noch sein verworrenes Leben – bestimmt nicht weniger als andere Menschen.« Der echte Künstler ist der vom Scheitel bis zur Fußsohle gespaltene Mensch. Er ist die unmögliche Verkörperung der Unruhe.

* Zitiert nach Webseite Beat Mazenauer, »Der untröstliche Glücks-sucher«, o. J.: http://beatmazenauer.ch/index.php?0&page=xc4c6c269d724a2&parent=xc450d3c128ab66&lang=de



Daniloski, Antonio »cyx« 20 (1990–2010), profes-sioneller E-Sportler aus Lüdenscheid, trotz oder gerade wegen seiner Jugend ein namhafter Counter-Strike-Spieler, also sozusagen ein Champion des Computer-Killerspiels. Seit 2007, da war er 17, beim Club mousesports unter Vertrag, errang Daniloski etliche internationale Erfolge, nebenbei auch mit der deutschen Nationalmannschaft. Er selbst wurde »auf seiner Reise an die Spitze«, so ein Gedenkartikler 2020, nicht in virtuellen Feuergefechten, vielmehr im Straßenverkehr gekillt. Für den 28. Juli 2010 hatte der inzwischen 20jährige geplant, von Frankfurt/Main aus mit seinem Club zu einem Turnier in Shanghai zu fliegen, doch er verpaßte das Flugzeug. So reiste er, als Beifahrer, im Auto auf der A 45 zurück ins Sauerland, um es am folgenden Tag erneut zu versuchen. Allerdings kam er nicht zu Hause an, weil der Mazda MX 5, laut Bericht der Polizei Dortmund aufgrund eines Reifenschadens, in Höhe der Ausfahrt Lüdenscheid-Süd unter der Leitplanke durchgeschleudert wurde und gegen oder auf eine Böschung prallte. Beide Fahrzeuginsassen erlitten dabei schwere Verletzungen, doch nur Daniloski, soweit ich weiß, erlag ihnen kurz darauf im Krankenhaus. Am Steuer soll eine 22jährige Freundin des E-Sportlers gesessen haben.

Man könnte seufzen: Nun ja, die gebeutelte Frau hatte sich eben auf dieses Mord- und Totschlagfeld begeben. Sie hätte ja auch Kräuterhexe auf einer Alm in der Schweiz werden können. Oder hätte sie nicht? Eine Frage des Glaubens oder Nichtglaubens an »Willensfreiheit«. Was mich angeht, bin ich auch darin ungläubig.



Dārziņš, Emīls 34 (1875–1910), lettischer Komponist, vorwiegend Vokalmusik. »Dārziņš« soll (verniedlichend) »Gärtchen« heißen, aber die Angelegenheit gestaltete sich wenig idyllisch. Der als Kind oft kranke, außerdem eher arme Lehrerssohn studiert entgegen dem väterlichem Willen Musik in Riga und Petersburg, kehrt jedoch ohne Abschluß nach Riga zurück. Da er als Komponist nicht so recht Fuß fassen kann, hält er sich notdürftig mit Unterricht und musikkritischen Artikeln, ferner als Organist und Chorleiter über Wasser. 1930 verheiratet er sich mit der Lehrerin Mariju Deiders; das Paar bekommt zwei Kinder. Der Haussegen scheint meist schief zu hängen, wegen Geldnot und Vaters Trunksucht. Dessen Verzweiflung an der Behäbigkeit des nationalen Musiklebens kommt hinzu. Er hat sich inzwischen einige Feinde gemacht. 1908 wird Dārziņš' wohl schon älteres Symphonisches Gemälde Vientuļā priede (Einsame Kiefer) aufgeführt und zumindest teilweise von der Kritik verrissen, wobei auch Plagiatsvorwürfe erhoben werden, die Jean Sibelius höchsteigen bestätigt, Alexander Glasunow dagegen zurückgewiesen haben soll. Fachmann Arnolds Klotiņš behauptet*, Dārziņš habe von Sibelius überhaupt nichts gekannt. Der Fall ist umstritten. Damals vernichtete Dārziņs sämtliche Manuskripte seiner symphonischen Arbeiten, und wenn er bald darauf, Ende August 1910, im Rigaer Zasulauka-Bahnhof »unter die Räder eines Personenzugs fiel«, riecht es sicherlich stark nach Selbstmord des 34jährigen Enttäuschten. Aber auch dieser Vorfall soll ungeklärt sein.

Später rekonstruierte der Dirigent Artūrs Bobkovics aus Instrumenten-Auszügen Dārziņš' Valse mélancolique von 1904, der dadurch geradezu berühmt wurde. Um es richtig romantisch zu haben, sollten Sie das eher kurze Werk gelegentlich in einer Anverwandlung des Kokļu-Ensembles Raksti genießen, dargeboten im Palmenhaus des Botanischen Gartens der Universität von Lettland, Riga, wohl 2016.** Die Kokļu, auch Kokle geschrieben, ist eine Art der baltischen Zither, wenn ich mich nicht irre, und in Lettland durchaus beliebt. Es mag natürlich sein, daß sie einen ebenfalls in den Selbstmord treibt, falls man sie zu oft und zu geballt hört. Man sollte dann seinen Verdruß aber nicht an den Bediensteten und den Fahrgästen der Eisenbahn auslassen.

* Eintrag in der Nacionālā enciklopēdija, Stand 13. Januar 2021: https://enciklopedija.lv/skirklis/32412
** https://www.youtube.com/watch?v=F81tZK10dh8




Dase, Zacharias 37 (1824–61), deutscher Rechen-künstler. Der Sprößling eines kleinen Hamburger »Schankwirts«, wie Moritz Cantor mitteilt (ADB, Band 4, 1876), war hauptsächlich Kopf- und Schnellrechner. Mit Mathematik hatte er wenig am Hut.* Auf ausgedehnten Veranstaltungsreisen, die ihn durch ganz Mitteleuropa führten, verblüffte er vor allem in seiner Jugend als das übliche »Wunderkind«. So multiplizierte er etwa in Affengeschwindigkeit zwei Zahlen, die länger als Lianen waren, beispielsweise 79.532.853 × 93.758.479 in 54 Sekunden. In München soll er einmal in 20 Minuten die Quadratwurzel aus einer 60-ziffrigen Zahl gezogen haben. Lärm machte ihm nichts aus, und oft begleitete er sein Rattern im Kopf mit Konversation.* Ging er spazieren oder Leute besuchen, stellte er die Anzahl von Schafen in einer Herde oder von Büchern in einer Regalwand in Blitzes-schnelle fest. Ein Genie der Menge, der Beschleunigung, des Quantitativen also. Heutige Handyhurtige müssen ihn mit Neidhammel-Augen betrachten.

Um 20 hatte Dase anscheinend verschiedene Anstellungen in Wien, Mannheim und Berlin inne, darunter einen Posten im preußischem Finanzministerium, der ihm eine kleine, vom König gestiftete Pension einbrachte. Die konnte er freilich nicht mehr lange genießen, weil er, möglicherweise aufgrund der Überschärfe seines Rechenverstandes, eines nachts, 37 Jahre alt, einen Schlaganfall erlitt, sodaß er morgens als Leiche in seinem Bett vorgefunden wurde. Das war wieder in Hamburg. Nach O'Connor/Robertson hatte Dase von Kind auf an Epilepsie, möglicherweise zusätzlich am Asperger-Syndrom gelitten.

* J. J. O'Connor / E. F. Robertson für die University of St Andrews, Scotland, Stand Juli 2009: https://mathshistory.st-andrews.ac.uk/Biographies/Dase/



Daube, Helmut 19 († 1928), Gladbecker Abiturient, wohl schwul, ermordet. Dieser Fall ist bis heute ungeklärt. Der 19jährige Sohn eines Gladbecker Schuldirektors war in einer Märznacht nach dem Besuch einer werbenden Burschenschaftsveranstaltung im Hotel zur Post zunächst gemeinsam mit seinem Freund Karl Hußmann nach Hause gegangen. Das letzte Stück des Weges legte er allein zurück. Man fand ihn im Morgengrauen unweit seines in der Schultenstraße gelegenen Elternhauses mit durchschnittener Kehle und ohne Geschlechtsteil in seinem Blute liegend auf. Hußmann wurde aufgrund einiger Verdachtsmomente angeklagt, jedoch »mangels Beweisen« freigesprochen. Vor allem hatte man ihm leider keine Homosexualität »nachweisen« können, womit er gleichsam automatisch ein Bösewicht gewesen wäre, dem alles zuzutrauen sei. Später trumpfte ein bereits wegen Mordes an einem Stricher vorbestrafter Häftling, Rolf vom Busch, mit einem »Geständnis« auf, doch es soll wenig glaubwürdig gewirkt haben. Der Mann galt als Prahlhans und, wegen Rachegelüsten, als befangen. Selbst auf Daubes Vater, den Rektor, war vorübergehend Tatverdacht gefallen, wobei sich als Motiv Haß oder Scham wegen des Sohnes vermeintlicher oder tatsächlicher »Abartigkeit« angeboten hatte.

Eben dies war jedenfalls das Hauptmotiv des damaligen großen Publikumsinteresses an dem Fall, der strecken-weise sogar den Transatlantikflug des Luftschiffes Graf Zeppelin aus den Schlagzeilen verdrängte. Neuerdings wurde er von den Autoren Kettler/Stuckel/Wegener in einem Buch ausgebreitet: Wer tötete Helmut Daube?, Gladbeck 2001/2015. Wie Mitverfasser Franz Wegener auf seiner Webseite versichert*, fährt es nicht weniger als 10 Mordtheorien auf.

* Stand 2021: http://www.franz-wegener.de/g1.html



Dawidenko, Alexander Alexandrowitsch 35 (1899–1934), sowjetrussischer Komponist, vorwiegend Vokalmusik. Das dicke Fell des Lexikografen Daniel Jaffé möchte ich einmal haben! Es wäre auch für Faulheit gut. Man müßte nicht mehr nach Flöhen gucken, die einen doch nur juckten. Das Wirken Dawidenkos, der in Odessa geboren wurde, in der Roten Armee diente und anschlie-ßend in Charkow und Moskau Musik studierte, schildert Jaffé noch einigermaßen nachvollziehbar als das eines musikalischen Massen-Agitators, der möglicherweise der Majakowski der Musik werden wollte. Aber dann kommt's. Am 1. Mai 1934 sei Dawidenko gestorben, in Moskau. Mehr sagt Jaffé dazu nicht.*

Da muß man der russischen Wikipedia beinahe Üppigkeit bescheinigen. Sie weiß, der Junge eines »Telegraphen-betreibers« verlor früh seinen Vater und büxte dann seinem Stiefvater aus, der ihn in ein Theologisches Seminar gesteckt hatte. Seitdem habe Dawidenko notgedrungen auf eigenen Füßen gestanden. Was nun sein Ende angeht, sei er, mit 35 und offensichtlich in Moskau, »unerwartet unmittelbar nach der 1.-Mai-Demonstration« gestorben, an der er »aktiv« teilgenommen hatte. Bei seiner Beerdigung (auf dem Nowodewitschi-Friedhof) habe ein Chor aus Studenten des Moskauer Konservato-riums und aus Amateuren Lieder des Frühverstorbenen gesungen. Mehr nicht.

Man hätte ja doch zumindest gern gewußt, ob der Chor auch durch musikalisch begabte Mitglieder der bolsche-wistischen Geheimpolizei verstärkt worden war.

* Daniel Jaffé, Historical Dictionary of Russian Music, Plymouth (UK) 2012, S. 99/100



Daza, Marcos 39 († 2007), Zirkusartist aus Kolumbien, am 1. April seines Todesjahres in Dortmund für den Zirkus Flic Flac tätig.* Die siebenköpfige Hochseiltruppe Camadi hat ihre spektakuläre Pyramide gebaut und klettert, vom Beifall umtost, wieder zur Erde. Letzter auf dem Seil ist der 39 Jahre alte Kolumbianer. Plötzlich stürzt er aus neun Meter Höhe ab und schlägt auf den harten Boden. »Macht weiter!« soll er vor seinem Abtransport geflüstert haben. Daza erliegt seinen schweren Kopf- und Rückenverlet-zungen knapp zwei Wochen darauf im Krankenhaus. Eine Untersuchung ergibt, man hatte unter ihm bereits das Sicherungsnetz entfernt und ein Spannseil gelöst. Durch den Ruck verlor Daza das Gleichgewicht und fiel. Ein dafür verantwortlicher, eben erst eingestellter Zeltarbeiter wurde 2009 vom Dortmunder Amtsgericht mit einer Geldbuße von 3.000 Euro, zahlbar an die Eltern des Kolumbianers, belegt. Es sei schrecklich, daß das ausgerechnet ihm passiert sei, sagte der inzwischen 42jährige Kollege laut Bild. Hätte es lieber einem anderen passieren sollen?

* Angeblich ein bekanntes Unfall-Unternehmen: Rainer Morgenroth, »Drama in der Todeskugel«, Welt, 21. März 2013: https://www.welt.de/print/welt_kompakt/koeln/article114625336/Drama-in-der-Todeskugel.html



Dazai Osamu 38 (1909–1948), japanischer Schriftsteller, Selbstmord-Rekordler. Sollte der Sohn eines wohl-habenden japanischen Landbesitzers und Reichstags-Abgeordneten als Schriftsteller so ungeschickt wie als Selbstmörder gewesen sein, ist er vielleicht verständlicher-weise in Europa nicht sonderlich bekannt. Dazai hatte in Tokio einige Semester Romanistik studiert und 1933 erste Kurzgeschichten veröffentlicht. Der Selbstmord gelang ihm erst 1948; es war in seinem knapp 39jährigem Leben mindestens der fünfte Versuch. Andererseits erwies Dazai beträchtliche Schöpfungskraft beim Kinderzeugen. Vielleicht sollte man ihm zugute halten, daß die Methoden der Empfängnisverhütung zu seiner Zeit noch unentwickelt oder totgeschwiegen waren. Er selbst war in der Landvilla in Kanagi mit etlichen Geschwistern (8 oder 10) sowie Bediensteten aufgewachsen und anscheinend von den Eltern vernachlässigt worden. Vermutlich nährte sich von daher sein Selbstmitleid. Als Erwachsener zeugte Dazai mit seiner zweiten Ehefrau Ishihara Michiko (Heirat 1939) die beiden Töchter Sonoko und Satoko (später Yūko) und den Sohn Masaki, und mit einer Geliebten namens Ōta Shizuko 1947 das Mädchen Haruko. 1927 war der junge Dazai empfindlich vom Selbstmord Ryunosuke Akutagawas (1892–27) getroffen worden, den er verehrte. Auch das war ein Schriftsteller, der nicht alt wurde: 35. Nach Akutagawa ist ein Literaturpreis benannt, der als Japans bedeutenster gilt.

Laut Brockhaus mauserte sich nun auch der »Bohemien« Dazai zum »existentialistischem Idol besonders der studentischen Jugend«. Seine ersten drei Selbstmordver-suche unternahm er 1928 (Überdosis Schlafmittel), 1930 (Gang ins Wasser) und 1935 (Erhängen). Sie mißlangen. Für den Gang ins Wasser hatte er sich mit der 19jährigen Kellnerin Shimeko Tanabe verbündet. Sie starb. Ihr überlebender Verbündeter blieb wahrscheinlich dank des Eingreifens seines Vaters von Strafverfolgung verschont. Wenige Wochen nach dem gescheitertem Erhängen mußte sich Dazai wegen einer Blinddarmentzündung operieren lassen. Dadurch sei er von Schmerzmitteln abhängig geworden, ist zu lesen. Er unterzog sich deshalb 1936 in einer Anstalt einer Entziehungskur, während derer ihn allerdings seine erste Ehefrau Oyama Hatsuyo mit einem engen Freund Dazais »betrogen« habe, so die deutsche, stets »neutrale« Wikipedia. Nachdem dies ans Tageslicht gekommen war, entschloß sich das Ehepaar zu einem gemeinsamen Selbstmord (Schlaftabletten). Er mißlang. Dafür gelang anschließend wenigstens die Scheidung.

Dazais zweite Heirat von 1939 habe ich schon erwähnt. Nach dem Krieg ins zerbombte Tokio zurückgekehrt, soll der Schriftsteller zunehmend dem Alkohol verfallen, gleichwohl »reihenweise« Liebschaften eingegangen sein. Zudem sei ihm eine Tuberkulose-Erkrankung bescheinigt worden. Im Verein mit seiner bislang noch nicht erwähnten Geliebten Yamazaki Tomie (um 28), einer Kosmetikerin und Kriegswitwe, ertränkte er sich, diesmal erfolgreich, am 13. Juni 1948 im Fluß Tama. Zu seinem Gedenken vergeben die Stadt Mitaka und der Verlag Chikuma Shobō alljährlich den Dazai-Osamu-Preis an NachwuchsschriftstellerInnen. Schließlich soll man die Jugend anspornen … zu schreiben. Für die Japanologin und Übersetzerin Irmela Hijiya-Kirschnereit steht »Jahrhundertautor« Dazai als »Meister der Klarheit und stilistischen Geschmeidigkeit« da. Aus dem Internet purzelt die Versicherung eines unbekannten deutschen Buchhändlers: »Ich habe ein schändliches Leben geführt. Was menschlich leben heißt, weiß ich nicht. Mit diesen Worten beginnen die Aufzeichnungen eines Unglücklichen über sein chaotisches Leben zwischen mehreren Frauen, Alkoholexzessen und Nervenheilanstalten. Dazai Osamus autobiographisch inspirierter Roman Gezeichnet gehört zu den meistgelesenen japanischen Büchern des 20. Jahrhunderts.«

Eine erste vorbildliche Wirkung des Unglücklichen soll sich schon im nächsten Jahr unmittelbar an seinem Grabe (in Mitaka bei Tokio) gezeigt haben. Dort brachte sich Dazais 36jähriger Berufskollege und Jünger Tanaka Hidemitsu (1913–49) durch Öffnen der Pulsadern um.



De Fauw, Dimitri 28 (1981–2009), belgischer Rad-rennfahrer. Man muß hier etwas ausholen: 2006 hatte es beim Genter Sechstagerennen einen tödlichen Unfall gegeben. Damals erwischte es den 31jährigen Bahnrad-sportler Isaac Gálvez (1975–2006) aus Spanien, nachdem er in der Nacht zum 26. November, einem Sonntag, auf dem schräg gebauten Hallenrundkurs im Rahmen einer »Jagd« beim Ausscherversuch eines Konkurrenten von diesem gestreift worden war – der Konkurrent hieß De Fauw. Beide Sprinter stürzten, doch nur der Spanier, um 50 Stundenkilometer schnell, brach sich an der oberen Bande der Bahn mehrere Rippen, die teils sein Herz verletzten. Daran verblutete er noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Das Rennen wurde abgebrochen. Drei Wochen vorher hatte der im Naturell ruhige, gleichwohl an Siegpokalen reiche Spanier geheiratet. Die Ehe war kurz.*

Obwohl ihm in der Branche anscheinend keiner Vorwürfe machte, konnte De Fauw den Zwischenfall nie so richtig verwinden, wie er auch in Interviews einräumte. Er werde »zeitlebens« daran zu tragen haben. Drei Jahre nach Gálvez' Tod soll der einst erfolgreiche, inzwischen 28jäh-rige Radprofi in seinem Wohnort Heusden bei Gent nur wenige Tage nach einem Sechstage-Rennen in Grenoble (Platz 7 zusammen mit dem Dänen Marc Hester) von eigener Hand gestorben sein. Wie, blieb offenbar unbekannt. Selbst die Gründe sind undurchsichtig. Freunde zeigten sich überrascht.** Möglicherweise spielte neben jener Unfall-Hypothek auch De Fauws »Leistungs-abfall« eine Rolle, hatte er doch zuletzt Schwierigkeiten gehabt, überhaupt noch Verträge zu bekommen. Außerdem scheint er zu den Quellen des Abgeordneten Jean-Marie Dedecker gehört zu haben, der (in manchen Augen haltlose) Anschuldigungen über Doping-Kuren prominenter belgischer Radprofis in Italien vorgebracht hatte. Auch das Team Quickstep, dem De Fauw vorübergehend angehört hatte, kam ins Gerede. Eben deshalb, meinte Dedecker, sei De Fauw zuletzt geschnitten worden. Das »Milieu« habe ihn »kapot gemaakt«.*** Dagegen verwahrte sich wiederum De Fauws Mutter Claudine: ihrem Sohn seien von »Enthüllungs-Journalisten«, die sich als Kumpels ausgaben, die Worte im Munde herumgedreht worden. Neben der fürsorglichen Mutter hinterließ De Fauw seine Gefährtin Joke. Ich erinnere mich dunkel, sie hätte sich irgendwo einmal zu der Angelegenheit geäußert – sollte man ihr aber glauben?

Kommt es hoch, gräbt der nächste Enthüller sogar einen Mord aus. Denn wo sind die Belege für den angeblichen Selbstmord? Die Blätter geben als Quellen die Nach-richtenagentur Belga oder den Sender Sporza an, doch deren entsprechende Berichte sind im Internet zumindest heute nicht aufrufbar. Was der Enthüller vermutlich zuerst sehen wollte, wären Bescheinigungen von Ärzten und Polizisten. Und dann hätte er drauf zu beißen: sind sie auch echt?

* Leonie Specht im Münchner Wochen Anzeiger, 11. Nov. 2007, S. 8: http://www.sechstagerennen.info/pdf/6days-news-2007-4.pdf
** Jens Hungermann, »Belgier rätseln über De Fauws Selbstmord«, Welt, 9. November 2009: https://www.welt.de/welt_print/sport/article5136110/Belgier-raetseln-ueber-De-Fauws-Selbstmord.html
*** »Dedecker: De Fauw is kapot gemaakt door het milieu«, WielerFlits.nl (Fahrradblitz), 10. November 2009: https://www.wielerflits.nl/nieuws/dedecker-de-fauw-is-kapot-gemaakt-door-het-milieu/




De Giorgi, Emanuele 14 (1973–88), italienischstäm-miger Schüler in Bremen, Opfer des berüchtigten »Glad-becker Geiseldramas«, aus nächster Nähe kaltblütig durch Kopfschuß getötet. 20 Jahre darauf gibt ein bekanntes Wochenblatt* eine ausführliche Rückschau auf das Ereignis, weist dabei auch auf beträchtliche Versäumnisse der Polizei und grobe Verfehlungen ganzer Meuten sensationslüsterner Journalisten hin. Zwei Männer Anfang 30 hatten eine Gladbecker Bank überfallen, später in Bremen einen gut besetzten Linienbus gekapert. Die vier Rückschau-Autoren liefern auch einen ganzen Abschnitt über »Die Opfer« – widmen ihn jedoch befremdlicher-weise ausschließlich Tatiana, der 9jährigen Schwester Emanueles, sowie den Eltern der Geschwister. Sie sorgen sich also um das harte Schicksal der Überlebenden. Dem 14jährigem konnte schließlich nichts mehr geschehen, weil er bereits tot war. Er gehörte mit Tatiana zu den zufälligen, ursprünglich rund 30 Fahrgästen des Busses. Die Räuber hatten den Jungen ausgelöscht, um die Rückkehr einer Komplizin zu erzwingen, die beim Austreten verhaftet worden war. Nach einigen Darstellungen erwischte es den eher schmächtigen Dunkelhaarigen an Stelle seiner kleinen Schwester, die er hatte schützen wollen. Möglicherweise war er dem betreffendem Geiselnehmer auch »zu wenig unterwürfig« gewesen, wie Richter Rudolf Esders glaubt.** Das ist alles, was ich dem Internet zu dem erschossenen »Schüler« abpressen konnte. Die beiden Haupttäter bekamen übrigens Lebenslänglich.

Leider gab es bei dem ganzen »Drama« sogar noch zwei weitere Tote, und auch sie werden in der Rückschau des Wochenblatts lediglich gestreift. Zunächst war der 31jährige Polizist Ingo Hagen bei der hektischen Fahndungsarbeit in einen Straßenverkehrsunfall verwickelt worden, der für ihn tödlich ausging. Und zuletzt, beim abschließendem Befreiungsschlag der Polizei auf der A 3 bei Bonn, wurde die 18jährige, im Bus gefangene Geisel Silke Bischoff erschossen – angeblich ebenfalls von den Räubern, also nicht etwa durch eine von draußen kommende Polizeikugel. Von dieser jungen Frau, nach Fotos eine hübsche blonde, ist aus einigen anderen Quellen lediglich zu erfahren, sie sei in Bremen bei ihren Großeltern aufgewachsen und habe beim dortigem Amtsgericht eine Lehre zur Staatsanwaltsgehilfin gemacht. Eindringlicher konnte sich die Lehre kaum gestalten.

Prallt eine Prinzessin von Wales in Paris gegen einen Betonpfeiler der Stadtautobahn (1997), werden umgehend 2.000 Anekdoten aus ihrer Kindheit ausgegraben und 200 Bücher über sie auf den Markt geworfen. Was dagegen die drei Opfer des »Gladbecker Geiseldramas« angeht, sind keinerlei Schilderungen aufzutreiben, die auch nur anflugweise einem Porträt ähneln. Das nenne ich eine Tragödie.

* Altrogge / Dahlkamp / Kölling / Schrep, »Mach es weg, mach es weg«, Spiegel, 10. August 2008: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-58852947.html
** »Drei Tage im August«, Westfälische Nachrichten, 11. August 2018: https://www.wn.de/Muensterland/3427879-30-Jahre-Gladbecker-Geiseldrama-Drei-Tage-im-August




Dean, James 24 (1931–55). Der überall angehimmelte US-Filmschauspieler hat es verdient gestreift zu werden, weil er sein junges Leben in Kalifornien als Fahrer eines deutschen Autos verlor – er fuhr einen silberfarbenen Porsche 550 Spyder. Er verunglückte bereits bei der Anfahrt zu einem in Salinas geplantem Rennen auf dem Highway. Ich nehme einmal an, die Firmenhintergründe seiner vierrädrigen Rakete waren Dean ähnlich wenig bekannt und wichtig wie zahlreichen Wirtschaftswunder-deutschen auch. Das Volkswagenwerk in Wolfsburg war um 1940 unter der Leitung Ferdinand Porsches mit Hilfe jener Gelder aus dem Boden gestampft worden, das die Faschisten den zerschlagenen Gewerkschaften geraubt hatten. Eckart Spoo behauptet (2013), Ingenieur und »Wehrwirtschaftsführer« Porsche habe damals »so viele Fremdarbeiter, Arbeitssklaven, auch KZ-Häftlinge« bekommen, wie er nur haben wollte. Dieses Projekt VW war nämlich Hitlers Herzenssache gewesen. Als es 1945 vorübergehend lahmgelegt wurde, machte sich Porsches Schwiegersohn Anton Piëch vor den bösen Russen nicht ohne rund 10,5 Millionen Reichsmark im Rucksack nach Zell am See in Österreich dünne.* Dort besaß der Clan seit 1941 eine erholsame Zufluchtstätte in Gestalt eines Guts-hofes. Ferdinand Porsche muß damals eine unglaublich gute Witterung oder aber blendende Beziehungen besessen haben, schlug man das Salzburger Land doch im Herbst 1943 und dann auch nach Kriegsende der US-Besatzungszone zu. Damit war alles wieder in Butter und der Autohandel mit dem großem Befreier aus Übersee konnte beginnen.

* Hans Leyendecker, »In Feindschaft eng verbunden«, Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010: https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/vw-und-porsche-in-feindschaft-eng-verbunden-1.442520



Decraene, Igor 18 (1996–2014), belgischer Radrenn-fahrer aus Waregem, Westflandern, Nähe Gent. Möglicherweise trat er in >De Fauws Fußstapfen, nur schon mit 18. Der Junioren-Weltmeister im Zeitfahren von 2013 (Florenz) galt als großes Talent und hatte für 2015 bereits einen Profivertrag in Aussicht – ironischerweise just mit De Fauws zeitweiligem Stall Omega Pharma-QuickStep, wenn ich nichts verwechsele. Es heißt, Decraene sei zwar durch Verletzungen zurückgeworfen worden, habe jedoch zuletzt wieder zwei Zeitfahren gewonnen. Kannte er eigentlich noch andere Interessen, diesseits des Radsportwahns? Kameraden empfanden ihn jedenfalls als gutgelaunt. Am 29. August 2014 nahm er in Zulte an einer Geburtstagsfeier teil und machte sich am frühen Morgen ziemlich betrunken auf den Heimweg – ob per Rad oder zu Fuß, bleibt selbst in der gründlichsten mir zugänglichen Quelle unklar.* Dabei wurde der hübsche junge Mann mit der dunklen Mauspelzfrisur rund sieben Kilometer vom elterlichem Bauernhof entfernt in einem Sperrgebiet von einem Zug überrollt und getötet. Wie es aussieht, gab es weder Zeugen noch Ankündigungen. Die ersten Berichte sprachen überwiegend von Selbstmord. Decraenes Verein selbstverständlich nicht. Auch die amtliche Untersuchung habe dann auf Unfall erkannt, was Decraenes wohl noch sechsköpfige Familie mit Genugtu-ung aufgenommen habe. Die Familie hatte die umlaufende Selbstmordtheorie von Anfang an zurückgewiesen. Das machen Familien immer.

Fünf Jahre darauf ist in einer belgischen Tageszeitung zu lesen**, ein Bruder des Frühverstorbenen sei, nicht zum ersten Mal, wegen Alkohols am Steuer mit den Behörden in Konflikt gekommen. Sein Anwalt habe jedoch ein »Alkoholproblem« verneint. Sein Mandant sei noch immer vom Tod Igors verstört, benötige deshalb auch psycholo-gische Beratung. Vielleicht gibt es da ja für große Familien Mengenrabatt.

* »Parents, friends of late world junior TT champion Igor Decraene dismiss suicide claims«, CyclingTips, 2. September 2014: https://cyclingtips.com/2014/09/parents-friends-of-late-world-junior-tt-champion-igor-decraene-dismiss-suicide-claims/
** Hans Verbeke, »Bijna vijf jaar na dood wielerkampioen plaatst broer zelf alcoholslot na ongeval onder invloed«, HLN (Het Laatste Nieuws), 19. März 2019: https://www.hln.be/waregem/bijna-vijf-jaar-na-dood-wielerkampioen-plaatst-broer-zelf-alcoholslot-na-ongeval-onder-invloed~afd5788e/




Dede, Diren 17 (1996–2014), deutsch-türkischer Schüler in Hamburg, bei Aufenthalt in den USA erschossen. Es ist natürlich nicht völlig auszuschließen, auch Igor Decraene sei ermordet worden, obwohl dies nirgendwo erwogen wird. Wenn ja, müßte jemand ein Mordmotiv besessen haben, beispielsweise Rassismus. Aber der Fahrradnarr war ja Belgier gewesen. Damit zu Diren Dede, der auch noch den Nachteil aufwies, sich lediglich als Gast, als Austausch-Highschüler in der gebirgigen Kreisstadt Missoula, Montana, aufzuhalten. Doch der 29jährige Hausbesitzer und Ex-Feuerwehrmann Markus K. dürfte für die Erscheinung des fremden Mannes in seiner Garage wenig Augen gehabt haben, nachdem ihm dieser von seiner Überwachungskamera gemeldet worden war. K. sprang sofort auf, griff nach seiner Schrotflinte und durchsiebte das Dunkel in seiner Garage mit vier Schüssen. Der Junge starb kurz darauf im Krankenhaus. Er war unbewaffnet gewesen.

Dede hatte sich mit Schulkameraden dem beliebtem »Garage Hopping« hingegeben, einer Mutprobe, die nebenbei auf alkoholische Getränke aus war, die ja in den Staaten erst ab 21 erlaubt sind. Beim Prozeß stellte sich heraus: K. war kürzlich wiederholt bestohlen worden und hatte deshalb bereits Rache geschworen. Er stand sozusagen Gewehr bei Fuß. Er versuchte, Notwehr und das Selbstverteidigungsrecht von Haus- und Grundeigen-tümern geltend zu machen, holte sich jedoch erstaun-licherweise bei Richter McLean eine böse Abfuhr. Mit K. stehe er offensichtlich einem wenig umgänglichem, ja haßerfülltem Zeitgenossen gegenüber. Der Schutz von Dosenbier, Haus und Familie sei nur vorgeschoben; man müsse vielmehr die Gesellschaft vor Menschenjägern wie ihm schützen. K.s Gefährtin war offenbar von gleichem Schrot und Korn. In einem abgehörtem Telefongespräch hatte sie Dede als »dreckige Ratte« bezeichnet.* K. bekam 70 Jahre Haft.

* Assmann/Kollenbroich, »Es bringt mir den Sohn nicht zurück ...«, Spiegel, 13. Februar 2015: https://www.spiegel.de/panorama/justiz/fall-diren-dede-richter-findet-deutliche-worte-fuer-markus-kaarma-a-1018240.html



de Menezes, Jean Charles 27 (1978–2005), hellhäu-tiger Brasilianer in Großbritannien, Polizeiopfer. Der 27jährige Elektriker war im Juli 2005 auf dem Weg zur Arbeit in einem Londoner Ubahnhof von Terroristenjägern mit sage und schreibe sieben Kopfschüssen getötet, genauer gesagt: hingerichtet worden, weil sie ihn für einen gesuchten Bombenattentäter hielten. Gemacht hatte er nichts. Allerdings hatte er »mongolische« Augen, weshalb er bereits beschattet worden war. Es war eine »Verwechs-lung«, die Scotland Yard zunächst mit zahlreichen Lügen zu verbrämen suchte, wie später in der gerichtlichen Untersuchung zumindest teilweise eingeräumt werden mußte. Unter anderem wurde ihm ein höchst verdächtiger Fluchtversuch angedichtet, ein Sprung über die Absperrung im Bahnhof.* Die meisten Medien logen gerne mit. 2007 wurde Scotland Yard wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit zu hohen Geldbußen verurteilt, doch bestimmte Polizeibeamte, geschweige denn Schützen, wurden nie belangt. Im Gegenteil soll die damalige Einsatzleiterin, Cressida Dick, um 2007 in bewußtem Vertrauenserweis wiederholt befördert worden sein. Der Familie des Verwechselten wurde eine vergleichsweise erbärmliche Entschädigung gegönnt. Mit ihrer Klage vor dem Europäischen Menschenrechtshof, wegen der ausbleibenden Strafverfolgung, holte sie sich 2016 eine Abfuhr. Dafür wurde Frau Dick ein Jahr darauf sogar auf den Chefsessel von Scotland Yard gehievt, ein Novum in der Geschichte dieser »besten« aller Polizeien, wie die 56jährige nach ihrer Amtseinführung meinte.** De Menezes ist tot; die Emanzipation der Frau, die Wandlung der Ladies ins Eiserne, ist quicklebendig.

* Julian Sayarer, »Jean Charles de Menezes: 15 Years On«, Tribune Magazine (London), 22. Juli 2020: https://tribunemag.co.uk/2020/07/jean-charles-de-menezes-15-years-on
** »Scotland Yard bekommt erste Chefin«, FAZ, 9. April 2017: https://www.faz.net/aktuell/politik/cressida-dick-wird-erste-chefin-von-scotland-yard-14964629.html




Depardieu, Guillaume 37 (1971–2008), französischer Schauspieler. Bestandteil seines bunten, sicherlich rebellischen, jedoch für mein Empfinden wenig vorbildlichen Werdegangs waren eine Schießerei (neun Monate auf Bewährung) und ein Motorradunfall. Dieser führte ihn im Oktober 1995 zwecks Operation am Knie in ein Krankenhaus. Ein vor ihm fahrendes Auto hatte einen Koffer verloren. Aus dem Krankenhaus brachte Depardieu das Bakterium MRSA mit nach Hause – Infektion. Er fütterte es mit starken Schmerzmitteln, hielt daneben am gewohnten Drogenkonsum fest, unterzog sich 17 weiteren Operationen und ließ das Bein im Juni 2003 amputieren. Nun hatte er als Einbeiniger – der gleichwohl weiter vor der Kamera stand – noch fünf Jahre zu leben. Im Oktober 2008 erlag der 37jährige in Garches bei Paris einer Lungenentzündung, die abzuwehren offensichtlich seine noch vorhandenen Kräfte überstieg.

Was Deutschland betrifft, haben wir derzeit, nach verschiedenen Quellen, mit jährlich mindestens 500.000 Krankenhausinfektionen und mindestens 15.000 durch sie bewirkten Todesfällen zu rechnen. Das räumt sogar die Webseite des Bundesgesundheitsministeriums ein. Da lacht sich das Corona-Mäuschen ins Fäustchen. Man stirbt also nicht unbedingt, leidet aber oft langwierig an seiner unbestellten Infektion. Mit anderen Worten, ohne den gutgläubigen Gang ins Krankenhaus wäre man, vom Rippenbruch oder Magengeschwür einmal abgesehen, putzmunter geblieben. Viele denkbare Schutzmaßnahmen fallen den sattsam bekannten »Kostengründen« zum Opfer – und die Behandlung der Infizierten, siehe Depardieu, ist dann dreimal oder dreißigmal so teuer. Aber die Gesundheitsindustrie verdient. Eine andere denkbare Schutzmaßnahme wäre es gewesen, wenn der prominente Schauspieler Gérard Depardieu, Jahrgang 1948, darauf verzichtet hätte, Kinder in die Welt zu setzen. Aber so vorbildlich war er nicht. Ergo sandte er seine »tödlichen Blicke« gegen den Taugenichts von Sprößling aus, wie dieser einmal in einem Interview behauptete*, und wagte schon nicht mehr, die Fernsehnachrichten einzuschalten.

Der Sprößling hat dann auch wieder vorsorglich ein Kind gezeugt, mit einer Berufskollegin. Die gemeinsame Tochter dürfte jetzt um 20 sein. »Mein Meisterwerk«, soll der stolze Vater einmal dazu gesagt haben. Ob die junge Frau selber ähnlich begeistert ist? Ich habe mir verboten, die Klatschspalten auch danach aufzuschlagen.

* »Bekenntnisse eines Pechvogels«, Spiegel, 13. November 2004: https://www.spiegel.de/panorama/guillaume-depardieu-bekenntnisse-eines-pechvogels-a-327806.html



Depoorter, Richard 33 (1915–48), belgischer Radrennfahrer. Das Bündnis zwischen Radsport und Automobilindustrie wirkt sich mitunter nicht nur in den Reihen des gemeinsamen Feindes (der FußgängerInnen) schädlich aus. Im Juni 1948 startete Depoorter, gerade erst Fünfter der Luxemburg-Rundfahrt geworden, bei der Tour de Suisse. Vor der vierten Etappe von Thun nach Altdorf lag er sogar an aussichtsreicher Position für Platz 2 der Gesamtwertung. Doch oberhalb von Wassen (Kanton Uri) führte die vierte Etappe dummerweise durch den gekrümmten und zudem schlecht beleuchteten Tunnel im Fedenwald. In diesem Tunnel fand der 33jährige Belgier durch einen Sturz sein Ende.

Bei einer Autopsie in seinem Heimatland stellte sich allerdings entgegen dem Zeugnis des Unfallarztes Davide Staffieri und offizieller Verlautbarungen heraus, daß Depoorter nicht durch den Sturz selber und dabei angeblich erlittene Kopfverletzungen umgekommen war. Vielmehr fand man verdächtige Rippenfrakturen, die an Autoreifen denken ließen. 18 Rippen waren, teils mehrfach, gebrochen. Dann brachen auch Augenzeugen ihr Schweigen: Der gestürzte Rennfahrer war von einem belgischem Begleitfahrzeug überfahren worden. Nach Aussage des Sanitätschefs Adolf Huber hatte damals Rennleiter Carl Senn persönlich auf einer Vertuschung des wahren Unfallhergangs bestanden, wie Rolf Gisler-Jauch, Staatsarchivar des Kantons Uri, in einem Aufsatz* darlegt. Diese Betrugsversuche wurden anscheinend nie geahndet. Dafür kam es 1950 immerhin zu einem Gerichtsverfahren in Brüssel, gefolgt von langwierigen Streitigkeiten um Entschädigung. Wegen »Fahrlässiger Tötung« wurde der Fahrer des belgischen Begleitfahrzeugs, Louis Hanssens, zu sechs Monaten Gefängnis (später zu einem Monat geschrumpft) und der Leistung von anderthalb Millionen Belgischer Franken Schadenersatz verurteilt. Diese Summe (wohl höchstens 40.000 Euro) soll allerdings bei Depoorters Witwe erst neun Jahre nach dem Tod ihres Mannes angekommen sein, 1957. Später (1998?) wurde dem Ort des Unglücks der Name Depoorter-Tunnel verliehen.

Begeisterte SchwingerInnen des Keulenwortes Verschwörungstheorie wird es kaum verblüffen, wenn unter etlichen Presseleuten von Depoorters Sturz an auch ein Mordverdacht umlief, der sich noch heute auf einigen Webseiten hält. In diesem Fall müßten allerdings in beträchtlichem Maße Geistesgegenwart, Kaltblütigkeit und Bestechung im Spiel gewesen sein. Nach dem Sturz ging die vierte Etappe an den Franzosen Jean Robic, gefolgt von den Schweizern Ferdi Kübler und Hugo Koblet.** Kübler ist hier der entscheidende Mann. Als heimisches As wünschten ihn viele auf dem Siegerpodest der Schweiz-Rundfahrt zu sehen – und das gelang ihm denn auch. Schließlich war Depoorter leider »ausgefallen«. Nur der Belgier hätte Kübler den Triumph noch streitig machen können, argumentieren die Argwöhnischen. In dem gelblackierten belgischen Begleitfahrzeug saßen vier Personen: zwei Belgier aus dem Dunstkreis des Depoorter-Teams Mondia; der belgische Fahrer, ein bereits wiederholt vorbestrafter Typ aus der Autohandelbranche; und ein französischer Journalist. Dieser fiel im Zuge der Untersuchung um: er räumte das Überfahren ein. Aus seinen Aussagen kann sogar geschlossen werden, der gelbe Wagen hätte dem Gestürzten durchaus ausweichen können, der Spielraum war da. Das tat er aber bekanntlich nicht. Im übrigen war der Wagen auch nach Gisler-Jauchs Darstellung Depoorter entgegen einer Anweisung des schon erwähnten Sanitätschefs Adolf Huber in den Tunnel gefolgt.

Der Staatsarchivar aus Altdorf stützt sich zum Teil auf ein offenbar bislang nicht übersetztes Buch, das 1997 in Flandern erschien.*** Ob Autor Vandenbussche den Mordverdacht behandelt, bleibt so offen oder unklar wie manches andere. Einige Webseiten behaupten, der Mordverdacht sei auch von Depoorters Bruder Willy öffentlich ausgesprochen worden. Diesen Mann finde ich im Internet so wenig wie den etwas zwielichtigen Fahrer des gelben Wagens. Nach jenen Webseiten soll Hanssens bald nach seiner Verurteilung gestorben sein, noch vor Haftantritt. Es wäre natürlich interessant zu erfahren, wie – und warum er nicht bereits vor den ersten Enthüllungen oder wenigstens vor Prozeßbeginn das Zeitliche segnete …

Das Auto, das dem belgischem Ex-Radrennfahrer Rudy Dhaenens (1961–98) an einem Aprilsonntag des Jahres 1998 zum Verhängnis wurde, war sein eigenes. Er hatte das Rennen schon mit 31, zwei Jahre nach seinem Straßenweltmeistertitel von 1990 (in Japan) aufgegeben, angeblich wegen Herzproblemen, und nun war er zum Ziel der Flandern-Rundfahrt unterwegs, weil ihn Eurosport als Kommentator angeheuert hatte. Der Job platzte, als der knapp 37jährige an einer Autobahnausfahrt bei Aalst, Ostflandern, »somehow lost control of his car«, wie sich Mr. Abt auszudrücken beliebte.**** Dhaenens kam von der Straße ab, prallte gegen einen Lichtmasten und starb anderntags im Krankenhaus. Er hinterließ Frau und zwei Kinder. Es ist sicherlich nicht zu abenteuerlich anzuneh-men, er hatte sich ein wenig verspätet, sodaß er entspre-chend kräftig auf die Tube drückte. Aber weder davon noch von Selbstmord ist irgendwo die Rede – obwohl Dhaenens von der FAZ schon 1991 zum »Weltmeister von der traurigen Gestalt« ausgerufen worden war.

* »Der Aktenberg zum Tod des Radrennfahrers Richard Depoorter«, vermutlich 1998 verfaßt, hier als PDF, o. J.: https://silo.tips/download/der-aktenberg-zum-tod-des-radrennfahrers-richard-depoorter
** Koblet hatte 1964, mit 39, einen tödlichen Autounfall. Wahrschein-lich setzte er seinen weißen Alfa Romeo mit Absicht gegen einen Birnbaum, weil ihn etliche Probleme zermürbten, voran Verschuldung.
*** Koenraad Vandenbussche, Leven en dood van Richard Depoorter, Verlag Coemandruk-Bazuin, 1997
**** Samuel Abt, »Dhaenens: A Modest, Unselfish Cyclist«, New York Times, 9. April 1998: https://www.nytimes.com/1998/04/09/sports/IHT-dhaenensa-modest-unselfish-cyclist.html




Déry, Juliane 34 (1864–99), Schriftstellerin, Selbst-mord. Die Tochter eines deutsch-jüdischen Kaufmanns kam mit neun aus Ungarn nach Wien, wo ihre Eltern zum Katholizismus übertraten. Kurz darauf brachte sich ihr Vater allerdings um. Juliane konnte trotz häuslicher Armut Lehrerin werden. 1888 gab sie ihr literarisches Debüt mit einer Novelle. Nach einem mehrjährigem Paris-Aufenthalt, der sie mit vielen Literaten zusammenbrachte, darunter Zola, machte die umtriebige Ungarin auch als Drama-tikerin auf sich aufmerksam. Ihr Einakter Verlobung bei Pignerols kam 1893 im Coburger Hoftheater heraus. Bis 1898 in München lebend, war sie an der Gründung des Intimen Theaters beteiligt. Vom »Malerfürsten« Franz von Stuck wurde sie mehrmals porträtiert. Dann ging sie nach Berlin, wo sich offenbar Heiratspläne zerschlugen. Es kam hinzu, daß Déry bereits in Paris, vielleicht über Zola, in die berühmte »Dreyfus-Affäre« verwickelt und der Spionage beschuldigt worden war. Man hatte den »jüdischen« Hauptmann Alfred Dreyfus wegen angeblichen Landesverrats (an »die Deutschen«) vor ein Militärgericht gestellt. 1899 hatte er gerade seinen zweiten Prozeß, in dem er noch immer nicht freigesprochen wurde. Das spielte womöglich bei Dérys Auflösung mit. Die 34jährige Schriftstellerin stürzte sich Ende März aus dem Fenster ihrer im vierten Stock gelegenen Berliner Wohnung. Als Dreyfus schließlich rehabilitiert und sogar zum Major befördert wurde, lag sie schon sieben Jahre unter der Erde. Nach verschiedenen Andeutungen war ihr Hauptmotiv allerdings Liebeskummer gewesen, womit »die nicht gerade schön zu nennende, aber überaus rassige und temperamentvolle Frau« (Max Halbe) nur ihr leidenschaftliches Wesen unterstrichen habe. Als Schriftstellerin dagegen, so Hans Schwerte (NDB 3, 1957), habe sie nie zu einem eigenem Stil gefunden.



Diabi, Jaja 21 († 2016). Der junge Afrikaner erhängte sich Mitte Februar 2016 in der Hamburger Untersuchungshaft. Das sagt jedenfalls der amtliche Obduktionsbericht, der von Freunden angezweifelt wird. Diese behaupten auch, Diabi habe bis zum letzten Tag keine Anzeichen für Selbst-mordabsichten gezeigt.* Man hatte den Asylbewerber und mutmaßlichen Kleindealer mit einer geringen Menge Marihuana aufgegriffen. Diabi war 2014 aus Guinea-Bissau geflohen. Eben deshalb, weil der Flüchtling eine ausländische Heimat mit ausländischer Verwandtschaft besaß, kam er wegen »Fluchtgefahr« ins Gefängnis – eine übliche rassistische Konstruktion. Auch Katharina Schipkowski** berichtet, von engen Bekannten sei der Verstorbene als zuversichtlicher Mensch geschildert worden, der es immer verstanden habe, andere zum Lachen zu bringen. Den amtlichen Tatbestand einmal vorausgesetzt, hätten sie sich gefragt, was wohl geschehen müsse, damit ein so fröhlicher Mensch zur Verzweiflung bis hin zum Selbstmord gebracht werde.

Einige Monate später, am 21. Oktober 2016, wirft sich Mohamed F. († 2016) aus Somalia, mal als 15jähriger, mal als 17jähriger bezeichnet, in der ostthüringischen Kleinstadt Schmölln (zwischen Gera und Altenburg) aus dem 5. Stock eines Plattenbaus, in dem er in einer Jugendwohngemeinschaft lebt. Er stirbt kurz darauf im Krankenhaus. Angeblich seit Monaten in Behandlung, da er »psychische Auffälligkeiten« und »aggressive Verhaltensweisen« gezeigt habe, sei er erst am Vormittag aus der geschlossenen Abteilung einer Klinik in Stadtroda entlassen worden. Auch danach habe er wieder »randaliert«, weshalb die Polizei gerufen wird. Um 15 Uhr kauert F. auf dem Fenstersims. Nun trifft auch die Feuerwehr ein, die Matten auslegt und ein Sprungtuch ausspannt, doch der Somalier, heißt es in einer regionalen Zeitung***, springt mit Absicht an den Hilfen und Helfern vorbei. Laut MDR waren zumindest zeitweise ungefähr 40 Schaulustige zugegen. Bislang ungeklärt ist, ob aus ihren Reihen tatsächlich Aufforderungen gerufen wurden, der Junge möge doch endlich springen. Immerhin, ein Handyfilmer muß auf Geheiß der Polizei seine Aufnahmen löschen. Hinter dem totem Somalier, der im März in Frankfurt/Main eingetroffen war, lag eine »Reise« über die Sahara, Libyen, das Mittelmeer und die schweizer Alpen. Heftete einer Filmaufnahmen sämtlicher vergleichbarer entbehrungsreicher »Reisen« der letzten paar Jahre aneinander, käme eine astronomische Filmlänge heraus, an der sich unsere Elite aus wendigen Geschäftsleuten und Politikern bis zum Mars hangeln könnte. Da ist noch Platz.

* »Demonstration in Gedanken an Jaja Diabi«, gewstudis, 15. Juni 2016: http://gewstudis.blogsport.de/2016/06/15/demonstration-in-gedanken-an-jaja-diabi/
** »Suizid in U-Haft wirft Fragen auf«, taz, 17. März 2016: http://www.taz.de/!5285777/
*** Cordula Fischer, »Jugendlicher Flüchtling stirbt nach Fenstersturz in Schmölln«, Thüringer Allgemeine, 24. Oktober 2016: http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/blaulicht/detail/-/specific/Jugendlicher-Fluechtling-aus-Somalia-stirbt-nach-Fenstersturz-in-Schmoelln-1936999850




Diallo, Bakary 34 (1979–2014), Filmregisseur aus Mali. Man kann ihn gleich in einem Atemzug mit seinem zwei Jahre älterem Freund und Berufskollegen Lorenzo Mbiahou aus Kamerun behandeln, kamen die beiden schwarzen Künstler doch auch gemeinsam zu Tode. Am 24. Juli 2014 saßen sie in einer algerischen Linien-maschine, die von Burkina Faso nach Algier unterwegs war. Sie hatten in Bobo-Dioulasso, einer Großstadt in Burkina Faso, an einem Workshop der UN-geförderten AfricaDoc teilgenommen und dann noch auf dem Lande Ferien gemacht. Beide galten in Fachkreisen als große Hoffnungen des afrikanischen Films.* Doch die McDonnell Douglas MD-83 kam nicht sonderlich weit. In einem Wüstengebiet in der Gegend der Stadt Gao, Mali, stürzte sie ab. Wie ein Jahr darauf der Spiegel unter Berufung auf einen französischen Untersuchungsbericht meldete**, waren weder Gewitterstürme noch die bekannten ausländisch befeuerten Kriegswirren in Mali schuld, vielmehr ein Versäumnis der Piloten, das zu »vereisten Sensoren« geführt habe. Es gab keine Überlebenden. Zu den 116 Todesopfern zählte auch die vierköpfige Familie einer deutschen sogenannten Entwicklungshelferin. Vielleicht hatte sie Kurse zur Vermeidung des Zufußgehens oder zur Enteisung von Sensoren abgehalten.

* Josias Gassesse, »Air Algérie: two young African film-makers died in air crash«, Africa Top Success, 28. Juli 2014: https://web.archive.org/web/20140812064705/http://www.africatopsuccess.com/en/2014/07/28/air-algerie-two-young-african-film-makers-died-in-air-crash/
** »Vereiste Sensoren verursachten Flugzeugunglück«, 4. April 2015




Diehl, Melek 31 (1976–2008), Schauspielerin in Berlin. Ebendort wurde sie im Dezember 2008 von einem vorschriftswidrig schnell fahrenden Auto erfaßt, dessen Fahrer flüchtete. Die knapp 32jährige hatte nach Proben leichtsinnigerweise auf der Mittellinie der Konstanzer Straße gestanden, womöglich auch schon geringfügig die Fahrspur des Täters betreten. Andere AutofahrerInnen, die später zum Teil als Zeugen auftraten, sahen sie durchaus* und verhielten sich entsprechend umsichtig, nicht dagegen der Täter, der sie mit seinem Golf gleichsam »unterfah-ren« habe. Sie wirbelte durch die Luft, lag in einer Blutlache auf dem Asphalt, starb noch an Ort und Stelle.

Zuletzt hatte sie ausgerechnet in Rosa von Praunheims Film Rosas Höllenfahrt mitgewirkt, der erst 2009 in die Kinos kam. Am fraglichen Feierabend wollte sie gemeinsam mit einer Freundin kochen und dafür auf der anderen Seite der Konstanzer Straße Gemüse einkaufen. Der mehrmals vorbestrafte Täter, ein 30jähriger gelernter Automobilkaufmann ohne gültigen Führerschein, dafür mit dickem Strafpunktekonto in Flensburg, stellte sich später noch. Von seiner Richterin wurde er wegen »Fahrlässiger Tötung« glimpflich mit gut drei Jahren Gefängnis bedient. Trotz Fahrerflucht. Dazu kamen allerdings noch knapp zwei Jahre aus widerrufenen Bewährungsstrafen. Der »kräftige« Mann brach in Tränen aus. Bis dahin soll er kaum Gefühl gezeigt haben. Immerhin gab er an, sich für die Flucht zu schämen. Nebenbei räumte er ein, beim Unfall hätten seine zwei kleinen Söhne im Auto gesessen, wohl vier und sechs Jahre alt. Da hatten sie den zeitgerechten Verkehrsunterricht.

* »Melek Diehl-Prozess: Haft für Autofahrer«, BZ, 19. Juni 2009: https://www.bz-berlin.de/artikel-archiv/melek-diehl-prozess-haft-fuer-autofahrer



Dietsch, Andreas c.38 (1807–45), schweizer Bürsten-binder und US-Kommunarde. Der sozialistisch gestimmte Handwerker war die treibende Kraft des Versuchs, mit zukünftigen Kommunarden in die USA auszuwandern, um dort die Siedlung New Helvetia / New Aarau zu gründen. Die Auswanderung gelang, und zwar im Jahr 1844 mit 43 Teilnehmern. Die »Kommune« dagegen löste sich schon im folgenden Jahr endgültig auf, nachdem sie, durch Blauäugigkeit, Erschöpfung, Krankheit, Geldmangel, Wintereinbruch und den üblichen Streit unaufhaltsam zerbröckelt und ihr vielfach gebeutelter Anführer (wohl Anfang 1845) gestorben war. Man hatte am Osage River in Missouri, westlich von St.Louis, Land gekauft, das freilich nur noch von sieben Erwachsenen und elf Kindern erreicht worden war. Der 37jährige Bürstenbinder und Chef-Organisator war vermutlich völlig ausgelaugt, vielleicht auch, wie manche andere, durch Fieber geschwächt, und wahrscheinlich verbittert. Halder/Limmat schreiben, man wisse nichts von den näheren Todesumständen Dietschs, und dabei werde es wohl auch immer bleiben. Das ist das eine Erschreckende: diese Schlampigkeit oder Gleichgül-tigkeit vieler Beteiligter, Nold Halder und den Limmat-Verlag eingeschlossen, der ja immerhin eine Literaturliste gibt und Wilhelm Weitlings Besuch in Iowa (1851) erwähnt. Dietsch war mit dem kommunistischen Agitator bekannt gewesen. In Iowa hatten ein paar Schiffbrüchige vom Osage River erneut eine Kolonie gegründet, Communia. Auch sie hielt nicht lange. Übrigens hatte Dietsch zwei kleine Töchter mit auf die Auswanderung genommen. In seinem Tagebuch werden sie gelegentlich erwähnt; von ihrem weiterem Schicksal erfährt man jedoch auch von Halder oder den Verlagsleuten nichts.* Irre ich mich nicht, wissen wir von der älteren Tochter noch nicht einmal den Namen. Sie soll bereits, wie ihr Vater, wenige Monate nach der Ankunft in Missouri gestorben sein** – ein böses Erwachen im Märchenland USA.

Immerhin: drei Jahre vor den Neujahrsblättern von 2017 bot bereits eine schweizer Zeitung*** einen Schimmer von Recherche an. »In alten Grundbüchern ist der Landkauf von Andreas Dietsch und anderen Mitgliedern der Auswanderungsgruppe bestätigt. Ebenso aktenkundig ist, dass die jüngere Tochter von Dietsch namens Rosetta, die nach dem raschen Ende von Neu Aarau nach Iowa weitergewandert war, das väterliche Land am Osage River 1859 verkaufte.« Vielleicht hatte sich Rosetta der erwähnten Communia im Clayton County angeschlossen, die allerdings, wie eben angedeutet, im Lauf der 1850er Jahre zerfiel. Für 1859 gibt Mary Lou Schulte**** als Aufenthaltsort Rosettas das Madison County in Illinois an. Ansonsten werden die Mädchen von Schulte (2010) nicht erwähnt. Gleichwohl liegen damit wenigstens ein paar Anhaltspunkte für eine echte, sicherlich nicht ganz billige Spurensuche vor. Nebenbei: Rosettas Mutter, Susanna geb. Hagnauer, war bereits in Aarau gestorben, wohl 1843, mit 35, bei oder nach der Geburt des dritten Kindes.

Das andere Erschreckende ist die Ignoranz, die Dietsch und offensichtlich auch seine MitstreiterInnen der Indianer- und Sklavenfrage entgegenbringen. Die ist mit der Einfalt von Dietsch und anderen nicht zu entschuldi-gen. Allerdings lag sie leider ganz im kolonialen Trend jener Epoche, wenn ich mich nicht täusche. Auch die angeblich revolutionär gestimmten Geister unter den Auswanderern hatten keine Bedenken, ihre neuen Siedlungen und andere höchst demokratische Projekte, darunter Verlagshäuser, auf gestohlenem, mit Indianerblut getränktem Grund zu errichten. Sie wollten Freiheit – zunächst einmal für sich. Das Ergebnis sehen wir heute. Das ganze wiederholte sich übrigens knapp 100 Jahre nach Dietsch, als tausende von verfolgten Antifaschisten ihr Heil im angeblichem Hort der Demokratie suchten – ihr Heil. Dem eigenen Anspruch zuwider wirkten sie auf diese Weise sowohl an der Legitimierung wie an der Kräftigung des US-Imperialismus mit, ob als Geschäftsleute, KünstlerInnen, Professoren.

Noch viel ärmer als zu dem schweizer Bürstenbinder scheint die Datenlage im Fall des sächsischen Juristen Carl Theodor Dietzsch (1819–57) zu sein. Laut Wikipedia gehörte er 1848, auf der linken »Donnersberg«-Seite, der Frankfurter Paulskirchen-Schwatzbude an, setzte sich jedoch schon im nächsten Jahr gleichfalls in die USA ab, die er verehrt habe. Dort soll er als Redakteur tätig gewesen sein, zuletzt in Cincinnati, Ohio, wo er, mit 37, auch starb – warum, weiß möglicherweise kein Mensch.

* Dietschs schmales Tagebuch wurde 1978 unter dem Titel Die groß-artige Auswanderung des Andreas Dietsch und seiner Gesellschaft vom Züricher Limmat-Verlag herausgegeben. Darin findet sich auch Nold Halders Studie über Dietsch, die wohl zuerst in den Aarauer Neujahrsblättern 1960/61 erschienen war. Halder starb 1967. Leider kommen, soweit ich sehe, jüngere US-Publikationen nicht erheblich über das Limmat-Buch hinaus.
** Heidi Hess / Rudolf Iten, »Auf den Spuren von Andreas Dietsch«, Aarauer Neujahrsblätter, Band 91 (2017), S. 96–103: https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=anb-001:2017:91::183#93. Für Iten hieß die überlebende Tochter Rosina. Wer sich hier irrt, weiß der Himmel.
*** Heinrich Rauber, »Vor 150 Jahren wollte Aarauer eigenes Reich gründen – nun wird er geehrt«, Aargauer Zeitung, 30. Juni 2014
**** »New Helvetia: The dream that died«, im Newsletter der Osage County Historical Society, Linn, Missouri, USA, Januar 2010




Distler, Hugo 34 (1908–42), Kirchenmusiker von Nazi-Gnaden. Der aus Bayern stammende Organist und Komponist wird zumeist als wichtiger Erneuerer der evangelischen Kirchenmusik seiner Zeit (um 1930), zudem rastlos tätiger und mitreißender Mann gerühmt. Nun ja. 1940 schuf er für das Chorliederbuch der Wehrmacht unter anderem das Werk für Männerchor Morgen marschieren wir in Feindesland. Im selben Jahr wurde Distler, schon seit 1933 Mitglied der NSDAP, Professor an der Berliner Staatlichen Musikhochschule. Im April 1942 übernahm er außerdem die Leitung des Berliner Staats- und Domchors und bezog, da er mit seiner Familie (drei kleine Kinder) ein Haus in Strausberg bewohnte, eine Dienstwohnung in der Nähe des Doms. Allerdings muß er im Apparat nicht nur Gönner gehabt haben. Fünfmal hatte er den Gestellungsbefehl der Wehrmacht abwenden können, doch am 14. Oktober 1942 kam die sechste Aufforderung. Am 1. November 1942 begab sich der 34jährige Professor nach dem Gottesdienst im Dom zu seiner Dienstwohnung in der Bauhofstraße und brachte sich um.

Wie, läßt sich der sogenannten Offiziellen Hompage Hugo Distler (Stand November 2016) nicht entnehmen. Einige andere Quellen sprechen davon, Distler habe, vermutlich in seiner Küche, »den Gashahn aufgedreht«. Gottseidank ist nirgends zu lesen, das ganze Wohnhaus oder der ganze Dom seien in die Luft geflogen. Es mißlang mir übrigens festzustellen, ob die Offizielle Homepage von Distler persönlich oder dem Berliner Senator für Kultur und Erbauung genehmigt worden ist. Was die Motive für Distlers Selbstmord angeht, vermutet Nick Strimple (2002) laut englischer Wikipedia, mehr als staatliche Repression habe dem Komponisten der eigene Gewissens-druck zugesetzt – und die Befürchtung, auf Dauer sei es nicht möglich, zugleich den Nazis und Gott zu dienen. Vielleicht ist dem kalifornischem Dirigenten und Autor nicht bekannt, daß es anderen durchaus möglich war, beispielsweise den Bischöfen Theophil Wurm und Otto Dibelius.

Andere, offiziellere Quellen verweisen dagegen stets auf Distlers starke Lebens- und Versagensängste, die dem »unehelich« Geborenen von Kind auf zugesetzt hätten. Nach Jürgen Buch* leistete sogar das Übliche, nämlich eine Liebschaft, einen nicht unmaßgeblichen Beitrag zu Distlers Verzweiflung. Er war diese Liebschaft in Stuttgart parallel zu seiner Ehe eingegangen, hatte dann aber mit der Berufung nach Berlin dem (Strausberger) Haussegen zuliebe auf sie verzichtet. Distlers Tochter und Biografin Barbara Distler-Harth sei der Ansicht, mit diesem Verzicht habe ihr Vater »den Todeskern in sich gelegt«. Damit sind sowohl Gott wie der Faschismus fein heraus: es war Hugos freier Wille.

* »In der Welt habt ihr Angst«, in: 50 Jahre Hugo-Distler-Chor Berlin, Festschrift aus 2003, S. 7–11: https://hugo-distler-chor.de/wp/wp-content/uploads/2010/08/hdc_festschrift.pdf



Dittmar, Georg Friedrich Christoph wohl 21 (1795–1817), Student in Erlangen. Die einzige nennens-werte Quelle zu seinem Fall gräbt man bei Friedrich Butters* aus. Nach dessen Porträt eines Bruders von Friedrich waren am 17. Juni 1817 vier Erlanger Studenten zur Rednitz gegangen, um zu baden. Friedrich, aus dem nahen Ansbach stammend, sei zuerst in den Fluß gestiegen. Man habe ihn aber bald um Hilfe rufen gehört und »verschwinden« gesehen. Theologiestudent Karl Ludwig Sand, noch angekleidet, wollte ihm nachstürzen, doch die beiden anderen hätten Sand, von dem sie wußten, er konnte nicht schwimmen, mit Mühe zurückgehalten, »indem sie ihn für ein noch tragischeres Geschick aufsparten.« Daran sieht man nebenbei, Butters hat Humor. Seit diesem Vorfall gilt Friedrich Dittmar, sofern er im Zusammenhang mit Sand gelegentlich gestreift wird, als »ertrunken«. Bruder Heinrich nennt die Rednitz, laut Butters, »tückisch«, verrät aber weder die Badestelle noch, ob auch Friedrich, wie Sand, Nichtschwimmer war. Und wenn ja: Warum wagte er sich dann ausgerechnet als erster des Quartetts in den Fluß? Im übrigen war ja Heinrich Dittmar mitnichten Bestandteil des Quartetts. Er spricht vom Hörensagen – oder sollten ihm seine Eltern einen Polizeibericht vererbt haben?

Also wieder ein »Tod durch Ertrinken«, der mehr schwimmt als Sand. Diesen, Karl Ludwig Sand, soll der Tod des Freundes stark mitgenommen haben. Mußte er aber deshalb gleich einen berühmten Mann ermorden? Das war zwei Jahre darauf, in Mannheim. Angeblich erdolchte Theologe Sand den Dramatiker August von Kotzebue aus Freiheits- und Vaterlandsliebe. 1820 kam der 24jährige Attentäter unters Richtschwert. Seitdem ist er nicht weniger berühmt als sein Opfer. Von Sand kennt man jedes Körnchen. Und was kennt man von Dittmar? Ein Gerücht.

* Eine kurze Lebensbeschreibung Doktor Heinrich Dittmar's, Zweibrücken 1867, S. 19



Fortsetzung Do—Eg
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