Samstag, 11. September 2021
LdF Folge Ar—Bal

Arabanoo um 30 (1759–89). Die britischen Imperialisten hätten in ihrer neugegründeten Siedlung an der Sydney-Bucht (New South Wales) gern ein paar Aborigines, also dunkelhäutige einheimische AustralierInnen gehabt – nur aus Gründen des Studiums und der Kooperation, wie sich versteht. Allerdings ließ sich aus freien Stücken kein dunkelhäutiger Forschungsgegenstand in der Sydney-Bucht blicken. Deshalb ordnete »Gouverneur« Arthur Phillip an, kurzerhand ein paar Einheimische einzufangen. Der erste männliche Aborigine, der einem Leutnant Ende Dezember 1788 bei Port Jackson in die Fänge ging, war just Arabanoo, ein ungefähr 30 Jahre alter stämmiger Kerl mit Bart und Wuschelhaar. Beide Zierden kamen im Haus des Gouverneurs sogleich unter die Schere. Außerdem wurde die Beute in ein Bad und in zivile Kleider, allerdings auch in sogenannte Handschellen gesteckt, an denen ein Strick befestigt war. Lokalhistoriker Keith Vincent Smith* bemerkt dazu: »This pleased him and he called it Ben-gàd-ee, meaning an ornament, 'but his delight changed to rage and hatred when he discovered its use', wrote Tench.«

In den folgenden wenigen Monaten, die ihm noch beschieden waren, soll sich Arabanoo eher ungelehrig, aber immerhin auch nicht sonderlich aufsässig gezeigt haben. Er kooperierte also in der Tat. Dabei wohnte er weiter mit Phillip und dessen Familie unter einem Dach. Im Mai 1789 beteiligte er sich sogar an Notstandsmaß-nahmen, die wegen einer Pockenepidemie ergriffen werden mußten. Die »smallpox«-Viren hatten bei Port Jackson unter den Einheimischen gewütet. Weiße, rechtzeitig »immunisiert«, blieben verschont. Arabanoo half Tote begraben und zwei befallene Kinder pflegen, die man nach Sydney gebracht hatte. Dabei muß sich Arabanoo angesteckt haben, denn nach nur einer Woche Krankheit war auch er selber, am 18. Mai des Jahres, den Pocken erlegen. Man begrub den 30jährigen seinerseits feierlich im Garten des »Gouverneurs«.

Woher die weißen HeilsbringerInnen mit den donnernden Bordgeschützen stammten, ist allgemein bekannt; dagegen ungeklärt und stark umstritten, wo die Pocken-Viren her-gekommen waren. Hier wird von Indonesien bis London alles gehandelt; sogar Heimtücke und Absicht schließt mancher nicht aus.

* »Arabanoo«, Dictionary of Sydney, 2010: https://dictionaryofsydney.org/entry/arabanoo#ref-uuid=786e3e9f-1f61-8f5e-6dcd-ef631286543a



Araujo, Cheryl 25 (1961–86). Man könnte seufzen, vermutlich habe sie das erste Unglück, das sie ereilte, nur überstanden, weil sie noch nicht wußte, das zweite lauert bereits. Sie stammte aus Portugal, hatte jedoch in den Staaten eine Highschool besucht: in New Bedford, Massachusetts, wo sie auch wohnte. Blutjung, wie sie war, hatte sie gleichwohl schon zwei Kinder. Da wurde sie plötzlich, im März 1983 und knapp 22 Jahre alt, in der benachbarten Big Dan's Bar, wo sie eigentlich nur Zigaretten holen wollte, das Opfer einer gang-rape, einer Vergewaltigung durch mehrere Männer. Als sie schließlich auf die Straße flüchten konnte, halbnackt, lasen sie drei freundlicher gestimmte Mitbürger auf und fuhren sie ins nächste Krankenhaus. Es kam zu einem Aufsehen erregenden Prozeß, der immerhin für vier Täter mit Haftstrafen um fünf Jahren endete. Die BarbesucherInnen, die das brutale, auf einem Poolbillardtisch servierte Geschehen interessiert verfolgt oder noch durch Zwischen-rufe angefeuert hatten, gingen straffrei aus. Anders in dem 1988 veröffentlichtem Filmdrama Angeklagt (The Accused) des Gespanns Kaplan/Topor, wenn ich richtig verstanden habe. Hauptdarstellerin Jodie Foster bekam einen Oscar.

Fosters »Vorbild« Araujo war entschieden ärmer daran. Mit 25 »verlor sie die Kontrolle über ihren Wagen«, wie ja nicht nur Presseagenturen* gern mit Nachsicht formu-lieren. Sie war inzwischen mit ihren Töchtern Carolyn (6) und Jessica (4) und deren Vater nach Miami, Florida, gegangen, wo sie sich zur Sekretärin ausbilden ließ. Dort prallte sie im Dezember 1986, ihre Töchter im Auto, unweit ihrer Wohnung gegen einen Strom- oder Licht-masten. Sie war auf der Stelle tot; ihre Töchter kamen mit glimpflichen Verletzungen davon. Ihrem Rechtsanwalt Scott Charnas zufolge war die »tapfere« Frau »recht zufrieden« gewesen, sodaß ein Selbstmord eher unwahr-scheinlich ist. Während die Agenturberichte anfänglich auch Drogenmißbrauch der Fahrerin verneinten, spricht die englische Wikipedia inzwischen von starker Trunkenheit. Araujo sei deshalb, wegen Alkohol, bereits in Behandlung gewesen.

* »Big Dan's Victim Allegedly Drunk When Killed in Car Crash«, AP-Bericht vom 23. Dezember 1986: https://apnews.com/article/78ac2ec03ff29f9e0917b700497a6e7e



Archipowa, Valentina 24 (1919–43), verheiratete Schaffnerin aus der Sowjetunion, Mutter zweier Kinder, zuletzt eine Zwangsarbeiterin von rund sechs Millionen Zwangsarbeitern des deutschen Faschismus. Die elende und erniedrigende Lage wurde in ihrem Fall noch durch ein haarsträubendes Todesurteil gekrönt. Aufgrund des Krieges von ihrer Familie getrennt und durch falsche Versprechungen gelockt, hatte Archipowa im Frühjahr 1942 eine Arbeitsverpflichtung unterschrieben. Sie kam mit berüchtigtem »Ostarbeitertransport« nach Frankfurt/Main und wurde der Sindlinger verwitweten Bäuerin Rosina Bayer zugeteilt. Schon Mitte August wurde deren Anwesen durch eine Brandbombe verwüstet. Die junge Russin half beim Löschen und wurde kurz darauf einem anderen Hof zugeteilt. Allerdings hatte sie im Schutt der Brandstelle zwei oder drei Meter, teils angesengten Stoff gefunden, den sie nun bei einem polnischem Kollegen gegen einen gebrauchten Mantel eintauschte, denn der Winter nahte. Davon bekam leider durch dummen Zufall der stellvertretende Ortsgruppenleiter Hans Berninger Wind, die sie unverzüglich anzeigte. Die Gestapo blies Archipowas »Diebstahl« sowohl dem Umfang nach wie durch die Einstufung als »Plünderung« auf, von den Verhörmethoden und den Haftbedingungen einmal zu schweigen – auf Plünderung stand nämlich, laut »Volksschädlingsverordnung«, die Todesstrafe, wie von den Autorinnen Barbara Bromberger / Katja Mausbach zu erfahren ist.* Prompt lieferte ein Assessor Pütz (wohl Ende Juli 1943) das erwünschte Todesurteil des Frankfurter Sondergerichts. Es folgten noch sechs Wochen Wartezeit in der Todeszelle wegen eines Gnadengesuchs – die übliche, aber selten gewürdigte Folter für Häftlinge dieser Art. Nach Ablehnung des Gesuchs kommt die 24jährige am 9. September 1943 im Gefängnis Preungesheim unters Fallbeil.

Archipowas Schicksal wurde um 1970 dank einer Fernseh-dokumentation Reinhard Ruttmanns bekannt.** Ob ihre Verfolger und Mörder noch belangt wurden, geht aus meinen Quellen nicht hervor.

* Frauen und Frankfurt. Spuren vergessener Geschichte, Ffm 1987, S. 79–81
** Fritz Bauer Institut, 3. September 2014: https://www.facebook.com/fritz.bauer.institut/posts/10152705848666617/




Arias, Luis Felipe 31 (1876–1908), guatemaltekischer Pianist und Komponist »klassischer«, wenn auch stark »folkloristisch« gefärbter musikalischer Werke. Bei einem Künstler aus Mittelamerika verwundert es natürlich kaum, wenn er im Internet als weitgehend unbeschriebenes Blatt erscheint. Aufgrund seines Musikstudiums in Italien (Stipendium) machte Arias sein Heimatland mit zeitge-nössischer europäischer Musik bekannt und wurde schon als 25jähriger Professor und Direktor des Konservatoriums in Guatemala-Stadt. Für etliche eigene Arbeiten bekam er Preise. Warum er als 31jähriger im März 1908 auf der Straße ermordet wurde, ist angeblich nie geklärt worden. Nach Jamie Bisher* sprachen Oppositionelle einige Jahre später jedoch davon, »Diktator« Manuel Estrada Cabrera habe den (kritischen?) Musiker von einem Agenten besei-tigen lassen. Michael F. Fry** macht den »gedungenen Mörder« des Musikers sogar namhaft: Nicolás Cardillo. Der Mann sei dafür bekannt gewesen, für Estrada Cabrera zu arbeiten.

Um Auskünfte oder Ratschläge gebeten, zeigt sich selbst der Komponist und Musikwissenschaftler Dieter Lehnhoff überfragt. Ich hatte Bishers Hinweis sowie den Mangel an Angaben zur Persönlichkeit Arias' erwähnt. Lehnhoff schreibt mir (am 10. August 2018) aus 01016, Guatamala, C.A., wo er an der Universität Rafael Landívar lehrt, leider gebe es in der Tat lediglich spärliche Informationen aus sekundären Quellen. Er könne mir bedauerlicherweise nicht weiterhelfen. Mit Erfolgswünschen und herzlichen Grüßen …

* The Intelligence War in Latin America, 1914–1922, USA 2016, S. 230
** Historical Dictionary of Guatemala, Lanham, Maryland (USA) 2018, S. 52. Laut Verlagsangabe lehrt Fry lateinamerikanische Geschichte am Fort Lewis College, Durango, Colorado.




Arjona, Zayda Peña 26 (1981–2007), Sängerin der mexikanischen Gruppe Zayda y Los Culpables. In der kirschmündigen Blonden und ihrer polierten Schlagermu-sik trafen sich anscheinend zwei Glätten, wie man sie etwa von Surfbrettern kennt. Ob ihr Hit »Amor ilegal« wirklich kritisch vom Drogenkonsum handelte, wie man meist liest, kann ich nicht beurteilen. Ansonsten besang sie, mit allen in dieser Sparte, bis zum Erbrechen die Liebe.

Möglicherweise ging es auch bei ihrem gewaltsamen Ende um diese. Frontfrau Arjona wurde neben zwei Personen, die in gewissen tonangebenden Quellen als Männer hingestellt werden, zur Zielscheibe, als sie Ende November 2007 nach einem Konzert (oder Besuch?) in ihrer Heimatstadt Matamoros (Grenzstadt zu Texas) in ihr dortiges Hotel Monaco zurückkehrte. Während die beiden anderen Opfer der motorisierten Schützen auf der Stelle starben, wurde Arjona nur durch eine Notoperation im Hospital Alfredo Pumarejo aus der Lebensgefahr gebracht – allerdings nur für ein paar Stunden. Dann, am folgenden Morgen, drangen mehrere Bewaffnete ins Hospital ein und gaben der 26jährigen Künstlerin in ihrem Krankenzimmer vor den Augen des Klinikpersonals kaltblütig den Rest.

Wie ich aus einem Gedenkartikel* im Portal des spanisch-sprachigen Fernsehsenders Univision schließe, waren die »Sicherheitskräfte«, die Arjona hatten bewachen sollen, wahrscheinlich bestochen. Dieser Artikel des in LA, Kalifornien, ansässigen Senders nennt auch die beiden anderen, wohl ebenfalls noch jungen Opfer: Arjonas enge Freundin und häufige Begleiterin Ana Bertha González und den Hotelangestellten Leonardo Sánchez. Das hatte das US-Magazin People übrigens schon wenige Tage nach dem Vorfall gemeldet.** Beide Quellen führen die Vermutung an, die fotogene Frontfrau sei lesbisch gestimmt gewesen. Zu den Verdächtigen habe die Polizei einen ehemaligen Geliebten Ana Berthas gezählt.

Wie so oft in Mexiko, verliefen die polizeilichen Ermitt-lungen im Sande. Der Fall ist bis heute ungelöst, das mutmaßliche Mordmotiv umstritten. Sollten Drogenbosse ihre Hände im Spiel gehabt haben, dann möglicherweise »nur« wegen Arjonas Mutter, wohl gelernte Rechtsanwäl-tin, jedenfalls Juristin. Sie war inzwischen offenbar bei der Staatsanwaltschaft Matamoros' beschäftigt und dadurch für Verfolgungsmaßnahmen gegen die Mafia mitverant-wortlich. Im übrigen hagelt es in Mexiko seit Jahrzehnten Morde, gern an Journalisten, aber auch an mehr oder weniger kritischen Künstlern. Erst ein Jahr vor Arjona war ihr populärer Berufskollege Valentín Elizalde aus einer Gangsterlimousine heraus geradezu durchsiebt worden, worauf ich noch zurückkommen werde.

* »Como película de terror: así fue el despiadado asesinato de la cantante Zayda Peña«, 11. März 2018: https://www.univision.com/entretenimiento/como-pelicula-de-terror-asi-fue-el-despiadado-asesinato-de-la-cantante-zayda-pena
** »Zayda Peña Arjona Murder: Crime of Passion?«, 4. Dezember 2007: https://peopleenespanol.com/article/zayda-pena-arjona-murder-crime-passion/




Armagnac, Ben d' 38 (1940–78). Der belgisch-nieder-ländische »Performance-Künstler« hatte es gerade erst, 1977, auf die documenta 6 in Kassel gebracht, und wer weiß, zu welchem Ruhm er zukünftig noch gekommen wäre. Seine Masche war es, sich bei seinen Darbietungen Situationen auszusetzen, die bedrohlich, ja lebensgefähr-lich waren oder jedenfalls so erschienen. Ähnliches kennt man ja etwa auch von Bergsteigern oder Autorennfahrern, die allerdings nur selten behaupten, Ziel ihrer Aktivitäten sei die Erhöhung oder Vertiefung des Erkenntnisstandes ihres Publikums.

Bei d'Armagnacs letzter Nummer scheint allerdings nicht ein Zuschauer zugegen gewesen zu sein. Chris Thompson zufolge* trug sich das Unglück am Abend des 28. Septem-bers 1978 in Amsterdam Ecke Herengracht/Brouwers-gracht zu, wo der 38jährige Künstler ein Hausboot bewohnte. Beim Betreten oder Verlassen dieser Unterkunft ausgleitend oder strauchelnd**, schlug er wahrscheinlich mit dem Kopf auf die eiserne Bootskante, fiel ohnmächtig ins Wasser und ertrank. Erst am nächsten Morgen, als die Leiche geborgen wurde, drängten sich am Geländer der nahen Brücke etliche Schaulustige.

Von Thompson ist auch zu erfahren, daß damals gerade ein deutscher Guru im Lande weilte, Joseph Beuys. Am verhängnisvollen Abend hatte sich dieser, zu Aufführungs- oder Vortragszwecken, mit seiner Freundin und Berufskollegin Louwrien Wijers in Arnhem aufgehalten. Die beiden eilten nach Amsterdam zurück und zündeten Kerzen an. Bei dieser Andacht habe Beuys sogar Piano gespielt – möglicherweise ein Stück von Erik Sati, den habe der umstrittene Kunstprofessor aus Düsseldorf nämlich besonders geschätzt.

* »Ben d'Armagnac's Last Performance«, PAJ: A Journal of Performance and Art, Vol. 26, No. 3, September 2004, S. 45 (–60): https://www.jstor.org/stable/3246475?seq=1
** In seinem Buch Felt: Fluxus, Joseph Beuys, and the Dalai Lama, USA 2011, erwähnt Thompson, kurz zuvor sei d'Armagnac in seinem nahegelegenem Stammlokal gesehen worden. Der Bierdeckel mit den Strichen ist nicht abgedruckt.




Armenulić, Silvana 37 (1939–76). Wie es aussieht, war der erfolgreichen bosnisch-jugoslawischen Schlagersän-gerin nur ein schnöder Blechkastentod beschieden – aber immerhin im Sozialismus. Sie kam gemeinsam mit ihrer 25jährigen, gleichfalls singenden, damals schwangeren Schwester Mirjana (Mirsada) Bajraktarević und dem Geiger und Orchesterleiter Miodrag »Rade« Jasarević nach einem Konzert in Aleksandrovac bei der Heimfahrt in einem Ford Granada auf der Schnellstraße Nis–Belgrad um. Laut Polizei lag ein Unfall vor. Danach war der am Steuer sitzende Jasarević, 60, in den Gegenverkehr geraten und wie schon (1969) die westdeutsche Berufskollegin Alexan-dra mit einem Lkw zusammengeprallt. Doch auch in diesem Fall halten sich Gerüchte, jemand habe nachge-holfen, zumal sich die Sache hinter dem »Eisernen Vorhang« abspielte und Armenulić schon gelegentlich (wegen »Prüderie«?) geschnitten worden war.

Beim ihrem Begräbnis sollen, in Belgrad, um 40.000 Menschen auf den Beinen gewesen sein. Der Glückspilz bei dem fetten Unfall war Armenulićs ungefähr gleichaltrige Berufskollegin Lepa Lukić. Sie war aufgefordert worden, sich an jenem Konzert zu beteiligen, habe jedoch zum ersten Mal in ihrer Laufbahn verschlafen und deshalb den Auftritt verpaßt. Sie ist davon überzeugt, im anderen Fall wäre sie gemeinsam mit den Schwestern gereist und also ebenfalls verunglückt. Seit damals habe sie sich nie mehr an ein Lenkrad gesetzt, behauptet sie.* Zur Stunde scheint sie noch zu leben, 8o Jahre alt. Einen für diese Enzyklo-pädie nicht unbedingt typischen gründlichen und belegreichen Artikel liefert, was Armenulić angeht, die englische Wikipedia.

* Telegraf, 30. Mai 2013: http://www.telegraf.rs/vesti/727430-sve-o-silvani-armenulic-misterije-oko-smrti-slavne-pevacice-2-deo-foto



Armstrong, Norm »Red« 35 (1938–74), bis 1973 kana-discher Profi-Eishockeyspieler. Eishockey ist wahrlich kein Deckchensticken, aber der Mann aus Ontario, zeitweise für den US-Club Rochester, New York, tätig, hatte es 1973 lebend überstanden. Er kehrte zum Stahlwerk Algoma in Sault Ste. Marie, Ontario, zurück, wo er bereits manchen Sommer ein Zubrot verdient hatte. Schon ein Jahr darauf ereilte ihn freilich ein Arbeitsunfall. Angeblich verlor er »in großer Höhe« das Gleichgewicht und stürzte zu Tode – ob von einem Hochofen oder dem Stahlskelett eines Wolkenkratzers, läßt Joe Pelletier offen.* Algoma hatte damals schätzungsweise um 3.000 Beschäftigte.

* »Red Armstrong«, Februar 2010: http://mapleleafslegends.blogspot.com/2010/02/red-armstrong.html



Arnold, Ignaz Ferdinand 38 (1774–1812), Erfurter Jurist, Philosoph, Privatdozent, Organist, Klavierlehrer und (vor allem) Schriftsteller. Heute hätte der Sohn eines kurfürstlichen Oberkämmerers sein dauerhaftes gutes Auskommen als Autor von Heftchenromanen gehabt. Seine überall »enorm« genannte Produktivität brachte nämlich im Löwenanteil keineswegs musikwissenschaft-liche oder lokalhistorische Arbeiten hervor, vielmehr Räuber-, Schauer-, Gespenster- und Liebespistolen. Damals jedoch ließen ihn etliche teils gesellschaftlich, teils persönlich bedingte Widrigkeiten stets in Geldnöten schweben, ja schließlich, mit 38 Jahren, sogar »im eigentlichen Sinne verhungern«, wie es laut Thomas Kaminski*, etwas übertrieben, zwei Jahre nach Arnolds Tod in einem amtlichem Bericht heißt. Das fing schon mit den Schulden seines überraschend gestorbenen Vaters an, die Arnold abzutragen hatte, und hörte nicht mit den Winkelzügen der Verleger auf, die es damals liebten, ihre Autoren dreist auszunutzen und übers Ohr zu hauen. Ferner hagelte es Verleumdungsklagen – ziemlich unabhängig von dem lästigem Umstand, daß Erfurt von 1806–14 von den Franzosen beziehungsweise deren prunkliebendem Kaiser Napoleon besetzt war.

Im übrigen hatte der vielbegabte und vielschreibende Thüringer mit seinem Naturell zu kämpfen, das sich leider von heutiger Nachwelt, wie es aussieht, nur noch andeu-tungsweise erhellen läßt. Von seiner Kinderstube wissen wir gar nichts. Ein einschneidendes Erlebnis dürfte Arnolds Hochzeit mit Maria Anna, Tochter eines Kloster-vorstehers, im Herbst 18oo gewesen sein. Bald darauf müsse es zu einem »heftigem Nervenzusammenbruch« und einem vorübergehendem Aufenthalt in einer Irrenanstalt gekommen sein, schreibt Kaminski – warum, schreibt er nicht. Man kann sich natürlich aufgrund eigener Erfahrungen mit jähen sexuellen Erfordernissen und nicht minder jähem Verlust der junggesellenhaften Selbstherrlichkeit seinen Reim darauf machen. In der Gemeinde der Herrenhuter im nahen Neudietendorf habe sich der von Hause aus fromme, ansonsten eher aufkläre-risch gestimmte Doktor der Philosophie allmählich wieder erholt und erneut zum Federkiel gegriffen. Schließlich kostet Krankheit Geld; Arnolds Mutter war auch bereits pflegebedürftig. Dazu kommen zwei von Anna Maria geborene Kinder. Zu allem Unglück soll die schwer geprüfte Gattin, nach Constantin Beyers Worten, auch noch von einem »unheilbarem Krebs im Gesichte« befallen worden sein. Das riecht schon stark nach Psychosomatik.

Für Kaminski läßt sich Arnolds kräfteraubende Viel-schreiberei nicht nur mit dessen drückenden Geldsorgen, sondern auch mit dessen Entschlossenheit erklären, diesem Elend gerade so eingehend wie möglich zu entfliehen. Aus den Tagebüchern des erwähntens Stadt- und Zeitgenossen Arnolds, Constantin Beyer, zitiert er dazu: »Ein Glück wars für ihn, daß seine Phantasiespiele, die er sich schuf, ihn das in der Chimärenwelt genießen ließen, was er in der wirklichen nicht genoß und vermöge seiner beschränkten Lage nicht genießen konnte. In seinen Romanen brachte er so oft es nur sein konnte, eine Schilderung und bis aufs kleinste Beiessen, keine Souce und keinen Salat vergaß [er] (…) Auch ließ er alle hübschen Mädchen aus Liebe zu seiner Person fast toll werden, denn in seinen mehrsten Romanen spielt ER die Hauptrolle ...«

Im Oktober 1812 erlag der eingebildete Frauenschwarm, je nach Quelle, einem »bösartigem Nervenfieber« oder einem »nervösem Gallenfieber«. Das zweite führt die Witwe in einer Anzeige auf, mit der sie um Sach- oder Geldspenden bittet. Was aus Anna Maria und den beiden Kindern dann noch wurde, wird mir vermutlich niemand verraten kön-nen. Zum Verstorbenen und dessen Auszehrung steuert Beyer den Gesichtspunkt des Grolls bei, der bekanntlich ähnlich nagend oder bohrend wie Hunger sein kann. Arnold hatte erst vor wenigen Wochen, aber mit viel Mühen den Posten eines Sekretärs der Erfurter Universität ergattert. Ein Abt Muth soll ihm dabei viele Knüppel zwischen die Beine geworfen haben. Just der Ärger darüber habe Arnold in die Krankheit gestürzt, »von der er nicht wieder aufstand«.

* Nachwort zum Reprint von Arnolds Schrift Erfurt in seinem höchsten Glanze während der Monate September und Oktober 1808, einem streckenweise subversivem Bericht vom sogenannten Erfurter Fürstenkongreß. Hrsg. Franz-Ulrich Jestädt und Horst Moritz, Erfurt und Waltershausen 2008.



Artedi, Peter 30 (1705–35). Der schwedische Naturfor-scher aus geistlichem Hause, Student der Medizin und enger Freund des später weltberühmten Carl von Linné, soll 1735 in Amsterdam auf dem nächtlichem, unbeglei-tetem Heimweg von einer Gesellschaft bei seinem Gönner Seba betrunken in eine Gracht gefallen und auf diese Weise umgekommen sein. Die Polizei habe ihn anderntags als Leiche herausgefischt. Es ist natürlich nicht undenkbar, daß bei dem Sturz jemand nachhalf, etwa jener ehrgeizige Freund, vielleicht sogar Liebhaber Linnaeus, der sich damals ebenfalls in den Niederlanden aufhielt, wohl hauptsächlich in Leiden. Er hatte Artedi als wissenschaft-lichen Rivalen empfunden und »kümmerte« sich dann prompt um dessen interessanten Nachlaß und dessen Biografie. So scheint es jedenfalls der US-Meeresbiologe Professor Theodore W. Pietsch aus Seattle, Washington, mit seinem Roman The Curious Death of Peter Artedi: A Mystery in the History of Science anzudeuten, falls E. Charles Nelsons Besprechung in einem schottischem akademischem Magazin zu trauen ist.* Das Buch sei mit Fußnoten und Quellenangaben ausgestattet: »so it is not an ordinary novel«. Den berühmten Taxonom und Artedi-Biografen Linnaeus gebe der Autor als hinterhältigen und ausgesprochen eitlen Charakter, der alles daran gesetzt habe, sich nach dem Ableben seines besten Freundes dessen Beschreibungen, Einsichten und unveröffentlichte Manuskripte ans eigene Revers zu heften.

Übrigens galt oder gilt Artedi, jener weitgehend mittellose, frühzeitig angeblich in einen Kanal gestolperte 30jährige Schwede mit den ausgeprägten anziehenden Gesichts-zügen, als Fachmann, ja sogar »Vater« der Ichthyologie, einem zoologischem Zweig, der ihn auch nach Amsterdam geführt hatte, wo seine Studien von dem bereits erwähntem wohlhabendem Apotheker Albertus Seba gefördert wurden. Die Ichthyologie ist die Fischkunde, falls Sie es nicht wissen – der Artedi, so könnte man unken, bis zum letzten Atemzug nachging.

* Archives of Natural History, Vol. 38 Iss. 2, Edinburgh University Press, Oktober 2011: https://www.euppublishing.com/doi/full/10.3366/anh.2011.0053?src=recsys



Arthur I. um 15 (1187–1203), Herzog von Bretagne. Seine Pechsträhne begann im Grunde schon vor seiner Geburt. Er lernte seinen Vater, den Herzog der Bretagne Gottfried II., gar nicht kennen, war dieser doch kurz vorher bei einem Turnier in Paris von einem Pferd zertreten worden. Dann geriet der Sprößling in die ränke- und verlustreiche englisch-französische Balgerei um die Macht. Die Einzelheiten erspare ich uns. Was Arthurs frühes Ende angeht, hatte ihn Johann Ohneland um den englischen Thron betrogen, wie jedenfalls Arthurs Mutter Konstanze und eine Menge französischer Adeliger meinten. So belehnte Konstanze ihren Sprößling, unter Rückendeckung durch Frankreichs König Philipp II. August, mit weiteren französischen Herzogtümern und nötigte den ungefähr 15jährigen Knaben, sich im Sommer 1202 an die Spitze eines Heeres zu setzen, um diese Belehnung, zunächst in Poitou, auch militärisch durchzusetzen. König Johann Ohneland klebte jedoch insofern nicht an seinem englischem Thron, als er Arthur bei dessen Belagerung von Mirebeau (wo Johanns Mutter Eleonore Hof führte) übertölpelte und gefangen nahm. 1203 von William de Braose nach Rouen überführt und dort eingekerkert, verschwand der umstrittene edle Knabe nahezu spurlos in der Versenkung.

Die HistorikerInnen gehen heute zumeist davon aus, Johann habe ihn töten und verscharren lassen. Die zeitgenössischen Margam Annals wollen es genauer wissen: der betrunkene und »vom Teufel besessene« Johann habe den Arthur am Gründonnerstag in der Burg von Rouen eigenhändig erschlagen und seinen Leichnam, mit einem Stein beschwert, in die Seine geworfen. Das wäre dann noch nicht der letzte Racheakt des eisernen Johann gewesen. Da William de Braose nach Arthurs Verschwinden stark in Johanns Gunst gestiegen war, wurden die beiden der Komplizenschaft verdächtigt, und in der Tat klagte Williams Frau Maud den König Johann viele Jahre später im Rahmen eines Streites des Mordes an Arthur an. Darauf wurde sie mitsamt ihrem ältesten Sohn ins Gefängnis geworfen, wo sie verhungerten, während sich Schurke William dünne machen konnte.

Wie so oft, fanden auch diese mit manchem Herzblut verbundenen Schauergeschichten ihren malerischen und literarischen Nachhall, unter anderem in Shakespeares Drama König Johann, worin der Knabe Arthur erst auf der Flucht aus dem Kerker sterben muß. Friedrich Dürrenmatt machte 1968 (Uraufführung in Basel) eine Art in herrschenden Kreisen spielende Gangsterkomödie aus Shakespeares Werk – mit der »Moral, der kleine Mann ist immer der Dumme«, wie damals der Spiegel meinte.* So etwas würde das Wochenblatt heute nicht mehr schreiben.

* Nr. 39/1968: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45935497.html



Artmeier, Maria-Luise 25 († 1974). Die Führerschein-besitzerin aus München-Obermenzing war nicht viel älter als Arthur, aber offenbar keine Prinzessin. Sonst fände man etwas mehr über sie. Laut einer Auflistung* ungeklärter Münchener Mordfälle der Süddeutschen Zeitung schleuderte im Juni 1974 gegen Mitternacht ein roter Ford Escort über die Schleißheimer Straße, erfaßte zwei Fußgängerinnen und blieb schließlich in einem Trambahnhochgleis hängen. Am Steuer habe die blutüberströmte Obermenzingerin gesessen, sterbend. Ihr Mörder – falls es ein Mann war – hatte ihr ein Messer ins Herz gestoßen. »Was sich vorher abgespielt hat, kann nicht mehr geklärt werden. Die Obermenzingerin war mit Freunden beim Essen, stieg dann in ihr Auto an der Wertherstraße. Dort muss ihr ihr Mörder aufgelauert haben und in den Wagen gestiegen sein.« Das wars. Vor allem über die Lebenssituation des Opfers erfährt man im gesamten Internet kein Wort. 2024 werden vermutlich wieder die bekannten Häppchen ausgestreut.

* 28. Dezember 2013: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/ungeloeste-mordfaelle-missbraucht-und-erdrosselt-1.1851983



Asparuchow, Georgi 28 (1943–71), bulgarischer Berufsfußballer. Drei Jahre vor seinem außerdienstlichem Tod hatte der trefferreiche Stürmer von Lewski Sofia das bis heute einzige Tor erzielt, das einem Bulgaren in der geheiligten Höhle des englischen Löwen, im Londoner Wembley-Stadion also, gegen die Engländer gelang, das sagt Fachleuten alles.* Hinfort war er ein Nationalheld. Nun aber, im Juni 1971, war Gundi, wie er auch genannt wurde, mit seinem Alfa Romeo auf Urlaubsreise von Sofia nach Vratsa unterwegs. Er hatte sich mit seinem 32 Jahre altem Clubkameraden und engem Freund Nikola Kotkow (1938–71) zusammen getan – auch der ein vielgelobter Stürmer. Jetzt hatten sie freilich nicht die gegnerische Abwehr, vielmehr rund 100 Kilometer und dabei das Balkangebirge zu überwinden. Unweit des Vitinya Passes jedoch, kurz hinter der Brücke über den Bebresh-Fluß, stießen die beiden mit einem Lkw zusammen und ver-brannten in ihrem Wagen. Verstehe ich einen Gedenk-artikel** des in Sofia erscheinenden Boulevardblattes 24 Chasa nicht falsch, hatten sie an einer Kreuzung die Vorfahrt des Lkw's mißachtet. Dessen Fahrer oder denkbare andere Beteiligte bleiben unerwähnt. Dafür versichert das Blatt, beim Begräbnis der beiden Sportler seien 550.000 Menschen auf den Beinen gewesen. Diesen fetten Auflauf darf man wohl auch als Votum für das damals noch sozialistische Automobil verstehen.

* YouTube 2006: https://www.youtube.com/watch?v=FOrTCH8NUO4
** »550.000 verabschieden sich von Gundi und Kotkov«, 30. Juni 2017: https://www.24chasa.bg/sport/article/6308643




Astrid von Schweden 29 (1905–35), als Gattin Leopold III. belgische Königin. Wie schon gelegentlich angedeutet, zählt die Bemerkung, der Fahrer oder die Fahrerin hätten »die Kontrolle über ihren Wagen verloren«, im Zusam-menhang mit Autoverkehrsunfällen zu den Lieblingsfor-meln internationaler Berichterstattung, Lexika eingeschlossen. Sie bietet den angenehmen Vorteil, jede persönliche oder gesellschaftliche Verantwortlichkeit unauffällig ins Reich der Fabel oder noch besser: der Verschwörungstheorie zu verweisen. Dafür war eben »höhere Gewalt« im Spiel. Möglicherweise entstand die Formel 1933 im politischen Bereich, als das deutsche Volk durch einen dummen Zufall die Kontrolle über seinen Staat verlor. Jedenfalls werden in der Folge Legionen von hitz- und hohlköpfigen Fußballprofis, Popstars, PolitikerInnen, Millionenerben oder Throninhabern an ihren Lenkrädern vom Schicksal überwältigt. So auch im Falle Leopolds, mit dem Astrid seit 1926 verheiratet war. Er war der älteste Sohn des belgischen Königs Albert I., dessen Vorgänger wiederum der berüchtigte Leopold II. gewesen war, der von 1865 bis zu seinem Tod im Jahr 1909 unter anderem über beträchtliche Landstriche in Afrika geherrscht und dort unsägliches Leid angerichtet hatte.

Als Astrid im Sommer 1935 mit ihrem Gatten Urlaub in der Schweiz machte, war sie 29. Sie galt gleichermaßen als besonders anmutige, mütterliche, großherzige und »skandalfreie« Königin. Am 29. August unternahm das Herrscherpaar eine Autospazierfahrt »inkognito« ohne seine bis dahin drei Kinder. Ob die Königin zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem viertem Kind schwanger ging, ist in den Quellen umstritten. Kurz nach neun Uhr vormittags geschah es also: König Leopold »verlor« bei Küssnacht am Vierwaldstättersee auf der kurvenreichen Uferstraße »die Kontrolle« über seine eher gemächlich fahrende Nobelkarosse Packard 120-C, ein für damalige Verhältnisse so kräftiges wie schnittiges Cabriolet, das daraufhin die steile Uferböschung hinunterstürzte. Entgegen sonstiger Gepflogenheit hatte Leopold selbst gesteuert, nicht sein Chauffeur Pierre Devuxst. Dieser hatte im Fond des Wagens gesessen. Zudem war dem Packard noch ein Begleitfahrzeug gefolgt, vermutlich mit Leibwächtern besetzt. Während sowohl der 33 Jahre alte König wie sein Chauffeur mit geringen Verletzungen davonkamen, wurde Astrid, wohl beim Zusammenstoß des offenen Wagens mit einem Baum, auf die Böschung geschleudert. Sie starb noch am Unfallort an ihren schweren Kopfverletzungen.

Dem Hechtsprung des Packards folgte der mediale Steinschlag auf den Fuß. 2010 heißt es dazu in einem Gedenkartikel des Züricher TagesAnzeigers: »Der Tod Astrids wurde zum Medienereignis. Am Nachmittag erschien ein Extrablatt der Luzerner Neuesten Nachrichten. Journalisten aus der ganzen Welt machten sich auf den Weg nach Küssnacht. Gleichzeitig flog Walter Mittelholzer exklusive Bilder von der Einsargung der Toten in einer gecharterten DC2 der Swissair zu einer internationalen Presseagentur nach London. Noch am Unfalltag verließ der Sarg per Bahn die Schweiz. In der Bahnhofshalle von Luzern drängten sich die Schaulustigen. Auf dem Bundeshaus standen die Fahnen auf Halbmast.«

Nun konnte sich die Traumhochzeit von 1926 als Traumbegräbnis vollenden. Den Bildjournalisten zuliebe wurde Astrids arg entstellter Kopf in Bandagen gelegt, ehe sie unter den Augen oder Ohren der Weltöffentlichkeit in die königliche Gruft der Liebfrauenkirche zu Laeken in Brüssel gesenkt wurde. Den Textjournalisten schärfte man neben der Schlagzeile Das Ende einer großen Liebe ein, Leopold habe seinen drei Kindern schon gleich nach dem Unfall streng verboten, zukünftig über ihre Mutter auch nur ein Wort zu verlieren – so gewaltig war sein Schmerz. Außerdem habe er verfügt, in ihrem Gemach dürfe nichts angerührt werden, während er Astrids blutverschmierten Rock in seinem eigenen Gemach verstaute. Den Unfallwagen hatte er Mitte September mit offensichtlicher Billigung der zuständigen Behörden an einer tiefen Stelle bei Meggenhorn im Vierwaldstättersee versenken lassen. Den würden Lenins eidgenössische Getreue nicht mehr in die Finger bekommen. Wer heutzutage auch nur einen Fernseher in den Vierwaldstättersee würfe, hätte mit der Todesstrafe zu rechnen – sofern er kein König oder Parlamentsabgeordneter wäre.

Immerhin war der Unfallwagen vor seiner Versenkung von Fachleuten der kantonalen Motorfahrzeugkontrolle untersucht worden. Danach wiesen Bremsen und Steuerung des 1.600 Kilogramm schweren Acht-Zylinder-Sportwagens keine Mängel auf. Dem Polizeibericht zufolge schieden auch schlechter Straßenzustand oder widrige Witterungsverhältnisse als Unfallursachen aus. Somit konnten die Spekulationen blühen wie in Küssnacht die Kletterrosen, zumal die vorhandenen Aussagen einer Wüste glichen. Nach einem Artikel Jost Auf der Maurs, der 2006 in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen ist*, gab es mit dem Spenglergesellen Friedrich Krebser lediglich einen Augenzeugen. Dem Polizisten Adi Kälin gegenüber hatte Krebser die Geschwindigkeit des Packards auf 70 bis 80 Stundenkilometer geschätzt. Nach Krebsers Darstellung wies die mit Straßenkarte bewehrte Astrid gerade zum Berg Rigi, worauf auch Leopold dort hin blickte. In diesem Augenblick sei das rechte Vorderrad des Packards über den Bordstein ausgeschert. Der Fahrer müsse daraufhin Gas gegeben haben, da das linke Hinterrad beschleunigte. Der Wagen machte einen Satz, prallte gegen einen Birnbaum und schlidderte die Böschung hinunter Richtung Schilf. Kurz darauf sei das Begleitfahrzeug losgeprescht, um Hilfe zu holen. Es kehrte mit den beiden Ärzten Armin Jucker und Robert Stein-egger zurück, die Astrids Kopfverletzungen begutachteten und ihren Tod feststellten.

Erstaunlicherweise ist bei Auf der Maur kein Wort der Stellungnahme zu bekommen, die man sich von Leopold selbst, seinem Chauffeur und seiner Begleitmannschaft erwartet hätte. Er teilt vielmehr mit, Polizist Adi Kälin habe damals am Unfallort notiert: »Die in Betracht kommenden Personen verweigerten jede Auskunft und die Mitteilung ihrer Personalien. Ein Herr in Chauffeuruni-form gab schließlich nach mehrmaliger Aufforderung seinen Pass ab. Er sagte nur: 'Ich bin nicht selbst gefahren, sondern mein Herr.'« Erst im Rathaus Küssnacht und im Beisein des belgischen Konsuls Von Moos, so Auf der Maur, habe sich eine Begleitperson Leopolds zu der Erklärung herbeigelassen, bei der Verunglückten handle es sich um die belgische Königin. »Aber da ist der Leichnam bereits eingesargt und auf dem Weg in die Villa Hasli-horn.« Die lag bei Luzern. 2010 behauptet Grenzecho-Redakteur Gerd Zeimers, Leopold selber sei »zu den tragischen Ereignissen nie befragt« worden.** Aber tragisch waren sie jedenfalls. Schon wieder Höhere Gewalt.

Man kann sich nun aussuchen, ob damals lediglich die bekannte blaublütige Hochnäsigkeit waltete oder ob die Herrschaften aus Belgien womöglich irgendetwas zu verbergen hatten. Immerhin, das blutverschmierte Kleid war von Leopold gerettet worden, auch wenn er es wahrscheinlich niemals der Brüsseler Kriminalpolizei oder den dortigen Gerichtsmedizinern unter die Nase rieb. Der Schweizer Bundesrat war daneben untertänigst genug, die Gemeinde Küssnacht und einen weiteren privaten Eigentümer zu nötigen, dem Staat das Unfallgrundstück zu verkaufen, damit es dem trauerndem König geschenkt werden könne. Der hatte sich nämlich in seinen glücklicherweise kaum verletzten Kopf gesetzt, am Unfall- oder Tatort eine Gedenkstätte zu errichten. Nach der Übereignung bestellte er bei etlichen belgischen Architekten und Künstlern eine Kapelle, die vermutlich unter den Kronen des Kitsches im Guinness Buch der Rekorde verzeichnet ist. Mit Rücksicht auf die bekannte Armut des belgischen Königshauses wurde sie zumindest teilweise mit Hilfe der belgischen Veteranenvereinigung finanziert, die dafür 50.000 Franken Spendengelder gesammelt hatte. Auf die Idee, das Geld in eine Gedenkstätte für auch nur eine dunkelhäutige Bewohnerin des kolonialen Kongo zu stecken, wären die Veteranen selbstverständlich nicht im Traum verfallen. Die Einweihung der Astrid-Kapelle fand im Sommer 1936 statt, parallel zur Berliner Olympiade. Weitere gewaltige Kosten entstanden um 1960, als die Kapelle versetzt wurde, weil sie sich, nach Ansicht diverser Behörden, als untragbares gefährliches Hindernis für den touristischen Auto- und Fußgängerverkehr herausgestellt hatte. Der Rubel muß rollen.

Nebenbei war Leopold III. 1951 von Baudouin auf dem Thron abgelöst worden, weil inzwischen zu vielen Belgiern die Rolle, die dessen Vater während der Besatzung Belgiens durch die deutschen Faschisten gespielt hatte, gar zu fragwürdig vorgekommen war. Überdies hatte Leopold III. während des Krieges den Fehler gemacht, sich erneut zu verheiraten, diesmal mit der »bürgerlichen« Flämin und Golferin Mary Lilian Baels. Damit hatte er für sehr viele BelgierInnen (vor allem die wallonisch gesinnten) einen unverzeihlichen Verrat an der »göttlichen« Astrid begangen. Dagegen scheinen sie ihm niemals krumm genommen zu haben, daß er sie ins Jenseits befördert hatte.

Eine Außenseiterposition unter den Begutachtern des Falles nimmt der Anthroposoph Fedor Kusmitsch ein, der seine Informationen 1935 aus erster Hand bezogen haben will. Auf dieser Grundlage behauptet er 2001 im Rahmen eines ausführlichen Artikels über die drohende, von »westlichen Logen« und Kapitalzentren wie Brüssel befehligte Neue Weltordnung, Leopold habe damals auch seinerseits »inoffiziell« einen befreundeten Mechaniker beauftragt, »den Wagen und insbesondere die Lenkung zu untersuchen. Der Experte reist in der Folge nach Brüssel, um Leopold Bericht zu erstatten: beide Lenkachsen seien angesägt gewesen, berichtet er Leopold. Dieser schweigt darüber und läßt das Wrack des Wagens an der tiefsten Stelle im Vierwaldstättersee versenken.« Aber nicht etwa, um den Packard nicht mehr sehen zu müssen oder um späteren Schnüfflern ein Schnippchen zu schlagen! Viel-mehr wollte Leopold der Öffentlichkeit die schmerzliche Erkenntnis ersparen, bei dem angeblichen Unfall habe es sich »in Wirklichkeit«, so Kusmitsch, »um einen fehlgeschlagenen Königsmord« gehandelt.***

Der ganze Rummel wiederholte sich 1997, wenn auch in größerer Dimension und Perfektion, nachdem »Lady Di« Diana Spencer (36), die sagenumwobene Ex-Gattin des britischen Thronfolgers Charles, mit ihrem steinreichem ägyptischem Liebhaber Dodi Al-Fayed (42) in einem Mercedes S 280 sitzend, vor den Tunnelpfeiler einer Pariser Stadtautobahn geprallt war. Spencers Begräbnis wurde weltweit von geschätzt 2,5 Milliarden Menschen verfolgt.

* »Der Tod der Schneekönigin«, NZZ, 27. August 2006: http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/articleEEQE0-1.55902
** »Die Königin küsst die Nacht«, Grenzecho, 28. August 2010: https://www.grenzecho.net/art/zz/hier-und-heute/die-koenigin-kuesst-die-nacht
*** Fedor Kusmitsch in Nummer 21/22 der Symptomatologischen Illustrationen, Basel 2001, S. 11




Aszlányi, Károly 30 (1908–38), ungarischer Schrift-steller mit Sinn für Humor, angeblich auch für Kinder. Als ich vor rund 10 Jahren eine Betrachtung über »Ohrfeigen« verfaßte (s. A-2), erwähnte ich verständlicherweise seinen (bald darauf verfilmten) Roman Sieben Ohrfeigen von 1934. Vorher war der literarisch und musikalisch gutausgebildete junge Mann, der wohl nur äußerlich an Kafka erinnert, zeitweise Reporter bei dem Budapester Blatt Sporthírlap gewesen. Die ergreifende Story, er sei Anfang Dezember 1938 bei Dorog (in der Nähe von Budapest) mit seinem Auto gegen einen Baum geprallt, weil er einem Kind habe ausweichen wollen, begegnet mir auch in der ungarischen Wikipedia. Allerdings ist der betreffende Satz mit der Anmerkung versehen: Quelle? Jegliche Einzelheit fehlt; man erfährt noch nicht einmal, ob Aszlányis Gattin oder sonstwer mit von der Partie war. Vom ungarischen Magazin Cultura wird man immerhin eingeweiht, der oft in Wien oder Berlin weilende Künstler sei einer der ersten Sportwagenbesitzer Budapests gewesen, und er habe Geschwindigkeit geliebt. Aber jenes um ein Haar überfahrene Kind von Dorog wird in Cultura kaltblütig übergangen.* Dafür fehlt in der deutschen Wikipedia der Baum. Kurz und schlecht: Solange ich noch keinen Ungarisch-Kurs an der Gothaer Volkshochschule belegt habe, vermute ich einmal, alle Äußerungen über Aszlányis Unfall gehen auf den ersten Budapester Lexikografen zurück, und der hat sich damals eben eine so recht zu Herzen gehende Version des Unfallgeschehens aus den Fingern gesogen.

* »Aszlányi Károly, a könnyed műfaj sztárja«, 21. Dezember 2018: https://cultura.hu/kultura/aszlanyi-karoly-a-konnyed-mufaj-sztarja/



Atria, Rita 17 (1974–92), Sizilianerin aus Mafiakreisen. Täuscht mich der Eindruck nicht, den mir Petra Reskis mutiges und überdies ausgezeichnet geschriebenes Buch über Rita Atria vermittelt*, scheinen die Leute auf Sizilien eine erschreckende, wenn auch gleichsam natürliche Nei-gung zu Roheit, Gefühlskälte, gnadenlosem Clandenken und hollywoodreifer Heuchelei zu besitzen. Vielleicht erklärt sich diese Verfassung zumindest teilweise aus der Unerbittlichkeit des ausgedörrten Landstrichs, dem sie ihr Auskommen und ihr Glück abzuringen haben. Da liegt es womöglich nahe, dem erfolgreicheren Nachbarn die Kehlen seiner drei Dutzend Schafe durchzuschneiden, den Fiat eines »singenden« Abtrünnigen mit Maschinen-gewehrfeuer zu durchsieben, die Verweigerung von »Schutzgeld«-Zahlung mit ein paar Messerstichen zu quittieren, den erlebnishungrigen Jugendlichen in den öden Kleinstädten Haschisch oder Heroin anzudrehen. Zum häuslichen Altar heimgekehrt, dankt man dann der Jungfrau Maria für ihr gnädiges Geleit.

Rita, bis zu einer Abmagerungskur, die sie sich in Rom verordnen wird, ein etwas »pummeliges« untersetztes Mädchen, wuchs im westlichen Winkel der Insel in Partanna auf. Das Städtchen war von zwei mehr oder weniger miteinander verfeindeten Mafia-Clanen geprägt. Ritas Familie zählte durchaus dazu. Als die Händel jedoch dazu führten, daß zunächst Ritas Vater Vito, dann, 1991, ihr wohl 27 Jahre alter Bruder Nicola Atria stummge-macht wurden, entschloß sich die Jugendliche, wie schon ihre nun verwitwete Schwägerin Piera, bei den Behörden »auszupacken«. Sie hatte beide Männer, Vater und Bruder, heiß geliebt. Von seiten ihrer Mutter dagegen hatte sie unter der erwähnten Gefühlskälte und schlicht unter Tyrannei gelitten. Diese verschiedenartigen Verluste hielt sie einfach nicht mehr aus.

Durch ihre Erzählungen von den heimischen Mafia-Machenschaften den Staatsanwälten in den nahen Küstenstädten Marsala oder Palermo gegenüber war Rita natürlich plötzlich selber höchst gefährdet, zumal dies schon bald zu Verhaftungen führte. Selbst der Junge, mit dem sie »geht«, zeigt ihr jäh die kalte Schulter. Man nahm sie deshalb ins »Zeugenschutzprogramm« auf, bewachte sie und hielt es zum Jahresende 1991 sogar für angebracht, sie heimlich aus Sizilien fortzuschaffen. Sie durfte nach Rom zu ihrer Schwägerin und deren Töchterchen ziehen, denen man dort bereits eine Wohnung unter falschem Namen besorgt hatte. Ihre Schulausbildung im Hotelfach durfte sie per Fernunterricht fortsetzen. Zum Glück verstand sie sich mit Piera gut. Auch der Großstadttrubel gefiel Rita. Die Frauen bekamen sogar staatlichen Unterhalt. Allerdings mußten sie ständig auf der Hut sein und in den nächsten Monaten wiederholt umziehen, aus Sicherheitsgründen. Dazu litten sie selbstverständlich unter der für sie neuen Entwurzelung. Wurden sie alle paar Wochen zu weiteren Aussagen vor den sizilianischen Staatsanwälten geflogen, geschah es unter strenger Geheimhaltung und Bewachung. Hin und wieder geleitete man Rita sogar zu ihrem Elternhaus in Partanna, aber diese Begegnungen mit der Mutter waren eher eine Qual. In den verblendeten Augen der Mutter war sie zur Verräterin geworden. So verblüfft es wenig, wenn die matronenhafte Frau Atria vier Monate nach Ritas Beerdigung auf den Friedhof von Partanna marschiert, einen Hammer aus ihrer Handtasche zieht und in »rasender Wut«, wie Reski behauptet (S.19 & 234), das auf Ritas Grabstein eingelassene Foto zertrümmert, das ihre nie geliebte Tochter zeigt. Diese Tat bringt Giovanna Atria später durch das Urteil einer örtlichen Amtsrichterin zwei Monate und 20 Tage auf Bewährung ein – was ja immerhin beweist, daß Partannas Justiz nicht mehr völlig in der Hand der Mafia war.

Engster Betreuer und zugleich Freund der beiden jungen Frauen war in jenen Monaten vor Ritas Tod ein »hohes Tier«, nämlich Richter und Oberstaatsanwalt Paolo Borsellino, der zwischen Sizilien und Rom hin- und herpendelte. Er und Giovanni Falcone waren damals die prominentesten »Mafia-Jäger«, die in Italien jedes Kind kannte. Bei vielen staatlichen Stellen machten sie sich durch ihren unbestechlichen Eifer eher unbeliebt. Borsellino war ein stattlicher grauhaariger Mann mit einer »rauchigen« Stimme, um die ihn mancher Mafioso beneidet hätte. Er zeigte insbesondere für die »kleine« Rita mit dem kastanienbraunen Haarschopf viel Verständnis, machte ihr Mut, ging auf ihre Wünsche ein. Er hatte selber zwei Töchter, außerdem einen Sohn. Er war im Herbst 52 Jahre alt geworden – und zum Entsetzen vieler Menschen schaffte er das nächste Lebensjahr nicht mehr. Zu allem Unglück war sein Mitstreiter Falcone bereits Ende Mai 1992 Opfer eines Anschlages geworden. Und nun, am 19. Juli, flog in Palermo auch Borsellinos Auto, trotz höchster Vorsichtsmaßnahmen, in die Luft. Offenbar war der Arm der Mafia länger als der italienische Stiefel, sodaß er bis in etliche staatlichen Behörden reichte. Neben dem Richter starben fünf Mitglieder seiner Begleitmannschaft.

Nun kommt wieder einmal einiges zusammen. Makabererweise hatte Rita gerade eben ihren Wunsch durchgesetzt, in Rom eine eigene Wohnung zu bekommen. Fünf Tage nach Borsellinos Ermordnung hilft ihr Piera beim Umzug in die Via Amelia (S. 192). Zwar hat Rita kürzlich einen »Märchenprinzen« kennengelernt, Gabriele, doch der junge Mann muß gegenwärtig eine Wehrübung in Albanien ableisten. Bei aller Verliebtheit: durch den Mord ist Rita in übelster Verfassung. Das geht auch aus ihren Tagebüchern hervor, die Reski wiederholt zitiert. Gleichwohl schlägt Rita den Vorschlag aus, ihre Schwägerin und die kleine Vita Maria per Flugzeug zu einem Besuch bei Pieras Eltern in Sizilien zu begleiten, der vielleicht Ablenkung, Linderung gewährt. Rita läßt sich auch nicht umstimmen. Ihre neue Wohnung liegt im siebten Stock. Zwei Tage später – eine Woche nach Borsellinos Ende – stürzt sich Rita aus einem Fenster gleichfalls in den Tod.

Die ErmittlerInnen schließen jede »Fremdeinwirkung« aus (201). Sie hat sich umgebracht. »Jeder macht sich Vorwürfe«, schreibt Reski. Aber der krasse Schritt kam letztlich überraschend, weil Rita teils als lebenslustig, neugierig, frech, teils als abgebrüht galt. Sie sei keine normale 17jährige gewesen, meinte Piera zu Reski. »Sie verhielt sich wie eine reife Frau, wie eine 40jährige.« (227) Aber im Grunde habe sie sich wohl allein gefühlt. Der Tod von Borsellini dürfte ihr dann den Rest gegeben haben. An eine Zimmerwand ihrer neuen Wohnung hatte sie groß, mit Bleistift, geschrieben: »Ich liebe dich, verlaß mich nicht, aber ohne dich kann mein Herz nicht leben.« (200) Das kann sie ja kaum auf den Wehrpflichtigen in Albanien bezogen haben.

Die Mafia ist ein Männerbund, nichts für Weiber. Die Männer beherrschen alles. Das Sizilien des vergangenen Jahrhunderts steht und fällt mit der Männlichkeit. Piera versichert, Rita und ihr »großer« Bruder Nicola, auch schon ein richtiger Mafioso, seien »wie Verliebte« gewe-sen. Ihren Vater Vito verehrte sie kritiklos. Mütterliche Geborgenheit erlebte sie nie. Aber Nicola und Vito waren verschwunden. Dann kam Borsellino. Er wird nun ihr Vertrauter. Ja, mehr noch, schreibt Reski: »Er füllt die Lücke in Ritas Leben. Er ist ihr Held ..(..).. Ein Übervater aus einer anderen, besseren Welt ...« (162) Aber immerhin, durch Ritas Verzweiflungstat kam unter den Frauen Siziliens und des Festlands einiges in Bewegung. Für sie ist Rita jetzt die Heldin.

* Rita Atria – eine Frau gegen die Mafia, Hamburg 1994



Axen, Rolf 21 (1912–33), sächsischer Schlosser und Funktionär der KPD aus jüdischem Hause, älterer Bruder des späteren hohen SEDlers Hermann Axen. Neben seiner Heimatstadt Leipzig waren seine Hauptwirkungsorte Zittau und Bischofswerda. Im September 1933 verhaftet, starb Rolf Axen noch im selben Monat »an den Folgen von Misshandlungen während der Vernehmungen im Polizei-präsidium Dresden«, also durch die dortige Gestapo.*

Soweit ich weiß, waren zu DDR-Zeiten mehrere Straßen und/oder Einrichtungen nach diesem jungem und anscheinend todesmutigem antifaschistischem Kämpfer benannt, wohl hauptsächlich in Leipzig und Zittau. Aber bekanntlich »wandte« sich die DDR um 1990 dem Freien Westen zu, und damit mußte zum Beispiel eine ehemalige Leipziger Polytechnische Oberschule ihren Namensgeber Rolf Axen verleugnen. Einziges Überbleibsel dieser Art soll bislang die ehemalige Bahnhofstraße im Leipziger Stadtteil Kleinzschocher sein, in der Axen zumindest zeitweise gewohnt hatte. Sie wurde gleich nach Kriegsende, am 1. August 1945, nach ihm benannt. Mal sehen, ob diese Rolf-Axen-Straße auch noch die Wende Großdeutschlands zum Gesundbetungsstaat übersteht.

* André Loh-Kliesch, Leipzig-Lexikon, Stand 2020: https://www.leipzig-lexikon.de/biogramm/Aksen_Rudolf.htm



Babeuf, François Noël »Gracchus« 36 (1760–97). Hatte man die Monarchie gestürzt? Das Paris »nach Robespierre« hat 1.800 Ballsäle zu bieten, bei ungefähr 600.000 Einwohnern. Entsprechend wimmelt es von Stutzern, Strolchen und Spitzeln. Die schlitzohrigsten Strolche, voran Lebemann Paul de Barras, retten sich vor der allgemeinen Unübersichtlichkeit ins fünfköpfige »Direktorium« des Nationalkonvents und spielen »Bürgerliche Revolution«. Die Massenarmut bekommen sie selbstverständlich nicht in den Griff. Das ist die Stunde der Verschwörung der Gleichen unter »Gracchus« Babeuf. Der ehemalige Landvermesser und Journalist aus der Picardie war vielleicht nicht der Hauptorganisator, aber ohne Zweifel der »Cheftheoretiker« dieser Bewegung, die ein recht radikales sozialistisches Programm verfocht. Arbeit für alle, dafür auch Zuteilungen für alle. Die Produktion erfolgt nach Plan. Für das Inland wird das Geld abgeschafft. Auch das Wuchern der Städte ist einzudämmen. Aber wie steht es mit der Bürokratie? Den Staat wollen auch die Gleichen nicht antasten. Selbst am Terror gegen »Staatsfeinde« halten sie fest, obwohl sie in dieser Hinsicht sogar Robespierre verurteilt haben, dessen »uneingelöstes« Erbe sie anzutreten gedenken. Vielleicht wird Babeuf die große Ausnahme abgeben, den guten Tyrannen. Ilja Ehrenburg behauptet, damals hätten breite Volksschichten ihre Hoffnungen in diesen abgezehrten Untergrundkämpfer gesetzt. Andererseits übersieht er nicht, daß die Massen allmählich revolutionsmüde geworden waren. Und das wirkungsvolle Gift gegen die erwähnten Spitzel hatte auch Die Verschwörung der Gleichen nicht erfunden. Ein Streik der Spitzel blieb leider Ausnahme: sie hatten verlangt, der Konvent möge sie von »Assignaten«, »Mandaten« oder dergleichen Papiermüll verschonen und sie stattdessen in dem traditionellem Silbergeld entlohnen. Fuchs Barras ging zum Schein darauf ein. So verrieten sie auch die Aufstandspläne der Gleichen wieder brav, und Barras ließ die führenden Köpfe (im Mai 1796) verhaften.

Ehrenburgs vorzüglicher Babeuf-Roman* besticht durch Knappheit, sprechende Details und eine seltene Art von zornigem, trockenem Witz. An seiner Darstellung sowohl des Massenelends wie der Verkommenheit der »revolutionären« Elite ist wahrscheinlich kaum zu rütteln. Eine andere Frage ist, ob er dieser Lage mit seinem Babeuf nicht einen etwas zu schönen Hoffnungsschimmer entgegenhält. Das soll nicht heißen, er malte ihn schwarz oder weiß. Sein Babeuf ist aufbrausend und einfältig, rechthaberisch und gutmütig in schöner Abwechslung. An seiner Frau Marie Anne Victoire Langlet und ihren gemeinsamen fünf Kindern (die vornehmlich in seiner Abwesenheit aufwachsen) scheint Babeuf fast sentimental zu hängen; andererseits schreibt er Marie aus dem Gefängnis: »Die Liebe zum Vaterland erstickt in mir alle anderen Gefühle. Ich war immer aufrichtig zu Dir, ich sage Dir unumwunden: Wir Jakobiner, wir Besessenen, sind durchaus nicht zartfühlend, nein, im Gegenteil, wir sind verdammt hartherzig. Du sagst, daß Du beschlossen hast zu sterben. Was kann ich Dir darauf antworten? Stirb, wenn Du willst.«

Das Hartherzige sind Dinge wie Gleichheit, Gerechtigkeit, ja selbst Freiheit. In der Natur kommen diese »Dinge« nicht vor. Sie sehen von persönlichen Vorlieben genauso wie von persönlichen Schwächen ab. Zu den vielen Repräsentanten und zugleich Opfern dieser Hartherzigkeit zählt der schon andernorts erwähnte junge Konvents-kommissar Saint-Just. Was Marie betrifft, verwarf sie ihren Entschluß. Sie wurde über 80 – für damalige Zeiten enorm.

Wahrscheinlich war Babeuf, wenn nicht bereits durch seine entbehrungsreiche Jugend als Sohn eines Deserteurs aus der französischen Armee, schon durch einen Haftbefehl in den Untergrund und die Ausweglosigkeit getrieben worden, mit dem ihn die Richter aus Amiens seit November 1794 verfolgten. Angeblich hatte er sich als Verwaltungschef von Montdidier bei der Versteigerung eines Gemeindegrundstücks einer Urkundenfälschung zwecks Begünstigung eines verdienten Revolutionärs schuldig gemacht. Ehrenburg behauptet, bei dieser Beurkundung sei Babeuf lediglich arglos in eine Falle getappt, die ihm sein langjähriger Widersacher Longcamp stellte, »ehemals königlicher Staatsanwalt, jetzt selbstverständlich Patriot und Republikaner«. Auf diese Weise habe ihn Longcamp aus der Picardie vertreiben und überall verleumden können: »Da seht ihr, dieser Gleichheitsapostel ist der banalsten Fälschung fähig, und alles nur wegen Geld! Jetzt hat er sich aus dem Staube gemacht und lebt in Paris einen vergnügten Tag.« Ich kann diesen Fall nicht beurteilen, kann jedoch versichern, die Methode hat bis heute nichts an Beliebtheit eingebüßt.

Bei Ehrenburg erscheint der beinahe mönchisch lebende Babeuf auch nicht als ruhmsüchtig. Dagegen heißt es im Zusammenhang mit seiner letzten Verhaftung und dem sich anschließenden, weit weg von Paris in der Kleinstadt Vendôme inszenierten Schauprozeß gegen die Gleichen in der deutschsprachigen Wikipedia, aus unbekannten Gründen habe die Regierung den Sozialisten Babeuf als den Anführer der Verschwörung dargestellt, »obwohl wichtigere Leute als er darin verwickelt waren; seine eigene Eitelkeit spielte ihnen dabei in die Hände.« Vielleicht ging er in der Tat in der großen Rolle des Märtyrers auf. Immerhin hatte er wiederholt seine Bereitschaft zum Sterben bekundet. Ende Mai 1797, inzwischen 36 Jahre alt, wurde er gemeinsam mit Augustin Alexandre Darthé, der erst 27 war, zum Tode verurteilt. Andere Angeklagte bekamen Verbannung oder Freispruch, wobei dem »verdientem Postmeister« Jean-Baptiste Drouet mit stillschweigender Billigung des Direktoriums zur Flucht verholfen worden war. Drouet hatte am 21. Juni 1791 den fliehenden Ludwig XVI. erkannt und dessen Verhaftung veranlaßt. Dadurch war er in den National-konvent beziehungsweise Rat der Fünfhundert – und nun vom Schafott gerutscht.

Unmittelbar nach der Urteilsverkündung hatten die beiden Hauptangeklagten vergeblich Selbstmord versucht. Es mangelte an einem geeignetem Dolch; sie hatten sich mit einem zurecht gefeilten Eisen »nur« schwer verletzt. Anderntags, nach Ehrenburg jedoch im Morgengrauen und deshalb nur vor schmalem Publikum, kamen sie auf der Place d'Armes von Vendôme unter die Guillotine. Fachleute der Revolution höhnen gern, der fehlende Dolch sei bezeichnend für den ganzen »Dilettantismus« der Gleichen gewesen. Man könnte sie mit der Nase auf den Staatsstreich stoßen, der nur zwei Jahre später erfolgreich verlief, obwohl er mindestens genauso stümperhaft ausgeführt worden war. Mit ihm kam der kleinwüchsige Napoléon Bonaparte in den Sattel. Er hatte die besseren, vor allem finanzkräftigeren Steigbügelhalter.

* Die Verschwörung der Gleichen, Berlin 1928



Bachmeier, Anna 7 († 1980). Das kleine Lübecker Mäd-chen wurde mutmaßlich vom Metzger Klaus Grabowski erwürgt, einem vorbestraftem »Sexualstraftäter«. Ein Jahr darauf, 1981 mit 35, wird Grabowski von Annas Mutter Marianne, einer knapp 31jährigen Wirtin, im Gerichtssaal zu Lübeck mit einer von ihr eingeschmuggelten Pistole erschossen. Man verurteilt die hübsche, zierliche Frau zu sechs Jahren Gefängnis. Später, nun 46 Jahre alt, erliegt sie einer Krebserkrankung. Wie manche Quellen betonen, war Marianne Bachmeier schon durch ihren autoritären Vater, frühe Geburten und eine Vergewaltigung geschädigt. Ihr fröhliches Töchterchen war beim Schuleschwänzen entführt worden. Ob es in der stundenlangen Gefangenschaft mißbraucht wurde, blieb ungeklärt. Grabowski soll den Mord sogar gestanden haben. Er brachte eine angebliche Erpressung durch Anna ins Spiel, was die Mutter, als Abwälzung der Schuld, besonders empört haben soll. Ob Bachmeier dann mit Vorbedacht im Keller ihrer Kneipe schießen übte, ist umstritten. Fest scheint zu stehen, daß sie ihren Aufsehen erregenden »Akt von Selbstjustiz« mit Hilfe »unerlaubten Waffenbesitzes« nie bereute* und damals sogar in einem beträchtlichem Teil der sogenannten Öffentlichkeit Billigung oder jedenfalls Sympathie fand. So dürfte der medienwirksame Fall von zwei beliebten, nicht unbedingt gegensätzlichen Ideologien gezehrt haben. Auf der einen Seite muß »Selbstjustiz« unnachsichtig unterbunden und also verdammt werden**; auf der anderen darf eine deutsche Mutter wie eine Löwin für ihr Kind beziehungs-weise dessen Ehre kämpfen. Aber bitte nicht für irgendein hergelaufenes Negerlein. Oder gar gleich für 10.

* Irene Altenmüller, »Annas Tod und die Rache der Marianne Bachmeier«, NDR.de, Stand 6. März 2021: https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Marianne-Bachmeier-Selbstjustiz-einer-Mutter,mariannebachmeier101.html
** Einen ersten Artikel zur Kritik der Rechtsmaschinerie gebe ich im Anhang unter »Haken« (A-3). Ich verweise außerdem auf meine Romane Konräteslust (bes. Kap. 20 & 21) und Zeit der Luchse (bes. Kap. 15 & 16). Beide geschilderten Freien Republiken haben kein Justizwesen im Sinne kapitalistischer Demokratie.




Bacigalupo, Valerio 25 (1924–49), italienischer Fußballtorhüter. Die Vorherrschaft des Automobils wird oft mit dem Argument kritisiert, seine massenhafte Benutzung unterstütze die Vereinzelung des modernen Menschen. Da hat die Luftfahrt doch eine ganz andere Dimension. Weiter oben streifte ich bereits den usbekischen Fußballer Michail Iwanowitsch An, der 1979 im Verein mit seiner Mannschaft bei einem Absturz umkam, der für 178 Tote sorgte. Torwart Bacigalupo steht hier nur stellvertretend für seine Mannschaft vom AC Turin, damals Spitzenclub des italienischen Profifußballs. Sie wurde am 4. Mai 1949, auf dem Rückflug von einem Auswärtsspiel, nahezu vollständig vernichtet, weil die Maschine kurz vor Turin bei starkem Nebel gegen eine Kirche prallte, die den Wallfahrtshügel Superga noch heutzutage krönen soll – wenn auch nur als mahnende Ruine. Von den 31 Menschen an Bord überlebte nicht einer. Am Trauerzug durch Turin beteiligten sich dann ungefähr 500.000 Menschen, darunter sicherlich viele Gläubige, ob an Gott, den Fußball oder die Mobilität. Der Glückspilz des AC Turin hieß Sauro Tomà, damals 23. Der Verteidiger und Stammspieler hatte aufgrund einer Knieverletzung gerade pausiert, somit an dieser Flugreise nicht teilgenommen.* Er wurde noch 92, gestorben 2018. Weitere Club-Abstürze werden uns begegnen.

* »Wie der Stolz Italiens an einem Berg zerschellte«, Spiegel, 4. Mai 2009: https://www.spiegel.de/sport/fussball/tragoedie-des-ac-turin-wie-der-stolz-italiens-an-einem-berg-zerschellte-a-622549.html



Baciu, Adrian 37 (1978–2015), ein weiterer Ex-Fußballer, der einem Arbeitsunfall zum Opfer fiel: wohl in der westrumänischen Großstadt Arad, wo Baciu auch aufgewachsen war und zeitweise beim Zweitligisten UTA gespielt hatte. Verstehe ich nicht falsch*, hatte er sich im September 2015 mit einem Knie in einem offenbar tätigen Kran oder Aufzug, jedenfalls in einer Maschine einge-klemmt. Der jähe Blutverlust soll den 37jährigen Rumänen sogar daran gehindert haben, um Hilfe zu rufen. Als ihn ein Kollege nach einer halben Stunde entdeckte und einen Krankenwagen alarmierte, war es schon zu spät. Die zuständige Behörde leitete eine Untersuchung des Vorfalls ein.

* »Baciu, fostul fotbalist al echipei UTA, a murit după un teribil accident de muncă! Ce spune ITM Arad?«, Special Arad, 15. September 2015: http://specialarad.ro/baciu-fostul-fotbalist-al-echipei-uta-a-murit-dupa-un-teribil-accident-de-munca-ce-spune-itm-arad/



Bader, Christophe 21 (1972–93), »Separatist« aus dem Berner Jura. Der 1979 gebildete schweizer Kanton Jura ist französisch und katholisch geprägt. Es gab in der Folge aber auch im Berner Jura, Bestandteil des benachbarten Kantons Bern, starke Kräfte, die sich von Bern, teils bis zum heutigen Tag, benachteiligt und bevormundet fühlen und die lieber Bestandteil des französischsprachigen Kantons Jura wären. Dies war natürlich ein geeigneter Boden für »militante« Jugendliche des Berner Juras, die sich vor allem in der Bewegung Béliers zusammenfanden, auf deutsch: der »Widder« oder »Rammböcke«. So ein junger Bock war auch der Gastwirtssohn und Metzger-geselle Bader aus dem Dorf Lamboing. Ein Freund, mit dem er damals die Wohnung teilte, schildert ihn als »Draufgänger«. Für den 6./7. Januar 1993 schwebte Bader angeblich* ein Bombenanschlag auf das Berner Rathaus vor. Ob er dabei – falls es so war – einvernehmlich oder aber auf eigene Faust handelte, ist umstritten. Dagegen liegt sein Mißgeschick auf der Hand. Als Bader nämlich am frühen Morgen, möglicherweise sowieso bereits durch Verschlafen verspätet, in der Berner Altstadt in seinem Wagen saß, auf den rechten Augenblick zum Losschlagen wartete und derweil das Autoradio einschaltete, flog der Wagen in die Luft, weil der von Bader mitgeführte Sprengsatz vorzeitig gezündet worden war und explodierte. Ob Zufall oder nicht, war der Unglückstag gerade sein 21. Geburtstag gewesen. Ein tolles Geschenk.

* Stefan von Bergen, »Vom schmerzhaften Abflauen des Zorns«, Berner Zeitung, 20. Oktober 2013: http://www.bernerzeitung.ch/region/kanton-bern/Vom-schmerzhaften-Abflauen-des-Zorns/story/31984146



Badrian, Gerhard 38 (1905–44), jüdischer Fotograf. Der auf Fotos bieder wirkende Deutsche muß ausgespro-chen mutig gewesen sein. Viele NiederländerInnen verehren ihn. Nach Hitlers Machtantritt aus Deutschland geflüchtet, nahm Badrian eine Stelle in Amsterdam an – und kam, durch den Einfall der deutschen Faschisten 1940, vom Regen in die Traufe. Nun schloß er sich der Widerstandsgruppe um Gerrit van der Veen an, die wiederholt erfolgreich mit Hilfe gefälschter Papiere und Verkleidungen beispielsweise Gefangene befreite. Im Juni 1944 fällt Badrian aber selber herein – auf die übliche »unwiderstehlich« reizvolle junge Frau, die sich als Lockspitzel entpuppt. Als sie ihm eine Wohnung zeigen will, die seine Gruppe angeblich als Stützpunkt benutzen könne, erwartet ihn ein Sonderkommando des deutschen Sicherheitsdienstes (SD). Es kommt zu einem Schuß-wechsel vor dem Haus, bei dem er getötet wird. Betje Wery, die Verräterin, kassiert vom SD 1.000 Gulden.*

Geboren 1920, war Wery zeitweise Schuhverkäuferin, dann Schwarzhändlerin gewesen. Als sie aufzufliegen drohte, wechselte sie die Seiten. So veranstaltete sie etwa Glücksspielabende, durch die sie dem SD einheimische Sünder zuführte, die sich gleichfalls am Schwarzhandel gesundgestoßen hatten. Offenbar ging sie auch Lieb-schaften mit Besatzern oder Agenten-Kollegen ein. Als es nach dem Krieg, 1948, zum Prozeß gegen sie kam, soll sie ein Staatsanwalt als »durch und durch schlechte« Person bezeichnet und die Todesstrafe gefordert haben. Zwar kam sie mit »Lebenslänglich« davon, aber das war noch viel zu viel. Van Hintum behauptet jedenfalls, sie sei bereits »nach einigen Jahren« wieder freigelassen worden. Warum, verrät die Lexikografin nicht. 1959 verheiratete sich Wery mit einem ehemaligem SD-Mann, den sie im Gefängnis kennengelernt hatte. Er war wegen Mordes verurteilt worden. Nun eröffnete das Paar ein Eheanbahnungs-Institut. Als Wery um 1980 im Zusammenhang mit einer Fernsehshow über Ehestiftung unsanft an ihre unrühmliche Vergangenheit erinnert wurde, soll sie, laut deutscher Wikipedia, auf neidische Konkurrenten geschimpft haben, die ihr und ihrem Gatten Böses wollten. Sie selber sei ja zu ihren Spitzelzeiten erst Anfang 20 gewesen; im übrigen hätten sie beide ihre Strafen abgesessen. Freilich können es in ihrem Fall ja eigentlich nur bestenfalls 10 Jahre von »Lebenslänglich« gewesen sein, eher wohl höchstens fünf, falls Van Hintums Angabe zutrifft. Als Wery 2006 starb, hatte sie es auf 86 Jahre Lebenszeit gebracht.

Eine frühe Ehe der dunkelhaarigen Schönheit mit dem Handschuh-Verkäufer und Schwarzhändler Frans Tuerlings hatte bereits 1943 geendet – angeblich durch einen tödlichen Autounfall des 24jährigen! Ab 1967 lebte Wery mit ihrem zweitem Gatten Mijndert Vonk in der Stadt Ede bei Arnheim, Provinz Gelderland. Sie zogen zwei Kinder groß. Möglicherweise geht aus der von Van Hintum angeführten Literatur hervor, was aus den Kindern geworden ist.

* Marie-Cécile van Hintum: »Wery, Elisabeth«, Digitaal Vrouwen-lexicon van Nederland, Stand 2018: http://resources.huygens.knaw.nl/vrouwenlexicon/lemmata/data/Wery



Baedeker, Diedrich c.36 (1680–1716), Bielefelder Buchdrucker und Verleger. Obwohl er als »Stammvater« jenes bekannten, ja weltberühmten Verlegerclanes gilt, der ab 1832/35, unter Enkel Karl Baedeker, Koblenz, Reisehandbücher herausbrachte, verrät im ganzen Internet niemand, woran er mit ungefähr 36 Jahren gestorben ist. Vielleicht wüßte es das Bielefelder Stadtarchiv?* Ginge es meiner entsprechenden Anfrage beispielsweise 2,2 Viertelstunden lang nach – was ich niemals im Leben überprüfen könnte – striche es für den Befund 36 Euro von mir ein. Dafür bietet es dann der Welt außerhalb Bielefelds eine mit sekündlich wechselnden Bildern beeindruckende Webseite, deren Gestalter- und Betreuer-Innen schließlich auch leben wollen. Erstaunlicherweise begegnen mir diese Zerstreuungen, Laufschriften eingeschlossen, auch bei Webseiten, die sich für kritisch halten. Sollten es Umweltgifte nicht schaffen, die Dichte der Parkinson-Schüttelfroste zu erhöhen, bleibt uns immer noch das Internet.

* https://www.stadtarchiv-bielefeld.de/Kontakt. Mein Rechenbeispiel nach dem PDF: Benutzungsordnung / Anlage Gebührentarif (»Besondere schriftliche Auskünfte sowie Abschriften, Auszüge, Übertragungen aus Archivalien pro angefangene viertel Arbeitsstunde 12,00 Euro«).



Baehr, Volker 37 (1943–81). Bis zum Herbst 1980 war die schwäbische Kreisstadt Ditzingen im restlichen Deutschland vergleichsweise unbekannt. Nun geriet zunächst der dortige Oberbürgermeister Alois Lang (CDU) ins Stolpern, waren doch »Grundstücksgeschäfte« ruchbar geworden, die Lang »am Gemeinderat vorbei« gemacht hatte.* Er trat zurück. Ein Jahr darauf, am Montag den 7. September 1981, steuerte sein gewählter, designierter Amtsnachfolger Volker Baehr, ein 37 Jahre alter Volkswirt, Städteplaner & SPD-Politiker, im Morgengrauen und in verzweifelter Verfassung die bei Widdern gelegene, bis 80 Meter hohe Jagsttalbrücke der A 81 an. Baehrs Amtsein-setzung stand erst bevor, weil sie durch den verwaltungs-rechtlichen Einspruch zweier weit abgeschlagener Mitbewerber über Monate hinweg sabotiert worden war. Für Lokalredakteur Rainer Schauz** waren Baehrs angebliche »Depressionen«, so die Polizei, just dem Sumpf der örtlichen Korruption und der entsprechenden Intrigen gegen Baehrs durchaus lautere Absichten entsprungen, denselben trocken zu legen. Aber der »feinsinnige«, gern Schach spielende neue Oberbürgermeister sei wohl nicht »abgebrüht« genug gewesen, um beispielsweise auch noch die Schläge einzustecken, die ihn auf der für diesen Montag anberaumten Sitzung über die Neuordnung des Baudezernates erwarteten. Die halbe Nacht durch soll er mit seiner Ehefrau gesprochen haben, einer berufstätigen Lehrerin. Sie meldete ihn noch am selben Tag als vermißt. Wie sich zeigte, hatte sich ihr gebeutelter Gatte – Aussagen von nahen Autobahnbauarbeitern zufolge – »entschlos-sen« von der erwähnten Brücke in die Tiefe gestürzt.

* Franziska Kleiner: »Ungeschönter Blick in die Ditzinger Geschichte«, Stuttgarter Zeitung, 23. Juni 2016
** »Volker Baehrs Brückensturz war tiefe Resignation«, Stuttgarter Nachrichten, 11. September 1981




Bahler, Liane 25 (1982–2007), Radrennfahrerin. 2005 war in Thüringen die 29jährige australische Radsport-Meisterin Amy Gillett beim Training unter Autoräder gekommen. Zwei Jahre darauf verbuchte meine Wahl-heimat die nächste tote Profiradsportlerin, sogar eine einheimische. Allerdings griff Liane Bahler, die aus Gotha stammte und wohl zuletzt in Erfurt wohnte oder jedenfalls trainierte, selber zum Auto. 2003 war sie auf zwei Rädern deutsche Bergmeisterin geworden. Anfang Juli 2007, inzwischen 25 Jahre alt, steuerte sie in ihrem goldmetal-licfarbenem Renault Kangoo den Flughafen von Frankfurt-Hahn an (im Hunsrück), weil sie für ein Rennen in Bergamo, Italien, gemeldet hatte. Sie kam aber nicht aus Thüringen heraus. Zwischen Rudolstadt und Stadtilm geriet sie auf regennasser Straße ins Schleudern, worauf sie gegen einen Baum krachte. »Liane ging immer volles Risiko«, meinte ihr Nürnberger Ex-Teamchef Jens Zemke.* Ihre Leiche wurde von der Feuerwehr aus dem Autowrack befreit.

* »Todes-Drama um deutschen Rad-Star«, Bild, 4. Juli 2007: https://www.bild.de/sport/2007/unfall-auto-2097236.bild.html



Bakkerud, Christian 26 (1984–2011), dänischer Autorennfahrer. Ihn ereilte der Tod auf der Straße erst nach seiner Abdankung. Der 26jährige Motorsportler, inzwischen Manager bei einer Reederei, verunglückte am frühen Morgen des 10. September 2011 mit seinem silberfarbigem Audi RS 6 auf einer Londoner Stadtauto-bahn, wobei erfreulicherweise kein anderer Mensch, ja noch nicht einmal ein Pferd zu Schaden kam. Wie es aussieht, hatte er in einem weitläufigem Kreisel eine Abfahrt verpaßt, war stattdessen, mit Tempo 78 mph (rund 125 km/h), über eine Begrenzungsmauer geschossen und drei Meter tiefer unweit eines Rad- und Reitweges gelandet, mit dem Dach zuerst. Laut Mail Online kam Bakkerud von einer Geburtstagsfeier. Eine Blutabnahme sei nicht erfolgt.* Er starb anderntags im Krankenhaus. Im August 2012 erklärte Westminster Coroner Shirley Radcliff die Angelegenheit zum Unfall. Der blonde »high-performance driver«, so Radcliffs Bezeichnung, hatte seine Renn-Karriere 2010 beendet, wohl wegen zu geringer Erfolge, jedenfalls nicht, um sein Leben zu retten, wie man nun an seinem zertrümmertem »beast of a car« sah – so die Mail. Die Wagen dieser teils angebeteten, teils gefürchteten Audi-Serie bringen meist 450 bis 500 PS und eine »Spitze« um 250 km/h. Sie beschleunigen wie der Blitz. Jeder, der 110.000 Euro zuviel hat (Neupreis 2010), kann sich in die »streng limitierte« Serie einkaufen.

* Anthony Bond, »Le Mans driver and friend ...«, 16./20. August 2012: https://www.dailymail.co.uk/news/article-2189379/Le-Mans-driver-friend-Lewis-Hamilton-died-78mph-roundabout-crash-night-drinking-friends.html



Balcke, Ernst (1887–1912), Berliner Student, Freund des später hochgelobten Lyrikers Georg Heym (1887–1912). Beide Genannten starben mit 24 Jahren. Auch die Berliner Lufttemperatur des 16. Januar 1912 dürfte für beide ungefähr gleich gewesen sein, knapp 14 Grad Minus. Im Wasser war es vermutlich nicht nennenswert wärmer. Die beiden waren zur Havel gefahren, Schlittschuhlaufen. Balcke stand damals im Begriff, sein Studium der Romanistik und Anglistik an der Berliner Universität abzuschließen. Busenfreund Heym, unzufrieden mit seinem ihm aufgezwungenem Dasein als angehender Jurist, liebäugelte mit der Offizierslaufbahn. Ein Jahr zuvor hatte Heym bei Rowohlt einen Gedichtband veröffentlicht. Wenige Jahre später wurde er von allen »Experten« unter die Gipfel der deutschsprachigen Lyrik des 20. Jahrhunderts eingereiht. Allerdings hatte sich damals auch der junge Balcke schon als »Dichter« versucht. Und bei dem Ausflug stürzte er gegen 14 Uhr nicht weniger tief als sein Freund. Bei Schwanenwerder hatte sich in der Strommitte plötzlich eine Öffnung vor einem von ihnen aufgetan, die man für die Wasservögel ins Eis gehackt hatte. Offenbar konnte der betreffende Läufer diesem Loch nicht mehr ausweichen, stolperte, fiel hinein. Der andere versuchte ihm vielleicht zu helfen – und kam dabei ebenfalls um. Beide Freunde wurden Tage später tot aus der Havel gefischt.

Von Augenzeugen ist in den Quellen, die das Internet bietet, nie die Rede.* Gleichwohl wissen die meisten von diesen Quellen genau: Balcke war zuerst verunglückt, nämlich mit dem Kopf auf den Rand des Eislochs geschlagen, während Heym erst ertrank, als er den Freund herauszuziehen trachtete. Es macht sich einfach zu gut. Wer wollte noch an einem Gipfel der Lyrik vorübergehen, den eine versuchte Lebensrettung krönt? Wobei nicht selten auch Details beweiskräftig sind. So versichern einige Quellen, Heyms Mütze, eine gelbe oder blaue vielleicht, habe sich unmittelbar neben dem Eislochrand gefunden! Und nicht etwa Balckes rote oder bunt geringelte Mütze. Nur die Mütze von Heym behielt Oberwasser und Beweiskraft.** Was freilich die jungen Männer angeht, wühlte sie jener »Todeskampf der Farben«, von dem Balcke in seinem Gedicht Sturm geschrieben hatte, beide nicht mehr auf.

Gerhart Fischer (1894–1913), ältestes Kind des bekannten Berliner Verlegers Samuel Fischer, wird mit erst 19 Jahren, gleichfalls in Berlin, von einer Typhusinfektion dahinge-rafft, vielleicht durch verunreinigte Nahrungsmittel. Einzelheiten sind mir nicht bekannt, dürften aber aus der Literatur über seinen Vater hervorgehen.

* Laut Spiegel 23/1960 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43065884.html) war sich die Berliner Zeitung anderntags noch nicht einmal über den genauen Unfallort sicher. Man vermutete ihn lediglich in dem Eisloch Höhe Schwanenwerder/Kladow, weil es die einzige freie Stelle des zugefrorenen Wannsees gewesen sei. Der Wannsee ist Teil der Havel.
** Möglicherweise führen der Herausgeber der »Hamburger Gesamtausgabe« Karl Ludwig Schneider oder der jüngste Heym-Biograf Gunnar Decker (2011) schlagendere Belege oder Argumente an? Am Ende sogar für eine verblüffende Paarselbstmord- oder Mordtheorie? Ich erinnere an Theodore Pietsch im Fall >Artedi.




Baldwin, Alexander White 34 (1835–69), US-Jurist, Bundesrichter (der zeitlich erste) im neuen, 1864 aufgenommenen Staat Nevada. Selbstverständlich gehört auch die Eisenbahn in die opferreiche Pionierzeit des modernen Verkehrs. 10 oder höchstens 30 Jahre früher geboren, und Baldwin hätte wahrscheinlich noch das 20. Jahrhundert gesehen. Mit 34 war er verheiratet und hatte einen kleinen Sohn. Vermutlich wohnte oder amtierte er in der Hauptstadt Carson City (damals schätzungsweise 2.000 EinwohnerInnen) oder im benachbarten Reno, beide Städtchen unweit der Grenze mit Kalifornien gelegen. Warum sich der von US-Präsident Lincoln persönlich ernannte Bundesrichter im November 1869 im westlichen Nachbarstaat aufhielt, weiß anscheinend niemand. Es ist noch nicht einmal klar, ob er mit der Bahn einreiste, etwa auf der brandneuen transkontinentalen Strecke, die New York, über Omaha, Nebraska, mit Sacramento und San Francisco verband. Sie war erst im Mai des Jahres fertiggestellt worden. Sie führte nördlich von Carson City über den Donnerpaß, um dann den Pazifik, genauer die Bucht von San Francisco anzusteuern. Vielleicht war Baldwin auch einfach (und beschwerlich) mit der Kutsche gen Pazifik gefahren und hatte nun, am 14. November, einen regionalen Zug nach Oakland oder Alameda genommen, weil ihn dort ein alter Kollege oder eine neue Geliebte erwartete. Jedenfalls waren bereits zwei Züge im Spiel, falls einer Internet-List oft rail accidents (before 1880)* zu trauen ist. Danach prallten in der Gegend von Alameda ein Richtung Osten dampfender transkontinentaler Fernzug und eben der Regionalzug frontal aufeinander. Als Gründe werden ein fehlgeleiteter Weichensteller und schlechte Sicht aufgrund von Nebel angegeben. Es gab 14 Tote, unter ihnen der Bundesrichter aus Nevada. Für die Verkrüppelten und zu Tode Erschrockenen war in der Liste kein Platz mehr.

* https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_rail_accidents_(before_1880)#1869



Balfour, James Melville 38 (1831–69), schottisch-neuseeländischer Meerbau-Ingenieur. Bei Balfour wäre man nicht verwundert, wenn er aus Turmhöhe in sein Grab gefallen wäre, gilt der tatkräftige und lichtvolle Pfarrerssohn doch als Errichter und Hüter des Rings aus Leuchttürmen, der seine Wahlheimat Neuseeland seit rund 150 Jahren schmückt. Er wurde jedoch, zufällig im selben Jahr wie der Bundesrichter aus Nevada, Opfer der Seefahrt. 1863 mit Frau und Kind im Lande eingetroffen, hatte es Balfour drei Jahre später bereits zum Marine Engineer, Inspector of Steamers and Superintendent of Lighthouses der aus zwei großen Inseln bestehenden britischen Kolonie gebracht. Das Unheil nahte sich dem Mann im Dezember 1869 durch das schlechte Vorbild seines Busenfreundes und Kollegen Thomas Paterson, mit dem er einst in Edinburgh gemeinsam die Schulbank gedrückt hatte. Der geringfügig ältere Schulfreund, als Ingenieur auf Eisenbahn-, Straßen- und ausgerechnet Brückenbau spezialisiert, war am 15. Dezember (auf der Ostseite der Südinsel) von Dunedin nach Timaru unterwegs, um den Behörden die Pläne für eine Brücke über den Fluß Rangitata zu unterbreiten. Als seine Postkutsche just eine Furt des schmalen, wenn auch Hochwasser führenden Kakanui Rivers in Angriff nahm, kippte sie um und gab Paterson den Fluten preis. Außer ihm soll eine junge Lehrerin namens Ross ertrunken sein.* Das Unglück unterstrich die Dringlichkeit des Baus von Brücken, die bekanntlich ähnlich sicher sind wie Leuchttürme, Wolkenkratzer und Kernkraftwerke. Die Sicherheit von Brücken erlebte beispielsweise 1876 der US-Komponist >Bliss.

Inspector Balfour, wahrscheinlich in Wellington am Fuß der Nordinsel zu Hause, hielt sich damals gerade in Timaru auf, um Arbeiten an der dortigen Hafenanlage zu überwachen. Wie sich versteht, war er sofort entschlossen, zu Patersons Beerdigung zu reisen, weshalb er am 19. Dezember im Verein mit sieben anderen Fahrgästen versuchte, bei schwerer See mit einem »whale boat« das Küstenschiff SS Maori zu erreichen, das außerhalb des Hafens vor Anker lag. Prompt geriet dieses Boot in Seenot, worauf die Maori ein Rettungsboot aussandte, das die Bedrängten aufnahm. Das Rettungsboot hatte das Mutterschiff schon so gut wie erreicht, als es von einer Sturzwelle gegen die Schiffswand geschleudert wurde und kenterte, wie ein in Christchurch, Canterbury, erschei-nendes Wochenblatt anderntags berichtete.** Für zwei Insassen kam jede Hilfe zu spät: einer davon war Balfour, der Herr der Leuchttürme, der andere Mr. Smallwood, Kassierer der Union Bank, von dem weiter nichts überliefert ist. Somit endet allein diese Zwerggeschichte mit vier Toten.

* Laut Beverley Evans, Christchurch 2010, Meldung in der Tages-zeitung The Star, Christchurch, Freitag 17. Dezember 1869, S. 12
** »Sad accident at Timaru«, The Press, Montag 20. Dezember 1869: https://paperspast.natlib.govt.nz/newspapers/CHP18691220.2.10




Ball, Alice 24 (1892–1916), US-Chemikerin afroameri-kanischer Herkunft. Die Lepra, durch ein Bakterium verursacht, auch »Aussatz« genannt, war über Jahrhunderte hinweg die entstellende Seuche und das entsprechende Schreckbild. Sie galt noch zu Balls Zeiten als unheilbar. Es gab lediglich ziemlich untaugliche Versuche zur Linderung mit Hilfe des pflanzlichen, aus Asien stammenden Chaulmoogra-Öls. Ball, die blutjunge dunkelhäutige, anscheinend auch bildhübsche Forscherin, die von Seattle, Washington, ans College auf Hawaii gewechselt war, fand buchstäblich die Lösung. Es gelang ihr, das Öl so zu verflüssigen, daß es gefahrlos injiziert werden konnte. Auf Hawaii gab es eine ganze »Lepra-Kolonie«; stellte man nämlich eine Erkrankung an Lepra fest, wurde der Betreffende kurzerhand verhaftet und auf die Hawaii-Insel Molokai verbannt. Ob sich Ball dort öfter aufhielt, habe ich nicht herausgefunden.

Nebenbei war Alice Ball die erste Frau, die am College, der späteren University of Hawaii, einen naturwissenschaft-lichen »master« machte. Das war 1915. Zudem war sie die erste Afroamerikanerin, die am dortigem chemischem Insitut forschte und sogar schon lehrte.* Die durch Ball in kürzester Zeit entschieden verbesserte Heilmethode mit dem Baumsamenöl blieb noch für rund 30 Jahre, bis zur Entdeckung der Antibiotika, das einzige halbwegs wirksame Mittel gegen Lepra. Aber sie hatte nichts mehr davon. Sie erkrankte während ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit am College, fuhr zu ihren Angehörigen nach Seattle zurück – und nach wenigen Monaten, Ende Dezember 1916, war sie mausetot, 24 Jahre jung. Nun heftete sich ein Vorgesetzter, ein weißer selbstverständlich, ihre Erkenntnisse ans Revers und benannte Balls Methode dreist nach sich selbst. Das wurde erst 1922 in einer Fachzeitschrift aufgedeckt. Gleichwohl wurde Ball erst um 2000 ihrerseits zum Forschungsgegenstand und kam dadurch auch erstmals zu nennenswerter Aufmerksamkeit und Anerkennung von Seiten akademischer und staatlicher Stellen.*

Bis ins Persönliche scheint diese Forschung allerdings nach wie vor nicht vorgedrungen zu sein. Balls Tempera-ment? Ihre Meinungen, Ängste, Sehnsüchte? Ging sie gelegentlich Vergnügungen nach? Von alledem ist kein Komma zu lesen. Wie es aussieht, bleibt selbst ihr früher Tod im Dunkeln. Eine Beschreibung der Krankheit, die sie nach Hause trieb, ist im Internet nicht zu haben. Wikipedia erwähnt einen Zeitungsartikel von 1917, wonach wahrscheinlich eine Vergiftung durch Chlor vorlag. Ball habe, aus Weltkriegsgründen, im Unterricht demonstriert, wie eine Gasmaske zu bedienen sei, und dabei Chlor eingeatmet. Andererseits soll ihr Totenschein, möglicher-weise nachträglich eingefügt, von »Tuberkulose« sprechen – immerhin nicht von Lepra, die laut meinem Brockhaus, was den Erreger angeht, der Tuberkulose ähnele (Bd. 13 von 1990).

Dasselbe Nachschlagewerk betont, die Ansteckungsgefahr bei Lepra sei wesentlich geringer, als in früheren Zeiten vermutet, weshalb sich eine strenge Isolierung der Erkrankten erübrige. Früher hatte man panische Angst vor »Aussätzigen« – und setzte sie deshalb unerbittlich aus. Daher der Name »Aussatz«. Heute hat man Corona. Man verdonnert bereits die ABC-Schützen**, demnächst auch die Säuglinge zum Tragen irrwitziger, mitunter lebens-gefährlicher »Atemschutzmasken« und verordnet den hochbetagten Sterbenden Besuchssperren. Man könnte glauben, es sei noch Krieg – und genau das ist auch der Fall. Die Menschen kämpfen seit Jahrtausenden gegen ihre Angst. Und einige Menschen gegen den Verlust ihrer Macht.

* University of Hawai'i at Manoa, o. J.: https://scholarspace.manoa.hawaii.edu/handle/10125/1837
** Max Stadler, »Befreit unsere Kinder!«, Rubikon, 14. August 2020: https://www.rubikon.news/artikel/befreit-unsere-kinder




Balogh, Fritz 30 (1920–51), tschechisch-deutscher Fußballspieler, torgefährlicher »Halblinker«, seit Kriegsende beim Oberligisten VfL Neckarau, einem erfolgreichem Mannheimer Vorortclub. Mit eben diesem Verein am 14. Januar 1951 auf der Rückreise von einem Auswärtsspiel beim FC Bayern München, fiel (oder sprang) der 30jährige Stürmer aus unbekannten Gründen gegen 21.30 Uhr in der Nähe des Bahnhofs Nersingen (bei Ulm) aus dem fahrenden Zug und war vermutlich auf der Stelle tot. Nach einem Gedenkartikel* von 2011 hatte er einen Schädelbasisbruch erlitten. Man nahm zunächst einen Unfall an, doch niemand weiß Genaues: Baloghs buchstäblicher Fall ist, zumindest für Scheerer, bis heute ungeklärt.

Leider gibt der Artikel des Sportredakteurs keinen Hinweis auf die damalige Gemütsverfassung des 30jährigen. Balogh habe zuletzt mit seinen Kameraden im Speisewagen gesessen und diesen (vielleicht zum Austreten) verlassen. Als sie ihn bald darauf, beim Eintreffen in Ulm, vermißten, setzte die Bahnpolizei eine Suche in Gang und fand nur noch Baloghs Leiche neben den Gleisen, etwa 700 Meter vom Nersinger Bahnhof entfernt. So blieb es bei der bekannten nichtssagenden Formel vom »tragischem Un-fall«, über die, soweit ich sie kenne, auch die Mannheimer Lokalpresse zum Thema Balogh nie hinausgekommen ist.

Keine zwei Monate vor seinem Tod hatte Balogh die Ehre des ersten Länderspiels gehabt. Der kleingewachsene, aber enorm flinke und trickreiche, auch hübsche junge Fußballer, der in Neckerau mit Frau und Tochter lebte, war vor allem in Süddeutschland beliebt und gefeiert. Bundestrainer Sepp Herberger soll große Stücke auf ihn gehalten haben. Von daher kann Balogh kaum abgrundtief enttäuscht gewesen sein. In München hatte es allerdings, an jenem klirrend kaltem Januartag, ein 3:5 gesetzt. Angenommen, Balogh hatte in München einen Elfer verschossen. Dann gab es im Speisewagen wahrscheinlich nicht viel zu lächeln.** Wäre das jedoch ein hinreichender Grund sich umzubringen? Diesbezüglich sollte man eher an Krankheit oder Familienunglück denken, ob das Herz oder den Geldbeutel betreffend. Nur schweigen Familien, nach allen Erfahrungen, in solchen Fällen wie ein Grab.

Was die polizeilichen Ermittlungen angeht, erwähnt Scheerer lediglich eine »pathologische Untersuchung«, nicht aber deren Ergebnis. Wer weiß, ob sich die Polizei zum Beispiel auch den Zug vornahm. Standen Fenster oder Türen offen? War eine Türverriegelung defekt? Gab es Zeugen? Selbst ein Mord ist ja nicht völlig ausgeschlossen. Möglicherweise hatte Balogh Feinde oder aber eine zufällige Begegnung im Zug, die zu einem handfestem Streit ausartete. Von alledem ist nirgends etwas zu hören. Sollten die Ermittlungen so schlampig erfolgt sein, wie zu befürchten steht, hätte der damals zuständige Staatsanwalt sicherlich keine Straße verdient.

1949 hatte Balogh, der hauptberufliche Fußballer, gemein-sam mit seiner Frau im Hauptbezirk seines sportlichen Wirkens ein Toto-Lotto-Geschäft eröffnet. Dieser Familienbetrieb kann eigentlich nicht hoch verschuldet gewesen sein, denn er überdauerte bis heute.*** Ende 1982 zog Baloghs Tochter die Hülle vom Straßenschild des soeben gekürten Baloghwegs, wie sich einem Foto aus einem Mannheimer Blatt entnehmen läßt. Dieser Weg stößt in Neckarau rechtwinklig auf den Rhein. Wer sich wegen der Corona-Gefahr ertränken wollte, brauchte nur in ihn einzubiegen und immer geradeaus zu gehen.

* Wolfgang Scheerer, »Das Rätsel um den Todessturz des National-stürmers«, Südwest Presse, 20. Januar 2011
** Porträtfoto bei 11 Freunde: https://11freunde.de/artikel/einer-flog-durch-neckarau/404401
*** Neckarau Almenhof Nachrichten vom 10. Juli 2009, Seite 10




Balzar, Andreas 28 (1769–97), deutscher Räuber im Westerwald. Dieses Mittelgebirge liegt ungefähr auf halbem Wege zwischen Bonn und Koblenz östlich des Rheins. Balzar wurde in Höchstenbach oder Flammers-feld* als Sohn eines Pfarrers geboren. Möglicherweise wäre er mit etwas mehr Glück als »Robin Hood des Wester-walds« auf seine Nachwelt gekommen. Während er in Herborn die Hohe Schule besuchte, schulte er sich in krimineller Hinsicht im fürstlichem Park in Wilderei. Als ihn sein Erzeuger verstieß, ging er nach Rußland, wo er Geschmack am Soldatenberuf fand und bis zum Kapitän einer zaristischen Leibgarde aufstieg, was ihm wahrscheinlich einige Jahre später, 1797 in Westerburg, die Schmach des Enthauptens oder Erhängens ersparte. Er wurde nur erschossen. Aus unbekannten Gründen in den Westerwald zurückgekehrt (der damals Zankapfel französischer und österreichischer Truppen war), hatte Balzar seinen eigenen Verein aufgemacht, eine Räuber-bande. Auch mit ihr blieb er vorwiegend der Wilderei treu. Als sich angeblich ein französischer Offizier an Balzars Flammersfelder Braut verging, blies er seine Mannen wie auch alle einheimischen mutigen Burschen erst recht gegen die Franzosen, was ihm in manchen Nachschlage-werken immerhin den Ruf eines »Freischärlers« oder wenigstens »Widerstandskämpfers« eingebracht hat.* Zu einer allgemeinen Volkserhebung reichte es jedenfalls nicht. Balzar wilderte weiter, verbündete sich gelegentlich mit österreichischen (»kaiserlichen«) Einheiten, wurde von den Franzosen als Le capitain noir (Der schwarze Hauptmann) gejagt. Der übliche Verrat brachte ihm mit 28 die Verhaftung und das Todesurteil ein.

Wenig später, 1803, kam in Mainz der ungefähr 23jährige Johannes Bückler unters Fallbeil – jener Schinderhannes, den viele zu unrecht für den »Robin Hood des Hunsrücks« halten. Im Gegensatz zu diesem anspruchslosem Langfinger und Schlagetot wurde Balzar Genugtuung durch Legendenbildung nur gering zuteil. Vom Weilburger Schulmeister Christian Spielmann, später Direktor des Stadtarchivs Wiesbaden, gestorben 1917, wird zuweilen das 1906 in Leipzig erschienene Werk Balzar von Flammers-feld. Roman vom Westerwalde erwähnt, das wahrschein-lich 1926 noch einmal in Westerburg aufgelegt wurde, inzwischen aber so gut wie verschollen ist.

* Hessische Biografie, Stand 2020: https://www.lagis-hessen.de/pnd/122781406



Fortsetzung Bam—Bern
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