Mittwoch, 8. September 2021
Schlackendörfer Teil 1

In fünf Erzählungen gegliedert und durch fünf Lieder bereichert, läßt sich dieser Kurzroman von 2020 auch als eigenwilliger Rückblick auf die 1960er Jahre auffassen. Er rankt sich durchweg um Heinz Schlackendörfer, Jahrgang 1925, Privatdetektiv im nordhessischem Städtchen Karlskirchen. Allerdings sattelt der Mann sowohl beruflich wie in Liebesdingen mehrmals um. Sein Pferd ist zunächst ein zerbeulter weißer VW-Käfer, der ihn sogar bis Korsika trägt. Dort gibt es tatsächlich PferdezüchterInnen, freilich auch Pferdediebe. Es kommt zu einer größeren Schießerei. Zuletzt landet Schlackendörfer in der Freien Republik Pingos, die ungefähr in Höhe von Neapel und Istanbul auf einer Insel in der nördlichen Ägäis liegt. Wunderbares Klima, jedoch …



Inhalt: Gefährliche TÜV-Prüfung + Gastspiel in der Abtreibungsklinik + Ehrenrettung einer Putzfrau und städtebauliche Bereinigung + Wildwest auf Korsika + Pingos



Gefährliche TÜV-Prüfung

Wer gern übertreibt, könnte locker behaupten, der Telefonanruf der Wildunger Ärztin habe Schlackendörfer das Leben gerettet. Es war 1963, an einem Vormittag im April. Bevor ihn das Klingeln die Brauen heben und zum Schreibtisch äugen ließ, hatte der niedergeschlagene Privatdetektiv bereits seit mindestens einer Stunde taten-, ja beinahe regungslos in seinem Besuchersessel gelegen und durch sein lotrecht eingebautes Mansardendach-fenster in die triefenden grauen Lumpen gestarrt, die über Karlskirchens Altstadt hintrieben. Man ahnt es schon, er fand mal wieder alles zum Kotzen. In den letzten drei Monaten im wesentlichen eine Unterschlagung in einer großen örtlichen Baufirma, die sowieso einer Zweigstelle der Mafia glich, und eine öde Seitensprung-Sache (zwecks Erzielung einer Ehescheidung), davon soll man nun leben und sein Selbstvertrauen am Verdorren hindern. Unterdessen ähnelte seine Zunge einer gepflasterten Altstadtgasse, die man gerade mit Teersuppe übergossen hat. Er war jetzt 38, er stand bereits an der Schwelle zum Altersheim. In seinen Backenzähnen klopfte irgendwo einer; sollte er aber freundlicherweise mit dem Klopfen aufhören, fing garantiert seine Galle zu zwicken an. Gestern nach dem Training hatte er ganz nett mit Fenchel gezecht, aber zu einer Einheitsfront gegen Gerda, die dumme Gans, hatte sich sein bester Kumpel nicht hergegeben. Fenchel hatte sie eher in Schutz genommen. Gerda war Heinz Schlackendörfers Geliebte, noch jedenfalls. Am Obermarkt eingetroffen und mühsam die Stiegen zu seiner Wohnung im Mansardengeschoß erklommen, schimpfte Schlackendörfer tief ausholend, das ganze Balz- und Familienanbahnungsgebaren der ZweibeinerInnen, die seit einigen Jahrtausenden diesen Planeten verhunzen, sei lächerlicher Mist. Ja mehr noch, alle Menschen waren überhaupt Schweine. Sie führten ihn und sich selber unablässig hinters Licht. Schlackendörfer war natürlich kein Schwein. Er stolperte lediglich alle naselang in schöner Zwangsläufigkeit über seine eigenen Hachsen. Morgens aus dem Schlafzimmerfenster geblinzelt, war selbstverständlich auch das gegenwärtige Aprilwetter unter aller Sau.

Wäre ich kein Waschlappen, hatte Schlackendörfer schon im Bad gemurmelt, und schlüge nicht dieser Scheißregen gegen mein durchaus geräumiges Mansardendachfenster, müßte ich das letztere öffnen und den ersten vernünftigen Hechtsprung meiner Karriere vollführen. Als Jugendlicher wollte er entweder Schlagzeuger oder Boxer werden. In Wirklichkeit ging er nach Kriegsende zur Polizei. Er saß dem Trugschluß auf, in der neuen »Demokratie« könne man als Kriminalbeamter einiges zum Guten bewirken. Tatsächlich begann seine Karriere aber erst mit dem Abbruch der Ausbildung an der Vesseler Polizeischule. Und sie erreichte auch schon ihren Höhepunkt, als er vor gut 10 Jahren auf dem Karlskirchener Gewerbeamt erschien, um sich als Pivatdetektiv anzumelden und in der Folgezeit seitens der SteuereintreiberInnen melken zu lassen. Später behelligte er auch das hiesige Ordnungsamt, und zwar wiederholt mit dem Wunsch, eine Schußwaffe führen zu dürfen. Sie schmetterten ihn aber jedesmal mit der Festellung ab, bislang gebe es keine Anzeichen dafür, sein Leben oder auch nur seine körperliche Unversehrtheit könne ernsthaft gefährdet sein. Wie sich versteht, hatte er sich trotzdem eine Pistole zugelegt. Er bewahrte sie allerdings wohlweislich nicht in seiner Wohnung auf. Daher die Idee mit dem Hechtsprung. In seiner Wohnung hatte er eine Schußwaffe in der Tat nicht unbedingt nötig. Er bewohnte in dem stattlichen, barock wirkenden Eckhaus Seilersgasse/Obermarkt die einzige Mansarden-wohnung, und die ging nach hinten hinaus, nämlich talwärts, sodaß er das halbe Städtchen und noch ein paar bewaldete Hügel im Blick hatte, die jenseits des Karlskirchener Bahnhofs lagen. Nach vorn hinaus, zum Obermarkt und dem Schloßberg hin, gab es nur einen Speicher, der meist voll Wäsche hing. Man konnte ihn als Puffer auffassen, der einen Privatdetektiv hinreichend vor am Schloßberg lauernden Heckenschützen schützte. Das Haus gehörte übrigens einem noch halbwegs erträglichem Zeitgenossen, Erasmus Röder mit Namen, schon weißhaarig, um 60 Jahre alt. Er betrieb im Erdgeschoß eine alteingesessene Apotheke. Sie ging selbstverständlich auf den Obermarkt.

Gut ausgeführt, hätte der Hechtsprung Schlackendörfer auf der Krone der mit Glasscherben gespickten Mauer des schmalen Hinterhofes landen lassen. Da das Nachbarhaus, auf das er blickte, wegen der Hangneigung tiefer lag, hätte er in Hochform sogar die Chance gehabt, auf der verwaisten Seite des Ehebetts der Witwe L. zu landen, die ihm stets wohlgefällig zuschaute, wenn er durch den Seiteneingang des Röderschen Hauses auf der abschüssigen Seilersgasse erschien. Nun war er weißgott kein Hans-Jürgen Bäumler, das nicht, obwohl er, gerade wie der Eisbahnstar, 1,76 maß und dichtes, drahtiges dunkles Kopfhaar aufwies, nach hinten getrimmt. Schlackendörfer war eher stämmig gebaut und bewegte sich »etwas tapsig«, wie nicht nur Gerda fand. Sie nannte ihn nicht Bäumler, vielmehr Bärchen, furchtbar. Andere sprachen von Schlackendörfers »Knuffigkeit«, was ihn schon damals im Schwarzwald, vor gut 20 Jahren, um ein Haar zum Opfer des bildhübschen, braungelockten Trompeters der Bigband gemacht hätte. Der Junge war, im Gegensatz zu seinem Instrument, schwul gestimmt. Das war natürlich strafbar gewesen, wie so vieles, und bis zum April dieser Erzählung, 1963, war es noch immer so.

Zu allem Unglück hatte Schlackendörfer erst vorgestern eher zufällig von einer früheren Mitmusikschülerin (Geige) erfahren, ihr begnadeter, von allen geliebte »Impressario« Pedro sei bereits vor einigen Jahren unter die Erde gekommen, durch eine heimtückische, blödsinnige Erkrankung an Leukämie. Ihm verdankte Schlackendörfer die aufregendsten und besten Sommerwochen seines bisherigen Lebens. Bei seinem Tod war Pedro erst Mitte 50. Schlackendörfer hatte ihn aus den Augen verloren, weil der gelernte Kirchenmusiker bald nach dem unsanftem Ende ihrer »märchenhaften« Musikfreizeit im Schwarzwald nach Lateinamerika abgetaucht war. Dort nahm ihn die Jazz-Szene natürlich mit offenen Armen auf, war er doch, insbesondere als Kontrabassist und Arrangeur, unbestreitbar ein As. Obwohl Vessel, die nahe Bezirkshauptstadt an der unteren Fulda, Nazi-Hochburg gewesen war, hatte es Pedro geschafft, unter dem Deckmantel kirchenmusikalischer Gemeindearbeit eine Bigband aus begabten Jugendlichen, ja sogar Kindern aufzubauen, die sich hören lassen konnte – und tatsächlich war ihnen hin und wieder sogar ein Auftritt vergönnt. Für das Programm, das sie auf der Musikfreizeit einstudieren wollten, war sogar eine Schallplattenaufnahme geplant. Der schwachsinnige und verbrecherische »Ostfeldzug« der Deutschen spielte sich ja offenbar in weiter Ferne ab. Sie saßen in Nordhessen, und die Musikfreizeit fand noch viel weiter südlich statt, eben im Schwarzwald. Sie reisten Anfang Mai 1940 an. Pedro hatte einem Pöhlburger Landgasthof ein Ferienheim abgequengelt, das weit außerhalb des Städtchens in einem Bergtal lag. Das umgebaute ehemalige Bauernhaus verfügte über Strom und Telefon, einen Quellbach und sogar einen alten Konzertflügel, den Pedro vor Anhub des »Schwarzwald-märchens«, auf Kosten seiner Kirchengemeinde, neu bespannen und stimmen ließ. Wie sich versteht, hatte ihr Impressario vorher auch noch zahlreiche Widerstände bei Vorgesetzten, Eltern und Vesseler Behörden zu überwinden. Rund 25 Jungens und Mädels für geschlagene vier Wochen unter einem Dach! Es sollten zwar nur drei werden, aber das ahnte noch keiner. Im dichten Tann verdächtig schräger Musik frönen, während das Vaterland unter Kriegsanstrengungen stöhnt! Schließlich begnügte man sich damit, Pedro eine streng linientreue BDM-Musik-Pädagogin beizugeben, die blondgelockte und recht strammbusige Lisbeth. Wen wundert es, wenn es Pedro nach dem Eintreffen im »dichten Tann« gelang, Lisbeth in wenigen Tagen sozusagen umzudrehen.

Auch Pedro, damals ungefähr in Schlackendörfers jetzigem Alter, also Ende 30, war kein Adonis. Er besaß jedoch eine unaufdringliche, gleichwohl ansteckende Selbstsicherheit und echten südländischen Charme, obwohl er in Deutsch-land aufgewachsen war. Entsprechend geschmeidig bewegte er sich. Köstlich sein verzücktes Augenverdrehen oder genüßliches Lippenschlecken, wenn einem oder einer eine bestimmte Phrase der Improvisation besonders gut gelang, während er selber am Baß ackerte oder an der Rampe lockend dirigierte. Er beherrschte auch mehrere Blasinstrumente und gab darin geduldig Unterricht. Jedes Strafbegehren und jeder Befehlston gingen ihm völlig ab. Und so ein sinnlicher Mensch wurde nun mit Mitte 50 vom Blutkrebs zerfressen, ein Skandal. Warum nahmen sich die feindlichen Zellen nicht lieber die strammen SA- und SS-Leute vor, von denen es ja gerade auch in Lateinamerika wahrlich genug gab? Aber Pustekuchen, die meisten von diesen Leuten liefen bis heute frei in der Gegend herum. Die ersten von ihnen waren Schlackendörfer bereits auf der Vesseler Polizeischule begegnet, als »Lehrkräfte«.

Er mußte sich in diesen Erinnerungen unterbrechen, weil das Telefon läutete.

2

Als ihm eine Frauenstimme erklärte, er spräche mit Maria Schneider aus Bad Wildungen, klingelte bereits das erste Alarmglöckchen in dem Privatdetektiv. Wieviele Maria Schneiders mochte es allein in Nordhessen geben? Hunderte, schätzte er.

»Na prima«, sagte Schlackendörfer. »Womit kann ich Ihnen dienen, Frau Schneider?«

»Der Doppelmordfall Bühnke ist ja wohl noch immer nicht aufgeklärt, nach drei Jahren noch nicht«, erwiderte sie. Es klang etwas vorwurfsvoll, wenn ihm auch ihre ein wenig rauhe, möglicherweise auf fränkischen oder böhmischen Höhen gewachsene Stimme durchaus gefiel. »Ich hoffe, Sie sind über den Fall im Bilde?« fügte sie hinzu.

Die Vesseler Krankenschwester Elvira Bühnke, damals Ende 20, war vor drei Jahren mitsamt ihrem achtjährigem unehelichem Sohn Clemens durch Zufall auf einem Campingplatz in Holstein ausgegraben worden. Beide Leichen waren schon recht verwest. Jemand hatte die Bühnkes offensichtlich rund zwei Monate früher erschlagen und erdrosselt.

»Das schon, Frau Schneider. Aber wenn Sie sich beschweren wollen, müßten Sie sich eher an den Vesseler Staatsanwalt wenden, nicht an mich. Ich hatte mit den Ermittlungen nicht das geringste zu tun.«

»Ich will mich nicht beschweren. Ich will, daß Sie den Fall wieder ins Rollen bringen. Ich hätte nämlich einen gewichtigen Hinweis, der zum Täter führen könnte.«

»Ich? Warum denn das? Ich bin nur ein kleiner Privat-detektiv aus dem Nest Karlskirchen. Gehen Sie zur Vesseler Polizei. Wie sind Sie überhaupt auf mich gekommen?«

Es stellte sich heraus, Frau Schneider war auf die Vesseler Polizei nicht gut zu sprechen. Die Gründe verriet sie aber Schlackendörfer nicht. Sie habe bis zum vergangenen Jahr im Vesseler Stadtkrankenhaus gearbeitet, wo ja auch die Ermordete tätig gewesen sei, und sie habe auch in Vessel gewohnt. Ihn habe sie einmal im Vesseler Landgericht bei einem kurzen Zeugenauftritt erlebt.

»Das hat mir imponiert«, fuhr Frau Schneider zur Freude seiner Eitelkeit fort. »Ihre uneingeschüchterte, gleichwohl etwas schläfrig wirkende Art, wissen Sie? Sie sind ja fast wie ein Preisringer zur Zeugenbank getappt. Aber Sie haben den Saal nicht zertrümmert; Sie haben mit einem schlagfertigen, trockenen Witz aufgewartet.«

Jetzt mußte sich Schlackendörfer doch ein Kichern verkneifen. Er dankte Frau Schneider für die Komplimente und hakte nach: »Um was für einen Hinweis auf den möglichen Täter handelt es sich denn, Frau Schneider?«

»Na hören Sie mal!« prustete sie. »Das erzähle ich doch nicht am Telefon! Schließlich sitzt hier in jeder zweiten Leitung ein Spion, vor allem bei Privatdetektiven, nehme ich an.«

Schlackendörfer schmunzelte. »Ihr Mißtrauen ist nicht völlig abwegig, Frau Schneider. Sie sagten, Sie wohnen in Bad Wildungen? Und sie arbeiten dort als Kranken-schwester?«

»Nicht ganz. Ich bin Oberärztin in der Kurklinik.«

Er hinderte sich daran, durch die Zähne zu pfeifen. Er schlug der Anruferin vor, sich zu Hause aufsuchen zu lassen. Wann es ihr passe? Sie erwiderte:

»Können Sie morgen vormittag? Ich habe frei. Selbstver-ständlich honoriere ich Sie für Ihre Mühe, also auch schon für den Antrittsbesuch. Liege ich mit meiner Vermutung richtig, wird ohnehin die Belohnung fällig, die die Vesseler Staatsanwaltschaft ausgesetzt hat. Immerhin 12.000 DM, falls Sie es nicht wissen. Wie wir die aufteilen, können wir uns noch überlegen.«

Jetzt mußte er wirklich kichern. Dann erklärte er sich mit dem Termin einverstanden und ließ sich die Adresse geben.

3

Das Ferienhaus lag rund sieben Kilometer von Pöhlburg entfernt. Die schmale gewundene Zufahrtstraße mit zum Teil recht steilen Böschungen sollte sich später noch als bedeutsam erweisen, nachdem Eriks Vater auf der Bildfläche erschienen war. Nahe Nachbarn hatten sie nicht. Die Eßkastanien und Nadelbäume trieben gerade aus und sorgten für würzige Luft und viel Kohldampf. Neben den Instrumenten hatten sie in Pöhlburg Unmengen an Lebensmitteln in den alten Hotelbus der Familie Dill gestopft. Das waren ihre VermieterInnen vom Landgasthof. Ihren Koch hatten sie (in der Eisenbahn) mitgebracht. Kutte, erst vor wenigen Wochen geschlagen und geflohen auf Schleichwegen aus dem Spanienkrieg heimgekehrt, war ein enger Freund von Pedro. Er machte aus seiner anarchistischen Gesinnung kein Geheimnis. Wie sich später erfreulicherweise zeigen sollte, konnte er nicht nur ausgezeichnet kochen, sondern auch schießen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bereits Johanna »Jo« Dill bei ihnen eingefunden, das einzige Kind der Gastwirtsleute. Prompt bändelte Kutte mit ihr an, nicht ohne Erfolg. Jo war plötzlich Waisenkind und Alleinerbin geworden, weil ihre Eltern, mit anderen Pöhlburgern, einem vaterlän-dischem Bomber zum Opfer gefallen waren. Doch das führt vielleicht im Augenblick zu weit.

Wie man sich denken kann, vibrierte das große Bauern-haus am Quellbach nicht nur von Pedros Baß und Schlackendörfers Schlagzeug und all den anderen Instrumenten, und nicht nur von den aus dem Winter-schlaf geschreckten Siebenschläfern oder Haselmäusen, die vor allem nachts wie Irrwische durch die Gemäuer, Speicher und Baumkronen stoben und dabei eifrig schnatterten oder fiepten. Die Liebesbeteuerungen lösten sich mit philosophischen Erörterungen, die Flüche auf die Faschisten mit stürmischen Umarmungen, die Freuden- mit Kummertränen ab. Drohten den Halbwüchsigen die selbst entfesselten Lebensgeister über den Kopf zu wachsen, halfen Beichten bei Pedro oder Kutte, bald auch Lisbeth, die Gemütslage wieder zu bereinigen. Allerdings neigt man im Nachhinein stets dazu, die Dinge in zu rosigem Licht zu sehen. Eine Gruppe mag der Gerechtigkeit frönen, wie sie will, sie hat zwangsläufig ihre Benachteiligten. In dieser Hinsicht sah Schlackendörfer vor allem die etwas gestaltlos gebaute Lilo vor sich, eine 17jährige, um 1,70 große Unterprimanerin. Obwohl sie entsprechend linkisch auftrat, hatten sie ihr auf der Vesseler Goetheschule den Namen »Brillenschlange« angehängt. In Pedros Band hatte sie sich mit dem Mut der Verzweiflung auf das vergleichsweise riesige Bariton-Saxophon geworfen, und sie spielte es sogar nicht übel. Aber es sog ihr nicht den Liebhaber zu, nach dem sie sich sehnte, und es blies ihr nicht den »Teig« aus dem Gesicht, um beim Goethe-Gymnasiasten-Jargon zu bleiben. Schlackendörfer war, vom Problem der Neigung einmal abge-sehen, wohl noch zu jung für sie, 15. Der Umstand hatte immerhin den Vorteil, daß er in den ersten Kriegsjahren auch noch zu jung für die Wehrmacht gewesen war.

Wie sich versteht, hatte der aus Wildungen winkende Auftrag Schlackendörfers Laune spürbar angehoben, obwohl ihm der Backenzahn noch immer zu schaffen machte und das Wetter zunächst schlecht blieb. Bis Bad Wildungen waren höchstens 25 Kilometer zu bewältigen. Seine Scheibenwischer funktionierten. Der Privatdetektiv besaß einen zerbeulten, noch einigermaßen fahrtüchtigen VW-Käfer, den ihm seine betagte Mutter überlassen hatte. Jetzt drehte und knipste er fluchend das Autoradio aus, weil Schlagersternchen Gitte schon wieder krähte, sie wolle einen Cowboy als Mann. Gestern abend hatte er sich für mehrere Stunden mit Briefen, Fotos, Noten und anderen Dokumenten von der Musikfreizeit vergnügt. Er war sogar auf eines seiner frühsten Jugendwerke gestoßen, das er just aus Mitleid mit der erwähnten Unterprimanerin Lilo verfaßt hatte. Selbstverständlich hatte er es in dem Bauernhaus verheimlicht, im übrigen bald vergessen. Schließlich war er Schlagzeuger gewesen, kein Komponist. Aber er hatte, seinen eher klobigen Händen zum Trotze, leidlich Gitarre gespielt und sich damals wie in den folgenden Jahren immer mal wieder als anspruchsloser Liedermacher versucht. Die Hände und die Gitarre besaß er nach wie vor. So hatte er das betreffende, ziemlich merkwürdige und sicherlich etwas rührselige Lied gestern abend wieder eingeübt, dabei auch gleich im Text ein wenig modernisiert. Jetzt summte er es, während sein weißlackierter Käfer hinter Fritzlar etwas brummig längs der Eder durch die verhangenen Wiesen glitt.

Lied herzlos (pdf, 17 KB)

Vielleicht kam seine potentielle Kundin zufällig der drallen blonden Lisbeth nahe, die sicherlich jeden zweiten Jungen im Bauernhaus verrückt gemacht hatte. In den Kriminalromanen war es ja eigentlich die Regel, daß der Privatdetektiv bei seinem Nachforschen was Ordentliches zwischen die klobigen Finger bekam. Schlackendörfer selber war in dieser Hinsicht stets leer ausgegangen. Gerda hatte er bei einem Faschingsball im Hessischen Hof kennengelernt. Sie war damals, als junge Sozialarbeiterin, gerade in städtischen Dienst getreten. Fenchel meinte, er könne sich schon recht gut eine »gewisse erdrückende Wirkung« vorstellen, die Schlackendörfer auf Gerda ausübe. Vielleicht hatte er das vom Fußballplatz – Fenchel. Sie spielten beide bei den »Alten Herren« des 1. FC Karlskirchen. Während Fenchel, ein ziemlich dürrer, wenn auch biegsamer Lulatsch, zwischen den Pfosten stand, hatte Schlackendörfer vorn in der Mitte den »Sturmtank«, oder, mehr zurückgezogen, den »Vorbrecher« gegen die feindlichen Angriffswellen zu geben. Sie hatten sich auf der Polizeischule miteinander angefreundet, und später, als Schlackendörfer bereits seinen Hut genommen hatte, nutzte Fenchel die Chance, bei der Karlskirchener Kripo einzusteigen. Inzwischen war er Kriminalkommissar. Sicherlich stank ihm im Staatsdienst vieles, aber inzwischen hatte er auch Familie.

Schlackendörfer hatte noch gestern vormittag länger mit Fenchel telefoniert. Der Kommissar konnte sich ziemlich gut an den Fall Bühnke erinnern, weil er im Rahmen der Amtshilfe sogar streckenweise damit befaßt gewesen war. Peinlicherweise habe man damals noch nicht einmal einen dringend Verdächtigen auf die Liste bekommen. Man zog nur Nieten. Der Campingplatz in Holstein war zur Tatzeit nahezu verwaist gewesen; örtliche Zeugen sprachen lediglich verschwommen von einem Paar mit Sohn. Schon die Körpergröße fiel bei jedem Zeugen anders aus. Ein zufälliger Raubmord war nicht völlig auszuschließen, da an der Frauenleiche jeglicher Schmuck fehlte. Das Zelt blieb unauffindbar. In Vessel hatte die als »anständig« und »eher schüchtern« geschilderte zierliche Brünette mit ihrem Sprößling in einem Mehrfamilienhaus unweit des Fuldahafens gewohnt. Nach Aussagen von zwei oder drei Hausbewohnern erhielt sie dort wohl zumindest gelegentlich Männerbesuch, doch dieser muß sich sehr bedeckt gehalten haben. Es gab weder übereinstimmende noch sonst brauchbare Beschreibungen. Im Krankenhaus war nichts von Sorgen oder gar Feinden der Kollegin bekannt. Abgeholt wurde sie nie. Sie hatte einen eigenen Wagen – »einen alten Käfer, ungefähr so wie du«, hatte Fenchel genüßlich erläutert. Zuletzt kündigte sie jedoch ihre Stelle im Krankenhaus und tischte dort und ihrer ausschließlich in Süddeutschland lebenden Verwandt-schaft gegenüber freudestrahlend eine für manche etwas fadenscheinig klingende Geschichte auf. Sie werde einen Brieffreund namens Stegmüller heiraten, einen gebürtigen Rheinhessen, und diesem nach Südafrika folgen. Tatsächlich meldete sie auch ihren Sohn in der Schule ab und löste die gemeinsame Wohnung auf. Als es soweit war, fuhr sie aber offensichtlich, wie sich später zeigte, nicht zur Eheschließung nach Frankfurt/Main, sondern umgekehrt in dem einen oder anderen Pkw – auch das blieb ungeklärt – gen Holstein, also nach Norden. Möglicherweise sogar in Begleitung ihres Mörders. Man wisse es nicht.

Schlackendörfer dankte seinem Freund für die Auskünfte. Verständlicherweise erkundigte sich dieser im Gegenzug, warum ihn der Fall interessiere. Dazu zog Schlackendörfer eine verschwommene Aussage vor, obwohl sie sich beinahe blind vertrauten, nicht nur auf dem Fußballplatz. Er habe unter Umständen einen Fingerzeig bekommen, der den Fall in neues Licht tauche. Er bitte um Geduld. Er wollte Fenchel vorerst nicht unnötig in Gewissenskonflikte bringen.

4

Schlackendörfer verzichtete darauf, seine Verblüffung zu verbergen. »Meine Herren«, sagte er zu der blonden Frau, die ihm öffnete, »sind hier alle Oberärztinnen so jung ..?«

Frau Schneider beschränkte sich auf ein spöttisches Lächeln. Sie ließ sich seinen feuchten Hut geben und wies zum Wohnzimmer, wie sich zeigte. »Treten Sie näher, Herr Schlackendörfer. Möchten Sie frischen Kaffee ..? Gut, ich hole ihn.«

Er schätzte sie auf Anfang 30. Sie war nicht viel kleiner als er. Und blond war sie wirklich: kurze, kräftige Fransen um ein angenehmes Gesicht. Aber von Lisbeths Üppigkeit war sie weit entfernt. Vielleicht machte sie täglich Yoga. Mit einem wogenden Busen konnte sie also nicht dienen. Dafür hätte man in ihren Sitzmöbeln den DLRG-Leistungsschein für Rettungsschwimmer just wie auf hoher See machen können. Ihr dünner Hausanzug wirkte ähnlich flauschig. Sie bewegte sich völlig ungeziert, auch geschminkt war sie nicht. Ihr Wohnzimmer ging nach hinten hinaus, auf einen hübschen, leicht verwilderten Garten. Sie wohnte im Erdgeschoß einer mehrstöckigen Jugendstilvilla, die unweit vom Kurpark in einer stillen Seitenstraße lag. Schlackendörfer hatte seinen schäbigen Käfer wohlweis-lich ein paar Häuser weiter geparkt. Daher sein feuchter Hut.

Frau Schneider kam rasch zur Sache. Sie habe sich kürzlich mit ihrem Wagen beim Korbacher TÜV vorstellen müssen, und dabei sei es ihr plötzlich wieder eingefallen. Die ermordete Elvira Bühnke sei ja in Vessel eine Arbeits-kollegin von ihr gewesen, wenn auch nicht auf derselben Station. Aber sie benutzten denselben Parkplatz; Schneider kannte also Bühnkes Wagen. Die Krankenschwester habe einen gebrauchten Käfer gefahren, »einen stahblauen, fast grau«. Das deckte sich nebenbei, wie Schlackendörfer bemerkte, mit Frau Schneiders kecken Augen, die ihn schon mehrmals, fast bohrend, gemustert hatten. Und einmal, fuhr die Ärztin fort, hatte sie zufällig durch ein geöffnetes Flurfenster mitbekommen, wie Bühnke vergeblich versuchte, ihren Käfer, nach Dienstschluß, in Bewegung zu setzen. Er sei nicht angesprungen. Deshalb habe sie der Schwester durch das Fenster vorgeschlagen, sich an den Hausmeister des Krankenhauses zu wenden, vielleicht könne ihr der Mann helfen. Bühnke habe daraufhin jedoch mit einem etwas krampfhaftem Lächeln, das wohl sorglos wirken sollte, abgewunken und erwidert: »Danke sehr, Frau Schneider, aber das ist nicht nötig. Ich rufe einfach einen guten Freund von mir an, der ist Ingenieur, wissen Sie, sogar beim TÜV ..!« Frau Schneider legte eine Kunstpause ein, bevor sie vollendete: »Kaum hatte sie das herausgekräht, hätte man fast glauben können, sie hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Damals dachte ich mir dabei allerdings nichts. Ich nickte vielmehr nur beruhigt und wandte mich wieder meiner Arbeit zu.«

Schlackendörfer wog sein Haupt, woraus nicht gerade Begeisterung sprach. »Das ist alles ..?«

»Ja«, erwiderte sie trotzig, »das ist alles. Aber überlegen Sie einmal. Die Frau hat sich nie mit Männern blicken lassen und hielt ihr Privatleben im Kollegenkreis bedeckt wie einen Vogelbauer für eine Eule, die am Tage schlafen muß. Da ist es doch gut möglich, daß der TÜV-Kerl keine reine Erfindung war. Oder finden Sie nicht?«

Schlackendörfer hob nur leicht die Schultern. Dann hakte er nach: »Und was geschah? Kam der Kerl, um ihren Käfer flott zu machen?«

»Sehr unwahrscheinlich. Als ich selber Feierabend machte, stand ihr Käfer immer noch da. Ich nehme an, sie war mit der Straßenbahn nach Hause gefahren. Oder zu dem Kerl … Am nächsten Tag hatte ich frei, und später fuhr ihr Käfer wieder.«

Schlackendörfer nickte und dachte eine Weile nach, während er sich dankbar Kaffee nachschenken ließ und beim Schlürfen in den Garten blinzelte. Maria Schneiders etwas kehlige dunkle Stimme vollendete sich zwischen schönen, roten und vollen Lippen, und auch ihr Kaffee war erfreulich kräftig, das mußte er ihr lassen. Ob ihr jedoch zu trauen war?

»Ich nehme an, Sie und andere MitarbeiterInnen sind damals von Polizeibeamten befragt worden, Frau Schneider ..?«

»Pah!« machte sie verächtlich. »Befragt? So ein Hüne mit Bierbauch, ich glaube, er hieß Leder oder so ähnlich, hat sich mir gegenüber Anzüglichkeiten erlaubt! Ich hätte ihm am liebsten eine geknallt.«

»Ach!« sagte Schlackendörfer zwinkernd. »Kuno Lederer? Den kennen wir sogar in Karlskirchen. Ein Arschloch.«

»Na sehen Sie!« zwinkerte sie mit Genugtuung zurück.

»Und dem Arschloch haben Sie die Geschichte mit dem TÜV-Kerl nicht erzählt ..?«

»Quatsch!« knurrte sie wie umgewandelt mit blitzenden Augen. »Die war mir doch gar nicht gegenwärtig! Sie ist mir erst beim Korbacher TÜV wieder eingefallen, wie ich Ihnen bereits erklärte.«

»Verstehe«, hob Schlackendörfer beschwichtigend seine gespreizten Hände. »Dann spricht eigentlich nichts dagegen, daß ich der Sache einmal nachgehe. Ich müßte Ihnen für jeden vollen Arbeitstag 50 Mark abknöpfen, Frau Schneider, zuzüglich Spesen, etwa Benzin oder Imbiß. Selbstverständlich würde ich so zügig wie möglich arbeiten. Ich könnte schon morgen beginnen, weil ich derzeit ohnehin nicht sonderlich viel zu tun habe. Es wäre natürlich zu hoffen, jener Kerl, falls vorhanden, ist beim Vesseler TÜV aufzutreiben, und nicht etwa beim TÜV von Korbach oder Wiesbaden. Dann wird es teuer für Sie.«

Sie lächelte und winkte ab, ohne auf diese Einzelheiten einzugehen. Vermutlich kam es ihr auf ein paar Mark nicht an. Sie nötigte ihm im Gegenteil gleich einen Vorschuß von 150 Mark auf, was er sich gar nicht so ungern gefallen ließ. Mit der Quittung, die er ihr ausstellte, betrachteten sie ihr Vertragsverhältnis hinreichend als besiegelt. Jetzt mußte Schlackendörfer nur noch heil und einigermaßen schicklich aus seinem wabernden Sitzmöbel kommen. Dazu gehörten natürlich auch unverzerrte Gesichtszüge, obwohl das Klopfen in seiner Wange wieder heftiger geworden war.

Schlackendörfer hatte bereits seinen Hut entgegen genommen und ging zur Wohnungstür. Da wandte er sich noch einmal um.

»Nach meinen Erkundigungen sind Sie mit einem Wildunger Zahnarzt verheiratet, Frau Schneider, wenn Sie auch offensichtlich nicht mit ihm in dieser schönen Gartenwohnung zusammenleben ..?«

Prompt verschwand das wohlmeinende Abschiedslächeln aus ihrem Gesicht. »Habe ich richtig gehört? Nach Ihren Erkundigungen? Sie spionieren Ihren potentiellen Kunden nach ..?«

Schlackendörfer beschwichtigte erneut mit Hilfe seiner ausgebreiteten Hände. »Was bleibt mir anderes übrig, Frau Schneider? Ich kenne Sie ja nicht. Sie können mir eine Falle stellen, und schon liege ich mausetot in Ihrem Vorratskeller … Ist er also Zahnarzt oder nicht?«

Sie bejahte es, schon halb versöhnt und leicht belustigt. Darauf erklärte er ihr die Sache mit seinem Backenzahn. Die drei Karlskirchener Zahnärzte seien leider erfahrungs-gemäß ständig überlaufen. Ob sie vielleicht ein gutes Wort für ihn einlegen könne, damit ihr Mann ihn umgehend einschiebe und von seinen Qualen erlöse? Dabei nickte er auf ihr Telefon, das im Flur auf einer kleinen Kommode aus Nußbaum stand.

Sie dachte nicht lange nach, sprach mit einer Sprech-stundenhilfe und beschrieb ihrem Besucher den Weg. Er dankte ihr beinahe überschwenglich und fragte sich in der Türöffnung, ob er ihr vielleicht zum Abschied die Hand geben sollte. Aber das sind alles Ärzte, sagte er sich sofort, die hüten sich vor jeder überflüssigen Infektionsgefahr.

Plötzlich traf ihn fast der Schlag. Maria Schneider hatte sich jäh an ihn geschmiegt und schien ihn mit einem Urwaldriesen zu verwechseln, dem es noch an einer Liane ermangele. Dann küßte sie ihn auch noch mitten auf den Mund! Schließlich flüsterte sie dicht an seinem Ohr: »Ich werde dafür beten, daß Rudolf Sie nicht ermordet. Es wäre zu schade um Sie.«

Damit stieß sie sich ähnlich überraschend wieder von ihm ab und schloß die Wohnungstür hinter sich.

5

Als Schlackendörfer Bad Wildungen verließ, hatte er, neben den drei 50-Mark-Scheinen seines Vorschusses, einen blank gewienerten Backenzahn in der Tasche. Die kleine Krake war ziemlich vereitert gewesen. Das Blut in dem Loch war gestillt. Draußen tropfte es von den Bäumen des Kellerwaldes. Prompt zogen wieder die Bilder vom Schwarzwaldhaus an ihm vorbei. Sie hatten damals sicherlich manchen Liebeskummer und einmal sogar dicke Mandeln unter ihrem Dach gehabt, aber an Zahnprobleme konnte er sich nicht erinnern. Insofern hätten sie also Glück gehabt. Dafür wurden sie bereits nach knapp zwei Wochen jäh in den Krieg hineingezogen, weil sich die regierenden Faschisten entschlossen hatten, ihre west-lichen Nachbarn in wenigen Wochen, wie sich zeigen sollte, kurzerhand zu überrollen. Zwar tobten im Schwarz-wald keine Schlachten, aber durch zwei einschneidende Ereignisse wurde die Musikfreizeit dennoch empfindlich gestört und schließlich verkürzt. Das war nicht nur wegen Jos Kummer und Eriks Schock ein Jammer. Jo hatte zum Beispiel einen Sack mit Saatkartoffeln aus dem Gasthofkeller gerettet, die sie demnächst gemeinsam, nach entsprechender Vorarbeit mit Spaten und Hacken, in bester Laune und selbstverständlich mit Gesang unter die Erde ihres Tales zu bringen gedachten. Ja, sie hatten sich bereits Visionen von einer Art Landkommune und einem Nest des Widerstandes hingegeben. Aber es sollte nicht dazu kommen.

Jo war als Folge des ersten Ereignisses zu ihnen gestoßen. Über Pöhlburg war versehentlich ein »eigener« Bomber abgestürzt, also einer der deutschen Wehrmacht. Er hatte auch offensichtlich Bomben an Bord gehabt, legte er doch halb Pöhlburg in Schutt und Asche. Die Explosionen hatten im Bauernhaus der Musikfreizeit Schlackendörfers Paukenschläge unterstützt; er wäre fast von seinem Schemel gefallen. Die oben erwähnte Geigerin fiel sogar in Ohnmacht – auf rund sieben Kilometer! Leider hatte es bei dem Absturz auch Jos Eltern und deren Gasthof erwischt. Jo selber hatte Glück gehabt, weil sie mit dem Hotelbus unterwegs gewesen war. Mit dem traf sie dann bei den Gästen im Bergtal ein.

Das zweite Ereignis führte nur zu zwei Toten, aber die hatten es in sich. Es bereitete sich zunächst innerhalb weniger Stunden durch mehrere Telefongespräche vor, die sich in ihrer Heftigkeit steigerten. Sie alle fanden zwischen Erik, ihrem 18jährigem Pianisten, und dessen Erzeuger statt, einem in Vessel stadtbekannten Faschisten. Für Erik war zu Hause ein Gestellungsbefehl der Wehrmacht eingetroffen, und nun pochte, ja brannte der Alte darauf, Erik habe dem auch Folge zu leisten. Erik dagegen fand das keinswegs. Er nannte den Krieg den »gröbsten Unfug des Jahrhunderts« und bezeichnete seinen Vater in ihrem letzten Telefonat wütend als »braunen Arsch mit Ohren«, ehe er um ein Haar den Wandapparat zerstörte, als er den Hörer auf die Gabel knallte. Jeder von ihnen gab sich Mühe, Erik zu bestärken und zu trösten. Doch es kam noch viel dicker. Keine 24 Stunden später stand der Vater leibhaftig bei ihnen auf der Matte! Sie hörten sein Auto, einen weinroten Adler Trumpf mit Klappverdeck, und rotteten sich an den Fenstern ihres im 1. Stock gelegenen Speise- und Probensaals teils ungläubig, teils kampfbereit zusammen. Es war gegen Mittag. Neben dem steuernden Vater saß Hörbig, ein wiederum in Pöhlburg stadt-bekannter Nazi, der den Bomberabsturz offensichtlich überlebt hatte. Beide Männer trugen die braune SA-Uniform. Während Pedro geistesgegenwärtig nach unten zur Haustür lief, um sie, von innen, zu verriegeln, tauchte auch Kutte aus der Küche auf. Dazu sollte man vielleicht noch erwähnen: Jo hatte inzwischen von Bekannten einige Schußwaffen organisiert, was Kutte, der Spanienkämpfer, dazu nutzte, Interessierten Schießunterricht zu geben. Zu diesen Interessierten hatte auch Erik gezählt.

Die beiden SA-Leute stiegen aus und begehrten selbstver-ständlich Einlaß, was ihnen jedoch verweigert wurde. So riefen sie nach Erik – sie wollten ihn mitnehmen, sie bestanden darauf. Daraus ergab sich zunächst einmal ein sich steigernder Wortwechsel. Dann zog es Pedro mutig vor, Erik und alle anderen aus der Schußlinie zu nehmen und sich, zwecks weiteren Verhandlungen, hinaus zu den beiden rabiaten Besuchern zu begeben. Die hatten aber »die Faxen« bald »dicke«, wie der Vater brüllte, und schritten zum Waffengebrauch. Der Vater zog seine Pistole, richtete sie auf Pedro und versicherte allen, die weiter hinten in den Fenstern lagen:

»Ich zähle bis 20! Wenn Erik dann noch nicht in der Haus-tür erscheint, schieße ich eurem liebem Musikpädagogen beide Hände zu Brei. Habt ihr mich verstanden?«

Das war durchaus der Fall. Während der Vater auch schon mit dem Zählen anfing, drohten bei einigen die nächsten Ohnmachten. Andere tuschelten aufgeregt miteinander, darunter Schlackendörfer. Nur Erik und Kutte hatten sich einen raschen Blick des stillen Einverständnisses zugeworfen – und waren davongestürzt, um zwei Gewehre zu holen. Sie luden sie im Laufen, während sie zurück-kehrten. Dann duckten sie sich an einer Fensterbank. Kutte schoß zuerst. Wahrscheinlich hatten sie sich insoweit abgesprochen. Er schoß dem Vater die Pistole aus der Faust. Sekunden später schoß Erik: auf Hörbig, der gerade nach seiner eigenen Pistole griff. Hörbig sackte zusammen und sank tot auf die Erde. Der Vater hatte sich inzwischen von seinem Schrecken erholt und rannte mit blutender Hand zu seinem Auto. Aber der Sohn kannte kein Erbarmen. Er hatte noch zwei Patronen im Lauf, und diese galten seinem Erzeuger. Der SA-Mann strauchelte, knallte verdreht gegen seinen aufstehenden Wagenschlag und glitt daran zu Boden. Für Sekunden stand eine jähe gruselige Stille im Tal, es war entsetzlich. Dann sank Erik auf den nächsten Stuhl und fing zu weinen an.

Die ersten, die wieder klare Gedanken fassen konnten, waren Kutte sowie ihr »Boß«, der leichenblasse Pedro, und Jo, die einzige Einheimische an Bord. Die Drei besprachen sich und handelten unverzüglich. Sie luden die beiden Toten mitsamt ihrer Pistolen in das Besucherauto, wendeten das Auto und fuhren, wie sie später schilderten, rund zwei Kilometer Richtung Pöhlburg, ehe sie in einer Kurve über einem Steilhang Halt machten. Dort täuschten sie einen bedauerlichen Unfall des auswärtigen Wagens vor. Sie ließen ihn abstürzen und beobachteten ihn, bis er nach einigen Purzelbäumen am Fuß des dort unbewal-deten Steilhangs aufschlug und in Flammen aufging. Dann kehrten sie auf Schleichwegen zum Bauernhaus zurück.

Glücklicherweise waren die Drei nicht ihrerseits beobachtet beziehungsweise verpfiffen worden. Zudem blieb es aufgrund des in Pöhlburg herrschenden Chaos' und der übrigen Kriegswirren bei einer lediglich flüchtigen Untersuchung des angeblichen Unfalls. Deshalb flog die Sache nie auf. Gleichwohl hielten es die übergeordneten Behörden für angebracht, auf den »tragischen« Vorfall mit dem vorzeitigem Abbruch der Musikfreizeit zu reagieren. Was Erik anging, konnte man eher von Tragikomik reden. Denn auf der einen Seite blieb ihm durch den Wegfall des Ernährers der Familie tatsächlich die Einberufung erspart. Andererseits hatte er jetzt eine hysterische Witwe und Mutter sowie seine Schuldgefühle am Hals. Pedro, dem er ja immerhin, wenn nicht das Leben, die Hände gerettet hatte, konnte ihm dummerweise nicht mehr lange beistehen, weil er selber zunehmend von den Nazis schikaniert und bedroht wurde. Er flüchtete nach Lateinamerika, wie bereits erwähnt. Auch Kutte und Jo zogen damals bald den Rückzug vor. Sie verkauften das Schwarzwaldhaus, gaben den Hotelbus mitsamt der gehorteten Schußwaffen an eine Untergrundgruppe weiter und setzten sich, zu Fuß, in die Schweiz ab. Was aus ihnen wurde, hatte Schlackendörfer nie erfahren.

6

Die Problematik seines neuen Falls hatte Schlackendörfer während seiner Heimfahrt einstweilen beiseite geschoben. Er wollte erst einmal sehen, wie sich die Zahnwunde machte, eine Dusche und einen Imbiß nehmen und ein kleines Mittagsschläfchen halten. Gegen 16 Uhr erklärte er seine Lage für zufriedenstellend und fing mit ernsthaften Überlegungen an. Dazu setzte er sich an seinen Schreibtisch und säbelte sogar an einem Bleistift herum, auf daß er spitzer werde, für Notizen oder Skizzen.

Nach 10 Minuten stieß Schlackendörfer den Bleistift triumphierend in den ledernen Knobelbecher, in dem auch sein Füllfederhalter stak, ohne auch nur ein Komma zu Papier gebracht zu haben. Dadurch brach die neue Spitze übrigens wieder ab. Er angelte sich seinen Telefonapparat vom Teppich und wählte Fenchels Dienstnummer. Er hatte Glück: Fenchel war da und räumte ihm etwas Sprechzeit ein. Schlackendörfer kam gleich zur Sache:

»Nach dem Tip, den ich erwähnte, hatte sich die Krankenschwester Elvira Bühnke einmal verplappert und von einem "guten Freund" gesprochen, der Ingenieur beim TÜV sei. Hoffen wir, sie meinte den TÜV in Vessel. Haben wir Glück, war dieser Bursche nämlich ihr Mörder. Gewiß steht zu fürchten, beim Vesseler TÜV laufen Dutzende von Prüfern oder Sachverständigen herum, die ein Ingenieur-Studium vorweisen können. Sie stürzen sich ja auch auf Waschmaschinen oder Rollstühle, nicht nur auf Kraftfahrzeuge. Der Kandidatenkreis läßt sich jedoch verkleinern, wenn man sich mit dem bekanntem Privat-detektiv Heinz Schlackendörfer fragt, warum diese Thusnelda eigentlich so sehr darauf bedacht war, die mutmaßliche Liebschaft zu diesem Kerl zu verheimlichen? Ich will dir die Antwort verraten: Weil sie ein anständiges deutsches Mädel ist, das es sich nicht leisten kann, ihr Verhältnis mit einem verheiratetem Mann einzugestehen. Das dürfte der Grund sein. Ergo müssen wir uns lediglich nach den verheirateten, vielleicht auch geschiedenen Vesseler TÜV-Ingenieuren aus der Tatzeit erkundigen. Kannst du mir folgen?«

»Was heißt hier wir ..?« knurrte Fenchel, der es schon ahnte.

»Richtig. Mir werden sie die gewünschte Liste bestimmt nicht überreichen. Aber dir. Du erfindest einen Vorwand, etwa "möglicherweise wichtiger Zeuge in einem aktuellem Raubmordfall", und läßt dir die Namen, Dienstzeiten und Privatanschriften der Personen geben, die ich dann in Augenschein zu nehmen hätte. Sie haben da Früh- und Spätschichten, das habe ich bereits herausbekommen. Stellen sich bei meinen auf diese Liste gestützten Nachfor-schungen weitere Indizien ein, marschiere ich sofort zur Vesseler Staatsanwaltschaft. Bist du freundlicherweise einverstanden?«

Fenchel zögerte. Er wußte, Schlackendörfer neigte zu Eigenmächtigkeiten und Abenteuern und hatte sich schon mehr als einmal damit in die Nesseln gesetzt. Anderer-seits war auch klar wie Kloßbrüh, daß die Vesseler Kripo völlig überlastet war und den Fall Bühnke niemals auf nebelhafte Verdachtsmomente hin von sich aus wieder aufrollen würde. Ihm selber, Fenchel, konnten wohl schwerlich Unannehmlichkeiten entstehen. Schlacken-dörfer würde ihn selbst dann noch eisern decken, wenn nur noch ein Torpfosten stand. So ließ sich Fenchel zu der illegalen Schützenhilfe breitschlagen.

»Könntest du dich schon morgen vormittag freimachen?«

Das bejahte der Kriminalkommissar. Er habe mindestens noch 30 Überstunden gut, außerdem sowieso eine Akten-einsicht beim Vesseler Landgericht geplant. Das könne man ja verbinden. Schlackendörfer müsse ihn allerdings fahren, in seinem privatem Käfer.

»Selbstverständlich! Nur: wie kommst du zurück? Sobald wir die Liste haben, gedenke ich nämlich mit den Nach-forschungen loszulegen.«

»Na, Mensch«, knurrte Fenchel, »mit der Eisenbahn natürlich. Meinst du, sie hätten die Bahnstrecke von Vessel nach Karlskirchen und Bad Wildungen nur zur Belustigung der am Bahndamm wohnenden Eichhörnchen oder Eichelhäher gebaut?«

»Verstehe!« sagte Schlackendörfer beschwichtigend. Er kannte die Abneigung seines Freundes gegen den motorisierten Individualverkehr. »Selbstverständlich geht deine Fahrkarte zu meinen Lasten. Ich habe bereits ein Spesenkonto eröffnet.«

Sie vereinbarten, Schlackendörfer werde Fenchel gegen neun zu Hause abholen, und beendeten das Gespräch.

Für Fenchel waren die Autos der Schrecken der Eichhörn-chen und Eichelhäher. Freilich waren sie auch der Schrecken der rund 14.000 jährlichen Straßenverkehrs-toten allein in Westdeutschland, von den Krüppeln und Traumatisierten einmal zu schweigen – nur stellte sich dieser Schrecken in der Regel zu spät ein, dann hatten sich die Leute schon totgefahren. Fenchel selber nahm, als Privatmann, auch in Karlskirchen überwiegend sein Fahrrad, gelegentlich die Straßenbahn, soweit er nicht sowieso zu Fuß ging. Die Karlskirchener Straßenbahn hatte lediglich eine eingleisige Linie; sie fuhr auf der Vesseler/Korbacher Straße hin und her. Aber auch diese eine würde, so glaubte Fenchel, früher oder später dem allgemeinen Mobilitätswahn zum Opfer fallen, und selbst die erwähnte Eisenbahnstrecke nach Vessel und Bad Wildungen stehe bereits mit einem Bein im Grab. Was Wunder, Schlackendörfer hatte sie ja am Vormittag ebenfalls verschmäht.

7

Am Abend las er in Ernst Kreuders langer Erzählung Die Gesellschaft vom Dachboden weiter, die ihm Antiquar Stubenrauch empfohlen hatte. Den Titel konnte man als etwas irreführend bezeichnen, wie ihm bereits nach den ersten Kapiteln aufgegangen war. Hier trieben sich nämlich keine Sozialisten, sondern ganz im Gegenteil Eigenbrötler und Traumtänzer herum. Frauen kamen auch ein paar vor, allerdings hauptsächlich als Störenfriede, die tunlichst in den Rang von Anbetungsobjekten zu erheben waren, damit sie einem nichts taten. Jenen Rang hatten sie mit den blitzenden Autos gemein, die das Gebot der Harmlosigkeit jedoch zu mißachten pflegten.

Als sich Schlackendörfer eingestand, daß seine Gedanken ziemlich hartnäckig zu der Wildunger Liane abschweiften, die sich unverhofft um seinen stämmigen Leib gewunden hatte, klappte er das schmale Buch wieder zu. Diese Frau Schneider war sicherlich schwierig, recht wechselhaft, aber Feuer hatte sie. Hoffentlich hatten ihn ihre eher kleinen, festen Brüste nicht bis ins Herz gestochen.

Bücher hatte sie auch. Ehe er in dem wogendem Sessel versunken war, hatte er ihre Besorgung in der Küche dazu genutzt, einen kurzen Blick in den großen verglasten Schrank zu werfen. Er kannte sich in der Geistesgeschichte nicht sonderlich aus; wer jedoch lauter Kaliber wie die Essais des Montaigne oder Arthur Koestlers Der Yogi und der Kommissar hortete, konnte kein Strohkopf sein. Vorausgesetzt, er hatte all diese Werke gelesen und sogar verstanden. Das konnte nach seinen Erkundigungen durchaus der Fall sein. Maria Schneider war ihm als gebildet, klug und unangepaßt geschildert worden. Ihren Dienst verrichte sie sachlich und tadellos. Dagegen hatte ihm ein Vesseler Mediziner, bei dem er seit guter Erledigung eines heiklen Auftrages ein Stein im Brett hatte, verraten, in außerdienstlicher Hinsicht gelte Schneider meist als etwas hochmütig. Sie halte sich von fast jeder Geselligkeit fern und lasse zuweilen durch-blicken, die meisten Leute »fielen ihr auf den Wecker« oder ödeten sie an. Traf das zu, wären wir ja wieder beim Dachboden-Naturell, dachte Schlackendörfer, bei den Außenseitern und Sonderlingen. Prompt schlug er das Buch wieder auf. Nebenbei kam darin ein verschrobener Apotheker vor, dessen engster Hausgenosse ein zahmer, sprachkundiger Rabe war. Der Vogel pflegte bei jeder feindlichen Bewegung, etwa eines Besuchers, »Sonderbar!« zu krächzen.

Fenchel war übrigens Sozialist, wenn es Schlackendörfer auch nie gelungen war herauszubekommen, wie sich sein Busenfreund einen Sozialismus in einer Massengesell-schaft, die im wesentlichen aus zigmillionen Kraftfahr-zeugen, Fernsehgeräten und Knallköppen bestand, eigentlich vorstellte. Schlackendörfer lag also eher auf der Linie des Apothekers und der Oberärztin … Er war massenscheuer Skeptiker. Jetzt hätte er, im Gegensatz dazu, an Gerda denken können, die sich gegenwärtig auf einer Fortbildung in Niedersachsen befand, aber das unterließ er lieber. Stattdessen fiel ihm Eisler ein.

Hanns Eisler war erst im vergangenen Herbst gestorben, in Ostberlin, und die Meldungen von seinem Tod hatten vorübergehend zu einer kleinen Verstimmung zwischen Schlackendörfer und Fenchel geführt. Schlackendörfer schätzte Eisler durchaus, jedenfalls in dessen Eigenschaft als Komponist. Etliche Lieder von ihm konnte er auswendig. Kürzlich hatte ihm einer sogar eine Platte mit Eislers letztem großem Werk besorgt, den eindringlichen Ernsten Gesängen – überragend. Doch in politischer Hinsicht war der kleine rundliche Mann weitgehend linientreu gewesen, und als die Ulbricht-Leute im Sommer 1961 mit dem Bau der Berliner Mauer begannen, hatte er auch diese »Maßnahme« gegen »Republikflucht« und »Menschenhandel« verteidigt, sogar als erklärte Antwort auf einen Offenen Brief, in dem sich westdeutsche SchriftstellerInnen kritisch geäußert hatten. Darauf war er nun im Gespräch mit Fenchel zurückgekommen. Fenchel ergriff dabei Eislers Partei, obwohl er sich den Sozialismus wahrscheinlich anders vorstellte, als ihn die Ulbricht-Leute – sozusagen der DDR-TÜV – zuließen. Schlackendörfer wurde beinahe zornig. Aber gegen Fenchels starrköpfige Verteidigung fruchtete selbst Schlackendörfers Rückgriff auf die Musikfreizeit nichts. Damals hatten sie ja emsig mit Kutte und Pedro über »Kommune« diskutiert, weil ihnen selber eine vorschwebte. Beide hatten dabei unter anderem betont, drei Züge seien unerläßlich: Freiwilligkeit in allen Dingen, Vertrauen in allen Dingen und folglich Offenheit in allen Dingen. Sobald sich in einer libertären Gemein-schaft Zwang und Mißtrauen ausbreiteten, könne man sie vergessen. Was aber geschah in der Gänsefüßchen-Republik, der »DDR«? Der Ulbricht-TÜV mißtraute dem Volk, und das Volk mißtraute dem Ulbricht-TÜV. Man war in einer Republik des Spionierens eingesperrt, und wen kann es wundern, wenn das auch ein günstiger Nährboden für die Wühlmäuse war, die die John McCones (CIA-Chef), Adenauers und Schumachers östlich der Werra aussetzten.

Schlackendörfer fluchte, weil das Telefon klingelte. Es war schon nach 22 Uhr. Vermutlich Gerda.

Er zog den Stecker. Er war nicht da, er war dienstlich unterwegs. Er spürte dem Raben nach, der immer »Sonderbar!« sagte.

8

Erfreulicherweise blieb Schlackendörfers Hut am nächsten Tage, in Vessel, trocken. Sogar die Sonne kam ein wenig hervor. Die Liste, die Fenchel besorgt hatte, umfaßte acht Männer und erstaunlicherweise auch eine Frau. Die ersparte er sich einstweilen, weil Bühnke nirgends als lesbisch bezeichnet worden war. Fünf von den männlichen Ingenieuren hatten in dieser Woche Spätschicht. Als er gegen 11 damit anfing, sie mit seinem Besuch zu über-raschen, traf er allerdings nur drei von ihnen an. Das war Pech, aber eine andere Vorgehensweise kam schließlich kaum in Frage. Er konnte nur auf Überrumpelung setzen. Somit würde er unter Umständen genötigt sein, anderntags erneut nach Vessel zu fahren.

Seine Methode im engeren Sinne war so primitiv wie alles Geniale. Sobald ihm der betreffende Kandidat, womöglich von seiner Gattin gerufen, in der Wohnungstür mehr oder weniger stirnrunzelnd gegenüberstand, sagte Schlacken-dörfer den immerselben kurzen Spruch auf: »Guten Tag, Herr Soundso, darf ich Ihnen einen schönen Gruß von Elvira Bühnke ausrichten ..?«

Auf eine Vorstellung verzichtete er. In der Regel verstärkte sich daraufhin das Stirnrunzeln der Kandidaten, ohne daß ihnen eine Verstörung oder gar ein Erschecken anzusehen war. Dann brummten sie etwas wie, dem Herrn müsse wohl eine Verwechslung unterlaufen sein; sie wüßten nichts von einer Dame dieses Namens; wer er überhaupt sei ..? Darauf bat Schlackendörfer beflissen stammelnd um Entschuldigung und trollte sich wieder. Wie sich versteht, parkte er seinen Käfer nie in Sichtweite des betreffenden Hauses. Das beschriebene Muster hatte sich in allen drei Vormittagsfällen so abgerollt, leider. Er konnte sich also über drei Nieten und zwei Abwesenheiten ärgern, während er in einer Pizzeria unweit des Landgerichts zu Mittag aß.

Auch der erste Kandidat von den Frühschichtlern erwies sich als Niete. Der zweite wohnte im Vesseler Osten in einem modernen Dreifamilienhaus mit dem üblichem, durch Hundehaufen garniertem Kurzgeschorenen vor den Kellerfenstern im mittleren Geschoß. Am Bordstein parkten ein paar hübsche Autos, darunter ein stattlicher weinrot lackierter Opel Kapitän P 2,6, den er im Vorübergehen mit einem gewissen Schmunzeln musterte, weil ihn die Lackierung dieser 90 PS starken Limousine an das Weinrot jenes faschistischen Adlers erinnerte, der 1940 im Schwarzwald abgestürzt war. Der Mieter im mittleren Geschoß hieß Bechthold. Als Herr Bechthold öffnete, drückte sich im Hintergrund eine Frau an der Badezimmertür herum, wohl seine Gattin. Schlacken-dörfer schätzte den schmächtigen Mann aufgrund seines schütteren Kopfhaars auf ungefähr 50. Er wirkte unscheinbar und bieder. Als Schlackendörfer jedoch seinen Spruch aufgesagt hatte, blieb ihm, dem Privat-detektiv, fast die Spucke weg. In Bechtholds blauen Augen hatte es unzweifelhaft Alarm geflackert. Und die Frau an der Badezimmertür hatte sich, mit geweiteten Augen, unwillkürlich ans Kinn gefaßt.

Selbstverständlich ließen sich beide Herren weiter nichts anmerken. Bechthold grummelte lediglich, der junge Mann müsse sich geirrt haben, und machte ihm die Tür vor der Nase zu.

Schlackendörfer stieg frohlockend die Treppe hinunter. Gewiß hatte die gewählte Taktik den Nachteil, den Täter, falls man ihn aufspürte, zu warnen. Dagegen war jedoch nichts zu machen, und es war wohl auch kein großes Unglück. Alle greifbaren Spuren des drei Jahre zurückliegenden Mordes dürfte der Ingenieur ja ohnehin längst beseitigt haben, und falls er jetzt fliehen sollte, hatte man doch zumindest seinen Namen. Trotzdem empfahl sich rasches Handeln, sonst brachte er am Ende auch noch seine Gattin oder die beiden halbwüchsigen Töchter um, die er laut Liste hatte. Schlackendörfer nahm sich daher vor, von der nächsten Telefonzelle aus, die er durch die Wagenfenster entdecken würde, Fenchel in seinem Büro anzurufen, um sich wenigstens kurz mit ihm zu beraten. Er hatte seinen Käfer um die Ecke vor einer Grundschule geparkt. Als er die Ecke erreichte, sah er sich natürlich routinegemäß um, wenn auch nicht unbedingt sehr sorgfältig. Niemand folgte ihm. So ging er zum Wagen und fuhr los.

Die gewünschte Telefonzelle stand schon zwei Seiten-straßen weiter vor einer Gaststätte. An der Kneipentür verkündete ein Schild, »Wir machen Osterurlaub vom … bis ..!«, aber die Telefonzelle schien noch in Betrieb zu sein. Sie war auch frei. Während er am gegenüber liegenden Bordstein ausstieg und auf die siebenfach unterteilte seitliche Glaswand der gelblackierten Zelle zuging, kramte er bereits in seiner Anzugjacke nach Kleingeld.

Mitten auf der Straße hielt er plötzlich erschrocken inne – und schimpfte sich fast im selben Atemzug einen Vollidioten. Ein Motor heulte auf, und schon raste jener weinrote Opel Kapitän auf ihn zu, den er vor Bechtholds Haus bewundert hatte.

Bechthold mußte eine enorme Geistesgegenwart besitzen. Nun schien er entschlossen, den lästigen Schnüffler mit dem weichen grauen Hut auf seinen mächtigen Kühlergrill zu nehmen. Schlackendörfer zog es jedoch vor, sich mit dem schon früher diskutiertem Hechtsprung hinter die einzige Deckung zu werfen, die in der Nähe war, nämlich die Telefonzelle. Bechthold riß das Steuer herum, erwischt aber nicht den Schnüffler auf dem Rasen, sondern streifte nur die Seitenwand der Telefonzelle, die daraufhin zerbarst.

Als sich Schlackendörfer wieder aufrappelte und sein Widersacher scharf bremste, um den Kapitän zu wenden und einen neuen Anlauf zu nehmen, lagen bereits etliche Leute in den umliegenden Fenstern und gaben zum Teil spitze Schreie von sich. Der weinrote Panzer brauste schon wieder heran, während Schlackendörfer auf seinem Rasen noch in gebückter Haltung in seine Achselhöhle griff. Dieser Bechthold mußte von Sinnen sein! Schlackendörfer hatte sich bei dem Hechtsprung lediglich ein Knie an einem eisernen Begrenzungsband zerschunden; seine Arme dagegen waren noch unbeschädigt. So zog er seine unangemeldete Pistole und zerfetzte dem Kapitän den zur Straßenmitte zeigenden Vorderreifen. Darauf brach der Wagen aus und knallte vor eine dickere Linde, die auf der anderen Straßenseite stand, wodurch sich die nächste Parallele zur schwarzwälder Musikfreizeit ergab: Bechtholds Wagen fing Feuer.

Erfreulicherweise hatte irgendein Bürger die Polizei alarmiert. Schlackendörfer hörte bereits die Sirenen, während er zu seinem Käfer humpelte, um einmal nachzusehen, ob er eigentlich den vorgeschriebenen Feuerlöscher an Bord hatte. Doch bald nach der Polizei trafen auch Krankenwagen und Feuerwehr ein. Die Linde konnte gerettet werden, während für Bechthold leider jede Hilfe zu spät kam. Die Polizei bestellte einen Leichen-wagen. Dann ließ sie sich Schlackendörfers Pistole aushändigen und bat ihn selber darum, sie aufs Revier zu begleiten. Dem gab er, als der Klügere, natürlich nach.

9

Als Frau Bechthold, schwer geschockt, wieder verneh-mungsfähig war, gab sie ziemlich rasch zu, von ihrer Konkurrentin Bühnke und deren gewaltsamen Ende gewußt zu haben. Offenbar hatte sie ihren etwas blaß wirkenden Gatten, warum auch immer, um jeden Preis halten wollen. Der Bühnke galt ihr ganzer Haß. Die Bühnke hatte ihren Mann verhext. Er war unschuldig. Bühnke setzte ihm zunehmend mit erschlichenen Schwangerschaften, angefangen mit Clemens, sowie der Forderung nach einem neuen gemeinsamen Leben zu, notfalls im Ausland. So erfanden die beiden die Sache mit dem Südafrikaner Stegmüller, planten jenes neue Leben jedoch für Skandinavien, wo sich Bechthold etwas auskannte. Er hatte sich von der Bühnke »belatschern« lassen. So stellte es jedenfalls seine Frau dar. Ob Herr Bechthold tatsächlich bereit gewesen war, seine Gattin zu verlassen oder vielmehr beabsichtigte, Bühnke, mit ihr gen Norden unterwegs, aus dem Verkehr zu ziehen, war kaum zu ermessen. Möglicherweise löste ein Streit einen Totschlag aus. Im anderen Fall kam Bechtholds Frau sogar als Mordbeihelferin in Betracht. Das wäre allerdings niemals nachweisbar gewesen. Deshalb blieb sie von Haft verschont.

Nicht nur Frau Bechthold, auch Schlackendörfer hatte durch das Vesseler »Road Movie« mit dem weinroten Opel Kapitän eine ziemlich große Presse. Es war wie immer. Die einen Kommentatoren fanden Schlackendörfers eigenmächtigen Vorstoß mutig und löblich, die anderen leichtsinnig und verwerflich. Die Staatsorgane neigten eher der zweiten Wertung zu. Sie rügten den Karlskirchener Privatdetektiv und bestraften ihn, durch Gerichtsbeschluß, mit einem halbjährlichem Berufsverbot. Seine Pistole wurde einbehalten. Auf eine Klage, ihm gefälligst den Kaufpreis der klammheimlich erworbenen Waffe zu erstatten, verzichtete Schlackendörfer aus zwei Gründen: a) besaß er keine Quittung, b) aber dafür ziemlich plötzlich 12.000 Mark. Über sie hatte er freilich noch mit Maria Schneider zu verhandeln, die um Anonymität gebeten hatte. Es war die erwähnte Belohnung von der Vesseler Staatsanwaltschaft.



Gastspiel in der Abtreibungsklinik

Schlackendörfer saß eingekeilt auf einem Tischrand neben der Tanzfläche, wippte mit beiden Füßen, nickte mit anerkennend verstülpten Lippen und spürte überdies, es kribbelte ihn zunehmend in den Fingern. Die vier jungen Leute auf der Bühne der Aula des Karlskirchener Gymnasiums waren weniger schlecht, als er befürchtet hatte. Selbstverständlich machten sie, was ihnen noch an Klasse fehlte, durch Lautstärke wett, und ihren Sänger hätte er eher als Losverkäufer auf die nächste Karls-kirchener Kirmes gestellt. Melodiegitarrist Gelbspecht dagegen, den er flüchtig kannte, war eine Wucht. Er kannte den blonden Jungen, weil er Fenchels Sohn war. Eigentlich hieß er Harald. Der Filius mit dem treffendem Spitznamen schien prägnante Läufe oder Riffs zu lieben, die oft wie gehämmert wirkten, und er beherrschte sie auch. Die Band hieß The Woodpeckers, wen konnte es wundern. Wie er von Fenchel wußte, hatte sie sich vor rund einem Jahr darangemacht, auf heimischen Schul- und Dorffesten im Schatten der diversen Beatles und Rattles zu segeln – wie sich versteht, in der Hoffnung auf vergleichbaren Sonnenschein. Aber im Gegensatz zu solchen Idolen beschäftigte die Gruppe sogar eine Frau, laut Programmzettel Katharina alias Ina, und man höre und staune, sie saß an der Batterie! Eigentlich war sie noch ein Mädchen, 17 Jahre alt, wie Schlackendörfer später erfuhr. Schwarzgelockt und ähnlich stämmig gebaut wie Schlackendörfer, spielte sie das Schlagzeug jedenfalls besser als er selbst in jenem Alter. Fenchel oder Maria hätten vielleicht behauptet, es sei hauptsächlich Inas wippender Busen, der das Kribbeln in den Fingern des auf Eis gelegten Privatdetektivs hervorrufe. Aber das wäre Verleumdung gewesen. Es war die Musik.

Als die lokalen Rockstars keine Zugabe mehr im Ärmel hatten und folglich die Kabel ihrer Instrumente und Verstärker einrollten, ging Schlackendörfer mit einem schweren Henkelkorb bewaffnet zur Bühne und gab ihnen eine Runde Flaschenbier aus. Das gefiel ihnen. Selbstver-ständlich wußte nicht nur Gelbspecht, wen sie vor sich hatten. Seit dem Showdown vor der zersplitterten Vesseler Telefonzelle im zurückliegenden April war schließlich auch Schlackendörfer eine Art Lokalheld. So kamen sie gleich ins Gespräch. Von seiner Verflossenen Gerda, der Sozialarbeiterin, wußte Schlackendörfer: Lob zuerst. Also lobte er zunächst einmal dies und das. Dann jedoch mimte er Bestürzung und stellte in beschwörendem Tonfall fest:

»Aber das eine sage ich euch, liebe Leute. Ihr müßt deutsch singen! … Wobei es vielleicht auch nicht übel wäre, wenn ihr besser singen würdet … Außerdem wäre ein Bläser nicht schlecht.«

Da staunten sie, von einer gewissen Verlegenheit einmal abgesehen, vor allem bei Mike, dem Sänger.

»Und wie stellst du dir deine deutschen und guten Gesänge bitte vor?« sagte Gelbspecht. »Woher sollen wir die denn nehmen?«

Jetzt stach Schlackendörfer der Hafer. Er zuckte die Achseln und erwiderte: »Von mir vielleicht … Habt ihr eine akustische Gitarre da?«

Nein, das war leider nicht der Fall.

»Macht nichts«, winkte Schlackendörfer ab und deutete Richtung Schloßberg. »Ich wohne keine 500 Meter weiter am Obermarkt, über Röders Apotheke. Wenn ihr noch etwas Zeit habt, kommt ihr mit, dann spiele ich euch ein paar eigene Sachen vor. Ich hätte auch noch ein paar Flaschen Bier auf Lager.«

Auch das gefiel den Leuten. Schlackendörfer half ihnen, die Ausrüstung in ihren zerschrammten VW-Bus zu packen. Sie ließen den Bus jedoch wohlweislich vor der Schule stehen und gingen zu Fuß zum Obermarkt. Es war ein milder später Freitagabend kurz vor dem Beginn der hessischen Sommerferien 1963. In der Bandgeschichte galt er schon bald darauf als wichtiger Wendepunkt.

2

Schlackendörfer hatte bereits unmittelbar nach seinem befristetem Berufsverbot und dem Empfang der Beloh-nung, die ihm seine neue Geliebte Maria ohne Abstriche überließ, mit dem Gedanken gespielt, seinen eher unerquicklichen Beruf sowieso an den Nagel zu hängen. Die Erinnerungen an den Schwarzwald hatten ihn wieder auf den Geschmack am Musikmachen gebracht. Allerdings schwebte ihm zunächst vor, sich erneut ein Schlagzeug zuzulegen und mit irgendwem Jazz zu machen. Glücklicherweise hatte er das Schlagzeug zum Zeitpunkt des wegweisenden Schulfestes noch nicht gekauft. Schon Maria hatte sowohl seine Lieder wie seinen Gesang gelobt, und siehe da, die Woodpeckers schlossen sich diesem Urteil an. Gewiß hatte Schlackendörfer einen recht klangvollen Bariton, aber den haben viele. Wie denn seine Stimme klinge, was das Betörende daran sei, wollte er von Maria wissen. Die kluge Oberärztin fand keine Beschrei-bung dafür, obwohl sie sonst auf Genauigkeit wert legte. Etwas »Frivoles« schwinge darin mit. Gut drei Jahrzehnte darauf, im Alter, schenkte jemand Maria eine Tonband-Kassette von der Platte »Fashion Nugget« der US-Rockgruppe Cake. Sie war verblüfft. Allein von der Stimme John McCreas her dachte sie, Heinz Schlackendörfer sei wieder auferstanden und habe sich jetzt dem Englisch-Trend anbequemt.

Die Woodpeckers hatten einen Probenraum neben Stubenrauchs Antiquariat im Kellergeschoß einer heruntergekommenen Villa, die in der Altstadtgasse »Hinter dem Amtsgericht« lag. Im erhöhten Erdgeschoß tobten die NutznießerInnen eines sogenannten Kinder-ladens, damals eine Neuheit. Die Villa gehörte Apotheker Röder. Stubenrauch, hager und bereits weißhaarig, früher Tischler, später Spanienkämpfer (wie Kutte), wohnte auch in seinem dämmrigem Büchergemach. Der Krach seiner jungen Nachbarn störte ihn nicht, weil er sowieso schon halb taub war. Der Probenraum war mit unzähligen Eierkartons ausgeschlagen und im Hochsommer angenehm kühl. Schon bei der ersten Probe mit ihrem zukünftigen neuen Sänger und Rythmusgitarristen nahmen die Woodpeckers Schlackendörfers altes Lied »Herzlos« auf, siehe oben, wenn auch noch ohne Saxophon, weil Mike dafür noch zu ungeübt war. Schlackendörfer hatten sie einen »Pickup«, einen kleinen Tonabnehmer ins Schalloch seiner Westerngitarre geklemmt. Bald darauf folgten Aufnahmen von »Meuchelst du« und so weiter. Schlackendörfer war durch sein neues Engagement schon beinahe in einen Schaffensrausch geraten. Was seinen Vorgänger Mike angeht, hatte sich dieser überraschend als früherer Saxophon-Musikschüler herausgestellt, und prompt hatte er seine »Tröte« wieder ausgegraben. Nur das war vermutlich seine Rettung. Ohnedem hätte er wohl seinen Hut beziehungsweise die blaue Baskenmütze nehmen müssen, die seine kastanienbraune Lockenpracht zu krönen pflegte. Die Qualitäten seines Nachfolgers am Gesangsmikrophon und als »Frontmann« überhaupt erkannte er ohne zu nörgeln an. Nach wenigen Wochen und zwei kleineren Auftritten galt Heinz Schlackendörfer allen vier Ex-Woodpeckern auch als der angemessene Leiter und Manager der neuen Band. Ja, es war plötzlich eine andere Band. Die Idee mit der Umbenennung war Ina nach dem zweiten Auftritt gekommen, der ihnen, insbesondere aber ihrem Liedlieferanten und Sänger, eine ausgesprochen günstige Lokalpresse eingebracht hatte. Seitdem stand auf den Plakaten und in den Überschriften der Zeitungskritiken, The Woodpeckers ersetzend, nur noch Schlackendörfer. Mehr nicht.

Lied meuchelst du (pdf, 17 KB)

3

Es wäre verfehlt, aus der Umbenennung der Band auf jenen »Personenkult« zu schließen, den Schlackendörfer im kommenden Jahr just seinen Mitstreitern unter die Nase reiben würde. Obwohl die Band bald »einschlug« und etwa auch ins Fernsehen kam, trat Frontmann Schlackendörfer stets angenehm bescheiden auf. Mit seiner ruhigen Art, seiner zerbeulten olivgrünen, breitrippigen Manchesterhose und seinem kunstlos zurückgekämmtem kurzem Kraushaar erinnerte er eher an einen Maurerpolier, nicht an den Firmenchef. Befehle gab er nie; er schlug etwas vor oder bat um etwas. Es war die frühe schwarzwälder Schule, die er unter Pedro und Kutte genossen hatte.

Das erstaunte selbst Fenchel, soweit sich der Karls-kirchener Kriminalkommissar gelegentlich dazu aufraffen konnte, ein lautstarkes sogenanntes Konzert seines Sprößlings Harald und seines Busenfreundes Heinz zu verfolgen. Im Bad Wildunger »Quellensaal« saß Fenchel ganz hinten, wenn auch erhöht, auf der rückwärtigen, einzigen Empore. Diesen Auftritt hatte ihnen Maria verschafft, die Oberärztin aus der Kurklinik. Er fand Mitte September statt. Obwohl an die gläsernen Saalwände leichter Regen schlug, stellte sich der Auftritt schon wenige Tage später als Schlackendörfers »Durchbruch« heraus. Der Quellensaal war erst 1960 an die halbkreisförmige Wandelhalle des Kurbades angebaut worden. Er wurde hauptsächlich für Theatervorstellungen, Chorkonzerte und Vorträge genutzt. Nun hatten sich trotz des regnerischen Wetters mindestens 700 meist jüngere ZuhörerInnen und mindestens sieben regional bedeutende »Experten« der Rockmusik eingefunden, darunter Olaf »Tönnchen« Moog, der für den Hessischen Rundfunk arbeitete und in der Wochendbeilage der Frankfurter Rundschau die berühmte »Schallplatten-Rundschau« verantwortete. Schlacken-dörfer hatte mit ihm telefoniert, und nach dem Konzert versicherte Moog den Musikern (und der einen Schlagzeugerin), ihr Frontmann und Manager hätte eher zu wenig versprochen. Er, Moog, habe eine derartige Rockmusik – klug, bissig, zündend, unenglisch und poetisch – bislang in Deutschland noch nirgends gehört. Es sei eine Neuheit. Man könne sie nur willkommen heißen, und genau das werde er auch tun. Der Präsenz im Radio folgten rasch Fernsehauftritte, und schon Anfang 1964 legte die Band ihre erste Langspielplatte vor. Sie hieß Herzlos und ging weg wie warme Semmel.

Wenn hier Schlackendörfers Bescheidenheit unterstrichen worden ist, soll nicht behauptet werden, der mit Abstand Gruppenälteste sei von jeder Eitelkeit frei gewesen. Erfolg und Anerkennung behagen, ja schmeicheln dem Erfolg-reichen immer. Schlackendörfer hielt sich jedoch seit Jugend dazu an, die Anerkennung, sofern sie kam, für seine jeweilige »Arbeit« zu verbuchen, nicht für seine Person. Hatte er sich darauf eingelassen, den Jazzbesen zu rühren, eine Falle zu stellen oder Autoreifen zu zerschie-ßen, hatte er diese Arbeit um der Sache willen gut zu erledigen. Die Sache forderte ihr gutes Recht. Die Person war nebensächlich. »Das darfst du natürlich keinem Politiker erzählen«, hatte ihm der alte Stubenrauch einmal augenzwinkernd gesagt. »Wenn er es glaubt, hängt er sich unverzüglich auf.« Maria ging sogar noch weiter als die beiden. Für sie war es bereits unangebracht, auf irgendeine Eigenschaft oder Leistung »stolz zu sein«. Was denn eine Brigitte Bardot dafür könne, hübsch auszusehen und ein sexueller Vulkan zu sein, falls sie einer sei? Gar nichts. Das seien genauso Geschenke des Zufalls, für die es weder Quellenangaben noch vernünftige Begründungen gebe, wie etwa Schlackendörfers Stimme oder sein Geschick, Kleinode der Liedkunst zu schaffen, oder die Disziplin, mit der er sich dazu erzogen habe, aus Gesundheitsgründen Fußball zu spielen, jeden Morgen 20 Liegestütze zu machen und hartnäckig Tabak- oder Hanfkonsum zu meiden. »Aber das sind doch Willensakte!« warf Schlackendörfer unwirsch ein. »Na und?« gab sie zurück. »Hast du dir deinen Willen vor der Geburt ausgesucht?« Er erwiderte: Das nicht gerade, aber er nutze die Spielräume seines Willens eben so, während andere sie schlecht nutzten. Daran seien sie selber schuld. »Unfug!« triumphierte sie. »Ist dein Wille nicht frei, sind es auch dessen Spielräume, Wahlmöglichkeiten, Entscheidungen nicht, die er dir freundlicher- oder eher hämischerweise gewährt. Das ist ja wohl logisch!« Diese Debatte hatte, wie so oft bei ihnen, mit einem langem Kuß geendet, der ebenfalls einer gewissen Logik unterlag.

Maria erwies sich für Schlackendörfer in vielerlei Hinsicht als wertvolle Stütze. Sie schärfte sowohl seine Sinne wie seinen gesellschaftskritischen Blick. Sie förderte seine Bildung, indem sie ihn gezielt mit Büchern versorgte oder, falls ihr Schrank passen mußte, zu Stubenrauch schickte. Seine anderen Liebschaften, die verständlicherweise bei seiner Front-Stellung kaum ausbleiben konnten, förderte sie zwar nicht, sie hütete sich jedoch, sie zu verdammen. Sie lebte selber nicht unbedingt monogam. Sie bat nur wiederholt um Seuchen- und Kinderschutz, und in der Regel verhielt sich Schlackendörfer entsprechend achtsam. Gleichwohl kam es diesbezüglich im neuen Jahr zu einem kleinem Unfall: Ina vermeldete eine Schwangerschaft. Sie war Mitte März bei einer verschwiegenen Frauenärztin gewesen. Peinlicherweise wußten sie alle, die dunkle üppige Schlagzeugerin selber und den »Frontmann« eingeschlossen, nicht mit Sicherheit zu sagen, welcher Ina nahestehende Kerl diese Schwangerschaft verursacht habe. Nach einer längeren Erörterung im Probenraum der Villa einigten sie sich allerdings darauf, im Grunde sei es ziemlich egal. Niemand von ihnen könne jetzt einen dicken Bauch und ein Kind gebrauchen, folglich müsse eine Abtreibung her. Da eine solche nach dem berüchtigten § 218 damals in Westdeutschland noch streng verboten war, wurde Schlackendörfer gebeten, bei Maria Rat zu suchen. Sie fuhr gleich zu ihm und bog sich zunächst einmal kichernd über seinen Küchentisch, als sie die Geschichte hörte. Dann machte sie den recht weittragenden Vorschlag mit Amsterdam.

In der holländischen Küstenstadt mit den vielen Grachten gab es neuerdings eine behördlich geduldete Klinik, die speziell Abtreibungen und Sterilisationen vornahm. Die Kosten seien erschwinglich; die Band verdiene ja bereits gut. Vielleicht sollten die männlichen Musiker die Gele-genheit beim Schopfe ergreifen und ihre Schlagzeugerin allesamt gleich begleiten, um sich ebenfalls einmal kurz auf den Operationstisch zu legen, meinte Maria. Das gehe ja immerhin ohne Vollnarkose ab, wie sie erfahren habe, und der »Pimmel«, so ihr Ausdruck, bleibe dran. Schlackendörfer war zunächst verblüfft, hielt es aber rasch für eine ausgezeichnete Idee. Als der Vorschlag in der Band diskutiert wurde, gab es erfreulicherweise keinen erbitterten Widerstand. Nur Ziege, der Mann an der elektrischen Baßgitarre, wollte sich bei der Aktion in der Klinik ausnehmen, weil es sein Herzenswunsch sei, demnächst seine feste Freundin Inge zu heiraten und eine Familie mit Kindern zu gründen. Ziege hieß eigentlich Lothar und glänzte mit dem einzigen Bart in der Band. Das rötliche Gewölle an seinem Kinn lief spitz zu und hing ihm zuweilen im Schaum seines Bieres. Den Hinweis auf die allgemeinen trüben Zukunftsaussichten auf diesem Planeten ließ Ziege so wenig gelten wie den auf die vielen Kinder aller Farben, die man günstig adoptieren könne. Er wollte eigene Kinder. Sicherlich welche mit Ziegenbart, dachte Schlackendörfer und nickte ihm verständnisvoll zu. Man mußte sich Ziege warm halten, denn er war ein beachtlicher Bassist; außerdem hatte er sich bereit erklärt, trotz seiner ablehnenden Haltung mit nach Amsterdam zu fahren, damit sie den geplanten »Gig« hinbekämen. Das war Schlackendörfers Vorschlag gewesen. Wenn man schon einmal dort sei, könne man doch sicherlich einen Auftritt der Band organisieren und anschließend wieder Dutzende von LP's verkaufen. Da hätte man die Arzt- und Reisekosten schon halb im Sack. Er habe bereits mit Moog telefoniert, der keine Probleme sehe. Sie sollten ihm rechtzeitig den privaten Termin mitteilen, den sie gerne wahrnehmen wollten, dann rufe er Soundso in Amsterdam an, der sicherlich schon etwas Geeignetes finden werde.

Es war die ehemalige »Pumpenhalle« eines stillgelegten Kraftwerks, das inzwischen als »Kulturfabrik« diente. Die Halle faßte nicht viel mehr Leute als der Wildunger Quellensaal, bestach jedoch durch ihr »proletarisches« Klima. Jedenfalls galt das für Schlackendörfer in seiner Manchesterhose. Wie sich versteht, hatte er den Veranstaltungstermin vor den Kliniktermin gelegt, der ihnen womöglich vier Halbtote bescherte. Die Anfahrt war ohne neuerlichen Unfall abgegangen. In die Plattenhüllen hatten sie unterwegs in ihrem beinahe neuem Mercedes-Bus noch eigens gedruckte zweisprachige Faltblätter mit den Liedtexten geschoben, deutsch und englisch. Sie verkauften satte 123 Platten.

Schon am Tag nach den Eingriffen fuhren sie in guter Laune zurück. Ina wurde im Heck ihres Wagens wie eine Fürstin auf einen Berg aus Kissen gebettet. Schlacken-dörfer nutzte die Fahrt, um ein neues Lied aufs Papier zu werfen. Es besang den gegenwärtigen westdeutschen beleibten Kanzler und schlug zwei Wochen darauf sozusagen wie eine Bombe ein. Von zweien, die das Stück im Radio hörten, war der eine entrüstet, der andere stark belustigt. Sogar Dr. Ludwig Erhard selber war entrüstet, und was er daraufhin tat, war ungefähr das Dümmste, was man in einer solchen Situation tun konnte. Er verklagte Schlackendörfer, den Schöpfer des Werkes, und verlangte nebenbei ein unverzügliches Aufführungsverbot. Das Lied stelle nicht nur eine üble Herabsetzung seiner Person dar; es verunglimpfe auch generell den deutschen Staat und seine Organe. Durch diesen Akt wurde Schlackendörfer prompt auf die Titelseite des Spiegels katapultiert. Die frische Langspielplatte wurde sofort nachgepreßt. Aus dem Prozeß selber, der eigentlich schon unwesentlich geworden war, gingen Schlackendörfer und seine MitstreiterInnen als Sieger hervor. Ihr Rechtsanwalt setzte sich mit der Auffassung durch, Herr Erhard sei ja mit dem »Kanzler« des Liedes gar nicht gemeint; schließlich gebe es viele beleibte führende Politiker auf der Welt, er nenne nur Winston Churchill. Und von einer Verunglimpfung staatlicher Organe könne nicht die Rede sein; vielmehr würden diese ja im Lied sogar gelobt, weil sie zur rechten Zeit die rechten Notstandsmaßnahmen ergriffen hätten. Durch diesen Sieg konnte sich die Band einbilden, zum unaufhaltsamen Niedergang Ludwig Erhards beigetragen zu haben. Im Herbst 1966 mußte er den Kanzlerthron räumen.

Lied der kanzler will kein kind (pdf, 15 KB)

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In diesem Sommer wuchs Schlackendörfers Unbehagen am Zustand und an der vorhersehbaren Entwicklung der Band rascher als Erhards Leibesumfang. Schon die büro-kratischen Übel, die ja weitgehend auf seinen Schultern lagen, voran Steuer-, Vertrags- und Urheberrechtsfragen, waren größer, als er noch vor einem Jahr angenommen hätte. Ferner beängstigten ihn die zunehmende Kilometerfresserei und die zunehmende Aufrüstung der Band. Seine lieben MitstreiterInnen wünschten die Gitarren immer neuer, die Verstärkertürme immer höher – und sicher, das Publikum immer zahlreicher. Im Juli waren sie die Hauptgruppe bei einem Open Air in Ingelheim bei Mainz gewesen, bei dem sich, während sie spielten, sicherlich 5.000 Leute auf dem Gelände aufhielten. Aber das Schlimmste war das Gefallen, das seine MitstreiterInnen an ihrer Rolle als Stars fanden. Sie führten sich mehr oder weniger wie Pfauen auf, Ina eingeschlossen. Offensichtlich war ihnen der bisherige Erfolg bereits zu Kopf gestiegen – und sehr viel von Stoffen anderer Art war in ihren Köpfen leider auch nicht drin.

Was das Faß, für Schlackendörfer, zum Überlaufen brachte, war ein harmloser Abend Anfang September, als sie nach der Probe im Biergarten des Hessischen Hofes saßen. Der Gasthof lag nicht weit von der Villa und dem Amtsgericht entfernt an der Vesseler Straße und war gleichsam ihre Stammkneipe. Man merkte übrigens schon allein daran, wie sich die MusikerInnen durch die Tisch-reihen schoben, den einen lässig mit zwei angehobenen Fingern grüßten, dem anderen ein gönnerhaftes Lächeln oder gar einen Scherz schenkten, wie sehr sie von ihrer neuen Bedeutung durchdrungen waren. Aber das nur nebenbei. Nach dem zweiten Glas Bier konnte Mike nicht mehr an sich halten und platzte mit notdürftig gezügeltem Ton heraus:

»Habe ich euch eigentlich schon erzählt, was ich mir selber zum Geburtstag schenken werde?«

Der schlanke, trotz einer Hakennase durchaus hübsche Mann wurde in zwei Wochen 24. Man muß anerkennen, daß er sich auf dem Saxophon in nur einem Jahr stark gemausert hatte. Seine kastanienbraunen Locken trug er inzwischen schulterlang. Die blaue Baskenmütze steckte dafür meistens in der Arschkippe seiner ausgestellten Hosen. Jetzt winkte er ab und verriet es ihnen:

»Einen Porsche 901 werde ich mir schenken … Ist bereits bestellt … Nagelneu natürlich … Knallrot …«

Dabei beließ er es zunächst. Nur Schlackendörfer sah ihn nach dieser Eröffnung entsetzt an. Zufällig wußte er von Maria, die fragliche Zivilkanone hatte 130 PS und kostete rund 22.000 Mark. Rudolf Schneider, offiziell noch ihr Gatte, fuhr dasselbe Modell. Die anderen am Tisch zeigten sich teils amüsiert, teils nachsichtig. Die schwarze Ina bedachte Mike sogar mit einem langen anhimmelnden Blick, weil sie sich schon auf dem Beifahrersitz der rotlackierten Zivilkanone sah. Ziege strich anerkennend seinen Bart und winkte nach der Kellnerin, weil er eine Runde Schnaps auszugeben gedachte. Schlackendörfer wehrte allerdings dankend ab, trank im Aufstehen sein Bier aus und verdrückte sich mit der Entschuldigung, er müsse noch zu Maria fahren. »In meinem alten Käfer ...«, fügte er über die Schulter hinzu.

Das stimmte nicht ganz; er telefonierte aber immerhin noch am selben Abend fast eine halbe Stunde mit seiner Geliebten, weil er seiner Enttäuschung Luft machen mußte und ihren Rat benötigte. Im Ergebnis schrieb er seinen Mitstreitern am nächsten Vormittag den folgenden Brief. Er legte ihn noch am Mittag in den Probenraum, weil sie eben dort für den Nachmittag verabredet waren. Schlackendörfer selber nahm allerdings nicht mehr teil.

>>Liebe Leute, ich möchte euch hiermit meinen Rücktritt erklären. Diese Entscheidung ist wohlerwogen und unwiderruflich. Selbstverständlich könnt ihr meine Lieder weiter spielen; ich bitte euch jedoch dringend, die Band erneut umzubenennen, weil ich mich mit ihr nicht mehr »identifizieren« kann, um als Ex-Detektiv zu sprechen. Die Band wird zunehmend von der Konsumindustrie eingespannt, dreht sich bereits in der bekannten Spirale technischer Aufrüstung mit, entfernt sich im Galopp von den Kleinen Leuten beziehungsweise Rebellen. Diese Tendenzen habe ich schon wiederholt kritisiert, aber leider vergeblich. Deshalb wäre ein Gespräch über meine Position sinnlos. Selbstverständlich werde ich die Person, die ihr dafür bestimmt, in alle Fragen des Büros und der Finanzen einweisen.

Gewiß haben wir uns stets gleiche Honorare ausgezahlt, und was ein jeder von uns damit anstellt, haben wir keinem vorgeschrieben. In einer Gruppe sollte es jedoch eine gewisse allgemeinverbindliche Moral geben, die ihrem Profil entspricht. Mikes Geburtstagsgeschenk haut in dieser Hinsicht voll daneben.

Ich hoffe sehr, mich fallen nie die berühmten »Schuld-gefühle« an, weil ich euch etwa im Stich gelassen hätte. Soweit es aber nur die Finanzen angeht, müßt ihr selber sehen, wie ihr zurechtkommt. Schließlich habe auch ich das Problem, mich weiterhin zu ernähren, und ich weiß noch keineswegs genau, wie. Sollte aber Mike spezielle Probleme bekommen, kann er ja den Porsche durchaus wieder, mit geringem Verlust, verkaufen. Falls der Wagen dann noch kein zusammengestauchter und ausgebrannter Schrotthaufen ist.

Mit Dank für viele Freuden und lehrreiche Erfahrungen, die wir gemeinsam hatten: Heinz.<<

Fortsetzung
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