Freitag, 17. September 2021
LdF Folge Bor—Bri

Borowski, Tadeusz 28 (1922–51), polnischer Schrift-steller. Nachdem er mehrere deutsche KZs durchlaufen hatte, befreiten ihn US-Soldaten am 1. Mai 1945 in Dachau. Ein Jahr darauf kehrte Borowski nach Warschau zurück, wo er auch seine Jugendliebe Maria Rundo lebend vorfand. Er beeindruckte und schockierte seine LeserInnen zunächst mit sachlich-schmucklosen, dafür streckenweise frivolen Schilderungen der Entmenschlichung, die ihm selbst auf Seiten der Häftlinge begegnet war. Bitte, die Herrschaften zum Gas. Doch dann machte er sich zunehmend die nicht viel menschlicheren Direktiven der Kommunistischen Partei zueigen, die ihn dafür mit einigen Ämtern und Auszeichnungen bedachte. Offenbar bezahlte er diesen Halt mit Selbstverachtung. Vielleicht kamen private Enttäuschungen hinzu. Der polnisch-deutsche Historiker Arno Lustiger glaubt*, Borowski sei an dem Widerspruch zwischen seiner Wahrheitsliebe und seiner Anpassung an das kommunistische Regime zerbrochen. »Am 26. Juni 1951 wurde ihm die Tochter Malgorzata geboren, am 1. Juli unternahm er in seiner Küche einen Selbstmordversuch durch Gas.« Zwei Tage später war »die große Hoffnung der durch Krieg und Verfolgung dezimierten polnischen Literatur« gestorben.

* »Wer war Tadeusz Borowski?«, Welt, 20. Januar 2007: https://www.welt.de/print-welt/article709924/Wer-war-Tadeusz-Borowski.html



Borsig, Arnold 29 (1867–97). Der junge studierte Fachmann für Bergbau und Hüttenwesen kannte keine Angst vor Erwerbslosigkeit, weil er eine von seinem Großvater August gegründete Berliner Lokomotiv- und Maschinenfabrik, die auch Hütten- und Grubenbetriebe umfaßte, in seinem Rücken beziehungsweise unter sich wußte. Er übernahm die Leitung der Borsig-Werke, gemeinsam mit seinen Brüdern Ernst und Conrad, im Jahr 1894. Zudem fürchtete Borsig keine Arbeitsunfälle. 1897, noch keine 30, wird er, im Verein mit fünf Firmen- oder Kreis-Beamten*, das Opfer eines Grubenbrandes (wohl Gasexplosion) oder der entsprechenden Rettungsarbeiten in der oberschlesischen Hedwigswunschgrube nahe Gleiwitz, heute Gliwice. Die in dieser Gegend benötigten, mit Hilfe einiger Tausend ausländischer Zwangsarbeiter-Innen gefertigten »Kriegslokomotiven« oder andere Zurüstungen lieferte sein Unternehmen ein paar Jahrzehnte später. Am 10. Dezember 1940, gegen Mittag, konnte man in den Berliner Rheinmetall-Borsig-Werken, so lärmend wie es dort auch sonst zuging, sogar exklusiv einer Rede des damaligen deutschen Reichskanzlers lauschen. Laut einem Foto im Spiegel (2010) war er dabei von Scheinwerfern, Rundfunkmikrophonen und »Geschützrohren« umgeben.

* Traueranzeige im Zabrzer Kreis-Blatt, 3. April 1897: https://www.sbc.org.pl/dlibra/show-content/publication/edition/190130?id=190130



Bosl, Heinz 28 (1946–75). Er war ein begnadeter Tänzer – mit erbarmungslos kurzer Lebenszeit. Schon um 1970 galt der Badenser als »Kronprinz des deutschen Balletts«. Filmausschnitte zeigen einen ausgesprochen schönen und zudem bescheidenen jungen Mann. Unter schwarzer Mähne strahlten die blausten Augen des Münchner Nationaltheaters. Auf einem feurigem Pferd hätte er Winnetou oder einen Zigeunerbaron geben können. Bosl wird als lebhaft, klug und ritterlich geschildert. Angeblich wußten nur wenige Angehörige und sein Arzt von der niederschmetternden Diagnose, er selbst nie. 1975 starb er, mit 28, an Leukämie. Immerhin sei ihm, so Margot Werner, das Altern erspart geblieben – Schreckgespenst aller TänzerInnen. Werner selbst, die ja noch Sängerin wurde, brachte sich erst mit 74 um. Bosls häufige Bühnenpartnerin Konstanze Vernon rief 1978 die Heinz-Bosl-Stiftung ins Leben, die sich der Nachwuchsförderung im Ballett verschrieben hat.

Über Bosl und BerufskünstlerInnen im allgemeinen nachdenkend, Schriftsteller eingeschlossen, fallen mir zwei Gesichtspunkte auf. Zum einen unsere starke Voreinge-nommenheit, die uns jede Wette dazu verleitet, den frühen Tod eines wohlgestalteten und wohlerzogenen Tänzers als härter zu empfinden als den frühen Tod irgendeines Wurzelsepps. Mit Gerechtigkeit hat diese Empfindung wenig zu tun. Man könnte allenfalls behaupten, wenn er schon an Gestalt und Erziehung derart begünstigt wurde, kann er auch ruhig ein paar Jahre früher in die Kiste wandern.

Zum anderen will ich bekennen, daß ich mir aus Berufs-künstlern eigentlich nicht mehr viel mache, seit ich Kommunarde wurde und meine antiautoritäre Weltsicht vertiefte. Deshalb muß ich mich auch zu einer »solida-rischen« Haltung jenen mit mir befreundeten Berufs-künstlern gegenüber zwingen, die neuerdings unter den schwachsinnigen, gleichwohl verbrecherischen Notstands-maßnahmen unserer Corona-Regime zu leiden haben. Ich muß mich auch zwingen, die Heerscharen von überzüchteten, eitlen und parasitären Geigenvirtuosen oder SpitzensängerInnen zu bedauern, die nun kein Beifall klatschendes Publikum mehr finden oder wenigstens beim Geigen Handschuhe und beim Singen Atemschutzmaske anzulegen haben. Diese Kritik des Berufskünstlertums und der Spezialisierung überhaupt etwas näher auszubreiten, würde im gegebenen Zusammenhang sicherlich zu weit führen. Ich verweise auf meine drei schon weiter oben erwähnten Erzählungen über Freie Republiken: Konräteslust, Mollowina, Pingos. Die Leitfigur der zuletzt genannten Erzählung, der nordhessische Privatdetektiv Heinz Schlackendörfer, war sogar selber zeitweilig Berufsmusiker.



Bosse, Carl Ferdinand 38 (1755–93). Mein nächster Kandidat paßt hier wie die Faust aufs Auge, war er doch Landschaftsgartenkünstler, ein Friseur der Natur also. Der Niedersachse aus Wolfenbüttel stammte natürlich auch aus einem Gärtnerclan. Nach einigen Lehrjahren hier und dort, selbst in England, heuerte ihn 1784 der Prinz, später Herzog Peter Friedrich Ludwig von Oldenburg an. Im selben Jahr verheiratete sich Bosse mit der Arzttochter Johanne Christiane Friederice geb. Seuter. Sie bekam einen Sohn von ihm. Laut Eberhard Pühl* starb der Senior, mit 38, »nach längerer Krankheit«, Pest oder Corona, wer weiß ...

Für den fürstlichen Hampelmann hatte Bosse Schloß-gärten angelegt oder bereits vorhandene »verbessert«. Im zweiten Fall wird somit erst die Natur verbessert, dann deren Frisur. Als Großtat schreibt man Bosse die Einführung des Rhododendrons im Ammerland zu; Bosses Anpflanzungen unweit der Nordsee hätten das Ammerland überhaupt erst zum bunten Blütenmeer gemacht. Nach meinem Brockhaus (Band 18 von 1992) ist das besagte artenreiche, oft strauchartige Heidekrautgewächs ursprünglich in asiatischen Gebirgen und im gemäßigtem Nordamerika beheimatet, also eigentlich weniger in Küstenstrichen wie Nord- oder Ostfriesland. Aber Bosse zwang es eben, sich auch dort heimisch zu fühlen, das nennt man Kultivierung. Die potthäßlichen lederartigen Blätter des Rhododendrons dürften die Anpassung ans rauhe Küstenklima sehr erleichtert haben. In Nordamerika rückte man gern ein Schock der Gattung heraus, um dafür ein paar muskulöse dunkelhäutige Sklaven einzutauschen. Erst lange nach Bosse führte man im östlichen, realsozia-listischen Teil Deutschlands die ekelerregende Blaufichte ein: auch sie ein Geschenk des nordamerikanischen Imperialismus', genauer der Rocky Mountains.

* im Biographischen Handbuch zur Geschichte des Landes Oldenburg, Hrsg. Hans Friedl, Oldenburg 1992



Both, Andries c.30 (1612/13–42). Der niederländische Maler endete, mit ungefähr 30 Jahren, nicht in einer Gracht, aber fast. Er hatte sich im Verein mit seinem Bruder Jan einige Jahre lang in Rom aufgehalten, schon damals das Mekka der Kunstseligen aller Erdteile. Als sie im März 1642 auf der Heimreise in Venedig Station machten, nahmen sie eines Abends an einer »Gesellschaft« teil, wie von Wilhelm Schmidt zu erfahren ist.* Auf dem nächtlichem Heimweg von diesem Vergnügen sei Andries »unversehens« in einen Canal gefallen und ertrunken, »bevor man ihm zu Hülfe kommen konnte.« Wie nüchtern sie waren, sagt Schmidt nicht. Andries' Genregemälde waren anscheinend oft witzig, frech, ja geradezu anzüglich, wie bereits Titel wie etwa »Kartenspieler«, »Läuse bei Kerzenlicht fangen« oder »Szene in einem Freudenhaus« andeuten. Sein Bruder, Jan Both also, um 1620 geboren und somit deutlich jünger, landete zwar unversehrt wieder in seiner Heimatstadt Utrecht und machte durch wirkungsvoll »italienisierte« Landschaften auf sich aufmerksam**, doch soll er bereits 1652 ebenfalls das Zeitliche gesegnet haben, wahrscheinlich durch Krankheit. Er wurde demnach nicht nennenswert älter.

* Allgemeine Deutsche Biographie, Band 3 (1876): https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Both,_Jan
** 50.000 Euro 2017 für eine Ruinenlandschaft: https://www.dorotheum.com/de/l/460555/




Böttger, Johann Friedrich 37 (1682–1719), sächsischer Alchemist und Porzellanhersteller. Eigentlich hätte er lieber Gold hergestellt. Schon als junger Apothekergeselle in Berlin hatte sich Böttger den Ruf erschlichen, wie man wohl sagen darf, Silber in Gold verwandeln zu können. Was Wunder wenn sich verschiedene Fürsten für den angeblichen »Goldmacher« interessierten. Dieses gierige Werben gewann August der Starke von Sachsen, der Böttger (Ende 1701) kurzerhand von Wittenberg aus, wo der Schlawiner Medizin zu studieren gedachte, nach Dresden entführen ließ. Nun wird er in verschiedene gut ausgestattete, freilich auch gut bewachte Laboratorien gesperrt, auf daß er den Kurfürsten umgehend finanzpotent mache.

Aber das dauert und dauert. Vom Gelehrten Ehrenfried Walther von Tschirnhaus läßt sich der Alchemist über-zeugen, »nebenbei« auch nach der Porzellanherstellung zu forschen, was August nicht ungern genehmigt. 1705 wird Böttger vorübergehend auf die Albrechtsburg nach Meißen verlegt. Tatsächlich gelingt ihm, unter »höllischen« Arbeitsbedingungen*, im Lauf der nächsten zwei oder drei Jahre ein gewisser Durchbruch: Unter Verwendung des weißen Gesteins Kaolin und des Minerals Feldspat erfindet er, im Verein mit Von Tschirnhaus und dem Bergbau-beamten und Metallurgen Gottfried Pabst von Ohain, erst rotes, dann weißes, beinahe »durchscheinendes« Hartporzellan und überreicht seinem Mäzen und Knechter, dem Kurfürsten, die erste daraus gefertige Teekanne. Bis dahin hatte man die begehrten Porzellan-waren kostspielig aus Asien einführen müssen. Nun oblag es Böttger, die Produktion des bald darauf weltberühmten Meißner Porzellans anzukurbeln. 1714 wird er, mit Auflagen, sogar offiziell freigelassen, aber da ist seine Gesundheit bereits ziemlich zerrüttet. »Durch den feinen Quarzstaub ist seine Lunge zersetzt, das Kohlenmonoxid aus den Brennöfen und das Hantieren mit Quecksilber verursachen immer heftigere Schwindel- und Krampf-anfälle.« Nach manchen Quellen trägt auch sein Durst nach alkoholischen Getränken zu seinem Niedergang bei. Er stirbt, mit 37, im Beisein seiner verwitweten Mutter, die er vor einigen Jahren nach Dresden holen durfte. Eine Ehefrau wird nirgends erwähnt.

Die Verschiebung von Gold zu Porzellan erinnert an ein Phänomen, über dessen Tragweite sich nicht unbedingt alle Menschen im klaren sind: Geld hat keinen Wert an sich. Das merkt man spätestens in Notzeiten, wenn man es essen will. Ob ein Ding als Zahlungsmittel Bedeutung hat, beruht allein auf gesellschaftlicher Übereinkunft. Erklärt die jeweilige Regierung statt Gold Teetassen, Kartoffel-salat, Papierscheine oder vielstellige Zahlen auf schweizer Bankkonten zum Geld, kann man nicht viel dagegen machen – außer die Regierung stürzen.

Was Böttger betrifft, bekam er vom Kurfürsten, laut deutscher Wikipedia, sogar ein gewisses Gehalt. Daneben wohnte der Alchemist zumindest zeitweise im Dresdener Schloß, bezog seine Mahlzeiten aus der Hofküche, Wein wohl eingeschlossen, und nahm an höfischen Vergnü-gungen teil. August hielt ihn also gewissermaßen in einem goldenen Käfig. Zwar unternahm Böttger 1703 einen Fluchtversuch, der ihn nur bis in die Alpen brachte, bevor er wieder gefangen wurde; aber dafür verriet er 1707 einen nächsten Fluchtplan, in den er mit anderen Staatsgefan-genen verstrickt war. Das brachte ihm vermutlich eine Sonderration an Wein ein. Sogar einen Leibarzt soll ihm August bewilligt haben. Schließlich hätte der Kurfürst mit einem totem Böttger auch seine Hoffnungen auf das Gold-Rezept begraben können. So aber kam August wenigstens noch an das »weiße Gold«, wie es viele Quellen gern nennen.

* Andrea Westhoff, »Vom 'Goldmacher' zum Porzellanmacher«, Deutschlandfunk Kultur, 13. März 2019: https://www.deutschlandfunkkultur.de/johann-friedrich-boettger-vom-goldmacher-zum-porzellanmacher.932.de.html?dram:article_id=443429



Boucher, Hélène 26 (1908–34), französische Rekord-fliegerin. Fortschrittlich gestimmte Frauen haben ihren Mut schon immer gern beizeiten auf Männer-Domänen gerichtet, weil sie den bärtigen oder rasierten Zweibeinern an Dummheit oder Bösartigkeit auf keinen Fall nachstehen wollen. Harriet Qimby etwa (1875–1912), Farmerstochter und Journalistin aus Michigan, war nicht nur die erste »bedeutende« US-Pilotin, sondern auch die erste Frau, der ein Alleinflug über den Ärmelkanal gelang. Das war 1912 gewesen. 1906 hatte sie »bei einer Reportage über die Vanderbilt-Rennbahn ihre Leidenschaft für schnelle Fahrzeuge [entdeckt] und erwarb selbst ein eigenes Auto. Mit Mitte Dreißig war sie eine selbständige, erfolgreiche Frau, die durch die Welt reiste und ihre Eltern materiell unterstützen konnte«, stellt die deutsche Wikipedia sichtlich beeindruckt fest. Mit 37, am 1. Juli 1912, stürzte Quimby im Verein mit Veranstalter William Willard bei einem Schauflug über der Atlantikbucht von Boston, Massachusetts, ins Meer. Zwei Leichen, 5.000 ZuschauerInnen.

Die Französin Raymonde de Laroche (1882–1919) war die erste Frau der Welt, die einen Pilotenschein erhielt. Nach zahlreichen Unfällen, auch per Auto, die sie nicht erschüttern konnten, starb sie endlich mit knapp 37 Jahren durch Absturz in Nordfrankreich. Bessie Coleman (1892–1926) aus Texas war die erste schwarze US-Pilotin. Absturz mit 34 bei Jacksonville in Florida. Die Welt nahm es mit Andacht auf.* Die französische Pilotin Hélène Boucher, an der ich diesen flüchtigen Reigen aufgehängt habe, heimste Ruhm durch einige Frauen-Weltrekorde ein. Als sie 26 war, fiel sie, 1934, bei Versailles in einen Wald. Prompt wurde sie, posthum, von Staats wegen zum »Ritter der Ehrenlegion« geschlagen. Damit bin ich aber noch lange nicht fertig.

Die Lizenz der ersten Einfliegerin und Vorführpilotin in der deutschen Flugzeugindustrie Luise Hoffmann (1910–35) hatte sich erledigt, als sie erst 25 war. Sie verunglückte just in Ausübung ihres Berufes im November 1935 bei Wien. Ihre in Berlin hergestellte Bücker 131 »Jungmann« hatte bei Nebel Bäume gestreift und Feuer gefangen. Die Bäckerstochter kam mit schweren Brandverletzungen ins Krankenhaus, wo die Gesundheits-industrie noch gut drei Wochen lang um ihr Leben rang. Sie bekam in ihrer Heimatstadt Bochum ein Ehrenbe-gräbnis. Dabei flogen, laut Wikipedia, drei mit Trauerflor geschmückte Heinkel 72 Kadett der Fliegerlandesgruppe über den Friedhof. Hermann Göring, seit Mai des Jahres Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, war aber anscheinend nicht anwesend.

In Nachschlagewerken wird Nelly Diener (1912–34) als »erste Flugbegleiterin der Swissair und Europas« hervorgehoben. Sie wuchs im schweizer Kanton Aaargau auf und war zunächst Krankenschwester. Ihren neuen Posten hatte die junge »blonde, lockige, langbewimperte Dame«, von der Presse zuweilen gar zum »Engel der Lüfte« erhoben, Anfang 1934 angetreten. Kunden lobten sie unter anderem ihrer Fähigkeit wegen, ihnen durch gutes Zureden die »Flugangst« zu nehmen. Noch im selben Jahr, nach bis dahin rund 80 Flügen, stürzte Diener, 22 Jahre jung, auf der Strecke Zürich–Berlin bei Wurmlingen in Baden-Württemberg ab. Die Curtiss AT-32 Condor hatte 12 Personen an Bord – keine Überlebenden.**

Rita Maiburg (1952–77), Tochter eines Bonner Architek-tenpaares, ist weniger deshalb erwähnenswert, weil sie, ab 1976, der erste weibliche Flugkapitän im Liniendienst zumindest der westlichen Hemisphäre war, sondern wegen ihres keineswegs in der Luft eingeleiteten Endes. Das könnte man sogar witzig nennen, weil sie erst einen Prozeß führen mußte, bis sie um 1975 Aufmerksamkeit und erneut eine Anstellung als Pilotin bekam. Dieser Job hatte sich allerdings bald erledigt. Am 2. September 1977 frühmor-gens auf dem Weg zum Flughafen Münster-Osnabrück, Greven, wo sie das Cockpit einer Short 3-30 mit Ziel Frankfurt/Main zu erklimmen gedachte, stieß die 25jährige grünäugige, langmähnige Blondine, Größe 1,73, mit ihrem Auto frontal mit einem Milchtankwagen zusammen. Nach Ernst Probst*** sah es draußen ähnlich wie im Tankwagen aus: Nebel. Eine Woche später erlag Maiburg in einem Grevener Krankenhaus ihren schweren Verletzungen und sah gar nichts mehr.

* Antonia Kleikamp, »Diese Pilotin öffnete Frauen den Himmel«, 26. Januar 2017: https://www.welt.de/geschichte/article161526509/Diese-Pilotin-oeffnete-Frauen-den-Himmel.html
** Webseite der Stadt Böblingen, o. J.: http://www.boeblingen.de/,Lde/start/StadtIdeen/Nelly+Diener.html
*** Auszug auf Flugzeugforum.de, 14. Februar 2006: http://www.flugzeugforum.de/threads/30307-Rita-Maiburg-Der-erste-weibliche-Flugkapitaen




Bourdillon, Tom 32 (1924–56), britischer Physiker und Bergsteiger. Als Physiker war der Engländer für die britische Regierung im Raketen-Design tätig gewesen, wie der Independent (2008) weiß. Dieses Betätigungsfeld war ihm jedoch offensichtlich noch nicht abenteuerlich und lebensgefährlich genug. Und da er sich bereits als Schüler und dann in Oxford dem Bergsteigen gewidmet hatte, beteiligte sich Bourdillon um 1952 an mehreren hochkarä-tigen Expeditionen, die verschiedenen Achttausendern im Himalaya auf die Pelle rückten. Das schlug sich auch in Filmen nieder, in denen er sich selbst spielte. Es fehlte ihm also kaum an Ruhm, und sogar eine Ehefrau und zwei kleine Kinder hatte er inzwischen. Aber dann, mit 32, zog es ihn wieder in die Alpen. Dort kam er im Verein mit Landsmann und Partner Richard Viney um, als sie das 3.200 Meter hohe Jägihorn im Berner Oberland »bezwingen« wollten. Viney soll 31 gewesen sein.



Bourne, Randolph 32 (1886–1918), linker US-Essayist. Der Mann hatte seinen Berg stets dabei. Wegen Wirbel-säulen-Tuberkulose hatte er von Kind auf unter einem entstelltem Gesicht und einem Buckel zu leiden. Er maß lediglich fünf Fuß, um 1 Meter 50. Auch sonst war seine Kindheit kein Deckchensticken.* Der Vater verarmte und tauchte unter. Der verkrüppelte Sprößling konnte jedoch Klavier erlernen und nutzte dies zum Broterwerb. Max Eastman, der Redakteur der Masses, schrieb sogar, Bournes Pianovortrag habe einem Tränen sowohl der Freude wie des Mitleids in die Augen getrieben.**

Schon während eines Studiums an der Columbia-Universität in NYC schrieb Bourne für mehr oder weniger linke Blätter. 1913/14 unternahm er eine Europareise. Er brach sie ab – wegen Kriegsausbruch. Präsident Wilsons Friedens-Tiraden empfand er als Heuchelei. Bourne vertrat kosmopolitische und antimilitaristische Stand-punkte, wies auf die Symbiose von Aufrüstung und Staat hin und warnte folgerichtig auch vor dem Kriegseintritt (1917) der USA. Was Wunder, wenn er selbst von liberalen und linken Blättern zunehmend geschnitten wurde. Kaum hatte er das Kriegsende begrüßt, raffte ihn, 32 Jahre jung, die gewaltige Welle der sogenannten Spanischen Grippe dahin.

In der Belletristik schätzte Bourne die Romane Sinclairs und Dreisers. Sein Aufsatz über Freundschaft von 1912 liest sich gut***, doch die wahrscheinlichen Erschwernisse des Krüppels lassen sich hinter diesem wohlgesetztem Lobpreis der Freundschaft nur schwer vermuten, von Liebschaft ganz zu schweigen. Davon erfährt man in allen Internet-Quellen nichts. Möglicherweise würde man in einer Biografie fündig, die Bruce Clayton 1984 unter dem Titel Forgotten Prophet: The Life of Randolph Bourne veröffentlichte.

Da sich die Mär von der Friedensbringerin USA nach wie vor peinlich gut hält, will ich mir noch einen knappen historischen Abriß gestatten. In Wahrheit war die USA von Gründung an (um 1780) eine rücksichtslos ausbeuterisch und eroberungswillig gestimmte Nation. Das bekamen die Briten und Franzosen, dann vor allem die IndianerInnen und die schwarzen Sklaven zu spüren. 1845 stand das US-Militär bereits vor Mexiko; es ging um Texas, das von den Vereinigten Staaten einkassiert worden war. Im Ergebnis schoben diese ihr Territorium bis zur Pazifikküste vor. Befördert von »innerer Festigung«, wozu es (um 1860) eines blutigen Bürgerkrieges bedurfte, streckten sie dann ihre Finger auch gen Alaska, über den Pazifik und in die Karibik aus (Hawai, Kuba). Spanisch-Amerikanischer (1898) und Philippinisch-Amerikanischer Krieg (Sieg 1902) brachten der USA eine Vormachtstellung in der Karibik und geradezu ein deftiges Kolonialreich im Pazifik ein. Hunderttausende an Leichen, dazu an Vertriebenen und Gedemütigten pflasterten ihren Weg. Die einzige Rücksichtnahme, die sie für geboten hielt, war die Zurhilfenahme höflicher Kriegsvorwände (Februar 1898 Explosion der USS Maine vor Havanna) und abgrundtiefer Scheinheiligkeit. Laut Brockhaus (Band 23 von 1994, S. 176–79) verkündete die sogenannte »Monroedoktrin« von 1823 »die Überzeugung von der 'offenbaren Bestimmung' der USA, ihr freiheitlich-demokratisches System über den ganzen nördlichen Kontinent auszudehnen«, und um 1900 strebte sie bereits »einen Platz unter den Weltmächten« an. Gott wollte es so. Aber es war keine himmlisch-irdische Vetternwirtschaft, keine Begünstigung des Lieblingskindes Gottes; es geschah der Ausbreitung der Demokratie zuliebe. 1902 marschierte die USA in Venezuela ein, 1904 riß sie sich die Kanalzone in Panama unter den Nagel. »Zahlreiche Interventionen in Lateinamerika« folgten.

Im Lichte dieser Linie, Agitprop-Muster eingeschlossen, muß man auch den Eintritt der USA in den Ersten Welt-krieg sehen, vor dem nicht nur Bourne warnte. Dieser Schritt konnte 1917 erst nach Überwindung großer Wider-stände in der eigenen Bevölkerung erfolgen. Präsident Woodrow Wilson gab ihn selbstverständlich als »Kreuzzug für die Demokratie« aus. Seine PR-Leute stellten das kaiserliche Deutschland gerade so als preußisches Untier hin, wie man später den roten russischen Bären an die Wand malte. Aber selbst Brockhaus räumt ein, daß dahinter nicht nur »missionarisches Denken mit universalem Anspruch« stand. Vielmehr sei es auch um enorme Rüstungslieferungen an die Alliierten und die Absicherung der dafür von der USA gewährten Kredite sowie um die Einsicht gegangen, ohne Kriegsteilnahme käme die USA bei einer günstigen Gestaltung der weltweiten »Friedensordnung«, also beim Wettlauf der imperialistischen Mächte, entschieden zu kurz. Damit kam auch noch die Gesundung diverser US-Konzerne an der Ausrüstung der eigenen, in Übersee kämpfenden Truppen hinzu. Das ganze Moralin-Gesäusel der gewinnsüchtigen und machthungrigen KriegstreiberInnen kann man getrost in die Schuhwichsdosen ihrer Soldaten stecken, immer und überall. Ich sage nur noch Jugoslawienkrieg 1999.

* Jeff Riggenbach, »The Brilliance of Randolph Bourne«, 27. Mai 2011: https://mises.org/library/brilliance-randolph-bourne
** John Simkin für Spartacus Educational, 1997/2020: http://spartacus-educational.com/USAbourne.htm
*** http://monadnock.net/bourne/friendship.html




Bozzini, Philipp 35 (1773–1809), südhessischer praktischer Arzt und Geburtshelfer. Denken wir zunächst in aller Kürze über das Geheimnis nach. Es dürfte zwei Grundzüge haben, die uns beide zusetzen. Einerseits beunruhigt uns das Geheimnis. Wir wissen nicht, was sich in der Höhle im Wald verbergen mag – unter Umständen ein ausgehungerter Grizzly-Bär oder gar ein feuerspei-ender Richard-Wagner-Drachen? Von daher empföhle es sich ohne Zweifel, lieber die Finger von der Höhle zu lassen. Aber könnte sie nicht auch einen Schatz oder den Weg ins Paradies verbergen? Das Geheimnis lockt also andererseits. Folglich erforschen wir die Höhle. Aber Thoreau tat es nicht, owohl sein unter Eingeweihten berühmtes Buch Walden erst knapp 50 Jahre nach Bozzinis Tod erschien.* Auf den letzten Seiten betont der nordamerikanische Schriftsteller, weit davon entfernt, von ihr geängstigt zu werden, stärke ihn die wilde, überquel-lende, gefahrvolle Natur sogar. »Wenn überall das Verhängnis lauert, müssen wir einsehen, wie gering es zu veranschlagen ist.« Deshalb weidet er sich lieber an dem gnadenlosem Schauspiel unberührter Natur, statt sie unter den Pflug oder den Preßlufthammer zu nehmen.

Bozzini dagegen war Aufklärer und Revolutionär – das letztere jedenfalls noch in Mainz, wo er dem Jakobinerclub beigetreten war. Für den südhessischen Mediziner Rainer Duchmann** entwarf Bozzini mit seinem 1807 zwischen Buchdeckeln vorgestelltem Lichtleiter den »Urtyp aller modernen Endoskope«. Dieses neue Gerät, eine Art großer Pfefferstreuer mit Schnabel, verbarg zunächst ein Geheimnis, nämlich eine Kerze, deren Schein durch den Schnabel nach außen fällt. Mit Hilfe desselben Schnabels kann der Arzt nun in die Höhle schauen, in die er ihn steckt, Rachenraum und Nasenhöhle etwa. Man vergaß diese Erfindung des Frühverstorbenen zunächst, aber um 1860 konnte einer damit schon (durch die Harnröhre) bis in die Blase seines Patienten spähen. Später kam bekanntlich der Magen hinzu, wurde das Gerät doch rasch schlanker, beweglicher und handlicher, also beispielsweise als dünner, mit Spiegel oder Kamera bewehrter Schlauch für den Schlund. Hier stiegen die Ärzte nun in die Mägen hinab wie die Kumpels, die Orwell so gern verherrlichte, auf die Sohlen ihrer Zechen. Und das alles für mehr oder weniger Möpse. Bozzini sah wohl in seinem kurzem Leben nur wenig Geld. Als er sich mit 35 bei einer Typhus-epidemie, die er bekämpfen half, selber ansteckte und verschied, soll eine »verarmte« Witwe nebst Kindern zurückgeblieben sein. Ob die Frau gleichwohl gut mit ihm ausgekommen war, verrät natürlich keiner. Das ist Geheimnis.

Vielleicht sollte man fairweise noch den üblichen Einwand erwähnen. Das medizinische Aufdecken von Geheimnissen verfolge doch einen gut Zweck und habe sicherlich schon viele Schmerzen gelindert und viele Leben gerettet. Ja, sicher. Allerdings hat es auch die Kunstfehlerindustrie, die hoffnungslose Übervölkerung dieses Planeten und die Ausredenmaschine hervorgebracht. Es gibt heute so gut wie nichts Schädliches mehr, das man nicht durch geschickte Argumentation zu einer Wohltat erklären könnte. In einer anderen Fachzeitschrift lese ich, gegen-wärtig, 2020, sei die kabellose Kapselendoskopie bereits Standard bei der Untersuchung von Mägen, Därmen und Herzkranzgefäßen. Betäubungen erübrigten sich; der Patient kann während der Untersuchung Skat spielen, Shopping gehen oder seine Mails bearbeiten. Von der Untersuchung bis zur Behandlung und bis zur Bevölke-rungsregulierung auf demselben Wege ist es dann natürlich nicht mehr weit.

* Henry D. Thoreau: Walden, deutsche Ausgabe (Fritz Güttinger) bei Manesse, Zürich 1972, S. 445/46
** Endo-Praxis 2019: https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/a-0888-9524




Brain, Dennis 36 (1921–57), britischer Hornist. Für ihn hatten bereits prominente Komponisten wie Britten, Hindemith oder Malcolm Arnold Stücke geschrieben. Auch war er 1956 in der Londoner Royal Festival Hall am ersten Spezial-Auftritt des Spaßvogels und Tubaspielers Gerard >Hoffnung beteiligt. In dessen dort präsentiertem Orchester soll Brain unter anderem eine Gummi-Schlauch-Pipe gespielt haben, die er sorgfältig stimmte, indem er sie mit einer Gartenschere beschnitt. Francis Poulenc schuf seine Elegie für Horn und Klavier in memoriam Dennis Brain naturgemäß erst Ende 1957, nachdem der humor-volle Hornist, der auch leidenschaftlicher Sportwagen-fahrer war, am 1. September des Jahres nach einem auswärtigen Konzert (Symphonie Pathétique von Tschaikowski) versucht hatte, die 600 Kilometer von Edinburgh nach London mit seinem Triumph TR2 in weniger als vier Stunden zurückzulegen, wie ich einmal vermute. Der 36jährige kam kurz vor London von der Straße ab und prallte gegen einen Baum. Hätte Poulenc die Elegie auch dann geschrieben, wenn Brain in einen Pfadfinder-Trupp gerast wäre?

Poulenc zählt seit Jahren zu meinen Lieblingskompo-nisten. Unter anderem besitze und schätze ich eine CD mit Chamber Music (Deutsche Grammophon 1989), auf der, zum Klavier, verschiedene Blasinstrumente zu hören sind, vom Fagott bis zur Flöte. Vier von den fünf gebotenen Werken finde ich geradezu umwerfend, je nach Periode, frech, einschmeichelnd, feurig und ähnliches mehr. Am wenigsten gefällt mir aber ausgerechnet das mittlere Stück: just die Elegie zu Brains Gedenken. Es kommt mir gar zu programmatisch und zerrissen vor, bei dem Anlaß vielleicht kein Wunder.

Makabererweise ist zu lesen, Brain sei nicht der erste durchs Automobil bewirkte bewegende Verlust für den Franzosen gewesen. 1936 war nämlich Poulencs Landsmann, Berufskollege und Freund Pierre Octave Ferroud bei einer Ungarnreise verunfallt – gerade so alt wie später Brain, 36. Damals soll das Unglück zu Poulencs Hinwendung zum Katholizismus beigetragen haben. Vielleicht hätte er sich besser nicht zum Katholizismus hingewandt, sondern vom Kapitalismus abgewandt. Möglicherweise hätte ihm das sogar den Herzinfarkt erspart, der ihn mit 64 jäh dem Pariser Trubel entriß.



Brandis, Jonathan 27 (1976–2003), US-Filmschau-spieler. Seine ersten Auftritte hatte er, gerade so wie Judith >Barsi, um Fünf in Werbespots und Seifenopern. Aber er wurde nicht mit 10 umgebracht, wie Barsi 1988. Mit 27 tat es Brandis dann selber. Man fand keinen Abschiedsbrief in seiner Wohnung in LA; Eingeweihte wußten jedoch, der hübsche Kerl soff und trug sich mit Selbstmordgedanken. Ab ungefähr 2000 hatte er nämlich einen »Karriereknick« hinnehmen müssen. Er bekam einfach keine starken Rollen mehr. Seine letzte Hoffnung sei ein Jahr vor seinem Tod der Film Das Tribunal mit Bruce Willis gewesen, in dem er eine kleine Rolle hatte, heißt es im Spiegel.* Doch dann habe man Brandis' Part aus dem fertigem Film herausgeschnitten. Das gab dem 27jährigem den Rest: er hängte sich auf. Hätten das seine Eltern nicht rechtzeitig unterbinden können? Wohl kaum, sagt der Spiegel; sie seien leider oft genug Teil des Problems. »Sie setzen ihre Schutzbefohlenen unter Erfolgsdruck, schieben sie zwi-schen die Fronten eines Sorgerechtsstreits oder verprassen deren verdiente Millionen.« Die gesellschaftlichen Ver-hältnisse, von der Politökonomie bis zur Sozialpsychologie, sind nie das Problem.

Stelle ich mir den Freund vor, der Brandis an einem Haken oder Balken schaukelnd aufgefunden haben soll, fällt mich wirklich Mitleid an – mit dem Freund. SelbstmörderInnen können schon ziemlich rücksichtslos sein. Andererseits beschleicht mich das Mitleid auch dann, wenn ich mich in Brandis' Rolle an der Zimmerdecke denke. Schließlich habe ich erst kürzlich wieder gegen die Spezialisierung gewettert. Bei vielen dieser mehr oder weniger jungen SchauspielerInnen ist ja das einzige Pferd, auf das sie setzen und auch setzen können, in der Tat ihre Kunst, auf Leinwänden, Bühnen und Partys zu gefallen. Etwas anderes beherrschen sie nicht. Bricht das weg, ist der Strick schon so gut wie geschmiert. Und steht es in meinem Fall etwa anders? Zwar bin ich früher über etliche Jahre hinweg ein recht guter Polsterer gewesen, sodaß ich den Zugknoten, den man bei der Halsschlinge braucht, sogar im Schlaf binden könnte. Ich verstehe es auch, mit der Sense umzugehen oder eine ganze ausgewachsene Eiche fachgerecht zu fällen. Bin ich freilich ehrlich, habe ich mich in den vergangenen 20 Jahren fast ausschließlich aufs Schreiben verlegt. Das kann ich eigentlich, wie ich glaube, von allem anderem am besten.

Wenn das aber plötzlich wegbricht? Weil es in 20 Jahren von so gut wie niemandem anerkannt worden ist? Weil ich die Geduld verliere und meinen Laptop auf dem hiesigem Wertstoffhof abliefere? Dann fehlt mir vermutlich eine echte Alternative. Soviele Grashalme und Eichen gibt es hier gar nicht, daß ich mich Tag für Tag an ihnen festhal-ten könnte, von meinen zunehmenden Gleichgewichts-störungen ganz zu schweigen.

* Benjamin Maack, »Überdosis Ruhm«, 1. September 2009: https://www.spiegel.de/geschichte/vergessene-kinderstars-a-948466.html



Brant, Isabella c.35 (1591–1626), erste Gattin von Peter Paul Rubens, Opfer der Pest. Sie ist auf einigen berühmten Gemälden zu sehen. Aber auch was die gemeinsame Tochter Clara Serena Rubens betrifft, geboren 1611 in der Rubens-Residenzstadt Antwerpen, gibt es ein Gemälde, das sie, die Tochter, darstellt.* Serena starb (1623) mit ungefähr 12, wohl gleichfalls krank. Nähere Angaben zu ihr, die das Niveau von Heftchenromanen überstiegen, müßte man vermutlich in den Tonnen an Sekundärlite-ratur zu Rubens mit der Lupe suchen.

Nebenbei wimmelt das Internet vom falschen Gebrauch der Wendung »ein Porträt von«. In 9 von 10 Fällen pflegen Autoren nicht zu unterscheiden, ob das betreffende Bildnis vom Künstler stammt oder aber den Künstler zeigt. Achten Sie einmal darauf. Nach und nach werden Sie noch Tausende ähnlicher Ungenauigkeiten, in diesem Fall: Bezugsfehler entdecken.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Isabella_Brant#/media/Datei:Peter_Paul_Rubens_(1577-1640)_Clara_Serena_Rubens_(1611-1623)_Rubenshuis_Antwerpen_28-5-2016_10-38-59.JPG



Brathwaite, Christopher 36 (1948–84), Leichtathlet und Amokopfer. Der vermutlich dunkelhäutige Spitzen-Sprinter lief zwar für sein Heimatland Trinidad und Tobago, studierte und trainierte jedoch an verschiedenen Hochschulen der USA. Es erwischte ihn an einem Novembertag in Eugene, Oregon, beim Joggen auf einem Pfad am Footballstadion der dortigen Universität: er wurde jäh von einem »sniper« erschossen. Ein weiterer Student, als Wrestler bekannt, kam mit nicht lebensge-fährlichen Verwundungen davon. Einen anrückenden Polizisten verfehlte der Schütze. Nach dem Erkenntnis-stand vom Tattag* erschoß sich der 19jährige, in Kampfmontur erscheinende Täter, angeblich ein Psychologie-Student derselben Universität, abschließend eigenhändig. Sein Motiv war noch nicht erhellt. Übrigens verliert die NYT kein Komma über Hautfarben. Das hält sie wahrscheinlich für demokratisch. Wie auch immer, Soziologe Brathwaite aus der Karibik arbeitete seit längerem in einem Club für »schwer erziehbare« Jugendliche, der gleich am Stadion lag. Er soll ringsum beliebt gewesen sein. Er hinterließ Frau Sharon und Söhnchen Sean.

* »Sniper at the University of Oregon ...«, New York Times, 13. November 1984: https://www.nytimes.com/1984/11/13/us/sniper-at-the-university-of-oregon-slays-a-former-olympic-sprinter.html



Bratt, Alfred c.27 (1891–1918), Berliner Theatermann und Erzähler. Das vielberedete und vielgeforderte Bedingungslose Grundeinkommen wurde 1916 von Bratt eingeführt. Es bewährte sich allerdings nicht so richtig. Es endete in blutigem Aufruhr und im Wiederaufblühen der bekannten kapitalistischen, wölfischen Weltwirtschaft.

Damit möchte ich nicht den Eindruck erwecken, mit seinem »utopischem« Roman Die Welt ohne Hunger, erschienen 1916, sei Bratt ein überragender Wurf gelungen. Er hat seine Schwächen. Vor allem ergeht er sich, besonders im ersten Teil, in etlichen Längen, weil Bratt das Poetisieren, In-Rätseln-sprechen, Mystifizieren liebt. Die Knappheit hat Bratt nicht erfunden. Die Indirekte Rede auch nicht, sonst wären uns manche Konjunktionen der Sorte daß erspart geblieben. Aber in dramaturgischer Hinsicht hat er gleichwohl einiges drauf; man wird das Buch nicht aus der Hand legen, bevor man nicht erfahren hat, wie die Angelegenheit endet. Ich habe es bereits angedeutet. Und sie hat Witz, obwohl der Autor nie scherzt. Man könnte auch am Ende noch nicht beschwören, es habe sich entweder um einen Beitrag zur Theorie des Klassenkampfes und des Totalitarismus (heute »Globalisierung« oder »Impferei«, statt Imkerei, genannt) oder aber um eine Schnulzen- und Schauerparodie gehandelt – etwa auf Dr. Mabuse, der 1916 noch gar nicht geschrieben war.

Bratts Held heißt Bell. Der Chemiker und »Weltbeglücker« (S. 86, 107, 158)* glaubt eine in die Form eines kleinen Würfels preßbare nahrhafte Substanz gefunden zu haben, die den Planeten schlagartig vom Hunger und von der Spaltung in Arm und Reich befreien würde – sofern es ihm nur gelänge, die erforderlichen Geldgeber für eine großangelegte Produktion dieser Art Maggi-Würfel zu gewinnen. Man tut ihn jedoch als Phantasten ab. Erst in London – das er von Dover aus per blitzender Einschie-nenbahn erreicht – gerät er an einen geheimnisvollen, häßlichen Sonderling, der die rechtlosen und verelendeten Vorstadtmassen, denen es schließlich auch zugute kommen soll, für das »Präparat« zu erwecken verspricht. Doch Bell fühlt sich bald mißbraucht. Er überwirft sich mit Schebekoff, sorgt bei seiner Flucht per Flugzeug für den Tod einer niedlichen blonden Tochter des Fleischtrust-bosses Graham, an die er sowieso nicht herangekommen wäre – und landet im Weißen Haus, Washington. Und der Präsident erkennt das gewaltige, stimmenfördernde Kaliber von Bells Projekt. Er setzt den Erfinder als Chef des neuen Bundesernährungsprogrammes ein und läßt damit die Produktion anrollen. Binnen weniger Wochen ist Bell weltberühmt.

Interessanter-, für manche vielleicht auch ärgerlicherweise erfährt man auf den 380 Seiten nie, worin die Nahrhaftig-keit des Wunder-»Präparates« eigentlich bestehe. Selbst eine angebliche Erprobung seines Nährwertes durch unabhängige Fachleute täuscht Bratt (248) im Grunde nur vor. Aber dann behauptet er kurzerhand, es mache die arbeitslosen Yankees tatsächlich rundum satt – denn für die ist die Pille gedacht. Sogar die unzufriedenen Stahlarbeiter halten wegen ihr zunächst ihren Streik durch. Denn die Pille ist kostenlos. Sie ist Streikgeld in Natura. Ob sie vielleicht ungut schmeckt und dem Körper so manchen sinnvollen Betätigungsdrang sperrt, steht bei Bratt nicht zur Debatte. Hauptsache, umsonst. Was den Generalstreik und die ihm antwortende Aussperrung schließlich trotz des Wunder-Präparates durchkreuzt, sind die erwachenden Frauen der Arbeiter. Das hat mir gefallen, obwohl es in den betrüblichen alten Trott zurückführt – nur diesmal ohne den fingerhutgroßen braunen Wunderwürfel. Aber Volksgemeinschaft hat man ja so oder so.

Aufgrund seines frühen Todes war Bratt lediglich ein Roman vergönnt, doch der erwies sich in der Lotterie des hauptstädtischen Literaturbetriebes auf Anhieb als Haupttreffer. Laut einem jüngstem Neuaufleger erzielte Die Welt ohne Hunger »rasch 11 Auflagen und wurde in 12 Sprachen übersetzt«. Zwei Jahre nach dem Einschlag soll der 27jährige Romancier einer schweren Lungenentzün-dung erlegen sein. Das mag zur gesunden Auflage gerade noch beigetragen haben. Gleichwohl liegt das größte Rätsel in diesem Fall nicht in dem Roman, vielmehr in seiner verblüffenden Wirkungsgeschichte. Man bedenke, es war mitten im Krieg. Da hungerten die Leute wohl kaum nach Utopien, die bei strenger Prüfung wie ein Küchentisch mit vier unterschiedlich langen Beinen wackeln. Andererseits genoß Verleger Erich Reiß einen hohen Ruf – und das, die Reiß'sche Gunst, war vielleicht schon die halbe Miete für den schrägen, streckenweise ausufernden Suppenwürfel-roman. Oder sollte Reiß, zum Beispiel, in Bratt einen günstigen Schwiegersohn gewittert haben, wenn Bell schon nicht Vivian Graham kriegt? Nach den betrüblich dürren biografischen Notizen des Internets stammte Bratt aus Wiener Juristemhause, faßte um 1910 in Berliner linken Literatenkreisen Fuß, verdiente seine Brötchen als Schauspieler, Dramaturg und just Verlagslektor im Reiß-Verlag und verfaßte und veröffentlichte seit 1912 auch eigene Geschichten. Ihn selber scheint das Damokles-schwert der Kriegsteilnahme verschont zu haben – warum, wissen wir so wenig wie den Grund seiner Lungenentzün-dung beziehungsweise seines Sterbens daran. In diesem Fall ist eben vieles rätselhaft.

Vielleicht darf ich noch einmal kurz auf das Bedingungs-lose Grundeinkommen zurückkommen. Obwohl wir nicht wissen, was Bells Würfel eigentlich enthält und ob er auch irgendeinen Geschmack hat, scheint ihm doch eine gewisse Sinnlichkeit zu eignen. Man kann ihn anfassen, man kann ihn sogar essen! Versuchen Sie das zweite einmal mit Geldscheinen … Aber was schallt mir neuerdings aus dem Magazin Rubikon entgegen? Es ist ein Hohn: da bemüht sich unsereins seit Jahren auf reichlich verlorenem Posten, die Notwendigkeit der Abschaffung des Geldes möglichst gut zu begründen und in Ehren zu halten – und jetzt werden wir, nicht ganz zu unrecht, vom Reformisten vom Dienst** aufgefordert, die Abschaffung des Bargeldes zu verhindern! Ich soll das Bargeld retten! Der Mann denkt ersichtlich ausschließlich im Banne des »Kleineren Übels«; er trauert der Sinnlichkeit des Bargeldes nach, als hätte sich Marx nie über die Leere des Tauschwertes ausgelassen; er führt den würdelosen, peinlich defensiven Abwehrkampf, den alle Reformisten predigen.*** Sollten sie noch irgendetwas von der Aufklärung übriglassen, werden es am Ende die Impfpäpste mit ihren Robotern und ihren milliarden telefonierenden Meßdienern oder Chorknaben wegfegen. Man sollte Alfred Bratt beglück-wünschen: diesen Ekel muß er nicht mehr erleben.

* antiquarisch: Erich Reiß Verlag, Berlin, 7. Auflage 1916, hergestellt vom Hofbuchdrucker Julius Sittenfeld, Berlin W 8, sogar faden-geheftet
** Hansjörg Stützle, »Das unhygienische Bargeld« am 22. Oktober 2020: https://www.rubikon.news/artikel/das-unhygienische-bargeld
*** Zu diesem Themenkreis, Geldwirtschaft und Reformismus, im Anhang (7–10) gleich vier, wie ich glaube, wichtige Stücke: Schlechte Gutscheine, Georg Simmel, Tauschland, Übelchen. Außerdem emp-fehle ich auch hierzu erneut meine eigenen drei »Utopien« Konräteslust, Mollowina, Pingos.




Bratuz, Lojze 34 (1902–37), slowenischer Chorleiter und Liedkomponist in Görz. Von Hause aus Kirchenorganist und Musiklehrer, leitete Bratuz ab 1930 im Auftrag des Görzer Erzbischofs die slowenischsprachigen Chöre der damals italienisch besetzten Diözese, obwohl er wegen seines Eintretens für seine Muttersprache erst kurz zuvor vorübergehend verhaftet worden war. Ende 1936 sah der Ehemann und zweifache Vater seinem 35. Geburtstag entgegen. Laut italienischer Wikipedia wurde er am 27. Dezember in Görz (die Stadt liegt nördlich nahe Triest) nach einer Messe, an der Bratuz als Chorleiter mitgewirkt hatte, von faschistischen Schwarzhemden entführt. Sie zwangen ihren Gefangenen, ein Gemisch aus Rizinusöl, Benzin und Maschinenöl zu trinken. Davon erholte er sich nicht mehr. Er starb am 16. Februar 1937 im Görzer Zentralkrankenhaus, einen Tag vor seinem 35. Geburtstag. In der Stadt ist ein Kulturzentrum nach ihm benannt.



Braune, Rudolf 25 (1907–32), Buchhändlerlehrling in Dresden und dann kommunistisch gestimmter Schrift-steller in Düsseldorf. Braune ist in der Regel nur Fach-leuten bekannt. Dabei trat er ab 1926 in etlichen linken oder liberalen Blättern mit Feuilletons und Erzählungen hervor und verfaßte in seinem kurzem Leben überdies zwei Romane. Das Erscheinen des ersten Romans, Das Mädchen an der Orga Privat, erlebte er noch (1930), und das Echo bei der Kritik war für einen Erstling durchaus stark. Beide Romane spielen im großstädtischem Milieu Kleiner Leute. In Düsseldorf war Braune für etliche Jahre ständiger Mitarbeiter der kommunistischen Tageszeitung Freiheit, wenn es auch streckenweise Reibereien oder gar Zerwürfnis mit ihm gab, wohl weil er nicht immer ganz 100-prozentig parteilich war und sich auch, vielleicht durchaus »opportunistisch«, wie Biograf Martin Hollender anmerkt, die Veröffentlichung in mehr oder weniger »bürgerlichen« Blättern erlaubte (S. 63).* Zu Braunes Grab in Düsseldorf wurde der Rhein. Angeblich, vielleicht sogar wahrscheinlich, erlitt der 25jährige eine recht verbreitete Sache, nämlich einen Badeunfall.

Allein in Deutschland kommen jährlich um 500 Menschen durch Badeunfälle um. Weltweit sind es, laut WHO, ungefähr 370.000 Tote. Die meisten Badenden oder Wasserschöpfenden ertrinken, nehme ich an. Der weltweite Verkehr ist freilich noch effektiver: er sorgt jährlich für rund 1,35 Millionen Tote. Soweit ich weiß, fallen sie zu über 90 Prozent im Straßenverkehr an, dabei Fußgänger und Radfahrer eingeschlossen. Leider macht sich die bekannte Lust an der Ungenauigkeit auch in der bedenkenlosen Vermengung der Begriffe »Verkehr« und »Straßenverkehr« im gesamten Internet, dabei selbst in amtlichen Verlautbarungen geltend, was ohne Zweifel auch manche Texte aus meiner Feder schädigt. So oder so hat die WHO wegen der angeführten und zahlreicher ähnlich gearteter Opferbranchen bislang noch nie eine Pandemie ausgerufen, falls ich mich nicht sehr irre.

Was Braunes Badeunfall angeht, scheinen wir allerdings ziemlich auf dem Trockenen zu sitzen. Nach Hollender trug er sich am Sonntag den 12. Juni 1932 nachmittags in Düsseldorf-Niederkassel zu. »Vor den Augen seiner jungen Freundin« sei der schwimmende Braune »in den Strudel des Buhnenkopfes« geraten und abgetrieben. Jetzt zitiere ich etliche Sätze einer seltsamen Sekundär-Prosa lücken-los: »Eine Weile werden die Freundin und die Umstehen-den bestürzt dagestanden haben, man wird auf das nur selten eintreffende Wunder eines 500 Meter entfernt unversehrt grinsend auftauchenden Schwimmers gewartet haben. (Eine Mutprobe Jugendlicher, vergleichbar mit dem 'S-Bahn-Surfen' der neunziger Jahre, sei in jenen Jahren das absichtliche Schwimmen in Strudelnähe gewesen, erfuhr [der Leipziger Literaturwissenschaftler] Friedrich Albrecht später von einem Zeitzeugen). Dann wird die Polizei gerufen worden sein, die nüchtern konstatiert haben wird, daß man abwarten müsse; gewöhnlich gebe der Rhein seine Opfer erst nach einigen Tagen frei. So geschah es denn auch ...« (S. 72)

Demnach gab es also durchaus einige Zeugen des Unfalls – aber sie werden in dieser Biografie nicht deutlich namhaft gemacht oder sonstwie hinreichend beschrieben. Möglicherweise zählte ein gewisser Ostberliner Robert Büchner zu ihnen; er nämlich soll Albrecht 1969 die Sache mit der Freundin bestätigt haben: »Vor ihren Augen ertrank er (durch Herzschlag) im Rhein« (72). Ob diese Freundin jene »Braut Berti« aus Frankfurt am Main war, die Hollender früher einmal erwähnt (59), oder eine andere Frau namens Dagmar Horstmann, die Hollender zum Phänomen des Strudels an der Buhne anführt (69, 72, 76), bleibt für mein Empfinden gleichfalls unklar. Im Zusammenhang mit Berti beklagte der Biograf jedenfalls schon, die Spur von Braunes »Freundin« habe Forscher Albrecht bereits 1969 »nicht mehr nachvollziehen« können. Vorausgesetzt, der Dichter und Agitator hatte nicht etwa zwei oder mehrere »Freundinnen«, wäre es selbstverständlich keineswegs unwahrscheinlich, wenn die betreffende Dame im Faschismus oder im Weltkrieg zu Tode gekommen wäre. Oder wenn sie gute Gründe gehabt hätte, sich den Nachforschern gegenüber bedeckt zu halten. Geborene ErzählerInnen könnten beispielsweise über einen akuten Kriegszustand des badenden Liebes-paares und den Entschluß Braunes nachdenken, sich angesichts dieser verfahrenen Lage lieber dem nächsten Strudel anheim zu geben – freiwillig.

Krimiautoren werden sich zumindest fragen: Hat die Polizei damals »die Freundin und die Umstehenden« unter Umständen befragt, und wenn ja, mit welchem Ergebnis? Wir erfahren es nicht. Braunes Leiche wurde vier Tage später, am 16. Juni, in Duisburg-Walsum angeschwemmt. Ist diese Leiche obduziert worden? Wir erfahren es nicht. Immerhin wurde sie eingeäschert. Braunes per Zug aus Dresden eintreffende Eltern sollen die Urne gleich in ihr Reisegepäck verstaut haben. Aber selbst die Nachlaßlage ist, nach Hollender, bis heute erstaunlich ungeklärt. Offenbar weiß niemand, ob sich womöglich die eine oder andere Freundin Braunes oder aber Braunes Eltern, mit denen er allerdings auf schlechtem Fuße stand, um den Nachlaß gekümmert haben. Hollender vermutet, jemand – etwa auch ein Kollege von der Freiheit – habe sich am Rheinufer flugs der Kleider und damit des Schlüsselbundes Braunes erbarmt und dann einmal in dessen Wohnung nachgesehen, wie es eigentlich um Braunes noch unveröffentlichte Manuskripte bestellt sei. Jedenfalls sorgte jemand dafür, daß Braunes zweiter Roman Junge Leute in der Stadt noch am Ende des Todesjahrs im Wiener Agis-Verlag, später auch noch, neben anderen Braune-Werken, in der SU und in in der DDR erschien (76–86). In der DDR wurde Braunes literarisches Schaffen, trotz mancher Bedenken, geradezu geachtet und gepflegt. Federführend bei den dortigen Aktivitäten zu Braune war der erwähnte Friedrich Albrecht – ein »Prof. Dr.«, wie Hollender wiederholt betont. Sogar ein gewisser Otto Gotsche machte sich für Braune stark (84). Der Mann war nicht nur Schriftsteller, sondern über rund 20 Jahre hinweg auch Ulbrichts persönlicher Referent beziehungsweise der leitende Sekretär des sogenannten Staatsrates der DDR.

Hollenders 174 Seiten starkes Buch (von 2004) klingt in einem Anhang mit einigen kürzeren Feuilletons oder Erzählungen des wahrscheinlich Ertrunkenen aus. Danach kann Braune trotz seiner gelegentlichen klassenkämpfe-rischen Nervensägerei kein Stümper gewesen sein. Am besten hat mir sein Bericht von einem Besuch im Mannesmann-Röhrenwerk, Düsseldorf-Rath, gefallen. Den Abschluß bildet eine 1930 veröffentlichte »Flußge-schichte«, bei der man verblüfft glauben könnte, Braune habe sie als Generalprobe für seinen eigenes Ende – beziehungsweise für das vom Krimiautor erwünschte Ende geschrieben. Auch hier bleibt das Mädchen namenlos. Während Hans bereits abgetrieben wird, Richtung »Strudelgebiet«, schwingt sich das schlanke, tropfende Mädchen auf den Schleppkahn und räumt seinen Kumpels gegenüber ein, es habe sich bloß verstellt. »Ich wollte sehen, ob er wirklich Mut hat. Er wird schon wieder herauskommen, er ist doch Ihr bester Schwimmer. Ein feiner Kerl, der Junge.« Acht Tage später trieb er bei Arnheim ans Land. Natürlich als Leiche.

* Martin Hollender, »eine gefährlich Unruhe im Blut ...« / Rudolf Braune, Düsseldorf 2004



Brawand sen., Samuel 34 (1868?–1902), schweizer Bergbauer und Bergführer. Am 20. August 1902 auf dem Gipfel des Wetterhorns (rund 3.700 m) von einem Gewitter überrascht, fiel der wackere Mann durch einen Blitz. Er war erst 34. Sein vierjähriger Sohn war erfreulicherweise noch nicht dabei. Dafür kamen, neben Brawand, dessen Berufskollege Fritz Bohren (31) und beider Schützlinge Robert (31) und Henry Fearon (29) aus Irland um.* Der schreckliche Vorfall trug allerdings nicht zur Erleuchtung von Brawand jun. bei, der ebenfalls Samuel getauft worden war. Junior wurde zunächst Bergführer wie Papa und heftete sich einige alpenländische »Erstbesteigungen« an den Filzhut. Dann stieg er, als Sozialdemokrat, zum National- und Regierungsrat auf. Er starb erst 2001 mit 103 in Grindelwald.

Während ich die Alpen-Akrobatik des britischen Physikers >Bourdillon noch kommentarlos hingenommen habe, will ich mir nun doch die Bemerkung erlauben: Liebe »ExtremsportlerInnen«, Ihr seid nicht allein auf der Welt, wenn Ihr euch, als BergsteigerInnen, auch gern auf einem Gipfel so vorkommt! Jeder von euch nimmt mit den guten Aussichten auf ein frühes Ende leider auch die Lasten in Kauf, die er seinen sogenannten Lieben sowie dem Gesundheits- und Rettungswesen aller betroffenen Länder aufbürdet. 2019 fielen allein in Österreich beim Bergstei-gen oder -wandern, Skifahren, Klettern, Mountainbiken, Jagen 304 Tote an, falls dem dortigem Kuratorium für Alpine Sicherheit zu trauen ist.** Ein paar willentliche SelbstmörderInnen sind eingeschlossen. Dazu fielen knapp 8.000 Verletzte an. Die dürften beispielsweise schon wieder für 200 Rollstühle gut sein. Jeder Bergunfall setzt eine kostspielige Rettungsmaschinerie in Gang. Wollte man diese Kosten schätzen, käme man bereits, weltweit betrachtet, auf etliche Milliarden Dollar jährlich. Nähme man das Rettungswesen aller übrigen Unfallsorten hinzu, wäre man vielleicht schon bei den 275 Billionen, die Ernst Wolff erst kürzlich für den gegenwärtigen Weltschulden-stand angegeben hat.***

Leo Maduschka (1908–32) hätte mir wahrscheinlich nur zugeknurrt, dies alles ginge ihm flott am Arsch vorbei. Er hatte 1932 mit seiner Zeitschriftenserie Bergsteigen als romantische Lebensform aufhorchen lassen. Just im selben Jahr, Anfang September, rückte der 24jährige bayerische Bergsteiger, Nietzsche-Anhänger, Einsamkeits-Apostel und Schriftsteller der Civetta Nordwestwand der Dolomiten, Italien, auf den Leib – wo er aufgrund eines Wettersturzes, in einen Felsspalt verkeilt, über Nacht erfror.

* Fritz Balmer, »Vier Leben auf einmal gefällt«, Jungfrau Zeitung (Thun), 19. August 2002: https://www.jungfrauzeitung.ch/artikel/21608/
** ALPIN 16. Januar 2020: https://www.alpin.de/home/news/38376/artikel_oesterreich_zahl_der_toedlichen_bergunfaelle_gestiegen.html
*** »Das Rekordjahr«, Rubikon, 17. September 2020: https://www.rubikon.news/artikel/das-rekordjahr




Bredero, Gerbrand 33 (1585–1618), Amsterdamer Lyriker und Dramatiker. Mit seinen im heimischem Dialekt verfaßten Versen und Lustspielen soll der Sohn eines wohlhabenden Schuhmachers viel Beifall eingeheimst haben. Laut Kenner Garmt Stuiveling* hatte besagter Schuhmacher übrigens geschlagene 12 Kinder in die Welt gesetzt, von denen allerdings die meisten schon bald wieder starben. Der dichtende Sohn hatte einige bekannte patriotisch gestimmte Freunde. Es war die Zeit der Loslösung von den verhaßten Spaniern. Auch bei den Weibern kam Bredero anscheinend gut an, wenn ich den Titel einer jüngsten, recht umfangreichen Biografie bedenke, die ich leider nicht studieren konnte: René van Stipriaan: De hartenjager. Leven, werk en roem van Gerbrandt Adriaensz. Bredero, 2018. Das Heiraten und Kinderzeugen soll Bredero zeitlebens vermieden haben – er wurde freilich nur 33. Warum, wird mir durch diesbezügliche Bemerkungen Stuivelings nicht gerade klarer. Ende Dezember 1617 sei Bredero, mit dem Schlitten von einer Beerdigung in Haarlem zurückkehrend, im Eis eingebrochen. »Wenn dies die Ursache einer Krankheit war, erholte er sich bald: Das Jahr 1618 war voller Aktivitäten. Den Todesberichten zufolge starb er [am 23. August] ziemlich plötzlich, als Holland aus politischer Sicht äußerst kritische Tage erlebte: Am 29. August fand die Verhaftung von [Johan] Van Oldenbarnevelt und Hugo de Groot statt.« Das ist alles. Ich nehme an, aus diesem Eisloch bei Stuiveling erhob sich die »Lungenentzün-dung«, die einige andere Quellen als (wahrscheinliche) Todesursache angeben. Belegt ist hier mal wieder gar nichts.

* Garmt Stuiveling über B. in: G. J. van Bork / P. J. Verkruijsse (Hrsg): De Nederlandse en Vlaamse auteurs, Weesp, 1985, S. 104–7: https://www.dbnl.org/tekst/bork001nede01_01/bork001nede01_01_0189.php



Breidenstein, August 24 (1810–35). Das Schicksal des hessischen Pfarrersohns, Mediziners und Revolutionärs zeigt viele Parallelen mit Georg >Büchner, der allerdings ungleich berühmter ist. Nach Beteiligung am Polnischen Aufstand, wohl als Militärarzt, läßt sich Breidenstein in Bad Homburg am Taunus als praktischer Arzt nieder. Zum Kreis um den Gießener Pfarrer Friedrich Ludwig Weidig gehörend, schmiedet er an fürsten- und obrigkeitsfeind-lichen Komplotten mit. Wegen (angeblicher) Beteiligung am Frankfurter Wachensturm (1833) verhaftet und angeklagt, kann er erfreulicherweise in die Schweiz fliehen. Dort ist er, nach einem scheiterndem militärischem Intermezzo in Italien und angeregt von Giuseppe Mazzini, an der Berner Gründung der geheimen politischen Vereinigung Junges Deutschland beteiligt. Er verfaßt verschiedene Aufrufe, darunter das Flugblatt »An die Unterdrückten Teutschlands«, wird aber verpfiffen und im Sommer 1834 von den schweizer Behörden wieder ausgewiesen. Nun geht er, gemeinsam mit seinem Bruder Fritz, in die USA, doch dort, als erfolgreicher Arzt in New Orleans, erwischt ihn schon im folgenden Jahr irgendein tödliches Fieber. Mit 24 wurde er lediglich ein Jahr »älter« als Büchner. Ob er den etwas jüngeren Kommilitonen (Medizin) vielleicht noch in Gießen kennengelernt hatte, geht aus meinen spärlichen Quellen nicht hervor.



Breitbart, Siegmund um 38 (1887?–1925), Kraftsport-ler und Bühnenkünstler. Ob der Athlet, den jede Berliner Göre als Eisenkönig kannte und bewunderte, im Sommer 1925 trotz der Bemühungen des berühmten Berliner Medizinprofessors August Bier mit 32, 38 oder gar erst 42 von einem rostigem Nagel zu Fall gebracht wurde, wird wahrscheinlich nie aufzuklären sein. Er selber, Siegmund Breitbart, nennt in seinen damals erschienenen Erinne-rungen 1887 als das Jahr, in dem er das trübe Licht des Lodzer Ghettos als Sohn eines jüdischen Schmiedes erblickte. Leider packte der alte Grobian selbst seine Liebsten nicht mit Samthandschuhen an. Vermutlich entschloß sich Sohn »Sische« auch deshalb, ein ausge-sprochen starker Mann zu werden.

Zwar schoß Breitbart keineswegs zum Hünen auf, doch hatte er eine wohlproportionierte Heldengestalt zu bieten, trainierte Tag und Nacht und verrichtete seine einfallsreichen Herkulesarbeiten auf der Bühne oder im Manegensand stets mit gewinnendem Lächeln. 1921, nach etlichen Jahren als Fabrikarbeiter und Wanderartist, kam er im Berliner und Hamburger Zirkus Busch groß heraus. Er fuhr in Gladiatorenrüstung als Wagenlenker ein, zerbrach jedes Hufeisen, das ihm das eine oder andere Dienstmädchen aus dem Parkett reichte, stieß mit dem Schädel, statt Fußbällen, dicke Pflastersteine fort, zerbiß Ketten mit den Zähnen oder ließ sich, rücklings auf einem Nagelbrett liegend, den mächtigen Brustkorb mit einem Amboß beschweren, den junge Burschen aus den hinteren Rängen mit Vorschlaghämmern bearbeiten durften. Alle blonden Wertheim- oder KaDeWe-Verkäuferinnen himmelten Breitbart an. Auch der junge Berthold Brecht war begeistert. In vielen jüdischen Synagogen wurde für die Auftritte des verehrten »Muskeljuden« gebetet. 1923 gastierte Breitbart bereits in Wien und in den USA. Im selben Jahr blieb er, laut Daniela Gaudings Darstellung*, trotz einer Geldstrafe wegen angeblich tätlicher Beleidigung »moralischer Sieger« im Kampf mit seinem erbittertem Konkurrenten Erik Jan Hanussen, einem »Hellseher« und Trickkünstler, der ihn des Betruges bezichtigt hatte. Breitbart ließ sich sogar auf eine Wette um eine ihm von Hanussen gestellte, kaum überprüfbare Kette ein – Breitbart zerbiß sie vor den Augen der Wiener Presse. Den Wetteinsatz spendete er der Wiener Rettungsgesellschaft.

Obwohl er bald auf großem Fuß lebte, Auto, Dogge und mindestens 10 weitere Hunde sowie einen jungen Löwen eingeschlossen, soll Kraftprotz Breitbart bis zuletzt ein herzlicher und stets hilfsbereiter Zeitgenosse gewesen sein. So wird von regelmäßigen Armenspeisungen in der 1923 vollendeten, säulenbewehrten Villa Breitbart im Oranien-burger Ortsteil Friedrichsthal berichtet, wo der Künstler mit seiner Gattin Emilie und dem Adoptivsöhnchen Oskar wohnte. Auch bedürftigen Juden griff er mit Spenden unter die Arme. Ihm selbst war nach einem Ritzer nicht mehr zu helfen. Wieder einmal Nägel mit der bloßen flachen Hand in Bohlen schlagend, trieb er sich am 26. Juli 1925 bei einem Auftritt in der polnischen Stadt Radom aus Versehen einen Nagel bis ins Knie. Wie sich erst nach Tagen und Wochen zeigte, war dieser Nagel nicht keimfrei gewesen. Der letzte Gladiator überlebte die Blutvergiftung trotz Beinamputation nicht und starb im Oktober in einem Berliner Krankenhaus.

Bei seinem Begräbnis konnte der kleine Adass-Jisroel-Friedhof in Berlin-Weißensee den Andrang der Trauern-den kaum bewältigen. Der Grabstein nennt als Geburts-datum Breitbarts den 22. Februar 1893 – möglicherweise eine Fälschung. Wenn ja, war es sicherlich die einzige, die sich das Lager Breitbart in der ganzen glorreichen Bühnenlaufbahn gestattete.

* Siegmund Sische Breitbart, Berlin 2006



Breitwieser, Johann »Schani« 27 (1891–1919), Wiener Gauner, im Dienst erschossen. Im Ersten Weltkrieg war der Arbeiterjunge (1916) desertiert. Sein letzter Coup galt (1919) der Hirtenberger Waffen- und Munitionsfabrik der Sippe Mandl, die sich auch noch um den Zweiten Weltkrieg verdient machte. Wegen Juniorchef Fritz Mandl wird sich 1924 eine Schauspielerin erschießen, Eva >May. Breitwieser erntet bei diesem »Bruch« eine halbe Million Goldkronen, wird allerdings kurz darauf in St. Andrä bei Wien von der Polizei in seinem damaligem Unterschlupf aufgespürt und im Eifer der Fahndung in die Lunge geschossen. Zu aller Schmach soll ihn dann auch noch ein Polizeihund gefaßt haben, vor den Augen seiner Geliebten Anna Maxian. Seinem Begräbnis wohnten, je nach Quelle, 10.000 bis 40.000 Menschen bei. Der knapp 28jährige dunkelhaarige Ganove, auf Polizeifotos zünftig mit Oberlippenbart, genoß nämlich einen Ruf als »Robin Hood von Meidling« – nach dem Wiener Arbeiterbezirk, aus dem er stammte. Zu Hause hatte er das ärmliche Los von 15 Geschwistern zu teilen.* Da brachte er sich Feilen, Schießen, Schweißen und auch die erforderlichen PR-Kniffe bei. Damals konnte man in vielen Fällen noch wirkungsvoll mit Nachschlüsseln zu Werke gehen. So soll er einmal vor Kriegsende einer Menge, die sich nach Ladenschluß mit großen Augen vor dem gut gefülltem Schaufenster einer Bäckerei herumdrückte, im Vorüber-gehen mit seinem Dietrich die Eingangstür aufgeschlossen haben, bevor er sich mit seinen Kumpanen verzog. Die Menge habe die Bäckerei gern geentert. Möglicherweise war das nicht nur eine PR-Maßnahme, falls es stimmt. Tote lud Breitwieser offenbar nie auf sein Gewissen.

* Andreas Liberda auf W24, 29. März 2019: https://www.w24.at/News/2019/3/Schani-Breitwieser-Der-beste-Einbrecher-den-wi



Brentano, Sophie 24 (1776–1800), unglückliche Grazie der Romantik. Schon ihr Start war miserabel eingerichtet. Durch einen Unfall, bei dem ein Messer oder ein anderer spitzer Gegenstand im Spiel gewesen sein muß, hatte sie bereits als vierjähriges Kind ein Auge verloren. Das brachte Sophie Brentano für ihre kurze Zukunft, neben der Sehbehinderung, mindestens häufige Kopfschmerzen ein. Sie wuchs in Koblenz und Frankfurt/Main auf, wo sie sich vor allem um ihre zahlreichen jüngeren Geschwister zu kümmern hatte, darunter Bettina und Clemens, die sowohl erheblich älter wie berühmter als sie selber wurden. Die gemeinsame Mutter Maximiliane von La Roche war schon als 17jährige mit einem Frankfurter Pfeffersack verheiratet worden, der ihr 12 Kinder machte. Was Wunder, wenn sie 1793 mit 37 Jahren in den Sarg wanderte. Das war Sophies nächstes Leid. Noch fünf Jahre darauf klagt sie ihrer Wiener Freundin Henriette von Arnstein, mit der Mutter habe sie »den besseren Theil meiner ganzen Existenz« verloren, sodaß sie ohne sie »nichts, gar nichts mehr« sei.

Ob und wie Sophies üble Kopfwunde kaschiert worden ist, weiß auch der Frankfurter Germanist Christoph Perels nicht, dem wir, soweit ich sehe, die ergiebigste Arbeit über Sophie verdanken.* Allerlei – vor- oder eingelegte – »Augenprothesen« soll es bereits im Mittelalter gegeben haben. Das aus Glas geblasene Kunstauge kam allerdings erst um 1830 auf. Alle BeobachterInnen versichern jedoch, Sophie habe trotz ihrer Versehrtheit etlichen männlichen Zeitgenossen den Kopf verdreht. Für den Theologen und Schriftsteller Samuel Christoph Abraham Lütkemüller, der eine Zeitlang Sekretär Wielands war, nahm sie die Herren der Schöpfung durch »Feinheit ihres Geistes und Zartheit und Tiefe des Gefühls in der Blüthe jugendlicher Schön-heit« für sich ein. Lütkemüllers vielverehrter Brotherr residierte damals auf Gut Oßmannstedt, wo Sophie 1799, durch ihre Großmutter Sophie von La Roche, als Ferien-gast Eingang fand. Das Anwesen liegt zwischen Weimar und Apolda unmittelbar an der Ilm. Damit verkehrte Sophie in ersten literarischen Kreisen, neben Wieland Goethe, Herder, Paul, Kleist, Göschen und so weiter.

Überdies schloß Dichterfürst Wieland, immerhin fast dreimal so alt wie sie, Sophie sogar ans Herz. Angeblich blieb das über dem Hosenbund. So oder so, dürfte Wieland ein erheblich angenehmerer Umgang für Sophie als jener Pfeffersack gewesen sein, ihr leiblicher Erzeuger. Laut Lütkemüller redete sie den Gutsherrn mit »Vater« an, doch nennt er sie auch die »Muse und Grazie« Meister Wielands. Der Theologe, inzwischen Pfarrer in Wildberg bei Neuruppin, Brandenburg, veröffentlichte 1826 eine ausführliche Erinnerung in F. W. Gubitz' in Berlin erscheinender Zeitschrift Der Gesellschafter / Blätter für Geist und Herz. Sein Text vermittelt eine Ahnung von der kaum glaublichen Schwärmerei jener durch dorische Säulen und Blaue Blumen geprägten Zeiten, wobei die Sentimentalität des Ex-Privatsekretärs freilich noch eins drauf gegeben haben dürfte.

Sophies Zeit als Gesellschafterin erlauchter Dichter & Denker war kurz bemessen. Schon im September 1800, »nach schwerer Erkrankung«, wie auf der Webseite des Gutes zu lesen ist, segnete nicht etwa der 67jährige Wieland das Zeitliche, vielmehr Sophie, 24 Jahre jung. Sie liegt in Oßmannstedt neben dem Ehepaar Wieland begraben. Lütkemüller deutet am Schluß seines Berichtes als Nährboden ihres tödlichen »Nervenfiebers« einen bedenklichen »Gemüthszustand« Sophies an, ohne uns »die Ursach desselben« zu verraten – die Wieland »ohne Zweifel bekannt« gewesen sei. Das erinnert doch stark an die Methode des Raunens, die damals nicht nur unter den Pappeln und Linden an der Ilm Bestandteil empfindsamer oder romantischer Schwärmerei war. Selbstverständlich sind leicht ein paar Gründe denkbar, die auf Sophies Gemüt gedrückt haben könnten. Schon das eine Auge oder ihre vielköpfige prominente Familie reichten da aus. Aber möglicherweise deckte Lütkemüller mit seinem undeut-lichem Orakel nur sich selbst? Schließlich war der liebe Privatsekretär damals selber noch jung gewesen, nämlich um 30, und wenn es heißt, er habe sich Hoffnungen auf die eine oder andere Tochter Wielands gemacht, schloß das vielleicht auch die betörende »Ferientochter« Sophie ein.

Wenn ja, standen Lütkemüllers Aktien schlecht. Nach Perels schlägt Sophie 1793 einen Heiratsantrag des Geschäftsmannes Jakob Willemer aus. 1797 verlobt sie sich in Wien, wo Henriette wohnt, mit dem Grafen Herber-stein-Moltke. Sie reist zunächst allein nach Frankfurt zurück. Nach ihrer ersten Sommerfrische in Oßmannstedt 1799 entspinnt sich ein später sogar veröffentlichter Briefwechsel mit dem betagten Gutsherrn. Perels bescheinigt Sophies Briefen hohes Niveau in Stil und Einfühlungsvermögen, hält sie im übrigen wesentlich für »Selbstinszenierung«. Im Winter gerät Sophie in eine seelische Krise, aus der sie Perels zufolge nicht wieder herausfindet – davon dürfte Lütkemüller geraunt haben. Als sie im Sommer 1800 erneut in Oßmannstedt eintrifft, ist sie vermutlich recht niedergeschlagen oder zumindest verstört. Denn zum einen kann oder will der Wiener Graf die »unstandesgemäße« Braut nicht in seiner Familie durchsetzen, zum anderen hat sie sich im zurückliegenden Winter in den Frankfurter Bankier Simon Moritz von Bethmann verliebt, der sie zwar umwirbt, aber wahrscheinlich nicht wirklich zur Frau will. Bei Sophies »schwerer« Erkrankung im Spätsommer 1800 dürfte es sich Perels zufolge am ehesten um eine Gehirnhautent-zündung, unter Umständen auch Typhus gehandelt haben. Jedenfalls überlebt sie sie nicht.

Clemens Brentano meinte schon früh einen »koketten« Zug an seiner ältesten Schwester zu erblicken. Spätestens in Oßmannstedt scheint sich Sophie, nach Perels, auch selber ein gar zu »ungezügeltes« Liebesverlangen vorgeworfen zu haben. Faktisch gab sie sich allerdings stets gefaßt. Wie auch Wieland unterstrich, hatte man Sophie nie aufbrausend oder aufgelöst erlebt. Insofern sei sie noch keine echte Romantikerin gewesen, schreibt Perels. Sie war auch noch nicht Ritterin von >Günderrode, füge ich hinzu. Aber welches Schlachtfeld muß sich dafür in Sophies Busen ausgebreitet haben, von dem ich übrigens nichts weiß. Man sollte dabei die damals noch recht unaufgeklärten, oft arg verkrampften Zeiten einrechnen. Eine Entfesselung ihrer sexuellen Begierden dürfte die junge Frau mit hoher Wahrscheinlichkeit nie erfahren haben, und wer weiß, in welchen für jedes Gebrechen und jeden Irrsinn geeigneten Truggestalten ihr die »Wonnen« der Liebe vorschwebten, ehe sie unerfind-liche Mächte aufs Krankenlager warfen. Vielleicht war es besser so. Vielleicht war es Flucht – halber Selbstmord.

Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob Sophie Brentano die erwähnte, vier Jahre jüngere Karoline von Günderrode noch kennenlernte. Dafür war ihr jedoch sehr wahrschein-lich der gleichaltrige Buchhändler August Hermann über den Weg gelaufen, und es wäre sicherlich wenig verblüffend, wenn er ebenfalls beide Augen, wie man ja in diesem Fall sagen muß, auf sie geworfen hatte. Der 1776 geborene Sohn eines Weinheimer Pfarrers schickte ihr mindestens einen Brief, im Dezember 1799 von Leipzig aus, wo Hermann in der Weidmannschen Buchhandlung beschäftigt war. Allerdings kenne ich dieses Dokument nicht. Am 1. August 1801 eröffnete Hermann am Großen Kornmarkt in Frankfurt/Main eine eigene Buch- und Kunsthandlung. Aber er wurde kaum älter als der mutmaßliche Gegenstand seiner Anbetung. Er starb 1803 – warum, scheint niemand zu wissen. Sein Geschäft wurde im folgenden Jahr von Jacob Christian Benjamin Mohr übernommen, der es zu einem bald angesehenen Verlag ausweitete, J. C. B. Mohr.

* »Empfindsam« oder »romantisch«? Zu Sophie Brentanos Lebensspuren, in: K. Feilchenfeldt / L. Zagari (Hrsg): Die Brentano. Eine europäische Familie, Tübingen 1992



Breuer, Hans 34 (1883–1918), aus Schlesien stammen-der Arzt, Zupfgeigenhansel, Vaterlandsfreund. Zuletzt in Gräfenroda am Thüringer Wald praktizierend, ehe er sich 1914 (angeblich) freiwillig zum Dienst am Vaterland meldete, war Breuer als Aktivist der deutschen Wandervogel-Bewegung und Herausgeber des bis heute vielmals aufgelegten Liederbuchs Zupfgeigenhansel bekannt geworden. Den knapp 35jährigen Oberarzt, wohl zuletzt des Lazaretts Merles bei Verdun, erwischte es im April 1918 an der Westfront, als ein Sanitätsunterstand durch Beschuß verschüttet wurde. Ein gutes Jahr darauf unterzeichnete Friedrich Ebert im »Kaisersaal« des Schlosses Schwarzburg bei Rudolstadt die sogenannte Weimarer Verfassung. Das Schloß liegt auf einem schmalem, schroffem Bergrücken des Thüringer Waldes in einer Schlaufe der wilden Schwarza, womit sich der Ort Schwarzburg auch für Maßnahmen der Jugenderholung anbietet. Als »Weimar« in Schutt und Asche lag und die FDJ-ler die Ärmel aufkrempelten, tauften sie die Schwarzburger Jugendherberge auf den Namen des bekannten Goebbels-Gegenspielers Georgi Dimitroff. Um 1990 wurde diese Einrichtung erneut umbenannt – sie heißt nun Jugendherberge Hans Breuer. Laut Lutz G. Wetzel* hatte der neue Namenspatron 1915 vom Elsaß aus im Vorwort zur Neuauflage seines Zupfgeigenhansels geschrieben: »Draußen, an der Brustwehr, lehnen schweigend die Feldgrauen in der Morgensonne, spähen wohl hinüber, wo Tod und Wunde aus den Stahlschilden bricht. Bald wird Mittag sein. Wandervögel, an die Arbeit.« Als diese Auflage schließlich erschien, meldete sie noch vor dem Vorwort Breuers pflichtbewußtes Ende.

* »Die schlichte, schöne Art des Volkes«, Welt, 24. März 2009: https://www.welt.de/welt_print/article3432320/Die-schlichte-schoene-Art-des-Volkes.html



Briat, Sébastien 22 (1982–2004). Der französische Student und Rugbyspieler war Mitglied einer anarchosyn-dikalistischen Gewerkschaft und Atomkraftgegner. Im Herbst 2004 wollte er mit einer Gruppe einen Atommüll-zug stören, der von La Hague nach Gorleben unterwegs war. Die Gleisblockade in der Nähe der nordwestfranzö-sischen Großstadt Nancy (einstmals Hauptstadt des Herzogtums Lothringen) kam jedoch aufgrund von Fahrlässigkeiten sowohl auf Seiten der Demonstranten wie der Bahn nicht zustande. Als der mit Gift beladene Güterzug mit rund 100 km/h an der wartenden Gruppe vorbeibrauste und sie dadurch zurückscheuchte, wurde Briat vom Fahrtwind auf die Schienen geschleudert und vom Zug überfahren. Er verblutete noch vor Ort.*

Soweit ich sehe, fanden keine juristischen Ahndungen statt. Über die Person des Getöteten ist wenig zu erfahren. Der dunkelhaarige hübsche junge Mann stammte aus einem Dorf in Lothringen und trainierte mit seinem Club in der dortigen Kleinstadt Bar-le-Duc. Neben Rugby schätzte er Musik, Straßentheater, Zirkus. Er mag bescheiden, hilfsbereit – und von seinem Sport her gleichwohl ein Draufgänger gewesen sein. Dennoch starb er immerhin nicht am Steuer seines Wagens nach einem Disco-Besuch, wie eine Webseite richtig anmerkt. Unsere gleichaltrigen Fußballstars beziehungsweise ihre Angehö-rigen werden dafür noch mit fetten Renten und Ehrungen auf Straßenschildern belohnt.

Diesbezüglich hätte ich sogar ein Beispiel an der Hand, das gerade ins Alphabet paßt, nämlich den kanadischen Eis-hockeyspieler Michel Brière (1949–71). Laut verschiedenen Quellen war der damals 20jährige Profi von den Pitts-burgh Penguins Mitte Mai 1970, übrigens kurz nach seiner Hochzeit, in Quebec im eigenen Wagen mit zwei Freunden unterwegs. Brière lenkte. In der Nähe von Malartic, seiner Heimatstadt, flog der Wagen jedoch aus einer Kurve und überschlug sich mehrmals. Während seine beiden Freunde, Yvon Toupin und Raynald Bilodeau, zufällig mit vergleichsweise leichten Verletzungen davonkamen, lan-dete Brière mit schweren Kopfverletzungen im Kranken-haus und im Koma. Nach knapp einem Jahr aufwendiger Fürsorge, mehrere Gehirnoperationen eingeschlossen, starb der nun 21jährige Kämpfer. Daraufhin benannte seine bestürzte Zunft zwei regelmäßig verliehene Auszeichnungen nach ihm.

Zur Krönung dieser Geschichte wagt das auflagenstarke Blatt Le Journal de Montréal in einem jüngstem Gedenk-artikel** den Hinweis, es habe damals noch einen zweiten Toten gegeben. Auf dem Weg ins Hospital habe der Krankenwagen, in dem Brière lag, am Stadtrand von Malartic einen 18jährigen Radfahrer angefahren und getötet, Raymond Perreault. Der sei sogar ein Freund des Schwerverletzten gewesen.

* Reimar Paul in der taz am 21. Dezember 2019: https://taz.de/AKW-Gegner-starb-2004/!5647402/
** Alain Bergeron, »La fin tragique du conte de fées de Michel Brière«, 29. Mai 2020: https://www.journaldemontreal.com/2020/05/29/fin-tragique-dun-conte-de-fees
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Briban, Roxana 39 (1971–2010), erfolgreiche rumä-nische Opernsängerin. Ihr Fall ähnelt dem von Filmstar Jonathan >Brandis, nur war sie schon deutlich älter. »Sie lebte für ihre Stimme, und sie starb wegen ihr«, versichert ein Wiener Blatt.* Laut ihrem Ehemann Alexandru beging sie Selbstmord, weil sie seit ungefähr anderthalb Jahren an Stimmproblemen litt. Im Vorjahr hatte sie ihre Festanstel-lung an der Bukarester Nationaloper verloren – ob wegen der Stimmkrise oder ob wegen der Wiener Staatsoper, wo Briban wiederholt aufgetreten war, ist umstritten.** Möglicherweise achtete die Künstlerin auch bei ihrem Selbstmord auf eine gewisse Bühnenwirksamkeit. Gatte Alexandru habe im Computer ihre Nachricht »Verzeih mir«; im blutroten Badewasser dagegen sie selber gefun-den. Sie hatte sich die Pulsader aufgeschnitten. Der arme Mann. Oder sollte er ein Exemplar seines Geschlechts gewesen sein, das nichts Besseres verdient hatte? Dazu sagen die Blätter nichts.

* Krone 25. November 2010: https://www.krone.at/232399
** Wichita Eagle 22. November 2010: https://www.legacy.com/obituaries/kansas/obituary.aspx?n=roxana-briban&pid=146777831




Brieger, Lolita 18 (1964–82), Mordopfer in der Eifel. David Klauberts ausführliche Darstellung* dieses erst nach 30 Jahren halbwegs aufgeklärten Mordfalles ist geradezu niederschmetternd. Der Fall ist zu gewöhnlich; die Betei-ligten sind zu bedauernswert, zu beschränkt, zu gehässig; an diesen abgelegenen ländlichen Tatorten leben zu müssen, kommt bereits in der bloßen Vorstellung einer Verbannung nach Sibirien gleich. Man möchte am liebsten gar nicht mehr viel dazu sagen.

Als »Vertriebene« und »Evangelische« wurden die Briegers im Dorf geschnitten. Gleichwohl gelingt es Lolita, den Sohn eines reichen Bauern Josef K. für sich zu interessieren. Man ahnt es bereits: er schwängert sie – und weder sein Alter noch er selber möchten sie und gar noch ein Plag im Hause haben. Aber auch im Häuschen der Briegers (fünf Kinder) herrscht kein Idyll. Lolita flieht vor ihrem rohem Vater und kommt in einem Nachbardorf als Näherin unter. Ihre Vermieterin bezeugt die wiederholten lautstarken Auseinandersetzungen zwischen Lolita und ihrem Besucher Josef. Am 4. November 1982 zu einer Aussprache zum Hof K. unterwegs, verschwindet die 18jährige unvermutet und wird für 30 Jahre nicht mehr gesehen. Man darf darauf wetten, die Eifel lag an jenem Tag, wie so oft, unter bleiernem Nebel. Die DörflerInnen bevorzugen die Annahme, das Mensch habe sich umgebracht oder mit einer Abfindung von Bauer K. versehen in ein holländisches Freudenhaus aufgemacht. Dann, 2011, rollen ein Kriminalhauptkommissar und ein Staatsanwalt aus Trier die Sache wieder auf. Und auch das ist niederschmetternd: Lolitas in einem Plastiksack steckendes Skelett wird nahe am Dorf auf einer Müllkippe ausgebaggert. Ein Kumpel des Josef K., Michael, hatte endlich gesungen. Josef hatte sein Liebchen erwürgt. Jetzt schwieg er eisern. Und da ihm das Gericht weder Heim-tücke noch sonstige »niedere Beweggründe«, also keinen Mord nachweisen kann, verläßt er den Gerichtssaal im Juni 2012 aufgrund eines inzwischen verjährten Totschlags als freier Mann.

Na, wenn wir schon einmal dabei sind, wir haben es noch dicker. Es war erneut im November, diesmal 2013, also nur ein Jahr nach Josef K.s Freisprechung vor dem Landge-richt Trier. Die 14jährige Oberschülerin Alyssa X aus Eichwalde bei Berlin hatte via Internet einen wohl 19jährigen aus NRW kennengelernt. Sie lud ihn wiederholt in ihr Elternhaus ein, konnte sich aber nicht richtig für ihn erwärmen. Maurice M. ließ sich allerdings nicht abwimmeln. Nachdem er zuletzt die erbetene Abreise vorgetäuscht hatte, lauerte er seiner neuen Angebeteten auf einer Wiese unweit des S-Bahnhofs Eichwalde auf, um sie mit sage und schreibe 78 Messerstichen grausam für ihre mangelhafte Zuneigung zu bestrafen. Ein Versuch des Täters, sich nach vollzogener Rache vor einen nahenden S-Bahnzug zu werfen, mißglückte. Sein Opfer starb noch auf der Wiese.

Diesmal sah das Gericht die »niedrigen Beweggründe« als gegeben an, rechnete Maurice M. jedoch eine »narzißtische Persönlichkeitsstörung« an. Er bekam 13 ½ Jahre Gefängnis. Alyssas Mutter war im Gerichtssaal mehrmals weinend zusammengebrochen. Einen für mich befremd-lichen Geist offenbarte der Verteidiger des Angeklagten, Michael S. Er meinte, man dürfe die Tat »nicht moralisch« bewerten; sie dürfe ausschließlich »nach streng juristi-schen Kritierien« beurteilt werden.** Da hat man, nach den Messerstichen des Gestörten, die schwachsinnige Grausamkeit des bürgerlichen Rechts.

* »Lolita und Josef«, FAZ, 27. Mai 2012: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/mordanklage-nach-30-jahren-lolita-und-josef-11764849.html
** »13 1/2 Jahre Gefängnis ...«, Der Tagesspiegel, 30. April 2015: https://www.tagesspiegel.de/berlin/nach-dem-grausamen-tod-der-14-jaehrigen-alyssa-13-1-2-jahre-gefaengnis-im-manga-mordprozess/11709794.html




Brinkmann, Rolf Dieter 35 (1940–75), Schriftsteller, Straßenverkehrsopfer. Der in der Regel als »Dichter« bezeichnete 35jährige aus Vechta (bei Oldenburg) wurde schnöde überfahren, falls den überreichlich vorhandenen Quellen zu trauen ist. Es soll ihn im April 1975 als Fußgänger in London erwischt haben, nachdem er, in Cambridge, bei einem international besetzten Lyriker-Innentreffen aufgetreten war. Angeblich mißachtete er beim Überqueren einer Straße den landesüblichen Linksverkehr. Er starb vor den Augen seines Zunftkollegen Jürgen Theobaldy, der ihn beim Stadtbummel begleitet hatte, noch an der Unfallstelle. Theobaldy soll versichert haben, Brinkmann und er seien an jenem spätem Nach-mittag unweit des Shakespeare Pubs, den sie aufsuchen wollten, keineswegs bereits betrunken gewesen.* Brink-mann war anscheinend ein paar Schritte vorausgegangen. Von einem gerichtlichem Nachspiel ist mir nichts bekannt. Spätestens durch diesen oft als »sinnlos« beklagten Tod war der Weg für eine ausgedehnte Sinngebungs-Industrie frei, die Brinkmann, den unerschrockenen »Erneuerer« unserer Lyrik, den Schmied »freier Verse« und sogenannter »Prosa-Gedichte« (beides Arten schwarzer Schimmel) inzwischen als Kultautor etablieren konnte.

* Nicola Bardola, »Lyrik-Revue Folge 10«, Das Gedicht (Blog), 20. Februar 2019: https://www.dasgedichtblog.de/lyrik-revue-folge-10-auf-dem-grund-ungeloester-raetsel/2019/02/20/



Brise, Tony 23 (1952–75). Der englische Autorennfahrer ist eigentlich nur bemerkenswert, weil er in berufsfremder Materie starb. Dabei war er trotz seiner Jugend durchaus schon mehrere Formel-1-Rennen gefahren. Doch der Sportlertod ereilte ihn, im Verein mit fünf Teamkamera-den, Ende November 1975 in der Luft. Damals kehrte eine von Rennfahreras Graham Hill persönlich geflogene sechssitzige Piper Aztec, die diesem auch gehörte, aus Frankreich zurück. Beim Versuch, in dichtem Nebel auf dem Londoner Flughafen Elstree zu landen, ging sie drei Meilen vorher auf dem Golfplatz von Arkley zu Bruch. Ich nehme an, von dieser anderen Sportart kam niemand zu Schaden, weil die Schläger wegen der Tageszeit – nachts – und des Nebels ruhten. Pilot Hill hatte sich zwar schon vom aktivem Wettkampf zurückgezogen, trat aber noch als Rennstalleiter auf. Bei dem Flugzeugabsturz – der auch ihm das Leben kostete – war er genau doppelt so alt wie sein mit Hoffnungen behängtes junges Pferd Brise: 46.



Fortsetzung Bro—Chal
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