Montag, 6. September 2021
Schlackendörfer Teil 2

Ehrenrettung einer Putzfrau und städtebauliche Bereinigung

Der Karlskirchener Untermarkt wurde vom dreigeschos-sigen, hellverputzten Rathaus beherrscht. Es war vor ungefähr 100 Jahren eingeweiht worden. Im Mitteltrakt, über dem Eingangsportal, konnte es sogar mit einem Balkon glänzen, der für den Fall gut gemästeter Bürgermeister oder Landräte von zwei dicken Säulen unterstützt war. Weiter oben, auf dem Dach, prunkte ein winddurchlässiges Uhren- und Glockentürmchen mit wilhelminischem Schieferhelm. Das Zimmer, das sich Gewerbeamt nannte, lag im 2. Stock. Als sich Schlacken-dörfer Mitte Oktober dort einfand, um sich beinahe reumütig wieder als Detektiv anzumelden, verkniffen sich die MitarbeiterInnen jeden Kommentar, obwohl sie natürlich Lokalzeitung lasen. Rockband Schlackendörfer streicht die Segel, hatten sie da kürzlich gelesen. Sie wirkten lediglich leicht hochnäsig wie immer. Wahrschein-lich hielten sie sich für den Motor der »brummenden örtlichen Wirtschaft«, so ein jüngstes Wort des Bürger-meisters. Ob sie wenigstens wußten, daß die Tage ihrer ganzen Einrichtung – Stadtverwaltung am Untermarkt – gezählt waren, läßt sich schwer beurteilen. Schlackendörfer wußte es jedenfalls zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

In den 1. Stock zurückgestiegen, stach ihn schon wieder der Hafer. Er wußte, hier lag das Ordnungsamt. Einge-treten, schwenkte er seine Anmeldung und ersuchte um die Genehmigung, eine Schußwaffe zu führen. Wie man sich vielleicht erinnert, tat er das nicht zum ersten Mal. Der junge Herr Schmieder verbarg sein Grinsen rasch, indem er sein flottes Oberlippenbärtchen strich, und blickte fragend zu seinem Vorgesetzten, der Koch hieß. Offenbar hatte der deutlich ältere Glatzkopf gerade einen Volkshochschulkurs in Logik oder für die Förderung von Gönnerlaune besucht. »Nun ja«, rieb er sich die Schläfe, »die Dinge sind im Fluß – Heraklit, glaube ich. Sie sind ja jetzt bekannt wie ein bunter Hund, Herr Schlackendörfer, wenn ich so sagen darf. Einmal wegen der Schießerei in Vessel, und dann wegen Ihrer Rockmusik. Folglich sind Sie, aufgrund dieser exponierten und auch recht umstrittenen Stellung, inzwischen durchaus gefährdet, jedenfalls theoretisch. Und nur darauf kommt es ja an. Stimmst du mir zu, mein Sohn?« Er meinte Schmieder. Und da dieser sofort eifrig nickte, schloß Herr Koch befriedigt: »Also gut, Herr Schlackendörfer, Sie bekommen den Schein.«

Maria sprach später von einem netten kleinen Treppen-witz. Hätte ihn Bühnkes mutmaßlicher Mörder damals von seinem weinrotem Opel Kapitän aus mit einer Jagdflinte erschossen, statt ihn auf die Hörner zu nehmen, wäre es somit, Koch zufolge, in Ordnung gewesen, weil Schlacken-dörfer ja noch eine graue Maus gewesen sei, auf die es nicht weiter ankomme. Nun habe sich ihr Liebster jedoch bewährt – und lebe zufällig noch … Den Schein selber fand sie weniger toll. Im Grunde konnte sie zwischen einem Porsche und einer Pistole keinen nennenswerten Unterschied erblicken. Die Männer müßten sich immer in irgendwelche Schlachten werfen, maulte sie. Schlacken-dörfer lenkte sie jedoch mit Zärtlichkeiten ab und kaufte sich die Pistole, als er in Vessel zu tun hatte. Fenchel billigte seinen Schritt. Er nahm Schlackendörfer den Winter über sogar wiederholt auf den Schießstand der Polizei mit, weil sein Busenfreund doch ziemlich aus der Übung gekommen war.

Die Polizei des ungefähr 12.000 EinwohnerInnen zählenden Städtchens saß übrigens nicht im Rathaus, sondern in einem jüngerem eigenem Gebäude, das gleich jenseits des Untermarkts in der Bahnhofstraße lag. Die Kriminalabteilung bestand lediglich aus drei Personen, Fenchel an der Spitze. Das Hauptquartier der regionalen Kripo thronte nämlich in Fritzlar, der damaligen Kreisstadt. Was Kriminalkommissar Fenchel anging, war er auch über jenen Schritt Schlackendörfers, den aufge-wühlten Bereich der Rockmusik zu fliehen, keineswegs erbost gewesen, im Gegenteil. Die Band hatte sich nur wenige Wochen nach dem Ausstieg ihres Frontmanns aufgelöst. Fenchels Sprößling Harald alias Gelbspecht, der Schnellfeuer-Melodiegitarrist, war sogar zu einer explosiven Läuterung gekommen. Er entsann sich seines früheren Wunsches, Medizin zu studieren, und hängte die professionelle Unterhaltungsmusik, wie Schlackendörfer, an den Nagel. Die drei anderen MusikerInnen kamen bei namhaften Rockbands in Holland und England unter. Mike nahm seinen Porsche mit.

Da Schlackendörfer weiterhin nicht völlig unbeträchtliche Tantiemen für Abspielungen und Aufführungen seiner Kompositionen bezog, konnte er nun bei seinen Aufträgen als Detektiv wählerischer sein. Seitensprungs- und Eigentumssachen nahm er gar nicht mehr an. Als eine interessante und lehrreiche Sache erwies sich jedoch ein Vergewaltigungsfall, der ihn im Frühjahr 1965 beschäftigte. Das heißt, genau genommen hatte es sich zunächst um eine mutmaßliche Vergewaltigung gehandelt. In Begleitung ihres schnauzbärtigen Ehemanns war eine 33jährige türkische Reinemachefrau bei Schlackendörfer erschienen, die zwar recht schüchtern, aber kaum unterwürfig wirkte. Sie putzte regelmäßig im Gymnasium. Nun gab sie an, vorgestern habe sie ein ihr unbekannter Mann mit schwarzer Augenmaske (»wie beim Fasching«) angefallen und vergewaltigt, als sie am frühen Abend im Kellergeschoß des alten Schulgebäudes zu tun hatte. Eine Schwangerschaft sei gottseidank nicht zu befürchten. Die Polizei wollten beide Eheleute unbedingt meiden. Die Frau schämte sich und hatte Angst vor Inquisition, und auch der Gatte, Betriebselektriker in einer Zuckerfabrik in Wabern, war nicht gerade gut auf die Polizei zu sprechen. Er glaubte seiner Frau jedoch und war der Meinung, man müsse verhindern, daß der Täter noch weitere Opfer finde. Von Vergeltung sprach er erstaunlicherweise nicht. Diese Haltung beeindruckte Schlackendörfer genug, um den Fall zu übernehmen, nachdem er sich noch ein paar Einzelheiten hatte schildern lassen und sich anderntags von der Richtigkeit der Personalangaben seiner neuen Klienten überzeugt hatte. Er sagte den beiden von sich aus eine milde Honorarabrechnung zu.

Die Frau sprach nur mangelhaft deutsch. Ihr Mann erzählte bei dem Antrittsbesuch, der Täter habe sich angeschlichen, seiner Frau den Mund zugehalten und sie in den Heizungskeller gedrängt. Dort habe er sich an ihr vergangen. Als sie, schockiert und benommen, mitbekam, der flüchtende Täter hatte in seiner Aufregung Mühe mit dem innen steckenden Schlüssel der Heizkellertür, habe sie eine Art schweren Schürhaken ergriffen und den Mann bedroht. Da sprang die Tür jedoch endlich auf, und er rannte zur Treppe. Sie schrie um Hilfe, verfolgte ihn und traf ihn am Fuß der Treppe mit dem Eisen immerhin so kräftig an einer Wade, daß er vorübergehend ans Geländer taumelte. Aber er fing sich und entkam. Wenig später eilte von oben eine Kollegin der türkischen Putzfrau herbei, freilich zu spät. Die Kollegin hatte den Täter nicht gesehen.

Er habe zunächst vermutet, der Täter sei einer der Anstreicher gewesen; die seien allerdings, nach seinen Erkundigungen, schon mittags abgezogen, erklärte der Ehemann. Vielleicht sei es doch eher einer von den Lehrern gewesen. Den Hausmeister kenne ja seine Frau; der scheide aus. Der Täter sei mittelgroß gewesen, nicht dick, aber, von den entblößten Oberschenkeln her, »etwas wie Pudding«, habe seine Frau berichtet. Dazu nickte sie. Eine Kopfbedeckung habe er offenbar für überflüssig gehalten – leider habe er braunes Haar gehabt, wie so viele. Wahrscheinlich sei er um 40 Jahre alt.

Schlackendörfer nickte ebenfalls und dachte eine Weile nach. »Einer von den Anstreichern, sagten Sie ..?«

Ja, im ganzen Treppenhaus sei das Geländer neu lackiert worden. Überall hätten die Schilder gehangen: Achtung frisch gestrichen.

»Interessant ..!« murmelte Schlackendörfer, ohne weiter darauf einzugehen. »Ist Ihre Frau imstande, die Kleidung zu beschreiben? Was hatte der Kerl an?«

Sie schüttelte ihren schwarzgelockten Kopf. Verständ-licherweise hatte sie kaum darauf geachtet. Irgendeinen dunklen Anzug hatte er getragen.

Bald darauf begleitete Schlackendörfer das Ehepaar zu seiner Wohnungstür.

Schlackendörfers Schlachtplan war nicht sonderlich beeindruckend, erwies sich jedoch als wirkungsvoll. Zwei Tage lang stand er sich am Gymnasium die Beine in den Bauch, wie sich versteht, verdeckt. Er hatte sogar sein Opernglas eingesteckt und das Fensterglas seiner Tarn-brille geputzt. Beim Schuldirektor vorzusprechen, hatte er verworfen, hätte ihm dieser doch höchstwahrscheinlich nur einen Besuch bei Kriminalkommissar Fenchel empfohlen. Aber den Hausmeister suchte er auf, ohne Brille. Ob er Schlackendörfer freundlicherweise den Markennamen des neuen türkisfarbigen wunderbaren Treppenhausgeländeranstrichs verraten könne, denn genau das wäre das Richtige für seine Balkonmöbel. Der gemütliche Mann drückte ihm gleich eine ganze zerbeulte Dose in die Hand, die sogar noch einen Rest der Farbe enthielt. Zwar wußte er nicht, daß Schlackendörfers Mansardenwohnung gar keinen Balkon zu bieten hatte; den Mieter freilich, Ex-Rocksänger, den kannte er schon.

Von den mittelgroßen, nicht zu dicken Lehrern um 40, die am Gymnasium ein- und ausgingen oder über den Schulhof stolzierten, waren sieben mehr oder weniger braunhaarig. Aber nur einer von ihnen hinkte leicht. Schlackendörfer zog ein paar Gymnasiasten ins Gespräch (die ihn prompt um Autogramme auf Schulheftrückseiten baten) und erkundigte sich beiläufig, ob jener Lehrer schon immer hinke. Dadurch erfuhr er auch gleich dessen Namen. Nein, er hinke erst neuerdings. »Vielleicht hat Öhmel sein rechtes Bein nur mit Gewalt aus einem Gullyschlitz bekommen«, witzelte einer – durchaus schlagfertig, wenn auch etwas makaber, falls man Schlackendörfers Verdacht kannte.

In Wahrheit, so Schlackendörfers Theorie, hatte der Schürhaken des beklagenswerten Opfers kräftig genug zugeschlagen, um den Täter für einige Tage hinken zu lassen. Zugleich war er durch den Streich an das frischlackierte Treppengeländer getaumelt oder hatte es jedenfalls hauchdünn gestreift.

Öhmel fuhr einen Käfer wie Schlackendörfer, nur keinen weißen, und etwas neuer wirkte der Wagen auch. Der Detektiv folgte ihm bis ins Nachbardorf Maden, wo der Lehrer im Obergeschoß eines ehemaligen Bauernhauses wohnte. Auf seine Brillen-Attrappe verzichtete Schlackendörfer nun. Öhmel trug ebenfalls keine Brille, auch keinen Bart, keinen Hut und keinen dunklen Anzug. Der Anzug war heute hell. Öhmel war ein blasser, im Gesicht recht profillos wirkender Mensch, und auch seine wenig geschmeidige Bewegungsweise kam dem »Pudding« nahe, von dem die Putzfrau gesprochen hatte. Als Schlackendörfer geklingelt hatte, steckte er sein etwas teigiges Gesicht aus einem Fenster und fragte mit heller Stimme nach Schlackendörfers Anliegen. »Nur eine kleine Umfrage des Landratsamtes«, erwiderte Schlackendörfer. »Wenn ich für zwei Minütchen heraufkommen könnte, Herr Öhmel ..?« Der zuckte die Achseln und erklärte: »Die Haustür ist offen.«

Wie es aussah, lebte Öhmel allein. Jetzt stand er stirnrunzelnd an seinem Küchentisch, bot dem Besucher einen Stuhl an und sagte: »Sind Sie nicht der Rocksänger aus Karlskirchen? Der mit dem Kanzler-Lied ..?«

Sie nahmen beide Platz. »Ja und nein«, erwiderte Schlackendörfer. »Im Augenblick bin ich in juristischer Mission unterwegs, Herr Öhmel. Ich wollte mich einmal bei Ihnen erkundigen, was Sie vor einigen Tagen dazu trieb, im Keller ihres Schulgebäudes eine Putzfrau anzufallen und zu mißbrauchen ..?«

Er wurde noch blasser, als er sowieso schon war, keine Frage. Er fing sich jedoch rasch und zischte: »Wie kommen Sie zu solchen unverschämten Anwürfen, Herr Schlackendörfer? Vielleicht sollten Sie lieber wieder gehen, ehe ich die Polizei anrufe.«

Schlackendörfer verkniff sich ein Schmunzeln. »Wir können es kurz machen, Herr Öhmel, falls Sie vernünftig sind. Rollen Sie bitte einmal ihr rechtes Hosenbein hoch.«

»Sind Sie von allen guten Geistern verlassen? In meiner eigenen Wohnung wollen Sie mich zwingen, die Hosen hoch zu rollen? Raus, aber dalli!«

»Ganz wie Sie wünschen«, entgegnete Schlackendörfer und zog seine noch ziemlich fabrikneue Pistole aus dem Schulterhalfter. »Diese Waffe ist lizenziert und geladen, Herr Öhmel. Es würde mir nichts ausmachen, Ihnen zunächst einmal ein Ohrläppchen wegzuschießen. Bei der Karlskirchener Polizei bin ich als guter Schütze bekannt. Aber die Polizei weiß nicht, daß ich hier bin. Unter Umständen könnte die Sache unter uns bleiben, Herr Öhmel. Also bitte: Hosenbein hoch!«

Er war sichtlich bestürzt und verwirrt. Nach einer Weile hatte er wohl beschlossen, erst einmal Zeit zu gewinnen. Er stellte das recht Bein aus und zog die Hose übers Knie. Die Wunde war wenig fachmännisch verbunden. Vielleicht hatte er einen Arztbesuch gescheut.

»Danke, Herr Öhmel. Jetzt würde ich mir noch ganz gern alle dunklen Anzüge anschauen, die Sie in diesem Haus aufbewahren. Fangen wir mit Ihrem Kleiderschrank an?«

Der Lehrer schob sich in sein Schlafzimmer, ohne Schlackendörfer und dessen auf ihn gerichtete Pistole aus den Augen zu lassen. Schlackendörfer folgte ihm, sah schräg in den Schrank, fingerte die Reihe der Anzüge ab – und stellte erleichtert fest, er hatte Glück. Unter den drei dunklen Anzügen gab es einen Anzug, der an einer Seite kleinere, dünne, möglicherweise blaugrüne Flecken oder Streifen zeigte. Vielleicht war Öhmel zu geizig oder zu unvorsichtig und hatte sich gedacht, den Anzug könne er später einmal, vielleicht im Urlaub, in eine chemische Reinigung geben. Jetzt wies ihn Schlackendörfer an, den Anzug aus dem Schrank zu nehmen und in irgendeine Tragetasche zu packen. Öhmel gehorchte.

Als sie wieder am Küchentisch standen, erklärte Schlackendörfer: »Ich werde den Anzug notfalls in ein kriminaltechnisches Labor geben, Herr Öhmel. Die Flecken riechen nach Farbe, und zwar nach der vom Treppengeländer Ihrer Schule. Ich möchte Ihnen aber erst einmal zwei Tage Bedenkzeit einräumen. Denn wie schon angedeutet, unter Umständen können wir die Sache ohne Polizei und Gerichte bereinigen. Denken Sie einmal darüber nach. Ich werde Sie übermorgen am späten Nachmittag erneut aufsuchen. Sagen wir 17 Uhr ..? Gut. Versuchen Sie aber bitte nicht, mich herein zu legen. Ich habe zwei Vertrauenspersonen in meine Untersuchung eingeweiht, schließlich muß ich, als Privatdetektiv, an meine Sicherheit denken. Geschieht mir etwas, sind Sie geliefert. Sie haben mich verstanden? Gut. Dann bis übermorgen.«

Schlackendörfer nahm den Tragebeutel, versenkte seine Pistole in einer Außentasche seiner Jacke und zog sich wachsam aus der Wohnung des Lehrers bis zu seinem um die Ecke geparktem Wagen zurück. Als er sich hinters Steuer geschoben hatte, atmete er erst einmal kräftig durch, bevor er startete. So ganz wohl war ihm bei der Sache nicht.

2

»Da hast du aber ziemlich hoch gepokert«, sagte Maria kopfschüttelnd, nachdem er die jüngsten Ereignisse und den Besuch bei Öhmel umrissen hatte. »Und nicht ganz ungefährlich …«

Er wiegte sich bald nach dem Besuch in Marias modernem Sessel und trank ihren Schwedenbitter, einen Kräuter-schnaps. Maria war die eine »Vertrauenspersonen«, die er erwähnt hatte, Fenchel natürlich die andere. Bei seinem Busenfreund hatte er inzwischen den Tragebeutel mit dem Anzug hinterlegt. Für Erörterungen hatte Fenchel aber keine Zeit gehabt.

»Legst du es darauf an, daß sich der Kerl umbringt?« fuhr Maria fort.

Schlackendörfer verstärkte sein Wiegen. »Das wäre vielleicht nicht die schlechteste Lösung, meine Liebste. Oder sehe ich das falsch?«

»Und was machst du, wenn er schnell noch eine andere Frau vergewaltigt, weil er sich schließlich ohnehin von der Welt zu verabschieden gedenkt?«

Schlackendörfer schüttelte langsam seinen Kopf. »Unwahrscheinlich, Maria, sehr unwahrscheinlich. Öhmel ist kein Held, wie ich nach meinen Beobachtungen glaube. Er ist eher ein Feigling. Und genau aus diesem Grunde wird er auch keinen Selbstmord begehen, fürchte ich …«

Diese Weissagung sollte sich bewahrheiten. Als er zwei Tage darauf wieder bei Öhmel klingelte, blickte der Lehrer lebendig aus dem Fenster, wenn auch nicht unbedingt erfreut. Er nickte nur kurz ins Haus.

Sie saßen sich erneut am Küchentisch gegenüber. Zwar sah Schlackendörfer den Lehrer erwartungsvoll an, doch was dann kam, hatte er durchaus nicht erwartet.

»Also«, preßte Öhmel mit geqälter Miene zwischen seinen dünnen Lippen hervor, »wieviel wollen Sie? Oder die Frau?«

Schlackendörfer schluckte. Er meinte Geld! Dann schimpfte er sich innerlich einen Strohkopf, denn daran hatte er nicht gedacht. Allerdings stellte Öhmels Frage immerhin eine Art Geständnis dar.

»Nein, nein«, erwiderte Schlackendörfer nach kurzer Besinnung. »ErpresserInnen sind wir nicht, Herr Öhmel. Wir möchten, daß sie die Tat bereuen. Das ist die Hauptsache. Wobei das natürlich das Versprechen einschließt, sie wiederholt sich nicht.«

Nun schien die Überraschung auf Seiten des Lehrers zu liegen. Er sah den Detektiv mit großen Augen an. Vielleicht hatte er solche Güte von einem Vertreter der Gattung Mensch oder jedenfalls von einem Ordnungshüter und Spürhund nicht erwartet. Plötzlich traten ihm sogar Tränen in die Augen. Dann ließ er den Kopf sinken und flüsterte auf die Tischplatte:

»Ja, ich bereue es. Ich muß von Sinnen gewesen sein. So etwas darf ich nie wieder tun.«

Möglicherweise war das Schluchzen, das nun folgte, für Schlackendörfer nicht viel weniger peinlich als für Öhmel. Aber er ließ den Sünder erst einmal sich ausweinen. Ob die Reue echt war? Schlackendörfer nahm es schon an; lag er jedoch falsch, würde er sich noch einige Vorwürfe zu machen haben. Als das Schluchzen verebbt war, murmelte Öhmel eine Bitte um Entschuldigung, trocknete sich das Gesicht mit einem Geschirrhandtuch und starrte eine Weile über Schlackendörfers Schulter hinweg in den dämmrigen Wohnungsflur. Dann wollte er fast flehentlich von Schlackendörfer wissen:

»Wird mir die Frau verzeihen?«

Schlackendörfer hob beruhigend eine Hand. »Ich denke schon, Herr Öhmel. Jedenfalls werde ich mich dafür ein-setzen. Den Namen des Täters gebe ich selbstverständlich nicht preis. Wie ich die Putzfrau einschätze, ist sie kein Racheengel. Sie will nur weiteren Schaden verhüten. Grundsätzlich ist es ja so, Herr Öhmel. Der Geschlechts-trieb ist eine der schlimmsten Geißeln der Menschheit beziehungsweise von uns Männern. Und haben wir etwa um ihn gebeten? Sind wir vor der Geburt gefragt worden: Möchtest du einen starken, einen schwachen oder gar keinen Geschlechtstrieb? Meine engste Freundin antwortet: Natürlich nicht. Und nicht anders verhalte es sich mit dem Willen und dem Grad der Willenskraft. Deshalb lehnt sie Strafe grundsätzlich ab. Wir könnten ja nichts dazu. "Schuld" sei ein äußerst fragwürdiger Begriff. Er werde mindestens so häufig mißbraucht wie Frauen. Nach solchen schädlichen Taten, wie sie hier zur Debatte stehen, könne die Gesellschaft, neben Wiedergutmachung in manchen Fällen, lediglich auf dem Schutz vor Wieder-holung bestehen. Und in dieser Hinsicht gelte es den Spielraum auszunutzen, den ja jeder Wille offensichtlich gewähre. Vielleicht gestatte der Spielraum dem Frevler, sich durch günstige Einflüsse oder Hilfestellungen zu ändern, also zu bessern. Haben Sie zum Beispiel schon einmal an eine psychologische Beratung gedacht, Herr Öhmel?«

Der Lehrer hatte fast verwundert zugehört. Die abschließende Frage verneinte er.

Schlackendörfer erhob sich bereits. »In Karlskirchen haben wir erfreulicherweise einen fähigen Arzt für Psychotherapie, Lührs heißt er. Vielleicht vereinbaren Sie einmal ein Vorstellungsgespräch mit ihm. Gucken Sie einfach ins Branchenbuch. Sie können sich gern auf mich berufen, ich bin mit Lührs befreundet. Wie auch immer, ich wünsche Ihnen alles Gute.«

Damit stand der Detektiv auch schon in der Küchentür, nickte noch einmal und verschwand.

3

Anfang Mai suchte Schlackendörfer in Begleitung Marias wieder einmal den Quellensaal der Bad Wildunger Wandelhalle auf. Das Vesseler Staatstheater gab dort ein Gastspiel mit Arthur Millers überragendem Drama Tod eines Handlungsreisenden, das wollte sich Maria nicht entgehen lassen. Sie fanden die Aufführung auch nicht schlecht. Als sie anschließend in einer Gaststätte beim Essen saßen, stellte Maria etwas unvermittelt fest:

»Diese Erfolgs- oder besser Mißerfolgsgeschichte um den alternden Willy Loman erwies sich ja rasch als Knüller und Kassenfüller. Miller, bekanntlich ein ziemlich kluger und sozialkritisch gestimmter Mann, kaufte sich damals (1949) gleich einen neuen Wagen, einen Studebaker, glaube ich, der als schönstes Auto Nordamerikas galt.«

»Hm«, machte Schlackendörfer kauend. »Und warum erzählst du das?«

Sie lächelte. »Weil es zeigt, daß nicht nur Arschlöcher wie Mike oder wie Rudolf Schneider dem Mobilitätswahn und der Prahlsucht auf den Leim gehen. Alle wollen Eindruck schinden. Alle wollen mehr scheinen als sie sind, und darum geht es ja auch in Millers Stück, ironischerweise.«

An diese Bemerkung Marias mußte Schlackendörfer im Lauf des Jahres noch wiederholt zurückdenken, als die jüngsten städtebaulichen Pläne der Karlskirchener Bürokratie- und Baumafia Stück für Stück ruchbar wurden. Tatsächlich fing es mit Brandgeruch an. Das war Ende Mai. Mitten in der Nacht von Sirenengeheul aufgeschreckt, öffnete Schlackendörfer schlaftrunken sein großes Dachfenster – und hatte den Geruch auch schon in der Nase. Offenbar blies der Wind aus Norden. Neben den Sirenen hatten bereits ein Dutzend Altstadtköter ihre Stimmen erhoben. Wie trotz des Qualmes kaum zu übersehen war, brannte es in der Nähe des Untermarkts. Nun ja, dachte Schlackendörfer, das würde er wohl, dank der vielen Feuerwehrleute und Polizisten, die sich jetzt da unten tummeln mußten, überleben. Er kroch wieder in sein Bett.

Anderntags war Schlackendörfer nicht der einzige Karlskirchener, der zu der Brandstätte pilgerte. Sie qualmte noch leise vor sich hin, jedoch unter strenger Kontrolle der Skat spielenden dreiköpfigen Besatzung eines roten Personenwagens der Feuerwehr. Falls man Karlskirchen beziehungsweise ältere Pläne der Kleinstadt nicht kennt: Auf der Ostseite des Untermarktes, übereck zum Rathaus, schloß sich ein ausgedehnter und stattlicher alter Gutshof an, der noch bewirtschaftet wurde, das Gut Gleim. Auf diesen wiederum folgte ein eher gewöhnlicher, zudem schon ziemlich heruntergekommener Bauernhof, der Hof Wegener. In Wegeners Scheune, hart am Gutshof, war der Brand ausgebrochen, wie Schlackendörfer nachmittags von Fenchel erfuhr. Die Sache ging glimpflich ab. Es war der Feuerwehr gelungen, Wegeners Stallvieh, Wegeners im Zwinger tobenden Schäferhund und sogar das ganze Wohnhaus zu retten sowie ein Übergreifen der Flammen auf Nachbargrundstücke zu verhindern. Menschen kamen nicht zu Schaden.

Um zu verstehen, warum sowohl Kriminalkommissar Fenchel als auch skeptische Einheimische wie Röder und Stubenrauch sofort Brandstiftung witterten, muß man von jenen Plänen wissen, über die damals lediglich gemunkelt beziehungsweise an reservierten Ratskellertischen oder in sogenannten Ausschüssen des Stadtrats gefeilscht wurde. Im Ergebnis hatte sich der ganze zentral gelegene Streifen zwischen Untergasse und Vesseler Straße, ungefähr zwei der Länge nach verknüpfte Fußballplätze groß, schon zwei Jahre darauf in eine Baugrube verwandelt. Darin waren auch das gerettete Wohnhaus der Wegeners und das vollständige Gut Gleim untergegangen, das zur Brandzeit noch mit einem halben Dutzend prächtiger Acker- und Kutschgäule bestückt war. Und warum hatte dieser alte Plunder zu weichen? Weil auch dem Provinzstädtchen Karlskirchen der jüngste, aus Bonn bereits gesetzlich untermauerte städtebauliche Schrei ins Haus stand, nämlich eine sogenannte »Flächensanierung«. Herzstück dieser Maßnahme, die die Verabschiedung eines neuen »Bebauungsplanes« durch den Stadtrat voraussetzte, sollte eben der Streifen zwischen Untergasse und Vesseler Straße sein. Und im Laufe der Jahre 1965/66 rotteten sich genug Kräfte zusammen, die dafür auch öffentlich die Werbetrommeln rührten.

»Selbstverständlich lügen sie dem Bürger und der Bürger-in die Hucke voll«, sagte Stubenrauch, als Schlackendörfer nach der Besichtigung bei ihm hineinschaute. »Sie faseln von Modernisierung, Begegnungsstätten, Fußgänger-paradiesen, aber sie meinen Parkplätze, Konsumräusche und hohe Mieten.« Wobei ein gehöriger Batzen des großen Geldes schon gleich zu Anfang durch die beteiligten Planungs- und Baufirmen gemacht werde, eben durch Entwürfe, Abbrüche und Neubauten. »Und nun darfst du dreimal raten, wer sich bei der Nachricht von dem bedauerlichem Brand bei Wegener als erster die Hände gerieben hat, daß nur so die Funken stieben? Richtig: Zülpmann.« Das war das größte Bauunternehmen der Gegend, angesiedelt südlich des Schloßberges in einem neuen sogenannten Gewerbegebiet. Diese Firma durfte denn auch das neue achtstöckige Waschbeton-Verwal-tungsgebäude der durch sogenannte »Eingemeindungen« kräftig aufgeblähten Kleinstadt (und der Wege der Dörfler zur lieben Verwaltung) errichten. Es entstand ziemlich genau auf dem Flecken, wo einst Wegeners Wohnhaus stand. Dieser hohe Klotz war zukünftig das Karlskirchener »Rathaus«, und er war die uneinnehmbare Trutzburg all jener Kriminellen, die diese Kahlschlagpolitik betrieben, gefördert oder zumindest geduldet hatten. Die Bezeich-nung »Kriminelle« stammte nicht von Schlackendörfer, sondern vom Kriminalkommissar Fenchel.

Leider gelang es Fenchel nicht, Beweise für die Brand-stiftung, geschweige denn einen Täter oder eine Täterin zu finden. Die betreffende Person war nicht so dumm gewesen, einen Benzinkanister zurückzulassen oder auch nur einzusetzen. Die mit Stroh und Heu gut gefüllte Scheune brannte auch ohnedem prima ab. Landwirt Wegener räumte ein, die Elektrik in der Scheune sei streckenweise »improvisiert«, möglicherweise sogar schadhaft gewesen; folglich konnte auch sie der Übeltäter gewesen sein. Es gab sogar Schwierigkeiten mit der Versicherung. Dafür strich Wegener später eine nette Entschädigung »der öffentlichen Hand« für sein Wohnhaus ein. Gleichwohl gab es niemanden der glaubte, Wegener selber habe für den Brand gesorgt. Er war mit Leib und Seele Bauer und Naturfreund und lehnte die »neumodischen« Pläne der Mafia ab. Seine Frau hatte hinter dem Wohnhaus einen üppigen Garten betreut, der vielen Alteingesessenen als ungleich größere Zierde der Altstadt galt als der lächerliche »Stadtpark«, der jenseits der Vesseler Straße neben dem Krankenhaus lag.

Gewiß hatten sich ein paar verdächtige Gegenstände am mutmaßlichen Tatort gefunden; irgendetwas findet man immer, und sei es eine leere Flasche Qualitätswein, obwohl der Grundstückseigentümer bekanntermaßen ausschließlich Bier trinkt. Der größte Gegenstand war eine gut erhaltene, grau in grau karierte Schiebermütze aus Schurwolle. Die Wegeners wußten nichts von ihr. Die Mütze hatte unweit der Scheune innen am Zaun zur Untergasse im Gras gelegen. Der Kollege von Fenchel, der sie entdeckt hatte, tütete sie behutsam ein und ließ in Fritzlar Fingerabdrücke von ihr abnehmen. Die meisten Abdrücke stammten von derselben Person, vermutlich dem Träger der Mütze. In den einschlägigen Karteien fanden sie sich leider nicht. So wurde die Mütze mit dem ganzen Fall zu den Akten gelegt. Schließlich war keine Fabrikantenvilla abgebrannt. Man hatte Wichtigeres zu tun.

Als Fenchel und Schlackendörfer den Fall Wegener abschließend privat erörterten, nämlich nach dem Fußballtraining im Biergarten des Hessischen Hofes, schlug der Kommissar dem Detektiv vor, einmal bei dem Gutsherrn Gleim vorzufühlen. Der Mann fürchtete die drohende Automobilisierungswelle nicht weniger als sein Nachbar Wegener, das wußte Fenchel, weil seine Frau – Frau Fenchel also – bei Gleims regelmäßig Honig kaufte. Vielleicht ließen die Gutsleute ein Honorar für private Ermittlungen springen, meinte Fenchel; arme Schlucker seien sie ja keineswegs. Damit wandten sich die beiden Sportskameraden den (angeblichen) Fortschritten zu, die Harald »Gelbspecht« Fenchel in seinem Marburger Medizinstudium machte. Vielleicht brachte er es ja in ein paar Jahren zum Professor und entdeckte einen Impfstoff gegen das Virus, das die Korruption verursacht. Er hatte gerade Semesterferien bekommen und war mit einer Geliebten Richtung Spanien aufgebrochen – per Anhalter. Autos, wohin man guckt.

4

Gleim war ein bartloser stattlicher Mann um 50, der meist mit besorgter Miene über seinen Hof oder durch die Untergasse schritt, die demnächst »Fußgängerzone« sein sollte. Er bat Schlackendörfer in den Salon seines gepfleg-ten Fachwerk-Gutshauses und bekundete rasch seine Bereitschaft, den Detektiv »anzuheuern«, wie er als gebürtiger Holsteiner sagte. Er war also keineswegs völlig humorlos. Als ihm Schlackendörfer die folgende Überlegung vortrug, verstülpte er seine wulstigen Lippen und schnalzte anerkennend wie im Angesicht prächtiger Kutschpferde. Der Zwinger vom Schäferhund seines Nachbarn Wegener stieß unweit der Einfahrt ans Wohnhaus, wie er selbstverständlich wußte; die Scheune lag keine 30 Meter entfernt auf der anderen Hofseite. Brandstiftung vorausgesetzt, sagte Schlackendörfer, müsse das Werkzeug der Mafia somit ein Mensch gewesen sein, den Wegeners Schäferhund kannte. Andernfalls hätte das Tier nämlich angeschlagen und damit die ganze Aktion vereitelt.

Gleim dachte nach – und hatte ebenfalls eine Erleuchtung. »Henner Schlohs, jawohl! Das könnte eine Fährte sein.«

Wie sich herausstellte, meinte er einen Knecht, der vor einigen Jahren bei Wegener »abgeheuert« hatte, um eine vergleichsweise gutbezahlte Stelle als Bauarbeiter bei Zülpmann anzutreten. Schlohs sei damals wohl kaum 30 gewesen. Man müsse nachforschen, ob er noch bei Zülpmann beschäftigt sei, und wo er jetzt wohne. Schlackendörfer nickte, schrieb eine Quittung über 150 Mark Vorschuß aus und schickte sich zum Rückzug an. Gleim ließ es sich aber nicht nehmen, ihn noch ein wenig durchs Gehöft zu führen, ihn den Pferden vorzustellen – und ihm beim Abschied an der Hofeinfahrt ein Glas Honig in die Hand zu drücken.

5

Schlohs hatte eine ähnlich gute Aussicht auf die Altstadt wie Schlackendörfer. Die Schloßberggasse, die in leichtem Anstieg vom Obermarkt zum Gefängnisturm führte, war nur auf der Bergseite mit einigen sehenswerten, meist älteren Villen bestückt. Auf der Talseite standen eher gewöhnliche, kleinere ehemalige Ackerbürgerhäuser, die immerhin Hintergärten und eben die erwähnte Aussicht besaßen. Schlohs konnte das durchbrochene Uhren- und Glockentürmchen des alten Rathauses beinahe in Augen-höhe betrachten. Er hatte hier ein ziemlich schäbiges eingeschossiges Häuschen gemietet, als er sich, nach seinem Wechsel zu Zülpmann, mit einer Niedensteiner Landwirtstochter verheiratet hatte, die ihm freilich bald darauf schon wieder weggelaufen war. Ja, Schlackendörfer wußte viel, hatte er doch seine Gewährsleute, die noch mehr als er selber wußten, darunter den Karlskirchener Lokalredakteur der Vesseler Post.

Als er am frühen Abend bei Schlohs klingelte, tat er es vergeblich. Es gab jedoch einen seitlichen Durchgang zum abschüssigen Garten. Dort stand unter einem recht stattlichem Pflaumenbaum sogar ein vom Wetter gegerbter Liegestuhl, aber der Bauarbeiter, der ihm eigens eine kleine waagrechte Standfläche aus dem Hang gehauen hatte, lag nicht darin. Dafür ruhte ein leeres Trinkglas im Stuhl. Ein paar verunkrautete terrassierte Beete deuteten noch auf die entflohene Landwirtstochter hin. Überall lag Müll. Schlackendörfer tat, als besichtige er diese herrliche Wohnlage, wollte freilich in Wahrheit sicher gehen, nicht beobachtet zu werden. Leider wurde er jedoch beobachtet, wie er bemerkte. Das heißt, bald darauf würde er sich berichtigen: Gottseidank war er beobachtet worden!

Es handelte sich um eine junge Frau in kurzen Hosen, dafür mit schulterlangen kastanienbraunen Locken, die ihn glücklicherweise nicht sofort an Mike erinnerten, den Saxophonisten mit dem Porsche. Sie war ähnlich groß wie Maria, aber anscheinend erheblich jünger und draller. Sie stand mit einem Flitzebogen in der Hand eins tiefer im Gras, wo sie offensichtlich ihr Vergnügen darin fand, auf eine geflochtene Zielscheibe zu schießen, die an ihrem Pflaumenbaum hing. Im Augenblick schoß sie natürlich nicht. Sie verfolgte vielmehr etwas spöttisch lächelnd, was er wohl weiter tun würde.

Er ging die 10 Meter hinunter zum Staketenzaun. Dort sagte er: »Hallo! Das Wetter ist ja wie geschaffen zum Bogenschießen. Aber doch recht warm!«

Prompt zog er seine leichte helle Leinenjacke aus und hängte sie an den Zaun. Seine dazu passende lange Hose behielt er an. Er krempelte seine Hemdsärmel auf und war nun seinerseits gespannt, was sie wohl sagen oder unternehmen würde.

»Ich kenne dich!« platzte sie mit ihrer hellen Stimme heraus. »Du wirst ja wohl nicht Schlohs Tafelsilber klauen wollen?«

Aus der Nähe war ihre erstaunlich schmale Taille auffällig, unter der sich dann das wahrlich aufreizende Becken wölbte. Ein loses gestreiftes Fischerhemd mit Stehbündchen täuschte über ihre stramme Brust hinweg. Grünliche, rotzfreche Augen.

»Du kennst mich? Wie soll ich das verstehen?«

»Schlackendörfer. Ich habe die Platte. Eine Wucht!«

»Ah ja …« erwiderte Schlackendörfer. Dann nickte er hinter sich: »Kennst du auch Schlohs? Wo steckt er denn, der Bursche?«

»Ich glaube, er ist vor einer halben Stunde weggefahren, mit seinem Scheißmoped. Das ist ja nicht zu überhören.«

»Verstehe … Und wohin ist er gefahren?«

»Bist du vom Wilden Watz gebissen? Bin ich sein Kindermädchen?«

»Na na na«, rügte Schlackendörfer und zwinkerte. »Ich könnte dein Vater sein!«

Das fand sie komisch genug, um ihren Bogen ins Gras zu werfen und sich prustend zu krümmen. Es war eine Augenweide. Als sie sich beruhigt hatte, trat sie zum Zaun, klemmte ihre Wangen zwischen zwei Lattenspitzen und glotzte ihn an wie ein Schaf, das um Basilikumsträußchen oder warme Semmel bettelt. Schlackendörfer war nahe daran, die Fassung zu verlieren; er sah sich bereits ihre bloßen Füße küssen.

»Wie heißt du, holde Maid?« flüsterte er.

»Steffi.«

»Gewährst du hin und wieder Stelldicheins?«

»Mache ich.«

»Wann wäre der nächste Termin?«

Sie dachte kurz nach. »Morgen hab' ich zu tun. Übermorgen muß ich mit Mama und Papa zu einer Verwandtschaftsfete in Korbach fahren, da wird's spät. Vielleicht am Freitagabend? So um acht?«

Schlackendörfer nickte. »Weißt du, wo ich wohne?«

»Nein.«

Er erklärte es ihr. Bis zu Röders Apotheke waren es keine 500 Meter.

Dann hauchte er Steffi einen Kuß auf die Stirn und riß sich los, wobei er sogar geistesgegenwärtig genug war, seine Jacke vom Zaun zu nehmen. Er ging mit weichen Knien zu Schlohs Liegestuhl, schlug das querliegende Trinkglas behutsam in sein Taschentuch, versenkte es in einer Jackentasche und verließ den Garten, ohne sich noch einmal umzuwenden. Wie er dann die 500 Meter bis zum Obermarkt schaffte, ohne zu zerfließen, hätte er später nicht mehr zu sagen gewußt. Er ging wie im Traum, wie verhext, wie von Schlohs mit einer Maurerkelle vor den Kopf geschlagen.

6

Der unerfreuliche Ausgang dieses Falls – Steffi ausge-nommen – verdankte sich einem Knäuel aus ungünstigen Zufällen, das Gutsherr Gleim später nicht zu unrecht »saublöd« nannte. Damit war jedoch kein Vorwurf an den Detektiv verbunden. Gleim stockte sogar dessen Honorar noch auf. Er sagte dazu: »Wir werden ja jetzt das Handtuch schmeißen müssen, meine Frau und ich. Aber das eine sage ich Ihnen, Herr Schlackendörfer, die Stadt soll es mir teuer bezahlen. Also nehmen Sie das Geld schon. Letztlich stammt es ja auch von Ihren Steuern …«

Zunächst hatte Schlackendörfer am folgenden frühen Abend – es war ein Mittwoch – erneut eine Niete an Schlohs Haustür gezogen. Nichts regte sich. Das Moped war auch nicht da. Vielleicht hockte der Bauarbeiter bereits in irgendeiner Kneipe mit ein paar Zechkumpanen beim Würfeln und hatte alle Mühe, seine Prahlgelüste wegen des Brandes bei Wegener in Schach zu halten. Kommissar Fenchel hatte nämlich das Trinkglas unver-züglich nach Fritzlar schaffen lassen, und dort stellten die Kollegen fest: die Fingerabdrücke auf dem Glas stimmten mit jenen überein, die sich zuhauf auf der archivierten Schiebermütze gefunden hatten. Daraufhin hatte Schlackendörfer am Nachmittag eine kleine unverfänglich wirkende Umfrage in der Schloßberggasse durchgeführt: ob Mopedfahrer Schlohs zufällig begeisterter Schiebermützenträger sei, am Ende sogar einer grau in grau karierten Schiebermütze? Das war ihm bestätigt worden. Steffi schloß sich dieser Aussage später an.

Schlackendörfer blieb einen Moment unschlüssig vor Schlohs Haustür stehen, und das hätte ihm ein Besserwisser im Nachhinein sogar als Fehler ankreiden können. Denn dadurch konnte sich »Bauamt-Becker« Schlackendörfers Position vor Schlohs Haustür nähern. Ohnedem wären sich die beiden Herren vielleicht schon am Obermarkt begegnet. Aber eins nach dem anderen. Schlackendörfer überlegte also, ob er wenigstens noch in ein paar Altstadtkneipen schauen sollte, um Schlohs vielleicht dort zu erspähen und an einen unbelauschten Tisch zu lotsen. Wie Schlackendörfer dann vorgehen würde, war übrigens lediglich nach dem Muster von Maden (Lehrer Öhmel) geplant. Vielleicht ließ sich Schlohs mit Hinweis auf die Mütze überrumpeln, einschüchtern oder gar zu einem mutigen Geständnis verleiten.

Tatsächlich entschied sich Schlackendörfer zu dem Kneipenbummel – aber zu spät! Becker erblickte ihn. Möglicherweise hatte er Schlackendörfer sogar schon erblickt, als dieser mehrmals Schlohs Klingelknopf drückte. Becker kam gerade auf der Bergseite die Gasse herauf, zu Fuß. Vielleicht wollte er jemanden in einer der Villen besuchen.

Schlackendörfer kannte ihn flüchtig, hatte der Detektiv doch vor einigen Monaten auf dem Bauamt um eine Auskunft über die verwaiste Emsmühle bei Niedervor-schütz gebeten, für die sich Maria interessierte. Becker – mit e, wie er betont hatte – gab ihm die Auskunft bereitwillig. Der Eigentümer wolle die Mühle nicht verkaufen, und dazu zwingen könne man ihn ja leider auch nicht. Das war alles gewesen. Umgekehrt wußte Bauamt-Becker vermutlich allerlei, auch über Schlackendörfer, etwa von Koch und Schmieder her. Nun erblickte er also den nicht ganz salonfähigen Privatdetektiv vor Schlohs Haustür. Becker hielt kurz inne, grüßte höflich über die Straße und scherzte:

»Na, Herr Schlackendörfer, wieder einmal keinen Feier-abend in der Verbrecherjagd ..?«

»Was wollen Sie machen, Herr Becker! Die Stadt wimmelt ja von Verbrechern.«

Beide Herren schmunzelten, verabschiedeten sich mit Handzeichen und entfernten sich jeder in seine Richtung.

Nun machte sich Schlackendörfer doppelt beflissen daran, die Karlskirchener Kneipen abzuklappern. Lief es nämlich ganz dumm, hatte er soeben unfreiwillig nicht nur das Bauamt, sondern die ganze örtliche Mafia alarmiert, Firma Zülpmann eingeschlossen. Aber er trieb Schlohs nicht auf. Er ging sogar noch einmal nach Mitternacht zu Schlohs' Häuschen hinauf – kein Moped, kein Licht, kein Echo auf sein Klingeln. So zuckte er leise fluchend die Achseln, verkniff sich einen sehnsüchtigen Blick durch den Durchgang auf das Elternhaus der kecken Bogenschützin und trollte sich müde nach Hause, ins Bett. Vielleicht sollte er sich morgen vormittag erst einmal ein Päuschen gönnen und zweckdienliche Überlegungen zur Vorbereitung des aufregenden Stelldicheins mit Steffi anstellen. Gegen Abend mußte er ja erneut zu Schlohs.

Am Donnerstag wiederholte sich die Pleite: der Bau-arbeiter und sein Moped waren nicht da und trafen auch nicht ein, während Schlackendörfer das Häuschen am frühen Abend aus gehörigem Abstand beobachtete. Er fluchte in sich hinein. Im Lande war Schlohs jedenfalls noch, wie ein getarnter Anruf bei Zülpmann ergeben hatte. Vielleicht hatte er auf irgendeinem Dorf eine neue Flamme und räkelte sich jetzt in deren Federbett. Aber dem war nicht so. Kurz nach 20 Uhr klingelte Schlackendörfers Telefon. Er war zwischenzeitlich nach Hause gegangen, um etwas zu essen.

»Da bist du ja endlich!« schimpfte Fenchel. »Setz dich mal sicher zurecht, gerade ist nämlich der Hammer passiert: Schlohs ist tot.«

Schlackendörfer hörte zu kauen auf. »Mach keine Witze. So eine Scheiße!«

»Wie es im Moment aussieht, hatte er mit ein paar Kollegen nahe Felsberg bei einer Straßenausbesserung zu tun. Als er nach Feierabend auf der Landstraße Böddiger–Deute nach Hause fahren wollte, muß ihn in der scharfen Kurve auf der Anhöhe irgendein Mistkerl mit irgendeinem Lastwagen angefahren haben. Das war gegen 17 Uhr. Schlohs stürzte mitsamt seinem Moped über die Leitplanke und den Steilhang hinunter. Er brach sich den Hals. Der Täter suchte natürlich das Weite. Zwar merkte sich ein Zeuge sogar das Nummernschild, aber wie die Kollegen bereits feststellten, war es gefälscht. Das ist im Augenblick alles.«

Bis zum nächsten Mittag hatte Schlackendörfer ein vollständigeres Bild – wenn es ihm auch nicht weiterhalf. Die Felsberger Geschichte war der letzte Faden in jenem »saublödem« Knäuel ungünstiger Zufälle. Schlohs' Kolonne war für zwei Tage bei den Felsberger Ausbesse-rungsarbeiten eingeteilt, für Mittwoch und Donnerstag. Deshalb hatte er sich praktischerweise schon am Dienstag, bald nach Feierabend, in Felsberg bei einem gutem Kumpel einquartiert, mit dem er vermutlich eifrig zu zechen oder »Bräute aufzureißen« gedachte. Und deshalb hatte ihn Schlackendörfer nicht zu Hause angetroffen. Nach dem zweiten Arbeitstag wollte Schlohs aber wieder nach Karlskirchen zurückfahren. Dabei erwischte es ihn.

Am späten Nachmittag versuchten sich Schlackendörfer und Fenchel im Biergarten des Hessischen Hofes an einer Rekonstruktion der mutmaßlichen Hintergründe. Die Alarmmeldung seitens des Bauamtes, Detektiv Schlacken-dörfer sei Henner Schlohs auf den Fersen, erreicht noch am Dienstagabend die Chefetage von Zülpmann. Morgens überzeugt sich Chef X unverfänglich von Schlohs Aufenthalt in Felsberg und erfährt, mit dem Ende des Einsatzes am Donnerstag werde Schlohs wohl wieder nach Hause fahren. X organisiert Helfeshelfer Z, der einen Lastwagen fährt, welchen auch immer. Zülpmann Karls-kirchen steht jedenfalls nicht daran. Am verhängnisvollen Donnerstag bezieht Z ab 15 Uhr eine verdeckte Position. Erst dort wechselt er die Nummernschilder. Als er Schlohs sich der Anhöhe nahen sieht (Fernglas), startet er seinen Lkw.

Schlackendörfer kratzte sich hinterm Ohr. »Man könnte allerdings einwenden, was hätte Z gemacht, wenn Schlohs sein Moped feierabends kurzerhand auf den Pritschen-wagen der Kolonne geschoben hätte – Benzin sparen. Hätte Z dann den ganzen Pritschenwagen auf die Hörner nehmen sollen?«

»Stimmt«, räumte Fenchel ein. »Sowas kommt vor. Da hätte Z ein langes Gesicht gemacht … Möglicherweise wußte X jedoch, daß an diesem Tage auf dem Pritschen-wagen gar kein Platz mehr für ein Moped war. Oder die Chefetage hatte solche kollegiale Transporthilfe ohnehin grundsätzlich untersagt. Versicherungsgründe oder so.«

»Ja«, grinste Schlackendörfer säuerlich. »Wegen Brandgefahr … Jedenfalls ist der mutmaßliche Brandstifter Schlohs jetzt tot, und das ist in jeder Hinsicht eine Riesenschweinerei … Leider dürfte sie aber unaufklärbar sein, sehe ich das richtig?«

Der hagere Kriminalkommissar nickte bitter. »Ohne handfeste Beweise kommen wir gegen diese Mafia nicht an. Selbst wenn wir den Lkw-Fahrer aufspüren sollten, kann er sich immer noch auf einen betrüblichen Zufall herausreden und seine panische Fahrerflucht zutiefst bereuen. Forscht man dann weiter, um seine Version zu widerlegen, ist man am Ende auch selber eine Leiche. Da wird Frau Fenchel alle ihre sieben Schürzen vollzuweinen haben.«

»Und ich? Was soll ich jetzt tun?«

Fenchel dachte eine Weile nach, dann schüttelte er seinen Kopf. »Es hat keinen Zweck. Gehe zu Gleim und bringe ihm seinen Vorschuß wieder. Und dann nimmst du deine gutbetuchte Oberärztin und tauchst erst einmal im Ausland unter. Die sind ja hier zu allem fähig.«

Diesen Rat sollte Schlackendörfer befolgen, wenn auch nicht ganz genau.



Wildwest auf Korsika

Keine 10 Tage nach Schlackendörfers erstem Stelldichein mit Steffi saßen die beiden in seinem alten weißen Käfer und fuhren den Alpen und damit dem Mittelmeer entgegen. Sie wollten nach Korsika. Zu jener Zeit hatte der Anreiseweg noch genug lauschige Plätzchen in der freien Natur zu bieten, die für ungestörte gymnastische Übungen geeignet waren. Alle paar Stunden stürzten sich die Frischverliebten aufeinander, kugelten über spitze Stein-chen und Tannenzapfen und bissen sich beinahe waid-wund. Sie übernachteten in Schlackendörfers Hauszelt und geboten sich Gesprächsführung auf französisch. Schlackendörfer beherrschte diese Sprache recht gut, weil seine Mama aus der Bretagne stammte. Steffi sprach Schulfranzösisch. Sie war in Vessel aufgewachsen. Da sie, noch keine 20, kürzlich den Führerschein gemacht hatte, übernahm sie öfter das Steuer, um sich auch darin zu trainieren. Sie war lernbegierig, vielseitig begabt und neigte, im Gegensatz zu Maria Schneider, stark zum Spielerischen und zu Abenteuern. Ursprünglich hatte sie Schauspielkunst studieren wollen. Dann schrieb sie sich jedoch an der Vesseler Werkkunstschule ein. Dort hatte sie gerade die Grundlehre bestanden und eine Bildhauerklasse gewählt. Jetzt hatte sie Semesterferien und hielt sich bei ihren Eltern auf, die das Haus unterhalb von Schlohs' inzwischen doppelt verwaistem Liegestuhl erst im Vorjahr von einer verstorbenen Tante übernommen hatten. Andernfalls hätte Schlackendörfer den kastanienbraunen Wirbelwind mit den rollfähigen Hüften sicherlich schon früher erspäht.

Maria wußte Bescheid. Sie hatte seine Eröffnungen mit Fassung genommen. Manche Verliebtheiten pflegten sich schließlich schon über Nacht oder nach wenigen Wochen zu legen. Über Schlackendörfers neuerlichen Entschluß, die Pistole an den Nagel zu hängen, war sie sogar erleichtert. Sie wußte nicht, daß sein Käfer eine Art Geheimfach besaß, beispielsweise für Schwarzgeld, Munition, Pistolen. Wie sich an zwei Staatsgrenzen zeigen sollte, war auf das Fach Verlaß. Den Tip mit Korsika hatte Schlackendörfer Gutsherrn Gleim zu verdanken. Danach hatten sich im Jahr 1958 einige AußenseiterInnen aus Frankreich in die korsischen Berge zurückgezogen, um eine Art kooperativ betriebener Ranch aufzubauen. Sieben Jahre darauf umfaßte die von manchen so genannte »Kommune« schon ein gutes Dutzend Leute. Zu den Gründern zählte sogar ein lesbisches Paar, Francoise und Edith. Gleims Neffe Jürgen, bald darauf in »Jim« umgetauft, war 1960 dazugestoßen. Er war wie sein Onkel gelernter Landwirt und nun federführend bei der Hauptbetätigung dieser seltsamen Gemeinschaft: der Zucht von kleinen bergtüchtigen Pferden, die auf der gebirgigen Insel durchaus Anklang fanden, wie Gleim meinte. Man ernähre sich außerdem von gesammelten Eßkastanien und erjagtem Wild, letzteres wohl eher illegal. Ein paar Schußwaffen der Gruppe seien jedoch behördlich genehmigt, habe ihm Jürgen alias Jim versichert. Ja, der Neffe fühle sich dort unten sehr wohl, obgleich es auch »gewisse Anfeindungen« gebe. Schlackendörfer sprach sofort mit Steffi, und dann gelang es ihnen unter nervenden Mühen und störenden Geräuschen, Jim an den einzigen Telefonapparat der Ranch zu bekommen. Er freute sich, mal wieder deutsch sprechen zu können. Nach vier oder fünf Minuten hatte er sie eingeladen.

Die Ranch lag auf rund 500 Meter Höhe in einem recht ausgedehntem, laut Karte ungefähr hufeisenförmigem Gebirgstal. Ein holpriger Fahrweg führte sie an vielen blühenden Kräutern und fetten Gräsern vorbei. Er hielt sich an einen Bach, der mit dem Tal allmählich schmäler wurde. Die Steilhänge waren streckenweise bewaldet, sonst felsig. Steffi bekam sogar kletternde Ziegen in Schlackendörfers Opernglas. Bald sahen sie auch die ersten Pferde, viele davon braunweiß gescheckt. Die größte Überraschung war das etwas heruntergekommene zweigeschossige Hauptgebäude der Ranch. Es lag im Schatten einer steilen Felswand, die das Hufeisen abschloß, und wirkte ein wenig wie vom Himmel gefallen. Es handelte sich um ein ehemaliges Land- und Jagd-schlößchen, wie sie später erfuhren. Auf der Vorderseite war das Erdgeschoß nach beiden Hausecken hin von einem Wandelgang aus zierlichen Säulen gesäumt. An dem bekanntem gestauchtem Giebel über der zweiflügeligen Eingangstür, die in einem schmalen Mittelrisaliten saß, war 1853 zu lesen. Alle hohen Fenster hatten Läden, deren blauer Lack überwiegend abgeblättert war. Kunststudentin Steffi fand das Schlößchen »niedlich« und »barock bis klassizistisch«, während Jim, der sie empfing, etwas von einem »Kolonialstil« murmelte. Er machte nicht viel Aufhebens von dem Besuch, freute sich jedoch sichtlich. Auch von ein paar anderen Leuten wurden sie freundlich begrüßt. Bald darauf gab es Abendessen: eine dicke Gemüsesuppe mit magerem Speck drin, dazu Schwarzbrot und Wasser oder Rotwein. Schlackendörfer zählte 14 Kommunarden in dem Gemeinschaftsraum. Kinder waren nicht darunter.

Jim war ein hochgewachsener Rotschopf Mitte 30, etwas flachgesichtig. Seine hellhäutigen sehnigen Arme und Beine waren von Sommersprossen übersät. Er bewegte sich gemessen und sprach bedächtig. Francoise behauptete spätabends am Hoflagerfeuer, er habe noch nie einen Wutanfall erlitten. Angst kenne er nicht. In der Tat sollte sich seine Besonnenheit in den Gefechten bewähren, die der Ranch ins Haus standen. Zunächst schlug er den Gästen einen Zeltplatz am Bach vor, denn dieser sei nahezu mückenfrei. Dann erwogen sie, schon am Feuer sitzend, an welchen Arbeiten sich die beiden in der nächsten Zeit beteiligen könnten. Garten- und Feldarbeit fiel fast völlig aus. Die Ranch hatte lediglich ein paar Kräuter- und Blumenbeete. Aber zu kochen, putzen, sammeln, erlegen gebe es immer genug, auch im Hochsommer. Er meinte Früchte und Wild. Holzhacken sei ebenfalls nützlich. Ackerbau müsse man meiden, soweit es nur gehe, sagte ihnen der gelernte Landwirt mit einem Augenzwinkern. Er sei zu mühsam und wetteranfällig. Natürlich könnten sie auch die Fensterläden des Schlößchens aushängen, um sie zu entblättern und neu zu lackieren. Aber das sei keine Ferienarbeit, vielmehr Folter.

Die Ranch war Gemeineigentum, damit auch die Pferdeherde. Sämtliche Einnahmen und Ausgaben liefen über die »Gemeinsame Kasse« der 14 Kommunarden. Davon war nur die geringfügige persönliche Habe ausgenommen, etwa die gestrickte bunte Weste, die Edith trug, oder die schweizer Armbanduhr, die Jean fast ein wenig schamhaft vor den Gästen zu verbergen schien. Der schnurrbärtige Zureiter war jedoch gar nicht so schamhaft. Das zeigte sich nach rund einer Woche, als ihm Steffi in der Scheune, wo sie Brennholzklötze spaltete, eine knallte, weil er im Vorüberschnüren zudringlich werden wollte. Sie war einfach zu anziehend. Daß sie sich bald als gute Bogenschützin entpuppte, die auf 30 Meter ein Murmeltier von seinem Felsenthron fegen konnte, dürfte ihre Anziehungskraft in Jeans Augen nur noch erhöht haben. Nach der Ohrfeige war er verdutzt, bat freilich schon 30 Sekunden später um Verzeihung. Schließlich waren die potentiellen LiebespartnerInnen auf der Ranch kein Gemeineigentum. Wollten sie persönlich nicht, waren sie auch nicht zu haben.

Was die Jagd auf animalisches Fleisch betraf, ging den Kommunarden nebenbei durch Steffi ein erheblicher Vorteil des Bogenschießens auf: es macht keinen Lärm. Fürs Wildern war es daher ideal. Bona, eine kräftige frühere Turnlehrerin, ließ sich schon kurz darauf von Steffi anlernen – und rührte ihre Jagdflinte außerhalb der erwähnten Gefechte gar nicht mehr an. Ein befreundeter Tischler aus dem nächsten Küstenstädtchen hatte ihr einen eigenen Bogen aus in Schichten verleimtem Eschenholz angefertigt. Dieses Werkstück erwies sich dem teuer bezahlten Sportbogen von Steffi als mindestens ebenbürtig. Als Bona in einem Kastanienwäldchen ein jüngeres Wildschwein mit nur zwei Pfeilen erlegte, kam es auf dem Ranchhof fast zu einem IndianerInnentanz. Übrigens besaß das Schlößchen wegen des steinigen Baugrundes keinen Keller. Schon der Vorbesitzer hatte jedoch in der nahen Felswand eine Grotte entdeckt, die er, ringsum ausgemauert und mit mäusedichter Eingangstür versehen, als kühlen Vorratskeller nutzen konnte. Dort hing nun auch Bonas ausgeblutetes Wildschwein an einem Haken. In Wahrheit war die »Grotte« sogar eine ausgedehnte Höhle, aber das hatte den Vorbesitzer nicht interessiert. Der Mann war ein wohlhabender Dirigent aus Marseille gewesen. 1957 erlag er der Tuberkulose.

Am späten Ankunftsabend hatte Schlackendörfer seine Gitarre aus dem Zelt geholt und am Feuer ein paar Lieder angestimmt, eigene und welche von Weill oder Eisler. Das gefiel den Leuten. Er hatte im Gemeinschaftsraum auch schon einen Plattenspieler entdeckt, hütete sich jedoch, nun auch Schlackendörfer ins Gespräch zu bringen. So etwas schickte sich für Neulinge nicht, wie er fand. Da sie Telefon hatte, hatte die Ranch natürlich auch elektrischen Strom – nur war ihnen das Telefonkabel schon einmal bei Nacht und Nebel durchgeschnitten worden. Von wem, konnten sie nur mutmaßen. Nun verleitete Schlacken-dörfers künstlerische Einlage am Lagerfeuer Edith dazu, ins Schlößchen zu springen, um mit einem schmalen Kasten in Händen wiederzukehren. Er enthielt nicht etwa Ersatzarme für den Plattenspieler, vielmehr die drei zusammenschraubbaren Teile einer Querflöte. Schlacken-dörfer staunte, stimmte einen Blues an – und staunte noch mehr. Die zierliche Person mit der rabenschwarzen Ponyfrisur war musikalisch! In den kommenden fünf Wochen spielten sie öfter zusammen und begannen sogar von einer größeren Besetzung zu träumen. In der Ägäis sollten sie sich immerhin verdoppeln, vier Personen, und man würde sie beinahe feiern. Das wußten sie selbstver-ständlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Die 14 Kommunarden schienen sich gegenseitig durchweg zu schätzen und hielten, nach dem Eindruck der Gäste, erstaunlich gut zusammen. Gleichwohl gaukelten sie Schlackendörfer und Steffi nicht vor, in einer Idylle zu leben. Sich zu ernähren, war auch ohne Ackerbau beschwerlich genug, und die Abgeschiedenheit der Gruppe in ihrem Bergtal kam bereits der Isolation nahe. Zumindest in einigen Ortschaften der Westküste blühten so manche Gerüchte über den profitlosen Sündenpfuhl im Gebirge. Eigentlich waren zum Beispiel Francoise und Edith vor der Verachtung geflohen, die lesbischen Paaren im französischen »Mutterland« entgegenschlug – und insofern kamen sie vom Regen in die Traufe. Überhaupt: Geschlagene 8 der 14 sogenannten Rancher waren Weiber! Und nicht ein Baby! Und jetzt war auch noch die knackige junge Deutsche dazugestoßen … Als größter Widersacher und wohl auch Neider der Kommune hatte sich in der letzten Zeit ein gewisser »Don« Martorell gezeigt, ein spanischstämmiger Landbesitzer von der nahen Küste, der nicht nur ebenfalls Pferde züchtete, sondern auch in einem fort Pech mit seinen »Donnas« hatte, mit seinen Angebeteten also. Sie liefen ihm immer rasch weg, weil er ein rücksichtsloses Rauhbein war. Eine von ihnen hatte neulich sogar Schutz auf der Ranch gesucht, was Martorells Sympathie für diese nicht gerade erhöhte. Sie hatte sich inzwischen zu Verwandten auf der Insel Elba abgesetzt. Für das Betriebsklima auf der Ranch war der Frauenüberschuß ohne Zweifel günstig, und wo er in militärischer Hinsicht Schwächen bedeutete, wurden diese durch Eifer wettgemacht. Die Ranch besaß ein paar Pistolen und genau ein Dutzend Flinten. Fast jede der acht Frauen kam mit diesen Waffen nicht schlecht zurecht.

2

An einem späten Nachmittag Anfang August kam ein stoppelbärtiger Korse auf den Hof, der sich ständig wachsam umsah. Er hatte einen Gebirgspfad benutzt. Jim, der gemeinsam mit Schlackendörfer gerade Pferde für eine Kutschfahrt einspannte, kannte Pepe. Er war als Koch bei Don Martorell beschäftigt, hatte jedoch wiederholt ein gewisses Wohlwollen für die Kommune bezeugt. Nun raunte er ohne Einleitung zu Jim:

»Heute nacht seid ihr dran, compañero! Der Don will eure Gäule verscheuchen.«

Sie gingen sofort ins Haus. Jim rief ein paar Leute zusammen, pflanzte eine Flasche Rotwein vor Pepe auf den Tisch und bat ihn um Wiederholung beziehungsweise um Einzelheiten.

Martorell habe zwei seiner besten Leute dazu bestimmt, heute nacht den Korral der Ranch zu öffnen und sämtliche Gäule aus dem Tal und in alle Winde zu treiben, erzählte der Koch, während er begierig ihren Rotwein schlürfte. Genaueres wußte er anscheinend nicht.

»Wann wollen sie denn anrücken?«

Pepe hob bedauernd die Arme und lobte den Wein.

»Na gut«, sagte Francoise. »Dann müssen wir eben Wachen einteilen. Gegen zwei Gangster braucht man ja sowieso keine ganze Armee. Die anderen können ruhig in ihren Betten bleiben. Sehe ich das richtig?«

Die Anwesenden stimmten zu. Sie dankten Pepe über-schwenglich und schoben ihm ein paar Banknoten in die Hemdentasche. Als er wieder auf dem Gebirgspfad verschwunden war, besprachen sie noch ein paar Einzelheiten, bevor sie wieder an ihre Arbeit gingen. Später, beim Abendessen, versuchten sie auch die Folgen des Angriffs und ihres Widerstandes abzusehen, aber das erwies sich als schwierig. Man konnte weder wissen, wie sich die ertappten Diebe, noch wie sich ihr Boß verhalten würde. Jedenfalls hing die Decke des ehemaligen Salons ihres »Lustschlößchens«, wie eine witzelte, nicht voller Geigen, vielmehr Sorgen.

Der Korral lag fast 100 Meter vom Schlößchen entfernt. Gewiß standen die Pferde am Tage auf der einen oder anderen Koppel im Tal, doch zur Nacht wurden sie in den Korral gepfercht, damit sie nicht etwa gestohlen würden. Genau das stand der Ranch nun bevor. Die Wachen wurden in drei Schichten eingeteilt, jeweils zwei Stunden für zwei Leute. Sie sollten in einem unweit des Korraltores gelegenem Stallgebäude auf dem Speicher Posten bezie-hen. Schlackendörfer, der sich längst mit den Jagdflinten der Kommune angefreundet hatte, war für die mittlere Schicht eingeteilt worden, zwei bis vier Uhr, und zwar mit der einzigen einheimischen Person der Kommune, einer hageren, etwas humorlosen schwarzhaarigen Frau Ende 20. Sie hatte die Angewohnheit, immer ihren rechten Mundwinkel zu beknabbern, den rechten von sich selbst aus gesehen. Sie kam aus dem Dunstkreis des korsischen »nationalen Widerstandes«, wo ihr Bruder Aktivist war. Selbstverständlich konnte sie schießen, und selbstver-ständlich hieß sie Corsica. Steffi bekannte später im Zelt, sie sei fast ein wenig eifersüchtig auf diese »Strippe« gewesen – aber weniger, weil auf dem Speicher auch ein paar Heuballen lagen, vielmehr weil sie nicht mit Schlackendörfer oder sonst einem Kommunarden Wache schieben durfte. Sie hätte sich so gern ins Gefecht geworfen. Allerdings sollte sich das Gefecht ein bißchen einseitig gestalten, und wer weiß, wie sie die Hinrichtung von zwei Pferdedieben verkraftet hätte.

Sie kamen kurz nach drei Uhr, und zwar zu Pferd. Offenbar hatten sie sich für die Taktik entschieden »Frechheit siegt«. Obwohl es wenig Sinn gemacht hätte, wenn sie sich von den Felsen her angeschlichen hätten. Pferde bemerken nämlich alles; sie fangen sogar an, unruhig zu werden und zu schnauben, wenn sich Dakota-Häuptling Klapper-schlange persönlich durchs Gras schiebt. Genau das taten die Pferde auch jetzt, als die beiden Gangster auf ungefähr 150 Meter heran waren. Nun versetzten die Burschen ihre ohne Zweifel ausgesuchten Renner in Galopp und stürmten zum Korraltor. Wahrscheinlich hatten sie vor, flugs einzudringen, dann die Gäule der Ranch von hinten her mit Rufen oder gar Schüssen aus dem Korral zu scheuchen und genauso hurtig wieder das Weite zu suchen.

Als der vordere Gangster stoppte, um das Tor öffnen zu können, schoß ihm die Lippen kauende Corsica im Morgengrauen den Hut vom Kopf und rief:

»Runter von den Pferden, ihr Schmutzfinken, und die Pfoten hoch!«

Das gefiel ihnen aber gar nicht. Sie rissen sofort ihre Pferde herum und versuchten unter dem aufgeregtem Wiehern der Ranchgäule zu entkommen.

Für diesen Fall gab es keine Absprache – möglicherweise ein Fehler. Corsica entschied sich blitzschnell dafür, wenigstens ein Pferd der Gangster abzuschießen, was sie Schlackendörfer auch zuzischte. Dann traf sie jedoch den Gangster selbst. Schlackendörfer folgte ihrem Vorbild – und schoß nur Sekunden später auch den zweiten Gangster aus dem Sattel.

Während die Diebe auf den Fahrweg klatschten, stürmten ihre Pferde davon. Im Schlößchen war inzwischen Licht aufgeflammt, und mehrere aus dem Schlaf geschreckte Kommunarden kamen bereits mit der Flinte in der Hand über den Hof getrabt. Schlackendörfer und Corsica schlossen sich an. Alle umringten die beiden Gestürzten und rangen mit ihren Fragen oder Gewissensbissen. Francoise, die einmal Sanitäterin gewesen war, unter-suchte die beiden und meinte, sie seien tot. Daraufhin kehrte vorübergehend Betretenheit ein. Dann mußten Corsica und Schlackendörfer Bericht erstatten.

3

Die Beratung über die nächsten Schritte verlegten sie in den Salon, nachdem sie sich am Bach ein wenig erfrischt oder etwas abseits von diesem um ihren Morgenurin erleichtert hatten. Sie einigten sich rasch darauf, Gendarmerie habe keinen Sinn. Wer würde ihnen schon glauben? Der Don würde sie als heimtückische MörderInnen hinstellen. Aber sie hatten auch keine Lust, die Leichen eigenhändig zu verbrennen oder gar zu bestatten, damit nicht Fuchs oder Bartgeier sie holten. So fuhren zwei Kommunarden in der nächsten Nacht mit ihrer Kutsche zum Anwesen des Dons und warfen die Leichen über eine Mauer. Der einen Leiche hing ein Schild um den Hals, das Steffi gemalt hatte: »Hier ruhen zwei ertappte Pferdediebe, die lieber feige flüchteten statt sich mannhaft zu ergeben.«

Die Vorhersagen, wie nun der Don oder die Behörden reagieren würden, widersprachen sich. Eine Mehrheit der Kommunarden setzte darauf, der Don werde sich einsichtig und schonend verhalten, weil er nun sehe, sie ließen sich nicht alles gefallen und schlügen sogar zurück. Vielleicht könne man ihm bei nächster Gelegenheit erneut ein Schlichtungsgespräch vorschlagen. Im ganzen war die Stimmung gedrückt, wenn auch mit einigem Galgenhumor gewürzt. Eine neue Last ergab sich durch die Vorsichts-maßnahme, auf einer oberhalb des Korrals gelegenen Kuppe einen ständigen Wachposten einzurichten. Sämtliche Kommunarden mußten nun für ein halbes Stündchen einen bestimmten scharfen Zweifingerpfiff einüben, den Schlackendörfer als Alarmsignal vorge-schlagen hatte. Wahrscheinlich dachten alle Pferde, Ziegen und Mufflons des Tals, von Francos Spanien her rücke ein ganzes Geschwader aus Adlern an.

Der wirkliche Alarmpfiff schreckte die Kommunarden bereits einen Tag nach der Leichenablieferung auf – und zwar am hellichtem Vormittag. Alle versammelten sich sofort auf dem Hof. Wachposten Gilbert kam von der Kuppe her angerannt, schwenkte sein Fernglas und keuchte:

»Da kommt eine halbe Kompanie angeritten, wenn ich mich nicht verschätze, mit Martorell an der Spitze. Alle schön bewaffnet! Nach Unterhändlern für eine Friedenskonferenz sieht das nicht gerade aus.«

Da bedurfte es keiner langen Diskussion. Sie zogen sich sofort in ihr Schlößchen zurück, verriegelten im Erdgeschoß sämtliche Fensterläden und natürlich auch die Flügeltür und verschanzten sich mit ihren Waffen im Obergeschoß. Zwar behielten sie auch die umliegenden Kuppen im Auge, doch es war unwahrscheinlich, daß von dort her Gefahr drohte. Sie waren meist sehr unwegsam, vor allem aber von Ziegen oder Schafen bevölkert, die bei jeder Störung Laut gaben. Das galt auch für die steile Felswand im Rücken des Schlößchens, an deren Fuß der Vorratskeller lag. Von der Hintertür des Schlößchens bis zum Keller hatte man knapp 30 Schritte zu gehen.

Nach wenigen Minuten machte der feindliche Troß in gebührender Entfernung auf dem Fahrweg Halt und schickte nun doch einen Unterhändler vor, zu Fuß. Uniformen konnten sie nicht entdecken. Wie es aussah, hatte Martorell sämtliche seiner waffenfähigen Leute zusammengetrommelt. Schlackendörfer zählte mit Hilfe seines Opernglases 48 Köpfe.

Als der Unterhändler ein paar Pferdelängen vor dem Schlößchen stehen blieb, konnte man schon fast die Stille knistern hören. Es war ein zottiger Kerl, den der Don nun vielleicht für ein kleines Vergehen büßen ließ, etwa Pokern im Dienst. Er wirkte nicht gerade begeistert. Er rief beinahe stammelnd zum Obergeschoß hinauf, der Don habe zwei seiner besten Leute verloren und wünsche augenblicks die Auslieferung der Personen, von denen sie erschossen worden wären. Er nehme auch Weibsleute, habe der Don gesagt, haha …

Bona antwortete ihm, indem sie einen Pfeil auf seinen linken Stiefel abschoß. Der Mann schrie sofort auf, zog fluchend den Pfeil heraus, wobei er kläglich wimmerte, und humpelte zu seinem Haufen zurück.

Martorell hatte sich bereits gestrafft und erste Anweisungen gegeben. Offenbar sah er jetzt endgültig rot. Seine Männer stiegen ab, untersuchten vorsichtig die Nebengebäude der Ranch und begannen damit, sich in deren Schutz mit gezogener Waffe dem Schlößchen zu nähern. Er selbst hielt sich eher hinten, feuerte sie jedoch unüberhörbar an:

»Schießt dieses Drecknest mit Mann und Maus zusam-men! Solltet ihr Wertsachen finden, sie gehören euch!«

Die folgende Schießerei war anfänglich zweifelsohne geeignet, sämtliche Mäuse und Kaninchen der Gegend in ihre Löcher zu scheuchen. Die Banditen ballerten aus allen Rohren, doch je näher sie dem Schlößchen rückten, desto mehr verebbte das zunächst heftige Gegenfeuer. Die Fenster im Obergeschoß leerten sich. Martorell nahm vermutlich an, die Verteidiger seien entweder reihenweise gefallen oder sie hätten Mann für Mann beziehungsweise Frau die Flucht ergriffen. Das war auch gar nicht so falsch, allerdings sah der Don niemanden aus dem Haus rennen oder springen. Zuletzt, nach etwa zehn Minuten und drei toten Angreifern, schien aus dem Obergeschoß nur noch eine Schußwaffe zu sprechen.

Martorell hatte hinter dem Mishaufen Deckung gesucht. Jetzt richtete er sich vorsichtig auf und rief:

»Vielleicht hat sich das Pack im Keller versteckt! Stürmt die Bude und werft Feuer in den Keller, das räuchert sie aus! Achtet aber auch auf den Hinterhof: am Ende haben sie sich dort wie die verängstigten Hühner zusammengeschart!«

Seine Männer gehorchten, drückten sich längs der geschlossenen Fensterläden von beiden Hausecken her durch den Wandelgang zur Flügeltür, zertrümmerten diese mit zwei Beilen und drangen ein. Sie erkannten rasch, dieses Gebäude besaß überhaupt keinen Keller. Auch auf dem Speicher fanden sie niemanden. Der Streifen zwischen Schlößchen und Steilwand, von Martorell »Hinterhof« genannt, war ebenfalls leer, wie sie von verschiedenen Fenstern aus sahen. Sie riefen ihrem Boß die Pleite zu, während dieser bereits nachkam. Er stolperte fluchend durchs ganze Haus und wünschte seinen erfolglosen Kämpfern Pest und Cholera an den Hals. Schließlich erblickte er die jenseits des »Hinterhofes« gelegene Tür am Fuß der Steilwand. »Vielleicht haben sie sich dort verschanzt! Seht einmal nach, aber bitte mit Vorsicht!« Sieben Leute schlichen sich von den Seiten her an. Als sie an der Klinke zerrten, schwang die Tür sogar problemlos auf. Allerdings hatte der kleine Kellerraum lediglich ein paar Vorräte zu bieten, darunter von der Decke baumelnde eingepökelte Wildschweinkeulen. Sie kamen wie begossene Pudel wieder heraus. Martorell fluchte erneut, sah sich wild und verwirrt um und wies seine Männer an, die ganze sogenannte Ranch auf den Kopf zu stellen. Irgendwo müßten die Mistkerle und Flintenweiber ja sein. Er selber bezog wieder Position am Misthaufen und verfolgte die Aktivitäten seiner Untergebenen. Sein Gewehr hatte er schußbereit unter einen Arm geklemmt, während er den anderen dazu benutzte, einen Flachmann aus seiner mit maisgelber Längsschnur besetzten dunkelbraunen Reithose zu kramen und sich einen Schluck Brandy zu genehmigen.

Schlackendörfer hatte eigentlich zu den 16 Verteidigern des Schlößchens gehört. Während die Hofdurchsuchung anlief, arbeitete er sich jedoch am östlichem Steilhang durch die Gebüsche und Felsbrocken bis zur Höhe des Misthaufens vor. Nun richtete er sich vorsichtig auf, spannte den Hahn seiner Doppelflinte und legte sorgfältig auf den Oberbefehlshaber des Feindes an. Sekunden später entfiel Martorell der Flachmann, weil er selber aufstöh-nend gegen den Misthaufen sank. Dieser Schuß war das Zeichen für die anderen VerteidigerInnen, ihrem Gast nicht nachzustehen. Jetzt erhoben sich an beiden Steilhängen noch einmal 15 Schützen und nahmen die teils verblüfften, teils verschreckten Tölpel aufs Korn, die gerade ihre Ranch durchsuchten. Nach wenigen Minuten waren schon wieder etliche Angreifer tot, andere rannten bereits zu ihren Pferden und machten sich aus dem Staub. Fünf besonders hartnäckige Kerle verschanzten sich allerdings im Aborthäuschen der Kommune, das zwischen Misthaufen und Korral lag. Es maß ungefähr vier Meter im Quadrat, war ausschließlich aus Holz gebaut und wirkte auch auf Fremde schon recht baufällig.

Steffi hatte sich mit ihrem Bogen bei Corsica gehalten. Zusammengenommen, hatten sie bis dahin möglicher-weise sogar die meisten Treffer erzielt. Corsica benutzte natürlich ein Gewehr. Jetzt kam Steffi die Idee, endlich einmal einen Brandpfeil abzusetzen. Nachdem sie auf das strohgedeckte Aborthäuschen genickt hatte, fragte sie Corsica, ob etwas dagegen spräche. Die halbe Partisanin dachte nicht lange nach:

»Mach' nur, wahrscheinlich benötigen wir es sowieso nicht mehr.«

Steffi zog den Brandpfeil aus ihrem Köcher, entzündete ihn und legte an. Bei dieser Sommerhitze war es nicht verblüf-fend, wenn das Aborthäuschen bereits 20 Sekunden nach dem Einschlag in Flammen aufging. Die fünf Banditen stellten ihr eigenes Feuer lieber ein. Nach wenigen Minuten waren sie von dem Qualm und von ersten herabstürzenden Dachsparren ins Freie getrieben worden. »Nicht schießen!« riefen sie. »Wir ergeben uns!« Sie warfen ihre Waffen auf die Erde und hofften mit erhobenen Händen auf Gnade.

Nach kurzer Verständigung mit anderen Kommunarden rief Jim vom Scheunengiebel her: »Zieht ohne eure Püster Leine und laßt euch hier nie mehr blicken!«

Tatsächlich trotteten sie wie wiederauferstandene Hammel zu ihren Pferden, die sie am Korralzaun angebunden hatten. Vielleicht rätselten sie dann auf dem Heimritt, wie den Verteidigern die Flucht und die Fallenstellerei gelungen war. Die Sache war recht einfach. Sie verdankte sich der schon früher erwähnten weitverzweigten Höhle, die hinter der gemauerten Rückwand der als Vorratskeller dienenden Grotte lag. »Für alle Fälle« hatten die neuen EigentümerInnen des Schlößchens damals ein niedriges eisernes Türchen in der Rückwand eingebaut, das sich nur wenig von der Wand abhob. Die Höhle bot mehrere versteckte Ausgänge in die Steilhänge, die sich beiderseits an die hohe Felswand anschlossen, und diesen Fluchtweg hatten die fliehenden Kommunarden hurtig benutzt. Der schnellste Kommunarde war Jim gewesen, hatte er doch im Obergeschoß des Schlößchens bis zuletzt die Stellung gehalten, um weitere Abwehr vorzutäuschen. Schließlich raste er wie ein Hase nach unten und Sekunden später an den eingepökelten Wildschweinkeulen vorbei. Die waren nun ferne Vergangenheit.

4

Sie kontrollierten die auf dem Hof oder in den Gebäuden liegenden, mehr oder weniger regungslosen Angreifer. Es waren 19. Zwei von ihnen gab Corsica kaltblütig den Gnadenschuß; sie waren zu schwer verwundet. Dann spülten sie sich am Bach den Schweiß von den Stirnen und holten einige Obstkisten aus der Scheune, um sich in deren Schatten zur Beratung niederzulassen. Die Stille war nun wirklich makaber. Ein schwaches Knacken kam lediglich von den schwelenden Überresten ihres Aborthäuschens, die sie von hier aus im Auge hatten. Schlackendörfer hatte Steffi bereits ein Lob ins Ohr geflüstert, aber jetzt, nach Corsicas letzten Schüssen, drängte sie sich doch leicht erschüttert und schutzsuchend an ihn. In der Ferne schien ein Kolkrabe durchs Tal zu rudern; man hörte sein merkwürdiges tiefes Bellen. Einige Kommunarden fluchten leise vor sich hin.

Als letzte nahm Edith Platz, die sich kurz im Haus umgesehen hatte. »Ekelhaft!« knurrte sie. »Überall Scherben und Splitter. Im Gemeinschaftsraum haben sie den Plattenspieler, in der Diele den Telefonapparat zertrümmert. In der Küche liegt der ganze Geschirrschrank auf seinem Gesicht. Aber immerhin, meine Flöte ist noch heil!« Sie hob triumphierend den schmalen Kasten, den Schlackendörfer inzwischen gut kannte.

Francoise, Ediths Geliebte, lächelte, wenn auch etwas gequält. Dann ergriff sie als erste das Wort. Sie nehme an, jedem sei klar, mit dem lieben Don Martorell sei auch die Ranch gestorben. Zwar hätten sie gottseidank keine eigenen Toten oder Verletzten zu beklagen, doch es gehe jetzt noch immer um ihr nacktes Überleben. Und in dieser Hinsicht sei sicherlich höchste Eile geboten. Für ein ausgiebiges Palaver hätten sie jetzt am wenigsten Zeit. Schon in einer Dreiviertelstunde könnten aus Calvo – das war das nächste Marktstädtchen, wo auch Gendarmen lagen – die ersten Gesetzeshüter anrücken, vielleicht sogar mit ihrem auf einen Pritschenwagen montierten Maschinengewehr. Gerechtigkeit könnten sie nie und nimmer erwarten. Was also tun?

Die Kommunarden sahen sich mit verkniffenen Augen an. Jim war es, der den naheliegenden gemeinsamen Gedanken aussprach: »Abhauen!«

»Und wohin?« wollte Francoise wissen.

Plötzlich fiel Schlackendörfer der dicke Brief von Maria ein. Er lag im Zelt, das inzwischen etliche Einschußlöcher aufwies. Hoffentlich war seine Gitarre noch ganz. Nun sagte er:

»Vielleicht könnten wir alle gemeinsam in Pingos Unterschlupf finden. Meine Freundin Maria hat mir eine Broschüre geschickt. Das Werk ist sogar zweisprachig verfaßt, kastonisch und englisch. Klingt ziemlich vielversprechend, was die darin schreiben. Die Leute von Pingos, meine ich. Kennt ihr die Insel?«

Das wurde verneint. So umriß er in wenigen Sätzen, was sich auf dieser Ägäis-Insel nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert hatte. Francoise trieb ihn selbst dabei noch zur Eile an.

»Wenn man da hin wollte, bräuchte man am besten ein Schiff«, sagte Bona nach kurzem Schweigen. »Der Käptn hat doch eins!«

Gilberts Miene hellte sich auf. »Richtig!« Doch dann nickte er düster zum Haus: »Nur können wir ihn im Moment leider nicht anrufen, wenn das Telefon zertrümmert ist, wie Edith sagt.«

Aber Edith winkte ab. »Vielleicht von unterwegs, von einer Gaststätte aus, das tut's ja auch.«

Francoise erhob sich bereits. »Na also, ihr Lieben!« klatschte sie in die Hände. »Wir fahren erst mal los, dann sehen wir weiter. Mit dem Käfer von Schlackendörfer und Steffi verfügen wir über drei Autos. Da passen wir ja notfalls alle hinein. Schmeißt sofort die allerwichtigsten Sachen in die Wagen, etwas Kleidung, unsere Kasse natürlich – und die zauberhafte Broschüre, Schlacken-dörfer. Ich würde sagen, wir geben uns fürs Packen 10 Minuten. Sind alle einverstanden?«

Das war der Fall. Nach 12 Minuten gossen sie noch einmal Wasser auf die schwelenden Balken des Aborthäuschens und ließen die drei Autos an. Als sie in einer Staubwolke an ihren weidenden Pferden vorbeibrausten, traten dem draufgängerischem Jean die Tränen in die Augen, wie Steffi bemerkte, die zufällig neben ihm saß. Ranch ade.

Das folgende Abschiedslied verfaßte Schlackendörfer, als sie bereits mit der Yacht des Käptns in See gestochen waren. Es sollte noch viele Leute anrühren, und keines-wegs nur Rebellen.

Lied requiem fuer ein gebirgstal (pdf, 15 KB)



Fortsetzung
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