Mittwoch, 15. September 2021
LdF Folge Berr—Bont

Berry, Bryan 36 (1930–66), britischer Science-Fiction-Autor, angeblich wie im Sternendunst verschwunden. Dabei hatte er als kommender Star gegolten. Nach etlichen in rascher Folge veröffentlichten Romanen verstummte er aber um 1955, ohne daß es dafür eine Erklärung gegeben hätte. In Petts Wood, Kent, lebend, einem südöstlichem Vorort von London, pflegte er bis dahin unregelmäßig bei Fan-Treffen oder Verlegern in der City aufzutauchen, doch nachdem er einige Wochen nicht erschien, hielten ihn viele Fans oder Fachleute für tot. Recherchen, etwa bei seiner Mutter, wurden offenbar nicht angestellt. Die Gerüchte gingen vom Motorradunfall über Drogen- oder Rauchertod bis hin zum Selbstmord, wobei auch Berrys zuletzt erschienene Erzählung Strange Suicide ins Feld geführt wurde. In Wahrheit lebte er aber noch gut 10 Jahre länger, falls Steve Holland, offensichtlich ein Kenner, mit einem Blog-Beitrag von 2009 richtig liegt.* Danach wurde Berrys Tod (mit 36) im dritten Quartal 1966 amtlich in London-Hampstead registriert. Näheres sei noch nicht erforscht.

Holland weist richtig darauf hin, der Sohn eines »Distil-lers« (Schnapsbrenners?!) sei in kriegerischen Zeiten aufgewachsen. Er schreibt, Berrys Helden tauchten wiederholt nach einem Atomkrieg auf und strebten danach, meist mit Hilfe in Vergessenheit geratener Technologien, eine weniger brutale und unwirtliche Welt aufzubauen. Trifft das zu, könnte der Brite ein angeneh-merer Zeitgenosse als sein österreichischer Kollege Walter Brandorff gewesen sein. Eine andere Frage ist, ob ihm ein sanfteres Ende beschieden war als dem Kärntner, der hauptsächlich im Horror-Fach tätig war, von seinen weltlichen Ämtern einmal abgesehen. Der 53jährige kam (1996) bei einem Hubschrauberabsturz um.**

Wie es aussieht, wissen wir noch nicht einmal, ob Berry es wünschte, à la Ambrose Bierce und B. Traven als spurlos Verschwundener zu gelten. Und wenn ja, warum? Auf ForscherInnen wartet hier ein Schatz, der möglicherweise aus dem Loch Ness geborgen werden muß, wahrscheinlich aber deutlich weniger Honorar einbringt als Orwells 1984.

* Bear Alley, 30. November 2009: https://bearalley.blogspot.com/2009/11/bryan-berry.html
** Eine um 2015 verfaßte kritische Darstellung ist dem jüngstem Umbau meines Blogs zum Opfer gefallen. Ich kann sie auf Wunsch verschicken.




Bertram, Theodor 38 (1869–1907), deutscher Opern-sänger. Der stattliche Schwabe aus musischem Hause, meist ins Fach »Heldenbariton« sortiert, machte steile Karriere. Mit seiner kraft- und klangvollen Stimme galt er um 1900 als Inbegriff des Wagner-Sängers. Zu den Dingen, die ihn mit knapp 40 umwarfen, zählte sicherlich das Riesenpech, das seine beiden Ehefrauen heimsuchte. Seine erste Gattin, die Sopranistin Fanny Moran-Olden, rund 14 Jahre älter als er, starb 1905, mit knapp 50, »geistig umnachtet« in einer Berliner »Privatirrenanstalt«, falls die Autoren Müller/Beck nicht irren.* Als Grund führen sie überreizte Nerven wegen der ruhelosen Gast-spielreisen an. Ob das die Kranke auch selber glaubte ..? Was den Gatten angeht, war er möglicherweise schon zu dieser Zeit von Geldnöten und Liebe zum Alkohol geplagt. Allmählich litt seine gepriesene Stimme; zuletzt wurde er sogar von Intendanten verschmäht, die ihm einst geschmeichelt hatten.

Zur zweiten Frau nahm sich Bertram (1906) erneut eine Sängerin, Lotte Wetterling, über die so gut wie nichts zu finden ist, Alter eingeschlossen. Diese Ehe war bereits nach einigen Monaten vorbei, weil Wetterling bei der Überfahrt von England nach Holland in einen bösen Sturm geriet. Das war am 21. Februar 1907. Der Sturm schmetterte das gut 90 Meter lange Linienschiff Berlin, ein Dampfer, vor Hoek van Holland gegen eine Mole, sodaß es zerbrach. Das war kein Sturz vom Fahrrad. Von den 143 Personen an Bord starben 128. Unter den Toten befanden sich 19 deutsche BühnenkünstlerInnen vom Mannheimer Nationaltheater und der Dresdner Semperoper, die ein Engagement in London hinter sich hatten. Dazu zählte, neben Wetterling, beispielsweise auch die Sopranistin Hilde Schöne (Gantzer), geboren 1875, wohl 31 Jahre alt. Dieser Vorfall habe »dem sensiblen« Bertram den Boden unter den Füßen weggezogen, schreiben Müller/Beck. Ende November habe er sich unweit des Bayreuther Bahnhofs am »offenen« Fenster seines Hotelzimmers erhängt. Vom Erhängen im Bahnhofshotel ist auch in anderen Quellen zu lesen, doch nur bei Müller/Beck, die schließlich Bayreuther Schauergeschichten versprechen, ist die Leiche am offenen Fenster sogar »nackt«. Vielleicht kam es auf die winterliche Kälte und die guten Sitten nicht mehr an.

Außer dem Klobrillenwort »sensibel«, ungefähr so allumfassend, abgenutzt und beliebt wie »lecker«, fahren die beiden fränkischen Autoren nichts auf, was uns der Persönlichkeit, zumal der Antriebskräfte Bertrams näher bringen könnte. Warum mußte er unbedingt Helden-bariton werden? Trösten wir uns: die restlichen Quellen wissen es anscheinend genauso wenig. Oder es interessiert sie nicht.

* Stephan Müller / Gordian Beck, Dunkle Geschichten aus Bayreuth / schön & schaurig, Gudensberg 2018, S. 11–13: https://www.buchshop.at/annotstream/9783831332304/PDF/M%C3%BCller-Stephan/SCH%C3%96N--SCHAURIG---Dunkle-Geschichten-aus-Bayreuth.pdf



Bhanot, Neerja 22 (1963–86). Die Tochter eines indischen Journalisten (der Hindustan Times) wurde Flugbegleiterin. Vielleicht hatte sich so mancher, der nur ihre glänzende Erscheinung sah, in ihr getäuscht – darunter Bhanots Gatte, von dem sie sich nach einer arg frühen Ehe getrennt hatte. Sie war eine Illustrierten-schönheit und wurde nun als »Sicherheitsprofi« trainiert, aber dann »als Kellnerin getarnt«, um mit dem Luftfahrt-magazin Austrian Wings zu sprechen. Ihre Feuerprobe kam rasch. Am 5. September 1986 war die knapp 23jährige Kabinenchefin eines Pan-Am-Linienfluges (Nr. 73) von Mumbai/Bombay nach New York City. In Karatschi zwischengelandet, brachten vier (angeblich palästinen-sische) Attentäter die Maschine, die rund 380 Personen an Bord hatte, in ihre Gewalt, nicht jedoch die dreiköpfige Cockpit-Besatzung, die aufgrund eines just durch Bhanot ausgerufenen Warn-Codes durch eine Deckenluke ent-kommen konnte. Das indische Blatt The Tribune scheint diesen Rückzug als feige Fahnenflucht aufzufassen.* Jedenfalls war damit die eigentliche Entführung vereitelt. Das Kommando lag nun bei Bhanot. Es folgte ein 17 Stunden währendes »Geiseldrama«, das in einem kleinem Blutbad endete. Aber es gab eben »nur« 20 Tote. Unter ihnen Bhanot, die sich, nach all der Tapferkeit und Besonnenheit, die sie in jenen zermürbenden Stunden gezeigt hatte, zuletzt im Kugelhagel schützend vor drei Kinder warf. Bei so vielen Überlebenden, sprich Zeugen, dürfte die Geschichte einigermaßen glaubwürdig sein. Bhanot wurde posthum mit Rühmungen und Auszeich-nungen überschüttet. 2004 kam eine indische Briefmarke zu ihrem Gedenken heraus.

* Illa Vij, »Brave in life, brave in death«, Tageszeitung The Tribune (Chandigarh), 13. November 1999: https://www.tribuneindia.com/1999/99nov13/saturday/head10.htm



Bibb, William Wyatt 38 (1781–1820), US-Politiker. Ursprünglich Arzt, brachte er es immerhin noch bis zum Gouverneur des neuen Bundesstaates Alabama, ehe sein Pferd streikte. Alabama stößt im Süden an den Golf von Mexico. Zur Hauptstadt war damals Cahawba auserkoren worden, das recht zentral, zudem zwischen zwei großen Flüssen lag. Unter Bibb wurden einerseits Duelle, andererseits Fluchthilfe für Sklaven für strafwürdig erkannt. Mit besonderem Eifer betrieb der erste Gouver-neur Alabamas die Errichtung eines hauptstädtischen Capitols, doch dessen Fertigstellung erlebte er nicht mehr. Das Pferd warf ihn, angeblich während eines Unwetters, im Frühjahr 1820 in der Nähe seiner im Autauga County gelegenen Plantage ab. Da guckten sicherlich alle Sklaven entsetzt. Da Bibb bereits an Tuberkulose litt, mag sich allerdings Spott verbieten. Anscheinend hatte sich der 38jährige Staatschef noch durch Wochen mit den erlittenen Kopf- und Nierenverletzungen abzuquälen, ehe er im Juli das Zeitliche segnete.* Man baute das Capitol pflichtbewußt zu Ende – und entschloß sich 1825 wegen des von Stechmücken umschwärmten Hochwassers, das regelmäßig im neuen Capitol stand, den ganzen Regie-rungssitz kurzerhand nach Tuscaloosa zu verlegen. Bibb war tot; der Schildbürgerstreich lebte.

* Daniel S. Dupre in der Enzyclopedia of Alabama, 2008/14: http://encyclopediaofalabama.org/article/h-1416



Bider, Julie Helene 24 (1894–1919), auch Leny ge-nannt, schweizer Künstlerin, erschießt sich wenige Stun-den nach dem Absturz ihres Bruders Oskar Bider, knapp 28, der gerade seinen Abschied als Jagd- und Kunstflieger des Militärs genommen hatte. Damit hätten wir wieder einmal zwei abenteuerlustige Gescheiterte auf einen Schlag. Offenbar waren sie beide auch ängstlich. Sie waren Geschwister, aus gut betuchtem Baseler Mittelstand stammend, nach dem recht frühen Tod der Eltern (1907/11) allerdings Vollwaisen, andererseits Erben. So lag eine eher mondäne oder »dadaistische« als eine proletarische Lebensführung nahe. Dabei hatte Oskar ursprünglich Landwirt gelernt! Aber dann begeisterte er sich für die noch brandneue Fliegerei. Irre ich mich nicht, war er ein Vorläufer seiner Landsleute Walter Mittelholzer († 1937) und Walter >Ackermann († 1939). Er brachte es bis zum Oberleutnant und Chefpilot der schweizer Fliegertruppen, schon bewundert seit 1913, als er die Pyrenäen und die Alpen überflogen hatte. Selbstmord kam da offiziell nicht in Frage. So wurde sein Absturz bei einer akrobatischen Übung mit vermutlichem Schwindel (aufgrund der Drehungen) erklärt, denn die Maschine war in Ordnung gewesen. Somit lag der Schwindel eher auf Seiten der Offiziellen. Im übrigen dürfte Oskar, nach einer durchzechten Nacht, betrunken und übermüdet gewesen sein. Von daher wäre ein Unfall in der Tat kein Wunder gewesen.

Nach dem Thuner Kenner Johannes Dettwiler-Riesen* und dem NZZ-Autor Daniel Steffen** ist jedoch Absicht wahrscheinlich. Damit hätte sich der berühmte Kunst-flieger mutwillig, wohl fast kopfüber, ins Dübendorfer Flugfeld (bei Zürich) gebohrt, statt sich, bei einer sogenannten »Vrille«, geschickt abzufangen. Oskar habe damals offensichtlich eine persönliche Krise durchgemacht und unter Ängsten wegen seiner beruflichen Zukunft gelitten. In seinem Todesjahr stand er nämlich im Begriff, mit Partnern die zivile Fluggsellschaft Ad Astra zu gründen, die in der Schweiz ein Liniennetz aufzubauen gedachte, und das war schon aus ökonomischen Gründen ein gewagtes Unternehmen. Nebenbei hatte der ledige schneidige Chefpilot schon von mindestens zwei Damen heiratsfähigen Alters Körbe bekommen. Seine Schwester konnte er ja schlecht heiraten. Dettwiler betont sowieso, für eine inzestuöse Beziehung zwischen Oskar und Leny gebe es keinerlei Belege.

Leny galt als Schönheit. Die aparte Erscheinung der Dunkelhaarigen mit den auffallend hochsitzenden Augenbrauen paßte sicherlich zu ihrem starkem Wunsch zu gefallen. Andererseits neigte sie schon als unfreiwillige Haushaltungsschülerin zur Aufmüpfigkeit. Ab 1915 in Zürich, wohl vor allem wegen des dort stationierten Bruders, nimmt Leny Kunst- und Schauspielunterricht. Sie arbeitet auch als Fotomodell und betreibt vorübergehend sogar ein kleines Mode-Atelier für eigenhändig entworfene Kleider und Hüte. Vor allem jedoch drängt es sie zum neumodischen Medium Film. Tatsächlich ergattert sie auch zwei Rollen in Stummfilmen, die sogar erfolgreich gewesen sein sollen, obwohl oder weil ihnen, mitten im Weltkriegsgeschehen, angeblich ein satirischer Zug gegen das Militär eignete. Dabei wurde Leny anscheinend mehr gefeiert als der noch junge, unerfahrene Regisseur des zweiten Films. Möglicherweise trug das zum Abbruch ihrer Kino-Laufbahn bei. Manche BeobachterInnen vermuten freilich, hier habe auch der Züricher Chemiker, Apotheker, Kavallerist, Fliegerbeobachter und Oberleutnant Ernst Theodor Jucker, ein Flugschüler und Kumpel Oskars, seinen nicht unbeträchtlichen Einfluß bremsend geltend gemacht. Oskar selber dürfte natürlich auch nicht von ihren Flausen erbaut gewesen sein. Schließlich war er hauptberuflicher Soldat.

Zu Jucker muß man wissen: der Mann hatte, wie so manche andere, ein Auge auf Leny geworfen, wobei er allerdings entschlossen war, eine ehrbare Offiziersgattin aus ihr zu machen. Das behagte der eigenwilligen und rampenlichtsüchtigen Leny zwar wenig, zumal sie nicht in Jucker verliebt war, aber offenbar sah sie keine Alterna-tive. Ihre Erbschaft ging zur Neige, die Kriegswirtschaft kriselte, und jünger wurde sie auch nicht. Damals mußten hübsche Frauen wie sie heiraten und Nachwuchs züchten. So kündigt sie mit Jucker am 5. Juli 1919 in einer Zeitung die bevorstehende Hochzeit an. Übrigens sollte der flotte Kavallerist, geboren 1889, im Juni 1921 noch einen dritten Frühverstorbenen für diesen Artikel liefern: sich selbst. Laut Dettwiler kam er, mit 31, durch einen tödlichen Reitunfall bei einem Jagdrennen mit Offizieren um. Das hatte Leny natürlich nicht ahnen können, sonst hätte sie die zwei Jährchen vielleicht tapfer abgesessen oder -gelegen.

Gleich nach dem Erscheinen der Zeitungsnotiz über die Hochzeitsabsicht spitzte sich die Lage erheblich zu. Es war der 6. Juli. Für den Abend dieses Sonntags hatte Oskar einige Kameraden zur Feier seines Abschiedes als Chefpilot der Armee eingeladen. Bis gegen Mitternacht war auch Schwester Leny mit von der Partie. Man zog durch verschiedene Züricher Lokale. Oskars Gemütsverfassung ist anscheinend nicht überliefert. Mit der Morgendäm-merung begab man sich aufs Flugfeld, wo Oskar, vor seinem letztem Unterricht, noch ein paar akrobatische Übungen vorführen wollte. Dabei stürzte er in den Tod. Es war der 7. Juli. Gegen Mittag erschien die benachrichtigte Schwester auf dem Flugfeld. Sie soll völlig aufgelöst gewesen sein. Sie kehrt in ihre Dachwohnung im ehema-ligen Hotel Bellevue au Lac zurück, greift noch um Mittag zur ihrer Pistole und schießt sich in den Kopf.

Ob die berüchtigten »Kurzschlußhandlungen« vorlagen oder ob es vielmehr zwischen den Geschwistern mehr oder weniger deutliche Winke mit dem Zaunpfahl oder gar Absprachen gab, weiß offenbar niemand. Dettwiler sagt, möglicherweise habe Jucker Lenys Verwandten einen Abschiedsbrief von ihr übergeben, doch der sei nicht aufzufinden. Die Pistole habe sie vermutlich schon auf ihrer Englandreise erstanden (1913/14), also nicht etwa von Oskar erbettelt. Vielleicht zum Schutz, denn damals war sie, blutjung, allein unterwegs gewesen.

So bleibt die Sache grundsätzlich, wie Steffen mit beliebter Formel sagt, »mysteriös«. Sicher ist, Leny Bider fürchtete Bevormundung. Insofern war sie von Oskars Absturz vor der sicheren Knechtschaft bei Jucker bewahrt worden. Nebenbei hätte der kriselnde Apotheker die Verfügungs-gewalt über ihr restliches ererbtes Vermögen bekommen, und auch das beschneidet ja wohl die Selbstständigkeit – während es Jucker vielleicht aus der Patsche geholfen hätte. Von Sexualität fällt, nimmt man Dettwilers Zurückweisung des Inzest-Vorwurfes einmal aus, in allen mir zugänglichen Quellen nicht ein Wort. Dabei wäre ich weder verblüfft, wenn sich Leny gar nichts aus Männern gemacht hätte, noch wenn die Wonnen sexueller Zweisamkeit bis zu ihrem Kopfschuß stets an ihr vorbeigegangen wären. Im Bruder liebte sie vermutlich vornehmlich den Helden (das Fliegeridol ihrer Zeit) und den Vaterersatz, den Führer oder Ratgeber also. Die Einsamkeit dagegen liebte sie vermutlich so wenig wie er.

* Johannes Dettwiler-Riesen, Oskar-Bider-Archiv: https://oskar-bider-archiv.ch/?Biografie%3A_Oskar_Bider_%281891%E2%80%931919%29
** Daniel Steffen, »Oskar Biders letzter Flug«, 7. Juli 2019: https://www.nzz.ch/schweiz/oskar-biders-letzter-flug-ld.1494127




Biel, Gottlieb von 38 (1792–1831), patriotischer Guts-herr und Pferdezüchter aus Mecklenburg (zweiteiliges Herzogtum), bekam nach Militärzeit und Kriegsteilnahme anscheinend das Gut Weitendorf* (nebst Neu Jassewitz?), während sein älterer Bruder Wilhelm in Zierow saß. Zierow liegt unmittelbar an der Wismarer Bucht, Weiten-dorf (heute zu Gägelow) schließt sich südlich an. Gottlieb lebte zeitweise in England, nahm dann (1813?) an den »Befreiungskriegen« teil und war zuletzt Generalstabs-Hauptmann in Braunschweiger Diensten, ehe er sich (1814) seinen Gütern zuwandte. Die Brüder griffen vereint die (englische) Vollblutzucht und die Einrichtung von Pferdewetten-Rennbahnen an. Der ältere Bruder wurde auch noch steinalt; Gottlieb jedoch starb mit 38, laut Nachrufer Friedrich Brüssow* »nach mehrjährigem körperlichem Leiden«. Er war unverheiratet. Um nähere Auskünfte oder Fingerzeige gebeten, falls möglich, ließ mir das Stadtarchiv Grevesmühlen das Schweigen im Walde zukommen, obwohl es zwischen Wismar und Klützer Winkel gar nicht so viele Wälder gibt.

Ich will gestehen, für einen kränkelnden Großgrundbe-sitzer bringe ich in der Regel weniger Mitleid als beispielsweise für den (angeblich) »manisch-depressiven« Hamburger Boxer Knut >Blin auf, dessen Großvater Melker war. Schließlich wird der Junker von niemandem gezwungen, das väterliche Erbe anzunehmen, Dutzende von Landarbeitern auszubeuten und die »erwirtschafte-ten« Möpse in die Zucht von Rennpferden zu stecken. Brüssow lobt die züchterischen und sportlichen Verdienste der Brüder über den Klee. Beide waren anscheinend »Freiherrn« oder »Barone«. Und sie waren eben in Pferde und in Wettkämpfe vernarrt. Vielleicht ist nicht jedem Leser klar, daß er zur einzigen irdischen Tierart gehört, die es darauf anlegt, aus jeder Tätigkeit oder Fertigkeit, die ihm unterkommt, einen Sport zu machen. Wer ist als erster bis zum Spielplatzeingang gerannt? Wer vertilgt in 12 Minuten mehr Kartoffelklöße? Wer landet als erster auf dem Mond? Und so weiter. Diesem Sportwahn frönt der Mensch besonders gern ab ca. 1900, als der Wahn professionell, also einträglich wird. Gewiß hätte auch Knuts Vater Jürgen Blin nicht unbedingt Boxer werden müssen; er hätte Metzger bleiben oder gleich Gastwirt werden können. So oder so setzt die Berufwahl allerdings eine Freiheit vom ererbtem und anerzogenem Naturell voraus, an die ich noch nie geglaubt habe.

Gleichwohl sind mir die Blins sympathischer als die Von Biels, weil sie in ihre Box-Besessenheit keine Tiere mit hereinziehen. Sie prügeln weder auf Eichhörnchen noch auf englische Vollblutpferde ein. Ausgerechnet das »edle« Pferd für den Sportwahn zu mißbrauchen, das ist schon ein starkes Stück. Andernorts führte ich einmal den Scherz an, ein arabischer Scheich habe bei einer Einladung zum Besuch eines Pferderennens nur abgewinkt: »Ich weiß schon, daß ein Pferd schneller läuft als ein anderes. Welches, ist mir egal.«

* https://gutshaeuser.de/de/guts_herrenhaeuser/gutshaeuser_w/gutshaus_weitendorf_bei_wismar
** in: F. A. Schmidt / B. F. Voigt, Neuer Nekrolog der Deutschen, 9. Jahrgang (1831), Ilmenau 1833, S. 409–11: https://books.google.de/books?id=_HoDAAAAYAAJ&pg=PA409#v=onepage&q&f=false




Bierce, Day 16 (1872–89) und Leigh Bierce 26 (1874–1901). Die beiden Söhne des US-Berufssoldaten, Schürzenjägers, Journalisten, Saufkopps, Asthmatikers, Erzählers und mutmaßlichen Selbstmörders Ambrose Bierce machten, soweit die Quellen reichen*, ihrem Vater alle Ehre. Der 16jährige Day hatte eine Braut, wohl Eva Atkins mit Namen, die eines schlechten Tages mit seinem besten Freund durchbrannte, wohl Neil Hubbs. Als das abtrünnige Paar nach Chico (Kalifornien) zurückkehrte, stellte Day es zur Rede. Schon zogen beide Männer ihre Colts und ließen diese sprechen. Hubbs wurde getötet, während Eva möglicherweise nur einen Steifschuß ans Ohr abbekam. Daraufhin habe sich Day in ein höher gelegenes Zimmer zurückgezogen – um sich eigenhändig zu erschießen.

Bruder Leigh schaffte 10 Jahre mehr. Er bemühte sich gerade als Journalist Fuß zu fassen, als ihn, in New York City, eine Lungenentzündung niederwarf und tötete. Wahrscheinlich hatte er sich die Krankheit bei einer Sauf-tour geholt. Er soll eine junge Witwe hinterlassen haben, mit der er erst seit wenigen Monaten verheiratet war.

Nach einigen Quellen, die ich noch nicht gefunden habe, verbieten sich Abfälligkeit und Schadenfreude, weil die Brüder vor ihrer Geburt nicht gefragt worden waren, ob sie den Bauch von Ambrose Bierces Gattin Mary Ellen »Mol-lie« Day wirklich auf eigene Verantwortung zu verlassen gedächten.

* Hauptsächlich »Ambrose Bierce« in der englischen Wikipedia, die üppige Literatur anführt.



Bigoni, Mario 27 (1984–2011), italienischer Profifuß-baller und Wettfreund, zuletzt beim schweizer Club FC Gossau (Kanton St. Gallen) tätig, dort jedoch 2009 vom Dienst suspendiert, weil er wahrscheinlich in betrügerische Spiel-Manipulationen verwickelt war, wie er selber angedeutet hatte. Der schweizer Fußballverband sperrte ihn. Zwei Jahre darauf war Bigoni tot. Er hatte am Samstag den 8. Oktober 2011 den Abend mit Freunden in einem schwimmenden Restaurant bei Gaißau, Vorarlberg, Österreich, verbracht. Dort soll es zu »heftigen Diskussi-onen« gekommen sein. Später sei Bigoni in Begleitung eines Freundes zu Fuß und ziemlich betrunken zum Parkplatz gegangen. Der Freund habe ihn aber »verloren«. Das sei der letzte Anhaltspunkt, hieß es in den ersten Berichten. Zwei Wochen darauf wurde Bigonis Leiche rund anderthalb Kilometer weiter, bei Rheineck (St. Gallen), aus dem Alten Rhein gefischt. War der Sportler also im Suff umhergeirrt, ausgeglitten und ertrunken?

Anfang November erklärte die Kantonspolizei, »trotz intensivster Abklärungen« habe sich die Todesursache nicht mehr genau feststellen lassen; es gebe allerdings weder Anzeichen für Mord noch Selbstmord. Sie gehe deshalb von einem Unfall aus.* Das klingt doch sehr nach Armutszeugnis oder Ausrede. Denn woher nimmt sie ihre Sicherheit? Hat sie jenen letzten Begleiter gefoltert? Wir wissen es nicht. Hat sie die Gegend nach denkbaren Zeugen abgegrast? Hatte der 27jährige Ex-Mittelfeld-spieler eine Geliebte oder noch mehr Vertraute als jenen Nichtgefolterten mit dem »Blackout« – und was meinten die? Auch das wird uns nirgends verraten.

»Die kroatische Wettmafia soll [2009] mehrere Spiele des FC Gossau manipuliert haben«, heißt es in der angeführten Quelle. Angenommen, die »Mafia« empfand Bigoni als Verräter – hätte sie die Mühe und das Wagnis auf sich genommen, ihn aus »Rache« umzubringen? Denn mehr bietet sich ja als Motiv nicht an, da inzwischen schon wieder zwei Jahre ins Land gegangen waren, also kaum weitere peinliche Enthüllungen drohten. Eine Ermordung durch die Wettbrüder ist demnach unwahrscheinlich. Das gilt freilich genauso für die polizeiliche Unfalltheorie. Schließlich war Bigoni kein Greis, sondern in Rheineck als Mechaniker erwerbstätig und überdies bei einem dortigem Fußballclub ehrenamtlicher Jugendtrainer.

Ergo tippe ich auf ein anderes, bislang verborgenes Drama, das zu Bigonis Beseitigung führte, oder aber, ersatzweise, in der Tat auf Selbstmord, weil sich der geächtete Mann einfach zu schlecht oder zumindest zu schlecht bezahlt fühlte. Dazu wäre es allerdings nicht ungünstig zu wissen, was bei jenem gemeinsamen Essen erörtert wurde, wie kalt es damals außerhalb des Restaurants war und ob sich Bigoni, der Sportler, stets geweigert hatte, das Schwimmen zu erlernen.

* »Tod des Ex-Fussballers Mario Bigoni bleibt ungeklärt«, Aargauer Zeitung, 2. November 2011: https://www.aargauerzeitung.ch/sport/fussball/tod-des-ex-fussballers-mario-bigoni-bleibt-ungeklaert-115322831



Bindernagel, Gertrud 38 (1894–1932), Berliner Opern-diva. Ihr buchstäblicher Fall ist ziemlich eindeutig. An einem in mancherlei Hinsicht stürmischem Herbstabend des Jahres 1932 ließ sich die namhafte Sopranistin gerade in der Charlottenburger Oper als Brünnhilde in Wagners Siegfried bejubeln. Wie Kenner wissen*, gipfelt das Werk in dem Liebesduett »Leuchtende Liebe, lachender Tod«. Nachdem die angemessen brünette und etwas mollige Diva wiederholt vor den Vorhang geklatscht worden war (was man noch nicht wörtlich verstehen darf), schminkte sie sich in ihrer Garderobe ab und schickte sich an, die Oper in Begleitung einer Freundin, vielleicht auch ihrer Schwester nebst Mutter**, zu verlassen.

Vermutlich gefiel es Bindernagel an diesem Abend noch weniger als sonst, daß sie am Bühnenausgang von einem untersetzten Glatzkopf erwartet wurde, zumal er schon wieder eine Alkoholfahne vor sich hertrug. Das war der Hauptmann a.D., Ex-Bankier und Lebemann Wilhelm Hintze, der mit Bindernagel und dem gemeinsamen sechsjährigen Töchterchen Erika** noch bis vor kurzem zunächst in einer Zehlendorfer Villa, dann in einer 12-Zimmer-Etage im Westend gewohnt hatte. Er stand inzwischen in Scheidung mit der Sängerin (Heirat 1925)** und war an diesem Abend besonders schlecht auf sie zu sprechen, weil sie sich geweigert hatte, zu ihm zurückzukehren. Nun machte er nicht mehr viel Worte, zückte seine Pistole und betätigte den Abzug. Bindernagel starb wenige Tage später im Krankenhaus. Für Hintze schindete Rechtsanwalt Walter Bahn 12 Jahre Zuchthaus heraus. Ob der gelernte Offizier nach dem Angriff versucht hatte, auch sich selbst zu erschießen, ist offenbar umstritten. Jedenfalls sei er letztendlich geflohen, und zwar in einer Autodroschke, die jedoch von der Polizei rasch eingeholt worden sei.**

Den Hintergrund des Dramas bildeten die üblichen, wenn auch im Vergleich zum typischen Borsig-Arbeiter eher müßigen Geldsorgen. Im Zuge des »Schwarzen Freitags« (1929) mit seiner eigenen Bank Schiffbruch erlitten, hatte sich Hintze in der Folge skrupellos der hohen Gagen seiner Gattin bedient, um seinen fürstlichen Lebenswandel nicht einschneidend einschränken zu müssen. Dabei soll er Bindernagel ausgesprochen kurz gehalten und ihr sogar die Unterstützung ihrer Mutter, also seiner Schwiegermut-ter, angekreidet haben. Daraufhin reichte sie die Schei-dungsklage ein und versteckte sich und das Töchterchen vor ihm. Es war ihr Todesurteil.

Selbst Erika Bindernagel, das Töchterchen, soll bald darauf umgekommen sein. Es sei im Zweiten Weltkrieg bei einem Fliegerangriff auf Halle umgekommen, schreibt Musik-journalist Sommeregger.

* Peter Sommeregger am 2. Dezember 2019: https://klassik-begeistert.de/sommereggers-klassikwelt-12-2019-klassik-begeistert-de/
** »Der Schuss in der Oper«, Sozialdemokratischer Pressedienst (Berlin), 24. Oktober 1932, S. 10/11: http://library.fes.de/spdpdalt/19321024.pdf




Bischof, Werner 38 (1916–54), Fotograf. Durch seinen Militärdienst im Zweiten Weltkrieg war der angesehene schweizer Mode- und Werbefotograf auf ein anderes Sujet gestoßen: das Leid bedrohter oder verelendeter Menschen. Er veröffentlichte nun dokumentarische Fotos in der Presse, ab 1949 im Rahmen der engagierten Pariser Bildagentur Magnum. Für diese Agentur war schon Gerda >Taro tätig gewesen, die mit 26 Jahren an der Front im Spanienkrieg verunglückte. Bischofs eindringliche Bilder von diversen Kriegs- und Hungerschauplätzen fanden weltweite Verbreitung. Allerdings standen sie mit ihrer gekonnten Ästhetik oft im Widerspruch zu dem Elend, das sie zeigten – ein grundsätzliches Problem. Ab 1953 durchstreifte der zukünftige »Klassiker der Schwarzweiß-fotografie« den amerikanischen Kontinent. Gefechte in Indochina hatte Bischof überlebt, aber hier, in den peruanischen Anden, traf den 38jährigen jenes Unfallpech, das man sonst eher auf einer Stadtautobahnbrücke hat. Am 16. Mai 1954 in einem Chevrolet Station Car mit dem Geologen Ali de Szepessy-Schaurek und dem einhei-mischem Chauffeur Luis Delgado unterwegs, kam der Wagen am Cerro Peña del Aguila (bei Cajamarca) in einem Ort namens »Adlernest« von der Straße ab und stürzte in eine Schlucht. Alle drei starben.* Wenige Tage nach dem Unglück gebar Bischofs Frau Rosellina, wohl in Zürich, ihren zweiten Sohn Daniel. Der erste, Marco, war damals knapp vier. Wahrscheinlich hören sie selten: euer Vater starb bei der Jagd nach aufrüttelnden Fotomotiven und dem entsprechendem Ruhm.

* »Der Unvergessene«, Neue Zürcher Zeitung, 15. Mai 2004: https://www.nzz.ch/article9JOYF-1.254067?reduced=true



Biteco, Matheus 21 (1995–2016), brasilianischer Profi-fußballer, am 28. November mit seinem Club Chapecoense von Santa Cruz, Bolivien, nach Medellin, Kolumbien, unterwegs, wo man das Hinspiel des Finales der Copa Sudamericana zu bestreiten gedenkt. Im ganzen befinden sich 77 Personen an Bord. Nach dem Absturz kurz vorm Ziel, offensichtlich wegen verbreiteter Fahrlässigkeiten im Rahmen des in der Luft tobenden Konkurrenzkampfes, sind 71 von ihnen tot. Die Chartermaschine zerschellte am Berg »El Gordo«, ohne anscheinend ein Indiodorf à la »Adlernest« in Mitleidenschaft zu ziehen. Drei Spieler des Clubs überleben. Der Finalgegner aus Medellin zeigt Bestürzung und Hochherzigkeit und schlägt vor, den ihm selber zustehenden Titel posthum dem nahezu vernich-teten Club aus Südbrasilien zu verleihen, damit auch das Preisgeld: zwei Millionen US-Dollar. So wird auch verfahren. Nach einem Artikel von Martina Farmbauer* war Mittelfeldspieler Biteco vier Monate früher gerade Vater eines Sohnes geworden. Die Mutter erwähnt sie aber nicht.

* »Flugzeugabsturz trennt Biteco-Brüder«, sport 1, 30. November 2016: https://www.sport1.de/internationaler-fussball/2016/11/guilherme-biteco-trauert-nach-flugzeugabsturz-um-bruder-matheus



Bitterlich, Eduard 38 (1833–72), Wiener Bildender Künstler. Bei der vergeblichen Jagd nach den Todesgrün-den stoße ich auf einen Zeitungsartikel A. Hottner-Grefes, der erst 1934 erschien.* Darin geht es um die Fürsorge, die Sohn Hans Bitterlich, Bildhauer und langjähriger Akade-mieprofessor, dem Werk seines »schon in jungen Jahren von der bunten Schaubühne des Lebens abberufenen«, gleichwohl »genialen« Erzeugers angedeihen läßt. Aber auch in diesem Rahmen bleibt es bei einem Nebelkerzen-werfen in die Todesgründe: der begeisterungsfähige Senior habe sich buchstäblich verzehrt, er sei eine Lichtgestalt gewesen, die dann selber wie eine Fackel verlohte, und dergleichen mehr. Es ist zum Haareausraufen. Warum schreiben die nicht klipp und klar, der gute Mann sei mager-, schwind- oder ruhmsüchtig oder alles zusammen gewesen?

Apropos »die«. Hinter dem A. des Autorennamens soll sich, laut deutscher Wikipedia, die Schriftstellerin Anna Hottner-Grefe verbergen, geboren 1867 just in Wien. Sie schrieb wohl öfter für das hauptstädtische Journal, übrigens eine Tageszeitung. Nach dem Motto Herzen in Not (1935) muß die Dame bis zu ihrem Tod (1946) und sogar noch danach ganze Waschkörbe voll Liebes-Groschen-Romanen auf den Markt geworfen haben, auch in der braunen Zeit Wiens. Damit deckt sich gewiß ihre ekelhaft schwärmerische Sympathie für den Bildhauer Hans Bitterlich, der vom Führungspersonal des »Dritten Reiches« wohlgelitten war. 1943 erhielt er, laut ÖBL-Eintrag, die jeweils von Hitler persönlich verliehene Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft. Er wurde fast 90. Bei dieser ganzen Seilschafterei ist man verleitet zu seufzen Und alles aus Liebe … – um einen Titel der Autorin aufzugreifen, der 1950 erschienen sein soll. Und das paßt wiederum zu einer Meldung, die der damalige Chef vom Dienst des Journals nicht ganz untalentiert unmittelbar neben ihrem Artikel über die Bitterlichs ins Blatt schob: »Vater erschießt seinen Sohn«.

Danach entflammte im burgenländischen Dorf Buch-schachen ein Streit zwischen dem 61jährigem Zimmer-mann und Landwirt Samuel Koch und dessen 26 Jahre altem Sohn Josef Koch, einem Schmiedemeister, der auch prompt ein Messer zog. Daraufhin habe der Alte »in seiner Bedrängnis« zu einer Pistole gegriffen und mehrmals auf den Sprößling gefeuert. Zusammengebrochen, sei Josef nach wenigen Minuten in den Händen seiner Mutter verschieden. Den Grund oder Anlaß des Streites überging das Blatt. Es wundert sich auch nicht darüber, daß die Pistolen (1934) in Buchschachen anscheinend wie die Birnen in den Bäumen hingen, obwohl schon Januar war.

* A. Hottner-Grefe, »Bitterlich Vater und Bitterlich Sohn«, Neues Wiener Journal, 15. Januar 1934, S. 4: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?apm=0&aid=nwj&datum=19340115&seite=4



Blackley, Martin 26 (1976–2002), britischer Marine-soldat, in Arbroath an der schottischen Ostküste statio-niert. Wie es allerdings aussieht, suchte ihn sein Tauchunfall auswärts bei Schwarzarbeit heim. Im übrigen soll er ein recht erfolgreicher »Biathlet« gewesen sein (Skilanglauf und Schießen). Zum Unfallzeitpunkt war er, wohl wegen einer Beinverletzung, auf Genesungsurlaub zu Hause. Trotzdem oder eher gerade deshalb folgte der 26jährige Ende Mai 2002 dem Ruf eines Freundes, der Fischfarm Seahorse Aquaculture, Aultbea, Wester Ross, in der bis 40 Meter tiefen Meeresbucht Loch Ewe an der Westküste als Taucher auszuhelfen. Blackleys Taucherfah-rung war gering. Nun ging es darum, von einem Schiff aus Unterwasser-Käfige von toten Lachsen zu säubern. Als Blackley nach Abtauchen auch nach einer Stunde nicht wieder aufgetaucht war, begannen ihn andere Taucher oder Beschäftigte zu vermissen und zu suchen. Er hatte sich bei den Unterwasserkäfigen in Seilen verfangen und war so gut wie tot, wie sich bald darauf im Krankenhaus von Inverness zeigte. Es kam zu einer amtlichen Untersuchung und Anhörung, bei der Sheriff Desmond Leslie befand, die Fischfarm habe sich etliche grobe Fahrlässigkeiten in der Ausrüstung der Taucher und in der Absicherung der Maßnahme geleistet, weshalb er ihrem Chef Colin Bell 5.500 Pfund Bußgeld aufbrummte. Der Unfall sei vermeidbar gewesen.* Unter korrekten Arbeitsbedingungen hätte Aushilfstaucher Blackley demnach überlebt – wenn auch krankgeschrieben.

* Alistair Munro, »Fish farm is blasted of horror drowning of Marine«, Daily Record (Glasgow), 23. Januar 2007: https://www.pressreader.com/uk/daily-record/20070123/281908768669684



Blagin, Nikolai Pawlowitsch 35 (1899–1935). Am 18. Mai begleitete der erfahrene SU-Testpilot bei einer Flugschau über Moskau die Riesenmaschine »Maxim Gorki« in einem Jäger. Dabei versuchte er plötzlich, um die achtmotorige Tupolew, Spannweite 63 Meter, einen Looping zu drehen, was ihm mißlang, da er in die rechte Tragfläche des Paradeflugzeuges stürzte. Es ist umstritten, ob er eigenmächtig handelte oder aber von Vorgesetzten angestachelt war, die derart die anwesenden Auslands-vertreterInnen zu beeindrucken wünschten. Von einem zweiten Begleitflugzeug aus wurden anscheinend auch Filmaufnahmen gemacht. Jedenfalls stürzten beide Unglücksmaschinen ab. Offenbar gingen sie, vielleicht auch »nur« ihre verstreuten Trümmer, in einem Datschen-viertel nieder. Todesopfer auf Seiten der Insassen: je nach Quelle 48 bis 50, drei Piloten eingeschlossen. Von den BodenbewohnerInnen ist nirgends die Rede. Allerdings muß man die Quellen zu diesem fettem Unglück mit der Lupe suchen. Jägerpilot Blagin war 35 oder, laut russischer Wikipedia, 38 Jahre alt.

Knapp vier Wochen später, am 13. Juni 1935, gibt es einen »Arbeitsunfall«, wie die Kripo später befindet, der über Wittenberg (an der Elbe) eine riesige schwarze Wolke zu Martin Luther in den Himmel steigen läßt. In einer Munitionsfabrik des WASAG-Konzerns sind 27 Tonnen TNT-Sprengstoff in die Luft geflogen. Dieses Unglück* sorgte für jeweils rund 100 Schwerverletzte und Tote. Vermutlich waren sie kaum ausnahmslos über 39 Jahre alt, nur geizen die Quellen auch ausnahmslos mit Namen. »Reichspropagandaminister« Joseph Goebbels soll sogleich in die heute großkotzig und aufdringlich so genannte anhaltische »Lutherstadt« gereist sein, um den Hinterbliebenen die »herrliche Gewißheit« einzutrichtern, ihre Angehörigen seien zu Tode gekommen, »auf daß Deutschland lebe«. In Moskau, bei der Flugschau, war knapp vier Wochen früher jede Wette ein vergleichbares Funktionärswort zu hören.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Explosionsungl%C3%BCck_im_Sprengstoffwerk_Reinsdorf



Blin, Knut 35 (1968–2004), Sohn des Schwergewichts-Europameisters Jürgen Blin. Der Senior hatte es sogar zu einem Kampf gegen Muhammad Ali gebracht. Das war 1971 gewesen, in Zürich. Der gelernter Metzger Jürgen Blin lebt nach wie vor in Hamburg, jetzt im Ruhestand. Nach seiner Box-Karriere, die ihm nach eigener Aussage »rund eine Million Mark« einbrachte, war er teils Vermieter, teils Gastwirt, vor allem aber unglücklicher Bürge gewesen – die Million ging wieder flöten.* Immerhin blieb ihm ein Haus und, nach Scheidung seiner Ehe, eine neue Gefährtin. Sohn Knut, seit 1987 ebenfalls Schwergewichts-Profi, bestritt 1990 einen großen Titelkampf, bei dem er dem braunhäutigem Mario Guedes gleich in der ersten Runde einen netten Rippenbruch beigebracht haben soll. In Runde Sechs gab der Deutsch-Portugiese auf. Doch der begabte, blonde, 1,88 große Knut sozusagen ebenfalls: Nach diesem Sieg dankte er etwas überraschend ab.

Wikipedia behauptet, er sei »einer freien Christenge-meinde beigetreten«. Diese Maßnahme konnte ihm freilich auch nicht das Leben retten. Ende Mai 2004 stürzte sich der 35jährige aus dem 12. Stock einer psychiatrischen Klinik am Bodensee zu Tode. Laut Vater war er »schwer krank« gewesen, »manisch depressiv«. Der Spiegel behauptet**, »ab dem 20. Lebensjahr«. Verschiedene Kuren, auch vom Vater unterstützt, schlugen offenbar nicht an. Bei seinem Todessprung sei Knut »mit Tabletten vollgestopft« gewesen, meint Blin. Eigentlich hätte es der begabte Sohn »weit bringen können, bis zum Weltmei-ster«, versichert er dem Züricher Reporter.* Der bohrt rücksichtsvoll nicht nach.

Jürgen Blins eigener Vater war ein Melker und Säufer gewesen, der seinen Sprößling mit Prügeln zur Mitarbeit trieb. In den häufig wechselnden Schulen wurde der »stinkende« Melkersohn gehänselt. »Ich war vollkommen verstört«, zitiert ihn der Spiegel. »Oft ging ich in den Wald und heulte.« Aber dann biß er die Zähne zusammen und zeigt es der Welt, darunter eine Million und drei Söhne.

* Gespräch mit dem Blick, Zürich, 30. August 2014: https://www.blick.ch/sport/boxen/box-legende-juergen-blin-71-boxte-in-zuerich-gegen-ali-ich-sehe-noch-immer-die-rechte-gerade-kommen-id3089826.html
** Michele Coviello, »Der schlimmste Gegner ist die Langweile«, Spiegel, 26. Dezember 2011: https://www.spiegel.de/sport/sonst/ex-boxer-blin-der-schlimmste-gegner-ist-die-langeweile-a-805710.html




Bliss, Philip Paul 38 (1838–76), frommer US-Kompo-nist. Am 29. Dezember 1876 kämpfte sich der Pacific Express von Erie aus durch die verschneiten Bundes-staaten Pennsylvania und Ohio. Aber der Schnee war noch nicht das Schlimmste. Vor dem Städtchen Ashtabula, damals 2.000 EinwohnerInnen, führte eine erst vor rund 10 Jahren errichtete schmiedeeiserne Fachwerkbrücke über die Schlucht des Ashtabula Rivers, Spannweite 47, Höhe im Schnitt 20 Meter. Als der mit rund 150 Personen besetzte Zug sie befuhr, brach sie aufgrund von Konstruktions- und Baufehlern, wie sich später heraus-stellte, zusammen und riß den Zug mit sich in die Tiefe. Wegen der Öfen in den Waggons ging er sofort in Flammen auf. Die Hitze des Infernos ließ selbst die Eisdecke des Flusses schmelzen; etliche in den Trümmern eingesperrte Insassen ertranken. Andere verbrannten oder brachen sich das Genick.

Im ganzen wurden wahrscheinlich 92 Menschen getötet, über 60 verletzt. Den für Bau und Wartung der Brücke verantwortlichen Chefingenieur der Lake Shore & Michigan Southern Railway, Charles Collins, fand man drei Wochen später mit einer tödlichen Schußwunde am Kopf in seinem Bett auf. Man sprach von Selbstmord aus Gewissensnot. Allerdings wiesen der Tatort und andere Umstände einige offensichtliche Ungereimtheiten auf, die die New York Times noch knapp zwei Jahre später veranlaßten, ein »foul play« zu vermuten, also einen vertuschten Mord.* Vielleicht wollte jemand Racheengel spielen oder Enthüllungen vor dem amtlichem Untersuchungsausschuß verhindern. Collins' Vorgänger Amasa Stone, Mitkonstrukteur der Brücke und dann zum Direktor der Eisenbahngesellschaft aufgestiegen, brachte sich 1883, knapp sieben Jahre später um. Beide Männer – juristisch nie belangt – sollen in der Tat stark an Schuldgefühlen und Selbstzweifeln gelitten haben.

Zu den Todesopfern aus dem Zug zählten der 38jährige Komponist und Evangelist Philip Paul Bliss und dessen Frau Lucy Jane, geb. Young, 35. Mister Bliss aus Pennsylvania, ein Sohn der Unterschicht, hatte sich in seiner Jugend ziemlich zeitgleich für Musik und Religion erwärmt. Nun zog er schon seit etlichen Jahren mit methodistischen oder presbyterianischen Erweckungs-predigern im Nordosten umher, schrieb viele fromme Lieder, teils auf eigene Texte. Als sein Waggon über die Brücke ratterte, hatte er vielleicht gerade über so etwas wie »Eine feste Burg ist unser Gott« nachgedacht. Den Gospelsong »Hold the Fort«, von Erzählungen des Majors Daniel Webster Whittle aus dem Bürgerkrieg angeregt, hatte er bereits geschrieben. Oder er beugte sich im Abteil gerade zu einem Kind vor, deutete mit dem Daumen auf seine eigene Brust und erklärte dem Kind unter Kopfnicken: »Jesus Loves Even Me«. So der Titel eines anderen Bliss-Liedes. Dann krachte es.

* NYT, 24. November 1878: http://query.nytimes.com/mem/archive-free/pdf?res=990CEED9153EE63BBC4C51DFB7678383669FDE



Blochwitz, Martin c.27 (1602–29), sächsischer Mediziner und Holunderfreund. Er kam aus wohlhabender Familie in Großenhain, machte seinen Doktor der Medizin in Basel und ließ sich 1628 in Oschatz, damals 3.500 EinwohnerInnen stark, als »Stadtphysikus« nieder, also gleichsam als Amtsarzt. Das Städtchen an der Döllnitz liegt auf halbem Wege zwischen Leipzig und Dresden. Nach Krüger-Mlaouhia war Blochwitz auf der Hohen Straße mit einem »Geschirr von fünf Pferden und drei Knechten« aus dem damaligen Hayn eingetroffen. Doch schon ein Jahr darauf sei er, 27jährig, gestorben, möglicherweise an der damals in Sachsen wütenden Pest, man weiß es nicht genau. Jedenfalls habe ihm da auch der geliebte, von ihm hochgepriesene Holunder nicht mehr geholfen.*

Blochwitz' Arbeit Anatomia Sambuci, zwei Jahre nach seinem Tod von seinem Bruder Johann herausgegeben, gilt noch heute als wichtiges, erstaunlich gründliches Standardwerk über den Holunder. Es behandelt Botanik, Zubereitungsarten und Heilanwendungen des bekannten Busches, der bei uns Ende Juni an jeder Straßenecke blüht, weshalb man bequem seine Nase in ihn stecken kann, weil die weißen Doldenblüten recht lieblich duften. Mein Großvater Heinrich setzte aus den getrockneten Blüten Jahr für Jahr unermüdlich eine Art Limonade an, die wir »Holundersprutz« nannten, wobei er es zur Freude der Bettenhäuser Zahnärzte nicht an Zucker fehlen ließ. Blochwitz' Heilempfehlungen sollen, Wikipedia zufolge, auf so gut wie alles abzielen: Brust- und Gebärmutter-erkrankungen, Erfrierungen, Geschwulstleiden, Infekti-onskrankheiten, Lungen-, Magen-, Darm-, Milz- und Gallenerkrankungen, psychische Erkrankungen, Schlag-anfall und Lähmungen, Steinleiden, Schwindsucht, unklares Fieber und Schmerzen, Vergiftungen, Verlet-zungen, Wurmbefall – und ja, sogar Zahnschmerzen.

Vor Jahren beging ich in einem Herbst beim Wandern aus Durst den Fehler, die kleinen blauschwarzen Beeren des Holunders in mich hineinzustopfen. Das ließ ich rasch sein, weil mir auf der Stelle schlecht wurde. Jetzt weiß ich, man sollte die Beeren nie roh essen, weil sie ein Gift enthalten. Hätte ich schon damals stets ein Fläschen Olbas mit mir geführt, wäre meine Leidenszeit von zwei Stunden auf zwei Minuten verkürzt worden. Ein paar Tropfen dieses Destillats aus Pfefferminz-, Cajeput- und Eukalyp-tusöl wirken fast immer Wunder – gerade so, wie Bloch-witz zufolge beim Holunder. Sie glauben es nicht? Ja, wenn Sie ungläubig sind, hilft ihnen überhaupt kein Medika-ment, und schon gar nicht eine Atemschutzmaske. Der geschäftsführende Ausschuß des in Deutschland maßgeb-lichen Kapitals, derzeit mit Merkel-Scholz-Seehofer besetzt, wird uns den Unglauben schon noch austreiben.

Nebenbei soll Bruder Johann Blochwitz, Physikus in Gro-ßenhain, gleichfalls schon frühzeitig heimberufen worden sein: 1634 mit 29. Auch in seinem Fall wird die Pest verdächtigt.

* Kathrin Krüger-Mlaouhia, »Warum ein neuer Holunder Blochwitz heißt«, sächsische.de (Dresden), 26. Juli 2013: https://www.saechsische.de/plus/warum-ein-neuer-holunder-blochwitz-heisst-2626673.html



Blodek, Vilém 39 (1834–74), tschechischer Flötist und Komponist, der im Irrenhaus landete. Vielleicht ist das kein Wunder, denn ehrlich gesagt, ist die Flöte auch dann zumindest streckenweise eine Nervensäge, wenn sie einer 20 mal besser beherrscht, als es mir selber vergönnt war. Vor allem in der zweiten und dritten Lage klingt sie oft un-angenehm schrill. Blodek machte hauptsächlich durch ein D-Dur-Flötenkonzert und seine einaktige komische Oper V studni (Im Brunnen) auf sich aufmerksam, Libretto vom Schlawiner Karel Sabina, der auch für Smetana schrieb. Ab 1860 war Blodek bestallter Flötenlehrer am Prager Konservatorium. Jenes Flötenkonzert, veröffentlicht 1862, stammt sicherlich nicht von einem Stümper, und man könnte mir drei Bläserquintette von Franz Danzi dafür bieten, ich würde sie als Produkte eines Langweilers zurückweisen. Aber das Grundproblem klassischer und romantischer Konzertmusik ist dadurch nicht behoben: sie ist für spätkapitalistisch geprägte Gemüter zu spannungs-los. Fährt dann ein Blitz in die Idylle, dürfte es so manchen Schäfersmann überfordern. 1865 verheiratete sich Blodek mit seiner Schülerin Marie Doudlebská, und wenige Jahre darauf »brach bei ihm eine Nervenerkrankung aus«, um es mit einem jüngerem Rundfunkbeitrag möglichst schonend und nichtssagend zu formulieren.* Ab 1871 wohnte er im schon erwähnten Irrenhaus. Wenn er in dieser Einrichtung schon bald darauf, mit 39 Jahren, starb, ist man zwar nicht verblüfft, gleichwohl hätte man es gern ein bißchen genauer gewußt.**

* Markéta Kachlíková für Radio Prag, 6. April 2014: https://deutsch.radio.cz/komponist-vilem-blodek-1834-1874-8299563
** Möglicherweise findet sich Näheres in: Ratibor Budiš, Vilém Blodek, SHV, Prag 1964




Blüher, Peter 32 (1941–74), DDR-Fußballspieler. Ende Mai 1974 schlitzt Heidrun Blüher in Ostberlin-Friedrichs-hain, Lichtenberger Straße, einen Brief von der Kreisvolks-polizei in Lübben (Spreewald) auf. Sie zieht das Anschrei-ben sowie eine Telefonrechnung, zwei unausgefüllte Scheckformulare und einen Zahlungsabschnitt der Staatlichen Versicherung über 263 Mark hervor. Gezahlt oder nicht? Wofür? Etwa für den Wagen? Dies alles wird aus meinen Unterlagen nicht klar. So oder so dürfte sich die Witwe aber ziemlich bitter gesagt haben: Die nützt ihm jetzt nichts mehr, die Versicherung … Und dann hat sie vielleicht wieder geweint. Die Papiere hatte man im Wagen ihres 32 Jahre alten Mannes Peter gefunden, nachdem er in oder bei Lübben verunglückt und im dortigem Kranken-haus gestorben war. Er hatte auch seinen Personalausweis bei sich. Aber nicht sie, die Gattin.

Laut Totenschein tat der ehemalige Berufsfußballer und diplomierte Physiker Peter Blüher seinen letzten Atemzug am 18. Mai um 3 Uhr 15 in der Frühe. Vielleicht machte sich vor dem Krankenhausfenster gerade die erste Amsel singbereit. Der dunkelhaarige Pechvogel im Bett hatte unter anderem einen Schädelbruch erlitten. Von seiner stattlichen Torwart-Größe, 1,85, war möglicherweise nicht mehr viel übrig. Blüher, Sohn eines Landwirts und Müllers und einer Kontoristin, hatte seine ersten Meriten als jugendlicher »Balltöter« in seiner Heimatstadt Finster-walde errungen, Bezirk Cottbus. 1961 wurde der kaum 20jährige vom SC Motor Jena verpflichtet. Ende 1965 schien er es »geschafft« zu haben, rief ihn doch kein Geringerer als der 1. FC Union Berlin, immerhin ein Hauptstadtclub, der 1968 sogar das DDR-Pokal-Finale gewann. Da lief Torwart Blüher freilich schon nicht mehr auf, wie von Dr. Hanns Leske zu erfahren ist. Zwar habe der Zugang aus Jena großen Anteil am ersten Oberliga-aufstieg der Union gehabt, doch bereits nach einer Spiel-zeit habe ihm Rainer Ignaczak »den Rang abgelaufen«. Leske gilt als »Sporthistoriker«. Am Schluß seines großformatigen Prunkbandes über DDR-Fußballtorhüter* (der mich antiquarisch, mit Porto, 22 Euro gekostet hat) sind wir vielleicht von Leskes knapp dreiseitigem Litera-tur- und Quellenverzeichnis beeindruckt – nachdem wir in seinem Eintrag zu Blüher nicht einen Einzelnachweis entdeckt haben, schon gar nicht zu dessen ortlosem angeblichem »Motorradunfall«.

Im Internet wird wahlweise auch von Blühers Verkehrs-unfall gesprochen. Ein Ort, sowohl des Unfalls wie des Sterbens, wird nirgends genannt. Das gilt selbst für das beliebte DDR-Wochenblatt Die neue Fußballwoche. Die fuwo, wie sie oft nur genannt wird, ist sogar kaltblütig und höhnisch genug, in ihrer schwarz eingerahmten, verdammt kurzen, jedoch mit Porträtfoto illustrierten Todesmel-dung** das genaue Datum des Unfalls oder Sterbens zu verschweigen. Dafür erfahren wir, nach Beendigung seiner aktiven Laufbahn habe sich der Diplom-Physiker bei der Union als Übungsleiter im Nachwuchsbereich betätigt. Wo er vielleicht ansonsten erwerbstätig war, erfahren wir nicht. Auch seine familären Verhältnisse werden nirgends angedeutet. Hier könnte die Botschaft lauten: Machen Sie sich keine Sorgen, liebe LeserInnen, er fehlt keinem.

Wie unter Umständen nicht jeder weiß, waren die Fußballhelden des ostdeutschen Sozialismus nur dem Schein nach Amateure. Faktisch wurden sie, zumal in der Oberliga, von staatlichen Betrieben, zuweilen auch Behörden ausgehalten. Ich glaube, die Recken des SED-Vorzeigeclubs Dynamo Berlin wurden unmittelbar von Erich Mielkes Innenministerium bezahlt, also aus der Kriegskasse der Stasi-Burg. Sonderprämien, ob in Gestalt einer Waschmaschine oder einer Wohnung, waren gang und gäbe. Übrigens hatte diese Entwicklung just um 1960 in Jena eingesetzt***, als Blüher zu Motor ging. Ihr verdankte er vermutlich auch sein Auto. Die DDR war eben eine Leistungsgesellschaft, da mußte sie sich auch Unfallwagen leisten. Genauer war sie ein Papagei. Sie äffte als solcher getreulich alles nach, was es auf der einen Seite in Moskau und auf der anderen in Düsseldorf zu erspähen gab, etwa Autos, Rennboote, Fernsehgeräte und nuklear betriebene Armbanduhren. Über diese peinliche Nachäffung des Westens kann man sich gar nicht genug aufregen. Und nun wohne ich auch noch im Osten. Wie sich versteht, blieb man hier allerdings immer deutlich hinter dem Niveau der westlichen Bestechung zurück – und dabei ist es auch geblieben. Damals begingen viele DDR-Sportler eben aus dem Grund der Verlockung »Republikflucht«. Zwischen 1950 und 1989 soll diese, im ganzen, über 600 Spitzensportlern gelungen sein.

Ob sich Blüher je oder gar zuletzt mit solchen systemfeind-lichen Fluchtgedanken trug, kann ich natürlich nicht wissen. Es ist eher unwahrscheinlich, weil er ja bei der Union ausgemustert worden und einfach schon zu alt war. Laut Todesanzeige des Lübbener Krankenhauses war der Diplom-Physiker bei der »IPH-Berlin« erwerbstätig. Möglicherweise war das bereits seit Jahren sein »Trägerbetrieb«, sein Sponsor also. Hinter dem Kürzel verbirgt sich, falls ich nicht irre, das Institut Prüffeld für elektrische-Hochleistungstechnik. Man könnte argwöhnen, Blüher sei Spion gewesen und nun, im Mai 1974, auf dem Weg in die Schweiz gewesen. Da Lübben ungefähr auf halbem Wege zwischen Berlin und Finsterwalde liegt, glaube ich aber eher, er war zu seinem Heimatstädtchen unterwegs, oder umgekehrt, von diesem aus zurück zur Frau. Das wird vom Befund der neuen Berliner Stasi-Burg unterstrichen, die mir auf meinen Antrag hin mitteilte, der Fußballer sei in dem Riesenaktenberg nicht zu finden, soweit er schon erschlossen sei, der Berg. Nebenbei wäre Blüher im harmlosen Falle nicht nur zu seiner Frau, sondern auch zu zwei Kindern zurückgekehrt. So steht es jedenfalls in der erwähnten Todesanzeige des Kranken-hauses, wenn auch ohne Namen. Heidrun Blüher, geboren 1942, war nur geringfügig jünger als ihr Mann. Die Ehe wurde 1962 geschlossen. Das war recht früh, würde ich sagen. Es war kurz nach Blühers Einstieg bei Motor Jena.

Dies alles – was sich nicht im Internet oder bei Herrn Dr. Leske fand – habe ich in Monaten mühsam zusammen getragen. Aber im Grunde ist es nur ein Klacks. Das Wesentliche fehlt noch immer. Und selbst der Unfallher-gang ist eher undurchsichtig, wie ich finde. Das einzige dazu steht im Totenschein. Blüher sei mit einem Pkw von der Straße abgekommen und gegen einen Telefonmasten geprallt. Dadurch u.a. Schädelbruch, wie schon erwähnt. Keine Autopsie angeordnet. Gez. Oberärztin M. Ionascu. Von weiteren Betroffenen ist nicht die Rede. Auch die Möglichkeit, Blüher habe den (in der DDR am Fuß meist einbetonierten) Telefonmasten mit Absicht aufs Korn genommen, wird mit keinem Komma angedeutet. Es war eben ein Unfall. Warum hätte er sich auch umbringen sollen? Wegen der längst zu dicken Luft zu Hause? Wegen der 263 Mark? Wegen der alten Abfuhr bei Union – oder wegen der neuen auswärtigen Geliebten, die sich leider schon wieder sträubte? Alles Unfug.

Gewiß ließe sich die Wahrscheinlichkeit eingrenzen, wenn man wüßte, wer und wie die Person Blüher war. Aber gerade damit liegt es ebenfalls im Argen. »Sporthistoriker« Leske bringt es noch nicht einmal fertig, ein paar fußbal-lerische Eigenarten / Schwächen / Stärken des Torhüters anzuführen. Zu seinem Charakter sagt er null. Dieses offensichtlich zusammen geklatschte Buch sollte man ihm eigentlich um die Ohren hauen. Aber auch er ist leider schon gestorben, wie ich höre, Leske.

* Magneten für Lederbälle von 2014
** Nr. 22 vom 28. Mai 1974, S. 14
*** Michael Kummer, »Wir hießen eben Amateure«, Neues Deutsch-land, 2. Oktober 2015: https://www.nd-aktuell.de/artikel/986447.wir-hiessen-eben-amateure.html




Blume, Joaquín 25 (1933–59), erfolgreicher spanischer Turner. Mit Kameraden von Barcelona zu einer Sportschau in Madrid unterwegs, stürzt seine Maschine bei Cuenca in ein Gebirge. Angeblich hatte der Pilot wegen eines Unwet-ters und schlechter Sicht Höhe verloren und eine Berg-spitze gestreift. Alle 28 Personen an Bord starben. Darun-ter befand sich auch Blumes Ehefrau, die Turnerin María José Bonet, die gerade mit ihrem zweitem Kind schwanger ging.* Abtreibungen sind verboten; Flugzeugabstürze nicht.

* Xavier Catalán für FC Barcelona, 29. April 2009: http://arxiu.fcbarcelona.cat/web/castellano/noticies/club/temporada08-09/04/n090429104729.html



Bocăneț, Alexandru 33 (1944–77), rumänischer Film-regisseur. Am Abend des 4. März 1977 wurde Rumänien von einem Erdbeben heimgesucht, das unter anderem in der Hauptstadt Bukarest für beträchtliche Zerstörungen sorgte. Hier zählten auch einige »Prominente« zu den im ganzen rund 1.500 Todesopfern und über 10.000 Ver-letzten, unter jenen der 51jährige Bühnen- und Filmschau-spieler Toma Caragiu. Dessen Stärke sollen komische Rollen gewesen sein. Laut Markus Bauer* stieß Caragiu am verhängnisvollem Freitagabend in seiner Wohnung gerade mit einem Freund, eben dem Filme- und TV-Show-Macher Bocăneț, auf das Ende von jüngsten Dreharbeiten an, als das Gebäude ins Wanken geriet. Beide Männer eilten sofort ins Treppenhaus, wurden jedoch auf ihrer Flucht unter Trümmern begraben, weil ein benachbarter Wohnblock auf Caragius Wohnblock kippte. Die Namen Kleiner Leute unter den Opfern sind natürlich nicht im Internet zu haben. Vielleicht sollte man gleichwohl noch den Schriftsteller Anatol E. Baconsky erwähnen, der sich vom Kommunisten zum »Dissidenten« gewandelt und während der 1970er Jahre eine recht rege Reisetätigkeit in Europa entfaltet hatte. Offensichtlich hatte er aber noch kein Einreiseverbot für sein Heimatland. Das war sein (und seiner Frau Clara) Pech. Zurück in Bukarest, geriet das Ehepaar just dem Erdbeben vom 4. März 1977 in die Klauen. Baconsky war 51. Aber auch der vielversprechende Pianist Tudor Dumitrescu kam bei dieser Katastrophe um*, und der war erst 19.

* »Naturgewalt und Staatswillkür«, NZZ, 4. Mai 2017: https://www.nzz.ch/feuilleton/das-rumaenische-erdbeben-von-1977-naturgewalt-und-staatswillkuer-ld.1290178



Bodrow, Sergei S. 30 (1971–2002), populärer nachsow-jetischer Schauspieler und Filmregisseur. In seinem Fall war die Katastrophe ein paar Nummern kleiner; sie erwischte ihn jedoch im Dienst. Der Künstler hatte sich, nach eigener Formel, »Heldentaten, die du vollbringst« auf die nicht mehr roten Fahnen geschrieben. Im Westen hieß des Genre, in dem er zum Star aufstieg, Actionfilm. Wenn Bodrow außerdem verkündete*, »wir müssen unsere Heimat lieben, allein schon weil sie unsere ist«, gab er den übelriechenden Kern allen Patriotismuses und allen Kapitalismuses zum Besten, den Stolz auf das Eigene. Ob er die mächtige, vor allem aus Eisblöcken, Felsgeröll und Schlamm bestehende Lawine vom 20. September 2002 ebenfalls dazu gerechnet hätte, darf bezweifelt werden. Sie löste sich von einem vergletscherten Kaukasus-Gipfel, in dessen Schatten Bodrow gerade sein jüngstes Werk drehte. Neben der rund 25köpfigen Filmmannschaft überraschte sie auch etliche Einheimische. Das in einer Schlucht liegende »romantische« Bergdorf Nischni-Karmadon wurde überrollt. Die englische Wikipedia spricht von 125 Todesopfern, darunter der (vorher) blendend aussehende, 30 Jahre alte Bodrow, der Frau, zwei Kinder und vermutlich ein ansehnliches Dollar-Guthaben hinterließ.

* Jens Hartmann, »Sie nannten ihn Bagrow«, Welt, 12. Oktober 2002: https://www.welt.de/print-welt/article415860/Sie-nannten-ihn-Bagrow.html



Bohlen und Halbach, Claus von 29 (1910–40), Nachfahre von »Gründervater« Friedrich >Krupp und Hitlersoldat, aufgewachsen in der bekannten Essener Villa Hügel. Nach dem sogenannten »Anschluß« Österreichs (im Frühjahr 1938) war das dritte Kind von Bertha und Gustav Krupp endlich in der Lage, die Leitung der Berndorfer Metallwarenfabrik und die Führung Sita von Medingers zu übernehmen, die zufällig aus dem österreichischem Adel kam. Er heiratete sie – Ende September, und machte ihr gleich einen Sohn. Das war auch höchste Zeit gewesen, weil schon im folgenden Jahr ein Krieg ausbrach, den eigentlich keiner gewollt hatte. Zwar fiel der Oberleutnant der Luftwaffe Claus von Bohlen und Halbach nicht an der Front (er war bereits in Polen mit dabei gewesen)*, jedoch in der Eifel, wo er Anfang 1940, als Pilot, eine neue Atemschutzmaske zu testen hatte. Bei einem Flug am 10. Januar versagte sie leider, wohl wegen Vereisung, so gründlich, daß Von Bohlen, noch keine 30, in Ohnmacht – und seine Messerschmitt Bf 109, beim Dorf Metterich (bei Bitburg), fast kopfüber, wie ein Wanderfalke, in einen Wald fiel. So hatte der Faschismus einen Märtyrer mehr – oder zwei, denn ein Ko-Pilot soll ebenfalls gestorben sein. 1957 bekam Von Bohlen im Wald einen Gedenkstein: Genau an der Stelle, an der er »so tragisch ums Leben kam«, wie Herr Schloss- und Platt-macher betont.* Wieder war eine finstere Naturgewalt in den unschuldigen Wald gefahren.

Nebenbei war das neuentwickelte Jagdflugzeug aus Bayern schon durchaus erfolgreich bei der berüchtigten Legion Condor in Spanien und beim erwähnten Überfall auf Polen eingesetzt worden – dort vermutlich noch mit Cläuschen. War diese Waghalsigkeit nicht vermeidbar? In Freundes-kreisen der Luftwaffe wird offenbar nicht völlig geleugnet, daß Sprößlinge von Industriekapitänen mitunter in den Genuß von Vergünstigungen kamen oder gar Verschonung erlangten.** Ich habe jedoch den Eindruck, in der Regel warfen sie sich durchaus ähnlich begeistert in die Schlacht wie die meisten Kleinen Männer. Vermutlich gilt das auch für Ludwig Opel, gleichfalls Oberleutnant, im übrigen Radrennfahrer. Er »fiel« einen Weltkrieg früher (1916) mit 36 – ebenfalls an der Ostfront, möglicherweise vom Pferd, wenn nicht vom Fahrradsattel. Selbstverständlich sind bei diesen Sprößlingen auch Selbstmordmotive denkbar. Ich habe freilich wenig Lust, dieser Alternative nachzugehen.

* Gereon Schlossmacher, »Wo ein Krupp in der Eifel starb«, Trierischer Volksfreund, 8. April 2009: https://www.volksfreund.de/region/bitburg-pruem/wo-ein-krupp-in-der-eifel-starb_aid-5963140
** Luftwaffe-Forum 12 O'Glock High!, 26./27. April 2007: http://forum.12oclockhigh.net/showthread.php?t=8541




Böhm, Christine 25 (1954–79). Die Wiener Bühnen- und Filmschauspielerin erholte sich im Sommer 1979 am Lago Maggiore im Tessin. Sie hatte bereits in mehreren Filmen mitgewirkt, so 1976 an Fritz Umgelters Fernseh-krimi Ein Badeunfall, 1977 an Tod oder Freiheit, ein Kostümfilm nach Schillers Räubern, in welchem Böhm die Rebellenbraut Maria zu mimen hatte. Nun überkam sie ausgerechnet am letzten Urlaubstag, einem Sonntag, die Lust, mit zwei Freundinnen in einem »kristallklaren« Bergsee oberhalb der Ortschaft Riveo zu schwimmen. Es war der 5. August 1979. Tags zuvor hatte BRD-Mittelstreckler Harald Schmid, Gelnhausen, etwas weiter südlich, in Turin, gerade einen neuen Europarekord über 400 m Hürden aufgestellt, 47,85 Sekunden. Die 25jährige »abenteuerlustige« Wiener Schauspielerin dagegen erklimmt barfuß einen »turmhohen« Felsen über einem Wasserfall, meldete die Krone am Dienstag.* Plötzlich sei sie wohl an einer glitschigen Stelle ausgerutscht und »30 Meter tief den Wasserfall hinabgestürzt«. Badegäste am unteren See hätten sie nur noch tot aus dem Wasser ziehen können. Gleichwohl habe sich ihr Vater Maxi Böhm nach Erhalt der Unfallnachricht noch in der Nacht mit seinem Sohn Max ins Auto geworfen und sei in die Schweiz »gerast«. Das ist die richtige Reaktion, sage ich dazu. Wie es aussieht, kamen die beiden sogar heil im Tessin an. Neuer Europarekord.

Ein Jahr nach dem Tod seiner Schwester muß Max Böhm, laut Krone Diplomkaufmann, geboren 1949, allerdings verdammt ungemütlich zumute gewesen sein, denn am 7. Mai 1980 soll er sich erschossen haben. Als Motiv wird der beliebte Gummigrund »Depressionen« angeführt. Daran soll schon sein zumindest in Wien berühmter Vater Maxi gelitten haben, ein Schauspieler, Kabarettist und Komiker, der 1982 mit 66 Jahren einem Herzinfarkt erlag. Lustig war er also, der Senior, vor allem, als er drei Kinder zeugte.

* Hannes Krautzer / Karl Wendl: »Tochter von Maxi Böhm stürzte in Wasserfall!«, Neue Kronen Zeitung (Wien), 7. August 1979



Böhm, Hans c.20/25 († 1476), genannt Pauker/Pfeifer von Niklashausen, fränkisch-schwäbischer Viehhirte, Musiker, Prediger, Massenagitator. Wie es der Zufall so will, liegt Niklashausen im schönen Taubertal, dabei nur 10 Kilometer nördlich der Kreisstadt Tauberbischofsheim, in welcher der Degenfechter Elmar >Beierstettel bekanntlich bis 1985 das Rauschgift-Dezernat der Kripo leitete. Was hätte Beierstettel wohl mit dem Aufwiegler Böhm gemacht? Der hatte in wenigen Monaten Zehntausende von armen Schluckern begeistert und zu seinen Anhängern gewonnen, weil er gegen die Habgier der Fürsten und Pfaffen wetterte und eine Ausbreitung von Gemeineigentum und überhaupt Gleichheit forderte – fast ein frühkommunistisches Programm. Immerhin 16.000 seiner AnhängerInnen sollen im Juli 1476 sogar nach Würzburg gewallfahrtet sein, um beim Fürstbischof die Freilassung des jungen, als »Schwärmer« getarnten Agitators zu erwirken. Der Herrscher ließ sie zunächst trösten, dann jedoch beim Abzug blutig verjagen. Ihr Leitstern, Böhm, wurde wenige Tage später als Ketzer verbrannt.

Um auf Beierstettel zurück zu kommen, soll er hin und wieder einen gewissen »autoritären« Zug seines berühm-ten Trainers Emil Beck beklagt haben.* Ich fürchte jedoch, zu einer Fluchthilfe für den gefangen genommenen Böhm, ihn etwa mit dem Degen herauszuhauen, hätte das nicht ganz gereicht. Über Böhm, von dem wir wenig wissen, ist schon viel geschrieben worden. Einen guten Überblick scheint mir der Artikel über ihn in der deutschen Wikipedia zu geben.**

* Richard Möll, Die Fecht-Legende von Tauberbischofsheim, Elztal 1987, S. 123
** https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Böhm_(Pauker_von_Niklashausen)




Bohnke, Emil 39 (1888–1928). Sowohl die Bankiers-tochter Lilli von Mendelssohn, 30, wie ihr Gatte Emil Bohnke, Sohn eines Textilfabrikanten, spielten Geige. Er trat zudem als Dirigent und Komponist hervor. Sie lebten in Berlin, wo sie sich zuletzt eine wenig anheimelnde Villa* erbaut hatten. Im Frühjahr 1928 reisten sie per Auto durch Mecklenburg, um nach einem umso hübscheren Sommer-quartier Ausschau zu halten. Nach einer Meldung des Berliner Tageblatts vom 12. Mai hatten sie einen Chauffeur. Bei Pasewalk (Nähe Stettin) erlitten sie einen tödlichen Unfall, weil sie es wegen der nahenden Dunkel-heit eilig hatten, zudem, angeblich, einen »Steuerbruch« hinnehmen mußten. Der schleudernde Wagen sei gegen einen Baum »gerast« und mit Überschlägen im Chausseegraben gelandet. Das war »ein schwerer Verlust für das Berliner Musikleben«, stellte das Tageblatt fest. Der Chauffeur kam offenbar mit vergleichsweise glimpflichen Verletzungen davon. So hatte das Berliner Proletariat keinen schweren Verlust zu beklagen.

Das Ehepaar ließ drei Kinder zurück. Sohn Robert-Alexander war damals ein Jahr alt. Der Junior wurde Pianist, lehrte in Freiburg/Breisgau, wohnte jedoch in Tübingen, wo er 2004 mit 77 starb. Arm und besonders einsichtsvoll kann er nicht gewesen sein. Bohnkes langjähriger Mechaniker Bösl erzählt** von mehreren Nobelkarossen der Marke Rolls-Royce, die der Künstler im Laufe der Jahre gefahren – und mit denen er mehrere Unfälle erlebt habe. Einmal durfte ihn Bösl sogar mit nach London begleiten, um ihn beim Kauf zu beraten und den neuen Wagen halbwegs sicher nach Tübingen zu bringen. »Wissen Sie, warum er immer Rolls-Royce fuhr? Seine Eltern kamen bei einem Autounfall ums Leben. Er hat gesagt, ich fahre ein so stabiles Auto, dass das nicht nochmal passiert.«

* http://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/liste_karte_datenbank/de/denkmaldatenbank/daobj.php?obj_dok_nr=09075410
** Laura Herrmann, »Zum Rolls-Royce-Kauf nach London«, Schwäbisches Tagblatt, 6. Juni 2009




Böken, Jenny 18 (1989–2008), Sanitätsoffiziersanwär-terin der Deutschen Marine. Die knapp 19jährige Jung-soldatin geht am 3. September 2008 gegen Mitternacht unter bis heute umstrittenen Umständen vor Norderney auf einem bekannten sogenannten Schulschiff über Bord und kommt in der Nordsee um, falls sie bis dahin noch lebte. So oder so, alle Welt faselt wieder einmal von einem »tragischen« Un- oder Vorfall. Wenn hier aber etwas tragisch war, dann die folgenden Entschlüsse Jennys: 1. sich ihre Brötchen ausgerechnet emanzipatorisch, nämlich als Soldatin zu verdienen, 2. ihre Ausbildung ausgerechnet im Geiste des schreibenden Seehelden Gorch >Fock vornehmen zu lassen, 3. die Ranghöhe anzustreben, die es Arschlöchern gestattet, als Dr. der Germanistik oder als Oberstabsärztin der Marine gebührend auf alle anderen Arschlöcher herabzusehen.

Das Unglück geschah in mäßig stürmischer, ansonsten stockdunkler Nacht bei Fahrt unter vollen Segeln. Augenzeugen gab es angeblich nicht. Ein Kamerad sah bloß einen Schatten über der Reling des Oberdecks verschwinden und zog daraus die beinahe richtige Schlußfolgerung: Mann über Bord. Trotz sofortiger Rettungsmaßnahmen wurde die junge blonde »Kadettin« aus dem Raum Aachen, die zur Segelwache vor Mitter-nacht gezählt hatte, erst nach rund 11 Tagen bei Helgoland, 120 Kilometer entfernt, aus dem Meer gezogen, von einem Fischerei-Forschungsschiff, natürlich als Leiche. Bei der Obduktion soll sich in der Lunge der angeblich Ertrunkenen erstaunlicherweise nicht ein Tropfen Wasser gefunden haben. Die Eltern bezweifelten die Güte der Rettungsmaßnahmen und verwiesen in den folgenden Jahren auf weitere (angebliche) Ungereimtheiten, bissen mit ihren juristischen Anstrengungen jedoch auf Granit.

Für die Behörden, darunter die Kieler Staatsanwaltschaft, war es ein Unfall, möglicherweise auf Übermüdung oder sonst einen Schwächeanfall der Wache schiebenden Kadettin zurückzuführen. Für eine Straftat hätten sich keine Anhaltspunkte gefunden. Einige BeobachterInnen weisen allerdings auf die Tatsachen, vielleicht auch nur Gerüchte hin, wonach Böken damals an Unterleibsschmer-zen und Schlaflosigkeit gelitten habe und erst am Unglückstag vom Schiffsarzt wieder diensttauglich geschrieben worden sei. François Duchateau zufolge* sind später, nach Böken, auch etliche Beweismittel über Bord gegangen, darunter Dokumente aus der Krankenakte, aber auch Bökens Unterwäsche und ihr privates Tagebuch. Der Fall bleibe »mysteriös«. In Bökens Umfeld ist von ihrem Ruf als wenig attraktives und eher unsportliches Objekt der Begierde beziehungsweise des Mobbings die Rede. Vielleicht befand sie sich ja bereits in dem Krieg, für den sie gerade erst ausgebildet wurde. Das hieße, jemand habe sie zur Verhütung unschöner Enthüllungen über besonders derbe Schiffssitten über die Reling springen lassen, oder aber, sie habe dasselbe Resultat »freiwillig« erzielt. Vater Uwe Böken scheint nach wie vor das erstere zu glauben: man habe Jenny vergewaltigt und, zwecks Vertuschung, »entsorgt«. Er will in seinen Aufklärungsbemühungen nicht locker lassen.**

Gut zwei Jahre nach Jennys Tod, am 7. November 2010, kommt die Gorch Fock schon wieder ins Gerede. Die 25 Jahre alte Kadettin Sarah Seele stürzt am Vormittag beim »Aufentern« in der Takelage aus 27 Metern Höhe aufs Deck. Diesmal lag das Schulschiff im Hafen von Salvador da Bahia in Brasilien. Seele starb am Unfalltag im dorti-gem Krankenhaus. Auch sie soll zum Unfallzeitpunkt dienstuntauglich gewesen sein. Außerdem hatte sie bestenfalls 1,58 Meter gemessen und damit eigentlich nicht den Zugangsbestimmungen entsprochen. An beiden buchstäblichen Fällen aufgehängt – denen von Böken und von Seele – äußert Ferdinand Knauß*** im Hinblick auf die »Tauglichkeits«-Prüfungen bei Marine und Bundes-wehr überhaupt einen starken Verdacht auf sachfremde oder sonstwie unlautere Motive bei den jeweiligen Verantwortlichen, sprich auf Korruption. Trifft das zu, wären die entsprechenden Vertuschungsbemühungen natürlich nicht sonderlich verblüffend. Auch bei Seeles Sturz konnte die Staatsanwaltschaft keine Fahrlässigkeiten Dritter erblicken.

* »Warum war Jenny Böken überhaupt an Deck?«, welt.de, 22. Oktober 2014: http://www.welt.de/vermischtes/article133557788/Warum-war-Jenny-Boeken-ueberhaupt-an-Deck.html
** »Vater von Jenny Böken ...«, rtl.de, 5. September 2020: https://www.rtl.de/cms/gorch-fock-unglueck-vater-von-jenny-boeken-jenny-wurde-an-bord-vergewaltigt-und-entsorgt-4608094.html
*** »Was hat die Bundeswehr zu verbergen?«, WirtschaftsWoche, 23. Oktober 2014: http://www.wiwo.de/politik/deutschland/tod-auf-der-gorch-fock-was-hat-die-bundeswehr-zu-verbergen/10876632-all.html




Boldt, Erich 28 (1933–61). Vorausgesetzt, die Geschichte stimmt, traf der junge Feldwebel und Sprengmeister der Bundeswehr am 16. November 1961 die Entscheidung, sein Leben für andere aufs Spiel zu setzen, in ähnlicher Blitzes-schnelle wie etwa US-Jäger-Pilot Richard W. >Higgins vier Jahre früher in seiner rauchenden Maschine über der bayerischen Stadt Fürstenfeldbruck. Boldt nahm auf dem Truppenübungsplatz Putlos, Schleswig-Holstein, gerade ein »Gewöhnungssprengen« vor. Als er in diesem Rahmen mit zwei auszubildenden Soldaten im Deckungsgraben stand, rollte eine bereits gezündete Ladung, warum auch immer, in den Deckungsgraben zurück. Boldt warf sich sofort auf sie, wodurch er seinen beiden Schützlingen das Leben rettete. Sie blieben nahezu unverletzt, während Boldt starb. Kriegsminister Franz Josef Strauß, bekannter Hätscheler des »Witwenmachers« Starfighter, versicherte Boldts Witwe umgehend, man werde dessen »vorbildliche Pflichterfüllung« (!) nie vergessen. Zur Benennung einer Kaserne (und Unteroffizierschule des Heeres) in der sächsischen Kreisstadt Delitzsch nach dem holsteiner Helden kam es allerdings erst 1992, also nach der berüch-tigten »Wende« (vom kalten zum wiederaufgewärmten Krieg). Bis 1990, so Ditmar Wohlgemuth*, trug diese Kaserne den Namen des in Eilenburg (bei Leipzig) geborenen kommunistischen Widerstandskämpfers Kurt Bennewitz, der noch kurz vor Kriegsende von der SS ermordet worden war.

* »Gedenkminute in der Kaserne«, Leipziger Volkszeitung, 15. November 2011: https://www.lvz.de/Region/Delitzsch/Gedenkminute-in-der-Kaserne



Böll, Raimund 35 (1947–82). Der Schriftsteller Heinrich Böll hatte vier Kinder, alles Söhne. Der erste, Christoph, soll bereits in seinem Geburtsjahr gestorben sein, 1945. Raimund war der zweite – und man kann nicht gerade sagen, er sei beträchtlich älter geworden. Er studierte in Köln Bildhauerei, bekam just wie sein Erzeuger im Zuge der Baader-Meinhof-Hysterie einige Kübel Jauche über den Kopf, wich 1976 in die Schweiz aus – aber das hinderte den Krebs, wie man liest, nicht daran, auch in den Alpen an ihm zu nagen. Daran starb er mit 35, wohl Leukämie. Seine jüngeren Brüder René und Vincent, um 70, scheinen noch zu leben. Die Bildhauerschule, die Raimund in Hochwald (SO) betrieb, soll sich erklärtermaßen als »anthroposophische« Einrichtung verstanden haben. Somit war er Christ wie sein berühmter Vater. Auch das hat ihm offensichtlich nicht viel genützt. Aber dem werden sicherlich so manche LeserInnen widersprechen. Man könne die Schule des Leidens, auch Leben genannt, schließlich sowenig nach ihrem »Nutzwert« wiegen wie die eine oder andere Erlösung, die uns, vielleicht, nach ihrem Ende winkt.



Bolotin, Jacob 36 (1888–1924). Um 2007 schenkte mir ein Gartennachbar hübsche leuchtend bunte Peperoni. Ich wusch sie in meiner Vogeltränke und dachte über das Pfannengericht nach, das ich mir vielleicht zubereiten könnte. Dabei rieb ich mir wohl unwillkürlich irgendeine Mißempfindung aus einem Augenwinkel, wie man es sicherlich dutzende Male am Tage tut. Aber schon meinte ich, in Flammen zu stehen. Ich knickte zusammen, wälzte mich im Gras und sah meinen Garten nur noch bruch-stück- oder nebelhaft. »Wasser! Wasser!« durchfuhr es mich immerhin. Glücklicherweise mied ich die Vogel-tränke, tappte stattdessen stöhnend zu meinem 5-Liter-Kanister auf der Hütten-Veranda, der noch halb voll war. Ich goß ihn nach und nach in meine Schüssel und wusch mir in den nächsten Minuten halbwegs das brennende Auge aus. Nach einer Viertelstunde hatte ich den Eindruck, mein Auge sei gerettet.

Seit diesem Denkzettel fällt mir die »Empathie« mit Einäugigen leichter – was es jedoch bedeutet, von Geburt an völlig blind zu sein, zumal um 1900, übersteigt nach wie vor mein Vorstellungsvermögen. Bolotin, Sohn von polnischen Einwanderern in Illinois, USA, erkämpfte sich damals sogar eine medizinische Ausbildung und, als erster nichtsehender US-Bürger überhaupt, die Zulassung als Arzt. Er soll sich große Verdienste erworben haben, schon durch sein Vorbild, ferner durch seine teils verblüffend treffenden Diagnosen, viele Vorträge, auch die Schaffung und Leitung einer ausschließlich aus blinden Knaben bestehenden Pfadfindergruppe.

Sein auffälliges Frühsterben scheinen die meisten Quellen zu übergehen. Selbst Deborah Kendricks Bemerkung dazu in ihrer Besprechung* einer Biografie riecht nach Ausflucht. Der blinde Mediziner habe sich offenbar buchstäblich totgearbeitet – »maintaining such a rigorous schedule of seeing patients and giving speeches that his body wore out.« Zu Bolotins Liebesleben, falls vorhanden, sagt sie nichts. 5.000 Leute seien zu seiner Beerdigung erschienen. Vielleicht war Bolotin, mit 36, weder an Tuberkulose, Herzfehler, »Überarbeitung«, vielmehr an der Verzweiflung über das ihm verordnete Schicksal gestorben, für das es noch nicht einmal einen Hauch an Rechtfertigung gibt. Vielleicht versagten seine krampf-haften Selbstbeschwichtigungen, nicht seine Organe.

* »The Blind Doctor«, Braille Monitor, Januar 2008: https://www.nfb.org//images/nfb/publications/bm/bm08/bm0801/bm080105.htm



Bolten, Johann Christian 29 (1727–57), norddeutscher Mediziner, »Stadtphysikus« in Altona. Vor allem aufgrund seines 1751 in Halle erschienenen Werkes Gedancken von psychologischen Curen wird der Sohn eines Pfarrers von Fachleuten unter die Vorläufer der Psychotherapie gezählt. Betrüblicherweise scheint man sich für sein eigenes Seelenleben, Haushaltsführung eingeschlossen, nirgends brennend genug interessiert zu haben, um sich einigen Forschungsaufwand zu verordnen. Auch sein selbst für damalige Verhältnisse recht früher Tod (mit knapp 30) liegt völlig im Dunkeln – dabei war der Mann Arzt! Hatte er sich vielleicht bei einem Kunden angesteckt? Oder hatte ihm seine Gattin einen unentgräteten Fisch vorgesetzt? Denn verheiratet (kinderlos) war er: Maria geb. Lade-hoffen hieß die Liebe oder Böse, falls Paolo Raile* getraut werden kann, einem Wiener Psychotherapeuten. Genaueres weiß der aber auch nicht. Was Wunder, wenn mir das Stadtarchiv Altona eine Antwort, also einen Offenbarungseid schuldig geblieben ist.

* Aufsatz über Boltens »Gedancken« im SFU Forschungsbulletin 5/2 (2017), S.82–94: http://journals.sfu.ac.at/index.php/sfufb/article/view/111/178



Bonington, Richard Parkes 25 (1802–28). Ich schiebe kurz drei Maler ein, damit die Mediziner nicht überhand nehmen. Bonington, ein sehr begabter Landschafter in Öl und Wasserfarben, der teils in Frankreich, teils in seinem Heimatland England arbeitete, wäre sicherlich noch Millionär geworden, hätte ihm nicht mit knapp 26 das Tuberkulose-Bakterium den Garaus gemacht. Sein Freund Eugène Delacroix hielt große Stücke auf ihn. Als Motive liebte Bonington Küstenstriche, und er malte sie so offen, wie es damals nicht die Regel war. Sie wirken weder seitlich noch über dem Meer und dem ausgesprochen hohen Himmel begrenzt. Damit scheinen sie das zu verspotten, was Gemälde und Kunstwerke überhaupt gerade ausmacht: ihre Begrenztheit. Ein Gemälde ist eine geschlossene und deshalb gut überschaubare und angenehm beruhigende Welt für sich – ganz im Gegensatz sowohl zur Natur wie zur Gesellschaft. Auf dem Gemälde, meist eingerahmt, ist die Welt in Ordnung. Wer das Gleiche von der Natur oder der Gesellschaft behaupten wollte, müßte schon blind sein wie Bolotin.

Boningtons Landsmann Thomas Girtin wurde lediglich zwei Jahre »älter«, und wahrscheinlich starb er 1802, mit 27, gleichfalls an einer Lungenkrankheit, wenn nicht Tuberkulose, dann Asthma. Kenner wie Jay* halten ihn für einen wichtige Vorläufer Boningtons.

Den freizügigen Jugendstil-Illustrator Aubrey Beardsley (um das Wort »pornografisch« zu vermeiden) braucht man wohl kaum vorzustellen. Der Brite starb 1898 nicht, wie die beiden anderen, in London, sondern in Menton, Südfrankreich: Tuberkulose. Er wurde ebenfalls nur 25, wie Bonington.

* »Richard Parkes Bonington« im Blog Silvae, 25. Oktober 2010: https://loomings-jay.blogspot.com/2010/10/richard-parkes-bonington.html



Bontekoe, Cornelius oder Cornelis c.37 (1647–85), auch »Tee-Doktor« genannt, also schon wieder ein Arzt, diesmal ein niederländischer. Als Knabe hatte er noch Dekker geheißen, wie sein Vater Gerrit Jansz. Da jedoch an dessen Lebensmittelgeschäft**** in Alkmaar ein Schild mit einer gefleckten Kuh hing, nannte sich Cornelius später mit Zunamen Bontekoe=Buntekuh. Den Grund der Umbe-nennung kennt auch Stan Verdult nicht.* Bemüht man die Brechstange, weht einen aus jenem Schild bereits der Duft von Heilkräutern an. Auch sonst erscheint die Umbenen-nung keineswegs abwegig, wenn man den bunten, ja sogar schillernden Werdegang des jungen Mannes bedenkt, der bald als der erwähnte »Tee-Doktor« Aufsehen erregte, also zusätzlich auch noch einen Spitznamen angeheftet bekam.

Anhänger von Descartes und von heute sogenannten »Naturheilverfahren«, hatte sich Bontekoe vor allem auf die Empfehlung damals noch wenig verbreiteter (und entsprechend teurer) Drogen wie Tee, Kaffee, Kakao und Tabak verlegt. Diese Arznei- und Genußmittel waren zu seiner Zeit so umstritten wie Bontekoe selber. Wahrschein-lich praktizierte er nach seinem Medizinstudium in Leiden nicht zufällig an wechselnden Orten. Zwar hatte er aufgrund seiner neuen drogistischen Behandlungen viel Publikumszuspruch, aber auch viel Ärger mit Kollegen oder Apothekern, die fanden, er grabe ihnen und ihren eigenen, angeblich jeweils individuell zugeschnittenen Mixturen sozusagen das Wasser ab. Bontekoe ging zwei Ehen ein, die in Tod der Gattin und Scheidung endeten, und verfaßte mehrere diagnostische Bücher, die ihm fast aus der Hand gerissen wurden. 1681 zunächst in Hamburg niedergelassen, stieg er im folgenden Jahr in die Schar der Leibärzte des in Berlin oder Potsdam residierenden brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm auf und wurde dazu Professor in Frankfurt/Oder. Doch schon 1685, mit ungefähr 37 Jahren, nimmt er in Berlin ein jähes Ende – er stürzt auf einer Treppe und stirbt daran. War auch hier zuviel Tee im Spiel?

Bei der von Bontekoe in der Regel empfohlenen Dosierung schwanken die Quellen. Mal soll er seinen Patienten lediglich 50, mal 200 Tassen täglich, wahlweise acht bis zehn »Näpfchen« pro Stunde (Kemper) verordnet haben. Manche skeptischen, vielleicht auch nur mißgünstigen Zeitgenossen hielten Bontekoe ohnehin eher für einen Agenten der holländischen Ostindienkompanie als für einen Arzt. Kemper behauptet**, wie viele Kartesianer habe Bontekoe scharf zwischen Leib und Seele getrennt und jenen als Maschine mit einem Blutkreislauf aufgefaßt, die im Grunde einfach zu bedienen und zu warten sei. Er habe alle Krankheiten auf den im Alter zunehmenden »Scharbock« oder »Skorbut« zurückgeführt, weshalb er auch nur noch ein Heilmittel benötigte – eben zum Beispiel das Schmier- und Treibmittel Tee. Auch Kemper merkt Unlauteres an, wenn er versichert, Bontekoe sei an den Tee-Importen nach Deutschland »beteiligt« gewesen. Fest steht jedenfalls, daß der Holländer entscheidend dazu beitrug, die oben aufgezählten Genußmittel am Berliner Hof einzuführen. Nach Noack/Splett half seine Verord-nung von Tee sogar, das Nierenleiden des Kurfürsten höchstpersönlich »spürbar« zu mildern (S. 67).*** Dafür scheiterte Bontekoe selber, wenn nicht am üppigen Teegenuß, an der Tücke des Objekts.

Die einzige mir bekannte Quelle, die die näheren Todes-umstände nicht mit der Formel vom »Treppensturz« übergeht, kam gut 200 Jahre später als Zeitschriften-aufsatz eines just aus Alkmaar stammenden Schriftstellers heraus.**** Danach hielt sich Professor Bontekoe am 13. Januar 1685, von Frankfurt/Oder kommend, besuchsweise in Berlin und im Hause des kurfürstlichen Kunstmalers Jacob Vaillant auf, wo gespeist – und möglicherweise auch viel Tee, wahlweise Wein getrunken wurde. Täuscht mich das Niederländische nicht, wurde Bontekoe in diesem Hause, nachdem er einmal Austreten gegangen war, von seinem Diener und einigen besorgten Gästen am Fuße einer Treppe in einer Blutlache gefunden. Er hatte sich einen Schädelbruch zugezogen und konnte nicht mehr gerettet werden. Finstere Machenschaften werden nirgends geargwöhnt, aber vielleicht war es zu dieser Abendzeit recht dunkel im Haus. Wahrscheinlich sei der Professor auf der ihm unvertrauten Treppe gestolpert und anschließend so schwer abgestürzt, daß er zu Tode kam.

* »Cornelis Bontekoe nam afstand van 'den Heyloosen' Spinoza«, Spinoza-Blog, 25. Mai 2011: https://web.archive.org/web/20120210124558/http://spinoza.blogse.nl/log/cornelis-bontekoe-1647-1685-nam-afstand-van-den-heyloosen-spinoza-1.html
** Hans-Georg Kemper: Komische Lyrik – lyrische Komik, Tübingen 2009, S. 56
*** Lothar Noack / Jürgen Splett: Bio-Bibliographien. Brandenburgische Gelehrte der Frühen Neuzeit. Berlin-Cölln 1640-1688, Berlin 1997, S. 65–72
**** Cornelis Willem Bruinvis, »Cornelis Bontekoe, de theedoctor«, in: Elsevier's Geïllustreerd Maandschrift. Jaargang 2, Amsterdam 1892, S. 404–16, bes. 405: https://www.dbnl.org/tekst/_els001189201_01/_els001189201_01_0033.php. Zwar ist das Porträt, das Bruinvis gibt, mit etlichen Fußnoten versehen, allerdings zum Treppensturz ausge-rechnet nicht. Man weiß also nicht unbedingt, woher der Schriftsteller die Einzelheiten weiß. Da er aber, unter anderem, auch Apotheker, Archivar und Stadtrat gewesen sein soll, will ich einmal hoffen, er hat sie nicht erdichtet.




Bontjes van Beek, Cato 22 (1920–43), Keramikerin, Segelfliegerin und Antifaschistin aus Worpswede bei Bre-men. Für ihre Aktivitäten im Rahmen der sowjetfreund-lichen Organisation Rote Kapelle wurde die Künstler-tochter blutjung in Berlin-Plötzensee ermordet. Kopf ab für Plakate kleben, Juden verstecken, »Feindsender« abhören und ähnliches mehr. Nach dem Krieg wurde die Rote Kapelle zum »monströsen KGB-Spionagering« aufgeblasen, wie Katja Gloger 2004 in einem Wochenma-gazin anmerkt.* Die Tänzerin und Malerin Olga Bontjes van Beek hatte 12 Jahre lang gegen das Land Nieder-sachsen zu prozessieren, bis sie eine Rehabilitierung ihrer Tochter Cato erwirkte.

Im Sammelband Recht ist, was den Waffen nützt, herausgegeben von Helmut Kramer und Wolfram Wette 2004, wird eins der äußerst dünngesäten Verfahren gegen die faschistische Wehrmachtsjustiz erwähnt, nämlich gegen Generalrichter Dr. Manfred Roeder, mitverant-wortlich für mindestens 45 Todesurteile (von über 70 Todesurteilen?) gegen WiderstandskämpferInnen der Roten Kapelle, die ich ja eben als »sowjetfreundlich« bezeichnet habe. Das Verfahren wurde 1951 von der Staatsanwaltschaft Lüneburg eingestellt. In der ursprüng-lichen, nach öffentlichen Protesten etwas abgemilderten Begründung ist zu erfahren, diese Leute seien zu Recht zum Tode verurteilt worden, da Grundlage ihres Wirkens Landesverrat gewesen sei. »Landesverrat hat immer und zu allen Zeiten als das schimpflichste Verbrechen gegolten.« Darauf, was in dem betreffendem Lande geschieht, kommt es also nicht an. Dein Land kann ein Jauchefaß sein; es kann im Laufe von 30 Jahren 15 Vietnamkriege exportieren – solange es dein eigenes ist, darf es niemand ungestraft beschimpfen.

Ich komme noch einmal auf die Widerstandskämpfer-Innen zurück. Gewiß schlug am 20. Juli 1944 im »Führer-hauptquartier« Wolfsschanze ein Bombenanschlag auf Hitler fehl, für den anschließend etliche hohe Amtsträger der zivilen oder militärischen Art mit ihrem Leben zu büßen hatten, darunter so junge Leute wie Major Egbert Hayessen (30) und Oberst Claus Schenk von Stauffenberg (36), die jedes Kind von Briefmarken oder Schulbüchern her kennt und für große Vorbilder hält. Waren sie also nur durch dumme Zufälle in diese führenden und viel Unheil anrichtenden Positionen des »Dritten Reiches« gerutscht, während ihnen an der Wiege doch bereits revolutionäre Lieder gesungen worden waren? Selbstverständlich nicht. Diese Leute, die unverschämterweise seit vielen Jahr-zehnten den Widerstand gegen den deutschen Faschismus repräsentieren dürfen, gehörten von Hause aus einem reaktionärem Club an, dessen Mitglieder alle Mühe hatten, vor dem Einwickeln der Bombe in Butterbrotpapier und deren Verstauung in einer speckigen Aktentasche ihren Ekel vor dem rotem Pöbel, dem Bolschewistengesindel, den Pazifistenschweinen zu unterdrücken, mit denen sie möglicherweise, nach Hitlers Beseitigung, gemeinsame Sache zu machen hatten. Diese Aktentasche stellte ledig-lich ihre nebenbei dilettantisch angebrachte Notbremse dar. Sie bäumten sich in ihren Clubsesseln in letzter Minute auf, um nicht mit in den Abgrund gerissen zu werden. Näheres dazu hat Engelmann schon 1975 ausgeführt.**

Ähnliches gilt für den christlichen, etwas liberaler gesinn-ten »Kreisauer Kreis« um den Juristen und Mitarbeiter der Abwehr der deutschen Wehrmacht Helmuth James Graf von Moltke (mit 37 hingerichtet 1945). Dieser Club stand mit den Attentätern in Verbindung. Wenn ihn die Konrad-Adenauer-Stiftung auf ihrer Webseite kühn zur »führenden Gruppe des deutschen Widerstands« gegen den Faschismus erhebt (den sie freilich beschönigend »Nationalsozialismus« nennt)***, sind auf einen Streich »Hunderttausende«, wie Engelmann schätzt, aus Kreisen der Werktätigen und der linken Intelligenz vom Tisch gewischt, die im Sommer 1944 bereits seit mindestens 10 Jahren aufrichtig und mutig Widerstand geleistet hatten. Tausende davon kamen um.****

* »Die Legende von der 'Roten Kapelle'«, stern, 8. Juli 2004: http://www.stern.de/politik/geschichte/widerstandsorganisation-die-legende-von-der-roten-kapelle-526650.html
** Bernt Engelmann: Einig gegen Recht und Freiheit, Göttinger Aus-gabe 2001, S. 282 ff. Neuerdings siehe auch Jutta Ditfurths Börries-von-Münchhausen-Biografie: Der Baron, die Juden und die Nazis, Hamburg 2013, bes. S. 299–306.
*** Artikel »Kreisauer Kreis« von Wilhelm E. Winterhager, o. J.: https://www.kas.de/de/web/geschichte-der-cdu/kreisauer-kreis
**** Ähnlich fragwürdig ist meines Erachtens der Rummel, der teils seit vielen Jahren um jung bis sehr jung ermordete Tagebuchschrei-berInnen gemacht wird, voran die allbekannte Deutsche Anne Frank, 15, ferner beispielsweise die Tschechin Věra Kohnová und die Ungarin Éva Heyman, beide 13. Ich möchte deshalb nicht näher auf diese Opfer eingehen.




Fortsetzung Bor—Bri
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