Montag, 13. September 2021
LdF Folge Bam—Bern

Bamberski, Kalinka 14 (1967–82), mutmaßliches Mordopfer in Lindau am Bodensee. Hier war es, anders als etwas früher (1980/81) im Fall Anna >Bachmeiers, der Vater, der den Tod seines Kindes zu »rächen«, vielleicht auch nur »Gerechtigkeit« suchte. Ob ihn die Schüsse der Mutter Annas im Lübecker Gerichtssaal zu seinem immer-hin nicht Tod bringendem Schritt der »Selbstjustiz« anregten, habe ich nicht herausbekommen. Im Gegensatz zu Marianne Bachmeier mußte er allerdings eine Riesen-geduld aufbringen.

Die Tochter Kalinka des Franzosen André Bamberski, eine hübsche, sportliche, langhaarige Blondine mit blauen Augen, hatte ihre letzten Sommerferien (1982) bei ihrem damals 47 Jahre altem Stiefvater Dieter K., einem Arzt, in Lindau am Bodensee verbracht. Dort starb sie, unter fragwürdigen Umständen von K. behandelt, angeblich in ihrem Bett. Krank war sie nicht gewesen. Bamberski, ihr leiblicher Vater, damals 45, wohnhaft in Toulouse, argwöhnte bald nach der Obduktion sexuellen Mißbrauch und, zwecks dessen Vertuschung, Mord. Auch bei der Obduktion, wahrscheinlich von Arzt K. nicht unbeeinflußt, war offensichtlich nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Dennoch ordnete die deutsche Justiz die Einstellung der Ermittlungen an und schmetterte auch ein Klageerzwingsverfahren von Bamberski ab. Nun war die groteske, wenn auch völlig normale Lage so, daß K. in Frankreich hätte verfolgt und verurteilt werden können, weil Kalinka Französin war. In der Tat kam es, auf Betreiben Bamberskis, zunächst (1985) zu einer zweiten Obduktion (bei der die Entfernung von Kalinkas Geschlechtsteilen aufgedeckt wurde!*), dann sogar zu Anklage und Verurteilung: 15 Jahre Gefängnis und hoher Schadenersatz – allerdings nur in Abwesenheit des Angeklagten, denn Deutschland hatte sich gehütet ihn auszuliefern. Das war 1995, geschlagene 10 Jahre später. Doch nun erkannten die deutschen Behörden auch dieses Urteil insofern nicht an, als sie sich, mit üblicher spitzfindiger Begründung, zu seiner Vollstreckung außerstande erklärten. Dies alles zog sich hin und hin. Warum der zwielichtige Mediziner so beflissen und nachhaltig gedeckt wurde, kann auch Hammer nur mutmaßen.* Als sich K. schließlich (2008/9) mit Plänen zu tragen schien, nach Afrika zu entweichen, und zudem die Verjährung des französischen Urteils gegen ihn drohte, platzte dem inzwischen rund 70jährigem Buchhalter Bamberski der Kragen. Er heuerte Fachleute an, die den mutmaßlichen Mörder seiner Tochter nach Mülhausen im Elsaß entführten und im gefesselten und geknebelten Zustand sozusagen vor die Treppe des dortigen Zollamts warfen.* Prompt wurde K. nach Paris überstellt und erneut angeklagt. Das 2011/12 gesprochene Urteil gegen ihn blieb im wesentlichen das alte: 15 Jahre. Freilich ließ man auch den pensionierten Buchhalter und nebenberuflichen Frei-schärler Bamberski nicht völlig ungeschoren. Ein Mühl-hausener Gericht brummte ihm, wegen der Entführung, im Sommer 2014 ein Jahr mit Bewährung auf.**

Da möchte mancher vielleicht mit einem Schmunzeln zum nächsten Fall übergehen, doch ich will mir zwei Hinweise erlauben. Zum einen: Bei dieser Posse kam ein knapp 15jähriges Mädchen um. Wobei es wahrscheinlich auch noch gequält worden war. Stiefvater und Mediziner K. hatte sich übrigens während der 1990er Jahre noch mit weiteren Vorwürfen auseinander zu setzen, etwa wegen Vergewaltigung einer anderen Minderjährigen, Miß-handlung seiner ersten Ehefrau und jüngster illegaler Berufsausübung.* Er kam freilich auch in diesen Fällen glimpflich davon. Nebenbei ist er soeben, 202o, als 84jähriger aus Krankheitsgründen von der französischen Justiz auf freien Fuß gesetzt worden.

Zum zweiten: in einer wirklich freien Republik hätte sich die Tonnen an Kraft und Volksvermögen verzehrende Posse weitgehend erübrigt. Weder sogenannte Vorschrif-ten und Amtswege noch eine sogenannte Staatsangehörig-keit spielen in dieser Republik, die mir vorschwebt, eine Rolle. Entscheidend sind die allgemeinen moralischen Grundsätze sowie die Betroffenen eines Falls, immer auch durchmischt mit Unbefangenen. Und selbstverständlich werden sie rasch bemerken, dieser Dieter K. hat keine saubere Weste und muß folglich zur Rede gestellt werden. Erhärtet sich der Verdacht bis hin zu dem Konsens aller Beteiligten, er habe eine schändliche Tat vollbracht, wird K. zur Besserung und Wiedergutmachung aufgefordert. Er zeigt sich allerdings hartnäckig uneinsichtig? Also kom-men wir nicht umhin, die Republik vor ihm zu schützen. Ihn nach Frankreich zu jagen, wäre selbstverständlich eine Schweinerei, weil er dort über kurz oder lang das nächste Mädchen in die Falle locken wird. Einsperren verbietet sich aber ebenfalls, weil wir uns diese enormen Kosten der Bewachung und Versorgung gar nicht leisten können.
Ergo ..?

Sollten sich ein paar der Beteiligten wohl oder übel zu einer Tötung gezwungen sehen, werden sie diese selbstverständlich so rasch und schmerzlos wie möglich vornehmen. Die Folterer, das sind zum Beispiel jene PolitikerInnen und Bürokraten, die jeden Tag 20 Gesetze über Staatszugehörigkeiten, Amtswege, Behördenformu-lare und Strafmaße erlassen. All diese Hürden, die sie aufbauen, verfolgen im wesentlichen nur zwei Zwecke: denen, die an den Hebeln sitzen, das schöne Gefühl der Machtausübung zu ermöglichen; den Kleinen Leuten dagegen das Leben so sauer und schwer wie nur möglich zu machen. Zu diesen Hürden zählt letztlich auch der ganze Apparat demokratischer Rechts- und Gefangenen-fürsorge, wie ich betonen möchte. Vor allem entbindet er den »Staatsbürger« von jeder Eigenverantwortung. Sodann verwandelt er die Hürden, die zu antiken Zeiten immerhin noch zählbar waren, in einen undurchdring-lichen Dschungel, der restlos alles Leben erstickt.

Ich höre den Einwand, die Ächtung der Todesstrafe in vielen postmodernen »Demokratien« sei doch auch der erwiesenen Gefahr des Irrtums und der Unwiderruflichkeit des Todes geschuldet. Aber dieser Einwand ist nur auf den ersten Blick stark. Ich glaube nämlich daran, in einer Freien Republik überschaubaren Ausmaßes wäre die Gefahr des Irrtums viel geringer, weil die Republikaner-Innen erheblich aufgeklärter, sorgsamer und lebensklüger wären als die Bande der Bürokraten und Rechtsverweser-Innen, mit der man es in Molochen wie Deutschland und Frankreich zu tun hat. Ihr gegenüber muß man sicherlich an der Ächtung der Todesstrafe festhalten. Diese Bande ist zu allem fähig. Im übrigen sind die Rechtsauffassungen, die ich hier einzuschieben wage, ohnehin rein spekulativ, weil »Freie Republiken überschaubaren Ausmaßes« nur in den Sternen stehen. Greift ein Untertan des Molochs zur »Selbstjustiz«, hat es weder Methode noch stellt es eine vorbildliche Lösung dar. Es ist seine aus Knechtschaft und Gewissensnot erfolgte persönliche Verzweiflungstat. Hammer beschreibt ziemlich gut, was Bamberski durchzu-machen hatte. Nebenbei hätte ihn sein Widerstand auch in finanzieller Hinsicht fast ruiniert.

Gewiß werden zuweilen noch heute PolitikerInnen oder RichterInnen des Molochs dafür gelobt, sie hätten ein Problem erfreulich »unbürokratisch gelöst«. Aber auch das wird sich in wenigen Jahrzehnten erübrigt haben. Es wird dann nämlich keine PolitikerInnen und RichterInnen mehr geben, vielmehr nur noch Roboter – also Computer-programme, die den DrahtzieherInnen des Ganzen hörig sind. Diese Roboter werden dann entscheiden, ob ein Begehren des Staatsbürgers den Vorschriften entspricht oder nicht. Sie lachen vielleicht? 2050 sprechen wir uns wieder.

* Joshua Hammer, »The Kalinka Affair«, The Atavist Magazine, no. 13, März 2012: https://magazine.atavist.com/the-kalinka-affair
** Stefan Brändle im Standard am 18. Juni 2014: https://www.derstandard.at/story/2000002123831/fall-kalinka-vater-in-mulhouse-wegen-selbstjustiz-verurteilt




Bancic, Olga 32 (1912–44), rumänisch-französische Partisanin. Selbst mein Brockhaus erkennt an, der franzö-sische Widerstand gegen die deutschen BesatzerInnen und deren Vichy-Marionetten-Regime war eine Massenbewe-gung (Band 18 von 1992). Allerdings hatte die Résistance beträchtlichen Blutzoll zu zahlen. Im Februar 1944 gelang den Nazis ein Schlag gegen 23 Mitglieder der Gruppe Manouchian, die bereits mit etlichen Sabotageakten Erfolge erzielt hatte. Sogar eine Frau ging ihnen ins Netz. Alle wurden zum Tod durch Erschießen verurteilt. Die rumänischstämmige Kommunistin Olga Bancic kam jedoch in den Genuß einer Galgenfrist, weil die Nazis überraschend Höflichkeit und Gesetzestreue hochhielten. Noch galt in Frankreich nämlich ein Gesetz, wonach das Hinrichten von Frauen unstatthaft sei.* Bancics 22 Mitstreiter fielen gleich am 21. Februar 1944 in der Festung Mont Valérien bei Paris unter den Kugeln eines Erschießungskommandos. Zu den Toten zählte auch der 37jährige Anführer der Verurteilten, Missak Manouchian. Der armenische Bauernsohn und Poet, 1925 vor den türkischen Nationalisten geflüchtet, hatte sich teils als Fabrikarbeiter bei Citroën ernährt und von daher der französischen KP angeschlossen, teils weiterhin an Gedichten und Zeitschriftenartikeln gearbeitet. Nach der Besetzung (1940) baute er eine Partisanengruppe auf.

Mutigen Genossinnen wie Bancic kam im Partisanenkampf auch deshalb große Bedeutung zu, weil sie, etwa beim Schmuggeln der zum Anschlag auf eine Kaserne erforderlichen Waffen und Bomben, als Frauen wenig Verdacht erregten. Manchen Leser könnte es freilich makaber anmuten, wenn die Bombe beispielsweise im Kinderwagen schlummerte. Bancic hatte sogar selbst eine Tochter: Dolores, geboren 1939. Ihre erste Erfahrung mit der Repression hatte die Mutter bereits als 12jährige Kinderarbeiterin einer bessarabischen Matratzenfabrik gemacht: wegen Beteiligung an einem Streik wurde sie verhaftet und verprügelt.** 1939, schon in Frankreich, heiratete sie den rumänischen Schriftsteller Alexandru Jar, Vater ihrer Tochter. Er starb 1988 in Bukarest. Die Tochter soll noch leben.

Ihre Mutter war nach den Pariser Erschießungen nach Stuttgart gebracht worden. Dort wurde Bancic dann noch einmal ordungsgemäß zum Tode verurteilt und sehr wahrscheinlich auch erneut** gefoltert, wenn auch angeblich vergebens, und schließlich am 10. Mai 1944 im Hof des Gefängnisses durch Enthaupten hingerichtet. Wahrlich ein umwerfendes Geschenk: denn ob Zufall oder nicht, es war Bancics 32. Geburtstag. An die gesamte Gruppe erinnert in Paris die Rue du Groupe Manouchian.

* L'aide-mémoire de Souviens-toi des déportés et de la déportation, o. J.: http://www.souviens-toi.org/aideb.html
** United States Holocaust Memorial Museum, o. J.: https://www.ushmm.org/exhibition/personal-history/media_oi.php?MediaId=1911&th=resistance




Barbellion, W.N.P. 30 (1889–1919), britischer Zoologe, Journalist und Tagebuchschreiber, schwer krank. Im Zusammenhang mit seiner Musterung auf Kriegstauglich-keit 1915 erfuhr er von seinem »unheilbarem« Leiden, das erst später Multiple Sklerose (MS) genannt wurde. Er hatte kürzlich geheiratet und eine Tochter gezeugt. Die Ärzte gaben ihm nur noch wenige Jahre. Jetzt warf sich der offenbar sozialistisch gestimmte Angestellte eines Londoner Museums umso eindringender auf sein seit Jugend an geführtes Tagebuch, das im Frühjahr 1919, mit Vorwort von H. G. Wells, unter dem Titel The Journal of a Disappointed Man erschien. Im Herbst starb er dann, 30 Jahre alt.

Barbellions schmales, mit Naturkunde und Philosophie gespicktes Kranken- und Bekenntnisbuch wird von einigen Literaten hochgeschätzt, darunter neuerdings William Atkins, London.* Ich selber kenne es nicht. Bislang scheinen auch keine Übersetzungen vorzuliegen. Der rumänische Schriftsteller Mihail Sebastian rühmte das Journal bereits 1930. Er tat es allerdings als Bock, der sich zum Gärtner machte, nämlich in seinem eigenem, erheblich dickleibigerem Jurnal, das meines Erachtens ähnlich »disappointing« geriet, wie der britische Zoologe (besonders Käferkundler) sein ganzes kurzes Dasein empfand. Auf Sebastian komme ich noch zurück, unter S.

Bei MS, einer chronisch entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems, werden zunächst Gehirn und Rückenmark angegriffen – von wem, ist bis heute unbekannt. Die Krankheit, oft in Schüben über Jahre hinweg verlaufend, kann zu den unterschiedlichsten schweren Störungen führen, darunter Erblindung und Lähmungen. Soweit ich sehe, ist sie ungefähr so modern wie Krebs und Magersucht. Als mutmaßliche »Ursache« wird neuerdings die berüchtigte »Autoimmunschwäche« gehandelt. Damit läge eine sozusagen selbstmörderische Attacke vor, ähnlich wie bei rheumatoider Arthritis. Diese Diagnose schmeckte freilich kritischen Köpfen wie Sven Böttcher nicht, Schriftsteller, Jahrgang 1964. Selber von MS betroffen, behauptete er kürzlich: »… mit der Erfindung der Autoimmunerkrankungen haben die Mediziner es jüngst tatsächlich geschafft, den Menschen von seinem allerwichtigsten Verbündeten in der alltäglichen Auseinandersetzung mit Angreifern aus Luft, Boden und Lebensmittelchemie zu trennen. Wer glaubt, vom eigenen Immunsystem mutwillig verraten zu sein und dann auch noch glaubt, ein Arzt könne da helfend oder heilend eingreifen, der ist tatsächlich verloren.«

Böttcher versichert im selben Gespräch**, »Schulmedizin und Pharmaindustrie« meidend (wie die Pest), sei er inzwischen wieder weitgehendst gesund geworden. Der Titel seines jüngsten Buches (Ffm 2019) leidet jedenfalls nicht an Langweile: Rette sich, wer kann! Das Kranken-system meiden und gesund bleiben.

* im Guardian am 1. August 2014: https://www.theguardian.com/books/2014/aug/01/my-hero-wnp-barbellion-william-atkins
** mit den NachDenkSeiten am 14. März 2019: https://www.nachdenkseiten.de/?p=50136




Bardas, Willy 37 (1887–1924), österreichischer jüdischer Pianist und Musikpädagoge, zunächst in Berlin, dann (ab 1923) in Tokio. In Europa war er öfter mit der Sängerin Therese Bardas aufgetreten*, laut russischer Wikipedia seine Frau. Sie war knapp drei Jahre älter als er. Das Paar hatte einen Sohn, Stefan Bardas (1914–2008), USA, Pianist, gestorben mit 93.** Bardas senior verfaßte das Werk Zur Psychologie der Klaviertechnik. Möglicherweise war er in den Geheimnissen des noch neuartigen Automobils weniger bewandert. Die deutsche Wikipedia behauptet jedenfalls, »auf der Rückreise von Japan nach Berlin« sei er in Neapel, Italien, das »Opfer eines Autounfalls« geworden (Schädelbruch), wobei sie auf eine Meldung der Vossischen Zeitung vom 30. September 1924 verweist. Bei diesen dürftigen und nebelhaften Angaben kann man sich natürlich aussuchen, ob der Pianist seit Tokio am Steuer saß oder Opfer eines italienischen Taxifahrers oder sonst eines Straßenverkehrsrowdies geworden war – am Ende gar noch als Fußgänger!

* Uni Hamburg, 2012: https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00001644
** fchristlieb, »An unexpected connection«, 27. November 2019: https://alifeofwords.blog/2019/11/27/an-unexpected-connection-and-the-captivating-story-of-a-piano-maestro/




Barnes, Walter 34 (1905–40), US-Bandleader. Der dunkelhäutige Jazzmusiker lernt sein Handwerk in Chicago. Er spielt Klarinette und Saxophon, bringt es aber bald zum Leiter einer Bigband, die unter anderem im heimischen Cotton Club auftritt, den Al Capones Bruder Ralph betreibt. Zudem schreibt er, wie seine Gattin Dorothy, Zeitungsartikel aus dem Fach, voran für das Blatt The Chicago Defender. Dadurch hilft er ein nicht völlig uneigennütziges Netzwerk afro-amerikanischer U-MusikerInnen und VeranstalterInnen knüpfen. In den 1930er Jahren, nach Plattenaufnahmen mit seiner damaligen Band Royal Creolians, dehnt Barnes seine Tourneen sogar in die Südstaaten aus. 1938 umfaßt sein Orchester 16 MusikerInnen.

Als seine Kings of Swing, wie sie nun heißen, am 23. April 1940 im Rhythm Club in Natchez, Missisippi, auftreten, stehen zufällig ein paar Leute weniger auf der Bühne. Nach den meisten Quellen liegt der Club in einer eher schäbigen, aus Holz gebauten Baracke. Fenster und Hinterausgang sind versperrt, um zahlungsunwillige Gäste fernzuhalten. Als Rauch aufkommt, fällt dem 34jährigem Bandleader möglicherweise die Sache mit dem Titanic-Orchester ein: er läßt nämlich angeblich weiterspielen, um eine Panik unter den dicht gedrängten Tanzpaaren zu vermeiden.* Die letzten Töne des Stückes »Marie« sollen von Trompeter Paul Stott zu hören gewesen sein.

Neben acht oder 10 Bandmitgliedern (je nach Quelle), darunter Barnes und die Sängerin Juanita Avery, fordert das Feuer noch knapp 200 andere Todesopfer. Die meisten wurden vom Rauch vergiftet oder von Flüchtenden nieder-getreten. Weitere der über 700 anwesenden Personen erlitten teils schwere Verletzungen. Nur zwei der Kings of Swing sollen mit dem Leben davon gekommen sein: Schlagzeuger Brown und Bassist Edward. Das Unglück ging in etliche Songs ein, darunter »Natchez Fire« von John Lee Hooker.

* Ted Ownby in der Mississippi Encyclopedia, Stand 2018: https://mississippiencyclopedia.org/entries/walter-barnes/



Barron, Lonnie 25 (1931–57). Mit 12 war der Sohn eines Farmers in Louisiana zu einer Gitarre gekommen. Im Laufe seiner vierjährigen Zeit bei der US Air Force wandte er sich dann dem kommerziellem Country- und Rockabilly-Gesang zu und mauserte sich in kurzer Zeit zu einem »lokalen Elvis« im Raum Detroit, Michigan, wo er zuletzt stationiert gewesen war. Diese schmachtenden Töne kamen im kühlen Norden an. Barron trat als »Mississippi Farm Boy« sowohl in Music Halls wie in Rundfunksen-dungen und Fernsehshows auf. Obgleich er 1955 die offenherzige Platte You're Not The First Girl herausge-bracht hatte, wurde er mit Liebesbriefen überschwemmt. Davon bekam freilich, wie verschiedene Lokalblätter später zu berichten wußten*, auch ein gewisser Roger Fetting (um 35) Wind, der sich am 9. Januar 1957 vor Barrons Haus in Richmond bei Detroit einfand, um sich über die Briefe zu beklagen, die seine Gattin Bettie an Barron gerichtet hatte. Angeblich wollte Fetting, ein arbeitsloser Zimmermann aus Lexington, Michigan, diese Briefe sogar gleich wieder mitnehmen. Als ihn der 25jährige »Entertainer« daraufhin »verspottet« (taunted) habe, soll Fetting wutentbrannt seinen Colt gezogen oder sein Gewehr erhoben und ihm je einen Schuß in Kopf und Arm verpaßt haben, oder umgekehrt. Die »Leidenschaft« der Angelegenheit habe Richter Nelson für einen Strafmilderungsgrund erachtet; Fetting kam also anscheinend mit ein paar Jahren Gefängnis davon. Barron dagegen unter die Erde. 3.500 Trauergäste – kein Klacks, wies Richmond doch damals nur 2.500 EinwohnerInnen auf.

* »Lonnie Barron« bei Hillbilly-Music, Stand 2020: http://www.hillbilly-music.com/artists/story/index.php?id=13487



Barros, João Petra de 33 (1914–48). Der erfolgreiche brasilianische Schlagersänger brauchte keinen maßge-schneiderten Mörder. Ein Leichtsinn, der damals in Rio de Janeiro sicherlich üblich war, und ein Lastwagen der Luftwaffe genügten. Barros habe auf einem Trittbrett der Straßenbahn gestanden, als ihn der Lkw anfuhr, schreibt Raphael Vidigal.* Daraufhin hätten sich die Ärzte gezwungen gesehen, ihm ein Bein abzunehmen. Nach anderthalb Jahren habe sich Barros, schon im dritten Anlauf, eigenhändig umgebracht.

* »100 anos de João Petra de Barros: a voz de 18 quilates«, esquina musical, 12. Juli 2014: https://esquinamusical.com.br/100-anos-de-joao-petra-de-barros-a-voz-de-18-quilates/



Barsi, Judith 10 (1978–88), US-Kinderschauspielerin und Mordopfer aus Los Angeles, Kalifornien. Der Ehrgeiz ihrer Mutter Maria kommt die ganze Familie Barsi teuer zu stehen – obwohl Judith, nach ihren Anfängen mit fünf, im Schnitt rund 100.000 Dollar jährlich verdient, sodaß sich ihre Eltern sogar ein Haus kaufen können.* Die zuletzt 48 Jahre alte Mutter hatte sich für ihr niedliches Töchterchen eine schauspielerische Karriere in den Kopf gesetzt. Sie selber war Kellnerin. Ihren Mann Jozsef, genannt Joe, zuletzt 55, hatte sie in einem Lokal für ungarische Emigranten kennengelernt. Offenbar war sie eine einfache Frau vom ungarischem Lande – vorm »Kommunismus« geflüchtet wie auch Joe. Der arbeitete in LA als Klempner.

Judith, das einzige Kind, tritt nun während ihrer knapp fünf Jahre langen Laufbahn in mindestens 50 Werbespots und etlichen Filmen oder Fernsehshows auf. Joe jedoch, der Erzeuger und Ernährer, wird auf den Erfolg seiner »beiden Frauen« immer eifersüchtiger und reagiert zunehmend gewalttätig. Der Mann, »dark and husky«, prahlt, droht und trinkt gern, schämt sich freilich auch seines ungarischen Akzentes. Wegen Alkohol am Steuer saß er schon mehrmals im Gefängnis.* Judiths Verstörung nimmt zu, wie anscheinend auch eine Kinderpsychologin feststellt, die von ihrer Mutter auf Betreiben von Judiths Agentin bemüht worden ist. Nach einigen Quellen wird Judith fett, reißt sich selber Wimpern*, ihrer Katze Schnurrhaare aus. Ihr Vater wirft mit Eßtöpfen nach Judith und zückt mitunter ein Messer. Ankündigungen seiner Frau, ihn mit Judith zu verlassen, verstärken Joes Wut. Maria hat sogar schon ein Apartement gemietet, wo sie sich mit Judith tagsüber öfter aufhält. Ein örtlicher Sozialdienst ist seit Mai gewarnt, will aber vorerst abwarten.* Maria ist wohl auch selber gespalten; sie hängt an ihrem »Heim« und ihrer Ehe und würde beides lieber retten. Doch Ende Juli 1988 läuft das Faß in dem schönem neuem Haus über. Jozsef Barsi erschießt zunächst seine schlafende 10jährige Tochter, dann seine aufgelöst herbeieilende Frau, schließlich sich selber. In manchen Quellen zündet er vorher auch noch das Haus an, das macht sich kinomäßig ohne Zweifel noch besser. Vier Jahre vorher hatte Judith in der Serie Fatal Vision mitgewirkt – vielleicht kein gutes Omen. Sie spielte darin ein kleines Mädchen, das von seinem Vater ermordet wird.*

* John Johnson & Gabe Fuentes, »A Script of Fear«, Los Angeles Times, 7. August 1988: https://www.latimes.com/archives/la-xpm-1988-08-07-me-382-story.html



Bashkirtseff, Marie 25 (1858–84), Hundeliebhaberin, Malerin und Schriftstellerin aus südrussischem Landadel, sucht Linderung in Frankreich, stirbt aber dort an Tuberkulose, von der sie seit Jahren geplagt worden ist. Ihr Tagebuch gilt als »Kultbuch«. Zu den Bewunderern der möglicherweise leicht prunk- und ruhmsüchtigen Dame* zählen vor allem Frauen, aber auch Schriftsteller wie der Londoner Zoologe und MS-Kranke >Barbellion. Ich kann ihr literarisches Werk nicht beurteilen, räume aber gerne ein: höre ich »Kultbuch«, sträuben sich mir automatisch die Haare wie einem Dachs, der statt eines Wachtelgeleges einen Sack mit Eierkohlen wittert. Als Malerin gelangen Bashkirtseff wahrscheinlich ein paar Treffer, etwa das in ihrem Todesjahr entstandene Ölgemälde Das Treffen.** Jedenfalls strahlt dieses Werk mehr Poesie aus als beispielsweise Degenhardts Roman über einen antifa-schistischen Kinderclub Zündschnüre – Näheres siehe »Meurischs Mauer« unter A-4. Im übrigen sollte man bei frühverstorbenen Künstlern grundsätzlich auf der Hut sein – eben, weil ihnen die Lebenskürze gern bedeutungs-steigernd angerechnet wird. Mögen sie selbst Stümper sein: das in statistischer Hinsicht weggefallene Leben reißt ihr Stümpertum mit in den Abgrund. Für Glanz sorgt dann ihr Ruf – den zu schaffen sie selber leider nicht mehr die Zeit fanden.

* Mausoleum in Paris: https://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Bashkirtseff#/media/Datei:Bashkirtseff-grave.jpg
** https://de.wikipedia.org/wiki/Marie_Bashkirtseff#/media/Datei:Bashkirtseff_-_The_Meeting.jpg




Batters, Jeff 25 (1970–96), kanadischer Eishockeyprofi, zuletzt bei den Kansas City Blades, Missouri. Viele Quellen / Medien / Autoren lieben die Ungenauigkeit. Die einen, weil sie es nicht besser verstehen; die anderen aus Arbeitshetze oder Faulheit; die meisten jedoch mit kalter Berechnung, um nämlich ablenken, schönfärben, unter-schlagen, verzerren und so weiter zu können. Batters, den Sommer 1996 über in einem kanadischem Jugendcamp für Eishockeyspieler tätig, sei Ende August eben dort, in der Nähe von Banff, Alberta, »in einen Verkehrsunfall verwickelt« und dabei getötet worden, verkündet zum Beispiel die deutsche Wikipedia. Mehr nicht. Und wie soll man sich so eine Verwicklung nun vorstellen? Am besten gar nicht. Immerhin klingt »Verwicklung« ohne Zweifel noch besser als das häufige unerklärliche »Verlieren der Kontrolle« über ein Auto. Man ist irgendwie in den Straßenverkehrsunfall hineingezogen worden. Und dabei biß man leider, mit 25, zufällig ins Gras.

Schon deutlich weniger schonend beziehungsweise betrügerisch geht dagegen die englische Wikipedia vor. Sie gibt zum Teil eine Pressemeldung wieder, die sie auch verlinkt.* Danach wurde Batters, »as one of two fatalities«, »found dead at the scene after the pickup truck he was riding in drifted off the highway and tumbled into a ditch.« Ein Pickup kam also von der Fahrbahn ab und landete offensichtlich sehr unsanft in einem Graben, was zu zwei Toten führte. Was die englische Wikipedia freilich wegläßt, ist der Name des Mitsterbers. Vielleicht war ihr der Mann nicht wichtig genug. Dagegen meldet das kalifornische Blatt: »Also killed was Sherri Kacan, 18, of Red Deer.« Red Deer ist eine größere Stadt in Alberta. Ich nehme an, der 18jährige aus Red Deer gehörte zum Camp, nämlich zu Batters Schützlingen oder wenigstens Kameraden.

Jeder dritte wird nun glauben, die beiden Jungsportler hätten zu zweit in dem Pickup gesessen. Eine Meldung der Buffalo News, Staat New York, vom 24. August 1996 – die zu öffnen mir der Gott des Internets leider nicht gestattet – deutet aber auf mindestens noch zwei weitere Insassen hin, die anscheinend »nur« verletzt wurden: »… Mitchell Messier, 31, and Marcus Messier, 26, were in critical condition at Calgary's Foothills ...« Ich vermute jedenfalls stark, daß die Rede vom selben Unfall ist. »Messier« ist ein bekannter Eishockey-Name; die Großstadt Calgary liegt in Alberta; auch das Datum paßt. Sicher ist natürlich nichts. Weder wissen wir, dank den zahlreichen pfuschenden Halbgöttern des Internets, wieviele Personen in den Unfall »verwickelt« waren, noch wer den Pickup steuerte – ist doch »riding« auch schon wieder ein weiter, ungenauer Begriff …

Allerdings halte ich die Frage nach dem »driver« ohnehin für unerheblich. Schließlich liegt das Kriminelle am Stra-ßenverkehr in der Regel nicht in besonders dilettantischen oder rücksichtslosen Lenkrad-Cowboys; es liegt im System des Straßenverkehrs, das Fahrlässigkeit und Brutalität geradezu herausfordert.

* »Coach says ...«, San Francisco Chronicle (SFGate), 24. August 1996 / 7. Februar 2012: https://www.sfgate.com/sports/article/Coach-says-he-ll-break-the-rules-3128440.php



Bauer, John 36 (1882–1918), schwedischer Bildender Künstler. Der riesige See Vättern liegt ungefähr auf halbem Wege zwischen Göteborg und Stockholm. Bauer nutzte ihn im November 1918 gemeinsam mit Gattin Ester, 38, und Söhnchen Bengt, drei Jahre jung, zur Rückreise von ländlichem Aufenthalt nach Stockholm, wo die Familie in ein unlängst erworbenes Haus umzuziehen gedachte. Anscheinend konnte sie sich's leisten. Der schlanke, schmalgesichtige Bauer war inzwischen vor allem durch seine märchenhaften Illustrationen bekannt geworden, die oft Trolle, Wichte, Elfen zeigten. Er selbst fiel durch Hakennase auf. Aber der Hauskauf erwies sich gleichsam als Schlag ins Wasser. Am 19. November suchte ein Sturm den Vättern – und den Dampfer Per Brahe heim, den die Bauers genommen hatten. Es war ein kombiniertes Fahrgast- und Frachtschiff. An Bord befanden sich 24 Personen – alle kamen um. Nach dem belegreichen Artikel der englischen Wikipedia war ein Teil der Ladung mangels Frachtraum an Deck geblieben, wo sie verrutschte und so zum Kentern und Sinken des Schiffs beitrug. Außerdem erfährt man dort, laut Gunnar Lindqvists Bauer-Biografie von 1979 hätten die Bauers damals bewußt die Eisenbahn gemieden, weil es am 1. Oktober in Getå, Nörrköping, aufgrund eines Erdrutsches zu einem schweren Unglück* mit je rund 40 Toten und Verletzten gekommen war. Dieses Ausweichmanöver muß ihnen ein ziemlich boshafter Troll eingeflüstert haben.

* https://en.wikipedia.org/wiki/Get%C3%A5_railroad_disaster



Bauschke, Erhard 33 (1912–45), Jazzmusiker und Überlebenskünstler. Als die Nazis dem Leiter des Berliner Orchesters James Kok im Frühjahr 1935 die Arbeits-erlaubnis entzogen, weil derselbe – der Rumäne Kok – durch unliebsame Äußerungen, unsittlichen Jazz und frag-würdige Herkunft aufgefallen war, wählte das Orchester just Erhard Bauschke zum neuen Chef. Jetzt konnten die BühnenkünstlerInnen »rein arisch« nach Rügen fahren, um den dortigen Urlaubsgästen das »Dritte Reich« zu verschönern. Bauschkes Orchester, streckenweise mit dem singendem weiblichem Kinderstar Carmen Lahrmann an der Rampe, soll in jenen Jahren die beliebteste Swing-Band Berlins gewesen sein. Es trat regelmäßig im legendären Berliner Café und Tanzpalast Moka Efti und oft im Rundfunk auf. Von daher wäre es sicherlich nur mit der Brechstange möglich, den geschmeidigen Tänzer und Musiker Bauschke (Klarinette und Altsaxophon) dem deutschen Widerstand zuzuschlagen. Trotzdem hätte man ihm eine weniger zynische Belohnung für seine Leistung gegönnt, als Musiker den Faschismus und dann als Soldat auch noch den Krieg zu überstehen.

Als das Tanzorchester 1940 »kriegsbedingt« aufgelöst und dessen Leiter zur Wehrmacht eingezogen wurde, war Bauschke ungefähr 28. In Norwegen soll er eine Band der Luftwaffe geleitet haben. Weitere Einzelheiten liegen im Nebel, doch schaffte es Bauschke offenbar, unverwundet zu bleiben. Das Kriegsende erlebte er bereits als amerika-nischer Gefangener. Er wurde aufgrund seiner wertvollen Fertigkeiten, wie ich vermute, rasch entlassen, trommelte eine neue Combo zusammen und trat nun im Raum Frank-furt/Main in Clubs der US-Armee auf, die ihn sogar als Cheforganisator der regionalen Berieselung beschäftigte. Im Oktober 1945 geschah das Mißgeschick. Nach einem Auftritt stand der inzwischen 33jährige Unterhaltungs-musiker mit einer Tänzerin zwischen zwei Jeeps, als »ein betrunkener Amerikaner mit seinem Truck auf den ersten Jeep prallte«, wodurch die KünstlerInnen eingequetscht worden seien. Beide seien auf der Stelle tot gewesen.*

Näheres über die Tänzerin, geschweige denn ihren Namen, erfährt man nirgends. Dafür ist verbürgt, zu Bauschkes Berliner Reporteoir habe auch der bekannte Song Jeepers Creepers gehört. Ureinspieler war Louis Armstrong. Der Titel soll nichts mit Jeeps zu tun haben, vielmehr eine Verballhornung des erstaunten Ausrufes »Jesus Christ!« darstellen.

* Wolfram Knauer, »Play yourself, man!« Die Geschichte des Jazz in Deutschland, Ditzingen (Reclam) 2019, ohne Seiten-Nummern



Bavis, Mark 31 (1970–2001), US-Eishockeytrainer, am 11. September 2001 neben seinem älterem Kollegen Garnet Bailey in einer Boeing sitzend, die sie von Boston nach Los Angeles bringen sollte. Diese Maschine krachte in den Südturm der Twin Towers in New York City, womit die beiden, wie knapp 3.000 andere Menschen, Opfer der berüchtigten, bis heute nicht aufgeklärten 9/11-Anschläge geworden waren, die ich so zumindest gestreift haben will. Ausführlicher gehe ich darauf in A-5 ein.



Becker, Detlef 19 (1963–82), Bankkaufmann und Märtyrer. Am 5. Oktober 1982 wurde die Überwachungs-kamera in der Sparkasse am Koblenzer Schenkendorfplatz durch zwei furchterregende Räuber aus ihrer Langweile gerissen. Der eine von ihnen soll in jüngeren Jahren auch noch »Superbulle« in der polizeilichen Elitetruppe SEK in Köln, also eigentlich auf der falschen Seite gewesen sein. Nun nahm das Ganoven-Gespann für fast 15 Stunden neun Geiseln und erpreßte dadurch eine Beute von 1,2 Millionen DM. Um auch noch ein flottes Fluchtfahrzeug gestellt zu bekommen und die Zusicherung auf »freies Geleit« zu erlangen, schoß einer der Räuber dem 19jährigem Detlef Becker, Bankkaufmann im heimgesuchtem Geldinstitut, aus 10 Zentimeter Entfernung in die Kniekehle. Laut Spiegel* hatte sich der blutjunge Mann »freiwillig« als Objekt der brutalen Einschüchterung angeboten, laut deutscher Wikipedia anstelle einer ursprünglich dafür vorgesehenen weiblichen Geisel. Ich nehme an, in der Mitmach-Enzyklopädie war wieder einmal ein kurzent-schlossener Dichter am Werk, der die Geschichte etwas farbenfroher und herzergreifender machen wollte. Im Spiegel heißt es lediglich, die Gangster hätten »mehrfach« gedroht, »jemanden ins Knie zu schießen«. Gemeint war wohl »wiederholt« oder »mehrmals« gedroht, aber wir wollen nicht päpstlicher sein als Karl Kraus. Das falsche Mehrfachen ist seit Jahrzehnten üblich.

Nun war der junge Bankkaufmann, den vermutlich niemand zu seiner Berufswahl gezwungen hatte, jedenfalls angeschossen. Während ihn ein Vermittler (Pfarrer) nach draußen zum Krankenwagen schleppte, durften die Räuber aufgrund dieses Warnschusses in Begleitung von zwei Geiseln den bereitgestellten BMW besteigen.** Immerhin überstanden diese Geiseln, zu denen sich unterwegs anscheinend noch ein Postbeamter zu gesellen hatte, die Flucht unbeschadet. Becker dagegen, der sich womöglich in der Tat aus freien Stücken zum Krüppel hatte schießen lassen, erntete für seine Selbstlosigkeit sogar den Tod: nach knapp zwei Wochen erlag er im Krankenhaus einer Thrombose und einer Lungenembolie. Während die Räuber bald nach dem Überfall gefaßt und später zu hohen Haftstrafen verurteilt wurden, kam Beckers Verwandt-schaft, soweit ich sehe, mit einer Klage wegen eines ärztlichen »Kunstfehlers« nicht zum Zug. Becker war das einzige Kind seiner Eltern gewesen. Man verlieh ihm posthum das Bundesverdienstkreuz.

* »Zack, rein und weg«, Nr. 18/1983, 2. Mai 1983: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14022625.html
** https://www.rhein-zeitung.de/bilder/bilder-koblenz-und-region_galerie,-vor-30-jahren-ueberfall-auf-sparkasse-am-schenkendorfplatz-schockt-die-region-_mediagalid,15014.html




Becker, Johann Nikolaus 36 (1773–1809), südwest-deutscher Zeitungsmacher, Richter und Schriftsteller, ursprünglich mehr oder weniger radikaler Jakobiner (in Koblenz), dann unerbittlicher Jäger von heimischen Räubern und Strauchdieben (im Hunsrück). Ein regionales Nachschlagewerk* behauptet, der studierte Jurist sei »extremer Anhänger der französischen Revolution« und kirchenfeindlich gewesen, in jüngeren Jahren jedenfalls. Als das linke Rheinufer an Frankreich kam (1792), sei er beim Tribunal in Simmern »Magistrat de surete«, also wohl »Sicherheitsbeauftragter«, mithin Polizeichef geworden. »Besondere Verdienste erwarb er bei der Verfolgung der rheinischen Räuberbanden als Friedens-richter in Kirn [an der Nahe]. In seinem Zuständigkeits-bereich ging er mit äußerster Härte gegen die Mitglieder der Bande um den Räuberhauptmann Schinderhannes vor.« Darüber schrieb er sogar ein »actenmäßiges« Geschichtswerk.**

Nun habe ich nie behauptet, Schinderhannes sei Robin Hood gewesen, aber es fällt doch schmerzlich auf, daß sich der Ex-Jakobiner offensichtlich zum Vollstrecker des kapitalistischen Grundrechtes machte, nämlich auf unantastbares Privateigentum. Die Strafe folgte freilich auf den Fuß – wenn man auch nicht weiß, ob Becker (36) dabei im Sattel des eigenen Pferdes saß: »Auf einem seiner zahlreichen dienstlichen Ritte durch den Soonwald erhielt er einen Hufschlag, an dessen Folgen er starb.«

* Rheinland-Pfälzische Personendatenbank, Stand 2010: https://rpb.lbz-rlp.de/cgi-bin/wwwalleg/srchrnam.pl?wert=becker,+johann+nicolaus+/+1773-1809&recnums=7761&index=2&db=rnam&barcode=&nachname=
** https://reader.digitale-sammlungen.de//de/fs1/object/display/bsb10393756_00001.html




Becker, Nikolaus 35 (1809–45), gleichfalls Jurist, zuletzt Gerichtsschreiber in Köln, zudem Lyriker. Fünf Jahre vor seinem Ableben (»Brustleiden«) gewann Becker die Herzen seines Volkes mit dem Rheinlied im Sturm. Der Hit endet mit den verräterischen Versen: »Sie sollen ihn nicht haben, / den freien, deutschen Rhein, / bis eine Flut begraben, / des letzten Mannes Gebein.« Ob Deutscher oder Franzos, am Ende sind alle tot. Für so etwas ließ der oberste Preuße Friedrich Wilhelm IV. Becker 1.000 Goldtaler zukommen.* Bismarck rühmte später (1893), die Wirkung des Liedes sei der Schlagkraft von »ein paar Armeecorps mehr am Rhein« gleich gekommen.** Dabei erfuhr die schlagkräftige Posse just in des eisernen Kanzlers Ära noch eine Verdoppelung: mit der Vertonung (1854) und Aufwärmung (1870/71!) des Werkes Die Wacht am Rhein des schwäbischen Fabrikanten und Gelegen-heitsdichters Max Schneckenburger, der 1849 außerhalb aller Schlachtfelder, in Burgdorf bei Bern, schon mit 30 Jahren einer anscheinend heftigen »Erkältungskrankheit« zum Opfer fiel. Sein Genius hatte sich ebenfalls, wie im Falle Becker, 1840 an der »akuten Bedrohtheit« des Rheins durch französische Bazillen oder Bajonette entzündet. Jeder hat es irgendwo sicherlich schon einmal vernommen: »Es braust ein Ruf wie Donnerhall, / Wie Schwertgeklirr und Wogenprall ...« Passend hatte Schneckenburger in Burgdorf eine Eisen- und Bronze-gießerei betrieben – falls sie nicht nur Zinnsoldaten oder Kochtöpfe fertigte.

* Lydia Becker im Portal Rheinische Geschichte, Stand 2020: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/nikolaus-becker-/DE-2086/lido/57c577157dc4b1.94865755
** »… Glühender Patriot oder 'dummer Kerl'?«, Aachener Zeitung, 2. Oktober 2009: https://www.aachener-zeitung.de/lokales/geilenkirchen/nikolaus-becker-gluehender-patriot-oder-dummer-kerl_aid-27469389




Behrangi, Samad 28 (1939–67). Der volksfreundlich gestimmte, also »regimefeindliche« persisch-aserbaid-schanische Dorfschullehrer, Übersetzer und Schriftsteller genießt noch heute hier und dort »Kultstatus«. Er veröffentlichte notgedrungen nicht in Azeri (-Türkisch), sondern auf persisch. Jenen hohen Ruf verdankt er zum einen der Vorliebe, seine Aufklärung, vielleicht auch Agitprop aus der Kinderbuchperspektive zu geben, etwa in seinem bekanntem Märchen Der kleine schwarze Fisch; daneben verfaßte er allerdings auch etliche kritische Aufsätze. Zum anderen verdankt er ihn verschiedenen Erzählungen über seinen frühen Tod, die so manche BeobachterInnen ebenfalls für Märchen halten.

Kurz gesagt, hatte der 28jährige im Spätsommer 1967 einen tödlichen »Badeunfall« im Aras, einem Grenzfluß nördlich von Täbris, der Hauptstadt des iranischen Aserbaidschan. Die offizielle (Teheraner) Version lautete offenbar: ertrunken im Grenzfluß, entweder in selbstmör-derischer Absicht oder auf der Flucht ins sowjetische Aserbaidschan; die oppositionelle: Opfer des SAVAK, des berüchtigten Geheimdienstes des Schahregimes also. Näheres scheint der kalifornische, einst maoistisch gestimmte Politologe Abbas Milani* zu bieten, geboren 1949 just in Teheran. Habe ich ihn richtig verstanden, war Behrangi an jenem verhängnisvollem Spätsommertag gemeinsam mit einem Freund namens Hamzeh Farahati, damals Wehrpflichtleistender, gewohnheitsmäßig zur Badestelle gefahren oder gegangen, die in einer Flußbie-gung unweit eines Grenzpostens lag. Während sich Farahati als guter Schwimmer schon in tieferem Wasser befand, habe Nichtschwimmer Behrangi plötzlich um Hilfe gerufen. Doch als Farahati herbeikraulte, war der Schrift-steller bereits von der Strömung »verschlungen« worden, schreibt Milani. Man habe Behrangis Leiche drei Tage später fünf Kilometer flußabwärts gefunden.

Die anderslautenden Darstellungen, ob mit »heroischem« oder nur »mysteriösem« Anstrich, gehen für Milani auf Behrangis älteren Bruder Jalal zurück. Der habe, auch dem untröstlichen Vater zuliebe, dem rebellischem Bruder einen weniger schnöden Tod gewünscht, sei entsprechend offen für Gerüchte wie »Vergiftung durch Regimeknechte« gewesen und habe Farahati bekniet, die Wahrheit für sich zu behalten. Soweit Milani. In der englischen Wikipedia wird diese Sicht unterstützt. Behrangis Begleiter Farahati habe in einem Buch (von 2006/7?) und dazu in einem Interview »unmißverständlich« versichert, der Freund sei nicht vom Geheimdienst beseitigt worden, vielmehr unfallweise ertrunken. Freilich, der Mann kann viel behaupten; schließlich waren sie, wie es aussieht, unter sich. Somit muß wohl auch dieser Fall als ungeklärt gelten.

* Eminent Persians, Vol. 2, Syracuse University Press (New York) 2008, S. 842



Behrendt, Uwe 29 (1952–81). Der Student verschiedener Geisteswissenschaften, einst aus der DDR »freigekauft«, wie man liest, später Aktivist der faschistisch gestimmten, in Bayern ansässigen Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG), erregte als Mörder des jüdischen Verlegers Shlomo Levin und dessen Lebensgefährtin Frieda Poeschke Aufsehen. Er hatte sie Ende 1980 vor ihrem Erlanger Haus mit einer Maschinenpistole erschossen. In den Libanon geflüchtet, brachte sich der 29jährige ebendort, im Beiruter Stütz-punkt der WSG, ein knappes Jahr nach der Tat um – viel-leicht. Der ganze »Komplex« um den Immobilienhändler, Schloßbewohner und Geschäftsfreund der palästinen-sischen Al-Fatah Karl-Heinz Hoffmann ist bekanntlich etwas undurchsichtig. Was man der Kripo bis zur Stunde gern als »Ermittlungspannen« zugutehält, konnte den Spiegel (Nr. 47/1984) vor bald 40 Jahren noch nicht täuschen.* Für ihn roch die jahrelange behördliche Verharmlosung des »Rechtsextremismus« nach Methode. Drei Monate vor dem Erlanger Doppelmord hatte das Attentat beim Münchner Oktoberfest stattgefunden, bei dem 13 Menschen umkamen und Dutzende schwer verletzt wurden. Ein enger Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen wird amtlicherseits bis heute geleugnet.

DDR-Bürger Behrendt war 1973 beim Versuch der »Repu-blikflucht« ertappt und folglich eingesperrt worden. Nach Tübingen Rechtsaußen** hatte sich seine Unzufriedenheit mit der ostdeutschen Variante des »Sozialismus« während seines Studiums der Elektrotechnik in Ilmenau gesteigert. Seine Mutter soll im nahen Pößneck (Thüringen) Sekre-tärin beim Rat des Kreises gewesen sein. Sie wird auch später noch einmal in dem Beitrag erwähnt – dafür kommt Behrendts Vater, falls er einen hatte, mit keinem Komma vor. Ansonsten liest man allerorten, im Westen sei Beh-rendt Hoffmanns ergebener Gefolgsmann und gleichsam dessen Adjutant gewesen. Das Phänomen der Autorität, der Herrschaft also, läßt unsren Planeten kreisen – ob »links« oder »rechts« herum, dürfte ziemlich unerheblich sein.

* Hans-Wolfgang Sternsdorff, »Chef, ich habe den Vorsitzenden erschossen«, 19. November 1984: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13512120.html
** »Über den Tübinger Studenten und Rechtsterroristen Uwe Behrendt«, 16. Januar 2017: https://tuebingenrechtsaussen.wordpress.com/2017/01/16/ueber-den-tuebinger-studenten-und-rechtsterroristen-uwe-behrendt/




Beierstettel, Elmar 37 (1948–85), erfolgreicher schwä-bischer Degenfechter (FC Tauberbischofsheim), außerdem Kriminalhauptkommissar. Um 1975 errang Beierstettel zwei Silbermedaillen bei Weltmeisterschaften. Über ihn persönlich, etwa Temperament, Weltsicht, Familie, ist so gut wie nichts zu erfahren. Das gilt auch für Fachbuch-autor Richard Möll.* Und es schließt Ursache und Umstände von Beierstettels Tod mit 37 Jahren ein – während zum Beispiel der üble Unfall Matthias Behr / Wladimir >Smirnow (Fecht-WM Rom 1982) auf zahlreichen Webseiten breitgetreten wird. Möll beläßt es (1987) dabei, einen kurzen Abschnitt über Beierstettels Werdegang so verschwommen, platt und den Leser beleidigend wie möglich mit dem Satz einzuleiten: »Bedingt durch ein tragisches Geschick«, sei der Athlet »nicht mehr unter den Lebenden.« Beierstettels Club beantwortet meine Anfrage mit höflichem Schweigen. Dafür hat die örtliche Redaktion einer fränkischen Tageszeitung postwendend eine beinahe erfrischend knappe Antwort für mich übrig. »Hallo Herr R., Sie werden nicht viel über die Todesursache von Herrn Beierstettel finden, weil darüber nicht berichtet wurde. Viele Grüße ...«

Damit liegt auf der Hand, die liebe Familie, wie immer sie aussehen mag, hält wieder einmal den Deckel über den Sarg. Und alle vor Ort, die des Schreibens kundig sind, hüten sich, gegen den Deckel zu schnipsen, weil die berüchtigte Privatsphäre im fränkischem Schwaben mindestens so heilig wie die Jungfrau Maria ist. Oder weil die Familie zufällig den Hauptfabrikanten oder den Polizeipräsidenten des Kreisstädtchens stellt. Ist sie nicht dumm, dürfte sie freilich ahnen, jeder Neugierige wird sich jetzt, aufgrund unserer Blockade, möglicherweise das Naheliegendste sagen: a) Der Sportler hat sich umge-bracht; b) er litt an unschöner Krankheit; c) er baute einen peinlichen Unfall mit seinem Auto oder Motorrad; d) er verlor in seiner Eigenschaft als Kriminalbeamter im Rahmen einer sogenannten Ermittlungspanne seinen Degen und fing sich dafür einen tödlichen Messerstich ein.

Immerhin ist von Möll im erwähnten Abschnitt zu erfah-ren, Polizist Beierstettel habe zuletzt das Tauberbischofs-heimer Rauschgift-Dezernat geleitet. Einen Exkurs über Doping verbiete ich mir aber. Der vorletzte Satz des Abschnitts bewegt mich dazu, meine Vermutungen a) (Selbstmord) und d) (Fehler im Dienst ) nicht als heißeste AnwärterInnen auf die Lösung dieses Falls auszugeben – es sei denn, der Satz des Fechtfachmanns wäre eine Finte. »Wie alle anderen Tauberbischofsheimer Fechter, die abgetreten sind, verstand er Erfolg im Sport und Beruf miteinander zu koppeln, volle gesellschaftliche Anerken-nung zu erwirken und ein ausgefülltes Leben zu meistern.«

Ist Ihnen dies alles zu spekulativ, fahren Sie doch einfach einmal auf Kurzurlaub ins schöne Taubertal! Friedhofs-gärtner, Gastwirte, hübsche Bibliothekarinnen um 40 wissen immer etwas. Für alle Fälle können Sie ja etwas Bestechungsgeld und einen scharfen Degen mitnehmen. Denn gefahrlos sind solche Unternehmungen selten.** Ich rate Ihnen überdies, schon einmal einen Termin mit einem Psychotherapeuten oder einem Mentaltrainer zu verein-baren. Für Sie selbst, damit er Sie wieder aufbaut.

* Richard Möll, Die Fecht-Legende von Tauberbischofsheim, Elztal 1987, bes. S. 123
** Ich verweise auf meine noch junge Überlegung »Die Last der eingebildeten Verantwortung«, A-6




Belinski, Wissarion Grigorjewitsch 36 (1811–48). Die Tuberkulose, durch ein Bakterium verursacht, gilt als Nr. 1 der tödlichen Infektionskrankheiten der Menschheit. Den Erreger entdeckte 1882 Robert Koch. Aber trotz Antibio-tika fordert er noch heute rund anderthalb Millionen Todesopfer jährlich weltweit. Die historische Gesamtzahl der Todesopfer dürfte unschätzbar sein. Eins davon war Belinski.

Der Sohn eines angeblich recht groben und öfter betrun-kenen russischen Militärarztes hatte sich um 1840, nach einigen Zusammenstößen mit der zaristischen Zensur, als Freier Publizist in Sankt Petersburg niedergelassen. Er kann also kaum zum Lumpenproletariat gezählt werden. Dafür reklamierte ihn sein Freund Alexander Herzen für das höhere Tierreich, wie ich Petri Liukkonens Darstellung entnehme.* Eigentlich ein schmächtiger und schüchterner Mann, habe sich Belinski »wie ein Panther« auf Wider-sacher geworfen, die seine ihm liebsten Überzeugungen angegriffen hatten. Bald galt der Überzeugungstäter als maßgeblicher Förderer von literarischen Talenten wie Gogol, Lermontow, Dostojewski, Turgenjew, wünschte sie freilich zunehmend auf »sozialkritischer« Warte zu sehen. In der DDR wurde er entsprechend hochgehalten. Schon ziemlich früh, 1837, hatte sich der Arztsohn gegen die Tuberkulose behandeln lassen – mit nur geringem Erfolg, denn gut 10 Jahre darauf, mit knapp 37, sollte er diesem Schreckbild von Seuche erliegen.

Belinski hinterließ eine Witwe und zwei oder drei Kinder, je nach Quelle. Ob sich die nun wiederum bei ihm angesteckt haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Das Bakterium wird in der Regel durch »Tröpfcheninfektion« übertragen, also beispielsweise beim Husten. Allerdings spricht nicht jeder auf es an. Nur fünf bis 10 Prozent aller Infizierten erkranken tatsächlich, versichern verschiedene Nachschlagewerke. Im 19. und 20. Jahrhundert war die »Schwindsucht«, wie sie auch genannt wurde, »die Krankheit der Armen«, ist in einem Beitrag des Bayerischen Rundfunks zu lesen. Jeder zweite Todesfall in der Altersgruppe der 15- bis 40-Jährigen sei um 1880 in Deutschland auf die Tuberkulose zurückgeführt worden. Man hat die ausgezehrten, wenig »romantisch« wirkenden schwindsüchtigen Gestalten von (zumindest später) bekannten Malern, Poeten, Pianisten wie, sagen wir, Runge, Novalis, Chopin sicherlich vor Augen. Aber eben nicht von Belinski.

* Authors' Calendar , Stand 2017: http://authorscalendar.info/belinsk.htm



Bendjelloul, Malik 36 (1977–2014), preisgekrönter schwedischer Dokumentarfilmer, wirft sich am spätem Nachmittag (rush hour!) in einer Stockholmer Metro-station vor einen einlaufenden Zug. Das ruft in einem Strohkopf namens Scott Johnson* nicht etwa als erstes die betretene Frage hervor: Mußte dieser gebildete Selbst-mörder ausgerechnet diese für seine Mit- und Umwelt wenig schonende Art des Abtretens wählen ..? Nein, der Strohkopf fragt sich vielmehr fassungslos und ungläubig, warum sich ein derart erfolg- und aussichtsreicher und anscheinend glücklicher Künstler plötzlich das Leben nehmen muß. Das ist viel wichtiger.

Immerhin erwähnt Johnson den Hinweis eines Polizei-sprechers, sowohl der Fahrer des Zuges wie einige andere Augenzeugen seien durch Bendjellouls unerwarteten Sprung »traumatisiert«. Doch daran knüpft er weder Rüge noch Unglauben. Vielmehr wendet er sich gierig den Hintergründen des Sprunges zu: dem Bruder bekannte Neigung zur »Depression«; jähen Ruhm nicht verkraftet; Schlafstörungen; Verlust der Kreativität – und ellenlang so weiter. In diese Fürsorge kniee ich mich nicht hinein. Nebenbei habe ich seit einiger Zeit den Eindruck, die mißbräuchliche und inflationäre Verwendung des Wortes »depressiv« stehe der von »tragisch« kaum nach. Die Depression ist das große graue Zelt, unter dem sich alles verstauen beziehungsweise verstecken läßt, was einem sterblichem Menschen nur zusetzen kann. Johnson muß allerdings das Bemühen angerechnet werden, zu Einzel-heiten vorzudringen, während sich die Nachschlagewerke in der Regel mit »depressiv« als Totschlagformel begnügen.

Täusche ich mich nicht, ist die gleichermaßen rücksichts-lose wie spektakuläre Selbstmord-Methode, sich vor einen Zug (manchmal auch ein Auto) zu werfen, ziemlich beliebt. 2009 griffen zwei deutsche Großverdiener nach ihr, zunächst der 74jährige schwäbische Unternehmer und Verspekulierer Adolf Merckle, dann der bei Hannover 96 im Tor stehende Fußballprofi Robert Enke, 32. Auf den zweiten komme ich noch zurück. KritikerInnen der Methode sind mir so gut wie nie begegnet. Um 2012 schrieb ich ein Zwerglied über diese Methode, schock lass nach (mp3, 938 KB) ...

* »Oscar to Suicide in One Year«, The Hollywood Reporter, 11. Juni 2014: https://www.hollywoodreporter.com/news/searching-sugarman-director-dead-thr-710882



Benedictsson, Victoria 38 (1850–88). Die Schrift-stellerin, eine enge Landsmännin des Oscar-Preisträgers von 2013, griff in aller Stille nach einem Rasiermesser. In den Augen einiger Feministinnen wurde das Messer allerdings gemeinschaftlich von Georg und Edvard Brandes geführt. Der zuerst genannte Bruder verfügte als angesehener dänischer Gelehrter und Schriftsteller über großen Einfluß. Die Bonner Dramaturgin Barbara Damm versichert* jedoch, Benedictssons 1887 veröffentlichter Roman Frau Marianne sei keineswegs nur von dem Starkritiker gerügt worden, der zugleich, für eine kurze, brüchige Zeit, ihr Geliebter war. Im übrigen war das Echo auf den Roman durchaus geteilt. Nur den »Progressiven« im Lande Schweden dünkte er harmlos und sentimental – ein klarer Rückfall, wie sie fanden. Ein Jahr darauf war die Autorin tot.

Die Frau vom schonischen Dorfe hatte sich erst mit 30, um 1880, im Gefolge einer langwierigen Beinerkrankung aus den Fesseln sowohl ihres freudlos-frommen Elternhauses wie ihres mehr als doppelt so alten Gatten Christian freigestrampelt, der im Städtchen Hörby, Schonen (Südschweden), Postmeister war und bereits fünf Kinder in die Ehe »eingebracht« hatte. Sie wäre lieber Malerin geworden. Jetzt aber wurde die zweifache Mutter von ihrer ausgedehnten Bettlektüre zum Schreiben verführt. Darin war sie von einem freigeistigen US-Amerikaner namens Charles de Quillfeldt und ihrem neuen jungen Vertrauten Axel Lundegård, Sohn des örtlichen Pastors, ermutigt worden. Schon ihre erste größere Veröffentlichung, noch unter männlichem Pseudonym vorgenommen, die Sammlung wirklichkeitsnaher Erzählungen aus dem südschwedischen Volksleben Från Skåne (Aus Skåne) von 1884, erntete viel Beifall. Ein Jahr darauf erzielte sie mit dem Roman Pengar (Geld) ihren größten Erfolg. Diese jüngste Prosa spiegelte eben ihren Befreiungskampf wieder – einen weiblichen also. Gleichwohl läßt sich in ihrem Tagebuch der Verdacht lesen, sie sei »womöglich eine Frauenhasserin«. Ein antipatriarchaler Vampir war sie jedenfalls nicht, wie ja dann auch Frau Marianne bekräftigte. Fotos verleiten dazu, auf eine kantige und spröde schonische Bäuerin zu schließen. Nach Übersetzer Johannes Wanner** hängten ihr manche Publizisten den Makel der »frigiden Hysterikerin« an.

Leider lernt sie in den literarischen Kreisen von Stockholm und Kopenhagen, in die sie nun eintaucht, auch Georg Brandes kennen. Damm stellt ihn als einen »brillanten Herold der neuen Literatur und verheirateten Lebemann« vor, der sich mit einem Bündel »positivistischer Essays« in ganz Europa berühmt geschrieben habe. »Obgleich Brandes schriftstellerisch durchaus ebenbürtig, hängt Victoria Benedictsson bald als aufmerksame Schülerin und Geliebte an seinen Lippen.« Das ist 1886 der Fall. Doch verschiedenen Quellen zufolge nimmt Brandes sie weder als Geliebte noch als Autorin wirklich ernst. Sie ist eine Anregung für ihn, mehr nicht. Die Enttäuschung mit dem »Rückfall« Frau Marianne kommt hinzu. Er teilt sie Benedictsson brieflich mit; zudem erscheint von seinem Bruder Edvard, ebenfalls Schriftsteller, wohl in dessen eigener Kopenhagener Tageszeitung Politiken eine vernichtende Kritik. »Das Todesurteil über meine Schriftstellerei, vielleicht über mich selbst«, trug Benedictsson dazu in ihr Tagebuch ein. Vermutlich war sie rundum verunsichert, beschämt, gekränkt. Im Januar 1888 unternahm sie einen ersten Selbstmordversuch.

Der Umstand, daß sie sich allerdings auch nicht von Brandes lösen konnte, machte sicherlich einen beträchtlichen Teil ihrer Verstörung aus. Eine Paris-Fahrt aufgrund eines Stipendiums der Schwedischen Akademie half ihr nicht auf die Beine. Selbst ihr Mentor Lundegård wußte keine Mittel mehr gegen ihre Lebensmüdigkeit. Im zweiten Anlauf brachte sich die inzwischen 38jährige Schwedin im Juni 1888 in einem Kopenhagener Hotel um. Angeblich durchtrennte sie mit dem bereits erwähntem Rasiermesser ihre Halsschlagader. Guardian-Autorin Germaine Greer erinnert an Prud'hons Geliebte Constanze Mayer, Malerin wie er, und behauptet zudem, man habe Benedictsson in demselben Hotelzimmer aufgefunden, wo Brandes sie dereinst »verführt« hatte.*** Der oder die nächste wird uns, wie eingangs schon angedeutet, ver-sichern, auch das Rasiermesser stammte von Brandes.

* »Was macht's schon, wenn's schmerzt?«, 2005: http://parapluie.de/archiv/ohr/ausgegraben/
** Achius Verlag (Zug, CH), 2003: http://www.achius.ch/literatur/achius_benedictsson.htm
*** »Death and the maiden«, 26. Juli 2007: https://www.theguardian.com/stage/2007/jul/26/theatre3




Benndorf, Werner 33 (1912–45), sächsischer Lektor, Übersetzer und Erzähler. Von ihm scheint kaum einer etwas zu wissen. Eine Zwergoase in der Wüste liefert immerhin Horst Denkler in einem Buch von 2006.* Danach hatte der offenbar bündisch bis faschistisch gestimmte Ekstatiker von 1932 bis zum Erscheinen seines »Durchbruch«-Buches Arabische Glut (1936) in Leipzig »Rassenkunde, Religionsphilosophie und Orientalistik« studiert, dabei themengerecht wiederholt in den Mittelmeerraum reisend. Anschließend war er bei verschiedenen Leipziger Verlagen als Lektor tätig und verfaßte auch selber weiter Bücher. Nach Andeutungen im Internet hat er sogar Hans Henny Jahnns umfangreiches Hauptwerk Fluß ohne Ufer betreut. Außerdem stand er anscheinend der Zeitschrift Moslemische Revue, Berlin, nahe, die wohl nach wie vor erscheint. Benndorf war einerseits Mitglied mehrerer Nazi-Verbände; andererseits soll er, laut Denkler, zumindest zeitweise »das Mißfallen des Amtes Rosenberg« erregt haben, also der in Berlin ansässigen Dienst- und Zensurstelle des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg. Möglicherweise ist deshalb in einem ziemlich fragwürdigem »Ehrenbuch« der Leipziger Universität zu lesen**, 1936 sei Benndorf von der Gestapo verhaftet worden – mehr steht da nicht. Vermutlich war das nur vorübergehend.

Im Sommer 1941 schließlich sei Benndorf einberufen worden, schreibt dann wieder Denkler. Vielleicht eine Bestrafung? Um ihm nämlich die falsche Glut, die »Welt der unbedenklichen Sinnlichkeit«, wie ein Kritiker formulierte, aus dem Hirn zu blasen? Damit sei der Schriftsteller aus den Akten der Meldebehörden verschwunden. Aber den Krieg überlebte er offensichtlich, worauf er erneut in Leipzig Fuß gefaßt haben dürfte. Dort sei der 33jährige allerdings schon am 18. Dezember 1945 bei einem Verkehrsunfall unter die Räder gekommen, »den – nach nicht mehr verifizierbaren Angaben – ein Fahrzeug der sowjetischen Besatzungsmacht verursacht haben soll«. Das war ein verdammt kurzes Überleben. Und schuld waren wieder einmal die Russen, das kennen wir auch aus jüngster Zeit.

* Werkruinen, Lebenstrümmer, Tübingen 2006, S. 74–76
** http://ehrenbuch.geschichte.uni-leipzig.de/view.php?s=7




Bense, Lars. Der 7jährige DDR-Schüler, von Hans Girod* als »fröhlich, aufgeweckt und zart« beschrieben, fiel 1981 in Halle-Neustadt dem berühmtem Kreuzworträtselmord zum Opfer. Lars wurde nach dem Besuch einer Filmvor-stellung vermißt und schließlich an der Bahnstrecke nach Leipzig tot in einem aus dem Zug geworfenem Koffer gefunden. Die Kripo kam dem 18jährigem Täter nur auf die Spur, weil sich im Koffer, neben der Leiche des miß-brauchten und dann erschlagenen Jungen, auch ein paar Zeitungsblätter mit ausgefüllten Kreuzworträtseln fanden. Sie wertete geschlagene 550.000 Schriftproben aus, die sie im Raum Halle genommen oder eingezogen hatte. Der Täter bekam Lebenslänglich.

Kaum war der Mann am 15. Januar 2013 im Alter von 50 Jahren einer schweren Krankheit erlegen, brachte der Erfurter Sutton Verlag, wohl schon am 1. Februar, einen »Tatsachenroman« heraus, den die damalige Freundin des Hausmeisters und Kellners verfaßt hatte. Die beiden hatten zuletzt gemeinsam in einem Thüringer-Wald-Erholungsheim gearbeitet. Nun hieß es in der Presse, die Haller Staatsanwaltschaft habe neue Ermittlungen gegen die inzwischen 49 Jahre alte Frau eingeleitet, weil die Darstellung im Roman ihren früheren Zeugenaussagen widerspräche, wonach sie zur Tatzeit nicht in Halle gewesen sei. Im Roman will sie, wenn auch nur »unter Zwang«, bei der Beseitigung von Spuren in der Tat-wohnung, ja sogar der Leiche selber geholfen haben. Sie sagt, das sei Fiktion. Dadurch habe sie Abstand gewinnen können; ohnehin habe sie an einem schwerem Trauma gelitten. Hätte sie Pech gehabt, wäre sie nun der Mord-beihilfe angeklagt worden – was sicherlich wiederum der Bilanz des Erfurter Verlages geholfen hätte. Doch die Ermittlungen wurden im Folgejahr »mangels Beweisen« eingestellt.

Der einstige Chefermittler im Fall, Siegfried Schwarz, merkte Journalisten gegenüber an, der vom Buch bewirkte »Rummel« sei »unerträglich«, weil jetzt Lars' Mutter das ganze Geschehen noch einmal durchleben müsse.** Lars' Vater soll bereits 1994 gestorben sein.

* Das Ekel von Rahnsdorf und andere Mordfälle aus der DDR, Berlin 1997
** Elena Rauch, »Kreuzworträtsel-Mord ...«, Thüringer Allgemeine, 15. März 2013: http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Kreuzwortraetsel-Mord-Ermittlungen-gegen-Thueringerin-stehen-vor-dem-Abschluss-503387734




Bent, Geoff 25 (1932–58), englischer Fußballer, Flugzeugabsturz am 6. Februar 1958 in München, 23 Tote, darunter 8 von seinem Club Manchester United, siehe https://de.wikipedia.org/wiki/British-European-Airways-Flug_609. Der Club war von einem Match gegen Roter Stern Belgrad gekommen (3:3).



Benziane, Sohane 17 (1984–2002), französisches Mordopfer. Die Tochter kabylischer (algerischer) Einwanderer wurde im Oktober 2002 im Pariser Vorort Vitry-sur-Seine in einem Kellerabteil für Mülltonnen von einem örtlichem Jugendbandenboß, 19, mit Benzin übergossen und angezündet. Laut NZZ war es eine Strafaktion wegen mangelhafter Unterwürfigkeit nach einer Prügelei des Täters mit dem Geliebten Benzianes.* Es gelang dem Opfer noch, brennend aus dem Keller zu fliehen, vor dem ein Kumpel des Täters Schmiere gestanden hatte. Dadurch wurde eine Gruppe von Schülern, die gerade ihren Unterricht hinter sich hatten, Zeuge von Benzianes Todeskampf. Sie starb kurz darauf im Krankenhaus. 2006 wurden Jamal D. und Tony R., beide von maghrebinischer Herkunft, zu 25 beziehungsweise acht Jahren Gefängnis verurteilt. Eine nahe Verwandte des Opfers soll die Lage in den Vorstädten mit den Worten kommentiert haben: »Zuerst haben sie die Mülleimer angezündet. Dann die Autos. Jetzt die Mädchen.« Sie nahm später an der Einweihung einer Gedenktafel für Benziane teil. Eine Marianne >Bachmeier war offenbar nicht im Gerichtssaal aufgetaucht – man liest nichts dergleichen. Aber immerhin, es kam zu einigen Zusammenschlüssen von Frauen.

* »Prozess gegen Banlieue-Machismo in Paris«, 10. April 2006: https://www.nzz.ch/articleDQRKJ-1.24697



Berger, Lore 21 (1921–43). Die Baseler Lehrerstochter war eine unbekannte Schriftstellerin – bis sie sich im stadtnahen, auf einer Anhöhe gelegenen Bruderholz sozusagen drehbuchgemäß von einem Wasserturm* stürzte. Prompt erbarmte sich daraufhin ein Züricher Ver-leger eines Romanmanuskriptes der 21jährigen Selbstmör-derin und brachte es im folgenden Jahr unter dem Titel Der barmherzige Hügel als Buch heraus. Dessen weibliche Hauptfigur verzweifelt an einem treulosem jungem Rechtsanwalt, ihrem bravem, biederem, von Flammen umlodertem Vaterland, ihrem mit Todessehnsucht geschwängertem, maßlosem Glücksstreben und ihrer Magersucht, die sie schließlich auf den erwähnten Turm treibt, wenn ich verschiedene BerichterstatterInnen richtig verstanden habe. Somit hatte sich das Werk, wenige Monate nach seiner Vollendung, als Muster oder Generalprobe für den Aufsehen erregenden Abgang seiner Schöpferin erwiesen. Es wurde verschiedentlich gelobt**, 1981 auch verfilmt, wodurch es vermutlich nicht noch besser wurde. 1994 hatte es anscheinend das Glück, von Luise F. Pusch gepusht zu werden. Damit wurde Berger zur Wahnsinnsfrau.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Bruderholz#/media/File:Blick_Richtung_St._Jakob_und_Bruderholz_von_der_oberen_Talstra%C3%9Fe_in_Grenzach.jpg
** Iris Meier, »Lieben und leiden auf dem Wasserturm«, bz Basel, 10. November 2017: https://www.bzbasel.ch/kultur/buch-buehne-kunst/lieben-und-leiden-auf-dem-wasserturm-131890909




Bergen, Monika 20 (1941–62), Berliner Schauspielerin, Tochter der Volksbühnen-Schauspielerin Erna Breit-sprecher. 1962 war Bergen drauf und dran, sich sowohl auf der Bühne (in Wismar) wie im Film (bei der DEFA) von ihrem Ruf als Kinderstar zu lösen, als sie Ende August an den Folgen eines bei Kyritz geschehenen Verkehrsunfalls ums Leben kam, wie einer Kurzmeldung der Märkischen Volksstimme vom 24. August 1962 zu entnehmen ist. Auf die näheren Umstände des Ereignisses geht die sozia-listische Zeitung mit keinem Komma ein – wo käme da das Volk hin! Ohne Autos möglicherweise! Immerhin führt sie mehrere Titel aus der Filmografie der »jungen Künstlerin« an, darunter, 1960 herausgekommen, Die heute über 40 sind. Bergen schaffte genau die Hälfte: 20.



Berger, Nicole 32 (1934–67), französische Schauspie-lerin. Die Liste ihrer Filmrollen ist bunt und lang, trotz ihres vorzeitigen Todes. Über diesen wissen wir, wie es aussieht, etwas mehr als über das Ende ihrer fünf Jahre früher verunglückten Berufskollegin Monika Bergen. Danach kam am 8. April 1967 bei Duranville, Eure (Nordfrankreich) ein Auto von der Straße ab, in dem zwei attraktive Künstlerinnen saßen. Das Auto prallte gegen einen Baum. Die Quellen streiten sich lediglich darüber, wer am Lenkrad saß, Nicole Berger oder die Sängerin Dany Dauberson. Das soll uns aber nicht weiter interessieren. Nur Berger kam um; Dauberson erlitt allerdings schwere Verletzungen, die ihr Karriereende nach sich zogen. Möglicherweise waren die beiden Frauen lesbisch gestimmt, wie man hier und dort liest, aber auch das spielt wohl keine Rolle. Die eine war tot; die andere verkrüppelt. En cas de malheur, Regie Claude Autant-Lara, 1958.

Täuschen mich einige Fotos nicht, war Berger eine meist eher kurzhaarige kecke Blondine, vor der wohl auch die meisten Männer nicht so leicht die Haustür zugeknallt hätten. Doch was hießt hier war? Sie bleibt es für alle Zeiten, jedenfalls solange die Menschheit nicht freiwillig abdankt, um den geplanten Zwangsimpfungen und den implantierten Gegenstücken der WHO-Gedankenlese-geräte zu entgehen. Mit Berger wird nie einer die Vorstellung einer verhärmten 54jährigen mit ausgedörrten Brüsten und Krampfadern verknüpfen. Hierin liegt ein Vorteil des Frühsterbens, der zwar bekannt ist, aber zu selten gewürdigt wird.



Berna, Georg 29 (1836–65), südhessischer Erbe. Was würden Sie machen, wenn nicht Ihre Mutter, vielmehr Ihr Vater schon wenige Tage nach Ihrer Geburt ins Gras bisse? Und wenn er steinreicher Seidenhändler (in Frankfurt am Main) gewesen wäre und Ihnen deshalb ein beträchtliches Vermögen hinterlassen hätte? Gut, Sie würden erst einmal Ihre Volljährigkeit abwarten, vielleicht auch noch Jura studieren, in Bonn. Und dann? Würden Sie das fette Erbe in den Kauf eines Rittergutes stecken, um ebendort eine mustergültige anarchistische Landkommune zu gründen? Nicht ganz. Dr. Georg Berna, inzwischen promoviert, erwarb im Frühjahr 1860 den Familienstammsitz der Freiherren von Edelsheim* in Büdesheim (nordöstlich von Ffm, an der unteren Nidder), weil er es als Ausweis fortschrittlicher landwirtschaftlicher Gesinnung und gleichsam als Stützpunkt für eine Aufsehen erregende Forschungsreise benötigte. Er war nämlich auch geolo-gisch und botanisch interessiert, zudem noch Junggeselle und entsprechend abenteuerlustig. Die Unternehmung fand im nächsten Sommer statt und führte Berna sowie einen Maler und drei anerkannte Wissenschaftler über Hamburg per Schiff zum Nordkap und wieder zurück. Wissenschaftlicher Leiter der Gruppe war Professor Carl Vogt, Gießen und Genf, ein bekannter 48er Demokrat und Materialist (Spitzname der Gießener Affen-Vogt), der anscheinend gewisse preußische, angeblich auch rassistische Neigungen besaß.** Jedenfalls hatte er kurz vor der Forschungsreise die Ehre, öffentlich von Herrn Karl Marx angepinkelt zu werden.

Nach zeitgenössischen Stichen, die einer jüngeren gründ-lichen und unterhaltsamen Darstellung der Nordlandfahrt beigegeben sind***, trug auch ihr 25jähriger Finanzier, wie damals fast jeder liberal oder sozialistisch gestimmte Mann, einen Vollbart. Autor Rolf Haaser schreibt, Berna habe als liebenswürdiger und außerordentlich vielbegabter Mann gegolten. Mit der Reise wollte er sich vorm Eintritt ins knechtende Guts- und Familienleben einen lange gehegten Jugendtraum erfüllen. Der Reiseplan wird im großen und ganzen gut erfüllt. Ende Oktober 1861 trifft Berna wieder in Büdesheim ein, das ihm einen »großen Empfang« bereitet. Nun packt er zielstrebig die Moderni-sierung von Schloß und Gut an, Dampfmaschinenhalle und neue Wasserversorgung eingeschlossen. »Im Mai 1863 wurde er zum k.u.k. Österreichischen Generalkonsul für das Großherzogtum Hessen ernannt. Im Juni 1864 heiratete er in Kesselstadt die erst 18jährige Marie Christ, Tochter eines wohlsituierten New Yorker Kaufmanns.« Allerdings hätten die Ehefreuden nicht lange angehalten, weil Berna im Oktober 1865, anderthalb Jahre nach der Hochzeit, in seinem Büdesheimer »Schloß« der Diphterie erlegen sei. Da war er noch keine 30.

Die bakteriell verursachte Infektionskrankheit Diphterie galt damals noch zurecht als lebensgefährlich. Womöglich hätte man ähnliches von Ehen mit beträchtlich jüngeren Partnern sagen können, aber diese Nagelprobe blieb Berna erspart. Die Witwe lockte später einen echten Grafen auf ihr Schloß, Waldemar Joachim Freimund Graf von Oriola, weshalb sie dann genauso hieß: Anna Marie von Oriola. 1880 soll sie den Maler Arnold Böcklin mit der zweiten Version der heute weltberühmten Toteninsel beauftragt haben. Etwas Geld war also noch da.

* WAS Schöneck, »Kurzer Abriss der Historie des Alten Schlosses«, wohl 2016: http://was-schoeneck.de/wordpress/?page_id=106
** Sarah Scholl im Historischen Lexikon der Schweiz, Stand 2015: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/003899/2015-01-05/
*** Rolf Haaser, »Von Bären und Bärten – Carl Vogt und die Nord-landreise des Dr. Georg Berna«, in: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen, 102. Band, Gießen 2017, S. 201–88




Bernall, Cassie 17 (1981–99). Die US-High-Schülerin zählte zu den jungen Leuten, die ihren schwer bewaffneten Mitschülern Eric Harris (18) und Dylan Klebold (17) an einem blutigem Apriltag in der Bibliothek in die Quere kamen. Nach den ersten Schüssen und Verletzten in diesem Teil der Columbine High School (bei Littleton, einem Vorort von Denver, Colorado) muß jemand so etwas wie »Lieber Gott, lieber Gott, laßt mich nach Hause!« ausgestoßen haben. Damit drängte sich die angebliche Gegenfrage eines ungläubigen Attentäters an Cassie auf: »Du glaubst doch nicht etwa an Gott?« Doch, habe Cassie erwidert, sie glaube an Gott – und er liebe den Attentäter gleichfalls. Der zögerte aber nicht länger, auch diese fromme Mitschülerin zu töten. Im ganzen kostete der langgeplante Amoklauf 12 Schülern, einem Lehrer und den beiden Attentätern das Leben. Die griffige Geschichte von Cassies Bekennermut wurde alsbald von etlichen Zeugen dementiert beziehungsweise zurechtgerückt, aber da war es schon zu spät. Sie hatte sich bereits in Zeitungen und Fernsehsendungen festgesetzt und bildete dadurch das günstige Fundament für das noch im selben Jahr 1999 veröffentlichte Werk von Cassies frommer und geschäfts-tüchtiger Mutter Misty Bernall: She Said Yes: The Unlikely Martyrdom of Cassie Bernall. Es wurde zu einem Verkaufsschlager.*

Hätte der Hort des Kapitals, der Konkurrenz und der Wertvernichtung dergleichen Amokläufe in Schulen oder Kindergärten nicht ohnehin von sich aus, aufgrund seines aggressiven Wesens hervorgebracht, hätte er sie erfinden müssen. Sie erleichtern die Trauerarbeit. Welche Mühe würde es kosten, all die vielen Tausend, ja Millionen Kinder festzustellen und namhaft zu machen, die zu Hause oder in Übersee zeitig zu verrecken haben, weil es an Frieden, Wasser, Nahrung, Medikamenten, Ärzten oder Geigerzählern fehlt! Hier dagegen, nach einem Amoklauf zu Hause, hat man schon wieder 15 filmreife, mehr oder weniger junge Katastrophenopfer auf einen Schlag, so 2009 in Winnenden bei Stuttgart dank des 17jährigen Tim Kretschmer, oder sogar 26, so 2012 in der Grundschule von Newtown, einer Kleinstadt in Connecticut, wo der 20jährige Adam Lanza seinen großen Auftritt hatte. Lanza hatte zur Eröffnung erst einmal seine Mutter erledigt, eine steinreiche Waffennärrin, mit der er in einer Villa leben mußte. Als die »Tragödie« vorbei war, weinte sogar Drohnen-Dompteur Barack Obama, der damalige US-Präsident.

Böse Zungen behaupten, die erwähnten Medikamente fehlten in Übersee, weil die eigenen Leute damit vollgepumpt würden. Da ist etwas daran. Den enormen massenhaften Verbrauch an Psychopharmaka in der Postmoderne bestreitet heute niemand mehr, vom Doping der SportlerInnen, Soldaten und PolitikerInnen einmal völlig abgesehen, und beim Studium der Amokläufer-Biografien drängt sich der Verdacht auf, das große Pillen-Schlucken machte auch vor diesen wahlweise »labi-len«/»depressiven«/»autistischen« Zeitgenossen nicht Halt. Nimmt man den selten beachteten Umstand hinzu, daß schon der zeitgenössische Säugling mit einer »Basisimpfung« zugedröhnt wird, die jedes Fohlen von den vier Beinen würfe, muß man die Postmoderne sogar zu ihrer erstaunlichen Zählebigkeit beglückwünschen.

Lanzas Opferzahl, 26, war übrigens schon vor Cassie Bernalls Tod überboten worden: von dem Australier Martin Bryant. Der 28jährige hübsche blonde Lockenkopf, angeblich geistig minderbemittelt, dafür aber wohlhabend, erschoß am 28. April 1996 in Port Arthur, Tasmanien, nach einem mißlungenem Hauskauf, der ihn ärgerte, an verschiedenen Stellen des beliebten Touristenziels (früher Strafkolonie) wahllos im ganzen 35 Menschen. Am Ende verschanzte er sich just in dem ihm entgangenem Haus und versuchte dasselbe wie auch sich selbst zu verbrennen, was ihm ebenfalls mißlang. Er wurde in das Krankenhaus der Hauptstadt Hobart eingeliefert, in dem bereits rund ein Dutzend Schwerverletzte lagen, die er gleichfalls hinterlassen hatte. Das jüngste Todesopfer Bryants war Madeline Mikac, drei Jahre alt. Das Gericht, das ihn für schuldfähig hielt, verurteilte ihn zu 35 mal Lebenslänglich.

* https://en.wikipedia.org/wiki/She_Said_Yes:_The_Unlikely_Martyrdom_of_Cassie_Bernall



Berneri, Marie-Louise 31 (1918–49), italienische Anarchistin, ab 1936 in London, wo sie als Redakteurin für die Zeitschrift War Commentary arbeitet und einige Bücher schreibt. Sie stirbt unerwartet an einer Infektion im Wochenbett. Das ist natürlich haarsträubend; erinnert nebenbei an Eileen >O'Shaughnessy. Berneris Vater soll (1937) in Barcelona von Kommunisten erschossen worden sein, wo ja auch Orwell und dessen genannte Gattin mitmischten, erfreulicherweise in den anarchistischen Reihen. Später, in England, war die Tochter angeblich mit Orwell befreundet. Möglicherweise war sie auch Emma Goldman begegnet. Es hätte ihr nicht geschadet, wenn die Bekanntschaften mit solchen Schriftstellern etwas stärker auf sie abgefärbt hätten.

1950 erschien, posthum, Berneris Studie Reise durch Utopia, mit der sie eine recht gründliche Besichtigung von utopischen Gesellschaftsentwürfen aller Epochen vornimmt, von Platons Staat bis zu Huxleys Schöner neuen Welt von 1932. Bei der Abfassung meiner eigenen Utopien (Konräteslust, Mollowina, Pingos) kannte ich Berneris Buch noch nicht; ich glaube jedoch, dadurch sind mir keine wesentlichen Erkenntnisse oder Anregungen entgangen. Der widerwärtige autoritäre Zug der meisten Utopien, die bislang auf uns kamen, war mir sowieso schon klar. Daneben stellt Berneris Werk nicht gerade einen literarischen Hochgenuß dar. Ich denke dabei am wenigsten an die bekannte schlampige Art, in der die deutsche Übersetzung (Renate Orywa) 1982 in einem bekannten Berliner »linken« Verlag zwischen zwei Buchdeckel gebracht worden ist, also an typografische und editorische Gesichtspunkte. Zum Beispiel bricht der Rücken bereits beim Hineinschnuppern; für den Satzspiegel bedarf es einer Lupe und eines Kompasses; die Fußnoten bieten einen Salat, bei dem man nie weiß, ob sie jetzt von Berneri oder dem sogenannten Herausgeber stammen, dessen Name pietätvoll verschwiegen wird. Berneris stilistisches Vermögen ist eher gering. Man glaubt, die übliche Diplomarbeit zu lesen, was mit Berneris akademischer Ausbildung zusammenhängen mag; sie studierte in Paris Psychologie. Aber gerade an der mangelt es. Zurecht weist Berneri auf die Gleichschaltungsfreude vieler Utopisten hin, doch sie selber ist nur anflugweise imstande, jenen »persönlichen Ausdruck« zu entwickeln, den Orwell wiederholt anmahnte. Dieser persönliche Zug allein, nicht zu verwechseln mit einer dadaistischen Masche, macht ein Buch wirklich fesselnd. Aber er ist den wenigsten Schriftstellern gegeben. Berneris Darstellungs-kunst stellt also leider die Regel dar, und so will ich nicht länger auf sie einhacken.

Ernest Callenbachs Werk Ökotopia von 1975 (auf deutsch im Rotbuch Verlag erschienen) konnte naturgemäß von Berneri noch nicht berücksichtigt werden. Ich dagegen kannte es durchaus, als ich 2009 Konräteslust in Angriff nahm. Mit diesem Vorhaben – eine zeitgenössische anarchistische Zwergrepublik in Romanform vorzustellen – trug ich mich seit mehreren Jahren und sammelte entsprechend Material. Diszipliniert, wie ich bin, quälte ich mich also auch durch Callenbachs schmalen angeblichen Roman hindurch. Der Berkeley-Lektor und Dozent für Filmfragen siedelte seine im Jahr 1999 spielende Hand-lung im Westen der USA an. Zwar legt der abtrünnige Freistaat Ökotopia mit der Hauptstadt San Francisco Wert auf Dezentralisierung, doch scheint er eine ziemlich gewöhnliche Regierung zu haben. Die Präsidentin an der Spitze gibt die starke Frau. Einmal zeigt sie sich gar bereit, gewisse außenpolitische Maßnahmen »zu verheimlichen« – nicht unpassend, denn Ökotopia wird ein ausgezeichnet arbeitender Geheimdienst nachgesagt. Das hätte einer anarchistischen Zwergrepublik gerade noch gefehlt.

Auch Recht und Geld spielen bei Callenbach die übliche Rolle. Der Freistaat garantiert ein geringes Grundein-kommen, doch fast alle ÖkotopianerInnen sind offenbar darauf erpicht, es durch Lohnarbeit beträchtlich aufzustocken. Recht befremdlich die ritualisierten Kriegsspiele unter Lebens- oder Arbeitsgemeinschaften, die für Aggressionsabfuhr sorgen sollen. Sie fordern durchschnittlich 50 Tote im Jahr. Gegen äußere Feinde hat Ökotopia Streitkräfte; es sieht oder sah sich ja vor allem von Washington bedroht. Einen guten Eindruck habe ich von den selbstorganisierten und lebensnahen Schulen gewonnen. Interessant auch noch die genormten Wohnröhren (mit ovalem Querschnitt, aber waagrechtem Fußboden), die beliebig kombiniert werden können. Hauptsiedlungsform sind Kleinstädte um 10.000 EinwohnerInnen. Für mein Empfinden schon viel zu groß.

Der Erzähler, ein US-Reporter und -Sonderbotschafter, ist mir unsympathisch; zu eitel. Er läßt sich bekehren und bleibt in Ökotopia. Aber vor allem ist das Buch schlecht geschrieben. Es hat wenig Anschaulichkeit und gar keine Atmosphäre. Entsprechend unglaubwürdig und konstru-iert wirkt dieses Ökotopia. Als Lektor hätte ich Callenbach zu einem Posten als Wohnröhren-Prüfer beim TÜV geraten.



Bernoulli, Jakob II 29 (1759–89), schweizer Gelehrter und Diplomat. Als Sproß einer berühmten Baseler, vor allem aus Mathematikern bestehenden Gelehrtenfamilie, die über die entsprechenden Referenzen und Verbin-dungen verfügte, hatte es Bernoulli keine große Mühe bereitet, 1786 ins »Paradies der Gelehrten«, nämlich in den engsten Gunstbereich des in St. Petersburg regierenden Zaren einzudringen.* Er wurde zunächst Assistent, dann Vollmitglied der dortigen Akademie der Wissenschaften, außerdem Professor für Mathematik und zugleich Lehrer am kaiserlichen Kadettenkorps. Davon hatte er freilich nicht mehr viel, obwohl er auf Anraten von Freunden darauf verzichtete, sich einer von Moulovsky befehligten Expedition über die Meere als Schiffsastronom anzuschließen. Dafür sei seine Gesundheit zu schwach, sagten sie Moritz Cantor zufolge.**

Auch Rudolf Mumenthaler erwähnt die Anfälligkeit des Mathematikers, die ihm schon nach einjährigem Aufenthalt ein lebensbedrohliches Fieber eingebracht habe. Wieder leidlich auf den Beinen, vermählte sich Bernoulli Ende April 1789 mit Charlotte Euler, einer Enkelin des berühmten Mathematikers Leonhard Euler, und verbrachte die folgenden Wochen des ungewöhnlich heißen Frühsommers mit Lotte und wechselnden Gästen überwiegend in einer »Datscha«, die außerhalb des Stadtzentrums, unweit der »Apothekerinsel«, am Ufer der Newa lag. Laut Mumenthaler pflegte er von dort aus mehrmals täglich zu seiner »privaten«, kaum einen Kilometer entfernten Badestelle zu gehen, um zu schwimmen und sich zu erfrischen. Am 3. Juli, nach dem Mittagessen, verfuhr er in Begleitung seines Schwagers Niclaus Fuß nicht anders. Dieser muß allerdings vom Ufer aus unerwartet und mit entsprechendem Entsetzen feststellen, daß Bernoulli, nach dem er sich umgesehen hat, im Begriff ist, »mit starrem Blick« unterzugehen! Fuß kann ihn mit Mühe bergen und aufs Ufer ziehen, doch die alarmierten Ärzte treffen vor einer Leiche ein. Den 29 Jahre alten, seit sieben Wochen glücklich Verheirateten habe offensichtlich im Wasser der Schlag getroffen, wohl wegen der Hitze im Verein mit einem eben erst gefüllten Magen.

Ist dieser Darstellung des Sachverhalts durch den anschei-nend einzigen Zeugen zu trauen, hätte sich Bernoullis »schwache Gesundheit« somit auch ohne Seereise gerächt. Ob Schwager Fuß einen Grund gehabt hätte, Bernoullie zu Tode zu erschrecken oder zu »ducken«, kann ich nicht beurteilen.

* Rudolf Mumenthaler: Im Paradies der Gelehrten, Zürich 1996, Badeunfall S. 13–14, Sonstiges S. 234–40
** Allgemeine Deutsche Biographie, Band 2 (1875)




Fortsetzung Berr—Bont
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