Sonntag, 19. September 2021
LdF Folge Bro—Chal

Brooke, Rupert 27 (1887–1915). Der englische Dandy, Altphilologe und Lyriker, vom Berufsgenossen Yeats als »bestaussehender junger Mann« der britischen Insel gepriesen, war möglicherweise bisexuell gestimmt, litt jedoch mit Sicherheit an Verfolgungswahn, was neben etlichen Freunden oder Kollegen auch das Alter betraf. Da bot sich eine militärische Lösung geradezu an: mit »Kriegsausbruch« ging er zur Königlichen Marine. Aller-dings wurde er nie in Schlachten verwickelt. Stattdessen machte ihm angeblich eine Mücke den Garaus. Vom vielen Kreuzen im Mittelmeer auf dem Truppentransporter Grantully Castle bereits durch Sonnenstich geschwächt*, soll er Ende April 1915 an Bord eines französischen Krankenhausschiffes, das die griechische Ägäis-Insel Skyros anlief, einer durch Mückenstich bewirkten Blutvergiftung erlegen sein. Man begrub ihn noch am Todestag in einem Olivenhain der genannten Insel. Es geschah dem 27jährigem Unterleutnant eigentlich recht, hatte er seinen größten Ruhm zu Lebzeiten doch mit ein paar Sonetten erzielt, die den (vaterländischen) Krieg verherrlichten. Offenbar war auch Bescheidenheit seine Zier. In Rugby, seiner Geburtsstadt, setzte man ihm ein Denkmal mit einem wohl aus seinem berühmtem Gedicht The Soldier stammendem Sockel-Zitat: »If I should die, think only this of me; / That there's some corner of a foreign field / that is for ever England.«

* laut Michael Gassenmeier, in: Theo Stemmler (Hrsg): Krieg und Frieden in Gedichten, Mannheim / Tübingen 1994, S. 182



Brown, Clifford 25 (1930–56), US-Jazz-Trompeter. Brown kam im Verein mit dem Pianisten Richie Powell (1931–56) und dessen Gattin Nancy, die am Steuer saß, im Sommer 1956 bei einem Autounfall nahe Bedford, Pennsylvania, ums Leben. Die beiden schwarzen Jungstars waren von Philadelphia aus zu einem Auftritt in Chicago unterwegs gewesen. Bei Dunkelheit und strömendem Regen geriet der Wagen ins Schleudern, prallte gegen einen Baum und fiel auch noch eine Böschung hinab. Der arbeitssame, hilfsbereite und angeblich völlig drogenfreie Brown war 25, Powell 24. Nancy Powell soll erst 19 gewesen sein. Der Schock in der Ostküsten-Jazzgemeinde war groß.



Brown, Michael 18 (1996–2014). Der junge Afroameri-kaner wurde im August 2014 in Ferguson, Missouri, von einem weißem Polizisten erschossen, worauf es zu beträchtlichen Unruhen kam. Diese wiederholten sich im November, nachdem verkündet worden war, der Schütze werde nicht belangt.

Während zwei Drittel der rund 20.000 EinwohnerInnen dieses Vorortes von St. Louis schwarz seien, gebe es in Ferguson fast ausschließlich weiße Polizisten, versicherten Nachrichtenagenturen. Der schwarze Oberschüler, offenbar bis dahin nie »straffällig«, war um Mittag mit einem Freund in der Stadt unterwegs gewesen. Wahrscheinlich hatten die beiden kurz vor dem tödlichem Vorfall versucht, in einem Laden Zigarillos zu stehlen. Die Zeugenaussagen ergeben kein klares Bild. Als sich Brown, 1,93 groß, womöglich bedrohlich einem Streifenwagen näherte, gab der Polizist Darren Wilson im ganzen 12 Schüsse auf den allerdings unbewaffneten jungen Schwarzen ab. Da sich große Teile der »Öffentlichkeit« an eine Hinrichtung erinnert fühlten, strengten sich die Behörden umso emsiger an, das Bedrohungsszenario glaubwürdig erscheinen zu lassen. Nach vielen Quellen waren die örtlichen uniformierten »Ordnungskräfte« freilich schon länger für ihren Rassismus bekannt. Unter anderem belegten sie die meist armen (und schwarzen) Sünder der Stadt mit einem Hagel aus Strafmandaten, der Geld in die Stadtkasse schwemmte. Im Rahmen der jüngsten Unruhen gingen sie auch »robust« gegen Journalisten vor, von denen unliebsame Dokumente zu befürchten waren. Einige US-Senatoren beklagten aus Anlaß der Erschießung Browns die unaufhaltsame, bundesweite Militarisierung der Polizei.

Anfang 2016 behauptet Die Zeit in grammatisch bedenk-licher Weise: »Schwarze junge Männer werden [in den USA] fünfmal so oft von Polizisten erschossen wie weiße junge Männer.« 2015 sei diesbezüglich ein Rekordjahr gewesen. Somit hatte Browns Todesjahr noch eine Steigerung erfahren. Im ganzen hätten US-Polizisten im Rekordjahr 1.134 Menschen erschossen.*

2017 berichtet der schwarze Rechtsanwalt Jerryl Christmas einem Spiegel-Korrespondenten**, inzwischen seien bereits drei prominente Aktivisten der jüngeren Proteste unter fragwürdigen Umständen ums Leben gekommen. Außerdem habe es soeben den Pastor und Bürgerrechtler Carlton Lee erwischt. Lees Kirche, die auch Michael Browns Vater besucht habe, sei während der Unruhen in Flammen aufgegangen und erst kürzlich wiederaufgebaut worden. Der 34jährige Mann erlitt einen tödlichen Herzinfarkt. »Es ist der stille Stress dieser Stadt«, sagt Christmas. »Er bringt einen um.«

* »Polizeigewalt an schwarzen Menschen erreicht einen Höchststand«, Zeit Online, 1. Januar 2016: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-01/usa-polizeigewalt-schwarze-statistik-guardian
** Marc Pitzke, »Wir bleiben Zielscheiben«, Spiegel, 8. August 2017: https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/ferguson-drei-jahre-nach-dem-tod-von-michael-brown-wie-ist-die-stimmung-a-1161718.html




Browning, David 24 (1931–56). Der US-Olympiasieger im Wasserkunstspringen von 1952 fiel in der Regel weich und gekonnt. Allerdings gehörte er nicht nur Schwimm-riegen, sondern auch der heimischen Kriegsmarine an, als Pilot. In dieser Eigenschaft stürzte er mit seinem Jäger im März 1956 bei Rantoul in Kansas ab. Das war vielleicht immer noch angenehmer als in Korea – wenn auch nicht unbedingt für die Dorfbewohner bei Rantoul. Einzelheiten sind jedoch nicht zu bekommen.

Brownings Spartenkamerad und Landsmann Bruce Harlan (1926–59) kam lebend aus seiner aktiven Laufbahn. Er ließ es mit seiner Gold- und Silbermedaille bei den Londoner »Olympischen Spielen« von 1948 gut sein, blieb der Branche jedoch als Trainer erhalten. Ab 1954 betreute er den Spring-Nachwuchs an der Universität von Michigan in Ann Arbour. Am 21. Juni 1959 an einem Schauspringen in Fairfield, Connecticut, beteiligt, half der inzwischen 33jährige gegen Abend tatkräftig beim Abbau eines Gerüstes, das am Sprungturm benötigt worden war. Dabei stürzte er aus gut acht Meter Höhe ab.*

* »Bruce Harlan« in der International Swimming Hall of Fame, Stand 1. Oktober 2020: http://www.ishof.org/bruce-harlan--%28usa%29.html



Brübach, Tristan 13 (1984–98), Schüler und Mordopfer in Frankfurt/Main. Der ausgesprochen grauenvolle Fall ist bis heute ungeklärt. Tristan wuchs seit drei Jahren bei seinem Vater und seiner Großmutter auf, denn seine Mutter Iris Brübach hatte sich 1995 umgebracht.* Der Vater war in einem Kiosk des Frankfurter Hauptbahnhofs vollzeitbeschäftigt. Bernd Brübach ist Ende 2014 mit 59 Jahren gestorben; möglicherweise aus Gram. Sein Sohn Tristan hatte am 26. März 1998 mit der Entschuldigung, er habe Rückenschmerzen, vorzeitig den Hauptschulunter-richt verlassen. Am Nachmittag wurde seine Leiche in einem Bach-Tunnel am Bahnhof Höchst entdeckt. Der erwürgte blonde Junge war halb geschlachtet; unter anderem fehlten die Hoden; das Blut hatte der Mörder kurzerhand in den Liederbach laufen lassen. Verschiedene Spuren und Zeugenaussagen führten ins Leere.

Einige Quellen deuten an, Einzelkind Tristan habe es sowohl zu Hause wie in der Schule nicht eben leicht gehabt. Er wird freilich als »aufgeweckt« beschrieben, kann also kaum besonders schüchtern gewesen sein. Möglicherweise war er ins Drogen- und Strichermilieu geraten. Seine früh verstorbene Mutter soll zumindest zeitweise drogensüchtig gewesen sein. Das BKA macht keine näheren Angaben zum Tod der Mutter. Auch deren Alter ist offen; vermutlich 30 bis 35.

Die Belohnung für Hinweise, die zur Lösung des Falls führen, steht auf 20.000 Euro. Ohne »materielle Anreize« ging es ja schon im einstigen Ostblock nicht. Der voll-ständige Sieg des dinglichen Denkens ist ähnlich traurig wie Tristans Ermordung.

* Julia Jüttner, »Kommissar Fey und das Rätsel vom Liederbach-Tunnel«, Spiegel, 24. März 2018: https://www.spiegel.de/panorama/justiz/tristan-bruebach-20-jahre-spaeter-kommissar-uwe-fey-gibt-nicht-auf-a-1199037.html



Büchner, Georg 23 (1813–37). Der revolutionär gestimmte hessische Schriftsteller und Mediziner ist weithin bekannt; ich will ihn deshalb nur streifen. Leider fiel er ja nicht im Gefecht, sondern erlag mit 23 in Zürich dem Typhus – weil er sich, wie meistens angenommen wird, bei seiner Arbeit mit selbstangefertigten Pflanzen- und Tier-Präparaten angesteckt hatte.

Bekanntlich wurde der Name des blonden Südhessen für einen renommierten Literaturpreis beschlagnahmt, der alljährlich von der in Darmstadt sitzenden, derzeit rund 190 Mitglieder zählenden sogenannten Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vergeben wird. 1953 bekam ihn Ernst Kreuder. In seiner Betrachtung Georg Büchner, Existenz und Sprache, vorgetragen und gedruckt im Herbst 1955, reklamiert Kreuder den Landsmann für die naturmystische, »imaginative«, kurz gefühlsduselige Warte, die er selber hartnäckig bis zum letzten Roman Der Mann im Bahnwärterhaus (1973 posthum) einnahm. Damals war dieser »spirituelle« Zug natürlich längst abgefahren, aber heutzutage, da man ringsum an die Wunderwirksamkeit von Anti-Viren-Programmen und Microsoft-Algorithmen glaubt, hätte Kreuder sicherlich wieder eine gute Chance.

1970 ging der Büchnerpreis an Thomas Bernhard, worüber ich nicht meckern will, zumal der bissige österreichische Schriftsteller neun Jahre darauf seinen Austritt aus der Darmstädter Akademie erklärte. Anlaß war deren Wahl des Politikers Walter Scheel zum Ehrenmitglied. Etwas später soll Bernhard die erlauchte Institution jedoch in einem FAZ-Artikel grundsätzlich angezweifelt beziehungs-weise angepinkelt haben, wie ich 2009 dem Feuilleton der Jungen Welt entnahm.* Danach hatte er der Akademie bescheinigt, »letzten Endes« sei sie (1949) »nur aus dem kühlen Grunde der Selbstbespiegelung ihrer eitlen Mitglieder« gegründet worden, die deshalb jährlich auf Staatskosten zu Konferenzen der »Eigenbeweihräuche-rung« zusammenkämen, um nebenbei »eine knappe Woche lang um ihren abgestandenen faden Literaturbrei herumzureden«. Aber diese Leute, die man Darmstädter Front nennen könnte, sitzen an den Kanonen des Kanons. Sie haben Einfluß wie Alfred Hugenberg und Paul Reusch zusammen; sie bestimmen, welche Literatur in Deutschland maßgeblich ist und folglich gemästet wird.

Ganz erheblich unbekannter als Büchner sind die folgenden beiden jungen Leute. Seinen engen Schul- und Studienfreund Hermann Trapp (1813–37) empfand er anscheinend mit der Zeit als lästige Klette. Überdies hat der Freund, der sich bereits vor Büchner aus politischen Gründen in die Schweiz flüchtete, dessen Danton anonym bei Gutzkow angeschwärzt, wie aus einem Brief von Büchner an Gutzkow vom September 1835 hervorgeht.** Daraufhin kündigte Büchner dem Trapp wohl einige Nachsicht auf. Ironischerweise wird Trapp im gleichen Alter wie Büchner, 23, nur wenige Wochen nach diesem von »derselben Typhusepidemie« weggerafft, wie jedenfalls das Marburger Büchnerportal behauptet.

Richard Büchner (1908–29) wuchs mit acht*** Geschwistern in Erdmannsdorf bei Chemnitz auf. Als er von der Volksschule abging, stellte man einen Herzfehler bei ihm fest. Er wurde gleichwohl Andreher in einer örtlichen Baumwollspinnerei, Gewerkschaftsmitglied – und wie sein Bruder Rudolf leidenschaftlicher Aktivist im Arbeiterschach. Dabei verlegte er sich zunehmend darauf, Problemschachaufgaben auszuknobeln, die beispielsweise auch in der Chemnitzer Volksstimme erschienen. Aber um 1927 klopfte sein Herzfehler an und steigerte sich zu einer Herzklappenentzündung. Die Ärzte konnten ihm nicht helfen. Anfang 1929 starb der vielversprechende »Schachkomponist«, knapp 21 Jahre alt, in einem Chemnitzer Krankenhaus.

* »Unheil und Brei. Einer Akademie zum 60.«, jW 29. August 2009, zitiert bei Schrift & Rede 2009: http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news&id=634
** Georg Büchner, Werke und Briefe, Münchner Ausgabe, als TB 5. Auflage 1995, S. 309 + 729
*** Schwalbe Heft 285, Juni 2017: https://www.dieschwalbe.de/personalia285.htm




Buckley, Jeff 30 (1966–97), US-Rockmusiker. Die Metropole Memphis füllt im Südwesten eine ganze Ecke von Tennessee aus. Hier ging die oft als »sanft« oder »weich« gepriesene Stimme des 30jährigen Rockbarden an einem Abend Ende Mai buchstäblich im Wolf River unter, der in Memphis im Mississippi mündet.

Der Sänger und Gitarrist war nahezu vaterlos in Kalifor-nien aufgewachsen. Gleichwohl trat er in mancherlei Hinsicht in die Fußstapfen seines meist abwesenden Erzeugers Tim Buckley, eines Folksängers, der 1975, als 28jähriger, auch schon an der U-Musik starb, im Verein mit Heroin. Sohn Jeff, ein bildhübscher, wenn auch etwas kurz geratener und eher schmächtiger Junge, hatte 1994 mit seinem erstem Studioalbum Grace und bei den üblichen Vermarktungstouren Aufsehen erregt. »Das ewige Leben liegt auf meinem Weg«, singt er darauf an einer Stelle. »Ich brauche nur noch einen letzten Nagel für meinen glitzerroten Sarg.« Doch die Zeit verfloß und die Plattenfirma drängte. So saß er drei Jahre später in Memphis in einem gemietetem Haus, um endlich das zweite Album vorzubereiten, Arbeitstitel: My Sweetheart the Drunk. Während seine musikalischen Mitstreiter für die Einspielung bereits im Flugzeug anreisten, fuhr Buckley an besagtem Maiabend mit »Roadie« Keith Foti an seine übliche Badestelle am Wolf River. Foti blieb am mit Müll übersäten Ufer sitzen und verfolgte (angeblich), wie sein Boß bekleidet und gutgelaunt ins Wasser watete und dabei Refrainzeilen einer Platte von Led Zeppelin mitpfiff, die Foti in den tragbaren Recorder geschoben hatte. Foti klimperte auch Gitarre dazu. Buckley zog inzwischen trotz vollgesogener Sommerkleidung in dem rund 100 Meter breiten Hafenbecken schwimmend seine Kreise. Foti rief ihm Warnungen vor einem Schlepper, dann vor einem Frachter zu. Buckley wich den Schiffen aus. Als Foti dann wieder einmal aufsah, konnte er freilich in der Abenddämmerung keinen auf dem Wasser hüpfenden braunen Haarschopf mehr entdecken – sein kleiner Boß mit der engelhaft an- und abschwellenden Stimme war verschwunden.

Später hieß es, Buckley sei von den Wellen des Frachters mitgerissen und überwältigt worden. Foti hatte gleich den Tourmanager in dem gemietetem Haus alarmiert, doch die Leiche wurde erst nach Tagen in der Nähe an einem vertäutem Boot verfangen gefunden. Die lieben Hinter-bliebenen beeilten sich zu erklären, an diesem »tragi-schen« Tod sei nichts »mysteriös«. Man habe, neben Mr. Fotis Aussage, den Polizei- und den Autopsiebericht, und aus alledem gehe klar hervor, daß sowohl weder Alkohol oder andere Drogen noch Geistestrübung oder Selbstmordplan im Spiel gewesen seien. Laut Andreas Joos* erkannten die Behörden in der Tat auf »Unfall«. Andererseits versteht es Buckleys Mutter Mary Guibert, die ihn als Teenager gebar, durchaus geschickt, eben den Mythos vom noch im Tode rätselhaftem Sprößling am Leben zu erhalten und auszubeuten. In einem Interview behauptet sie, am liebsten wäre ihr Sprößling Tierpfleger im Zoo von Memphis geworden. Da hat sie aber Glück gehabt.

* »Abgetaucht in der Nacht«, Spiegel, 25. Mai 2012: http://www.spiegel.de/einestages/zum-tod-von-jeff-buckley-a-947586.html



Buckley, Peter 24 (1944–69), erfolgreicher britischer Amateur-Straßen-Radrennfahrer und angebliches Hundeopfer. Wie mehrere Quellen, darunter diverse Wikipedias, übereinstimmend berichten, sei Buckley beim Training in West Yorkshire schwer gestürzt, weil ihm ein freilaufender Hund in die Quere kam. Den erlittenen Verletzungen sei der knapp 25jährige bald darauf in einem Krankenhaus in Leeds erlegen. Nun sind weder Trainingsstürze von Radsportlern noch Angriffe von Hunden auf Radfahrer eine Seltenheit; das letzte kann ich mit einer allerdings schon verheilten Bißwunde am rechten Fußknöchel bezeugen. Die Angabe zu Buckleys Hundepech wird jedoch mit nur einer einzigen Quelle gestützt, die ich leider nicht finden und also überprüfen kann: »Gold medal cyclist dies«, The Guardian, 5. Juli 1969 (p.2). Zwar wird auch noch die Vereinsgeschichte des Manx Road Clubs ins Feld geführt, aber in dieser ist lediglich von einem Trainingssturz Buckleys die Rede, nicht von einem Hund. Ich wäre also nicht verblüfft, wenn sich der angeblich vom Guardian gesichtete Vierbeiner als Ente erwiese. So oder so, erinnere ich an meine kürzliche Klage über Ungenauig-keiten unter >Batters, dem kanadischen Eishockeycrack.



Bugatti, Jean 30 (1909–39), Designer, Fabrikant und Fahrer berühmter schneller Automobile. Einige Leser-Innen sind vielleicht schon über das Schicksal der Tänzerin Lena >Amsel unterrichtet, die sich 1929 bei Paris in einem Bugatti überschlug. »Monsieur Jean«, seit 1936 Leiter der im Elsaß (bei Straßburg) gelegenen väterlichen Automo-bilfabrik, erwischte es 10 Jahre nach Amsel, als er unweit der Fabrik auf der Landstraße zwischen Duttlenheim und Entzheim im eigenen Testwagen einem angeblich »unvorsichtigem« Radfahrer ausweichen wollte. Sein Bugatti 57 C Tank hatte »weit über« 200 Sachen drauf!* In dieser Gemächlichkeit prallte der 30 Jahre alte Werksleiter (am 11. August 1939) gegen einen Baum. »Der explodierende Benzintank setzt den Baum und eine nahe Mühle in Brand, Monsieur Jean wird aus dem Rennwagen geschleudert und ist sofort tot.« Die baumlose Stelle sah sich später durch einen klobigen Stein getröstet, der das Gedenken an den vorbildlichen Verkehrsteilnehmer Jean Bugatti bis zum heutigen Tage wachhält. Die deutsche Wikipedia zeigt ein Foto davon. Sie weiß übrigens auch genau, der Radfahrer, dem Bugatti »ausweichen musste«, kam »plötzlich aus einem Feld« – so ein Schurke! Ich wette darauf, diese Ausschmückung ist frei zusammen-gelogen. Kommt sie jedoch gegen 200 Sachen an?

Die Fabrikation in Molsheim wurde 1963 eingestellt. Was blieb, war der legendäre Ruf, und siehe da, 1998, im Antrittsjahr des »rotgrünen« Kanzlers Gerhard Schröder, ging die Marke Bugatti auf das deutsche Volk beziehungs-weise die Volkswagen AG über.

* Hans-Jörg Götzl, »Jean Bugattis Vermächtnis«, Auto Motor Sport, 16. Februar 2014: http://www.auto-motor-und-sport.de/fahrberichte/bugatti-typ-64-im-fahrbericht-jean-bugattis-vermaechtnis-1356005.html



Bugatti, Rembrandt 31 (1884–1916), italienischer Bildhauer, Bruder des Vaters von Radfahrerfreund Jean Bugatti. Wechselnd in Paris und Antwerpen tätig, schuf Bugatti vorwiegend Tierplastiken, die zunächst ein gutes Echo fanden und ihm ein Auskommen verschafften. Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges arbeitete er für das belgische Rote Kreuz freiwillig in einem Lazarett, das ausgerechnet im Antwerpener Zoo eingerichtet worden war. Hier hatte der »humorvolle Exzentriker« oft beobachtet und sogar gebildhauert, und als die Zooleitung begann, aus Futtermangel Tiere zu töten, soll ihm das entsprechend nahe gegangen sein. Ende 1914 reiste er wieder nach Italien und später Paris. Jetzt geriet er anscheinend in Not, weil er durch den Krieg keine Käufer seiner Arbeiten mehr fand. Ob er wenigstens Trost durch Frau und Kind, falls vorhanden, wahlweise durch eine Geliebte oder einen Liebhaber empfing, wird in meinen Quellen nicht klar.

Vermutlich war einiges zusammen gekommen, als sich der 31jährige Tiernarr und Hundehalter im Januar 1916 in seinem Pariser Atelier mit Gas das Leben nahm. Die FAZ behauptet 100 Jahre später, am 20. November 2016, gleichermaßen theatralisch wie belegfrei, er sei am Leiden um alle Kreatur zerbrochen. Aber auch das Weltkriegsge-metzel und die bekannten gummiartigen »Depressionen« werden angeführt. Die sind ja immer für alles gut.

2006 hätte sich Bugatti den Griff zum Gashahn vielleicht noch einmal überlegt, denn bei Sotheby's ging sein »Mantelpavian« (von 1909/10) für 2,6 Millionen Dollar über den Auktionstisch. Von den Abbildungen her scheinen seine Arbeiten durchaus viel Treffendes, dabei Witz und Einfalt zu haben. Doch hier und dort wird auch behauptet, er sei »zernagt vom Zweifel« am eigenen Kunstkönnen von uns gegangen. In der Tat halten manche KritikerInnen seine brillanten Tierstudien für im Grunde ausdruckslos. Andere wieder loben gerade umgekehrt echte »Porträts«, die »das Tier« gottseidank nicht über-höhten, sondern es als Individuum ernst nähmen.* Da kenne sich einer aus.

* Simone Guski, »Rembrandt Bugattis exotische Tiere«, Humani-stischer Pressedienst, 16. April 2014: https://hpd.de/node/18364



Bugatto, Lautaro 20 (1991–2012), argentinischer Fußballspieler, am frühen Morgen des 6. Mai 2012 vor seiner Haustür erschossen. Gut zwei Jahre darauf kam es deshalb in Lomas de Zamora zur Verurteilung eines Polizisten, nicht unbedingt landesüblich. Der Mann bekam 14 Jahre Haft.* Habe ich richtig verstanden, hatte David Ramón Benítez am verhängnisvollem Tag keinen Dienst, war vielmehr mit Gattin und Schwester, die ihn später wohl auch mit Lügen zu entlasten suchten, privat in seinem Renault 12 im Ballungsraum Buenos Aires unterwegs. Bugatto stand, wie gesagt, vor seiner Haustür, als ihn, aus nächster Nähe, sieben Schüsse des Polizisten durchsiebten. Nach eigener Darstellung hatte Benítez mutmaßliche Diebe erspäht und gejagt, die er nun, vor Bugattos Haustür, hatte stellen wollen. Entsprechend hieß es auch in den ursprünglichen Zeitungsmeldungen aus dem Tatmonat, der arme Junge, knapp 21, sei in einen Schußwechsel zwischen Gesetzeshütern und Straßenräu-bern geraten. Die Dementis dagegen lese ich so gut wie nirgends. Vorbei; der Mann ist schon über zwei Jahre lang tot; vergeßt ihn gefälligst.

Der Vorfall unterstreicht zwei Grundzüge der modernen Welt: Gnadenlose Verteufelung des sogenannten Eigentumsdeliktes und unaufhaltsame Verrohung der sogenannten Sicherheitskräfte.

* »Catorce años de prisión para el policía que asesinó a Lautaro Bugatto«, Política del Sur, 18. September 2014: https://politicadelsur.com/nota/8902/catorce-anos-de-prision-para-el-policia-que-asesino-a-lautaro-bugatto/



Bullenhuser-Damm-Kinder (5–12 Jahre), ermordet in Hamburg 1945. Es kostet mich stets Überwindung, bestimmte einzelne Mordopfer herauszuheben. So bietet mir meine Liste gerade den knapp dreijährigen Briten James Patrick Bulger an, der 1993 bei Liverpool von zwei 1ojährigen gefoltert und getötet wurde. Ganz Mitteleuropa war entsetzt. Aber die Millionen Kinder, die Jahr für Jahr in Übersee verhungern, überging Mitteleuropa. Oder die beispielsweise in der Gegend des Berufsfußballers Bugatto, in Süd- und Mittelamerika nämlich, allerdings meist in Elendshütten, von Raubwanzen mit dem Erreger der sogenannten »Chagas-Krankheit« infiziert werden. Diese Krankheit entstellt die Kinder zunächst, und ein paar Prozent der Befallenen verrecken regelmäßig daran.

Vielleicht hat Familie Bulger nichts dagegen, wenn ich es hier bei einem Hinweis auf Die 20 Kinder vom Bullen-huser Damm belasse, bei denen in der Spanne 5 bis 12 jedes Alter vertreten war. Ihre Namen finden sich auf verschiedenen Webseiten. Auch sie sind heute fast berühmt, was sie im wesentlichen dem damaligem stern-Reporter Günther Schwarberg zu verdanken haben, der sie um 1980 aus dem Totschweigen riß. Ein gewisser Dr. Josef Mengele hatte die 20 Kinder im November 1944 von Auschwitz zu seinem Kollegen Kurt Heißmeyer ins Hamburger KZ Neuengamme schicken lassen, weil dieser sie als Versuchskaninchen in der Tuberkulose-Forschung zu verwenden gedachte. Sie wurden qualvollen Experimenten unterworfen. Ende April 1945, als der Feind immer näher rückte, ließ Heißmeyer seine Opfer zwecks Verwischung der Spuren seiner Forscherarbeit in die Keller der leerstehenden Schule Bullenhuser Damm verfrachten, wo sie erdrosselt oder erhängt wurden. Auch Dutzende erwachsener Zeugen, Pfleger zum Beispiel, wurden in dieser Schule stumm gemacht. Viele Lehrkräfte anderswo schwiegen dann ebenfalls hartnäckig.

In seinen 2007 veröffentlichten Erinnerungen Das vergess ich nie berichtet Schwarberg von seiner Aufrollung des Falls (S. 295–304). Das Buch ist auch sonst lesenswert.



Burdutschenko, Inna 21 (1939–1960), SU-Schauspie-lerin. Oft ist es wichtiger, fesselnde Kinoromanzen zu drehen, als häßliche Raubwanzen zu bekämpfen. Burdu-tschenko, in der Ukraine aufgewachsen, hatte eigentlich dem Theater zugeneigt. Aber dann hatte sie jemand für den Film Iwanna entdeckt, und mit dem kam die dunkelhaarige Hübsche, 1959, groß heraus. Das Drehbuch ihres zweiten Films, Die Steinblume, sah gegen Ende eine brennende Holzbaracke vor. Laut russischer und ukrainischer Wikipedia sollte sie, als Heldin, aus dieser Baracke eine Flagge retten. Anscheinend schickte sie der Regisseur mehrmals hinein, weil ihm die Szene noch nicht makellos genug war. Man ahnt es jedoch: früher oder später brach die brennende Baracke über der Schauspie-lerin zusammen. Ein anwesender Bergmann rannte, die Heldin ihrerseits zu retten. Der Film spielte im Zechenmilieu. Dann fand sich Burdutschenko mit schweren Verbrennungen in einem Krankenhaus von Stalino (heute Donezk) wieder, und mit der Hübschheit war es vorbei. Sie starb zwei Wochen später.



Burgmüller, Norbert 26 (1810–36), rheinischer Komponist. Der junge Mann, meist in seiner Heimatstadt Düsseldorf ansässig, galt als große Begabung – als Komponist. Er war mit Größen wie Mendelssohn und Grabbe befreundet, erfreute sich der Förderung durch einen echten Grafen und wurde posthum von Schumann gelobt. In der Liebe dagegen erlitt er eher Schiffbruch. Eine Verlobung mit der gefeierten Kasseler Opernsängerin Sophia Roland (1804–30) blieb vorübergehend und schmerzhaft, zumal die Braut kurz nach ihrem Abschied (von ihm) in genau dem Alter (26) starb, das auch Burgmüller nur erreichen sollte. Woran, ist mir nicht bekannt. Jedenfalls soll ihr Tod dem Ex-Bräutigam zumindest streckenweise Trunksucht, ansonsten wiederkehrende epileptische Anfälle eingebrockt haben. Gleichwohl verlobte sich Burgmüller 1835 erneut, dieses Mal mit der französischen Kinderhüterin des ihn fördernden Grafen. Aber auch an Josephine Collin hatte er nicht lange Freude, weil ihn nun selber der Tod ereilte. Im Mai 1836 zur Kur in Aachen, ertrank er im Quirinusbad, wohl »in Folge eines epileptischen Anfalls«.* Daraufhin schuf Mendelssohn einen Trauermarsch, op. 103 in a-Moll, für Burgmüllers Beerdigung. Allerdings soll es auch Selbstmord-Gerüchte gegeben haben. Das Naturell des hageren, wenig zupackenden Komponisten neigte zu Melancholie und machte ihm die Einordnung ins bieder-meierliche Sittenkostüm ausgesprochen schwer.** Viel-leicht saß ihm im Kurbecken die gräfliche Kinderhüterin im Nacken, die in der Düsseldorfer Zeitung endlich das Aufgebot lesen wollte.

* Klaus Martin Kopitz im Portal Rheinische Geschichte, Stand 2021: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/norbert-burgmueller-/DE-2086/lido/57c58b16210ea1.41983774
** Klaus Zehnder-Tischendorf, »Lebenslauf ...« bei Klassika, 1. Mai 2004: https://www.klassika.info/Komponisten/Burgmueller/lebenslauf_1.html




Burnette, Johnny 30 (1934–64), US-Rocksänger. Mit dem kalifornischen Clear Lake, nordwestlich von Sacramento gelegen und 180 Quadratkilometer groß, fand Burnette ein deutlich geräumigeres nasses Grab als Pentti Haanpää (1905–55), ein finnische Fischer, der keine schlechten Bücher geschrieben hatte. Auch der Musiker, ein weißer Sänger und Gitarrist, soll geangelt haben, offenbar bei Dunkelheit. Der englischen Wikipedia zufolge wurde sein kleines und leider unbeleuchtetes Boot am 4. August 1964 versehentlich von einer Motorjacht gerammt. Burnette ging über Bord und ertrank. Ob er schwimmen konnte, weiß ich nicht. Er war 30 Jahre alt und hatte es bis dahin zwar zu zahlreichen Platten, darunter die Single What a Summer Day in seinem Todesjahr 1964, nicht jedoch zum Starruhm seines Zeitgenossen Elvis Presley gebracht.



Burton, Cliff 24 (1962–86), kalifornischer Rock-Bassist. Er kam aber nicht in seiner Heimat um, vielmehr in Schweden. Wie es aussieht, hatte er am 27. September 1986 Glück im Spiel und Pech beim Schlafen. Er war mit seiner Band Metallica in der Nacht per Tourbus von Stockholm nach Kopenhagen unterwegs. Es hatte sich eingebürgert, die beiden Schlafkojen durch Kartenziehen zu verteilen; wer gewann, durfte wählen. Burton zog gegen Kirk Hammett Pik-As und entschied sich für die obere, vermeintlich behaglichere Koje.* Gegen Sieben in der Frühe, in der Nähe von Ljungby, wurde er jäh durch ein zerberstendes Busfenster nach draußen geschleudert und Sekunden später unter dem Bus begraben, als dieser auf die Seite fiel. Der Bus war aus ungeklärten Gründen, möglicherweise wegen einer dünnvereisten Stelle, von der Autobahn abgekommen und nach hektischen Stabili-sierungsversuchen des Fahrers in den Graben gekippt. Burton starb am Unfallort. Alle anderen Insassen zogen sich höchstens leichte Verletzungen zu. Die Polizei vermutete aufgrund der Spuren zunächst, der Fahrer sei am Steuer eingenickt, doch dieser beteuerte seine Unschuld und entging einer Anklage. Der Vater des Unfallopfers, Ray Burton, wurde fast 71 Jahre älter als sein Sohn; er starb in diesem Januar (2020) mit 94. Die Band soll ihn sehr geschätzt haben.

* »Cliff Burton: Die Hintergründe ...«, Rolling Stone, 20. Januar 2020: https://www.rollingstone.de/cliff-burton-metallica-bassist-todesursache-1699351/



Cabezas, José Luis 35 (1961–97), ermordeter argen-tinischer Bildjournalist, mutmaßlicher Drahtzieher: Alfredo Yabrán. Während der mächtige und zwielichtige Geschäftsmann einerseits gelegentlich (1995) von Wirtschaftsminister Domingo Cavallo öffentlich als Mafiaboß bezeichnet worden war, erfreute er sich andererseits, wie viele glaubten, der Gunst des damaligen argentinischen Präsidenten Carlos Menem. Im übrigen hatte sich Yabrán wiederholt mit der Behauptung gebrüstet, es gebe keine ihn zeigenden Fotos, selbst in den Beständen des Geheimdienstes nicht.* Im Frühjahr 1996 gelang es José Luis Cabezas, an einem exklusiven Badestrand bei Buenos Aires solche Fotos anzufertigen, und sie erschienen in dem halbwegs kritischem Wochen-magazin Noticias, für das er arbeitete. Enthüllungen eines Kollegen über Yabráns Umtriebe folgten. Aber Cabezas, überall als anziehender Witzbold geschildert, sollte seine Beute teuer bezahlen: ein Jahr darauf war er tot. Er hatte bereits entsprechende Drohungen empfangen. Nun entführte man ihn nach einer Geburtstagsfeier und verpaßte ihm in einem Versteck zwei Kopfschüsse. Damit waren seine drei Kinder Waisen. Vermutlich diente dieser Mord weniger der Rache, mehr der Abschreckung. Immerhin wurden im Lauf der nächsten Jahre etliche Leute zu hohen Haftstrafen verurteilt, darunter mehrere Polizisten. Um 2010 waren sie freilich fast alle wieder auf freiem Fuß, sofern sie nicht in der Haft starben.** 1998 war sogar nach Alfredo Yabrán höchstpersönlich gefahndet worden; doch er erschoß sich, ehe die Handschellen klicken konnten. Davon wurde Journalist Cabezas natürlich auch nicht wieder lebendig.

* Mauricio Caminos, »La foto que le costó la vida a Cabezas«, La Nacion, 25. Januar 2012: https://www.lanacion.com.ar/politica/la-foto-que-le-costo-la-vida-a-cabezas-nid1443287/
** »José Luis Cabezas: no se olviden«, Noticias, 24. Januar 2020: https://noticias.perfil.com/noticias/editorial/jose-luis-cabezas-no-se-olviden.phtml




Cafà, Melchiorre 31 (1636–67), maltesischer Bildhauer in der Nachfolge Berninis. Hat man je von einer Statue oder Säule aus Marmor gehört, die zu Ehren schier unzählbarer Gefallener der industriellen Arbeitswelt auf einem öffentlichem Platz oder Friedhof errichtet worden wäre? Dabei sterben ja auch die Soldaten nur im Dienst. Aber sie gelten nicht als Opfer von Arbeitsunfällen, vielmehr als Helden.

Um als Opfer eines Arbeitsunfalls nachhaltige Aufmerk-samkeit zu erregen und beispielsweise in die Kunstge-schichte einzugehen, muß man schon als Tiepolo vom Deckengerüst im Treppenhaus der Würzburger Residenz fallen oder wenigstens wie Cafà in der Gießerei des römischen Petersdoms verunglücken, falls es so war. Damals, im September 1667, soll der 31 Jahre alte Barock-Bildhauer von der Insel Malta, der neuerdings an einer Altar-Dekoration für die St. John's Co-Cathedral in Valletta arbeitete, bereits am Beginn einer großen Karriere gestanden haben. Schon war sie vorbei, stürzte sich doch von einem Gerüst oder Podest aus ein schweres Gußmodell auf Cafà, das ihm tödliche Verwundungen beibachte. Einen Anschlag durch andere Karrierewillige scheint keine Quelle in Betracht zu ziehen.

Cafà hatte eine Vorliebe für Heilige aller Art, bei seiner Zunft und seiner Zeit vielleicht nichts Ungewöhnliches. So hatte er gerade erst die Glorie der Heiligen Katharina von Siena für die Kirche Santa Caterina a Magnanapoli in Rom vollendet: ein riesiges, reliefartiges, von zwei Säulen aus weißgeädertem dunklem Marmor flankiertes Altarbild. Es drückt ohne Zweifel Hoffnung aus – kaum dagegen die Erwartung, der oberste Schöpfer stelle einem harmlosem Nacheiferer ein Bein. Ferner zählte eine Marmorskulputur für das Grab der Märtyrerin und Missionarin Rosa von Lima zu Cafàs letzten Arbeiten. Laut Kenner Rudolf Preimesberger wurde sie erst nach seinem Tode gen Amerika verschifft.* Die verrückte Dame, schon 1617 just in Cafàs Alter vor lauter Entsagung oder Liebe zu Gott von der Menschheit gegangen, war von Papst Clemens IX. Rospigliosi am 15. April 1668 im Petersdom »seligge-sprochen« worden. Sicherlich hatten ihm seine spanisch-peruanischen Gewährsleute alles haarklein erzählt. Kurz darauf wurde sie auch zur ersten Heiligen der »Neuen Welt« erklärt. Zur ersten christlichen Heiligen, genauer gesagt. Später gesellten sich Weibsbilder wie Calamity Jane, Evita Perón, Marilyn Monroe zu ihr. Auch Hillary Clinton rechnet sich noch Chancen aus.

* »Ein Liebestod für die Christianisierung Amerikas?«, Humboldt, 143 (2005)



Calabresi, Luigi 34 (1937–72), italienischer Polizei-kommissar in Mailand, ebendort auf dem Weg zur Arbeit erschossen. Ein unermüdlicher Diener und Schützer des kapitalistischen Staates war im Dienst gefallen. Deshalb soll ihn Rosa von Lima neuerdings zum Kumpel bekommen: der Vatikan leitete 2007 ein Verfahren zur Überprüfung der Frage ein, ob Calabresi nicht seligge-sprochen werden müsse.* Zwei Jahre vorher hatte der gute Mann bereits eine Briefmarke bekommen. Seitdem erwägt Washington, auch eine Marke von Al Capone auszugeben, der ja sozusagen fast aus Neapel stammte.

Im Dezember 1969, zweieinhalb Jahre vor Calabresis Tod, hatte der berüchtigte Bombenanschlag auf die Mailänder Landwirtschaftsbank stattgefunden: 16 oder 17 Tote, rund 100 Verletzte. Die Polizei verdächtigte sofort die Anarchisten. Unter den Festgenommenen und Verhörten war auch der 41 Jahre alte Eisenbahnmonteur Giuseppe Pinelli. Er stammte aus proletarischem Milieu, hatte sich eigenständig gebildet und zählte in den 60er Jahren zu den angesehensten Köpfen verschiedener lokaler anarchisti-scher Gruppen. Obwohl er ein Alibi vorwies, wurde er widerrechtlich drei Tage lang ohne Beiziehung eines Richters verhört. Dann sprang oder eher fiel er gegen Mitternacht aus einem Fenster des Mailänder Polizeiprä-sidiums. Die Selbstmordtheorie (=Schuldeingeständnis) wurde später von den Behörden fallengelassen, doch sie bestanden darauf, es sei ein Unfall gewesen. Ich nehme an, Pinelli wollte die Geranien auf dem Fenstersims gießen, weil sie ihn durch ihre Blütenfarbe so herzlich gegen seine Vernehmer bestärkten. Damit gingen die drei beteiligten Polizeioffiziere unbescholten aus der Angelegenheit hervor. Zu ihnen zählte just Calabresi, der Chef, der von der Linken massiv beschuldigt worden war.

Ein schwacher Trost: auch die Unschuld des angeblich Verunglückten am Bombenanschlag wurde amtlich festgestellt. Zudem mußte man den Anarchisten Pietro Valpreda (nach 15 Jahren Knast!) wieder laufen lassen, »mangels Beweisen«. Man machte schließlich verschiedene Faschisten für das Massaker verantwortlich. Selbstverständlich muß es im Rahmen jener »Strategie der Spannung« gesehen werden, die etliche DrahtzieherInnen aus der Politik und den Geheimdiensten, voran der CIA, Italien für eine ganze Nachkriegsperiode verordnet hatten. Hier paßte der ehrgeizige Karatekämpfer Calabresi ausgezeichnet hinein. Nach Alfredo M. Bonanno** hatte er sich den Ruf eines unschlagbaren Jägers linker Staatszer-setzerInnen erarbeitet, frömmelte eifrig und war selbst bei vielen Mitarbeitern verhaßt. Vieles davon habe er bei einem Studienaufenthalt in den USA gelernt.

Der ORF aus Wien äußert sich ähnlich.* Er betont überdies, das Verfahren, aus dem (um 2000) vier führende Leute der linksradikalen Lotta Continua als angebliche Mörder Calabresis hervorgingen, sei genauso »skandalös« gewesen wie die Ermittlungen und Verurteilungen nach dem Bombenanschlag auf die Landwirtschaftsbank. In der kapital-, staats- und CIA-frommen Wikipedia ist das selbstverständlich nicht zu lesen. Wie es aussieht, stützte sich die römische Klassenjustiz hauptsächlich auf den beliebten »Kronzeugen« – eine Figur also, die zum Verräter/Verleumder geworden oder schon immer eingeschleuster Spitzel gewesen ist. Und das übergeht auch der ORF, wenn er vom »Delirium« jener Epoche der »Destabilisierung« spricht: alle radikalen Gruppen, ob rechts oder links, waren kräftig mit Agenten der untade-ligen Nato-Demokratien durchsetzt. Näheres läßt sich bei Regine Igel lesen, Terrorjahre. Die dunkle Seite der CIA in Italien, München 2006.

* »Der blaue Cinquecento«, ORF, 8. April 2017: https://oe1.orf.at/artikel/213380/Der-blaue-Cinquecento
** Ich weiss, wer den Kommissar Luigi Calabresi getötet hat, ursprünglich Italien 1998, Übersetzung Zürich 2017: https://anarchistischebibliothek.org/library/alfredo-m-bonanno-ich-weiss-wer-den-kommissar-luigi-calabresi-getotet-hat




Caligula 28 (12–41), römischer Kaiser, Scheusal vom Dienst. Für einen Prätorianer (Leibgardisten) Calabresi wäre er genau der richtige Brotherr gewesen. Wahrschein-lich hatte er von seinem Vater Germanicus schon gleich die passende Mitgift erhalten: der berühmte römische Feldherr wurde angeblich vergiftet, als Sprößling Caligula sieben Jahre alt war. Um 30 n.Chr. wurden auch Caligulas ältere Brüder ins Jenseits befördert. Damit blieb nur noch Caligula als Anwärter auf die Nachfolge des alten, auf Capri grollenden Kaisers Tiberius übrig. Ob der Alte dann im März 37 von dem Thronfolger oder sonstwem oder überhaupt auf dem Krankenlager mit einem Kissen erstickt wurde, ist in der Literatur so umstritten wie fast alles, was sich um »bedeutende Herrscher« des Altertums rankt. Dabei sollten Heutige nie vergessen, daß wir von den jeweils vier oder sechs Sklaven, die die Lektika (geschlossene Sänfte) aus mit Edelmetallen gespicktem Ebenholz der Cäsaren, Konsuln, Senatoren und sonstigen Magnaten trugen, sowohl durch Zeitzeugen wie durch spätere HistorikerInnen unermeßlich weniger als von den Insassen der Sänften erfahren. Zu den wohltuenden Ausnahmen zählt Josef Tomans »historischer Roman« Nach uns die Sintflut von 1963, der 1968 auf deutsch in Ostberlin nachgedruckt wurde. Der tschechische Autor breitet auch das ärmliche vorstädtische Leben jenseits des Tibers aus, der übrigens schon damals einer Kloake glich, aus der die Abwässer, Tierkadaver und Menschenleichen stanken. Am Tigris im heutigen von Nato-Bombern befreiten Bagdad soll man das gleiche Bild genießen können. Toman führt durch Fischerhütten, Goldschmie-dewerkstätten, Weinspelunken – überall sitzt immer mindestens ein Spitzel. In dem Mimen »Fabius« und dessen Wanderschauspieltrüppchen schafft er sogar fast einen Gegenspieler des ehrgeizigen blondgelockten Senatorensohns und Feldherrn »Lucius Curio«, der sich bald nach Caligulas Machtantritt zu dessen rechter Hand aufschwingt.

Aber was auch immer, Toman trägt dick auf und malt ausschließlich in Schwarzweiß. In psychologischer Hinsicht ist sein 700-Seiten-Roman dünner als die tägliche Suppe der Schauspielertruppe. Das gipfelt naturgemäß in dem – bei Toman – pferdegesichtigem, spinnenbeinigem, überaus eitlem, grausamen und mordsgeilem Tropf, der neuerdings auf dem Kaiserthron hockt. Dessen Fähigkeiten werden hauptsächlich in der Kunst gefordert, allem, was ihm zur Verfügung steht, noch ein Quentchen Lust abzugewinnen: dem von ihm angeordneten Auspeitschen oder Kreuzigen ungehorsamer oder zu dünn lächelnder Sklaven; seinen drei Schwestern Agrippina, Drusilla, Julia Livilla und anderen Hetären oder auch zarten Knaben; den von ihm wieder eingeführten Zirkusspielen, Wagenrennen, Gladiatorenkämpfen; dem Verhöhnen und Quälen beflissener Senatoren. So kommt es womöglich einer Erlösung vor allem für den 28jährigen Herrscher selber gleich, wenn er 41, nach vierjähriger Amtszeit, der von Cassius Chaerea geführten Prätorianer-garde und den dahinter steckenden Verschwörern aus den Reihen unzufriedener Senatoren zum Opfer fällt. Für die besitz- und machtlose werktätige Bevölkerung ändert sich dadurch selbstverständlich so gut wie nichts. Das neuzeitliche Parteien- und Personalkarussel, bei dem sich die Lederbezüge der Ministersessel wahlweise unter braunen, schwarzgeärgerten, gelben, grüngeschlagenen oder roten Gesäßen abwetzen, wurde in Athen erfunden und dann in Rom bis zum Erbrechen (der erwähnten Suppe) eingeübt.

Bekanntlich hatten schon Bismarck und sein goldenes Aushängeschild Kaiser Wilhelm II. Wert auf demokra-tischen Anschein gelegt. Dazu zählt eine angeblich unab-hängige Justiz. Als der pazifistisch gestimmte Historiker Ludwig Quidde 1894 »Eine Studie über römischen Cäsa-renwahnsinn« mit dem Obertitel Caligula veröffentlichte, fanden nicht nur Pazifisten, diese Charakterstudie sei in Wahrheit auf den letzten deutschen Kaiser gemünzt. Sie brockte Quidde ein Ende seiner wissenschaftlichen Laufbahn und indirekt auch noch drei Monate Gefängnis wegen »Majestätsbeleidigung« ein.* Er warf sich dann auf die Politik.

* Godehard Weyerer, »Sehnsucht nach Frieden«, Deutschlandfunk Kultur, 12. Dezember 2007: https://www.deutschlandfunkkultur.de/sehnsucht-nach-frieden.984.de.html?dram:article_id=153398



Canello, Ugo Angelo 34 (1848–83), Romanist in Padua. Wie man sieht, nehmen die ItalienerInnen kein Ende. Obwohl sie stets von Gefahren umstellt sind! Canello etwa soll im besten Gelehrtenalter an einer durch Armbruch erlittenen Blutvergiftung gescheitert sein. Das Interes-santeste dürfte dabei in der Geschichte der Anbahnung des Armbruchs liegen – aber sie wird von meinen Überset-zungsrobotern recht unterschiedlich erzählt beziehungs-weise angedeutet. Es war ein Sturz. Alle nennen den Sturz geringfügig oder gewöhnlich, obwohl der knapp 35jährige, wahlweise, aus einem (fahrenden) Laufkinderwagen / Rennwagen / Streitwagen gestolpert sei. Bei Tullio De Mauro (1979; † 2017) heißt das Ding »per una banale caduta dal calesse in corsa«. Ein Gestell auf Rädern war es jedenfalls, sicherlich ein römisches. War es auch schon motorisiert? Der deutsche Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 kam erst drei Jahre später auf, 1886.

70 Jahre darauf lagen die Dinge einfacher. Der italienische Dirigent Guido Cantelli (1920–56), gerade zum Musikalischen Direktor der Mailänder Scala berufen, stürzte in einer Douglas ab. Die Maschine aus Rom mit Ziel New York City hatte am 24. November 1956 bei nebligem Wetter gleich nach dem Abheben in Paris-Orly aus nie geklärten Gründen an Höhe verloren und ein Gebäude vom Rande des Flugfelds gestreift, ehe sie brennend zerschellte. Von 35 Insassen starben 34. Cantelli war nicht der Überlebende. Mit den Worten eines späten Nachrufers gesagt (2014), hatte der vielgefragte 36jährige den »Preis für eine internationale Karriere« entrichtet, »die immer mehr das Leben im Jet-Set verlangt«. Im Artikel »Lullys Knüppel« erläuterte ich die Unverzichtbar-keit musikalischer Dompteure vor einigen Jahren ausführlicher, s. A-11. Lully war ein französischer Tänzer, Komponist und Dirigent des 17. Jahrhunderts. Todesursache: Blutvergiftung.



Capadrutt, Reto 26 (1912–39), medaillenschwerer Bobfahrer aus der Schweiz. Im Gegensatz zu Bobanschie-ber Chrenkow, s.u., kam Capadrutt standesgemäß im Dienst um, nämlich bei den Weltmeisterschaften von 1939, die für den Viererbob in Cortina d'Ampezzo, Italien, für den Zweierbob in Sankt Moritz, Graubünden, ausgetragen wurden. Nach einer Kurzmeldung der Mariborer Zeitung vom 7. Februar des Jahres hatte sich der schweizer Zweier in einer Kurve der Rennbahn überschlagen. Capadrutt, knapp 27, sei sofort tot gewesen, sein Mitstreiter dagegen »unversehrt« geblieben. Dieser Glückspilz wird auf keiner Webseite namentlich genannt. Was Capadrutt angeht, war er laut einer »Totentafel« in Heft 2 der damaligen Allgemeinen schweizerischen Militärzeitung Leutnant der Artillerie gewesen. Als »neutraler« Schweizer hätte er ja wahrscheinlich vom Zweiten Weltkrieg, der gerade heraufzog, ohnehin nichts gehabt.

Nachdem es gekracht hatte, rühmte ihn sein Kollege Alexei Voyevoda als echt professionellen, großen Athleten. »He didn't fear death.« Gemeint war Nikolai N. Chrenkow (1984–2014), der Rußland bereits beim Einfahren von zwei Europameisterschafts-Silbermedallien geholfen hatte. Da sollte man vermuten, der 29jährige Bobanschieber sei wie Capadrutt im Dienst unter die Kufen geraten. In Wahrheit war er am 2. Juni 2014 in der sibirischen Region Krasnojarsk mit seinem Auto zu seinen Eltern unterwegs gewesen, die er mal wieder besuchen wollte. Dabei kam es jedoch, wohl beim Überholen, zu einem Frontalzusam-menstoß von Chrenkows Honda Accord mit einem anderen Auto, dessen Fahrer leider mitumkam. Ob dieser den Tod ebenfalls nicht gefürchtet hatte, verriet Voyevoda der Moscow Times nicht.*

* »Death of Russian Athlete Nikolai Khrenkov a 'Great Loss'«, 2. Juni 2014: https://web.archive.org/web/20140605052114/http://www.themoscowtimes.com/news/article/death-of-russian-athlete-nikolai-khrenkov-a-great-loss-olympic-teammate-says/501266.html



Cappellini, Lili 18 (1909–28). Sie hieß neuerdings Capellini, weil sie entgegen dem Wunsch ihres Vaters Arthur Schnitzler – ein Wiener Schriftsteller, der viel auf Psychoanalyse hielt – einen schönen, strammen italienischen Faschisten geheiratet hatte. Ob sie bald darauf nach einer Pistole griff, weil sie die Kälte des Gatten entsetzte oder aber aufgrund angeborener Melancholie, Magersucht, Exentrik und dergleichen mehr, ist unter Biografen und Romanschreibern, die sich nur zu gern mit ihr oder ihrem berühmtem Vater beschäftigten, umstritten. Übrigens erschoß die 18jährige (in Venedig) nicht Arnoldo, den Gatten, vielmehr sich selbst.



Carion, Johannes 37 (1499–1537), Gelehrter und Trunkenbold. Hätte es beispielsweise Ulrich von >Hutten gewollt, wäre er, Hutten, bereits mit 24 (statt 29) Hofrat gewesen. Mit 35 kam er in den Sarg. Wahrscheinlich entsprach dem einstigem Frühsterben eine Frühreife der Zeitgenossen, ob sie nun Ritter oder Schuster, Wissen-schaftler oder Säufer waren. Ein Zeitgenosse Huttens, Dr. Johannes Carion aus Bietigheim bei Stuttgart, war beides, wie man gleich sehen wird. Geboren 1499 als Sohn des Zimmermanns Nägele und kaum die Universität in Tübingen absolviert, wurde der Schwabe schon 1518 beim Kurfürsten Joachim I. von Brandenburg als »Hofmecha-nikus« angestellt, also mit bestenfalls 20 Jahren. Joachim war einerseits Gegner der Reformation, andererseits Bruder jenes Erzbischofs Albrecht von Brandenburg, der den zunehmend aufmüpfigen Hutten förderte. Auch Carion stand mit Reformatoren wie Philipp Melanchthon, Luther und Georg Sabinus auf durchaus gutem Fuß. Er lehrte am Spandauer Hofe Mathematik und Astrologie, befaßte sich auch mit Medizin und mauserte sich rasch zum engsten Berater und Vertrauten des galligen Kurfürsten.

Zu Carions Tübinger Lehrern hatte der zeitgemäß endzeitgestimmte Johannes Stöffler gezählt. Im Sommer 1524 ging Joachims Vertrauen bereits so weit, daß er sich von Carion davon überzeugen ließ, die Sündflut, die Stöffler schon für den Februar des Jahres vorausgesagt hatte, werde nun am St.Heinrichs-Tag eintreffen, nämlich am 15. Juli. Die Angelegenheit gestaltet sich spannend, geht aber glimpflich aus – so jedenfalls beim Schriftsteller Werner Bergengruen in seinem 1940 erschienenen Roman Am Himmel wie auf Erden. Erstaunlicherweise wurde dieser Roman von den Nazis geächtet, obwohl er im Grunde Staatstreue, Volksgemeinschaft und Schicksals-ergebenheit von vorne bis hinten predigt. Carion hatte, vordergründig betrachtet, wenig Grund zum klagen. Er wird auch in anderen Quellen als ausgesprochen trink- und tafelfreudig geschildert. Einem um 1530 entstandenem Ölgemälde von Lukas Cranach dem Älteren zufolge stand er dem Umfang von Bergengruens detailreichem 800-Seiten-Wälzer kaum nach. Da hatte sich der Fein-schmecker, damaligem Antikisierungs-Brauch gemäß, ohne Zweifel einen treffenden Namen ausgesucht, leitet sich doch »Carion« von griech./lat. Caryophyllon ab, womit das indische Gewürz »Nußblatt« gemeint war, bei uns »Gewürznägelein«, später (schwachsinnigerweise) »Gewürznelke«.

So weit ich sehe, ging am besagten St.Heinrichs-Tag, nach der Welt, auch das Vertrauensverhältnis zwischen Joachim und Carion nicht unter. Der Kurfürst verwendete den trotz seiner Leibesfülle »gewandten und weltkundigen« Doktor selbst für diplomatische Missionen, darunter die Anbahnung einer zweiten Ehe seines Sohnes und Thronfolgers Joachim II., nämlich mit Hedwig von Polen. Da diese Hochzeit (1535) erst zwei Jahre vor Carions Tod begangen wurde, dürfte er bis zuletzt in kurfürstlichem Dienst gestanden haben. Dieser gewährte ihm anscheinend genug Freiraum, um sich auch erfolgreich als Schriftsteller zu betätigen. Seine populären astrologischen Schriften, darunter etliche »Prognostiken« (Voraussagen), wurden damals viel gelesen. Da für den »gemeinen« Mann gedacht, schrieb der Ex-Nägele sie auf deutsch. Mit seinem Hauptwerk, 1532 in Wittenberg veröffentlicht, konnte er allerdings erst posthum hervortreten, nachdem es von Melanchthon und Caspar Peucer überarbeitet worden war: einer an der Bibel orientierten Weltgeschichte. Das überarbeitete Werk erschien 1572 als Chronicon Carionis und blieb für Jahrzehnte das beherrschende Kompendium für den universalgeschichtlichen Unterricht. Es erlebte auch außerhalb des Reiches zahlreiche volkssprachliche und lateinische Drucke.

Was Carions Hausstand an der Spree, vielleicht auch an der Elbe in Magdeburg, und gar sein Gemüts- und Liebesleben angeht, zeigt sich (2014) selbst der langjährige Bietigheimer Stadtarchivar Stefan Benning überfragt. Die Quellenlage ist das Gegenteil einer Überschwemmung. Nebenbei wurde dem Hofastrologen, dem einige Kollegen eine ausgeprägte nekromantische Neigung ankreideten, die Doktorwürde (als Mediziner), laut Johannes Schultze (1957) und entgegen der Unterstellung Bergengruens und anderer Autoren, erst 1535, nämlich durch Sabinus verliehen. Einig sind sich die ForscherInnen immerhin über Carions »lasterhafte« Trunksucht, so Luthers Rüge. Ihr soll er auch am 2. Februar 1537 mitten bei der Ausübung (in Magdeburg) zum Opfer gefallen sein. Die erstaunlich weihelos und launig verfaßte Grabinschrift hält fest: »Dr. Johannes Carion, Vertilger ungeheurer Weinkrüge, Wahrsager aus den Gestirnen, hochberühmt bei Machthabern, ist beim Gelage im Wettkampf erlegen. Christus verzeihe gnädig dem so plötzlich aus dem Kreise der Zechenden Zusammengebrochenen.« Benning behauptet, sie stamme von Georg Sabinus, aber laut Wikipedia ist diese Zuweisung fragwürdig.

Vielleicht hätte sich Carion mit Begeisterung die sogenannte Madonna mit dem langen Hals, entstanden 1534/35, übers Bett gehängt, wenn er bereits davon gewußt hätte.* Sie war dem in Parma, Oberitalien, wirkenden Meister des Manierismus Francesco Mazzola, genannt Parmigianino, gelungen, der seinen Pinsel aufgrund einer nicht genau überlieferten Krankheit 1540 für immer sinken ließ. Mit 37 war er nicht älter und nicht jünger als der Weinkrug-Vertilger Carion gewesen.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Madonna_mit_dem_langen_Hals



Carrel, Armand 36 (1800–36), französischer Offizier, Publizist, Duellist. Im Naturell offensichtlich draufgän-gerisch gestimmt, bemühte Carrel die bereits in den jungen USA beliebte Form »Duell« auch und gerade im politökonomischem Kampf gegen die Reaktion. Nach einer militärischen Phase war der Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns um 1825 Sekretär des Historikers Augustin Thierry in Paris und auch selber schriftstellerisch tätig geworden. Im Jahr der bürgerlichen »Julirevolution« (1830) gründete er mit Kollegen das Blatt Le National, das unter seiner Leitung auch nach der Verjagung der Bourbonen unermüdlich gegen die Regierung schoß und entsprechend verfolgt wurde. Schon um 1833 verteidigte Carrel seine republikanische Gesinnung gegen zwei Rivalen aus der Zeitungsbranche in Duellen. 1834 schickte ihn ein regierungsfreundlicher Richter für ein halbes Jahr ins Gefängnis. Dies alles machte den Hitzkopf nicht sanftmütiger, wobei er sich wahrscheinlich auch bei der Vergabe hoher politischer Ämter übergangen fühlte. 1836 führt ein Streit mit dem Herausgeber der neu gegründeten Zeitung La Presse, Émile de Girardin, zu Carrels drittem und letztem Duell.

Carrel wirft seinem Konkurrenten »unlauteren Wettbewerb« vor, dieser kontert mit Carrels amourösen Beziehungen zu einer verheirateten Frau. Man trifft sich folglich Ende Juli am Ufer des Sees in Saint-Mandé, einem Pariser Vorort, um einander aufs Korn zu nehmen. Der 36jährige Carrel zieht den Kürzeren: von Girardins Pistolenkugel schwer im Unterleib verwundet, segnet er wenige Tage darauf das Zeitliche. Aus seinem Begräbnis machen die Liberalen eine machtvolle Demonstration. Von einer Familie ist nirgends die Rede, aber Carrel hinterließ etliche Bücher und Manuskripte. Er soll ein ausgezeich-neter Stilist gewesen sein.* In Paris sind mehrere Örtlichkeiten nach ihm benannt. Der Bildhauer David d'Angers hatte schon zwei Jahre nach dessen Ableben eine Bronzebüste geschaffen, die Carrel italo-western-reif zeigt.**

* 1911 Encyclopædia Britannica Volumne 5: https://en.wikisource.org/wiki/1911_Encyclop%C3%A6dia_Britannica/Carrel,_Jean_Baptiste_Nicolas_Armand
** https://fr.wikipedia.org/wiki/Armand_Carrel#/media/Fichier:David_d'Angers_-_Carrel_(bust).jpg




Carrión, Daniel Alcides 28 (1857–85), berühmter peruanischer Medizinstudent und Nationalheld. Das Oroya-Fieber kommt vorwiegend in höheren Lagen der Anden vor. Bis zur Entwicklung der Antibiotika führte es oft zum Tod. Das auslösende Bakterium wird von Mensch zu Mensch durch bestimmte Sandmücken übertragen. Das Fieber bringt nach einiger Zeit teils nuß- oder apfelgroße blutgefüllte »Peru-Warzen« hervor, deren Anblick allein jeden Vampir in die Flucht schlagen kann. Man wußte bereits aus spanischen Militärberichten seit Jahrhun-derten von diesem vermutlichem Zusammenhang, doch es mangelte der Medizin an einem untrüglichen Nachweis. Daniel Alcides Carrión, Sproß einer Mischehe und Medizinstudent in Lima, schickte sich im Jahr 1885 an, ihn zu liefern. Er bat einen mit ihm befreundeten Arzt, ihm ein wenig Blut eines erkrankten, je nach Quelle, Jungens oder Mädchens zu injizieren – und prompt entwickelte er die vermuteten Symptome und starb sogar, wohl drei Wochen nach Ausbruch der Krankheit, an seinem anscheinend nicht anrüchigem Selbstversuch.

Der genaue Grund seines Ablebens scheint allerdings umstritten zu sein. Nach David Salinas-Flores wurde Carrión von den Ärzten, die ihn behandelten, in der Agonie eine Pheninsäure verabreicht, die sich neuerdings gegen Milzbrand bewährt hatte und die sie auch in diesem Fall gern einmal auszuprobieren wünschten. Sie hätten jedoch die Giftigkeit dieser Säure verkannt. Wahrscheinlich sei Carrión also keineswegs am Oroya-Fieber, vielmehr an einer Pheninsäurevergiftung gestorben.*

Die befremdliche Experimentierfreude dieser Ärzte lenkt gleichsam zwanglos auf die Frage nach den Beweggründen des Selbstversuchers Carrión. Die spanische Wikipedia sieht ihn von Forschergeist und Patriotismus getrieben. Jedenfalls heuchelt sie kein Mitleid … Liegt sie richtig, darf man aber zumindest mutmaßen, dem Forschergeist habe es nicht an einer kräftigen Dosis Ehrgeiz und Ruhmstreben gefehlt. Das wird von den beiden texanischen Medizinern Jose Cadena und Gregory M. Anstead bestätigt. Ihrem Artikel zufolge war damals auch ein Preis ausgesetzt, der Carrión zur Verwirklichung seines Traumes verholfen hätte, nach Europa zu gehen.** Carrión verpaßte den Preis, kam jedoch in den Genuß der sogenannten Unsterblich-keit. Zunächst wurde das Oroya-Fieber in Carrión-Krankheit umbenannt. Sodann gibt es seit 1944 in Zentralperu eine ganze Provinz Daniel Alcides Carrión, und 1991 schließlich wurde der brave Student durch Regierungserlaß zum Héroe Nacional erhoben.

* »La muerte de Daniel Alcides Carrión: una revisión crítica«, Anales de la Facultad de Medicina, Juni 2009: http://www.scielo.org.pe/scielo.php?script=sci_arttext&pid=S1025-55832009000200010
** »A Medical Student Named Daniel A. Carrión and His Fatal Quest for the Cause of Oroya Fever and Verruga Peruana«, Nachdruck aus antimicrobe.org, PDF o. J., wohl nach 2007: http://www.antimicrobe.org/h04c.files/history/Carrion%20disease.pdf




Carter, Kenny 25 (1961–86), britischer Motorrad-Renn-fahrer aus West Yorkshire, nebenbei leidenschaftlicher Snookerspieler und Tontaubenschütze. Carter soll es zu einem stattlichem Farmhaus in Bradshaw bei Queensbury gebracht haben. Wie ich den Schlußsätzen eines Artikels* im Bradforder Regionalblatt Telegraph & Argus ent-nehme, war der 25jährige in seinem Todesjahr ehemaliger Star des Speedway-Teams Bradford Dukes und amtie-render britischer Speedway-Meister. Er starb freilich nicht im Dienst, wie beispielsweise knapp 10 Jahre früher sein 27jähriger Branchenkamerad Josef >Angermüller. Im Gegensatz zu diesem war Carter auch verheiratet. Im Mai 1986 griff er zu seiner doppelläufigen Schrotflinte und erschoß zunächst seine gleichaltrige Gattin Pam Carter, dann sich selbst. Die Gründe? Angeblich war er im guten Glauben gewesen, Pam hätte »eine Affäre«, wie das Blatt es nennt. Also das Übliche? Biograf Tony McDonald soll diese Erklärung stark in Frage stellen, falls einer Bespre-chung** seines 2007 veröffentlichten Buches Tragedy zu trauen ist. Das scheint aber nicht der Schönfärbung des zuletzt offenbar auch verschuldeten Rennfahrers zu dienen. McDonald stelle nämlich unmißverständlich fest, Carter habe keineswegs »spontan« zur Flinte gegriffen. Es habe sich um einen kaltblütigen, geplanten Mord an seiner Frau gehandelt.

Carter soll eine alles andere als heile Kinderstube genossen haben. Das glaube ich gern. Wird überall betont, er sei außerstande gewesen zu verlieren, liegt für mich jedoch auf der Hand, wer die schwärzesten Peter nach vollbrachtem Doppelmord zugeschoben bekam: Malcolm Carter, 2, und Kelly-Marie, 3, die beiden Kinder des Ehepaars. Ob sie bei McDonald nennenswert behandelt werden, kann ich nicht sagen. Im Sommer 2003 ist immerhin von Malcolm Carter, nun 19, in der Zeitung, nämlich in dem schon erwähnten Regionalblatt zu lesen.* Zu diesem Zeitpunkt gilt der junge Mann ebenfalls als Hoffnung der Rennbranche, ganz wie sein Vater – nur steht er jetzt in Bradford vor Gericht. Laut Anklage war der Motorradsportler im Juni 2002, wohl mit 18, privat in seinem Vauxhall Corsa unterwegs gewesen. Mit diesem Kleinwagen prallte er im Städtchen Denholme nach einem Überholmanöver gegen eine Wand und einen Laternenpfahl. Er hatte in einer 60-Kilometer-Zone 110 Sachen drauf gehabt. Er hatte zwei Bekannte im Wagen mitgenommen. Der eine von ihnen, Paul Clarke aus Queensbury, 19 Jahre alt, kam bei dem Unfall um – Carter selber offensichtlich nicht. Der Richter verhängte fünf Jahre Jugendstrafanstalt und 10 Jahre Fahrverbot gegen die Hoffnung der Rennbranche.

Die letzte Meldung von ihr erreicht mich 2013 durch ein Portal*** aus Huddersfield, West Yorkshire. Diesmal war Malcolm Carter, inzwischen 28, an einem frühem Montagmorgen (18. Februar) in einem Vauxhall Insignia von Manchester nach Halifax unterwegs gewesen – anscheinend solo, jedoch betrunken. Als er sein Fahrzeug gegen eine Leitplanke gesetzt hatte, stieg er aus, warf den Zündschlüssel in ein Feld und entfernte sich zu Fuß von dem Unfallort. Der Wagen sei rundum stark zerdellt gewesen. Der Fahrer kam erneut vor Gericht. Er soll sich zuletzt schuldig bekannt, allerdings »Aquaplaning« ins Feld geführt haben. Ob sein 2003 verhängtes 10jähriges Fahrverbot bereits abgelaufen war, wird nicht gesagt. Ob er nach wie vor beziehungsweise erneut Motorradrennen fährt, verrät das Portal ebenfalls nicht. Seine Rechtsan-wältin habe ihn als erfolgreichen Geschäftsmann, wohl in der Fahrzeugbranche, mit Niederlassungen in London, Manchester, Leicester und Newcastle bezeichnet. Er habe am Tattag ein geschäftliches »Fotoshooting« in Man-chester gehabt und anschließend mit dortigen Mitarbei-tern noch ein wenig gezecht. Das Gericht verhängte eine glimpfliche Geldstrafe und diesmal 20 Monate Fahrverbot.

Angenommen, Carter hätte bereits am Stadtrand von Manchester einen wegen Unwohlseins vorzeitig aus der Nachtschicht kommenden, zu Fuß gehenden Fabrikar-beiter auf die Hörner genommen und zermalmt. Da wäre ihm die (angebliche) Kaltblütigkeit seines Vaters sicherlich nützlich gewesen.

* »Bike ace's son gets five years for death crash«, Telegraph & Argus, 19. Juni 2003: https://www.thetelegraphandargus.co.uk/news/8013237.bike-aces-son-gets-five-years-for-death-crash/
** auf speedway plus, 19. Juli 2007: http://speedwayplus.brinkster.net/KennyCarterReview.shtml
*** »Man who killed teen in crash appears in court again after motorway drink-drive smash«, Yorkshire Live, 2. Mai/15. Juli 2013: https://www.examinerlive.co.uk/news/west-yorkshire-news/man-who-killed-teen-crash-4926160




Carter, Kevin 33 (1960–94), südafrikanischer Foto-journalist. Ein Jahr, bevor er sich umbrachte, hatte Carter im Sudan ein Foto geschossen, das um die Welt ging. Ein etwa zweijähriges dunkelhäutiges Kind ist, wohl vor Entkräftung, im Sand zusammengebrochen. Wenige Meter hinter ihm hat sich ein Geier niedergelassen, der es lauernd beobachtet. Carter will seinerseits noch bis zu 20 Minuten darauf gelauert haben, ob der Aasjäger womög-lich auch noch wirkungsvoll seine mächtigen Schwingen ausbreiten würde. Das tat er nicht.* In der ganzen Zeit hätte Carter das Kind beispielsweise aufheben und zur nahen Ausgabestelle der UN-Hungerhilfe tragen können, mit deren Flugzeug er an diesem Tag eingetroffen war.

Die sicherlich erschütternde Aufnahme brachte Carter im folgenden Jahr, 1994, den begehrten Pulitzer-Preis ein. An anderer Stelle erwähnte ich einmal (2006) ein ähnliches Beispiel abgebrühter Beobachtungstätigkeit aus England: Bei einer Panik in einem Sheffielder Fußballstadion werden Fans lebensgefährlich ans Schutzgitter gepreßt. Ein Fotograf betätigt geistesgegenwärtig den Auslöser – und erringt gleichfalls den Pulitzer-Preis. Ich nehme an, es war die »Hillsborough-Katastrophe« vom 15. April 1989, die fast 100 Todesopfer und rund 750 Verletzte forderte. Die Welt zeigt davon Bilder, darunter wohl auch das von mir gemeinte Foto vom Schutzgitter.* Den Namen des preisgekrönten Fotografen kann ich nicht finden.

Damit zurück zu Kevin Carter. Immerhin scheint er durch sein über Nacht berühmtes Foto sowohl unter Freunden wie seitens der Öffentlichkeit einiges Befremden geerntet zu haben, das ihm arg zusetzte. Manche KritikerInnen drückten dies recht treffend mit der Bemerkung aus, Carter habe wohl früher oder später geahnt, auf dem Foto seien zwei Geier zu sehen; einer davon sei er selber gewesen. Gleichwohl glaube ich nicht, daß sich Carter hauptsächlich aus diesem Grund, schon zwei Monate nach der Preisverleihung, am Ufer des Johannesburger Flüßchens Braamfonteinspruit, an dem er aufgewachsen war, in seinem Wagen mit Kohlenmonoxid vergiftete. Nach Scott MacLeod, Johannesburg**, der auch wiederholt aus Carters Abschiedsbrief zitiert, dürfte wieder einmal ein ganzes Bündel von Motiven vorliegen. Dessen Grundfarbe ist »natürlich« die Angst. Ich greife hier lediglich den ökonomischen Gesichtspunkt heraus, weil er mir Carter nicht gerade sympathischer macht. Der Fotograf beklagt seine drückenden Ausgaben und Verbindlichkeiten, etwa Miete, »Unterhaltszahlungen«, Schulden, sicherlich auch enorme Reisekosten, und er stöhnt »Geld!!!«. Die Ausgaben für die großkalibrigen Drogen, mit denen er seinen »Streß« bekämpfte, scheint er pietätvoll zu übergehen. Was die Unterhaltszahlungen betrifft, wurde er sie jedenfalls los; er ließ eine 7jährige Tochter zurück, von der man ganz gern wüßte, ob sie nicht im Sand zusammenbrach. Geldnot also bei diesem Erfolg? Gerade erst muß ihm doch der renommierte Pulitzer-Preis eine Menge Geld beziehungsweise die Anwartschaft darauf eingebracht haben, weit über das (mutmaßliche) Preisgeld von 15.000 Dollar hinaus. Ich fürchte jedoch, auch dieser Mann bestand auf dem aufwendigem Lebenstil, den man von mindestens jedem dritten namhaften Journalisten kennt. Für diese Vampire sind 15.000 Dollar nicht mehr als ein Fingerhut voll Negerblut.

Das ausführliche Porträt, das MacLeod gibt, ist ohne Zweifel lesenswert – wenn es auch in vielem an den Fall des schwedischen Filmemachers und Oskar-Preisträgers Malik >Bendjelloul erinnert. Durch diese Parallele wird Carter schon gleich wieder etwas sympathischer: der Fotograf aus Johannesburg warf sich wenigstens nicht vor einen Zug.

* https://www.welt.de/sport/gallery126879507/Die-Katastrophe-von-Hillsborough.html
** Scott MacLeod, »The Life and Death of Kevin Carter«, TIME Magazine, 24. Juni 2001: https://web.archive.org/web/20131228175359/http://content.time.com/time/magazine/article/0,9171,165071,00.html




Cassignard, Georges 20 (1873–93), französischer Radsportler, beiläufig auch Reiter. Das Radfahren übte der Sohn eines Weinhändlers in Bordeaux bereits mit 16 Jahren professionell aus. 1892 wurde er französischer Meister auf dem Dreirad, im Sprint und über 50 Kilometer. Ein Jahr darauf gewann er – auf dem Zweirad, nehme ich an – in Mailand den Großen Preis von Italien über 10 Kilometer. Aber das war auch schon der letzte Sieg des 20jährigen Sportlers, der inzwischen in Paris lebte. Sein Verhängnis war, daß man in diesem Hexenkessel aus Zweirad- und Autobesessenen immer noch reiten durfte. Er hatte sich nämlich von der Mailänder Prämie ein Pferd zugelegt. Zwar soll er schon als dörflicher Dreikäsehoch geritten sein, doch sein neues edles Roß scheute und bockte auf einer belebten Straße, sodaß der sieggewohnte Pionier des Radsports kopfüber auf den Bürgersteig fiel. Das war am Morgen des 28. September 1893. Aus einer Apotheke eilte sofort Hilfe herbei, doch vergebens, am Abend war Cassignard tot. Als er im Städtchen Izon bei Bordeaux begraben wurde, fanden sich 2.000 Trauergäste ein. Der Webseite von Izon zufolge*, die auch Fotos vom Zweirad fahrenden Sohn der Stadt präsentiert, versicherte damals Maurice Martin, wohl ein heimischer Sportre-porter, den Trauergästen, der Gestürzte sei nicht nur ein großartiger Athlet, sondern auch, in seinem Privatleben, ein »einfacher und ehrlicher Junge« gewesen. Als Anerkennung dafür bekam Cassignard später über seinem Grab ein protziges Mausoleum. Darin hätte er glatt eine Familie gründen und Radsportnachwuchs großziehen können, sofern er nicht die Meise mit dem Pferd bekommen hätte.

Vielleicht hat mancher bei der Eröffnung, um 1890 habe es bereits Fahrradsport gegeben, die Stirn gerunzelt. Aber es stimmt. Schon vor 1870 waren Zweiräder mit Tretkurbel-antrieb aufgekommen. Und der sächsische Böttcher und/oder Stellmacher Michael Caßler (1733–72) soll das erste Laufrad dieses Planeten schon um 1760 gezimmert und (von Braunsdorf zum Schloß Bedra) gefahren haben. Wikipedia behauptet jedoch, wahrscheinlich stamme das nach wie vor erhaltene Fahrzeug von einem Leipziger Mechanikus namens Hoffmann, der es erst 1817 baute. Dieser Streit rüttelt allerdings nicht daran, daß wir über Caßlers Tod überhaupt nichts wissen. Er starb mit 38 in Braunsdorf, heute Braunsbedra. Das Städtchen liegt ungefähr in Höhe Leipzig südlich von Halle.

* http://www.izon.fr/com-culture/izonnais-celebres/181-georges-cassignard.html



Castillo, Otto René 32 (1934–67), guatemaltekischer Patriot, Autor, Partisan; gefallen mit knapp 33. Einige Quellen geben freilich als Geburtsjahr 1936 an.* In Guatemala tobte während der gesamten Nachkriegsjahr-zehnte ein Bürgerkrieg zwischen den wechselnden, wenn auch stets US-gestützten Regimen der Landbesitzer und Militärs und den Armen. Castillo hatte in der DDR Literatur und Film studiert. Um 1965 in sein Heimatland zurückgekehrt, schloß er sich der Guerilla Fuerzas Armadas Revolucionarias (FAR) an. Bald darauf wurde er bei Kämpfen in der Sierra de las Minas gefangen genommen. Anschließend soll er in der Kaserne der Stadt Zacapa über Tage hinweg gefoltert worden sein, ehe man ihn, wie auch schon Erich Hackl behauptet**, bei lebendigem Leib verbrannte. Er starb – im März 1967 – ein halbes Jahr vor Guevara und Cuba. Ähnlich erging es wahrscheinlich mehreren mitgefangenen Genossen. Es gibt Gedichtbände von Castillo und einen Dokumentarfilm über ihn. Er hatte in der DDR Aufgaben und sogar Geliebte. Warum blieb er nicht? Hackl zitiert Verse Castillos: »Aber das Schlimmste von allem / ist die Gewohnheit. / Der Mensch verliert seine Menschlichkeit, / und schon ist der ungeheure fremde Schmerz / für ihn nicht mehr von Bedeutung. // Und er ißt, / und er lacht / und vergißt alles.«

Das ist natürlich hochgegriffen – wie jede Mission. Jeden-falls macht Castillo das Vermögen mitzuleiden, das ja in der Tat bei Feldhasen oder Füchsen nicht zu beobachten ist, zum Kern und Prüfstein der Menschlichkeit, was ich nicht wirklich kritisieren kann. Hier wurzelt schließlich auch das Gerechtigkeitsstreben von unsereins. Trotzdem ist diese Haltung problematisch. Zunächst sieht sie sich wieder einmal vor der Schwierigkeit der Grenzziehung. Wie weit muß ich in meinem Mitleid gehen? Bis zur häppchenweisen oder schlagartigen Selbstaufgabe? Sodann kann die (angeblich) aus Mitleid geborene Aufopferung leider nicht immer selbstlos genannt werden, wie schon zahlreiche Fälle gezeigt haben. Hier können zum Beispiel märtyrerhafte oder anmaßende Motive mitschwin-gen, nach dem Motto, das Volk warte händeringend auf seine BefreierInnen, man habe zu sterben, damit das Vaterland lebe*, und dergleichen mehr; ferner karrieristische, erpresserische oder schlicht fahrlässige Beweggründe. Man nimmt der gebrechlichen Oma die schwere Tasche ab, flüstert ihr tröstliche Worte ins Ohr – und schon hat man sich mit Corona angesteckt, weil man die von Söder oder Ramelow verordnete Atemschutzmaske nicht trug …

Unvorsichtigerweise habe ich die Namen von zwei berühmten Guerillakämpfern erwähnt, Simeón Cuba Sanabria (32) und Che Guevara (39). Ich will sie deshalb vorziehen. Die beiden starben 1967 als Gefangene in Bolivien. Guevara, bei einem Gefecht im Hochland verwundet und festgenommen, war nicht sofort ermordet, sondern über Nacht im Schulhaus des Dorfes La Higuera eingesperrt worden. Genauso geschah es mit seinem Genossen Cuba, einem einheimischem Bergarbeiterführer, der Guevara beim letzten Gefecht mehrmals aus der Schußlinie gezogen und gedeckt hatte. Nun wurden beide in getrennten Schulräumen gefangen gehalten. Am Vormittag des 9. Oktober 1967 traf der Hinrichtungsbefehl des bolivianischen Präsidenten General René Barrientos Ortuño ein. Die drei Soldaten des Kommandos suchten zunächst Cuba auf. »Ich bin stolz, in der Nähe von Che zu sterben!« soll er ausgerufen haben, bevor die Salven krachten. Das ist natürlich gutes Futter für erhebende Bücher. Guevara, der den Ausruf vermutlich mitbekom-men hatte, folgte seinem Genossen 20 oder 30 Sekunden später ins Grab. General Barrientos (49) kam übrigens zwei Jahre darauf bei einem etwas undurchsichtigem Absturz seines Hubschraubers ums Leben – ebenfalls ohne Gerichtsverhandlung. Ein kleiner Trost.

* So bei Anjan Basu, »Rene Otto Castillo: The Guatemalan Poet Who Took on the CIA«, The Wire (Indien), 15. Oktober 2018: https://thewire.in/world/rene-otto-castillo-the-guatemalan-poet-who-took-on-the-cia
** »Gut zu sterben wissen«, Die Zeit, 22. Oktober 1982: https://www.zeit.de/1982/43/gut-zu-sterben-wissen




Catoul, Jean-Pierre 37 (1963–2001). Wieder ein unschuldiges Opfer ungezügelten Straßenverkehrs? An einem Sonntagabend soll der namhafte belgische Jazzgeiger in Kraainem, einem Vorort von Brüssel, als Autofahrer tödlich von einem von der Polizei verfolgten, betrunkenen anderen Autofahrer gerammt worden sein, meldete eine große belgische Tageszeitung.* Ich nehme an, nach dem Unfall wurde man des Betrunkenen habhaft und kümmerte sich vergeblich um den bereits am Tatort verstorbenen Musiker. Darüber ist aber nichts zu finden.

* Dominique Simonet, »Jean-Pierre Catoul, le violoniste de Sheller, nous a quitté«, La Libre Belgique, 22./23. Januar 2001: http://www.lalibre.be/culture/musique/jean-pierre-catoul-le-violoniste-de-sheller-nous-a-quitte-51b8709ee4b0de6db9a568f7



Caturla, Alejandro García 34 (1906–40), kubanischer Jurist, Geiger und Komponist aus wohlhabendem, spanischstämmigem Hause. Zu seiner Wirkungszeit war Kuba schon seit Jahren eine kaum verbrämte, mehr oder weniger korrupte US-Kolonie. Caturla gilt zum einen, mit Amadeo Roldán, als Pionier der nationalen sympho-nischen Musik, zum anderen als unbestechlicher Richter – wohl wegen der zweiten Eigenschaft wurde er ermordet.

Um 1926 hatte Geiger Caturla bei Nadia Boulanger in Paris Komposition studiert. Anschließend gründete/leitete er in seiner Heimatstadt Remedios oder in der benachbarten Küstenstadt Caibarién verschiedene Orchester bezie-hungsweise Jazzbands. In Remedios ist ihm ein wenn auch anscheinend vernachlässigtes* Museum gewidmet. Nach unterschiedlichen Quellen wurde Caturla 1940 Opfer eines jungen Angeklagten – wohl Glücksspieler, Zuhälter oder ähnliches – der ihn, womöglich irrigerweise**, für seine Verfolgung oder zu erwartende Bestrafung für verantwort-lich hielt. Offenbar erschoß der junge Gauner den 34 Jahre alten Richter auf der Straße. Es sollte mich nicht wundern, wenn Caturla Bestechungsgeld ausgeschlagen hatte. Wenn ja, Hut ab, war der gute Mann doch eheähnliche Lieb-schaften mit zwei schwarzen Frauen eingegangen, woraus ihm manche gerümpfte Nase und immerhin 11 Kinder erwuchsen, die er ja wohl auch zu unterhalten hatte. Die zweite Liebschaft folgte leider dem Thyphus-Tod der ersten Geliebten, Manuela Rodríquez, wie sich einer Magisterarbeit aus Kalifornien entnehmen läßt.**

Sicherlich war Caturla auch wegen seiner großen Zeu-gungsfreude auf sein Anwalt-, später Richtergehalt ange-wiesen. Ohne diese ganze Misere hätte er vielleicht noch Jahrhundertwerke geschaffen. Vergleichsweise bekannt sollen Caturlas Tres danzas cubanas für Orchester von 1927 sein. Nebenbei wurde der erwähnte Geiger und Komponist Amadeo Roldán ebenfalls keine 40; er starb 1939 in Havanna als 38jähriger an Krebs.

* María Aleyda Hernández Suárez, »Alertan sobre deterioro del Museo Alejandro García Caturla en Remedios, Villa Clara«, Granma, 9. Dezember 2016: http://www.granma.cu/cartas/2016-12-09/alertan-sobre-deterioro-del-museo-alejandro-garcia-caturla-en-remedios-villa-clara
** Leilani Marie Dade, »Alejandro Caturla and Alejo Carpentier's La Manita en el Suelo: A Creative (Re)Staging«, University of California, Riverside, Dezember 2017: https://escholarship.org/content/qt0d40r15f/qt0d40r15f_noSplash_4c00e8f4a45ba74c7c9ef986c67c8ea8.pdf?t=p4jy7s




Caudwell, Christopher 29 (1907–37), britischer Jour-nalistensohn und Schriftsteller mit Vorliebe für Marxis-mus, Luftfahrt und Verbrechen. Von einer Lektüre seines 1934 veröffentlichten angeblich »gelungensten« Krimis Das perfekte Alibi, 1975 auch auf deutsch in Ostberlin erschienen, kann ich nur abraten. Hauptanliegen ist die Kniffligkeit, ja die Überspitzfindigkeit des Mordfalles; entsprechend unklar, unanschaulich und belanglos fällt das Werk aus. Nicht eine Figur, nicht eine Szene können überzeugen. Aber der Hauptverdächtige, angeblich flüchtig, stellt sich als das Opfer; das vermeintliche Opfer dagegen als der von Eifersucht getriebene Mörder heraus, das ist wichtig. Die umstrittene Gattin ist eine hohle Puppe, die von Caudwell auch noch ernst genommen wird! Dafür sind die Rüstungsgeschäfte der beteiligten Kaufleute unwichtig: nur Kulissengeschiebe, »der Partei« zuliebe. Caudwell gehörte nämlich seit 1935 der britischen KP an und zog Ende 1936 pflichtbewußt in den Spanienkrieg. Es ist natürlich eine Schweinerei, wenn er schon im kommenden Februar in der berühmten Schlacht am Jarama (bei Madrid) umkam, obwohl uns dadurch vermutlich noch so manches schlechte Buch aus seiner Feder erspart blieb.



Cebotari, Maria 39 (1910–49), weltberühmte Opern-sängerin, Sopran. »Frühzeitig aus einem schaffensfrohen Leben gerissen, vereinigte sie in idealer Weise den anmutigen Liebreiz der äußeren Erscheinung mit dem Zauber einer begnadeten Stimme«, endet der Eintrag über die rumänischstämmige Künstlerin im ÖBL.* Von einer Nazi-Operndiva ist da mit keinem Komma die Rede. Das war der »Akademie« zu unfein.** Während Caudwell mit seinem Kumpel Clem Beckett vor Madrid im Maschinen-gewehrnest hockte und auf die anrückenden Faschisten feuerte, was die Läufe hergaben, unterhielt die anschei-nend brünette und ohne Zweifel gut betuchte Cebotari die faschistisch betrommelten Massen in Berlin, Dresden, Prag, Salzburg, Wien und so weiter mit Mozart- oder Strauss-Arien. Nach der unglücklichen Kriegsniederlage konnte sie gleichwohl auch in London auftreten, so unantastbar war ihr Ruf. Deshalb bekam sie auch, nachdem sie 1949 mit 39 einem Leberkrebs erlegen war, Straßen in Dresden, Salzburg, Wien***, vorläufig aber noch nicht in Bukarest. 1994 wurde sie erst einmal von der »Republik Moldau« mit einer Briefmarke geehrt. Wäre Caudwell statt am Krieg an Corona gestorben, hätte er es vielleicht ebenfalls auf die Kuverts geschafft.

* Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950, Band 1, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1957, S. 139
** Etwas anders Thorsten Hinz auf Kulturportal West Ost, Stand 2020: https://kulturportal-west-ost.eu/biographien/cebotari-cebotaru-maria-2
*** Cebotariweg in Nußdorf, 1958




Cecilia von Griechenland 26 (1911–37), dunkelhaarige hessische Prinzessin aus einem nordfriesischem Adelshause. Nach einer wenig harmonischen Jugend in Griechenland und Paris hatte sich Cecilia durch Heirat ähnlich gut im deutschen Faschismus eingerichtet wie die Sängerin aus Rumänien, wurde aber noch vor Kriegsbe-ginn Opfer der Luftfahrt – und gleich mit der ganzen Familie. Man war am 16. November 1937 von Hessen aus nach London aufgebrochen, um dort die nächste Adels-hochzeit zu feiern, doch kurz vor einer Zwischenlandung in Ostende, Belgien, war der Ausflug vorbei. Die belgische Junkers-Linienmaschine mit 11 Personen an Bord streifte bei Nebel einen Fabrikschornstein, ging zu Boden und dort in Flammen auf. Es gab keine Überlebenden.* Von der engeren Familie aus Hessen-Darmstadt starben neben der hochschwangeren 26jährigen Prinzessin deren Gatte Georg Donatus, seines Zeichens Erbgroßherzog von Hessen und bei Rhein, Luftwaffenoffizier (Leutnant) der Reserve und Mitglied des NS-Fliegerkorps sowie Anhänger der Jagd und des Automobils, ferner beider Söhne Ludwig und Alexander sowie deren Großmutter Eleonore. Das einjährige Töchterchen Johanna hatte man zu Hause gelassen.* Da die Eltern nach einigen Quellen (nicht dem Echo) noch in ihrem Todesjahr der NSDAP beigetreten waren, könnte man einen politisch begründeten Anschlag wittern, sogar aus den eigenen Reihen verübt. Schließlich war das Reiseziel eine feindliche Insel gewesen, Groß-britannien. Doch der Staatsanwalt in Brügge erkannte auf Unfall aufgrund von Piloten- und Lotsenfehlern.

* Otto Winterholler, »Vor 80 Jahren löschte ein Flugzeugabsturz fast die gesamte Familie Hessen-Darmstadt aus«, Echo (Darmstadt), 11. November 2017: https://www.echo-online.de/panorama/leben-und-wissen/vor-80-jahren-loschte-ein-flugzeugabsturz-fast-die-gesamte-familie-hessen-darmstadt-aus_18311277



Cetto, Lutz c.22 († 1963), Mitglied der vor allem in der Pfalz wirkenden »Kimmel-Bande«. Zwischen Neustadt und Lambrecht, knapp 500 Meter hoch, liegt die vom »Pfälzerwald-Verein« betriebene Hellerhütte, ein durchaus massives Haus mit Herbergsbetten und einer Terrasse zum Vorplatz hin. Als es dort in der Silvester-nacht 1960/61 um drei Uhr früh reichlich spät erneut anhaltend knallte, ging der 49jährige Karl Wertz aus Haßloch mit einer Taschenlampe hinaus, um nach dem Rechten zu sehen. Ein Porträtfoto* zeigt einen schmalge-sichtigen Mann mit hoher Stirn, schütterem Haar und auffälligen Ohren, der möglicherweise nur zufällig recht verbittert in die Kamera blickt. Man denkt an einen Lehrer oder einen kaufmännischen Abteilungsleiter. Das war der ehrenamtliche Betreuer der Hellerhütte, über den leider ansonsten nichts zu erfahren ist, von den Schüssen einmal abgesehen. Seine heimischen Wanderfreunde schnarchten bereits. Auf dem Vorplatz dagegen ballerten etliche besoffene »Halbstarke«, wie es schien, mit Handfeuer-waffen herum, und als sie der Hüttenwart zu genau in den Kegel seiner Taschenlampe nahm, schossen sie auch auf ihn. Er starb auf der Fahrt ins Krankenhaus.

Wie sich später vor Gericht herausstellte, hatte ihn wahrscheinlich der ungefähr 20jährige Lutz Cetto getötet. Er hatte befürchtet, Wertz könne Mitglieder der sogenannten Kimmel-Bande erkennen und verpfeifen, die in derselben Nacht die nahegelegene Totenkopfhütte angezündet und ansonsten in jüngster Zeit mindestens 100 Einbrüche und Banküberfälle verübt hatte. Denn um diese Bande handelte es sich bei den Lärmenden. Ihr Kopf war der »Al Capone der Pfalz«, Bernhard Kimmel, der Jahre später auch noch einen Polizisten getötet haben soll. Cetto, inzwischen 22, bekam im Februar 1963 vorm Landgericht in Frankenthal für die Geschichte im Walde Lebensläng-lich**, brachte sich aber ein knappes Jahr darauf um. Sein genaues Alter und ein paar weitere biografische Einzelheiten, auch über Wertz, müßten sich eigentlich in einem 2008 veröffentlichtem Kimmel-Buch von Rainer Thielen finden, der mir leider nicht geantwortet hat. Genauso vergeblich schrieb ich die Stadtverwaltung von Bad Dürkheim an. Dem getötetem Hüttenwart setzte man am Tatort einen Gedenkstein.

* Fotos bei Blofeld 2012 (A. H. Marx, Hanau): http://blofelds-krimiwelt.de/Blofeld-Extra/Kimmel-Bande/kimmel-bande.html
** »Lebenslänglich für Cetto«, Hamburger Abendblatt, 9./10. Februar 1963, S. 24: https://www.abendblatt.de/archive/1963/pdf/19630209.pdf/ASV_HAB_19630209_HA_024.pdf




Chaland, Yves 33 (1957–90), erfolgreicher französischer Werbegrafiker und Comiczeichner mit nostalgischem 50er-Jahre-Blick. Aber Hand aufs Herz: Würden Sie noch die Comicbücher eines Künstlers kaufen, der sein Töchterchen beim Anzug eines Gewitters an eine einsame Feldulme bindet und dann verschwindet, um das Unwetter in seinem geparktem Auto abzuwarten? Richtig, Sie würden nicht. Deshalb entschied sich der 33 Jahre alte Chaland an einem Julitag des Jahres 1990 dafür, die mörderische Angelegenheit gleich im Auto abzuwickeln. Er nahm seine vierjährige Tochter und übrigens auch deren Mutter, Isabelle Beaumenay, auf eine Geschäfts- oder Vergnü-gungsfahrt mit, weiß der Teufel. Wir wissen auch nicht, wer am Steuer saß, wie sich das Unglück (bei Paris) entfaltete und wer im Sinne des Gesetzgebers, der ja den Autoverkehr grundsätzlich legalisiert hat, »schuld« an dem Ausrutscher war. Das tote Töchterchen vermutlich nicht. Alle Webseiten, vor allem die sogenannten »offiziellen«, sparen die Unfallumstände wohlweislich aus. Auch der angebliche Schriftsteller und Musiker Aug Stone begnügt sich in einer ansonsten aufschlußreichen Betrachtung* mit der strohdummen »a-tragic-car-accident«-Formel. Schließlich ist doch bekannt, die Kunst lebt vom Weg-lassen, und die Witwe, die »lediglich« schwer verletzt wurde, lebt von einem hohem Ruf ihres verblichenen Gatten, auf den kein schnöder Schatten oder, sagen wir einmal, Regen** fallen darf.

* »The Comet of Chaland«, Humanoids, 6. November 2015: https://www.humanoids.com/blog/The-Humanoids-Blog/id/229#.Vj5N8PkveHu
** https://www.lambiek.net/artists/c/chaland.htm




Fortsetzung Chan—Co
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