Sonntag, 19. September 2021
A-9→Tauschland
2007

99 von 100 Menschen, die Sinn oder Unsinn des Geldes erörtern, setzen den Tausch bereits voraus. Für den Tausch ist das Geld sicherlich nützlich, wenn nicht sogar unver-zichtbar. Doch für den Tausch selber gilt dies keineswegs. In den frühen Familien, Horden, Stämmen unserer Gattung wurde mit Sicherheit nicht getauscht. In Pueblos, Klöstern, Kibbuzim finden wir statt Tausch Verteilung. Gestehen wir ihnen Autarkie zu, läßt sich das auch an heutigen anarchistischen Landkommunen oder deren regionalen Verbänden leicht zeigen. Warum sollten die Leute tauschen? Schließlich ist alles da – vom Radieschen über Ziegen und Gehölze bis zum neuen ovalen Eßtisch. Es muß nur bearbeitet, bewegt, bereitgestellt werden. Was täglich oder saisonal benötigt wird, ist bekannt oder wird vereinbart. In einer solchen gemeinschaftlichen und geschlossenen Ökonomie wäre Tausch beinahe lächerlich.

Ich bemerke nur am Rande, daß die kapitalistische Not des Tauschens und Verkaufens ungeheuerliche Kosten verur-sacht, die volkswirtschaftlich betrachtet einen Riesenver-lust darstellen: Handel, Banken, Buchführung, Geldauto-matenbau und dann noch die sogenannte Werbung für den ersten sich selbst fütternden Geldautomaten. Hier können wir auch gleich die hochgelobte Konkurrenz ansiedeln, die jeden Landstrich beispielsweise in ein Materialschlachtfeld von 17 miteinander verfeindeten Paketzustelldiensten verwandelt. Konkurrenz züchtet neben Vergeudung und Betrug jeder Art den Krieg.

Der wesentliche Nachteil des marktwirtschaftlichen Verfahrens liegt im Tausch selber, der ein Vergleich ist. Denn dieses Vergleichen hat verheerende Folgen. Wollen wir voneinander verschiedene Güter oder Leistungen miteinander vergleichen, kommen wir ja nicht umhin, sie auf etwas zu reduzieren, das ihnen vielleicht doch – ihrer Verschiedenheit zum Trotz! – gemeinsam ist. Wie uns Ricardo, Marx und Georg Simmel erläutern, kann diese Gemeinsamkeit von etwa Eßtisch, Ziege, Text nicht in Eigenschaften wie nützlich, angenehm, schön, lebendig, dinghaft und dergleichen liegen. Denn das läßt sich nicht messen. Die Warenproduktion, die vom Tausch lebt, bedarf eines Zollstocks. Sie muß die Tische, Ziegen, Texte über einen Kamm scheren. Hier bietet sich lediglich der Umstand an, daß sie alle hergestellt, besorgt oder zugerichtet worden sind: durch »Arbeit«. Allerdings handelt es sich eigentlich um völlig verschiedene Arbeiten, weshalb auch sie noch einmal reduziert werden müssen, nämlich auf »Zeit«, also auf die berüchtigte Arbeitszeit. Im Gegensatz zu Ahornholz/Futterklee/Papier lassen sich allein diese in Eßtisch/Ziege/Text investierten Zeitquanten miteinander vergleichen. Der Zollstock heißt Stechuhr.

Beethoven und Dvorak legten allerdings wenig Wert auf die Feststellung, wer seine 5. Sinfonie schneller geschrieben habe. Und manche Versschmiede behaupten, »die Zeit« sei die größte Worthülse aller Zeiten. Sie ist abstrakt, beliebig dehn- oder anwendbar, sinnlos. Im Grunde handelt es sich nur um ein Hirngespinst. Jedes Gut, jede Leistung, jeder Mensch haben ihre eigene Zeit. Sie sind unvergleichlich. Sie haben auch alle ihren eigenen Wert. Sie entfalten sich gemäß ihres inneren, einmaligen, kaum nachvollziehbaren Gesetzes. Sobald ihnen Tauschwert zugemessen wird, stecken sie in einer Zwangsjacke. Dann dürsten sie nur nach Geld. Von sich aus gelten sie ja nichts; nur meßbare Anerkennung zählt. Der rennen sie hinterher – getreu dem sattsam bekannten Motto, Zeit sei Geld. Allein diese Begierde nach Geld oder dieses Angewiesensein auf Geld läßt die Menschen im Kapitalismus zueinander in Beziehung treten. Damit wird »Gesellschaftlichkeit« maßgeblich durch völlig abstrakte und letztlich lebensfeindliche Dinge oder Zwecke vermittelt.

Anders ausgedrückt, haben wir mit der kapitalistischen Warenproduktion eine Züchterin quantitativen Denkens am Hals. Das kostet mich mindestens eine halbe Stunde Arbeit … Wenn du das wegwirfst, sind 50 Euro im Eimer … Woanders bekäme ich viel mehr dafür … Dieses Mehr-Denken steckt, nebenbei bemerkt, auch im »Mehrheits-prinzip«, dem ja so gut wie alle Vereine und Ideologien huldigen, vom Imkerverein bis zum Zentralkomitee der Kommunistischen Partei. Selbst mancher »gewaltfreie« Anarchist besäße gern einen Colt, um dessen Griff mit den Kerben seiner sexuellen Eroberungen verzieren zu können. Eine andere, gleichsam »natürliche« Wurzel des quanti-tativen Denkens dürfte freilich in der Kindheit liegen: Kleinheit als Makel, sozusagen als Unzulänglichkeit. Rennt Lieschen schneller als Mäxchen zum Hoftor der Landkommune, wo das Postauto hupt, hat sie sich schon ein Schokoladenbonbon verdient. Was ist der sehnlichste Wunsch von Pavle aus Kurt Helds Jugendbuch Die rote Zora, das in keinem linkem Buchladen fehlt? Er möchte zunächst Lehrbub des dicken Bäckers Curcin, dann jedoch »der stärkste Mann von Senj« werden. Mäxchen dagegen hat den Lokomotivführer angepeilt. Entsprechend spielt er leidenschaftlich gern Eisenbahnquartett, und zwar in der Form des Schlagabtausches zwischen zwei Leuten. Dabei kommt es ausschließlich auf das Mehr an – wer hat mehr PS, Meter, Tonnen, Wert oder sonstwas aufzubieten. Warum die Lokomotive fährt, wohin sie fährt – was dies alles soll und mit sich bringt, wird um keinen Deut erwogen. Diese Lokomotiven transportieren allein den Fetisch »Wachstum«. Sie wollen groß sein. Sie suchen Erfolg, meßbaren Erfolg, um jeden Preis.

Die Charakterstärke hat in unserer Tauschwertgemein-schaft so schlechte Karten, weil sie nicht meßbar ist. Nur ein quantitatives Denken kann »Geschwindigkeit« zu einer Tugend erheben, von der noch die größten Idiotien geadelt werden. Auch Computer, Internetanschluß, Suchma-schinen – durch hohen Energieverbrauch, ständige Modernisierung, häufige Pannen wahrscheinlich kostspie-liger als Handarbeit – gewähren uns »schnellen Zugriff« auf dies oder das. Wir spüren nicht mehr, daß dabei die Zusammenhänge reißen. Diese »Zeit«, die dem Kapitalis-mus seinen unbestechlichen Gradmesser gibt, bewirkt geradezu das Gegenteil von »Wachstum«, nämlich Schrumpfung. Sie macht dumm und gemein. Rücksicht auf Tomaten, Kinder, Texte, die sich behutsam entfalten möchten, kennt sie nicht. Und auch nicht auf etwas, das ich einmal kurz und klassisch Lektüre nenne. Möglicher-weise ist die Lektüre inzwischen das einzige, das nicht für Geld zu haben ist.
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