Samstag, 18. September 2021
A-7→Schlechte Gutscheine
2008

Die meisten Alternativentwürfe zum kapitalistischen Wirtschaften scheuen Radikalität und Konsequenz wie die italienischen »Kommunisten« Hammer & Sichel. So ent-puppen sich diese »Alternativen« bei näherem Hinsehen als Varianten kapitalistischen Wirtschaftens. Allin Cottrell, laut Junge Welt (5. Juli 2008) Professor für »Makroöko-nomie und Ökonometrie« in Wake Forest/USA, will die allgemeinen Prioritäten – in welche Bereiche investieren wir wieviel? – durch Volksabstimmungen festgelegt wissen. Das klingt zunächst nicht übel. Die näheren Wünsche ergäben sich aus den Entscheidungen des Ver-brauchers – die allerdings nicht mehr Kaufentscheidungen heißen dürfen. So schiebt der Verbraucher, Frauen eingeschlossen, im Laden »Arbeitsgutscheine« auf den Tisch. Als Arbeiter erhält er für jede Arbeitsstunde einen Schein – aber vielleicht hat er seine Scheine auch gefun-den, geerbt oder geraubt. »In jeder Periode wird der Plan angeglichen, um mehr von den Gütern, die relativ zur Nachfrage knapp sind, und weniger von jenen zu produzieren, die nicht so beliebt sind. So haben wir eine Art 'Markt', aber ohne Geld und nicht vom Profit getrieben, sondern von der Bereitschaft der Menschen, Stunden ihrer eigenen Zeit für den Erwerb verschiedener Güter herzugeben.«

Auf diese Art hätten wir in der Tat den Markt beibehalten – und das Geld selbstverständlich auch. Was anderes sollte das Zahlungsmittel »Arbeitsgutschein« darstellen? Mit der Arbeitszeit beruht es sogar auf demselben Maßstab wie unser herkömmliches Geld. Es dient dem reibungslosem Tausch wie Euro oder Dollar ihm dienen. Wer den Kapitalismus überwinden will, muß jedoch den Tausch zugunsten des Teilens und Verteilens ächten. In den Fußstapfen unserer wildbeuterischen Vorfahren beweisen Dutzende von anarchistischen Kommunen seit Jahr-zehnten, das Teilen – das nie »ökonometrisch« ist – läßt sich selbst unter ungünstigen Startbedingungen pflegen. Behauptet Cottrell, seine Gutscheinwirtschaft sei nicht mehr vom Profitstreben getrieben, sitzt er reinem Wunschdenken – und eben dem quantitativen Denken auf. Tausch/Vergleich/Konkurrenz kreisen um das Mehr oder Weniger. Sie impfen uns das unablässige Bewerten ein, ob wir wollen oder nicht. Um eine gängige Metapher zu bemühen, fahren quantitatives Denken, Profitstreben und Fortschrittswahn auf derselben Schiene.

Die Alternative erfordert Umkehr. Sie verlangt den Absprung in ein Denken, das vielleicht rythmisch genannt werden könnte. Stellt Cottrell fest, das grundlegende Kriterium für die Auswahl zwischen alternativen Produk-tionsmethoden sei die Minimierung der erforderlichen Arbeitszeit, verkündet er Kapitalismus pur. In unseren Kommunen kommt es nicht auf die Dauer sondern auf den Charakter einer Arbeit an. Ist sie sinnvoll? Macht sie Freude? Cottrell scheint echt leninistisch von einer computergesteuerten Megamaschine zu träumen, die alle erwünschten Güter ohne unser Zutun auswirft. Daß sie extrem anfällig wäre und zum Machtmißbrauch geradezu einlüde, interessiert ihn nicht. Und daß sich die freigesetzten BürgerInnen dann zu Tode langweilten, findet er offenbar prima. Was sollen sie tun? Nach Florida fliegen? Am Strand Hautkrebs züchten? Den Milliarden Scharlatanenstücken, die heutzutage als Kunstwerke ausgegeben werden, noch eine Milliarde hinzufügen?

Nein, was weg muß, sind alle Trennungen. Ich nenne nur Arbeit/Freizeit, Arbeit/Urlaub, Erwerbsleben/Ruhestand, Produktionsarbeit/Sozialarbeit, Hand- und Kopfarbeit. Die Abgetrenntheit von jener Megamaschine, Staat einge-schlossen, gehört natürlich auch in diese Reihe. Cottrell setzt für seine »neue« Planwirtschaft offenbar das übliche Staats- oder Kommunaleigentum voraus. Schon den darin Tätigen billigt er aber nur »eine gewisse demokratische Kontrolle« über ihre Arbeitsbedingungen zu. Zur Krönung hält er »große Änderungen in unserer Art der materiellen Produktion« für unumgänglich, wenn wir auf diesem Planeten das gegebene Jahrhundert überleben wollten – ohne über diese Änderungen auch nur ein Tönchen verlauten zu lassen. Entweder hat er keinen blassen Schimmer von ihnen, oder aber, er hütet sich vor ihnen, weil die Forderung grundlegenden Umdenkens gar zu radikal wäre und die Leute vor den Kopf stieße. Wäre sie auch zu irreal?

Jedenfalls halte ich es für illusorisch, den Kapitalismus in unseren aufgeblähten und zentralisierten Organisations-formen überwinden zu wollen. Legionen von roten oder grünen Politikern – auch in der DDR – haben längst bewiesen, wie automatisch sie sich von uns entfernen, während sie uns angeblich dienen. Übrigens haben sie sich auch von dem in den 80er Jahren beliebtem Slogan small is beautiful rasend entfernt. In Hochgeschwindigkeits-zügen oder 140-PS-Geländewagen. Ich gebe also zu, daß ich mir eine Überwindung des Kapitalismus im Rahmen des derzeitigen Deutschlands nicht vorstellen kann – vom Moloch Europa ganz zu schweigen. Da ich jedoch auf der anderen Seite kein Pygmäe und auch kein Mönch bin, werde ich Mittel und Wege finden müssen, wie ich hin und wieder aus meiner überschaubaren Räterepublik Hörselgau nach Kassel oder Brüssel komme. Das Pferd war über Tausende von Jahren hinweg ein hinreichendes Transport- und Arbeitsmittel. Unfälle a lá Eschede mit über 100 Toten kannte es nicht. Bedienen wir uns aber trotzdem der Schienen, weil sie nun schon einmal liegen: wer verwaltet, wartet – und beherrscht das Schienennetz, wenn es in ganz Europa nur Zwergrepubliken gibt?

Vielleicht sollte ich doch lieber zu Hause bleiben. Eigentlich läßt es sich in Hörselgau schon ziemlich gut leben. Einfuhren benötigen wir kaum. Wir machen alles selber – nur umfaßt dieses Alles nicht sonderlich viel. Zum Beispiel hegt in unserer Räterepublik kein Mensch den Wunsch, in seiner Hand oder auf dem Balkon des Nachbarn eine Videokamera zu wissen. Für die Computer in unseren 23 Internetcafes haben wir sogar eine eigene kleine Fabrik. Zu verspeisen pflegen wir nicht das, was uns über Satellitenfernsehen das Wasser im Munde zusammen laufen lassen soll, sondern nur das, was unsere Wälder, Gärten und Ställe je nach Saison gerade so hergeben. Wir brauchen keine Kiwis, die in Wahrheit nur aufgeblasene Stachelbeeren sind. Unsere Räte werden in direkter Wahl bestimmt. SchädigerInnen des Gemeinschaftslebens kommen vor ein Schiedsgericht, dessen Mitglieder zumindest teilweise ausgelost werden – eine Anregung, die ich Cottrell verdanke.

Machen wir uns nichts vor: Eine Nichttauschgesellschaft setzte neben beträchtlicher Vertrauens- und anderer Bildung Überschaubarkeit voraus. Jene »Überlebensfrage« nach Änderung unserer Produktionsweisen schlösse also auch diese ein: Wie könnte uns die unumgängliche Ver-kleinerung der gesellschaftlichen Organisationsformen auf diesem Planeten gelingen? Sollte das Wunder geschehen, Frau Merkel, Herr Obama und Konzernriesen wie Bunge, Siemens, Monsanto, Exxon Mobil ermuntern uns dazu? Sollten sie bereit sein, das Rad der Geschichte auf handhabbare Ausmaße zurückzudrehen – obgleich sie gerade daran verdienen, daß es uns Arschlöcher der Welt überrollt?

Schlimmer noch, ich halte es sogar für nicht ausgeschlos-sen, eine Nichttauschgesellschaft wäre nirgends machbar, weil das Tauschwertprinzip (2 Eier = 70 Cent) verdächtig an das Identitätsprinzip (A = A) erinnert. Das hieße, wir wären auf Vergleiche angewiesen, um die Dinge und uns selber überhaupt erkennen zu können. Schon erwächst daraus die Konkurrenz.
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